Teil 2:
"Um stillen Tod sie warb" (Autor: Bianca M. Gerlich)
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LEYRAH 1
Der Morgen leuchtete rot-golden über dem östlichen Horizont der
Wüste. Die Sonne schickte sich an, ihre Tagesbahn zu
beschreiten. Ein Mädchen stand auf einer Anhöhe und schaute
andächtig zur erwartenden Sonne hinüber. Sie war auf den Tag
genau 16 Jahre alt. Ihre dunklen langen Haare flatterten ihr um
den Kopf, denn es wehte ein leichter Wind, der auch ihr fast
durchsichtiges weißes Gewand zum Wehen brachte. Dieses wurde in
der Mitte mit einem Goldband gehalten. Es war ärmellos und ganz
schlicht gehalten. An den Armen trug sie jeweils zwei
Goldspangen, ebenso an den schmalen Fesseln ihrer Füße. Lange
schaute sie über die Weite, und als die Sonne aufging, lächelte
sie sanft und streckte zur Begrüßung des Himmelskörpers ihre
Arme der wärmenden Sonne entgegen.
"Amun", sprach sie, "segne diesen Tag! Segne mich!
Lass nur Reines meinem Herzen entspringen! Lass mich stets
gerecht und barmherzig handeln!"
Noch eine Weile stand sie in ihrer Andacht versunken da. Man
hätte sie für eine Priesterin halten können, die zur Zeit der
goldenen Ära der Pharaonen ihren Morgendienst beginnt, doch dem
Mädchen und den Priesterinnen des alten verborgenen Isis-Tempels
verblieb nur, den alten glorreichen Zeiten hinterher zu trauern
und in aller Stille ihren Dienst zu versehen. Längst waren neue
Religionen über ihr Land hereingebrochen und hatten die alten
Götter vertrieben. Außer im Herzen einiger Menschen und hier,
abseits in der Wüste, war kein Platz mehr für Amun und die
Seinen. Es war eine Welt des Untergangs, denn sie hatte jegliches
Maß verloren. Das Mädchen Leyrah wusste es tief in ihrem
Inneren, und dennoch wollte es sein Leben der Aufgabe weihen,
diese Welt vor dem Übel zu beschützen. Gewiss, das Übel, das
die Menschen durch ihre egozentrischen Religionen und
Weltanschauungen verursachten, würde sie nie bekämpfen können,
aber jenes, was hier in der Wüste lauerte, wovon sie bis vor
wenigen Tagen nur eine vage Ahnung gehabt hatte, davor konnte sie
die Welt bewahren helfen. Sie würde eine Medjai sein, eine
Kriegerin Gottes - und egal, wie dieser Gott sich nannte -, sie
war dem Leben auf dieser Erde verpflichtet. Die Sonne brachte den
Tag und das Leben, und daher war Leyrah früh aufgestanden, um
Amum hier zu begrüßen, um ihm ihr Erwachsenenleben, das heute
beginnen würde, zu weihen.
Leyrahs Aufmerksamkeit wurde auf den unter ihr liegenden Tempel
gerichtet. Dort traten Personen zwischen den noch stehenden drei
Säulen hervor. Einen Pylon gab es nicht mehr, auch von der
einstigen Säulenhalle war nicht viel übrig geblieben.
Überhaupt war ein Großteil des Tempels und seiner Trümmer
unter dem Wüstensand verborgen, aber das war auch ein Segen,
denn so war er der Aufmerksamkeit fremder Ausgräber entgangen.
Auch die drei Säulen steckten zu einem Drittel im Sand. Man
hätte diesen sicherlich leicht entfernen können, doch um diesen
Tempel weiterhin geheim zu halten, hatte man den Sand dort
belassen, wo er war. Doch hinter den Säulen hatte man mit
Trümmern den Sand aufgehalten und im angrenzenden Raum allen
Schutt, Sand und Steine entfernt. Hier befand sich die zweite
Vorhalle, die zu weiteren Räumen und auch zum Allerheiligsten
führte. Von außen war diese Anlage, bis auf die drei halbwegs
sichtbaren Säulen, unter dem beharrlichen Wüstensand verborgen
- und auch die Säulen waren schlecht erkennbar, da der Tempel
gut geschützt von Gebirgszügen eingekesselt lag und zudem in
tiefstem Medjai-Gebiet. Einst war er errichtet worden für die
vielen Wachposten in der Wüste, die zum Schutz der ägyptischen
Grenzen gen Süden Festungen besetzt und auch eine zivile
Bevölkerung mit sich gezogen hatten. Es war ein kleiner
erhabener Tempel aus der Zeit der 19. Dynastie, der knapp 1000
Jahre nach seiner Errrichtung renoviert und teilweise neu gebaut
worden war. Er war die letzte Zufluchtstätte gewesen, als der
Isis-Tempel auf Philae den Christen zum Opfer fiel, die die in
ihren Augen heidnischen Priester vertrieben hatten. Die
Hohepriesterfamilie der Esmet, die letzten, die noch Hieroglyphen
an die Tempelwände in Philae schrieben, hatte damals fliehen
müssen, sie wurden später Mitbegründer des 2. Stammes der
Medjai, dessen Lager nicht weit vom Tempel entfernt lag. Die
Medjai wachten darüber, dass dieser verbleibende Isis-Tempel
unentdeckt blieb. Leyrah kannte ihn gut. Sie hatte hier fast vier
Jahre ihrer Kindheit verbracht, bis sie sich vor sechs Jahren
dazu entschlossen hatte, doch eine Kriegerin zu werden. So war
sie zu ihrem Stamm und in ihr Vaterzelt zurückgekehrt und hatte
vor kurzem ihre Ausbildung beendet. Ihr Lebensweg schien
vorgezeichnet: Sie war eine Tochter aus dem Haus Setlata und
würde traditionsgemäß einst die Leibwächterin von Lady Bay,
der ersten Dame der Medjai-Gesellschaft, werden. Sie würde sie
begleiten und ihr Leben mit dem ihren schützen. Auch ihr Vater
hatte diesen Dienst versehen und das Leben von Lord Ardeth Bay
geschützt und versah das gleiche Amt bei dessen Sohn Ardjun, der
der amtierende Anführer der Medjai war. Auch ihre Tanten waren
Kriegerinnen. Doch da Lord Ardjun Bay unverheiratet geblieben
war, waren sie keine Leibwächterinnen einer Lady Bay geworden.
Eine hatte geheiratet und war dadurch in einen anderen Stamm
gezogen, die andere versah oft hier am Isis-Tempel ihren Dienst.
Zum heutigen Tag waren sie alle angereist: Ihre Tanten
Wigala-Tiana und Sanya-Tiana, die ihre ganze Familie dabei hatte,
ebenso wie ihr Onkel Wirianda, der sie, ihren Vater Arianda,
ihren Bruder Namdun und ihre Großeltern aus dem 12. Stamm
hierher begleitet hatte, sowie der alte Lord Ardeth Bay, der
Leyrah tief in sein Herz geschlossen hatte, da sie die
Enkeltochter seines besten Freundes, des malaiischen Fürsten
Sandokan, war und er sich um ihr Wohl sorgte. Auch sein Enkel
Lyleth Bay war mitgekommen, um der Initiation seiner Freundin aus
Kindheitstagen beizuwohnen. Leyrah hatte ihn gebeten, ihr Pate zu
werden und ihr an diesem Tag beizustehen, denn die Prozedur, die
Leyrah vor sich hatte, dauerte lange und war schmerzhaft. Sie
würde heute die ersten der insgesamt 16 Tätowierungen erhalten.
Leyrah hatte sich dafür entschieden, diese Zeremonie im
Isis-Tempel vornehmen zu lassen, denn hier hatte sie wichtige
Jahre ihres Lebens verbracht. Stets war sie der Muttergöttin
Isis sehr nahe gewesen. Außerdem wollte sie, dass an diesem so
wichtigen Tag die Oberpriesterin dabei sein würde, die sie
erzogen hatte. Leyrahs Mutter Verci war verstorben, als Leyrah im
siebten Lebensjahr stand - und das war auch der Auslöser
gewesen, weshalb Leyrah in den Tempeldienst gegangen war. Die
Oberpriesterin hatte Leyrah gefördert und ihre seherischen
Fähigkeiten geweckt. Für sie war Leyrah ein ganz besonders
begabtes Kind gewesen, doch hatte sie erkannt, dass das Mädchen
auch das Erbe ihrer Mutter in sich trug, die aus Südostasien
stammte und ebenfalls eine Kämpferin gewesen war. Eine Unruhe
trieb das Kind, die die Oberpriesterin nicht im ruhigen
Tempeldienst zu sänftigen können glaubte, sondern eher in einer
disziplinierten Kriegerin-Ausbildung.
Leyrah schritt langsam hinab zum Tempel. Sie hatte bemerkt, dass
die beiden Frauen, die vor dem Tempel aufgetaucht waren, Ausschau
nach ihr gehalten hatten. Es wurde Zeit: Zunächst würde man sie
baden, schminken, ankleiden und dann in den Vorraum des Tempels
bringen. Dort würde sie ihren Eid ablegen und anschließend die
Rückentätowierungen erhalten.
Bevor die Frauen mit ihr in eine der seitlichen Kammern, die als
Privatquartiere der im Tempel anwesenden Personen dienten, gehen
konnten, traf sie ihren Vater an, der sie bereits erwartet hatte.
Ihm zur Seite stand der junge Lord Bay und lächelte sie an.
Leyrah war ihm dankbar, dass er gekommen war. Früher hatten sie
sich jeden Tag gesehen und zusammen gespielt, waren ausgeritten
und hatten alle Geheimnisse miteinander geteilt, doch seit Lyleth
vor zwei Jahren initiiert worden war, hatte sie ihn selten zu
Gesicht bekommen. Er war damals für über ein Jahr nach Kairo
zum Studium alter Schriften gegangen, aber hatte ihr regelmäßig
geschrieben. Jedes Mal, wenn so ein Brief eintraf, nahm sie ihn
wie ein kostbares Geschenk entgegen und setzte sich unter den
Baum, den ihre Mutter anlässlich ihrer Geburt gepflanzt hatte,
andächtig den Brief lesend. Sie antwortete Lyleth und berichtete
vom immer gleichen Leben in der Wüste, doch hatte sie in diesen
endlos erscheinenden fünfzehn Monaten festgestellt, wie sehr ihr
Lyleth fehlte. Leyrah wurde mit der Zeit immer klarer, dass er
mehr als nur ein Kindheitsfreund für sie war, doch verschloss
sie dieses Gefühl tief in ihrem Herzen, denn der Platz an seiner
Seite war für eine andere Frau reserviert. Sie war allerdings
etwas traurig, als sie bemerkte, dass der vor drei Monaten aus
Kairo Zurückgekehrte sie nicht mehr so wahrnahm wie früher, ja
ihr fast aus dem Weg zu gehen schien. Dennoch hatte sie ihn eines
Tages beherzt darum gebeten, ihr bei ihrer Initiation beizustehen
und er hatte sich einverstanden erklärt. Brav neigte sie jetzt
ihren Kopf vor ihm. Er war zwar noch nicht der oberste Anführer
aller Medjai, aber er würde es eines Tages werden und sie würde
seiner Frau dienen. Ihr Vater Arianda Setlata vergewisserte sich,
ob sie auch wirklich bereit war, diesen Schritt zu gehen, dann
überließ er sie den Frauen. Lyleth nickte ihr aufmuntert zu. Er
würde hier auf sie warten und sie dann in die Vorhalle führe.
Dort erwarteten sie ihre Verwandten, die Priesterinnen und die
aus dem 12. Stamm mit angereiste Tätowiererin.
Als die beiden jungen Mädchen sie wegführten, kicherten sie.
"Hast du gesehen, wie dich der junge Lord Bay angeschaut
hat, Leyrah?", meinte die eine.
Leyrah sah sie überrascht an.
"Aber Leyrah", tadelte die andere, "hast du es
nicht bemerkt? Richtig verliebt hat er geschaut!"
"Nunja", meinte die erste lachelnd, "man sieht ja
auch fast alles durch dein Kleid!"
Beide kicherten, während Leyrah leicht rot wurde.
"Aber Leyrah! Das muss dir doch nicht peinlich sein! Du
siehst wirklich entzückend aus, kein Wunder, dass Lord Bay die
Augen aus dem Kopf fallen!"
"Das wäre aber nicht gut...", murmelte Leyrah ernst.
"Was wäre nicht gut?", hakte eines der Mädchen nach,
während sie Leyrah langsam entkleidete.
"Ich werde schließlich einmal die Leibwächterin seiner
Frau sein. Da darf er mich nicht so anschauen."
"Aber Leyrah! Er ist doch noch nicht mal verheiratet! Noch
darf er so schauen!"
Wieder gackerten beide prustend los. Leyrah ärgerte sich
darüber, sagte aber nichts. Lyleth war ihr heilig, und doch
wurden gerade über ihn viele Scherze gemacht, denn er entstammte
ja der prominentesten Medjai-Familie überhaupt. Kein Wunder,
dass ihre Mitglieder ständiges Thema in der Bevölkerung waren,
zumal der junge Lyleth noch keine Braut gewählt hatte. Man
erwartete, dass er nach seiner Rückkehr aus Kairo heiraten
würde, doch was auch immer sein Vater Ardjun Bay für ihn
beschlossen haben mochte, es war anscheinend ein wirklich gut
gehütetes Geheimnis, denn es wurde nichts über eine Hochzeit
verlautbar.
Als die beiden Mädchen sich beruhigt hatten, wollte eine von
ihnen wissen, warum Lyleth noch nicht geheiratet hat, aber Leyrah
wusste darauf auch keine Antwort. Immerhin gab es drei oder vier
heiratsfähige Töchter von Stammesanführern.
"Hoffentlich bekommst du eine gute Herrin", meinte
eines der Mädchen. Und schon überlegten sie, welche Frau der
Heiratskandidatinnen eine akzeptable Herrin für Leyrah wäre.
Eine nach der anderen schlossen sie aus, bis sie sich auf Eliaja
Ghaleodan, die Tochter des Anführers des 3. Stammes, einigten,
die auch ein paar Jahre im Tempeldienst verbracht hatte. Sie war
die Tochter eines guten Freundes von Leyrahs Vater, beide hatten
zusammen Ardeth Bay als Leibwächter gedient, bevor dieser Janir
Ghaleodan zum Anführer des dritten Stammes eingesetzt hatte,
nachdem sein Vorgänger Lord Wyreth hingerichtet worden war. Doch
hatte seine Tochter erst nach Leyrah im Tempel gedient, so dass
Leyrah sie nicht kannte, aber jetzt schon in ihr Herz schloss.
Die Mädchen schilderten Eliaja als sanftmütig, folgsam und
gottergeben.
"Wie alt ist sie?", erkundigte sich Leyrah.
"15, gerade im richtigen Alter", meinte die eine.
"Nun denn", fügte die andere hinzu, "vielleicht
ist Lord Bay ja heute auf den Geschmack für das weibliche
Geschlecht gekommen, nachdem er so lange enthaltsam leben musste.
Und vielleicht wird es ja bald eine Hochzeit geben." Wieder
lachten beide, während sie Leyrah, die inzwischen in einem Trog
saß, den Rücken schruppten.
"He Leyrah, nachher sieht er dich ja mit entblößtem
Oberkörper!"
Leyrah wurde von neuem rot, während die Mädchen sich
angrinsten.
So trieben sie ihre Späßchen mit Leyrah und lenkten sie damit
so ziemlich von der bevorstehenden Prozedur ab. Am heutigen Tag
schminkten sie sie noch vollständig im Gesicht, denn das würde
als letztes am vierten Tag tätowiert werden. Sie legten ihr ein
frisches weißes und wiederum fast durchsichtiges Gewand an, das,
um später den Rücken freizulegen, an den Schulterbändern
gelöst und zu Leyrahs Beruhigung hinter dem Hals wieder
zusammengebunden werden konnte. Ihre Haare wurden zu einem Dutt
zusammengebunden und mit vielen Nadeln festgesteckt. Zuletzt
parfümierten die Mädchen Leyrah. Sie gingen um sie herum und
bewunderten sie, zupften noch hier und da und führten sie dann
hinaus zu dem wartenden Lyleth, der vor Staunen keines Wortes
mächtig war. Eines der koketten Mädchen sprach daher:
"Lord Bay, wir übergeben Euch Euren Schützling des
heutigen Tages!" Sie legte Leyrahs Hand in Lyleths. Dann
machten sich die beiden Mädchen daran, die schwere Tür zur
Vorhalle zu öffnen.
