Home Ardeth I. - Der Untergang des Bay-Clans

DER UNTERGANG DES BAY-CLANS
(ca. 10 Seiten, wenn ausgedruckt)


Westliche Wüste, zerstörtes Lager der Medjai des 12. Stammes, 1880.

Das waren die Ereignisse von vor einem Jahr gewesen. Lange hatte Hamid dagestanden und sich erinnert, während um ihn herum die Menschen alles Brauchbare zusammensuchten und auf Pferde und Kamele verluden. Es würde noch einige Zeit dauern, bis man sich ins provisorische Lager begeben könnte. Auch mussten die Toten verbrannt werden.

Ein berittener Trupp näherte sich. Hamid schreckte durch den Lärm, den die herbeieilenden Krieger machten, um sich gegen einen möglichen weiteren Angriff zu sammeln, auf. Doch der Reitertrupp wirkte nicht feindlich. Als dieser näher kam, erkannte er William Cranigton. Hatte er so schnell von dem Angriff erfahren? Unmöglich... Aber irgend etwas Wichtiges musste vorgefallen sein, sonst hätte er doch nicht den weiten Weg gen Süden auf sich genommen. Hamid wies einen Krieger an, Ardeth herbeizurufen, den er vor ungefähr einer Stunde mit seinem Pferd hatte weggehen sehen. Noch bevor Ardeth kam, erreichte der Trupp Hamid und die wachenden Krieger. William stieg vom Pferd, ebenso eine asiatisch aussehende Frau und vier Medjai-Krieger, die in Kairo gewesen waren. Entsetzt schauten sie sich um. Der Ort des 12. Stammes war verwüstet, kaum ein Zelt stand noch und überall lagen Leichen und Trümmer.
"Asalama Akee, Hamid! Mein Gott, was ist hier geschehen?"
"Willkommen, William!" Er umarmte den Amerikaner.
"Wir wurden vor zwei Nächten überfallen - von Briten und ägyptischen Soldaten. Sie haben alles zerstört und viele von uns getötet."
"Aber warum?"
"So genau wissen wir das nicht. Die Briten haben bestimmt wieder Falschmeldungen über uns erhalten wie schon einmal... anders kann ich mir das nicht erklären. Sie haben uns nicht darüber aufgeklärt, warum sie uns vernichten wollen, sie sind einfach über uns des Nachts hergefallen und haben uns keine Chance gelassen."
"Mein Gott... wo ist denn Ardeth? Ist er...?"
"Nein, er ist nicht unter den Gefallenen. Ich habe ihn schon rufen lassen, als ich euch kommen sah. Lass uns unter die Zeltplane da drüben gehen. Was anderes kann ich dir leider nicht anbieten, Freund. Wir sind dabei, alles zusammenzusammeln und in ein provisorisches Lager überzusiedeln."
Während die Krieger aus Kairo sich entfernten, um Verwandte und Freunde in dem Durcheinander zu suchen, begaben sich Hamid, William und die Frau zu der Plane, die über verkohlten Holzständern errichtet worden war. Hier lagen Teppiche und man wollte sich gerade niederlassen, als Ardeth dazutrat und wie angewurzelt vor der fremden Frau stehen blieb. Auch wenn er sie nicht kannte, sie erinnerte ihn an etwas oder jemanden. William und Hamid traten hinzu, aber er beachtete sie nicht.
"Sie kommen aus Südostasien, nicht wahr?", sprach er sie auf Englisch an.
"Ja, tuan Bay", auch sie sah ihn erstaunt an, denn er sah ihrem Herrn Sandokan tatsächlich sehr ähnlich.
Nun mischte sich William ein: "Sei gegrüßt, Ardeth! Ich habe diese Frau hierher gebracht, sie suchte dich." Ardeth wandte sich William zu, begrüßte ihn und meinte traurig: "Ihr habt euch einen schlechten Zeitpunkt für euren Besuch ausgesucht."
"Ja, ich habe schon von Hamid gehört, was geschehen ist. Es ist schrecklich! Wer konnte so etwas tun? Und warum? Ich verstehe das alles nicht..."
"Ich habe die Briten verärgert. Sie haben sich das scheinbar nicht gefallen lassen und wollen uns nun zeigen, wer der Stärkere ist."
"Und deswegen schicken sie ihre Truppen so weit nach Süden, um ein paar Wüstenbewohnern - entschuldige - zu zeigen, wer der Stärkere ist? Das glaube ich nicht... da muss mehr dahinter stecken."
"Ich denke", mischte sich Hamid ein, "wir sind verraten worden. In letzter Zeit sollen oft irgendwelche einheimischen Truppen in schwarzen Gewändern die britischen Expeditionen in dieser Gegend überfallen haben, d. h. sie haben uns damit die Schuld in die Schuhe geschoben."
"Aber was haben die denn davon?", wollte William wissen.
"Vielleicht sind es die Sklavenhändler, die vor uns ihre Ruhe haben wollen", vermutete Hamid. "Oder sie wollen nur die Briten berauben und die Schuld wem anders zukommen lassen... und da wir schon oft zu verstehen gegeben haben, dass wir die Expeditionen nicht gutheißen, war es naheliegend, uns vorzuschieben."
"Wie dem auch sei", meinte Ardeth traurig, "vorerst müssen wir fort von hier."
Es trat für einen Moment eine bedrückende Stille ein. Ardeth wandte sich wieder der Frau zu.
"Warum suchen Sie mich?"
"Ich heiße Verci und, fürwahr, ich habe mir wirklich einen sehr schlechten Augenblick für meinen Besuch ausgesucht, denn ich habe eine Bitte... eine Bitte um Hilfe...", und sie schaute sich hilflos um, denn ihr war nur allzu klar, dass Ardeth im Moment nicht groß helfen konnte. Er musste erst einmal selbst wieder alles in Ordnung bringen.
"Verci aus Südostasien", ergänzte William. "Eines Tages kam ein Brite, Sir Clifford aus Singapur, in meinen bescheidenen Laden in Kairo - auf der Suche nach Antiquitäten."
Ardeth' Augen blitzten auf bei dem Wort Antiquitäten. William sprach schnell weiter.
