Ardeth
II.: Zwischenteil 1 (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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ZWISCHENTEIL 1
Eine Altstimme klang aus der
Höhe, gerade als der ärgerliche Gurnemanz Parsifal aus dem
Gralstempel verjagt hatte: Durch Mitleid wissend, der reine
Tor. Gurnemanz drehte sich um und sah Parsifal mit
merkwürdigem Ausdruck hinterher, zweifelnd und zugleich wissend.
Während hohe Stimmen leise ihr Selig im Glauben
anstimmten, begann der Vorhang sich langsam zu schließen. Es war
gespenstisch. Niemand getraute sich zu klatschen. Alle waren
ergriffen und es sollte endlos dauern, bis der erste zaghafte
Applaus einsetzte.
Was ist mit dir, Ardeth?, flüsterte Emilia leise.
Ardeth schien wie aus einer Starre zu erwachen. Er sah Emilia
noch halb gedankenversunken an. Es ist... es ist...
schön.... Mehr konnte er nicht hervorbringen. Emilia
klatschte und wunderte sich zugleich gar zu sehr über die
seltsame Stimmung ihres Mannes.
Komm, lass uns in Foyer gehen, forderte sie ihn auf.
Es war die Pause nach dem I. Akt. Nachdem Ardeth, Emilia und ihre
Eltern sich gestärkt hatten, spazierten sie die beiden allein
durch die gewundenen Gänge des Teatro Colón. Ardeth schwieg.
Ardeth, geht es dir nicht gut?
Doch, doch, beeilte er sich zu sagen. Es ist
nur... Er brach ab und sein Blick schien in die Ferne zu
gehen.
Ja?, hakte Emilia nach, bevor Ardeth sich wieder in
sein Schweigen zurückzog. Aber er wusste nicht, wie er sich ihr
mitteilen, wie er sich ihr verständlich machen konnte. Emilia
würde es nicht nachvollziehen können. Ja, es gelang ihm ja
selbst kaum. Die Erinnerung an die Geschehnisse um seinen Onkel
Leslie hatten ihn aufgewühlt, die Oper hatte ihn aufgewühlt und
auf einmal stand alles, alles, was er bislang jahrelang
erfolgreich verdrängt hatte mehr oder weniger
glasklar vor ihm. Und mehr noch... Emilia wartete auf eine
Antwort...
Es ist... es ist... die Oper..., brachte er mühselig
hervor. Parsifal...
Ardeth benahm sich merkwürdig, befand Emilia.
Er ist für mich wie eine Offenbarung, meinte Ardeth
mit ruhiger Stimme.
Das habe ich gemerkt. Hast du an früher gedacht?
Emilia ahnte es.
Ja, erwiderte Ardeth. Ich war einst so ein
Gralsritter...
Emilia blieb stehen und sah Ardeth, der weiter ging, hinterher.
Was hatte er eben so beiläufig gesagt? Er sei ein Gralsritter
gewesen?
Ardeth?
Er drehte sich zu ihr um und sah sie nachdenklich an. Die
Gralsritter sind so... so wie mein Volk...
Ja, stimmt, du hast so ähnlich ausgesehen...
Nein, ich meine nicht, dass sie so ähnlich gekleidet sind
wie unsere Krieger... ich meine ihre Aufgabe... ach, es ist
schwierig zu verstehen... Er ging weiter.
Ardeth, warte! Ob er sich in seine Heimat zurück
sehnte? Emilia wurde mulmig zumute. Auf einmal fielen ihr die
Nächte ein, in denen er vor der Veranda saß und zu den Sternen
schaute. Er hatte so einsam in diesen Nächten gewirkt, so
unnahbar... Vielleicht schmerzte ihn die Erinnerung.
Möchtest du, dass wir gehen?
Nein!, brachte er, sich ruckartig zu ihr umdrehend,
fast entsetzt hervor und wiederholte etwas milder: Nein,
ich möchte bleiben... du doch auch, oder?
Ja, natürlich... Emilia fühlte sich zwar
beunruhigt, aber wollte Ardeth gewähren lassen. Irgendetwas
arbeitete in ihm und ihr war gar nicht wohl zumute bei dem
Gedanken, was das sein könnte.
Es läutete zum zweiten Akt. Die Zuschauer strömten in die
Ränge. Emilia griff nach Ardeths linker Hand. Sie würde ihn nie
loslassen wollen.
Der zweite Akt spielte in Klingsors Schloss. Er verkörperte das
Böse in dem Werk, er rächte sich an den Gralsrittern und
versuchte, sie zu verführen und sie auszurotten. Den Speer hatte
er schon in seine Gewalt gebracht, nun wollte er noch den Gral
haben und die Gralsritter demütigen. Er benutzte dazu Kundry,
die die Ritter verführen sollte, doch auch Kundry verlangte es,
frei von ihm zu sein. Doch schaffte sie es nicht, sich von ihm zu
lösen und hoffte nun auf den jungen Parsifal, der durch das Land
zog, um den Speer zu finden. Sie sollte ihn aber in Klingsors
Auftrag verführen und auch in dessen Gewalt bringen und konnte
sich gegen den bösen Zauberer nicht erwehren. Das war ihr
Konflikt: Einerseits musste sie Parsifal verführen, andererseits
erhoffte sie sich durch ihn die Erlösung von Klingsor. Parsifal
verdankte es Kundry, dass er letztendlich ganz wissend wurde. Den
Kuss, den sie ihm als der Mutter letzten Gruß gab,
offenbarte ihm Amfortas Geschick. Fast wäre es ihr aber
gelungen, denn Parsifal hatte arge Gewissensbisse seiner Mutter
gegenüber, die er gedankenlos allein gelassen hatte, sodass sie
aus Gram über sein Verschwinden starb. Kundry hatte ihm vor
Augen geführt, wie Herzeleide was für ein
schicksalhafter Name litt:
Sie harrte Nächt und Tage, bis ihr verstummt die
Klage,
der Gram ihr zehrte den Schmerz, um stillen Tod sie warb:
ihr brach das Leid das Herz, und Herzeleide
starb.
Wie mag wohl meine Mutter jetzt leiden, dachte Ardeth. So fern
war er und sie wusste noch nicht einmal, wo er war und wie es ihm
ging. Auch seine Aufgabe hatte er vergessen vergessen
müssen, fügte er, sich selbst entschuldigend, hinzu. Ob es
Leyrah das Herz gebrochen hatte? Auch er war wie bei
Hezeleide und Parsifal - ihr einziges Kind... Schon einmal musste
sie getrennt von ihm tiefstes Leiden erfahren. Es gab einst eine
Zeit, in der Ardeths Mutter auch um stillen Tod warb...
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mit "Um stillen Tod sie warb" bald hier...