Home Zeiten der Veränderungen (Autor: Bianca M. Gerlich)

WINAMUN
Aswan/Ägypten 540 n. Chr.

Der achtjährige Sen-Amar lehnte an der Brüstung der Veranda, die sich über den direkt vor ihm dahinfließenden Nil erhob. Er beobachtete die Feluken, die sich geschäftig flussab- und aufwärts bewegten. An der Uferpromenade der Stadt Aswan herrschte reges Treiben: Man bereitete sich auf das bevorstehende Isis-Fest vor, schmückte Boote für die Prozession, kaufte Gewänder und alles, was man für ein Festessen benötigte. Sen-Amar war voller Vorfreude. Es würde ein großer Tag werden, gefolgt von vielen weiteren Feiertagen, denn die Göttin Isis war die von allen Göttern am meisten verehrte Göttin, so etwas wie eine große Mutter des Volkes von Theben bis Aswan. Sein Vater Winamun würde extra für das Fest heimkehren, obwohl er sich zu dieser Jahreszeit meistens längere Zeit in der Wüste aufhielt. Schon oft hatte Sen-Amar seinen Vater gebeten, mitkommen zu dürfen, auf dem Rücken eines Kameles die Wüste zu durchqueren, die er bislang nur durch die Erzählungen der Älteren kannte. Aber sein Vater hatte ihn immer auf "später" vertröstet. Wenn er seinen Vater danach fragte, was er denn überhaupt in der Wüste mache, denn da gab es doch eigentlich nichts, antwortete dieser ihm stets knapp, er würde auf Patrouille gehen. Gewiss, sein Vater war ein mächtiger Mann, der Anführer, fast so etwas wie ein König, der nur dem Oberpriester des Isis-Tempels auf Philae gegenüber verpflichtet war, er war für die Sicherheit des Landes zuständig und so erklärte sich Sen-Amar die Aufenthalte in der Wüste. Gewiss würde er dort feindliche Stämme und Räuber fernhalten. Allerdings fand Sen-Amar merkwürdig, dass er nicht einfach seine Krieger losschickte und selbst hier vor Ort blieb. Der Nil, Aswan und die Tempelinsel waren doch viel wichtiger. Dabei ritt der Vater so häufig in Begleitung von vielen Männern hinaus. Was gab es dort so Wichtiges?
Durch ein Geräusch in der großen Halle wurde Sen-Amar aus seinen Gedanken gerissen. Neugierig eilte er dorthin. Nanan, eine Dienerin, rief ihm zu:
"Dein Vater ist heimgekehrt. Warte hier, um ihn zu begrüßen! Ich hole schnell die Herrin!"
Mit der "Herrin" war seine Mutter gemeint, die sich um diese Zeit meistens in ihrer Kemenate aufhielt. Doch bevor sie erscheinen konnte, kam der Vater schnellen Schrittes in die Halle. Und bevor noch Sen-Amar zu ihm hinübergehen konnte, wurde Winamun von einem vertrauten Krieger abgefangen, der mit ihm aufgeregt sprach, woraufhin Winamun mit ihm in die Kammer eilte, in der er Gäste zu empfangen pflegte. Sen-Amar starrte ihm überrascht hinterher. Er hatte noch nicht einmal wie sonst seine Gewänder gewechselt. Wenn er in die Wüste ritt, trug er wie alle seine Krieger ein schwarzes langes Gewand, doch sobald er nach Hause kam, wusch er sich und bekleidete sich mit dem weißen goldgeränderten Gewand, das ihm den Unterkörper bis zu den Knien bedeckte, außerdem trug er breite goldene Armreifen, Bänder um Oberarme und Waden und eine auffällige Kopfbedeckung, die Sen-Amar stets an die alten Pharaonen erinnerte. Alle seine zahlreichen Tätowierungen waren dann sichtbar. Was gab es so Wichtiges, dass er sich diesmal nicht die Zeit für das sonst übliche Ritual genommen hatte?
In dem Moment betrat seine Mutter die Halle. Sie war von hoher Gestalt, trug ein wallendes weißes griechisches Gewand und die Haare hochgeflochten, wobei einige dicke Haarsträhnen ihr am Hinterkopf herunterbaumelten. Sie war wunderschön und man sah ihr das Kind, was sie unter dem Herzen trug, noch nicht an.
"Amar!" rief sie ihn mit seinem Kurznamen. "Wo ist dein Vater?"
"Er ist im Gästeempfangsraum. Er war sehr in Eile."
Sie nickte nur, streichelte ihren Sohn und erwiderte:
"Dann warten wir auf ihn im Wohnraum. Sicher wird er bald kommen."