"Was er in Wirklichkeit suchte, waren die Bedja. Er hatte erfahren, dass ich Kontakt mit ihnen hatte und er war hocherfreut, dass sich das bestätigte, denn eine Freundin seiner Tochter, diese junge Dame hier, suche verzweifelt einen gewissen Ardeth Bay aus Ägypten, dessen Lehrer Tätowierungen im Gesicht hatte - mehr wusste die junge Dame nicht. Natürlich wollte ich nicht jeden x-beliebigen hierher führen und so erkundigte ich mich nach ihrem Ansinnen. Sie selbst berichtete mir dann, dass du ein guter Freund ihres Herrn seist."
"Sandokan!", unterbrach ihn Ardeth und wandte sich an Verci: "Sie kommen von Sandokan!"
Seine Augen leuchteten. Für einen Moment stand die Erinnerung an die unbeschwerten Zeiten von Acheh vor seinen Augen. "Wie geht es ihm?"
Verci senkte traurig das Haupt. "Ich weiß es nicht. Er ist ... verschwunden...", stotterte sie.
"Verschwunden!", rief Ardeth aus. "Ich verstehe nicht... Sie müssen mir alles genau erzählen." Damit setzte er sich und forderte die anderen auch dazu auf. Er fuhr fort: "Ich weiß ja gar nicht, was aus ihm geworden ist. Ist er der Herrscher seines Landes, das an diesem Fluss mit dem langen Namen liegt, geworden?"
"Nein, Herr, er wurde von dort vertrieben und hat sich auf einer Insel namens Mompracem, in der Nähe von Labuan, niedergelassen, wo er seine Anhänger, die sich "junge Tiger" nennen, um sich versammelt hat. Lange Zeit haben sie die europäischen Invasoren bekämpft. Später hat er dann sein Reich am Kinabatangan mit Hilfe seiner Freunde zurückerobert und auch anderen geholfen. Er ist bis nach Indien gereist. Aber sein Herz schlug nur für Mompracem, seine Insel und Heimat, wo er mit seiner Frau gelebt hatte, der es leider nur kurze Zeit zu leben vergönnt war. Er hat sich also auf der Insel in Frieden niedergelassen, aber die Briten, die nun auch im Norden Borneos Fuß gefasst haben, argwöhnten, dass er ihnen Widerstand leisten würde und überfielen die Insel. Seitdem ist er verschwunden, unauffindbar, so viel wir auch gesucht haben."
Verci beschränkte sich auf die Kurzfassung von Sandokans Lebensgeschichte, die etwas schwer nachvollziehbar für Ardeth war; aber es würde sich irgendwann genug Zeit finden, ausführlicher darüber zu berichten, was sie wusste. Ardeth schwieg für eine Weile. Dann meinte er: "Und niemand weiß, wo er sein könnte?"
"Nein, wir haben alle möglichen Orte aufgesucht. Die Briten hätten es verlauten lassen, wenn sie ihn gefangen hätten, also kann er ihnen auch nicht in die Hände gefallen sein. Da wir keinen Ausweg mehr wussten, sind wir dabei, alte Freunde aufzusuchen, damit sie uns helfen. Einige von uns sind nach Indien gereist, einige nach Assam, und weil jemand meinte, Sandokan hätte einen Freund in Ägypten, der ihm zu Hilfe eilen würde, bin ich hierher gekommen...aber ich sehe, dass Sie, tuan, selbst große Probleme hier haben und wohl kaum mich nach Südostasien begleiten können", schloss sie entmutigt ihren Bericht.
"Nein, im Moment sicher nicht. Ich kann Ihnen leider auch keine großartige Gastfreundschaft bieten. Ich weiß auch nicht, wie lange es dauern wird, bis hier wieder alles aufgebaut ist und welchen Gefahren wir noch trotzen müssen. Es tut mir leid, Verci aus Mompracem, aber Sie müssen wohl wieder unverrichteter Dinge abreisen. Wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich mich sofort auf den Weg nach Südostasien machen..."
Wieder wurde es betretend still. Da fragte William:
"Sag mal, Ardeth, woher kennst du eigentlich diesen Sandokan?"
Ardeth lächelte. "Ich war selbst mal in Südostasien, da habe ich ihn kennengelernt."
Und er berichtete leichten Herzens von ihrer gemeinsamen Zeit in der Kampfschule in Acheh. Für eine Weile waren alle Sorgen vergessen.

Ein paar Tage später hatte man sich im provisorischen Lager eingerichtet. Die Lage war verzweifelt, denn viel Lebensmittel hatte man nicht retten können. Daher waren auch William und Verci wieder abgereist. Sie würde noch ein paar Tage mit der Familie Clifford in Kairo bleiben, hatte aber keine Hoffnung, dass Ardeth mit nach Südostasien kommen würde, so wie die Lage in dem Medjai-Ort ausgesehen hatte. Ihre Reise war vergebens gewesen.
Viele der Krieger waren bei der Schlacht gefallen. Daher hatte Hamid bereits Boten zu den Niederlassungen der benachbarten Stämme geschickt, von denen der elfte am nächsten lag. Sie sollten Krieger stellen und Nahrung bringen. Hamid trat zu Ardeth, der gerade die verbliebenen Waffen sichtete.
"Ardeth, es ist alles bereit. Wir warten nur noch auf dich."
Ardeth nickte und ging stumm neben ihm her. Etwas weiter weg warteten Cheychera und drei Krieger auf ihren Pferden. Ardeth und Hamid bestiegen die ihrigen. Ardeth und Cheychera ritten vorneweg, gefolgt von Hamid und den drei Kriegern, von denen einer ein weiteres Pferd mit sich führte. Doch das Ehepaar wechselte kein Wort miteinander. Es lag Spannung in der Luft und Ardeth wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sie waren schon lange geritten, als er sich endlich an Cheychera wandte:
"Soll ich ihn in die Arme nehmen? Oder wird er das nicht wollen?"
"Er war jetzt ein Jahr lang eingesperrt - dank deiner Anweisung. Und du hast ihn nicht einmal besucht!" Cheycheras Stimme klang vorwurfsvoll.
"Nein...", Ardeth zögerte, aber er wollte nichts darauf erwidern. "Liebt er sie immer noch?"
