Home Ein neues Semester harret seiner Geburt

Eines schönen Tages im 12. Stamm der Medjai. Die Sonne scheint (wie immer), Ardeth hockt in seinem Zelt über Rechnungen (wie immer – denn Abenteuer a la Hamunaptra bilden auch in einem Heldenleben eher die Ausnahme)...da tritt der Kulturbeauftragte des 12. Stammes in Ardeths Zelt.
Ardeth freut sich, abgelenkt zu werden und wendet sich ihm gleich zu. Der Kulturbeauftragte ist ein alter Freund aus Jugendtagen, von seinem Vater Faust genannt, und damit war – nomen est omen – seine Karriere vorherbestimmt. Er wurde nicht besonders schlagkräftig und ließ weniger die Fäuste spielen als seinen Intellekt, um die kulturellen Angelegenheiten zu koordinieren, also Theateraufführungen, Tanzdarbietungen, Ausstauschprogramme und natürlich die Bildung! Hierzu gehört auch die allgemeine Volksbildung, der er Rechnung trägt, indem er Kurse der Erwachsenenbildung organisiert. Allhalbjährlich bringt er dann einen Katalog mit Kursen heraus, nimmt die Anmeldungen entgegen und teilt die Angemeldeten ein. Der jüngste Katalog ist fast fertig. Es fehlt eben nur noch Lord Bays Absegnung...

Faust (F): Ardeth, hast du einen Moment Zeit?
Ardeth (A): Ja klar, immer doch. Was gibt’s denn?
F (übermotiviert): Ein neues Semester harret seiner Geburt! Bildung, Bildung, Bildung, Ardeth!
A: Äh... ja...
F: Kurzum, ich möchte den neuen Katalog endlich fertigstellen und brauche dazu noch dein Vorwort.
A: Achja, das Vorwort für den neuen Frühjahrskollektion-Katolog! Sahin, mein Vize, hatte mir heute Morgen schon Bescheid gegeben, dass mich jemand deswegen heute noch sprechen wollte.
F: Frühjahrskollektion? Du meinst den Modekatalog? Nein, nicht doch! Das mache ich doch nicht! Den MSF macht Marcia Galpota.
A: MSF?
F: Ach, Ardeth, du kennst dich aber auch so gar nicht aus. Medjai Spring Fashion! Der Frühjahrs-modekatalog. Du liebe Güte, das weiß doch jeder! Der kommt aber erst nach unserem Katalog heraus, die Druckerei kriegt das sonst nicht geregelt. Ja, ich weiß das aber auch nur wegen der Druckerei, naja, und weil meine Frau schon gar nicht mehr abwarten kann, bis der MSF erscheint. Weißt du, ihr Cousin dritten Gerades posiert darin in einem Mag.
A: Mag?
F: Jetzt sag nicht, du weißt davon auch nichts! Gerade du müsstest doch von dem Projekt Mag mitbekommen haben.
A: Tschuldige, aber das ist irgendwie an mir vorbeigegangen. Was ist Mag?
F: Medjai alternative gown. DIE modische Alternative zu dem alten schwarzen Zeugs. Macht nicht so dick und fällt unterschiedlich farblich und stilistisch, je nach Rang, aus... Marcia hat mir jedenfalls gerade erzählt, dass bei der Mag-Mode zwischen den einzelnen Rängen unterschieden wird. Sie hat einen Onkel von mir in einem Subcommander-Mag posieren lassen. Himmelblau mit Silberabzeichen seines Ranges! Du kommst übrigens auch noch dran, denn du bist ja der einzige, der das Supreme-Commander-Mag tragen kann. Mich wundert, dass Marcia noch nicht bei dir war, denn ihr Katalog muss ja auch bald zum Druck vorliegen... übrigens, Katalog, ja, um zur Sache zu kommen, das Vorwort! Also, das Vorwort zum Katalog der Bildungsanstalt. Wie gesagt, ein neues Semester harret seiner Geburt. Hier, schau mal, was wir alles im Angebot haben.
