Home "Um stillen Tod sie warb" (Autorin: Bianca M. Gerlich)

LEYRAH 2


Ein Trupp von ungefähr 35 Medjai ritt langsam auf dem Karawanenweg in Richtung Kairo. An ihrer Spitze befand sich der junge Lyleth und sein Schwiegervater Arianda. Wie alle Krieger wirkten sie müde und erschöpft. Lyleth ließ seine Schultern tief hängen, hatte den Blick gesenkt und wurde mehr von seinem Pferd geführt als andersherum. Seit über zwei Wochen waren sie nun unterwegs. Sie hatten den ganzen Weg nach Spuren und Hinweisen auf den Verbleib von Leyrah abgesucht. Lyleth hatte immer wieder eine Handvoll Männer in nahe gelegene Orte ausschwärmen lassen, die dort suchen und fragen sollten. Bislang war aber alles Suchen umsonst gewesen. Nirgendwo gab es eine Spur von Leyrah oder den anderen drei vermissten Medjai. Niemand hatte sie gesehen. Zunächst waren sie der Spur vom Ort des Überfalls bis zum Nil gefolgt, wo sie sich verloren hatte. Man vermutete, dass man die Gefangenen auf ein Schiff gebracht hatte und nilabwärts unterwegs war. Doch wo mochten die Entführer an Land gegangen sein? Lyleth ließ an allen üblichen Anlegestellen halten und nachfragen, doch auch hier blieb man erfolglos. Nun befand man sich kurz vor Kairo. Lyleth hoffte, dass man dort mehr wissen würde. Durch ein Telegramm hatte man die in Kairo stationierten Medjai benachrichtigt, die sicher nicht untätig gewesen waren. Sicherlich war auch inzwischen Leslie eingetroffen, der mit einem Schiff nach Kairo gebracht werden sollte, um hier seine Mutter wiederzutreffen und zurück in die USA zu reisen. Auch Lyleth sollte seine Mutter treffen, erstmals in seinem erwachsenen Leben. Doch die Freude über das Wiedersehen war getrübt. Er machte sich große Sorgen um das Wohlergehen seiner jungen Frau. Die Ungewissheit, warum man sie entführt hatte und was man ihr angetan haben würde, hatte tiefe Spuren hinterlassen. Er hatte stark abgenommen, sein Gesicht war bleich und die Angst um Leyrah ließ ihn kaum schlafen. Immer musste er daran denken, welche Qualen sie wohl erleiden musste. Es machte ihn fast wahnsinnig. Er musste sie unbedingt wiederfinden. Und dann schlich sich unheilvoll die Frage in seine Gedanken, was wohl wäre, wenn er sie nie mehr wiederfinden würde...

In dem großzügigen Anwesen der Medjai in Memphis bei Kairo hatte man den angekündeten Trupp schon erwartet. Milal, der die oberste Stellung aller Anwesenden inne hatte, trat sofort in den offenen Hof, als man ihm sagte, dass der Trupp soeben durch das Eingangstor geritten sei. Er erschrak, als er Lyleth erblickte, doch er versuchte, seine Gefühle zu verbergen und verneigte leicht seinen Kopf, als er dem vom Pferd abgestiegenen Sohn des Anführers aller Medjai gegenüber trat und ihn höflich begrüßte. Lyleth erwiderte den Gruß und fragte ohne Umschweife nach Neuigkeiten über Leyrah. Doch Milal verneinte und entmutigt betrat Lyleth das Haus. Aller Augen waren mitleidig auf ihn gerichtet. Milal trat hinter ihm ein. Lyleth und Arianda wurde jeweils ein Becher Wasser gereicht und sie tranken, bevor sie sich auf einem Kissen niederließen. Milal setzte sich zu ihnen und Lyleth bat ihm, über alles zu berichten, was unternommen worden ist.
"Wir haben überall in Kairo und Umgebung suchen und nachforschen lassen, wir haben auch die hiesigen Sklavenmärkte aufgesucht und all unsere Verbindungen spielen lassen, doch weder hier noch im benachbarten Arabien gibt es einen Hinweis auf den Verbleib Eurer Frau, Lord Bay. Wir wissen nicht, was wir jetzt noch unternehmen könnten."
"Und in Richtung Westen?"
"Wir haben einen Trupp bis über die Grenzen Ägyptens hinaus geschickt und überall fragen lassen, doch auch von dort gibt es keine positiven Neuigkeiten, wie mir Hassan Genan vor drei Tagen per Telegramm aus Alexandria hat zukommen lassen. Sie halten dort aber weiter die Augen auf."
Lyleth seufzte, doch fragte sogleich: "Und was ist mit dem Suchtrupp im Süden? Haben Sie Nachricht von dort?"
"Nein, Lord Bay. Bislang haben wir keine Nachricht von dort. Es wird sicherlich auch noch eine Weile dauern, wenn der Trupp bis zu den Sklavenumschlagplätzen am Roten Meer vordringen soll und wieder zurück nach Theben. Da es hier im Norden überhaupt keine Spur gibt, ist es wahrscheinlich, dass man die vier weiter in den Süden oder nach Osten geschafft hat."
"Das glaube ich eher nicht, jedenfalls nicht in Richtung Osten. Sie hätten die nubische Wüste durchqueren müssen."
"Vielleicht haben sie sich zur alten Sklavenkarawanenstraße durchgeschlagen. In dem Fall würden wir sie früher oder später erwischen oder ihre Spuren finden. Lord Bay, wir sollten abwarten, bis wir von den Suchtrupps im Süden Nachricht erhalten."
"Ich kann nicht einfach hier herumsitzen und warten. Bitte, wir müssen auch hier in Kairo weitersuchen. Am besten verdeckt."
"Ja, natürlich suchen wir weiter, Lord Bay! Aber Ihr solltet Euch jetzt erst einmal von dem anstrengenden Ritt ausruhen. Ich werde Euch berichten, sobald sich etwas ergibt."
Lyleth nickte traurig. Er hatte sich mehr von Kairo erhofft. Auch hier gab es also keine Spur. Entmutigt zog er sich zurück. Die anwesenden Medjai sahen ihm traurig hinterher. Die meisten wussten, dass Lyleth und Leyrah aus Liebe geheiratet hatten, und sie ahnten, was in dem armen Lyleth vor sich gehen musste. Die Chancen, Leyrah nach so langer Zeit wiederzufinden, waren gering.

Lyleth besuchte in den Folgetagen alle hochstehenden Persönlichkeiten, die er kannte, aber außer Bedauern wussten die ihm nichts anderes zu sagen. Als er vier Tage nach seiner Ankunft von seinem Besuch bei einem adligen Großgrundbesitzer ins Medjai-Haus zurückkehrte, übergab man ihm aufgeregt eine Nachricht aus Theben. Sie stammte von Ardjun. Doch seine Hoffnung wurde wieder enttäuscht, denn die Nachricht beinhaltete nicht, dass man Leyrah gefunden hätte, sondern stellte Lyleth vor weitere Probleme. Ermattet ließ er die Hand sinken, die das Telegramm hielt, und Arianda fragte bangend:
"Leyrah?" Er hoffte, dass seine Tochter nicht tot aufgefunden worden war.
"Nein, Vater, nichts über Leyrah oder ihre Entführer. Es handelt sich um eine Anweisung meines Vaters."
Lyleth schüttelte ungläubig mit dem Kopf, denn das, was in dem Telegramm stand, hatte er nicht erwartet und konnte es auch nicht nachvollziehen.
"Mein Vater wünscht, dass ich meine Mutter aufsuche, sobald sie hier in Kairo eingetroffen ist, und ihr mitteile, dass ihr Sohn Leslie nicht kommen wird. Er wird bei meinem Vater bleiben."
"Was?", fragte Arianda ungläubig nach, der als Familienmitglied natürlich über Leslies Geschichte informiert war. "Will Leslie jetzt bei uns bleiben? Ich dachte, er wollte studieren..."
"Ja, das wollte er auch. Er wird gegen seinen Willen festgehalten."
Arianda sah Lyleth irritiert an, und letzterer fuhr fort zu erklären: "Mein Vater trägt Sorge, dass mir etwas zustößt bei der Suche nach Leyrah und so lange muss Leslie bei ihm bleiben - als Garant des Fortbestands des Bay-Clans."
Lyleth ließ sich keine weitere Regung anmerken, aber Arianda wusste, dass er sehr verärgert darüber war. Er hing an seinem Bruder und hatte keinen Arg gehabt, ihn allein bei seinem Vater zurückzulassen. Lyleth hatte nicht damit gerechnet, dass Ardjun Leslie zwingen würde, bei den Medjai zu bleiben.
"Unsere Mutter müsste morgen eintreffen. Sie wird im Imperial Hotel wohnen und ich werde sie dort morgen Nachmittag aufsuchen."
Arianda legte ihm eine Hand auf die Schulter. Das würde ein eher trauriges Wiedersehen werden, wenn Lyleth seiner Mutter gestehen musste, dass sie Leslie vorerst nicht treffen und nach Hause mitnehmen könne. Als ob sie nicht genug Probleme um die Ohren hätten, dachte sich Arianda, äußerte aber keinen Unmut gegenüber Ardjun laut, denn der war der oberste Anführer aller Medjai und in seinen Handlungen sakrosant.

