Zeiten
der Veränderungen (Autor: Bianca M. Gerlich)
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SEN-AMAR (Teil 1)
Rom 556 n. Chr.
Keltar stand vor den Stallungen und sah dem Treiben zweier 16jähriger
Jungen zu, die auf der Weide, die neben den Ställen lag, auf
einem Pferd zu voltigieren versuchten. Einer, der hellhäutigere
von beiden, saß auf dem Pferd und ließ es gleichmäßig traben,
während der andere hinter ihm aufrecht auf dem Rücken des
Pferdes stand und die Arme zum Balancehalten ausgebreitet hielt.
"Komm, steh auch auf!" rief er dem anderen zu. Der tat
wie geheißen und für eine Weile standen beide aufrecht
hintereinander auf dem Pferderücken. Man hätte sie für Zirkuskünstler
halten können, so gut waren sie aufeinander eingespielt.
Der hellhäutigere trug eine weiße, bis zu den Knien reichende
Tunika, die in der Mitte von einem prächtigen Gürtel gehalten
wurde. Die Schnalle stellte einen Adler dar. Sein braunes Haar
hatte er mit einem Band zusammengebunden, damit es ihm beim
Reiten nicht ins Gesicht fallen würde. Sein Vater, ein römischer
Patrizier, wäre gewiß wenig erbaut über die Voltigierkünste
seines Sohnes.
Der andere, der offensichtlich kein Römer war, trug ebenfalls
eine Tunika, aber mit einem einfachen Ledergürtel. Im Gegensatz
zu seinem Freund trug er keine Sandalen. Sein schwarzes Haar trug
er offen, es flatterte wild im Wind. Sein Gesicht wies bereits
einen Bartansatz auf.
Keltar beobachtete beide ein Weile und eine tiefe Sorgenfalte
zeichnete sich auf seiner Stirn ab. Nicht nur, dass sein Schützling
Sen-Amar nun schon so lange ein Sklave der Römer war, nein: Sen-Amar
schien sich obendrein damit abgefunden zu haben. Willig gehorchte
er seinem Herrn, dem Vater dieses Römerjungen, zudem verband ihn
auch noch so etwas wie eine Freundschaft zu diesem Sohn, dem Sohn
eines Feindes! Keltar nahm sich vor, bald mit Sen-Amar über
diese Dinge zu sprechen und ihn daran zu erinnern, wer er
eigentlich war. Verärgert stapfte er davon.
Die beiden Jungen waren inzwischen von ihrem Pferd abgesprungen
und hatten es sich im Gras bequem gemacht.
"Du wirst immer besser, Marcellus", lobte ihn der
dunkelhäutigere.
"Danke", erwiderte der Angsprochene, "aber du hast
mir echt toll geholfen. Wenn du mich nicht zu Beginn festgehalten
hättest, wäre ich heruntergefallen. Wie hast du eigentlich so
die Balance halten können?"
"Ach, wenn man den Bogen einmal raus hat....".
"Dir scheint das Reiten echt im Blut zu liegen, Amar!"
Amar lachte und meinte dann: "Wollen wir mal hoffen, dass
dein Vater nicht mitkriegt, wie wir hier das Kunstreiten üben."
"Das schickt sich nicht für einen römischen Soldaten",
äffte Marcellus die Stimme seines Vaters nach. "Und du,
Amarius", fuhr er in dem gleichen Tonfall fort, "gehst
jetzt sofort in die Küche und hilfst dort!" Amar lachte bei
der ersten Hälfte dieser Imitation, aber nach der zweiten rief
er schlagartig aus:
"Achherrje! Küche! Ich sollte Gemüse putzen!" Er
sprang auf. "Tut mir leid, Marcellus, aber ich muss gehen...
vielleicht sehen wir uns noch heute Abend."
"Warte", wandte der Römer ein, der Amars ängstlichen
Gesichtsausdruck bemerkt hatte, "ich begleite dich und
entschuldige dich bei Orungus, damit er dich nicht wieder schlägt."
Amar lächelte ihm dankbar zu. Wenn er nicht pünktlich bei der
ihm anbefohlenen Arbeit erschien, konnte Orungus, der Küchenchef,
sehr wütend werden.
Sie rannten zum Hauptgebäude hinüber und so schnell wie möglich
in die große Küche, in der schon einige Diener mit dem
Vorbereiten der Hauptmahlzeit, dem Abendessen, beschäftigt waren.
"Wo kommst du jetzt erst her?" donnerte der Küchenchef
Amar an und zog die gefürchtete Gerte aus seinem Gürtel.