"Ich weiß es nicht."
"Du hast ihn doch oft besucht. Was hat er dir gesagt?"
"Er hat sich sehr verändert, Ardeth. Mir scheint, dass er sehr verhärtet ist. Aber wundert dich das? Ein Jahr lang nichts als diese Höhle bei kargem Essen und Wasser. Was erwartest du? Einen Sohn, der sich dir freudestrahlend in die Arme wirft?"
"Immerhin - ich hätte ihn für sein Vergehen eigentlich töten müssen."
"Vielleicht wäre er damals lieber gestorben."
"Aber Cheychera, du weißt genau, dass er der letzte der Bays ist. Was hätte ich denn deiner Meinung nach machen sollen?"
"Ihm vergeben. Mit ihm reden. Oder noch besser: ihm und Claire deinen Segen geben."
"Claire ist eine Ausländerin. Sie hätte sich nie unserem Leben anpassen können."
"Vielleicht ja doch. Wenn die Liebe stark genug gewesen wäre... oder aber, sie hätte in Kairo wohnen bleiben können. Es gibt Lösungen für alles, Ardeth!"
Während dieses lange fälligen Gespräches ließ sich Hamid noch ein Stück weiter zurückfallen, damit die Eheleute in Ruhe diese Dinge besprechen konnten. Er hieß auch die Krieger, respektvoll Abstand zu halten. Nach zwei Stunden erreichten sie die Höhle des Chon, in der Ardjun ein Jahr lang eingesperrt gewesen war - weil er sich geweigert hatte, die Ehe mit der Tochter von Jazar Gazur einzugehen. Stattdessen hatte er vorgehabt, mit der Irin Claire Fairth zu fliehen.
Ardeth brachte ein paar Meter vor der Höhle sein Pferd zum Stehen und saß ab. Die anderen taten es ihm gleich. Er nickte Hamid zu, der mit den drei Kriegern zur Höhle trat und den mächtigen Stein unter Aufbietung all ihrer Kräfte beiseite schob. Cheychera standen die Tränen in den Augen, als sie langsam Ardjun aus der Höhle heraustreten sah. Er verdeckte sich die Augen und musste sich erst an die Helligkeit gewöhnen. Immerhin war ein Lichtstrahl durch ein etwas größeres Loch in seine Höhle gefallen, so dass er nicht ganz im Dunkeln leben musste. Er war sehr mager. Cheychera hielt es nicht mehr an Ardeth' Seite. Sie stürmte auf ihren Sohn zu und umarmte ihn heftig. Lange standen sie so dort. Auch Hamid trat hinzu und klopfte Ardjun anerkennend auf die Schulter. Er hatte es durchgehalten. Nun war er wieder frei. Sie ritten zurück, ohne dass zwischen Vater und Sohn auch nur ein Wort, eine Geste des Wiedersehens gewechselt wurde. Ardjun hatte sich auch nicht vor ihm verneigt, wie es sich seinem Anführer gegenüber gehört hätte, aber Ardeth sah darüber hinweg. Er spürte den Zorn, den sein Sohn auf ihn hatte.

Ardeth gewährte Ardjun ein paar Tage Ruhe und Wiedereingewöhnung. Es hatte sich außerdem viel verändert. Einige Freunde Ardjuns waren gefallen und sein Stamm war von einem Tag auf den anderen verarmt und bedroht durch einen mächtigen Feind. Inzwischen waren auch Krieger von einigen Stämmen zu Hilfe geeilt, aber vom elften kam niemand an. Stattdessen traf eines Morgens ein Bote ein, der Ardeth sofort zu sprechen verlangte. Dieser empfing ihn unter einem Baldachin, wo ihm Tee gereicht wurden. Ardeth begrüßte ihn kurz und fragte sogleich, wo denn die Verstärkung bliebe, die man so dringend benötigte. Doch der Bote verwies ihn darauf, dass Jazar Gazur, der Anführer vom 11. Stamm, in ein paar Tagen selbst vorbeischauen würde, um sich ein Bild von der Situation zu machen und alles weitere zu bereden. Man möge alles für sein Eintreffen vorbereiten, damit er es so bequem wie möglich vorfinden möge, wie es sich für seinen Rang geziehme. Er erwarte außerdem, seinen künftigen Schwiegersohn Ardjun anzutreffen und mit ihm und seinen Eltern über die anstehenden Hochzeitsfeierlichkeiten zu sprechen. Die Worte des Boten wirkten stolz und hochfahrend und ließen Ardeth vermuten, dass mit Gazurs Hilfe nicht mehr zu rechnen sei, sofern man sich nicht einigen könnte. Als die Unterredung mit dem Boten geendet hatte, suchte er sofort Ardjun auf - zum ersten Mal nach dessen Freilassung.

Ardjun half den anderen beim Errichten von Zelten und redete dabei angeregt mit einem Kameraden. Als er seinen Vater auf sich zukommen sah, hielt er mitten im Wort inne, so dass sein Kamerad sich umschaute, wohin Ardjuns ernster Blick auf einmal fiel. Da er wusste, dass zwischen Vater und Sohn noch kein Gespräch stattgefunden hatte, winkte er den anderen zu, ihnen stumm anweisend, dass sie sich zurückziehen sollten. Er tat das gleiche. Ardjun stand allein seinem Vater gegenüber. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte und blieb wie angewurzelt stehen.
"Wie geht es dir?" erkundigte sich Ardeth, der immer noch nicht auf einer Verbeugung bestand, sondern anscheinend den Frieden mit seinem Sohn suchte.
"Gut", erwiderte Ardjun knapp.
"Wir müssen reden, mein Sohn."
"Gut."
Ardjun machte es ihm nicht leicht.
"Lass uns hierhin setzen!" Ardjun tat wie angewiesen und Ardeth war sichtlich bemüht, die richtigen Worte zu finden.
"Ardjun, ich ahne, dass du sehr zornig auf mich sein musst. Ich hoffe, dass das eine Jahr aber auch etwas in dir bewirkt hat, dich zum Überlegen gebracht hat."
Ardjun schwieg eisern.
