Ardeth
I. - Der Untergang des Bay-Clans
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DER UNTERGANG DES
BAY-CLANS
(ca. 10 Seiten, wenn
ausgedruckt)
Westliche Wüste, zerstörtes Lager der Medjai des 12. Stammes,
1880.
Das waren die Ereignisse von vor einem Jahr gewesen. Lange hatte
Hamid dagestanden und sich erinnert, während um ihn herum die
Menschen alles Brauchbare zusammensuchten und auf Pferde und
Kamele verluden. Es würde noch einige Zeit dauern, bis man sich
ins provisorische Lager begeben könnte. Auch mussten die Toten
verbrannt werden.
Ein berittener Trupp näherte sich. Hamid schreckte durch den
Lärm, den die herbeieilenden Krieger machten, um sich gegen
einen möglichen weiteren Angriff zu sammeln, auf. Doch der
Reitertrupp wirkte nicht feindlich. Als dieser näher kam,
erkannte er William Cranigton. Hatte er so schnell von dem
Angriff erfahren? Unmöglich... Aber irgend etwas Wichtiges
musste vorgefallen sein, sonst hätte er doch nicht den weiten
Weg gen Süden auf sich genommen. Hamid wies einen Krieger an,
Ardeth herbeizurufen, den er vor ungefähr einer Stunde mit
seinem Pferd hatte weggehen sehen. Noch bevor Ardeth kam,
erreichte der Trupp Hamid und die wachenden Krieger. William
stieg vom Pferd, ebenso eine asiatisch aussehende Frau und vier
Medjai-Krieger, die in Kairo gewesen waren. Entsetzt schauten sie
sich um. Der Ort des 12. Stammes war verwüstet, kaum ein Zelt
stand noch und überall lagen Leichen und Trümmer.
"Asalama Akee, Hamid! Mein Gott, was ist hier
geschehen?"
"Willkommen, William!" Er umarmte den Amerikaner.
"Wir wurden vor zwei Nächten überfallen - von Briten und
ägyptischen Soldaten. Sie haben alles zerstört und viele von
uns getötet."
"Aber warum?"
"So genau wissen wir das nicht. Die Briten haben bestimmt
wieder Falschmeldungen über uns erhalten wie schon einmal...
anders kann ich mir das nicht erklären. Sie haben uns nicht
darüber aufgeklärt, warum sie uns vernichten wollen, sie sind
einfach über uns des Nachts hergefallen und haben uns keine
Chance gelassen."
"Mein Gott... wo ist denn Ardeth? Ist er...?"
"Nein, er ist nicht unter den Gefallenen. Ich habe ihn schon
rufen lassen, als ich euch kommen sah. Lass uns unter die
Zeltplane da drüben gehen. Was anderes kann ich dir leider nicht
anbieten, Freund. Wir sind dabei, alles zusammenzusammeln und in
ein provisorisches Lager überzusiedeln."
Während die Krieger aus Kairo sich entfernten, um Verwandte und
Freunde in dem Durcheinander zu suchen, begaben sich Hamid,
William und die Frau zu der Plane, die über verkohlten
Holzständern errichtet worden war. Hier lagen Teppiche und man
wollte sich gerade niederlassen, als Ardeth dazutrat und wie
angewurzelt vor der fremden Frau stehen blieb. Auch wenn er sie
nicht kannte, sie erinnerte ihn an etwas oder jemanden. William
und Hamid traten hinzu, aber er beachtete sie nicht.
"Sie kommen aus Südostasien, nicht wahr?", sprach er
sie auf Englisch an.
"Ja, tuan Bay", auch sie sah ihn erstaunt an, denn er
sah ihrem Herrn Sandokan tatsächlich sehr ähnlich.
Nun mischte sich William ein: "Sei gegrüßt, Ardeth! Ich
habe diese Frau hierher gebracht, sie suchte dich." Ardeth
wandte sich William zu, begrüßte ihn und meinte traurig:
"Ihr habt euch einen schlechten Zeitpunkt für euren Besuch
ausgesucht."
"Ja, ich habe schon von Hamid gehört, was geschehen ist. Es
ist schrecklich! Wer konnte so etwas tun? Und warum? Ich verstehe
das alles nicht..."
"Ich habe die Briten verärgert. Sie haben sich das
scheinbar nicht gefallen lassen und wollen uns nun zeigen, wer
der Stärkere ist."
"Und deswegen schicken sie ihre Truppen so weit nach Süden,
um ein paar Wüstenbewohnern - entschuldige - zu zeigen, wer der
Stärkere ist? Das glaube ich nicht... da muss mehr dahinter
stecken."
"Ich denke", mischte sich Hamid ein, "wir sind
verraten worden. In letzter Zeit sollen oft irgendwelche
einheimischen Truppen in schwarzen Gewändern die britischen
Expeditionen in dieser Gegend überfallen haben, d. h. sie haben
uns damit die Schuld in die Schuhe geschoben."
"Aber was haben die denn davon?", wollte William
wissen.
"Vielleicht sind es die Sklavenhändler, die vor uns ihre
Ruhe haben wollen", vermutete Hamid. "Oder sie wollen
nur die Briten berauben und die Schuld wem anders zukommen
lassen... und da wir schon oft zu verstehen gegeben haben, dass
wir die Expeditionen nicht gutheißen, war es naheliegend, uns
vorzuschieben."
"Wie dem auch sei", meinte Ardeth traurig,
"vorerst müssen wir fort von hier."
Es trat für einen Moment eine bedrückende Stille ein. Ardeth
wandte sich wieder der Frau zu.
"Warum suchen Sie mich?"
"Ich heiße Verci und, fürwahr, ich habe mir wirklich einen
sehr schlechten Augenblick für meinen Besuch ausgesucht, denn
ich habe eine Bitte... eine Bitte um Hilfe...", und sie
schaute sich hilflos um, denn ihr war nur allzu klar, dass Ardeth
im Moment nicht groß helfen konnte. Er musste erst einmal selbst
wieder alles in Ordnung bringen.
"Verci aus Südostasien", ergänzte William.
"Eines Tages kam ein Brite, Sir Clifford aus Singapur, in
meinen bescheidenen Laden in Kairo - auf der Suche nach
Antiquitäten."
Ardeth' Augen blitzten auf bei dem Wort Antiquitäten. William
sprach schnell weiter.
