Zeiten
der Veränderungen (Autor: Bianca M. Gerlich)
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SEN-AMAR (Teil 2)
Ägypten, ca. 557 n. Chr.
Die Flucht gelang so, wie sie geplant war. Ein griechisches
Kauffahrteischiff brachte Keltar und Amar nach Alexandria. Keltar
atmete erleichtert auf, als er das erste Mal nach so langen
Jahren wieder ägyptischen Boden betrat und ihnen die Pferde, die
sie mit an Bord hatten nehmen können, gebracht wurden.
"Noch sind wir nicht zu Hause!" meinte er aber dann.
Sie schifften sich schließlich auf einem Transporterschiff
nilabwärts ein.
Nach Tagen erreichten sie Theben. Keltar suchte das Westufer ab,
wo sich das Tal der Könige befand, in der Hoffnung, einen Medjai
zu entdecken. Er hoffte inständig, dass die Christen die Gräber
der Pharaonen verschont hatten und wagte sich gar nicht
vorzustellen, wie die Tempel wohl aussähen.
Als schließlich Aswan in Sicht war, stand Amar aufgeregt an der
Reling. Keltar befand sich hinter ihm und bemerkte, wie still
sein Schützling geworden war. Während das Schiff in Höhe des
Palastes vorbeifuhr, starrte Amar zum Balkon hinauf, von dem er
als Kind so oft den Nil beobachtet hatte und murmelte: "Das
Palast meines Vaters!" Sein Blick blieb auf dem Gebäude
haften, bis das Schiff endlich ein ganzes Stück weiter anlegte.
Nun konnte nichts Amar mehr halten. Wie ein Blitz stürzte er von
Bord und rannte die Uferpromenade entlang zurück zum Palast.
"Halt, Amar!" rief ihm Keltar hinterher, doch er musste
sich um die beiden Pferde kümmern. Er beeilte sich, Amar zu
folgen.
Amar hatte inzwischen den öffentlichen Vorplatz des Palastes
erreicht. Er war von Säulen umgeben. Amar betrat das Areal und
sein Blick blieb auf einem erhobenen Platz haften. Dann sah er
nach links und vor seinen Augen zeichnete sich das Bild ab, wie
ein achtjähriger Junge genau dort, wo er hinsah, stand, sich an
seine Mutter klammerte und der Hinrichtung seines Vaters zusah.
Sein Blick wanderte wieder zurück zu der erhobenen Stelle, an
der sein Vater einst enthauptet worden war. Der Atem stockte ihm.
Langsam schritt er auf den Platz zu und als er ihn erreichte, ließ
er sich auf die Knie fallen, beugte seinen Rumpf, berührte mit
dem Kopf den Boden und schluchzte - lauter und lauter... "Vater!"
schrie er, "Vater!", weinte hemmungslos.
Es näherten sich zwei Gestalten. Von der gleichen Seite, von der
Amar gekommen war, trat Keltar auf das Areal des Vorplatzes, von
der Gebäudeseite aber kam ein Mann näher, der neugierig Amar
fixierte, dann auch Keltar wahrnahm. Hinter ihm schritten drei
andere Männer, seine Diener. Der Herr war in eine römische Toga
gekleidet, schien aber ägyptischer Herkunft.
Während Amar das Los seines Vaters beklagte, sahen sich die
beiden Männer ins Gesicht.
"Keltar", entfuhr es dem Mann aus dem Gebäude raunend.
"Du bist Keltar."
Keltar nickte und sah mitleidig auf Amar herab. Der Blick des
anderen musterte abermals Amar. Er trug die schwarze Wüstenkleidung
der Medjai, aber keine Zeichen auf den Armen und im Gesicht.
Schließlich entfuhr es dem Mann überrascht:
"Winamun Bays Sohn! Das ist Winamun Bays Sohn, den du da
heimführst, nicht wahr?"
Keltar nickte, hockte sich zu Sen-Amar und half ihm auf. Der barg
sein Gesicht an Keltars Brust und schluchzte: "Hier haben
sie meinen Vater gemordet! Es war hier!"
"Beruhige dich, Sen-Amar! Es ist ja alles gut", redete
Keltar auf ihn ein.
"Bei Gott, Sen-Amar Bay!" staunte der Mann, der aber
einen bösen Blick von Keltar bei der Formulierung "bei Gott"
erntete.
"Seid ihr jetzt alle hier Christen?" fragte Keltar verächtlich.
Der Mann gewahrte die Nähe seiner Diener und erwiderte: "Ja,
wir haben alle den rechten Glauben gefunden." Er beeilte
sich hinzuzufügen: "Kommt ins Haus, Keltar! Lasst uns dort
reden. Sicher habt ihr viel zu berichten."
Misstrauisch folgte ihm Keltar und führte den Jungen mit sich.
Als Amar die große Halle betrat, blieb er wie angewurzelt stehen
und sah sich um. Die Erinnerung an seine Kindheit nahm Gestalt an.
Keltar forderte ihn auf mitzukommen und Sen-Amar nickte, als er
sah, in welche Richtung der Mann ging.
"In den Gästeempfangsraum", meinte er traurig, "als
Gast im eigenen Haus."
Während den beiden Getränke gereicht wurden, berichtete Keltar
dem Mann, der sich als ein alter, aber bekehrter Blemier, der für
die Römer die Stadt verwaltete, herausstellte, von ihrer
jahrelangen Gefangenschaft und ihrer Flucht.
"Wir wollen die Medjai aufsuchen", beendete Keltar
seinen Bericht.
"Ihr werdet sie in der Wüste finden. Auch ein paar Blemier
haben es vorgezogen, sich dorthin zurückzuziehen, um nicht den
fremden Glauben annehmen und Steuern zahlen zu müssen."
Er nahm ein Schluck aus seinem Glas.
"Hier hat sich viel verändert. Die Priester sind gekommen
und haben ganze Arbeit geleistet. Wer dabei erwischt wurde, dass
er die alten Götter anbetete, wurde öffentlich hingerichtet.
Die Stadt ächzt unter den Abgaben, die wir an die Römer als
Steuern zahlen müssen. Viele Krieger wanderten nach den Kämpfen
als Sklaven in die Steinbrüche, die Frauen blieben schutzlos den
Übergriffen ausgeliefert. Die hier stationierten römischen und
äthiopischen Soldaten nahmen sich diese Frauen. Eine Generation
an Mischlingen wächst heran. Hier gibt es keine Blemier mehr. Es
ist alles vorbei, Keltar. Aber wir haben uns inzwischen daran gewöhnt.
Ich versuche, die Stadt so gut wie möglich zu verwalten. Die
letzten Ernten waren gut. Wir hatten genug zu essen und so lange
wir nicht aufbegehren, haben wir auch Frieden. Die
Reparationsschulden an die Äthiopier sind inzwischen beglichen.
Aber, wie gesagt, wir müssen den Römern Tribut zahlen - und
nicht zu wenig. Doch wir tun lieber das, bevor sie mit ihren
Soldaten zurückkehren."
Keltar blickte ihn traurig an. Der Mann fuhr fort:
"Ja, die alten Götter haben uns verlassen, aber wenn du
mich fragst, das ist gut so. Der neue Gott, also die neue
Religion ist viel besser. Er hat Erbarmen. Das hatten die alten Götter
nie. Verbrechen wurden in der alten Zeit viel zu hart bestraft.
