"Um
stillen Tod sie warb" (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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LEYRAH 2
Ein Trupp von ungefähr 35 Medjai ritt langsam auf dem
Karawanenweg in Richtung Kairo. An ihrer Spitze befand sich der
junge Lyleth und sein Schwiegervater Arianda. Wie alle Krieger
wirkten sie müde und erschöpft. Lyleth ließ seine Schultern
tief hängen, hatte den Blick gesenkt und wurde mehr von seinem
Pferd geführt als andersherum. Seit über zwei Wochen waren sie
nun unterwegs. Sie hatten den ganzen Weg nach Spuren und
Hinweisen auf den Verbleib von Leyrah abgesucht. Lyleth hatte
immer wieder eine Handvoll Männer in nahe gelegene Orte
ausschwärmen lassen, die dort suchen und fragen sollten. Bislang
war aber alles Suchen umsonst gewesen. Nirgendwo gab es eine Spur
von Leyrah oder den anderen drei vermissten Medjai. Niemand hatte
sie gesehen. Zunächst waren sie der Spur vom Ort des Überfalls
bis zum Nil gefolgt, wo sie sich verloren hatte. Man vermutete,
dass man die Gefangenen auf ein Schiff gebracht hatte und
nilabwärts unterwegs war. Doch wo mochten die Entführer an Land
gegangen sein? Lyleth ließ an allen üblichen Anlegestellen
halten und nachfragen, doch auch hier blieb man erfolglos. Nun
befand man sich kurz vor Kairo. Lyleth hoffte, dass man dort mehr
wissen würde. Durch ein Telegramm hatte man die in Kairo
stationierten Medjai benachrichtigt, die sicher nicht untätig
gewesen waren. Sicherlich war auch inzwischen Leslie
eingetroffen, der mit einem Schiff nach Kairo gebracht werden
sollte, um hier seine Mutter wiederzutreffen und zurück in die
USA zu reisen. Auch Lyleth sollte seine Mutter treffen, erstmals
in seinem erwachsenen Leben. Doch die Freude über das
Wiedersehen war getrübt. Er machte sich große Sorgen um das
Wohlergehen seiner jungen Frau. Die Ungewissheit, warum man sie
entführt hatte und was man ihr angetan haben würde, hatte tiefe
Spuren hinterlassen. Er hatte stark abgenommen, sein Gesicht war
bleich und die Angst um Leyrah ließ ihn kaum schlafen. Immer
musste er daran denken, welche Qualen sie wohl erleiden musste.
Es machte ihn fast wahnsinnig. Er musste sie unbedingt
wiederfinden. Und dann schlich sich unheilvoll die Frage in seine
Gedanken, was wohl wäre, wenn er sie nie mehr wiederfinden
würde...
In dem großzügigen Anwesen der Medjai in Memphis bei Kairo
hatte man den angekündeten Trupp schon erwartet. Milal, der die
oberste Stellung aller Anwesenden inne hatte, trat sofort in den
offenen Hof, als man ihm sagte, dass der Trupp soeben durch das
Eingangstor geritten sei. Er erschrak, als er Lyleth erblickte,
doch er versuchte, seine Gefühle zu verbergen und verneigte
leicht seinen Kopf, als er dem vom Pferd abgestiegenen Sohn des
Anführers aller Medjai gegenüber trat und ihn höflich
begrüßte. Lyleth erwiderte den Gruß und fragte ohne Umschweife
nach Neuigkeiten über Leyrah. Doch Milal verneinte und entmutigt
betrat Lyleth das Haus. Aller Augen waren mitleidig auf ihn
gerichtet. Milal trat hinter ihm ein. Lyleth und Arianda wurde
jeweils ein Becher Wasser gereicht und sie tranken, bevor sie
sich auf einem Kissen niederließen. Milal setzte sich zu ihnen
und Lyleth bat ihm, über alles zu berichten, was unternommen
worden ist.
"Wir haben überall in Kairo und Umgebung suchen und
nachforschen lassen, wir haben auch die hiesigen Sklavenmärkte
aufgesucht und all unsere Verbindungen spielen lassen, doch weder
hier noch im benachbarten Arabien gibt es einen Hinweis auf den
Verbleib Eurer Frau, Lord Bay. Wir wissen nicht, was wir jetzt
noch unternehmen könnten."
"Und in Richtung Westen?"
"Wir haben einen Trupp bis über die Grenzen Ägyptens
hinaus geschickt und überall fragen lassen, doch auch von dort
gibt es keine positiven Neuigkeiten, wie mir Hassan Genan vor
drei Tagen per Telegramm aus Alexandria hat zukommen lassen. Sie
halten dort aber weiter die Augen auf."
Lyleth seufzte, doch fragte sogleich: "Und was ist mit dem
Suchtrupp im Süden? Haben Sie Nachricht von dort?"
"Nein, Lord Bay. Bislang haben wir keine Nachricht von dort.
Es wird sicherlich auch noch eine Weile dauern, wenn der Trupp
bis zu den Sklavenumschlagplätzen am Roten Meer vordringen soll
und wieder zurück nach Theben. Da es hier im Norden überhaupt
keine Spur gibt, ist es wahrscheinlich, dass man die vier weiter
in den Süden oder nach Osten geschafft hat."
"Das glaube ich eher nicht, jedenfalls nicht in Richtung
Osten. Sie hätten die nubische Wüste durchqueren müssen."
"Vielleicht haben sie sich zur alten Sklavenkarawanenstraße
durchgeschlagen. In dem Fall würden wir sie früher oder später
erwischen oder ihre Spuren finden. Lord Bay, wir sollten
abwarten, bis wir von den Suchtrupps im Süden Nachricht
erhalten."
"Ich kann nicht einfach hier herumsitzen und warten. Bitte,
wir müssen auch hier in Kairo weitersuchen. Am besten
verdeckt."
"Ja, natürlich suchen wir weiter, Lord Bay! Aber Ihr solltet
Euch jetzt erst einmal von dem anstrengenden Ritt ausruhen. Ich
werde Euch berichten, sobald sich etwas ergibt."
Lyleth nickte traurig. Er hatte sich mehr von Kairo erhofft. Auch
hier gab es also keine Spur. Entmutigt zog er sich zurück. Die
anwesenden Medjai sahen ihm traurig hinterher. Die meisten
wussten, dass Lyleth und Leyrah aus Liebe geheiratet hatten, und
sie ahnten, was in dem armen Lyleth vor sich gehen musste. Die
Chancen, Leyrah nach so langer Zeit wiederzufinden, waren gering.
Lyleth besuchte in den Folgetagen alle hochstehenden
Persönlichkeiten, die er kannte, aber außer Bedauern wussten
die ihm nichts anderes zu sagen. Als er vier Tage nach seiner
Ankunft von seinem Besuch bei einem adligen Großgrundbesitzer
ins Medjai-Haus zurückkehrte, übergab man ihm aufgeregt eine
Nachricht aus Theben. Sie stammte von Ardjun. Doch seine Hoffnung
wurde wieder enttäuscht, denn die Nachricht beinhaltete nicht,
dass man Leyrah gefunden hätte, sondern stellte Lyleth vor
weitere Probleme. Ermattet ließ er die Hand sinken, die das
Telegramm hielt, und Arianda fragte bangend:
"Leyrah?" Er hoffte, dass seine Tochter nicht tot
aufgefunden worden war.
"Nein, Vater, nichts über Leyrah oder ihre Entführer. Es
handelt sich um eine Anweisung meines Vaters."
Lyleth schüttelte ungläubig mit dem Kopf, denn das, was in dem
Telegramm stand, hatte er nicht erwartet und konnte es auch nicht
nachvollziehen.
"Mein Vater wünscht, dass ich meine Mutter aufsuche, sobald
sie hier in Kairo eingetroffen ist, und ihr mitteile, dass ihr
Sohn Leslie nicht kommen wird. Er wird bei meinem Vater
bleiben."
"Was?", fragte Arianda ungläubig nach, der als
Familienmitglied natürlich über Leslies Geschichte informiert
war. "Will Leslie jetzt bei uns bleiben? Ich dachte, er
wollte studieren..."
"Ja, das wollte er auch. Er wird gegen seinen Willen
festgehalten."
Arianda sah Lyleth irritiert an, und letzterer fuhr fort zu
erklären: "Mein Vater trägt Sorge, dass mir etwas
zustößt bei der Suche nach Leyrah und so lange muss Leslie bei
ihm bleiben - als Garant des Fortbestands des Bay-Clans."
Lyleth ließ sich keine weitere Regung anmerken, aber Arianda
wusste, dass er sehr verärgert darüber war. Er hing an seinem
Bruder und hatte keinen Arg gehabt, ihn allein bei seinem Vater
zurückzulassen. Lyleth hatte nicht damit gerechnet, dass Ardjun
Leslie zwingen würde, bei den Medjai zu bleiben.
"Unsere Mutter müsste morgen eintreffen. Sie wird im
Imperial Hotel wohnen und ich werde sie dort morgen Nachmittag
aufsuchen."
Arianda legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das würde ein eher
trauriges Wiedersehen werden, wenn Lyleth seiner Mutter gestehen
musste, dass sie Leslie vorerst nicht treffen und nach Hause
mitnehmen könne. Als ob sie nicht genug Probleme um die Ohren
hätten, dachte sich Arianda, äußerte aber keinen Unmut
gegenüber Ardjun laut, denn der war der oberste Anführer aller
Medjai und in seinen Handlungen sakrosant.
Lyleth war sehr flau im Magen, als er vor dem Imperial stand. Es
war ein Hotel der Luxusklasse, in dem eigentlich nur Weiße
Zutritt hatten. Lyleth wusste nichts von dieser Regelung und trat
- in Begleitung von zwei ebenso wie er tief verhüllten Medjai -
auf die Eingangstür zu, doch wurde von zwei Türstehern
angehalten, die ihm auf Arabisch "Für Einheimische Zutritt
verboten" zuraunten. Lyleth sah irritiert von einem zum
anderen, aber wusste, dass es keinen Sinn hatte, den Zutritt zu
erzwingen. Auf Englisch erwiderte er:
"Meine Mutter, Mrs. Claire Manson, ist seit heute Gast in
diesem Hotel, und sie ist Bürgerin der USA. Ich wünsche sie zu
besuchen."
Die Türwächter sahen sich irritiert an. Der kriegerisch
wirkende Beduine vor ihnen sollte Sohn einer US-Amerikanerin
sein? Lyleth forderte sie auf:
"Bitte fragen Sie an der Rezeption nach! Ich bin mit meiner
Mutter in diesem Hotel verabredet."
Lyleths Bitte war bestimmt und höflich vorgetragen worden.
Tatsächlich betrat einer der beiden das Hotel. Nach einer Weile
kehrte er zurück und forderte Lyleth auf:
"Bitte folgen Sie mir, Sir. Aber bitte nur Sie!"
Lyleth nickte seinen beiden Leibwächern zu, sie sollen hier
warten, was sie ungern taten. Dann betrat er das Hotel, das sehr
edel eingerichtet war. Lyleth warf einen verstohlenen Blick auf
den unglaublich großen Lüster, der in der Mitte der Halle hing,
und anschließend einen ungläubigen auf die beiden echten
Statuen, die aus einem ägyptischen Tempel hierher gebracht
worden sein mussten. Ganz Medjai schüttelte er verärgert mit
dem Kopf. Der Türsteher führte ihn zu einem anderen
Hotelangestellten, der in einen eleganten Anzug gekleidet war und
augenscheinlich etwas mehr zu sagen hatte als der Türsteher.
Dieser wies Lyleth, der inzwischen das Tuch von der unteren
Gesichtshälfte gezogen hatte, höflich mit der Hand den Weg,
aber sprach ihn nicht weiter an. Er wurde die breite geschwungene
Treppe hinaufgeführt. Gäste, die sich in der Halle aufgehalten
hatten, sahen ihm verwundert hinterher und tuschelten. Lyleth sah
aus den Augenwinkeln, dass Hotelbedienstete zu ihnen traten und
ihnen die Situation zu erklären schienen. Im ersten Stockwerk
gingen sie einen langen Gang entlang, bis der Mann stehen blieb
und höflich den Türklopfer betätigte. Er wartete, bis
geöffnet wurde. Ein Junge im Alter von ungefähr 16 Jahren stand
vor ihnen und warf einen fragenden Blick auf den Angestellten und
riss, als er Lyleth neben ihm sah, ganz weit die Augen auf.
"Dieser Gentleman wünscht Mrs. Claire Manson zu
sprechen." Am liebsten hätte er hinzugefügt, dass der
Fremde behauptet, ihr Sohn zu sein, aber so impertinent wollte er
nicht sein, da aller Wahrscheinlichkeit nach diese Aussage
stimmen würde und er riskierte, einen Hotelgast zu beleidigen.
Aber er wollte sich lieber von der Wahrheit selbst überzeugen.
"Würden Sie bitte Mrs. Claire Manson zur Tür
bitten?", insistierte er, da der Junge vor lauter Staunen
den Mund nicht zubekam. Lyleth lächelte leicht, denn
wahrscheinlich war der Junge sein Halbbruder. Dieser rief
aufgeregt:
"Ma! Ma! Komm mal schnell her!"
Claire kam sofort. Sie trug ein elegantes hellblaues Kostüm, ihr
Haar war zu einem Knoten gebunden. In zwei Metern Entfernung vor
der Tür blieb sie abrupt stehen, als sie in dem Medjai hinter
dem Hotelmanager ihren Sohn Lyleth erkannte. Er sah Leslie - bis
auf die Tätowierungen - zum Verwechseln ähnlich und sie hätte
ihn unter Tausenden erkannt. Der Hotelangestellte begriff sofort,
als er ihr mütterliches Lächeln sah und zog sich mit einem
dezenten "Madame" zurück. Lyleth blieb auch zunächst
wie angewurzelt stehen und betrachtete seine Mutter. Dann trat er
zu ihr - wie sie zu ihm - und beide fielen sich in die Arme.
Claire schluchzte ergriffen. Sie hielten sich fest umfangen.
Inzwischen war auch Graham Manson, Claires Mann, dazugetreten und
musterte Lyleth eingehend und verwundert. Gewiss, Claire hatte
ihm inzwischen von Ardjun und seinem Volk berichtet, aber dennoch
war Graham beeindruckt von Lyleth. Er wirkte sehr arabisch in
seinen dunklen Gewändern und diese merkwürdigen Tätowierungen
gaben ihm etwas Geheimnisvolles, sehr, sehr Fremdes. Graham fand
zwar, dass Lyleth ansonsten aussah wie Leslie, doch wirkte Lyleth
wesentlich erwachsener.
"Lyleth!", wisperte Claire ergriffen, löste sich aus
der Umarmung und betrachtete Lyleth nun eingehender. "Mein
Sohn! Endlich!"
"Mutter...", erwiderte Lyleth genauso ergriffen. Er
hatte das gleiche liebe Lächeln wie Leslie. Oh, wie waren die
beiden sich doch ähnlich! Claire weinte vor Freude, vielleicht
auch vor Trauer, weil sie so lange ihren zweiten Sohn entbehren
musste.
"Was haben sie mit dir gemacht?", fragte sie
schmerzvoll und fuhr ihm über die Wangen. Lyleth verstand nicht
so recht, was sie meinte und sah sie fragend an.
"Haben sie dich gut behandelt, mein Sohn?"
"Ja, Mutter. Ich hatte eine gute Kindheit, falls du das mit
deiner Frage meintest."
Claire bemerkte erst jetzt, dass sie ja nicht ganz allein mit
Lyleth war.
"Verzeih, Lyleth, ich bin so aufgeregt. So schrecklich
aufgeregt, dass ich dich wiederhabe! Hier, komm, ich möchte dir
meinen Mann vorstellen. Mr. Graham Manson."
Lyleth sah zu Graham und neigte höflich seinen Kopf. "Mr.
Manson."
Graham war etwas verlegen. Er wusste nicht so recht, wie er sich
diesem erwachsenen Sohn Claires, der so fremd wirkte, gegenüber
verhalten sollte.
"Lyleth", stammelte er und nickte auch mit dem Kopf,
allerdings weniger elegant als Lyleth zuvor.
"Und das hier ist Mathew." Sie wies auf den immer noch
staunenden Jugendlichen, der neben seinen Vater geflüchtet war.
"Mathew", forderte sie ihn auf, "sag deinem
Halbbruder schön guten Tag!" Doch Mathew traute sich keinen
weiteren Schritt an Lyleth heran. Natürlich hätte es die
Höflichkeit geboten, dass er als Jüngerer zuerst seinen Bruder
begrüßte. Doch Mathew war derart beeindruckt, dass er den Mund
nicht aufbekam. Lyleth lächelte besänftigend und grüßte ihn
als erster: "Mathew, schön, dich kennenzulernen!"
Graham stupste seinen Sohn schließlich an, sodass der immerhin
ein "Ja" herausbekam.
"Bitte verzeiht, dass ich so unangemeldet hier erscheine!
Ich hoffe, ihr seid nicht allzu überrascht."
Claire war es keineswegs, denn genauso hatte ihr Geliebter
ausgesehen, sie war an diesen Anblick gewöhnt. Allerdings hatte
sie damals auch die Medjai hassen gelernt, die ihr ihren Ardjun
weggenommen hatten, und sie war nicht erbaut davon, Lyleth in dem
Medjai-Gewand und mit den Tätowierungen zu sehen. Sie hatten ihr
also ihren Sohn tatsächlich genommen und zu einem der ihren
gemacht. Sie vergaß, dass sie eigentlich dankbar sein sollte,
dass er noch lebte und gesund war. Immerhin hatte sie all die
Jahre angenommen, dass Lyleth tot sei.