Winamun Bay, noch keine 30 Jahre alt, eilte in den Gästeempfangsraum. Er war sichtlich erschöpft von dem langen Wüstenritt und der langen Zeit des Wachseins, dennoch spürte er, dass diese Sache seine sofortige Aufmerksamkeit erforderte. Es kam nicht oft vor, dass ein Krieger die weite Reise vom Nildelta in den Süden auf sich nahm. Und in der letzten Zeit waren beunruhigende Nachrichten über die Römer durchgesickert. Seit der Zeit von Macrinus wurden sie, die allgemein als Blemier bekannt waren, immer mehr durch die Römer in ihrer Lebensweise beschränkt. Der Tribut, den sie einst von den Römern erhalten hatten, war verfallen. Macrinus hatte sie weit nach Süden zurückgetrieben, aber immer noch konnten sie sich hier in Aswan halten, waren recht unbehelligt geblieben und konnten ihre alte Religion ausüben.
"Herr", begrüßte ihn der Krieger aus dem Norden ehrerbietig.
"Sei gegrüßt im Namen der Isis! Was führt dich hierher?"
"Ich bringe schlechte Nachrichten, Herr", antwortete der Krieger.
Ein Diener reichte Winamun, der den Krieger zum Weiterreden durch Nicken aufforderte, einen Becher Wasser.
"Der Römer Justinian hat kürzlich unsere Religion verboten und angedroht, alle zu töten, die diese weiterhin ausüben. Er hat sie als heidnisch bezeichnet und erlaubt nur noch die christliche Religion mit dem einen Gott."
Winamun setzte den Becher ab und starrte seinen Gast an.
"Die römischen Soldaten fahren nilabwärts und schänden bereits die Tempel. Sie haben christliche Priester an Bord, die die Menschen bekehren. Wer sich nicht bekehren lässt, ist des Todes. Dann lassen sie die Bekehrten die Antlitze der Gottheiten aus den Tempeln meißeln, sie zwingen sie, ihre alten Gottheiten zu zerstören."
"Nein!" brachte Winamun entsetzt hervor. "Diese Frevler! Wie können sie...!" Er wandte sich ab, übermannt von seinen Gefühlen, denn ihm war schlagartig klar, von welcher Tragweite diese Neuigkeit war. Die Römer waren gut bewaffnet und zahlreich, sie hatten die Blemier schon einmal, vor achtzig Jahren besiegt. Es war die erste Niederlage in ihrer Geschichte und hatte sie tief gezeichnet. Die Kräfte waren seitdem ausgezehrt, auch wenn man wieder ein einigermaßen starkes Heer hatte aufstellen können. Dieses diente aber hauptsächlich dazu, die benachbarten Feinde auf Abstand zu halten. Gegen die wohlorganisierte römische Armee würde es nicht standhalten können.
"Nilabwärts sagst du!" sprach er den Krieger aufgeregt an. "Wo sind sie jetzt? Kommen sie auch hierher? Was weißt du?"
"Sie sind nicht mehr weit, Herr. Reiter haben gemeldet, dass sie nahe der Stadt der Tausend Tore sind, um sie zu schänden, da dort die alte Religion noch besonders stark verehrt wird. Und dann werden sie sicher über Philae herfallen."
"Karnak! Sie werden sich doch nicht an Karnak vergreifen!" Winamuns Stimme war die Verzweiflung anzumerken. Es brauchte eine Weile, bis er sich wieder gefasst hatte. Dann beschloss er:
"Zum Festtag der Isis werden die Wächter des Tales der Könige zurückkehren, sie werden uns Kunde bringen, wie weit die römischen Soldaten noch von Karnak entfernt sind. Noch heute Abend werde ich den Rat einberufen. Sei auch du anwesend!"
Er nickte dem Krieger kurz zu, der daraufhin den Raum verließ. Winamun ließ sich entmutigt auf einen Stuhl fallen, legte den Kopf in die auf dem Tisch abgestützten Arme. Es war von gespenstischer Ruhe in dem Raum.
Wie lange er da gesessen hatte, wusste er nicht, aber er musste sehr lange gewesen sein. Seine Gemahlin stand auf einmal unmerklich hinter ihm, nahm ihm die breiten Tücher vom Kopf, die ihn in der Wüste vor Wind und Sonne schützen sollten, und strich ihm tröstend durch das dunkle Haar. Das war das erste, was er wieder wahrnahm und er drehte sich langsam zu ihr um und schaute sie traurig an.
"Ich habe auf dich gewartet und als du nicht kamst, habe ich dich gesucht. Man hat mir von deinem Besucher berichtet, auch von der Kunde, die er gebracht hat." Sie drückte seinen Kopf fest an sich. "Sei nicht verzweifelt, mein Gemahl! Isis wird uns beistehen, sie kann nicht zulassen, dass man ihre Tempel zerstört und ihre Anhänger vernichtet."
"Sie sind stärker als wir...", wandte Winamun ein. "Ich weiß nicht, was ich tun soll."
"Vertraue auf die Göttin! Sei stark! Tritt den Römern mit deinen Armeen entgegen!"
"Es wird uns gar nichts anderes übrig bleiben. Aber es wird der Anfang vom Ende werden."
Winamun erhob sich, küsste seine Gemahlin auf die Stirn und sprach weiter:
"Warte heute Abend nicht auf mich, ich habe viel zu tun."
"Willst du dich nicht wenigstens etwas entspannen? Ein gutes Bad nehmen? Essen? Du siehst so müde, so schlecht aus...", meinte sie besorgt.
"Nein, ich habe keine Zeit dafür, ich muss mich mit den anderen beraten. Richte Amar aus, dass es mir leid tut, heute keine Zeit für ihn zu haben."
Damit verließ er schweigend die Kammer. Er konnte sich jetzt seiner Trauer nicht hingehen, sondern musste handeln, als erstes den Rat einberufen.