"Es ist mir nicht leicht gefallen, diese Strafe über dich zu verhängen, und doch hattest du mich auch sehr enttäuscht. Ich hatte mit deiner Hilfe gerechnet, vielleicht habe ich sie etwas zu selbstverständlich vorausgesetzt. Ich habe dir damals nichts angemerkt." Ardeth machte wieder eine Pause, um Ardjun die Gelegenheit zu geben, sich zu äußern. Doch der schweig sich weiter aus.
"Ardjun, was ist? Rede doch mit mir! Wir haben soviel zu bereden!"
Ardjun schüttelte traurig den Kopf, dann sagte er leise: "Ich habe Euch nichts zu sagen."
"Ardjun", erwiderte Ardeth bestürzt, "ich bitte dich als dein Vater, mit mir zu reden."
"Ich hatte mal einen Vater..."
Ardeth sah, dass ihm keine Chance gegeben wurde. Er senkte resignierend seinen Kopf.
"Ja, du hast recht, ich bin wohl eher dein Herr als dein Vater - daher habe ich damals auch verlangt, was ich von dir fordern musste und was du nicht ablehnen durftest, denn du hattest einen Eid geschworen - und, so leid es mir tut, ich muss dich abermals daran erinnern und das gleiche wie damals von dir fordern." Er sah kurz zu Ardjun, der seinerseits den Kopf gesenkt hielt, aber nichts dazu sagen wollte. Also redete Ardeth weiter: "Bald wird Jazar Gazur hierher kommen. Er hat uns bislang seine Hilfe versagt. So hat er keine Männer, keine Lebensmittel geschickt, sondern nur einen hochmütigen Boten, der mir verkündigt hat, dass sein Herr erwarte, dass du sein Schwiegersohn werden würdest. Ja, Ardjun, ich hoffte, dass das vergangene Jahr dich darüber hat nachdenken und zur Vernunft kommen lassen. Um unser aller Wohl muss ich eingehend insistieren, dass du dich beugst. Und ich verheimliche dir nicht die Konsequenzen: Solltest du die Tochter von Gazur nicht heiraten, wird er zum Aufstand gegen uns blasen und die Medjai werden uneins. Wir haben zur Zeit genug Probleme und können uns Uneinigkeit nicht leisten."
Noch immer schwieg Ardjun. Ernst sprach Ardeth also weiter:
"Solltest du weiterhin der Fügung trotzen, machst du dich schuldig als Verräter an deinem Volk und dir selbst, denn du hast geschworen, ein Medjai zu sein. Du hast an nichts anderes zu denken als an die Erfüllung deiner Aufgabe - als Krieger Gottes."
Ardeth erhob sich, sah eine Weile hinunter zu Ardjun, der aber keine Regung zeigte, und ging von dannen. Er hoffte, dass Ardjun über alles nachdenken würde. Doch in den folgenden Tagen näherte sich Ardjun nicht seinem Vater, um mit ihm zu sprechen. Auch Cheychera schaffte es nicht, ihrem Sohn eine Antwort zu entlocken, sondern nur den Hass, den er auf seinen Vater hegte. Ihr schwante, dass er nicht nachgeben würde.

Drei Tage später erschien Jazar Gazur in all seiner Pracht, die sich gegenüber dem provisorischen, an allem mangelnden Lager des 12. Stammes geradezu herausfordernd dekadent abzeichnete. Zahlreiche Krieger begleiteten ihn. Er hatte sein eigenes Zelt mitgebracht, das größer und luxuriöser als irgendeines im Lager schien. Seine Pferde waren reich geschmückt; seine Kamele trugen Krüge und Beutel - voll von Lebensmitteln. Dennoch war er gezwungen, sich vor Ardeth zu verneigen, der ihn sodann zum überdachten Vorplatz seines Zeltes führten, wo ihnen Tee gereicht wurde. Gazur ließ sich Zeit, es schien so, als ob er Ardeth regelrecht zappeln lassen wollte. Hamid saß neben Ardeth und beobachte Gazur mit unverhohlenem Ärger.
"Es freut mich zu sehen, dass es Euch und Euren Kriegern so gut geht, Lord Gazur", eröffnete Ardeth das Gespräch. "Wenn es doch allen Medjai so gut gehen würde!"
Oho, dachte sich Hamid, Ardeth würde gleich zum Punkt kommen und sah, dass Gazur mit zusammengekniffenden Augen Ardeth fixierte - wie ein Raubtier, bereit zum tödlichen Sprung. Letzterer ließ sich nicht irritieren und sprach weiter:
"Viele unserer Brüder haben uns Hilfe geschickt, es nicht an Unterstützung mangeln lassen - so wie es sich gehört. Wo ist aber jene des 11. Stammes geblieben, frage ich Euch, der Ihr verantwortlich für eure Mannen seid."
"Mein lieber Lord Bay", ließ sich Gazur huldvoll herab, "meine - unsere Unterstützung habt Ihr bereits erfahren in der wichtigsten Sache überhaupt. Viele meiner Männer sandte ich zur Wache vor Hamunaptra und gedenke, sie heute Nacht persönlich zu übernehmen. Konnten wir doch davon ausgehen, dass ihr alle - so jämmerlich zugerichtet wie ihr seid - nicht mehr ganz fähig sein würdet, die Wache ordentlich zu versehen. Also erspart mir Eure Vorwürfe! Was das andere betrifft", und er machte eine ausladende Geste über den Ort, "werde ich mich mehr als zuvorkommend erweisen, so Ihr endlich Euer Wort, das Ihr mir vor einem Jahr gegeben habt, einlösen werdet. Da unsere Familien dann vereint sein werden, werden wir auch all unseren Glanz miteinander teilen."
Hamid konnte spüren, dass Ardeth am Kochen war. Es war eine Frechheit von Gazur, so zu ihm zu sprechen.
"Ich gedenke, mein Wort einzuhalten", sagte Ardeth trocken, "obwohl es mich nun sehr verdrießt, es Euch überhaupt gegeben zu haben, denn unwürdig seid Ihr, wenn Ihr Eure Hilfe von einer Bedingung abhängig macht."
"Es ist keine Bedingung", fuhr Jazar barsch dazwischen, "sondern ein Versprechen Eurerseits, was Ihr noch nicht eingelöst habt!"
