Home Zeiten der Veränderungen (Autor: Bianca M. Gerlich)

PROLOG
Das Medjai-Dorf des 12. Stammes, Östliche Wüste/Ägypten, 1919

Rechts und links zerfetzte Zeltenplanen, Hinterlassenschaften des Wüstensturmes, der vor wenigen Tagen mit ungeheurer Kraft gewütet hatte. Die Hälfte ihrer Besitztümer war dahin. In vielen hundert Metern Entfernung vom Dorf sammelten die Männer und Frauen Tierkadaver ein. Leere Sackfetzen lagen überall herum, ihr Inhalt hatte sich mit dem gelben Wüstensand vermischt: die frisch eingebrachte Ernte war dahin.
Langsam und nachdenklich schritt Ardeth durch den Ort, der so schwer vom Sturm gezeichnet war. Wenn sie nichts dagegen tun würden, müssten sie die kargere Jahreszeit über Not leiden. Nur noch wenige Schritte von ihm entfernt stand sein Großvater, der Anführer aller zwölf Stämme der Medjai, der alt-ehrwürdige Ardjun, respektiert und geachtet. Ardeths Stimme galt nichts, er war gerade erst 16 Jahre geworden, galt aber seitdem immerhin als erwachsen, und so musste er es wagen, seinen Großvater anzusprechen. Der Einfall seines Freundes war zu gut gewesen, um ihn zu ignorieren. Also fasste Ardeth sich ein Herz.
"Sayadi...", sprach er Ardjun an und ging ehrfurchtsvoll auf seine Knie.
Verwundert blickte Ardjun seinen Enkel an. Er hatte einigen Männern den Befehl erteilt, die entlaufenen und verirrten Pferde wieder einzufangen und mitbekommen, dass Ardeth mit von der Partie war. Mit einer Handbewegung gab er ihm zu verstehen, dass er sich erheben dürfte.
"Gibt es Probleme mit den Pferden?"
Er hatte ihn noch nicht einmal mit Namen begrüßt. Kurz und bündig. Sicher, Ardjun hatte zur Zeit den Kopf mit anderen Dingen voll.
"Nein, Sayadi, wir haben sie wieder einfangen können. Es handelt sich um eine andere Sache...."
"Nun?" Ardjun wirkte leicht ungehalten. Verdammt, Ardeth hatte gehofft, sein Großvater würde ihm mit etwas mehr Bereitschaft begegnen. Aber Ardeth wollte sich nicht beirren lassen.
"Ich habe Euch einen Vorschlag zu unterbreiten. Shakan sprach mich vorhin an, ob seine Schwester nicht in der Stadt Bauchtanzunterricht geben dürfte."
Ein fassungsloses "Was?" unterbrach Ardeths Redefluss. Dieser insistierte:
"Ihr wisst, dass man uns schon oft in Luxor..."
"Theben."
Ardeth hatte gerade in den letzten Wochen viel Umgang mit seinem Onkel Leslie, der anlässlich Ardeths Initiation in den 12. Stamm gekommen war, gehabt, und dieser betitelte "Die Stadt der tausend Tore" stets mit dem modernen Namen Luxor. Ardeth korrigierte sich schnell:
"In Theben angesprochen hat, ob nicht ein paar unserer Frauen einigen Frauen dort Unterricht geben könnten, weil sie gern die authentische traditionelle Weise erlernen möchten. Daran ist doch nichts Verwerfliches! Und mit dem Geld, was sie dafür erhalten würden, könnten wir Lebensmittel einkaufen."
"Unmöglich!"
"Aber Sayadi, es wäre doch nur vorübergehend und wir hätten es dringend nötig. Einige Männer wie Shakan könnten mitgehen und aufpassen, dass nichts passiert."
"Unsere Frauen werden nirgendwo hingehen außer auf die nahen Weidegründe. Und wir Medjai werden nicht unsere Dienste in der Stadt anbieten."
Punkt. Der Anführer aller Stämme der Medjai hatte gesprochen. Aber Ardeth wollte nicht aufgeben, noch nicht...
