Home Teil 2: "Um stillen Tod sie warb" (Autor: Bianca M. Gerlich)

LEYRAH 1


Der Morgen leuchtete rot-golden über dem östlichen Horizont der Wüste. Die Sonne schickte sich an, ihre Tagesbahn zu beschreiten. Ein Mädchen stand auf einer Anhöhe und schaute andächtig zur erwartenden Sonne hinüber. Sie war auf den Tag genau 16 Jahre alt. Ihre dunklen langen Haare flatterten ihr um den Kopf, denn es wehte ein leichter Wind, der auch ihr fast durchsichtiges weißes Gewand zum Wehen brachte. Dieses wurde in der Mitte mit einem Goldband gehalten. Es war ärmellos und ganz schlicht gehalten. An den Armen trug sie jeweils zwei Goldspangen, ebenso an den schmalen Fesseln ihrer Füße. Lange schaute sie über die Weite, und als die Sonne aufging, lächelte sie sanft und streckte zur Begrüßung des Himmelskörpers ihre Arme der wärmenden Sonne entgegen.
"Amun", sprach sie, "segne diesen Tag! Segne mich! Lass nur Reines meinem Herzen entspringen! Lass mich stets gerecht und barmherzig handeln!"
Noch eine Weile stand sie in ihrer Andacht versunken da. Man hätte sie für eine Priesterin halten können, die zur Zeit der goldenen Ära der Pharaonen ihren Morgendienst beginnt, doch dem Mädchen und den Priesterinnen des alten verborgenen Isis-Tempels verblieb nur, den alten glorreichen Zeiten hinterher zu trauern und in aller Stille ihren Dienst zu versehen. Längst waren neue Religionen über ihr Land hereingebrochen und hatten die alten Götter vertrieben. Außer im Herzen einiger Menschen und hier, abseits in der Wüste, war kein Platz mehr für Amun und die Seinen. Es war eine Welt des Untergangs, denn sie hatte jegliches Maß verloren. Das Mädchen Leyrah wusste es tief in ihrem Inneren, und dennoch wollte es sein Leben der Aufgabe weihen, diese Welt vor dem Übel zu beschützen. Gewiss, das Übel, das die Menschen durch ihre egozentrischen Religionen und Weltanschauungen verursachten, würde sie nie bekämpfen können, aber jenes, was hier in der Wüste lauerte, wovon sie bis vor wenigen Tagen nur eine vage Ahnung gehabt hatte, davor konnte sie die Welt bewahren helfen. Sie würde eine Medjai sein, eine Kriegerin Gottes - und egal, wie dieser Gott sich nannte -, sie war dem Leben auf dieser Erde verpflichtet. Die Sonne brachte den Tag und das Leben, und daher war Leyrah früh aufgestanden, um Amum hier zu begrüßen, um ihm ihr Erwachsenenleben, das heute beginnen würde, zu weihen.
Leyrahs Aufmerksamkeit wurde auf den unter ihr liegenden Tempel gerichtet. Dort traten Personen zwischen den noch stehenden drei Säulen hervor. Einen Pylon gab es nicht mehr, auch von der einstigen Säulenhalle war nicht viel übrig geblieben. Überhaupt war ein Großteil des Tempels und seiner Trümmer unter dem Wüstensand verborgen, aber das war auch ein Segen, denn so war er der Aufmerksamkeit fremder Ausgräber entgangen. Auch die drei Säulen steckten zu einem Drittel im Sand. Man hätte diesen sicherlich leicht entfernen können, doch um diesen Tempel weiterhin geheim zu halten, hatte man den Sand dort belassen, wo er war. Doch hinter den Säulen hatte man mit Trümmern den Sand aufgehalten und im angrenzenden Raum allen Schutt, Sand und Steine entfernt. Hier befand sich die zweite Vorhalle, die zu weiteren Räumen und auch zum Allerheiligsten führte. Von außen war diese Anlage, bis auf die drei halbwegs sichtbaren Säulen, unter dem beharrlichen Wüstensand verborgen - und auch die Säulen waren schlecht erkennbar, da der Tempel gut geschützt von Gebirgszügen eingekesselt lag und zudem in tiefstem Medjai-Gebiet. Einst war er errichtet worden für die vielen Wachposten in der Wüste, die zum Schutz der ägyptischen Grenzen gen Süden Festungen besetzt und auch eine zivile Bevölkerung mit sich gezogen hatten. Es war ein kleiner erhabener Tempel aus der Zeit der 19. Dynastie, der knapp 1000 Jahre nach seiner Errrichtung renoviert und teilweise neu gebaut worden war. Er war die letzte Zufluchtstätte gewesen, als der Isis-Tempel auf Philae den Christen zum Opfer fiel, die die in ihren Augen heidnischen Priester vertrieben hatten. Die Hohepriesterfamilie der Esmet, die letzten, die noch Hieroglyphen an die Tempelwände in Philae schrieben, hatte damals fliehen müssen, sie wurden später Mitbegründer des 2. Stammes der Medjai, dessen Lager nicht weit vom Tempel entfernt lag. Die Medjai wachten darüber, dass dieser verbleibende Isis-Tempel unentdeckt blieb. Leyrah kannte ihn gut. Sie hatte hier fast vier Jahre ihrer Kindheit verbracht, bis sie sich vor sechs Jahren dazu entschlossen hatte, doch eine Kriegerin zu werden. So war sie zu ihrem Stamm und in ihr Vaterzelt zurückgekehrt und hatte vor kurzem ihre Ausbildung beendet. Ihr Lebensweg schien vorgezeichnet: Sie war eine Tochter aus dem Haus Setlata und würde traditionsgemäß einst die Leibwächterin von Lady Bay, der ersten Dame der Medjai-Gesellschaft, werden. Sie würde sie begleiten und ihr Leben mit dem ihren schützen. Auch ihr Vater hatte diesen Dienst versehen und das Leben von Lord Ardeth Bay geschützt und versah das gleiche Amt bei dessen Sohn Ardjun, der der amtierende Anführer der Medjai war. Auch ihre Tanten waren Kriegerinnen. Doch da Lord Ardjun Bay unverheiratet geblieben war, waren sie keine Leibwächterinnen einer Lady Bay geworden. Eine hatte geheiratet und war dadurch in einen anderen Stamm gezogen, die andere versah oft hier am Isis-Tempel ihren Dienst. Zum heutigen Tag waren sie alle angereist: Ihre Tanten Wigala-Tiana und Sanya-Tiana, die ihre ganze Familie dabei hatte, ebenso wie ihr Onkel Wirianda, der sie, ihren Vater Arianda, ihren Bruder Namdun und ihre Großeltern aus dem 12. Stamm hierher begleitet hatte, sowie der alte Lord Ardeth Bay, der Leyrah tief in sein Herz geschlossen hatte, da sie die Enkeltochter seines besten Freundes, des malaiischen Fürsten Sandokan, war und er sich um ihr Wohl sorgte. Auch sein Enkel Lyleth Bay war mitgekommen, um der Initiation seiner Freundin aus Kindheitstagen beizuwohnen. Leyrah hatte ihn gebeten, ihr Pate zu werden und ihr an diesem Tag beizustehen, denn die Prozedur, die Leyrah vor sich hatte, dauerte lange und war schmerzhaft. Sie würde heute die ersten der insgesamt 16 Tätowierungen erhalten. Leyrah hatte sich dafür entschieden, diese Zeremonie im Isis-Tempel vornehmen zu lassen, denn hier hatte sie wichtige Jahre ihres Lebens verbracht. Stets war sie der Muttergöttin Isis sehr nahe gewesen. Außerdem wollte sie, dass an diesem so wichtigen Tag die Oberpriesterin dabei sein würde, die sie erzogen hatte. Leyrahs Mutter Verci war verstorben, als Leyrah im siebten Lebensjahr stand - und das war auch der Auslöser gewesen, weshalb Leyrah in den Tempeldienst gegangen war. Die Oberpriesterin hatte Leyrah gefördert und ihre seherischen Fähigkeiten geweckt. Für sie war Leyrah ein ganz besonders begabtes Kind gewesen, doch hatte sie erkannt, dass das Mädchen auch das Erbe ihrer Mutter in sich trug, die aus Südostasien stammte und ebenfalls eine Kämpferin gewesen war. Eine Unruhe trieb das Kind, die die Oberpriesterin nicht im ruhigen Tempeldienst zu sänftigen können glaubte, sondern eher in einer disziplinierten Kriegerin-Ausbildung.
Leyrah schritt langsam hinab zum Tempel. Sie hatte bemerkt, dass die beiden Frauen, die vor dem Tempel aufgetaucht waren, Ausschau nach ihr gehalten hatten. Es wurde Zeit: Zunächst würde man sie baden, schminken, ankleiden und dann in den Vorraum des Tempels bringen. Dort würde sie ihren Eid ablegen und anschließend die Rückentätowierungen erhalten.
Bevor die Frauen mit ihr in eine der seitlichen Kammern, die als Privatquartiere der im Tempel anwesenden Personen dienten, gehen konnten, traf sie ihren Vater an, der sie bereits erwartet hatte. Ihm zur Seite stand der junge Lord Bay und lächelte sie an. Leyrah war ihm dankbar, dass er gekommen war. Früher hatten sie sich jeden Tag gesehen und zusammen gespielt, waren ausgeritten und hatten alle Geheimnisse miteinander geteilt, doch seit Lyleth vor zwei Jahren initiiert worden war, hatte sie ihn selten zu Gesicht bekommen. Er war damals für über ein Jahr nach Kairo zum Studium alter Schriften gegangen, aber hatte ihr regelmäßig geschrieben. Jedes Mal, wenn so ein Brief eintraf, nahm sie ihn wie ein kostbares Geschenk entgegen und setzte sich unter den Baum, den ihre Mutter anlässlich ihrer Geburt gepflanzt hatte, andächtig den Brief lesend. Sie antwortete Lyleth und berichtete vom immer gleichen Leben in der Wüste, doch hatte sie in diesen endlos erscheinenden fünfzehn Monaten festgestellt, wie sehr ihr Lyleth fehlte. Leyrah wurde mit der Zeit immer klarer, dass er mehr als nur ein Kindheitsfreund für sie war, doch verschloss sie dieses Gefühl tief in ihrem Herzen, denn der Platz an seiner Seite war für eine andere Frau reserviert. Sie war allerdings etwas traurig, als sie bemerkte, dass der vor drei Monaten aus Kairo Zurückgekehrte sie nicht mehr so wahrnahm wie früher, ja ihr fast aus dem Weg zu gehen schien. Dennoch hatte sie ihn eines Tages beherzt darum gebeten, ihr bei ihrer Initiation beizustehen und er hatte sich einverstanden erklärt. Brav neigte sie jetzt ihren Kopf vor ihm. Er war zwar noch nicht der oberste Anführer aller Medjai, aber er würde es eines Tages werden und sie würde seiner Frau dienen. Ihr Vater Arianda Setlata vergewisserte sich, ob sie auch wirklich bereit war, diesen Schritt zu gehen, dann überließ er sie den Frauen. Lyleth nickte ihr aufmuntert zu. Er würde hier auf sie warten und sie dann in die Vorhalle führe. Dort erwarteten sie ihre Verwandten, die Priesterinnen und die aus dem 12. Stamm mit angereiste Tätowiererin.
Als die beiden jungen Mädchen sie wegführten, kicherten sie.
"Hast du gesehen, wie dich der junge Lord Bay angeschaut hat, Leyrah?", meinte die eine.
Leyrah sah sie überrascht an.
"Aber Leyrah", tadelte die andere, "hast du es nicht bemerkt? Richtig verliebt hat er geschaut!"
"Nunja", meinte die erste lachelnd, "man sieht ja auch fast alles durch dein Kleid!"
Beide kicherten, während Leyrah leicht rot wurde.
"Aber Leyrah! Das muss dir doch nicht peinlich sein! Du siehst wirklich entzückend aus, kein Wunder, dass Lord Bay die Augen aus dem Kopf fallen!"
"Das wäre aber nicht gut...", murmelte Leyrah ernst.
"Was wäre nicht gut?", hakte eines der Mädchen nach, während sie Leyrah langsam entkleidete.
"Ich werde schließlich einmal die Leibwächterin seiner Frau sein. Da darf er mich nicht so anschauen."
"Aber Leyrah! Er ist doch noch nicht mal verheiratet! Noch darf er so schauen!"
Wieder gackerten beide prustend los. Leyrah ärgerte sich darüber, sagte aber nichts. Lyleth war ihr heilig, und doch wurden gerade über ihn viele Scherze gemacht, denn er entstammte ja der prominentesten Medjai-Familie überhaupt. Kein Wunder, dass ihre Mitglieder ständiges Thema in der Bevölkerung waren, zumal der junge Lyleth noch keine Braut gewählt hatte. Man erwartete, dass er nach seiner Rückkehr aus Kairo heiraten würde, doch was auch immer sein Vater Ardjun Bay für ihn beschlossen haben mochte, es war anscheinend ein wirklich gut gehütetes Geheimnis, denn es wurde nichts über eine Hochzeit verlautbar.
Als die beiden Mädchen sich beruhigt hatten, wollte eine von ihnen wissen, warum Lyleth noch nicht geheiratet hat, aber Leyrah wusste darauf auch keine Antwort. Immerhin gab es drei oder vier heiratsfähige Töchter von Stammesanführern.
"Hoffentlich bekommst du eine gute Herrin", meinte eines der Mädchen. Und schon überlegten sie, welche Frau der Heiratskandidatinnen eine akzeptable Herrin für Leyrah wäre.
Eine nach der anderen schlossen sie aus, bis sie sich auf Eliaja Ghaleodan, die Tochter des Anführers des 3. Stammes, einigten, die auch ein paar Jahre im Tempeldienst verbracht hatte. Sie war die Tochter eines guten Freundes von Leyrahs Vater, beide hatten zusammen Ardeth Bay als Leibwächter gedient, bevor dieser Janir Ghaleodan zum Anführer des dritten Stammes eingesetzt hatte, nachdem sein Vorgänger Lord Wyreth hingerichtet worden war. Doch hatte seine Tochter erst nach Leyrah im Tempel gedient, so dass Leyrah sie nicht kannte, aber jetzt schon in ihr Herz schloss. Die Mädchen schilderten Eliaja als sanftmütig, folgsam und gottergeben.
"Wie alt ist sie?", erkundigte sich Leyrah.
"15, gerade im richtigen Alter", meinte die eine.
"Nun denn", fügte die andere hinzu, "vielleicht ist Lord Bay ja heute auf den Geschmack für das weibliche Geschlecht gekommen, nachdem er so lange enthaltsam leben musste. Und vielleicht wird es ja bald eine Hochzeit geben." Wieder lachten beide, während sie Leyrah, die inzwischen in einem Trog saß, den Rücken schruppten.
"He Leyrah, nachher sieht er dich ja mit entblößtem Oberkörper!"
Leyrah wurde von neuem rot, während die Mädchen sich angrinsten.
So trieben sie ihre Späßchen mit Leyrah und lenkten sie damit so ziemlich von der bevorstehenden Prozedur ab. Am heutigen Tag schminkten sie sie noch vollständig im Gesicht, denn das würde als letztes am vierten Tag tätowiert werden. Sie legten ihr ein frisches weißes und wiederum fast durchsichtiges Gewand an, das, um später den Rücken freizulegen, an den Schulterbändern gelöst und zu Leyrahs Beruhigung hinter dem Hals wieder zusammengebunden werden konnte. Ihre Haare wurden zu einem Dutt zusammengebunden und mit vielen Nadeln festgesteckt. Zuletzt parfümierten die Mädchen Leyrah. Sie gingen um sie herum und bewunderten sie, zupften noch hier und da und führten sie dann hinaus zu dem wartenden Lyleth, der vor Staunen keines Wortes mächtig war. Eines der koketten Mädchen sprach daher:
"Lord Bay, wir übergeben Euch Euren Schützling des heutigen Tages!" Sie legte Leyrahs Hand in Lyleths. Dann machten sich die beiden Mädchen daran, die schwere Tür zur Vorhalle zu öffnen.
Lyleth konnte seine Augen nicht von Leyrah wenden. Mit Bewunderung sah er sie an. Leyrah bemerkte aber auch den glühenden Blick des Verlangens und für eine ganze Weile versank ihr Blick in dem seinen und ihr wurde ganz anders ums Herz. Sie schluckte trocken und brachte dann leise hervor:
"Ich danke Euch, Lord Bay, dass Ihr Euch bereit erklärt habt, mir heute beizustehen!"
Lyleth seufzte innerlich auf. Vorbei die Zeit, wo sie sich geduzt und miteinander gespielt hatten. Ab jetzt mussten sie einen förmlichen Abstand wahren. Er hätte sie so gern in die Arme genommen und ihr Glück gewünscht. Doch die beiden Tore waren schon fast ganz offen und man konnte sie sehen. Noch einmal, dachte er, noch einmal möchte ich mit ihr so umgehen dürfen wie früher, und er flüsterte ihr zu:
"Alles Gute, Leyrah! Halt die Ohren steif, es wird schon nicht so schlimm werden."
Sie grinste ihn verschmitzt an, dann schritten beide erhobenen Hauptes durch das Tor auf die Mitte der Halle zu.