"Was er in Wirklichkeit suchte, waren die Bedja. Er hatte
erfahren, dass ich Kontakt mit ihnen hatte und er war
hocherfreut, dass sich das bestätigte, denn eine Freundin seiner
Tochter, diese junge Dame hier, suche verzweifelt einen gewissen
Ardeth Bay aus Ägypten, dessen Lehrer Tätowierungen im Gesicht
hatte - mehr wusste die junge Dame nicht. Natürlich wollte ich
nicht jeden x-beliebigen hierher führen und so erkundigte ich
mich nach ihrem Ansinnen. Sie selbst berichtete mir dann, dass du
ein guter Freund ihres Herrn seist."
"Sandokan!", unterbrach ihn Ardeth und wandte sich an
Verci: "Sie kommen von Sandokan!"
Seine Augen leuchteten. Für einen Moment stand die Erinnerung an
die unbeschwerten Zeiten von Acheh vor seinen Augen. "Wie
geht es ihm?"
Verci senkte traurig das Haupt. "Ich weiß es nicht. Er ist
... verschwunden...", stotterte sie.
"Verschwunden!", rief Ardeth aus. "Ich verstehe
nicht... Sie müssen mir alles genau erzählen." Damit
setzte er sich und forderte die anderen auch dazu auf. Er fuhr
fort: "Ich weiß ja gar nicht, was aus ihm geworden ist. Ist
er der Herrscher seines Landes, das an diesem Fluss mit dem
langen Namen liegt, geworden?"
"Nein, Herr, er wurde von dort vertrieben und hat sich auf
einer Insel namens Mompracem, in der Nähe von Labuan,
niedergelassen, wo er seine Anhänger, die sich "junge
Tiger" nennen, um sich versammelt hat. Lange Zeit haben sie
die europäischen Invasoren bekämpft. Später hat er dann sein
Reich am Kinabatangan mit Hilfe seiner Freunde zurückerobert und
auch anderen geholfen. Er ist bis nach Indien gereist. Aber sein
Herz schlug nur für Mompracem, seine Insel und Heimat, wo er mit
seiner Frau gelebt hatte, der es leider nur kurze Zeit zu leben
vergönnt war. Er hat sich also auf der Insel in Frieden
niedergelassen, aber die Briten, die nun auch im Norden Borneos
Fuß gefasst haben, argwöhnten, dass er ihnen Widerstand leisten
würde und überfielen die Insel. Seitdem ist er verschwunden,
unauffindbar, so viel wir auch gesucht haben."
Verci beschränkte sich auf die Kurzfassung von Sandokans
Lebensgeschichte, die etwas schwer nachvollziehbar für Ardeth
war; aber es würde sich irgendwann genug Zeit finden,
ausführlicher darüber zu berichten, was sie wusste. Ardeth
schwieg für eine Weile. Dann meinte er: "Und niemand weiß,
wo er sein könnte?"
"Nein, wir haben alle möglichen Orte aufgesucht. Die Briten
hätten es verlauten lassen, wenn sie ihn gefangen hätten, also
kann er ihnen auch nicht in die Hände gefallen sein. Da wir
keinen Ausweg mehr wussten, sind wir dabei, alte Freunde
aufzusuchen, damit sie uns helfen. Einige von uns sind nach
Indien gereist, einige nach Assam, und weil jemand meinte,
Sandokan hätte einen Freund in Ägypten, der ihm zu Hilfe eilen
würde, bin ich hierher gekommen...aber ich sehe, dass Sie, tuan,
selbst große Probleme hier haben und wohl kaum mich nach
Südostasien begleiten können", schloss sie entmutigt ihren
Bericht.
"Nein, im Moment sicher nicht. Ich kann Ihnen leider auch
keine großartige Gastfreundschaft bieten. Ich weiß auch nicht,
wie lange es dauern wird, bis hier wieder alles aufgebaut ist und
welchen Gefahren wir noch trotzen müssen. Es tut mir leid, Verci
aus Mompracem, aber Sie müssen wohl wieder unverrichteter Dinge
abreisen. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich mich
sofort auf den Weg nach Südostasien machen..."
Wieder wurde es betretend still. Da fragte William:
"Sag mal, Ardeth, woher kennst du eigentlich diesen
Sandokan?"
Ardeth lächelte. "Ich war selbst mal in Südostasien, da
habe ich ihn kennengelernt."
Und er berichtete leichten Herzens von ihrer gemeinsamen Zeit in
der Kampfschule in Acheh. Für eine Weile waren alle Sorgen
vergessen.
Ein paar Tage später hatte man sich im provisorischen Lager
eingerichtet. Die Lage war verzweifelt, denn viel Lebensmittel
hatte man nicht retten können. Daher waren auch William und
Verci wieder abgereist. Sie würde noch ein paar Tage mit der
Familie Clifford in Kairo bleiben, hatte aber keine Hoffnung,
dass Ardeth mit nach Südostasien kommen würde, so wie die Lage
in dem Medjai-Ort ausgesehen hatte. Ihre Reise war vergebens
gewesen.
Viele der Krieger waren bei der Schlacht gefallen. Daher hatte
Hamid bereits Boten zu den Niederlassungen der benachbarten
Stämme geschickt, von denen der elfte am nächsten lag. Sie
sollten Krieger stellen und Nahrung bringen. Hamid trat zu
Ardeth, der gerade die verbliebenen Waffen sichtete.
"Ardeth, es ist alles bereit. Wir warten nur noch auf
dich."
Ardeth nickte und ging stumm neben ihm her. Etwas weiter weg
warteten Cheychera und drei Krieger auf ihren Pferden. Ardeth und
Hamid bestiegen die ihrigen. Ardeth und Cheychera ritten
vorneweg, gefolgt von Hamid und den drei Kriegern, von denen
einer ein weiteres Pferd mit sich führte. Doch das Ehepaar
wechselte kein Wort miteinander. Es lag Spannung in der Luft und
Ardeth wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sie waren
schon lange geritten, als er sich endlich an Cheychera wandte:
"Soll ich ihn in die Arme nehmen? Oder wird er das nicht
wollen?"
"Er war jetzt ein Jahr lang eingesperrt - dank deiner
Anweisung. Und du hast ihn nicht einmal besucht!" Cheycheras
Stimme klang vorwurfsvoll.