"Aber Großvater...", begann er aufs Neue und erntete einen stechenden Blick. Wenn Ardjun eins nicht leiden konnte, dann diese Art familiärer Vertraulichkeit. Auch für seinen Sohn, seine Schwiegertöchter und seine Enkel war er einfach nur "Sayadi", der Herr dieses Stammes. Nur seine Schwiegertochter Leyrah, Ardeths Mutter, bot ihm ab und an die Stirn, was Ardeth einerseits wegen der Strenge seines Großvaters verwunderte, aber auch andererseits nicht, da seine Mutter eine anerkannte und hochstehende Persönlichkeit war, die einst aktiv in die Geschicke des Stammes eingegriffen hatte. Sie war die First Lady, denn Ardjun war nicht verheiratet. Seine einstige Jugendliebe, unglücklicherweise eine Europäerin, die er nicht heiraten durfte, hatte ihm zwei Söhne geschenkt, von denen der eine - Ardeths Vater Lyleth - bei ihm aufwuchs und der andere bei seiner Mutter, die nun im Bundesstaat Maine in den USA lebte. Als Student kam dieser Sohn, Leslie, nach Ägypten und blieb dort und heiratete ein Mädchen aus dem 12. Stamm. Leslie litt sehr unter Heimweh, ihm machte das einfache Leben in der Wüste arg zu schaffen, hatte er doch bei seiner reichen Mutter zu Hause in einer recht großen Villa gelebt. Doch bald konnte er nach Kairo ziehen und nahm seine Frau und drei Kinder mit. So arbeitete er hier für die Medjai. Außerdem sah es sein Vater nicht gern, dass er nach Amerika zurückzukehrte, da es um die männliche Nachfolge kritisch bestellt war. Ardeths Vater war vor Jahren im Kampf gefallen, er hatte nur diesen einen Sohn gezeugt. Epidemien, Stürme, Hungersnöte und Überfälle waren ständige Lebensbegleiter in der Wüste und wie schnell konnten Ardeth oder sein Cousin dem zum Opfer fallen. Dennoch ließ Ardjun keine Vertraulichkeiten zu seinen Enkeln aufkommen, sondern wollte sie streng auf ihre Aufgabe vorbereiten. Gerade, weil Ardeth seit einem Monat nicht mehr zu den Kindern gehörte, achtete Ardjun auf ein formelles Benehmen.
"Ardeth!", tadelte er ihn. "Für dich bin ich wie für alle anderen der Anführer der Medjai!"
"Aber Sayadi", begann Ardeth aufs Neue, "der Stamm wird Hunger leiden müssen! Wir können doch hier nicht untätig herumsitzen und gar nichts tun! Die Frauen tanzen doch auch nur vor Frauen und wir sind längst darum gebeten worden..."
Es half alles nichts... Ardjun funkelte Ardeth mittlerweile böse an.
"Du hast mein Wort gehört. Ich habe nicht um weitere aufklärende Erläuterungen deinerseits gebeten. Geh du nun deinen Pflichten nach, ich werde den meinen nachgehen." Ardjun erwartete, dass Ardeth diesen direkten Befehl sofort befolgen würde, doch der hielt seinem eisigen Blick stand und sah ihn lange Zeit mit enttäuschtem und traurigem Ausdruck an. Dann verneigte er sich kurz und ging weg.

Am Abend saßen Ardeth und ein paar der jüngeren Krieger an einem der Feuer im Anubis-Lager zusammen. Auch Ismail, Leslies zwölfjähriger Sohn und Ardeth Cousin, war anwesend und er war der einzige, der noch in der Ausbildung war. Ismail weilte seit seinem 10. Lebensjahr im 12. Stamm, um seine Krieger-Ausbildung zu absolvieren. Ardeth, der seit einem Monat die Tätowierungen trug, war eigentlich immer gut gelaunt und froh, bald nach Kairo reisen zu dürfen, doch heute saß er mit nach vorn geneigtem Kopf, tief in Gedanken versunken und hörte kaum, was die anderen zu sagen hatten. Nach und nach gesellten sich weitere Krieger dazu. Gewöhnlich erzählte einer eine längere Geschichte, aber heute kam einfach nicht diese anheimelnde Stimmung dazu auf. Jeder hing seinen Sorgen nach.
Shakan steuerte auf die Gruppe zu und setzte sich dicht neben Ardeth.
