Home Ardeth II. (Autorin: Bianca M. Gerlich)

PROLOG

Die Gralsritterschaft. Kämpfer für das Gute in dieser Welt. Ausgesandt, um das Böse zu bekämpfen. Krieger Gottes. Eine geschlossene Gesellschaft. Mit eigenen Regeln. Ihren Traditionen verhaftet. Starr. Bedingungslos loyal. Bis zum Tod. Passiv. Abwartend. Das Böse nur erwehrend. -
Sie hat ein Problem: Ihr Anführer hat versagt. Er hat gesündigt. Er hat zugelassen, dass er schwach wurde, dass er sich dem Bösen ausgeliefert hat. So gelangte der Heilige Speer in die Hände des Bösen. Nun muss einer kommen und den Speer zurückholen. Die Gralsritterschaft wartet sehnsüchtig darauf. Sie wartet auf Erlösung. Sie ist zur Unfähigkeit verdammt. Unbeweglich. Nur ein durch Mitleid wissender Tor kann sie erlösen. Auch ihr sündiger Anführer wartet auf Erlösung, auf dass sich seine Wunde schließe, die er beim Verlust des Speeres erhalten hat, auf dass die Gralsritterschaft wieder erstarkt und als Krieger Gottes erneut dem Bösen entgegnen kann. Wann wird er kommen, der Erlöser...


Ardeth musste lächeln, als er Emilia sah, die ihr Gästezimmer im Hause ihrer Eltern betrat. Sie trug ein schwarzes langes Kleid. Mit glühenden Augen schaute sie zu ihm hoch, man sah ihr die Vorfreude an, die sie auf den heutigen Abend verspürte. Sie war sehr musikversessen und hatte die Musik in den vergangenen Jahren auf dem Lande viel zu sehr vermissen müssen. Und nun gab es ein Werk, das sie besonders schätzte.
„Parsifal ist keine Oper, sondern ein Weihespiel!“, brachte sie begeistert hervor. „Es ist mein Lieblingswerk von Wagner. Wusstest du, dass es nur in Bayreuth aufgeführt werden durfte?“
Wie oft hatte sie von Bayreuth, der Heimat ihres Vater, erzählt! Von unzähligen Opernbesuchen.
Ardeth schüttelte mit dem Kopf. Er hatte zwar immer interessiert zugehört, sich aber nicht alles gemerkt.
„Ich bin sehr neugierig, wie sie das hier in Buenos Aires darstellen werden! Komm, zieh dich um!“
Sie zog einen etwas verwunderten Ardeth mit zum Kleiderschrank.
„Wieso umziehen? Ich habe doch schon einen Anzug an...“ Er hasste ihn. Aber ihr zu Liebe hatte er diesen beengenden Anzug angelegt, als sie nach Buenos Aires zu ihren Eltern gefahren sind.
„Ach Ardeth, für die Oper muss man sich doch besonders fein machen! Du, stell dir vor, das Theater hat fünf, ich sage dir: fünf Ränge! Wie ein französisches Opernhaus! Es soll herrlich sein!“
Während Emilia sich weiter über die Beschaffenheit des Teatro Colón ausließ, überlegte Ardeth, ob sich sein Urgroßvater auch für die Oper in Kairo hat ‚fein’ machen müssen und wie das dann wohl ausgesehen hätte. Seine Mutter hatte ihm davon berichtet, mehr oder weniger heimlich, denn sein Großvater Ardjun mochte nicht an dieses Ereignis erinnert werden. Achja, Ardjun war damals auch dabei gewesen und hatte diese schicksalhafte Begegnung mit der Irin Claire... damit hatte alles begonnen... die ganze unglückliche Geschichte der Familie Bay.
„Ardeth, du guckst ja so ernst!“, warf ihm Emilia vor und Ardeth erwachte aus seinen Erinnerungen. „Freust du dich denn gar nicht?“
„Doch, doch“, beeilte er sich zu sagen. Sie fuhr ihm mit dem Finger über die Stirn und ließ ein dumpfes „Hm“ vernehmen.
„Da werden viele Leute in der Oper sein“, fügte sie ihrer Überlegung, an der sie Ardeth nicht teilnehmen ließ, hinzu, doch er wusste, worauf sie hinauswollte. Ehe sie noch etwas dazu sagen konnte, setzte er sich vor den Schminktisch gegenüber des Bettes, nahm einen von Emilias unzähligen Tiegeln und strich sich etwas Schminke über Stirn und Wangen. Sie umfasste ihn zärtlich von hinten und sprach gerührt:
„Ich liebe dich, Ardeth!“ Sie lächelte ihn an, was er im Spiegel sehen konnte. „Aber meine Schminke ist etwas zu hell für deinen tief mediterranen Teint. Komm, lass mich mal ran!“ Sie nahm einen weiteren Tiegel und mischte die beiden Farben etwas, bis sie annähernd Ardeths Gesichtsfarbe ergaben. Damit überdeckte sie dezent seine Gesichtstätowierungen. Sie sah ihn fast schwärmerisch an, bemühte sich aber, ihm nun keine Komplimente zu machen. Sie wusste, dass er sich gar nicht gern überschminken ließ und es doch hier in der Großstadt tun musste, um nicht erkannt zu werden. Sie fand, dass er ohne diese Zeichen viel schöner aussah.
Ardeth musste noch Frisieren und Ankleiden über sich ergehen lassen. Sein Schwiegervater hatte ihm einen sehr eleganten Anzug bereit legen lassen, und während Ardeth ihn anzog, freute er sich schon wieder auf sein freies Leben auf der Farm in der Weite Argentiniens.
Vor dem Opernbesuch gingen sie mit Emilias Eltern essen. Emilia war so richtig glücklich an diesem Abend und Ardeth freute sich mit ihr.