Lyleth war sehr flau im Magen, als er vor dem Imperial stand. Es war ein Hotel der Luxusklasse, in dem eigentlich nur Weiße Zutritt hatten. Lyleth wusste nichts von dieser Regelung und trat - in Begleitung von zwei ebenso wie er tief verhüllten Medjai - auf die Eingangstür zu, doch wurde von zwei Türstehern angehalten, die ihm auf Arabisch "Für Einheimische Zutritt verboten" zuraunten. Lyleth sah irritiert von einem zum anderen, aber wusste, dass es keinen Sinn hatte, den Zutritt zu erzwingen. Auf Englisch erwiderte er:
"Meine Mutter, Mrs. Claire Manson, ist seit heute Gast in diesem Hotel, und sie ist Bürgerin der USA. Ich wünsche sie zu besuchen."
Die Türwächter sahen sich irritiert an. Der kriegerisch wirkende Beduine vor ihnen sollte Sohn einer US-Amerikanerin sein? Lyleth forderte sie auf:
"Bitte fragen Sie an der Rezeption nach! Ich bin mit meiner Mutter in diesem Hotel verabredet."
Lyleths Bitte war bestimmt und höflich vorgetragen worden. Tatsächlich betrat einer der beiden das Hotel. Nach einer Weile kehrte er zurück und forderte Lyleth auf:
"Bitte folgen Sie mir, Sir. Aber bitte nur Sie!"
Lyleth nickte seinen beiden Leibwächern zu, sie sollen hier warten, was sie ungern taten. Dann betrat er das Hotel, das sehr edel eingerichtet war. Lyleth warf einen verstohlenen Blick auf den unglaublich großen Lüster, der in der Mitte der Halle hing, und anschließend einen ungläubigen auf die beiden echten Statuen, die aus einem ägyptischen Tempel hierher gebracht worden sein mussten. Ganz Medjai schüttelte er verärgert mit dem Kopf. Der Türsteher führte ihn zu einem anderen Hotelangestellten, der in einen eleganten Anzug gekleidet war und augenscheinlich etwas mehr zu sagen hatte als der Türsteher. Dieser wies Lyleth, der inzwischen das Tuch von der unteren Gesichtshälfte gezogen hatte, höflich mit der Hand den Weg, aber sprach ihn nicht weiter an. Er wurde die breite geschwungene Treppe hinaufgeführt. Gäste, die sich in der Halle aufgehalten hatten, sahen ihm verwundert hinterher und tuschelten. Lyleth sah aus den Augenwinkeln, dass Hotelbedienstete zu ihnen traten und ihnen die Situation zu erklären schienen. Im ersten Stockwerk gingen sie einen langen Gang entlang, bis der Mann stehen blieb und höflich den Türklopfer betätigte. Er wartete, bis geöffnet wurde. Ein Junge im Alter von ungefähr 16 Jahren stand vor ihnen und warf einen fragenden Blick auf den Angestellten und riss, als er Lyleth neben ihm sah, ganz weit die Augen auf.
"Dieser Gentleman wünscht Mrs. Claire Manson zu sprechen." Am liebsten hätte er hinzugefügt, dass der Fremde behauptet, ihr Sohn zu sein, aber so impertinent wollte er nicht sein, da aller Wahrscheinlichkeit nach diese Aussage stimmen würde und er riskierte, einen Hotelgast zu beleidigen. Aber er wollte sich lieber von der Wahrheit selbst überzeugen.
"Würden Sie bitte Mrs. Claire Manson zur Tür bitten?", insistierte er, da der Junge vor lauter Staunen den Mund nicht zubekam. Lyleth lächelte leicht, denn wahrscheinlich war der Junge sein Halbbruder. Dieser rief aufgeregt:
"Ma! Ma! Komm mal schnell her!"
Claire kam sofort. Sie trug ein elegantes hellblaues Kostüm, ihr Haar war zu einem Knoten gebunden. In zwei Metern Entfernung vor der Tür blieb sie abrupt stehen, als sie in dem Medjai hinter dem Hotelmanager ihren Sohn Lyleth erkannte. Er sah Leslie - bis auf die Tätowierungen - zum Verwechseln ähnlich und sie hätte ihn unter Tausenden erkannt. Der Hotelangestellte begriff sofort, als er ihr mütterliches Lächeln sah und zog sich mit einem dezenten "Madame" zurück. Lyleth blieb auch zunächst wie angewurzelt stehen und betrachtete seine Mutter. Dann trat er zu ihr - wie sie zu ihm - und beide fielen sich in die Arme. Claire schluchzte ergriffen. Sie hielten sich fest umfangen. Inzwischen war auch Graham Manson, Claires Mann, dazugetreten und musterte Lyleth eingehend und verwundert. Gewiss, Claire hatte ihm inzwischen von Ardjun und seinem Volk berichtet, aber dennoch war Graham beeindruckt von Lyleth. Er wirkte sehr arabisch in seinen dunklen Gewändern und diese merkwürdigen Tätowierungen gaben ihm etwas Geheimnisvolles, sehr, sehr Fremdes. Graham fand zwar, dass Lyleth ansonsten aussah wie Leslie, doch wirkte Lyleth wesentlich erwachsener.
"Lyleth!", wisperte Claire ergriffen, löste sich aus der Umarmung und betrachtete Lyleth nun eingehender. "Mein Sohn! Endlich!"
"Mutter...", erwiderte Lyleth genauso ergriffen. Er hatte das gleiche liebe Lächeln wie Leslie. Oh, wie waren die beiden sich doch ähnlich! Claire weinte vor Freude, vielleicht auch vor Trauer, weil sie so lange ihren zweiten Sohn entbehren musste.
"Was haben sie mit dir gemacht?", fragte sie schmerzvoll und fuhr ihm über die Wangen. Lyleth verstand nicht so recht, was sie meinte und sah sie fragend an.
"Haben sie dich gut behandelt, mein Sohn?"
"Ja, Mutter. Ich hatte eine gute Kindheit, falls du das mit deiner Frage meintest."
Claire bemerkte erst jetzt, dass sie ja nicht ganz allein mit Lyleth war.
"Verzeih, Lyleth, ich bin so aufgeregt. So schrecklich aufgeregt, dass ich dich wiederhabe! Hier, komm, ich möchte dir meinen Mann vorstellen. Mr. Graham Manson."
Lyleth sah zu Graham und neigte höflich seinen Kopf. "Mr. Manson."
Graham war etwas verlegen. Er wusste nicht so recht, wie er sich diesem erwachsenen Sohn Claires, der so fremd wirkte, gegenüber verhalten sollte.
"Lyleth", stammelte er und nickte auch mit dem Kopf, allerdings weniger elegant als Lyleth zuvor.
"Und das hier ist Mathew." Sie wies auf den immer noch staunenden Jugendlichen, der neben seinen Vater geflüchtet war. "Mathew", forderte sie ihn auf, "sag deinem Halbbruder schön guten Tag!" Doch Mathew traute sich keinen weiteren Schritt an Lyleth heran. Natürlich hätte es die Höflichkeit geboten, dass er als Jüngerer zuerst seinen Bruder begrüßte. Doch Mathew war derart beeindruckt, dass er den Mund nicht aufbekam. Lyleth lächelte besänftigend und grüßte ihn als erster: "Mathew, schön, dich kennenzulernen!"
Graham stupste seinen Sohn schließlich an, sodass der immerhin ein "Ja" herausbekam.
"Bitte verzeiht, dass ich so unangemeldet hier erscheine! Ich hoffe, ihr seid nicht allzu überrascht."
Claire war es keineswegs, denn genauso hatte ihr Geliebter ausgesehen, sie war an diesen Anblick gewöhnt. Allerdings hatte sie damals auch die Medjai hassen gelernt, die ihr ihren Ardjun weggenommen hatten, und sie war nicht erbaut davon, Lyleth in dem Medjai-Gewand und mit den Tätowierungen zu sehen. Sie hatten ihr also ihren Sohn tatsächlich genommen und zu einem der ihren gemacht. Sie vergaß, dass sie eigentlich dankbar sein sollte, dass er noch lebte und gesund war. Immerhin hatte sie all die Jahre angenommen, dass Lyleth tot sei.
"Oh, Lyleth, mein Sohn, ich habe doch gehofft, dich und Leslie bald nach unserer Ankunft sehen zu können! Komm, komm", sie zog ihn am Ärmel mit sich, "setz dich!"
Lyleth sah sich kurz in der Suite um. Sie war sehr geräumig. In dem Raum, in dem sie sich befanden, stand eine bequeme Sitzecke, auf die Claire zugesteuert war. Lyleth ließ sich in einem Sessel nieder, Graham und Mathew setzten sich wie zwei Verschworene auf das Sofa und Claire auf den zweiten Sessel.
"Mathew, bitte geh und lass Tee kommen, ja?"
Mathew erhob sich etwas unwillig. Eigentlich wollte er gerade jetzt keine Sekunde verpassen. Claire war so aufgekratzt, dass sie noch gar nicht mitbekommen hatte, dass Leslie fehlte.
"Lyleth, du bist so groß! Geht es dir auch wirklich gut?"
Lyleth nickte bejahend, obgleich das nicht der Wahrheit entsprach. Dann begann er:
"Mutter, man war immer sehr gut zu mir, besonders mein Großvater. Aber du hast mir natürlich sehr gefehlt. Niemand kann eine Mutter ersetzen."
In Claires Augen blitzte es auf, sie zog schnell ein Taschentuch hervor, und es dauerte tatsächlich nicht lange, da rollten die Tränen der Rührung. Lyleth nahm ihre schmalen Hände in seine und drückte sie fest. "Ich bin froh und dankbar, dass du hier bist!"
Claire schluchzte immer noch und blickte verlegen auf seine Hände, die ebenfalls tätowiert waren. Da verfinsterte sich ihr Blick ein wenig und sie fragte.
"Lyleth, bist du einer von ihnen geworden?"
Das war zwar offensichtlich, aber Lyleth war die Bitterkeit nicht entgangen, die in dieser eher rhetorischen Frage lag.
"Ja, Mutter. Ich gehöre zu den Bedja."
"Ein Wüstenkrieger?", schaltete sich nun auch Graham ein.
"Ja, Mr. Manson."
Inzwischen war Mathew zurückgekehrt. Er setzte sich augenblicklich zu seinem Vater.
"Oh Lyleth, mein Sohn, bist du glücklich bei ihnen?"
"Ja, Mutter, ich bin sehr glücklich - dort, wo ich lebe. Es ist sehr friedlich bei uns."
Graham runzelte die Stirn. "Ein Krieger, der von Frieden spricht?"
Lyleth entging die ablehnende Haltung Grahams nicht. Aber er blieb weiterhin höflich und freundlich, als er antwortete: "Wir sind Krieger, um unser Gebiet zu verteidigen, falls Eindringlinge kommen."
"Eindringlinge? Wir Weißen zum Beispiel?"
"Graham!", tadelte Claire ihren Mann leicht.
Doch Lyleth ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. "Nun, in erster Linie sind es herumstreunende Räuberbanden und Sklavenfänger, die uns zu schaffen machen. Doch wir würden natürlich auch andere Angreifer abwehren."
In Grahams Augen blitzte es auf. Der junge Mann schien ihm zu selbstsicher. Er musste ihn ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückbringen und an die Überlegenheit der Europäer und Amerikaner erinnern.
"Ich kann mir kaum vorstellen, dass Ihre paar Wüstenkrieger eine Chance hätten, wenn ein geordneter militärischer Verband der Briten vor ihren Beduinenzelten auftauchen würde."
Lyleth sah ihn immer noch freundlich an, obwohl er wusste, dass Graham ihn herausfordern wollte. Er schien ein wenig eifersüchtig auf Claires zweiten Sohn zu sein, und Lyleth fielen Leslies Erzählungen über manche Behandlung von Seiten Grahams ein, die Leslie in seiner Jugend zu ertragen hatte. Doch Lyleth wollte auf keinen Fall unhöflich sein oder jemanden in Verlegenheit bringen, indem er mit der Kampfesstärke der Medjai protzte, und so erwiderte er leicht lächelnd:
"Damit werden Sie vermutlich recht haben, Mr. Manson."
An der Tür wurde geklopft, der Tee wurde serviert, und Claire atmete erleichtert auf, dass dieses unangenehme Fragen von Graham zunächst ein Ende hatte. Ihr Verhältnis zu ihm hatte sich etwas seit ihrer Aussprache vor ihrer Reise zum Guten geändert, aber natürlich lehnte er diesen Teil ihrer Vergangenheit ab. Doch hatte er immerhin ihr zuliebe dieser Reise zugestimmt und sie wollte sich seine einigermaßen gute Stimmung bewahren. Sie warteten, bis die Bedienung gegangen war, dann tranken sie alle ihren Tee, und zu Claires Freude benahm sich Lyleth dabei genauso wie alle anderen.
"Wo ist eigentlich Leslie?", fragte sie unvermittelt.
Lyleth antwortete ernst, aber wahrheitsgemäß: "Er befindet sich bei unserem Vater - in der Nähe von Theben."
"Theben?", wiederholte sie halb entsetzt. "Du meinst Luxor?"
"Ja, Mutter. Leslie ist noch dort. Er wird... auch vorerst dort bleiben müssen."
Claire sah Lyleth ungläubig an.
"Was heißt, er wird dort bleiben müssen?", fragte Graham nach und beschloss, die Sache in seine Hand zu nehmen.
"Während Ihrer Überfahrt sind hier Dinge geschehen, die es nach Ansicht unseres Vaters erforderlich machen, dass Leslie vorerst in unserem Ort bleibt", wandte sich Lyleth an Graham.
"Ist er in Gefahr?", fragte Claire entsetzt. "Was ist geschehen?"
Lyleth wünschte sich, dass Ardjun selbst Claire gestehen würde, warum er Leslie bei sich behielt. Nun stand er vor dieser schwierigen Aufgabe...
"Meine Frau ist entführt worden..."
"Oh Lyleth!", unterbrach ihn Claire. "Wie schrecklich!"
"Aber was hat das mit Leslie zu tun?", fragte Graham und ließ Lyleth keine Zeit, selbst weiterzureden, was er begonnen hatte. Lyleth ließ sich nicht beirren. Er versuchte, die Ereignisse möglichst sachlich wiederzugeben.
"Unser Vater fürchtet um seine Nachkommenschaft. Ich habe nur einen Sohn. Daher hält unser Vater es für nötig, Leslie so lange bei uns zu behalten, bis die Nachkommenschaft gesichert ist."
Graham, Claire und Mathew starrten Lyleth mit beinahe offenen Mündern an. Graham versuchte das Gesagte nachzuvollziehen, Mathew verstand kein Wort davon und Claire dämmerte so langsam das Ausmaß dieser Angelegenheit. Es war Graham, der die Sprache als erster wiederfand.
"Nachkommenschaft?", fragte er ungläubig. "Soll Leslie...ähm...Kinder zeugen?" Er warf einen verunsicherten Blick seinem minderjährigen Sohn zu, der die Ohren ganz weit auf machte.
"Ich denke, Mr. Manson, wenn wir meine Frau wiedergefunden haben, wird unser Vater Leslie sicherlich gehen lassen."
"Und wenn nicht?", wollte Claire halb empört wissen.
"Ich weiß es nicht genau, Mutter. Unser Vater wird Leslie zum Heiraten drängen wollen, nehme ich an."
"Aber es gibt doch einen Erben, Ihren Sohn!", gab Graham laut von sich.
"Ja, aber das reicht meinem Vater nicht. Meine Frau war schwanger, als sie entführt wurde, und er hatte sich auf weiteren Nachwuchs eingestellt."
"Schwanger! Mein Gott!", rief Claire. "Weiß man denn, wer sie entführt hat?"
"Leider nicht, Mutter." Lyleth neigte traurig das Haupt. "Ich suche seit drei Wochen nach ihr. Wir haben bislang keine Spur."
"Das ist ja alles sehr traurig", versuchte Graham nüchtern zusammenzufassen, "aber dieser... wie heißt der doch noch gleich... Ardjun kann Leslie doch nicht einfach zwingen hierzubleiben! Leslie ist immerhin amerikanischer Staatsbürger!"
Fast simultan sahen Claire und Lyleth zu ihm. Beide wussten, dass Ardjun das sehr wohl konnte.
"Siehst du, ich habe recht behalten", jammerte Claire, "ich hätte Leslie nie erlauben dürfen, nach Ägypten zu kommen! Ich wusste, es würde Unheil bringen. Warum sollte sich hier auch etwas geändert haben? Sie zwingen uns einfach ihren Willen auf! Man kann nichts dagegen tun! Ich habe es gewusst, ich habe es gewusst! Mein armer Les!"
"Beruhige dich, Claire", beschwichtigte sie Graham und warf einen unsicheren Blick Lyleth zu, ob der in irgend einer Weise beleidigt war, doch er ließ sich zumindest nichts anmerken.
"Ich will mich aber nicht beruhigen! Es ist eine Ungeheuerlichkeit! Lyleth!", fuhr sie ihn scharf an. "Sag deinem Vater, dass er Leslie sofort freigeben soll! Er soll es ja nicht wagen, mir Leslie wegzunehmen!"
"Ja, Mutter, ich werde es ihm ausrichten", erwiderte Lyleth und fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut als Vermittler zwischen den zwei Lagern. "Ich bedauere zutiefst, dass Leslie nicht hier sein kann."
"Hast du ihn etwa zu deinem Vater gebracht?" Ihre Stimme klang böse.
"Claire", mischte sich Graham ein, "Lyleth kann doch auch nichts dafür, dass Leslie festgehalten wird. Mach ihm keine Vorwürfe deswegen!"
Lyleth hatte seine Mutter traurig angeschaut. "Ja, Mutter. Sobald wir etwas über den Verbleib meiner Frau wissen, werde ich euch hier benachrichtigen. Vielleicht erlaubt unser Vater dann, dass Leslie hierher reisen darf."
Lyleth hatte eigentlich auf ein persönliches Gespräch mit seiner Mutter gehofft, die er endlich wiedergefunden hatte, doch er merkte, dass ihre ganze Aufmerksamkeit jetzt Leslie gehörte. Er hätte ihr gern noch von seinem Sohn erzählt, aber getraute sich nicht, ein Gespräch darüber anzufangen, denn sie war in sehr gereizter Stimmung, und es schien, als würde sich ihre Gesinnung gegen alle Medjai richten und irgendwie auch gegen ihn, der er ja in seiner vollständigen Medjai-Aufmachung vor ihr saß. Also beschloss Lyleth, sich lieber zurückzuziehen und vielleicht später ein vertrauliches Gespräch mit ihr zu suchen. Er erhob sich aus seinem Sessel und verabschiedete sich höflich. Claire umarmte ihn nicht, sondern beschwor ihn noch einmal, alles Menschenmögliche für Leslie zu tun. Doch Graham wünschte Lyleth viel Erfolg bei der Suche nach Leyrah und zauberte damit ein leichtes Lächeln auf Lyleths Gesicht. Mathew hatte die ganze Zeit tief beeindruckt und schweigsam dabei gesessen und seinen Halbbruder verstohlen betrachtet, der wirklich mehr wie ein Fremder als ein Verwandter wirkte.
"Sieht Leslie jetzt auch so aus wie sein Bruder?", wollte er sensationslustig wissen.
Claire sah ihn entsetzt an, schluchzte auf und rannte ins Badezimmer. Graham und Mathew sahen sich ratlos an, als sie Claire schluchzen hörten.

Die Wochen vergingen. Ab und an besuchte Lyleth pflichtgemäß die Mansons, blieb aber immer nur kurz, da es Claire nicht gut ging. Da keine Nachrichten über Leyrah kamen, konnte er sie auch nicht wirklich trösten. Lyleth war selbst sehr verzweifelt, aber immer bemüht, es seiner Mutter irgendwie recht zu machen. Graham drängte auf eine baldige Rückkehr in die USA, aber Claire wollte davon nichts wissen. Sie wollte solange bleiben, bis sie ihren Sohn wieder hatte. Graham bedeutete ihr, er könne nicht ewig hier bleiben und stellte eine Art Ultimatum. Er wollte noch einen Monat hier bleiben, dann müsse er zurück und Mathew auch. Sie könne ja noch hier bleiben und warten. Er schlug vor, nach Süden zu reisen und Leslie vor Ort zu besuchen, doch Claire traute sich nicht und auch Lyleth riet davon ab. Er hatte allerdings seinen Vater gebeten herzukommen und mit Claire zu reden, doch Ardjun wollte davon so gar nichts wissen. Er setzte im Gegenteil Lyleth unter Druck, indem er ihm ebenfalls ein Ultimatum stellte. Er gab seinem Sohn noch fünf Wochen, dann müsse er zurückkehren und an eine neue Heirat denken. Immerhin war der Trupp, der nach Südosten geritten war, zurückgekehrt, doch auch der hatte keine Nachricht über den Verbleib der entführten Medjai. Lyleth besuchte nun nur noch selten seine Mutter, er war selbst betrübt und wusste auch keinen Ausweg mehr. Zudem war er zweimal in Kairo von merkwürdig rotgewandeten Beduinen überfallen worden, aber da er immer in Begleitung von mindestens zwei weiteren Medjai war, konnte er die Angreifer zurückschlagen.
Täglich trafen Kundschafter von überall her ein, die aber keinen Erfolg verkünden konnten. Als wieder einer Lyleth betrübt mitteilte, nichts herausgefunden zu haben, und sich zurückzog, legte sein Schwiegervater die Hand auf Lyleths linke Schulter. Lyleth schluckte tief, bemüht, seine Traurigkeit zu verbergen. Arianda nahm ihn in seine Arme, um ihn zu trösten. Er spürte, wie Lyleth der Mut sank. Auch Arianda hatte kaum noch Hoffnung, seine Tochter lebend wiederzusehen. Leyrah war jetzt schon zwei Monate verschwunden und es war sehr unwahrscheinlich, sie noch wiederzufinden. Inzwischen konnte sie längst Afrika verlassen haben und weit weg sein.
"Vielleicht geschieht ja ein Wunder", raunte Arianda leise seinem Schwiegersohn zu, doch auch er selbst glaubte nicht mehr daran.
Da ging die Tür mit einem Mal auf und der Kurator des Museums stürmte lautstark herein, was dem ansonsten eher stillem Mann gar nicht ähnlich sah. Überrascht blickte Lyleth auf.
"Wo ist Lyleth?", fragte der Kurator den erstbesten Medjai, den er bei der Tür antraf. Dieser wies auf Kadath und Lyleth, die an der gegenüberliegenden Wand standen und neugierig hinüberschauten. Der Kurator eilte zu ihnen herüber und hielt Lyleth ein kleines Päckchen, das mit einem Stück schwarzen Stoff umhüllt war, unter die Nase. Lyleth wagte es kaum zu berühren, er ahnte, dass es etwas mit Leyrah zu tun haben musste.
"Das ist Stoff von einem Medjai-Gewand", kommentierte Arianda. "Öffne das Päckchen!"
Zögernd griff Lyleth danach und wickelte das Päckchen auf. Er beförderte Leyrahs Talisman und ein Stück Papier hervor und erschrak furchtbar.
"Sie hätte den Talisman nie freiwillig abgelegt!", rief er vor Entsetzen. "Sie... ist tot..."
"Vielleicht fordert man Lösegeld und hat dir den Talisman zum Beweis geschickt, dass man sie gefangen hält. Lies doch mal, was da steht!", bedrängte ihn Arianda aufgregt und nahm ihm das Amulett ab, das er und seine Frau einst dem Töchterlein geschenkt hatten. Der Kurator lächelte, denn er hatte die Botschaft ja schon gelesen, war aber bisher nicht zu Wort gekommen. Jetzt beruhigte er die beiden Freunde:
"Lady Bay ist nicht tot, die Botschaft ist von ihr."
Lyleth sah ihn für einen kurzen Moment mit großen Augen an, dann entfaltete er in aller Eile das Papier und durchflog förmlich die Zeilen.
"Und? Und?", fragte Arianda ungeduldig.
Lyleth ließ erleichtert das Papier sinken und sprach: "Leyrah lebt! Sie befindet sich in einem Lager der Fremdenlegion an der Grenze Algeriens zu Libyen. Hier, sie hat alles ganz genau angegeben." Er reichte dem Schwiegervater das Papier, der es selbst las und jubelte: "Sie lebt, meine Tochter lebt!"
Dann fielen sich beide erneut um den Hals. Inzwischen waren alle Medjai, die sich in der großen Halle befanden, aufgeregt herangetreten. Sie freuten sich mit ihnen. Einige klopften Lyleth auf die Schulter. Endlich hatte die Ungewissheit ein Ende, nun wussten sie, wo sich Lady Bay befand.
Als Lyleth sich löste, fragte er den Kurator:
"Wie kommt dieses Päckchen zu Ihnen?"
"Ein Tuareg hat es mir übergeben, hat sich aber sofort aus dem Staub gemacht."
"Sie kämpfen gegen die Fremdenlegionäre Frankreichs. Vielleicht hat Leyrah ihm das mitgegeben", meinte Milal, einer der Hauptleute. "Ich lasse sofort alle Krieger zusammenrufen. Morgen können wir in aller Frühe reiten."
Milal wollte aus der Halle eilen, doch der Kurator hielt ihn zurück, indem er rief:
"Halt, Halt! Nicht so übereilt! Das will gut überlegt sein, wie wir Lady Bay zurückholen können. Ich denke, wir können nicht einfach mit hundert Mann oder mehr hinreiten und das Fort überfallen. Immerhin unterstehen diese Legionäre Frankreich."
Etwas unwillig kam der übereifrige Hauptmann zurück.
"Warum haben französische Soldaten überhaupt eine Frau aus Ägypten als Gefangene?", wunderte sich Arianda etwas naiv.
"Sie haben viele Frauen in ihren Lagern, die für sie arbeiten sollen, und die meisten sind nicht freiwillig dort", erläuterte ein anderer Medjai, der neben Milal stand.
"Sie haben Recht", wandte sich Lyleth an den Kurator, "wir können nicht einfach das Fort überfallen. Leyrah zurückholen, ja, auf jeden Fall, aber andere angreifen, nein. Das dürfen wir einfach nicht. Aber welche Möglichkeiten haben wir?"
"Begebt Euch zum Vize-König, Lord Bay. Er hat Verbindungen nach Frankreich. Vielleicht kann er etwas bewirken."
"In Frankreich anfragen, ob man Lady Bay freilassen würde? Aber das würde ja Ewigkeiten dauern!", protestierte der Hauptmann. "Lady Bay ist lange genug in Gefangenschaft gewesen, wir sollten jetzt schnell handeln."
"Ich gebe zu bedenken, dass der Vize-König eventuell einen Gegendienst erweisen müsste, zum Beispiel in Form eines Präsentes. Frankreich hat schon so viele unserer Kulturgüter vereinnahmt", meinte Arianda. Jeder wusste, wovon er sprach. Es war den Medjai nicht daran gelegen, dass der Vize-König weitere Pylone, Mumien oder ganze Tempelwände nach Frankreich verschenkte.
"Da fällt mir ein, dass Girian Baku vor ein paar Wochen aus Frankreich zurückgekehrt ist", warf der Kurator ein. "Vielleicht weiß er, was zu tun ist. Ich werde ihn holen."
Jeder wusste, dass Girian Baku den Auftrag gehabt hatte, sich in Frankreich nach ägyptischen Artefakten umzusehen. Er war einer der Medjai, die wie der Kurator die diplomatische Laufbahn bevorzugt hatten und nun wertvolle Dienste leistete, indem er einiges von dem, was nach Frankreich gebracht worden war, wieder zurückholte oder zumindest den Verbleib erfasste. Auch zum Schwarzmarkt hatte er seine Verbindungen. Offiziell galt er als Mitarbeiter des Museums. Er hatte seinen Doktor der Philologie in Frankreich erworben und sprach fließend Französisch.
Es dauerte nicht lange, bis der Kurator mit Girian zurückkehrte. Er hatte ihn schon unterwegs in Kenntnis gesetzt. Tatsächlich erwies er sich als wertvoll, denn er kannte einen Kommandanten der Legion, der sich ab und zu in Kairo aufhielt und mit dem er hin und wieder einen Abend in der Bar verbracht hatte, auch, um seine Französisch-Kenntnisse aufzufrischen. Der Kommandant war höchst erfreut, mit Girian über das gute, alte Frankreich sprechen zu können. Es hatte sich dabei herausgestellt, dass Girians Frau, die dieser in Frankreich kennengelernt hatte, aus derselben Gegend stammte wie der Kommandant. Die Bakus hatten daraufhin den Kommandanten auch in ihr Haus eingeladen, das sie in Kairo bewohnten. Girian wusste auch, dass dieser Kommandant der Vorgesetzte mehrerer Einheiten war und hin und wieder Kontrollritte zu den einzelnen Forts in Algerien unternahm, um zu schauen, ob die Legionäre auch gut arbeiteten. Tatsächlich waren sie ja eher zum Straßenbau eingesetzt denn als Kampftruppe. Nur manche hatten sich mit den Berbern herumzuschlagen. Girian wollte noch am gleichen Abend in die Bar gehen, um zu schauen, ob der Kommandant wieder in Ägypten weilte. Er empfahl Lyleth, seine Krieger in Bereitschaft zu halten.