Der Rat traf sich noch am gleichen Abend. Er war nicht vollzählig, sondern bestand nur aus Winamun und weiteren elf Männern, mit denen Winamun gut vertraut war. Zunächst wollte er sich mit ihnen beraten, bevor er auch die anderen Anführer dazubat. Winamun schilderte kurz die Situation und ließ auch den Krieger, der ihm die Nachricht überbracht hatte, zu Wort kommen. Dann wies er ihn an den Raum zu verlassen, so dass nurmehr die zwölf Männer anwesend waren. Sie trugen allesamt die gleichen Tätowierungen wie Winamun selbst. Einer ergriff das Wort, kaum dass der Krieger gegangen war:
"Du musst gegen sie kämpfen, Winamun!"
"Sie dürfen nicht hierher kommen, wir müssen sie in Theben abfangen", pflichtete ein anderer bei.
"Vielleicht sind sie nur auf die Herrschaft aus und auf Tribut, dann könnten wir doch mit ihnen verhandeln", meinte ein etwas mehr Besonnener. "Wenn es ihnen nur um Gold und Korn geht und sie es von uns erhalten, dann könnten wir wenigstens weiterhin ungestört unsere Götter anbeten."
"Nein, dann wären wir ja fast so etwas wie ihre Sklaven!" empörte sich der Vorredner. "Sie könnten dann immer mehr fordern und wir müssten mitspielen. Vergesst nicht, dass nur ein echter Pharaoh uns beherrschen darf!"
"Es wird aber kein solcher vom Himmel fallen und uns anführen, also müssen wir schon selbst handeln, um uns zu verteidigen, Sinare", erwiderte ein anderer der zwölf Anführer.
"Aber seit dem letzten wirklichen Pharaoh waren wir frei und unabhängig. Wir Medjai haben nur den Pharaonen in unserer Geschichte unterstanden und so soll es auch bleiben", beharrte Sinare, "wir müssen frei bleiben. Und das geht nur, indem wir unsere Religion verteidigen."
Einige der Männer stimmte ihm lautstark zu. Sie ließen Vergangenheitsvisionen laut werden, erinnerten sich an die goldenen Zeiten des Neuen Reiches, an ihren späteren Feldzug gegen die Römer, bei dem sie siegreich geblieben waren und Diokletian gezwungen hatten, ihre Herrschaft anzuerkennen und ihnen Tribut zu zahlen. Ein paar hielten sich allerdings zurück und als sie den in den Taten der Vergangenheit Schwärmenden entgegneten, dass die Römer sie ja auch schon mal besiegt hatten und dass das gar nicht lange her sei, wurde das unter "Ausnahme" als Nichtigkeit abgetan. Winamun selbst saß schweigsam und besorgt am Tisch und seine Ernsthaftigkeit wurde dadurch unterstrichen, dass er als einziger das lange schwarze Gewand noch trug, während der Rest die glorreichen Zeiten durch ihre gold-weißen prunkvollen Gewandungen mit reichem Halsschmuck quasi unterstrichen. Als der Rausch der selbstverständlichen Überlegenheit etwas abklang, erhob er sich und sagte ernst:
"Ja, wir werden die Römer bekämpfen, denn wir haben gar keine andere Wahl. Verhandeln ist sinnlos, da ihnen daran gelegen ist, ihre Religion fanatisch durchzusetzen. Und Fanatiker sind nicht mit Tribut zu besänftigen." Er machte eine kurze Pause, während der einige zustimmende Worte murmelten. "Ihr ahnt sicherlich, weshalb ich nur euch zu mir gerufen habe an diesem Abend."
Die anderen Anführer, eben noch von der Euphorie des Sieges ergriffen, schauten ihn ernst an.
"Im Falle einer Niederlage, die ich nicht für so abwegig halte wie die meisten von euch", wieder legte Winamun eine rhetorische Pause ein und niemand widersprach dieser düsteren Aussicht, "wer wird auf die Stadt der Toten aufpassen, wer bewacht Hamunaptra?"
Betroffenes Schweigen.
"Mögen sie uns unsere Religion nehmen, uns besiegen, uns die Herzen aus den Leibern reißen, das Volk der Blemier dem Untergang weihen, aber die Medjai dürfen nicht damit aufhören, die Stadt der Toten zu bewachen!"
Nachdem auch diese Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hatten und ein paar Minuten der Stille eingetreten waren, meldete sich einer der Anführer betreten zu Wort:
"Was, Winamun, schlägst du vor? Worauf willst du hinaus? Dass wir uns nicht verteidigen sollen?"
"Ach! Angriff ist die beste Verteidigung!" rief einer der alten Haudegen. "Wir haben die Stadt der Toten nur deshalb so gut bewachen können, weil wir uns die Feinde vom Leib gehalten haben, weil wir das Land beherrschen. Wir waren aktiv! Und so lange uns niemand diese Herrschaft streitig macht, bleibt auch das Geheimnis bewahrt!"
"Sicher, Gonlan", entgegnete ihm Winamun, "das hat all die Jahrhunderte lang funktioniert. Jetzt aber sind wir mit einem Gegner konfrontiert, der uns möglicherweise besiegen wird, der uns möglicherweise die Herrschaft über dieses Gebiet wegnehmen wird, der uns in Staub und Sand niederwerfen wird."
"Du bist eine Schande für deine Familie, Winamun", griff ihn Gonlan an, der nicht mit der Vision von einer Niederlage leben konnte, "du machst deinem berühmten Vorfahren, dem mächtigen Kanzler Bay des letzten wirklichen Pharaos keine Ehre, wenn du nun den Schwanz einziehst und davonläufst und hektisch wie ein altes Bettelweib vor Hamunaptra darauf wartest, dass die Römer auch dort hinkommen und die Gestalten der Gottheiten entehren."
"Gonlan!" ermahnte ihn ein anderer. "Hüte deine Zunge!" Die anderen Anführer waren ob der scharfen Worte Gonlans empört. Winamun funkelte ihn eine Weile an und meinte dann ruhig:
"Gonlan mag recht haben. Vielleicht ist mein Geschlecht dem Untergang geweiht. Aber was auch immer geschehen mag, wir müssen dafür sorgen, dass einige von uns übrig bleiben, um die Stadt der Toten zu bewachen, dass sie sich nötigenfalls wirklich dorthin zurückziehen - im Falle einer totalen Niederlage der Blemier. Dann haben wir nämlich keine andere Wahl, als nervös wie ein altes Bettelweib vor Hamunaptra zu wachen und darauf zu hoffen, dass niemand das Geheimnis um den, der nicht genannt werden darf, erfährt."
Wieder Schweigen. Die Vorstellung, das prächtige Aswan aufzugeben, die herausragende Stellung, die man seit der Zeit des Neuen Reiches innehatte, zu verlieren, auf all das verzichten zu müssen, überwältigte sie, auch Gonlan, der einsah, dass Winamun mit dem, was er sagte, recht hatte.
"Um euch daran zu erinnern, habe ich euch vor allen anderen hier versammelt", fuhr Winamun fort. "Morgen werde ich die Kriegsherren der anderen Blemier zusammenrufen und ein Heer zusammenstellen. Mit ihm werde ich selbst und fünf von euch nach Theben ziehen, um die Römer dort abzufangen. Andere werden am Nil wachen, Barrieren auslegen, die Römer vom Ufer aus angreifen. Wir werden alles daran setzen, dass die Römer Aswan nicht einnehmen können. Sechs Anführer der Medjai werden sicherheitshalber hier bleiben. Ihr alle werdet einen Nachfolger damit betrauen, im Fall eures Todes sich mit einigen Männern und Frauen nach Hamunaptra zurückzuziehen, aber nicht auf direktem Wege. Ich möchte nicht, dass ihr den Römern eine sichtbare Fährte hinterlasst. Die Stadt der Toten werden sie nie finden dürfen. Sie bleibt nichts weiter als Legende. Verstanden?"
Die Anführer bejahten und nickten - aber nicht mehr so euphorisch wie noch vor einigen Augenblicken. Winamun hatte sie auf den Boden der Realität zurückgerufen. Betreten verließen sie die Versammlung. Gonlan blieb zurück und trat zu Winamun.
"Verzeih, dass ich dich beleidigt habe. Du bist ein weiser Mann, Winamun, und deiner Vorfahren würdig. Wenn das alles hier vorüber ist, möchte ich, dass du meine wütenden Worte strafst."
"Nein, Gonlan", Winamun legte ihm eine Hand auf die Schulter, "in der allgemeinen Erregung und angesichts eines mächtigen Feindes sind deine Worte entschuldbar und hiermit vergeben und vergessen. Lass uns tapfer kämpfen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen! Vergib du mir meinen Pessimismus, denn ich bin müde wegen des langen Wüstenrittes und niedergeschlagen wegen der schlechten Nachricht. Und jetzt lass uns ausruhen, wir haben noch viel vor uns."