Arianda war stolz auf seine Tochter. Sie erinnerte ihn jeden Tag an seine geliebte Verci, die allzu früh verstorben war. Leyrah würde ihren Weg gehen. Jeder hatte nur gut von ihr berichtet. Sie war jung, schön, wissensbegierig, barmherzig und bescheiden. Zufrieden sah er zu ihr hinüber, wie sie bäuchlings auf dem Marmortisch lag, über den sich die Tätowiererin gebeugt hatte. Daneben saß Lyleth und hielt ihre Hand. Er hatte ihr vor der Prozedur einen Trank gereicht, der sie etwas betäubt hatte. Nun wurde sie eine echte Medjai-Kriegerin! Sie würde die Tradition ihrer Familie erfüllen. Arianda nickte seinen Eltern Walgyn und Keranya zu, die zu seiner Rechten standen. Irritiert verhaftete sein Blick auf dem Gesicht seines Vaters. Sah er dort ein Stirnrunzeln? Tatsächlich sah Walgyn sehr intensiv zu Leyrah hinüber. Irgendetwas beschäftigte Walgyn. Arianda trat dichter zu ihm heran.
"Vater, lass uns einen Tee trinken gehen!"
Da die Prozedur noch Stunden dauern würde, gab es für die Beistehenden die Gelegenheit, sich an die Seiten dieses Raumes zurückzuziehen, wo fleißige Hände Essen und Trinken sowie bequeme Sitzmöglichkeiten aufgebaut hatten. Walgyn und Arianda ließen sich in einer Nische nieder und bedienten sich. Arianda begann das Gespräch, indem er blumig und mit vielen Worten darauf verwies, dass nun endlich sein ältestes Kind eine echte Medjai-Kriegerin geworden sei und wie stolz doch alle Familienmitglieder sein könnten.
"Und doch scheint es mir, als bewege dich eine Sorge", schloss Arianda seine Lobpreisungen.
Walgyn sah ihn ernst an.
"Ist es möglich, dass du, mein Sohn, vor lauter Stolz geblendet bist, nicht zu sehen scheinst, was ich soeben dort drüben sah?" Da Arianda ihn nur irritiert ansah, aber nicht antwortete, sprach Walgyn weiter:
"Hast du nicht den zärtlichen Blick des jungen Lord Bays gesehen? Glaube mir, mein Sohn, ein Unheil zieht herauf. Niemals hättest du gestatten dürfen, dass deine Tochter den jungen Lord um seinen Schutz am heutigen Tag bittet. Der junge Lord hat Recht gehandelt, als er sich nach seiner Rückkehr von deiner Tochter fern hielt, wohl wissend, dass er alle Gefühle ihr gegenüber zu unterdrücken hat. Und nun sind diese wieder aufgebrochen, und es wird ein Mitglied unserer Familie sein, dass eine weitere Tragödie in der Familie Bay auslösen wird."
Kopfschüttelnd und mit Weltuntergangsmiene nahm Walgyn einen Schluck Tee. Arianda indessen war bestürzt. Ihm war gar nicht aufgefallen, was da vor sich ging.
"Was können wir tun, Vater?"
"Nach dieser Zeremonie muss Leyrah weit entfernt werden, bis Lord Bay eine Braut für Lyleth gefunden hat. Auf keinen Fall dürfen diese beiden jungen Leute weiterhin zusammentreffen - wenn nicht sowieso alles zu spät ist. Du musst mit Leyrah sprechen. Umgehend. Sie darf dem jungen Lord keinen Anlass geben. Am besten, du verheiratest sie sofort."
"Aber Leyrah möchte doch Leibwächterin bei Lady Bay..." Ariandas Stimme erstarb. Sein Vater sah ihn nickend an. Er denkt das gleiche, fuhr es Arianda durch den Kopf.
"Ja, du hast Recht", murmelte Arianda, "es gäbe eine Tragödie, wenn Leyrah im Haushalt von Lord Lyleth Bay dienen würde."
"Das muss unterbunden werden", sagte Walgyn im Befehlston. "Wir werden sie mit Tyrun Fajum verheiraten. Sie ist immerhin dein erstes Kind und eine gute Partie. Die Fajums werden froh sein."
"Aber dann müsste sie ja in den elften Stamm!", gab Arianda entsetzt von sich.
"Ja, besser sie verlässt unseren Stamm, besser, sie geht Lyleth aus den Augen."
"Das wird ihr das Herz brechen, Vater, sie wollte Kriegerin werden und im elften Stamm gibt es keine..."
"Sie ist ein Mädchen, mein Sohn, sie wird sich fügen. Und sie ist unwichtig gemessen am Wohl der Familie Bay. Sprich also heute Abend sogleich mit ihr! Sie darf den jungen Lord Bay auf keinen Fall ermutigen!"
Arianda seufzte und sah traurig zu Leyrah hinüber. So war ihr Schicksal in einem Gespräch mit seinem Vater besiegelt. Da Walgyn das Familienoberhaupt war, musste auch Arianda sich fügen. Aber heute Abend schon mit ihr reden? Die Tätowierungen nahmen vier Tage in Anspruch. Sie würde jede Freude verlieren, wenn sie um ihr Los wüsste.
"Ja, Vater, ich werde mit ihr sprechen, dass sie den jungen Lord nicht ermutigen darf. Aber wegen ihrer Heirat mit Tyrun Fajum werde ich ihr erst nach ihrer Zeremonie sprechen. Es wäre grausam, ihr so die Feier zu verderben."
Walgyn schüttelte zwar etwas verständnislos mit dem Kopf, aber erwiderte nichts.

Lyleth wachte die ganze Zeit neben Leyrah, auch als sie nach den erhaltenen Rückentätowierungen eingeschlafen war. Als sie aufwachte und ihn anblinzelte, lächelte er ihr tröstend zu und meinte: "Du kannst dich jetzt aufsetzen und etwas trinken und essen." Er reichte ihr einen großen Becher voll Wasser und einen Teller mit allerlei Köstlichkeiten. Leyrah nahm die Kost dankbar entgegen und labte sich, denn sie war sehr hungrig, da sie seit dem frühen Morgen noch nichts wieder gegessen hatte. Sie waren allein in dem Saal. Die anderen hatten sich längst zurückgezogen. Lyleth setzte sich neben Leyrah auf den Marmortisch.
"Du hast sicherlich bemerkt, Leyrah, dass ich dich seit meiner Rückkehr nicht mehr so oft getroffen oder angesprochen habe, nicht wahr?"
Leyrah sah ihn erstaunt an, erwiderte aber nichts, zumal sie die Wangen voll hatte.
"Ach Leyrah! Ich hatte dich so in Kairo vermisst! Ich hatte solche Sehnsucht! Und als mir klar wurde, warum ich mich so sehne, da versuchte ich, das Gefühl aus meinem Herzen zu reißen! Ach, es ist mir nicht gelungen. Leyrah, ich kann nicht ohne dich leben! Ja, Leyrah, ich liebe dich! Du sollst es wissen! Ich liebe dich!"
Leyrah hatte dank dieser unerwarteten und überschwänglichen Liebeserklärung aufgehört zu essen, aber sie wusste nicht, was sie erwidern sollte.
"Ich weiß nicht, ob du mich auch so liebst wie ich dich, oder ob du nur Freundschaft für mich empfindest. Ich möchte so gern mein Leben mit dir teilen, Leyrah! Das ist mir heute klar geworden. Es hat keinen Sinn, mich von dir fernzuhalten..."
Endlich hatte Leyrah sich gefasst. "Aber Lyleth! Du weißt doch, dass wir nicht zusammenkommen können. Dein Vater und dein Großvater haben bestimmt schon eine andere Braut ausgesucht."
"Ich weiß es nicht, Leyrah, sie haben noch nicht mit mir gesprochen. Aber ich werde mit ihnen sprechen und ihnen sagen, dass ich dich heiraten möchte und..."
"Nein, Lyleth", unterbrach ihn Leyrah, "bitte, sag nichts! Sie würden es doch nie erlauben! Und wenn du ihnen erst Gefühle für mich eingestehst, dann werden sie nie gestatten, dass ich in deinem Haushalt diene. Und ich möchte doch so gern die Leibwächterin deiner Frau werden. Dann dürfte ich in deiner Nähe sein, dich von Ferne sehen, deinen Duft ganz sachte einatmen und dich anlächeln, wenn du mit dem Rücken zu mir stehst. Und wenn du mich anschaust, dann möchte ich vor dir versinken und jede Verbeugung wird eine Huldigung an meine heimliche Liebe sein! Oh, ich wäre glücklich damit! Aber wenn man mich ganz von dir trennt, was bliebe mir noch von dir?"
"Leyrah...", brachte Lyleth mühsam hervor.
Sie legte einen Finger auf seine Lippen und unter Tränen versuchte sie, mit der Stimme fest zu bleiben, als sie ihm erwiderte: "Nein, Lyleth, es darf nicht sein, dass wir uns lieben! Versprich mir, dass du nichts sagst! Lass unsere Liebe unser köstliches Geheimnis sein! Auf ewig werde ich die deine sein und mein Körper wird der Liebe entsagen."
Lyleth umarmte sie, aber ließ von ihr ab, als sie aufstöhnte, denn ihr Rücken schmerzte noch sehr.
"Du bist so tapfer", raunte er heiser und meinte damit zuallererst ihr Entsagen, stand auf und verließ den Saal, um in seiner Verzweiflung allein zu bleiben.

Lange saß Leyrah auf der Kante der Marmorplatte und dachte nach. Sie unterdrückte ihre Tränen. Niemand sollte ihr ihre Gefühle anmerken. In Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie ihr Vater eintrat und leise zu ihr hin ging. Erst als er auf einmal wie ein schwarzer Schatten vor ihr stand, erschrak sie.
"Papa, ich habe dich gar nicht kommen gehört!"
Arianda legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Wie geht es dir, meine Tochter?"
"Es geht mir gut, mein Vater. Es tut kaum noch weh."
Das war zwar eine Lüge, aber Leyrah wusste, dass sie als Medjai-Kriegerin tapfer sein musste. Arianda lächelte anzweifelnd, wurde aber sogleich wieder ernst.
"Ich bin sehr stolz auf dich, mein Kind. Jetzt bist du erwachsen."
Leyrah nickte. Arianda schwieg. Er wusste nicht, wie er beginnen sollte. Leyrah bemerkte es.
"Papa, dich bedrückt doch etwas?"
Arianda nickte langsam und brachte dann mit heiserer Stimme ein "Ja" hervor.
"Dein Großvater bedauert, dass du dir Lord Bay als Schutzherrn für deine Initiation erwählt hast. Er meint, man könnte daraus falsche Schlüsse ziehen."
Leyrah sah ihren Vater erschrocken an und hielt den Atem an. Arianda bemerkte ihr sonderbares Verhalten. Ihm war in dem Moment klar, dass sein Vater richtig vermutet hatte.
"Mein Kind, ich kenne deinen Wunsch, die zukünftige Lady Bay zu beschützen. Dein Großvater wünscht jedoch, dass du dich von Lord Bay fern hältst, heute, morgen, für immer."
Leyrah senkte ihren Kopf. Ihr Vater hatte mit Bestimmtheit gesprochen. Es war keine Bitte gewesen, sondern ein Befehl. Was sollte sie erwidern? Sie wollte nicht fern von Lyleth leben.
"Papa, ich versichere dir, dass zwischen Lyl... Lord Bay und mir nichts geschehen ist. Oja, es war töricht, ihn als Schutzherren auszuwählen, das sehe ich nun ein, denn die Leute könnten reden, aber es ist nichts zwischen uns..."
"So, wirklich?", unterbrach sie Arianda und sah sie scharf an.
"Nein", flüsterte Leyrah halb flehend.
"Du liebst ihn nicht?"
Leyrah sah ihren Vater erschrocken an. Er hatte es direkt ausgesprochen. Oh, und wie sie Lyleth liebte! Sie konnte es nicht leugnen.
"Dein Schweigen verrät dich, Leyrah!", warf ihr Arianda vor. Und während Leyrah niedergeschlagen den Kopf senkte, verkündete Arianda Walgyns Anweisung, die er ja eigentlich erst nach Leyrahs Zeremonie ihr hatte sagen wollen, doch das Eingeständnis seiner Tochter brachte ihn dazu. "Ich werde morgen Lord Bay bitten, dass er den Tempel verlässt und einen anderen suchen, der dein Schutzherr sein wird. Es darf nicht sein, dass du durch dein mädchenhaftes Gehabe den jungen Lord zu einem törichten und verheerenden Verhalten animierst. Nach der Zeremonie wirst du hier im Tempel bis zur deiner Hochzeit mit Lord Tyrun Fajum bleiben. Er ist 17 Jahre alt und ich werde gleich von hier zum 11. Stamm reiten, um mit seinem Vater über eine Hochzeit zu verhandeln, aber ich denke, da wird es keine Probleme geben."
Arianda hatte sich dabei erhoben. Leyrah starrte ihn entsetzt an.
"Ich soll heiraten? Aber Papa..."
"Leyrah, du befolgst meine Anordnungen!" Arianda hasste sich für diese Härte, aber sein Vater hatte Recht. Es stand zu viel auf dem Spiel. Leyrah durfte nicht länger mit Lyleth zusammentreffen.
"Vater, Erbarmen!", brachte Leyrah schluchzend hervor. "Bitte verheirate mich nicht! Bitte, lass mich wenigstens eine Tempelkriegerin werden! Bitte, Vater, bitte! Verheirate mich nicht mit Tyrun Fajum!"
Arianda musste sich abwenden. Sie würde ihn weich kriegen, wenn er ihr jetzt länger zuhören würde. Um seine eigene Fassung ringend brachte er barsch hervor: "Leyrah, du wirst ohne weitere Widerrede gehorchen." Arianda beeilte sich, den Raum zu verlassen.
Lyleth schaffte es gerade noch, sich hinter einer Säule zu verbergen. Er hatte vor ein paar Minuten noch einmal nach Leyrah sehen wollen und den letzten Teil des Gespräches zwischen Vater und Tochter belauscht.
Leyrah schluchzte bitterlich in sich hinein, als er zu ihr trat. Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Er richtete mit seiner Hand sanft ihr Kinn auf. Leyrah sah auf und erschrak.
"Lyleth!"
Sie brauchte ihn nicht zu fragen, ob er zugehört hatte, sie sah es in seinen traurigen Augen. Er umarmte sie ganz sacht. Da brach es ganz aus ihr heraus und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
"Sch, sch", versuchte er sie zu beruhigen und fuhr ihr mit der Hand streichelnd über den Kopf. "Wir finden eine Lösung, Leyrah..."
Zwischen mehreren lauten Schluchzern stieß Leyrah aus: "Ach, ...was... denn für... eine... Lyleth? Es ist... alles so furchtbar!"
Lyleth reichte ihr ein Tuch. Leyrah trocknete ihre Wangen und schnäuzte laut.
"Lass uns in deine Kammer gehen!"
Leyrah sah ihn entsetzt an.
"Dann verheiraten sie mich gleich morgen mit diesem Tyrun Fajum!"
"So weit wird es nicht kommen. Komm jetzt!"
Lyleth bestimmter Ton beruhigte Leyrah und sie folgte ihm brav in ihr kleines Zimmer, das sie für die Zeit der Initiation allein bewohnen durfte. Hier stand ein schmuckloses Bett und ein Schemel. Ein Teppich lag auf dem Boden. Lyleth zündete die Öllampe an, dann schloss er die Tür, drehte sich zu ihr um und sah sie ernst an. Leyrah erschauderte. Doch Lyleth ließ ihr keine Zeit, um zu protestieren. Er ergriff ihre Hände.
"Leyrah, willst du meine Frau werden?"
Leyrah starrte ihn wie paralysiert an. Er meinte das ernst.
"Lyleth, das geht doch nicht", wollte sie protestieren, doch er ließ ihr keine Zeit.
"Ja oder nein, Leyrah?"
"Nein! Nein! Ich will nicht, ich darf nicht!" Und sie dachte, dass sie unbedingt vernünftig sein müsste. Doch Lyleth lächelte sie nachsichtig an.
"Andersrum...", meinte er trocken, "liebst du mich?"
Leyrah sah ihn entwaffnet und zärtlich an. "Ja, Lyleth, ich liebe dich, sehr sogar, aber..."
"Kein Aber! Du liebst mich und ich liebe dich! Alles ist so, wie es sein soll! Du wirst meine Frau werden."
Damit stand er auf und nahm ihren Kopf in seine Hände, bevor sie wieder etwas entgegnen konnte. Er drückte ihr einen Kuss auf den Mund, dann umfasste er sie ganz und küsste sie leidenschaftlich. Leyrah ließ ihn gewähren. Sie war viel zu verwirrt, um etwas gegen ihn zu unternehmen. Doch den Kuss konnte sie nicht genießen. Dazu war sie wirklich viel zu durcheinander. Erst, als er sie in seine mächtigen Arme nahm und auf das Bett hob, erwachte in ihr wieder die Vernunft.
"Lyleth, nein! Warte! Das geht nicht!"
Lyleth setzte sich brav neben sie. Er nickte und meinte: "Ja, du hast Recht, es ist wirklich nicht so galant, seine Liebe zu gestehen und noch im selben Moment miteinander zu schlafen. Es sieht so aus, als würde ich die Lage ausnutzen wollen, das heißt, mich befriedigen wollen und dich dann fallen lassen, nicht wahr?"
Leyrah schüttelte verwirrt ihren Kopf.
"Also, hör zu, Leyrah! Ich werde dich heiraten. Sobald wir in den 12. Stamm zurückkehren, werde ich mit meinem Vater sprechen. Und gleich morgen Früh mit meinem Großvater. Er liebt dich wie ein eigenes Kind und wird einverstanden sein und uns zur Seite stehen. Immerhin bist du eine Setlata und uns Bay würdig. So sehe ich das jedenfalls. Um aber von vornherein zu unterbinden, dass uns an unserem Glück irgendwer hindert, werden wir zwei jetzt die Ehe vollziehen. Wenn wir Glück haben, segnen die Götter unseren Bund und schenken uns ein Kind. Also, Leyrah, wenn du damit einverstanden bist, dann lass uns jetzt Mann und Frau sein."
Er sah ihr aufrecht in die Augen. An seiner Ehrlichkeit gab es keine Zweifel. Sein Plan aber war geradezu verwegen. Der Ärger schien vorprogrammiert. Leyrah schwirrten tausend Gedanken im Kopf herum, aber ihr fiel auch keine Lösung ein. Sie blickte Lyleth mit offenem Mund an, wusste nicht, was sie tun sollte.
"Du willst meine Frau sein, nicht wahr?" Sie nickte stumm und ergeben.
"Dann musst du mir jetzt gehorchen, Lady Leyrah Bay", lächelte er sie verschmitzt an und begann, ihr langsam und sehr vorsichtig ihr durchsichtiges Gewand vom Körper zu ziehen. Er streichelte sie und meinte etwas bedauernd: "Es wird wegen deines Rückens etwas weh tun."
"Ich bin eine Kriegerin", hauchte sie und signalisierte, dass sie zu allem bereit war.
Leyrah und Lyleth zelebrierten ihre Hochzeitsnacht und die Götter gaben ihren Segen.
Vor der Tür aber wachten die Oberpriesterin und Ardeth Bay. Sie lächelten sich in verschwörerischer Übereinstimmung an.
Wenn der erstgeborene Sohn des Kindes des Südens das Licht der Welt erblickt, dann wird er sich eines Tages dem Unnennbaren entgegenstellen müssen.