A (leicht überfordert, nimmt den Katalag, doch zum Durchblättern kommt er nicht)
F: Lies doch mal bitte gleich dein Vorwort und unterschreibe es dann.
A: Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich bereits ein Vorwort geschrieben habe.
F: Ich hab es für dich geschrieben.Wie jedes Jahr. Arbeitserleichterung, verstehst du? Ich weiß doch, wieviel du zu tun hast! Ich hätte dich, wie die letzten Jahre auch, auch gar nicht damit belästigt, aber du hattest beim letzten Mal drauf bestanden, dass ich es dir vorlege, bevor ich es durcken lasse.
A. Achja, ich erinnere mich! Vor einem Jahr schauten mich alle meine Bekannten tagelang so merkwürdig an, bis ich herausgefunden habe, dass ich in meinem angeblichen Vorwort den Kochkurs „Lammfleischrezepte“ empfohlen habe. Und vor einem halben Jahr grinsten mich alle, wirklich alle Medjai wochenlang an, bis ich herausgefunden habe, dass ich in meinem angeblichen Vorwort den Kurs „Die Sexualpraktiken der Pharaonen“ empfohlen hatte.
F: Jaja, ich weiß. Du hast mir ja damals über Sahin ausrichten lassen, dass du dein Vorwort demnächst lieber vorher sehen wolltest. Na also, und hier bin ich! Lies es durch, du wirst sehen, es ist fantastisch!
A: Aha. Na dann... (liest) „Meine lieben Wissen erwerben wollenden Medjai!“ (guckt Faust stirnerunzelnd an) Klingt das nicht ein wenig übertrieben?
F (der während Ardeths Lesevortrag befriedigend genickt hat, schreckt aus seinen Gedanken hoch): Wie, was?
A: Ähm, kann ich das nicht ein wenig schlichter formulieren? Also: „Meine lieben Medjai“ würde vielleicht reichen (denkt bei sich: obwohl auch das schon irgendwie blöd klingt), besser noch: „Liebe Medjai“...?
F: Ardeth, wir wollen doch jetzt nicht über jedes Wort einzeln verhandeln, nicht wahr?
A: Nein, nein, aber... also... Wissen erwerben wollenden klingt irgendwie... nach zu vielen w's.
F: Na, dann nehmen wir halt „Bildung erwerben möchtenden“... wie wär's damit?
A: Ächz...jaja, nimm es meinetwegen...
F: Lies weiter!
A (liest): „...ein neues Semester harret seiner Geburt“... (guckt Faust fast strafend an)
F(sichtlich stolz): Ist das nicht einfach nur gut?
A: Du solltest Autorenrechte darauf sichern und deinen Namen unter das Vorwort setzen. Übrigens, warum schreibst du das Vorwort als (betont) oberster Kulturbeauftragter nicht selbst und unterzeichnest mit deinem Namen?
F: Nein, nein, du musst praktisch als Schirmherr das erste Wort haben. Das war schon bei deinem Großvater so. Unter ihm war ich übrigens auch schon vier Jahre lang der (stolz) oberste Kulturbeauftragte unseres Stammes, und dein Großvater hat (leicht vorwurfsvoll) übrigens nie sein Vorwort lesen wollen. Er hat mich immer machen lassen und es war gut so! Oh nein, Ardeth, die Ehre des Vorworts gebürt dir. Die Leute wollen, dass du an ihrem Leben teilnimmst. Außerdem dient es auch der Promotion. Die Leute sollen doch die Kurse besuchen, und wenn dein Name da steht, ist das nur förderlich. Siehst du, ich trete doch gern meine geistigen Schöpfungen an dich ab. Da bin ich bescheiden, das weißt du doch... also lies schon weiter!