Der neue Gott ist sanftmütig, er hat sogar seinen Sohn geopfert
für uns Menschen. Es ist ein Gott, dem an den Menschen liegt."
Keltar funkelte ihn böse an.
"Keltar, um Himmels Willen, sag deine Meinung darüber bloß
nicht laut!" warnte ihn der Mann freundlich. "Ich habe
doch gesagt, wer bei der Ausübung der alten Religion erwischt
wird, wird hingerichtet."
"Ich dachte, der neue Gott kennt Erbarmen?" erwiderte
Keltar herausfordernd. Dann senkte er das Haupt, denn er wollte
wirklich keinen Streit mit dem ehemaligen Blemier, der sie so
freundlich empfangen hatte, anfangen. Eigentlich müsste diesem
ja daran gelegen sein, Sen-Amar an die Römer zu verraten, damit
er als Bay-Erbe keine Unruhen hervorrufen würde. Stattdessen saßen
sie hier zusammen und besprachen die Dinge.
"Was ist mit den Medjai?" erkundigte sich Keltar.
"Sind sie auch bekehrt worden?"
"Nein, ich glaube nicht. Deshalb haben sie sich ja in die Wüste
zurückgezogen, um der Christianisierung zu entgehen."
Keltar wusste es besser, aber er erwiderte nichts, sondern ließ
den alten Mann weiterreden.
"Ich habe erfahren, dass es unter ihnen Unruhe gab, dass sie
sich gegenseitig bekämpft haben. Aber vielleicht ist das nur ein
Gerücht..."
Keltar horchte auf. Er konnte sich nicht vorstellen, warum die
Medjai sich bekämpft haben sollten.
"Aber ihr solltet besser selbst in die Wüste reiten und
nachschauen. Es ist sowieso besser für euch beide, wenn ihr aus
Aswan verschwindet. Wenn ihr offiziell entlaufene römische
Sklaven seid... ich müsste euch eigentlich verhaften... es wäre
mir also lieber, ihr würdet in die Wüste ziehen..." Es war
ihm sehr unangenehm, sie praktisch fortzuschicken.
"Aus dem eigenen Palast verjagt", murmelte Amar enttäuscht.
Das bewirkte die Aufmerksamkeit des alten Mannes.
"Ich hätte nie gedacht, dass der Sohn von Winamun Bay
jemals zurückkehren würde! Ich bin froh, dass du noch lebst,
Sen-Amar!" In seinem Blick lag aufrichtige Warmherzigkeit.
Sicherlich tat es ihm selbst leid, dass er Keltar und Amar in die
Wüste verweisen musste. Er stand auf und forderte Amar auf:
"Komm einmal mit, mein Sohn!"
Sowohl Amar als auch Keltar folgten dem Verwalter. Er führte sie
in sein Schlafgemach, das einstens das Schlafgemach von Winamun
gewesen war. Während er dorthin ging, redete er:
"Ich habe deinen Vater geschätzt, mein Sohn, und ich habe
seine Waffen aufgehoben. Sie gehören rechtmäßig dir. Außerdem..."
- und sein Blick fiel mitleidig auf Keltar, der immer noch die
braune, kurze Römer-Tunika trug - "solltest du Keltar sein
Gewand wiedergeben, wenn ihr in die Wüste reiten wollt. Ich gebe
dir das deines Vaters. Er hatte es hier verwahrt und nur getragen,
als er in die Wüste ritt, daher ist es unversehrt." Er
reichte dem sichtlich bewegten Amar all die Sachen, von denen er
gesprochen hatte und gab ihm auch eine Kette mit einem Amulett
daran: "Sie hat mal deiner Mutter gehört. So trägst du von
beiden etwas."
Mit diesen Worten ließ er Amar und Keltar allein, die sich
umkleideten und dann den Palast verließen, um in die Wüste zu
reiten. Keltar schlug zielstrebig einen Weg ein. Amar wunderte
sich, wie Keltar sich in der Weite der Wüste zurechtfand und
woher er wusste, wohin er reiten musste, aber er wagte keinen
Einwand, sondern folgte ihm, aufrecht und stolz im Sattel sitzend.
Sie waren zwei Tage unterwegs gewesen. Wieder neigte es sich zur
Nacht und immer noch ritt Keltar sicher seines Weges. Rechts und
links zogen sich Hügelketten entlang, zwischen denen sie
praktisch hindurchritten. In der Ferne ragte etwas empor. Eine
Weile ritt Keltar noch weiter, dann verlangsamte er das Tempo und
beobachtete aufmerksam die Felsen zur Seite. Er hielt weiter auf
das Etwas, das sich vor ihnen abzeichnete, zu. Sen-Amar führte
sein Pferd dicht an Keltars Seite heran, um ihn zu fragen:
"Was ist das da vor uns?"
"Hamunaptra", erwiderte Keltar, ohne Sen-Amar weiter
darüber aufzuklären.
Vor dem riesigen, wie aufgespalten aussehenden Eingangstor zügelte
Keltar sein Pferd und sprang ab. Sen-Amar tat es ihm gleich.
Immer wieder richtete Keltar seinen Blick zu den Hügeln hinauf,
als suche er dort irgend etwas oder jemanden. Amar sah sich
irritiert um, beeilte sich aber, Keltar zu folgen, der eben durch
das Eingangstor schritt.
"Ist das ein Tempel?" erkundigte sich Sen-Amar und sah
sich neugierig um, konnte aber aufgrund der Dunkelheit nicht
allzu viel erkennen.
"Ja, auch", gab Keltar knapp zur Antwort.
"Und was wollen wir hier?"
"Die anderen Medjai treffen."
"Hier?"
"Ja, hier", sagte Keltar und ergänzte in Gedanken ein
"wo sonst".
"Aber woher wissen sie, dass wir hier sind?" Sen-Amar
war sichtlich irritiert.
"Sie..." Keltar unterbrach sich selbst und lauschte.
"Hörst du?"
Sen-Amar vernahm ein entferntes Pferdegetrappel, das sich rasch näherte.
"Da kommen sie schon!"
Bevor Sen-Amar weiterfragen konnte, ritten an die 15 schwarz
gekleidete Reiter durch das Eingangstor und umstellten sie. Sie
hatten ihre Säbel gezogen, aber kaum erblickten sie Keltar und
Sen-Amar, steckten sie sie zurück. Einer sprang vom Pferd und
ging auf Keltar zu.
"Keltar?" fragte er zögernd.
"Bagamun!"
"Keltar! Du bist zurück!" rief Bagamun freudig und
ging mit ausgebreiteten Armen auf Keltar zu.
Die beiden umarmten sich herzlich. Sen-Amar sah ich scheu um.
Alle Krieger trugen die gleichen Zeichen wie Keltar und starrten
sie beide ernst, aber auch mit unverhohlener Neugier an,
besonders ihn. Bislang hatte Sen-Amar seinen väterlichen Freund
als Außenseiter wegen seiner Tätowierungen ansgesehen, hier
aber fühlte Amar sich selbst auf einmal als Fremder. Er hörte,
wie derjenige, den Keltar mit Bagamun angsprochen hatte, sich
nach ihrem "Woher" erkundigte und wie Keltar alles kurz
erklärte. Dann zeigte Keltar auf ihn und fügte hinzu:
"Ich bringe euch den Sohn des Winamun Bay zurück!"