"Ich habe ihn aufgehalten", sprach Marcellus dazwischen.
Amar zu verprügeln, war eine Sache. Er war nur ein Sklave, und
in dem Moment, wo er in der Küche helfen sollte, war er ihm, dem
Küchenchef, untergeben, der gern in seiner Macht über das ihm
anvertraute Personal schwelgte. Aber die Fürsprache Marcellus
war eine andere Sache. Er war der Sohn des Herrn des Hauses und
sein Wort konnte er nicht so leicht übergehen. Eines Tages würde
er selbst Herr des Hauses sein und es war besser sich mit ihm frühzeitig
gutzustellen. Also steckte er die Gerte wieder zurück in den Gürtel.
Aber natürlich konnte er sich nicht vor seinen Untergebenen so
blamieren, indem er ohne Widerworte den Einwand des jungen Herrn
hinnahm.
"Das nächste Mal hat er pünktlich hier zu sein. Wenn nicht,
ergeht es ihm schlecht und ich bin gezwungen, deinem Vater zu
melden, dass du seine Sklaven von der Arbeit abhälst!"
"Entschuldige bitte, Orungus", meinte Marcellus versöhnend,
denn ihm war klar, dass sein Freund es auszubaden hätte, wenn er
diesem aufgeblasenen Küchenmonster Widerworte geben würde.
"Es soll nicht wieder vorkommen."
Amar stand die ganze Zeit über mit gesenktem Kopf da und wagte
weder Orungus noch Marcellus anzublicken. Sobald Marcellus den
Raum verlassen hatte, ergriff ihn Orungus am Oberarm, schubste
ihn zu seinem Arbeitsplatz hinüber und brüllte: "Und jetzt
sieh zu, dass du an deine Arbeit kommst und sie ordentlich machst,
Freundchen, sonst kannst du was erleben."
Er konnte es nicht leiden, dass Amar gleich zwei starke Beschützer
auf diesem Anwesen gefunden hatte: zum einen Marcellus, zum
anderen diesen finsteren Keltar, der eigentlich auch ein Sklave
war, aber aufgrund seines fortgeschrittenen Alters sich nur
selten nützlich zu machen brauchte. Der Herr schätzte seine
Kenntnisse, was Pferde anbelangte, und behandelte ihn deshalb
zuvorkommend. Keltar war Orungus an körperlicher Kraft überlegen
- trotz seines Alters, und daher wollte der Küchenchef auch
nicht riskieren, mit ihm aneinanderzugeraten. Seine Wut darüber
ließ er an Amar aus, denn er hatte die Gewalt über ihn. So
lange der Junge nach einer Bestrafung noch arbeiten konnte und
nicht tagelang ausfiel, hatte sein Herr dagegen nichts
einzuwenden. Und wenn Keltar eines Tages nicht mehr sein würde,
dann würde Orungus sich den schönen Knaben schon für sein Bett
zähmen können...
Amar bemerkte den lustvollen Blick, der auf ihm ruhte, und
beeilte sich, seine Arbeit noch schneller, noch besser zu machen.
Wenn doch Orungus nicht wäre! Wenn doch Marcellus' Vater nicht
so streng wäre! Wenn er selbst doch kein Sklave sein würde...!
Spät am Abend, als alle Arbeit nach dem Abendmahl der römischen
Familie erledigt war, betrat Amar müde das Schlafgemach, das er
und Keltar teilten. Keltar war so etwas wie ein väterlicher
Beschützer für ihn, daher redete er ihn mit "Vater"
an, auch wenn er natürlich nicht mit ihm verwandt war. Aber er
war der einzige aus seinem Volk, der mit hierher gekommen war.
"So spät, Amar?" fragte Keltar, erhob sich und trat
seinem Schützling entgegen. "Du solltest noch ein paar
Schreibübungen machen."
Amar nickte und trat an den Holztisch, wo seine Schreibutensilien
lagen. Keltar brachte ihm außer Reiten, Kämpfen mit Schwert,
Faust und Speer die Hieroglyphenschrift bei, er ließ ihn
allerlei Sprüche und Weisheiten auswendig lernen und sorgte dafür,
dass er die Bräuche seines Volkes nicht vergaß. Für Amar
hatten diese Übungen stets etwas Bedrückendes an sich, weil sie
ihn an eine ferne, sehr schmerzvolle Vergangenheit erinnerten,
mit der er sich lieber nicht auseinandersetzen wollte. Außerdem
war er abends oft sehr müde von der vielen Hausarbeit und hätte
sich lieber ausgeruht, doch Keltar ließ nicht locker. Er rief
Amar ständig ins Gedächtnis, woher er stamme, wer er sei und
dass es seine Pflicht wäre, all das zu lernen. Amar fragte sich
zwar, wofür er all das lernen sollte, aber für Keltar schien es
außer Frage zu stehen, dass er, Amar, eines Tages zurückkehren
würde, um den "Thron" seines Vaters zurückzuerobern.