Lyleth verständigte seinen Vater per Telegramm und begab sich auch zu seiner Mutter, die höchst erfreut war, dass sich nun doch etwas getan hatte. Vielleicht konnte sie ihren Sohn Leslie ja bald in die Arme schließen. Doch Ardjun telegraphierte zurück, dass er erst einmal abwarten wollte, bis Leyrah lebend wieder zurückgekehrt sei. Nun wartete Lyleth voller Ungeduld, und es sollte noch über eine Woche dauern, bis Girian mit guten Nachrichten zurückkam. Der Kommandant wollte Lyleth persönlich zu dem besagten Fort begleiten. Girian hatte ihn auf die Kampfesstärke der Bedja aufmerksam gemacht und der Kommandant wollte nicht riskieren, dass ein Fort angegriffen wurde, zumal wegen einer Frau. Auch hatte Girian bemerkt, dass Lord Bay gute Verbindungen zum Vize-König von Ägypten hatte. Lyleth hatte er als seinen Freund dargestellt, so dass der Kommandant sich gern veranlasst sah, dem Freund eines Freundes zu helfen.
"Werden Sie uns begleiten, Herr Baku?", erkundigte sich Lyleth erwartungsvoll.
"Nur bis nach Alexandria, wo ich einiges zu erledigen habe, Lord Bay. Aber Ihr sprecht ja auch französisch, sodass es keine Verständigungsprobleme zwischen Euch und Commandeur Dupont geben dürfte."
Der Kommandant befand sich in Begleitung von fünf Soldaten, Lyleth hatte wie vereinbahrt acht Krieger dabei, darunter natürlich auch Arianda. Es dauerte neun Tage, bis sie Libyen durchquert hatten und an die Grenze Algeriens stießen.
"Ziemlich unruhige Gegend hier", bemerkte Kommandant Dupont, der neben Lyleth ritt. "Die Berber aus Libyen setzen uns arg zu, dabei wollen wir gar nicht weiter vordringen. Uns reicht doch schon dieses heiße Pflaster namens Algerien!"
Lyleth hatte auf der ganzen Reise peinlichst vermieden, sich über Politik auszulassen. Es war nicht die Sache der Medjai, sich in die aktuelle Tagespolitik zu mischen. So hatte er dem Kommandeur auch berichtet, dass sie im Grunde genommen ganz friedlich wären und nur zur Verteidigung ihrer Ländereien im Süden Krieger wären. Der Kommandant nickte befriedigt, denn er war kein Freund der Kämpfe zwischen Einheimischen und Soldaten, die im Namen Frankreichs kämpften. Natürlich war er aber der Ansicht, dass Frankreich ein Recht auf die Ländereien hätte und die Berber es danken sollten, dass soviel für sie getan wurde.
"Wir erschließen ihr Land, bauen ihnen Straßen und Städte! Und was ist der Dank? Dabei sollen sie doch froh sein, dass wir ihnen endlich ein bisschen Kultur bringen."
Lyleth war froh, dass der Kommandeur ihn nicht um seine Meinung in dieser Angelegenheit befragte. Er blieb stets höflich, zuvorkommend und achtete den Kommandeur. Ganz in sein Herz schloss dieser seinerseits den jungen Medjai, als er eines Abends feststellte, dass Lyleth des Pokerns fähig war.
"Ich habe das Kartenspiel in meiner Jugend gelernt, als ich im Palast des Vize-Königs weilte", berichtete Lyleth, der mit dem Kommandeur und zwei weiteren Franzosen die Karten auf das flache Brett, das als Tisch diente, hämmerte. Dabei trank er von dem ihm angebotenen Wein, was Dupont nickend anerkannte.
"Bravo! Bravo! Sie gefallen mir, Signeur! Ach, diese Muselmanen, die nichts Vernünftiges trinken dürfen! Sind alle Beduinen Ägyptens so trinkfest wie Sie?"
"Ähm, ja, mein Volk hat schon vor Hunderten vor Jahren Bier gebraut und Wein gekeltert, aber viele enthalten sich aus religiösen Gründen."
"Ah, und Sie nicht? Sind Sie kein Muselmane?"
"Äh, ich bin sehr traditionell veranlagt, wenn ich das mal so ausdrücken darf!" Lyleth grinste.
Der Kommandeur schlug Lyleth anerkennend auf den Rücken. "Also ehrlich, Sie gefallen mir, junger Mann!"
Lyleth konnte es nur Recht sein, wenn Dupont Sympatien für ihn hegte. Umso mehr würde er sich für Leyrah einsetzen. So ließ er sich auch eines Abends auf ein Wetttrinken ein, bedauerte es aber sehr am nächsten Morgen. Bei der Vorstellung, was sein gestrenger Vater wohl dazu sagen würde, musste er unfreiwillig lachen.
Am letzten Abend, bevor man das Legionärlager am nächsten Tag erreichen würde, sprach Arianda seinen Schwiegersohn an.
"Bei all deiner Verbrüderungstaktik mit Dupont, Lyleth, müssen wir daran denken, dass wir Eindruck machen müssen. Letztendlich sind wir nur zu neunt und diese Fremdenlegionäre können gar nicht ermessen, wie stark wir in Wirklichkeit sind."
"Dupont wird schon machen, Vater, sei unbesorgt."
"Diese Franzosen sollten sehen, wie viel uns an Lady Bay liegt. Dass sie nicht einfach nur die Frau eines - entschuldige - x-beliebigen Beduinen ist."
Lyleth sah ihn stirnrunzelnd an. "Was schlägst du vor?"
"Ich schlage vor, wir verstoßen ein bisschen gegen das Protokoll und knien vor deiner Frau nieder. Das wird Eindruck schinden. Und wenn dein Vater mal eines Tages nicht mehr sein sollte, dann werden wir uns ja sowieso vor ihr verneigen."
"Gute Idee. Sag den anderen Bescheid, ja? Oh, Vater, so lange waren wir unterwegs, aber jetzt kann ich es kaum noch erwarten, sie wiederzusehen. Hoffentlich geht es ihr gut!"
"Bestimmt, Lyleth, sie ist ja ein tapferes Mädchen! Eine echte Kriegerin. Ich bin froh, dass wir sie endlich zurückhaben werden!"

Leyrah half gerade bei der Wäsche. Sie hängte mit den Mädchen die großen Laken auf, als ihr Gehör Pferdegetrappel vernahm.
"Nanu, es hat doch gar kein Trupp das Lager verlassen?", wunderte sie sich laut.
"Wir werden bestimmt von diesen Wilden angegriffen", kreischte ein Mädchen ängstlich.
Auf einmal schlug Leyrahs Herz schneller. Es waren fast vier Wochen vergangen, seit sie dem Tuareg ihr Amulett mitgegeben hatte. Sie hatte in der ganzen Zeit unruhig darauf gewartet, dass jemand kommen würde. Und jetzt ritten irgendwelche fremden Reiter auf das Fort zu, denn alle Soldaten waren in dem Lager. Wer mochte das sein? Leyrah musste es herausfinden. Anders als die meisten Mädchen, die sich jetzt in den Baracken verkrochen, ging sie zielstrebig in Richtung Eingangstor.
Beim letzten Zelt blieb sie stehen und verbarg sich im Schatten der Plane. An für sich hatte sie in diesem Bereich nichts zu suchen. Das Portal wurde von innen geöffnet und hektisch eilte der Befehlshaber zum Tor, sich sein weißes Käppi zurechtrückend. Es musste also jemand Wichtiges kommen, schloss Leyrah daraus.
Durch das Tor kamen zwei Reiter: ein uniformierter schwergewichtiger Europäer mit weißem Käppi - also auch ein Fremdenlegionär - und... Leyrah wagte ihren Augen nicht zu trauen... Lyleth!!! Da hielt sie nichts mehr im Verborgenen des Schattens. Sie stürmte hervor, rannte ungestüm auf das Portal zu und rief laut den Namen ihres geliebten Mannes, voller Erleichterung, voller Aufgeregtheit und Freude. Alles sah zu ihr herüber. Lyleth war von seinem Pferd gesprungen und lief ihr entgegen. Sie umarmten sich stürmisch und für eine Weile war es ganz still vor Rührung im Lager. Arianda war auch von seinem Pferd gesprungen und hielt seines und Lyleths am Zügel. Gerührt sah er zu seiner Tochter hinüber, aber er wollte die beiden endlich wieder vereinten Liebenden nicht stören. Es dauerte lange, bis sich das Ehepaar aus der Umarmung löste. Sie hatten sich endlich wiedergefunden! Lyleth hielt Leyrah immer noch an den Oberarmen fest und fragte leise: "Geht es dir gut?" Leyrah nickte und wollte ihrerseits wissen: "Und dir?" Er nickte ebenfalls. "Und Ardeth?", fragte sie weiter.
"Ihm geht es auch gut."
Allah sei Dank! Ardeth ging es gut, Lyleth stand vor ihr, es schien so, als ob die Rache des Enkels von Setna Bay noch nicht aufgegangen war. Oh, sie hatte ihm soviel zu berichten. Lyleth führte sie sanft zum Kommandanten, der sich inzwischen mit dem Oberbefehlshaber des Lagers über Leyrahs Freilassung verständigt hatte. Er hatte ihm auch versichert, dass die ägyptischen Bedja-Beduinen nicht die Absicht hätten, Vergeltung zu üben. Der Befehlshaber war darüber einigermaßen erleichtert und auch die Tatsache, dass nur insgesamt neun von diesen Beduinen hier aufgetaucht waren, beruhigte ihn sehr. Arianda war inzwischen auch zu seiner Tochter getreten, umarmte sie und legte ihr das Amulett an. Die anderen Medjai standen dicht bei dem Kommandanten, alle waren von ihren Pferden gestiegen, ebenso wie die Begleiter von Dupont. Als Leyrah zu ihnen trat, gingen alle sieben Medjai auf die Knie, und sowohl der Befehlshaber als auch Nathalie, Fatima, die anderen Frauen und die Legionäre starrten überrascht auf Leyrah. Dass sie etwas Besonderes war, hatten wohl alle gespürt, aber dass diese dunklen Krieger sich vor ihr verneigten, wollten sie nicht so recht verstehen. Leyrah war nicht minder überrascht und drehte sich entsetzt zu Lyleth um, bange fragend: "Ardjun?"
Da wurde Lyleth bewusst, dass sie annahm, Ardjun sei verstorben und man kniete vor ihr als der Frau des obersten Anführers.
"Nein, meinem Vater geht es gut", erwiderte er und sie atmete sehr erleichtert auf, denn sie hatte schon diesen Bay-Enkel in Verdacht gehabt, sein Werk doch erfolgreich weitergeführt zu haben. Die Medjai knieten immer noch und Lyleth nickte Leyrah zu, sie solle sie hochwinken, was sie dann auch sichtlich irritiert tat.
Einer trat vor sie und sprach im Namen aller: "Es ist gut, Euch wieder bei uns zu haben, Sayida!" Sie nickte huldvoll und trat dann an Lyleths Seite, der sich mit ihr zum Kommandanten wandte.
"Darf ich Ihnen meine Frau, Lady Leyrah Bay, vorstellen?"
"Enchanté, Madame", erwiderte Dupont äußert höflich und gab ihr sogar einen Handkuss. "Wir bedauern wirklich aufrichtig, was Ihnen widerfahren ist, Madame. Signeur Willefort hatte ja keine Ahnung, wen er da zu Gast hatte."
Das war wirklich sehr fern der Realität ausgedrückt, aber genau wie Lyleth wusste auch Leyrah, dass die Medjai nicht mit Gewalt auf diese Angelegenheit reagieren durften. Sie sah den Lagerkommandanten aber sehr finster an. Eine peinliche Stille entstand und alle, auch Dupont, warteten auf eine persönliche Entschuldigung von Willefort. Der druckste etwas vor sich hin, bis er bestätigte: "Es... ist mir wirklich unangenehm, Madame."
Dupont sah ihn stirnrunzelnd an. Wahrhaftig, Etikette blühte nicht an solchem Ort. Daher beeilte er sich hinzuzufügen:
"Madame, zum Zeichen unserer Wohlgesonnenheit lädt Sie Signeur Willefort ein, noch eine Nacht hier zu verbringen, bevor Sie morgen in Ihre Heimat zurückgeleitet werden."
Aber Leyrah hatte auch ihren Stolz und wollte überdies wirklich nicht länger hier bleiben. Zum Erstaunen von allen im Lager erwiderte sie auf Französisch:
"Ich bedanke mich für Ihre Großzügigkeit, Commandeur..."
"Das ist Commandeur Dupont, Leyrah", beeilte sich Lyleth zu sagen, der ihn noch nicht vorgestellt hatte.
"Commandeur Dupont", fuhr sie fort, "aber ich habe die Gastfreundschaft dieser Leute schon lange genug strapaziert. Ich denke, wir werden sofort aufbrechen."
Dupont sah etwas irritiert zu Lyleth, doch dem machte es scheinbar gar nichts aus, dass seine Frau die Entscheidung soeben getroffen hatte.
"Ich bedaure das sehr, Madame, doch wie Sie wünschen!"
Ein Medjai führte sofort das Pferd, das man für Leyrah mitgenommen hatte, herbei.
"Signeur Dupont", sprach sie weiter und beachtete das Pferd vorerst nicht, "ich danke Ihnen, dass Sie zu meiner Befreiung beigetragen haben..."
"Befreiung, Madame", unterbrach er sie, "was für ein Wort..."
"Oh doch, Commandeur, es war eine Befreiung und Ihre Tat ist gar nicht zu unterschätzen. Man hat mich gegen meinen Willen hierher gebracht und ich musste wochenlang in diesem Lager arbeiten."
Dem Kommandanten war das ausgesprochen peinlich und er sah betreten zu Boden.
"Ich denke, ich habe einen Anspruch auf Wiedergutmachung."
Dupont, Willefort und Lyleth sahen sie überrascht an.
"Um nicht in Rätseln zu sprechen, meine Herren", fuhr sie selbstbewusst fort, "ich möchte gern meine Freundin Fatima mitnehmen."
Die Medjai sahen sich verstohlen grinsend an. Was für eine Frau! Leyrah würde eine perfekte First Lady abgeben. Sie trug immer noch ihr inzwischen arg mitgenommenes Kriegergewand, stand kerzengerade und ließ mit keiner Geste deutlich werden, welche Schmach sie erlitten haben musste.
Lyleth nickte, Willefort sah böse drein und Dupont beeilte sich zu sagen: "Aber natürlich, Madame, ganz wie Sie wünschen! Das ist ja wohl das Mindeste! Willefort, lassen Sie diese Fatima herbeirufen!"
"Achja, und ein Pferd benötigen wir auch noch für sie", fuhr Leyrah unverfroren fort.
Sowohl Fatima als auch das Pferd wurden herbeigeführt. Fatima hatte wie alle anderen Frauen staunend der Szene beigewohnt und ihr schauderte vor Ehrfurcht vor ihrer Freundin. Wie froh war sie, als sie vernahm, dass Leyrah sie mitnehmen wollte.
"Fatima, ich bitte dich, mit uns zu kommen", sprach Leyrah ernst, als Fatima zu ihr trat. Sie wollte sie nicht zwingen, aber sie ahnte, dass Fatima mehr als freiwillig mit ihnen ritt.
"Gern, Leyrah!", erwiderte sie freudestrahlend und ließ sich von einem Medjai auf ihr Pferd helfen.
Lyleth bedankte sich abermals bei Dupont für seine Hilfe, sie verabredeten sich in Kairo, dann winkte Lyleth den Medjai zu, sie mögen ihre Pferde besteigen.
Leyrah war mit einem Satz auf ihrem Pferd. Lyleth reichte ihr ihren Medjai-Säbel, den sie zum Erstaunen der Legionäre an ihrer Seite befestigte. Er reichte ihr auch das übliche schwarze Tuch, aus dem sie in Sekundenschnelle einen Turban samt Gesichtsbedeckung zauberte. Nun war sie wieder die stolze Kriegerin und ritt neben Lyleth aus dem großen Tor - hinaus in die Freiheit, gefolgt von Lyleths beiden Leibwächtern, von Arianda und Fatima, die sich bemühte, mit den Medjai Schritt zu halten, und den anderen Medjai. Commandeur Dupont sah ihnen schmunzelnd nach, dann legte er seinen Arm um Willefort und zog ihn freundschaftlich in Richtung Hauptquartier.