Sen-Amar fühlte, wie alle Blicke auf ihn gerichtet waren. Alle
sahen ihn an, als wäre er ein Wunder. Langsam schritt Bagamun
auf ihn zu, blieb dicht vor ihm stehen und sah ihn fest an. Dann
nickte er stumm, umfasste Sen-Amar und sprach:
"Sei gegrüßt, Sen-Amar, Sohn unseres letzten großen Anführers!
Willkommen zuhause!"
Sen-Amar war sehr bewegt, aber auch verunsichert. Bagamun
strahlte sehr viel Souveränität aus. Amar stotterte fast beim
Erwidern dieses Grußes.
"Ja, danke... ich bin froh, dass ich, dass wir, also, dass
wir hier sind..."
Je mehr ihn Bagamun anlächelte, desto unsicherer wurde er. Aber
er war auch neugierig. Das alles hier schien ihm so mysteriös.
Er zitterte mächtig vor innerer Erregtheit, aber riss sich
zusammen und deutete auf den hinter ihm liegenden Tempel:
"Wohnt ihr hier?"
Bagamun grinste und schüttelte zugleich den Kopf.
"Nein, aber ganz in der Nähe. Komm, Sen-Amar, lass uns
hinreiten!"
Während Bagamun sich auf sein Pferd schwang, umfasste Keltar die
Schultern seines Schützlings und führte ihn zu seinem Pferd.
Sie wurden von einig Kriegern in die Mitte genommen und ritten
gemeinsam noch ein paar Stunden durch die Nacht, während die
anderen Krieger zurückblieben.
Es war zu dunkel, um das Lager der Medjai genau erkennen zu können.
Bagamun führte die beiden zu einem der Lagerfeuer und ließ
Essen und heiße Getränke bringen. Dankbar umfasste Amar seinen
Becher. Er fror erbärmlich. Nachdem sie sich gestärkt hatten,
berichtete Bagamun, wie sie damals in die Wüste fliehen und sich
mühsam eine neue Existenz aufbauen mussten. Amar erfuhr, dass es
hier schon immer ein provisorisches Lager gegeben hatte, das nach
der Vertreibung durch die Römer und Äthiopier ausgebaut worden
war. Aber viele der Medjai konnten sich nicht mit einem Leben in
der Verbannung, in der Wüste, in der Primitivität, abfinden und
waren fortgegangen. Die Unzufriedenheit war groß gewesen und es
war sogar zu Auseinandersetzungen untereinander gekommen. Die Römer
zu bekämpfen hätte aber auch keinen Sinn, weil sie nur noch so
wenige seien. Zur Zeit lebten hier keine 100 Personen und ein
Verbünden mit den Blemiern war auch nicht möglich gewesen, weil
diese sich zum Christentum bekannt hatten. Diese lebten, wenn
auch mit Einschränkungen, immerhin in Frieden im Niltal. Bagamun
bekundete, dass er froh sei, dass der Sohn des Winamun Bay zurückgekehrt
sei, da er seinem Volk neue Hoffnung geben könnte. Sen-Amar
hatte aufmerksam dem traurigen Bericht von Bagamun, der zur Zeit
der Anführer der Medjai war, zugehört und meinte:
"Warum kehrt ihr nicht an den Nil zurück?"
"Weil wir dann Christen werden müssten", antwortete
ihm Bagamun. "Und wir dürfen uns von niemandem
kontrollieren lassen, nur von einem wirklichen Pharao." Er
schwieg eine Weile, wandte sich dann an Keltar:
"Er weiß es noch nicht?"
Keltar schüttelte den Kopf: "Nein, ich hielt es für besser,
dass er, solange er nicht hier sein würde, nichts erfahren
sollte... er muss sich erst als einer von uns erweisen."
Amar schaute von einem zum anderen. Bagamun nickte nachdenklich.
"Ab morgen werde ich ihn Wisman anvertrauen, er wird schauen,
was Sen-Amar noch alles lernen muss. Jetzt aber lasst uns
schlafen gehen, es ist schon spät."
Man wies Keltar und Sen-Amar ein Zelt zu. Sie legten sich auf die
Teppiche und bedeckten sich mit Decken, die aus Ziegenhaar gewebt
waren. Sen-Amar fror immer noch, so dass Keltar ganz dicht an ihn
heranrückte, seinen Arm um ihn legte, um ihn zu wärmen. Er
fragte sich, ob Sen-Amar sich hier wohl fühlen würde. Aber er
hatte keine andere Wahl, denn als Sohn von Winamun Bay müsste er
bald dessen Rolle übernehmen.
Tatsächlich fiel Sen-Amar die Eingewöhnung sehr schwer. Er
konnte zwar reiten und kämpfen, aber hatte Probleme mit dem
Umgang und dem Alltagsleben. Als er am ersten Tag bei Kampfübungen
mit Wisman seine schwarze Robe kurzerhand auszog, weil sie ihn
bei der Beinarbeit immens behinderte, sah dieser ihn streng an.
Sen-Amar fühlte sich gleich wohler, da er nur eine Hose trug und
sein Oberkörper unbedeckt blieb. So hatte er in Rom kämpfen
gelernt. Wisman aber kritisierte:
"Willst du dir die Haut verbrennen? Zieh dich wieder an!"
"Ich kann mich aber so besser bewegen beim Kämpfen und so
schlimm wird das mit der Sonne schon nicht sein", erwiderte
Amar, der wirklich keine Ambitionen verspürte, so verschwitzt
wie er war, das lange Gewand wieder anzuziehen. Wisman ließ ihn
gewähren. Amar freute sich schon auf ein kühles Bad, aber
selbst das wurde zum Problem. Als er später Wisman danach fragte,
wies dieser ihn den Weg zu einem nahen Gebirgszug, wo eine Quelle
sei. Am Abend tat Amar alles weh, was nur weh tun konnte, zudem
war ihm ganz übel und er erbrach sich in der Nacht. Keltar
machte sich große Sorgen, zumal Amar zu verstehen gab, dass es
ihm hier nicht gefiel und er nicht bleiben wolle. Keltar tröstete
ihn und hoffte, dass Amar sich mit der Zeit eingewöhnen würde.
Das geschah zwar allmählich, aber Amar bemerkte, dass er nicht
der einzige Unzufriedene im Lager war und dass viele sich nach
dem guten Leben am Nil zurücksehnten. Amar selbst wünschte sich
nach Italien zurück, zu dem mediteranen Klima, den grünen
saftigen Auen und der See - und nach seinem Freund Marcellus. Er
fragte sich oft, was Marcellus wohl in diesem Augenblick machen würde,
ob er ein Hauptmann geworden war und ob er auch manchmal an ihn
denken würde. Diese Gedanken kamen ihm, wenn er allein an der
Quelle im Schatten saß - der einzige Ort, der Amar hier gefiel.