Das Fest der Isis war getrübt durch die Kunde über die Römer, die sich rasch verbreitete. War dieses das letzte Mal, dass man der Göttin mit Barken und Opfergaben huldigen konnte? Unterägypten war längst unter die christliche Knute geraten und der Feind würde nicht ruhen, bis auch Oberägypten zu Boden gegangen war. Dann würde es aber nicht mehr Oberägypten sein, sondern nurmehr eine römische - eine christliche Provinz. Ganz Ägypten wäre damit tot.

Bevor Winamun mit den Kriegern in den Kampf zog, ließ er sich von den Isis-Priester segnen. Dazu begab er sich mit einer blumengeschmückten Barke, in der auch Frau und Sohn saßen, zu der Tempelinsel Philae. Sen-Amar war schrecklich aufgeregt, denn Besuche auf der heiligen Insel waren selten. Er ließ sich aber auch nicht anstecken von der allgemeinen gedrückten Stimmung und kostete kindlich das Fest der Isis aus. Seine Mutter hatte ihr griechisches Gewand gegen ein altägyptisches eingetauscht und sah mit ihrem goldenen Stirnreif wie eine Königin aus. Nur die Uräus-Schlange fehlte, denn sie war einer wirklichen Königin vorbehalten, auf deren Ankunft man nun schon seit Jahrhunderten hoffend wartete. Solange verehrte man sie als Herrin von Aswan. Sollte das Kind, das sie erwartete, ein Mädchen werden, würde es einst als Priesterin der Isis dem Tempel geweiht werden. Stolz stand sie neben ihrem Gemahl auf dem Boot.
Winamun betrat den Tempel selbst nicht, dazu fühlte er sich nicht ermächtigt. Nur die Priester und der Pharaoh durften das Allerheiligste betreten. Er wartete vor dem hohen Eingangstor, dessen Wende Szenen aus der Niederwerfung fremder Völker durch den Pharaoh zeigte und ihn mit der Doppelkrone Ägyptens darstellte. Der Oberpriester kam heraus und segnete den nun vor ihm Knieenden, um stark gegen die Römer kämpfen zu können. Man gab sich siegesgewiss.

Doch die Kämpfe der Blemier gegen die Römer waren nicht von Erfolg gesegnet. Die römische Armee war zu zahlreich, ihre Bewaffnung moderner als die der Blemier, ihre Mannschaften organisierter. Unweit von Theben kam es zur Entscheidungsschlacht. Sie dauerte kaum drei Stunden. Drei Stunden, bis der Boden des Niltals vom Blut der Blemier rotgefärbt war. Kadaver von Menschen und Tieren -Kamelen und Pferden - hinterließen ein grausiges Bild und zogen überdies den Ausbruch der Pest mit sich. Der Landstrich war alsbald entvölkert. Die Menschen, die dort überlebten, traten dem Christentum bei, denn sie waren zu schwach, um sich in die Wüste zu flüchten.