Die Medjai pausierten zur Mittagszeit, als die Sonne unbarmherzig brannte. Man hatte Planen errichtet und döste darunter. Lyleth und Leyrah lagen Arm in Arm und schwiegen, sie wollten einfach nur genießen, dass sie wieder vereint waren. Beide hatten zwar viel auf dem Herzen, doch hoben sich ihre diversen Informationen für den Abend auf, der am Lagerfeuer lang werden würde. So brachen sie auch alsbald auf, um an diesem Tag noch ein gutes Stück Weg zu schaffen. Erst nach Sonnenuntergang wurde das Nachtlager aufgeschlagen. Sie teilten das Essen, setzten sich um das große Feuer, um sich zu wärmen, und erzählten, was geschehen war. Dabei war es Leyrah egal, ob die anderen Medjai Mitwisser wurden, denn sie konnte sich auf jeden von ihnen verlassen, das wusste sie. Außerdem war sie ihrem ganzen Volk Rechenschaft schuldig. Nur mit Fatima war sie sich nicht schlüssig, darum fragte sie sie zuvor:
"Fatima, hast du irgend jemanden, zu dem du gehen könntest?"
Fatima schüttelte traurig mit dem Kopf.
Leyrah wusste, dass sie aus einem kleinen Dorf in Marokko stammte. Ihr Vater hatte sie einst verkauft, da er viele Kinder zu versorgen hatte. Dorthin würde sie bestimmt nicht zurückkehren wollen.
"Gibt es einen Ort, an dem du leben möchtest?", bohrte Leyrah weiter.
"Ich... ich weiß nicht", erwiderte Fatima unschlüssig. "Ich kenne nur mein Dorf - außer dem Legionärslager..."
Leyrah war klar, dass Fatima nur als Protestuierte arbeiten könnte, wenn sie sich irgendwo niederlassen würde, denn auch sie war unfruchtbar gemacht worden. Niemand würde sie heiraten wollen. Aber wie sollte sie sich anders durch das Leben schlagen können? Leyrah fühlte sich für Fatima verantwortlich, da sie sie quasi befreit hatte. Ohne einen Blick mit Lyleth zu wechseln, sprach sie:
"Du kannst mit uns kommen und eine von uns werden. Du musst dann allerdings dein ganzes Leben bei uns verbringen. Und ich muss dir leider sagen, dass du wahrscheinlich auch bei uns keinen Ehemann finden wirst."
Lyleth sah seine Frau etwas verwundert an und meinte:
"Wieso? Viele unserer Mädchen haben doch schon gewisse Erfahrungen vor der Ehe..."
"Ja, in der Hinsicht sind wir wesentlich liberaler als andere, und auch sonst hast du bei uns mehr Freiheiten, Fatima. Doch - genau wie mich - haben uns unsere Peiniger unfruchtbar gemacht. Fatima und ich können keine Kinder mehr bekommen."
Lyleth sah seine Frau entsetzt an, ihm war mit einem Schlag klar, dass das wohl das Ende seiner Ehe mit Leyrah bedeutete; auch die anderen Medjai sahen erschrocken von Lyleth zu Leyrah. Doch Leyrah ließ sich nicht beirren. Sie wechselte nur einen kurzen Blick mit Lyleth, dann wandte sie sich wieder Fatima zu:
"Du kannst gern bei uns bleiben, Fatima, und du musst nicht befürchten, dass man dich verachtet. Es gibt auch andere Frauen, die kinderlos geblieben sind. Man hilft sich bei uns gegenseitig. Nun, was meinst du?"
"Ich würde gern bei dir bleiben, Um Ardeth. Und ich werde hart arbeiten für meinen Unterhalt, das verspreche ich."
"Gut, so gehörst ab heute zu uns. Wir sind die Medjai und sind ein ziemlich altes Volk. Alles, was du nun bei uns hörst, muss unter uns Medjai bleiben. Das ist ganz wichtig. Versprichst du, dich daran zu halten und immer im Sinne unseres Volkes und von Kemet zu handeln?"
"Kemet?", fragte Fatima nach.
"Ägypten, so wie wir es kennen."
"Ja, das verspreche ich", erwiderte Fatima feierlich.
"Dann sei herzlich willkommen im 12. Stamm der Medjai", sprach Leyrah ernst. Dann sah sie zu Lyleth, der traurig zu Boden starrte.
"Es gibt Probleme, Lyleth. Entführt haben mich nicht diese Legionäre, sondern die Schergen eines gewissen Enkels von Setna Bay."
Augenblicklich starrten alle überrascht auf Leyrah. Was hatte sie da eben gesagt? Das war doch nicht möglich...
"Setna Bay...", wiederholte Lyleth dumpf. "Der vertriebene Bruder meines Großvaters."
"Ja, und sein Enkel sinnt auf Rache. Er möchte alle Bays auslöschen, bis nur noch er übrig bleibt und dann will der die 12 Stämme der Medjai übernehmen."
Lyleth sah sie ungläubig an und schüttelte mit dem Kopf, doch Leyrah sprach weiter:
"Er hatte damals meine Eskorte überfallen und auch das Kind getötet, denn er hatte angenommen, es wäre Ardeth. Ich habe ihn in dem Glauben belassen. Mir hat er einen Trank gegeben, der mich unfruchtbar gemacht und auch das ungeborene Kind getötet hat, damit ich nicht weiter Bay-Kinder zur Welt bringen könne. Er wusste, dass er uns alle damit mehr demütigen würde als wenn er mich einfach nur getötet hätte. Dazu gehörte auch sein Plan, mich an einen Sklavenhändler zu verkaufen. Du sollst auch wissen, dass er mich zuvor mehrfach vergewaltigt hat."
Fatima wunderte sich sehr über die Offenheit ihrer Freundin und auch über ihre abgeklärte Erzählweise. Man merkte ihr kaum an, wie sehr sie darunter gelitten haben musste. Lyleth dagegen offenbarte seine Gefühle deutlich im Gesicht.
"Ich bin froh, dass weder dir, noch deinem Vater oder unserem Sohn etwas passiert ist. Augenscheinlich hatte der Setna-Enkel keinen weiteren Erfolg. Aber er hat viele Männer zur Verfügung. Sie kleiden sich alle in roten langen Wüstengewändern."
"Was!", rief Lyleth fassungslos aus. "Die gehören zu ihm? Solche Männer haben mich zweimal in Kairo überfallen."
"Bei Allah! Dann hat er es also zumindest versucht!"
"Ich habe Erkundigungen in meiner langen Zeit in Kairo über sie einholen lassen. Soweit wir erfahren konnten, nennen sie sich die Benaren und gehen auf irgend einen vor-pharaonischen Kult zurück."
"Lyleth, wir müssen diesen Enkel zur Strecke bringen! Er hat das Wissen seines Großvaters bewahrt! Nicht auszudenken, wenn er den Unnennbaren für seine Zwecke einsetzen will! Ich hatte all die Zeit große Sorge, dass euch etwas zugestoßen würde. Stell dir vor, es wäre ihm gelungen, alle Bays zu töten!"
"Nun, das wäre ihm sicherlich nicht gelungen, auch wenn er mich, meinen Vater und Sohn getötet hätte."
Leyrah sah ihn erstaunt an. "Ich verstehe nicht ganz..."
Leyrah, ich habe eine wunderbare Neuigkeit: Ich habe einen Bruder, genauer gesagt: Zwillingsbruder. Er heißt Leslie. Meine Mutter Claire hatte ihn in Amerika verborgen gehalten."
"Ist das wahr? Du hast einen Bruder? Oh Lyleth! Das ist wirklich eine gute Nachricht. Ist er hier in Ägypten?"
"Oh ja. Er weilt bei uns ihm 12. Stamm und wird leider von Vater nicht fortgelassen, bis du wieder auftauchst. Unsere Mutter ist in Kairo und möchte ihn gern wieder mit nach Amerika nehmen. Aber vorerst erlaubt Ardjun es nicht. Und ich fürchte, Leslie hat schlechte Karten. Jetzt, wo du keine Söhne mehr kriegen kannst...."
"Bevor dieser Setna-Enkel nicht zur Strecke gebracht worden ist, sollte niemand wissen, dass es noch einen Bay gibt. Das hat jetzt Priorität und später, Lyleth, müssen wir mit deinem Vater reden. Ich bezweifle, dass er uns gestattet, unsere Ehe fortzuführen. Vielleicht erlaubt er mir, wenigstens in der Nähe meines Sohnes zu bleiben."
"Leyrah, du wirst meine Frau bleiben! Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe!"
Die Männer sahen sich verstohlen an. Insgeheim bedauerten sie Lyleth und Leyrah sehr, denn sie ahnten, dass Lord Ardjun Bay auf einer Trennung der beiden bestehen würde. Leyrah sagte nichts weiter dazu, sie wollte den Schmerz ihres Mannes nicht weiter vertiefen. Sie schmiegte sich eng an ihn, denn es war kalt geworden. Wie lange würden sie noch zusammen sein dürfen?

Nach gut einer Woche erreichten sie Kairo. Im Hof des Medjai-Anwesen saßen sie von ihren Pferden ab. Ein Krieger informierte sie sofort, dass Lord Ardjun Bay bereits eingetroffen sei. Lyleth und Leyrah wechselten einen vielsagenden Blick. Es blieb beiden nur ein geringe Hoffnung darauf, ihr Leben weiterhin gemeinsam bestreiten zu dürfen. Hand in Hand begaben sie sich in die große Halle, wo bereits Ardjun stehend auf sie wartete. Ihm zur Seite befanden sich mehrere Medjai-Krieger, die alle Lady Bay erwartet hatten. Wie lange hatten sie bangend nach ihr bangend! Es war wie ein Wunder gewesen, dass man sie doch noch gefunden hatte. Das Ehepaar und ihre Begleiter gingen auf die Knie, bis Ardjun sie hoch winkte. Fatima trat schüchtern mit einem der Medjai zur Seite.
"Willkommen zurück, Leyrah!", begrüßte sie Ardjun, trat einen Schritt auf sie zu und umfasste ihre Schultern. "Wir sind alle froh, dass du zurückgekehrt bist!"
"Vielen Dank, Lord Bay", erwiderte sie seinen Gruß, konnte aber nicht weiter sprechen, da sie von Lyleth unterbrochen wurde, der "Leslie" ausrief, denn er hatte soeben seinen Bruder hinter seinem Vater erblickt. Die beiden Brüder umarmten sich herzlich und Lyleth freute sich, dass Ardjun offenbar nachgegeben hatte.
"Leyrah, darf ich dir meinen Bruder Leslie vorstellen?" Er führte Leslie vor Leyrah.
"Leslie, das ist meine Frau Leyrah."
"Bei den drei Göttern, du siehst Lyleth wirklich sehr ähnlich!", staunte Leyrah und reichte Leslie die Hand zum Gruß, wie das unter US-Amerikanern ihrer Meinung nach üblich war.
"Ich freue mich sehr, dich endlich kennen zu lernen, liebe Leyrah. Lyleth hat mir so viel von dir erzählt! Geht es dir gut?"
"Danke, ich bin wohl auf, lieber Schwager. Ich bin froh, dass die Familie stetig wächst und das ganz ohne mein Zutun." Alle lachten, doch Lyleth ahnte, dass Leyrah bewusst eine Überleitung gesucht hatte, um Ardjun darüber aufzuklären, was passiert ist. Es blieb ihr nichts anderes übrig als alles zu erzählen, das wusste er. Doch bevor Leyrah beginnen konnte, brachte Ardjun das Gelächter zum Verstummen und fragte sie unvermittelt:
"Leyrah, bist du wirklich unversehrt? Oder hat man dich entehrt? Antworte aufrichtig!"
Lyleth ärgerte sich ein wenig über seinen Vater. Das war wieder so typisch seine Art. Er wusste doch, dass Leyrah immer ehrlich gewesen ist. Nie war sie dem Unangenehmen aus dem Weg gegangen. Die Befragung vor allen versammelten Medjai fand er auch unpassend und beschämend.
"Man hat mich mehrfach und grausam entehrt, Lord Bay", antwortete Leyrah und sah ihm fest ins Auge.
"Dann weißt du sicherlich, dass du als Frau von Lyleth nicht mehr in Frage kommst."
Ein Raunen ging durch den Saal. Lyleth verlieh dem allgemeinen Empfinden Ausdruck, als er entgegnete: "Vater, sie hat sich nicht freiwillig ihren Entführern hingegeben!"
Leyrah ahnte, dass eine Auseinandersetzung diesbezüglich nichts bringen würde, da Ardjun gleich einen wirklichen Grund für ihre Trennung geliefert bekommen würde.
"Meine Entführer haben mich überdies gefoltert, mein ungeborenes Kind getötet und mich unfruchtbar gemacht, Lord Bay."
Ardjun nickte zur Bestätigung seiner Androhung. Aber Leyrah sprach unbeirrt weiter:
"Es gibt aber Wichtigeres als meine Unfähigkeit, Kinder zu gebären. Mein Entführer ist der Enkel von Setna Bay und droht, alle Bays zu vernichten, bis er übrig bleibt und die Macht ergreifen kann. Seine Untergebenen, die Benaren, erkennt man an ihren roten langen Gewändern. Sie sind organisiert. Überdies hatte dieser Nachkomme von Setna Bay angenommen, er hätte damals auch meinen Sohn getötet. Er hat mich an einen Sklavenhändler verkauft, damit ich als Hure in einem Legionärslager gedemütigt mein Dasein friste. Ich hätte längst der Schande meines Lebens ein Ende bereitet und mich selbst getötet, wenn ich nicht Euch noch diese Nachrichten über den Plan des Setna-Bay-Erben hätte überbringen müssen. Dafür ertrug ich Hohn und Spott. Wenn mein Dasein unter unserem Volk Euch Unehre bringt, mein Herr, dann tötet mich oder befehlt mir, mich zu töten und ich werde nicht zögern; aber vielleicht solltet Ihr damit noch warten, bis ich Euch zum möglichen Versteck von diesen Benaren geführt habe, und ich hoffe, dass ich mich noch einigermaßen an den Weg dorthin erinnern werde."
Alle waren verstummt, zum einen wegen der Botschaft über den Enkel des Setna Bay und zum anderen wegen Leyrah. Sie starrten ehrfürchtig auf diese Frau, die so unverblümt erzählt hat, was ihr widerfahren ist und so selbstlos handelte. Sie war die geborene Gemahlin des Anführers aller Medjai! Welch ein Charisma, welch eine Ausstrahlung! Selbst in ihrer größten Demütigung strahlte sie Größe und Standhaftigkeit aus. Welch ein Narr wäre Ardjun, wenn er ihr den Tod befehlen sollte! Ardjun selbst brachte zunächst kein Wort heraus. Er war zutiefst verwirrt darüber, dass es einen Enkel von Setna Bay gab, der sie bedrohte. Lyleth sah traurig zu seiner Frau. Sie würde bereit sein zu sterben für ein Vergehen, für das sie nichts konnte. Er bangte um sie, denn er kannte seinen strengen und manchmal allzu harten Vater gut.
"Wir werden uns zu einer Besprechung zurückziehen", befahl Ardjun seinen Hauptleuten. "Leyrah, du wirst daran teilnehmen und uns alles berichten, was du weißt. Dein Schicksal ist jetzt unwichtig. Ich werde später darüber entscheiden. Lyleth, du wirst dich von Leyrah fernhalten. Sie ist immerhin eine entehrte Frau. Betrachte dich von ihr als geschieden. Und jetzt komm auch zur Besprechung."
Mit diesen eiskalten Worten schritt er die Treppe nach oben und seine Leute folgten ihm. Das Ende bildeten Leyrah und Lyleth, die nicht mehr wagten, sich anzufassen. Lyleth war den Tränen nah, doch Leyrah nickte ihm zuversichtlich zu. Bleib jetzt stark, Geliebter, bedeutete ihr Blick.