Hier lernte er auch Jirena kennen. Sie war ein Jahr jünger als
er und konnte sich auch an die Ereignisse vor ca. zehn Jahren
erinnern. Weil so wenig Männer im Lager waren, hatte man auch
ihr das Kämpfen beigebracht, denn hier draußen war man ständig
Übergriffen räuberischer Banden ausgesetzt, die es auf ihre
Tiere, aber auch auf sie selbst abgesehen hatten. Ihre Freundin
sei entführt und versklavt worden. Amar berichtete von seiner
eigenen Zeit als Sklave und wünschte sie inständig, dass er
nicht noch einmal in die Sklaverei geraten möge - dem Willen
anderer untertan. Er nahm sich vor, härter und ernsthafter zu
trainieren. Tatsächlich strengte er sich fortan mehr an, Wisman
war endlich zufrieden und schlug Bagamun vor, Amar in das geheime
Wissen der Medjai einzuweihen. Sen-Amar verspürte inzwischen
auch keinen Drang mehr, diesen Ort zu verlassen, denn er hatte
sich längst in Jirena verliebt. Es freute Keltar sehr, als er
sah, dass Sen-Amar endlich glücklich zu sein schien. Sen-Amar
fragte Jirenas Vater um Erlaubnis, sie heiraten zu dürfen und er
stimmte zu. Aber zuvor sollte Sen-Amar ein Medjai werden. So ritt
Bagamun eines Tages mit ihm nach Hamunaptra und erklärte ihm
alles. Am nächsten Tag empfing er die Zeichen an den 14 dafür
vorgesehenen Stellen seines Körpers. Zwei Wochen später
heiratete er Jirena. Es war eine Zeit der Festlichkeiten. Alles
schien vollkommen, aber die Unzufriedenheit über das karge
Dasein hatte ihn nicht verlassen, sondern war nur betäubt worden
und fand Nahrung in den Klagen anderer Krieger. Noch sah man
Bagamun als Oberhaupt an, da er die Medjai in all den vergangenen
Jahren angeführt hatte. Aber es war klar, dass eines Tages Sen-Amar
diese Rolle übernehmen würde. Sen-Amar war sich dessen bewusst
und dachte oft über Sinn und Zweck seines persönlichen sowie
des Medjai-Daseins überhaupt nach.
Eines Nachts, als er wieder einmal mit anderen Kriegern auf Wache
vor Hamunaptra war, meinte er zu seinem Nachbarn zur Linken, der
sein Freund war:
"Ich kann nicht verstehen, warum wir die Römer nicht aus
dem Land treiben! Wir führen hier so ein elendes Leben, obwohl
dieses Land uns gehört, während die Römer es sich im satten
Niltal gutgehen lassen."
"Die Römer sind einfach zu stark", erwiderte der
Freund, der Karim hieß, "wir sind zu wenige, um sie aus dem
Land zu jagen."
"Wenn wir einen Aufstand des gesamten Volkes organisieren würden?"
Karim schüttelte mit dem Kopf: "Nein, vergiss das Volk! Sie
haben volle Bäuche, nach mehr fragen sie nicht. Sie haben
vergessen, wie es hier einmal war. Einige sind sogar hämisch,
weil wir so tief gefallen sind und jetzt hier draußen leben müssen.
Vielleicht sollten wir uns unterwerfen."
"Unterwerfen?" fragte Karims linker Nachbar verärgert
nach. "Das ist doch nicht dein Ernst! Das bedeutet Christ
werden und Steuern zahlen."
"Ja, aber dafür könnten wir in Frieden leben und außerdem
müssten wir nicht mehr hier draußen..." Karim konnte
seinen Satz nicht beenden, sein Nachbar fiel ihm ins Wort:
"Nie werden wir Christen! Eher lasse ich mir das Herz
rausreißen! Ich meine, wir sollten die Römer bekämpfen!"
"Aber wie?" fragte Karim. "Wir sind einfach zu
wenige. Und ständig werden wir weniger..."
Er spielte auf die Tatsache an, dass viele Medjai nach Theben
oder in andere Städte gingen und sich dort niederließen.
Bagamun konnte das nicht verhindern und war schon am Überlegen,
ob er diesen eigentlichen Gelübde-Bruch nicht mit dem Tod
bestrafen sollte, aber er war der Meinung, dass das nur noch mehr
Ärger geben würde.
Amar hatte still dem Gespräch der beiden gelauscht. Eine Idee
ging ihm im Kopf herum, aber er wagte sie nicht auszusprechen.
Stumm sah er auf Hamunaptra herab. Unvermittelt sagte er:
"Ihr glaubt daran?" Und er wies mit dem Kopf auf die
Stadt der Toten.
"Ja", antwortete Karim.
"Natürlich", meinte auch der Nachbar, "denkst du,
ich wäre sonst noch hier?"
Amar hatte immer seine Probleme damit gehabt, die Sache mit
Hamunaptra und dem, der nicht genannt werden darf, zu glauben.
Immerhin hatte er seine Jugend in Italien verbracht und war nicht
so involviert wie seine Kampfesgefährten, was Hamunaptra
anbelangte. Aber das konnte er natürlich nicht zugeben. Immerhin
verwarf er nicht die Möglichkeit, dass die Geschichte um
Hamunaptra wahr sein könnte. In dem Fall würde sie immense
Dinge ermöglichen können.
"Warum fragst du?" unterbrach Karim seine Gedanken.
"Weil... wenn das wahr ist, warum nutzen wir dann nicht die
Kräfte des Unnennbaren, um die Römer aus dem Land zu jagen?"
"Was?" stieß Karim aus, während sein Nachbar noch
verarbeitete, was Amar da eben von sich gegeben hatte.
"Ich meine", fuhr Amar unbeirrt fort, "wir haben
hier eine Geheimwaffe. Wir sollten sie auch nutzen! Immerhin
handelt es sich um eine Notsituation. Wenn wir wieder die Macht
in diesem Land hätten, fiele es uns dann nicht leichter, diese
Aufgabe hier wahrzunehmen?"
Die beiden schwiegen und sahen sichtlich irritiert auf die Stadt
der Toten hinab. Karim brach das Schweigen als erster:
"Aber wie willst du die Kräfte dessen, der nicht genannt
werden darf, denn nutzen?"
"Ganz einfach: ihn aufwecken und für uns kämpfen lassen!"
So - es war heraus, worüber er so lange nachgedacht hatte.
"Amar!" rief Karim entsetzt. "Das ist doch nicht
dein Ernst!"
Der Rest der wachehaltenden Medjai wurde aufmerksam und sah zu
ihnen hinüber.
"Doch", meinte Amar ruhig. "Wir wissen, wie wir
ihn erwecken können und könnten ihm weismachen, dass die Römer
seine Feinde sind. Wir würden dann gemeinsam mit ihm die Römer
aus dem Land verjagen. Es gibt doch nichts, was stärker ist als
er, oder?"
Karim und sein Nachbar schüttelten abwehrend ihre Köpfe.
"Du bist wahnsinnig geworden, Amar!" brachte Karim
schließlich hervor. Nun fühlte sich Amar angestachelt, seine
lange zurückgehaltenen Gedanken in aller Fülle auszubreiten.
"Ich meine, seit wieviel Jahren bewachen wir nun Hamunaptra?
Seit über 2000 Jahren! So langsam sollten wir auch mal was davon
haben. Was ist denn schon dabei, wenn wir ihn wecken, damit er
die Römer vertreibt? Wenn alles so bleibt, wie es ist, werden
wir auf lurz oder lang zugrunde gehen und dann kann ihn niemand
mehr bewachen noch hat jemand einen Nutzen davon."
Inzwischen hatten alle mitbekommen, welchen Vorschlag Amar da
unterbreitet hatte. Die Medjai steckten die Köpfe zusammen und
diskutierten Amars Vorschlag, wobei alle der Meinung waren, dass
diese Idee absolut verwerflich sei. Aber manch einer dachte doch
insgeheim weiter darüber nach. Karim aber maßregelte seinen
Freund:
"Amar, du bist wohl völlig übergeschnappt! Es ist unsere
Aufgabe, den Unnennbaren zu bewachen, damit er nicht zum Leben
erweckt werden kann. Das ist überliefert und so soll es sein!"