Winamun führte den Rest einer geschlagenen Armee nach Hause. Die Römer waren ihnen auf den Fersen. Noch einmal organisierte er den Widerstand gegen die Römer, dieses Mal direkt in Aswan. Die verbliebenen Krieger postierten sich am Ufer, um die Römer dort mit Speergeschossen zu empfangen. Winamun selbst war zur Tempelinsel Philae geeilt, um die Priester dort zur Flucht zu bewegen.
"Ihr müsst die Insel verlassen", bat er sie. "Die Römer werden im Falle eines Sieges ihrerseits euch nicht verschonen."
"Nein, wir können unseren Tempel nicht verlassen", erwiderte der Oberpriester der Isis.
"Sie werden euch töten, ihr verkörpert für sie eine feindliche Religion. Oder sie zwingen euch unter Folter, dem Christentum beizutreten. Damit ihr Vorreiter für das Volk hier seid."
"Isis wird uns schützen!" insistierte der Priester. "Wir werden ihr Opfergaben bringen - noch heute!"
"Geheiligter Priester", sprach Winamun mit Nachdruck, "ich bitte euch während des bevorstehenden Kampfes die Insel zu verlassen und an Land Schutz zu suchen - nur für den Falle einer Niederlage. Wenn wir siegen, könnt ihr zurückkehren. Aber aus Sicherheitsgründen solltet ihr..."
"Mein tapferer Medjai", unterbrach ihn der Priester, "ihr werdet uns schützen und unser Leben verteidigen, dessen bin ich mir sicher."
"Wir können euch nicht schützen, wenn wir verlieren werden. Dann seid ihr hier wie Mäuse in einer Falle gefangen. Ihr könnt dann nicht mal mehr entkommen. Und ihr werdet mitansehen müssen, wie man den Tempel der Isis schänden wird. Erspart euch das!"
"Wenn das Schicksal es uns bestimmt hat, werden wir hier mit unseren Göttern untergehen. Doch ich hoffe, dass dann das ägyptische Volk wenigstens die erhabene Erinnerung an diese Gottheiten bewahren wird, auch wenn ihm eine andere Religion aufgezwungen wird. Nein, Winamun Bay, wir harren hier aus. Niemand bewegt uns von hier weg. Wir Priester vertrauen uns der großen Göttin Isis an."
Winamun erkannte, dass er den Priester nicht umzustimmen vermochte. Aber er wollte die Tempelinsel nicht verlassen, so lange er sich nicht von einem lieben Menschen verabschiedet hatte. Und so äußerte er die Bitte:
"Erlaubt mir, meine Schwester Shinta noch einmal zu sehen!"
Der Priester nickte und ließ die Isis-Priesterin herbeirufen. Sie zog Winamun, ihren älteren Bruder, in den Säulengang und umarmte ihn fest.
"Ich weiß, du musst dem Oberpriester gehorchen und hier ausharren, aber ich wünschte, du würdest einfach mit mir kommen."
"Ich werde hier bleiben, Winamun. Und ich glaube, dass es dir gelingen wird, die Römer zu vertreiben. So lange haben wir hier in Frieden gelebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das ändern wird."
Winamun sah sie traurig an. "Ich habe bereits gegen sie gekämpft und ich weiß, wie stark sie sind. Wenn sie uns besiegen, dann werden sie euch hier töten und mehr als das. Ich ertrage den Gedanken nicht, dass meine Schwester, eine heilige Isis-Priesterin, von dreckigen Römerleibern besudelt wird."
Shinta sah ihn entsetzt an.
"Außerdem hast du eine heilige Pflicht zu erfüllen wie ich auch. Ich werde dafür sorgen, dass die Medjai sich teilweise schon jetzt zurückziehen, um die Bewachung von der Stadt der Toten zu gewährleisten. Du musst für das Überleben der Priesterschaft der Isis sorgen. Der Oberpriester wird das in seiner Beharrlichkeit nicht einsehen. Er wird dich nicht gehen lassen. Aber du musst der Garant dafür sein, dass die alten heiligen Lehren der Isis-Priester und Priesterinnen weiter existieren. Darum fordere ich dich, meine Schwester, auf, von hier fortzugehen mir zu kommen. So Isis will, wirst du unbehelligt hierher zurückkehren, aber falls dies nicht möglich sein sollte, wirst du die einzige Hoffnung sein, das Priestertum der Isis zu wahren und weiterzugeben. Ich weiß, dass du als meine Schwester bereit sein wirst, einen Verrat, einen Ungehorsam, zum Guten deines Volkes zu tun."
"Indem ich mich den Anordnungen des Oberpriesters widersetze, breche ich meinen Eid. Das kann ich nicht. Das kannst du nicht verlangen, Winamun Bay!"
"Du musst, Shinta! Aber ich werde dich nicht länger bedrängen. Ich verlasse die Tempelinsel jetzt. Denke du darüber nach. Du wirst Möglichkeiten finden, die Insel zu verlassen, wenn du es willst. Wenn du dich nicht dazu entschließen kannst, kann es sein, dass das geheime Wissen der Priesterschaft auf ewig erlöschen wird."
Er umarmte sie noch einmal.
"Leb wohl, meine Schwester!"
"Sei gesegnet!" verabschiedete sich Shinta und blieb in tiefem Zweifel zurück.