"Nun?" fragte er Ardeth, der ihn schweigend ansah, aber mit seinem Blick zum Ausdruck brachte, dass seine "Mission" kein Erfolg gehabt hatte.
"Ich hatte es mir schon gedacht", fügte Shakan hinzu.
Ismail wurde hellhörig. Hatten Shakan und Ardeth ein Geheimnis? Wovon sprachen sie?
"Sein Stolz verbietet es, dass unsere Frauen in der Stadt arbeiten", kommentierte Ardeth.
Ein anderer Krieger schaltete sich in das Gespräch ein: "Shakan hat mir von der Idee seiner Schwester berichtet. Meine Frau würde sich ihr anschließen, sie findet den Einfall gut. Sicherlich würde es uns weiterhelfen."
Und schon waren die jungen Männer in ein Gespräch über dieses Thema vertieft. Man wägte ausführlich das Für und Wider ab und jeder, der bislang nichts von der Idee mit dem traditionellen Bauchtanz wusste, wurde jetzt eingehend informiert. Einige argumentierten, dass in der Situation der Not Ausnahmeregelungen gelten sollten, gingen aber nicht davon ab, dass die Medjai-Gesellschaft weiterhin so zurückgezogen leben sollte wie bisher. Andere plädierten gänzlich für eine etwas offenere Haltung der Nilbevölkerung gegenüber. Sehnsüchte nach der Teilnahme an dem Leben in der Stadt standen der Forderung nach bleibender Zurückgezogenheit gegenüber, Progressivität versus Konservativität. Weitere Ideen wurden eingebracht: Die Frauen könnten einige selbstgewebte Decken auf den Märkten verkaufen, viele Medjai waren des Lesens und des Schreibens mächtig, man könnte andere unterrichten usw.
Ardeth selbst hielt sich etwas zurück, er wusste, dass all diese Pläne zum Scheitern verurteilt waren. Wie könnte er nur seinen traditionell verhafteten Großvater überzeugen? Und da kam ihm auf einmal eine Idee und er äußerte laut:
"Es gab Zeiten, da haben die Medjai am Nil gelebt und am öffentlichen Leben teilgenommen, ja es sogar als Eroberer bestimmt. Eine Öffnung nach außen wäre gar nicht so untraditionell, nur eben ungewohnt nach all den Jahrhunderten Zurückgezogenheit."
Es wurde ruhig. Man sah Ardeth erwartungsvoll an, der sich in der Geschichte der Medjai, verbunden mit seinem berühmtem Familien-Clan, besonders gut auskannte.
"Eine Zeit, in der wir nicht in der Wüste gelebt haben?" erkundigte sich Ismail ungläubig.
"Ja", erwiderte Ardeth lächelnd seinem jüngeren Cousin, "das ist noch gar nicht so lange her. Gerade mal 1400 Jahre, aber noch zur Zeit vor Mohammed, unserem Propheten."
Die anderen Krieger nickten wissend, 1400 Jahre waren für Medjai-Verhältnisse nicht gar so lang.
"Erst mit Sen-Amar zog sich unser Volk in die Wüste zurück."
"Nein", korrigierte jemand, "Sen-Amar fand sein Volk in der Wüste wieder, nachdem er aus dem Exil zurückkehren konnte. Es war dorthin von den christlichen Besatzern gejagt worden. Und er musste gegen Rivalen kämpfen."
Ardeth nickte stumm und erinnerte sich an die Geschehnisse um seinen Vorfahren Sen-Amar Bay und dessen Vater Winamun - eine Zeit, in der die Familie fast ihren Niedergang erlebt hatte.
"Wer ist Sen-Amar?" wollte Ismail nun wissen.
"Einer deiner Vorfahren", antwortete ihm Ardeth. "Er war erst acht Jahre alt, als er von seinen Eltern fortgerissen wurde und als Sklave lange Zeit sein Dasein in einem fremden Land fristen musste."
Das allgemeine Interesse an diesen geschichtlichen Ereignissen war geweckt. Alle blickten erwartungsvoll Ardeth an und hofften, dass er in dieser Nacht den Part des Geschichtenerzählers übernehmen würde. Vielleicht bot die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ja auch eine Perspektive für die Gegenwart.

Bianca M. Gerlich
5. März 2002
(leicht überarbeitet am 18. Juli 2008)