"Amen - würden die Christen sagen", spottete Amar.
Karim fürchtete um die Sicherheit seines Freundes, wenn dieser
weiterhin so unerlaubte Gedanken laut äußern würde, daher
beeilte er sich zu sagen:
"Amar, sei jetzt still und vergiss deine Idee! Das darf nämlich
nie, hörst du, nie geschehen!"
Leider fügte sein linker Nachbar hinzu:
"Ihm ist wahrscheinlich die Hitze mal wieder zu Kopf
gestiegen!"
Das stachelte Amar noch mehr an und er blickte ihn funkelnd an:
"Nein, ich scheine der einzige zu sein, der hier noch klar
denken kann! Überlegt doch mal: Jahrtausendelang haben wir wer-weiß-wen
hier bewacht..."
"Den, der nicht genannt werden darf!" korrigierte ihn
jemand.
"Ja doch! Jedenfalls hatten wir Ruhe! Nun aber ist eine
Situation eingetreten, die erforderlich macht, dass wir unser
geheimes Wissen einsetzen, das uns nämlich von unseren Ahnen
anvertraut worden ist, damit es uns zur Verfügung steht, damit
wir es sinnvoll nutzen! Was hat denn die Welt von einem" -
und er imitierte in hoher Stimmlage den, der ihn unterbrochen
hatte: "der nicht genannt werden darf?"
"Amar, jetzt schweig endlich still!" rief Karim
verzweifelt. "So darfst du nicht reden!"
"Karim", wollte Amar fortfahren, doch er sah dessen
flehenden Blick und vernahm das drohende Gemurmel um sich herum.
Er wusste, er musste jetzt einlenken, bevor es für ihn selbst zu
spät war. "Okay, okay, vergesst alles, was ich gesagt habe.
Es war nur so ein Gedanke."
Bald darauf setzte Schweigen ein, aber ein sehr unbehagliches. In
gedämpfter Stimmung ritt man später gemeinsam zum Lager zurück.
Niemand sprach über diesen Vorfall, aber in einigen Köpfen
kreisten Amars Gedanken unaufhörlich weiter.
Jahre vergingen, Jahre, die keine guten Ernteerträge brachten.
Zu allem Unglück wurde man in diesem Jahr von einer Dürre
heimgesucht. Man musste die Nilbewohner um Hilfe bei der
Lebensmittelversorgung bitten. Sen-Amar war mit einigen Kriegern
zur Stadt der tausend Tore geritten, aber niemand wollte von
seinen eigenen spärlichen Reserven abgeben. Außerdem fürchtete
man sich vor den hier residierenden römischen Besatzern, die
Kontakte zu Wüstenbewohnern, die sich ihnen und ihrer Steuer
nicht unterworfen hatten, sicherlich nicht gutheißen würden.
Enttäuscht, hungrig und müde kehrten sie heim und sahen schon
von weitem, dass sich alle Bewohner auf dem großen Platz
versammelt hatten. Als sie näher herankamen, erkannten sie, dass
es sich um eine Hinrichtung handelte. Durch die Not veranlasst,
hatte Bagamun vor einiger Zeit angedroht, jeden zu töten, der
durch eine Flucht sein Gelübde brechen würde. Es konnte sich
nur um einen Vorfall in diesem Zusammenhang handeln.
Sie stiegen schnell von ihren Pferden und traten zu den anderen.
Ein Freund klärte Sen-Amar leise über den Vorgang auf, und Sen-Amar
hatte Recht behalten: Bagamun wollte erstmals seine Androhung in
die schreckliche Tat umsetzen. Er wies den vor ihm stehenden
Medjai an, sich niederzuknien und wollte ihn enthaupten. Sen-Amars
Blick fiel auf die Familie des Kriegers, auf den Sohn, der nicht
älter zehn Jahre war und noch den Esel, mit dem man die Flucht
versucht hatte, an einer Leine hielt, auf die Ehefrau, die ihr
Baby im Arm hielt und heftig zitterte. Das Kind war etwa in dem
Alter wie Sen-Amars zweitgeborenes Kind. Und als er zurück zu
dem Mann blickte, über dem bedrohlich das Schwert Bagamuns sich
hob, hatte Sen-Amar auf einmal die Szene vor Augen, als sein
Vater enthauptet wurde.
"Nein!" schrie er und trat schnell vor. "Halt ein,
Bagamun! Das darfst du nicht!"
Tatsächlich ließ Bagamun das Schwert unverrichteter Dinge
sinken und sah Amar überrascht an. "Sen-Amar?"
"Wenn die Römer uns töten - dann soll es so sein. Aber
kein Medjai darf einen anderen Medjai enthaupten!" erklärte
Sen-Amar aufgeregt. In den Reihen der um sie Heurmstehenden erhob
sich ein Gemurmel.
"Sen-Amar", ermahnte ihn Bagamun streng. "Du weißt,
was ich angekündigt habe. Niemand darf den Ort mehr verlassen,
sonst werden wir das alle nicht überleben. Und jetzt tritt zurück
und füge dich..."
Amar unterbrach ihn abermals: "Du kannst es ihm doch nicht
verübeln, dass er seine Familie nicht verhungern lassen möchte!"
Wieder beifälliges Gemurmel. "Bagamun, lass Gnade walten!"
Bagamun jedoch sah ihn wütend an, er schüttelte mit dem Kopf
und hob entschlossen ein zweites Mal das Henkersschwert.
"Bagamun!" schrie Amar lauter und verzweifelter. "Höre!
Wir waren in Theben und niemand hat uns auch nur ein Reiskorn
gegeben. Sie haben uns verhöhnt."
Tatsächlich verfehlten diese Worte ihre Wirkung nicht. Bagamun
ließ abermals das Schwert sinken.
"Und sie haben doch auch Recht!" fuhr Amar fort. "Sie
sagen zu Recht, warum arbeiten wir nicht wie sie? Wir sitzen hier
scheinbar untätig in der Wüste, drücken uns vor der Steuer und
wollen auch noch schmarotzen. Das sagen sie! Für sie haben wir
die Berechtigung am Dasein verloren. Es herrschen dort jetzt
andere. Wir sind wie tot für sie!"
Amar steigerte sich immer mehr in seine Worte und fuhr immer
lauter werdend fort:
"Sie haben Recht! Wir sind ein totes Volk! Wir haben keine
Funktion mehr... Warum bleiben wir noch hier? Wozu? Was soll das
noch alles..."
Jirena drückte an der Seite ihre fünfjährige Tochter an sich
und sah besorgt auf ihren Mann. Ihren kleinen Sohn hielt sie im
Arm.
Keltar trat zu Amar und umfasste ihn von hinten.
"Beruhige dich, mein Sohn!" sagte er beschwichtigend.
"Ich bin nicht dein Sohn!" entgegnete Amar trotzig.
"Ich bin der Sohn von Winamun Bay und ich fordere euch alle
jetzt dazu auf, dieses Leben hier aufzugeben! Es hat keinen Sinn
mehr. Es ist vorbei. Wir gehören nicht in die Wüste, sondern an
die üppigen Ufer des Niles."