"Oh, Lyleth, mein Sohn, ich habe doch gehofft, dich und
Leslie bald nach unserer Ankunft sehen zu können! Komm,
komm", sie zog ihn am Ärmel mit sich, "setz
dich!"
Lyleth sah sich kurz in der Suite um. Sie war sehr geräumig. In
dem Raum, in dem sie sich befanden, stand eine bequeme Sitzecke,
auf die Claire zugesteuert war. Lyleth ließ sich in einem Sessel
nieder, Graham und Mathew setzten sich wie zwei Verschworene auf
das Sofa und Claire auf den zweiten Sessel.
"Mathew, bitte geh und lass Tee kommen, ja?"
Mathew erhob sich etwas unwillig. Eigentlich wollte er gerade
jetzt keine Sekunde verpassen. Claire war so aufgekratzt, dass
sie noch gar nicht mitbekommen hatte, dass Leslie fehlte.
"Lyleth, du bist so groß! Geht es dir auch wirklich
gut?"
Lyleth nickte bejahend, obgleich das nicht der Wahrheit
entsprach. Dann begann er:
"Mutter, man war immer sehr gut zu mir, besonders mein
Großvater. Aber du hast mir natürlich sehr gefehlt. Niemand
kann eine Mutter ersetzen."
In Claires Augen blitzte es auf, sie zog schnell ein Taschentuch
hervor, und es dauerte tatsächlich nicht lange, da rollten die
Tränen der Rührung. Lyleth nahm ihre schmalen Hände in seine
und drückte sie fest. "Ich bin froh und dankbar, dass du
hier bist!"
Claire schluchzte immer noch und blickte verlegen auf seine
Hände, die ebenfalls tätowiert waren. Da verfinsterte sich ihr
Blick ein wenig und sie fragte.
"Lyleth, bist du einer von ihnen geworden?"
Das war zwar offensichtlich, aber Lyleth war die Bitterkeit nicht
entgangen, die in dieser eher rhetorischen Frage lag.
"Ja, Mutter. Ich gehöre zu den Bedja."
"Ein Wüstenkrieger?", schaltete sich nun auch Graham
ein.
"Ja, Mr. Manson."
Inzwischen war Mathew zurückgekehrt. Er setzte sich
augenblicklich zu seinem Vater.
"Oh Lyleth, mein Sohn, bist du glücklich bei ihnen?"
"Ja, Mutter, ich bin sehr glücklich - dort, wo ich lebe. Es
ist sehr friedlich bei uns."
Graham runzelte die Stirn. "Ein Krieger, der von Frieden
spricht?"
Lyleth entging die ablehnende Haltung Grahams nicht. Aber er
blieb weiterhin höflich und freundlich, als er antwortete:
"Wir sind Krieger, um unser Gebiet zu verteidigen, falls
Eindringlinge kommen."
"Eindringlinge? Wir Weißen zum Beispiel?"
"Graham!", tadelte Claire ihren Mann leicht.
Doch Lyleth ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Nun, in
erster Linie sind es herumstreunende Räuberbanden und
Sklavenfänger, die uns zu schaffen machen. Doch wir würden
natürlich auch andere Angreifer abwehren."
In Grahams Augen blitzte es auf. Der junge Mann schien ihm zu
selbstsicher. Er musste ihn ein wenig auf den Boden der Tatsachen
zurückbringen und an die Überlegenheit der Europäer und
Amerikaner erinnern.
"Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihre paar Wüstenkrieger
eine Chance hätten, wenn ein geordneter militärischer Verband
der Briten vor ihren Beduinenzelten auftauchen würde."
Lyleth sah ihn immer noch freundlich an, obwohl er wusste, dass
Graham ihn herausfordern wollte. Er schien ein wenig
eifersüchtig auf Claires zweiten Sohn zu sein, und Lyleth fielen
Leslies Erzählungen über manche Behandlung von Seiten Grahams
ein, die Leslie in seiner Jugend zu ertragen hatte. Doch Lyleth
wollte auf keinen Fall unhöflich sein oder jemanden in
Verlegenheit bringen, indem er mit der Kampfesstärke der Medjai
protzte, und so erwiderte er leicht lächelnd:
"Damit werden Sie vermutlich recht haben, Mr. Manson."
An der Tür wurde geklopft, der Tee wurde serviert, und Claire
atmete erleichtert auf, dass dieses unangenehme Fragen von Graham
zunächst ein Ende hatte. Ihr Verhältnis zu ihm hatte sich etwas
seit ihrer Aussprache vor ihrer Reise zum Guten geändert, aber
natürlich lehnte er diesen Teil ihrer Vergangenheit ab. Doch
hatte er immerhin ihr zuliebe dieser Reise zugestimmt und sie
wollte sich seine einigermaßen gute Stimmung bewahren. Sie
warteten, bis die Bedienung gegangen war, dann tranken sie alle
ihren Tee, und zu Claires Freude benahm sich Lyleth dabei genauso
wie alle anderen.
"Wo ist eigentlich Leslie?", fragte sie unvermittelt.
Lyleth antwortete ernst, aber wahrheitsgemäß: "Er befindet
sich bei unserem Vater - in der Nähe von Theben."
"Theben?", wiederholte sie halb entsetzt. "Du
meinst Luxor?"
"Ja, Mutter. Leslie ist noch dort. Er wird... auch vorerst
dort bleiben müssen."
Claire sah Lyleth ungläubig an.
"Was heißt, er wird dort bleiben müssen?", fragte
Graham nach und beschloss, die Sache in seine Hand zu nehmen.
"Während Ihrer Überfahrt sind hier Dinge geschehen, die es
nach Ansicht unseres Vaters erforderlich machen, dass Leslie
vorerst in unserem Ort bleibt", wandte sich Lyleth an
Graham.
"Ist er in Gefahr?", fragte Claire entsetzt. "Was
ist geschehen?"
Lyleth wünschte sich, dass Ardjun selbst Claire gestehen würde,
warum er Leslie bei sich behielt. Nun stand er vor dieser
schwierigen Aufgabe...
"Meine Frau ist entführt worden..."
"Oh Lyleth!", unterbrach ihn Claire. "Wie
schrecklich!"
"Aber was hat das mit Leslie zu tun?", fragte Graham
und ließ Lyleth keine Zeit, selbst weiterzureden, was er
begonnen hatte. Lyleth ließ sich nicht beirren. Er versuchte,
die Ereignisse möglichst sachlich wiederzugeben.
"Unser Vater fürchtet um seine Nachkommenschaft. Ich habe
nur einen Sohn. Daher hält unser Vater es für nötig, Leslie so
lange bei uns zu behalten, bis die Nachkommenschaft gesichert
ist."
Graham, Claire und Mathew starrten Lyleth mit beinahe offenen
Mündern an. Graham versuchte das Gesagte nachzuvollziehen,
Mathew verstand kein Wort davon und Claire dämmerte so langsam
das Ausmaß dieser Angelegenheit. Es war Graham, der die Sprache
als erster wiederfand.
"Nachkommenschaft?", fragte er ungläubig. "Soll
Leslie...ähm...Kinder zeugen?" Er warf einen verunsicherten
Blick seinem minderjährigen Sohn zu, der die Ohren ganz weit auf
machte.
"Ich denke, Mr. Manson, wenn wir meine Frau wiedergefunden
haben, wird unser Vater Leslie sicherlich gehen lassen."
"Und wenn nicht?", wollte Claire halb empört wissen.
"Ich weiß es nicht genau, Mutter. Unser Vater wird Leslie
zum Heiraten drängen wollen, nehme ich an."
"Aber es gibt doch einen Erben, Ihren Sohn!", gab
Graham laut von sich.
"Ja, aber das reicht meinem Vater nicht. Meine Frau war
schwanger, als sie entführt wurde, und er hatte sich auf
weiteren Nachwuchs eingestellt."
"Schwanger! Mein Gott!", rief Claire. "Weiß man
denn, wer sie entführt hat?"
"Leider nicht, Mutter." Lyleth neigte traurig das
Haupt. "Ich suche seit drei Wochen nach ihr. Wir haben
bislang keine Spur."
"Das ist ja alles sehr traurig", versuchte Graham
nüchtern zusammenzufassen, "aber dieser... wie heißt der
doch noch gleich... Ardjun kann Leslie doch nicht einfach zwingen
hierzubleiben! Leslie ist immerhin amerikanischer
Staatsbürger!"
Fast simultan sahen Claire und Lyleth zu ihm. Beide wussten, dass
Ardjun das sehr wohl konnte.
"Siehst du, ich habe recht behalten", jammerte Claire,
"ich hätte Leslie nie erlauben dürfen, nach Ägypten zu
kommen! Ich wusste, es würde Unheil bringen. Warum sollte sich
hier auch etwas geändert haben? Sie zwingen uns einfach ihren
Willen auf! Man kann nichts dagegen tun! Ich habe es gewusst, ich
habe es gewusst! Mein armer Les!"
"Beruhige dich, Claire", beschwichtigte sie Graham und
warf einen unsicheren Blick Lyleth zu, ob der in irgend einer
Weise beleidigt war, doch er ließ sich zumindest nichts
anmerken.
"Ich will mich aber nicht beruhigen! Es ist eine
Ungeheuerlichkeit! Lyleth!", fuhr sie ihn scharf an.
"Sag deinem Vater, dass er Leslie sofort freigeben soll! Er
soll es ja nicht wagen, mir Leslie wegzunehmen!"
"Ja, Mutter, ich werde es ihm ausrichten", erwiderte
Lyleth und fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut als
Vermittler zwischen den zwei Lagern. "Ich bedauere zutiefst,
dass Leslie nicht hier sein kann."
"Hast du ihn etwa zu deinem Vater gebracht?" Ihre
Stimme klang böse.
"Claire", mischte sich Graham ein, "Lyleth kann
doch auch nichts dafür, dass Leslie festgehalten wird. Mach ihm
keine Vorwürfe deswegen!"
Lyleth hatte seine Mutter traurig angeschaut. "Ja, Mutter.
Sobald wir etwas über den Verbleib meiner Frau wissen, werde ich
euch hier benachrichtigen. Vielleicht erlaubt unser Vater dann,
dass Leslie hierher reisen darf."
Lyleth hatte eigentlich auf ein persönliches Gespräch mit
seiner Mutter gehofft, die er endlich wiedergefunden hatte, doch
er merkte, dass ihre ganze Aufmerksamkeit jetzt Leslie gehörte.
Er hätte ihr gern noch von seinem Sohn erzählt, aber getraute
sich nicht, ein Gespräch darüber anzufangen, denn sie war in
sehr gereizter Stimmung, und es schien, als würde sich ihre
Gesinnung gegen alle Medjai richten und irgendwie auch gegen ihn,
der er ja in seiner vollständigen Medjai-Aufmachung vor ihr
saß. Also beschloss Lyleth, sich lieber zurückzuziehen und
vielleicht später ein vertrauliches Gespräch mit ihr zu suchen.
Er erhob sich aus seinem Sessel und verabschiedete sich höflich.
Claire umarmte ihn nicht, sondern beschwor ihn noch einmal, alles
Menschenmögliche für Leslie zu tun. Doch Graham wünschte
Lyleth viel Erfolg bei der Suche nach Leyrah und zauberte damit
ein leichtes Lächeln auf Lyleths Gesicht. Mathew hatte die ganze
Zeit tief beeindruckt und schweigsam dabei gesessen und seinen
Halbbruder verstohlen betrachtet, der wirklich mehr wie ein
Fremder als ein Verwandter wirkte.
"Sieht Leslie jetzt auch so aus wie sein Bruder?",
wollte er sensationslustig wissen.
Claire sah ihn entsetzt an, schluchzte auf und rannte ins
Badezimmer. Graham und Mathew sahen sich ratlos an, als sie
Claire schluchzen hörten.
Die Wochen vergingen. Ab und an besuchte Lyleth pflichtgemäß
die Mansons, blieb aber immer nur kurz, da es Claire nicht gut
ging. Da keine Nachrichten über Leyrah kamen, konnte er sie auch
nicht wirklich trösten. Lyleth war selbst sehr verzweifelt, aber
immer bemüht, es seiner Mutter irgendwie recht zu machen. Graham
drängte auf eine baldige Rückkehr in die USA, aber Claire
wollte davon nichts wissen. Sie wollte solange bleiben, bis sie
ihren Sohn wieder hatte. Graham bedeutete ihr, er könne nicht
ewig hier bleiben und stellte eine Art Ultimatum. Er wollte noch
einen Monat hier bleiben, dann müsse er zurück und Mathew auch.
Sie könne ja noch hier bleiben und warten. Er schlug vor, nach
Süden zu reisen und Leslie vor Ort zu besuchen, doch Claire
traute sich nicht und auch Lyleth riet davon ab. Er hatte
allerdings seinen Vater gebeten herzukommen und mit Claire zu
reden, doch Ardjun wollte davon so gar nichts wissen. Er setzte
im Gegenteil Lyleth unter Druck, indem er ihm ebenfalls ein
Ultimatum stellte. Er gab seinem Sohn noch fünf Wochen, dann
müsse er zurückkehren und an eine neue Heirat denken. Immerhin
war der Trupp, der nach Südosten geritten war, zurückgekehrt,
doch auch der hatte keine Nachricht über den Verbleib der
entführten Medjai. Lyleth besuchte nun nur noch selten seine
Mutter, er war selbst betrübt und wusste auch keinen Ausweg
mehr. Zudem war er zweimal in Kairo von merkwürdig rotgewandeten
Beduinen überfallen worden, aber da er immer in Begleitung von
mindestens zwei weiteren Medjai war, konnte er die Angreifer
zurückschlagen.
Täglich trafen Kundschafter von überall her ein, die aber
keinen Erfolg verkünden konnten. Als wieder einer Lyleth
betrübt mitteilte, nichts herausgefunden zu haben, und sich
zurückzog, legte sein Schwiegervater die Hand auf Lyleths linke
Schulter. Lyleth schluckte tief, bemüht, seine Traurigkeit zu
verbergen. Arianda nahm ihn in seine Arme, um ihn zu trösten. Er
spürte, wie Lyleth der Mut sank. Auch Arianda hatte kaum noch
Hoffnung, seine Tochter lebend wiederzusehen. Leyrah war jetzt
schon zwei Monate verschwunden und es war sehr unwahrscheinlich,
sie noch wiederzufinden. Inzwischen konnte sie längst Afrika
verlassen haben und weit weg sein.
"Vielleicht geschieht ja ein Wunder", raunte Arianda
leise seinem Schwiegersohn zu, doch auch er selbst glaubte nicht
mehr daran.
Da ging die Tür mit einem Mal auf und der Kurator des Museums
stürmte lautstark herein, was dem ansonsten eher stillem Mann
gar nicht ähnlich sah. Überrascht blickte Lyleth auf.
"Wo ist Lyleth?", fragte der Kurator den erstbesten
Medjai, den er bei der Tür antraf. Dieser wies auf Kadath und
Lyleth, die an der gegenüberliegenden Wand standen und neugierig
hinüberschauten. Der Kurator eilte zu ihnen herüber und hielt
Lyleth ein kleines Päckchen, das mit einem Stück schwarzen
Stoff umhüllt war, unter die Nase. Lyleth wagte es kaum zu
berühren, er ahnte, dass es etwas mit Leyrah zu tun haben
musste.
"Das ist Stoff von einem Medjai-Gewand", kommentierte
Arianda. "Öffne das Päckchen!"
Zögernd griff Lyleth danach und wickelte das Päckchen auf. Er
beförderte Leyrahs Talisman und ein Stück Papier hervor und
erschrak furchtbar.
"Sie hätte den Talisman nie freiwillig abgelegt!",
rief er vor Entsetzen. "Sie... ist tot..."
"Vielleicht fordert man Lösegeld und hat dir den Talisman
zum Beweis geschickt, dass man sie gefangen hält. Lies doch mal,
was da steht!", bedrängte ihn Arianda aufgregt und nahm ihm
das Amulett ab, das er und seine Frau einst dem Töchterlein
geschenkt hatten. Der Kurator lächelte, denn er hatte die
Botschaft ja schon gelesen, war aber bisher nicht zu Wort
gekommen. Jetzt beruhigte er die beiden Freunde:
"Lady Bay ist nicht tot, die Botschaft ist von ihr."
Lyleth sah ihn für einen kurzen Moment mit großen Augen an,
dann entfaltete er in aller Eile das Papier und durchflog
förmlich die Zeilen.
"Und? Und?", fragte Arianda ungeduldig.
Lyleth ließ erleichtert das Papier sinken und sprach:
"Leyrah lebt! Sie befindet sich in einem Lager der
Fremdenlegion an der Grenze Algeriens zu Libyen. Hier, sie hat
alles ganz genau angegeben." Er reichte dem Schwiegervater
das Papier, der es selbst las und jubelte: "Sie lebt, meine
Tochter lebt!"
Dann fielen sich beide erneut um den Hals. Inzwischen waren alle
Medjai, die sich in der großen Halle befanden, aufgeregt
herangetreten. Sie freuten sich mit ihnen. Einige klopften Lyleth
auf die Schulter. Endlich hatte die Ungewissheit ein Ende, nun
wussten sie, wo sich Lady Bay befand.
Als Lyleth sich löste, fragte er den Kurator:
"Wie kommt dieses Päckchen zu Ihnen?"
"Ein Tuareg hat es mir übergeben, hat sich aber sofort aus
dem Staub gemacht."
"Sie kämpfen gegen die Fremdenlegionäre Frankreichs.
Vielleicht hat Leyrah ihm das mitgegeben", meinte Milal,
einer der Hauptleute. "Ich lasse sofort alle Krieger
zusammenrufen. Morgen können wir in aller Frühe reiten."