Fast zwei Jahre waren seit Leyrahs Initiation vergangen. Wider Erwarten der jungen Verliebten hatte es nicht die Katastrophe gegeben, die Walgyn prophezeit hatte. Leyrah und Lyleth verdankten es Ardeths Intervention, dass Ardjun und Arianda schließlich mit der Hochzeit einverstanden waren. Einige Stammesanführer waren zwar etwas pikiert, dass Ardjun eine Braut aus seinem eigenen Stamm gewählt hatte, aber für Ardjun war es auch von Vorteil, denn, indem er einen Stamm dem anderen vorgezogen hätte, wären die anderen Anführer brüskiert gewesen. Heiratspolitik war eine pikante und schwierige Angelegenheit. Doch als das große Fest keine zwei Monate nach Leyrahs Initiation gefeiert wurde, waren alle Anführer mit ihren Familien eingeladen und fröhlich gestimmt. Lyleth' Recht auf Leyrah wurde bald offenbar, denn tatsächlich hatte Leyrah von ihm in ihrer vorgezogenen Hochzeitsnacht ein Kind empfangen. Als ihre Schwangerschaft sichtbar wurde, streichelten ihr die Frauen des 12. Stammes liebevoll über ihren Bauch und meinten, sie wäre eine gesegnete und von Allah geliebte Frau. Leyrah gebar einen Sohn, was Lyleth überglücklich machte, Ardjun anerkennend zur Kenntnis nahm und Ardeth in Ruhe und Frieden sterben ließ. Leyrah durfte nur ein Jahr lang ihr Baby stillen, dann musste sie es einer Amme übergeben, denn die Pflichten riefen sie. Tatsächlich war sie die erste Dame ihres Volkes, da Ardjun unverheiratet geblieben war. So hatte sie mit ihrer Hochzeit sich an vieles gewöhnen und in ihre Aufgaben hineinwachsen müssen. Das war ihr nicht immer leicht gefallen, zumal sie sehr jung war und einige ältere Damen versuchten, sie zu beeinflussen. Doch Leyrah fand ihren Weg. Sie profitierte auch von ihrem Status als Kriegerin. Außer den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft zeigte sie sich nie anders als in ihrem schwarzen Kriegergewand. Auch zu Festen legte sie nicht den goldenen Stirnreif der First Lady der Medjai an, da ihr Gatte noch nicht der Anführer der Medjai war. Doch sie hatte für jeden ein offenes Ohr, eilte zu Hilfe, wenn ihr Beistand benötigt wurde und half, wo sie nur helfen konnte. Nachdem der kleine Ardeth, der zu Ehren seines Urgroßvaters diesen Namen trug, seinen ersten Geburtstag gefeiert hatte und der Fürsorge der Amme Nerys übergeben worden war, die selbst eine Kriegerin war, aber geheiratet hatte und eine Tochter zur Welt gebracht hatte, musste Leyrah repräsentative Reisen unternehmen. Nun musste sie verschiedenen Räten vorstehen und sich um die Belange der Frauen in den Stämmen kümmern. Eine Rundreise wurde vorbereitet, genau wie in der Zeit nach ihrer Hochzeit, als es galt, sich der Bevölkerung der elf anderen Stämme zu präsentieren. Zuvor sollte sie aber den Tempel besuchen und der Isis für die Gabe ihres Sohnes opfern. Leyrah musste lächeln, als sie an ihre erste Nacht dort dachte - auch, als ihr Lyleth in den Sinn kam, der ihr ein Jahr lang seinen Samen nicht schenken durfte, bis sein Sohn ein Jahr alt war. An Ardeths erstem Geburtstag war er daher besonders gut gelaunt gewesen und forderte ihre Gunst eine volle Nacht. Das war vor fast drei Monaten gewesen. Nun steichelte sie sich zärtlich über ihren Bauch, denn sie hatte sich mit einer Heilerin besprochen, da ihre Tage schon zweimal ausgeblieben waren. Es bestand kein Zweifel, sie war wieder schwanger. Klein Ardeth sollte ein Geschwisterchen bekommen. Sie nahm sich vor, es Lyleth am Abend zu sagen. Er hatte heute keine Nachtwache und würde sie sicherlich in ihrem gemeinsamen Zelt aufsuchen anstatt den Abend mit den Männern vor den Lagerfeuern zu verbringen. Da er in der Verpflichtung stand, viele Söhne zu zeugen, besuchte er sie oft. Er war nämlich der einzige männliche Bay-Erbe und die Linie musste erhalten werden. Stolz sah sie auf ihren kleinen Sohn, der in der Ecke saß und spielte. Sie hatte sich als würdige Bay-Braut erwiesen und einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und nun erwartete sie noch ein Kind. Etwas wie Bedauern schlich sich gleichzeitig in ihre Gedanken ein. Es blieben ihr wieder gerade mal drei, vier Monate, bis man ihr nicht mehr gestatten würde zu reiten und sich kämpferisch zu betätigen. Sie wünschte sich inständig, sie hätte eine Schwägerin und würde die Sorge um die Nachfolge der Bays nicht allein auf ihren Schultern bzw. in ihrem Bauch tragen müssen. So hatte sie sich ihre Kriegerin-Laufbahn nicht vorgestellt. Man forderte zwar von einer Lady Bay, dass sie eine gelernte Kriegerin war, aber Leyrah fragte sich, wozu das überhaupt nötig sei, denn sie musste mehr repräsentieren und vermitteln als Tempel, Orte oder Tierherden bewachen wie die anderen Kriegerinnen.
Als Lyleth am Abend zu ihr kam, sah er sehr müde aus. Er hatte einen langen Tag hinter sich und nun würde er auch noch seine Frau beglücken müssen, um mit ihr Kinder zu zeugen, denn alle erwarteten, dass Leyrah jetzt wieder schwanger werden würde. Er sah sie etwas bedauernd an und als sie sich zum Teetrinken niedersetzten, seufzte er:
"Wann haben wir zwei eigentlich das letzte Mal einfach nur geredet?"
"Keine Sorge, Lyleth, wenn du heute zu müde bist, ist das kein Problem..."
"Ach Leyrah, du weißt doch...", brachte er entschuldigend hervor und streifte sich sein Gewand ab mit einer "nun lass uns schon machen"-Geste.
"Ich wusste gar nicht, dass ich so abstoßend bin", warf sie ihm neckend vor, "aber in vier Monaten werde ich es ganz bestimmt sein." Sie grinste ihn breit an. Und da er nichts außer einem erstaunten Blick hervorbrachte, meinte sie: "Du brauchst dich nicht weiter anzustrengen, Lord Bay. Alles schon gelaufen. Ich bin schwanger."
"Leyrah! Ist das wirklich wahr?" Lyleth schien fassungslos zu sein.
"Ja, ja! Deine Mühen haben sich gelohnt, mein Lieber! So Allah will, wirst du in sieben Monaten zum zweiten Mal Vater!"
Er umarmte sie stürmisch und war sichtlich erleichtert.
Leyrah und Lyleth beschränkten sich an diesem Abend darauf, ein Gesellschaftsspiel zu spielen und zu reden. Sie hatten das Gefühl, dass sie das seit Ewigkeiten nicht getan hatten und genossen diesen Abend, der nur ihnen gehörte. Die frohe Nachricht wollten sie Ardjun und den anderen am nächsten Morgen verkünden.

Leyrahs Reise wurde aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht verschoben. Sie sollte zwei Monate fort sein, danach würde man sie wieder schonen. Auch Lyleth hatte vor einem Monat eine Reise angetreten: Er war von einem Museumskurator in Kairo aufgefordert worden, dringend nach Kairo zu kommen. Es gab für ihn große Neuigkeiten. Welche das waren, wollte der Kurator in seinem Telegramm nicht verraten, aber er machte die Sache sehr eilig und so verabschiedete sich Lyleth von seiner geliebten Leyrah. Er hoffte, dass er noch vor ihrem Reiseantritt wieder zurück sein würde. Doch als der Tag von Leyrahs Abreise kam, war Lyleths noch nicht zurückgekehrt. Auch war bislang keine Nachricht eingetroffen, was ihn in Kairo aufhielt. Wahrscheinlich wusste Ardjun mehr, da er gerade in Theben weilte und dort direkt die Telegramme erhalten konnte. Er würde erst in zwei Wochen zurückkehren. Leyrah blieb vorest ohne Nachrichten. So reiste sie ab und hoffte, dass ihr die Zeit bis zum Wiedersehen mit Lyleth ihr aufgrund ihres Reiseprogramms recht kurz vorkommen würde.
Ihr zu Seite ritten ihre beiden Leibwächterinnen. Sie stammten nicht aus dem Hause Setlata, waren also nicht mit ihr verwandt, aber eine davon war ihre beste Freundin und hatte mit ihr gemeinsam ihre Kriegerin-Ausbildung gemacht. Sie hieß Sirrah Bengariah, stammte ebenfalls aus einer alten und angesehenen Familie, und ihr Vater diente dem Vize-König als Minister in Kairo. Er war untätowiert geblieben, da er kein Krieger werden wollte, und hatte sich für den Diplomatendienst entschieden. Viele Medjai hatten sich dem Außendienst verschrieben, um ihren Stamm entweder als Bauern oder Kaufleute zu unterstützen oder der Sache der Medjai als Diplomaten, Verwalter, Museumsvorsteher oder in ähnlich gehobenen Berufen dienlich zu sein. Von dort aus konnten sie Einfluss auf die Machthaber Ägyptens ausüben und überwachen, wer die Aufgabe der Medjai auch nur irgendwie bedrohen konnte. Es war ein ungewöhnlicher Wunsch von Sirrah, Kriegerin zu werden, aber ihre Eltern hatten ihr schließlich nachgegeben. Nun waren sie natürlich stolz, dass sie es bis zur Leibwächterin von Lady Bay geschafft hatte.
Der kleinen Gruppe gehörten noch drei weitere Frauen an: Zwei standen Lady Bay zur persönlichen Verfügung, sie richteten ihr Lager in der Nacht und brachten ihr das Essen. Jeden Wunsch lasen sie ihr von den Augen ab. Die dritte gehörte dem 5. Stamm an und nutzte die Gelegenheit, zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Sie hatte ihre Eltern im 12. Stamm besucht und ihnen ihren ersten Enkel gezeigt, der inzwischen fast zwei Jahre alt war und den die Eltern bislang noch nicht gesehen hatten. Sie trug ihr Kind in einem Brusttuch. Die Gruppe wurde von Medjai-Kriegern eskortiert. Je drei ritten vorweg bzw. hinterher. Zwei Esel trugen den Proviant. Die Reiter und Reiterinnen saßen hingegen auf Pferden. Leyrah hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie sich distinguiert benehmen musste, d. h. von den anderen abgrenzen musste. Sie konnte nicht einfach am gleichen Lagerfeuer sitzen und mit den Männern und Frauen essen. Ihr wurden die Speisen von den beiden Dienerinnen zugetragen, während sie in ihrem kleinen Zelt auf weichen Kissen saß. Die anderen schliefen alle am Lagerfeuer, wo es allerdings auch wärmer war. Leyrah bat am Abend Sirrah, bei ihr zu schlafen. So legte sich Sirrah dicht an ihre Herrin, während die andere Leibwächterin, die Kanintra hieß, vor dem Zelt wachte. Um kurz nach Mitternacht wollten die beiden Leibwächterinnen sich ablösen, und um 4 Uhr morgens wollte man weiterreiten. Kanintra hörte die beiden Freundinnen noch lange miteinander tuscheln. Leyrah fühlte sich endlich wieder so halbwegs frei. Sie hätte zwar viel lieber mit den Männern am Lagerfeuer gesessen und deren Geschichten gehört, aber sie war schon selig, dass sie der Beobachtung ihres Schwiegervaters und der hohen Gesellschaft des 12. Stammes für eine Weile entfliehen konnte.
Auch am nächsten Tag führten Sirrah und Leyrah eine schwungvolle Unterhaltung auf ihren Pferden und bezogen Kanintra mit ein. Sie lachten manchmal so schallend, dass die anderen Männer und Frauen sich zu ihnen umdrehten und schmunzeln mussten. Sie liebten Leyrah und waren froh, dass Lyleth seine Herzensdame hatte heiraten dürfen. Nach all den Desastern in der Familie Bay würde sich nun alles zum Guten wenden.