Es dauerte Tage, bis wieder Nachrichten von den Römern nach Aswan gelangten. In der Zeit hatte sich schon mancher der Hoffnung hingegeben, dass sie sich nach der Einnahme von Theben zurückgezogen hatten und man verschont bleiben würde.
Sen-Amar hüpfte leichten Fußes in seiner weißen Tunika, die in der Mitte von einer Kordel zusammengehalten wurde, um die Säulen der Eingangshalle im Palast seines Vaters herum, zwei andere Knaben waren ihm auf den Fersen.
"Wir kriegen dich schon, Amar!" riefen sie ausgelassen und versuchten ihn einzufangen.
Das ausgelassene kindliche Spiel wurde von einem Reiter unterbrochen, der vor der Halle Halt machte und hineinstürmte. Erstarrt blieben die drei Jungen stehen.
"Seid gegrüßt! Wo ist euer Herr?" fragte der Reiter kurz.
"Wartet, ich rufe euch meinen Vater herbei!" rief Sen-Amar sogleich und stürmte mit seiner wichtigen Aufgabe davon. Wenige Augenblicke kehrte er stolz mit seinem Vater zurück, der dieses Mal auch das weiß-goldene Gewand trug. Er hatte seinen rechten Arm um seinen Sohn gelegt.
"Sei gegrüßt!" rief er dem Boten schon von weitem zu. "Welche Kunde bringst du uns?"
"Die Römer haben den Tempel von Edfu geschändet, sie sind auf dem direkten Weg hierher."
"Das hatte ich erwartet", erwiederte Winamun. "Geh, ruh dich aus. Ich werde sofort die Krieger zusammenrufen."
Der Krieger trat zu seinem Pferd zurück. Winamun wandte sich seinem Sohn zu:
"Begib dich zu deiner Mutter und melde ihr, was du gehört hast. Und ihr", sagte er zu den beiden anderen Jungen, "kehrt augenblicklich nach Hause zurück!"

Am Abend betrat Winamun erschöpft das Schlafgemach. Seine Frau lag noch wach, sie hatte auf ihn gewartet. Erschöpft ließ er sich auf der Bettkante nieder. Sie massierte ihm die Schulterpartie und entkleidete ihn dann. Er ließ sich in ihre Arme fallen und streichelte lächelnd ihren Bauch.
"Weißt du, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?"
"Nein, wissen kann das kein Mensch. Aber ich nehme an, dass es dieses Mal ein Mädchen wird. Es strampelt nicht so sehr wie Amar das zu der Zeit schon getan hatte."
"Ich wünsche mir so sehr, dass ich die Geburt meines zweiten Kindes noch erleben werde, dass wir alle hier im Palast glücklich leben werden...", brachte er leise hervor.
"Ja, ich auch." Sie schwiegen beide in Gedanken versunken.
"Win", sprach sie ihn schließlich an. "Du hast heute einige Krieger von hier fort geschickt. Ich nehme an, wegen der Stadt der Toten."
"Ja."
"Also rechnest du mit dem Schlimmsten, sonst würdest du das nicht tun."
"Ja..."
Wieder schwiegen sie.
"Ich hätte nicht gedacht", unterbrach er die Stille, "dass ausgerechnet in meiner Zeit die Medjai ihre jahrhundertealte mächtige Position verlieren würden, ja sogar ganz vernichtet werden können. Sicher, mein Ur-Großvater hatte auch schon damit zu kämpfen, aber dieses Mal scheint es wirklich ums Überleben zu gehen. Es kann doch nicht sein, dass mit mir unsere Geschichte erlischt? Dass ich nach vielen hundert Jahren, ach was, fast dreitausend Jahren der letzte Anführer der Medjai sein werde? Weißt du, ich fühle mich erbärmlich..."
"Aber Win, du kannst doch nichts dafür. Du warst stets so stark und vernünftig. Du kannst doch nichts dafür, wenn ein übermächtiger Feind vor der Tür steht! Außerdem wird unser Volk nicht untergehen. Du hast doch selbst dafür gesorgt, dass sich ein Teil schon in Sicherheit gebracht hat."
"Ja, und ich hoffe aufrichtig, dass sie überleben werden."
"Das werden sie! Und so die Götter es wollen, werden wir noch viele Kinder haben und hier immer glücklich leben können." Sie zeichnete mit ihrem Finger die Tätowierung unterhalb seines Bauchnabels entlang. "Und jetzt komm, lass diese trüben Gedanken sein. Win, lass uns diese Nacht genießen", flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er liebkoste sie und mit der Zeit verflüchtigte sich sein ernster Blick. Am frühen Morgen schliefen sie ein.

Nach kurzer Ruh wurden Winamun und seine Frau durch Kampfeslärm geweckt, denn der Feind hatte Aswan erreicht und lieferte sich einen erbitterten Kampf mit dem Rest eines verzweifelt kämpfendes Blemier-Heeres. Winamun versuchte als oberster Feldherr den Widerstand zu organisieren. Bald war klar, dass zu den römischen Truppen auch äthiopische gestoßen waren, die als Christen gemeinsam mit den Römern kämpfen. Angeführt wurden sie von ihrem König persönlich, König Silko von Äthiopien, der ein vehementer Verfechter des Christentums war. Es gelang ihm in diesem Jahr, 540 n. Chr., nicht nur die Blemier in Aswan, sondern überall, wo sie ihre Machtbereiche am Nil besaßen, vernichtend zu schlagen und die Reste dieses tapferen Volkes in die Wüste zu jagen, von wo aus sie vor über dreitausend Jahren gekommen waren und sich am Nil niedergelassen hatten.