Lyleth konnte seine Augen nicht von Leyrah wenden. Mit
Bewunderung sah er sie an. Leyrah bemerkte aber auch den
glühenden Blick des Verlangens und für eine ganze Weile versank
ihr Blick in dem seinen und ihr wurde ganz anders ums Herz. Sie
schluckte trocken und brachte dann leise hervor:
"Ich danke Euch, Lord Bay, dass Ihr Euch bereit erklärt
habt, mir heute beizustehen!"
Lyleth seufzte innerlich auf. Vorbei die Zeit, wo sie sich geduzt
und miteinander gespielt hatten. Ab jetzt mussten sie einen
förmlichen Abstand wahren. Er hätte sie so gern in die Arme
genommen und ihr Glück gewünscht. Doch die beiden Tore waren
schon fast ganz offen und man konnte sie sehen. Noch einmal,
dachte er, noch einmal möchte ich mit ihr so umgehen dürfen wie
früher, und er flüsterte ihr zu:
"Alles Gute, Leyrah! Halt die Ohren steif, es wird schon
nicht so schlimm werden."
Sie grinste ihn verschmitzt an, dann schritten beide erhobenen
Hauptes durch das Tor auf die Mitte der Halle zu.
Arianda war stolz auf seine Tochter. Sie erinnerte ihn jeden Tag
an seine geliebte Verci, die allzu früh verstorben war. Leyrah
würde ihren Weg gehen. Jeder hatte nur gut von ihr berichtet.
Sie war jung, schön, wissensbegierig, barmherzig und bescheiden.
Zufrieden sah er zu ihr hinüber, wie sie bäuchlings auf dem
Marmortisch lag, über den sich die Tätowiererin gebeugt hatte.
Daneben saß Lyleth und hielt ihre Hand. Er hatte ihr vor der
Prozedur einen Trank gereicht, der sie etwas betäubt hatte. Nun
wurde sie eine echte Medjai-Kriegerin! Sie würde die Tradition
ihrer Familie erfüllen. Arianda nickte seinen Eltern Walgyn und
Keranya zu, die zu seiner Rechten standen. Irritiert verhaftete
sein Blick auf dem Gesicht seines Vaters. Sah er dort ein
Stirnrunzeln? Tatsächlich sah Walgyn sehr intensiv zu Leyrah
hinüber. Irgendetwas beschäftigte Walgyn. Arianda trat dichter
zu ihm heran.
"Vater, lass uns einen Tee trinken gehen!"
Da die Prozedur noch Stunden dauern würde, gab es für die
Beistehenden die Gelegenheit, sich an die Seiten dieses Raumes
zurückzuziehen, wo fleißige Hände Essen und Trinken sowie
bequeme Sitzmöglichkeiten aufgebaut hatten. Walgyn und Arianda
ließen sich in einer Nische nieder und bedienten sich. Arianda
begann das Gespräch, indem er blumig und mit vielen Worten
darauf verwies, dass nun endlich sein ältestes Kind eine echte
Medjai-Kriegerin geworden sei und wie stolz doch alle
Familienmitglieder sein könnten.
"Und doch scheint es mir, als bewege dich eine Sorge",
schloss Arianda seine Lobpreisungen.
Walgyn sah ihn ernst an.
"Ist es möglich, dass du, mein Sohn, vor lauter Stolz
geblendet bist, nicht zu sehen scheinst, was ich soeben dort
drüben sah?" Da Arianda ihn nur irritiert ansah, aber nicht
antwortete, sprach Walgyn weiter:
"Hast du nicht den zärtlichen Blick des jungen Lord Bays
gesehen? Glaube mir, mein Sohn, ein Unheil zieht herauf. Niemals
hättest du gestatten dürfen, dass deine Tochter den jungen Lord
um seinen Schutz am heutigen Tag bittet. Der junge Lord hat Recht
gehandelt, als er sich nach seiner Rückkehr von deiner Tochter
fern hielt, wohl wissend, dass er alle Gefühle ihr gegenüber zu
unterdrücken hat. Und nun sind diese wieder aufgebrochen, und es
wird ein Mitglied unserer Familie sein, dass eine weitere
Tragödie in der Familie Bay auslösen wird."
Kopfschüttelnd und mit Weltuntergangsmiene nahm Walgyn einen
Schluck Tee. Arianda indessen war bestürzt. Ihm war gar nicht
aufgefallen, was da vor sich ging.
"Was können wir tun, Vater?"
"Nach dieser Zeremonie muss Leyrah weit entfernt werden, bis
Lord Bay eine Braut für Lyleth gefunden hat. Auf keinen Fall
dürfen diese beiden jungen Leute weiterhin zusammentreffen -
wenn nicht sowieso alles zu spät ist. Du musst mit Leyrah
sprechen. Umgehend. Sie darf dem jungen Lord keinen Anlass geben.
Am besten, du verheiratest sie sofort."
"Aber Leyrah möchte doch Leibwächterin bei Lady
Bay..." Ariandas Stimme erstarb. Sein Vater sah ihn nickend
an. Er denkt das gleiche, fuhr es Arianda durch den Kopf.
"Ja, du hast Recht", murmelte Arianda, "es gäbe
eine Tragödie, wenn Leyrah im Haushalt von Lord Lyleth Bay
dienen würde."
"Das muss unterbunden werden", sagte Walgyn im
Befehlston. "Wir werden sie mit Tyrun Fajum verheiraten. Sie
ist immerhin dein erstes Kind und eine gute Partie. Die Fajums
werden froh sein."
"Aber dann müsste sie ja in den elften Stamm!", gab
Arianda entsetzt von sich.
"Ja, besser sie verlässt unseren Stamm, besser, sie geht
Lyleth aus den Augen."
"Das wird ihr das Herz brechen, Vater, sie wollte Kriegerin
werden und im elften Stamm gibt es keine..."
"Sie ist ein Mädchen, mein Sohn, sie wird sich fügen. Und
sie ist unwichtig gemessen am Wohl der Familie Bay. Sprich also
heute Abend sogleich mit ihr! Sie darf den jungen Lord Bay auf
keinen Fall ermutigen!"
Arianda seufzte und sah traurig zu Leyrah hinüber. So war ihr
Schicksal in einem Gespräch mit seinem Vater besiegelt. Da
Walgyn das Familienoberhaupt war, musste auch Arianda sich
fügen. Aber heute Abend schon mit ihr reden? Die Tätowierungen
nahmen vier Tage in Anspruch. Sie würde jede Freude verlieren,
wenn sie um ihr Los wüsste.
"Ja, Vater, ich werde mit ihr sprechen, dass sie den jungen
Lord nicht ermutigen darf. Aber wegen ihrer Heirat mit Tyrun
Fajum werde ich ihr erst nach ihrer Zeremonie sprechen. Es wäre
grausam, ihr so die Feier zu verderben."
Walgyn schüttelte zwar etwas verständnislos mit dem Kopf, aber
erwiderte nichts.
Lyleth wachte die ganze Zeit neben Leyrah, auch als sie nach den
erhaltenen Rückentätowierungen eingeschlafen war. Als sie
aufwachte und ihn anblinzelte, lächelte er ihr tröstend zu und
meinte: "Du kannst dich jetzt aufsetzen und etwas trinken
und essen." Er reichte ihr einen großen Becher voll Wasser
und einen Teller mit allerlei Köstlichkeiten. Leyrah nahm die
Kost dankbar entgegen und labte sich, denn sie war sehr hungrig,
da sie seit dem frühen Morgen noch nichts wieder gegessen hatte.
Sie waren allein in dem Saal. Die anderen hatten sich längst
zurückgezogen. Lyleth setzte sich neben Leyrah auf den
Marmortisch.
"Du hast sicherlich bemerkt, Leyrah, dass ich dich seit
meiner Rückkehr nicht mehr so oft getroffen oder angesprochen
habe, nicht wahr?"
Leyrah sah ihn erstaunt an, erwiderte aber nichts, zumal sie die
Wangen voll hatte.
"Ach Leyrah! Ich hatte dich so in Kairo vermisst! Ich hatte
solche Sehnsucht! Und als mir klar wurde, warum ich mich so
sehne, da versuchte ich, das Gefühl aus meinem Herzen zu
reißen! Ach, es ist mir nicht gelungen. Leyrah, ich kann nicht
ohne dich leben! Ja, Leyrah, ich liebe dich! Du sollst es wissen!
Ich liebe dich!"
Leyrah hatte dank dieser unerwarteten und überschwänglichen
Liebeserklärung aufgehört zu essen, aber sie wusste nicht, was
sie erwidern sollte.
"Ich weiß nicht, ob du mich auch so liebst wie ich dich,
oder ob du nur Freundschaft für mich empfindest. Ich möchte so
gern mein Leben mit dir teilen, Leyrah! Das ist mir heute klar
geworden. Es hat keinen Sinn, mich von dir fernzuhalten..."
Endlich hatte Leyrah sich gefasst. "Aber Lyleth! Du weißt
doch, dass wir nicht zusammenkommen können. Dein Vater und dein
Großvater haben bestimmt schon eine andere Braut
ausgesucht."
"Ich weiß es nicht, Leyrah, sie haben noch nicht mit mir
gesprochen. Aber ich werde mit ihnen sprechen und ihnen sagen,
dass ich dich heiraten möchte und..."
"Nein, Lyleth", unterbrach ihn Leyrah, "bitte, sag
nichts! Sie würden es doch nie erlauben! Und wenn du ihnen erst
Gefühle für mich eingestehst, dann werden sie nie gestatten,
dass ich in deinem Haushalt diene. Und ich möchte doch so gern
die Leibwächterin deiner Frau werden. Dann dürfte ich in deiner
Nähe sein, dich von Ferne sehen, deinen Duft ganz sachte
einatmen und dich anlächeln, wenn du mit dem Rücken zu mir
stehst. Und wenn du mich anschaust, dann möchte ich vor dir
versinken und jede Verbeugung wird eine Huldigung an meine
heimliche Liebe sein! Oh, ich wäre glücklich damit! Aber wenn
man mich ganz von dir trennt, was bliebe mir noch von dir?"
"Leyrah...", brachte Lyleth mühsam hervor.
Sie legte einen Finger auf seine Lippen und unter Tränen
versuchte sie, mit der Stimme fest zu bleiben, als sie ihm
erwiderte: "Nein, Lyleth, es darf nicht sein, dass wir uns
lieben! Versprich mir, dass du nichts sagst! Lass unsere Liebe
unser köstliches Geheimnis sein! Auf ewig werde ich die deine
sein und mein Körper wird der Liebe entsagen."
Lyleth umarmte sie, aber ließ von ihr ab, als sie aufstöhnte,
denn ihr Rücken schmerzte noch sehr.
"Du bist so tapfer", raunte er heiser und meinte damit
zuallererst ihr Entsagen, stand auf und verließ den Saal, um in
seiner Verzweiflung allein zu bleiben.
Lange saß Leyrah auf der Kante der Marmorplatte und dachte nach.
Sie unterdrückte ihre Tränen. Niemand sollte ihr ihre Gefühle
anmerken. In Gedanken versunken, bemerkte sie nicht, wie ihr
Vater eintrat und leise zu ihr hin ging. Erst als er auf einmal
wie ein schwarzer Schatten vor ihr stand, erschrak sie.
"Papa, ich habe dich gar nicht kommen gehört!"
Arianda legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Wie geht es dir, meine Tochter?"
"Es geht mir gut, mein Vater. Es tut kaum noch weh."
Das war zwar eine Lüge, aber Leyrah wusste, dass sie als
Medjai-Kriegerin tapfer sein musste. Arianda lächelte
anzweifelnd, wurde aber sogleich wieder ernst.
"Ich bin sehr stolz auf dich, mein Kind. Jetzt bist du
erwachsen."
Leyrah nickte. Arianda schwieg. Er wusste nicht, wie er beginnen
sollte. Leyrah bemerkte es.
"Papa, dich bedrückt doch etwas?"
Arianda nickte langsam und brachte dann mit heiserer Stimme ein
"Ja" hervor.
"Dein Großvater bedauert, dass du dir Lord Bay als
Schutzherrn für deine Initiation erwählt hast. Er meint, man
könnte daraus falsche Schlüsse ziehen."
Leyrah sah ihren Vater erschrocken an und hielt den Atem an.
Arianda bemerkte ihr sonderbares Verhalten. Ihm war in dem Moment
klar, dass sein Vater richtig vermutet hatte.
"Mein Kind, ich kenne deinen Wunsch, die zukünftige Lady
Bay zu beschützen. Dein Großvater wünscht jedoch, dass du dich
von Lord Bay fern hältst, heute, morgen, für immer."
Leyrah senkte ihren Kopf. Ihr Vater hatte mit Bestimmtheit
gesprochen. Es war keine Bitte gewesen, sondern ein Befehl. Was
sollte sie erwidern? Sie wollte nicht fern von Lyleth leben.
"Papa, ich versichere dir, dass zwischen Lyl... Lord Bay und
mir nichts geschehen ist. Oja, es war töricht, ihn als
Schutzherren auszuwählen, das sehe ich nun ein, denn die Leute
könnten reden, aber es ist nichts zwischen uns..."
"So, wirklich?", unterbrach sie Arianda und sah sie
scharf an.
"Nein", flüsterte Leyrah halb flehend.
"Du liebst ihn nicht?"
Leyrah sah ihren Vater erschrocken an. Er hatte es direkt
ausgesprochen. Oh, und wie sie Lyleth liebte! Sie konnte es nicht
leugnen.
"Dein Schweigen verrät dich, Leyrah!", warf ihr
Arianda vor. Und während Leyrah niedergeschlagen den Kopf
senkte, verkündete Arianda Walgyns Anweisung, die er ja
eigentlich erst nach Leyrahs Zeremonie ihr hatte sagen wollen,
doch das Eingeständnis seiner Tochter brachte ihn dazu.
"Ich werde morgen Lord Bay bitten, dass er den Tempel
verlässt und einen anderen suchen, der dein Schutzherr sein
wird. Es darf nicht sein, dass du durch dein mädchenhaftes
Gehabe den jungen Lord zu einem törichten und verheerenden
Verhalten animierst. Nach der Zeremonie wirst du hier im Tempel
bis zur deiner Hochzeit mit Lord Tyrun Fajum bleiben. Er ist 17
Jahre alt und ich werde gleich von hier zum 11. Stamm reiten, um
mit seinem Vater über eine Hochzeit zu verhandeln, aber ich
denke, da wird es keine Probleme geben."
Arianda hatte sich dabei erhoben. Leyrah starrte ihn entsetzt an.
"Ich soll heiraten? Aber Papa..."
"Leyrah, du befolgst meine Anordnungen!" Arianda hasste
sich für diese Härte, aber sein Vater hatte Recht. Es stand zu
viel auf dem Spiel. Leyrah durfte nicht länger mit Lyleth
zusammentreffen.
"Vater, Erbarmen!", brachte Leyrah schluchzend hervor.
"Bitte verheirate mich nicht! Bitte, lass mich wenigstens
eine Tempelkriegerin werden! Bitte, Vater, bitte! Verheirate mich
nicht mit Tyrun Fajum!"
Arianda musste sich abwenden. Sie würde ihn weich kriegen, wenn
er ihr jetzt länger zuhören würde. Um seine eigene Fassung
ringend brachte er barsch hervor: "Leyrah, du wirst ohne
weitere Widerrede gehorchen." Arianda beeilte sich, den Raum
zu verlassen.
Lyleth schaffte es gerade noch, sich hinter einer Säule zu
verbergen. Er hatte vor ein paar Minuten noch einmal nach Leyrah
sehen wollen und den letzten Teil des Gespräches zwischen Vater
und Tochter belauscht.
Leyrah schluchzte bitterlich in sich hinein, als er zu ihr trat.
Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Er richtete mit seiner
Hand sanft ihr Kinn auf. Leyrah sah auf und erschrak.
"Lyleth!"
Sie brauchte ihn nicht zu fragen, ob er zugehört hatte, sie sah
es in seinen traurigen Augen. Er umarmte sie ganz sacht. Da brach
es ganz aus ihr heraus und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
"Sch, sch", versuchte er sie zu beruhigen und fuhr ihr
mit der Hand streichelnd über den Kopf. "Wir finden eine
Lösung, Leyrah..."
Zwischen mehreren lauten Schluchzern stieß Leyrah aus:
"Ach, ...was... denn für... eine... Lyleth? Es ist... alles
so furchtbar!"
Lyleth reichte ihr ein Tuch. Leyrah trocknete ihre Wangen und
schnäuzte laut.
"Lass uns in deine Kammer gehen!"
Leyrah sah ihn entsetzt an.
"Dann verheiraten sie mich gleich morgen mit diesem Tyrun
Fajum!"