Doch das Unheil lauerte. Gegen späten Vormittag des fünften Tages, gerade bevor die kleine Karawane die mehrstündige Mittagspause einlegen wollte, näherte sich in schnellem Tempo eine Staubwolke. Reiter preschten heran. Sie verringerten ihr Tempo nicht, als sie auf die Medjai zuritten. Da war allen klar, dass diese fremden Reiter in feindlicher Absicht unterwegs waren. Der Anführer der Eskorte wechselte mit Leyrah einen ernsten Blick. Sie nickte ihm zu. Man wollte sich den Angreifern stellen. Sofort wurde die Verteidigungslinie gebildet. Die drei unbewaffneten Frauen mussten mit den beiden Eseln ganz nach hinten weichen, während die sechs Männer einen Halbkreis bildeten, dahinter blieben die drei Kriegerinnen. Leyrah blickte zu den Angreifern und rief dem Anführer der Eskorte zu:
"Das sind mindestens drei Dutzend! Ihr seid nur ein halbes Dutzend. Wir werden euch verstärken!"
"Nein, Lady Bay, bitte, haltet Euch aus dem Kampf heraus!"
Doch bevor er die Bitte formuliert hatte, war sie schon in die Reihe der Männer geritten, genau neben den Anführer, gefolgt von Sirrah und Kanintra. Die anderen Medjai rückten zur Seite, sodass ihre Verteidigungslinie nun verbreitert war.
"Ich bin eine Kriegerin! Ich kann nicht einfach zusehen. Und unsere drei Schwerter könnt ihr gut gebrauchen bei dieser Übermacht."
Leyrah zückte ihr gekrümmtes Langschwert. Äußerlich unterschied die drei Frauen nichts von den Männern. Alle neun trugen die schwarze Kleidung und waren bis auf die Augen verschleiert. Der Feind trug rotschwarze flatternde Gewänder und hatte sie fast erreicht. Sie schwangen bereits ihre Säbel und brüllten furchteinflößend.
"Wer sind die? Kennt ihr die?", fragte Leyrah den Anführer.
"Nein, noch nie gesehen... Sklavenhändler scheinen es nicht zu sein. Sie tragen immerhin so etwas wie Uniformen", erwiderte er und hob gleichzeitig sein Schwert, bereit zum Kampf.
"Kümmert euch nicht um mich, sondern tötet, wen ihr töten könnt!", rief Leyrah noch ihren beiden Leibwächterinnen zu, bevor der Zusammenstoß mit den Feinden erfolgte. Dieser war heftig: Die rotgewandeten Männer ließen ihre Schwerter niedersausen, die Medjai wehrten ab und es entbrannte ein heftiger Kampf. Die Angreifer waren vierfach überlegen und so dauerte es nicht allzu lange, bis einige der Medjai tot oder verwundet zu Boden gegangen waren. Der Anführer der Eskorte lag mit einer klaffenden Wunde im Sand, sein Gegner wandte sich bereits einem anderen Medjai zu. Eine der beiden Dienerinnen rannte zu ihm und versuchte, seine Wunde zu verbinden, damit er nicht so viel Blut verlor. Er presste die Zähne aufeinander, erhob sich, suchte sein Schwert und stürzte sich erneut in den Kampf. Leyrah saß noch hoch zu Ross. Sie hatte schon drei Angreifer ausgeschaltet, zwei davon lagen tot auf dem Wüstensand, der dritte wand sich in Schmerzen. Doch als sie sich umsah, bemerkte sie, dass der Kampf verloren war. Nur noch zwei weitere Medjai saßen auf ihren Pferden, zwei - unter ihnen Sirrah - kämpften auf dem Boden gegen den Feind, Schwert gegen Schwert, und waren bereits verwundet. Der Sand war rot befleckt. Eines der Pferde lag blutüberströmt auf der Seite.
"Ergebt euch! Ergebt euch!", brüllte einer der Rotgewandeten lauthals auf Arabisch.
Doch Leyrah dachte nicht daran, sich zu ergeben. Sie erhob ihr Schwert hoch über ihrem Kopf, ließ ihr Pferd aufsteigen und schrie, so laut sie konnte, den anderen zu:
"Bis in den Tod!"
Beeindruckt hielten die Angreifer einen Augenblick inne und sahen zu der Frau herüber, deren schwarze Verschleierung längst vom Kopf gerutscht war und deren Haare im Winde wehten. Die Medjai kamen der Aufforderung Leyrahs nach. Sie wollten nicht lebendig dem Feind in die Hände fallen. Allzu viele waren schon grausam gefoltert worden, um des Goldes wegen, das sie angeblich in der Wüste bewachten. Sie alle hatten Angst, ihre Geheimnisse durch nicht aushaltbare Folterungen preiszugeben, daher galt bei ihnen allgemein, bei einem Kampf den Tod der Gefangenschaft vorzuziehen. Den Medjai aber tat es um ihre junge Herrin leid. Lady Bay sollte nicht sterben. Aber man konnte die Niederlage nicht mehr verhindern. Und nun befahl sie selbst allen den Tod. So schwangen die Krieger mit letzter Kraft, mit klaffenden Wunden, ihre Schwerter und versuchten den Feind zu dezimieren. Derjenige, der vorher "Ergebt euch" gebellt hatte, ritt geradewegs auf Leyrah zu und hieb auf sie ein, so dass beide zu Boden gingen. Leyrah kam schnell auf die Füße und bekämpfte ihn weiter mit aller Verbissenheit. Bald standen sie sich keuchend gegenüber und um sie herum weitere vier Rotgewandete, die sich nicht trauten, in den Kampf ihres Anführers einzugreifen. Doch auf einmal erblickte er etwas, was ihn, während er und Leyrah von einem äußerst anstrengenden Schlagabtausch inne hielten, grinsen ließ und er schrie ihr zu:
"Schau hin, wie dein Sohn abgeschlachtet wird!"
Leyrah war irritiert. Ihr Sohn? Sie wollte ihrem Angreifer aber nicht den Rücken zukehren, doch der hielt weiterhin sein Schwert gesenkt, um ihr Gelegenheit zu geben, sich umzudrehen. In Hab-Acht-Stellung drehte sie sich langsam um und schaute dahin, wo alle der umherstehenden Männer hinblickten. In etwa zwanzig Meter Entfernung sah sie, wie ein Rotgewandeter das zweijährige Kind, das die kleine Karawane dabei hatte, hochhielt, während ein anderer es langsam mit seinem Dolch von oben nach unten aufschlitzte. Leyrah schrie vor Entsetzen auf. Die Mutter des Kindes lag bereits mit abgeschlagenem Kopf neben dem Kind, ihr war so der grausame Anblick erspart geblieben. Leyrah brüllte vor Wut und stürzte sich auf ihren Gegner, doch der war bereit und wehrte sie ab. In dem Moment wurde Leyrah von vier starken Händen von hinten gepackt und zu Boden geschleudert. Ihr Gegner schlug ihr das Schwert aus der Hand. Drei Männer drückten sie mit den Füßen zu Boden. Dann wurde sie unsanft auf die Füße gestellt, wurde aber sofort von zwei Männern mit eisigem Griff festgehalten, während ein dritter ihre Hände auf dem Rücken zusammenband.
"Gratulation, Lady Bay, Ihr habt Euch lange gehalten!", verhöhnte sie ihr Gegner.
Wütend schaute sie ihn an und spuckte ihm zur Antwort ins Gesicht. Da schlug er sie heftig mit seiner Handkante ins Gesicht, so dass sie abermals zu Boden ging. Sie blieb wie betäubt liegen, wurde aber wieder hochgerissen von ihren Peinigern und ein paar Meter weiter geschleppt. Hier kniete einer der Medjai-Krieger schwer verwundert, daneben lag Kanintra blutend. Einzig Sirrah stand noch, aber auch sie war verwundet. An der Stelle, wo eben das Kind getötet worden war, hatten zwei der rotgewandeten Angreifer eine der beiden Dienerinnen in ihre Mitte genommen und vergewaltigten sie gleichzeitig. Sie schrie laut auf und versuchte sich zu wehren, aber es war zwecklos. Die andere Dienerin lag wie die unglückliche Mutter tot am Boden. Einer der Feinde hatte eine Lanze in den Boden gerammt, ein anderer steckte den abgeschlagenen Kopf des Kindes darauf. Leyrah hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, aber sie hielt es mit aller Kraft zurück.
"Ein schöner Anblick, nicht wahr?", wandte der Anführer der Gegner sich wieder an sie. Er packte sie am Nacken und zog sie ganz dicht vor den aufgepflanzten Kopf. "Sieh hin, du Medjai-Hure! Dein Bastard! Ha! Schau hin, schau ganz genau hin!" Und er schüttelte sie bei diesen Worten mit Nachdruck und warf sie zum Schluss zu Boden. Dann befahl er barsch seinen Männern, die mit unbewegter Miene dem Geschehen folgten:
"Bindet sie alle hinter die Pferde!"
Die Männer rissen Leyrah und Kanintra auf die Füße und schleiften sie zu den Pferden. Wie dem letzten lebenden Krieger und Sirrah wurden ihnen die Hände vor ihrem Körper mit einem Seil zusammengebunden, das Seil wurde schließlich an dem Sattel jeweils eines Pferdes festgemacht. Kanintra konnte sich nicht auf den Füßen halten, sie fiel wieder auf die Knie und ächzte unter furchtbaren Schmerzen. Doch ihr Peiniger kannte kein Erbarmen, er hieb auf sie mit der Pferdepeitsche ein und befahl ihr aufzustehen. Der letzte Medjai-Krieger stand nicht weit von ihr entfernt und sein Seil war lang genug, dass er zu ihr hintreten und ihr abermals aufhelfen konnte. Sie lehnte sich an ihn und er redete auf sie ein, sie solle durchhalten. Keuchend blieb sie an seine Schulter gelehnt. Noch waren die rotgewandeten Männer nicht auf ihre Pferde gestiegen. Er hielt Kanintra so gut es ging mit seinem Körper aufrecht. Die zwei Feinde, die die Dienerin gleichzeitig vergewaltigt hatten, führten sie vor ihren Anführer, der sie feist angrinste und mit einer Geste zu verstehen gab, dass er später noch für sie Verwendung haben würde. Er befahl, sie auf einen der Esel zu binden. Da sie nicht in Kriegergewandung war, traute er ihr offensichtlich nicht zu, einen Fußmarsch durch die Wüste durchzustehen. Sie wurde wie Ware auf dem Esel festgebunden. Ihr Kopf hing an einer Seite, ihre Beine an der anderen herunter. Auf ihrem Rücken wurden Decken gestapelt. Schließlich gab der Anführer das Zeichen zum Aufbruch. Sie nahmen die überlebenden Medjai-Pferde und Esel mit. Zurück blieb ein Anblick des Grauens: Zerstückelte Leiber lagen überall und in der Mitte befand sich die Lanze mit dem Kopf des Kindes.
Die Reiter trieben ihre Pferde voran. Die vier Medjai mussten sich sehr anstrengen, um auf den Füßen zu bleiben. Insbesondere Kanintra kämpfte gegen das Umfallen. Sie stolperte hinter ihrem Pferd hinterher.
Leyrah schmerzte der Kopf, die Gedanken waren wie Nebel in ihrem Kopf. Ihre Lippen waren aufgesprungen, sie verspürte wie alle Gefangenen schrecklichen Durst. Sie hielt ihren Kopf zur Erde geneigt, ab und zu schaute sie besorgt zu Kanintra herüber. Sie kam nicht dazu zu überlegen, was dieser brutale Überfall zu bedeuten hatte, sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich auf den Beinen zu halten. Die Sonne brannte unbarmherzig, es war längst nach Mittag. Ihre Verschleierung hing schlaff und zerfetzt über ihren Schultern. Gern hätte sie damit ihren Kopf verhüllt, um sich vor der Sonne zu schützen, doch dazu gab es keine Gelegenheit. Die rotgewandeten Männer ritten weiter, ohne sich um ihre Gefangenen zu kümmern, die am Ende ihrer Kräfte hinter den Pferden gingen. Es dauerte nicht lange, bis Kanintra zu Boden ging. Doch ihr Reiter hielt nicht an, sodass sie hinterhergeschleift wurde. Sie klammerte beide Hände um das Seil, kein Laut drang aus ihrer Kehle. Sirrah und Leyrah sahen zu ihr herüber, dabei trafen sich ihre Blicke, da Kanintra sich zwischen ihnen befand. Sie lasen gegenseitige Besorgnis, Furcht, aber auch den Willen durchzuhalten und stark zu bleiben, egal, was der Feind ihnen antun möge. In stillem Einvernehmen nickten die beiden sich zu.
Nach einer Weile hielt der Reiter, der Kanintra hinter sich her schleifte, an. Ein anderer Reiter trieb sein Pferd zurück, nahm seine Peitsche und schlug von oben mit aller Wucht auf die beinahe Ohnmächtige ein und befahl ihr aufzustehen. Kanintra rührte sich langsam, stützte sich auf ihren Händen ab und schaffte es unter größter Anstrengung, sich unter den Hieben des Mannes zu erheben. Als sie stand, nickte er dem vorderen Reiter zu und es ging weiter. Kanintra stolperte, aber hielt sich auf den Beinen. Der Mann, der sie geschlagen hatte, blieb nun hinter den vier angebundenen Medjai und hieb abwechselnd auf sie ein. So gingen sie Stunde um Stunde, bis es nicht mehr lange dauern sollte, dass die Sonne am Horizont versank. Die rotgewandeten Männer waren offensichtlich in großer Eile, denn ihr Anführer bellte einen Befehl und auf einmal ließen sie ihre Pferde in einen leichten Trab fallen. Das zwang die Medjai zu laufen. Doch für Kanintra war es zu viel. Ihre Verletzungen waren viel zu schwer, als dass sie laufen konnte. Sie fiel wieder zu Boden und ließ sich mitschleifen. Mit letzter Kraft hielt sie sich am Seil fest. Immer noch drang kein Laut von ihren vor Durstqualen aufgesprungenen Lippen. Leyrah blickte wütend auf die Reiter vor sich. Verdammt, hatten sie denn überhaupt kein Mitgefühl? Warum nahmen sie Kanintra nicht auf eines der vielen freien Pferde? Sie selbst nahm all ihre Kraft zusammen und rannte tapfer weiter. Sie versuchte, die schmerzenden Kampfeswunden zu ignorieren, den Durst, die Trauer, die Verzweiflung. Sie durfte sich nur darauf konzentrieren, durchzuhalten. Sie sah Sirrah und dem Krieger an, dass sie ähnlich dachten. Als die Sonne schließlich untergegangen und es nach einer Weile stockdunkel war, wurde angehalten. Leyrah fiel völlig erschöpft zu Boden, doch sie sah aus den Augenwinkeln, dass Sirrah sofort zu Kanintra geeilt war und sie tatsächlich auch erreichen konnte. Sie hob die Kampfgefährtin auf und hielt ihren Kopf in ihren Armen. Von Kanintras Gesicht war kaum noch etwas zu erkennen. Alles war zerschrammt, auch ihre entblößten Arme. Tiefe Wunden hatten sich in ihre Handrücken und Pulse geschnitten, dort wo das Seil gegengescheuert war. Sirrahs und Leyrahs Blicke trafen sich abermals. Da wusste Leyrah, dass Kanintra es geschafft hatte. Sie neigte ihren Kopf zur Erde und schluchzte tief in sich hinein. Sirrah streichelte der toten Kameradin über die Haare, während Leyrah und der Krieger, der sich erschöpft hatte fallen lassen, traurig und ernst zu den beiden Kriegerinnen hinüberschauten. Doch es dauerte nicht lange, bis Sirrah gewaltsam hochgerissen wurde. Emotionsgeladen vergaß sie ihre Lage und brüllte den Feind voller Wut an:
"Ihr Bestien! Ihr ehrenlosen Hurensöhne!"
Doch sie kam nicht weit mit ihren Beschimpfungen, denn er schlug ihr mit der Hand so stark ins Gesicht, dass sie hintenüber kippte und regungslos liegen blieb. Leyrah stockte der Atem. Sie waren der Brutalität dieser Leute vollkommen ausgeliefert und es scherte diese Männer dabei überhaupt nicht, ob jemand umkam. Warum haben sie uns dann eigentlich gefangenen genommen, fragte sie sich entsetzt. Lange Zeit zum Überlegen hatte sie nicht, denn auch sie wurde hochgerissen, ebenso wie der Krieger und auch Sirrah. Man brachte sie alle drei ein Stück weiter, warf sie rücksichtslos auf den Boden und band ihnen jeweils die Hände auf dem Rücken mit den Beinen so zusammen, dass der Körper sich nach hinten krümmen musste, was auf Dauer äußerst schmerzhaft wurde. So lagen die drei in ihren zerfetzten schwarzen Gewändern nebeneinander, unfähig, sich gegenseitig Mut zuzusprechen, denn ihre Kehlen waren wie ausgedörrt und ihre Köpfe dröhnten, ihre Glieder schmerzten, ihre Wunden waren unversorgt geblieben. Sie konnten sich, so bewegungsunfähig gefesselt, nicht rühren und wurden streng bewacht. An Flucht war nicht zu denken, aber an Schlaf auch nicht, denn ihre Schmerzen erlaubten ihnen nicht, gnädig in das Reich der Träume hinüberzugleiten. Hinzu kamen die nahen Schreie, die von der Dienerin stammten und den drei Kriegern Schaudern über den Rücken jagten. Sie konnten es zwar nicht sehen, aber ahnten, wie hart die Männer mit ihr umgingen, die kein Mitleid weder mit der wehrlosen Frau noch mit ihnen hatten. Ein gellender Schmerzensschrei zerriss die Nacht; und Leyrah wusste, dass die Frau die Torturen nicht überlebt hatte. Nun waren sie nur noch drei... Leyrah überlegte verzweifelt, was diese rotgewandeten Männer im Sinn hatten. Sie fürchtete die Folter. Aber wenn die Männer sie weiter unbedenklich umkommen lassen würden, bliebe bald niemand mehr übrig, den sie foltern konnten. Leyrah konnte nicht mehr denken, sie ächzte vor Schmerzen und ergab sich ihrem traurigen Schicksal.
Nach ein paar Stunden - es war noch stockdunkel - wurden die drei Medjai hochgerissen und wieder hinter die Pferde gebunden. Sie spürten nach den Fesseln, die ihnen in der Nacht angelegt worden waren, ihre Glieder nicht mehr. Ihre Füße waren vom gestrigen Marsch wundgescheuert und taten nun, da sie wieder gehen mussten, unbeschreiblich weh. Sie stolperten mehr als dass sie gingen. Leyrah wusste, dass sie das nicht mehr lange ertragen konnte. Doch sie hatte voller Schrecken das Bild von Kanintra vor Augen, wie sie unbarmherzig hinter dem Pferde hergeschleift worden war und zu Tode kam. Würde es ihnen allen so gehen?
Wider Erwarten mussten sie nicht lange marschieren. Als die Sonne aufgegangen war, hielt der Trupp an, es mochten vielleicht drei Stunden vergangen sein. Die Medjai fielen erschöpft zu Boden. Die Männer rollten Teppiche auf dem Wüstenboden aus, daneben dünne Decken. Dann rissen sie die drei Gefangenen wieder auf die Füße und führten sie zu den Teppichen. Leyrah und Sirrah sahen zu, wie der Krieger erneut gefesselt wurde, diesmal aber so, dass der Strick seinen ganzen Körper mehrfach umschlang, sodass er sich nicht mehr rühren konnte. Man knebelte seinen Mund, dann ergriffen ihn zwei Männer und legten ihn auf das Tuch. Dieses wurde um ihn gewickelt und auch mit Stricken verschnürt. Schließlich rollte man ihn in den Teppich und warf ihn auf eines der Pferde. Leyrah und Sirrah wussten, das man sie gleich genau so verschnüren und verbergen würde. Tatsächlich wurde mit ihnen ohne Verzug genau so roh verfahren. Zunächst war es eine Erleichterung, nicht mehr laufen zu müssen, aber es war heiß und stickig in den Teppichen, es war dunkel und bedrückend. Im Dunkel des Teppichs konnten sie nicht einschätzen, wie die Zeit verging und wo sie hingebracht wurden. Sie fühlten sich noch ausgelieferter als zuvor. Die Enge und das brutale Gebundensein machte die drei halb wahnsinnig. Nach endlos erscheinender Zeit wurden sie von den Pferden heruntergehoben, aber nicht aufgewickelt. Sie wurden wie Ware getragen und nach einigem Auf und Ab in den dunklen und dumpfen Hüllen, die kaum einen Laut von draußen zu ihnen dringen ließen, auf einem harten Etwas fallen gelassen. Immerhin dämpften die Teppiche den Fall ab. Niemand rollte die Teppiche auf. Sie wurden einfach in den Hüllen mit ihren Knebeln gelassen, voller Angst vor der Enge und Wehrlosigkeit, unvorstellbare Durstqualen erleidend, unfähig zu schreien, da die Knebel mit einem Holzstück allzu fest angebracht waren und ihre Mundwinkel bereits eingerissen hatten. Es schien, als ob der Feind sehr wohl darauf bedacht war, dass sie niemand bemerkte und sie sich auch nicht bemerkbar machen konnten. Selbst die Füße waren fest zusammengebunden worden. Die drei Medjai waren bewegungsunfähig und mussten einfach erdulden, was mit ihnen gemacht wurde. Sie mussten abwarten, und dieses Warten raubte allen drei fast den Verstand. Sie ahnten zwar, dass sich die jeweils anderen beiden in ihrer Nähe befanden, aber wie trostreich wäre nur ein Wort von ihnen gewesen, das Spüren ihrer Nähe, und wie sehr lechzten sie nach nur einem Tropfen Wasser.
Es schien, als würde dieses Martyrium nie zu Ende gehen. Stunden, die ihnen wie Tage vorkamen, vergingen. Sie bemerkten, dass es schaukelte und schlossen daraus, dass sie wohl auf einem Schiff sein mussten. Also hatte man sie zum Nil gebracht und fuhr nun stromabwärts, da das Schiff ruhig mit dem Strom schwamm. Leyrah glaubte, in dem Teppich mit dem Knebel im Mund ersticken zu müssen. Ihr war so schlecht, sie hatte Angst, dass sie sich erbrechen musste. Immerhin war sie im dritten Monat schwanger. Sie wusste, es würde ihr Tod sein, wenn sie sich in dieser Situation übergeben würde und sie betete zu allen möglichen Göttern, dass das nicht der Fall sein würde. Überhaupt war das Gebet der einzige Trost in ihrer jetzigen Lage. Wie dankbar war sie, dass sie das harte Training ihrer Kriegsausbildung durchlaufen hatte! Dort hatte man sie gelehrt, wie sie mit Situationen wie dieser umgehen musste, man hatte sie damals auch Schmerzen unterworfen und ihr versucht beizubringen, wie sie diese zu unterdrücken hatte, und auch, wie man der Folter standhalten konnte. Sie ahnte, dass man sie foltern würde, damit sie das Geheimnis von Hamunaptra verraten würde... Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken an Folter. Nein, rief sie sich zurück, mir darf nicht schlecht werden, bitte, Allah, sei gnädig, lass mich das durchstehen, bitte befreie uns, stehe uns bei!

Tatsächlich vergingen zwei Tage, bis die Männer ihre "Ware" wieder vom Schiff auf Pferde verluden und abermals in Richtung Wüste ritten. Als sie außer Sichtweite jedweder Behausung waren, luden sie die drei Teppiche ab und wickelten die Gefangenen aus. Sirrah gab zunächst kein Lebenszeichen von sich, doch als man sie mit Wasser besprengte, öffnete sie die Augen und sah stumm vor sich hin. Leyrah und dem Krieger ging es nicht viel besser. Völlig erschöpft saßen sie auf dem Sand, sie waren unfähig, zu sprechen und sich zu bewegen. Ihre Lippen waren rissig, ihre Augen dumpf. Die Männer lachten, aber immerhin banden sie sie nicht wieder hinter die Pferde, sondern setzten sie dieses Mal auf diese, die Hände vorn am Sattelknauf gefesselt. Wasser gaben sie den jammervollen Gestalten indessen nicht. Sie ritten noch bis zum Abend. Einmal hatten sie zwar gerastet, nämlich zur heißen Mittagszeit, hatten sich aber nicht die Mühe gemacht, die Gefangenen von den Pferden zu binden. So mussten sie in sengender Hitze auf ihnen sitzen bleiben und warten, bis die Männer ausgeschlafen waren und sich anschickten weiterzureiten.
Im Dunkeln erreichten sie einen Ort, der aus mehreren Gebäuden bestand, die um einen Platz herum aneinandergereiht angebracht waren. Sie mussten einen Bogen geritten sein, denn dieser Ort lag wieder im grünen Gürtel des Landes direkt neben dem Nil, allerdings genau auf der Grenze zur Wüste. Umgeben wurde der Ort von einer hohen Mauer. Die Menschen dahinter hatten also etwas zu verbergen. Tatsächlich erschienen oben auf den Mauern mit Gewehren bewaffnete Wachposten und sahen neugierig herunter, um wen es sich bei der Karawane handelte. Der Anführer der Männer bellte eine Parole und man wurde ins Innere hereingelassen. Kaum angekommen, zerrte man die drei Gefangenen von den Pferden. Man führte sie in eines der Gebäude und verteilte sie in drei Verließe. Erst hier nahm man ihnen die Fesseln ab.
Leyrah sank zu Boden. Vor ihr verschwamm der Fußboden zu einem dunklen Ozean. Ihr war schwindelig. Sie stützte sich mit den Händen ab, damit sie nicht ganz hinfiel. Sie gewöhnte ihre Augen an die Dunkelheit. Das Verließ wurde nur durch den Spalt unter der Tür etwas beleuchtet. Es war fast ganz dunkel. Außer nackten Wänden erblickte Leyrah nichts. An einer Seite befand sich ein Mauervorsprung. Der Fußboden bestand lediglich aus festgestampftem Lehm. Leyrah betastete langsam ihren Körper. Zuerst fuhr ihre Hand über ihren Bauch, in dem sich ihr Kind befand. Es musste noch ganz klein sein und Leyrah hoffte, dass es keinen Schaden genommen hatte. Sie wollte lieber nicht daran denken, wie unwahrscheinlich es war, dass es überhaupt das Licht der Welt erblicken würde. Ihre einzige Hoffnung bestand darin, dass Lyleth oder andere Medjai sie hier finden würden. Wenn sie aber an die Vorsichtsmaßnahme mit den Teppichen dachte, bestand kaum Hoffnung, dass man sie finden würde. Leyrah ahnte, dass es noch schlimmer kommen würde. Gewiss würde man sie foltern, um etwas zu erfahren. Sie war zu matt, um weiter wach zu bleiben. Langsam legte sie sich auf den Boden und krümmte sich zusammen. Doch ihr Durst plagte sie so sehr, dass sie kaum fähig war zu atmen. Ihre Kehle war so ausgedörrt... Warum gab man ihr nicht wenigstens einen Schluck Wasser? Es hatte keinen Zweck zu jammern. Sie musste abwarten. Sie war in der Gewalt ihrer Feinde und eigentlich müsste sie darauf hoffen, dass sie starb, bevor sie sie der Folter unterwerfen würden...