Tief erschrocken sahen die anderen abwechselnd ihn und Bagamun an.
Was sollten sie tun? Auch Bagamun hatte eine Weile verunsichert
geschwiegen, doch sprach dann ruhig:
"Sen-Amar, Sohn unseres toten Anführers, du lebst nun schon
seit sechs Jahren hier. Du kennst unsere Aufgaben und nichts,
keine Römer, keine Dürre, darf uns davon abhalten. Jeder, der
das Lager hier verlässt, bricht einen heiligen Eid."
Der eigentlich zum Tode Verurteilte hatte sich inzwischen erhoben
und warf ein:
"Was gilt ein Eid gegenüber dem Leben der eigenen Familie,
Bagamun?"
Verwundert sah ihn Bagamun an und erwiderte in aller Deutlichkeit:
"Muss ich dich daran erinnern, muss ich euch alle daran
erinnern, dass ihr geschworen habt, bis in den Tod das Geheimnis
von Hamunaptra zu wahren und zu schützen? Euer Leben dafür zu
geben, dass der, der nicht genannt werden darf, nie wieder zum
Leben erweckt wird? Und jetzt, da es nicht mehr so einfach
scheint wie früher, dieser Aufgabe nachzugehen, da wollt ihr
entfliehen? Weichlinge seid ihr!"
Die Medjai schwiegen betreten, nicht aber Amar.
"Hamunaptra!" rief er verächtlich, während sich Karim
und ein anderer unheilahnend anschauten. "Weil vor 2000
Jahren irgend etwas passiert ist, wofür sich unsere fernen
Vorfahren verantwortlich zeichnen, müssen wir jetzt hierbleiben
und etwas bewachen, von dem wir gar nicht so sicher wissen, ob es
das überhaupt gibt? Wisst ihr, was in dieser Zeitspanne alles
falsch überliefert werden konnte? Vielleicht stimmt das ja alles
gar nicht, vielleicht ist auch längst der Fluch unwirksam
geworden, vielleicht ist der Imh... der nicht genannt werden darf,
gar nicht so schlimm, vielleicht... ach!" Er winkte ärgerlich
ab. "Es gibt tausend Einwände! Tausend Ungeklärtheiten!
Aber wir bleiben hier und verhungern lieber, als mal nachzuprüfen,
was an der Sache wirklich dran ist."
"Amar! Es reicht jetzt!" rief Keltar zornig. Ein Teil
der Medjai empörte sich laut. Bagamun sah Amar ärgerlich an und
trat vor ihn:
"Sen-Amar, da du so redest, hast du dein Leben verwirkt!"
Erschrocken wurde er von Keltar angestarrt.
"Willst du mich jetzt auch töten?" fragte Amar
herausfordernd.
"Du bist deiner Ahnen unwürdig, ja, ein Verräter!"
warf ihm Bagamun vor.
"Ich schlage lediglich vor, dass wir uns mal davon überzeugen,
was dort in Hamunaptra überhaupt ist. Ob wir hier überhaupt
noch gebraucht werden." Einige Medjai nickten zustimmend,
wie Bagamun und Keltar entsetzt feststellten.
"Und außerdem", fügte Amar hinzu, der sich durch
nichts von seinem Protest abbringen ließ, "wenn der, der
nicht genannt werden darf, wirklich so mächtig ist, vielleicht könnte
man mit seiner Hilfe die Römer vertreiben."
"Wie bitte?" brachte Keltar fassungslos hervor.
"Alles, was ich fordere, ist mal nachzuschauen!"
funkelte ihn Amar an und wandte sich sogleich an alle
Herumstehenden: "Also, wer ist meiner Meinung und schließt
sich mir an? Lasst uns jetzt gleich hinreiten, in den Tempel
gehen und nachschauen!"
Sofort traten fünf Krieger hinter Amar, während ein paar andere
zögerten, aber sehr am schwanken waren. Andere lehnten
allerdings Amars Vorschlag kopfschüttelnd ab.
"Jeder, der mit Amar geht, ist - wie er - des Todes!"
brüllte Bagamun und versuchte, seine Autorität wiederzuerlangen.
Keltar und Jirena sahen Amar traurig an.
"Ich finde nicht, dass Amar den Tod verdient hat",
ereiferte sich da einer der Älteren, von denen Bagamun das nicht
erwartet hatte. Ungläubig sah er ihn an. Der sprach weiter:
"Was ist an seinem Vorschlag, mal nachzuschauen, so schlimm?
Was riskieren wir schon dabei?"
"An für sich hat Amar mit seinen Einwänden doch recht",
ergänzte ein anderer.
Amar kam es nicht auf ein Machtkampf mit Bagamun an, er wollte
die Sache jetzt klären. Also sagte er:
"Ich reite jetzt nach Hanunaptra. Wer immer mir folgen will,
kann das tun! Doch du, Bagamun, halte uns nicht auf! Nimm hin,
dass sich die Dinge ändern, dass Ereignisse neue Taten als die
ewig gleichen erfordern!" Mit diesen Worten wandte er sich
abrupt um und ging zu seinem Pferd. Ein Dutzend Krieger folgte
ihm sofort, ein weiteres Dutzend überlegte, aber es war
abzusehen, dass auch die meisten von ihnen Amar folgen würden.
Das wären dann mehr als die Hälfte aller erwachsenen Krieger
gewesen. Bagamun konnte es nicht fassen, was vor sich ging, aber
er war fast machtlos dagegen. Sollte er befehlen, dass die
anderen Medjai über die Abtrünnigen herfallen sollten? Würden
sie das überhaupt tun? Vielleicht würden dann auch noch die
letzten Verbleibenden sich Amar zuwenden. Bagamun, Keltar und die
übrigen sahen traurig zu, wie über 20 meist junge Krieger mit
ihren Pferden davonstürmten, um Hamunaptra Geheimnisse zu entreißen.
"Sie werden alle den Tod finden", sprach Bagamun leise,
aber Keltar konnte es hören und wusste, dass Bagamun damit nicht
den Tod durch ihre Hand gemeint hatte.
Nach der stürmischen Abreise von Sen-Amar und seinen 21
Gefolgsleuten brachen auch die restlichen zwei Dutzend Krieger
auf, außerdem fünf Frauen, die ebenfalls wie die Männer voll
bewaffnet waren. Die übrigen Frauen, die auch mehr oder weniger
des Kämpfens fähig waren, blieben im Lager, um die Kinder,
Greise, Tiere und Habseligkeiten zu bewachen.
Sen-Amar hatte vielleicht einen Vorsprung von einer guten Stunde,
aber Bagamun und die seinen folgten ihm nicht bis nach Hamunaptra
hinab, sondern bezogen auf dem Berghang ihren gewöhnlichen
Posten.
"Warum reiten wir ihnen nicht hinterher und halten sie davon
ab?" wollte Keltar wissen, der in der Rangfolge gleich
hinter Bagamun kam, da er ein alter Freund und Kampfesgefährte
von Winamun war.
"Es hat keinen Sinn", gab ihm Bagamun düster zur
Antwort. "Wir können sie nicht aufhalten. Wenn wir es
versuchen würden, dann käme es unweigerlich zu einem Kampf mit
ihnen."
"Aber wir müssen doch verhindern, dass sie irgendeine
Dummheit begehen. Wenn sie die Kreatur aufwecken..."
"Ich hoffe, dass das nicht passieren wird."