Milal wollte aus der Halle eilen, doch der Kurator hielt ihn
zurück, indem er rief:
"Halt, Halt! Nicht so übereilt! Das will gut überlegt
sein, wie wir Lady Bay zurückholen können. Ich denke, wir
können nicht einfach mit hundert Mann oder mehr hinreiten und
das Fort überfallen. Immerhin unterstehen diese Legionäre
Frankreich."
Etwas unwillig kam der übereifrige Hauptmann zurück.
"Warum haben französische Soldaten überhaupt eine Frau aus
Ägypten als Gefangene?", wunderte sich Arianda etwas naiv.
"Sie haben viele Frauen in ihren Lagern, die für sie
arbeiten sollen, und die meisten sind nicht freiwillig
dort", erläuterte ein anderer Medjai, der neben Milal
stand.
"Sie haben Recht", wandte sich Lyleth an den Kurator,
"wir können nicht einfach das Fort überfallen. Leyrah
zurückholen, ja, auf jeden Fall, aber andere angreifen, nein.
Das dürfen wir einfach nicht. Aber welche Möglichkeiten haben
wir?"
"Begebt Euch zum Vize-König, Lord Bay. Er hat Verbindungen
nach Frankreich. Vielleicht kann er etwas bewirken."
"In Frankreich anfragen, ob man Lady Bay freilassen würde?
Aber das würde ja Ewigkeiten dauern!", protestierte der
Hauptmann. "Lady Bay ist lange genug in Gefangenschaft
gewesen, wir sollten jetzt schnell handeln."
"Ich gebe zu bedenken, dass der Vize-König eventuell einen
Gegendienst erweisen müsste, zum Beispiel in Form eines
Präsentes. Frankreich hat schon so viele unserer Kulturgüter
vereinnahmt", meinte Arianda. Jeder wusste, wovon er sprach.
Es war den Medjai nicht daran gelegen, dass der Vize-König
weitere Pylone, Mumien oder ganze Tempelwände nach Frankreich
verschenkte.
"Da fällt mir ein, dass Girian Baku vor ein paar Wochen aus
Frankreich zurückgekehrt ist", warf der Kurator ein.
"Vielleicht weiß er, was zu tun ist. Ich werde ihn
holen."
Jeder wusste, dass Girian Baku den Auftrag gehabt hatte, sich in
Frankreich nach ägyptischen Artefakten umzusehen. Er war einer
der Medjai, die wie der Kurator die diplomatische Laufbahn
bevorzugt hatten und nun wertvolle Dienste leistete, indem er
einiges von dem, was nach Frankreich gebracht worden war, wieder
zurückholte oder zumindest den Verbleib erfasste. Auch zum
Schwarzmarkt hatte er seine Verbindungen. Offiziell galt er als
Mitarbeiter des Museums. Er hatte seinen Doktor der Philologie in
Frankreich erworben und sprach fließend Französisch.
Es dauerte nicht lange, bis der Kurator mit Girian zurückkehrte.
Er hatte ihn schon unterwegs in Kenntnis gesetzt. Tatsächlich
erwies er sich als wertvoll, denn er kannte einen Kommandanten
der Legion, der sich ab und zu in Kairo aufhielt und mit dem er
hin und wieder einen Abend in der Bar verbracht hatte, auch, um
seine Französisch-Kenntnisse aufzufrischen. Der Kommandant war
höchst erfreut, mit Girian über das gute, alte Frankreich
sprechen zu können. Es hatte sich dabei herausgestellt, dass
Girians Frau, die dieser in Frankreich kennengelernt hatte, aus
derselben Gegend stammte wie der Kommandant. Die Bakus hatten
daraufhin den Kommandanten auch in ihr Haus eingeladen, das sie
in Kairo bewohnten. Girian wusste auch, dass dieser Kommandant
der Vorgesetzte mehrerer Einheiten war und hin und wieder
Kontrollritte zu den einzelnen Forts in Algerien unternahm, um zu
schauen, ob die Legionäre auch gut arbeiteten. Tatsächlich
waren sie ja eher zum Straßenbau eingesetzt denn als
Kampftruppe. Nur manche hatten sich mit den Berbern
herumzuschlagen. Girian wollte noch am gleichen Abend in die Bar
gehen, um zu schauen, ob der Kommandant wieder in Ägypten
weilte. Er empfahl Lyleth, seine Krieger in Bereitschaft zu
halten.
Lyleth verständigte seinen Vater per Telegramm und begab sich
auch zu seiner Mutter, die höchst erfreut war, dass sich nun
doch etwas getan hatte. Vielleicht konnte sie ihren Sohn Leslie
ja bald in die Arme schließen. Doch Ardjun telegraphierte
zurück, dass er erst einmal abwarten wollte, bis Leyrah lebend
wieder zurückgekehrt sei. Nun wartete Lyleth voller Ungeduld,
und es sollte noch über eine Woche dauern, bis Girian mit guten
Nachrichten zurückkam. Der Kommandant wollte Lyleth persönlich
zu dem besagten Fort begleiten. Girian hatte ihn auf die
Kampfesstärke der Bedja aufmerksam gemacht und der Kommandant
wollte nicht riskieren, dass ein Fort angegriffen wurde, zumal
wegen einer Frau. Auch hatte Girian bemerkt, dass Lord Bay gute
Verbindungen zum Vize-König von Ägypten hatte. Lyleth hatte er
als seinen Freund dargestellt, so dass der Kommandant sich gern
veranlasst sah, dem Freund eines Freundes zu helfen.
"Werden Sie uns begleiten, Herr Baku?", erkundigte sich
Lyleth erwartungsvoll.
"Nur bis nach Alexandria, wo ich einiges zu erledigen habe,
Lord Bay. Aber Ihr sprecht ja auch französisch, sodass es keine
Verständigungsprobleme zwischen Euch und Commandeur Dupont geben
dürfte."
Der Kommandant befand sich in Begleitung von fünf Soldaten,
Lyleth hatte wie vereinbahrt acht Krieger dabei, darunter
natürlich auch Arianda. Es dauerte neun Tage, bis sie Libyen
durchquert hatten und an die Grenze Algeriens stießen.
"Ziemlich unruhige Gegend hier", bemerkte Kommandant
Dupont, der neben Lyleth ritt. "Die Berber aus Libyen setzen
uns arg zu, dabei wollen wir gar nicht weiter vordringen. Uns
reicht doch schon dieses heiße Pflaster namens Algerien!"
Lyleth hatte auf der ganzen Reise peinlichst vermieden, sich
über Politik auszulassen. Es war nicht die Sache der Medjai,
sich in die aktuelle Tagespolitik zu mischen. So hatte er dem
Kommandeur auch berichtet, dass sie im Grunde genommen ganz
friedlich wären und nur zur Verteidigung ihrer Ländereien im
Süden Krieger wären. Der Kommandant nickte befriedigt, denn er
war kein Freund der Kämpfe zwischen Einheimischen und Soldaten,
die im Namen Frankreichs kämpften. Natürlich war er aber der
Ansicht, dass Frankreich ein Recht auf die Ländereien hätte und
die Berber es danken sollten, dass soviel für sie getan wurde.
"Wir erschließen ihr Land, bauen ihnen Straßen und
Städte! Und was ist der Dank? Dabei sollen sie doch froh sein,
dass wir ihnen endlich ein bisschen Kultur bringen."
Lyleth war froh, dass der Kommandeur ihn nicht um seine Meinung
in dieser Angelegenheit befragte. Er blieb stets höflich,
zuvorkommend und achtete den Kommandeur. Ganz in sein Herz
schloss dieser seinerseits den jungen Medjai, als er eines Abends
feststellte, dass Lyleth des Pokerns fähig war.
"Ich habe das Kartenspiel in meiner Jugend gelernt, als ich
im Palast des Vize-Königs weilte", berichtete Lyleth, der
mit dem Kommandeur und zwei weiteren Franzosen die Karten auf das
flache Brett, das als Tisch diente, hämmerte. Dabei trank er von
dem ihm angebotenen Wein, was Dupont nickend anerkannte.
"Bravo! Bravo! Sie gefallen mir, Signeur! Ach, diese
Muselmanen, die nichts Vernünftiges trinken dürfen! Sind alle
Beduinen Ägyptens so trinkfest wie Sie?"
"Ähm, ja, mein Volk hat schon vor Hunderten vor Jahren Bier
gebraut und Wein gekeltert, aber viele enthalten sich aus
religiösen Gründen."
"Ah, und Sie nicht? Sind Sie kein Muselmane?"
"Äh, ich bin sehr traditionell veranlagt, wenn ich das mal
so ausdrücken darf!" Lyleth grinste.
Der Kommandeur schlug Lyleth anerkennend auf den Rücken.
"Also ehrlich, Sie gefallen mir, junger Mann!"
Lyleth konnte es nur Recht sein, wenn Dupont Sympatien für ihn
hegte. Umso mehr würde er sich für Leyrah einsetzen. So ließ
er sich auch eines Abends auf ein Wetttrinken ein, bedauerte es
aber sehr am nächsten Morgen. Bei der Vorstellung, was sein
gestrenger Vater wohl dazu sagen würde, musste er unfreiwillig
lachen.
Am letzten Abend, bevor man das Legionärlager am nächsten Tag
erreichen würde, sprach Arianda seinen Schwiegersohn an.
"Bei all deiner Verbrüderungstaktik mit Dupont, Lyleth,
müssen wir daran denken, dass wir Eindruck machen müssen.
Letztendlich sind wir nur zu neunt und diese Fremdenlegionäre
können gar nicht ermessen, wie stark wir in Wirklichkeit
sind."
"Dupont wird schon machen, Vater, sei unbesorgt."
"Diese Franzosen sollten sehen, wie viel uns an Lady Bay
liegt. Dass sie nicht einfach nur die Frau eines - entschuldige -
x-beliebigen Beduinen ist."
Lyleth sah ihn stirnrunzelnd an. "Was schlägst du
vor?"
"Ich schlage vor, wir verstoßen ein bisschen gegen das
Protokoll und knien vor deiner Frau nieder. Das wird Eindruck
schinden. Und wenn dein Vater mal eines Tages nicht mehr sein
sollte, dann werden wir uns ja sowieso vor ihr verneigen."
"Gute Idee. Sag den anderen Bescheid, ja? Oh, Vater, so
lange waren wir unterwegs, aber jetzt kann ich es kaum noch
erwarten, sie wiederzusehen. Hoffentlich geht es ihr gut!"
"Bestimmt, Lyleth, sie ist ja ein tapferes Mädchen! Eine
echte Kriegerin. Ich bin froh, dass wir sie endlich zurückhaben
werden!"
Leyrah half gerade bei der Wäsche. Sie hängte mit den Mädchen
die großen Laken auf, als ihr Gehör Pferdegetrappel vernahm.
"Nanu, es hat doch gar kein Trupp das Lager
verlassen?", wunderte sie sich laut.
"Wir werden bestimmt von diesen Wilden angegriffen",
kreischte ein Mädchen ängstlich.
Auf einmal schlug Leyrahs Herz schneller. Es waren fast vier
Wochen vergangen, seit sie dem Tuareg ihr Amulett mitgegeben
hatte. Sie hatte in der ganzen Zeit unruhig darauf gewartet, dass
jemand kommen würde. Und jetzt ritten irgendwelche fremden
Reiter auf das Fort zu, denn alle Soldaten waren in dem Lager.
Wer mochte das sein? Leyrah musste es herausfinden. Anders als
die meisten Mädchen, die sich jetzt in den Baracken verkrochen,
ging sie zielstrebig in Richtung Eingangstor.
Beim letzten Zelt blieb sie stehen und verbarg sich im Schatten
der Plane. An für sich hatte sie in diesem Bereich nichts zu
suchen. Das Portal wurde von innen geöffnet und hektisch eilte
der Befehlshaber zum Tor, sich sein weißes Käppi
zurechtrückend. Es musste also jemand Wichtiges kommen, schloss
Leyrah daraus.
Durch das Tor kamen zwei Reiter: ein uniformierter
schwergewichtiger Europäer mit weißem Käppi - also auch ein
Fremdenlegionär - und... Leyrah wagte ihren Augen nicht zu
trauen... Lyleth!!! Da hielt sie nichts mehr im Verborgenen des
Schattens. Sie stürmte hervor, rannte ungestüm auf das Portal
zu und rief laut den Namen ihres geliebten Mannes, voller
Erleichterung, voller Aufgeregtheit und Freude. Alles sah zu ihr
herüber. Lyleth war von seinem Pferd gesprungen und lief ihr
entgegen. Sie umarmten sich stürmisch und für eine Weile war es
ganz still vor Rührung im Lager. Arianda war auch von seinem
Pferd gesprungen und hielt seines und Lyleths am Zügel. Gerührt
sah er zu seiner Tochter hinüber, aber er wollte die beiden
endlich wieder vereinten Liebenden nicht stören. Es dauerte
lange, bis sich das Ehepaar aus der Umarmung löste. Sie hatten
sich endlich wiedergefunden! Lyleth hielt Leyrah immer noch an
den Oberarmen fest und fragte leise: "Geht es dir gut?"
Leyrah nickte und wollte ihrerseits wissen: "Und dir?"
Er nickte ebenfalls. "Und Ardeth?", fragte sie weiter.
"Ihm geht es auch gut."
Allah sei Dank! Ardeth ging es gut, Lyleth stand vor ihr, es
schien so, als ob die Rache des Enkels von Setna Bay noch nicht
aufgegangen war. Oh, sie hatte ihm soviel zu berichten. Lyleth
führte sie sanft zum Kommandanten, der sich inzwischen mit dem
Oberbefehlshaber des Lagers über Leyrahs Freilassung
verständigt hatte. Er hatte ihm auch versichert, dass die
ägyptischen Bedja-Beduinen nicht die Absicht hätten, Vergeltung
zu üben. Der Befehlshaber war darüber einigermaßen erleichtert
und auch die Tatsache, dass nur insgesamt neun von diesen
Beduinen hier aufgetaucht waren, beruhigte ihn sehr. Arianda war
inzwischen auch zu seiner Tochter getreten, umarmte sie und legte
ihr das Amulett an. Die anderen Medjai standen dicht bei dem
Kommandanten, alle waren von ihren Pferden gestiegen, ebenso wie
die Begleiter von Dupont. Als Leyrah zu ihnen trat, gingen alle
sieben Medjai auf die Knie, und sowohl der Befehlshaber als auch
Nathalie, Fatima, die anderen Frauen und die Legionäre starrten
überrascht auf Leyrah. Dass sie etwas Besonderes war, hatten
wohl alle gespürt, aber dass diese dunklen Krieger sich vor ihr
verneigten, wollten sie nicht so recht verstehen. Leyrah war
nicht minder überrascht und drehte sich entsetzt zu Lyleth um,
bange fragend: "Ardjun?"
Da wurde Lyleth bewusst, dass sie annahm, Ardjun sei verstorben
und man kniete vor ihr als der Frau des obersten Anführers.
"Nein, meinem Vater geht es gut", erwiderte er und sie
atmete sehr erleichtert auf, denn sie hatte schon diesen
Bay-Enkel in Verdacht gehabt, sein Werk doch erfolgreich
weitergeführt zu haben. Die Medjai knieten immer noch und Lyleth
nickte Leyrah zu, sie solle sie hochwinken, was sie dann auch
sichtlich irritiert tat.
Einer trat vor sie und sprach im Namen aller: "Es ist gut,
Euch wieder bei uns zu haben, Sayida!" Sie nickte huldvoll
und trat dann an Lyleths Seite, der sich mit ihr zum Kommandanten
wandte.
"Darf ich Ihnen meine Frau, Lady Leyrah Bay,
vorstellen?"
"Enchanté, Madame", erwiderte Dupont äußert höflich
und gab ihr sogar einen Handkuss. "Wir bedauern wirklich
aufrichtig, was Ihnen widerfahren ist, Madame. Signeur Willefort
hatte ja keine Ahnung, wen er da zu Gast hatte."
Das war wirklich sehr fern der Realität ausgedrückt, aber genau
wie Lyleth wusste auch Leyrah, dass die Medjai nicht mit Gewalt
auf diese Angelegenheit reagieren durften. Sie sah den
Lagerkommandanten aber sehr finster an. Eine peinliche Stille
entstand und alle, auch Dupont, warteten auf eine persönliche
Entschuldigung von Willefort. Der druckste etwas vor sich hin,
bis er bestätigte: "Es... ist mir wirklich unangenehm,
Madame."
Dupont sah ihn stirnrunzelnd an. Wahrhaftig, Etikette blühte
nicht an solchem Ort. Daher beeilte er sich hinzuzufügen:
"Madame, zum Zeichen unserer Wohlgesonnenheit lädt Sie
Signeur Willefort ein, noch eine Nacht hier zu verbringen, bevor
Sie morgen in Ihre Heimat zurückgeleitet werden."
Aber Leyrah hatte auch ihren Stolz und wollte überdies wirklich
nicht länger hier bleiben. Zum Erstaunen von allen im Lager
erwiderte sie auf Französisch:
"Ich bedanke mich für Ihre Großzügigkeit,
Commandeur..."
"Das ist Commandeur Dupont, Leyrah", beeilte sich
Lyleth zu sagen, der ihn noch nicht vorgestellt hatte.
"Commandeur Dupont", fuhr sie fort, "aber ich habe
die Gastfreundschaft dieser Leute schon lange genug strapaziert.
Ich denke, wir werden sofort aufbrechen."
Dupont sah etwas irritiert zu Lyleth, doch dem machte es
scheinbar gar nichts aus, dass seine Frau die Entscheidung soeben
getroffen hatte.
"Ich bedaure das sehr, Madame, doch wie Sie wünschen!"
Ein Medjai führte sofort das Pferd, das man für Leyrah
mitgenommen hatte, herbei.