"So weit wird es nicht kommen. Komm jetzt!"
Lyleth bestimmter Ton beruhigte Leyrah und sie folgte ihm brav in
ihr kleines Zimmer, das sie für die Zeit der Initiation allein
bewohnen durfte. Hier stand ein schmuckloses Bett und ein
Schemel. Ein Teppich lag auf dem Boden. Lyleth zündete die
Öllampe an, dann schloss er die Tür, drehte sich zu ihr um und
sah sie ernst an. Leyrah erschauderte. Doch Lyleth ließ ihr
keine Zeit, um zu protestieren. Er ergriff ihre Hände.
"Leyrah, willst du meine Frau werden?"
Leyrah starrte ihn wie paralysiert an. Er meinte das ernst.
"Lyleth, das geht doch nicht", wollte sie protestieren,
doch er ließ ihr keine Zeit.
"Ja oder nein, Leyrah?"
"Nein! Nein! Ich will nicht, ich darf nicht!" Und sie
dachte, dass sie unbedingt vernünftig sein müsste. Doch Lyleth
lächelte sie nachsichtig an.
"Andersrum...", meinte er trocken, "liebst du
mich?"
Leyrah sah ihn entwaffnet und zärtlich an. "Ja, Lyleth, ich
liebe dich, sehr sogar, aber..."
"Kein Aber! Du liebst mich und ich liebe dich! Alles ist so,
wie es sein soll! Du wirst meine Frau werden."
Damit stand er auf und nahm ihren Kopf in seine Hände, bevor sie
wieder etwas entgegnen konnte. Er drückte ihr einen Kuss auf den
Mund, dann umfasste er sie ganz und küsste sie leidenschaftlich.
Leyrah ließ ihn gewähren. Sie war viel zu verwirrt, um etwas
gegen ihn zu unternehmen. Doch den Kuss konnte sie nicht
genießen. Dazu war sie wirklich viel zu durcheinander. Erst, als
er sie in seine mächtigen Arme nahm und auf das Bett hob,
erwachte in ihr wieder die Vernunft.
"Lyleth, nein! Warte! Das geht nicht!"
Lyleth setzte sich brav neben sie. Er nickte und meinte:
"Ja, du hast Recht, es ist wirklich nicht so galant, seine
Liebe zu gestehen und noch im selben Moment miteinander zu
schlafen. Es sieht so aus, als würde ich die Lage ausnutzen
wollen, das heißt, mich befriedigen wollen und dich dann fallen
lassen, nicht wahr?"
Leyrah schüttelte verwirrt ihren Kopf.
"Also, hör zu, Leyrah! Ich werde dich heiraten. Sobald wir
in den 12. Stamm zurückkehren, werde ich mit meinem Vater
sprechen. Und gleich morgen Früh mit meinem Großvater. Er liebt
dich wie ein eigenes Kind und wird einverstanden sein und uns zur
Seite stehen. Immerhin bist du eine Setlata und uns Bay würdig.
So sehe ich das jedenfalls. Um aber von vornherein zu
unterbinden, dass uns an unserem Glück irgendwer hindert, werden
wir zwei jetzt die Ehe vollziehen. Wenn wir Glück haben, segnen
die Götter unseren Bund und schenken uns ein Kind. Also, Leyrah,
wenn du damit einverstanden bist, dann lass uns jetzt Mann und
Frau sein."
Er sah ihr aufrecht in die Augen. An seiner Ehrlichkeit gab es
keine Zweifel. Sein Plan aber war geradezu verwegen. Der Ärger
schien vorprogrammiert. Leyrah schwirrten tausend Gedanken im
Kopf herum, aber ihr fiel auch keine Lösung ein. Sie blickte
Lyleth mit offenem Mund an, wusste nicht, was sie tun sollte.
"Du willst meine Frau sein, nicht wahr?" Sie nickte
stumm und ergeben.
"Dann musst du mir jetzt gehorchen, Lady Leyrah Bay",
lächelte er sie verschmitzt an und begann, ihr langsam und sehr
vorsichtig ihr durchsichtiges Gewand vom Körper zu ziehen. Er
streichelte sie und meinte etwas bedauernd: "Es wird wegen
deines Rückens etwas weh tun."
"Ich bin eine Kriegerin", hauchte sie und
signalisierte, dass sie zu allem bereit war.
Leyrah und Lyleth zelebrierten ihre Hochzeitsnacht und die
Götter gaben ihren Segen.
Vor der Tür aber wachten die Oberpriesterin und Ardeth Bay. Sie
lächelten sich in verschwörerischer Übereinstimmung an.
Wenn der erstgeborene Sohn des Kindes des Südens das Licht der
Welt erblickt, dann wird er sich eines Tages dem Unnennbaren
entgegenstellen müssen.
Fast zwei Jahre waren seit Leyrahs Initiation vergangen. Wider
Erwarten der jungen Verliebten hatte es nicht die Katastrophe
gegeben, die Walgyn prophezeit hatte. Leyrah und Lyleth
verdankten es Ardeths Intervention, dass Ardjun und Arianda
schließlich mit der Hochzeit einverstanden waren. Einige
Stammesanführer waren zwar etwas pikiert, dass Ardjun eine Braut
aus seinem eigenen Stamm gewählt hatte, aber für Ardjun war es
auch von Vorteil, denn, indem er einen Stamm dem anderen
vorgezogen hätte, wären die anderen Anführer brüskiert
gewesen. Heiratspolitik war eine pikante und schwierige
Angelegenheit. Doch als das große Fest keine zwei Monate nach
Leyrahs Initiation gefeiert wurde, waren alle Anführer mit ihren
Familien eingeladen und fröhlich gestimmt. Lyleth' Recht auf
Leyrah wurde bald offenbar, denn tatsächlich hatte Leyrah von
ihm in ihrer vorgezogenen Hochzeitsnacht ein Kind empfangen. Als
ihre Schwangerschaft sichtbar wurde, streichelten ihr die Frauen
des 12. Stammes liebevoll über ihren Bauch und meinten, sie
wäre eine gesegnete und von Allah geliebte Frau. Leyrah gebar
einen Sohn, was Lyleth überglücklich machte, Ardjun anerkennend
zur Kenntnis nahm und Ardeth in Ruhe und Frieden sterben ließ.
Leyrah durfte nur ein Jahr lang ihr Baby stillen, dann musste sie
es einer Amme übergeben, denn die Pflichten riefen sie.
Tatsächlich war sie die erste Dame ihres Volkes, da Ardjun
unverheiratet geblieben war. So hatte sie mit ihrer Hochzeit sich
an vieles gewöhnen und in ihre Aufgaben hineinwachsen müssen.
Das war ihr nicht immer leicht gefallen, zumal sie sehr jung war
und einige ältere Damen versuchten, sie zu beeinflussen. Doch
Leyrah fand ihren Weg. Sie profitierte auch von ihrem Status als
Kriegerin. Außer den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft
zeigte sie sich nie anders als in ihrem schwarzen Kriegergewand.
Auch zu Festen legte sie nicht den goldenen Stirnreif der First
Lady der Medjai an, da ihr Gatte noch nicht der Anführer der
Medjai war. Doch sie hatte für jeden ein offenes Ohr, eilte zu
Hilfe, wenn ihr Beistand benötigt wurde und half, wo sie nur
helfen konnte. Nachdem der kleine Ardeth, der zu Ehren seines
Urgroßvaters diesen Namen trug, seinen ersten Geburtstag
gefeiert hatte und der Fürsorge der Amme Nerys übergeben worden
war, die selbst eine Kriegerin war, aber geheiratet hatte und
eine Tochter zur Welt gebracht hatte, musste Leyrah
repräsentative Reisen unternehmen. Nun musste sie verschiedenen
Räten vorstehen und sich um die Belange der Frauen in den
Stämmen kümmern. Eine Rundreise wurde vorbereitet, genau wie in
der Zeit nach ihrer Hochzeit, als es galt, sich der Bevölkerung
der elf anderen Stämme zu präsentieren. Zuvor sollte sie aber
den Tempel besuchen und der Isis für die Gabe ihres Sohnes
opfern. Leyrah musste lächeln, als sie an ihre erste Nacht dort
dachte - auch, als ihr Lyleth in den Sinn kam, der ihr ein Jahr
lang seinen Samen nicht schenken durfte, bis sein Sohn ein Jahr
alt war. An Ardeths erstem Geburtstag war er daher besonders gut
gelaunt gewesen und forderte ihre Gunst eine volle Nacht. Das war
vor fast drei Monaten gewesen. Nun steichelte sie sich zärtlich
über ihren Bauch, denn sie hatte sich mit einer Heilerin
besprochen, da ihre Tage schon zweimal ausgeblieben waren. Es
bestand kein Zweifel, sie war wieder schwanger. Klein Ardeth
sollte ein Geschwisterchen bekommen. Sie nahm sich vor, es Lyleth
am Abend zu sagen. Er hatte heute keine Nachtwache und würde sie
sicherlich in ihrem gemeinsamen Zelt aufsuchen anstatt den Abend
mit den Männern vor den Lagerfeuern zu verbringen. Da er in der
Verpflichtung stand, viele Söhne zu zeugen, besuchte er sie oft.
Er war nämlich der einzige männliche Bay-Erbe und die Linie
musste erhalten werden. Stolz sah sie auf ihren kleinen Sohn, der
in der Ecke saß und spielte. Sie hatte sich als würdige
Bay-Braut erwiesen und einen gesunden Sohn zur Welt gebracht und
nun erwartete sie noch ein Kind. Etwas wie Bedauern schlich sich
gleichzeitig in ihre Gedanken ein. Es blieben ihr wieder gerade
mal drei, vier Monate, bis man ihr nicht mehr gestatten würde zu
reiten und sich kämpferisch zu betätigen. Sie wünschte sich
inständig, sie hätte eine Schwägerin und würde die Sorge um
die Nachfolge der Bays nicht allein auf ihren Schultern bzw. in
ihrem Bauch tragen müssen. So hatte sie sich ihre
Kriegerin-Laufbahn nicht vorgestellt. Man forderte zwar von einer
Lady Bay, dass sie eine gelernte Kriegerin war, aber Leyrah
fragte sich, wozu das überhaupt nötig sei, denn sie musste mehr
repräsentieren und vermitteln als Tempel, Orte oder Tierherden
bewachen wie die anderen Kriegerinnen.
Als Lyleth am Abend zu ihr kam, sah er sehr müde aus. Er hatte
einen langen Tag hinter sich und nun würde er auch noch seine
Frau beglücken müssen, um mit ihr Kinder zu zeugen, denn alle
erwarteten, dass Leyrah jetzt wieder schwanger werden würde. Er
sah sie etwas bedauernd an und als sie sich zum Teetrinken
niedersetzten, seufzte er:
"Wann haben wir zwei eigentlich das letzte Mal einfach nur
geredet?"
"Keine Sorge, Lyleth, wenn du heute zu müde bist, ist das
kein Problem..."
"Ach Leyrah, du weißt doch...", brachte er
entschuldigend hervor und streifte sich sein Gewand ab mit einer
"nun lass uns schon machen"-Geste.
"Ich wusste gar nicht, dass ich so abstoßend bin",
warf sie ihm neckend vor, "aber in vier Monaten werde ich es
ganz bestimmt sein." Sie grinste ihn breit an. Und da er
nichts außer einem erstaunten Blick hervorbrachte, meinte sie:
"Du brauchst dich nicht weiter anzustrengen, Lord Bay. Alles
schon gelaufen. Ich bin schwanger."
"Leyrah! Ist das wirklich wahr?" Lyleth schien
fassungslos zu sein.
"Ja, ja! Deine Mühen haben sich gelohnt, mein Lieber! So
Allah will, wirst du in sieben Monaten zum zweiten Mal
Vater!"
Er umarmte sie stürmisch und war sichtlich erleichtert.
Leyrah und Lyleth beschränkten sich an diesem Abend darauf, ein
Gesellschaftsspiel zu spielen und zu reden. Sie hatten das
Gefühl, dass sie das seit Ewigkeiten nicht getan hatten und
genossen diesen Abend, der nur ihnen gehörte. Die frohe
Nachricht wollten sie Ardjun und den anderen am nächsten Morgen
verkünden.
Leyrahs Reise wurde aufgrund ihrer Schwangerschaft nicht
verschoben. Sie sollte zwei Monate fort sein, danach würde man
sie wieder schonen. Auch Lyleth hatte vor einem Monat eine Reise
angetreten: Er war von einem Museumskurator in Kairo aufgefordert
worden, dringend nach Kairo zu kommen. Es gab für ihn große
Neuigkeiten. Welche das waren, wollte der Kurator in seinem
Telegramm nicht verraten, aber er machte die Sache sehr eilig und
so verabschiedete sich Lyleth von seiner geliebten Leyrah. Er
hoffte, dass er noch vor ihrem Reiseantritt wieder zurück sein
würde. Doch als der Tag von Leyrahs Abreise kam, war Lyleths
noch nicht zurückgekehrt. Auch war bislang keine Nachricht
eingetroffen, was ihn in Kairo aufhielt. Wahrscheinlich wusste
Ardjun mehr, da er gerade in Theben weilte und dort direkt die
Telegramme erhalten konnte. Er würde erst in zwei Wochen
zurückkehren. Leyrah blieb vorest ohne Nachrichten. So reiste
sie ab und hoffte, dass ihr die Zeit bis zum Wiedersehen mit
Lyleth ihr aufgrund ihres Reiseprogramms recht kurz vorkommen
würde.
Ihr zu Seite ritten ihre beiden Leibwächterinnen. Sie stammten
nicht aus dem Hause Setlata, waren also nicht mit ihr verwandt,
aber eine davon war ihre beste Freundin und hatte mit ihr
gemeinsam ihre Kriegerin-Ausbildung gemacht. Sie hieß Sirrah
Bengariah, stammte ebenfalls aus einer alten und angesehenen
Familie, und ihr Vater diente dem Vize-König als Minister in
Kairo. Er war untätowiert geblieben, da er kein Krieger werden
wollte, und hatte sich für den Diplomatendienst entschieden.
Viele Medjai hatten sich dem Außendienst verschrieben, um ihren
Stamm entweder als Bauern oder Kaufleute zu unterstützen oder
der Sache der Medjai als Diplomaten, Verwalter, Museumsvorsteher
oder in ähnlich gehobenen Berufen dienlich zu sein. Von dort aus
konnten sie Einfluss auf die Machthaber Ägyptens ausüben und
überwachen, wer die Aufgabe der Medjai auch nur irgendwie
bedrohen konnte. Es war ein ungewöhnlicher Wunsch von Sirrah,
Kriegerin zu werden, aber ihre Eltern hatten ihr schließlich
nachgegeben. Nun waren sie natürlich stolz, dass sie es bis zur
Leibwächterin von Lady Bay geschafft hatte.
Der kleinen Gruppe gehörten noch drei weitere Frauen an: Zwei
standen Lady Bay zur persönlichen Verfügung, sie richteten ihr
Lager in der Nacht und brachten ihr das Essen. Jeden Wunsch lasen
sie ihr von den Augen ab. Die dritte gehörte dem 5. Stamm an und
nutzte die Gelegenheit, zu ihrem Ehemann zurückzukehren. Sie
hatte ihre Eltern im 12. Stamm besucht und ihnen ihren ersten
Enkel gezeigt, der inzwischen fast zwei Jahre alt war und den die
Eltern bislang noch nicht gesehen hatten. Sie trug ihr Kind in
einem Brusttuch. Die Gruppe wurde von Medjai-Kriegern eskortiert.
Je drei ritten vorweg bzw. hinterher. Zwei Esel trugen den
Proviant. Die Reiter und Reiterinnen saßen hingegen auf Pferden.
Leyrah hatte sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie sich
distinguiert benehmen musste, d. h. von den anderen abgrenzen
musste. Sie konnte nicht einfach am gleichen Lagerfeuer sitzen
und mit den Männern und Frauen essen. Ihr wurden die Speisen von
den beiden Dienerinnen zugetragen, während sie in ihrem kleinen
Zelt auf weichen Kissen saß. Die anderen schliefen alle am
Lagerfeuer, wo es allerdings auch wärmer war. Leyrah bat am
Abend Sirrah, bei ihr zu schlafen. So legte sich Sirrah dicht an
ihre Herrin, während die andere Leibwächterin, die Kanintra
hieß, vor dem Zelt wachte. Um kurz nach Mitternacht wollten die
beiden Leibwächterinnen sich ablösen, und um 4 Uhr morgens
wollte man weiterreiten. Kanintra hörte die beiden Freundinnen
noch lange miteinander tuscheln. Leyrah fühlte sich endlich
wieder so halbwegs frei. Sie hätte zwar viel lieber mit den
Männern am Lagerfeuer gesessen und deren Geschichten gehört,
aber sie war schon selig, dass sie der Beobachtung ihres
Schwiegervaters und der hohen Gesellschaft des 12. Stammes für
eine Weile entfliehen konnte.