"Es hätte sich gehört, dass Ihr unaufgefordert meinem Stamm zu Hilfe eilt. Meint Ihr, ich hätte Euch Ardjun versagt?"
"Was weiß denn ich! Ihr seid Eurem Sohn viel zu nachgiebig gegenüber. Ich hätte mein Kind schon dazu gebracht, dass es mir gehorcht. Aber so wie Ihr in Eurer eigenen Familie nicht Herr der Lage seid, ist es auch mit Eurem Stamm. Nicht umsonst befindet Ihr Euch in dieser bedauernswerten Lage! Ihr seid kein fähiger Anführer mehr, Lord Bay! Deshalb fordere ich mit Nachdruck, dass, sobald Ardjun meine Tochter geehelicht hat, er Euer Amt übernimmt und sich von mir leiten lassen wird."
Hamid war entsetzt über Jazars offene Worte. Bevor Ardeth wütend antworten konnte, wies er Jazar zurecht: "Wie sprecht Ihr mit dem Anführer aller Stämme der Medjai! Mäßigt Eure Worte, Lord! Ihr habt nicht das Recht, meinem Herrn solche Vorwürfe zu erteilen und es schickt sich nicht..."
Weiter kam er nicht. Gazur war wütend aufgesprungen und zog Hamid mit seiner Reitgerte eins über, die er schnell aus dem Gürtel gerissen hatte. Er brüllte ihn an:
"Elender Diener! Du wagst es, das Wort zu erheben! Du hast zu schweigen!" Bevor er abermals auf den völlig überraschten Hamid einschlagen konnte, warf sich Ardeth dazwischen.
"Wagt es nicht, meinen Schwager und Stellvertreter so zu beleidigen!"
"Ich sage es ja, Ihr habt Eure Leute nicht im Griff! Dass sie es wagen, überhaupt dazwischen zu reden! Was ist aus Euch geworden? Ihr seid eine Schande, Ardeth Bay!", schrie Jazar.
"In den Staub mit Euch, Unwürdiger!", fuhr Ardeth ihn nun seinerseits an und schubste ihn, sodass er vor ihm niederfiel. "Wachen!", befahl er dann. "Sperrt ihn ein, damit er über sein unmäßiges Verhalten mir gegenüber nachdenkt! Ich will ihn nicht mehr sehen!" Ardeth war außer sich, doch Jazar erwiderte kalt: "Das werdet Ihr nicht wagen!"
Jazars in der Nähe wachenden Männer traten schnell herbei, doch wagten sie nicht, die von Ardeth herbeigerufenen Wachen zu hindern, die Jazar auf seine Füße hoben.
"Warte, Ardeth", rief Hamid, der sich wieder gefasst hatte und aufgestanden war. "Beruhige dich! Ihr solltet später über alles reden und euch erst mal beruhigen. Kommt wieder zur Vernunft!"
"Ist sein Zelt inzwischen aufgebaut?", wandte sich Ardeth an Jazars Männer.
"Ja, Sayadi, es ist aufgebaut. Wir richten es gerade ein."
"Dann führt euren Herrn in das Zelt. Dort möge er bleiben, bis ich zu ihm treten werde."
Jazar funkelte ihn an und seine Lippen umspielte ein triumphierendes Lächeln. Ardeth' Leute ließen ihn los, begleiteten ihn aber gemeinsam mit Jazars Männern zum Zelt. Dann stellten sie sich davor auf, um zu gewährleisten, dass er jenes nicht verlassen würde.
Ardeth und Hamid blieben emotionsgeladen zurück.
"Ist das zu fassen?", empörte sich Ardeth mehr als Hamid, doch der antwortete:
"Er hat irgendeinen Trumph im Ärmel, darauf wette ich. Sonst würde er sich nicht so aufspielen. Er will dich zum Abdanken zwingen, Ardeth."
"Ich traue ihm alles zu."
"Aber er wird nicht allein stehen. Ich wette, er hat die Unterstützung einiger Anführer."
"Anzunehmen. Wer hat uns alles keine Verstärkung geschickt?"
"Die Anführer der Südstämme. Manche haben auffallend wenig geschickt."
"Was soll ich jetzt tun?" Ardeth war ratlos. Er spürte, wie sich das Unheil über seinem Kopf zusammenbraute.
"Geh zu Ardjun!", schlug Hamid vor. "Er muss zu Jazar gehen und ihn um die Hand seiner Tochter bitten, aber ihm verständlich machen, dass er noch nicht dein Nachfolger werden möchte. Ardeth, du musst die Stämme wieder vereinen! Du musst gen Süden reiten und die Anführer zur Hochzeit einladen, damit sie deinen guten Willen erkennen. Aber du musst ihnen klar machen, dass du souverän bleiben wirst und dich nicht dem Willen von Jazar Gazur beugen wirst." Er machte eine kurze Pause. "Aber zuerst musst du herausfinden, was Jazar dir bisher verschwiegen hat."

Ardeth wartete bis zum Abend, bevor er in das prächtige Zelt von Jazar trat. Die Männer von Jazar verneigten sich vor ihm und verließen eiligst das Zelt. Doch Jazar blieb in aller Seelenruhe sitzen und zog an seiner Wasserpfeife. Ardeth funkelte ihn verärgert an.
"Wenn Ihr hier nicht als mein Gefangener den Rest Eurer Tage verbringen möchtest, solltet Ihr mir lieber Euren Respekt erweisen", herrschte er ihn an.
"Ich mich Euch beugen?", brachte Jazar ironisch hervor. "Nein, Ihr seid für mich kein fähiger Anführer mehr - und viele sind meiner Meinung." Mit Nachdruck hatte er das Wort 'viele' betont.
Ardeth wurde wieder ärgerlich und wollte sich nicht weiter brüskieren lassen, auch wenn sie allein in dem Zelt waren. Er forderte Jazar auf: "Eure Meinung ist mir gleichgültig. Ich werde Euch in internieren lassen, wenn Ihr mir den Gehorsam verweigert."
"Das könnt Ihr gern tun, großer Anführer aller 12 Stämme der Medjai - oder sollte ich sagen, Anführer des 7., 8. und 9. Stammes? Eventuell noch des 5.?"