"Signeur Dupont", sprach sie weiter und beachtete das
Pferd vorerst nicht, "ich danke Ihnen, dass Sie zu meiner
Befreiung beigetragen haben..."
"Befreiung, Madame", unterbrach er sie, "was für
ein Wort..."
"Oh doch, Commandeur, es war eine Befreiung und Ihre Tat ist
gar nicht zu unterschätzen. Man hat mich gegen meinen Willen
hierher gebracht und ich musste wochenlang in diesem Lager
arbeiten."
Dem Kommandanten war das ausgesprochen peinlich und er sah
betreten zu Boden.
"Ich denke, ich habe einen Anspruch auf
Wiedergutmachung."
Dupont, Willefort und Lyleth sahen sie überrascht an.
"Um nicht in Rätseln zu sprechen, meine Herren", fuhr
sie selbstbewusst fort, "ich möchte gern meine Freundin
Fatima mitnehmen."
Die Medjai sahen sich verstohlen grinsend an. Was für eine Frau!
Leyrah würde eine perfekte First Lady abgeben. Sie trug immer
noch ihr inzwischen arg mitgenommenes Kriegergewand, stand
kerzengerade und ließ mit keiner Geste deutlich werden, welche
Schmach sie erlitten haben musste.
Lyleth nickte, Willefort sah böse drein und Dupont beeilte sich
zu sagen: "Aber natürlich, Madame, ganz wie Sie wünschen!
Das ist ja wohl das Mindeste! Willefort, lassen Sie diese Fatima
herbeirufen!"
"Achja, und ein Pferd benötigen wir auch noch für
sie", fuhr Leyrah unverfroren fort.
Sowohl Fatima als auch das Pferd wurden herbeigeführt. Fatima
hatte wie alle anderen Frauen staunend der Szene beigewohnt und
ihr schauderte vor Ehrfurcht vor ihrer Freundin. Wie froh war
sie, als sie vernahm, dass Leyrah sie mitnehmen wollte.
"Fatima, ich bitte dich, mit uns zu kommen", sprach
Leyrah ernst, als Fatima zu ihr trat. Sie wollte sie nicht
zwingen, aber sie ahnte, dass Fatima mehr als freiwillig mit
ihnen ritt.
"Gern, Leyrah!", erwiderte sie freudestrahlend und
ließ sich von einem Medjai auf ihr Pferd helfen.
Lyleth bedankte sich abermals bei Dupont für seine Hilfe, sie
verabredeten sich in Kairo, dann winkte Lyleth den Medjai zu, sie
mögen ihre Pferde besteigen.
Leyrah war mit einem Satz auf ihrem Pferd. Lyleth reichte ihr
ihren Medjai-Säbel, den sie zum Erstaunen der Legionäre an
ihrer Seite befestigte. Er reichte ihr auch das übliche schwarze
Tuch, aus dem sie in Sekundenschnelle einen Turban samt
Gesichtsbedeckung zauberte. Nun war sie wieder die stolze
Kriegerin und ritt neben Lyleth aus dem großen Tor - hinaus in
die Freiheit, gefolgt von Lyleths beiden Leibwächtern, von
Arianda und Fatima, die sich bemühte, mit den Medjai Schritt zu
halten, und den anderen Medjai. Commandeur Dupont sah ihnen
schmunzelnd nach, dann legte er seinen Arm um Willefort und zog
ihn freundschaftlich in Richtung Hauptquartier.
Die Medjai pausierten zur Mittagszeit, als die Sonne unbarmherzig
brannte. Man hatte Planen errichtet und döste darunter. Lyleth
und Leyrah lagen Arm in Arm und schwiegen, sie wollten einfach
nur genießen, dass sie wieder vereint waren. Beide hatten zwar
viel auf dem Herzen, doch hoben sich ihre diversen Informationen
für den Abend auf, der am Lagerfeuer lang werden würde. So
brachen sie auch alsbald auf, um an diesem Tag noch ein gutes
Stück Weg zu schaffen. Erst nach Sonnenuntergang wurde das
Nachtlager aufgeschlagen. Sie teilten das Essen, setzten sich um
das große Feuer, um sich zu wärmen, und erzählten, was
geschehen war. Dabei war es Leyrah egal, ob die anderen Medjai
Mitwisser wurden, denn sie konnte sich auf jeden von ihnen
verlassen, das wusste sie. Außerdem war sie ihrem ganzen Volk
Rechenschaft schuldig. Nur mit Fatima war sie sich nicht
schlüssig, darum fragte sie sie zuvor:
"Fatima, hast du irgend jemanden, zu dem du gehen könntest?"
Fatima schüttelte traurig mit dem Kopf.
Leyrah wusste, dass sie aus einem kleinen Dorf in Marokko
stammte. Ihr Vater hatte sie einst verkauft, da er viele Kinder
zu versorgen hatte. Dorthin würde sie bestimmt nicht
zurückkehren wollen.
"Gibt es einen Ort, an dem du leben möchtest?", bohrte
Leyrah weiter.
"Ich... ich weiß nicht", erwiderte Fatima
unschlüssig. "Ich kenne nur mein Dorf - außer dem
Legionärslager..."
Leyrah war klar, dass Fatima nur als Protestuierte arbeiten
könnte, wenn sie sich irgendwo niederlassen würde, denn auch
sie war unfruchtbar gemacht worden. Niemand würde sie heiraten
wollen. Aber wie sollte sie sich anders durch das Leben schlagen
können? Leyrah fühlte sich für Fatima verantwortlich, da sie
sie quasi befreit hatte. Ohne einen Blick mit Lyleth zu wechseln,
sprach sie:
"Du kannst mit uns kommen und eine von uns werden. Du musst
dann allerdings dein ganzes Leben bei uns verbringen. Und ich
muss dir leider sagen, dass du wahrscheinlich auch bei uns keinen
Ehemann finden wirst."
Lyleth sah seine Frau etwas verwundert an und meinte:
"Wieso? Viele unserer Mädchen haben doch schon gewisse
Erfahrungen vor der Ehe..."
"Ja, in der Hinsicht sind wir wesentlich liberaler als
andere, und auch sonst hast du bei uns mehr Freiheiten, Fatima.
Doch - genau wie mich - haben uns unsere Peiniger unfruchtbar
gemacht. Fatima und ich können keine Kinder mehr bekommen."
Lyleth sah seine Frau entsetzt an, ihm war mit einem Schlag klar,
dass das wohl das Ende seiner Ehe mit Leyrah bedeutete; auch die
anderen Medjai sahen erschrocken von Lyleth zu Leyrah. Doch
Leyrah ließ sich nicht beirren. Sie wechselte nur einen kurzen
Blick mit Lyleth, dann wandte sie sich wieder Fatima zu:
"Du kannst gern bei uns bleiben, Fatima, und du musst nicht
befürchten, dass man dich verachtet. Es gibt auch andere Frauen,
die kinderlos geblieben sind. Man hilft sich bei uns gegenseitig.
Nun, was meinst du?"
"Ich würde gern bei dir bleiben, Um Ardeth. Und ich werde
hart arbeiten für meinen Unterhalt, das verspreche ich."
"Gut, so gehörst ab heute zu uns. Wir sind die Medjai und
sind ein ziemlich altes Volk. Alles, was du nun bei uns hörst,
muss unter uns Medjai bleiben. Das ist ganz wichtig. Versprichst
du, dich daran zu halten und immer im Sinne unseres Volkes und
von Kemet zu handeln?"
"Kemet?", fragte Fatima nach.
"Ägypten, so wie wir es kennen."
"Ja, das verspreche ich", erwiderte Fatima feierlich.
"Dann sei herzlich willkommen im 12. Stamm der Medjai",
sprach Leyrah ernst. Dann sah sie zu Lyleth, der traurig zu Boden
starrte.
"Es gibt Probleme, Lyleth. Entführt haben mich nicht diese
Legionäre, sondern die Schergen eines gewissen Enkels von Setna
Bay."
Augenblicklich starrten alle überrascht auf Leyrah. Was hatte
sie da eben gesagt? Das war doch nicht möglich...
"Setna Bay...", wiederholte Lyleth dumpf. "Der
vertriebene Bruder meines Großvaters."
"Ja, und sein Enkel sinnt auf Rache. Er möchte alle Bays
auslöschen, bis nur noch er übrig bleibt und dann will der die
12 Stämme der Medjai übernehmen."
Lyleth sah sie ungläubig an und schüttelte mit dem Kopf, doch
Leyrah sprach weiter:
"Er hatte damals meine Eskorte überfallen und auch das Kind
getötet, denn er hatte angenommen, es wäre Ardeth. Ich habe ihn
in dem Glauben belassen. Mir hat er einen Trank gegeben, der mich
unfruchtbar gemacht und auch das ungeborene Kind getötet hat,
damit ich nicht weiter Bay-Kinder zur Welt bringen könne. Er
wusste, dass er uns alle damit mehr demütigen würde als wenn er
mich einfach nur getötet hätte. Dazu gehörte auch sein Plan,
mich an einen Sklavenhändler zu verkaufen. Du sollst auch
wissen, dass er mich zuvor mehrfach vergewaltigt hat."
Fatima wunderte sich sehr über die Offenheit ihrer Freundin und
auch über ihre abgeklärte Erzählweise. Man merkte ihr kaum an,
wie sehr sie darunter gelitten haben musste. Lyleth dagegen
offenbarte seine Gefühle deutlich im Gesicht.
"Ich bin froh, dass weder dir, noch deinem Vater oder
unserem Sohn etwas passiert ist. Augenscheinlich hatte der
Setna-Enkel keinen weiteren Erfolg. Aber er hat viele Männer zur
Verfügung. Sie kleiden sich alle in roten langen
Wüstengewändern."
"Was!", rief Lyleth fassungslos aus. "Die gehören
zu ihm? Solche Männer haben mich zweimal in Kairo
überfallen."
"Bei Allah! Dann hat er es also zumindest versucht!"
"Ich habe Erkundigungen in meiner langen Zeit in Kairo über
sie einholen lassen. Soweit wir erfahren konnten, nennen sie sich
die Benaren und gehen auf irgend einen vor-pharaonischen Kult
zurück."
"Lyleth, wir müssen diesen Enkel zur Strecke bringen! Er
hat das Wissen seines Großvaters bewahrt! Nicht auszudenken,
wenn er den Unnennbaren für seine Zwecke einsetzen will! Ich
hatte all die Zeit große Sorge, dass euch etwas zugestoßen
würde. Stell dir vor, es wäre ihm gelungen, alle Bays zu
töten!"
"Nun, das wäre ihm sicherlich nicht gelungen, auch wenn er
mich, meinen Vater und Sohn getötet hätte."
Leyrah sah ihn erstaunt an. "Ich verstehe nicht
ganz..."
Leyrah, ich habe eine wunderbare Neuigkeit: Ich habe einen
Bruder, genauer gesagt: Zwillingsbruder. Er heißt Leslie. Meine
Mutter Claire hatte ihn in Amerika verborgen gehalten."
"Ist das wahr? Du hast einen Bruder? Oh Lyleth! Das ist
wirklich eine gute Nachricht. Ist er hier in Ägypten?"
"Oh ja. Er weilt bei uns ihm 12. Stamm und wird leider von
Vater nicht fortgelassen, bis du wieder auftauchst. Unsere Mutter
ist in Kairo und möchte ihn gern wieder mit nach Amerika nehmen.
Aber vorerst erlaubt Ardjun es nicht. Und ich fürchte, Leslie
hat schlechte Karten. Jetzt, wo du keine Söhne mehr kriegen
kannst...."
"Bevor dieser Setna-Enkel nicht zur Strecke gebracht worden
ist, sollte niemand wissen, dass es noch einen Bay gibt. Das hat
jetzt Priorität und später, Lyleth, müssen wir mit deinem
Vater reden. Ich bezweifle, dass er uns gestattet, unsere Ehe
fortzuführen. Vielleicht erlaubt er mir, wenigstens in der Nähe
meines Sohnes zu bleiben."
"Leyrah, du wirst meine Frau bleiben! Ich habe dich
geheiratet, weil ich dich liebe!"
Die Männer sahen sich verstohlen an. Insgeheim bedauerten sie
Lyleth und Leyrah sehr, denn sie ahnten, dass Lord Ardjun Bay auf
einer Trennung der beiden bestehen würde. Leyrah sagte nichts
weiter dazu, sie wollte den Schmerz ihres Mannes nicht weiter
vertiefen. Sie schmiegte sich eng an ihn, denn es war kalt
geworden. Wie lange würden sie noch zusammen sein dürfen?
Nach gut einer Woche erreichten sie Kairo. Im Hof des
Medjai-Anwesen saßen sie von ihren Pferden ab. Ein Krieger
informierte sie sofort, dass Lord Ardjun Bay bereits eingetroffen
sei. Lyleth und Leyrah wechselten einen vielsagenden Blick. Es
blieb beiden nur ein geringe Hoffnung darauf, ihr Leben weiterhin
gemeinsam bestreiten zu dürfen. Hand in Hand begaben sie sich in
die große Halle, wo bereits Ardjun stehend auf sie wartete. Ihm
zur Seite befanden sich mehrere Medjai-Krieger, die alle Lady Bay
erwartet hatten. Wie lange hatten sie bangend nach ihr bangend!
Es war wie ein Wunder gewesen, dass man sie doch noch gefunden
hatte. Das Ehepaar und ihre Begleiter gingen auf die Knie, bis
Ardjun sie hoch winkte. Fatima trat schüchtern mit einem der
Medjai zur Seite.
"Willkommen zurück, Leyrah!", begrüßte sie Ardjun,
trat einen Schritt auf sie zu und umfasste ihre Schultern.
"Wir sind alle froh, dass du zurückgekehrt bist!"
"Vielen Dank, Lord Bay", erwiderte sie seinen Gruß,
konnte aber nicht weiter sprechen, da sie von Lyleth unterbrochen
wurde, der "Leslie" ausrief, denn er hatte soeben
seinen Bruder hinter seinem Vater erblickt. Die beiden Brüder
umarmten sich herzlich und Lyleth freute sich, dass Ardjun
offenbar nachgegeben hatte.
"Leyrah, darf ich dir meinen Bruder Leslie vorstellen?"
Er führte Leslie vor Leyrah.
"Leslie, das ist meine Frau Leyrah."
"Bei den drei Göttern, du siehst Lyleth wirklich sehr
ähnlich!", staunte Leyrah und reichte Leslie die Hand zum
Gruß, wie das unter US-Amerikanern ihrer Meinung nach üblich
war.
"Ich freue mich sehr, dich endlich kennen zu lernen, liebe
Leyrah. Lyleth hat mir so viel von dir erzählt! Geht es dir
gut?"
"Danke, ich bin wohl auf, lieber Schwager. Ich bin froh,
dass die Familie stetig wächst und das ganz ohne mein
Zutun." Alle lachten, doch Lyleth ahnte, dass Leyrah bewusst
eine Überleitung gesucht hatte, um Ardjun darüber aufzuklären,
was passiert ist. Es blieb ihr nichts anderes übrig als alles zu
erzählen, das wusste er. Doch bevor Leyrah beginnen konnte,
brachte Ardjun das Gelächter zum Verstummen und fragte sie
unvermittelt:
"Leyrah, bist du wirklich unversehrt? Oder hat man dich
entehrt? Antworte aufrichtig!"
Lyleth ärgerte sich ein wenig über seinen Vater. Das war wieder
so typisch seine Art. Er wusste doch, dass Leyrah immer ehrlich
gewesen ist. Nie war sie dem Unangenehmen aus dem Weg gegangen.
Die Befragung vor allen versammelten Medjai fand er auch
unpassend und beschämend.
"Man hat mich mehrfach und grausam entehrt, Lord Bay",
antwortete Leyrah und sah ihm fest ins Auge.
"Dann weißt du sicherlich, dass du als Frau von Lyleth
nicht mehr in Frage kommst."
Ein Raunen ging durch den Saal. Lyleth verlieh dem allgemeinen
Empfinden Ausdruck, als er entgegnete: "Vater, sie hat sich
nicht freiwillig ihren Entführern hingegeben!"
Leyrah ahnte, dass eine Auseinandersetzung diesbezüglich nichts
bringen würde, da Ardjun gleich einen wirklichen Grund für ihre
Trennung geliefert bekommen würde.
"Meine Entführer haben mich überdies gefoltert, mein
ungeborenes Kind getötet und mich unfruchtbar gemacht, Lord
Bay."
Ardjun nickte zur Bestätigung seiner Androhung. Aber Leyrah
sprach unbeirrt weiter:
"Es gibt aber Wichtigeres als meine Unfähigkeit, Kinder zu
gebären. Mein Entführer ist der Enkel von Setna Bay und droht,
alle Bays zu vernichten, bis er übrig bleibt und die Macht
ergreifen kann. Seine Untergebenen, die Benaren, erkennt man an
ihren roten langen Gewändern. Sie sind organisiert. Überdies
hatte dieser Nachkomme von Setna Bay angenommen, er hätte damals
auch meinen Sohn getötet. Er hat mich an einen Sklavenhändler
verkauft, damit ich als Hure in einem Legionärslager gedemütigt
mein Dasein friste. Ich hätte längst der Schande meines Lebens
ein Ende bereitet und mich selbst getötet, wenn ich nicht Euch
noch diese Nachrichten über den Plan des Setna-Bay-Erben hätte
überbringen müssen. Dafür ertrug ich Hohn und Spott. Wenn mein
Dasein unter unserem Volk Euch Unehre bringt, mein Herr, dann
tötet mich oder befehlt mir, mich zu töten und ich werde nicht
zögern; aber vielleicht solltet Ihr damit noch warten, bis ich
Euch zum möglichen Versteck von diesen Benaren geführt habe,
und ich hoffe, dass ich mich noch einigermaßen an den Weg
dorthin erinnern werde."