Leyrah wusste nicht, wie lange sie so da lag, erschöpft, von Schmerzen erfüllt, mit quälendem Durst... sie vernahm ein Geräusch. Die Tür wurde geöffnet. Sie konnte sie nicht sehen, da sie mit dem Rücken zur Tür lag. Ob man ihr endlich Wasser brachte? Sie sah ihre Hand vor ihrem Gesicht, die wie eine vertrocknete Kralle um Wasser bat. Ein heiserer Laut drang aus ihrer Kehle, der eine flehendliche Bitte darstellte: O gebt mir doch endlich nur einen Schluck Wasser! Doch die Antwort auf ihr nicht zu verstehendes Flehen war ein verhöhnendes Lachen.
"So, das ist also die Fürstin der Medjai!", hörte sie eine Männerstimme sprechen. "Schau an, sie liegt genau da, wo sie hingehört!" Der Mann unterstützte seine Worte mit einem Tritt in ihr Kreuz. Leyrah ächzte laut auf. Es ergriff sie tiefste Verzweiflung. Würden diese Männer nie aufhören, sie zu quälen? Verdammt, sie hatte keine Kraft mehr. Warum machten sie nicht einfach ein Ende? Auf einmal wurde sie von zwei starken Männerarmen halb aufgerichtet. Ihr Kopf kippte erschöpft nach vorn. Derjenige, der sie hielt, griff nun in ihr Haar und zog ihren Kopf nach hinten, so dass sie geradewegs demjenigen ins Gesicht schauen konnte, der sie zuvor verhöhnt hatte. Da ein weiterer Mann nahe der Tür stand und mit einer Fackel das Verließ erleuchtete, konnte sie ihren Peiniger erkennen. Er hatte sich auf den Mauervorsprung gesetzt und grinste sie von oben herab an.
"Herzlichen Willkommen, Lady Leyrah Bay!" Er parodierte eine Verneigung. "Es ist mir eine Ehre, die Fürstin aller Medjai hier begrüßen zu dürfen!"
Leyrah sah ihn mit stumpfem Blick an. Wasser, dachte sie, Wasser...
"Oh, Mylady, ich muss mich für die üble Behandlung durch meine Männer entschuldigen." Er lachte laut auf. "Es tut mir leid, aber sie taten das nur auf meinen Befehl!" Er lachte wieder. "Seht, Mylady, ich habe eine persönliche Rechnung mit den Bays offen, und Ihr habt die Ehre, die erste zu sein, die bezahlen wird." Er lachte abermals, dann erhob er sich abrupt und schlug Leyrah mit aller Wucht ins Gesicht. Leyrah entfuhr ein heiserer Aufschrei. Wäre sie nicht gehalten worden, wäre sie zu Boden gegangen.
"O verzeiht, Mylady, aber das war noch nicht alles. Ich komme bald wieder."

Beim nächsten Erwachen lag Leyrah wie betäubt da und vermochte sich kaum mehr zu rühren. Langsam öffnete sie Augen. Sie lag zwar auf dem Rücken, aber der Kopf war nach links geneigt. Es dauerte lange, bis sie eine Art Gefäß wahrnahm, das sich unweit ihres Gesichtes befand. Leise keimte in ihr der Gedanke auf, es könne Wasser in dem Gefäß sein. Noch war sie unfähig, sich auch nur zu rühren. Aber das Verlangen nach Wasser siegte und sie schaffte es, ihren rechten Arm über ihren Körper zu hieven und sich mit beiden Händen langsam abzustützen, so das sie sich ein bisschen aufrichten konnte. Sie neigte sich über das Gefäß und tatsächlich befand sich dort Wasser drin, stellte Leyrah erleichtert fest. Wasser! Wasser... wenn sie jetzt trinken würde, würde sie weiter leben und man würde sie auch weiter quälen, sie könnte Geheimnisse unter der Folter gestehen... nein, sie durfte nicht trinken, sie musste warten, bis der Tod sie holen würde... aber der Durst war so quälend... Sie starrte in das kühle Nass, das sich unter ihrem Gesicht befand. Vielleicht würde Lyleth sie ja noch rechtzeitig befreien können... sie konnte nicht mehr denken... sie hatte auch nicht mehr lange Kraft, um sich abzustützen... Da sie ihre Hände zum Stützten benötigte, konnte sie das Gefäß nicht zum Mund führen. Wie ein Hund näherte sie sich dem Gefäß und befeuchtete erst mehrmals ihre Lippen. Sie wusste, dass sie nicht sofort trinken durfte. Sie schlürfte einen Schluck Wasser und ließ es im Munde kreisen, bevor sie es vorsichtig herunterschluckte. Dann ließ sie sich wieder langsam zurück zu Boden gleiten. Eine Weile später, wenn sie wieder die Kraft haben würde, sich erneut abzustützen, würde sie den Vorgang wiederholen, langsam, Schluck für Schluck. Sie hatte sich für das Leben entschieden, aber auch für die Folter, so viel war ihr klar. Sie schaute auf ihren linken Handrücken, der vor ihrem Gesicht zu liegen kam, und fixierte ihre Tätowierung dort. Sie war eine Kriegerin, sie durfte sich nicht schwach zeigen, sondern musste jetzt stark bleiben. Sie ballte die Hand zur Faust. Ich werde stark bleiben, ich bin eine Medjai, was auch immer sie mir antun werden... ich werde tapfer sein...

Da der Durst nicht mehr quälend war, nickte Leyrah ab und zu ein, doch sie blieb fast unbeweglich auf dem Boden liegen. Irgendwann nahm sie wahr, wie wieder die Zellentür geöffnet wurde. Mehrere Schritte drangen an ihr Ohr und bald darauf hob man sie halb hoch, so dass sie sitzend auf ihren Besucher schauen konnte, der sich ebenfalls wieder ihr gegenüber auf den Vorsprung gesetzt hatte. Es war wieder er, der sie geschlagen hatte. Er hielt einen Becher in der Hand.
"Du hast dich sicherlich gefragt, wer dir hier so großzügig Gastfreundschaft gewährt hat", eröffnete er gewohnt ironisch das Gespräch.
Das hatte sich Leyrah zwar nicht gefragt, weil viel zu viel Nebel in ihrem Kopf war, aber sie entgegnete ihm besser nichts, sondern wollte abwarten, was er eigentlich von ihr wollte.
"Nunja, liebe Leyrah, ich bin ja quasi dazu verpflichtet, denn du bist nicht nur mein Gast, sondern meine Verwandte."
Als wäre es ein besonders guter Witz, brach er wieder in schallendes Gelächter aus. Leyrah dröhnte der Kopf. Nein, sie wollte nicht über seine Worte nachdenken. Er würde es ihr sowieso gleich offenbaren. Und richtig...
"Da staunst du, was? Naja, du bist ja nur eine eingeheiratete Bay." Seine Stimme klang hochnäsig. "Aber ich... ja, ich bin ein direkter männlicher Erbe von Boreth Bay. Genau wie dein Lyleth bin ich ein Urenkel von Boreth Bay." Er grinste breit. "Dir sagt doch sicherlich der Name Boreth Bay etwas, nicht wahr?"
Ja, Leyrah kannte die Bay-Familiengeschichte von klein auf. Boreth Bay war der Vater von dem vor über einem Jahr verstorbenen Ardeth Bay gewesen. Sie wusste, dass Boreth Bay ein sehr schwieriges Leben gehabt hatte, da zu seiner Zeit die Europäer unbarmherzig damit begonnen hatten, Ägyptens Schätze zu plündern, ganze Wände aus Tempeln zu reißen und Pylone abzutragen, um sie in Europa oder Übersee aufzustellen. Und sie wusste, dass Boreth Bay neben seinem Sohn Ardeth auch einen anderen gehabt hatte, Setna Bay, der wegen seiner Untaten verbannt worden war. Vor ihr stand also der Enkel von Setna Bay.
"Mein Großvater Setna hat mich den Hass gegen alle Bays gelehrt", sprach er kalt. "Und jetzt wird es Zeit, dass wir uns rächen - dafür, dass man uns so in den Staub geworfen hat. Du sagst ja gar nichts, Leyrah! Freust du dich nicht, einen Verwandten wiederzusehen?" Er lachte höhnisch auf. "O du hast Angst, das kann ich bis hierhin spüren. Und zu Recht! Denn du bist meiner Rache ausgeliefert. Du hast gesehen, was meine Männer mit deinem Sohn gemacht haben. Deinem einzigen Sohn! Ha, sie haben mir berichtet, wie sie seinen Kopf auf eine Lanze gesteckt haben! Wie wird sich dein geliebter Lyleth, dieser Bastard, freuen, wenn er seinen Sohn so vorfindet!" Es folgte eine ganze Lachsalve. Leyrah wurde schlagartig klar, dass er plante, alle Bays aus Rache auszurotten. Sie dachte nicht daran, ihm höhnisch zu entgegnen, dass es gar nicht ihr Sohn gewesen war. Besser, er blieb in dem Glauben, dass der kleine Ardeth tot sei. Verdammt, sie musste entkommen und alle warnen! Nur wie...?
"Oh wie tapfer! Sie verzieht ja gar keine Miene bei dem Gedanken an ihren toten Sohn!", sprach er weiter. "Nunja, sie ist ja auch eine Kriegerin, nicht wahr? Man hat es ihr beigebracht! Tapfer, tapfer! Aber mit deinem Kriegerinnen-Dasein ist es nun vorbei, Leyrah! Du wirst von jetzt an eine Hure sein!" Wieder das grässliche Lachen! "Eine Hure, jawohl! Da kannst du wirklich zeigen, was du drauf hast!"
Leyrah sah ihn immer noch mit unbewegter Miene an. Er konnte mit ihr machen, was er wollte, ihre Seele würde ihr gehören und unantastbar sein. Sie musste sich fortan darauf konzentrieren, hier zu entkommen, um die Medjai vor diesem Wahnsinnigen zu warnen.
"Weißt du, da schlagen wir doch glatt zwei Fliegen mit einer Klappe." Er hielt ihr den Becher entgegen. "Weißt du, was das hier enthält? Nein? Ach, woher solltest du das auch wissen?"
Wenn er doch endlich zum Punkt kommen würde! Scheinbar hörte er sich gern reden. Er kostete seine Rache wahrlich aus.
"Ich sag es dir, mein Kind. Es ist ein Gift. Ja, wirklich. Ich muss doch vorsorgen. Nicht, dass dein Lyleth kommt und dich befreit und viele weitere Bay-Bastards zeugen wird. Ja, mach dir nichts vor, du bist nur eine Zuchtstute. Eine Bay-Hure. Dass sie dich überhaupt das Bett haben verlassen lassen, wundert mich! Du bist doch nur dazu da, deine Beine breit zu machen, um zu empfangen und zu entlassen!" Er wollte sich schier kaputt lachen. "Wenn ich dein Herr wäre, ich hätte dich nicht aus dem Zelt gelassen, sondern von morgens bis abends gefickt. Aber die Bays sind ja dumm! Du siehst, es wird Zeit für einen neuen Mann im Clan. Tja, liebe Leyrah, und der werde ich sein. Ich werde alle Bays auslöschen. Jetzt, wo dein Bastard tot ist, bleiben ja nur noch Lyleth und der alte Ardjun. Beide werde ich beseitigen lassen. Dich werde ich gleich unfruchtbar machen, nicht, dass dir wer anders einen dicken Bauch macht und du behauptest dann, er wäre ein echter Bay. Das trau ich euch Bagage nämlich zu! Und dann komme ich, wenn alle weg sind. Und so blöd und treudoof, wie diese Medjai sind, werden sie mir folgen, denn ich bin ja ein echter Bay, der letzte seiner Art." Er lachte triumphierend. Leyrah schaute ihn immer noch scheinbar ruhig an. Als seine Gelache verklungen war, meinte sie mit klarer Stimme:
"Sie werden dich nie anerkennen. Dein Großvater wurde verbannt und von der Bay-Nachfolge ausgeschlossen sowie alle seine Nachkommen. Das wissen alle Medjai und niemand wird dir folgen!"
Sein Gesicht war schlagartig weiß geworden. Er hatte nicht erwartet, dass Leyrah seinen triumphal gestalteten Monolog irgendwie kommentieren würde. Impulsiv hatte er sie ohrfeigen wollen, doch er hielt immer noch den Becher in seiner rechten Hand. Der Becher! Das würde sie zum Schweigen bringen und seinen Triumph vervollständigen.
"Hüte deine Zunge, Leyrah! Ich werde sie dir sonst herausschneiden! Ha, ganz so, wie man das bei Imhotep gemacht hat!"
Leyrah sah ihn erschrocken an und er genoss seinen wohl platzierten Streich.
"Hast du vergessen? Ich bin ein Bay! Ich teile alle eure Geheimnisse! Ich weiß, worauf ihr aufpasst. Und ich werde das auszunutzen wissen. Na, wird dir endlich bange? Schau dich um! Ich habe eine Armee aufgebaut. Ich bin mächtiger als mein Vater und mein Großvater geworden. Sehr viel mächtiger. Ich habe die Macht, die Medjai zu beherrschen und ich werde Imhotep für meine Zwecke einsetzen." Er lachte wieder. "Aber keine Bange, deine Zunge werde ich dir doch lassen, denn du brauchst sie noch! Nein, nicht zum Reden, dafür nun wahrlich nicht. Du bist nur eine Frau, Schätzchen, du brauchst deine Zunge für etwas anderes. Das werde ich dir noch beibringen, wenn es dein Lyleth noch nicht getan hat, keine Sorge." Er lachte anzüglich. "So, und wo wir gerade beim Thema sind: Dieser Trank hier wird dich unfruchtbar machen. Keine kleinen Bastarde mehr. Das wäre zudem hinderlich für deinen künftigen Broterwerb als Hure. Jeder Bordellbesitzer wird dafür einen Aufpreis für dich bezahlen. Na, dann wollen wir doch mal Wertaufbesserung betreiben!" Er erhob sich. Leyrah sah ihn erschrocken an. Unfruchtbar... nein, das durfte sie nicht zulassen. Schon neigte er sich zu ihr herab und hielt ihr Kinn mit seiner linken Pranke fest, versuchte, ihren Kiefer aufzudrücken. Die beiden anderen Männer hielten sie immer noch. Mit fast übermenschlicher Kraft riss Leyrah ihren linken Arm hoch und hieb damit gegen seinen rechten, so dass ihm der Becher aus der Hand fiel und sich der Inhalt über dem Boden ergoss. Setna Bays Enkel schrie laut fluchend auf. Sofort schlug er Leyrah mit seiner linken Hand ins Gesicht.
"Dafür wirst du büßen, du elendes Weib!" Er trat ihr in den Unterleib. Leyrah stöhnte laut auf und hielt sich den Bauch mit der freien linken Hand. "Warte, ich komme wieder, du Hure!" Er rauschte aus der Zelle, seine beiden Untergegebenen folgten ihm und ließen eine verzweifelte Leyrah zurück, die hoffte, dass sein Vorrat an diesem Gebräu nicht unerschöpflich war und sie mit ihrer Verzweiflungstat Zeit gewonnen hatte. Zeit, in der Lyleth ihr hoffentlich zu Hilfe eilen würde...

Doch weder Lyleth noch andere Hilfe kam. Soviel Leyrah auch betete, niemand rettete sie. Von außen her drangen gellende Schreie. Sie erkannte Sirrahs Stimme. Man folterte sie also. Leyrah schien es, als würde sie wahnsinnig werden. Ihr eigener Körper schmerzte überall, sie hatte immer noch Durst, denn außer einem halbvollen Becher Wasser hatte sie bislang nichts erhalten, von Essen ganz zu schweigen. Von draußen her drangen die Klagelaute ihrer besten Freundin, die furchtbare Schmerzen unter der Folter zu erleiden schien, und sie selbst erwartete ihren Peiniger, der ihr einen Trank geben wollte, der sie als Ehefrau von Lyleth unbrauchbar machte. Ihr einziger Trost war, dass man ihren kleinen Sohn nicht getötet hatte, wie man es geplant hatte.
Wie lange es gedauert haben mochte, bis der Enkel von Setna Bay zurückkehrte, wusste sie nicht. In ihre Zelle drang nur schwach der Schein von Fackeln, die im Gang brannten. Tage und Nächte vermochte sie nicht zu zählen. Aber er kehrte zurück, wieder mit einem Becher in der Hand. Hinter ihm waren drei Männer, ebenfalls in rot gekleidet wie diejenigen, die sie überfallen hatte. Ihr Herr trug allerdings ein schlichtes schwarzes Gewand mit einem ebenfarbigen Überwurf.
"Guten Morgen, Leyrah, gut geschlafen? So, dann wollen wir mal!"
Seine Begleiter drückten Leyrah augenblicklich und hart zu Boden. Zwei hielten sie so fest, dass sie sich nicht rühren konnte. Der dritte nahm ein Messer und fuhr ihr damit rücksichtslos zwischen die Lippen und ihre Zähne, die sie in allerletzter Verzweiflung zusammengepresst hatte. Es dauerte nicht lange, bis er ihren Mund gewaltsam geöffnet hatte. Er hielt das Messer zwischen den Zähnen und setzte einen Trichter an. Sein Herr beugte sich grinsend über die vollkommen wehrlose Leyrah und ließ den Trank langsam in den Trichter einsickern. Es half alles nicht, Leyrah musste den Trank schlucken.
Als der Becher leer war, wartete er eine Weile, bis er sicher war, dass Leyrah alles hinuntergeschluckt hatte, dann gab er seinen Begleitern einen Wink. Diese ließen von Leyrah ab und verließen die Kammer.
"So, mein Täubchen, das wird jetzt ein paar Tage wehtun... danach wirst du dich dann gleich an die Arbeit machen. Also, erhol dich schön! Wir brauchen dich noch! Du musst schließlich für den Trank und unsere zuvorkommende Gastfreundschaft noch bezahlen." Er machte eine obszöne Geste und verließ die Zelle. Leyrah hatte die Augen zusammengepresst. Ihren Magen durchfuhr ein jäher Schmerz, der sich bis zum gesamten Unterkörper ausbreitete. Sie fiel zur Seite, krümmte sich zusammen und stöhnte jammervoll. Es war ein grässlicher Schmerz. Wie tausend Dolche, die auf sie einstachen. Sie winselte und wand sich hin und her, doch nicht lange, denn sie konnte die Schmerzen nicht länger ertragen und wurde ohnmächtig.