Auch am nächsten Tag führten Sirrah und Leyrah eine
schwungvolle Unterhaltung auf ihren Pferden und bezogen Kanintra
mit ein. Sie lachten manchmal so schallend, dass die anderen
Männer und Frauen sich zu ihnen umdrehten und schmunzeln
mussten. Sie liebten Leyrah und waren froh, dass Lyleth seine
Herzensdame hatte heiraten dürfen. Nach all den Desastern in der
Familie Bay würde sich nun alles zum Guten wenden.
Doch das Unheil lauerte. Gegen
späten Vormittag des fünften Tages, gerade bevor die kleine
Karawane die mehrstündige Mittagspause einlegen wollte, näherte
sich in schnellem Tempo eine Staubwolke. Reiter preschten heran.
Sie verringerten ihr Tempo nicht, als sie auf die Medjai
zuritten. Da war allen klar, dass diese fremden Reiter in
feindlicher Absicht unterwegs waren. Der Anführer der Eskorte
wechselte mit Leyrah einen ernsten Blick. Sie nickte ihm zu. Man
wollte sich den Angreifern stellen. Sofort wurde die
Verteidigungslinie gebildet. Die drei unbewaffneten Frauen
mussten mit den beiden Eseln ganz nach hinten weichen, während
die sechs Männer einen Halbkreis bildeten, dahinter blieben die
drei Kriegerinnen. Leyrah blickte zu den Angreifern und rief dem
Anführer der Eskorte zu:
"Das sind mindestens drei Dutzend! Ihr seid nur ein halbes
Dutzend. Wir werden euch verstärken!"
"Nein, Lady Bay, bitte, haltet Euch aus dem Kampf
heraus!"
Doch bevor er die Bitte formuliert hatte, war sie schon in die
Reihe der Männer geritten, genau neben den Anführer, gefolgt
von Sirrah und Kanintra. Die anderen Medjai rückten zur Seite,
sodass ihre Verteidigungslinie nun verbreitert war.
"Ich bin eine Kriegerin! Ich kann nicht einfach zusehen. Und
unsere drei Schwerter könnt ihr gut gebrauchen bei dieser
Übermacht."
Leyrah zückte ihr gekrümmtes Langschwert. Äußerlich
unterschied die drei Frauen nichts von den Männern. Alle neun
trugen die schwarze Kleidung und waren bis auf die Augen
verschleiert. Der Feind trug rotschwarze flatternde Gewänder und
hatte sie fast erreicht. Sie schwangen bereits ihre Säbel und
brüllten furchteinflößend.
"Wer sind die? Kennt ihr die?", fragte Leyrah den
Anführer.
"Nein, noch nie gesehen... Sklavenhändler scheinen es nicht
zu sein. Sie tragen immerhin so etwas wie Uniformen",
erwiderte er und hob gleichzeitig sein Schwert, bereit zum Kampf.
"Kümmert euch nicht um mich, sondern tötet, wen ihr töten
könnt!", rief Leyrah noch ihren beiden Leibwächterinnen
zu, bevor der Zusammenstoß mit den Feinden erfolgte. Dieser war
heftig: Die rotgewandeten Männer ließen ihre Schwerter
niedersausen, die Medjai wehrten ab und es entbrannte ein
heftiger Kampf. Die Angreifer waren vierfach überlegen und so
dauerte es nicht allzu lange, bis einige der Medjai tot oder
verwundet zu Boden gegangen waren. Der Anführer der Eskorte lag
mit einer klaffenden Wunde im Sand, sein Gegner wandte sich
bereits einem anderen Medjai zu. Eine der beiden Dienerinnen
rannte zu ihm und versuchte, seine Wunde zu verbinden, damit er
nicht so viel Blut verlor. Er presste die Zähne aufeinander,
erhob sich, suchte sein Schwert und stürzte sich erneut in den
Kampf. Leyrah saß noch hoch zu Ross. Sie hatte schon drei
Angreifer ausgeschaltet, zwei davon lagen tot auf dem
Wüstensand, der dritte wand sich in Schmerzen. Doch als sie sich
umsah, bemerkte sie, dass der Kampf verloren war. Nur noch zwei
weitere Medjai saßen auf ihren Pferden, zwei - unter ihnen
Sirrah - kämpften auf dem Boden gegen den Feind, Schwert gegen
Schwert, und waren bereits verwundet. Der Sand war rot befleckt.
Eines der Pferde lag blutüberströmt auf der Seite.
"Ergebt euch! Ergebt euch!", brüllte einer der
Rotgewandeten lauthals auf Arabisch.
Doch Leyrah dachte nicht daran, sich zu ergeben. Sie erhob ihr
Schwert hoch über ihrem Kopf, ließ ihr Pferd aufsteigen und
schrie, so laut sie konnte, den anderen zu:
"Bis in den Tod!"
Beeindruckt hielten die Angreifer einen Augenblick inne und sahen
zu der Frau herüber, deren schwarze Verschleierung längst vom
Kopf gerutscht war und deren Haare im Winde wehten. Die Medjai
kamen der Aufforderung Leyrahs nach. Sie wollten nicht lebendig
dem Feind in die Hände fallen. Allzu viele waren schon grausam
gefoltert worden, um des Goldes wegen, das sie angeblich in der
Wüste bewachten. Sie alle hatten Angst, ihre Geheimnisse durch
nicht aushaltbare Folterungen preiszugeben, daher galt bei ihnen
allgemein, bei einem Kampf den Tod der Gefangenschaft
vorzuziehen. Den Medjai aber tat es um ihre junge Herrin leid.
Lady Bay sollte nicht sterben. Aber man konnte die Niederlage
nicht mehr verhindern. Und nun befahl sie selbst allen den Tod.
So schwangen die Krieger mit letzter Kraft, mit klaffenden
Wunden, ihre Schwerter und versuchten den Feind zu dezimieren.
Derjenige, der vorher "Ergebt euch" gebellt hatte, ritt
geradewegs auf Leyrah zu und hieb auf sie ein, so dass beide zu
Boden gingen. Leyrah kam schnell auf die Füße und bekämpfte
ihn weiter mit aller Verbissenheit. Bald standen sie sich
keuchend gegenüber und um sie herum weitere vier Rotgewandete,
die sich nicht trauten, in den Kampf ihres Anführers
einzugreifen. Doch auf einmal erblickte er etwas, was ihn,
während er und Leyrah von einem äußerst anstrengenden
Schlagabtausch inne hielten, grinsen ließ und er schrie ihr zu:
"Schau hin, wie dein Sohn abgeschlachtet wird!"
Leyrah war irritiert. Ihr Sohn? Sie wollte ihrem Angreifer aber
nicht den Rücken zukehren, doch der hielt weiterhin sein Schwert
gesenkt, um ihr Gelegenheit zu geben, sich umzudrehen. In
Hab-Acht-Stellung drehte sie sich langsam um und schaute dahin,
wo alle der umherstehenden Männer hinblickten. In etwa zwanzig
Meter Entfernung sah sie, wie ein Rotgewandeter das zweijährige
Kind, das die kleine Karawane dabei hatte, hochhielt, während
ein anderer es langsam mit seinem Dolch von oben nach unten
aufschlitzte. Leyrah schrie vor Entsetzen auf. Die Mutter des
Kindes lag bereits mit abgeschlagenem Kopf neben dem Kind, ihr
war so der grausame Anblick erspart geblieben. Leyrah brüllte
vor Wut und stürzte sich auf ihren Gegner, doch der war bereit
und wehrte sie ab. In dem Moment wurde Leyrah von vier starken
Händen von hinten gepackt und zu Boden geschleudert. Ihr Gegner
schlug ihr das Schwert aus der Hand. Drei Männer drückten sie
mit den Füßen zu Boden. Dann wurde sie unsanft auf die Füße
gestellt, wurde aber sofort von zwei Männern mit eisigem Griff
festgehalten, während ein dritter ihre Hände auf dem Rücken
zusammenband.
"Gratulation, Lady Bay, Ihr habt Euch lange gehalten!",
verhöhnte sie ihr Gegner.
Wütend schaute sie ihn an und spuckte ihm zur Antwort ins
Gesicht. Da schlug er sie heftig mit seiner Handkante ins
Gesicht, so dass sie abermals zu Boden ging. Sie blieb wie
betäubt liegen, wurde aber wieder hochgerissen von ihren
Peinigern und ein paar Meter weiter geschleppt. Hier kniete einer
der Medjai-Krieger schwer verwundert, daneben lag Kanintra
blutend. Einzig Sirrah stand noch, aber auch sie war verwundet.
An der Stelle, wo eben das Kind getötet worden war, hatten zwei
der rotgewandeten Angreifer eine der beiden Dienerinnen in ihre
Mitte genommen und vergewaltigten sie gleichzeitig. Sie schrie
laut auf und versuchte sich zu wehren, aber es war zwecklos. Die
andere Dienerin lag wie die unglückliche Mutter tot am Boden.
Einer der Feinde hatte eine Lanze in den Boden gerammt, ein
anderer steckte den abgeschlagenen Kopf des Kindes darauf. Leyrah
hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen, aber sie hielt es
mit aller Kraft zurück.
"Ein schöner Anblick, nicht wahr?", wandte der
Anführer der Gegner sich wieder an sie. Er packte sie am Nacken
und zog sie ganz dicht vor den aufgepflanzten Kopf. "Sieh
hin, du Medjai-Hure! Dein Bastard! Ha! Schau hin, schau ganz
genau hin!" Und er schüttelte sie bei diesen Worten mit
Nachdruck und warf sie zum Schluss zu Boden. Dann befahl er
barsch seinen Männern, die mit unbewegter Miene dem Geschehen
folgten:
"Bindet sie alle hinter die Pferde!"
Die Männer rissen Leyrah und Kanintra auf die Füße und
schleiften sie zu den Pferden. Wie dem letzten lebenden Krieger
und Sirrah wurden ihnen die Hände vor ihrem Körper mit einem
Seil zusammengebunden, das Seil wurde schließlich an dem Sattel
jeweils eines Pferdes festgemacht. Kanintra konnte sich nicht auf
den Füßen halten, sie fiel wieder auf die Knie und ächzte
unter furchtbaren Schmerzen. Doch ihr Peiniger kannte kein
Erbarmen, er hieb auf sie mit der Pferdepeitsche ein und befahl
ihr aufzustehen. Der letzte Medjai-Krieger stand nicht weit von
ihr entfernt und sein Seil war lang genug, dass er zu ihr
hintreten und ihr abermals aufhelfen konnte. Sie lehnte sich an
ihn und er redete auf sie ein, sie solle durchhalten. Keuchend
blieb sie an seine Schulter gelehnt. Noch waren die rotgewandeten
Männer nicht auf ihre Pferde gestiegen. Er hielt Kanintra so gut
es ging mit seinem Körper aufrecht. Die zwei Feinde, die die
Dienerin gleichzeitig vergewaltigt hatten, führten sie vor ihren
Anführer, der sie feist angrinste und mit einer Geste zu
verstehen gab, dass er später noch für sie Verwendung haben
würde. Er befahl, sie auf einen der Esel zu binden. Da sie nicht
in Kriegergewandung war, traute er ihr offensichtlich nicht zu,
einen Fußmarsch durch die Wüste durchzustehen. Sie wurde wie
Ware auf dem Esel festgebunden. Ihr Kopf hing an einer Seite,
ihre Beine an der anderen herunter. Auf ihrem Rücken wurden
Decken gestapelt. Schließlich gab der Anführer das Zeichen zum
Aufbruch. Sie nahmen die überlebenden Medjai-Pferde und Esel
mit. Zurück blieb ein Anblick des Grauens: Zerstückelte Leiber
lagen überall und in der Mitte befand sich die Lanze mit dem
Kopf des Kindes.
Die Reiter trieben ihre Pferde voran. Die vier Medjai mussten
sich sehr anstrengen, um auf den Füßen zu bleiben. Insbesondere
Kanintra kämpfte gegen das Umfallen. Sie stolperte hinter ihrem
Pferd hinterher.
Leyrah schmerzte der Kopf, die Gedanken waren wie Nebel in ihrem
Kopf. Ihre Lippen waren aufgesprungen, sie verspürte wie alle
Gefangenen schrecklichen Durst. Sie hielt ihren Kopf zur Erde
geneigt, ab und zu schaute sie besorgt zu Kanintra herüber. Sie
kam nicht dazu zu überlegen, was dieser brutale Überfall zu
bedeuten hatte, sie war viel zu sehr damit beschäftigt, sich auf
den Beinen zu halten. Die Sonne brannte unbarmherzig, es war
längst nach Mittag. Ihre Verschleierung hing schlaff und
zerfetzt über ihren Schultern. Gern hätte sie damit ihren Kopf
verhüllt, um sich vor der Sonne zu schützen, doch dazu gab es
keine Gelegenheit. Die rotgewandeten Männer ritten weiter, ohne
sich um ihre Gefangenen zu kümmern, die am Ende ihrer Kräfte
hinter den Pferden gingen. Es dauerte nicht lange, bis Kanintra
zu Boden ging. Doch ihr Reiter hielt nicht an, sodass sie
hinterhergeschleift wurde. Sie klammerte beide Hände um das
Seil, kein Laut drang aus ihrer Kehle. Sirrah und Leyrah sahen zu
ihr herüber, dabei trafen sich ihre Blicke, da Kanintra sich
zwischen ihnen befand. Sie lasen gegenseitige Besorgnis, Furcht,
aber auch den Willen durchzuhalten und stark zu bleiben, egal,
was der Feind ihnen antun möge. In stillem Einvernehmen nickten
die beiden sich zu.
Nach einer Weile hielt der Reiter, der Kanintra hinter sich her
schleifte, an. Ein anderer Reiter trieb sein Pferd zurück, nahm
seine Peitsche und schlug von oben mit aller Wucht auf die
beinahe Ohnmächtige ein und befahl ihr aufzustehen. Kanintra
rührte sich langsam, stützte sich auf ihren Händen ab und
schaffte es unter größter Anstrengung, sich unter den Hieben
des Mannes zu erheben. Als sie stand, nickte er dem vorderen
Reiter zu und es ging weiter. Kanintra stolperte, aber hielt sich
auf den Beinen. Der Mann, der sie geschlagen hatte, blieb nun
hinter den vier angebundenen Medjai und hieb abwechselnd auf sie
ein. So gingen sie Stunde um Stunde, bis es nicht mehr lange
dauern sollte, dass die Sonne am Horizont versank. Die
rotgewandeten Männer waren offensichtlich in großer Eile, denn
ihr Anführer bellte einen Befehl und auf einmal ließen sie ihre
Pferde in einen leichten Trab fallen. Das zwang die Medjai zu
laufen. Doch für Kanintra war es zu viel. Ihre Verletzungen
waren viel zu schwer, als dass sie laufen konnte. Sie fiel wieder
zu Boden und ließ sich mitschleifen. Mit letzter Kraft hielt sie
sich am Seil fest. Immer noch drang kein Laut von ihren vor
Durstqualen aufgesprungenen Lippen. Leyrah blickte wütend auf
die Reiter vor sich. Verdammt, hatten sie denn überhaupt kein
Mitgefühl? Warum nahmen sie Kanintra nicht auf eines der vielen
freien Pferde? Sie selbst nahm all ihre Kraft zusammen und rannte
tapfer weiter. Sie versuchte, die schmerzenden Kampfeswunden zu
ignorieren, den Durst, die Trauer, die Verzweiflung. Sie durfte
sich nur darauf konzentrieren, durchzuhalten. Sie sah Sirrah und
dem Krieger an, dass sie ähnlich dachten. Als die Sonne
schließlich untergegangen und es nach einer Weile stockdunkel
war, wurde angehalten. Leyrah fiel völlig erschöpft zu Boden,
doch sie sah aus den Augenwinkeln, dass Sirrah sofort zu Kanintra
geeilt war und sie tatsächlich auch erreichen konnte. Sie hob
die Kampfgefährtin auf und hielt ihren Kopf in ihren Armen. Von
Kanintras Gesicht war kaum noch etwas zu erkennen. Alles war
zerschrammt, auch ihre entblößten Arme. Tiefe Wunden hatten
sich in ihre Handrücken und Pulse geschnitten, dort wo das Seil
gegengescheuert war. Sirrahs und Leyrahs Blicke trafen sich
abermals. Da wusste Leyrah, dass Kanintra es geschafft hatte. Sie
neigte ihren Kopf zur Erde und schluchzte tief in sich hinein.