Amar zweifelte sehr daran, wagte aber nicht, diese Zweifel laut
zu sagen. Auch an diesem Abend setzte er sich widerstandslos an
den Tisch und griff zur Feder. Keltar stand hinter ihm und
erblickte die blutigen Striemen, die aus dem Gewand hervorlugten.
"Haben sie dich wieder geschlagen?" meinte er dumpf.
Amar nickte und senkte seinen Kopf. Normalerweise strich Keltar
ihm tröstend übers Haar und ermahnte ihn, tapfer durchzuhalten,
bis sich die Gelegenheit zur Flucht ergeben würde. Aber dieses
Mal verharrte Keltar in seiner Position und meinte kühl:
"Bist du es nicht leid immer geschlagen zu werden?"
Amar neigte den Kopf leicht zur Seite. Irgendwie wirkte Keltar
verändert.
"Du bist 16 Jahre alt, Sen-Amar. In diesem Alter gilt man in
deinem Volk nicht nur als erwachsen, nein, man ist dann auch mit
seiner Kriegerausbildung fertig und steht auf eigenen Füßen.
Alleinverantwortlich. Du aber duckst dich bei jedem Wort dieser Römer
und hoffst, dass sie dir möglichst wenig wehtun werden."
Keltars Stimme klang sehr vorwurfsvoll.
"Ich habe doch keine andere Wahl", gab ihm Amar leise
zur Antwort.
"Ich habe eher den Eindruck, dass du keine andere Wahl haben
möchtest, mein lieber Amar."
"Was?" Amar drehte sich zu Keltar um, der ihm fest und
ärgerlich in die Augen schaute.
"Es ist so einfach hier für dich! Du bekommst ausreichend
zu essen, hast einen Freund, der dir hin und wieder was zukommen
lässt und dich vor schlimmeren Bestrafungen und Übergriffen
bewahrt, ja sogar dich an seinen Vergnügungen teilhaben lässt,
dir wird gesagt, was du zu tun hast, du musst nicht mal selber
denken. Und so lange du brav und gehorsam bist, hast du auch
nichts weiter zu befürchten. Ein bequemes Leben, fürwahr, mein
Junge!"
"Aber Keltar, ich kann doch nichts dafür, dass ich ein
Sklave der Römer bin..."
"Du kannst es ändern!"
"Wenn ich weglaufe und sie schnappen mich, dann töten sie
mich."
Keltar starrte ihn voller Verachtung an und meinte schließlich
ernst:
"Besser als freier Mann gestorben - wie du auch frei geboren
worden bist - als dein ganzes Leben lang ein Sklave!"
Kleinlaut senkte Amar den Blick. Keltar war wütend. Wie sollte
er diesem Jungen den Mut zum Aufbegehren wecken? Und doch musste
er genau das erreichen, das war er seinem Herrn, seinem Volk
schuldig. Vor ihm saß der letzte Erbe der Bay-Familie - und
zitterte vor Angst, frei zu werden! Es wurde Zeit, ihn an diese
Dinge zu erinnern...
"Du bist der Sohn von Winamun Bay! Du kannst nicht dein
Leben lang am Tisch deines römischen Herrn wie ein Hund winseln.
Du bist deinem Vater, deiner Familie schuldig, dass du in deine
Heimat zurückkehrst und die Aufgaben und Pflichten deiner Ahnen
übernimmst."
Trotzig hob Amar seinen Kopf und erwiderte:
"Die Römer haben meinen Vater und seine Familie getötet
und die Blemier, die sie nicht abgeschlachtet haben, vertrieben!