Am Abend hatten die feindlichen Truppen Aswan vollständig besiegt. Überall loderten Feuer von in Brand gesteckten Gebäuden. Götterfiguren wurden unter lautem Beifall umgestürzt. Entstellte Leichen wurden ins Wasser geworfen und den Krokodilen überlassen. Soldaten plünderten Häuser und verschleppten Frauen. Die christlichen Priester fielen mit Soldaten über die Tempelinsel Philae her. Es herrschte überall ein heilloses Durcheinander.
Winamuns am Nil stehender prächtiger Palast war in die Hände der Feinde gefallen, wo sich die Feldherren der Römer und Äthiopier versammelten, als sie die Lage überblicken konnten und sich ihres Sieges sicher waren. Es wurden Sitzgelegenheiten aus den Räumlichkeiten im Inneren heraus auf den großen Vorplatz getragen. Dort hatte sich viele Menschen versammelt: Die besiegte Zivilbevölkerung harrte hier ihres Schicksals. Soldaten umstellten weiträumig den Platz, hielten das Volk in Schach und ließen niemanden ins Areal, in dem Silko und der oberste römische Feldherr Platz genommen hatten. Ihnen ein Stück zur Seite hatte man Winamuns Frau und Sohn platziert, die man aus dem Palast hierher geschleppt hatte. Sen-Amar wurde von seiner Mutter fest umklammert. Er konnte ihre Angst spüren und merkte, wie sehr sie sich zusammenriss, um ihre Furcht nicht zu zeigen. Die feindlichen Soldaten schleppten derweil Möbel, Teppiche, Stoffe und allerlei Hausrat aus dem Palast davon.
Es dauerte nicht lange, bis man den gefangengenommenen obersten Feldherrn Winamun Bay vor König Silko und den verbündeten Römern brachte. Man hatte ihn mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt. Sein Haar war zerzaust, sein Körper blutüberströmt und die Kampftunika hing in Fetzen. Auf seinem rechten Oberschenkel klaffte eine tiefgehende Schwertwunde, die ihn humpeln ließ. Das linke Ohr fehlte, die höhnenden Soldaten hatten es ihm abgeschlagen und einer trug es als Trophäe heim. Er biss sich vor Schmerzen auf die Lippen, denn er wollte seinen letzten Gang in Würde hinter sich bringen.
Sen-Amar krallte seine Finger in den Arm der Mutter.
"Papa", brachte er heiser hervor.
Seiner Mutter stockte der Atem, als ihr Gemahl vor Silko gezerrt wurde und man ihm die Waden wegzog, damit er vor ihm auf Knien zu liegen kam. Winamun ächzte laut auf und das Blut spritzte von seinem Schenkel auf den blanken Boden. Einige in lange schwarze Gewänder gekleidete Krieger standen hinter der Soldatenabsperrung, längst bar ihrer Waffen, aber in der Nähe ihrer Herrin. Sie sahen mit Entsetzen, wie der Spross einer der vornehmsten Familien derart entwürdigt wurde. Einer von ihnen war Keltar, er war schon recht alt für einen Krieger und er kämpfte mit den Tränen, als er seinen Freund und Kamerad Winamun in diesem Zustand war. Sollte er der letzte Bay hier sein?... Das Geschlecht, das das letzte Bindeglied zu den Pharaonen darstellte... Sein Blick fiel auf Sen-Amar. Wie konnte er den Jungen beschützen?
Silko hatte sich erhoben und verhöhnte Winamun. Dann wandte er sich mit lauter Stimme an die besiegte Bevölkerung von Aswan:
"Seht, ich werde nun euren Anführer hinrichten lassen, der es gewagt hat, uns Widerstand zu leisten. Von nun an untersteht ihr uns. Wir werden auch dieser Stadt den rechten Weg des Glaubens lehren!"
"Mama!" schluchzte Sen-Amar hilflos und sah, wie ihre Augen denen ihres Mannes begegneten, erfüllt von Angst, aber auch von unendlicher Liebe.
Silko wies seine Soldaten an, Winamun auf den erhobenen Platz in der Mitte zu bringen. Dort ließen sie ihn ein weiteres Mal niederknien und drückten barsch seinen Kopf nach unten. Ein äthiopischer Soldat mit einem Langschwert trat auf ihn zu. Winamun neigte seinen Kopf leicht zu der Seite, wo seine Frau stand und warf ihr einen besorgten Blick zu. Was würde aus ihr werden? Die Soldaten würde über sie herfallen, vielleicht dieser Äthiopierkönig selbst und sie zu seiner Hure machen, ihr das Kind im Leib nehmen. Und sein Sohn? Vor Verzweiflung standen ihm die Tränen im Auge. Da fiel sein letzter Blick auf die Medjai, die in der Nähe standen, auf Keltar, seinen Freund. Und während das Schwert seinen Kopf vom Rumpfe trennte, war da noch dieser Funken Zuversicht, dass sie ihm Frau und Sohn retten würden. Es waren Medjai... sie würden es schaffen.