Ardeth wurde blass.
"Nun, Lord Bay, der Rest wird Euch ebenso wie ich den Gehorsam verweigern. Sie halten alle einen Bay für nicht mehr würdig." Seine Stimme wurde scharf. "Ein Bay, der sich in die politischen Angelegenheiten mischt, einen Bay, der unser Volk bedroht, indem er sich offensichtlich den Briten, die die Geschicke Ägyptens bestimmen, widersetzt! Ein Bay, dessen Sohn mit einer Fremden durchbrennen will! Ein Bay, der die Ehe gebrochen hat und die Ehre seiner Familie besudelt hat! Sperrt mich ein! Aber lasst Euch gesagt sein, dass man mir zur Hilfe eilen wird - und zwar sehr bald, denn da draußen in der Wüste lagern die Anführer der Südstämme und des 10. Stammes und sie unterstützen mich! Sie werden nicht tatenlos zusehen, was Ihr hier treibt. Euer ruchloser Stamm wird aufgeteilt werden und unseren Stämmen zu Sklaven zugeteilt werden."
"Ihr seid verrückt geworden, Lord Gazur!", rief Ardeth außer sich. "Ihr könnt keine Medjai anderen Medjai als Sklaven zuteilen! Ihr wisst nicht mehr, was Ihr sagt in Eurer Machtbesessenheit!"
"Ich weiß nur, dass ihr es hier alle nicht mehr wert seid, Medjai genannt zu werden. Ihr mischt euch in anderer Leute Angelegenheiten anstatt euch eurer eigentlichen Aufgabe zu widmen. Ihr fallt über die Briten her, die euch nichts getan haben, mordet sie, die friedlich auf Expedition gehen, und macht auch augenscheinlich gemeinsame Sache mit ägyptischen Offizieren, die gegen die Obrigkeit rebellieren wollen!Lord Bay, die Pharaonen hätten Euch dafür nicht nur aus ihren Diensten entlassen, sondern Euch ein Kopf kürzer gemacht! Ihr seid eine Schande und Euer Name sollte aus der Geschichte getilgt werden!"
"Ich mache weder gemeinsame Sache mit irgend welchen Offizieren, noch habe ich friedliche Briten morden lassen! Ich habe ihnen nur mitgeteilt, dass ich ihre Expeditionen nicht wünsche."
"Und die Überfälle? Kommt, Lord Bay, abstreiten ist zwecklos! Ihr habt sie grausam überfallen lassen. Ihr setzt doch alles mit Gewalt durch. Das können wir nicht länger dulden!" Er zog genüsslich an seiner Wasserpfeife.
Ardeth beschlich das Gefühl, dass die Überfälle auf Jazars Konto gingen... was braute sich da zusammen? Welches Komplott ist da gegen ihn geschmiedet worden?
"Lord Wyreth, Lord Barut und ich waren in Kairo und haben uns gegenüber den Briten verbürgt, dass es nicht das Anliegen der Bedja sei, ihnen zu schaden. Wir haben ihnen versichert, dass wir dafür sorgen werden, dass diese Überfälle unterbleiben, dass wir mit Euch reden werden und Euch nötigenfalls absetzen werden. Sie haben uns gedroht, dass bei einem weiteren Überfall Euer Stamm dafür zahlen müsste. Aber kaum dass wir etwas unternehmen konnten, gab es einen weiteren Überfall. Die Briten haben schnell darauf reagiert."
Ardeth konnte diesem Bericht nur mit offenem Munde folgen. Sollte es wirklich so sein, dass Jazar und ein paar andere das so eingefädelt haben, um endlich an die Macht zu kommen? Sind sie in Wirklichkeit für den Überfall auf den Ort verantwortlich? Das war so ungeheuerlich, dass Ardeth noch nicht ganz daran zu glauben wagte... Während Ardeth offenkundiger Bestürzung redete Jazar weiter:
"Sie haben aber indessen erfahren, dass Ihr Euch retten konntet. Bevor sie einen weiteren Überfall starten, haben wir um Aufschub gebeten und uns versammelt und beraten. Es bleibt uns nur eine Möglichkeit: Euch abzusetzen. Die Briten haben verlangt, Euch zur Verantwortung zu ziehen und in Kairo zu internieren. Aber Ihr habt immer noch Freunde beim Vize-König. Zum Glück für Euch haben die Briten nachgeben: Sie wollen Euch außer Landes sehen. Ihr seid verbannt und sollt nie mehr zurückkehren!"
Endlich hatte er aufgehört zu reden. Ardeth sammelte sich eine Weile. Es schien ja alles schon beschlossen worden zu sein. Was konnte er noch tun? Unehrenhaft das Land verlassen? Darauf würde es hinauslaufen, aber wenigstens vor Jazar und den Medjai der anderen Stämme wollte er nicht als Verräter angesehen werden. Ihm dämmerte die Wahrheit hinter der Erzählung von Jazar. Er wusste, er hatte verloren, aber er musste jetzt weise reagieren. Er konnte es nicht zum Bruderkrieg kommen lassen.
"Wenn ich mich Euren Wünschen füge...", begann er langsam, doch schon unterbrach ihn Jazar heuchelnd.
"Mein lieber Lord Bay, es sind nicht 'unsere' Wünsche. Unser Wunsch wäre ein langes und erfolgreiches Leben der Bays mit einem würdigen Nachfolger. Die Briten sind es, die beleidigt worden sind..."
"Nein, Jazar Gazur, Ihr wisst ganz genau, dass es anders ist", beharrte Ardeth. "Aber lasst mich ausreden! Wenn ich mich füge, dann verlange ich, dass sowohl dem 12. Stamm als auch Ardjun kein Haar gekrümmt wird und dass die 12 Stämme erhalten bleiben - wie es seither der Fall gewesen ist. Ihr dürft in Eurem Ehrgeiz nicht in die Traditionen der Medjai eingreifen. Ardjun werde mein Nachfolger."
Jazars Augen wurden schmaler. Eigentlich hatte er andere Pläne für den Jungen.