Lyleth musste sich sehr zusammenreißen, damit er sich auf die Besprechung konzentrieren konnte. Seine Gedanken wanderten immer wieder zu seiner Frau. Er wollte sich nicht von ihr trennen. Er musste seinen Vater einfach überreden. So bat er ihn nach der Besprechung, die ergeben hatte, dass sich Leyrah am nächsten Morgen mit einer Hundertschaft Krieger auf den Weg zu dem Versteck machen sollte, wo die Benaren sie gefangen gehalten hatten, um ein Gespräch unter vier Augen. Lyleth stand ihm gegenüber, ging dann auf die Knie und begann flehend:
"Vater, ich bitte dich um Leyrah! Handle barmherzig! Nimm sie mir nicht!"
"Lyleth, sei nicht unrealistisch! Du weißt genau, dass es nicht anders geht."
"Aber wir haben doch schon einen Sohn! Reiß uns nicht auseinander! Leyrah gehört zu Ardeth und beide gehören zu mir. Oh bitte nimm mir nicht meine Frau! Sie ist doch das einzige, was das Leben für mich lebenswert macht. Mein einziger Trost! Wenn du sie mir nimmst, dann weiß ich nicht mehr weiter." Er schluchzte tief.
"Leyrah ist da wesentlich vernünftiger als du. Sie weiß, was sie getan hat und welche Konsequenzen das hat. Sie kann nicht deine Frau bleiben. Du musst noch weitere Söhne zeugen. Mit Leyrah wirst du keine mehr bekommen. Daher wirst du sofort von ihr geschieden, wenn wir zurückgekehrt sind, und dann wirst du schnellstens heiraten, und dieses Mal die richtige Frau. Ich war von Anfang an gegen Leyrah."
"Was kann denn Leyrah für die Entführung? Hast du denn gar kein Mitleid mit ihr? Was muss sie alles erduldet haben! Und dann..."
Ardjun unterbrach seinen Sohn barsch: "Leyrah hat mit unzähligen anderen Männern geschlafen. Sie ist entehrt und damit ehrlos. Du kannst doch nicht wirklich wollen, dass eine ehrlose Frau Erste Dame der Medjai wird?!"
"Sie wurde gezwungen! Vater, ich kann Leyrah vergeben, und wenn ich, ihr Mann, das kann, müssen es alle anderen auch können. Und ich glaube nicht, dass die Männer im Saal sie als Hure sehen. Im Gegenteil! Sie haben ehrfürchtig zu ihr aufgesehen, weil sie so tapfer und selbstlos ist. Sie ist genau die richtige First Lady der Medjai!"
Ardjun brummelte etwas Unverständliches vor sich hin.
"Mag ja sein. Aber die Tatsache, dass sie keine Kinder mehr kriegen kann, disqualifiziert sie. Schluss jetzt, du musst dich von ihr trennen und eine andere heiraten."
"Vater, bitte nimm mir nicht Leyrah! Bitte...", flehte Lyleth den Tränen nahe. Er hatte noch ein Argument anzubringen und hatte es sich bis zum Schluss aufgehoben. Eigentlich wollte er seinem Vater damit nicht kommen, aber jetzt schien es, als würde ihm nichts anderes übrig bleiben. So sprach er weiter: "Vater, du weißt doch selbst am besten, wie es ist, wenn man von der Person, die man am meisten liebt, getrennt wird. Du kannst doch nicht wollen, dass sich alles wiederholt, was damals geschehen ist..."
Sollte das eine Drohung sein? Ardjun schaute seinen Sohn durchdringend an und erwiderte dann mit dunkler und eher leiser Stimme:
"Du willst doch nicht etwa mit Leyrah durchbrennen?"
Für einen Moment lag die Spannung spürbar im Raum.
Nein, Ardjun kannte seinen Sohn zu gut. Er würde das nicht tun. Lyleth war anders als er selbst damals, und Leyrah war noch viel vernünftiger als Lyleth. Die beiden waren geradezu ein Beispiel an Pflichtbewusstsein und Loyalität.
"Nein, Vater", antwortete Lyleth erwartungsgemäß, aber sehr betrübt, denn eigentlich hatte er sich eine andere Antwort erhofft.
"Mit Claire und mir, das war damals etwas ganz anderes. Also, es ist alles gesagt, was es zu sagen gab." Ardjun stolzierte an dem knienden Lyleth vorbei und verließ den Raum. Lyleth blieb zurück - unbeweglich, wie vor Schmerz erstarrt. Es war ihm, als sei gerade ein Teil von ihm gestorben. Sein Schmerz saß so tief, dass er es noch nicht einmal schaffte zu weinen. Er blieb einfach so knien, schockiert, geradeaus starrend.
So bemerkte er nicht, als Leslie hereinkam. Er hockte sich neben seinen Bruder und umfasste ihn zärtlich und tröstend. Lyleth barg seinen Kopf an Leslies Oberkörper und schluchzte tief. Leslie streichelte ihm übers Haar. So saßen sie eine ganze Weile am Boden, während Lyleths Weinen immer heftiger wurde und Leslie ihn einfach gewähren ließ. Als Lyleth sich langsam beruhigte und wieder aufrecht hinsetzte, meinte er tief verstört:
"Ach Leslie, ich... ich habe dich gar nicht kommen hören. Danke..."
"Gern geschehen, Lyleth. Sag mal, geht es bei euch immer so streng zu?"
"Ja..."
"Können wir nicht einfach abhauen, du, Leyrah und ich?"
Lyleth lächelte schwach. "Nein, Leslie. Das geht nicht. Wir müssen zu unserem Wort stehen, jedenfalls Leyrah und ich." Er stutzte. "Moment, warum willst du abhauen? Lässt Vater dich jetzt doch nicht gehen?"
Leslie schüttelte verneinend mit dem Kopf. "Ich soll bleiben, bis du wieder Vater geworden bist."
"Oh Leslie! Ich hatte nur meine eigenen Sorgen im Kopf, ich habe das gar nicht mitbekommen. Das ist ja schrecklich für Mutter. Weiß sie es schon?"
"Nein, sie weiß es noch nicht."
"Hast du sie denn schon gesehen, seit du hier in Kairo bist?"
"Nein, leider auch noch nicht."
Lyleth senkte traurig den Kopf, dann meinte er mit leiser Stimme: "Dann hängt es von mir ab, wann du zurückkehren darfst."
Leslie legte Lyleth eine Hand auf die Schulter und sah ihn mitfühlend an. Lyleth erwiderte den Blick und beide Brüder umarmten sich tröstend.
"Das Schicksal hat dich mir geschenkt", sprach Lyleth, "und das Schicksal hat auch gewollt, dass ich meine Frau wiederfinde, doch unser Vater erlaubt nicht, dass wir uns darüber freuen dürfen. Leslie, wenn mein Sohn einst groß sein wird, dann werde ich anders handeln als Ardjun jetzt. Und ich werde Ardeth zu einem verständnisvollen, lieben Menschen erziehen, der Großmut walten lassen wird."

Während Lyleth sich zu Leyrah begab, um den letzten Abend entgegen Ardjuns Anweisung mit ihr zu verbringen, suchte Leslie seinen Vater auf. Er fand ihn in einer Besprechung mit drei anderen Medjai und wartete, bis diese sich verabschiedet hatten. Dann bat er seinen Vater, einmal allein mit ihm sprechen zu dürfen, und sie zogen sich in den gleichen Raum zurück, in dem Ardjun zuvor Lyleth seine Bitte abgeschlagen hatte. Sie setzten sich auf die hohen Sitzpolster. Ardjun sah Leslie auffordernd, aber etwas müde an.
"Vater, ich weiß, dass dir daran gelegen ist, die Bay-Linie zu erhalten, und da auch ich zu dieser Familie gehöre, ahne ich so langsam, was das bedeutet."
Ardjun, der gerade an einer Tasse Minztee, die er sich zuvor hatte bringen lassen, genippt hatte, sah überrascht auf. Er stellte die Tasse beiseite.
"Du hast zwei Söhne, und so wie ich es verstanden habe, können wir beide dafür sorgen, dass die Familie Bay nicht aussterben wird, richtig?"
Ardjun erwiderte leicht zögernd: "Richtig." Auf was wollte Leslie hinaus?
"Nehmen wir mal an, ich würde Kinder, Söhne, kriegen, also meine Frau, nicht ich. Wäre das nicht ausreichend? Ich meine, Lyleth hätte ja auch einen Sohn, und ich würde mich auch anstrengen, mehrere Kinder in die Welt zu setzen, und dann wäre doch alles gut."
"Ja, sicher, aber..."
"Vater, ich bitte dich, lass Lyleth seine Leyrah! Sie sind doch so ein gutes Paar und haben zusammen einen Sohn! Bitte, trenne sie nicht! Lyleth leidet so darunter! Nimm ihm nicht seine Frau, die er so liebt. Und wie wird erst der kleine Ardeth darunter leiden? Denkst du gar nicht an ihn? Er ist so ein herziges Kerlchen, Vater, und er hat so oft nach seiner Mutter gefragt."
Ardjun wollte etwas erwidern, doch Leslie ließ ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern sprach in einem fort weiter:
"Schau, sie bleiben eine Familie, und ich werde eine gründen! Hier bei euch, also da im Süden. Ich werde freiwillig und gern hier bleiben, wenn du Lyleth nicht von Leyrah trennst. Was meinst du, Vater?"
Ardjun war verdattert. Leslie nutzte das aus.
"Vater, ich werde zu Mutter gehen und ihr alles erklären. Sie wird sich damit zufrieden geben, dass ich hier bleiben will, wenn ich es nur freiwillig will. Und eigentlich wollte ich ja Ägyptologie studieren. Vielleicht kann ich das ja hier tun und euch irgendwie nützlich sein. Was meinst du?"
Ardjun sah ihn verblüfft an und wusste immer noch nichts zu sagen. Also fuhr Leslie fort:
"Weißt du, es gibt da sogar ein Mädchen im Stamm, in das ich mich wohl ein wenig verliebt habe. Vielleicht erlaubst du mir ja, sie zu heiraten. Wir werden das dann sofort machen, wenn wir zurückgekehrt sind, dann bist du in einem Jahr vielleicht schon zum zweiten Mal Großvater eines Sohnes. Was meinst du?"
Langsam, aber sicher, fing sich Ardjun.
"Mein Sohn, ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber du bist kein vollwertiger Medjai, also ich meine, du bist im Westen aufgewachsen. Ich glaube, es ist besser, wenn Lyleth für den männlichen Nachwuchs in der Familie sorgen wird."
"Aber es geht doch nur um meine Kinder! Sie könnten doch vollwertige Medjai werden."
"Ja, natürlich, das sowieso, aber wir belassen es dabei. Du kannst dann, sobald Lyleth weitere Söhne gezeugt hat, nach Amerika zurückkehren, wenn du magst."
Ardjun kam sich sehr großzügig vor. Aber er musste auch streng sein können, so sprach er:
"Es ist alles gesagt, was es zu diesem Thema zu sagen gibt. Ich werde deiner Mutter meinen Entschluss mitteilen lassen. Du wirst ein paar Jahre bei uns leben müssen. Umso besser, wenn du heiratest, aber in dem Fall musst du ganz bei uns bleiben. Und jetzt geh bitte, ich habe keine Zeit für weitere Gespräche dieser Art. Meine Entscheidung ist längst gefallen, Leslie."
Leslie erhob sich zögernd und atmete tief durch. Er hatte wirklich geglaubt, seinen Vater durch sein Opfer erweichen zu können, aber der erwies sich wirklich als harter Brocken. Leslie sah ein, dass es nichts nützen würde, weiter zu insistieren. Niedergeschlagen verließ er den Raum.