"Nein...", Ardeth zögerte, aber er wollte nichts
darauf erwidern. "Liebt er sie immer noch?"
"Ich weiß es nicht."
"Du hast ihn doch oft besucht. Was hat er dir gesagt?"
"Er hat sich sehr verändert, Ardeth. Mir scheint, dass er
sehr verhärtet ist. Aber wundert dich das? Ein Jahr lang nichts
als diese Höhle bei kargem Essen und Wasser. Was erwartest du?
Einen Sohn, der sich dir freudestrahlend in die Arme wirft?"
"Immerhin - ich hätte ihn für sein Vergehen eigentlich
töten müssen."
"Vielleicht wäre er damals lieber gestorben."
"Aber Cheychera, du weißt genau, dass er der letzte der
Bays ist. Was hätte ich denn deiner Meinung nach machen
sollen?"
"Ihm vergeben. Mit ihm reden. Oder noch besser: ihm und
Claire deinen Segen geben."
"Claire ist eine Ausländerin. Sie hätte sich nie unserem
Leben anpassen können."
"Vielleicht ja doch. Wenn die Liebe stark genug gewesen
wäre... oder aber, sie hätte in Kairo wohnen bleiben können.
Es gibt Lösungen für alles, Ardeth!"
Während dieses lange fälligen Gespräches ließ sich Hamid noch
ein Stück weiter zurückfallen, damit die Eheleute in Ruhe diese
Dinge besprechen konnten. Er hieß auch die Krieger, respektvoll
Abstand zu halten. Nach zwei Stunden erreichten sie die Höhle
des Chon, in der Ardjun ein Jahr lang eingesperrt gewesen war -
weil er sich geweigert hatte, die Ehe mit der Tochter von Jazar
Gazur einzugehen. Stattdessen hatte er vorgehabt, mit der Irin
Claire Fairth zu fliehen.
Ardeth brachte ein paar Meter vor der Höhle sein Pferd zum
Stehen und saß ab. Die anderen taten es ihm gleich. Er nickte
Hamid zu, der mit den drei Kriegern zur Höhle trat und den
mächtigen Stein unter Aufbietung all ihrer Kräfte beiseite
schob. Cheychera standen die Tränen in den Augen, als sie
langsam Ardjun aus der Höhle heraustreten sah. Er verdeckte sich
die Augen und musste sich erst an die Helligkeit gewöhnen.
Immerhin war ein Lichtstrahl durch ein etwas größeres Loch in
seine Höhle gefallen, so dass er nicht ganz im Dunkeln leben
musste. Er war sehr mager. Cheychera hielt es nicht mehr an
Ardeth' Seite. Sie stürmte auf ihren Sohn zu und umarmte ihn
heftig. Lange standen sie so dort. Auch Hamid trat hinzu und
klopfte Ardjun anerkennend auf die Schulter. Er hatte es
durchgehalten. Nun war er wieder frei. Sie ritten zurück, ohne
dass zwischen Vater und Sohn auch nur ein Wort, eine Geste des
Wiedersehens gewechselt wurde. Ardjun hatte sich auch nicht vor
ihm verneigt, wie es sich seinem Anführer gegenüber gehört
hätte, aber Ardeth sah darüber hinweg. Er spürte den Zorn, den
sein Sohn auf ihn hatte.
Ardeth gewährte Ardjun ein paar Tage Ruhe und
Wiedereingewöhnung. Es hatte sich außerdem viel verändert.
Einige Freunde Ardjuns waren gefallen und sein Stamm war von
einem Tag auf den anderen verarmt und bedroht durch einen
mächtigen Feind. Inzwischen waren auch Krieger von einigen
Stämmen zu Hilfe geeilt, aber vom elften kam niemand an.
Stattdessen traf eines Morgens ein Bote ein, der Ardeth sofort zu
sprechen verlangte. Dieser empfing ihn unter einem Baldachin, wo
ihm Tee gereicht wurden. Ardeth begrüßte ihn kurz und fragte
sogleich, wo denn die Verstärkung bliebe, die man so dringend
benötigte. Doch der Bote verwies ihn darauf, dass Jazar Gazur,
der Anführer vom 11. Stamm, in ein paar Tagen selbst
vorbeischauen würde, um sich ein Bild von der Situation zu
machen und alles weitere zu bereden. Man möge alles für sein
Eintreffen vorbereiten, damit er es so bequem wie möglich
vorfinden möge, wie es sich für seinen Rang geziehme. Er
erwarte außerdem, seinen künftigen Schwiegersohn Ardjun
anzutreffen und mit ihm und seinen Eltern über die anstehenden
Hochzeitsfeierlichkeiten zu sprechen. Die Worte des Boten wirkten
stolz und hochfahrend und ließen Ardeth vermuten, dass mit
Gazurs Hilfe nicht mehr zu rechnen sei, sofern man sich nicht
einigen könnte. Als die Unterredung mit dem Boten geendet hatte,
suchte er sofort Ardjun auf - zum ersten Mal nach dessen
Freilassung.
Ardjun half den anderen beim Errichten von Zelten und redete
dabei angeregt mit einem Kameraden. Als er seinen Vater auf sich
zukommen sah, hielt er mitten im Wort inne, so dass sein Kamerad
sich umschaute, wohin Ardjuns ernster Blick auf einmal fiel. Da
er wusste, dass zwischen Vater und Sohn noch kein Gespräch
stattgefunden hatte, winkte er den anderen zu, ihnen stumm
anweisend, dass sie sich zurückziehen sollten. Er tat das
gleiche. Ardjun stand allein seinem Vater gegenüber. Er wusste
nicht, wie er sich verhalten sollte und blieb wie angewurzelt
stehen.
"Wie geht es dir?" erkundigte sich Ardeth, der immer
noch nicht auf einer Verbeugung bestand, sondern anscheinend den
Frieden mit seinem Sohn suchte.
"Gut", erwiderte Ardjun knapp.
"Wir müssen reden, mein Sohn."
"Gut."
Ardjun machte es ihm nicht leicht.
"Lass uns hierhin setzen!" Ardjun tat wie angewiesen
und Ardeth war sichtlich bemüht, die richtigen Worte zu finden.
"Ardjun, ich ahne, dass du sehr zornig auf mich sein musst.
Ich hoffe, dass das eine Jahr aber auch etwas in dir bewirkt hat,
dich zum Überlegen gebracht hat."
Ardjun schwieg eisern.
"Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Strafe über dich
zu verhängen, und doch hattest du mich auch sehr enttäuscht.
Ich hatte mit deiner Hilfe gerechnet, vielleicht habe ich sie
etwas zu selbstverständlich vorausgesetzt. Ich habe dir damals
nichts angemerkt." Ardeth machte wieder eine Pause, um
Ardjun die Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Doch der
schweig sich weiter aus.
"Ardjun, was ist? Rede doch mit mir! Wir haben soviel zu
bereden!"
Ardjun schüttelte traurig den Kopf, dann sagte er leise:
"Ich habe Euch nichts zu sagen."
"Ardjun", erwiderte Ardeth bestürzt, "ich bitte
dich als dein Vater, mit mir zu reden."
"Ich hatte mal einen Vater..."
Ardeth sah, dass ihm keine Chance gegeben wurde. Er senkte
resignierend seinen Kopf.
"Ja, du hast recht, ich bin wohl eher dein Herr als dein
Vater - daher habe ich damals auch verlangt, was ich von dir
fordern musste und was du nicht ablehnen durftest, denn du
hattest einen Eid geschworen - und, so leid es mir tut, ich muss
dich abermals daran erinnern und das gleiche wie damals von dir
fordern." Er sah kurz zu Ardjun, der seinerseits den Kopf
gesenkt hielt, aber nichts dazu sagen wollte. Also redete Ardeth
weiter: "Bald wird Jazar Gazur hierher kommen. Er hat uns
bislang seine Hilfe versagt. So hat er keine Männer, keine
Lebensmittel geschickt, sondern nur einen hochmütigen Boten, der
mir verkündigt hat, dass sein Herr erwarte, dass du sein
Schwiegersohn werden würdest. Ja, Ardjun, ich hoffte, dass das
vergangene Jahr dich darüber hat nachdenken und zur Vernunft
kommen lassen. Um unser aller Wohl muss ich eingehend
insistieren, dass du dich beugst. Und ich verheimliche dir nicht
die Konsequenzen: Solltest du die Tochter von Gazur nicht
heiraten, wird er zum Aufstand gegen uns blasen und die Medjai
werden uneins. Wir haben zur Zeit genug Probleme und können uns
Uneinigkeit nicht leisten."
Noch immer schwieg Ardjun. Ernst sprach Ardeth also weiter:
"Solltest du weiterhin der Fügung trotzen, machst du dich
schuldig als Verräter an deinem Volk und dir selbst, denn du
hast geschworen, ein Medjai zu sein. Du hast an nichts anderes zu
denken als an die Erfüllung deiner Aufgabe - als Krieger
Gottes."
Ardeth erhob sich, sah eine Weile hinunter zu Ardjun, der aber
keine Regung zeigte, und ging von dannen. Er hoffte, dass Ardjun
über alles nachdenken würde. Doch in den folgenden Tagen
näherte sich Ardjun nicht seinem Vater, um mit ihm zu sprechen.
Auch Cheychera schaffte es nicht, ihrem Sohn eine Antwort zu
entlocken, sondern nur den Hass, den er auf seinen Vater hegte.
Ihr schwante, dass er nicht nachgeben würde.
Drei Tage später erschien Jazar Gazur in all seiner Pracht, die
sich gegenüber dem provisorischen, an allem mangelnden Lager des
12. Stammes geradezu herausfordernd dekadent abzeichnete.
Zahlreiche Krieger begleiteten ihn. Er hatte sein eigenes Zelt
mitgebracht, das größer und luxuriöser als irgendeines im
Lager schien. Seine Pferde waren reich geschmückt; seine Kamele
trugen Krüge und Beutel - voll von Lebensmitteln. Dennoch war er
gezwungen, sich vor Ardeth zu verneigen, der ihn sodann zum
überdachten Vorplatz seines Zeltes führten, wo ihnen Tee
gereicht wurde. Gazur ließ sich Zeit, es schien so, als ob er
Ardeth regelrecht zappeln lassen wollte. Hamid saß neben Ardeth
und beobachte Gazur mit unverhohlenem Ärger.
"Es freut mich zu sehen, dass es Euch und Euren Kriegern so
gut geht, Lord Gazur", eröffnete Ardeth das Gespräch.
"Wenn es doch allen Medjai so gut gehen würde!"
Oho, dachte sich Hamid, Ardeth würde gleich zum Punkt kommen und
sah, dass Gazur mit zusammengekniffenden Augen Ardeth fixierte -
wie ein Raubtier, bereit zum tödlichen Sprung. Letzterer ließ
sich nicht irritieren und sprach weiter:
"Viele unserer Brüder haben uns Hilfe geschickt, es nicht
an Unterstützung mangeln lassen - so wie es sich gehört. Wo ist
aber jene des 11. Stammes geblieben, frage ich Euch, der Ihr
verantwortlich für eure Mannen seid."
"Mein lieber Lord Bay", ließ sich Gazur huldvoll
herab, "meine - unsere Unterstützung habt Ihr bereits
erfahren in der wichtigsten Sache überhaupt. Viele meiner
Männer sandte ich zur Wache vor Hamunaptra und gedenke, sie
heute Nacht persönlich zu übernehmen. Konnten wir doch davon
ausgehen, dass ihr alle - so jämmerlich zugerichtet wie ihr seid
- nicht mehr ganz fähig sein würdet, die Wache ordentlich zu
versehen. Also erspart mir Eure Vorwürfe! Was das andere
betrifft", und er machte eine ausladende Geste über den
Ort, "werde ich mich mehr als zuvorkommend erweisen, so Ihr
endlich Euer Wort, das Ihr mir vor einem Jahr gegeben habt,
einlösen werdet. Da unsere Familien dann vereint sein werden,
werden wir auch all unseren Glanz miteinander teilen."
Hamid konnte spüren, dass Ardeth am Kochen war. Es war eine
Frechheit von Gazur, so zu ihm zu sprechen.
"Ich gedenke, mein Wort einzuhalten", sagte Ardeth
trocken, "obwohl es mich nun sehr verdrießt, es Euch
überhaupt gegeben zu haben, denn unwürdig seid Ihr, wenn Ihr
Eure Hilfe von einer Bedingung abhängig macht."
"Es ist keine Bedingung", fuhr Jazar barsch dazwischen,
"sondern ein Versprechen Eurerseits, was Ihr noch nicht
eingelöst habt!"