Alle waren verstummt, zum einen wegen der Botschaft über den
Enkel des Setna Bay und zum anderen wegen Leyrah. Sie starrten
ehrfürchtig auf diese Frau, die so unverblümt erzählt hat, was
ihr widerfahren ist und so selbstlos handelte. Sie war die
geborene Gemahlin des Anführers aller Medjai! Welch ein
Charisma, welch eine Ausstrahlung! Selbst in ihrer größten
Demütigung strahlte sie Größe und Standhaftigkeit aus. Welch
ein Narr wäre Ardjun, wenn er ihr den Tod befehlen sollte!
Ardjun selbst brachte zunächst kein Wort heraus. Er war zutiefst
verwirrt darüber, dass es einen Enkel von Setna Bay gab, der sie
bedrohte. Lyleth sah traurig zu seiner Frau. Sie würde bereit
sein zu sterben für ein Vergehen, für das sie nichts konnte. Er
bangte um sie, denn er kannte seinen strengen und manchmal allzu
harten Vater gut.
"Wir werden uns zu einer Besprechung zurückziehen",
befahl Ardjun seinen Hauptleuten. "Leyrah, du wirst daran
teilnehmen und uns alles berichten, was du weißt. Dein Schicksal
ist jetzt unwichtig. Ich werde später darüber entscheiden.
Lyleth, du wirst dich von Leyrah fernhalten. Sie ist immerhin
eine entehrte Frau. Betrachte dich von ihr als geschieden. Und
jetzt komm auch zur Besprechung."
Mit diesen eiskalten Worten schritt er die Treppe nach oben und
seine Leute folgten ihm. Das Ende bildeten Leyrah und Lyleth, die
nicht mehr wagten, sich anzufassen. Lyleth war den Tränen nah,
doch Leyrah nickte ihm zuversichtlich zu. Bleib jetzt stark,
Geliebter, bedeutete ihr Blick.
Lyleth musste sich sehr
zusammenreißen, damit er sich auf die Besprechung konzentrieren
konnte. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu seiner Frau. Er
wollte sich nicht von ihr trennen. Er musste seinen Vater einfach
überreden. So bat er ihn nach der Besprechung, die ergeben
hatte, dass sich Leyrah am nächsten Morgen mit einer
Hundertschaft Krieger auf den Weg zu dem Versteck machen sollte,
wo die Benaren sie gefangen gehalten hatten, um ein Gespräch
unter vier Augen. Lyleth stand ihm gegenüber, ging dann auf die
Knie und begann flehend:
"Vater, ich bitte dich um Leyrah! Handle barmherzig! Nimm
sie mir nicht!"
"Lyleth, sei nicht unrealistisch! Du weißt genau, dass es
nicht anders geht."
"Aber wir haben doch schon einen Sohn! Reiß uns nicht
auseinander! Leyrah gehört zu Ardeth und beide gehören zu mir.
Oh bitte nimm mir nicht meine Frau! Sie ist doch das einzige, was
das Leben für mich lebenswert macht. Mein einziger Trost! Wenn
du sie mir nimmst, dann weiß ich nicht mehr weiter." Er
schluchzte tief.
"Leyrah ist da wesentlich vernünftiger als du. Sie weiß,
was sie getan hat und welche Konsequenzen das hat. Sie kann nicht
deine Frau bleiben. Du musst noch weitere Söhne zeugen. Mit
Leyrah wirst du keine mehr bekommen. Daher wirst du sofort von
ihr geschieden, wenn wir zurückgekehrt sind, und dann wirst du
schnellstens heiraten, und dieses Mal die richtige Frau. Ich war
von Anfang an gegen Leyrah."
"Was kann denn Leyrah für die Entführung? Hast du denn gar
kein Mitleid mit ihr? Was muss sie alles erduldet haben! Und
dann..."
Ardjun unterbrach seinen Sohn barsch: "Leyrah hat mit
unzähligen anderen Männern geschlafen. Sie ist entehrt und
damit ehrlos. Du kannst doch nicht wirklich wollen, dass eine
ehrlose Frau Erste Dame der Medjai wird?!"
"Sie wurde gezwungen! Vater, ich kann Leyrah vergeben, und
wenn ich, ihr Mann, das kann, müssen es alle anderen auch
können. Und ich glaube nicht, dass die Männer im Saal sie als
Hure sehen. Im Gegenteil! Sie haben ehrfürchtig zu ihr
aufgesehen, weil sie so tapfer und selbstlos ist. Sie ist genau
die richtige First Lady der Medjai!"
Ardjun brummelte etwas Unverständliches vor sich hin.
"Mag ja sein. Aber die Tatsache, dass sie keine Kinder mehr
kriegen kann, disqualifiziert sie. Schluss jetzt, du musst dich
von ihr trennen und eine andere heiraten."
"Vater, bitte nimm mir nicht Leyrah! Bitte...", flehte
Lyleth den Tränen nahe. Er hatte noch ein Argument anzubringen
und hatte es sich bis zum Schluss aufgehoben. Eigentlich wollte
er seinem Vater damit nicht kommen, aber jetzt schien es, als
würde ihm nichts anderes übrig bleiben. So sprach er weiter:
"Vater, du weißt doch selbst am besten, wie es ist, wenn
man von der Person, die man am meisten liebt, getrennt wird. Du
kannst doch nicht wollen, dass sich alles wiederholt, was damals
geschehen ist..."
Sollte das eine Drohung sein? Ardjun schaute seinen Sohn
durchdringend an und erwiderte dann mit dunkler und eher leiser
Stimme:
"Du willst doch nicht etwa mit Leyrah durchbrennen?"
Für einen Moment lag die Spannung spürbar im Raum.
Nein, Ardjun kannte seinen Sohn zu gut. Er würde das nicht tun.
Lyleth war anders als er selbst damals, und Leyrah war noch viel
vernünftiger als Lyleth. Die beiden waren geradezu ein Beispiel
an Pflichtbewusstsein und Loyalität.
"Nein, Vater", antwortete Lyleth erwartungsgemäß,
aber sehr betrübt, denn eigentlich hatte er sich eine andere
Antwort erhofft.
"Mit Claire und mir, das war damals etwas ganz anderes.
Also, es ist alles gesagt, was es zu sagen gab." Ardjun
stolzierte an dem knienden Lyleth vorbei und verließ den Raum.
Lyleth blieb zurück - unbeweglich, wie vor Schmerz erstarrt. Es
war ihm, als sei gerade ein Teil von ihm gestorben. Sein Schmerz
saß so tief, dass er es noch nicht einmal schaffte zu weinen. Er
blieb einfach so knien, schockiert, geradeaus starrend.
So bemerkte er nicht, als Leslie hereinkam. Er hockte sich neben
seinen Bruder und umfasste ihn zärtlich und tröstend. Lyleth
barg seinen Kopf an Leslies Oberkörper und schluchzte tief.
Leslie streichelte ihm übers Haar. So saßen sie eine ganze
Weile am Boden, während Lyleths Weinen immer heftiger wurde und
Leslie ihn einfach gewähren ließ. Als Lyleth sich langsam
beruhigte und wieder aufrecht hinsetzte, meinte er tief
verstört:
"Ach Leslie, ich... ich habe dich gar nicht kommen hören.
Danke..."
"Gern geschehen, Lyleth. Sag mal, geht es bei euch immer so
streng zu?"
"Ja..."
"Können wir nicht einfach abhauen, du, Leyrah und
ich?"
Lyleth lächelte schwach. "Nein, Leslie. Das geht nicht. Wir
müssen zu unserem Wort stehen, jedenfalls Leyrah und ich."
Er stutzte. "Moment, warum willst du abhauen? Lässt Vater
dich jetzt doch nicht gehen?"
Leslie schüttelte verneinend mit dem Kopf. "Ich soll
bleiben, bis du wieder Vater geworden bist."
"Oh Leslie! Ich hatte nur meine eigenen Sorgen im Kopf, ich
habe das gar nicht mitbekommen. Das ist ja schrecklich für
Mutter. Weiß sie es schon?"
"Nein, sie weiß es noch nicht."
"Hast du sie denn schon gesehen, seit du hier in Kairo
bist?"
"Nein, leider auch noch nicht."
Lyleth senkte traurig den Kopf, dann meinte er mit leiser Stimme:
"Dann hängt es von mir ab, wann du zurückkehren
darfst."
Leslie legte Lyleth eine Hand auf die Schulter und sah ihn
mitfühlend an. Lyleth erwiderte den Blick und beide Brüder
umarmten sich tröstend.
"Das Schicksal hat dich mir geschenkt", sprach Lyleth,
"und das Schicksal hat auch gewollt, dass ich meine Frau
wiederfinde, doch unser Vater erlaubt nicht, dass wir uns
darüber freuen dürfen. Leslie, wenn mein Sohn einst groß sein
wird, dann werde ich anders handeln als Ardjun jetzt. Und ich
werde Ardeth zu einem verständnisvollen, lieben Menschen
erziehen, der Großmut walten lassen wird."
Während Lyleth sich zu Leyrah begab, um den letzten Abend
entgegen Ardjuns Anweisung mit ihr zu verbringen, suchte Leslie
seinen Vater auf. Er fand ihn in einer Besprechung mit drei
anderen Medjai und wartete, bis diese sich verabschiedet hatten.
Dann bat er seinen Vater, einmal allein mit ihm sprechen zu
dürfen, und sie zogen sich in den gleichen Raum zurück, in dem
Ardjun zuvor Lyleth seine Bitte abgeschlagen hatte. Sie setzten
sich auf die hohen Sitzpolster. Ardjun sah Leslie auffordernd,
aber etwas müde an.
"Vater, ich weiß, dass dir daran gelegen ist, die Bay-Linie
zu erhalten, und da auch ich zu dieser Familie gehöre, ahne ich
so langsam, was das bedeutet."
Ardjun, der gerade an einer Tasse Minztee, die er sich zuvor
hatte bringen lassen, genippt hatte, sah überrascht auf. Er
stellte die Tasse beiseite.
"Du hast zwei Söhne, und so wie ich es verstanden habe,
können wir beide dafür sorgen, dass die Familie Bay nicht
aussterben wird, richtig?"
Ardjun erwiderte leicht zögernd: "Richtig." Auf was
wollte Leslie hinaus?
"Nehmen wir mal an, ich würde Kinder, Söhne, kriegen, also
meine Frau, nicht ich. Wäre das nicht ausreichend? Ich meine,
Lyleth hätte ja auch einen Sohn, und ich würde mich auch
anstrengen, mehrere Kinder in die Welt zu setzen, und dann wäre
doch alles gut."
"Ja, sicher, aber..."
"Vater, ich bitte dich, lass Lyleth seine Leyrah! Sie sind
doch so ein gutes Paar und haben zusammen einen Sohn! Bitte,
trenne sie nicht! Lyleth leidet so darunter! Nimm ihm nicht seine
Frau, die er so liebt. Und wie wird erst der kleine Ardeth
darunter leiden? Denkst du gar nicht an ihn? Er ist so ein
herziges Kerlchen, Vater, und er hat so oft nach seiner Mutter
gefragt."
Ardjun wollte etwas erwidern, doch Leslie ließ ihn gar nicht zu
Wort kommen, sondern sprach in einem fort weiter:
"Schau, sie bleiben eine Familie, und ich werde eine
gründen! Hier bei euch, also da im Süden. Ich werde freiwillig
und gern hier bleiben, wenn du Lyleth nicht von Leyrah trennst.
Was meinst du, Vater?"
Ardjun war verdattert. Leslie nutzte das aus.
"Vater, ich werde zu Mutter gehen und ihr alles erklären.
Sie wird sich damit zufrieden geben, dass ich hier bleiben will,
wenn ich es nur freiwillig will. Und eigentlich wollte ich ja
Ägyptologie studieren. Vielleicht kann ich das ja hier tun und
euch irgendwie nützlich sein. Was meinst du?"
Ardjun sah ihn verblüfft an und wusste immer noch nichts zu
sagen. Also fuhr Leslie fort:
"Weißt du, es gibt da sogar ein Mädchen im Stamm, in das
ich mich wohl ein wenig verliebt habe. Vielleicht erlaubst du mir
ja, sie zu heiraten. Wir werden das dann sofort machen, wenn wir
zurückgekehrt sind, dann bist du in einem Jahr vielleicht schon
zum zweiten Mal Großvater eines Sohnes. Was meinst du?"
Langsam, aber sicher, fing sich Ardjun.
"Mein Sohn, ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber du
bist kein vollwertiger Medjai, also ich meine, du bist im Westen
aufgewachsen. Ich glaube, es ist besser, wenn Lyleth für den
männlichen Nachwuchs in der Familie sorgen wird."
"Aber es geht doch nur um meine Kinder! Sie könnten doch
vollwertige Medjai werden."
"Ja, natürlich, das sowieso, aber wir belassen es dabei. Du
kannst dann, sobald Lyleth weitere Söhne gezeugt hat, nach
Amerika zurückkehren, wenn du magst."
Ardjun kam sich sehr großzügig vor. Aber er musste auch streng
sein können, so sprach er:
"Es ist alles gesagt, was es zu diesem Thema zu sagen gibt.
Ich werde deiner Mutter meinen Entschluss mitteilen lassen. Du
wirst ein paar Jahre bei uns leben müssen. Umso besser, wenn du
heiratest, aber in dem Fall musst du ganz bei uns bleiben. Und
jetzt geh bitte, ich habe keine Zeit für weitere Gespräche
dieser Art. Meine Entscheidung ist längst gefallen,
Leslie."
Leslie erhob sich zögernd und atmete tief durch. Er hatte
wirklich geglaubt, seinen Vater durch sein Opfer erweichen zu
können, aber der erwies sich wirklich als harter Brocken. Leslie
sah ein, dass es nichts nützen würde, weiter zu insistieren.
Niedergeschlagen verließ er den Raum.
Lyleth und Leyrah lagen engumschlungen nebeneinander. Es ging auf
Mitternacht zu und sie hatten sich ausgiebig geliebt. Sie
wussten, es würde das letzte Mal sein, bevor sie getrennt werden
würden. Leyrah hielt Lyleths Hand fest umklammert. Lyleth hatte
die Augen geöffnet und starrte an die Decke. Seine Gedanken
wanderten zu Leslie. Er fand es ungerecht, dass Leslie ebenfalls
unter Ardjuns Starrsinn leiden musste und es war ihm gar nicht
wohl, seiner Mutter gegenüberzutreten und ihr Ardjuns Willen
mitzuteilen. Sollte er es doch selbst machen! Warum sprach er
sich nicht endlich mit Claire aus? Warum wagte er es nicht, ihr
gegenüberzutreten? Er musste also selbst ein schlechtes Gewissen
wegen Leslie haben. Lyleth sah zu seiner Frau herüber, die
eingeschlafen war. In dieser Sache würde er nichts mehr machen
können, stellte er resigniert fest, aber vielleicht konnte er
doch bewirken, dass Leslie frei kommen könnte. Er müsste
vielleicht nur Ardjun dazu bringen, selbst zu Claire zu gehen.
Leise stand Lyleth auf. Er wollte sofort zu seinem Vater, bevor
ihm am nächsten Tag wieder der Mut sinken würde. Er kleidete
sich an und schlich sich aus dem Raum, Leyrah in Gedanken
versprechend, so schnell wie möglich wieder bei ihr zu sein, um
die letzten Stunden ihrer Gemeinsamkeit zu genießen.
Er klopfte an Ardjuns Tür. Tatsächlich war er noch auf, saß
auf seinem gemütlichen Polster und las in einem sehr alten Buch.
Er sah auf, und als er seinen Sohn sah, fragte er:
"Ist etwas passiert?"
"Nein... ich wollte dich nur noch einmal sprechen."
"Ach, Lyleth, falls es um Leyrah gehen sollte, das hat doch
keinen Zweck. Was gibt es denn noch?"
"Es... es geht nicht um mich... es geht um Leslie..."
Lyleth trat dicht zu seinem Vater und setzte sich auf das andere
Polster, während Ardjun überrascht zu seinem Sohn sah.
"Ist er abgehauen?"
"Nein, ist er nicht. Ich glaube nicht, dass er einfach so
weglaufen würde..."
Verdammt, dachte Lyleth, das war nicht klug, denn Ardjun war ja
selbst einmal weggelaufen und es war jetzt gar nicht gut, ihn
daran zu erinnern.
"Also, ich meine, dass Leslie, also, dass er nicht darunter
leiden sollte, dass ich nur einen Sohn habe... also, Vater, was
ich meine, ist, du solltest ihn gehen lassen. Lass ihn mit seiner
Mutter ziehen. Ich verspreche dir, ich werde, sobald wir nach
Hause zurückgekehrt sind, eine Frau deiner Wahl heiraten und
werde mich bemühen, ganz viele Kinder zu zeugen. Nur bitte, lass
Leslie gehen! Du machst nicht nur ihn unglücklich, sondern auch
seine Mutter."
Ardjun sah seinen Sohn lange an und sagte nichts. Er war sehr
verblüfft. Erst vor ein paar Stunden hatte Leslie hier gesessen
und sich für seinen Bruder aufopfern wollen, und nun war es
Lyleth, der Fürsprache für Leslie hielt. Dabei kannten sich die
beiden doch noch gar nicht lange, und trotzdem traten sie
selbstlos füreinander ein. Ardjun schluckte ein paar Mal und
versuchte, seine Rührung zu verbergen. Er schüttelte langsam
mit dem Kopf, denn er konnte kaum begreifen, wie seine Söhne
reagierten. Keiner von ihnen war geflohen, hatte versucht, sich
der Situation zu entziehen, keiner war ausfallend geworden und
sie waren beide bereit, sich für das Glück des anderen zu
opfern. Ardjun spürte, wie ein warmes Gefühl sein Herz ergriff.