"Doch Ihr, Jazar Gazur, mögt der oberste Anführer werden... Schickt einen Boten zu den anderen Anführern in der Wüste. Sie mögen meiner Unterwerfung beiwohnen. Morgen Abend werde ich mich ins Exil begeben."
Mit diesen Worten verließ er das Zelt und suchte Cheychera auf. Während Jazar innerlich triumphierend einen Boten aussandte, ließ Ardeth nach Hamid und Ardjun rufen. Mit ernstem Blick sah er sie alle an und berichtete von dem Gespräch zwischen ihm und Jazar. Betroffen schwiegen die anderen. Hamid ergriff als erster das Wort:
"Ich sagte doch, dass da was nicht stimmt. Denkst du das gleiche wie ich, Ardeth?"
"Ja, ich glaube auch, dass Jazar einen Komplott geschmiedet hat - vielleicht mit einigen Anführern, sehr wahrscheinlich mit Barut und Wyreth. Die Angriffe auf die Expeditionen gehen auf ihr Konto. Ganz geschickt haben sie uns die Schuld in die Schuhe geschoben und ich habe praktisch das ganze unterstützt, weil ich die Briten sowohl hier als auch in Kairo maßregelte. Ich hätte nicht gedacht, dass sie soweit gehen würden."
"Das ist ja infam!", schimpfte Cheychera. "Es ist uns Medjai nicht würdig, das müssen sie doch wissen! Sie können doch nicht einen Stamm für ihre machtbesessenen Wünsche opfern! Sie wissen doch ganz genau, dass wir unschuldig sind!"
"Möglicherweise hat Jazar einige Anführer überzeugt, dass ich ein unfähiger Anführer sei und abgesetzt werden müsste. Da andere mich aber nicht absetzen wollten, müssen sie diese vor vollendete Tatsachen stellen."
"Jazar ist der verlogenste von allen!", wetterte Cheychera weiter. "Und dessen Tochter soll Ardjun heiraten? Nein, das werde ich nicht zulassen!"
Ardjun starrte sie an. Inzwischen tat ihm sein Vater ungeheuer leid.
"Ich habe Jazar gesagt, dass Ardjun mein Nachfolger hier werden soll und der 12. Stamm erhalten bleiben soll. Jazar soll der oberste Anführer werden. Ardjun", wandte sich Ardeth an seinen Sohn, "du musst also die Tochter Gazurs nicht heiraten, auch wenn er vielleicht darauf drängen wird. Immerhin, er hat eigene Söhne, die wird als er kommende Nachfolger sehen wollen und nicht dich. Also sei auf der Hut! Und du, Cheychera, du musst unbedingt weg von hier. Ich fürchte um deine Sicherheit. Du warst immer eine starke Persönlichkeit und Jazar könnte fürchten, dass du dich gegen ihn verschwören wirst. Du wirst dich mit Hamid und einigen treuen Gefolgsleuten ins Höhlengebirge von Karan zurückziehen. Haltet euch dort verborgen, bis Gras über die Sache gewachsen ist."
"Warum kann ich nicht mit dir ins Exil gehen?", warf sie ein.
"Ich brauche euch als Beobachter hier. Ihr habt einen klaren Kopf. Haltet Kontakt zu anderen Kriegern aus dem 12. Stamm. Passt auf, dass die Sache der Medjai nicht in Frage gestellt wird! Seid die Hüter unseres Geheimnisses und die Bewahrer unserer Tradition und Verpflichtung!" Er sprach so feierlich, dass niemand etwas entgegenzusetzen wagte. "Und dann braucht Ardjun euch vielleicht, damit er weiß, wie er sich verhalten soll. Jazar wird ihm gehörig zusetzen."
"Wohin wirst du gehen?", fragte Hamid.
"Ich weiß es noch nicht..." Ardeth überlegte kurz, bis ihm auf einmal Verci einfiel. "Doch, ich weiß es! Ich werde mit Verci nach Südostasien gehen."
"Wirst du zurückkehren, mein Gatte?"
"Man weiß nie, was die Zukunft bringen wird. Ich hoffe es aber sehr."
"Ach Ardeth...", seufzte Hamid, während Ardjun keine Emotionen zeigen wollte.
""Für euch ist wichtig, dass ihr vor meiner morgigen Abreise euch in die Berge zurückgezogen habt. Tut dieses heute Nacht heimlich. Jazar wird nur Wert darauf legen, dass Ardjun der morgigen Zeremonie beiwohnen wird. Ich werde verlauten lassen, dass ihr der offenkundigen Schande nicht zuzuschauen bereit seid." In stummen Einvernehmen nickten Hamid und Cheychera.
"Ardjun", sprach Ardeth nun seinen Sohn an, "kann ich mich auf dich verlassen? Du wirst nichts von deiner Mutter und deines Onkels Aufenthalt verraten, um keinen Preis!"
"Ja, Vater", stotterte Ardjun, für den dieses Anliegen selbstverständlich war.
"Und wirst du versuchen, mit all deinen Fähigkeiten diesen Stamm zu leiten und ihn vor dem gröbsten zu bewahren?"
"Ich werde es versuchen, Vater."
"Kein Ausreißen deiner Geliebten hinterher?", fragte ihn Ardeth direkt.
"Nein, Vater, seid unbesorgt", versicherte ihm Ardjun aufrichtig und auch gerührt, "ich werde hierbleiben und mich bemühen." Ardjun verspürte allerdings eine gewisse Furcht vor Jazar.
"Du wirst dich brav vor Jazar verneigen müssen, mein Sohn", sprach Ardeth weiter.
"Aber seine Tochter muss ich nicht heiraten, nicht wahr, Sayadi?", fragte nun Ardjun und bezeugte somit seinem Vater Respekt, was letzteren sehr tröstete in dieser schweren Stunde.
"Nein, mein Sohn", erwiderte Ardeth gerührt. "Es ist mir eine Ehre, wenn du sie nicht heiratest. Aber so schwer dir und unseren Leuten Jazar das Leben auch machen wird, haltet durch! Ertragt die Erniedrigungen! Es werden gerechtere Zeiten kommen. Denke immer daran, das Wohl deines Stammes zu bewahren. Nun bist du sein Herr. Sei ein liebender, gütiger Herr, mein Sohn!" Er umarmte Ardjun, daneben standen Cheychera und Hamid und lächelten sich an.