A: „und wir wollen uns einreihen in die Reihen derer, die vor uns zahlreichen wissensbeladenen Kursen und praktischen Übungen beigewohnt haben.“ - Meinst du, die Leute verstehen das?
F: Ja, sie sind doch vorgebildet.
A: Aha. „Die Kurse der theoretischen Wissensvermittlung werden ab Seite 7 genannt. Besonders hinweisen möchte ich auf die Kursreihe „Moderne römische Architektur“. Sie steht im Rahmen der Veranstaltungsreise „Moderne Architektur des Abendlands“. Dazu wird eine Exkursion nach Rom erfolgen, wo wir die modernen Bauwerke der Römer studieren werden, insbesondere das Forum Romanum. Näheres dazu auf Seite 26.“ - Ja, ist doch sehr schön. Schade, da würde ich selbst gern mitfahren.
F: Ja, theoretisch wäre das möglich, denn Voraussetzung ist fließend Latein zu sprechen. Weißt du, man muss vorher eine Qualifikationsprüfung ablegen. Steht alles auf Seite 7, auch die Teilnehmerbegrenzung und Konditionen der Reise. Du könntest die Prüfung vielleicht schaffen.
A: Äh.. danke.. „Natürlich umfasst auch das neue Programm wieder sämtliche Sprachangebote der Vorjahre. Vergesst nicht, dass es mich als euren obersten Anführer mit Stolz erfüllt, wenn ihr diesen Angeboten der klassischen Bildung zuhauf nachkommen würdet.“ - Also, Faust, ich weiß wirklich nicht... das klingt...nicht nach mir...
F: Nein?
A. Nein! Bitte, ändere das...
F: Lass mal sehen... hm... hm...hm.... wir könnten das so schreiben; „dass es mich als euren obersten Anführer mit Wohlbehagen erfüllen würde, wenn...“ - Ja?
A: Nein... mach es doch ganz einfach, also: Ich würde mich freuen, wenn...
F: Das klingt so langweilig! Die Leute sollen doch kommen! Promotion, Ardeth! Und bist du denn nicht wirklich stolz, wenn sie möglichst viele Kurse belegen? Immerhin opfern sie ihre Freizeit dafür, mal ganz abgesehen von den Kursleitern und...
A: Jaja, hast ja Recht. Aber lass doch bitte „als euren obersten Anführer“ weg...
F: Hm, ich wollte auch erst Supreme Commander schreiben. Marcia meint, das klänge mehr up-to-date... also, wenn du willst, dann schreiben wir „als euren Supreme Commander mit Stolz...“, ja?
A: Äh... nein, ähm, dann lass es lieber so wie du es hattest... aber lass bitte das „oberste“ weg. Du bist doch auch der (betont) oberste Kulturbeauftragte und unterschreibst nur mit Kulturbeauftragte, oder? (Ardeth blättert zum Beweis auf die nächste Seite, wo Fausts Vorwort steht, aber da hat er mit „Oberster Kulturbeauftragter“ unterschrieben, obwohl es diesen Titel gar nicht gibt.)
F: Öhm...
A (leicht verärgert): Gib schon her, damit ich den Rest lesen kann. Wo war ich denn? Ach hier: „Natürlich haben wir dieses Jahr auch wieder sehr viele praktische Kurse im Angebot. Beachtet bitte, dass einige Kurse im Block bei anderen Stämmen stattfinden. Mehr dazu auf den Seiten 37 – 42. Besonders hinweisen möchte ich auf unsere neuen Angebote, insbesondere der Klöppel-Kurs von Hedwig Harun.“ - Merkwürdiger Name! Den Mann kenn ich gar nicht! Wer ist denn das?
F: Lies doch weiter!
A: „Hedwig Harun ist gebürtige Niederländerin und hat vor einem Jahr Maslama Harun geehelicht. Erweist euch als eine um Integration bemühte Gemeinschaft und besucht ihren Kurs besonders zahlreich. Auch Männer sind willkommen.“ - Was ist denn das, Klöppeln?