Lyleth und Leyrah lagen engumschlungen nebeneinander. Es ging auf Mitternacht zu und sie hatten sich ausgiebig geliebt. Sie wussten, es würde das letzte Mal sein, bevor sie getrennt werden würden. Leyrah hielt Lyleths Hand fest umklammert. Lyleth hatte die Augen geöffnet und starrte an die Decke. Seine Gedanken wanderten zu Leslie. Er fand es ungerecht, dass Leslie ebenfalls unter Ardjuns Starrsinn leiden musste und es war ihm gar nicht wohl, seiner Mutter gegenüberzutreten und ihr Ardjuns Willen mitzuteilen. Sollte er es doch selbst machen! Warum sprach er sich nicht endlich mit Claire aus? Warum wagte er es nicht, ihr gegenüberzutreten? Er musste also selbst ein schlechtes Gewissen wegen Leslie haben. Lyleth sah zu seiner Frau herüber, die eingeschlafen war. In dieser Sache würde er nichts mehr machen können, stellte er resigniert fest, aber vielleicht konnte er doch bewirken, dass Leslie frei kommen könnte. Er müsste vielleicht nur Ardjun dazu bringen, selbst zu Claire zu gehen. Leise stand Lyleth auf. Er wollte sofort zu seinem Vater, bevor ihm am nächsten Tag wieder der Mut sinken würde. Er kleidete sich an und schlich sich aus dem Raum, Leyrah in Gedanken versprechend, so schnell wie möglich wieder bei ihr zu sein, um die letzten Stunden ihrer Gemeinsamkeit zu genießen.
Er klopfte an Ardjuns Tür. Tatsächlich war er noch auf, saß auf seinem gemütlichen Polster und las in einem sehr alten Buch. Er sah auf, und als er seinen Sohn sah, fragte er:
"Ist etwas passiert?"
"Nein... ich wollte dich nur noch einmal sprechen."
"Ach, Lyleth, falls es um Leyrah gehen sollte, das hat doch keinen Zweck. Was gibt es denn noch?"
"Es... es geht nicht um mich... es geht um Leslie..." Lyleth trat dicht zu seinem Vater und setzte sich auf das andere Polster, während Ardjun überrascht zu seinem Sohn sah.
"Ist er abgehauen?"
"Nein, ist er nicht. Ich glaube nicht, dass er einfach so weglaufen würde..."
Verdammt, dachte Lyleth, das war nicht klug, denn Ardjun war ja selbst einmal weggelaufen und es war jetzt gar nicht gut, ihn daran zu erinnern.
"Also, ich meine, dass Leslie, also, dass er nicht darunter leiden sollte, dass ich nur einen Sohn habe... also, Vater, was ich meine, ist, du solltest ihn gehen lassen. Lass ihn mit seiner Mutter ziehen. Ich verspreche dir, ich werde, sobald wir nach Hause zurückgekehrt sind, eine Frau deiner Wahl heiraten und werde mich bemühen, ganz viele Kinder zu zeugen. Nur bitte, lass Leslie gehen! Du machst nicht nur ihn unglücklich, sondern auch seine Mutter."
Ardjun sah seinen Sohn lange an und sagte nichts. Er war sehr verblüfft. Erst vor ein paar Stunden hatte Leslie hier gesessen und sich für seinen Bruder aufopfern wollen, und nun war es Lyleth, der Fürsprache für Leslie hielt. Dabei kannten sich die beiden doch noch gar nicht lange, und trotzdem traten sie selbstlos füreinander ein. Ardjun schluckte ein paar Mal und versuchte, seine Rührung zu verbergen. Er schüttelte langsam mit dem Kopf, denn er konnte kaum begreifen, wie seine Söhne reagierten. Keiner von ihnen war geflohen, hatte versucht, sich der Situation zu entziehen, keiner war ausfallend geworden und sie waren beide bereit, sich für das Glück des anderen zu opfern. Ardjun spürte, wie ein warmes Gefühl sein Herz ergriff. Mit bewegter Stimme sagte er nach einem wirklich langen Schweigen, währenddessen Lyleth ihn bange angeschaut hatte:
"Lyleth, ich bitte dich, hole deinen Bruder hierher. Und bitte auch deine Frau."
Lyleth sah ihn verwundert an. Dann erhob er sich langsam und ging zögernd zur Tür. Er konnte sich auf Ardjuns Verhalten keinen Reim machen. Als er den Raum verlassen hatte, wischte sich Ardjun verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Es dauerte nicht lange und Leslie trat ein, gefolgt ein wenig später von einer müden Leyrah und Lyleth. Stumm setzten sie sich bei Ardjun nieder. Der sah alle ernst an und wusste nicht, wie er beginnen sollte. Er nickte allen anerkennend zu.
"Ich bin sehr stolz auf euch. Ihr...", seine Stimme war immer noch sehr belegt vor Rührung, "ihr seid alle drei würdige Bays. Ihr habt euch heute vorbildlich verhalten."
Erstaunt sahen sich die drei jungen Leute an. Was war denn in Ardjun gefahren?
"Wir müssen jetzt Familienrat halten, deshalb habe ich auch hergebeten. Leslie und Lyleth haben mich heute besucht, jeder allein, und sich als Opfer für den Bruder angeboten."
Die beiden Brüder sahen sich verdutzt an.
"Und wenn ich einem nachgebe, muss ich zumindest ein Opfer annehmen. Ich habe mich für dein Opfer entschieden, Leslie, denn das scheint mir das süßeste."
Lyleth schaute seinen Bruder fragend an.
"Oja, Leslie", fuhr Ardjun fort, "ich habe mich inzwischen erkundigt, wer die Dame deines Herzens sein könnte. Und ich erhielt Antwort. Gut, Nefrar ist zwar keine standesgemäße Partie, aber ich bin heute zu Kompromissen bereit."
"Nefrar?", entfuhr es der müden Leyrah.
"Ja, Nefrar, die Tochter des Färbers", ergänzte Ardjun. "Ich werde sie dir zur Frau geben, Leslie. Darüber hinaus werden wir dir ermöglichen, hier in Kairo zu studieren. Du wirst nicht initiiert werden, sondern uns später hier wertvolle Dienste leisten. Vielleicht kannst du eines Tages eine wichtige Rolle spielen, ein Museum leiten oder so."
Leslie wuchs um 20 cm in die Höhe.
"Wäre es dir unter diesen Umständen möglich, in Ägypten zu bleiben?"
"Sehr gern, Vater", erwiderte Leslie frohgemut.
"Eure Kinder müssten natürlich ab ihrem zehnten Lebensjahr im zwölften Stamm erzogen werden, und Nefrar müsste mit allem einverstanden sein. Aber auch sie ist nicht initiiert und könnte dir den Haushalt führen, denn natürlich würdet ihr ein eigenes Haus beziehen."
Lyleth und Leyrah bekamen vor Staunen kein Wort heraus. Neben ihnen saß ein freudestrahlender Leslie, der hier bleiben würde, ganz freiwillig.
"Du wirst morgen zu deiner Mutter gehen und ihr alles mitteilen."
"Danke, Vater", Leslie war kurz davor, vor Freude zu heulen.
"Und jetzt zu euch, ihr zwei. Da Leslie mir versprochen hat, fleißig für Nachwuchs zu sorgen, schenke ich euch zwei bis drei Jahre. Wenn Leslie bis dahin einen Sohn hat, denke ich, könnt ihr auch weiterhin zusammen bleiben."
Lyleth und Leyrah schafften es nicht, auch nur irgendeine Regung zu zeigen. Sie waren einfach viel zu verwundert, denn damit hatten sie überhaupt nicht gerechnet. Leslie aber umfasste seinen Bruder herzlich.
"Keine Sorge, Lyleth, ich schaffe das mit dem Sohn schon!", krähte er fröhlich.
Lyleth blickte seinen Bruder dankbar an, dann fielen er und Leyrah sich um den Hals und drückten sich ganz fest.
Ardjun fuhr nach einer Weile fort:
"Was deine Reputation betrifft, Leyrah, so wirst du nach dem Kampf gegen die Benaren in den Isis-Tempel gehen und dich reinwaschen."
Leyrah nickte unter Tränen. Sie konnte es kaum fassen. Ardjun hatte erlaubt, dass sie und Lyleth zusammenbleiben dürften. Leslie blieb freiwillig und heiratete. Noch vor wenigen Stunden war alles so trostlos gewesen. Nun würde sie morgen wesentlich motivierter auf die Jagd nach dem Enkel von Setna Bay gehen.
"Achja", meinte Ardjun, fast so, als hätte er ihre Gedanken gelesen, "wenn du willst, dann besuche morgen erst noch deine Schwiegermutter, bevor diese nach Amerika zurückreist. Danach ist immer noch Zeit, nach Süden aufzubrechen."
Sie nickte gerührt, dann schloss sie Ardjun in ihre Arme, und sofort fielen Lyleth und Leslie in die Umarmung ein. Eine ganze Weile verhafteten die vier Bays in ihrer Umarmung und Ardjun hatte das wunderbare Gefühl, dass er eine richtige Familie hatte. Er dachte für einen Augenblick daran, wie schön es wäre, wenn jetzt auch Claire anwesend wäre, doch sie gehörte jetzt einem anderen und er konnte nicht über seinen Schatten springen und sie wiedersehen wollen. Es war eine Wunde, die in seinem Herzen brannte.

Gleich am nächsten Tag besuchten Leslie, Lyleth und Leyrah die Mansons im Hotel. Claire war überglücklich, Leslie wieder in ihre Arme schließen zu können. Das erste Mal standen beide erwachsenen Söhne vor ihr. Immer wieder schaute sie von einem zum anderen und verglich sie miteinander. Auch Mathew war verblüfft von der Ähnlichkeit der beiden, aber warf auch Leyrah heimlich Blicke zu. Er hätte nicht gedacht, dass die Leute aus seines Halbbruders Volk alle die exakt gleichen Tätowierungen im Gesicht tragen würde. Irgendwann platzte es aus ihm heraus: "Werden sie dich jetzt auch so tätowieren, Leslie?"
"Aber Mathew, wo denkst du hin?", protestierte seine Mutter sofort. "Leslie kommt doch mit uns nach Amerika."
Da kam Leslie nicht umhin, seiner Mutter reinen Wein einzuschenken. Ihre Reaktion war erwartungsgemäß: Sie wollte Leslie nicht in Ägypten zurücklassen und behauptete, dass Ardjun seinen Sohn zur Heirat zwingen würde, damit er hier bleibe. Sie regte sich sehr auf und Lyleth und Leyrah standen betreten schweigend daneben.
"Leslie, du bist noch nicht einmal volljährig", mischte sich nun auch Graham ein, "du kannst gar nicht heiraten."
"Graham hat Recht, du darfst noch gar nicht heiraten", pflichtete ihm Claire dankbar bei. "Am besten reisen wir möglichst bald ab, sonst kommt Ardjun noch auf die Idee, dich gewaltsam hier herauszuholen."
"Mutter, Graham", sprach Leslie ruhig, der in den letzten Wochen sehr erwachsen geworden war, "ich bin kein Amerikaner mehr. Ich gehöre jetzt zum Volk meines Vaters, da gilt man mit 16 als erwachsen und darf heiraten. Ich möchte hier bleiben, niemand zwingt mich."
Claire wurde ganz still. Nach einer Weile sagte sie leise und bitter:
"So habe ich auch dich an diese Beduinen verloren."
"Ich werde mit Nefrar hier in Kairo ein Haus bewohnen. Du kannst uns doch jederzeit besuchen. Ich würde mich sehr freuen. Und wir könnten euch bestimmt auch irgendwann in den USA besuchen. Ich werde meine Studien hier weiterverfolgen."
Leslie umarmte seine Mutter. "Mutter, ich bin doch nicht aus der Welt!"
Claire purzelte eine Träne auf Leslies Schulter. "Warum kannst du dann nicht einfach in den USA dein Studium beenden?"
"Weil Ardjun wünscht, dass ich zunächst hier bleibe, um einen Erben zu zeugen. Ich habe euch doch erzählt, dass das Glück von Lyleth und Leyrah davon abhängt. Das müsst ihr doch verstehen. Oder wollt ihr, dass sie sich trennen müssen?"
"Es ist sicher nicht unsere Schuld, wenn sie sich trennen müssen", meinte Graham, "sondern in allererster Linie ist dieser Ardjun selbst dran Schuld. Meiner Meinung nach setzt er euch ganz schön unter Druck. Warum muss er denn unbedingt so viele Erben haben?"
"Ach, Graham", seufzte Leslie, und Graham fiel erst jetzt auf, dass er ihn nicht mehr mit Vater anredete, "das ist schwer zu verstehen. Aber, und das ist jetzt ungelogen, Ardjun und eben auch Lyleth und ich stammen aus der am ältesten nachweisbaren Familie. Ardjun reicht der eine Enkel nicht, um den Erhalt dieser Familie gesichert zu sehen. Bitte, auch wenn ihr es nicht versteht, so akzeptiert doch wenigstens meine Entscheidung. Mutter, ich würde mich auch freuen, wenn du zu meiner Hochzeit kommen könntest."
Claire realisierte so langsam, dass ihr Sohn wirklich heiraten wollte - und zwar bald. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach Graham:
"Wann soll die Hochzeit denn stattfinden, Leslie?"
"Sobald wir zurückgereist sind und alles mit Nefrars Familie geregelt haben."
"Du heiratest in der Wüste?", hakte Claire nach.
"Ja, und später ziehen wir dann nach Kairo."
"Das würde ja mindestens noch einen Monat dauern, bis wir zurück nach Amerika reisen könnten. Nein, das können wir nicht mehr dranhängen. Ich muss wirklich dringend ins Geschäft zurück. Und, Claire, ich möchte nicht, dass du allein in die Wüste reist. Nach allem, was hier so passieren kann..."
Claire senkte traurig den Kopf. Auch sie hatte ihren Grund, der Hochzeit nicht beizuwohnen, und der hieß Ardjun. Allerdings stimmte es sie sehr traurig, nicht die Hochzeit ihres Sohnes miterleben zu können. Sie nickte nur stumm.
Mathew hatte sich schüchtern seinem fremden Halbbruder genähert und berührte vorsichtig den aus seinem Gewand herausragenden Schwertknauf. Da keiner mehr etwas zu sagen hatte, fragte er Lyleth beinahe ehrfürchtig:
"Du bist ein Krieger, nicht wahr?"
"Ja, Mathew", antwortete Lyleth und lächelte ihn leicht an.
"Deine Frau auch?"
"Mathew, sei nicht so neugierig!", tadelte ihn sein Vater.
"Nein, nein, er soll nur ruhig fragen", entgegnete Leyrah freundlich. "Es ist ja alles neu für ihn." Dann wandte sie sich an den Jungen. "Ja, ich bin auch eine Kriegerin."
"Und Leslie? Wird er auch ein Krieger?"
Claire sah Leslie mit ängstlichem Gesicht an.
"Nein, Leslie wird kein Krieger werden, Mathew", antwortete sie, "er wird auch nicht tätowiert." Leyrah wusste, dass das Claire zumindest etwas beruhigen würde. "Seine zukünftige Frau ist übrigens auch keine Kriegerin. Sie ist ein sehr nettes Mädchen."
So wurde das Gespräch auf Nefrars und Leslies zukünftiges Leben gerichtet. Claire und Graham wollten viel wissen. Es war schwer für sie, Leslie in Ägypten zu lassen. Sie glaubten immer noch, die Verantwortung für ihn zu tragen, und Claire war es nicht recht, dass Leslie sich jetzt den Medjai angehörig fühlte. Noch am gestrigen Tage hatte es geheißen, er dürfe sie nicht einmal sehen. Ardjun hatte ihn wie einen Gefangenen zurückgehalten. Sie misstraute diesem Volk zutiefst und schaffte es auch nicht, Leyrah herzlich als Schwiegertochter in die Arme zu nehmen. Zu fremd wirkte die dunkle Kriegerin auf sie. Sie verfluchte insgeheim den Tag, an dem ihr Lyleth als Kind davongelaufen war - direkt in die Arme dieses Ardeth. Sie stellte sich vor, wie sie mit ihren beiden erwachsenen Söhnen in Amerika leben würde.
Die drei blieben noch eine ganze Weile im Hotel, bis sie sich verabschiedeten. Graham hatte in Erfahrung gebracht, dass schon am nächsten Tag ein Schiff in Richtung Amerika fahren würde. Er begleitete die drei nach unten und wollte Passagen kaufen gehen. Leslie sollte seine Familie am nächsten Tag zum Schiff begleiten. Lyleth wollte Leyrah nilaufwärts begleiten, denn sie sollte ja möglichst das Versteck ihrer Peiniger wiederfinden.
Doch es kam anders. Auf dem Rückweg zum Anwesen der Medjai wurden die drei von acht Benaren überfallen. Sie hatten nur drei Leibwächter dabei, da sie selbst schon zu dritt waren und glaubten, dass das ausreichen müsste. Leyrah und Lyleth nahmen Leslie in die Mitte und kämpften gegen die Angreifer, die ihnen in einer recht finsteren Gasse aufgelauert hatten. Sie wussten natürlich sofort, um wen es sich bei ihren Angreifern handelte und machten kurzen Prozess mit ihnen. Leslie staunte erschaudernd, mit welcher Präzision sein Bruder und seine Schwägerin die Angreifer ins Jenseits beförderten. Die Benaren hatten keine Chance. Die Medjai waren viel zu gut ausgebildet. Lyleth hatte nur Sorge, dass Leslie aus Versehen einen Hieb abbekommen würde. Das erschwerte seinen Kampf ein wenig, denn er musste ihn immer in Deckung halten. Leslie sah mit Entsetzen, dass die Medjai-Krieger darauf bedacht waren, ihre Angreifer wirklich zu töten. Seiner Ansicht nach reichte es doch aus, sie kampfunfähig zu machen. Doch Leyrah hatte sich mit ihrem Mann mit einem Blick darüber verständigt, dass die Benaren sterben müssten, da sie sie vielleicht wiedererkannt haben könnten. Doch als Leyrah dem letzten, der schwertlos auf dem Boden lag, den Hals durchtrennen wollte, hielt Lyleth sie zurück.
"Den brauchen wir noch!", raunte er ihr zu, riss den am Arm Blutenden mit einem Ruck hoch, drehte ihm die Arme auf den Rücken, so dass er aufstöhnte, und fesselte ihn mit einem der roten Tücher, das ein Medjai einem Toten entrissen hatte. Sie umwickelte auch seinen blutenden Arm, denn ihnen war nicht daran gelegen, dass er verblutete. Leslie sah mit großen Augen zu. Lyleth sah ihn lächelnd an. "Alles in Ordnung?"
Leslie nickte etwas benommen. "Was... was... habt ihr mit ihm vor?"
"Er wird uns direkt zu diesem Setna-Bay-Enkel führen", erwiderte Lyleth und hielt den Benaren fest am Arm gepackt. Dann stieß er ihn an, damit er sich vorwärts bewegte. Leyrah folgte Lyleth und zwar so, dass die Leute auf der Straße nicht gleich sehen konnten, dass sie einen Gefesselten mit sich führten. Zwei ihrer Leibwächter waren verletzt worden, sie hatten sich notdürftig verbunden und bildeten die Nachhut, während der dritte vorneweg schritt.
Ein alter Mann hatte den Überfall mitbekommen, doch hatte sich gleich bei den ersten Schwertstreichen in Sicherheit gebracht. Somit hatten sie keine Zeugen. Die Toten ließen sie einfach liegen. Sollte, wer wollte, daraus schlau werden. Leslie warf noch einen unsicheren Blick zurück auf die sieben Toten. Er war sehr erschrocken, aber froh, dass weder ihm noch Lyleth oder Leyrah etwas geschehen war.