"Es hätte sich gehört, dass Ihr unaufgefordert meinem
Stamm zu Hilfe eilt. Meint Ihr, ich hätte Euch Ardjun
versagt?"
"Was weiß denn ich! Ihr seid Eurem Sohn viel zu nachgiebig
gegenüber. Ich hätte mein Kind schon dazu gebracht, dass es mir
gehorcht. Aber so wie Ihr in Eurer eigenen Familie nicht Herr der
Lage seid, ist es auch mit Eurem Stamm. Nicht umsonst befindet
Ihr Euch in dieser bedauernswerten Lage! Ihr seid kein fähiger
Anführer mehr, Lord Bay! Deshalb fordere ich mit Nachdruck,
dass, sobald Ardjun meine Tochter geehelicht hat, er Euer Amt
übernimmt und sich von mir leiten lassen wird."
Hamid war entsetzt über Jazars offene Worte. Bevor Ardeth
wütend antworten konnte, wies er Jazar zurecht: "Wie
sprecht Ihr mit dem Anführer aller Stämme der Medjai! Mäßigt
Eure Worte, Lord! Ihr habt nicht das Recht, meinem Herrn solche
Vorwürfe zu erteilen und es schickt sich nicht..."
Weiter kam er nicht. Gazur war wütend aufgesprungen und zog
Hamid mit seiner Reitgerte eins über, die er schnell aus dem
Gürtel gerissen hatte. Er brüllte ihn an:
"Elender Diener! Du wagst es, das Wort zu erheben! Du hast
zu schweigen!" Bevor er abermals auf den völlig
überraschten Hamid einschlagen konnte, warf sich Ardeth
dazwischen.
"Wagt es nicht, meinen Schwager und Stellvertreter so zu
beleidigen!"
"Ich sage es ja, Ihr habt Eure Leute nicht im Griff! Dass
sie es wagen, überhaupt dazwischen zu reden! Was ist aus Euch
geworden? Ihr seid eine Schande, Ardeth Bay!", schrie Jazar.
"In den Staub mit Euch, Unwürdiger!", fuhr Ardeth ihn
nun seinerseits an und schubste ihn, sodass er vor ihm
niederfiel. "Wachen!", befahl er dann. "Sperrt ihn
ein, damit er über sein unmäßiges Verhalten mir gegenüber
nachdenkt! Ich will ihn nicht mehr sehen!" Ardeth war außer
sich, doch Jazar erwiderte kalt: "Das werdet Ihr nicht
wagen!"
Jazars in der Nähe wachenden Männer traten schnell herbei, doch
wagten sie nicht, die von Ardeth herbeigerufenen Wachen zu
hindern, die Jazar auf seine Füße hoben.
"Warte, Ardeth", rief Hamid, der sich wieder gefasst
hatte und aufgestanden war. "Beruhige dich! Ihr solltet
später über alles reden und euch erst mal beruhigen. Kommt
wieder zur Vernunft!"
"Ist sein Zelt inzwischen aufgebaut?", wandte sich
Ardeth an Jazars Männer.
"Ja, Sayadi, es ist aufgebaut. Wir richten es gerade
ein."
"Dann führt euren Herrn in das Zelt. Dort möge er bleiben,
bis ich zu ihm treten werde."
Jazar funkelte ihn an und seine Lippen umspielte ein
triumphierendes Lächeln. Ardeth' Leute ließen ihn los,
begleiteten ihn aber gemeinsam mit Jazars Männern zum Zelt. Dann
stellten sie sich davor auf, um zu gewährleisten, dass er jenes
nicht verlassen würde.
Ardeth und Hamid blieben emotionsgeladen zurück.
"Ist das zu fassen?", empörte sich Ardeth mehr als
Hamid, doch der antwortete:
"Er hat irgendeinen Trumph im Ärmel, darauf wette ich.
Sonst würde er sich nicht so aufspielen. Er will dich zum
Abdanken zwingen, Ardeth."
"Ich traue ihm alles zu."
"Aber er wird nicht allein stehen. Ich wette, er hat die
Unterstützung einiger Anführer."
"Anzunehmen. Wer hat uns alles keine Verstärkung
geschickt?"
"Die Anführer der Südstämme. Manche haben auffallend
wenig geschickt."
"Was soll ich jetzt tun?" Ardeth war ratlos. Er
spürte, wie sich das Unheil über seinem Kopf zusammenbraute.
"Geh zu Ardjun!", schlug Hamid vor. "Er muss zu
Jazar gehen und ihn um die Hand seiner Tochter bitten, aber ihm
verständlich machen, dass er noch nicht dein Nachfolger werden
möchte. Ardeth, du musst die Stämme wieder vereinen! Du musst
gen Süden reiten und die Anführer zur Hochzeit einladen, damit
sie deinen guten Willen erkennen. Aber du musst ihnen klar
machen, dass du souverän bleiben wirst und dich nicht dem Willen
von Jazar Gazur beugen wirst." Er machte eine kurze Pause.
"Aber zuerst musst du herausfinden, was Jazar dir bisher
verschwiegen hat."
Ardeth wartete bis zum Abend, bevor er in das prächtige Zelt von
Jazar trat. Die Männer von Jazar verneigten sich vor ihm und
verließen eiligst das Zelt. Doch Jazar blieb in aller Seelenruhe
sitzen und zog an seiner Wasserpfeife. Ardeth funkelte ihn
verärgert an.
"Wenn Ihr hier nicht als mein Gefangener den Rest Eurer Tage
verbringen möchtest, solltet Ihr mir lieber Euren Respekt
erweisen", herrschte er ihn an.
"Ich mich Euch beugen?", brachte Jazar ironisch hervor.
"Nein, Ihr seid für mich kein fähiger Anführer mehr - und
viele sind meiner Meinung." Mit Nachdruck hatte er das Wort
'viele' betont.
Ardeth wurde wieder ärgerlich und wollte sich nicht weiter
brüskieren lassen, auch wenn sie allein in dem Zelt waren. Er
forderte Jazar auf: "Eure Meinung ist mir gleichgültig. Ich
werde Euch in internieren lassen, wenn Ihr mir den Gehorsam
verweigert."
"Das könnt Ihr gern tun, großer Anführer aller 12 Stämme
der Medjai - oder sollte ich sagen, Anführer des 7., 8. und 9.