Am kommenden Nachmittag waren die Anführer der Südstämme und des 10. Stammes nebst Jazar Gazur versammelt. Man hatte eine Art Tribüne errichtet. Dort saßen die Anführer im Halbkreis auf hohen Kissen und sahen mehr aus wie Richter. Ihnen gegenüber hatte sich das Volk versammelt: der gesamte Rest des 12. Stammes und viele der Krieger aus den Stämmen des Südens sowie des 10. und 11. Stammes. Ardjun stand in Begleitung zweier Krieger etwas abseits von den Anführern. Ein Platz dort war frei, er war für den künftigen Anführer des 12. Stammes bestimmt. Ardeth schritt langsam und allein auf die Tribüne zu und stieg die provisorische Treppe hinauf. Er setzte sich nicht auf den freien Platz, sondern stellte sich vor den anderen Anführern auf, die keine Anstalten machten, sich zu erheben und zu verneigen. Auf Jazars Gesicht lag ein zufriedenes Grinsen. Ardeth sprach langsam und laut:
"Einige von Euch Lords müssen jetzt mit einem sehr schlechten Gewissen hier sitzen, denn sie wissen, dass meine Krieger keine Überfälle auf britische und andere Expeditionen begangen haben." Sein Blick wanderte bewusst von Jazar zu Wyreth und Barut. "Dennoch haben sie es geschafft, die anderen zu überzeugen, dass wir es gewesen seien und dass ich somit unwürdig sei, der Anführer aller Medjai länger zu bleiben."
Er machte eine Pause und bemerkte, dass einige der Anführer doch etwas irritiert waren. Das waren wahrscheinlich die, die nicht in die Verschwörung eingeweiht waren und sich gerade überlegten, was Ardeth wohl meinte. Jazar waren Ardeth' Worte gar nicht recht. Bevor Ardeth weiterreden konnte, sprach er:
"Ardeth Bay, Ihr habt Eurer Familie Schande bereitet und Euch als unfähiger Anführer erwiesen, indem Ihr alle Medjai in ihrer Existenz bedroht habt. Wer würde unsere heilige Aufgabe weiterhin wahrnehmen können, wenn die Briten uns vertreiben würden oder - noch schlimmer - uns alle vernichten würden? Dem musste Einhalt geboten werden!"
"Nein, Jazar Gazur, Ihr wisst ganz genau, dass ich nicht derjenige bin, der Schande bereitet hat. Doch um des Bewahrens und Überlebens unseres Volkes habe ich mich in mein Schicksal gefügt und werde abtreten."
Ein lautes Gemurmel erhob sich in den Reihen der Medjai. Die Menschen vom 12. Stamm waren wie vor den Kopf gestoßen. Ardeth würde abtreten?
"Ich werde mich also fügen", sprach Ardeth weiter, "und werde tun, wozu mich die Briten aufgefordert haben. Ich werde das Land verlassen."
Ein Aufstöhnen ging durch die Reihen seines Stammes.
"Ich bitte Euch, Anführer der anderen Stämme, seid gerecht, erhaltet die 12 Stämme der Medjai, bewahrt sie vor Gefahr und haltet Euch an Eure Aufgabe! Mein Sohn möge fortan den 12. Stamm anführen." Er wandte sich an sein Volk: "Gehorcht meinem Sohn wie ihr mir gehorcht habt!" Dann nickte er Ardjun zu und wies auf den freien Platz, den er einnehmen sollte. Ardjun tat wie geheißen und ließ sich scheu neben den anderen nieder.
"Jazar Gazur", fuhr Ardeth ernst fort, "ich erkenne Euch als den obersten Anführer aller Medjai an. Mögt Ihr die Geschicke unseres Volkes zu seinem Wohl leiten!"
Jazar Gazur erhob sich stolz und trat zwei gemächliche Schritte auf Ardeth zu. Dieser sah ihm fest in die Augen, dann beugte er seine Knie und verneigte sich in demütiger Position vor Jazar Gazur. Eine ganze Weile blieb er so auf seinen Knien, währenddessen ein teilweise entsetztes Raunen durch die Reihen seiner Leute ging, die sich nicht wie von Jazar erhofft, ebenfalls verneigten, sondern gebannt auf Ardeth schauten. Ardjun neigte traurig sein Haupt und Jazar, obgleich die Reaktion der Männer des 12. Stammes ihn ärgerte, kostete es aus, Ardeth endlich am Boden zu sehen. Gnädig erlaubte er ihm mit einer Handbewegung, sich zu erheben:
"Steh auf, Unwürdiger! Noch zur Stunde wirst du das Land der Medjai verlassen. Wir verbannen dich!" Er wies einen Krieger lautstark an, Ardeth' Pferd zu holen. Ardeth stieg auf und nickte tröstend Ardjun zu.
"Begleitet den Ausgestoßenen bis nach Kairo. Dort achtet wohl darauf, dass er das Land zur Gänze verlassen wird. Ihr haftet mir dafür mit eurem Kopf! Schont ihn nicht, wenn er sich zu widersetzen versucht."
Einige der Anführer schauten sich beunruhigt wegen Jazars theatralischem Ausbruch an.
"Jazar, Ihr sprecht immer noch mit Lord Ardeth Bay. Auf sein Wort ist Verlass", ermahnte ihn einer. Auch Ardeth bereiteten Jazars Worte fast ein verächtliches Schmunzeln, aber auch ein ungutes Gefühl. Das Wohl der Medjai sollte bei diesem aufgeblasenen Gecken liegen? Er hoffte, dass die anderen vernünftig sein und eines Tages bemerken würden, wem sie ihre Geschicke anvertraut haben. Vielleicht würden sie sich besinnen.
Ein letzter Blick fiel auf seinen unglücklich zum Abschied dabeistehenden Sohn.
"Lebe wohl, Ardjun!", grüßte er ihn laut.
"Lebt wohl, Sayadi", erwiderte Ardjun laut, kniete vor ihm nieder und erhob sich erst, als Ardeth eine ganze Weile davongeritten war.


Bianca Gerlich
23. Februar 2005