"Aber... sie haben immerhin den Schlüssel!"
"Ja, aber sie wissen nicht, wo das Buch ist. Und ohne können
sie ihn, der nicht genannt werden darf, nicht erwecken."
"Sie werden so lange suchen, bis sie es gefunden haben. Das
dürfen wir doch nicht zulassen. Wir können doch nicht hier oben
so ruhig mitansehen, wie..." Keltar überschlug sich vor
Sorgen, während Bagamun ganz ruhig blieb, aber auch irgendwie
apatisch wirkte.
"Keltar, es ist vorbei. Wir können nichts mehr tun",
meinte er niedergeschlagen.
Keltar ließ den Kopf traurig hängen. Bagamun hatte Recht. Sen-Amar
und die seinen waren längst in das fluchbeladene Hamunaptra
eingedrungen. Sie würden wahrscheinlich alle dort den Tod finden.
Bestenfalls. An das "Schlimmstenfalls" wagte Keltar gar
nicht zu denken. Dann schaute er sich besorgt um. Nur noch 25
ausgebildete Krieger, ein paar wehrhafte Frauen und ihre Kinder...
mehr waren nicht geblieben von ihnen, die dazu bestimmt waren, über
diesen Ort des Unheils zu wachen. Über kurz oder lang würde es
sie nicht mehr geben. Sie waren zu wenige, um sich gegenüber den
Gefahren der Wüste zu behaupten, um zu überleben.
"Das ist das Ende, nicht wahr?" raunte er leise.
Bagamun erwiderte nichts. Stumpf blickte er auf dievor ihnen
liegende dunkle Tempelanlage.
"2000 Jahre... und hier geht alles zu Ende", sprach
Keltar weiter.
"Nichts ist zu Ende, Keltar. Der Tod ist nur der Anfang. Dem
Unnennbaren wird es eines Tages gelingen, als Untoter wieder
aufzuerstehen. Doch dann wird es keine Medjai, die um dieses
Geheimnis wissen, mehr geben. Es wird die Apokalypse werden. Wir
haben versagt", schloss Bagamun seine düsteren Vorahnungen.
Sie starrten noch eine ganze Weile auf die Stadt der Toten hinab,
versunken in ihre dunklen Weltuntergangsgedanken.
Auf einmal erhob sich ein Lärmen von unten. Schreie drangen auf
die Hügelkette hinauf, schallten durch die Nacht. Bagamun und
Keltar sahen sich erschrocken an.
"O Isis!" stieß Bagamun aus.
"Lass uns nachschauen!" rief Keltar.
Bagamun nickte und befahl, dass die Hälfte aller Krieger hier
oben weiterhin Wache halten sollte. Unter denen, die mit ihren
Pferden hinabstieben, war auch Jirena, die eine Art Rüstung trug
und fest entschlossen war, dem Schicksal ihres Gatten in die Auge
zu schauen. Ihre beiden Kinder hatte sie ihrer Mutter anvertraut.
Je näher sie kamen, desto lauter wurde das Getöse. Nachdem sie
das Eingangstor passiert hatten, stiegen sie von den Pferden.
"Schaut dort!" rief einer der Krieger aufgeregt und
wies auf eine dunkle Stelle vor einer Mauer, die sich bewegte.
Sofort rannten einige hinüber, während andere den
Eingangsbereich im Auge behielten, denn von innen her hörte man
immer noch diesen schrecklichen Lärm.
An der Mauer lehnte einer der Männer aus dem Gefolge von Sen-Amar.
Er war übel zugerichtet. Blut, das aus einer Platzwunde am Kopf
strömte, rann ihm über das Gesicht. Der rechte Arm war zerfetzt.
Mit dem linken Arm hielt er seinen Bauch und keuchte. Als er die
anderen angerannt kommen sah, schrie er laut:
"Geht weg von hier! Flieht!"
Doch Bagamun ließ sich davon nicht beirren. Schnell war er bei
dem Verletzten.
"Was ist passiert? Rede!"
"Da drinnen...", ächzte er, "es ist furchtbar...
Dämonen..."
Bagamun schüttelte ihn, so dass er laut aufschrie und fragte
laut: "Was habt ihr gemacht?"
Bevor er antworten konnte, reichte ihm ein anderer Medjai Wasser.
"Wir haben...", keuchte der Verletzte, nachdem er einen
ausgiebigen Schluck zu sich genommen hatte, "Sen-Amar hat
Inschriften gefunden... an den Wänden...und hat sie laut
vorgelesen."
"O nein!" stieß Bagamun aus. "Was waren das für
Inschriften?"
Der Krieger stöhnte vor Schmerzen.
"Schnell! Sprich!" forderte ihn Bagamun auf, der nicht
eher den Ort verlassen wollte, bevor er darüber informiert war,
was hier in den vergangenen Stunden vor sich gegangen war.
"Anrufungen.... an irgendwelche Priester.... oder so..."
Keltar, der auf der anderen Seite des Verletzten stand, und
Bagamun sahen sich mit entsetzten Blicken an.
"Und dann?" fragte Bagamun weiter.
"Wir sind weitergegangen, hatten... ein paar Fackeln... und
einer stieß mit der Schulter an die Wand eines Ganges, da fiel
ein versteinerter Skarabäus hinab, öffnete sich und..."
Keltar schüttelte fassungslos mit dem Kopf und murmelte etwas
vor sich hin.
"Wir rannten durch die Gänge... zu wenige Fackeln... und da
war ein großer Raum... auf einmal tauchten Schatten auf...Skelette"
"Was?" fragte Bagamun ungläubig nach.
"Acht oder neun... ich weiß nicht... sie haben uns sofort
angegriffen... sie hatte langen, zweizackige Messer es war...ein
einziges Blutbad..."
"Habt ihr sie vernichtet?" wollte Bagamun wissen.
"Ja... ich glaube... ich bin durch einen anderen Gang zurück,
vor mir Duram und Yoseth... Yoseth hatte eine Fackel... sie stürzten
beide in eine Fallgrube... ich konnte mich gerade noch halten...
unten sah ich neben der Fackel Schlangen, viele Schlangen... und
hörte schreckliche Schreie... ich tastete mich im Dunkeln weiter
bis hier nach draußen..."
"Und die anderen?"
"Ich weiß nicht... ich...", brachte er gequält hervor.
Inzwischen drang von innen kein Geräusch mehr zu ihnen hinaus.
"Wer von euch hatte den Schlüssel?" fragte Bagamun.
"Amar... hatte ihn...aus dem Schrein genommen..."
"Hat er ihn benutzt?"
"Nein... wir wollten zum Sarkophag, aber... es... der Weg
war... versperrt und... Amar hat diese Inschrift... und dachte...
sie würde etwas öffnen oder.. so..."
"Der Narr hat damit die Priester zum Leben erweckt,"
sprach Keltar ärgerlich und wandte sich an Bagamun: "Es ist
ruhig da drinnen geworden. Wir müssen nachsehen. Lass einige
bewaffnet und mit genügend Fackeln hineingehen."
Bagamun nickte. Er befahl zwei Männern, den verletzten Medjai
auf den Hügelkamm zu bringen und zu versorgen. Er selbst führte
den Trupp an, der sich nun in den Tempel hineinwagte. Keltar
wartete mit einigen anderen und Jirena draußen.