Falls du darauf hinauswillst, dass ich zum Führer meines Volkes
werden soll, dann lass dir sagen, dass es kein Volk gibt, das man
noch führen kann!" Oft genug hatte er den römischen
Hauptmann von dieser Schlacht reden hören, von dem Triumph, alle
Blemier besiegt und die ganze Gegend christianisiert zu haben. Er
prahlte oft vor seinen Gästen, was man mit denen gemacht hat,
die sich geweigert hatten, den neuen Glauben anzuerkennen, dass
Silko viele in die Sklaverei geführt hat, dass viele in die Wüste
getrieben worden sind, wo sie umgekommen sind. Der Römer
beschwor die glorreichen Taten seiner Vergangenheit. Manch stille
Träne hatte Amar geweint, wenn er diesen Berichten lauschen
musste und als Beweis für die Taten des Hauptmannes
herbeigerufen wurde. Und nun sollte er sein Volk anführen? Gegen
die Römer? Aber es gab keine Blemier mehr... sie waren tot,
christianisiert, versklavt oder vertrieben... Und genau das würde
er Keltar nun noch mit Nachdruck sagen:
"Die Blemier sind nämlich entweder tot, christianiert,
versklavt oder..."
Doch Keltar, der nicht mehr an sich halten konnte, unterbrach ihn
barsch:
"Die Blemier sind vielleicht tot, christianisiert oder
versklavt, aber du bist ein Medjai - und die Medjai sind mit
Sicherheit nicht tot, christianiert oder versklavt! Nur du, der
Sohn des Anführers Winamun Bay, genießt es offenbar, dir als römischer
Sklave den Bauch vollzuschlagen!"
Amar starrte ihn an und fragte leise nach: "Medjai?"
Keltar schaute ihn ärgerlich an, weil er sich zu diesem
Wutausbruch hatte hinreißen lassen. Manchmal konnte einen dieser
allzu angepasste Junge aber auch ganz schön aus der Ruhe bringen.
Nur - jetzt hatte er etwas preisgegeben, was er eigentlich erst
später verraten wollte. Aber später... wann sollte das sein?
Der Junge war immerhin schon 16 und Keltar spürte, wie das Alter
ihm selbst die Kraft allmählich nahm. Vielleicht war das jetzt
genau der richtige Zeitpunkt. Also entschloss er sich, Amar ein
wenig mehr aufzuklären.
"Ja, du bist ein Medjai." Dann sammelte er kurz seine
Gedanken, um Amar alles verdeutlichen zu können. "Medjai
waren früher zu den Zeiten der Pharaonen entweder nomadische
Hirten oder Krieger. Zur Zeit der großen Pharaonen stellten wir
das Heer, bewachten das Land und auch die Gräber, selbst der
Pharao vertraute uns als Leibwache seine Sicherheit an. Es kamen
Zeiten des Niedergangs für Ägypten. Die Nomaden, auch die
Krieger, heirateten in die Reihen von Ausländern ein und
bewahrten so ihr Erbe. Die Nomaden, die sich stark mit den
griechischen Ankömmlingen zu Zeiten der Ptolemäer vermischt
haben, nannten sich fortan Blemier und eroberten fast ganz Oberägypten.
Selbst die Römer kamen lange nicht gegen sie an, erst vor acht
Jahren haben sie uns ganz besiegen können. Die Krieger - das
sind die Medjai, und sie haben ein ganz spezielle Aufgabe...."
Keltar sprach nicht weiter. Amar, der ihm aufmerksam zugehört
hatte, fragte ihn:
"Welche?"
"Das kann ich dir noch nicht sagen. Erst, wenn du ein
wirklicher Medjai geworden bist, darf ich dir das verraten, denn
niemand außer uns Medjai darf je davon erfahren."
Amar war irritiert. Er hatte keine Ahnung, wovon Keltar sprach.
Außerdem ging ihm noch etwas anders im Kopf herum.
"Du, Vater, ähm, ich meine, Keltar, sind denn die Medjai
nicht wie die Blemier von den Römern besiegt worden? Mein Vater
hat doch die Blemier angeführt und... ich verstehe das alles
nicht!"
"Ja, sie sind alle besiegt worden. Aber dein Vater hat vor
der letzten Schlacht viele Medjai fortgeschickt, weil sie ja eine
wichtige Aufgabe wahrnehmen müssen - und nicht in die Hände der
Feinde fallen durften. Also sandte er sie in die Wüste. Und
daher bin ich mir so sicher, dass wir sie dort finden werden."
"Oh", staunte Amar und überlegte ein Weilchen. "Aber
Keltar... die Wüste ist doch sehr groß... wir wissen doch gar
nicht, wohin diese letzten Medjai gegangen sind. Vielleicht sind
sie ganz weit fortgezogen, um nicht in die Hände der Römer zu
fallen."
"Ja, das ist gut möglich, Sen-Amar. Aber es gibt einen Ort,
wo wir sie finden können."
"Achja?"