Mit bewegter Stimme sagte er nach einem wirklich langen
Schweigen, währenddessen Lyleth ihn bange angeschaut hatte:
"Lyleth, ich bitte dich, hole deinen Bruder hierher. Und
bitte auch deine Frau."
Lyleth sah ihn verwundert an. Dann erhob er sich langsam und ging
zögernd zur Tür. Er konnte sich auf Ardjuns Verhalten keinen
Reim machen. Als er den Raum verlassen hatte, wischte sich Ardjun
verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Es dauerte nicht
lange und Leslie trat ein, gefolgt ein wenig später von einer
müden Leyrah und Lyleth. Stumm setzten sie sich bei Ardjun
nieder. Der sah alle ernst an und wusste nicht, wie er beginnen
sollte. Er nickte allen anerkennend zu.
"Ich bin sehr stolz auf euch. Ihr...", seine Stimme war
immer noch sehr belegt vor Rührung, "ihr seid alle drei
würdige Bays. Ihr habt euch heute vorbildlich verhalten."
Erstaunt sahen sich die drei jungen Leute an. Was war denn in
Ardjun gefahren?
"Wir müssen jetzt Familienrat halten, deshalb habe ich auch
hergebeten. Leslie und Lyleth haben mich heute besucht, jeder
allein, und sich als Opfer für den Bruder angeboten."
Die beiden Brüder sahen sich verdutzt an.
"Und wenn ich einem nachgebe, muss ich zumindest ein Opfer
annehmen. Ich habe mich für dein Opfer entschieden, Leslie, denn
das scheint mir das süßeste."
Lyleth schaute seinen Bruder fragend an.
"Oja, Leslie", fuhr Ardjun fort, "ich habe mich
inzwischen erkundigt, wer die Dame deines Herzens sein könnte.
Und ich erhielt Antwort. Gut, Nefrar ist zwar keine
standesgemäße Partie, aber ich bin heute zu Kompromissen
bereit."
"Nefrar?", entfuhr es der müden Leyrah.
"Ja, Nefrar, die Tochter des Färbers", ergänzte
Ardjun. "Ich werde sie dir zur Frau geben, Leslie. Darüber
hinaus werden wir dir ermöglichen, hier in Kairo zu studieren.
Du wirst nicht initiiert werden, sondern uns später hier
wertvolle Dienste leisten. Vielleicht kannst du eines Tages eine
wichtige Rolle spielen, ein Museum leiten oder so."
Leslie wuchs um 20 cm in die Höhe.
"Wäre es dir unter diesen Umständen möglich, in Ägypten
zu bleiben?"
"Sehr gern, Vater", erwiderte Leslie frohgemut.
"Eure Kinder müssten natürlich ab ihrem zehnten Lebensjahr
im zwölften Stamm erzogen werden, und Nefrar müsste mit allem
einverstanden sein. Aber auch sie ist nicht initiiert und könnte
dir den Haushalt führen, denn natürlich würdet ihr ein eigenes
Haus beziehen."
Lyleth und Leyrah bekamen vor Staunen kein Wort heraus. Neben
ihnen saß ein freudestrahlender Leslie, der hier bleiben würde,
ganz freiwillig.
"Du wirst morgen zu deiner Mutter gehen und ihr alles
mitteilen."
"Danke, Vater", Leslie war kurz davor, vor Freude zu
heulen.
"Und jetzt zu euch, ihr zwei. Da Leslie mir versprochen hat,
fleißig für Nachwuchs zu sorgen, schenke ich euch zwei bis drei
Jahre. Wenn Leslie bis dahin einen Sohn hat, denke ich, könnt
ihr auch weiterhin zusammen bleiben."
Lyleth und Leyrah schafften es nicht, auch nur irgendeine Regung
zu zeigen. Sie waren einfach viel zu verwundert, denn damit
hatten sie überhaupt nicht gerechnet. Leslie aber umfasste
seinen Bruder herzlich.
"Keine Sorge, Lyleth, ich schaffe das mit dem Sohn
schon!", krähte er fröhlich.
Lyleth blickte seinen Bruder dankbar an, dann fielen er und
Leyrah sich um den Hals und drückten sich ganz fest.
Ardjun fuhr nach einer Weile fort:
"Was deine Reputation betrifft, Leyrah, so wirst du nach dem
Kampf gegen die Benaren in den Isis-Tempel gehen und dich
reinwaschen."
Leyrah nickte unter Tränen. Sie konnte es kaum fassen. Ardjun
hatte erlaubt, dass sie und Lyleth zusammenbleiben dürften.
Leslie blieb freiwillig und heiratete. Noch vor wenigen Stunden
war alles so trostlos gewesen. Nun würde sie morgen wesentlich
motivierter auf die Jagd nach dem Enkel von Setna Bay gehen.
"Achja", meinte Ardjun, fast so, als hätte er ihre
Gedanken gelesen, "wenn du willst, dann besuche morgen erst
noch deine Schwiegermutter, bevor diese nach Amerika
zurückreist. Danach ist immer noch Zeit, nach Süden
aufzubrechen."
Sie nickte gerührt, dann schloss sie Ardjun in ihre Arme, und
sofort fielen Lyleth und Leslie in die Umarmung ein. Eine ganze
Weile verhafteten die vier Bays in ihrer Umarmung und Ardjun
hatte das wunderbare Gefühl, dass er eine richtige Familie
hatte. Er dachte für einen Augenblick daran, wie schön es
wäre, wenn jetzt auch Claire anwesend wäre, doch sie gehörte
jetzt einem anderen und er konnte nicht über seinen Schatten
springen und sie wiedersehen wollen. Es war eine Wunde, die in
seinem Herzen brannte.
Gleich am nächsten Tag besuchten
Leslie, Lyleth und Leyrah die Mansons im Hotel. Claire war
überglücklich, Leslie wieder in ihre Arme schließen zu
können. Das erste Mal standen beide erwachsenen Söhne vor ihr.
Immer wieder schaute sie von einem zum anderen und verglich sie
miteinander. Auch Mathew war verblüfft von der Ähnlichkeit der
beiden, aber warf auch Leyrah heimlich Blicke zu. Er hätte nicht
gedacht, dass die Leute aus seines Halbbruders Volk alle die
exakt gleichen Tätowierungen im Gesicht tragen würde.
Irgendwann platzte es aus ihm heraus: "Werden sie dich jetzt
auch so tätowieren, Leslie?"
"Aber Mathew, wo denkst du hin?", protestierte seine
Mutter sofort. "Leslie kommt doch mit uns nach
Amerika."
Da kam Leslie nicht umhin, seiner Mutter reinen Wein
einzuschenken. Ihre Reaktion war erwartungsgemäß: Sie wollte
Leslie nicht in Ägypten zurücklassen und behauptete, dass
Ardjun seinen Sohn zur Heirat zwingen würde, damit er hier
bleibe. Sie regte sich sehr auf und Lyleth und Leyrah standen
betreten schweigend daneben.
"Leslie, du bist noch nicht einmal volljährig",
mischte sich nun auch Graham ein, "du kannst gar nicht
heiraten."
"Graham hat Recht, du darfst noch gar nicht heiraten",
pflichtete ihm Claire dankbar bei. "Am besten reisen wir
möglichst bald ab, sonst kommt Ardjun noch auf die Idee, dich
gewaltsam hier herauszuholen."
"Mutter, Graham", sprach Leslie ruhig, der in den
letzten Wochen sehr erwachsen geworden war, "ich bin kein
Amerikaner mehr. Ich gehöre jetzt zum Volk meines Vaters, da
gilt man mit 16 als erwachsen und darf heiraten. Ich möchte hier
bleiben, niemand zwingt mich."
Claire wurde ganz still. Nach einer Weile sagte sie leise und
bitter:
"So habe ich auch dich an diese Beduinen verloren."
"Ich werde mit Nefrar hier in Kairo ein Haus bewohnen. Du
kannst uns doch jederzeit besuchen. Ich würde mich sehr freuen.
Und wir könnten euch bestimmt auch irgendwann in den USA
besuchen. Ich werde meine Studien hier weiterverfolgen."
Leslie umarmte seine Mutter. "Mutter, ich bin doch nicht aus
der Welt!"
Claire purzelte eine Träne auf Leslies Schulter. "Warum
kannst du dann nicht einfach in den USA dein Studium
beenden?"
"Weil Ardjun wünscht, dass ich zunächst hier bleibe, um
einen Erben zu zeugen. Ich habe euch doch erzählt, dass das
Glück von Lyleth und Leyrah davon abhängt. Das müsst ihr doch
verstehen. Oder wollt ihr, dass sie sich trennen müssen?"
"Es ist sicher nicht unsere Schuld, wenn sie sich trennen
müssen", meinte Graham, "sondern in allererster Linie
ist dieser Ardjun selbst dran Schuld. Meiner Meinung nach setzt
er euch ganz schön unter Druck. Warum muss er denn unbedingt so
viele Erben haben?"
"Ach, Graham", seufzte Leslie, und Graham fiel erst
jetzt auf, dass er ihn nicht mehr mit Vater anredete, "das
ist schwer zu verstehen. Aber, und das ist jetzt ungelogen,
Ardjun und eben auch Lyleth und ich stammen aus der am ältesten
nachweisbaren Familie. Ardjun reicht der eine Enkel nicht, um den
Erhalt dieser Familie gesichert zu sehen. Bitte, auch wenn ihr es
nicht versteht, so akzeptiert doch wenigstens meine Entscheidung.
Mutter, ich würde mich auch freuen, wenn du zu meiner Hochzeit
kommen könntest."
Claire realisierte so langsam, dass ihr Sohn wirklich heiraten
wollte - und zwar bald. Doch bevor sie etwas erwidern konnte,
sprach Graham:
"Wann soll die Hochzeit denn stattfinden, Leslie?"
"Sobald wir zurückgereist sind und alles mit Nefrars
Familie geregelt haben."
"Du heiratest in der Wüste?", hakte Claire nach.
"Ja, und später ziehen wir dann nach Kairo."
"Das würde ja mindestens noch einen Monat dauern, bis wir
zurück nach Amerika reisen könnten. Nein, das können wir nicht
mehr dranhängen. Ich muss wirklich dringend ins Geschäft
zurück. Und, Claire, ich möchte nicht, dass du allein in die
Wüste reist. Nach allem, was hier so passieren kann..."
Claire senkte traurig den Kopf. Auch sie hatte ihren Grund, der
Hochzeit nicht beizuwohnen, und der hieß Ardjun. Allerdings
stimmte es sie sehr traurig, nicht die Hochzeit ihres Sohnes
miterleben zu können. Sie nickte nur stumm.
Mathew hatte sich schüchtern seinem fremden Halbbruder genähert
und berührte vorsichtig den aus seinem Gewand herausragenden
Schwertknauf. Da keiner mehr etwas zu sagen hatte, fragte er
Lyleth beinahe ehrfürchtig:
"Du bist ein Krieger, nicht wahr?"
"Ja, Mathew", antwortete Lyleth und lächelte ihn
leicht an.
"Deine Frau auch?"
"Mathew, sei nicht so neugierig!", tadelte ihn sein
Vater.
"Nein, nein, er soll nur ruhig fragen", entgegnete
Leyrah freundlich. "Es ist ja alles neu für ihn." Dann
wandte sie sich an den Jungen. "Ja, ich bin auch eine
Kriegerin."
"Und Leslie? Wird er auch ein Krieger?"
Claire sah Leslie mit ängstlichem Gesicht an.
"Nein, Leslie wird kein Krieger werden, Mathew",
antwortete sie, "er wird auch nicht tätowiert." Leyrah
wusste, dass das Claire zumindest etwas beruhigen würde.
"Seine zukünftige Frau ist übrigens auch keine Kriegerin.
Sie ist ein sehr nettes Mädchen."
So wurde das Gespräch auf Nefrars und Leslies zukünftiges Leben
gerichtet. Claire und Graham wollten viel wissen. Es war schwer
für sie, Leslie in Ägypten zu lassen. Sie glaubten immer noch,
die Verantwortung für ihn zu tragen, und Claire war es nicht
recht, dass Leslie sich jetzt den Medjai angehörig fühlte. Noch
am gestrigen Tage hatte es geheißen, er dürfe sie nicht einmal
sehen. Ardjun hatte ihn wie einen Gefangenen zurückgehalten. Sie
misstraute diesem Volk zutiefst und schaffte es auch nicht,
Leyrah herzlich als Schwiegertochter in die Arme zu nehmen. Zu
fremd wirkte die dunkle Kriegerin auf sie. Sie verfluchte
insgeheim den Tag, an dem ihr Lyleth als Kind davongelaufen war -
direkt in die Arme dieses Ardeth. Sie stellte sich vor, wie sie
mit ihren beiden erwachsenen Söhnen in Amerika leben würde.
Die drei blieben noch eine ganze Weile im Hotel, bis sie sich
verabschiedeten. Graham hatte in Erfahrung gebracht, dass schon
am nächsten Tag ein Schiff in Richtung Amerika fahren würde. Er
begleitete die drei nach unten und wollte Passagen kaufen gehen.
Leslie sollte seine Familie am nächsten Tag zum Schiff
begleiten. Lyleth wollte Leyrah nilaufwärts begleiten, denn sie
sollte ja möglichst das Versteck ihrer Peiniger wiederfinden.
Doch es kam anders. Auf dem Rückweg zum Anwesen der Medjai
wurden die drei von acht Benaren überfallen. Sie hatten nur drei
Leibwächter dabei, da sie selbst schon zu dritt waren und
glaubten, dass das ausreichen müsste. Leyrah und Lyleth nahmen
Leslie in die Mitte und kämpften gegen die Angreifer, die ihnen
in einer recht finsteren Gasse aufgelauert hatten. Sie wussten
natürlich sofort, um wen es sich bei ihren Angreifern handelte
und machten kurzen Prozess mit ihnen. Leslie staunte
erschaudernd, mit welcher Präzision sein Bruder und seine
Schwägerin die Angreifer ins Jenseits beförderten. Die Benaren
hatten keine Chance. Die Medjai waren viel zu gut ausgebildet.
Lyleth hatte nur Sorge, dass Leslie aus Versehen einen Hieb
abbekommen würde. Das erschwerte seinen Kampf ein wenig, denn er
musste ihn immer in Deckung halten. Leslie sah mit Entsetzen,
dass die Medjai-Krieger darauf bedacht waren, ihre Angreifer
wirklich zu töten. Seiner Ansicht nach reichte es doch aus, sie
kampfunfähig zu machen. Doch Leyrah hatte sich mit ihrem Mann
mit einem Blick darüber verständigt, dass die Benaren sterben
müssten, da sie sie vielleicht wiedererkannt haben könnten.
Doch als Leyrah dem letzten, der schwertlos auf dem Boden lag,
den Hals durchtrennen wollte, hielt Lyleth sie zurück.
"Den brauchen wir noch!", raunte er ihr zu, riss den am
Arm Blutenden mit einem Ruck hoch, drehte ihm die Arme auf den
Rücken, so dass er aufstöhnte, und fesselte ihn mit einem der
roten Tücher, das ein Medjai einem Toten entrissen hatte. Sie
umwickelte auch seinen blutenden Arm, denn ihnen war nicht daran
gelegen, dass er verblutete. Leslie sah mit großen Augen zu.
Lyleth sah ihn lächelnd an. "Alles in Ordnung?"
Leslie nickte etwas benommen. "Was... was... habt ihr mit
ihm vor?"
"Er wird uns direkt zu diesem Setna-Bay-Enkel führen",
erwiderte Lyleth und hielt den Benaren fest am Arm gepackt. Dann
stieß er ihn an, damit er sich vorwärts bewegte. Leyrah folgte
Lyleth und zwar so, dass die Leute auf der Straße nicht gleich
sehen konnten, dass sie einen Gefesselten mit sich führten. Zwei
ihrer Leibwächter waren verletzt worden, sie hatten sich
notdürftig verbunden und bildeten die Nachhut, während der
dritte vorneweg schritt.
Ein alter Mann hatte den Überfall mitbekommen, doch hatte sich
gleich bei den ersten Schwertstreichen in Sicherheit gebracht.
Somit hatten sie keine Zeugen. Die Toten ließen sie einfach
liegen. Sollte, wer wollte, daraus schlau werden. Leslie warf
noch einen unsicheren Blick zurück auf die sieben Toten. Er war
sehr erschrocken, aber froh, dass weder ihm noch Lyleth oder
Leyrah etwas geschehen war.
Als sie ihren Gefangenen in die große Halle des Medjai-Anwesen
führten, versammelten sich schnell alle anwesenden Krieger.
Neugierig betrachteten sie den Gefesselten und schienen Lyleth
und Leyrah mit Blicken fragen zu wollen, was es mit ihm auf sich
hatte. Natürlich waren sie inzwischen alle darüber informiert,
dass es sich bei diesen in rot gekleideten Männern um Benaren
und ihre Feinde handelte und sie hatten die Augen aufgehalten, ob
sie so jemanden in Kairo zu sehen bekommen würden. Doch bislang
war es ihnen nicht gelungen. Ein Medjai hatte eilig Ardjun
herbeigeholt, der den Benaren mit eisigen Blicken maß, aber sich
auch kurz vergewissert hatte, dass seinen Kindern nichts
zugestoßen war. Lyleth schilderte kurz, was geschehen war. Dann
geschah etwas, das Leslie nicht erwartet hatte, aber die
sichtbare Anerkennung aller fand. Ardjun wandte sich nicht etwa
an den Gefesselten, sondern an seine Schwiegertochter:
"Leyrah, er gehört dir!"
Sie nickte ihm kurz zu, dann stellte sie sich vor den Benaren
hin. Ihre Haltung verriet, dass sie kein Pardon gewähren würde.