Sirrah streichelte der toten Kameradin über die Haare, während
Leyrah und der Krieger, der sich erschöpft hatte fallen lassen,
traurig und ernst zu den beiden Kriegerinnen hinüberschauten.
Doch es dauerte nicht lange, bis Sirrah gewaltsam hochgerissen
wurde. Emotionsgeladen vergaß sie ihre Lage und brüllte den
Feind voller Wut an:
"Ihr Bestien! Ihr ehrenlosen Hurensöhne!"
Doch sie kam nicht weit mit ihren Beschimpfungen, denn er schlug
ihr mit der Hand so stark ins Gesicht, dass sie hintenüber
kippte und regungslos liegen blieb. Leyrah stockte der Atem. Sie
waren der Brutalität dieser Leute vollkommen ausgeliefert und es
scherte diese Männer dabei überhaupt nicht, ob jemand umkam.
Warum haben sie uns dann eigentlich gefangenen genommen, fragte
sie sich entsetzt. Lange Zeit zum Überlegen hatte sie nicht,
denn auch sie wurde hochgerissen, ebenso wie der Krieger und auch
Sirrah. Man brachte sie alle drei ein Stück weiter, warf sie
rücksichtslos auf den Boden und band ihnen jeweils die Hände
auf dem Rücken mit den Beinen so zusammen, dass der Körper sich
nach hinten krümmen musste, was auf Dauer äußerst schmerzhaft
wurde. So lagen die drei in ihren zerfetzten schwarzen Gewändern
nebeneinander, unfähig, sich gegenseitig Mut zuzusprechen, denn
ihre Kehlen waren wie ausgedörrt und ihre Köpfe dröhnten, ihre
Glieder schmerzten, ihre Wunden waren unversorgt geblieben. Sie
konnten sich, so bewegungsunfähig gefesselt, nicht rühren und
wurden streng bewacht. An Flucht war nicht zu denken, aber an
Schlaf auch nicht, denn ihre Schmerzen erlaubten ihnen nicht,
gnädig in das Reich der Träume hinüberzugleiten. Hinzu kamen
die nahen Schreie, die von der Dienerin stammten und den drei
Kriegern Schaudern über den Rücken jagten. Sie konnten es zwar
nicht sehen, aber ahnten, wie hart die Männer mit ihr umgingen,
die kein Mitleid weder mit der wehrlosen Frau noch mit ihnen
hatten. Ein gellender Schmerzensschrei zerriss die Nacht; und
Leyrah wusste, dass die Frau die Torturen nicht überlebt hatte.
Nun waren sie nur noch drei... Leyrah überlegte verzweifelt, was
diese rotgewandeten Männer im Sinn hatten. Sie fürchtete die
Folter. Aber wenn die Männer sie weiter unbedenklich umkommen
lassen würden, bliebe bald niemand mehr übrig, den sie foltern
konnten. Leyrah konnte nicht mehr denken, sie ächzte vor
Schmerzen und ergab sich ihrem traurigen Schicksal.
Nach ein paar Stunden - es war noch stockdunkel - wurden die drei
Medjai hochgerissen und wieder hinter die Pferde gebunden. Sie
spürten nach den Fesseln, die ihnen in der Nacht angelegt worden
waren, ihre Glieder nicht mehr. Ihre Füße waren vom gestrigen
Marsch wundgescheuert und taten nun, da sie wieder gehen mussten,
unbeschreiblich weh. Sie stolperten mehr als dass sie gingen.
Leyrah wusste, dass sie das nicht mehr lange ertragen konnte.
Doch sie hatte voller Schrecken das Bild von Kanintra vor Augen,
wie sie unbarmherzig hinter dem Pferde hergeschleift worden war
und zu Tode kam. Würde es ihnen allen so gehen?
Wider Erwarten mussten sie nicht lange marschieren. Als die Sonne
aufgegangen war, hielt der Trupp an, es mochten vielleicht drei
Stunden vergangen sein. Die Medjai fielen erschöpft zu Boden.
Die Männer rollten Teppiche auf dem Wüstenboden aus, daneben
dünne Decken. Dann rissen sie die drei Gefangenen wieder auf die
Füße und führten sie zu den Teppichen. Leyrah und Sirrah sahen
zu, wie der Krieger erneut gefesselt wurde, diesmal aber so, dass
der Strick seinen ganzen Körper mehrfach umschlang, sodass er
sich nicht mehr rühren konnte. Man knebelte seinen Mund, dann
ergriffen ihn zwei Männer und legten ihn auf das Tuch. Dieses
wurde um ihn gewickelt und auch mit Stricken verschnürt.
Schließlich rollte man ihn in den Teppich und warf ihn auf eines
der Pferde. Leyrah und Sirrah wussten, das man sie gleich genau
so verschnüren und verbergen würde. Tatsächlich wurde mit
ihnen ohne Verzug genau so roh verfahren. Zunächst war es eine
Erleichterung, nicht mehr laufen zu müssen, aber es war heiß
und stickig in den Teppichen, es war dunkel und bedrückend. Im
Dunkel des Teppichs konnten sie nicht einschätzen, wie die Zeit
verging und wo sie hingebracht wurden. Sie fühlten sich noch
ausgelieferter als zuvor. Die Enge und das brutale Gebundensein
machte die drei halb wahnsinnig. Nach endlos erscheinender Zeit
wurden sie von den Pferden heruntergehoben, aber nicht
aufgewickelt. Sie wurden wie Ware getragen und nach einigem Auf
und Ab in den dunklen und dumpfen Hüllen, die kaum einen Laut
von draußen zu ihnen dringen ließen, auf einem harten Etwas
fallen gelassen. Immerhin dämpften die Teppiche den Fall ab.
Niemand rollte die Teppiche auf. Sie wurden einfach in den
Hüllen mit ihren Knebeln gelassen, voller Angst vor der Enge und
Wehrlosigkeit, unvorstellbare Durstqualen erleidend, unfähig zu
schreien, da die Knebel mit einem Holzstück allzu fest
angebracht waren und ihre Mundwinkel bereits eingerissen hatten.
Es schien, als ob der Feind sehr wohl darauf bedacht war, dass
sie niemand bemerkte und sie sich auch nicht bemerkbar machen
konnten. Selbst die Füße waren fest zusammengebunden worden.
Die drei Medjai waren bewegungsunfähig und mussten einfach
erdulden, was mit ihnen gemacht wurde. Sie mussten abwarten, und
dieses Warten raubte allen drei fast den Verstand. Sie ahnten
zwar, dass sich die jeweils anderen beiden in ihrer Nähe
befanden, aber wie trostreich wäre nur ein Wort von ihnen
gewesen, das Spüren ihrer Nähe, und wie sehr lechzten sie nach
nur einem Tropfen Wasser.
Es schien, als würde dieses Martyrium nie zu Ende gehen.
Stunden, die ihnen wie Tage vorkamen, vergingen. Sie bemerkten,
dass es schaukelte und schlossen daraus, dass sie wohl auf einem
Schiff sein mussten. Also hatte man sie zum Nil gebracht und fuhr
nun stromabwärts, da das Schiff ruhig mit dem Strom schwamm.
Leyrah glaubte, in dem Teppich mit dem Knebel im Mund ersticken
zu müssen. Ihr war so schlecht, sie hatte Angst, dass sie sich
erbrechen musste. Immerhin war sie im dritten Monat schwanger.
Sie wusste, es würde ihr Tod sein, wenn sie sich in dieser
Situation übergeben würde und sie betete zu allen möglichen
Göttern, dass das nicht der Fall sein würde. Überhaupt war das
Gebet der einzige Trost in ihrer jetzigen Lage. Wie dankbar war
sie, dass sie das harte Training ihrer Kriegsausbildung
durchlaufen hatte! Dort hatte man sie gelehrt, wie sie mit
Situationen wie dieser umgehen musste, man hatte sie damals auch
Schmerzen unterworfen und ihr versucht beizubringen, wie sie
diese zu unterdrücken hatte, und auch, wie man der Folter
standhalten konnte. Sie ahnte, dass man sie foltern würde, damit
sie das Geheimnis von Hamunaptra verraten würde... Ihr wurde
schlecht bei dem Gedanken an Folter. Nein, rief sie sich zurück,
mir darf nicht schlecht werden, bitte, Allah, sei gnädig, lass
mich das durchstehen, bitte befreie uns, stehe uns bei!
Tatsächlich vergingen zwei Tage, bis die Männer ihre
"Ware" wieder vom Schiff auf Pferde verluden und
abermals in Richtung Wüste ritten. Als sie außer Sichtweite
jedweder Behausung waren, luden sie die drei Teppiche ab und
wickelten die Gefangenen aus. Sirrah gab zunächst kein
Lebenszeichen von sich, doch als man sie mit Wasser besprengte,
öffnete sie die Augen und sah stumm vor sich hin. Leyrah und dem
Krieger ging es nicht viel besser. Völlig erschöpft saßen sie
auf dem Sand, sie waren unfähig, zu sprechen und sich zu
bewegen. Ihre Lippen waren rissig, ihre Augen dumpf. Die Männer
lachten, aber immerhin banden sie sie nicht wieder hinter die
Pferde, sondern setzten sie dieses Mal auf diese, die Hände vorn
am Sattelknauf gefesselt. Wasser gaben sie den jammervollen
Gestalten indessen nicht. Sie ritten noch bis zum Abend. Einmal
hatten sie zwar gerastet, nämlich zur heißen Mittagszeit,
hatten sich aber nicht die Mühe gemacht, die Gefangenen von den
Pferden zu binden. So mussten sie in sengender Hitze auf ihnen
sitzen bleiben und warten, bis die Männer ausgeschlafen waren
und sich anschickten weiterzureiten.
Im Dunkeln erreichten sie einen Ort, der aus mehreren Gebäuden
bestand, die um einen Platz herum aneinandergereiht angebracht
waren. Sie mussten einen Bogen geritten sein, denn dieser Ort lag
wieder im grünen Gürtel des Landes direkt neben dem Nil,
allerdings genau auf der Grenze zur Wüste. Umgeben wurde der Ort
von einer hohen Mauer. Die Menschen dahinter hatten also etwas zu
verbergen. Tatsächlich erschienen oben auf den Mauern mit
Gewehren bewaffnete Wachposten und sahen neugierig herunter, um
wen es sich bei der Karawane handelte. Der Anführer der Männer
bellte eine Parole und man wurde ins Innere hereingelassen. Kaum
angekommen, zerrte man die drei Gefangenen von den Pferden. Man
führte sie in eines der Gebäude und verteilte sie in drei
Verließe. Erst hier nahm man ihnen die Fesseln ab.
Leyrah sank zu Boden. Vor ihr verschwamm der Fußboden zu einem
dunklen Ozean. Ihr war schwindelig. Sie stützte sich mit den
Händen ab, damit sie nicht ganz hinfiel. Sie gewöhnte ihre
Augen an die Dunkelheit. Das Verließ wurde nur durch den Spalt
unter der Tür etwas beleuchtet. Es war fast ganz dunkel. Außer
nackten Wänden erblickte Leyrah nichts. An einer Seite befand
sich ein Mauervorsprung. Der Fußboden bestand lediglich aus
festgestampftem Lehm. Leyrah betastete langsam ihren Körper.
Zuerst fuhr ihre Hand über ihren Bauch, in dem sich ihr Kind
befand. Es musste noch ganz klein sein und Leyrah hoffte, dass es
keinen Schaden genommen hatte. Sie wollte lieber nicht daran
denken, wie unwahrscheinlich es war, dass es überhaupt das Licht
der Welt erblicken würde. Ihre einzige Hoffnung bestand darin,
dass Lyleth oder andere Medjai sie hier finden würden. Wenn sie
aber an die Vorsichtsmaßnahme mit den Teppichen dachte, bestand
kaum Hoffnung, dass man sie finden würde. Leyrah ahnte, dass es
noch schlimmer kommen würde. Gewiss würde man sie foltern, um
etwas zu erfahren. Sie war zu matt, um weiter wach zu bleiben.
Langsam legte sie sich auf den Boden und krümmte sich zusammen.
Doch ihr Durst plagte sie so sehr, dass sie kaum fähig war zu
atmen. Ihre Kehle war so ausgedörrt... Warum gab man ihr nicht
wenigstens einen Schluck Wasser? Es hatte keinen Zweck zu
jammern. Sie musste abwarten. Sie war in der Gewalt ihrer Feinde
und eigentlich müsste sie darauf hoffen, dass sie starb, bevor
sie sie der Folter unterwerfen würden...
Leyrah wusste nicht, wie lange sie so da lag, erschöpft, von
Schmerzen erfüllt, mit quälendem Durst... sie vernahm ein
Geräusch. Die Tür wurde geöffnet. Sie konnte sie nicht sehen,
da sie mit dem Rücken zur Tür lag. Ob man ihr endlich Wasser
brachte? Sie sah ihre Hand vor ihrem Gesicht, die wie eine
vertrocknete Kralle um Wasser bat. Ein heiserer Laut drang aus
ihrer Kehle, der eine flehendliche Bitte darstellte: O gebt mir
doch endlich nur einen Schluck Wasser! Doch die Antwort auf ihr
nicht zu verstehendes Flehen war ein verhöhnendes Lachen.
"So, das ist also die Fürstin der Medjai!", hörte sie
eine Männerstimme sprechen. "Schau an, sie liegt genau da,
wo sie hingehört!" Der Mann unterstützte seine Worte mit
einem Tritt in ihr Kreuz. Leyrah ächzte laut auf. Es ergriff sie
tiefste Verzweiflung. Würden diese Männer nie aufhören, sie zu
quälen? Verdammt, sie hatte keine Kraft mehr. Warum machten sie
nicht einfach ein Ende? Auf einmal wurde sie von zwei starken
Männerarmen halb aufgerichtet. Ihr Kopf kippte erschöpft nach
vorn. Derjenige, der sie hielt, griff nun in ihr Haar und zog
ihren Kopf nach hinten, so dass sie geradewegs demjenigen ins
Gesicht schauen konnte, der sie zuvor verhöhnt hatte. Da ein
weiterer Mann nahe der Tür stand und mit einer Fackel das
Verließ erleuchtete, konnte sie ihren Peiniger erkennen. Er
hatte sich auf den Mauervorsprung gesetzt und grinste sie von
oben herab an.
"Herzlichen Willkommen, Lady Leyrah Bay!" Er parodierte
eine Verneigung. "Es ist mir eine Ehre, die Fürstin aller
Medjai hier begrüßen zu dürfen!"
Leyrah sah ihn mit stumpfem Blick an. Wasser, dachte sie,
Wasser...
"Oh, Mylady, ich muss mich für die üble Behandlung durch
meine Männer entschuldigen." Er lachte laut auf. "Es
tut mir leid, aber sie taten das nur auf meinen Befehl!" Er
lachte wieder. "Seht, Mylady, ich habe eine persönliche
Rechnung mit den Bays offen, und Ihr habt die Ehre, die erste zu
sein, die bezahlen wird." Er lachte abermals, dann erhob er
sich abrupt und schlug Leyrah mit aller Wucht ins Gesicht. Leyrah
entfuhr ein heiserer Aufschrei. Wäre sie nicht gehalten worden,
wäre sie zu Boden gegangen.
"O verzeiht, Mylady, aber das war noch nicht alles. Ich
komme bald wieder."
Beim nächsten Erwachen lag Leyrah wie betäubt da und vermochte
sich kaum mehr zu rühren. Langsam öffnete sie Augen. Sie lag
zwar auf dem Rücken, aber der Kopf war nach links geneigt. Es
dauerte lange, bis sie eine Art Gefäß wahrnahm, das sich unweit
ihres Gesichtes befand. Leise keimte in ihr der Gedanke auf, es
könne Wasser in dem Gefäß sein. Noch war sie unfähig, sich
auch nur zu rühren. Aber das Verlangen nach Wasser siegte und
sie schaffte es, ihren rechten Arm über ihren Körper zu hieven
und sich mit beiden Händen langsam abzustützen, so das sie sich
ein bisschen aufrichten konnte. Sie neigte sich über das Gefäß
und tatsächlich befand sich dort Wasser drin, stellte Leyrah
erleichtert fest. Wasser! Wasser... wenn sie jetzt trinken
würde, würde sie weiter leben und man würde sie auch weiter
quälen, sie könnte Geheimnisse unter der Folter gestehen...
nein, sie durfte nicht trinken, sie musste warten, bis der Tod
sie holen würde... aber der Durst war so quälend... Sie starrte
in das kühle Nass, das sich unter ihrem Gesicht befand.