"Ja, aber ich darf ihn dir nicht nennen, erst wenn du ein
richtiger Medjai bist, darfst du alles erfahren. Nur soviel: Ich
bin mir ganz sicher, dass es die Medjai noch gibt. Seit nunmehr
über zwei Jahrtausenden erfüllen sie die ihnen auferlegte
Aufgabe und ein paar Römer und Äthiopier werden sie ganz sicher
nicht davon abgehalten haben. Du hast also noch eine Heimat, Sen-Amar,
und wir werden dorthin zurückkehren, damit du in die Fußstapfen
deines Vaters treten kannst."
Amar behagte dieser Gedanke gar nicht. Mit seiner alten Heimat
verband er viel Schreckliches, was er erlebt hatte. Und zurückzukehren,
um eine Aufgabe wahrzunehmen, von der gar nicht wusste, welche
das war - das gefiel ihm auch nicht. Er kannte hier so viele
Leute und mit den meisten kam er prima zurecht, außerdem glaubte
er in Marcellus einen richtigen Freund gefunden zu haben.
Bestimmt waren Keltars Rückkehr-Pläne nur ein Tagtraum, ein
lang gehegter Wunsch. Es konnte in Ägypten alles ganz anders
sein. Aber er konnte ihn nicht enttäuschen, indem er diesen Rückkehr-Wunsch
in Frage stellte. Sehr zögerlich meinte er zu Keltars Ausführungen:
"Ja... bestimmt."
Keltar bemerkte wohl die Haltung seines Schützlings und er war
traurig darüber. Wie konnte er das Feuer, das Amar zur freudigen
Rückkehr in seine Heimat bewegen sollte, in dem Jungen entfachen?
Viel zu sehr hatte er sich inzwischen an das Leben hier gewöhnt.
Keltar spürte, dass Amar gar nicht weg wollte. Musste er ihn am
Ende mit Gewalt fortschleifen? Nein...
"Sen-Amar", sprach er mit sehr viel Ernst in der Stimme,
"die Medjai sind ein sehr stolzes Kriegervolk. Du willst
dieses Volk doch nicht entehren, indem du einem seiner
schlimmsten Feinde freiwillig als Sklave dienst?"
Amar wusste darauf keine Antwort zu geben.
"Du entstammt einem Geschlecht, das viel edler in seiner
Abstammung ist als alle Römer zusammen es aufweisen könnten. Du
bist der letzte Nachfahre von dem mächtigen Kanzler Bay und du
musst sein Erbe erhalten. Du hast keine andere Wahl, Sen-Amar Bay,
du musst nach Ägypten zurückkehren."
Mit diesen Worten wandte er sich von Amar ab und verließ
schweigend den Raum. Amar blieb ratlos zurück. Was sollte er
jetzt tun? Was konnte er jetzt tun?
Keltar ließ sich ein Stück weiter auf einer Marmorbank nieder
und sah auf zu Orion, dem Großen Jäger. Der Sternenhimmel war
schön, aber nichts gegen den unvergleichbaren Sternenhimmel, der
sich über der Wüste auftut, über Hamunaptra... In seinen
Augenwinkeln blitzte eine Träne auf...
Tagelang ging Amar Keltar aus dem Weg, so gut er konnte. Keltar
bedrängte ihn auch nicht weiter, hielt ihn noch nicht mal zu
irgendwelchen Übungsstunden an. Die Stimmung zwischen den beiden
war gedrückt. Keltar wartete auf eine Reaktion von seinem Schützling,
während Amar das Problem zu verdrängen versuchte. Er traf sich,
so oft er konnte, mit Marcellus.
Es waren zwei Wochen vergangen seit dem Gespräch zwischen Keltar
und Amar. Marcellus' Vater war außer Hauses und so ergriff sein
Sohn die Gelegenheit, mit Amar wieder das Voltigieren zu üben.
Beide hatten viel Spaß dabei. Sobald Amar mit Marcellus zusammen
sein konnte, war er ausgelassen und fröhlich.
Beide saßen auf dem Rücken eines Pferdes, Amar dieses Mal vorn.
"Los, Marcellus, steh auf!" rief er ihm zu, während er
das Pferd in Trab hielt.
"Allein?" fragte Marcellus unsicher.
"Klar! Das schaffst du!" animierte ihn Amar.
Gerade als Marcellus aufrecht hinter Amar stand und unsicher mit
den Armen wedelte, um das Gleichgewicht zu halten, erschien sein
Vater vor den Stallungen. Er führte sein Pferd zum Stallknecht
und blieb wie angewurzelt stehen, als er die beiden Jungen in
dieser Position auf dem Pferd erblickte. Der Stallknecht beeilte
sich, seinem Herrn das Pferd abzunehmen und schnell es in den
Stall zu führen. Der Blick des strengen Römers verhieß nichts
Gutes. Er schritt auf die Wiese zu, auf der Amar das Pferd traben
ließ.