Stammes? Eventuell noch des 5.?"
Ardeth wurde blass.
"Nun, Lord Bay, der Rest wird Euch ebenso wie ich den
Gehorsam verweigern. Sie halten alle einen Bay für nicht mehr
würdig." Seine Stimme wurde scharf. "Ein Bay, der sich
in die politischen Angelegenheiten mischt, einen Bay, der unser
Volk bedroht, indem er sich offensichtlich den Briten, die die
Geschicke Ägyptens bestimmen, widersetzt! Ein Bay, dessen Sohn
mit einer Fremden durchbrennen will! Ein Bay, der die Ehe
gebrochen hat und die Ehre seiner Familie besudelt hat! Sperrt
mich ein! Aber lasst Euch gesagt sein, dass man mir zur Hilfe
eilen wird - und zwar sehr bald, denn da draußen in der Wüste
lagern die Anführer der Südstämme und des 10. Stammes und sie
unterstützen mich! Sie werden nicht tatenlos zusehen, was Ihr
hier treibt. Euer ruchloser Stamm wird aufgeteilt werden und
unseren Stämmen zu Sklaven zugeteilt werden."
"Ihr seid verrückt geworden, Lord Gazur!", rief Ardeth
außer sich. "Ihr könnt keine Medjai anderen Medjai als
Sklaven zuteilen! Ihr wisst nicht mehr, was Ihr sagt in Eurer
Machtbesessenheit!"
"Ich weiß nur, dass ihr es hier alle nicht mehr wert seid,
Medjai genannt zu werden. Ihr mischt euch in anderer Leute
Angelegenheiten anstatt euch eurer eigentlichen Aufgabe zu
widmen. Ihr fallt über die Briten her, die euch nichts getan
haben, mordet sie, die friedlich auf Expedition gehen, und macht
auch augenscheinlich gemeinsame Sache mit ägyptischen
Offizieren, die gegen die Obrigkeit rebellieren wollen!Lord Bay,
die Pharaonen hätten Euch dafür nicht nur aus ihren Diensten
entlassen, sondern Euch ein Kopf kürzer gemacht! Ihr seid eine
Schande und Euer Name sollte aus der Geschichte getilgt
werden!"
"Ich mache weder gemeinsame Sache mit irgend welchen
Offizieren, noch habe ich friedliche Briten morden lassen! Ich
habe ihnen nur mitgeteilt, dass ich ihre Expeditionen nicht
wünsche."
"Und die Überfälle? Kommt, Lord Bay, abstreiten ist
zwecklos! Ihr habt sie grausam überfallen lassen. Ihr setzt doch
alles mit Gewalt durch. Das können wir nicht länger
dulden!" Er zog genüsslich an seiner Wasserpfeife.
Ardeth beschlich das Gefühl, dass die Überfälle auf Jazars
Konto gingen... was braute sich da zusammen? Welches Komplott ist
da gegen ihn geschmiedet worden?
"Lord Wyreth, Lord Barut und ich waren in Kairo und haben
uns gegenüber den Briten verbürgt, dass es nicht das Anliegen
der Bedja sei, ihnen zu schaden. Wir haben ihnen versichert, dass
wir dafür sorgen werden, dass diese Überfälle unterbleiben,
dass wir mit Euch reden werden und Euch nötigenfalls absetzen
werden. Sie haben uns gedroht, dass bei einem weiteren Überfall
Euer Stamm dafür zahlen müsste. Aber kaum dass wir etwas
unternehmen konnten, gab es einen weiteren Überfall. Die Briten
haben schnell darauf reagiert."
Ardeth konnte diesem Bericht nur mit offenem Munde folgen. Sollte
es wirklich so sein, dass Jazar und ein paar andere das so
eingefädelt haben, um endlich an die Macht zu kommen? Sind sie
in Wirklichkeit für den Überfall auf den Ort verantwortlich?
Das war so ungeheuerlich, dass Ardeth noch nicht ganz daran zu
glauben wagte... Während Ardeth offenkundiger Bestürzung redete
Jazar weiter:
"Sie haben aber indessen erfahren, dass Ihr Euch retten
konntet. Bevor sie einen weiteren Überfall starten, haben wir um
Aufschub gebeten und uns versammelt und beraten. Es bleibt uns
nur eine Möglichkeit: Euch abzusetzen. Die Briten haben
verlangt, Euch zur Verantwortung zu ziehen und in Kairo zu
internieren. Aber Ihr habt immer noch Freunde beim Vize-König.
Zum Glück für Euch haben die Briten nachgeben: Sie wollen Euch
außer Landes sehen. Ihr seid verbannt und sollt nie mehr
zurückkehren!"
Endlich hatte er aufgehört zu reden. Ardeth sammelte sich eine
Weile. Es schien ja alles schon beschlossen worden zu sein. Was
konnte er noch tun? Unehrenhaft das Land verlassen? Darauf würde
es hinauslaufen, aber wenigstens vor Jazar und den Medjai der
anderen Stämme wollte er nicht als Verräter angesehen werden.
Ihm dämmerte die Wahrheit hinter der Erzählung von Jazar. Er
wusste, er hatte verloren, aber er musste jetzt weise reagieren.
Er konnte es nicht zum Bruderkrieg kommen lassen.
"Wenn ich mich Euren Wünschen füge...", begann er
langsam, doch schon unterbrach ihn Jazar heuchelnd.
"Mein lieber Lord Bay, es sind nicht 'unsere' Wünsche.
Unser Wunsch wäre ein langes und erfolgreiches Leben der Bays
mit einem würdigen Nachfolger. Die Briten sind es, die beleidigt
worden sind..."
"Nein, Jazar Gazur, Ihr wisst ganz genau, dass es anders
ist", beharrte Ardeth. "Aber lasst mich ausreden! Wenn
ich mich füge, dann verlange ich, dass sowohl dem 12. Stamm als
auch Ardjun kein Haar gekrümmt wird und dass die 12 Stämme
erhalten bleiben - wie es seither der Fall gewesen ist. Ihr
dürft in Eurem Ehrgeiz nicht in die Traditionen der Medjai
eingreifen. Ardjun werde mein Nachfolger."
Jazars Augen wurden schmaler. Eigentlich hatte er andere Pläne
für den Jungen.