Als sie ihren Gefangenen in die große Halle des Medjai-Anwesen führten, versammelten sich schnell alle anwesenden Krieger. Neugierig betrachteten sie den Gefesselten und schienen Lyleth und Leyrah mit Blicken fragen zu wollen, was es mit ihm auf sich hatte. Natürlich waren sie inzwischen alle darüber informiert, dass es sich bei diesen in rot gekleideten Männern um Benaren und ihre Feinde handelte und sie hatten die Augen aufgehalten, ob sie so jemanden in Kairo zu sehen bekommen würden. Doch bislang war es ihnen nicht gelungen. Ein Medjai hatte eilig Ardjun herbeigeholt, der den Benaren mit eisigen Blicken maß, aber sich auch kurz vergewissert hatte, dass seinen Kindern nichts zugestoßen war. Lyleth schilderte kurz, was geschehen war. Dann geschah etwas, das Leslie nicht erwartet hatte, aber die sichtbare Anerkennung aller fand. Ardjun wandte sich nicht etwa an den Gefesselten, sondern an seine Schwiegertochter: "Leyrah, er gehört dir!"
Sie nickte ihm kurz zu, dann stellte sie sich vor den Benaren hin. Ihre Haltung verriet, dass sie kein Pardon gewähren würde. Der Benare schaute zu Boden, er hatte vermutlich mit dem Leben abgeschlossen.
"Hör mir genau zu", begann Leyrah mit rauer Stimme, "wenn du uns sagst, was wir von dir wissen wollen, dann werden wir dich frei lassen, vorausgesetzt, deine Angaben stimmen. Hast du das verstanden?"
Der Benare hatte irritiert aufgeschaut, doch erwiderte nichts.
"Gut, ich sehe, du hast es kapiert. Falls du nicht an deiner Freiheit interessiert sein solltest, kannst du dir selbst ausmalen, was mit dir geschehen wird.."
Leyrah machte eine kurze Pause und keiner der Anwesenden wagte, auch nur etwas zu flüstern. Alle schauten gebannt auf Leyrah und den Benaren.
"Ich will wissen, wo sich dein Herr aufhält, jener, welcher sich der Enkel von Setna Bay nennt! Also, wo ist er zurzeit?"
Der Benare antwortete nicht, sondern sah stumm an ihr vorbei. Leyrah wartete vielleicht zwei Minuten, dann winkte sie zwei Krieger heran.
"Bringt ihn nach unten, wir werden seine Zunge lösen!"
Sie führten ihn aus dem Saal, Leyrah schritt hinterher. Leslie sah mit geweiteten Augen hinterher und wandte sich an Lyleth:
"Werden sie ihn foltern?"
Lyleth nickte kurz, aber als er sah, dass Leslie sehr erschrocken war, fügte er hinzu:
"Es geht leider nicht anders, Leslie. Wir müssen diesen Mann unbedingt zu fassen kriegen, ansonsten müssen wir befürchten, dass er uns alle umbringen wird, auch dich." Er legte ihm eine Hand tröstend auf die Schulter. "Bleib du hier!" Lyleth folgte seiner Frau. Ardjun blieb in der Halle, winkte Leslie zu sich heran und ließ ihn von ihrem Besuch bei Claire berichten, währenddessen sich Leyrah und die Krieger im Keller alle Mühe gaben, ihrem Gefangenen die Geheimnisse zu entlocken. Lyleth staunte selbst, wie kaltblütig Leyrah der Folter beiwohnte. Der Benare konnte noch so laut schreien, sie zuckte nicht einmal mit den Wimpern. Sie musste wirklich viel Schreckliches am eigenen Leib erlebt haben, dachte Lyleth traurig. Schließlich gestand der Benare, wo sich sein Herr befand, und fast jubelnd überbrachten Leyrah und Lyleth Ardjun die Nachricht, dass er sich in Kairo befand, in einem alten Anwesen am Stadtrand verborgen, wo sich einmal eine Tonwerkstatt befunden hatte. Sie beschlossen, ihn noch heute Nacht zu überraschen. Leyrah sollte sich eine Truppe zusammenstellen. Ardjun wies Lyleth an, hierzubleiben, da er nicht riskieren wollte, dass sein Sohn zu Tode kam. Er überließ es Leyrah, den Bay-Enkel zur Strecke zu bringen, da er wusste, dass sie mit ihm eine Rechnung offen hatte und es ihr selbst und auch ihrem Ansehen gut tun würde, wenn sie ihn selbst töten würde. Leyrah nahm seinen Auftrag dankbar an und bereitete alles sorgfältig vor, bevor sie sich für ein paar Stunden aufs Ohr legte, um ausgeruht in jene Nacht der Vergeltung zu gehen.

Es war eine Stunde nach Mitternacht, als sie sich von Lyleth verabschiedete, der ihr Erfolg wünschte. Sie führte zwei Dutzend bis unter die Zähne bewaffneten Krieger mit sich. Der Ritt zur Tonwerkstatt dauerte über zwei Stunden, da sie sehr vorsichtig sein mussten, um nicht zu früh entdeckt zu werden. Eine Straße vor ihrem Ziel ließen sie die Pferde zurück. Nur ein Medjai passte auf die Tiere auf, während die anderen sich beinahe auf Zehenspitzen ihrem Ziel näherte - und zwar von zwei Seiten. Zwei Medjai-Krieger näherten sich leise den beiden Wachposten, die schläfrig auf ihren Schemeln vor dem Eingangstor saßen. Es war ein Leichtes, ihnen eins über den Kopf zu ziehen, so dass sie lautlos zu Boden sanken. Schnell waren die anderen Krieger, angeführt von Leyrah, da, und sie drangen sehr vorsichtig in den Vorhof ein. Hier befand sich niemand weit und breit. Vermutlich schliefen alle anderen. Es sah so aus, als hätten sie noch nichts über den Verbleib ihrer acht Kameraden gehört, stellte Leyrah erleichtert fest. Aus der Halle, die direkt vor ihnen lag, schimmerte der Schein von mehreren Fackeln. Vorsichtig traten vier Medjai ein und winkten den anderen, dass die Luft rein sei. Auch hier hielt sich niemand auf. Leyrah wies ihre Krieger an, sich zu verteilen. Immer zwei sollten in einem der Räume nachschauen. Sie selbst schlich sich mit der Hälfte der Krieger die Treppe hinauf und ließ sie dort in der ersten Etage auch in jedem Raum nachschauen. Es dauerte nicht lange, und man hörte von überall her dumpfen Lärm. Leyrah hatte ihren Kriegern ausdrücklich befohlen, die Benaren zu erschlagen und niemanden zu schonen, da diese für die Aufgabe der Medjai eine Bedrohung darstellten. Es war nicht schwer, schlafende Männer zu töten. Einige waren aber von dem Lärm wach geworden und lieferten den Angreifern Widerstand. So waren bald auf beiden Etagen kleinere Scharmützel im Gang. Leyrah stand in der Mitte auf dem Treppenabsatz oben und behielt alles im Auge. Es durfte niemand entkommen. Sie hatte vier ihrer Krieger angewiesen, beim Eingangstor aufzupassen und jeden Entkommenden niederzuschießen. Ebenso hatte sie zwei Kriegern den Auftrag erteilt, das Gelände nach weiteren Ausgängen zu erkunden, aber bei diesen Anlagen gab es meist nur das große Eingangstor. Der Rest war von einer hohen Mauer geschützt. Eine ideale Anlage für Unruhestifter! Hier konnten sie verborgen ihren Plänen nachgehen. Auf einmal dröhnte eine Leyrah nur allzu gut bekannte Stimme über den oberen Flur:
"Leyrah! Sieh an, die Hure lebt!"
Leyrah sah ihn zu ihrer Linken. Er hatte einen Medjai mit seinem Schwert niedergestreckt, der nun am Boden lag und sich die Brust hielt. Festen Schrittes kam er auf Leyrah zu. Sie sah ihn eiskalten Blickes an, aber in ihr kochte es. Sie befahl sich selbst, jetzt ihre Emotionen im Zaum zu halten und sich nicht von ihm reizen zu lassen. Das war absolut nötig, wollte sie den Kampf gegen ihn gewinnen. Tatsächlich war es im Haus eher still geworden. Die Medjai hatten ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt. Keiner der Benaren lebte noch. Diejenigen, die Widerstand geleistet hatten, waren auf eine Mehrzahl an Gegnern gestoßen und chancenlos gefallen. Nun starrten die Medjai, die ihre blutigen Schwerter gesenkt hatten, zu Leyrah und dem Setna-Enkel. Sie wussten, sie durften ihrer Herrin jetzt nicht zu Hilfe eilen.
"So, dir habe ich das hier also zu verdanken, du Flittchen!" Er war wütend. Der Kampf würde nicht einfach werden, aber er würde in dieser Verfassung Fehler machen.
"Komm her, ich werde zeigen, wo's langgeht, wie schon einmal!" Er machte eine obszöne Bewegung, doch Leyrah ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
"Ich nehme den Kampf an, du Bastard", erwiderte sie und wusste, dass sie mit dieser Bezeichnung einen Nerv getroffen hatte. "Doch lass uns nicht mit Worten streiten!"
"Ich kämpfe nicht mit Weibern, die gehören ins Bett, um ihnen dort das Schwert in die Scheide zu stoßen!", erwiderte er arrogant.
"Deine Ansichten sind mir egal. Entweder du wehrst dich jetzt oder ich schlage dir wehrlos den Kopf ab, so wie du es verdient hast!" Damit stürmte sie auf den überraschten Setna-Enkel zu, dem nichts anderes übrig blieb, als sein Schwert zur Deckung hochzureißen. Wütend prallten ihre Schwerter aufeinander, so dass die Funken stieben. Ein Streich folgte jetzt dem anderen, hart und schnell, dabei umtanzten sie sich, wichen aus, schlugen zu und waren beide erbarmungslos. Jeder Schlag zielte darauf, den Gegner zu töten. Es war ein erbitterter Kampf um Leben und Tod. Die Medjai hielten die Luft an. Sie bewunderten ihre Herrin, die schonungslos auf den Gegner einschlug und keinen Zentimeter wich, eine Kriegerin par excellence. Ihre Haare flatterten wild um ihren Kopf, sie führte ihr langes, gebogenes Medjai-Schwert beidhändig und schien keine Probleme damit zu haben, dass ihr Feind ihr kräftemäßig überlegen war. Sie wehrte seine harten Schläge gekonnt ab. Beide hatten sich gegenseitig Blessuren beigebracht und bluteten bereits. Als der Enkel einen Schlag in Richtung von Leyrahs Körpermitte ansetzte, wich sie zurück und musste eine Stufe die Treppe hinabtreten. Er drängte sie in Folge hinunter und lächelte dabei höhnisch.
"Na, weichen wir?", keuchte er hämisch.
Unten angekommen führten sie ihren wilden Tanz fort. Beide waren außer Atem und bereits ermüdet. Doch keiner gab nach, sondern erwiderte die Schwertstreiche mit der gleichen Wucht. Er drängte Leyrah an die Wand zurück, was sie rechtzeitig bemerkte. Verdammt, sie hatte keine Chance auszuweichen, wenn er sie dort haben würde. Da kam ihr eine Idee und sie tat so, als würde es ihm gelingen, sie an die Wand zu drücken. Als sie fast mit dem Rücken anstieß, holte er aus und wollte das Schwert sausend auf ihren Kopf krachen lassen, so dass er ihn selbst dann spalten würde, wenn sie sich nach unten duckte. Doch Leyrah hatte nur darauf gewartet und wand sich flink zur Seite weg, sodass sein Schlag die Holzwand zum Splittern brachte und das Schwert für einen Moment dort stecken blieb. Diesen Moment nutzte sie aus, indem sie ihm von hinten den Körper durchbohrte. Auch ihre Schwertspitze fuhr dabei in das bereits geborstene Holz. Sie ließ das Schwert für einen Moment so stecken, doch hielt den Griff fest und ließ ihr Opfer nicht aus den Augen. Immerhin hielt der Setna-Enkel noch sein eigenes Schwert, doch bevor er es in seiner Todesagonie noch gegen sie führen konnte, zog sie ihr Schwert mit einem harten Ruck aus ihm rückwärts heraus. Er schrie laut auf und wirbelte herum, ging sofort in die Knie und hielt sich dabei den Bauch. Sein Schwert war ihm aus den Händen geglitten. Leyrah stand über ihm, keuchte, aber sah triumphierend zu ihm herunter.
"So stirb, du Verräter!", sprach sie, holte mit ihrem Schwert seitlich aus und durchtrennte ihm mit einem sauberen Ruck den Hals. Sein Kopf rollte am Boden entlang. Leyrah stand noch eine ganze Zeit lang so, das Schwert vor ihrem Körper mit beiden Händen umklammert, sodass die Handknöchel weiß hervortraten, ihre Lippen bebten, sie keuchte vor Erschöpfung und sah auf den leblosen Körper zu ihren Füßen. Zwanzig Medjai-Krieger um sie herum schrieen wie aus einer Kehle laut auf, und es war ein Siegesschrei. Sie hatten ihre Feinde überwunden. Langsam ließ bei Leyrah die Anspannung nach und sie trat einen Schritt zurück. Sie senkte ihr Schwert endlich und konnte nachvollziehen, was sie soeben getan hatte. Schon trat ein Krieger zu ihr und hielt ihr einen geöffneten Sack hin. Sie ergriff den Kopf an seinen Haaren und ließ ihn in den Sack gleiten.
"Bleiben Sie mit zehn Kriegern hier, nehmen Sie Stellung am Tor ein und erledigen Sie jeden Benaren, der hier binnen zwei Tagen auftaucht! Danach brennen Sie diese Werkstatt nieder!", befahl sie dem Hauptmann, der sie begleitet hatte. Sie ließ die Pferde holen und ritt zurück zum Anwesen der Medjai, wo Lyleth in der großen Halle bang auf seine Frau gewartet hatte. Auch Ardjun war wach geblieben und saß neben seinem Sohn. Beide sprangen auf, als Leyrah zur Tür hereinkam. Wie sah sie aus! Ihr Gewand war teilweise zerfetzt, sie blutete, ihr Haar war zerzaust, aber sie lebte. Lyleth konnte seine Erleichterung nicht verbergen.
"Leyrah!", rief er freudig. Dann fiel sein Blick auf den Sack in ihrer Hand. Sie zögerte keinen Augenblick, sondern entleerte diesen vor Ardjun und Lyleth, sodass der Kopf herausrollte. Dann ging sie vor Ardjun auf die Knie.
"Mylord, wir haben die Benaren besiegt. Ich bringe Euch den Kopf des Setna-Bay-Erben."
Ardjuns Blick fiel kurz auf den Kopf seines Verwandten. Eine Last war von ihm gewichen. Er trat auf die immer noch ihm zu Füßen liegenden Leyrah zu, legte ihr eine Hand auf ihren Kopf und sprach feierlich:
"Deine Vergeltung ist dir geglückt, Tochter, und du hast deine Schande selbst bereinigt."
Er half ihr hoch und schloss sie in die Arme. Er war sichtbar stolz auf seine Schwiegertochter. Lyleth führte Leyrah in ihr Schlafgemach und versorgte ihre Wunden. Sie sollte noch zwei Tage ruhen, bevor man zurück zum 12. Stamm reiten würde. So verschlief sie fast den ganzen folgenden Tag, während Leslie und Lyleth die Familie Manson zum Überseekai begleiteten und ein rührender Abschied von ihrer Mutter erfolgte. Sie hatte ihren Mann Graham dazu bewogen, für Leslie ein Bankkonto einzurichten, sodass er nötigenfalls auf das Geld zurückgreifen konnte, falls er aus Ägypten entfliehen wollte, wie sie formulierte.
"Und da ich dich als meinen Sohn betrachte", sprach sie leicht vorwurfsvoll, "habe ich das Konto auf den Namen Leslie Manson anlegen lassen, hörst du! Hier hast du die nötigen Papiere, die du brauchst, solltest du Geld brauchen. Das ist alles, was ich für dich noch tun kann!"
"Ach Mutter, ich wünschte, du könntest zu meiner Hochzeit bleiben!"
"Du weißt, dass das nicht geht! Ich werde dich später mal hier in Kairo besuchen."
Sie hatte Tränen in den Augen, als sie ihren Sohn drückte.
"Pass gut auf deinen Bruder auf, Lyleth, ja?"
Sie nahm seinen Kopf in ihre Hände und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
"Sei auch du gesegnet, mein Sohn!"
Lyleth schüttelte Graham und Mathew zum Abschied herzlich die Hände. Graham war sichtlich froh, endlich nach Amerika zurückzureisen, und Mathew bedauerte, dass sein Vater sich nicht dazu hatte bewegen lassen, zu Leslies Hochzeit zu reisen, denn das hätte einen interessanten Ausflug in die Wüste mit sich gebracht. Leslie und Lyleth erwiderten ihr Winken, als die Abreisenden an der Reeling standen und den beiden Brüdern zuwinkten.
"Sie hat nicht einmal während der ganzen Zeit hier in Kairo Ardjun sehen wollen", raunte Leslie seinem Bruder zu. "Ist doch merkwürdig, oder?"
"Es sind wohl zu tiefe Wunden geschlagen worden", erwiderte Lyleth. "Und dann ist da ja auch noch dein Stiefvater. Wer weiß, wie er reagiert hätte."
"Ich hoffe, dass sie sich eines Tages aussprechen werden", konstatierte Leslie und lächelte seiner Mutter zu.
Als das Schiff ablegte und langsam ihrer Sicht entschwand, war Leslie zumute, als nähme dort seine Kindheit von ihm Abschied.

Am folgenden Tag brach eine große Abordnung Medjai auf. Da sie dieses Mal so viele Personen waren, nahmen sie eines der Schiffe, die nilaufwärts fuhren. Das war auch für die erschöpfte Leyrah besser.
Der gefangene Benare wurde weiter verhört nach möglichen Aufenthaltsorten, die er freiwillig preisgab. Die meisten befanden sich im Norden. Ardjun wollte weitere Krieger nach Kairo schicken, die sich darum kümmern sollten. So blieb der Gefangene noch ein halbes Jahr in der Obhut der Medjai, bevor er frei gelassen wurde. Es erfolgten keine weiteren Angriffe der Benaren. So wiegte man sich wieder in Sicherheit, zumal das Verhör auch ergeben hatte, dass der Setna-Enkel niemals einen Sohn oder eine Ehefrau dabei gehabt hatte.