"Marcellus!" rief der Vater streng.
Marcellus verlor bei diesem Ruf das Gleichgewicht und stürzte
vom Pferd. Amar sprang sofort hinunter und untersuchte seinen
Freund, doch glücklicherweise war ihm bis auf ein paar blaue
Flecken nichts passiert.
"Es geht schon", stammelte er und ließ sich von Amar
aufhelfen.
Sein Vater war inzwischen vor den beiden Jungen angekommen.
"Marcellus! Was um alles in der Welt machst du hier?"
Er klang sehr verärgert.
"Äh... ich habe ein wenig reiten geübt...", stotterte
Marcellus unsicher.
"Reiten! Reiten nennst du das! Wie ein gewöhnlicher Zirkuskünstler
hast du auf dem Pferd herumgeturnt!"
"Naja... ich habe das Balancehalten geübt und..."
"Sei still! Kein Wort mehr!" fuhr ihn der Vater an,
dann wandte er sich Amar zu:
"Und du hast ihn dazu verführt, du unnützer Sklave!"
Er ließ seine Reitgerte auf Amar sausen, der bei dem Aufprall zu
Boden ging.
"Nein, Vater, bestimmt nicht", rief Marcellus schnell,
"ich habe..."
"Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst den Mund halten? Viel
zu lange schon dulde ich, dass du dich mit diesem Sklavenpack
herumtreibst. Das ist kein rechter Umgang für dich! Damit ist
jetzt Schluss, Marcellus. Du sollst lernen, dich wie ein römischer
Soldat, wie ein Heeresführer zu benehmen. Reiten, kämpfen,
befehlen... aber doch nicht mit einem Sklaven spielen! Hier!"
Und er reichte ihm die Gerte. "Du wirst jetzt diesen
ungehorsamen Sklaven züchtigen, der dich zu so einem
unehrenhaften Verhalten angehalten hat!"
Sowohl Marcellus als auch Amar starrten ihn entsetzt an. Aber der
Blick des Vaters blieb eisig.
"Aber Vater...", stammelte Marcellus verzweifelt.
"Ich kann doch nicht... nicht..." Er wollte eigentlich
den Satz mit "einen Freund schlagen" beenden, aber er
ahnte, dass das seinen Vater nur noch wütender machen würde und
hielt die Worte zurück.
"Weich wie ein Weib!" schrie der Vater seinen Sohn an
und entriss ihm die Reitpeitsche. "Dann schau zu und lerne!"
Er schlug erbarmungslos auf den am Boden liegenden Amar ein,
zwanzig, dreißig Mal, bis dessen Gewand völlig zerfetzt und
blutdurchtränkt war. Amar hielt schützend einen Arm über
seinen Kopf, ächzte, stöhnte, schrie... Marcellus stand hilflos
daneben, schüttelte verzweifelt seinen Kopf und hielt schließlich
die Hände vors Gesicht. Irgendwann hatte Amar nicht mal mehr die
Kraft, seinen Arm über den Kopf zu halten, er sank nieder und
blieb flach am Boden liegen. In diesem Augenblick ließ der Römer
von ihm ab und befahl wütend:
"Der Sklave wird in einigen Tagen in das Bergwerk gebracht,
dort kann er seine Kräfte einsetzen. Und du verweichlichter Sohn
wirst mit dem Heer des Claudius Armentus nach Germanien ziehen
und endlich lernen, was es heißt, ein römischer Soldat zu sein!"
Er ergriff seinen Sohn beim Oberarm und zog ihn gewaltsam mit zum
Haus.
Amar blieb im Staub liegen, sein Atem ging flach. Er war nicht fähig
aufzustehen. Ein Gedanke schmerzte ihn bald mehr als der blutig
zerschundene Rücken. Was hatte Keltar über ihn gesagt? Er war
Abkömmling einer der ältesten Familien, die es gab, vornehmer
als alle Römer zusammen, der letzte Spross der Bays, der zurückerwartet
wurde, um ein Krieger zu sein, und nun lag er hier so elend im
Dreck, erniedrigt, ausgepeitscht, schwach... und sollte sein
Leben künftig in einem Bergwerk fristen... Er schämte sich so
sehr. Die Erinnerung an die Ermordung seines Vaters durchschoss
seine Gedanken und er begann zu schluchzen und winselte leise
"Vater, ach Vater"...