Die Krieger folgten Bagamun, der sich sehr vorsichtig vorwärts
bewegte und den Boden gut ausleuchtete, bevor er einen Schritt
nach vorn wagte. Als er an einer Schrägwand angelangt war,
leuchtete er gegen die Wand und sah die verhängnisvolle
Inschrift, wies die anderen daraufhin. Wie konnte Sen-Amar nur
gewagt haben, diese laut zu lesen? Sie kamen durch den Gang mit
den Skarabäen und Bagamun warnte die anderen vor ihnen. Keine
vier Meter weiter lag ein durch Feuer entstellter Körper. Um den
Hals baumelte noch ein Amulett. Bagamun kniete sich nieder und
hob es auf. Er sah entsetzt auf das Skelett hinab und reichte das
Amulett einem anderen Krieger, der ihm nachfolgte. Auch er
starrte erschrocken auf die Leiche. Das Amulett hatte seinem
Neffen gehört.
"Sie haben Fackeln auf ihn geworfen, damit der Skarabäus
getötet wird", erläuterte Bagamun.
Es dauerte nicht lange und sie kamen in den großen Raum und überblickten
sofort die Verwüstung, die der verzweifelte Kampf vor nicht
allzu langer Zeit hier hinterlassen hatte. Leichen, Knochenteile
und Waffen lagen überall herum. Manch einer umklammerte noch den
Knauf seines Schwertes. Bagamun schüttelte fassungslos mit dem
Kopf, dann zählte er langsam die toten Medjai und erblickte auch
die Teile, die zu den Priestern gehören mussten.
"Neun", meinte er tonlos zu einem anderen Krieger.
"Die neun heiligen Einbalsamierer. Sie wurden - Isis sei
Dank - alle erledigt."
In Gedanken zählte er zusammen. Hier lagen vierzehn tote Krieger,
einer war von dem Skarabäus getötet und verbrannt worden, zwei
waren in die Schlangengrube gefallen und einer war verletzt
entkommen. Es fehlte noch vier weitere Krieger, unter anderem Sen-Amar,
der nicht unter den Erschlagenen lag.
Er winkte den anderen, ihm zu folgen. Langsam durchschritten sie
die Gänge. Es dauerte Stunden. Sie fanden noch zwei weitere tote
Krieger. Sie hatten keine Fackeln dabei gehabt und waren
Taranteln zum Opfer gefallen. Schließlich verließen sie den
Tempel weiter hinten und betraten einen Säulenhof. Bagamun
gewahrte Blut und Fußspuren im Sand und folgte ihnen. Sie
bildeten ein Zickzack und führten bis zur Anubis-Statue. Schon
von weitem sah Bagamum, dass dort einer der beiden weiteren
Vermissten zusammengebrochen lag. Bagamun hatte ein wenig Scheu,
sich der riesigen Statue zu nähern, aber trat schließlich zu
dem Krieger. Es handelte sich um Amar. Er war tot, seinen
zahlreichen Verwundungen erlegen und bot einen schrecklichen
Anblick: Wo einst Augen waren, sah man blutige, matschige Löcher,
eine klaffende Wunde führte weiter bis zum rechten Ohr, eine
Hand fehlte und das linke Bein war vom Oberschenkel an bis zu dem
Fuß aufgeschlitzt. In seinem Schmerzeswahn hatte er sich blind
bis hierher geschleppt. Die Männer traten erschrocken einen
Schritt zurück. Bagamun aber untersuchte die Leiche. Er fand
nicht, was er suchte: den Schlüssel. Besorgt sah er zu den Männern
auf und befahl:
"Sucht entlang der Spuren von Sen-Amar! Wir müssen den Schlüssel
finden!"
Sie gingen langsam den Weg zurück und durchstocherten den Sand.
Aber sie fanden den Schlüssel nicht.
Bagamun wickelte indessen Sen-Amar vollständig in seiner
schwarzen Robe ein, denn er wollte nicht, dass Jirena ihn so sah,
dann schulterte er die Leiche und kehrte außen um den Tempel
herum zu Keltar und den anderen zurück. Als er Jirena gegenüberstand,
schüttelte er mit dem Kopf. Das war eindeutig. Sie stieß einen
erstickten Schrei aus. Ihr traten Tränen in die Augen. Fragend
sah sie auf die Leiche und Bagamun nickte bestätigend. Entsetzt
gewahrte sie, wie Blut auf die Erde tropfte.
"Sieh ihn dir nicht an, er ist übel zugerichtet",
meinte Bagamun traurig. Auch Keltar kämpfte mit den Tränen. Sen-Amar,
sein Schutzbefohlener, über den er wie über einen Sohn gewacht
und nach Ägypten zurückgeführt hatte, war tot, war Hamunaptra
zum Opfer gefallen. Jirena schluchzte, fiel auf die Knie und
schrie laut und klagend auf. Lange verharrte sie so.
Bagamun legte die Leiche über sein Pferd. Man wartete noch eine
ganze Weile auf die Suchenden, die aber erfolglos zurückkehrten.
Sie waren sogar noch einmal durch den Tempel gegangen, aber
hatten nirgendwo den Schlüssel gefunden. Allerdings waren auch
keine weiteren Priester aufgetaucht und ähnliches. Noch einmal
war man dem Allerschlimmsten entronnen.
Die wartenden Medjai waren zwischenzeitlich mehrmals um den
Tempel herumgegangen und hatten den letzten vermissten Krieger
gefunden, der sogar noch am Leben war. So kehrte man mit den
beiden Überlebenden ins Lager zurück. Man tötete sie nicht für
ihren Frevel, denn sie waren bereits gestraft genug. So konnten
sie auch ihre schreckliche Erlebnisse weitergeben, die künftigen
Generationen zur Mahnung dienen sollten.
Bagamun und Keltar beschlossen, ihrem Schicksal zu trotzen und
weiter in der Wüste auszuharren. Die Medjai hatten die Schrecken
der Stadt der Toten am eigenen Leib erfahren und sie ahnten, dass
sie diesmal sogar noch sehr, sehr glimpflich davongekommen waren.
So beschlossen sie, ihre Aufgabe nie wieder in Frage zu stellen.
Egal, wie hart das Leben in der Wüste werden würde, sie würden
hier bleiben und wachen.
Ein paar Tage später näherte sich eine Karawane. Es handelte
sich um einige vor vielen Jahren zum Niltal abgewanderte Medjai.
Sie hatten von Sen-Amars Besuch in Theben und seinen Bitten um
Nahrungsmittel gehört und wollten ihre ehemaligen Kameraden
nicht so im Stich lassen. Sie brachten Lebensmittel und andere
Dinge. Zwar blieben sie selbst nicht im Lager, aber sie sicherten
ihre Unterstützung von Theben und anderen Orten aus zu. Somit
war die Versorgung vorerst gesichert.
Die Medjai blieben in dem Wüstenlager. Wie einst ihre Vorfahren
vor der Zeit des Neuen Reiches führten sie ein Leben als
Beduinen. Keltar lebte noch einige Jahre und sah die Kinder
seines Schützlings Sen-Amar aufwachsen. Er überreichte beiden
die Sachen, die ihrem Vater gehört hatten und die er vor dessen
Verbrennung ihm abgenommen hatte: Der Sohn erhielt die Kette, die
Marcellus einst Sen-Amar zum Abschied überreicht hatte und die
Tochter das Amulett von Sen-Amars Mutter.
Bianca M. Gerlich
23. März 2002