Als sie wieder erwachte, hatte ihr jemand ein Kissen unter den Kopf geschoben. Eine Decke war zudem über sie gebreitet. Sie fror jämmerlich und zitterte am ganzen Körper. Als sie die Augen halb benommen öffnete, sah sie die Umrisse einer Frau, die neben ihr saß und ihr eine Hand hielt.
"Schlaf, Mädchen, schlaf weiter", murmelte sie beschwichtigend. Leyrah nickte tatsächlich wieder ein. Ihr Körper war viel zu erschöpft.
Die Frau war immer noch da, als beim nächsten Mal wieder zu sich kam. Sie hob ihr fast liebevoll den Kopf an und flößte ihr lauwarmen Tee ein.
"Du musst viel trinken, denn du hast viel Flüssigkeit verloren", erklärte sie ihre barmherzige Tat und ließ Leyrah noch einmal trinken. Schwach sank sie wieder in ihr Kopfkissen zurück. Ihr Unterkörper fühlte sich wie eine einzige brennende Masse an. Nach und nach versuchte Leyrah ihren Körper gedanklich zu erfassen. Sie bemerkte, dass man ihr die lange Hose ausgezogen hatte. Es fühlte sich feucht an ihren Oberschenkeln an. Die Frau neben ihr, die eine schlichte schwarze Galabiya trug und einen Schleier von der gleichen Farbe, gab ihr in regelmäßigen Abständen zu trinken. Nach einer Weile hob sie die Decke und Leyrahs Kriegergewand, das sie bis mit Ausnahme des Gürtels immer noch anhatte. Sie entfernte Leinentücher, die um Leyrahs Unterkörper geschlungen waren und legte neue an. Leyrah sah, dass die alten blutdurchtränkt waren und erschrak. Die Frau erklärte ihr, dass sie einen Blutsturz gehabt hätte und jetzt viel ruhen und trinken müsse.
"Das Kind?", fragte Leyrah mit schwacher, bebender Stimme.
Die Frau schüttelte mit dem Kopf. Sie hatte also eine Fehlgeburt gehabt. Tränen traten ihr aus den Augenwinkeln.

Leyrah dämmerte benommen vor sich hin. Zwischendurch bekam sie mit, dass der Bay-Enkel die Zelle betrat, mit der Frau diskutierte und wieder wegging. Sie öffnete die Augen nicht in seiner Anwesenheit, sie wollte nichts mehr sehen. Später bemerkte sie, wie die Frau ihr ihre lange Hose wieder anzog. Offenbar blutete sie nicht mehr zwischen den Beinen. Als sie ihr danach zu trinken gab, lächelte die Frau schwach. Leyrah wusste, sie hatte es überstanden und würde überleben. Sie musste jetzt sehr stark sein, denn es galt, die Medjai zu warnen. Die Frau hatte ihr auch zu essen gegeben und sie nach ihren Möglichkeiten gewaschen. Sie streichelte ihr manchmal mitleidig über das Haar. Als der vermeintliche Bay-Erbe das nächste Mal kam, konnte die Frau jedoch nicht verhindern, dass er Leyrah wieder für gesund genug erklärte. Er entließ die Frau aus ihrem Dienst. Sie warf einen traurigen Blick auf die immer noch krank daliegende Leyrah und verließ die Zelle. Leyrah erwiderte ihren Blick und versuchte dabei dankbar zu lächeln. Sie erblickte hinter ihrem Peiniger die obligatorischen zwei Gefolgsleute, die er mit einem Wink anwies, Leyrah hoch zu helfen. Rüde rissen sie die Kriegerin hoch, die sich bemühte, ein Ächzen zu unterdrücken. Der Enkel von Setna trat dicht vor ihr und grinste abermals höhnisch.
"Ich sehe, du hast eine starke Konstitution, Leyrah! Nun gut, die wirst du aber auch in Zukunft brauchen."
Mit einem Ruck drehte er sie um 180 Grad um, so dass sie mit dem Rücken zu ihm stand. Die beiden Männer ergriffen ihre Oberarme und hielten sie fest.
"Das mit der Fehlgeburt tut mir wirklich leid", höhnte er weiter, "aber ein Baby hätte sowieso nur gestört. Sei also froh, dass es weg ist."
Er drückte gegen ihren Rücken, so dass sie sich nach vorn neigen musste. Die Männer hielten sie in der Position. Leyrah ahnte, was er mit ihr vorhatte und ihr wurde schlecht bei dem Gedanken. Wehrlos musste sie die Vergewaltigung über sich ergehen lassen. Sie hörte, wie er seine Hose öffnete. Sie schluckte und befahl sich selbst, jetzt nicht zu jammern, sondern durchzuhalten. Ihre Ausbildung kam ihr wieder zugute. Sie versuchte, sich gegen die Entehrung und die Schmerzen zu wappnen. "Ich bin eine Medjai-Kriegerin, niemand kann mir etwas tun, wenn ich es nicht selbst zulasse. Ich werde stark sein und nicht dem Feind gehören."
Doch sie bebte am ganzen Körper, als er ihre Hose herunterzog und ihre Backen auseinanderdrückte. Er kostete seinen Triumph aus, indem er sie eine Weile so entwürdigend hielt.
"Nun wirst du lernen, wie du dir in Zukunft dein Fressen verdienen musst!"
Leyrah schaffte es nicht, einen lauten Schmerzensschrei zu unterdrücken. Es fühlte sich an, als würde er ihren ganzen Unterkörper zerreißen wollen, der zudem immer noch von der Fehlgeburt schmerzte. Und er wollte nicht aufhören und löste gleißende Schmerzen aus. Sie wollte heulen, flehen, er möge aufhören, aber sie biss sich tapfer auf die Lippen, bis sie bluteten. Als er nach endlos erscheinender Zeit von ihr abließ, fiel sie entkräftet zu Boden.
"Na also, geht doch", vernahm sie seine triumphierende, aber keuchende Stimme, denn auch er war erschöpft, "das üben wir jetzt jeden Tag, damit du deinen Job dann auch gut machst."
Er versetzte ihr einen Tritt. Leyrah stieß einen schrillen Schrei aus. Wieder lachte er, dann zog er sich an und sah genüsslich auf sein Opfer herab. Er hatte sie entehrt, ihr wehgetan und sie hatte geschrieen.
"Dich habe ich da, wo du hingehörst. Du bist Dreck, Dreck unter meinen Schuhen und so werde ich dich auch behandeln. Und wenn mir erst mal dein Lyleth in die Hände fällt, dann werde ich ihn genauso behandeln. Und daher", er hatte sich nach unten gebeugt und klopfte ihr auf den nackten Hintern, "muss ich das ja schon mal bei dir proben."
Als er mit seinen beiden Männern die Zelle verlassen hatte, rannen Leyrah die Tränen über die Wangen. Erst nach einer ganzen Weile betastete sie sich und zog sich mühselig und unter Weinkrämpfen wieder an. Wenn ihr nur jemand zu Hilfe kommen würde! Doch ihre Lage schien aussichtslos. Ihre Nerven versagten, sie zitterte am ganzen Körper. Jammer, Verzweiflung und schiere Angst bemächtigten sich ihrer. "Der Gram ihr zehrte den Schmerz, um stillen Tod sie warb."

Die folgenden Tage waren für Leyrah wie die Hölle. Wenn sie in ihrer Zelle allein war, hörte sie die Schreie der beiden gefolterten Kameraden in den anderen Zellen. Die meiste Zeit verbrachte sie jetzt allerdings in einer Art Gemeinschaftsraum, wo sich die Männer von Setna aufhielten. Gleich am Tage nach ihrer Vergewaltigung hatte man sie hierher gebracht, nachdem man sie vorher ganz entkleidet hatte. Die Männer durften ihr Spiel mit ihr treiben. Stunden um Stunden vergewaltigten und verspotteten sie und grölten, wenn sie vor Schmerzen laut aufschrie. Doch sie flehte nicht um Gnade. Sie wusste, dass es nichts helfen würde.
Später in ihrer Zelle konnte sie sich kaum noch rühren. Ihr ganzer Körper bebte und sie weinte still in sich hinein. Neben ihr lag ihr Gewand, sie fühlte es mit einer ausgestreckten Hand. Jetzt war sie keine Kriegerin mehr, sondern eine Hure. Ein Spielzeug, ein lebloser Gegenstand, mit dem man machen konnte, was man wollte. Si espürte immer noch, wie die Hände der Männer sie überall berührten und schüttelte sich angewidert. Sie fühlte sich dreckig und besudelt und zog ihre Hand ruckartig zurück. Nein, sie war des Medjai-Gewandes nicht mehr würdig. "In deinen inneren Tempel kann niemand eindringen." Die Stimme ihres Meisters drang ihr auf einmal an ihr Ohr. Ihr Meister, der ihr alle Medjai-Geheimnisse anvertraut hatte, der sie gelehrt hatte, was er wusste und den sie sehr verehrte. Was würde er jetzt sagen, wenn er sie so entehrt und geschunden sähe? Doch nein, sie verbesserte sich selbst, was würde er dazu sagen, dass sie sich so hängen ließ, dass sie aufgab? "Ja, Meister, in meinen inneren Tempel kann niemand eindringen", sagte sie sich selbst, ergriff das Medjai-Gewand und legte es sich zum Schutz über ihren schmerzenden Körper.