Wie lange er da so gelegen hatte, wusste er nicht. Der Schmerz
hatte jegliches Gefühl vernebelt. Aber er wusste, er musste sich
langsam aufrichten, er konnte hier nicht so liegen bleiben. Er
nahm sich vor, ab diesem Augenblick gegen all das hier anzukämpfen.
Also ballte er die Fäuste und hievte langsam den Oberkörper auf
und setzte sich schnaufend vor Anstrengung hin. Als er seinen
Kopf zur Seite neigte, erblickte er Keltar, der neben ihm saß.
Amar spürte, dass Keltar dort schon länger gesessen haben
musste. Ernst blickte er seinen Beschützer an. Leise, aber
entschlossen brachte er die Worte hervor:
"Keltar, ich muss hier weg. Ich will nach Ägypten!"
Und er ließ den Kopf ermattet sinken. Keltar lächelte zufrieden
und nickte. Amar nahm all seine Kraft zusammen, hob abermals den
Kopf und sah Keltar fest an:
"Ich will ein Medjai werden!"
Ein paar Tage später wies Keltar seinen Schützling, dessen
Wunden er versorgt hatte, an, sich auf einem Schemel zu setzen.
Amar hatte bis dahin bäuchlings auf seinem Lager gelegen.
Niemand hatte sich nach ihm erkundigt oder ihn zur Arbeit gerufen.
Es war klar, dass er demnächst mit anderen Sklaven zur Arbeit
ins Bergwerk geschickt werden würde. Man ließ ihn in Ruhe, bis
er wieder auf die Beine kam. Keltar fuhr mit einem Schwamm sanft
über den Rücken, dann trocknete er ihn. An einigen Stellen würden
hässliche Narben bleiben, da dort das Fleisch mehrmals getroffen
worden war.
"Es ist gut verheilt", meinte er fast tröstend. "Kannst
du gehen?"
Amar nickte. Er war seit dem Zwischenfall auf der Wiese sehr
still und ernst geworden.
"Das wirst du auch müssen. Ich habe erfahren, dass sie dich
in zwei Tagen fortschicken wollen."
Amar drehte sich zu Keltar um. In seinem Blick lag eine kalte Wut.
"Aber so", und er wies auf Amars Lendenschurz, "kannst
du nicht gehen." Keltars Miene verzog sich zu einem Grinsen.
Amar wusste, dass Keltar schon irgendetwas ausgeheckt hatte,
sonst wäre er nicht bei so guter Laune, zumal Amar bald ins
Bergwerk geschickt werden sollte. Amars Blick wanderte zu seiner
zerfetzten Tunika, die auf einer Truhe lag. Keltar hatte sie
weder zusammengeflickt noch gewaschen. Das geronnene Blut war bräunlich
geworden. Keltar folgte seinem Blick.
"Nein, darin kannst du auch nicht mehr losziehen."
Wieder grinste Keltar breit und fügte hinzu: "Ich habe was
Besseres für dich." Er stand auf und ging zur Truhe, nahm
die erbärmliche Tunika und warf sie in die nächste Ecke. Dann
öffnete er langsam den schweren Deckel der massiven Holztruhe
und hob etwas heraus, was in weißes Leinen gewickelt war. Er
legte es auf den Tisch und wickelte es aus. Zum Vorschein kam ein
sehr schweres, langes schwarzes Gewand. Keltar ließ einen Laut
der Überraschung vernehmen. Er stand auf und ging zum Tisch.
"So ist Vater immer aus der Wüste heimgekehrt." In
Erinnerung versunken stand er da und streichelte über den Stoff.
"Er wollte mich eines Tages mitnehmen...doch es kam nicht
mehr dazu."
Keltar umfasste seine Schultern. "Ich werde dich dorthin führen,
Sen-Amar!" Er drückte ihn fest an sich und meinte dann:
"Und nun zieh es an!"
Amar sah ihn verwundert an. "Aber es ist deins, nicht wahr?
Du hast es damals getragen, als wir hierhergebracht wurden."
"Ja, das ist richtig. Ich habe es aber für dich aufgehoben.
Und jetzt ist die Zeit gekommen, dass du es trägst. Zumal",
er wies in die Ecke, "du das dort bestimmt nicht mehr tragen
kannst."
Keltar half seinem Schützling beim Anlegen des langen Gewandes,
holte dann aus der Truhe noch die Armreifen, den Gürtel und die
Stiefel und reichte sie Amar, der alles anzog. Feierlich stand er
mitten im Raum, hatte sämtliche Rückenschmerzen vergessen, während
Keltar ihn wohlgefällig betrachtete und die Tränen, die er vor
Rührung aufsteigen fühlte, zurückkämpfte. Eine Weile war es
ganz still in dem Raum.