Der Benare schaute zu Boden, er hatte vermutlich mit dem Leben
abgeschlossen.
"Hör mir genau zu", begann Leyrah mit rauer Stimme,
"wenn du uns sagst, was wir von dir wissen wollen, dann
werden wir dich frei lassen, vorausgesetzt, deine Angaben
stimmen. Hast du das verstanden?"
Der Benare hatte irritiert aufgeschaut, doch erwiderte nichts.
"Gut, ich sehe, du hast es kapiert. Falls du nicht an deiner
Freiheit interessiert sein solltest, kannst du dir selbst
ausmalen, was mit dir geschehen wird.."
Leyrah machte eine kurze Pause und keiner der Anwesenden wagte,
auch nur etwas zu flüstern. Alle schauten gebannt auf Leyrah und
den Benaren.
"Ich will wissen, wo sich dein Herr aufhält, jener, welcher
sich der Enkel von Setna Bay nennt! Also, wo ist er
zurzeit?"
Der Benare antwortete nicht, sondern sah stumm an ihr vorbei.
Leyrah wartete vielleicht zwei Minuten, dann winkte sie zwei
Krieger heran.
"Bringt ihn nach unten, wir werden seine Zunge lösen!"
Sie führten ihn aus dem Saal, Leyrah schritt hinterher. Leslie
sah mit geweiteten Augen hinterher und wandte sich an Lyleth:
"Werden sie ihn foltern?"
Lyleth nickte kurz, aber als er sah, dass Leslie sehr erschrocken
war, fügte er hinzu:
"Es geht leider nicht anders, Leslie. Wir müssen diesen
Mann unbedingt zu fassen kriegen, ansonsten müssen wir
befürchten, dass er uns alle umbringen wird, auch dich." Er
legte ihm eine Hand tröstend auf die Schulter. "Bleib du
hier!" Lyleth folgte seiner Frau. Ardjun blieb in der Halle,
winkte Leslie zu sich heran und ließ ihn von ihrem Besuch bei
Claire berichten, währenddessen sich Leyrah und die Krieger im
Keller alle Mühe gaben, ihrem Gefangenen die Geheimnisse zu
entlocken. Lyleth staunte selbst, wie kaltblütig Leyrah der
Folter beiwohnte. Der Benare konnte noch so laut schreien, sie
zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Sie musste wirklich viel
Schreckliches am eigenen Leib erlebt haben, dachte Lyleth
traurig. Schließlich gestand der Benare, wo sich sein Herr
befand, und fast jubelnd überbrachten Leyrah und Lyleth Ardjun
die Nachricht, dass er sich in Kairo befand, in einem alten
Anwesen am Stadtrand verborgen, wo sich einmal eine Tonwerkstatt
befunden hatte. Sie beschlossen, ihn noch heute Nacht zu
überraschen. Leyrah sollte sich eine Truppe zusammenstellen.
Ardjun wies Lyleth an, hierzubleiben, da er nicht riskieren
wollte, dass sein Sohn zu Tode kam. Er überließ es Leyrah, den
Bay-Enkel zur Strecke zu bringen, da er wusste, dass sie mit ihm
eine Rechnung offen hatte und es ihr selbst und auch ihrem
Ansehen gut tun würde, wenn sie ihn selbst töten würde. Leyrah
nahm seinen Auftrag dankbar an und bereitete alles sorgfältig
vor, bevor sie sich für ein paar Stunden aufs Ohr legte, um
ausgeruht in jene Nacht der Vergeltung zu gehen.
Es war eine Stunde nach
Mitternacht, als sie sich von Lyleth verabschiedete, der ihr
Erfolg wünschte. Sie führte zwei Dutzend bis unter die Zähne
bewaffneten Krieger mit sich. Der Ritt zur Tonwerkstatt dauerte
über zwei Stunden, da sie sehr vorsichtig sein mussten, um nicht
zu früh entdeckt zu werden. Eine Straße vor ihrem Ziel ließen
sie die Pferde zurück. Nur ein Medjai passte auf die Tiere auf,
während die anderen sich beinahe auf Zehenspitzen ihrem Ziel
näherte - und zwar von zwei Seiten. Zwei Medjai-Krieger
näherten sich leise den beiden Wachposten, die schläfrig auf
ihren Schemeln vor dem Eingangstor saßen. Es war ein Leichtes,
ihnen eins über den Kopf zu ziehen, so dass sie lautlos zu Boden
sanken. Schnell waren die anderen Krieger, angeführt von Leyrah,
da, und sie drangen sehr vorsichtig in den Vorhof ein. Hier
befand sich niemand weit und breit. Vermutlich schliefen alle
anderen. Es sah so aus, als hätten sie noch nichts über den
Verbleib ihrer acht Kameraden gehört, stellte Leyrah erleichtert
fest. Aus der Halle, die direkt vor ihnen lag, schimmerte der
Schein von mehreren Fackeln. Vorsichtig traten vier Medjai ein
und winkten den anderen, dass die Luft rein sei. Auch hier hielt
sich niemand auf. Leyrah wies ihre Krieger an, sich zu verteilen.
Immer zwei sollten in einem der Räume nachschauen. Sie selbst
schlich sich mit der Hälfte der Krieger die Treppe hinauf und
ließ sie dort in der ersten Etage auch in jedem Raum
nachschauen. Es dauerte nicht lange, und man hörte von überall
her dumpfen Lärm. Leyrah hatte ihren Kriegern ausdrücklich
befohlen, die Benaren zu erschlagen und niemanden zu schonen, da
diese für die Aufgabe der Medjai eine Bedrohung darstellten. Es
war nicht schwer, schlafende Männer zu töten. Einige waren aber
von dem Lärm wach geworden und lieferten den Angreifern
Widerstand. So waren bald auf beiden Etagen kleinere Scharmützel
im Gang. Leyrah stand in der Mitte auf dem Treppenabsatz oben und
behielt alles im Auge. Es durfte niemand entkommen. Sie hatte
vier ihrer Krieger angewiesen, beim Eingangstor aufzupassen und
jeden Entkommenden niederzuschießen. Ebenso hatte sie zwei
Kriegern den Auftrag erteilt, das Gelände nach weiteren
Ausgängen zu erkunden, aber bei diesen Anlagen gab es meist nur
das große Eingangstor. Der Rest war von einer hohen Mauer
geschützt. Eine ideale Anlage für Unruhestifter! Hier konnten
sie verborgen ihren Plänen nachgehen. Auf einmal dröhnte eine
Leyrah nur allzu gut bekannte Stimme über den oberen Flur:
"Leyrah! Sieh an, die Hure lebt!"
Leyrah sah ihn zu ihrer Linken. Er hatte einen Medjai mit seinem
Schwert niedergestreckt, der nun am Boden lag und sich die Brust
hielt. Festen Schrittes kam er auf Leyrah zu. Sie sah ihn
eiskalten Blickes an, aber in ihr kochte es. Sie befahl sich
selbst, jetzt ihre Emotionen im Zaum zu halten und sich nicht von
ihm reizen zu lassen. Das war absolut nötig, wollte sie den
Kampf gegen ihn gewinnen. Tatsächlich war es im Haus eher still
geworden. Die Medjai hatten ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt.
Keiner der Benaren lebte noch. Diejenigen, die Widerstand
geleistet hatten, waren auf eine Mehrzahl an Gegnern gestoßen
und chancenlos gefallen. Nun starrten die Medjai, die ihre
blutigen Schwerter gesenkt hatten, zu Leyrah und dem Setna-Enkel.
Sie wussten, sie durften ihrer Herrin jetzt nicht zu Hilfe eilen.
"So, dir habe ich das hier also zu verdanken, du
Flittchen!" Er war wütend. Der Kampf würde nicht einfach
werden, aber er würde in dieser Verfassung Fehler machen.
"Komm her, ich werde zeigen, wo's langgeht, wie schon
einmal!" Er machte eine obszöne Bewegung, doch Leyrah ließ
sich nicht aus der Ruhe bringen.
"Ich nehme den Kampf an, du Bastard", erwiderte sie und
wusste, dass sie mit dieser Bezeichnung einen Nerv getroffen
hatte. "Doch lass uns nicht mit Worten streiten!"
"Ich kämpfe nicht mit Weibern, die gehören ins Bett, um
ihnen dort das Schwert in die Scheide zu stoßen!",
erwiderte er arrogant.
"Deine Ansichten sind mir egal. Entweder du wehrst dich
jetzt oder ich schlage dir wehrlos den Kopf ab, so wie du es
verdient hast!" Damit stürmte sie auf den überraschten
Setna-Enkel zu, dem nichts anderes übrig blieb, als sein Schwert
zur Deckung hochzureißen. Wütend prallten ihre Schwerter
aufeinander, so dass die Funken stieben. Ein Streich folgte jetzt
dem anderen, hart und schnell, dabei umtanzten sie sich, wichen
aus, schlugen zu und waren beide erbarmungslos. Jeder Schlag
zielte darauf, den Gegner zu töten. Es war ein erbitterter Kampf
um Leben und Tod. Die Medjai hielten die Luft an. Sie bewunderten
ihre Herrin, die schonungslos auf den Gegner einschlug und keinen
Zentimeter wich, eine Kriegerin par excellence. Ihre Haare
flatterten wild um ihren Kopf, sie führte ihr langes, gebogenes
Medjai-Schwert beidhändig und schien keine Probleme damit zu
haben, dass ihr Feind ihr kräftemäßig überlegen war. Sie
wehrte seine harten Schläge gekonnt ab. Beide hatten sich
gegenseitig Blessuren beigebracht und bluteten bereits. Als der
Enkel einen Schlag in Richtung von Leyrahs Körpermitte ansetzte,
wich sie zurück und musste eine Stufe die Treppe hinabtreten. Er
drängte sie in Folge hinunter und lächelte dabei höhnisch.
"Na, weichen wir?", keuchte er hämisch.
Unten angekommen führten sie ihren wilden Tanz fort. Beide waren
außer Atem und bereits ermüdet. Doch keiner gab nach, sondern
erwiderte die Schwertstreiche mit der gleichen Wucht. Er drängte
Leyrah an die Wand zurück, was sie rechtzeitig bemerkte.
Verdammt, sie hatte keine Chance auszuweichen, wenn er sie dort
haben würde. Da kam ihr eine Idee und sie tat so, als würde es
ihm gelingen, sie an die Wand zu drücken. Als sie fast mit dem
Rücken anstieß, holte er aus und wollte das Schwert sausend auf
ihren Kopf krachen lassen, so dass er ihn selbst dann spalten
würde, wenn sie sich nach unten duckte. Doch Leyrah hatte nur
darauf gewartet und wand sich flink zur Seite weg, sodass sein
Schlag die Holzwand zum Splittern brachte und das Schwert für
einen Moment dort stecken blieb. Diesen Moment nutzte sie aus,
indem sie ihm von hinten den Körper durchbohrte. Auch ihre
Schwertspitze fuhr dabei in das bereits geborstene Holz. Sie
ließ das Schwert für einen Moment so stecken, doch hielt den
Griff fest und ließ ihr Opfer nicht aus den Augen. Immerhin
hielt der Setna-Enkel noch sein eigenes Schwert, doch bevor er es
in seiner Todesagonie noch gegen sie führen konnte, zog sie ihr
Schwert mit einem harten Ruck aus ihm rückwärts heraus. Er
schrie laut auf und wirbelte herum, ging sofort in die Knie und
hielt sich dabei den Bauch. Sein Schwert war ihm aus den Händen
geglitten. Leyrah stand über ihm, keuchte, aber sah
triumphierend zu ihm herunter.
"So stirb, du Verräter!", sprach sie, holte mit ihrem
Schwert seitlich aus und durchtrennte ihm mit einem sauberen Ruck
den Hals. Sein Kopf rollte am Boden entlang. Leyrah stand noch
eine ganze Zeit lang so, das Schwert vor ihrem Körper mit beiden
Händen umklammert, sodass die Handknöchel weiß hervortraten,
ihre Lippen bebten, sie keuchte vor Erschöpfung und sah auf den
leblosen Körper zu ihren Füßen. Zwanzig Medjai-Krieger um sie
herum schrieen wie aus einer Kehle laut auf, und es war ein
Siegesschrei. Sie hatten ihre Feinde überwunden. Langsam ließ
bei Leyrah die Anspannung nach und sie trat einen Schritt
zurück. Sie senkte ihr Schwert endlich und konnte
nachvollziehen, was sie soeben getan hatte. Schon trat ein
Krieger zu ihr und hielt ihr einen geöffneten Sack hin. Sie
ergriff den Kopf an seinen Haaren und ließ ihn in den Sack
gleiten.
"Bleiben Sie mit zehn Kriegern hier, nehmen Sie Stellung am
Tor ein und erledigen Sie jeden Benaren, der hier binnen zwei
Tagen auftaucht! Danach brennen Sie diese Werkstatt
nieder!", befahl sie dem Hauptmann, der sie begleitet hatte.
Sie ließ die Pferde holen und ritt zurück zum Anwesen der
Medjai, wo Lyleth in der großen Halle bang auf seine Frau
gewartet hatte. Auch Ardjun war wach geblieben und saß neben
seinem Sohn. Beide sprangen auf, als Leyrah zur Tür hereinkam.
Wie sah sie aus! Ihr Gewand war teilweise zerfetzt, sie blutete,
ihr Haar war zerzaust, aber sie lebte. Lyleth konnte seine
Erleichterung nicht verbergen.
"Leyrah!", rief er freudig. Dann fiel sein Blick auf
den Sack in ihrer Hand. Sie zögerte keinen Augenblick, sondern
entleerte diesen vor Ardjun und Lyleth, sodass der Kopf
herausrollte. Dann ging sie vor Ardjun auf die Knie.
"Mylord, wir haben die Benaren besiegt. Ich bringe Euch den
Kopf des Setna-Bay-Erben."
Ardjuns Blick fiel kurz auf den Kopf seines Verwandten. Eine Last
war von ihm gewichen. Er trat auf die immer noch ihm zu Füßen
liegenden Leyrah zu, legte ihr eine Hand auf ihren Kopf und
sprach feierlich:
"Deine Vergeltung ist dir geglückt, Tochter, und du hast
deine Schande selbst bereinigt."
Er half ihr hoch und schloss sie in die Arme. Er war sichtbar
stolz auf seine Schwiegertochter. Lyleth führte Leyrah in ihr
Schlafgemach und versorgte ihre Wunden. Sie sollte noch zwei Tage
ruhen, bevor man zurück zum 12. Stamm reiten würde. So
verschlief sie fast den ganzen folgenden Tag, während Leslie und
Lyleth die Familie Manson zum Überseekai begleiteten und ein
rührender Abschied von ihrer Mutter erfolgte. Sie hatte ihren
Mann Graham dazu bewogen, für Leslie ein Bankkonto einzurichten,
sodass er nötigenfalls auf das Geld zurückgreifen konnte, falls
er aus Ägypten entfliehen wollte, wie sie formulierte.
"Und da ich dich als meinen Sohn betrachte", sprach sie
leicht vorwurfsvoll, "habe ich das Konto auf den Namen
Leslie Manson anlegen lassen, hörst du! Hier hast du die
nötigen Papiere, die du brauchst, solltest du Geld brauchen. Das
ist alles, was ich für dich noch tun kann!"
"Ach Mutter, ich wünschte, du könntest zu meiner Hochzeit
bleiben!"
"Du weißt, dass das nicht geht! Ich werde dich später mal
hier in Kairo besuchen."
Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ihren Sohn drückte.
"Pass gut auf deinen Bruder auf, Lyleth, ja?"
Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und drückte ihm einen Kuss
auf die Stirn.
"Sei auch du gesegnet, mein Sohn!"
Lyleth schüttelte Graham und Mathew zum Abschied herzlich die
Hände. Graham war sichtlich froh, endlich nach Amerika
zurückzureisen, und Mathew bedauerte, dass sein Vater sich nicht
dazu hatte bewegen lassen, zu Leslies Hochzeit zu reisen, denn
das hätte einen interessanten Ausflug in die Wüste mit sich
gebracht. Leslie und Lyleth erwiderten ihr Winken, als die
Abreisenden an der Reeling standen und den beiden Brüdern
zuwinkten.
"Sie hat nicht einmal während der ganzen Zeit hier in Kairo
Ardjun sehen wollen", raunte Leslie seinem Bruder zu.
"Ist doch merkwürdig, oder?"
"Es sind wohl zu tiefe Wunden geschlagen worden",
erwiderte Lyleth. "Und dann ist da ja auch noch dein
Stiefvater. Wer weiß, wie er reagiert hätte."
"Ich hoffe, dass sie sich eines Tages aussprechen
werden", konstatierte Leslie und lächelte seiner Mutter zu.
Als das Schiff ablegte und langsam ihrer Sicht entschwand, war
Leslie zumute, als nähme dort seine Kindheit von ihm Abschied.
Am folgenden Tag brach eine große Abordnung Medjai auf. Da sie
dieses Mal so viele Personen waren, nahmen sie eines der Schiffe,
die nilaufwärts fuhren. Das war auch für die erschöpfte Leyrah
besser.
Der gefangene Benare wurde weiter verhört nach möglichen
Aufenthaltsorten, die er freiwillig preisgab. Die meisten
befanden sich im Norden. Ardjun wollte weitere Krieger nach Kairo
schicken, die sich darum kümmern sollten. So blieb der Gefangene
noch ein halbes Jahr in der Obhut der Medjai, bevor er frei
gelassen wurde. Es erfolgten keine weiteren Angriffe der Benaren.
So wiegte man sich wieder in Sicherheit, zumal das Verhör auch
ergeben hatte, dass der Setna-Enkel niemals einen Sohn oder eine
Ehefrau dabei gehabt hatte.