Die Tage vergingen in dem immer gleichen Ablauf. Man holte sie und entfließ sie Stunden später aus dem Hurendienst, doch der Bay-Enkel war selten zugegen. Immerhin war es ihr so möglich, die Tage zu zählen. Am dritten Tag vernahm sie, als sie in ihrer Zelle lag, einen jähen, durchdringenden Schrei - es war der der sterbenden Sirrah. Nach sechs solcher schrecklichen Tag betrat neben den zwei Männern, die sie für gewöhnlich holten, eine Frau die Zelle. Es war eine andere als jene, die sie gepflegt hatte und sie hielt ein Gewand in den Händen.
"Zieh dich an!", befahl ihr einer der beiden Männer und Leyrah gehorchte. Sie legte ihr Medjaigewand an, das sie in den letzten Tagen nur als Decke verwendet hatte. Selbst die Hose und das Obergewand hatte sie nicht getragen, weil die Männer es ihr doch nur zerrissen hätten. Nachdem sie ihre Reiterstiefel angezogen hatte, reichte ihr die Frau ein dunkelrotes Kleid, es war ein Frauengewand, das sie von Kopf bis Fuß vollständig verschleierte und das selbst vor den Augen mit einem Schleier versehen war, so dass man diese noch nicht einmal richtig sehen konnte. Bevor sie es sich über den Kopf streifen konnte, knebelte man sie. Sie musste auch Handschuhe anziehen. Dann band man ihr die Hände vorn zusammen und führte sie nach draußen. Nach langer Zeit sah Leyrah wieder den Himmel - allerdings äußerst beschränkt, denn viel konnte sie unter ihrem Frauengewand nicht erkennen. Vor ihr standen ein paar Kamele und man wies sie an, eines zu besteigen, was sie auch tat. Dann ritt die Karawane, die sie auf zwei Dutzend Kamele schätzte, los, ohne dass sich ihr Peiniger noch einmal höhnend von ihr verabschiedet hatte. Man hatte ihr auch nicht gesagt, wohin man sie bringen würde, nur dass sie nicht erkannt werden sollte, war ihr klar, denn ansonsten hätte man sie nicht so verhüllt. Sie hatte keine Chance, sich erkennen zu geben. Sie ritten zunächst nach Norden, dann Nordwesten. Während der Pausen hieß man sie und die anderen Gefangenen, Männer wie Frauen, an, sich nebeneinander zu legen. Ein Wachposten passte stets auf sie auf. Leyrahs Mut sank, denn ihre Chancen zu entkommen standen nicht gut. Des Nachts wurde sie sogar an den Füßen zusammengebunden. Wieder ließ man sie dursten, auch die anderen Gefangenen. Wahrscheinlich musste sie sich jetzt als Sklavin betrachten, die irgend wohin verkauft werden sollte und daher war ihrem Verkäufer nicht daran gelegen, kostbares Wasser zu verschwenden.
Am dritten Tag schwenkte die Karawane nach Westen ein. Eine Gefangene wurde ohnmächtig vor Durst. Sie war zwar nicht so verschleiert und geknebelt wie Leyrah, aber auch gebunden und rutschte einfach vom Kamel. Ein Aufseher hieb auf sie mit der Peitsche ein, bis der Mann, dem die Karawane gehorchte, ein Einsehen hatte und ihr ein wenig Wasser geben ließ. Man setzte sie wieder aufs Kamel und weiter ging die Reise. Leyrah übte sich ein weiteres Mal in Selbstbeherrschung, auch sie litt furchtbaren Durst und der Knebel hatte ihr längst die Mundwinkel blutig gescheuert, aber sie war froh, dass sie den perversen Vergewaltigungen entronnen war. Wenn es doch nur einen Weg geben würde zu entkommen! Doch den gab es nicht und sie ritt weiter einer trostlosen und ungewissen Zukunft entgegen, anderen Menschen überantwortet, bar jeder Entscheidung.
Als am Mittag des fünften Tages eine Pause eingelegt wurde, nahm man ihr die Fesseln ab und hieß sie, das Frauengewand abzulegen. Da sie einen Wasserbeutel erblickte, beeilte sie sich, dem Befehl nachzukommen. Man löste ihr auch den Knebel und ließ sie trinken. Wie sie durften auch zwei weitere Frauen sich an dem Nass laben, während die anderen mit leidendem Ausdruck nur zuschauen durften. Leyrah schloss daraus, dass ihre Reise bald beendet sein würde.
Ohne das Frauengewand wieder anlegen zu müssen, setzte man sie nach der Pause auf ihr Kamel, allerdings gut an den Sattel gefesselt - auch die Beine waren unter dem Kamel zusammengebunden worden. Die drei Kamele der Frauen wurden in die Mitte genommen. Leyrah wunderte sich über diese Vorgehensweise. Doch am Abend erkannte sie den Grund. In der Ferne zeichnete sich eine dunkle Masse ab, eine Art Festung. Tatsächlich brachte man sie hierher. Als die Karawane sich näherte, erkannte Leyrah, dass es sich um eine Art Zelt- und Barackenlager handelte, das von einer sandsteinfarbenen Mauer umgeben war. Die Karawane hielt vor dem Haupteingang, sie mussten absitzen. Die drei Frauen wurden von zwei Bewacher geführt, vor ihnen ging der Anführer der Karawane. Sie wurden in das Lager gebracht und hinter dem Haupteingang in einer Reihe aufgestellt. Leyrah schaute sich aufmerksam um, um möglichst jedes Detail in sich aufzunehmen. Sie hatte sich fest vorgenommen zu fliehen, aber dafür musste sie soviel wie möglich über dieses Lager in Erfahrung bringen - und wer weiß, wohin man sie hier bringen würde. Wenn man sie einsperren würde, wäre es jetzt die letzte Möglichkeit, sich genau alles anzuschauen und einzuprägen. Zuerst fielen ihr die hellhäutigen Männer auf, die eine Art Uniform trugen, die aus hellbraunen Jacken und Hosen bestand, auf dem Kopf trugen alle das gleiche weiße Käppi. Sie hielten sich überall im Lager auf. Die sich in der Nähe befanden, warfen den drei Frauen neugierige Blicke zu und Leyrah spürte, wie sie Ziel ihrer Aufmerksamkeit war. Die anderen beiden Frauen waren zwar auch einheimisch, aber hatten keine Gesichtstätowierungen. Doch Leyrah schenkte den Neugierigen keine Beachtung, sondern sah sich weiter um. Sie gewahrte, dass die Mauer an den vier Ecken in Wachtürme mündete, auf diesen befanden sich jeweils zwei Wachposten. Die Pferdestallungen waren in einem Teil links untergebracht, einige Tiere waren vor den Ställen angebunden. Rechts und links befanden sich unter Planen mehrere aneinander gelehnte Gewehre, die eine kleine Pyramide bildeten. Wenn das Fort überfallen werden sollte, konnten die Soldaten gleich auf ihre Gewehre zugreifen, ohne sie erst von irgendwo her holen zu müssen. Da Leyrah selbst eine Kriegerausbildung durchlaufen hatte, konnte sie mit den Einrichtungen und Gegenständen in diesem Fort etwas anfangen. Sie hoffte, dass ihr Wissen und ihre Fähigkeiten ihr zur Flucht verhelfen würden und nahm sich vor, niemanden etwas davon zu sagen, dass sie mit Waffen umgehen und gut reiten konnte. Ihr wacher Blick unterschied sie ebenfalls von den beiden anderen Frauen, die mit gesenktem Haupt standen und sich in ihr Schicksal gefügt hatten. Unweit von ihnen verhandelte der Anführer der Karawane mit einem Soldaten. An seiner Uniform befanden sich Rangabzeichen, wie Leyrah feststellte, aber sie wusste nicht, ob er hier der oberste Befehlshaber war. Nach einer Weile übergab er dem Karawanenführer Geld, woraufhin der zu den Frauen trat und ihnen die Fesseln abnahm, die er alsbald für weitere Sklavinnen gebrauchen würde. Zufrieden zog er mit seinen Kamelen von dannen. Die Karawane würde weiter ziehen und die anderen Sklaven an anderen Orten verkaufen.
Die drei Frauen wurden in einen hinteren Teil zur Rechten geführt. Hier stand eine große Baracke, davor befanden sich mehrere Kübel, deren einer voll mit schäumendem Wasser war. Zwei Frauen wuschen hier auf Waschbrettern die beige Kleidung der Soldaten. Ihre Gesichter schwitzten. Hinter ihnen - direkt vor der Seitenfront der Baracke - war eine Wäscheleine gezogen. Eine weitere Frau drehte sich von dort um, sie hatte gerade ein großes Tuch aufgehängt.
"Ah Neuzugang!", begrüßte sie den Soldaten, der die drei Frauen hergeführt hatte. "Na wunderbar!"
Ihre Stimme klang rau, als wenn sie oft und gern rauchte und Alkohol genoss. Sie war Europäerin in den besten Jahren, nicht gerade schlank und trug ein rosa Kleid mit Rüschen, das ihr so gar nicht stand. Der Mann klatschte ihr auf den ausladenden Hintern.
"Netty, ich vertraue dir die drei Täubchen an! Der Boss hat sie eben erstanden. Weise sie ein und besuch mich heute Abend, ja?"
"Das mit den Täubchen geht in Ordnung! Ob ich heute Abend Zeit habe, weiß ich aber nicht."
"Oh Netty", schmollte der Soldat künstlich, zog sie dicht an sich, umfasste mit beiden Händen fest ihr Hinterteil und rieb sich in Vorfreude auf den Abend an ihr. Netty stieß ihn leicht protestierend weg und lachte ihm hinterher.
"Männer!", rief sie scherzend. "Wollen immer nur das eine!"
Leyrah hatte den kurzen Dialog verstehen können, denn es war Französisch, eine Sprache, die sie als Kind hatte lernen müssen, da in Ägypten viele französische Ausgräber lebten. Sie fragte sich, wo sie hier Verwendung finden würde? Würde sie Wäsche schrubben oder wieder den Männer zu Diensten sein müssen? Netty wandte sich ihnen zu.
"So, meine Täubchen, ich bin Madame Nathalie und habe das Sagen hier, kapiert?"
Da alle drei schwiegen, schimpfte sie:
"Ach, da haben sie mir wieder drei dumme Araberinnen geschickt, die nichts verstehen! Mon Dieu! Und ich darf ihnen wieder alles mit den Händen erklären! He, Fatima, komm her!"
Fatima hatte gerade ihre Arme im Wäschetrog gehabt, doch beeilte sich sehr, zu ihrer Herrin zu eilen. Eifrig stellte sie sich neben Madame Nathalie.
"Erklär deinen dummen Landsweibern, was ich eben gesagt habe, ja?"
Fatima tat wie geheißen und Leyrah beschloss, für sich zu behalten, dass sie Französisch verstand. Als Fatima fertig war, setzte Nathalie ihre Ansprache fort:
"Ihr tut, was ich euch sage, und das ist: kochen, waschen, abends die Beine breit! Alles klar?"
Entsetzt starrten die beiden Mädchen die übersetzende Fatima an, nur Leyrah verharrte in ihrer ewig gleichen, fast gleichgültig erscheinenden Miene.
"Sehr gut, ihr habt's verstanden", murmelte Netty. "Also, als erstes werdet ihr euch gründlich waschen, ihr stinkt ja zum Himmel! Also, zieht eure Klamotten aus! Macht schon!"
Leyrah wusste, das es keinen Sinn, sich zu weigern und begann als erste, sich zu entkleiden, während die beiden Mädchen sich noch zierten.
"Soll ich vielleicht nachhelfen?", fuhr sie Netty laut an, woraufhin die Mädchen sich beeilten.
Leyrah gab ihre Kleidung Fatima, die sie interessiert anschaute und ihr eine gewisse Ehrerbietung entgegenbrachte. Da Leyrah völlig nackend da stand, wurde sie von den Männern, die sich in der Nähe befanden, begafft. Aber auch die Frauen starrten sie an, und zwar nicht wegen ihrer weiblichen Formen, sondern wegen der Tätowierungen, die sich überall auf ihrem Oberkörper befanden. Nathalie, die damit beschäftigt war, die beiden Mädchen einzuschüchtern, hatte es erst gar nicht gesehen, aber die Stille bemerkt, die auf einmal herrschte. Sie trat vor Leyrah, die sie mit unbeweglicher Miene anschaute.
"Was ist das?" Fatima übersetzte.
"Tätowierungen."
"Das sehe ich selbst. Was soll das?"
Es klang wie ein Vorwurf und Fatima bemühte sich, die arabischen Worte sehr viel höflicher zu wählen als das französische Original. Leyrah bemerkte es und kam nicht umhin, in sich hinein zu schmunzeln, ließ es sich aber nicht anmerken.
"Es sind die Zeichen meines Stammes", erwiderte sie ruhig.
"Bist du etwa eine Tuareg?" Nathalies Stimme klang schrill. Fatima wusste, dass Leyrah keine Tuareg sein konnte, aber fragte sie trotzdem.
"Ich bin eine Wüstenfrau, aber keine Tuareg." Leyrah verspürte keine Lust, ihre Identität zu offenbaren.
"So, eine Wüstenfrau! Junge, Junge! Hör zu, Madame Hochwohlgeboren, du bist hier nichts weiter als eine Nutte, ist das klar? Bilde dir bloß nichts ein!", fuhr sie Leyrah an, die aber keinen Schritt zurückwich und auch keine Miene verzog.
"Ich weiß, dass ich nur eine Sklavin bin", meinte sie ruhig.
"Bien, bien", Nathalie zog die Vokale in die Länge. "Wie gut, dass du das kapiert hast! Und jetzt ab in die Wanne mit dir! Schrubbt sie ordentlich!", befahl sie den Mädchen am Trog, "Wüstenfrauen sind nämlich ganz und gar verlaust."
Fatima gehörte zu den Frauen, die die Neuankömmlinge baden half. Sie flüsterte Leyrah zu:
"Mach dir nichts draus. Am Anfang ist sie so immer so zu Neuen... sie muss halt zeigen, wer hier neben dem Kommandeur das Sagen hat."
Vor Leyrah war bereits eine der beiden anderen Frauen gebadet worden. Man hatte sie hinterher auch abgetrocknet, denn inzwischen war der Lagerarzt gekommen und wollte die Neuen untersuchen. Da diese Prozedur neben der Wanne stattfand, bekam Leyrah mit, wie er das nackte Mädchen abtastete, mit einem Stethoskop ihren Rücken und ihre Brust abhörte, ihre Zähne begutachtete, ihre Augen sich genau ansah und zum Schluss ihre Scham in Augenschein nahm. Danach musste das verunsicherte Geschöpf in die Baracke gehen, sie war immer noch splitterfasernackt und die Augen der Männer, die sich inzwischen zahlreich in der Nähe der Baracke versammelt hatten, verschlangen sie mit gierigen Blicken.
Auch Leyrah musste diese Untersuchung über sich ergehen lassen. Als der Arzt ihren Rücken abtastete und dabei immer weiter abwärts geriet, stutzte er ein wenig, dann drückte er ihre Gesäßbacken auseinander und rief Nathalie herbei. Er wies sie an, Leyrah dort mit einer Tinktur zu behandeln. Als Leyrah von ihm umgedreht wurde, begutachtete er als erstes ihren Unterkörper, bog ihr die Beine auseinander und nahm ihre Scham genau in Augenschein, was die umliegenden Männer feixend zur Kenntnis nahmen.
"Ich glaube, sie ist sauber, Netty. Sie scheint nicht die Krankheit zu haben", meinte der Arzt. Nathalie nickte.
"Allerdings sollten erst einmal ihre Verwundungen heilen. Drei Tage."
Er wandte sich der nächsten Frau zu, die dem Bad entstiegen war. Leyrah wurde von Fatima in die Baracke geführt. Sie sollte sich neben das andere nackte Mädchen stellen und warten. Eine Weile später kam dann die dritte Frau hinzu, ihr liefen Tränen über die Wangen. Danach trat Nathalie herrisch ein, pflanzte sich vor den drei Frauen auf und sprach:
"So, jetzt mal zu euren Rechten und Pflichten. Rechte könnt ihr vergessen. Ihr seid nur Sklavinnen. Also: Ihr werdet eine Stunde vor Sonnenaufgang aufstehen, Wasser holen, Feuer machen und das Wasser darüber kochen. Das Frühstück für alle Legionäre muss bei Sonnenaufgang bereit stehen. Danach wird saubergemacht. Die Wäsche gewaschen, Essen gekocht. Ich teile jeder morgens ihre besonderen Aufgaben mit. Schlafen könnt ihr hier, dahinten liegen Matten. Nehmt euch eine und sucht euch einen Platz hier irgendwo. Wenn die Männer euch abends zu sich rufen, dann geht ihr am besten sofort und tut alles, was sie von euch wollen. Wenn ihr ein bisschen nett zu ihnen seid, werden sie euch nicht schlecht behandeln. Seid ihr widerspenstig oder gehorcht ihr nicht, werdet ihr ausgepeitscht. Mahlzeiten gibt's morgens und abends. Wer nicht ordentlich arbeitet, kriegt auch nichts zu essen. Kapiert?"
Sie wartete nach Fatimas Übersetzung eine Weile, aber niemand antwortete.
"Ihr sollt sagen, ob ihr das kapiert habt!", befahl sie leicht gereizt.
Die Mädchen nickten schüchtern, Leyrah antwortete mit "Ja".
"So, und jetzt ein paar Fragen. Ist wer von euch noch Jungfrau?"
Leyrah erwiderte nach Fatimas Übersetzung: "Keine von uns."
Die Mädchen schauten beschämt zu Boden, eines von ihnen begann zu schluchzen.
"Hört auf zu weinen! Ihr seid wegen der Männer hier, ihr dummen Dinger! Habt ihr das noch nicht kapiert? Ihr müsst alles tun, damit sie zufrieden sind!"
Sie klang fast wie die Mutter aller Männer im Lager, die besorgt darum war, dass es ihnen auch gut ging und sie ordentlich verwöhnt wurden. Und tatsächlich bestätigte sie Leyrahs Verdacht, als sie lautstark hinzufügte:
"Wisst ihr überhaupt, was die Jungs hier erleiden müssen? Sie sind fern der Heimat, haben jeden Kontakt mit ihrer Familie verloren, ganz allein und sehen ständig dem Tod ins Auge! Und ihr jammert, weil ihr die Beine breit machen müsst? Das bisschen Liebe, das ihr ihnen geben könnt... womit ihr sie trösten könnt... ihr seid doch nur Weiber, Huren, also gebt euch Mühe, ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen!"
Nathalie wirkte auf Leyrah fanatisch und damit war sie gefährlich. Leyrah fragte sich, warum sie sich so für die Männer einsetzte. Sie war selbst Europäerin, vielleicht war sie keine Sklavin. Vielleicht fühlte sie sich aus Heimatliebe so verbunden mit den Männern. Allerdings hatte Leyrah auch schon andere, zweifelsohne jüngere Europäerinnen im Lager gesehen, die auch mit ihrer Arbeit beschäftigt waren und ihr ebenso unterdrückt wie die einheimischen Frauen im Lager vorkamen.
"So, und jetzt zu dir, Wüstenfrau!" Es klang wie Hohn in ihrer Stimme. "Bist du verheiratet?"
Leyrah bejahte knapp.
"Na, dann weißt du ja, was du von einem Mann zu erwarten hast." Sie lachte wie über einen gelungenen Witz. Und weil Nathalie gerade so guter Laune war, fuhr sie gleich fort: "Aber so, wie dein Allerwertester aussieht, hat es dir dein Mann ja jeden Abend kräftig besorgt. Du bist also gut eingearbeitet."
Leyrah schoss ein wenig Farbe ins Gesicht, denn das Andenken an Lyleth stand ihr in hohen Ehren. Sie bemerkte zu spät, dass Fatima nur den ersten "Witz" übersetzt hatte. Netty bekam es nicht mit, aber Fatima runzelte leicht die Stirn.
Nathalie winkte ein Mädchen herbei, das die ganze Zeit mit einem Krug in ein paar Metern Entfernung gewartet hatte.
"Also, ihr werdet jetzt alle einen Begrüßungscocktail erhalten." Fatima übersetzte und reichte jeder einen Becher. "Das Getränk wird euch unfruchtbar machen. Das erspart uns und auch euch eine Menge Mühen, denn brüllende Bälger kann hier wirklich niemand gebrauchen."
Leyrah erklärte Fatima kurz, dass sie bereits unfruchtbar gemacht worden sei. Tatsächlich glaubte ihr Nathalie das, denn natürlich war ihr klar, dass Leyrahs Unterleibsverletzungen auf bereits erfolgte Vergewaltigungen zurückzuführen waren. Leyrah bedauerte die beiden Mädchen, die noch so jung waren. Sie würden nie ein Kind haben. Da fiel ihr Ardeth ein. Sie musste einfach frei kommen! Sie musste für ihren lieben Sohn sorgen! Aber... Lyleths Frau konnte sie nicht mehr sein... sie war entehrt und unfähig, ihm weitere Kinder zu schenken. Sie schluckte tief und Netty war froh, endlich eine Reaktion der Resignation bei ihr zu sehen. Sofort wandte sie sich wieder Leyrah zu, als sie sah, wie die Mädchen folgsam, aber mit Unbehagen ihren Becher leerten.
"Dich muss ich warnen! Du wirst es hier nicht leicht haben. Die Männer hassen alle Wüstensöhne und -töchter."
"Warum?", wollte Leyrah wissen.
"Ja, wo stammst du denn her, dass du das nicht weißt?"
Leyrah zuckte nur mit den Schultern.
"Du bist hier in einem Fremdenlegionärslager, Kindchen. Und diese verdammten Tuareg liefern den Legionären erbitterte Kämpfe. Es sind ihre Todfeinde. Sie werden nicht zimperlich mit dir umgehen, darauf kannst du dich verlassen, denn die Tuareg gehen auch nicht mit ihren Gefangenen zimperlich um."
"Warum kämpfen die Tuareg gegen die Europäer?", erkundigte sich Leyrah bewusst naiv. Sie hatte zwar von den Konfrontationen im Norden Afrikas gehört und kannte auch die Tuareg, ihre Sitten und ihre Sprache recht gut, doch sie wollte möglichst viel in Erfahrung bringen.
"Die Tuareg wollen uns vertreiben. Und das können sich doch unsere Männer nicht gefallen lassen. Immerhin bringen sie die Zivilisation in das Land hier. Außerdem, ihr seid Heiden! Ihr müsst unbedingt bekehrt werden, euer Seelenheil ist sonst in Gefahr."
Fatimas Stimme klang nicht so selbstüberzeugt wie Nathalies.
"So, genug geredet. Fatima, bestreich mit dieser Tinktur ihren Hintern, damit sie einsatzfähig wird."
Nathalie verließ das Zelt und die drei Frauen blieben mit traurigen Herzen zurück. Die beiden Jüngeren legten sich bald auf ihre Matten, denn ihnen wurde sehr schlecht. Fatima versorgte sie zunächst, gab ihnen auch Wasser zu trinken und breitete eine Decke über ihre nackten Leiber. Eine der beiden schluchzte laut und Leyrah beobachtete, wie Fatima sie liebevoll tröstete. Dabei mochte sie selbst kaum älter sein. Was mochte sie wohl alles schon erlebt haben, dass sie so abgeklärt handeln konnte? Leyrah brachte Bewunderung für die junge Araberin auf. Ebenso schien Fatima großen Respekt vor Leyrah zu haben. Höflich breitete sie eine Matte aus und bat Leyrah mit einer respektvollen Handbewegung, sich dort auf den Bauch zu legen. Leyrah tat wie geheißen und Fatima versorgte ihre Wunden. Es tat gut, die kühle Creme auf den schmerzenden Stellen zu spüren. Fatima merkte, wie Leyrah entspannte.
"Wo ist dein Mann?", fragte sie leise.
"In Ägypten."
"Weiß er, wo du bist?"
"Nein, dann würde er kommen und mich holen. Ich bin entführt worden."
"Du Arme! Hast du schon Kinder?"
"Ja, einen Sohn!"
"Oh sei gesegnet! Einen Sohn sogar! Dein Mann muss stolz sein! Allah sei gepriesen, einen Sohn! Wie ist sein Name?"
"Ardeth."
"Dann bist du Um Ardeth!"
Leyrah drehte sich halb auf den Rücken und lächelte Fatima an. Sie begeisterte sich so darüber, dass sie einen Sohn hatte. Leyrah war klar, dass Fatima auch gern Mutter und Ehefrau geworden wäre, aber nie die Gelegenheit dazu bekommen würde.
"Ich würde ihn so gern in meinen Armen halten, deinen Sohn!", schwärmte Fatima weiter.
"Wie alt bist du, Fatima?"
"21."
"Und wie lange bist du schon hier?"
"Seit zwei Jahren. Es ist aushaltbar. Wenn man nett zu ihnen ist, sind sie es in der Regel auch zu dir. Du musst ihnen nur gehorchen und ebenso Nathalie."
"Wer ist diese Nathalie eigentlich?"
"Das weiß niemand so genau. Aber sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, für die Männern zu sorgen und alles für sie zu tun. Man sagt, ihr Sohn wäre bei den Legionären gewesen und gefallen."
"Haben die Tuareg ihn in einem Kampf getötet?"
"Ja, sagt man jedenfalls. Sie hasst alle Tuareg."
Leyrah nickte stumm. Sie konnte sich auf was gefasst machen in diesem Lager, das war ihr inzwischen klar geworden. Die Tuareg! Sie wurde in einen Topf mit den Tuareg geworfen! Wenn sie das zu Hause erzählen würde! Sie würde großes Unverständnis ernten. Zu Hause - es war so weit weg und von dort erschien alles anders als hier.
"Du bist aber keine Tuareg, nicht wahr?"
"Nein, aber ich bin Beduinin. Und du?"
"Ich stamme aus Marokko. Man hat mich per Schiff hierher gebracht, als ich 19 war. Ich bin verkauft worden, weil mein voriger Besitzer unbedingt Geld benötigte."
"Wer war dein voriger Besitzer?"
"Oh, mein Vater hatte mich mit 14 einem Tavernenwirt verkauft. Wir waren sehr arm und viele Kinder. Und als ich das Blut bekam, dachte mein Vater, es sei besser, wenn ich weg sein würde."
Arme Fatima, welches Schicksal hatte sie erleiden müssen! Leyrah konnte sich gut vorstellen, wie sie die Gäste der Taverne zu bedienen hatte. Sie streichelte Fatima über den Kopf.
"In der Taverne habe ich auch Französisch gelernt." Sie zögerte eine Weile. "Du, Um Ardeth, du verstehst doch auch Französisch, nicht wahr?"
Leyrah grinste und Fatima erwiderte es verschwörerisch.
"Es muss nicht jeder wissen."
"Warum sagst du es nicht? Die Soldaten machen dir dann dein Leben vielleicht leichter... sie freuen sich bestimmt, wenn du ihre Sprache sprichst..."
"Ich werde darüber nachdenken, Fatima. Aber ich befürchte, die wollen sich mit mir nicht unterhalten." Um das Thema zu wechseln, erkundigte sich Leyrah: "Sag mal, bekomme ich meine Kleidung eigentlich zurück?"
"Ja, sie wurde bereits gewaschen und trocknet jetzt in der Sonne."
"Sag mal, Um Ardeth, warum trägst du Männerkleidung?"
"Ich bin eine Kriegerin, Fatima. Aber auch das muss nicht jeder gleich wissen."
"Wie du möchtest."
Leyrah nickte erleichtert. In ihrem Kriegergewand würde sie sich etwas geschützter fühlen.
"Schlaf jetzt, Um Ardeth, die Tage hier sind anstrengend, und ich muss jetzt weiter Wäsche waschen." Sie breitete auch Leyrah eine Decke über den Körper und verließ dann die Baracke. Leyrah schlief sofort ein.

In den folgenden drei Tagen wurde Leyrah zunächst eingearbeitet. Beim Wäsche waschen kam sie ins Schwitzen, denn das hatte sie seit ihrer Novizinnenzeit im Tempel der Isis nicht mehr getan. Man ließ sie bevorzugt das Wasser aus dem Brunnen holen und schleppen. Sie lernte die anderen Frauen kennen, die alsbald ihre anfängliche Scheu Leyrah gegenüber ablegten. Madame Nathalie warf nach wie vor mit Argwohn ein Auge auf sie. Doch Leyrahs freundliches, nachgiebiges und hilfsbereites Wesen versöhnte auch sie. Die Frauen erkannten schnell, dass Leyrah andere als hausfrauliche Pflichten in ihrer Heimat zu erfüllen hatte. Ihre ganze Haltung war gerade, ja man konnte sagen majestätisch, ihre Gesten waren erlesen und ihre Worte stets höflich. Nie verfiel sie in den Jargon, der Nathalie zueigen war. So erwarb sich Leyrah einen gewissen Respekt bei den Frauen, die untereinander tuschelten, wer Leyrah wohl sein mochte. Vielleicht die Frau eines Scheichs? Würde er bald kommen und sie zurück in sein Harem holen? Auf jeden Fall hatte Leyrah etwas Geheimnisvolles an sich. Man hoffte, dass sie nicht vielleicht doch eine Tuareg war, deretwegen bald das ganze Lager dem Erdboden gleichgemacht werden würde.
Besonders zu Fatima hatte Leyrah ein freundschaftliches Verhältnis. Sie hatte ihr etwas von ihrem Zuhause erzählt und Fatima hatte verstanden, dass Leyrah nicht nur große Sehnsucht hatte, sondern dass sie es als unbedingt notwendig erachtete, mit wichtigen Nachrichten zurückkehren zu müssen. Fatima bedauerte Leyrah, die sich so sehr darauf versteifte zu fliehen, da von hier noch keine Frau entkommen sei. Leyrah fragte daraufhin, ob es denn schon mal eine versucht hätte, aber Fatima fand den Gedanken absurd. Die Legionäre seien die Herren hier und man müsse das anerkennen. Bald schon musste sich Leyrah eingestehen, dass die Legionäre immerhin Herr über ihren Körper nach Belieben sein durften. Tatsächlich behandelten sie zunächst sehr rüde, ließen sie spüren, dass sie eine verhasste Wüstenfrau war. Leyrah klagte weder hierüber noch über ihre Arbeit. Wie viele Frauen war sie morgens sehr müde und nur die Zeit unter Mittag versprach Ruhe. Nach einer Weile schien es, als wäre dieses Leben nicht nur die Gegenwart, sondern auch Leyrahs Zukunft. Sie musste aufpassen, dass sie nicht den Mut verlor, an Flucht zu glauben. Doch immer wenn Fatima sie mit "Um Ardeth" ansprach, wurde sie daran erinnert, dass sie zu Hause nicht nur auf sie warteten, sondern dass sie eine wichtige Nachricht zu übermitteln hatte. Leyrah hielt weiterhin die Augen und Ohren offen und wartete auf eine Möglichkeit zu entkommen. Da das Lager inmitten der Wüste lag, konnte sie nicht einfach des Nachts per Pferd auf und davon reiten. Sie benötigte ein Kamel und einen großen Vorrat an Wasser oder die genaue Kenntnis der Umgebung. So lauschte sie besonders aufmerksam, wenn die französischen und auch anderen Legionäre sich über die Gegend und ihre Bewohner unterhielten.