"Doch Ihr, Jazar Gazur, mögt der oberste Anführer
werden... Schickt einen Boten zu den anderen Anführern in der
Wüste. Sie mögen meiner Unterwerfung beiwohnen. Morgen Abend
werde ich mich ins Exil begeben."
Mit diesen Worten verließ er das Zelt und suchte Cheychera auf.
Während Jazar innerlich triumphierend einen Boten aussandte,
ließ Ardeth nach Hamid und Ardjun rufen. Mit ernstem Blick sah
er sie alle an und berichtete von dem Gespräch zwischen ihm und
Jazar. Betroffen schwiegen die anderen. Hamid ergriff als erster
das Wort:
"Ich sagte doch, dass da was nicht stimmt. Denkst du das
gleiche wie ich, Ardeth?"
"Ja, ich glaube auch, dass Jazar einen Komplott geschmiedet
hat - vielleicht mit einigen Anführern, sehr wahrscheinlich mit
Barut und Wyreth. Die Angriffe auf die Expeditionen gehen auf ihr
Konto. Ganz geschickt haben sie uns die Schuld in die Schuhe
geschoben und ich habe praktisch das ganze unterstützt, weil ich
die Briten sowohl hier als auch in Kairo maßregelte. Ich hätte
nicht gedacht, dass sie soweit gehen würden."
"Das ist ja infam!", schimpfte Cheychera. "Es ist
uns Medjai nicht würdig, das müssen sie doch wissen! Sie
können doch nicht einen Stamm für ihre machtbesessenen Wünsche
opfern! Sie wissen doch ganz genau, dass wir unschuldig
sind!"
"Möglicherweise hat Jazar einige Anführer überzeugt, dass
ich ein unfähiger Anführer sei und abgesetzt werden müsste. Da
andere mich aber nicht absetzen wollten, müssen sie diese vor
vollendete Tatsachen stellen."
"Jazar ist der verlogenste von allen!", wetterte
Cheychera weiter. "Und dessen Tochter soll Ardjun heiraten?
Nein, das werde ich nicht zulassen!"
Ardjun starrte sie an. Inzwischen tat ihm sein Vater ungeheuer
leid.
"Ich habe Jazar gesagt, dass Ardjun mein Nachfolger hier
werden soll und der 12. Stamm erhalten bleiben soll. Jazar soll
der oberste Anführer werden. Ardjun", wandte sich Ardeth an
seinen Sohn, "du musst also die Tochter Gazurs nicht
heiraten, auch wenn er vielleicht darauf drängen wird. Immerhin,
er hat eigene Söhne, die wird als er kommende Nachfolger sehen
wollen und nicht dich. Also sei auf der Hut! Und du, Cheychera,
du musst unbedingt weg von hier. Ich fürchte um deine
Sicherheit. Du warst immer eine starke Persönlichkeit und Jazar
könnte fürchten, dass du dich gegen ihn verschwören wirst. Du
wirst dich mit Hamid und einigen treuen Gefolgsleuten ins
Höhlengebirge von Karan zurückziehen. Haltet euch dort
verborgen, bis Gras über die Sache gewachsen ist."
"Warum kann ich nicht mit dir ins Exil gehen?", warf
sie ein.
"Ich brauche euch als Beobachter hier. Ihr habt einen klaren
Kopf. Haltet Kontakt zu anderen Kriegern aus dem 12. Stamm. Passt
auf, dass die Sache der Medjai nicht in Frage gestellt wird! Seid
die Hüter unseres Geheimnisses und die Bewahrer unserer
Tradition und Verpflichtung!" Er sprach so feierlich, dass
niemand etwas entgegenzusetzen wagte. "Und dann braucht
Ardjun euch vielleicht, damit er weiß, wie er sich verhalten
soll. Jazar wird ihm gehörig zusetzen."
"Wohin wirst du gehen?", fragte Hamid.
"Ich weiß es noch nicht..." Ardeth überlegte kurz,
bis ihm auf einmal Verci einfiel. "Doch, ich weiß es! Ich
werde mit Verci nach Südostasien gehen."
"Wirst du zurückkehren, mein Gatte?"
"Man weiß nie, was die Zukunft bringen wird. Ich hoffe es
aber sehr."
"Ach Ardeth...", seufzte Hamid, während Ardjun keine
Emotionen zeigen wollte.
""Für euch ist wichtig, dass ihr vor meiner morgigen
Abreise euch in die Berge zurückgezogen habt. Tut dieses heute
Nacht heimlich. Jazar wird nur Wert darauf legen, dass Ardjun der
morgigen Zeremonie beiwohnen wird. Ich werde verlauten lassen,
dass ihr der offenkundigen Schande nicht zuzuschauen bereit
seid." In stummen Einvernehmen nickten Hamid und Cheychera.
"Ardjun", sprach Ardeth nun seinen Sohn an, "kann
ich mich auf dich verlassen? Du wirst nichts von deiner Mutter
und deines Onkels Aufenthalt verraten, um keinen Preis!"
"Ja, Vater", stotterte Ardjun, für den dieses Anliegen
selbstverständlich war.
"Und wirst du versuchen, mit all deinen Fähigkeiten diesen
Stamm zu leiten und ihn vor dem gröbsten zu bewahren?"
"Ich werde es versuchen, Vater."
"Kein Ausreißen deiner Geliebten hinterher?", fragte
ihn Ardeth direkt.
"Nein, Vater, seid unbesorgt", versicherte ihm Ardjun
aufrichtig und auch gerührt, "ich werde hierbleiben und
mich bemühen." Ardjun verspürte allerdings eine gewisse
Furcht vor Jazar.
"Du wirst dich brav vor Jazar verneigen müssen, mein
Sohn", sprach Ardeth weiter.
"Aber seine Tochter muss ich nicht heiraten, nicht wahr,
Sayadi?", fragte nun Ardjun und bezeugte somit seinem Vater
Respekt, was letzteren sehr tröstete in dieser schweren Stunde.
"Nein, mein Sohn", erwiderte Ardeth gerührt. "Es
ist mir eine Ehre, wenn du sie nicht heiratest. Aber so schwer
dir und unseren Leuten Jazar das Leben auch machen wird, haltet
durch! Ertragt die Erniedrigungen! Es werden gerechtere Zeiten
kommen. Denke immer daran, das Wohl deines Stammes zu bewahren.