Vielleicht würde Lyleth sie ja noch rechtzeitig befreien
können... sie konnte nicht mehr denken... sie hatte auch nicht
mehr lange Kraft, um sich abzustützen... Da sie ihre Hände zum
Stützten benötigte, konnte sie das Gefäß nicht zum Mund
führen. Wie ein Hund näherte sie sich dem Gefäß und
befeuchtete erst mehrmals ihre Lippen. Sie wusste, dass sie nicht
sofort trinken durfte. Sie schlürfte einen Schluck Wasser und
ließ es im Munde kreisen, bevor sie es vorsichtig
herunterschluckte. Dann ließ sie sich wieder langsam zurück zu
Boden gleiten. Eine Weile später, wenn sie wieder die Kraft
haben würde, sich erneut abzustützen, würde sie den Vorgang
wiederholen, langsam, Schluck für Schluck. Sie hatte sich für
das Leben entschieden, aber auch für die Folter, so viel war ihr
klar. Sie schaute auf ihren linken Handrücken, der vor ihrem
Gesicht zu liegen kam, und fixierte ihre Tätowierung dort. Sie
war eine Kriegerin, sie durfte sich nicht schwach zeigen, sondern
musste jetzt stark bleiben. Sie ballte die Hand zur Faust. Ich
werde stark bleiben, ich bin eine Medjai, was auch immer sie mir
antun werden... ich werde tapfer sein...
Da der Durst nicht mehr quälend war, nickte Leyrah ab und zu
ein, doch sie blieb fast unbeweglich auf dem Boden liegen.
Irgendwann nahm sie wahr, wie wieder die Zellentür geöffnet
wurde. Mehrere Schritte drangen an ihr Ohr und bald darauf hob
man sie halb hoch, so dass sie sitzend auf ihren Besucher schauen
konnte, der sich ebenfalls wieder ihr gegenüber auf den
Vorsprung gesetzt hatte. Es war wieder er, der sie geschlagen
hatte. Er hielt einen Becher in der Hand.
"Du hast dich sicherlich gefragt, wer dir hier so
großzügig Gastfreundschaft gewährt hat", eröffnete er
gewohnt ironisch das Gespräch.
Das hatte sich Leyrah zwar nicht gefragt, weil viel zu viel Nebel
in ihrem Kopf war, aber sie entgegnete ihm besser nichts, sondern
wollte abwarten, was er eigentlich von ihr wollte.
"Nunja, liebe Leyrah, ich bin ja quasi dazu verpflichtet,
denn du bist nicht nur mein Gast, sondern meine Verwandte."
Als wäre es ein besonders guter Witz, brach er wieder in
schallendes Gelächter aus. Leyrah dröhnte der Kopf. Nein, sie
wollte nicht über seine Worte nachdenken. Er würde es ihr
sowieso gleich offenbaren. Und richtig...
"Da staunst du, was? Naja, du bist ja nur eine
eingeheiratete Bay." Seine Stimme klang hochnäsig.
"Aber ich... ja, ich bin ein direkter männlicher Erbe von
Boreth Bay. Genau wie dein Lyleth bin ich ein Urenkel von Boreth
Bay." Er grinste breit. "Dir sagt doch sicherlich der
Name Boreth Bay etwas, nicht wahr?"
Ja, Leyrah kannte die Bay-Familiengeschichte von klein auf.
Boreth Bay war der Vater von dem vor über einem Jahr
verstorbenen Ardeth Bay gewesen. Sie wusste, dass Boreth Bay ein
sehr schwieriges Leben gehabt hatte, da zu seiner Zeit die
Europäer unbarmherzig damit begonnen hatten, Ägyptens Schätze
zu plündern, ganze Wände aus Tempeln zu reißen und Pylone
abzutragen, um sie in Europa oder Übersee aufzustellen. Und sie
wusste, dass Boreth Bay neben seinem Sohn Ardeth auch einen
anderen gehabt hatte, Setna Bay, der wegen seiner Untaten
verbannt worden war. Vor ihr stand also der Enkel von Setna Bay.
"Mein Großvater Setna hat mich den Hass gegen alle Bays
gelehrt", sprach er kalt. "Und jetzt wird es Zeit, dass
wir uns rächen - dafür, dass man uns so in den Staub geworfen
hat. Du sagst ja gar nichts, Leyrah! Freust du dich nicht, einen
Verwandten wiederzusehen?" Er lachte höhnisch auf. "O
du hast Angst, das kann ich bis hierhin spüren. Und zu Recht!
Denn du bist meiner Rache ausgeliefert. Du hast gesehen, was
meine Männer mit deinem Sohn gemacht haben. Deinem einzigen
Sohn! Ha, sie haben mir berichtet, wie sie seinen Kopf auf eine
Lanze gesteckt haben! Wie wird sich dein geliebter Lyleth, dieser
Bastard, freuen, wenn er seinen Sohn so vorfindet!" Es
folgte eine ganze Lachsalve. Leyrah wurde schlagartig klar, dass
er plante, alle Bays aus Rache auszurotten. Sie dachte nicht
daran, ihm höhnisch zu entgegnen, dass es gar nicht ihr Sohn
gewesen war. Besser, er blieb in dem Glauben, dass der kleine
Ardeth tot sei. Verdammt, sie musste entkommen und alle warnen!
Nur wie...?
"Oh wie tapfer! Sie verzieht ja gar keine Miene bei dem
Gedanken an ihren toten Sohn!", sprach er weiter.
"Nunja, sie ist ja auch eine Kriegerin, nicht wahr? Man hat
es ihr beigebracht! Tapfer, tapfer! Aber mit deinem
Kriegerinnen-Dasein ist es nun vorbei, Leyrah! Du wirst von jetzt
an eine Hure sein!" Wieder das grässliche Lachen!
"Eine Hure, jawohl! Da kannst du wirklich zeigen, was du
drauf hast!"
Leyrah sah ihn immer noch mit unbewegter Miene an. Er konnte mit
ihr machen, was er wollte, ihre Seele würde ihr gehören und
unantastbar sein. Sie musste sich fortan darauf konzentrieren,
hier zu entkommen, um die Medjai vor diesem Wahnsinnigen zu
warnen.
"Weißt du, da schlagen wir doch glatt zwei Fliegen mit
einer Klappe." Er hielt ihr den Becher entgegen.
"Weißt du, was das hier enthält? Nein? Ach, woher solltest
du das auch wissen?"
Wenn er doch endlich zum Punkt kommen würde! Scheinbar hörte er
sich gern reden. Er kostete seine Rache wahrlich aus.
"Ich sag es dir, mein Kind. Es ist ein Gift. Ja, wirklich.
Ich muss doch vorsorgen. Nicht, dass dein Lyleth kommt und dich
befreit und viele weitere Bay-Bastards zeugen wird. Ja, mach dir
nichts vor, du bist nur eine Zuchtstute. Eine Bay-Hure. Dass sie
dich überhaupt das Bett haben verlassen lassen, wundert mich! Du
bist doch nur dazu da, deine Beine breit zu machen, um zu
empfangen und zu entlassen!" Er wollte sich schier kaputt
lachen. "Wenn ich dein Herr wäre, ich hätte dich nicht aus
dem Zelt gelassen, sondern von morgens bis abends gefickt. Aber
die Bays sind ja dumm! Du siehst, es wird Zeit für einen neuen
Mann im Clan. Tja, liebe Leyrah, und der werde ich sein. Ich
werde alle Bays auslöschen. Jetzt, wo dein Bastard tot ist,
bleiben ja nur noch Lyleth und der alte Ardjun. Beide werde ich
beseitigen lassen. Dich werde ich gleich unfruchtbar machen,
nicht, dass dir wer anders einen dicken Bauch macht und du
behauptest dann, er wäre ein echter Bay. Das trau ich euch
Bagage nämlich zu! Und dann komme ich, wenn alle weg sind. Und
so blöd und treudoof, wie diese Medjai sind, werden sie mir
folgen, denn ich bin ja ein echter Bay, der letzte seiner
Art." Er lachte triumphierend. Leyrah schaute ihn immer noch
scheinbar ruhig an. Als seine Gelache verklungen war, meinte sie
mit klarer Stimme:
"Sie werden dich nie anerkennen. Dein Großvater wurde
verbannt und von der Bay-Nachfolge ausgeschlossen sowie alle
seine Nachkommen. Das wissen alle Medjai und niemand wird dir
folgen!"
Sein Gesicht war schlagartig weiß geworden. Er hatte nicht
erwartet, dass Leyrah seinen triumphal gestalteten Monolog
irgendwie kommentieren würde. Impulsiv hatte er sie ohrfeigen
wollen, doch er hielt immer noch den Becher in seiner rechten
Hand. Der Becher! Das würde sie zum Schweigen bringen und seinen
Triumph vervollständigen.
"Hüte deine Zunge, Leyrah! Ich werde sie dir sonst
herausschneiden! Ha, ganz so, wie man das bei Imhotep gemacht
hat!"
Leyrah sah ihn erschrocken an und er genoss seinen wohl
platzierten Streich.
"Hast du vergessen? Ich bin ein Bay! Ich teile alle eure
Geheimnisse! Ich weiß, worauf ihr aufpasst. Und ich werde das
auszunutzen wissen. Na, wird dir endlich bange? Schau dich um!
Ich habe eine Armee aufgebaut. Ich bin mächtiger als mein Vater
und mein Großvater geworden. Sehr viel mächtiger. Ich habe die
Macht, die Medjai zu beherrschen und ich werde Imhotep für meine
Zwecke einsetzen." Er lachte wieder. "Aber keine Bange,
deine Zunge werde ich dir doch lassen, denn du brauchst sie noch!
Nein, nicht zum Reden, dafür nun wahrlich nicht. Du bist nur
eine Frau, Schätzchen, du brauchst deine Zunge für etwas
anderes. Das werde ich dir noch beibringen, wenn es dein Lyleth
noch nicht getan hat, keine Sorge." Er lachte anzüglich.
"So, und wo wir gerade beim Thema sind: Dieser Trank hier
wird dich unfruchtbar machen. Keine kleinen Bastarde mehr. Das
wäre zudem hinderlich für deinen künftigen Broterwerb als
Hure. Jeder Bordellbesitzer wird dafür einen Aufpreis für dich
bezahlen. Na, dann wollen wir doch mal Wertaufbesserung
betreiben!" Er erhob sich. Leyrah sah ihn erschrocken an.
Unfruchtbar... nein, das durfte sie nicht zulassen. Schon neigte
er sich zu ihr herab und hielt ihr Kinn mit seiner linken Pranke
fest, versuchte, ihren Kiefer aufzudrücken. Die beiden anderen
Männer hielten sie immer noch. Mit fast übermenschlicher Kraft
riss Leyrah ihren linken Arm hoch und hieb damit gegen seinen
rechten, so dass ihm der Becher aus der Hand fiel und sich der
Inhalt über dem Boden ergoss. Setna Bays Enkel schrie laut
fluchend auf. Sofort schlug er Leyrah mit seiner linken Hand ins
Gesicht.
"Dafür wirst du büßen, du elendes Weib!" Er trat ihr
in den Unterleib. Leyrah stöhnte laut auf und hielt sich den
Bauch mit der freien linken Hand. "Warte, ich komme wieder,
du Hure!" Er rauschte aus der Zelle, seine beiden
Untergegebenen folgten ihm und ließen eine verzweifelte Leyrah
zurück, die hoffte, dass sein Vorrat an diesem Gebräu nicht
unerschöpflich war und sie mit ihrer Verzweiflungstat Zeit
gewonnen hatte. Zeit, in der Lyleth ihr hoffentlich zu Hilfe
eilen würde...
Doch weder Lyleth noch andere Hilfe kam. Soviel Leyrah auch
betete, niemand rettete sie. Von außen her drangen gellende
Schreie. Sie erkannte Sirrahs Stimme. Man folterte sie also.
Leyrah schien es, als würde sie wahnsinnig werden. Ihr eigener
Körper schmerzte überall, sie hatte immer noch Durst, denn
außer einem halbvollen Becher Wasser hatte sie bislang nichts
erhalten, von Essen ganz zu schweigen. Von draußen her drangen
die Klagelaute ihrer besten Freundin, die furchtbare Schmerzen
unter der Folter zu erleiden schien, und sie selbst erwartete
ihren Peiniger, der ihr einen Trank geben wollte, der sie als
Ehefrau von Lyleth unbrauchbar machte. Ihr einziger Trost war,
dass man ihren kleinen Sohn nicht getötet hatte, wie man es
geplant hatte.
Wie lange es gedauert haben mochte, bis der Enkel von Setna Bay
zurückkehrte, wusste sie nicht. In ihre Zelle drang nur schwach
der Schein von Fackeln, die im Gang brannten. Tage und Nächte
vermochte sie nicht zu zählen. Aber er kehrte zurück, wieder
mit einem Becher in der Hand. Hinter ihm waren drei Männer,
ebenfalls in rot gekleidet wie diejenigen, die sie überfallen
hatte. Ihr Herr trug allerdings ein schlichtes schwarzes Gewand
mit einem ebenfarbigen Überwurf.
"Guten Morgen, Leyrah, gut geschlafen? So, dann wollen wir
mal!"
Seine Begleiter drückten Leyrah augenblicklich und hart zu
Boden. Zwei hielten sie so fest, dass sie sich nicht rühren
konnte. Der dritte nahm ein Messer und fuhr ihr damit
rücksichtslos zwischen die Lippen und ihre Zähne, die sie in
allerletzter Verzweiflung zusammengepresst hatte. Es dauerte
nicht lange, bis er ihren Mund gewaltsam geöffnet hatte. Er
hielt das Messer zwischen den Zähnen und setzte einen Trichter
an. Sein Herr beugte sich grinsend über die vollkommen wehrlose
Leyrah und ließ den Trank langsam in den Trichter einsickern. Es
half alles nicht, Leyrah musste den Trank schlucken.
Als der Becher leer war, wartete er eine Weile, bis er sicher
war, dass Leyrah alles hinuntergeschluckt hatte, dann gab er
seinen Begleitern einen Wink. Diese ließen von Leyrah ab und
verließen die Kammer.
"So, mein Täubchen, das wird jetzt ein paar Tage wehtun...
danach wirst du dich dann gleich an die Arbeit machen. Also,
erhol dich schön! Wir brauchen dich noch! Du musst schließlich
für den Trank und unsere zuvorkommende Gastfreundschaft noch
bezahlen." Er machte eine obszöne Geste und verließ die
Zelle. Leyrah hatte die Augen zusammengepresst. Ihren Magen
durchfuhr ein jäher Schmerz, der sich bis zum gesamten
Unterkörper ausbreitete. Sie fiel zur Seite, krümmte sich
zusammen und stöhnte jammervoll. Es war ein grässlicher
Schmerz. Wie tausend Dolche, die auf sie einstachen. Sie winselte
und wand sich hin und her, doch nicht lange, denn sie konnte die
Schmerzen nicht länger ertragen und wurde ohnmächtig.
Als sie wieder erwachte, hatte ihr jemand ein Kissen unter den
Kopf geschoben. Eine Decke war zudem über sie gebreitet. Sie
fror jämmerlich und zitterte am ganzen Körper. Als sie die
Augen halb benommen öffnete, sah sie die Umrisse einer Frau, die
neben ihr saß und ihr eine Hand hielt.
"Schlaf, Mädchen, schlaf weiter", murmelte sie
beschwichtigend. Leyrah nickte tatsächlich wieder ein. Ihr
Körper war viel zu erschöpft.
Die Frau war immer noch da, als beim nächsten Mal wieder zu sich
kam. Sie hob ihr fast liebevoll den Kopf an und flößte ihr
lauwarmen Tee ein.
"Du musst viel trinken, denn du hast viel Flüssigkeit
verloren", erklärte sie ihre barmherzige Tat und ließ
Leyrah noch einmal trinken. Schwach sank sie wieder in ihr
Kopfkissen zurück. Ihr Unterkörper fühlte sich wie eine
einzige brennende Masse an. Nach und nach versuchte Leyrah ihren
Körper gedanklich zu erfassen. Sie bemerkte, dass man ihr die
lange Hose ausgezogen hatte. Es fühlte sich feucht an ihren
Oberschenkeln an. Die Frau neben ihr, die eine schlichte schwarze
Galabiya trug und einen Schleier von der gleichen Farbe, gab ihr
in regelmäßigen Abständen zu trinken. Nach einer Weile hob sie
die Decke und Leyrahs Kriegergewand, das sie bis mit Ausnahme des
Gürtels immer noch anhatte. Sie entfernte Leinentücher, die um
Leyrahs Unterkörper geschlungen waren und legte neue an. Leyrah
sah, dass die alten blutdurchtränkt waren und erschrak. Die Frau
erklärte ihr, dass sie einen Blutsturz gehabt hätte und jetzt
viel ruhen und trinken müsse.