Eines Tages kehrte ein Trupp, der zwei Tage zuvor ausgeritten war, ins Lager zurück und brachte viele Verwundete mit. Ein Kampf hatte stattgefunden und man hatte sich gerade so hierher retten können. Die Tuareg hatten die Verfolgung ein paar Stunden vor dem Lager aufgegeben. Die Verwundeten sahen teilweise schlimm zugerichtet aus. Da Leyrah gerade zwei Eimer Wasser holte, kam sie geradewegs auf diesen Trupp zu. Sie ließ ihr Joch herunter und trat dicht heran. Der Lagerarzt war noch nicht zur Stelle und so kniete sie sich zu einem am Bein stark blutenden jungen Mann, den man soeben vom Pferd hatte zu Boden gleiten lassen. Sie riss den Ärmel seiner lose um ihn hängenden Jacke ab und legte einen festen Verband an. Sie ging dabei sehr fachmännisch vor und die Herumstehenden staunten und behinderten sie nicht. Dann stand sie auf und ohne die gaffenden Männer zu beachten, trat sie zu einem anderen Verwundeten, kniete nieder und betastete seinen Arm. Er schrie vor Schmerzen, so legte sie ihm ihre rechte Hand auf die Stirn, um ihn zu beruhigen.
"Gebt mir einen Stock!", sagte sie zu den neben ihr stehenden Männern, die sie daraufhin nur verdutzt anschauten. Also fügte sie mit Nachdruck hinzu: "Dieser Arm darf nicht mehr ohne Stütze bewegt werden. Also tut, worum ich euch bitte!"
Da entfernte sich tatsächlich einer von ihnen, der sie halbwegs verstanden hatte, und kehrte schon wenige Minuten später mit einem ca. 30 cm langen Stock zurück. Leyrah nahm ihn wortlos, legte ihn an den Arm und wickelte vorsichtig, aber fest ein paar Stoffstreifen darum, die sie zuvor von der ohnehin zerrissenen Uniform des Soldaten abgerissen hatte. Inzwischen war auch der Lagerarzt eingetroffen und hatte sich um andere Verwundete gekümmert. Natürlich hatte er Leyrah zur Kenntnis genommen, fand aber nicht die Zeit, mit ihr zu reden. Er ließ sie gewähren, zumal sie ihm eine gute Hilfe war. Die Verwundeten wurden ins Sanitätszelt getragen. Der Arzt winkte Leyrah zu, sie solle ihm folgen.
"Kennst du dich aus mit Verwundungen?", fragte er sie auf dem Weg zum Sanitätszelt. Sie sah ihn fragend an, da sie immer noch vorgab, kein Französisch zu verstehen oder nur sehr wenig. Der Arzt seufzte ungeduldig und befahl einem Soldaten, die "französisch sprechende Araberin" zu holen, womit Fatima gemeint war. Diese hatte den Vorgang schon von weitem neugierig beobachtet, eilte schnell herbei und übersetzte, was der Arzt von Leyrah wissen wollte.
"Ja, Herr", erwiderte ihm Leyrah auf seine erste Frage.
"Gut, dann wirst du mir weiterhin zur Hand gehen."
Im Zelt wies er ihr Verwundete an, um die sie sich kümmern sollte. Fatima blieb bei ihr und ging ihr zur Hand. Der Arzt überzeugte sich selbst von Leyrahs Arbeit und nickte anerkennend. Als etwas später der Lagerkommandant kam, um sich selbst von der Anzahl und dem Zustand der Verwundeten zu überzeugen, berichtete der Arzt von Leyrahs Kenntnissen und bat ihn, dass sie ihm zukünftig als Hilfe zur Verfügung gestellt werde. Der Kommandant, den es störte, dass seine Männer der Fürsorge einer Beduinin anvertraut werden sollten, winkte Leyrah zu sich, auch Fatima trat schüchtern hinter ihr heran. Er besah sich Leyrah genau, die seinen Blicken standhielt und nicht, wie er eigentlich erwartet hätte, demütig das Haupt oder zumindest die Augen senkte.
"Also gut", antwortete er dem Arzt, "sie kann Ihnen helfen, wenn Sie sie benötigen." Dann wandte er sich an Leyrah: "Hüte dich, den Männern Schaden zuzufügen! Solltest du diese Gelegenheit ausnutzen und sie vergiften oder erdolchen, werde ich dich vierteilen lassen. Hast du mich verstanden?"
"Ja, Herr, ich habe verstanden", erwiderte sie keineswegs eingeschüchtert.
"Du wirst hier nichts eigenmächtig anrühren und gehorchst dem Arzt. Das gilt auch für dich, Übersetzerin!"
Beide nickten. Der Kommandant wandte sich wieder dem Arzt zu und ließ sich berichten, wie es um seine Männer bestellt war. Mit Sorgenfalten verließ er das Sanitätszelt. Leyrah wandte sich wieder der Pflege eines Verwundeten zu, ohne abzuwarten, was der Arzt ihr nun auftrug. Dieser musste ein wenig über seine beflissene Gehilfin schmunzeln und bestand nicht darauf, ihr dezidierte Anweisungen zu geben. Er sah, dass sie selbst genau wusste, was zu tun ist, und darüber war er froh. Später erkundigte er sich bei ihr, ob sie auch Heiltränke zu brauen wisse, da er vermutete, dass einheimische Frauen, denen ja keine professionelle medizinische Versorgung zur Verfügung stand, sich oft selbst zu helfen wissen und ihre Rezepte von Generation zu Generation weitertragen. Zu seiner Freude bestätigte sich seine Vermutung und er ließ sie unbedenklich Tränke zubereiten, ohne die Sorge seines Vorgesetzten zu teilen, denn er erkannte, dass Leyrah helfen und nicht sich rächen wollte.
Für Leyrah hatte dieser Vorfall zwei Folgen: Erstens verbrachte sie viel Zeit im Sanitätszelt oder auch davor, um die Kranken zu pflegen und Tränke zu brauen und war damit von ihren anderen Pflichten enthoben. Da sie auch nachts in diesem Zelt schlief, um im Notfall bei den Patienten sein zu können, konnten die Legionäre keine Ansprüche auf Beischlaf mit ihr erheben. Fatima weilte oft bei ihr, allerdings nicht immer, da ihre Dienste als Übersetzerin nicht permanent von Nöten waren. Zweitens stieg ihr Ansehen in den Augen der Männer. Sie half den Kranken tatsächlich, erschien selbstlos, bescheiden, aber durchaus selbstbewusst. Ihr wurde mehr und mehr Achtung zuteil und kaum noch einer beschimpfte sie als Beduinenhure, wie man sie vor dem Vorfall zu rufen gepflegt hatte.
Nathalie hatte diese Verwandlung etwas unbehaglich zur Kenntnis genommen. Ihr war sozusagen eine ihrer Untergebenen genommen worden, da Leyrah jetzt dem Arzt unterstand. Und Leyrah verstand es zu Nathalies Ärger, sich beim Arzt unentbehrlich zu machen. Da auch Nathalie gehorchen musste, wenn sie nachts gerufen wurde, hatte Leyrah sogar in ihren Augen einen Vorteil. Sie konnte nicht so einfach herumkommandiert werden. Tatsächlich kam auch keiner der Männer mehr auf die Idee, mit Leyrah schlafen zu wollen. Sie hatte den Status der heilenden Frau und flößte durch ihre Fähigkeiten und ihr Auftreten, ihre Selbstsicherheit, ihre strenge schwarze Kriegergewandung, die ihre Weiblichkeit verbarg, ihren aufrechten Gang und ihre stets distinguierte und höfliche, stets jeden achtende Sprache, die Fatima getreulich zu übersetzten wusste, ungeheuren Respekt ein. Sie schien auch keine Gefühle zu zeigen und nur Fatima wusste, wie es in Leyrahs Herzen aussah. Sie wusste, dass ihre Freundin die Hoffnung noch nicht begraben hatte und nur auf eine gute Gelegenheit wartete. Tatsächlich war Leyrah durch ihren Aufstieg zur Arzthelferin ihrem Ziel schon etwas näher gekommen. Hier konnte sie die Männer gut belauschen, was die Gegend und ihre Vorhaben anbelangte.

Eines Tages brach ein großer Trupp auf, um einen Tuareg-Stamm zu überfallen, dessen Männer die Gegend seit Wochen unsicher machten und Angriffe auf Erkundungstrupps geritten waren. Man wollte ihrem Treiben endgültig Herr werden. Der Arzt, Leyrah und Fatima waren mitgeritten, um die Verwundeten gleich behandeln zu können, denn das Lager der Tuareg lag ca. zwei Tagesritte entfernt. Leyrah war selig, zu Pferde zu sitzen und endlich wieder hinausreiten zu dürfen. Schon als sie aufsaß, staunten die Männer nicht schlecht über die Selbstverständlichkeit, mit der Leyrah zu Pferde saß und es lenkte. Sie schlugen unweit der Tuareg ihr provisorisches Lager auf, das als Basis dienen sollte. Diese bestand eigentlich nur aus drei Zelten: das des Kommandanten, das Versorgungszelt und das Sanitätszelt. Am frühen Morgen brachen die Männer auf, um in den Kampf zu ziehen. Der Arzt, Leyrah und Fatima bereiteten das Sanitätszelt vor, stellten weitere Feldbetten auf, legten Verbandsmaterial bereit und brauten Heiltränke. Sie wussten, sie würden nicht zur Ruhe kommen, wenn der Trupp erst einmal zurückkehren würde. Auch Fatima half fleißig, dann ruhten sich alle drei aus und harrten der Dinge, die unausweichlich auf sie zukommen würden. Immerhin waren sie so weit entfernt, dass sie nicht viel hören konnten. Dumpfe Schläge hallten manchmal wieder. Es waren die schweren Geschütze, die die Fremdenlegionäre mit sich trugen, und Leyrah dachte traurig daran, wie sie damit das ganze Lager der Nomaden zerstörten. Sie hoffte auf einen Sieg der Tuareg, die dann sicherlich hierher kommen würden, um die restlichen Legionäre zu töten oder zu Gefangenen zu machen. Vielleicht würde man sie nach Ägypten zurück geleiten. Leyrah wusste nicht, ob die Tuareg anderen Beduinen freundlich gesonnen waren oder nicht, aber sie hoffte es. Immerhin bestand auch die Möglichkeit, dass sie als Sklavin im Zelt eines Beduinen landen würde. Aber selbst wenn, dann hätte das immerhin noch den Vorteil, dass die Tuareg sicherlich Kamele hatten, die sie so dringend für ihre Flucht benötigte.
Doch Leyrahs Hoffnungen wurden enttäuscht. Die Legionäre hatten gesiegt und kehrten nachmittags zurück. Sie hatten ca. 15 Schwerverletzte dabei und zwei Dutzend leichter verwundete Männer. Der Arzt und Leyrah hatten alle Hände voll zu tun und wurden nicht nur von Fatima unterstützt. Leyrah staunte nicht schlecht, als sie sechs gefangene Targi erblickte, die alle verwundet waren. Auch diese sollten versorgt werden. Da Leyrah stets danach vorging, erst die am schwersten Verletzten zu versorgen, trat sie bald zu einem der Tuareg-Krieger hin und der Arzt rief sie auch nicht zurück. Seine Verletzung war sehr schwer, und er hatte im Gemetzel seinen Tagelmust, seinen Turban, verloren. Leyrah wusste, dass sich ein Targi ohne seinen Tagelmust völlig nackt fühlte. Sie reichte ihm ihr eigenes langes schwarzes Tuch und half ihm, es um seinen Kopf zu winden, da er einen Arm überhaupt nicht bewegen konnte. Verstohlen beobachtete der Arzt, ob sie auch mit dem Targi sprechen würde, aber Leyrah vermied es tunlichst. Sie erkundigte sich später, warum man diese Männer geschont hatte und erfuhr, dass sie als Boten zu anderen Stämmen geschickt werden sollten, um diese zum allgemeinen Rückzug aus dem Hoheitsgebiet der Franzosen zu bewegen. Zunächst wurden sie mit ins Hauptlager der Fremdenlegionäre geführt. Der Rückweg dauerte lang und man trat ihn erst am nächsten Morgen an. Die Verwundeten mussten mit größter Vorsicht transportiert werden. Am Abend des übernächsten Tages erreichte man endlich das schützende Lager. Auch hier war Leyrah vollauf damit beschäftigt, die Kranken zu pflegen. Inzwischen hatte sie aber einen Plan gefasst. Sie wartete auf eine günstige Gelegenheit. Die Targi waren separat untergebracht und in Ketten gelegt. Sie wusste, dass sie bald aufbrechen sollten. Also war Eile nötig. Am Abend des zweiten Tages sollte sie erstmals nach der Ankunft im Lager nach den Gefangenen schauen. Der Arzt war unbesorgt. Leyrah und die Targi hatten bislang kein Wort miteinander gewechselt. An die Waffen kam Leyrah sowieso nicht heran, die waren gut bewacht, so konnte er sie auch unbesorgt zu den Gefangenen schicken. Leyrah hatte ungehinderten Zugang und blieb in dem kleinen stickigen Verschlag mit ihnen allein.
Sie trat ein und sofort wurde die Tür von außen verriegelt. Sie musste wie immer anklopfen, wenn sie wieder herausgelassen werden wollte. Zuerst sah sie nach den Wunden der Verwundeten und wechselte zwei Verbände, strich eine kühlende Paste auf einige Stellen. Dann reichte sie den Kriegern etwas zu essen und zu trinken. Als sie sich sicher war, dass die Franzosen draußen ihr keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sprach sie die vier Targi in Tamasheq, der Sprache der Tuareg, an:
"Ich grüße Euch, Krieger der Wüste! Ich bin Leyrah Bay und stamme aus dem Volk der Bedja, das ebenfalls die Wüste bewohnt." Sie musste mit der Tür ins Haus fallen, denn ihr blieb nicht viel Zeit.
Die vier Targi schauten sie an. Ihre Augen, als einziges sichtbar, schienen zu fragen. Leyrah spürte, dass sie neugierig waren, vor allem, weil sie sie bisher nicht so recht einzuordnen vermocht hatten. Zumindest schienen sie ihr nicht feindlich gesonnen zu sein. Darauf hatte sie gehofft, denn sie waren doch alle Kinder der Wüste, das musste doch miteinander verbinden!
"Die Franzosen halten mich als ihre Gefangene."
"Du bist also eine Wüstenfrau, aber in Kriegergewändern. Wie passt das zusammen?"
"In meinem Volk ist es Sitte, dass auch Frauen Kriegerinnen werden können, um die Zelte beschützen zu können."
Leyrah wusste, dass die Frauen der Tuareg sehr stolz und den Männern ebenbürtig waren, doch blieben sie bei ihren Zelten und Ziegenherden.
"Wir wissen nicht viel über die Bedja. Sie leben sehr weit entfernt von uns", warf einer ein.
Der neben ihm sitzende Targi wollte von Leyrah wissen, ob die Bedja auch die Sprache der Tuareg sprechen würden, doch Leyrah verneinte. Sie habe Tamasheq und auch die Schrift aber gelernt, erzählte sie ihnen.
"Du kannst unsere Schrift schreiben?", wunderte sich derjenige, der Leyrahs Tagelmust trug.
"Wie kommt das? Tifinar ist doch verboten!", meinte ein anderer fast schon bewundernd.
"Bist du so etwas wie eine Lehrerin?"
Die Targi befragten sie jetzt mit fast kindlicher Neugier. Leyrah wunderte sich nicht darüber. Die Bedja galten als geheimnisumwittert, und Leyrah wusste, dass man diesen Ruf zu Recht hatte.
"Nein, ich bin eine Kriegerin. Aber mein Mann ist der zukünftige Anführer aller Bedja und ich selbst stamme auch aus einer adligen Familie."
Die vier Targi starrten sie geradezu an.
Leyrah bedauerte, dass sie sich beeilen musste, denn die Franzosen konnten jeden Moment hereinkommen, um sie herauszurufen. Sie war schon zu lange im Verschlag.
"Ich weiß", fuhr sie fort, "dass Ihr bald frei gelassen werdet. Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten. Mein Mann, Lord Lyleth Bay, weiß nicht, wohin ich verschleppt worden bin. Er sucht mich bestimmt. Lasst ihm bitte eine Nachricht von mir zukommen!"
Der Targi mit Leyrahs Turban nickte sofort, auch die anderen schienen einverstanden. Leyrah zog ein Päckchen hervor. Es war in ihren schwarzen Stoff gehüllt.
"Bitte bringt das nach Kairo, gebt es beim Kurator des Ägyptischen Museums ab! Er wird meinen Mann benachrichtigen."
Sie reichte das Päckchen dem Mann mit ihrem Turban, der es sogleich in seinem Gewand verbarg.
"Du wirst bald frei sein, Kriegerin der Bedja. Ich werde es persönlich nach Kairo bringen."
"Ich danke Euch, ihr edlen Männer der Wüste!"
Leyrah wusste, dass der Targi sein Wort halten würde. Sie atmete erleichtert und froh auf.
"Ich muss nun leider gehen, ich weile schon viel zu lange hier bei Euch."
Sie verabschiedete sich schnell und klopfte, worauf ihr bald geöffnet wurde. Sie schenkte den französischen Wachen keinen Blick, damit sie sie erst gar nicht befragen konnten, und eilte von dannen. Ihr Herz war leicht. Es bestand Hoffnung. Nun hieß es nur Geduld haben und warten...

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