Leslie, Lyleth und Leyrah genossen die Nilfahrt. Nach all den
Strapazen war es wie eine Erholungsreise. Leslie bemerkte, dass
Lyleth, Leyrah und all die anderen Medjai stets streng
verschleiert waren, sobald sie sich der Öffentlichkeit zeigten.
Das brachte ihnen ein, dass alle Mitreisenden Distanz hielten. Im
Kontrast dazu stand für die Passagiere das Gelächter, das die
Brüder und Leyrah veranstalten, sobald sie zu dritt waren.
"Warum zeigt ihr nie eure Gesichter?", erkundigte sich
schließlich Leslie. "Die Leute halten euch für eine Art
Tuareg und haben mächtig Angst, dass ihr die Schwerter zückt
und sie überfallt."
"Die Tuareg sind Beduinen wie wir. Und es ist gut, wenn uns
die Leute für ganz normale Beduinen halten. Sie sollen nicht
unsere Zeichen sehen. Leslie, es gibt immerhin offiziell seit
mehr als zweitausend Jahren keine Medjai mehr", sagte Lyleth
mehr flüsternd als sprechend.
"Die Tuareg tragen auch Tätowierungen", erwiderte er.
"Aber keine Hieroglyphen", meinte Leyrah.
"Wir sind so eine Art Geheimorden", ergänzte Lyleth.
"Je weniger man über uns weiß, desto besser ist es.
Früher waren wir sowieso kaum in Kairo. Ganz selten, dass wir
mal in andere Orte zu anderen Menschen kamen. Aber seit die
Franzosen nach Ägypten gekommen sind, hat sich alles verändert
und wir mussten auf ihre Plünderungen reagieren. Vor mehr als
hundert Jahren haben wir uns entschlossen, einige Medjai
untätowiert zu lassen und in Orten wie Kairo, Theben und
Alexandria zu stationieren. Gut, auch früher haben schon einige
Medjai am Nil gesiedelt und sie sind es, die uns jetzt mit
Getreide versorgen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns
verändern mussten."
"Ja", meinte Leyrah, "und wenn wir zu Hause bist,
kannst du dir alle Geschichten am Lagerfeuer anhören. Das sind
wirklich schöne Abende bei uns!"
Leslie war wirklich gespannt auf sein neues Leben. Aber er war
auch erleichtert, dass er bald in Kairo leben durfte, ein eigenes
Haus haben würde - und untätowiert bleiben durfte. Er bedauerte
allerdings, dass er dann seinen Bruder nicht mehr so oft sehen
könnte. Aber er hatte inzwischen den Kurator des Museums, der
ihn damals erkannt hatte, näher kennen gelernt und war froh, mit
ihm nach Vollendung seiner Studien zusammen arbeiten zu können.
Er wollte auch Kontakt zur Universität in New York halten und
schriftliche Arbeiten einsenden. Er hatte sich bereits per
Telegramm mit seinem Professor darüber verständigt und seine
Mutter überbrachte gerade einen ausführlichen Brief Leslies
nach Amerika. Leslie war froh darüber, wie die Dinge sich
entwickelt hatten. Alles in allem hatte er mehr erhalten, als er
jemals zu hoffen gewagt hatte. Noch vor einem Jahr hatte er
bangen müssen, in der Fabrik seines Stiefvaters vergehen zu
müssen.
Zurück im 12. Stamm gab es ein großes Wiedersehen. Die
unerbittliche Kriegerin Leyrah wandelte sich zur besorgten Mutter
und vergaß Tränen, als sie ihren Sohn Ardeth im Arm hielt.
Lange Zeit hatte sie nicht gehofft, ihn je wiederzusehen. Lyleth
schloss beide in seine Arme. Die Menschen waren froh, dass Leyrah
wieder da war, denn sie verehrten sie sehr. Als sie hörten, wie
heldenhaft sie ihren Peiniger zur Strecke gebracht hatte,
benahmen sie sich noch viel ehrfürchtiger vor ihr als zuvor. So
ging Leyrah automatisch wie vor ihrer Abreise ihren Pflichten als
First Lady nach und wurde als solche unangefochten respektiert.
Doch sie sollte eine Genossin an ihre Seite bekommen, wenn auch
nicht für lange Zeit. Die Verhandlungen mit dem Färber
gestalteten sich aber sehr hartnäckig für Ardjun.
Standesunterschiede spielten eine große Rolle in der
Medjai-Gesellschaft. Nefrars Vater wollte natürlich nicht
einwilligen, da er seine Tochter nicht als würdige Partie ansah.
Auch hatte er Angst, er könne damit der Familie Bay schaden, und
es gab außer ihren Aufgaben nichts, was den Medjai so sehr am
Herzen lag, wie das Wohl ihres Bay-Clans, der als heilig galt.
Folglich schauderte der Färber auch nur bei der Vorstellung,
dass seine Familie in die der Bays einheiraten würde. Ardjun
musste schließlich mit Engelszungen auf ihn einsprechen und ihn
fast anflehen. Einzig das Argument, dass nur eine Heirat mit
Nefrar seinen Sohn zum Bleiben bewegen würde und seiner Pflicht
nachzukommen, Bay-Söhne zu zeugen, bewog den armen Färber,
seine Tochter herzugeben. Er schärfte ihr allerdings nächtelang
ein, wie sie sich zu benehmen hätte und in allem ungefragt
Ardjun, Lyleth, Leyrah und auch Leslie gehorchen müsste. Nefrar
selbst war ein wenig mulmig bei der Vorstellung, doch als Leyrah
zu ihr kam und sich lange mit ihr darüber unterhielt, wie ihre
Zukunft werden würde, war sie etwas beruhigt. Sie hatte
einerseits etwas Angst vor der großen Stadt Kairo, aber
andererseits konnte sie dort fast unabhängig mit Leslie, den sie
liebte, leben. Sie wäre damit dem strengen Protokoll hier im Ort
entflohen, das ihr als Schwiegertochter von Ardjun Bay drohte.
Sie versprach ihrem künftigen Schwiegervater untertänigst, sich
zu bemühen, vielen Enkelkindern das Leben zu schenken, und er
musste ihr eigenständig aufhelfen, weil sie es nicht wagte, sich
zu erheben.
Am Tage ihrer Hochzeit, die sehr groß gefeiert wurde, trat
Leyrah noch einmal vor der Trauzeremonie zu ihr und gab ihr
Ratschläge.
"Nefrar, du wirst mit dem heutigen Tag eine Bay werden. Ich
weiß, dass du etwas Angst davor hast. Aber das solltest du
nicht. Du solltest sehr, sehr stolz sein. Viele Mädchen träumen
davon. Du darfst dich deshalb heute nicht ängstlich oder zu
eingeschüchtert zeigen. Im Gegenteil, du musst den Leuten
zeigen, wie stolz du darauf bist. Dann wirst du von ganz allein
eine würdige Braut werden. Verstehst du mich?"
Nefrar nickte zaghaft und neigte ständig den Kopf vor der
großen Kriegerin Leyrah. Diese hob mit der Hand ihren Kopf an.
"So musst du deinen Kopf halten. Oben, Nefrar! Ich werde
deine Schwägerin sein, nicht deine Herrin. Wenn nachher die
Töchter der Stammesfürsten dich als Braut von Leslie Bay
begrüßen werden, darfst du auf keinen Fall verschämt den Kopf
senken."
"Ich weiß", murmelte Nefrar immer noch
eingeschüchtert. Leyrah war leicht verzweifelt.
"Du liebst doch Leslie, nicht wahr?"
"Ja, aus ganzem Herzen!", erwiderte Nefrar, und dieses
Mal erhob sie automatisch den Kopf.
"Na, dann zeige es! Wenn du ihn wirklich liebst, musst du
ihm heute helfen und ihm zur Seite stehen. Weißt du, für ihn
ist es doch auch nicht leicht. Er ist hier nicht aufgewachsen und
auch er hat Angst, dass sie ihn nicht akzeptieren, dass sie auf
ihn herabsehen, weil sie denken könnten, er wäre kein
vollwertiger Bay-Sohn. Wenn du auch noch schüchtern den Kopf
senkst, dann werdet ihr ein erbärmliches Paar abgeben, glaube
mir! Du hast gegenüber Leslie den Vorteil, dass du hier
aufgewachsen bist und dich mit allem hier auskennst. Also, helf
ihm nachher!"
"Aber Leyrah, Ihr seid eine Kriegerin, ich nicht..."
Ach du meine Güte, dachte Leyrah, als Nefrar sie so respektvoll
anredete. Gut, sie musste es erwidern, wenn sie ihr irgendwie
begreiflich machen konnte, wie ihr neuer Status fortan sein
würde.
"Ja, Nefrar, ich bin eine Kriegerin, aber das macht mich
nicht zu einer besseren Bay-Schwiegertochter als Euch! Ich habe
nur einen Sohn, Ihr könnt mich übertreffen, indem Ihr unserem
Herrn Lord Ardjun Bay mehrere Enkel schenkt."
Nefrar starrte Leyrah irritiert an. "Warum sprecht Ihr mich
so an, Leyrah?"
"Weil Ihr mir gleich gestellt seid, Lady Nefrar Bay!"
Sie sagte es so verbissen, und Nefrars Ausdruck war so voller
Ensetzen, dass beide zunächst eine Weile schwiegen und dann
herzlich lachen mussten. Das Eis war gebrochen.
"Du?", fragte Leyrah und reichte ihr die Hand.
"Einverstanden: du!" Nefrar ergriff ihre Hand und
schüttelte sie dankbar. "Helft Ihr... äh... hilfst du mir,
Leyrah?"
"Ja, ich werde dir zur Seite stehen, wenn ich kann, das
heißt, wenn ich hier sein werde, nein, andersherum, wenn du hier
sein wirst."
Wieder mussten sie lachen.
"Also, denke daran, sei stolz darauf, dass du eine Bay
wirst! Du bist heute die Königin!" Nefrar nickte und ihr
Ausdruck war schon sehr viel selbstbewusster als noch vor einer
Viertelstunde.
Während Leyrah so versuchte,
ihrer Schwägerin mehr Selbstbewusstsein einzureden, leistete
Lyleth seinem Bruder Gesellschaft. Sie befanden sich in Leslies
Zelt und Lyleth hatte Leslie genau so instruiert wie seine Frau
es bei Nefrar getan hatte. Leslie war allerdings etwas
abgeklärter. Er dachte sich, dass alles bald vorbei sein würde
und dann hätte er seine Nefrar ganz für sich allein.
Die langen bunten Bommel, die wie ein Tuch den Zelteingang
verhüllten, wurden auseinandergeschoben und zwei Jungen brachten
ein Gewand. Lyleth nahm es entgegen und zeigte es Leslie, der es
stirnerunzelnd begutachtete. Es war ein typisches
Hochzeitsgewand, wie es von den traditionellen Medjai-Männern
getragen wurde: ein weißer Schurz, der mit Goldrändern versehen
war. Dazu kamen allerlei Schmuckstücke, die Lyleth soeben auf
Leslies Bett ordentlich ausbreitete.
"Habt ihr hier eigentlich auch einen Fotographen?",
fragte Leslie trocken und etwas amüsiert.
Lyleth sah erstaunt auf. "Nein. Wieso?"
"Schade. Ich hätte sonst Marina ein Foto von mir in dem
Dings da geschickt."
"Marina?"
"Die Schwester eines alten Schulfreundes. Sie hat mir mal
anlässlich eines Kostümballs so ein Dings da geschneidert und
unserer Mutter sind die Augen fast ausgefallen, als ich als
ägyptischer Pharao erschienen bin." Leslie lachte in
Erinnerung an das Ereignis und dachte lieber nicht an den Ausgang
des damaligen Kostümballes, der alles andere als angenehm für
ihn gewesen war.
"Würdest du das Dings da jetzt bitte anziehen, damit du
endlich heiraten kannst?"
"Nur, wenn ich nicht der einzige sein werde, der so ein
Dings trägt."
"Wirst du nicht. Keine Sorge. Ich werde mich auch noch
umziehen."
Leslie hielt sich die Hand vor den Mund, damit er nicht allzu
laut auflachen würde. Lyleth sah ihn etwas genervt an. Es
dauerte eine Weile, bis Leslie wieder sprechen konnte und unter
Juchzen meinte er: "Ah so, Kontrastprogramm, verstehe! Ja,
also, ehrlich, Lyleth, das ewige Schwarz würde mir auch stark
ans Gemüt gehen."
"Ist ja schön für dich, dass du dich heute so
amüsierst."
Leslie hatte einen regelrechten Lachanfall. Währenddessen legte
Lyleth ihm den Schurz an, und schlagartig hörte Leslie auf zu
gackern.
"Ich fühle mich jetzt echt nackt", war sein Kommentar.
"Wart's ab!", meinte Lyleth und legte ihm die Arm- und
Beinschienen aus Gold an, reichte ihm die Sandalen mit den Worten
"Geh aber nur auf den ausgetretenen Wegen, sonst hast du den
ganzen Sand in den Dingern" und legte ihm die breite
mehrreihige Halskette um, die viel von seiner Brust verdeckte. Er
holte die Kopfbedeckung, die der nicht unähnlich war, die Leslie
damals auf dem Fest getragen hatte, und Leslie wehrte sich:
"Nein, nicht das!"
Doch Lyleth ließ ihm keine Wahl und setzte ihm die Kopfbedeckung
auf. "Weißt du eigentlich, wie alt das alles ist? Also sei
sorgrsam damit!"
"Ich fühle mich jetzt echt albern", beschwerte sich
Leslie. "Ist mir das peinlich."
"Du bist ja auch der Bräutigam, der kommt sich manchmal
schon komisch vor. Apropos, weißt du, was du heute Nacht zu tun
hast?"
Leslie wurde leicht rot. "Natürlich."
"Gut, davon hängt nämlich mein Glück ab. Also streng dich
bitte an!"
Er klapste ihn auf den Rücken und schickte sich an, das Zelt zu
verlassen.
"Ich muss mich jetzt auch umziehen. Du wirst hier abgeholt.
Also warte hier!"
Tatsächlich waren die Stammesfürsten sämtlich angereist. Sie
wollten den neuen Sohn von Ardjun Bay kennen lernen und auch
gleich seine Hochzeit feiern. Zwar hatten sich schon einige
Hoffnungen gemacht, ihre Tochter mit Leslie zu verheiraten, aber
da Leslie vor seinem Auftauchen auch keine Option gewesen war,
waren sie schnell besänftigt. Es war auch ungewöhnlich, dass er
in Kairo leben würde, aber sie verstanden es, da er aus einer
völlig fremden Welt kam. Sie betrachteten Leslie mehr als Vater
für künftige Bay-Erben, denn sie hatten vernommen, was mit
Leyrah geschehen war. Leyrahs Leiden und ihr Richten des
Setna-Bay-Enkels hatte alle tief beeindruckt und sie war mehr
denn je in ihrer Achtung gestiegen. Souverän begrüßte sie alle
Gäste und bewegte sich geradezu grazil in ihrem weißen
enganliegendem Gewand, das nur von einem Gürtel gehalten wurde.
Sie trug ebenso wie Nefrar einen schmalen Goldreif oberhalb der
Stirn. Beide waren stark geschminkt und trugen zahlreiche
Goldspangen am Körper. Es wurde ein rauschendes Fest und mit
großem Gefolge wurden Braut und Bräutigam ins Brautzelt
geführt. Leslie war doppelt froh, dass er endlich seinen Schurz
ablegen konnte.
Sie zogen bald nach der Hochzeit nach Kairo um. Ihr Haus, mehr
eine Villa, lag im Gegensatz zum Medjai-Anwesen eher zentral in
der Nähe des Museums, und es war bereits fertig eingerichtet,
aber Nefrar veränderte noch einiges. Fatima, die in dem
Medjai-Anwesen in Memphis bislang der Haushälterin zur Hand
gegangen war, zog auch in das Haus und bediente das junge Paar
ebenso wie andere Medjai-Mädchen und -Jungen, die aus dem Süden
mitgereist waren. Es war eine Ehre, bei den Bays in Diensten zu
sein. So sah sich Nefrar bald als Herrin über eine Vielzahl an
Dienstboten und war damit sehr beschäftigt. Leslie studierte
eifrig und war selig, sich in Bücher vertiefen sowie die
Monumente vor Ort bestaunen zu können. Nach einem Jahr wurde
ihnen ein Mädchen geschenkt, sie nannten es Tanith - es war ein
alter Medjai-Name, der oft im Bay-Clan vergeben wurde. Ardjun war
selig, denn damit war offenbar, dass Nefrar fruchtbar war. Er
gewährte gutgelaunt Lyleth und Leyrah Aufschub und hoffte, dass
das nächste Kind ein Junge sein würde. Leslie und Nefrar
arbeiteten hart daran, da sie wussten, dass es für Leyrah und
Lyleth sehr wichtig war. Und es wurde ein Freudentag für diese
zwei, als Ardjun persönlich ihnen 15 Monate nach Taniths Geburt
die Nachricht überbrachte, dass Nefrar einem Sohn das Leben
geschenkt hatte. Sie hatten vor ihrem Zelt gesessen und mit dem
kleinen Ardeth gespielt, der die alten Holzpferde, die sich seit
Generationen im Familienbesitz befanden, vor sich ausgebreitet
hatte. Ardjun strahlte vor Glück und setzte sich Ardeth auf
seinen Schoß, der ihn verwundert ansah, weil der Großvater sein
Spiel unterbrochen hatte.
"Du hast einen Cousin, Ardeth! Er heißt Ismail."
Lyleth sah lächelnd zu seiner Frau und sie erwiderte diesen
ungemein erleichterten und liebevollen Blick. Auf ewig, Lyleth!
Bianca M. Gerlich
07.01.2006
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hier mit "Zwischenteil 2"