Auf einmal klopfte es, gleichzeitig schwang auch schon die Tür
auf und Marcellus blieb verdutzt stehen, als er Amar erblickte.
Amar nickte ihm leicht lächelnd zu.
"Amar!" rief Marcellus. "Du bist schon auf? Und
wie siehst du denn aus?"
"Ave Marcellus", begrüßte ihn Amar nun noch einmal
mit Worten. "Ich trage ein Gewand aus meiner Heimat, denn
ich möchte dorthin zurückkehren. Ich kann nicht mehr hier
bleiben."
Keltar behielt den Römerjungen im Auge. Er wollte nicht
riskieren, dass dieser die Fluchtpläne bei seinem Vater verriet.
"Ja, ich habe gehört, dass du in zwei Tagen ins Bergwerk
gebracht werden sollst. Mein Vater ist gerade fort, da habe ich
die Gelegenheit genutzt, um nach dir zu sehen. Geht es dir besser?"
Keltar bemerkte, dass die Gefühle, die Marcellus gegenüber Amar
hegte, aufrecht waren und er ließ erleichtert seine Habacht-Stellung
fallen.
"Ja, mir geht es schon viel besser. Danke, Marcellus. Aber
wir müssen fliehen, möglichst bald. Kannst du uns helfen?"
"Ja, warte mal... heute Nacht wird im Haus meine Abreise
nach Germanien gefeiert. Da kommen und gehen viele Leute. Am
besten, ihr nehmt zwei Pferde und reitet einfach davon."
"Aber der Stallknecht?" wandte Keltar ein.
"Ach, den lenke ich ab!" Marcellus Augen glühten vor
Aufregung. "Sagen wir zwei Stunden vor Mitternacht. Da
werden viele Gäste noch da sein, und es wird ein Lärmen im Haus
sein. Ich werde den Stallknecht rufen und in ein Gespräch
verwickeln. Ihr müsst dann so schnell wie möglich zwei Pferde
aus dem Stall holen, und zwar so, dass es der Knecht nicht sofort
bemerkt."
"Wunderbar!" stieß Amar erregt aus.
"Am besten, ihr reitet nach Süden und schifft dort in einem
Hafen ein. Ihr wollt doch sicher nach Ägypten, nicht wahr?"
"Ja", erwiderte Keltar.
"Hm, so etwas kostet Geld", überlegte Marcellus.
"Hört zu, ich laufe schnell zum Haus und versuche euch
unbemerkt Lebensmittel und Geld rüberzubringen. Wartet hier!"
Und schon war Marcellus auf und davon. Amar lächelte ihm
hinterher.
"Er hatte von seinem Vater den Befehl erhalten, mich
auszupeitschen, aber er hat es nicht getan", berichtete Amar.
"Er ist ein guter Freund", kommentierte Keltar.
"Ich weiß, dass er im Grunde gar nicht Soldat werden will.
Ich wünschte, er könnte mit uns gehen."
Nach einer Weile kehrte Marcellus zurück und brachte sowohl Geld
als auch ausreichend Lebensmittel mit, die die beiden Ägypter
gut für ihre Flucht gebrauchen konnte.
"Ihr müsst euch beeilen, nach Afrika zu kommen, denn mein
Vater wird euch suchen lassen, sobald er von eurer Flucht erfährt.
Und du, Keltar, bist nicht ganz unauffällig", und er
blickte dem alten Krieger ins Gesicht, das markante Tätowierungen
aufwies. "Ich wünsche euch beiden jedenfalls viel Glück!"
Er umarmte Amar. Beide Freunde hielten eine Weile ganz fest
einander im Arm. "Ich werde dich nie vergessen, Amar!"
"Auch ich werde immer an dich denken, mein bester Freund!"
erwiderte Amar. Sie wussten, dass es ein Abschied für immer war.
Marcellus nahm seine Kette ab und hängte sie Amar um den Hals.
Amar erwiderte diese Gefälligkeit, indem er ein Tonstück
herbeiholte, in dem sich Hieroglyphen abzeichneten, die in einem
Rahmen standen. "Mein Name", erklärte Amar und
zeichnete mit dem Finger die Buchstaben nach: "Sen-Amar Bay.
Marcellus, ich wünsche dir alles Gute. Sei tapfer in Germanien!
Und pass auf dich auf!"
*Hier weiter zum zweiten Teil von Sen-Amar (Fortsetzung)*
Bianca M. Gerlich
23. März 2002