"Das Kind?", fragte Leyrah mit schwacher, bebender
Stimme.
Die Frau schüttelte mit dem Kopf. Sie hatte also eine Fehlgeburt
gehabt. Tränen traten ihr aus den Augenwinkeln.
Leyrah dämmerte benommen vor sich hin. Zwischendurch bekam sie
mit, dass der Bay-Enkel die Zelle betrat, mit der Frau
diskutierte und wieder wegging. Sie öffnete die Augen nicht in
seiner Anwesenheit, sie wollte nichts mehr sehen. Später
bemerkte sie, wie die Frau ihr ihre lange Hose wieder anzog.
Offenbar blutete sie nicht mehr zwischen den Beinen. Als sie ihr
danach zu trinken gab, lächelte die Frau schwach. Leyrah wusste,
sie hatte es überstanden und würde überleben. Sie musste jetzt
sehr stark sein, denn es galt, die Medjai zu warnen. Die Frau
hatte ihr auch zu essen gegeben und sie nach ihren Möglichkeiten
gewaschen. Sie streichelte ihr manchmal mitleidig über das Haar.
Als der vermeintliche Bay-Erbe das nächste Mal kam, konnte die
Frau jedoch nicht verhindern, dass er Leyrah wieder für gesund
genug erklärte. Er entließ die Frau aus ihrem Dienst. Sie warf
einen traurigen Blick auf die immer noch krank daliegende Leyrah
und verließ die Zelle. Leyrah erwiderte ihren Blick und
versuchte dabei dankbar zu lächeln. Sie erblickte hinter ihrem
Peiniger die obligatorischen zwei Gefolgsleute, die er mit einem
Wink anwies, Leyrah hoch zu helfen. Rüde rissen sie die
Kriegerin hoch, die sich bemühte, ein Ächzen zu unterdrücken.
Der Enkel von Setna trat dicht vor ihr und grinste abermals
höhnisch.
"Ich sehe, du hast eine starke Konstitution, Leyrah! Nun
gut, die wirst du aber auch in Zukunft brauchen."
Mit einem Ruck drehte er sie um 180 Grad um, so dass sie mit dem
Rücken zu ihm stand. Die beiden Männer ergriffen ihre Oberarme
und hielten sie fest.
"Das mit der Fehlgeburt tut mir wirklich leid", höhnte
er weiter, "aber ein Baby hätte sowieso nur gestört. Sei
also froh, dass es weg ist."
Er drückte gegen ihren Rücken, so dass sie sich nach vorn
neigen musste. Die Männer hielten sie in der Position. Leyrah
ahnte, was er mit ihr vorhatte und ihr wurde schlecht bei dem
Gedanken. Wehrlos musste sie die Vergewaltigung über sich
ergehen lassen. Sie hörte, wie er seine Hose öffnete. Sie
schluckte und befahl sich selbst, jetzt nicht zu jammern, sondern
durchzuhalten. Ihre Ausbildung kam ihr wieder zugute. Sie
versuchte, sich gegen die Entehrung und die Schmerzen zu wappnen.
"Ich bin eine Medjai-Kriegerin, niemand kann mir etwas tun,
wenn ich es nicht selbst zulasse. Ich werde stark sein und nicht
dem Feind gehören."
Doch sie bebte am ganzen Körper, als er ihre Hose herunterzog
und ihre Backen auseinanderdrückte. Er kostete seinen Triumph
aus, indem er sie eine Weile so entwürdigend hielt.
"Nun wirst du lernen, wie du dir in Zukunft dein Fressen
verdienen musst!"
Leyrah schaffte es nicht, einen lauten Schmerzensschrei zu
unterdrücken. Es fühlte sich an, als würde er ihren ganzen
Unterkörper zerreißen wollen, der zudem immer noch von der
Fehlgeburt schmerzte. Und er wollte nicht aufhören und löste
gleißende Schmerzen aus. Sie wollte heulen, flehen, er möge
aufhören, aber sie biss sich tapfer auf die Lippen, bis sie
bluteten. Als er nach endlos erscheinender Zeit von ihr abließ,
fiel sie entkräftet zu Boden.
"Na also, geht doch", vernahm sie seine triumphierende,
aber keuchende Stimme, denn auch er war erschöpft, "das
üben wir jetzt jeden Tag, damit du deinen Job dann auch gut
machst."
Er versetzte ihr einen Tritt. Leyrah stieß einen schrillen
Schrei aus. Wieder lachte er, dann zog er sich an und sah
genüsslich auf sein Opfer herab. Er hatte sie entehrt, ihr
wehgetan und sie hatte geschrieen.
"Dich habe ich da, wo du hingehörst. Du bist Dreck, Dreck
unter meinen Schuhen und so werde ich dich auch behandeln. Und
wenn mir erst mal dein Lyleth in die Hände fällt, dann werde
ich ihn genauso behandeln. Und daher", er hatte sich nach
unten gebeugt und klopfte ihr auf den nackten Hintern, "muss
ich das ja schon mal bei dir proben."
Als er mit seinen beiden Männern die Zelle verlassen hatte,
rannen Leyrah die Tränen über die Wangen. Erst nach einer
ganzen Weile betastete sie sich und zog sich mühselig und unter
Weinkrämpfen wieder an. Wenn ihr nur jemand zu Hilfe kommen
würde! Doch ihre Lage schien aussichtslos. Ihre Nerven
versagten, sie zitterte am ganzen Körper. Jammer, Verzweiflung
und schiere Angst bemächtigten sich ihrer. "Der Gram ihr
zehrte den Schmerz, um stillen Tod sie warb."
Die folgenden Tage waren für Leyrah wie die Hölle. Wenn sie in
ihrer Zelle allein war, hörte sie die Schreie der beiden
gefolterten Kameraden in den anderen Zellen. Die meiste Zeit
verbrachte sie jetzt allerdings in einer Art Gemeinschaftsraum,
wo sich die Männer von Setna aufhielten. Gleich am Tage nach
ihrer Vergewaltigung hatte man sie hierher gebracht, nachdem man
sie vorher ganz entkleidet hatte. Die Männer durften ihr Spiel
mit ihr treiben. Stunden um Stunden vergewaltigten und
verspotteten sie und grölten, wenn sie vor Schmerzen laut
aufschrie. Doch sie flehte nicht um Gnade. Sie wusste, dass es
nichts helfen würde.
Später in ihrer Zelle konnte sie sich kaum noch rühren. Ihr
ganzer Körper bebte und sie weinte still in sich hinein. Neben
ihr lag ihr Gewand, sie fühlte es mit einer ausgestreckten Hand.
Jetzt war sie keine Kriegerin mehr, sondern eine Hure. Ein
Spielzeug, ein lebloser Gegenstand, mit dem man machen konnte,
was man wollte. Si espürte immer noch, wie die Hände der
Männer sie überall berührten und schüttelte sich angewidert.
Sie fühlte sich dreckig und besudelt und zog ihre Hand ruckartig
zurück. Nein, sie war des Medjai-Gewandes nicht mehr würdig.
"In deinen inneren Tempel kann niemand eindringen." Die
Stimme ihres Meisters drang ihr auf einmal an ihr Ohr. Ihr
Meister, der ihr alle Medjai-Geheimnisse anvertraut hatte, der
sie gelehrt hatte, was er wusste und den sie sehr verehrte. Was
würde er jetzt sagen, wenn er sie so entehrt und geschunden
sähe? Doch nein, sie verbesserte sich selbst, was würde er dazu
sagen, dass sie sich so hängen ließ, dass sie aufgab? "Ja,
Meister, in meinen inneren Tempel kann niemand eindringen",
sagte sie sich selbst, ergriff das Medjai-Gewand und legte es
sich zum Schutz über ihren schmerzenden Körper.
Die Tage vergingen in dem immer gleichen Ablauf. Man holte sie
und entfließ sie Stunden später aus dem Hurendienst, doch der
Bay-Enkel war selten zugegen. Immerhin war es ihr so möglich,
die Tage zu zählen. Am dritten Tag vernahm sie, als sie in ihrer
Zelle lag, einen jähen, durchdringenden Schrei - es war der der
sterbenden Sirrah. Nach sechs solcher schrecklichen Tag betrat
neben den zwei Männern, die sie für gewöhnlich holten, eine
Frau die Zelle. Es war eine andere als jene, die sie gepflegt
hatte und sie hielt ein Gewand in den Händen.
"Zieh dich an!", befahl ihr einer der beiden Männer
und Leyrah gehorchte. Sie legte ihr Medjaigewand an, das sie in
den letzten Tagen nur als Decke verwendet hatte. Selbst die Hose
und das Obergewand hatte sie nicht getragen, weil die Männer es
ihr doch nur zerrissen hätten. Nachdem sie ihre Reiterstiefel
angezogen hatte, reichte ihr die Frau ein dunkelrotes Kleid, es
war ein Frauengewand, das sie von Kopf bis Fuß vollständig
verschleierte und das selbst vor den Augen mit einem Schleier
versehen war, so dass man diese noch nicht einmal richtig sehen
konnte. Bevor sie es sich über den Kopf streifen konnte,
knebelte man sie. Sie musste auch Handschuhe anziehen. Dann band
man ihr die Hände vorn zusammen und führte sie nach draußen.
Nach langer Zeit sah Leyrah wieder den Himmel - allerdings
äußerst beschränkt, denn viel konnte sie unter ihrem
Frauengewand nicht erkennen. Vor ihr standen ein paar Kamele und
man wies sie an, eines zu besteigen, was sie auch tat. Dann ritt
die Karawane, die sie auf zwei Dutzend Kamele schätzte, los,
ohne dass sich ihr Peiniger noch einmal höhnend von ihr
verabschiedet hatte. Man hatte ihr auch nicht gesagt, wohin man
sie bringen würde, nur dass sie nicht erkannt werden sollte, war
ihr klar, denn ansonsten hätte man sie nicht so verhüllt. Sie
hatte keine Chance, sich erkennen zu geben. Sie ritten zunächst
nach Norden, dann Nordwesten. Während der Pausen hieß man sie
und die anderen Gefangenen, Männer wie Frauen, an, sich
nebeneinander zu legen. Ein Wachposten passte stets auf sie auf.
Leyrahs Mut sank, denn ihre Chancen zu entkommen standen nicht
gut. Des Nachts wurde sie sogar an den Füßen zusammengebunden.
Wieder ließ man sie dursten, auch die anderen Gefangenen.
Wahrscheinlich musste sie sich jetzt als Sklavin betrachten, die
irgend wohin verkauft werden sollte und daher war ihrem
Verkäufer nicht daran gelegen, kostbares Wasser zu verschwenden.
Am dritten Tag schwenkte die Karawane nach Westen ein. Eine
Gefangene wurde ohnmächtig vor Durst. Sie war zwar nicht so
verschleiert und geknebelt wie Leyrah, aber auch gebunden und
rutschte einfach vom Kamel. Ein Aufseher hieb auf sie mit der
Peitsche ein, bis der Mann, dem die Karawane gehorchte, ein
Einsehen hatte und ihr ein wenig Wasser geben ließ. Man setzte
sie wieder aufs Kamel und weiter ging die Reise. Leyrah übte
sich ein weiteres Mal in Selbstbeherrschung, auch sie litt
furchtbaren Durst und der Knebel hatte ihr längst die Mundwinkel
blutig gescheuert, aber sie war froh, dass sie den perversen
Vergewaltigungen entronnen war. Wenn es doch nur einen Weg geben
würde zu entkommen! Doch den gab es nicht und sie ritt weiter
einer trostlosen und ungewissen Zukunft entgegen, anderen
Menschen überantwortet, bar jeder Entscheidung.
Als am Mittag des fünften Tages eine Pause eingelegt wurde, nahm
man ihr die Fesseln ab und hieß sie, das Frauengewand abzulegen.
Da sie einen Wasserbeutel erblickte, beeilte sie sich, dem Befehl
nachzukommen. Man löste ihr auch den Knebel und ließ sie
trinken. Wie sie durften auch zwei weitere Frauen sich an dem
Nass laben, während die anderen mit leidendem Ausdruck nur
zuschauen durften. Leyrah schloss daraus, dass ihre Reise bald
beendet sein würde.
Ohne das Frauengewand wieder anlegen zu müssen, setzte man sie
nach der Pause auf ihr Kamel, allerdings gut an den Sattel
gefesselt - auch die Beine waren unter dem Kamel zusammengebunden
worden. Die drei Kamele der Frauen wurden in die Mitte genommen.
Leyrah wunderte sich über diese Vorgehensweise. Doch am Abend
erkannte sie den Grund. In der Ferne zeichnete sich eine dunkle
Masse ab, eine Art Festung. Tatsächlich brachte man sie hierher.
Als die Karawane sich näherte, erkannte Leyrah, dass es sich um
eine Art Zelt- und Barackenlager handelte, das von einer
sandsteinfarbenen Mauer umgeben war. Die Karawane hielt vor dem
Haupteingang, sie mussten absitzen. Die drei Frauen wurden von
zwei Bewacher geführt, vor ihnen ging der Anführer der
Karawane. Sie wurden in das Lager gebracht und hinter dem
Haupteingang in einer Reihe aufgestellt. Leyrah schaute sich
aufmerksam um, um möglichst jedes Detail in sich aufzunehmen.
Sie hatte sich fest vorgenommen zu fliehen, aber dafür musste
sie soviel wie möglich über dieses Lager in Erfahrung bringen -
und wer weiß, wohin man sie hier bringen würde. Wenn man sie
einsperren würde, wäre es jetzt die letzte Möglichkeit, sich
genau alles anzuschauen und einzuprägen. Zuerst fielen ihr die
hellhäutigen Männer auf, die eine Art Uniform trugen, die aus
hellbraunen Jacken und Hosen bestand, auf dem Kopf trugen alle
das gleiche weiße Käppi. Sie hielten sich überall im Lager
auf. Die sich in der Nähe befanden, warfen den drei Frauen
neugierige Blicke zu und Leyrah spürte, wie sie Ziel ihrer
Aufmerksamkeit war. Die anderen beiden Frauen waren zwar auch
einheimisch, aber hatten keine Gesichtstätowierungen. Doch
Leyrah schenkte den Neugierigen keine Beachtung, sondern sah sich
weiter um. Sie gewahrte, dass die Mauer an den vier Ecken in
Wachtürme mündete, auf diesen befanden sich jeweils zwei
Wachposten. Die Pferdestallungen waren in einem Teil links
untergebracht, einige Tiere waren vor den Ställen angebunden.
Rechts und links befanden sich unter Planen mehrere aneinander
gelehnte Gewehre, die eine kleine Pyramide bildeten. Wenn das
Fort überfallen werden sollte, konnten die Soldaten gleich auf
ihre Gewehre zugreifen, ohne sie erst von irgendwo her holen zu
müssen. Da Leyrah selbst eine Kriegerausbildung durchlaufen
hatte, konnte sie mit den Einrichtungen und Gegenständen in
diesem Fort etwas anfangen. Sie hoffte, dass ihr Wissen und ihre
Fähigkeiten ihr zur Flucht verhelfen würden und nahm sich vor,
niemanden etwas davon zu sagen, dass sie mit Waffen umgehen und
gut reiten konnte. Ihr wacher Blick unterschied sie ebenfalls von
den beiden anderen Frauen, die mit gesenktem Haupt standen und
sich in ihr Schicksal gefügt hatten. Unweit von ihnen
verhandelte der Anführer der Karawane mit einem Soldaten. An
seiner Uniform befanden sich Rangabzeichen, wie Leyrah
feststellte, aber sie wusste nicht, ob er hier der oberste
Befehlshaber war. Nach einer Weile übergab er dem
Karawanenführer Geld, woraufhin der zu den Frauen trat und ihnen
die Fesseln abnahm, die er alsbald für weitere Sklavinnen
gebrauchen würde. Zufrieden zog er mit seinen Kamelen von
dannen. Die Karawane würde weiter ziehen und die anderen Sklaven
an anderen Orten verkaufen.
Die drei Frauen wurden in einen hinteren Teil zur Rechten
geführt. Hier stand eine große Baracke, davor befanden sich
mehrere Kübel, deren einer voll mit schäumendem Wasser war.
Zwei Frauen wuschen hier auf Waschbrettern die beige Kleidung der
Soldaten. Ihre Gesichter schwitzten. Hinter ihnen - direkt vor
der Seitenfront der Baracke - war eine Wäscheleine gezogen. Eine
weitere Frau drehte sich von dort um, sie hatte gerade ein
großes Tuch aufgehängt.