Seine Frau drückte Sen-Amar ganz fest an sich, damit er nicht der Enthauptung seines Vaters zusehen würde. Doch er wandte seinen Blick nicht von dem Geschehen ab. Das Beben der Mutter übertrug sich auf ihn. Er sah, wie der Kopf seines Vaters auf den Marmorboden fiel, Fetzen von Arterien, Venen, der Aorta hingen aus ihm heraus. Die Mutter schluchzte laut auf, während er sich fester an sie klammerte. Silko drehte sich zu ihr um.
"Komm her!" befahl er ihr. Doch sie war jedes Schrittes ohnmächtig. Ein Soldat packte sie und zerrte die Bebende und ihren unter Schock stehenden Sohn vor seinen Feldherrn.
"Du gehörst jetzt rechtmäßig mir!" herrschte er sie an.
Sie zitterte und war nicht in der Lage, auch nur einen Ton von sich zu geben. Sie drückte ihren Sohn so fest an sich, dass es ihn schmerzte.
Der Römer, der sich wieder gesetzt hatte, mischte sich ein:
"Dir die Frau, mir den Jungen!"
"Nimm ihn dir als Sklaven!" Mit diesen Worten riss Silko Winamuns Frau fort, die verzweifelt nach dem Jungen griff und flehte:
"Bitte lasst mir meinen Sohn! Ich flehe euch an, macht mir mit, was ihr wollt, nur lasst ihn mir!"
"Sei still, Weib, und sei froh, wenn wir ihn nicht auch töten!" erwiderte der Römer barsch.
"Er ist doch noch ein Kind!" entgegnete sie mit erstickter Stimme dem Römer und wandte sich wieder an den Äthiopier: "Ihr seid ein König, Silko! Bitte zeigt euch großzügig dem besiegten Feind! Lasst mir meinen Sohn! Nehmt ihm nicht auch noch die Mutter!"
Doch Silko machte nur ein lässige Handbwegung und seine Soldaten zerrten sie davon. All ihr Wehren und Schreien half ihr nichts. Man brachte sie zurück in den Palast, sperrte sie in ihre eigene Kemenate, wo sie weinend, fast verrückt vor Schmerz, auf ihren grausamen Eroberer warten sollte. Da fiel ihr Blick auf eine Truhe, in der sie Schminkutensilien und auch ein Messer aufbewahrte...

Der Römer befahl seinen Soldaten, den Jungen auf das Flaggschiff zu bringen. Keltar, der gerade noch besorgt seiner weinenden Herrin hinterhergeschaut hatte, trat schnell vor den Römer, kniete nieder und bat ihn, in seine Dienste treten zu dürfen - unter dem Vorwand, nicht den Äthiopiern in die Hände fallen zu wollen. Er versicherte, ihm gut dienen und hart zu arbeiten. Weitere Krieger wurden als Gefangene fortgeführt, sie sollten als Sklaven mit den Schiffen fortgebracht werden.
Keltar wurde tatsächlich auf das Flaggschiff des Römers gebracht und mit anderen Sklaven im Rumpf des Schiffes eingesperrt, wo sich auch Sen-Amar befand, der in einer Ecke zusammengekauert saß und leise vor sich hin wimmerte. Keltar umfasste ihn sanft und tröstete ihn mit leisen Worten.
"Sei tapfer, kleiner Bay, ich bin bei dir und werde dich beschützen. Und eines Tages, wenn die Zeit gekommen ist, wirst du zurückkehren und das Erbe deiner Väter antreten!"

Es war spät geworden, als Ardeth auf einmal seine Erzählung mit der Gefangennahme von Sen-Amar und Keltar beendete. Alle sahen ihn erwartungsvoll an.
"Ja, und weiter?", traute sich schließlich Shakan zu fragen.
"Weiter", schmunzelte Ardeth ihn an, "erzähle ich die Geschichte übermorgen Abend, denn morgen Nacht habe ich Nachtwache vor der Stadt der Toten."
Seine Zuhörer ließen ein enttäuschtes Gemurmel erklingen, sie liebten es, in der kalten Wüstennacht am wärmenden Lagerfeuer zu sitzen, Tee zu schlürfen und Geschichten zu lauschen. Und diese hier, eine wahre Geschichte, die ihr eigenes Volk betraf, reizte sie ungemein. Aber sie wollten Ardeth nicht länger bedrängen. Dennoch ließ sie das Unheil, das ihre Vorfahren vor so langer Zeit getroffen hatte, ihr eigenes Leid gering erscheinen.
"Ardeth", erkundigte sich Ismail, der aufmerksam der Erzählung seines Cousins zugehört hatte, "was haben denn eigentlich die Blemier mit den Medjai zu tun? Das ist mir nicht so ganz klar geworden."
"Es war so, dass die Medjai offiziell zu den Blemiern gehörten. Unser Name war längst aus allen Annalen erloschen. Niemand sollte nach der Zeit der Neuen Reiches mehr wissen, dass es uns noch gab, damit uns niemand mit dem, der nicht genannt werden darf, in Verbindung bringen konnte. Also galten wir auch als Blemier. Tatsächlich sind wir ein Volk von Brüdern. Wir haben in die Reihen der Ptolemäer-Anhänger eingeheiratet, die wir als Wahrer der Traditionen der Pharaonen schätzen gelernt haben. Denke nur an die letzte große Königin Ägyptens, an Kleopatra VII. Auch sie hat sich übrigens mit den Römern auseinandersetzen müssen. Medjai wurden innerhalb der Blemier nur jene genannt, die wie die Medjai zur Zeit des Neuen Reiches die alten Zeichen trugen", und er tippte zur Untermalung an seine Stirn.
Ismail saß mit geöffnetem Mund da. Er konnte sich nun vorstellen, dass die Geschichtslektionen, die er noch zu lernen hatte, ihm vielleicht doch Spaß machen würden.
"So, Ismail, nun ssollten wir aber schlafen. Ich bin ziemlich müde."
Ardeth breitete seinen Schlafteppich nahe am Lagefeuer aus, zog sein Gewand fest um sich und versuchte einzuschlafen. Doch immer noch kreisten ihm viele Gedanken im Kopf herum. Er hoffte, dass sein Großvater es sich doch noch einmal überlegen würde.

Bianca M. Gerlich
7. März 2002