Nun bist du sein Herr. Sei ein liebender, gütiger Herr, mein
Sohn!" Er umarmte Ardjun, daneben standen Cheychera und
Hamid und lächelten sich an.
Am kommenden Nachmittag waren die Anführer der Südstämme und
des 10. Stammes nebst Jazar Gazur versammelt. Man hatte eine Art
Tribüne errichtet. Dort saßen die Anführer im Halbkreis auf
hohen Kissen und sahen mehr aus wie Richter. Ihnen gegenüber
hatte sich das Volk versammelt: der gesamte Rest des 12. Stammes
und viele der Krieger aus den Stämmen des Südens sowie des 10.
und 11. Stammes. Ardjun stand in Begleitung zweier Krieger etwas
abseits von den Anführern. Ein Platz dort war frei, er war für
den künftigen Anführer des 12. Stammes bestimmt. Ardeth schritt
langsam und allein auf die Tribüne zu und stieg die
provisorische Treppe hinauf. Er setzte sich nicht auf den freien
Platz, sondern stellte sich vor den anderen Anführern auf, die
keine Anstalten machten, sich zu erheben und zu verneigen. Auf
Jazars Gesicht lag ein zufriedenes Grinsen. Ardeth sprach langsam
und laut:
"Einige von Euch Lords müssen jetzt mit einem sehr
schlechten Gewissen hier sitzen, denn sie wissen, dass meine
Krieger keine Überfälle auf britische und andere Expeditionen
begangen haben." Sein Blick wanderte bewusst von Jazar zu
Wyreth und Barut. "Dennoch haben sie es geschafft, die
anderen zu überzeugen, dass wir es gewesen seien und dass ich
somit unwürdig sei, der Anführer aller Medjai länger zu
bleiben."
Er machte eine Pause und bemerkte, dass einige der Anführer doch
etwas irritiert waren. Das waren wahrscheinlich die, die nicht in
die Verschwörung eingeweiht waren und sich gerade überlegten,
was Ardeth wohl meinte. Jazar waren Ardeth' Worte gar nicht
recht. Bevor Ardeth weiterreden konnte, sprach er:
"Ardeth Bay, Ihr habt Eurer Familie Schande bereitet und
Euch als unfähiger Anführer erwiesen, indem Ihr alle Medjai in
ihrer Existenz bedroht habt. Wer würde unsere heilige Aufgabe
weiterhin wahrnehmen können, wenn die Briten uns vertreiben
würden oder - noch schlimmer - uns alle vernichten würden? Dem
musste Einhalt geboten werden!"
"Nein, Jazar Gazur, Ihr wisst ganz genau, dass ich nicht
derjenige bin, der Schande bereitet hat. Doch um des Bewahrens
und Überlebens unseres Volkes habe ich mich in mein Schicksal
gefügt und werde abtreten."
Ein lautes Gemurmel erhob sich in den Reihen der Medjai. Die
Menschen vom 12. Stamm waren wie vor den Kopf gestoßen. Ardeth
würde abtreten?
"Ich werde mich also fügen", sprach Ardeth weiter,
"und werde tun, wozu mich die Briten aufgefordert haben. Ich
werde das Land verlassen."
Ein Aufstöhnen ging durch die Reihen seines Stammes.
"Ich bitte Euch, Anführer der anderen Stämme, seid
gerecht, erhaltet die 12 Stämme der Medjai, bewahrt sie vor
Gefahr und haltet Euch an Eure Aufgabe! Mein Sohn möge fortan
den 12. Stamm anführen." Er wandte sich an sein Volk:
"Gehorcht meinem Sohn wie ihr mir gehorcht habt!" Dann
nickte er Ardjun zu und wies auf den freien Platz, den er
einnehmen sollte. Ardjun tat wie geheißen und ließ sich scheu
neben den anderen nieder.
"Jazar Gazur", fuhr Ardeth ernst fort, "ich
erkenne Euch als den obersten Anführer aller Medjai an. Mögt
Ihr die Geschicke unseres Volkes zu seinem Wohl leiten!"
Jazar Gazur erhob sich stolz und trat zwei gemächliche Schritte
auf Ardeth zu. Dieser sah ihm fest in die Augen, dann beugte er
seine Knie und verneigte sich in demütiger Position vor Jazar
Gazur. Eine ganze Weile blieb er so auf seinen Knien,
währenddessen ein teilweise entsetztes Raunen durch die Reihen
seiner Leute ging, die sich nicht wie von Jazar erhofft,
ebenfalls verneigten, sondern gebannt auf Ardeth schauten. Ardjun
neigte traurig sein Haupt und Jazar, obgleich die Reaktion der
Männer des 12. Stammes ihn ärgerte, kostete es aus, Ardeth
endlich am Boden zu sehen. Gnädig erlaubte er ihm mit einer
Handbewegung, sich zu erheben:
"Steh auf, Unwürdiger! Noch zur Stunde wirst du das Land
der Medjai verlassen. Wir verbannen dich!" Er wies einen
Krieger lautstark an, Ardeth' Pferd zu holen. Ardeth stieg auf
und nickte tröstend Ardjun zu.
"Begleitet den Ausgestoßenen bis nach Kairo. Dort achtet
wohl darauf, dass er das Land zur Gänze verlassen wird. Ihr
haftet mir dafür mit eurem Kopf! Schont ihn nicht, wenn er sich
zu widersetzen versucht."
Einige der Anführer schauten sich beunruhigt wegen Jazars
theatralischem Ausbruch an.
"Jazar, Ihr sprecht immer noch mit Lord Ardeth Bay. Auf sein
Wort ist Verlass", ermahnte ihn einer. Auch Ardeth
bereiteten Jazars Worte fast ein verächtliches Schmunzeln, aber
auch ein ungutes Gefühl. Das Wohl der Medjai sollte bei diesem
aufgeblasenen Gecken liegen? Er hoffte, dass die anderen
vernünftig sein und eines Tages bemerken würden, wem sie ihre
Geschicke anvertraut haben. Vielleicht würden sie sich besinnen.
Ein letzter Blick fiel auf seinen unglücklich zum Abschied
dabeistehenden Sohn.
"Lebe wohl, Ardjun!", grüßte er ihn laut.
"Lebt wohl, Sayadi", erwiderte Ardjun laut, kniete vor
ihm nieder und erhob sich erst, als Ardeth eine ganze Weile
davongeritten war.
Bianca Gerlich
23. Februar 2005