Da war dieses wunderbare Vorspiel, in das man sich versenken konnte! Dann trat dieser alte Ritter Gurnemanz auf, der im Wald ein Eremitendasein führte und erst einmal alle, seine Knappen und die Zuschauer, darüber aufklären musste, was sich bislang ereignet hatte. Und das war sehr viel gewesen, sodass er sehr lange dazu benötigte. Emilia umfasste nach einer Dreiviertelstunde Ardeths Hand und diese Geste wirkte fast entschuldigend, dass sie ihn mit in diese lange Oper genommen hatte. Allein der erste Aufzug sollte nahezu zwei Stunden dauern. Als aber sie den Blickkontakt mit ihm suchte, bemerkte sie, wie er gebannt auf das Geschehen auf der Bühne blickte. Da waren die Ritter des sündigen Gralsritterkönigs Amfortas, der zum Baden im See gebracht worden war. Sowohl sie als auch die Knappen lauschten Gurnemanz’ Erzählung, und auch Ardeth schien ihm an den Lippen zu hängen. Ardeth hatte, sobald die Gralsritter in ihren langen schwarzen Gewändern auftraten, in der Mitte mit einem Schwert gegürtet, sich an seine Heimat erinnert gefühlt, doch es war mehr als das. Diese Geschichte, die da auf der Bühne erzählt wurde, berührte ihn auf seltsame Weise. Amfortas, der gefallene Held... fast so wie Ardjun... und die erstarrte Gralsritterschaft, die auf einen Erlöser wartet... fast so wie die Medjai... Emilia erschrak etwas, als sie die Intensität bemerkte, mit der Ardeth in diese Oper versunken war. Etwas spielte sich hinter Ardeths Stirn ab, in das sie keinen Einblick hatte, aber es musste etwas sehr Wichtiges war. Beunruhigt sah sie immer wieder zu Ardeth hinüber. Auf der Bühne sang Gurnemanz von der Verheißung des Heilsbringers:
Vor dem verwaisten Heiligtum
in brünst’gem Beten lag Amfortas,
ein Rettungszeichen bang erflehend:
ein sel’ger Schimmer da entfloss dem Grale,
ein heilig Traumgesicht nun deutlich zu ihm spricht
durch hell erschauter Worte Zeichen:
„Durch Mitleid wissend
der reine Tor;
harre sein,
den ich erkor.“
Fast schien es Emilia, als blitzte da eine Träne ins Ardeths Augenwinkeln auf. Ihre Verwunderung wurde unterbrochen, als sogleich der unbekümmerte, noch jugendliche Parsifal die Bühne erstürmte und ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Nun schaute auch sie unabgelenkt zur Bühne, denn die folgende Szene war einfach zu komisch. Was auch Gurnemanz den scheinbar dummen Parsifal fragte, immer antwortete er: „Das weiß ich nicht!“ Und es waren so einfache Fragen wie „Wie heißt du?“, „Wo kommst du her?“ und „Wer ist dein Vater?“ Emilia sah lächelnd zu Ardeth hinüber, und wieder erschrak sie. Ardeth lachte gar nicht über diese eher komische Situation, auch nicht, als Gurnemanz meinte, dass Parsifal ganz schön dumm sei. Ardeth sah todernst hinunter zur Bühne, sein Gesicht war bleich geworden – bis auf die geschminkten Stellen. Meine Güte, was war nur mit Ardeth los, fragte sie sich, wagte aber nicht, ihn zu berühren.
„Wo bist du her?“ – „Das weiß ich nicht.“
„Wer ist dein Vater?“ – „Das weiß ich nicht.“
So wie bei Onkel Leslie, dachte Ardeth...

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