Leslie, Lyleth und Leyrah genossen die Nilfahrt. Nach all den Strapazen war es wie eine Erholungsreise. Leslie bemerkte, dass Lyleth, Leyrah und all die anderen Medjai stets streng verschleiert waren, sobald sie sich der Öffentlichkeit zeigten. Das brachte ihnen ein, dass alle Mitreisenden Distanz hielten. Im Kontrast dazu stand für die Passagiere das Gelächter, das die Brüder und Leyrah veranstalten, sobald sie zu dritt waren.
"Warum zeigt ihr nie eure Gesichter?", erkundigte sich schließlich Leslie. "Die Leute halten euch für eine Art Tuareg und haben mächtig Angst, dass ihr die Schwerter zückt und sie überfallt."
"Die Tuareg sind Beduinen wie wir. Und es ist gut, wenn uns die Leute für ganz normale Beduinen halten. Sie sollen nicht unsere Zeichen sehen. Leslie, es gibt immerhin offiziell seit mehr als zweitausend Jahren keine Medjai mehr", sagte Lyleth mehr flüsternd als sprechend.
"Die Tuareg tragen auch Tätowierungen", erwiderte er.
"Aber keine Hieroglyphen", meinte Leyrah.
"Wir sind so eine Art Geheimorden", ergänzte Lyleth. "Je weniger man über uns weiß, desto besser ist es. Früher waren wir sowieso kaum in Kairo. Ganz selten, dass wir mal in andere Orte zu anderen Menschen kamen. Aber seit die Franzosen nach Ägypten gekommen sind, hat sich alles verändert und wir mussten auf ihre Plünderungen reagieren. Vor mehr als hundert Jahren haben wir uns entschlossen, einige Medjai untätowiert zu lassen und in Orten wie Kairo, Theben und Alexandria zu stationieren. Gut, auch früher haben schon einige Medjai am Nil gesiedelt und sie sind es, die uns jetzt mit Getreide versorgen. Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns verändern mussten."
"Ja", meinte Leyrah, "und wenn wir zu Hause bist, kannst du dir alle Geschichten am Lagerfeuer anhören. Das sind wirklich schöne Abende bei uns!"
Leslie war wirklich gespannt auf sein neues Leben. Aber er war auch erleichtert, dass er bald in Kairo leben durfte, ein eigenes Haus haben würde - und untätowiert bleiben durfte. Er bedauerte allerdings, dass er dann seinen Bruder nicht mehr so oft sehen könnte. Aber er hatte inzwischen den Kurator des Museums, der ihn damals erkannt hatte, näher kennen gelernt und war froh, mit ihm nach Vollendung seiner Studien zusammen arbeiten zu können. Er wollte auch Kontakt zur Universität in New York halten und schriftliche Arbeiten einsenden. Er hatte sich bereits per Telegramm mit seinem Professor darüber verständigt und seine Mutter überbrachte gerade einen ausführlichen Brief Leslies nach Amerika. Leslie war froh darüber, wie die Dinge sich entwickelt hatten. Alles in allem hatte er mehr erhalten, als er jemals zu hoffen gewagt hatte. Noch vor einem Jahr hatte er bangen müssen, in der Fabrik seines Stiefvaters vergehen zu müssen.

Zurück im 12. Stamm gab es ein großes Wiedersehen. Die unerbittliche Kriegerin Leyrah wandelte sich zur besorgten Mutter und vergaß Tränen, als sie ihren Sohn Ardeth im Arm hielt. Lange Zeit hatte sie nicht gehofft, ihn je wiederzusehen. Lyleth schloss beide in seine Arme. Die Menschen waren froh, dass Leyrah wieder da war, denn sie verehrten sie sehr. Als sie hörten, wie heldenhaft sie ihren Peiniger zur Strecke gebracht hatte, benahmen sie sich noch viel ehrfürchtiger vor ihr als zuvor. So ging Leyrah automatisch wie vor ihrer Abreise ihren Pflichten als First Lady nach und wurde als solche unangefochten respektiert. Doch sie sollte eine Genossin an ihre Seite bekommen, wenn auch nicht für lange Zeit. Die Verhandlungen mit dem Färber gestalteten sich aber sehr hartnäckig für Ardjun. Standesunterschiede spielten eine große Rolle in der Medjai-Gesellschaft. Nefrars Vater wollte natürlich nicht einwilligen, da er seine Tochter nicht als würdige Partie ansah. Auch hatte er Angst, er könne damit der Familie Bay schaden, und es gab außer ihren Aufgaben nichts, was den Medjai so sehr am Herzen lag, wie das Wohl ihres Bay-Clans, der als heilig galt. Folglich schauderte der Färber auch nur bei der Vorstellung, dass seine Familie in die der Bays einheiraten würde. Ardjun musste schließlich mit Engelszungen auf ihn einsprechen und ihn fast anflehen. Einzig das Argument, dass nur eine Heirat mit Nefrar seinen Sohn zum Bleiben bewegen würde und seiner Pflicht nachzukommen, Bay-Söhne zu zeugen, bewog den armen Färber, seine Tochter herzugeben. Er schärfte ihr allerdings nächtelang ein, wie sie sich zu benehmen hätte und in allem ungefragt Ardjun, Lyleth, Leyrah und auch Leslie gehorchen müsste. Nefrar selbst war ein wenig mulmig bei der Vorstellung, doch als Leyrah zu ihr kam und sich lange mit ihr darüber unterhielt, wie ihre Zukunft werden würde, war sie etwas beruhigt. Sie hatte einerseits etwas Angst vor der großen Stadt Kairo, aber andererseits konnte sie dort fast unabhängig mit Leslie, den sie liebte, leben. Sie wäre damit dem strengen Protokoll hier im Ort entflohen, das ihr als Schwiegertochter von Ardjun Bay drohte. Sie versprach ihrem künftigen Schwiegervater untertänigst, sich zu bemühen, vielen Enkelkindern das Leben zu schenken, und er musste ihr eigenständig aufhelfen, weil sie es nicht wagte, sich zu erheben.
Am Tage ihrer Hochzeit, die sehr groß gefeiert wurde, trat Leyrah noch einmal vor der Trauzeremonie zu ihr und gab ihr Ratschläge.
"Nefrar, du wirst mit dem heutigen Tag eine Bay werden. Ich weiß, dass du etwas Angst davor hast. Aber das solltest du nicht. Du solltest sehr, sehr stolz sein. Viele Mädchen träumen davon. Du darfst dich deshalb heute nicht ängstlich oder zu eingeschüchtert zeigen. Im Gegenteil, du musst den Leuten zeigen, wie stolz du darauf bist. Dann wirst du von ganz allein eine würdige Braut werden. Verstehst du mich?"
Nefrar nickte zaghaft und neigte ständig den Kopf vor der großen Kriegerin Leyrah. Diese hob mit der Hand ihren Kopf an.
"So musst du deinen Kopf halten. Oben, Nefrar! Ich werde deine Schwägerin sein, nicht deine Herrin. Wenn nachher die Töchter der Stammesfürsten dich als Braut von Leslie Bay begrüßen werden, darfst du auf keinen Fall verschämt den Kopf senken."
"Ich weiß", murmelte Nefrar immer noch eingeschüchtert. Leyrah war leicht verzweifelt.
"Du liebst doch Leslie, nicht wahr?"
"Ja, aus ganzem Herzen!", erwiderte Nefrar, und dieses Mal erhob sie automatisch den Kopf.
"Na, dann zeige es! Wenn du ihn wirklich liebst, musst du ihm heute helfen und ihm zur Seite stehen. Weißt du, für ihn ist es doch auch nicht leicht. Er ist hier nicht aufgewachsen und auch er hat Angst, dass sie ihn nicht akzeptieren, dass sie auf ihn herabsehen, weil sie denken könnten, er wäre kein vollwertiger Bay-Sohn. Wenn du auch noch schüchtern den Kopf senkst, dann werdet ihr ein erbärmliches Paar abgeben, glaube mir! Du hast gegenüber Leslie den Vorteil, dass du hier aufgewachsen bist und dich mit allem hier auskennst. Also, helf ihm nachher!"
"Aber Leyrah, Ihr seid eine Kriegerin, ich nicht..."
Ach du meine Güte, dachte Leyrah, als Nefrar sie so respektvoll anredete. Gut, sie musste es erwidern, wenn sie ihr irgendwie begreiflich machen konnte, wie ihr neuer Status fortan sein würde.
"Ja, Nefrar, ich bin eine Kriegerin, aber das macht mich nicht zu einer besseren Bay-Schwiegertochter als Euch! Ich habe nur einen Sohn, Ihr könnt mich übertreffen, indem Ihr unserem Herrn Lord Ardjun Bay mehrere Enkel schenkt."
Nefrar starrte Leyrah irritiert an. "Warum sprecht Ihr mich so an, Leyrah?"
"Weil Ihr mir gleich gestellt seid, Lady Nefrar Bay!"
Sie sagte es so verbissen, und Nefrars Ausdruck war so voller Ensetzen, dass beide zunächst eine Weile schwiegen und dann herzlich lachen mussten. Das Eis war gebrochen.
"Du?", fragte Leyrah und reichte ihr die Hand.
"Einverstanden: du!" Nefrar ergriff ihre Hand und schüttelte sie dankbar. "Helft Ihr... äh... hilfst du mir, Leyrah?"
"Ja, ich werde dir zur Seite stehen, wenn ich kann, das heißt, wenn ich hier sein werde, nein, andersherum, wenn du hier sein wirst."
Wieder mussten sie lachen.
"Also, denke daran, sei stolz darauf, dass du eine Bay wirst! Du bist heute die Königin!" Nefrar nickte und ihr Ausdruck war schon sehr viel selbstbewusster als noch vor einer Viertelstunde.

Während Leyrah so versuchte, ihrer Schwägerin mehr Selbstbewusstsein einzureden, leistete Lyleth seinem Bruder Gesellschaft. Sie befanden sich in Leslies Zelt und Lyleth hatte Leslie genau so instruiert wie seine Frau es bei Nefrar getan hatte. Leslie war allerdings etwas abgeklärter. Er dachte sich, dass alles bald vorbei sein würde und dann hätte er seine Nefrar ganz für sich allein.
Die langen bunten Bommel, die wie ein Tuch den Zelteingang verhüllten, wurden auseinandergeschoben und zwei Jungen brachten ein Gewand. Lyleth nahm es entgegen und zeigte es Leslie, der es stirnerunzelnd begutachtete. Es war ein typisches Hochzeitsgewand, wie es von den traditionellen Medjai-Männern getragen wurde: ein weißer Schurz, der mit Goldrändern versehen war. Dazu kamen allerlei Schmuckstücke, die Lyleth soeben auf Leslies Bett ordentlich ausbreitete.
"Habt ihr hier eigentlich auch einen Fotographen?", fragte Leslie trocken und etwas amüsiert.
Lyleth sah erstaunt auf. "Nein. Wieso?"
"Schade. Ich hätte sonst Marina ein Foto von mir in dem Dings da geschickt."
"Marina?"
"Die Schwester eines alten Schulfreundes. Sie hat mir mal anlässlich eines Kostümballs so ein Dings da geschneidert und unserer Mutter sind die Augen fast ausgefallen, als ich als ägyptischer Pharao erschienen bin." Leslie lachte in Erinnerung an das Ereignis und dachte lieber nicht an den Ausgang des damaligen Kostümballes, der alles andere als angenehm für ihn gewesen war.
"Würdest du das Dings da jetzt bitte anziehen, damit du endlich heiraten kannst?"
"Nur, wenn ich nicht der einzige sein werde, der so ein Dings trägt."
"Wirst du nicht. Keine Sorge. Ich werde mich auch noch umziehen."
Leslie hielt sich die Hand vor den Mund, damit er nicht allzu laut auflachen würde. Lyleth sah ihn etwas genervt an. Es dauerte eine Weile, bis Leslie wieder sprechen konnte und unter Juchzen meinte er: "Ah so, Kontrastprogramm, verstehe! Ja, also, ehrlich, Lyleth, das ewige Schwarz würde mir auch stark ans Gemüt gehen."
"Ist ja schön für dich, dass du dich heute so amüsierst."
Leslie hatte einen regelrechten Lachanfall. Währenddessen legte Lyleth ihm den Schurz an, und schlagartig hörte Leslie auf zu gackern.
"Ich fühle mich jetzt echt nackt", war sein Kommentar.
"Wart's ab!", meinte Lyleth und legte ihm die Arm- und Beinschienen aus Gold an, reichte ihm die Sandalen mit den Worten "Geh aber nur auf den ausgetretenen Wegen, sonst hast du den ganzen Sand in den Dingern" und legte ihm die breite mehrreihige Halskette um, die viel von seiner Brust verdeckte. Er holte die Kopfbedeckung, die der nicht unähnlich war, die Leslie damals auf dem Fest getragen hatte, und Leslie wehrte sich:
"Nein, nicht das!"
Doch Lyleth ließ ihm keine Wahl und setzte ihm die Kopfbedeckung auf. "Weißt du eigentlich, wie alt das alles ist? Also sei sorgrsam damit!"
"Ich fühle mich jetzt echt albern", beschwerte sich Leslie. "Ist mir das peinlich."
"Du bist ja auch der Bräutigam, der kommt sich manchmal schon komisch vor. Apropos, weißt du, was du heute Nacht zu tun hast?"
Leslie wurde leicht rot. "Natürlich."
"Gut, davon hängt nämlich mein Glück ab. Also streng dich bitte an!"
Er klapste ihn auf den Rücken und schickte sich an, das Zelt zu verlassen.
"Ich muss mich jetzt auch umziehen. Du wirst hier abgeholt. Also warte hier!"

Tatsächlich waren die Stammesfürsten sämtlich angereist. Sie wollten den neuen Sohn von Ardjun Bay kennen lernen und auch gleich seine Hochzeit feiern. Zwar hatten sich schon einige Hoffnungen gemacht, ihre Tochter mit Leslie zu verheiraten, aber da Leslie vor seinem Auftauchen auch keine Option gewesen war, waren sie schnell besänftigt. Es war auch ungewöhnlich, dass er in Kairo leben würde, aber sie verstanden es, da er aus einer völlig fremden Welt kam. Sie betrachteten Leslie mehr als Vater für künftige Bay-Erben, denn sie hatten vernommen, was mit Leyrah geschehen war. Leyrahs Leiden und ihr Richten des Setna-Bay-Enkels hatte alle tief beeindruckt und sie war mehr denn je in ihrer Achtung gestiegen. Souverän begrüßte sie alle Gäste und bewegte sich geradezu grazil in ihrem weißen enganliegendem Gewand, das nur von einem Gürtel gehalten wurde. Sie trug ebenso wie Nefrar einen schmalen Goldreif oberhalb der Stirn. Beide waren stark geschminkt und trugen zahlreiche Goldspangen am Körper. Es wurde ein rauschendes Fest und mit großem Gefolge wurden Braut und Bräutigam ins Brautzelt geführt. Leslie war doppelt froh, dass er endlich seinen Schurz ablegen konnte.
Sie zogen bald nach der Hochzeit nach Kairo um. Ihr Haus, mehr eine Villa, lag im Gegensatz zum Medjai-Anwesen eher zentral in der Nähe des Museums, und es war bereits fertig eingerichtet, aber Nefrar veränderte noch einiges. Fatima, die in dem Medjai-Anwesen in Memphis bislang der Haushälterin zur Hand gegangen war, zog auch in das Haus und bediente das junge Paar ebenso wie andere Medjai-Mädchen und -Jungen, die aus dem Süden mitgereist waren. Es war eine Ehre, bei den Bays in Diensten zu sein. So sah sich Nefrar bald als Herrin über eine Vielzahl an Dienstboten und war damit sehr beschäftigt. Leslie studierte eifrig und war selig, sich in Bücher vertiefen sowie die Monumente vor Ort bestaunen zu können. Nach einem Jahr wurde ihnen ein Mädchen geschenkt, sie nannten es Tanith - es war ein alter Medjai-Name, der oft im Bay-Clan vergeben wurde. Ardjun war selig, denn damit war offenbar, dass Nefrar fruchtbar war. Er gewährte gutgelaunt Lyleth und Leyrah Aufschub und hoffte, dass das nächste Kind ein Junge sein würde. Leslie und Nefrar arbeiteten hart daran, da sie wussten, dass es für Leyrah und Lyleth sehr wichtig war. Und es wurde ein Freudentag für diese zwei, als Ardjun persönlich ihnen 15 Monate nach Taniths Geburt die Nachricht überbrachte, dass Nefrar einem Sohn das Leben geschenkt hatte. Sie hatten vor ihrem Zelt gesessen und mit dem kleinen Ardeth gespielt, der die alten Holzpferde, die sich seit Generationen im Familienbesitz befanden, vor sich ausgebreitet hatte. Ardjun strahlte vor Glück und setzte sich Ardeth auf seinen Schoß, der ihn verwundert ansah, weil der Großvater sein Spiel unterbrochen hatte.
"Du hast einen Cousin, Ardeth! Er heißt Ismail."
Lyleth sah lächelnd zu seiner Frau und sie erwiderte diesen ungemein erleichterten und liebevollen Blick. Auf ewig, Lyleth!

Bianca M. Gerlich
07.01.2006

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