F: So was wie Stricken.
A: Und du meinst, das interessiert auch Männer?
F: Naja, wir wollen ja nicht nur Integration, sondern auch Interaktion zwischen den Geschlechtern.
A: Nett. (denkt für sich: Ich bin ja schon froh, dass da Männer und nicht Krieger steht.)
F: Ich wollte ja erst Krieger, also „Auch Krieger sind willkommen“, schreiben, aber das würde ja alle anderen Männer, die nicht Krieger sind, ausschließen, und wir wollen ja Integration.
A: Ja, da hast du sicherlich recht. Lass mal weiterlesen. „Außerdem findet dieses Jahr aus aktuellem Anlass zum ersten Mal der Kurs „Ein Mag schneidern“ statt. Der Kurs wird von Marcia Galpota und Khatir Katub geleitet.“ Ist das nicht deine Cousine?
F (sehr stolz): Die Frau des Cousins dritten Gerades meiner Frau! Ja, die Frau von dem, der in dem MSF die Mag-Mode vorführt.
A: „Es können hübsche Stoffe dafür käuflich erworben werden. Man kann bei bestimmten Rängen aber auch aus einem alten Gewand ein Mag schneidern. Ich selbst werde diesen Kurs hin und wieder besuchen...“ - Aber davon weiß ich ja gar nichts!
F: Ich habe die Termine mit Sahin, deinem Vize, schon abgesprochen. Du musst an den Abenden keine Wache vor Hamunaptra schieben. Ist alles schon geregelt!
A (mit sichtlichem Widerwillen): Und wenn ich da nicht hinwill?
F: (vorwurfsvoll) Ardeth!
A: Jaja, schon gut...
F: Lies weiter!
A: „...und freue mich schon heute darauf!“ (schüttelt verärgert den Kopf) „Zum Abschluss wünsche ich uns allen ein erfolgreiches Semester! Mein herzlicher und immerwährender Dank gilt Faust Jasir für seine Bemühungen um die Volksbildung der Medjai! Sein Vorwort, sein Portrait und seine persönliche Empfehlungen für das uns harrende Semester kann man auf der nächsten Seite lesen, was ich jedem dringlichst an Herz lege.“
F (blättert um): Hier! Möchtest du es lesen?
A: Nein, nein, keine Zeit... äh... (blättert hastig zurück) Ich habe die Schlussformulierung meiner Rede noch nicht gelesen. „Daher, meine lieben Medjai, lernt, lernt, lernt!“ (ächzt innerlich auf)
F: Hier der Stift zum Unterschreiben!
Ardeth unterschreibt, um Faust möglichst schnell loszuwerden.
F: Ich werde nach dem Druck dir ein Exemplar zukommen lassen, damit du dir in aller Ruhe ein paar Kurse auswählen kannst. Du bist doch so tierlieb, nicht wahr? Also, warte mal, da ist zum Beispiel ein Kurs über die verschiedenen Erkennungsmerkmale der Wüstensalamander im Vergleich zu ihren nordeurpäischen Artverwandten.. warte, das ist auf Seite 27... (blättert)
A: Jaja, Faust, ich glaubs dir... ich guck mir das dann an...
F: Darf ich dich da schon mal eintragen?
A: Nein, nein... lass mal... ich muss mir das erst in aller Ruhe überlegen, aber jetzt hab ich zu tun...
F: Achso, verstehe. Ja, du hast ja immer zu tun... (leicht beleidigt) Ich geh dann mal!
A: Ja (uff...), und – äh – alles Gute, nein, ich meine viel Erfolg für das neugeborene Semester.
F: (leicht pikiert) Ja, danke.
Er geht. Sahin tritt ein.
Sahin: Draußen wartet Marcia Galpota. Soll ich sie jetzt hereinlassen?
A: Neeeeeein!!!!!

Bianca M. Gerlich
20.02.07