"Ah Neuzugang!", begrüßte sie den Soldaten, der die
drei Frauen hergeführt hatte. "Na wunderbar!"
Ihre Stimme klang rau, als wenn sie oft und gern rauchte und
Alkohol genoss. Sie war Europäerin in den besten Jahren, nicht
gerade schlank und trug ein rosa Kleid mit Rüschen, das ihr so
gar nicht stand. Der Mann klatschte ihr auf den ausladenden
Hintern.
"Netty, ich vertraue dir die drei Täubchen an! Der Boss hat
sie eben erstanden. Weise sie ein und besuch mich heute Abend,
ja?"
"Das mit den Täubchen geht in Ordnung! Ob ich heute Abend
Zeit habe, weiß ich aber nicht."
"Oh Netty", schmollte der Soldat künstlich, zog sie
dicht an sich, umfasste mit beiden Händen fest ihr Hinterteil
und rieb sich in Vorfreude auf den Abend an ihr. Netty stieß ihn
leicht protestierend weg und lachte ihm hinterher.
"Männer!", rief sie scherzend. "Wollen immer nur
das eine!"
Leyrah hatte den kurzen Dialog verstehen können, denn es war
Französisch, eine Sprache, die sie als Kind hatte lernen
müssen, da in Ägypten viele französische Ausgräber lebten.
Sie fragte sich, wo sie hier Verwendung finden würde? Würde sie
Wäsche schrubben oder wieder den Männer zu Diensten sein
müssen? Netty wandte sich ihnen zu.
"So, meine Täubchen, ich bin Madame Nathalie und habe das
Sagen hier, kapiert?"
Da alle drei schwiegen, schimpfte sie:
"Ach, da haben sie mir wieder drei dumme Araberinnen
geschickt, die nichts verstehen! Mon Dieu! Und ich darf ihnen
wieder alles mit den Händen erklären! He, Fatima, komm
her!"
Fatima hatte gerade ihre Arme im Wäschetrog gehabt, doch beeilte
sich sehr, zu ihrer Herrin zu eilen. Eifrig stellte sie sich
neben Madame Nathalie.
"Erklär deinen dummen Landsweibern, was ich eben gesagt
habe, ja?"
Fatima tat wie geheißen und Leyrah beschloss, für sich zu
behalten, dass sie Französisch verstand. Als Fatima fertig war,
setzte Nathalie ihre Ansprache fort:
"Ihr tut, was ich euch sage, und das ist: kochen, waschen,
abends die Beine breit! Alles klar?"
Entsetzt starrten die beiden Mädchen die übersetzende Fatima
an, nur Leyrah verharrte in ihrer ewig gleichen, fast
gleichgültig erscheinenden Miene.
"Sehr gut, ihr habt's verstanden", murmelte Netty.
"Also, als erstes werdet ihr euch gründlich waschen, ihr
stinkt ja zum Himmel! Also, zieht eure Klamotten aus! Macht
schon!"
Leyrah wusste, das es keinen Sinn, sich zu weigern und begann als
erste, sich zu entkleiden, während die beiden Mädchen sich noch
zierten.
"Soll ich vielleicht nachhelfen?", fuhr sie Netty laut
an, woraufhin die Mädchen sich beeilten.
Leyrah gab ihre Kleidung Fatima, die sie interessiert anschaute
und ihr eine gewisse Ehrerbietung entgegenbrachte. Da Leyrah
völlig nackend da stand, wurde sie von den Männern, die sich in
der Nähe befanden, begafft. Aber auch die Frauen starrten sie
an, und zwar nicht wegen ihrer weiblichen Formen, sondern wegen
der Tätowierungen, die sich überall auf ihrem Oberkörper
befanden. Nathalie, die damit beschäftigt war, die beiden
Mädchen einzuschüchtern, hatte es erst gar nicht gesehen, aber
die Stille bemerkt, die auf einmal herrschte. Sie trat vor
Leyrah, die sie mit unbeweglicher Miene anschaute.
"Was ist das?" Fatima übersetzte.
"Tätowierungen."
"Das sehe ich selbst. Was soll das?"
Es klang wie ein Vorwurf und Fatima bemühte sich, die arabischen
Worte sehr viel höflicher zu wählen als das französische
Original. Leyrah bemerkte es und kam nicht umhin, in sich hinein
zu schmunzeln, ließ es sich aber nicht anmerken.
"Es sind die Zeichen meines Stammes", erwiderte sie
ruhig.
"Bist du etwa eine Tuareg?" Nathalies Stimme klang
schrill. Fatima wusste, dass Leyrah keine Tuareg sein konnte,
aber fragte sie trotzdem.
"Ich bin eine Wüstenfrau, aber keine Tuareg." Leyrah
verspürte keine Lust, ihre Identität zu offenbaren.
"So, eine Wüstenfrau! Junge, Junge! Hör zu, Madame
Hochwohlgeboren, du bist hier nichts weiter als eine Nutte, ist
das klar? Bilde dir bloß nichts ein!", fuhr sie Leyrah an,
die aber keinen Schritt zurückwich und auch keine Miene verzog.
"Ich weiß, dass ich nur eine Sklavin bin", meinte sie
ruhig.
"Bien, bien", Nathalie zog die Vokale in die Länge.
"Wie gut, dass du das kapiert hast! Und jetzt ab in die
Wanne mit dir! Schrubbt sie ordentlich!", befahl sie den
Mädchen am Trog, "Wüstenfrauen sind nämlich ganz und gar
verlaust."
Fatima gehörte zu den Frauen, die die Neuankömmlinge baden
half. Sie flüsterte Leyrah zu:
"Mach dir nichts draus. Am Anfang ist sie so immer so zu
Neuen... sie muss halt zeigen, wer hier neben dem Kommandeur das
Sagen hat."
Vor Leyrah war bereits eine der beiden anderen Frauen gebadet
worden. Man hatte sie hinterher auch abgetrocknet, denn
inzwischen war der Lagerarzt gekommen und wollte die Neuen
untersuchen. Da diese Prozedur neben der Wanne stattfand, bekam
Leyrah mit, wie er das nackte Mädchen abtastete, mit einem
Stethoskop ihren Rücken und ihre Brust abhörte, ihre Zähne
begutachtete, ihre Augen sich genau ansah und zum Schluss ihre
Scham in Augenschein nahm. Danach musste das verunsicherte
Geschöpf in die Baracke gehen, sie war immer noch
splitterfasernackt und die Augen der Männer, die sich inzwischen
zahlreich in der Nähe der Baracke versammelt hatten,
verschlangen sie mit gierigen Blicken.
Auch Leyrah musste diese Untersuchung über sich ergehen lassen.
Als der Arzt ihren Rücken abtastete und dabei immer weiter
abwärts geriet, stutzte er ein wenig, dann drückte er ihre
Gesäßbacken auseinander und rief Nathalie herbei. Er wies sie
an, Leyrah dort mit einer Tinktur zu behandeln. Als Leyrah von
ihm umgedreht wurde, begutachtete er als erstes ihren
Unterkörper, bog ihr die Beine auseinander und nahm ihre Scham
genau in Augenschein, was die umliegenden Männer feixend zur
Kenntnis nahmen.
"Ich glaube, sie ist sauber, Netty. Sie scheint nicht die
Krankheit zu haben", meinte der Arzt. Nathalie nickte.
"Allerdings sollten erst einmal ihre Verwundungen heilen.
Drei Tage."
Er wandte sich der nächsten Frau zu, die dem Bad entstiegen war.
Leyrah wurde von Fatima in die Baracke geführt. Sie sollte sich
neben das andere nackte Mädchen stellen und warten. Eine Weile
später kam dann die dritte Frau hinzu, ihr liefen Tränen über
die Wangen. Danach trat Nathalie herrisch ein, pflanzte sich vor
den drei Frauen auf und sprach:
"So, jetzt mal zu euren Rechten und Pflichten. Rechte könnt
ihr vergessen. Ihr seid nur Sklavinnen. Also: Ihr werdet eine
Stunde vor Sonnenaufgang aufstehen, Wasser holen, Feuer machen
und das Wasser darüber kochen. Das Frühstück für alle
Legionäre muss bei Sonnenaufgang bereit stehen. Danach wird
saubergemacht. Die Wäsche gewaschen, Essen gekocht. Ich teile
jeder morgens ihre besonderen Aufgaben mit. Schlafen könnt ihr
hier, dahinten liegen Matten. Nehmt euch eine und sucht euch
einen Platz hier irgendwo. Wenn die Männer euch abends zu sich
rufen, dann geht ihr am besten sofort und tut alles, was sie von
euch wollen. Wenn ihr ein bisschen nett zu ihnen seid, werden sie
euch nicht schlecht behandeln. Seid ihr widerspenstig oder
gehorcht ihr nicht, werdet ihr ausgepeitscht. Mahlzeiten gibt's
morgens und abends. Wer nicht ordentlich arbeitet, kriegt auch
nichts zu essen. Kapiert?"
Sie wartete nach Fatimas Übersetzung eine Weile, aber niemand
antwortete.
"Ihr sollt sagen, ob ihr das kapiert habt!", befahl sie
leicht gereizt.
Die Mädchen nickten schüchtern, Leyrah antwortete mit
"Ja".
"So, und jetzt ein paar Fragen. Ist wer von euch noch
Jungfrau?"
Leyrah erwiderte nach Fatimas Übersetzung: "Keine von
uns."
Die Mädchen schauten beschämt zu Boden, eines von ihnen begann
zu schluchzen.
"Hört auf zu weinen! Ihr seid wegen der Männer hier, ihr
dummen Dinger! Habt ihr das noch nicht kapiert? Ihr müsst alles
tun, damit sie zufrieden sind!"
Sie klang fast wie die Mutter aller Männer im Lager, die besorgt
darum war, dass es ihnen auch gut ging und sie ordentlich
verwöhnt wurden. Und tatsächlich bestätigte sie Leyrahs
Verdacht, als sie lautstark hinzufügte:
"Wisst ihr überhaupt, was die Jungs hier erleiden müssen?
Sie sind fern der Heimat, haben jeden Kontakt mit ihrer Familie
verloren, ganz allein und sehen ständig dem Tod ins Auge! Und
ihr jammert, weil ihr die Beine breit machen müsst? Das bisschen
Liebe, das ihr ihnen geben könnt... womit ihr sie trösten
könnt... ihr seid doch nur Weiber, Huren, also gebt euch Mühe,
ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen!"
Nathalie wirkte auf Leyrah fanatisch und damit war sie
gefährlich. Leyrah fragte sich, warum sie sich so für die
Männer einsetzte. Sie war selbst Europäerin, vielleicht war sie
keine Sklavin. Vielleicht fühlte sie sich aus Heimatliebe so
verbunden mit den Männern. Allerdings hatte Leyrah auch schon
andere, zweifelsohne jüngere Europäerinnen im Lager gesehen,
die auch mit ihrer Arbeit beschäftigt waren und ihr ebenso
unterdrückt wie die einheimischen Frauen im Lager vorkamen.
"So, und jetzt zu dir, Wüstenfrau!" Es klang wie Hohn
in ihrer Stimme. "Bist du verheiratet?"
Leyrah bejahte knapp.
"Na, dann weißt du ja, was du von einem Mann zu erwarten
hast." Sie lachte wie über einen gelungenen Witz. Und weil
Nathalie gerade so guter Laune war, fuhr sie gleich fort:
"Aber so, wie dein Allerwertester aussieht, hat es dir dein
Mann ja jeden Abend kräftig besorgt. Du bist also gut
eingearbeitet."
Leyrah schoss ein wenig Farbe ins Gesicht, denn das Andenken an
Lyleth stand ihr in hohen Ehren. Sie bemerkte zu spät, dass
Fatima nur den ersten "Witz" übersetzt hatte. Netty
bekam es nicht mit, aber Fatima runzelte leicht die Stirn.
Nathalie winkte ein Mädchen herbei, das die ganze Zeit mit einem
Krug in ein paar Metern Entfernung gewartet hatte.
"Also, ihr werdet jetzt alle einen Begrüßungscocktail
erhalten." Fatima übersetzte und reichte jeder einen
Becher. "Das Getränk wird euch unfruchtbar machen. Das
erspart uns und auch euch eine Menge Mühen, denn brüllende
Bälger kann hier wirklich niemand gebrauchen."
Leyrah erklärte Fatima kurz, dass sie bereits unfruchtbar
gemacht worden sei. Tatsächlich glaubte ihr Nathalie das, denn
natürlich war ihr klar, dass Leyrahs Unterleibsverletzungen auf
bereits erfolgte Vergewaltigungen zurückzuführen waren. Leyrah
bedauerte die beiden Mädchen, die noch so jung waren. Sie
würden nie ein Kind haben. Da fiel ihr Ardeth ein. Sie musste
einfach frei kommen! Sie musste für ihren lieben Sohn sorgen!
Aber... Lyleths Frau konnte sie nicht mehr sein... sie war
entehrt und unfähig, ihm weitere Kinder zu schenken. Sie
schluckte tief und Netty war froh, endlich eine Reaktion der
Resignation bei ihr zu sehen. Sofort wandte sie sich wieder
Leyrah zu, als sie sah, wie die Mädchen folgsam, aber mit
Unbehagen ihren Becher leerten.
"Dich muss ich warnen! Du wirst es hier nicht leicht haben.
Die Männer hassen alle Wüstensöhne und -töchter."
"Warum?", wollte Leyrah wissen.
"Ja, wo stammst du denn her, dass du das nicht weißt?"
Leyrah zuckte nur mit den Schultern.
"Du bist hier in einem Fremdenlegionärslager, Kindchen. Und
diese verdammten Tuareg liefern den Legionären erbitterte
Kämpfe. Es sind ihre Todfeinde. Sie werden nicht zimperlich mit
dir umgehen, darauf kannst du dich verlassen, denn die Tuareg
gehen auch nicht mit ihren Gefangenen zimperlich um."
"Warum kämpfen die Tuareg gegen die Europäer?",
erkundigte sich Leyrah bewusst naiv. Sie hatte zwar von den
Konfrontationen im Norden Afrikas gehört und kannte auch die
Tuareg, ihre Sitten und ihre Sprache recht gut, doch sie wollte
möglichst viel in Erfahrung bringen.
"Die Tuareg wollen uns vertreiben. Und das können sich doch
unsere Männer nicht gefallen lassen. Immerhin bringen sie die
Zivilisation in das Land hier. Außerdem, ihr seid Heiden! Ihr
müsst unbedingt bekehrt werden, euer Seelenheil ist sonst in
Gefahr."
Fatimas Stimme klang nicht so selbstüberzeugt wie Nathalies.
"So, genug geredet. Fatima, bestreich mit dieser Tinktur
ihren Hintern, damit sie einsatzfähig wird."
Nathalie verließ das Zelt und die drei Frauen blieben mit
traurigen Herzen zurück. Die beiden Jüngeren legten sich bald
auf ihre Matten, denn ihnen wurde sehr schlecht. Fatima versorgte
sie zunächst, gab ihnen auch Wasser zu trinken und breitete eine
Decke über ihre nackten Leiber. Eine der beiden schluchzte laut
und Leyrah beobachtete, wie Fatima sie liebevoll tröstete. Dabei
mochte sie selbst kaum älter sein. Was mochte sie wohl alles
schon erlebt haben, dass sie so abgeklärt handeln konnte? Leyrah
brachte Bewunderung für die junge Araberin auf. Ebenso schien
Fatima großen Respekt vor Leyrah zu haben. Höflich breitete sie
eine Matte aus und bat Leyrah mit einer respektvollen
Handbewegung, sich dort auf den Bauch zu legen. Leyrah tat wie
geheißen und Fatima versorgte ihre Wunden. Es tat gut, die
kühle Creme auf den schmerzenden Stellen zu spüren. Fatima
merkte, wie Leyrah entspannte.
"Wo ist dein Mann?", fragte sie leise.
"In Ägypten."
"Weiß er, wo du bist?"
"Nein, dann würde er kommen und mich holen. Ich bin
entführt worden."
"Du Arme! Hast du schon Kinder?"
"Ja, einen Sohn!"
"Oh sei gesegnet! Einen Sohn sogar! Dein Mann muss stolz
sein! Allah sei gepriesen, einen Sohn! Wie ist sein Name?"
"Ardeth."
"Dann bist du Um Ardeth!"
Leyrah drehte sich halb auf den Rücken und lächelte Fatima an.
Sie begeisterte sich so darüber, dass sie einen Sohn hatte.
Leyrah war klar, dass Fatima auch gern Mutter und Ehefrau
geworden wäre, aber nie die Gelegenheit dazu bekommen würde.
"Ich würde ihn so gern in meinen Armen halten, deinen
Sohn!", schwärmte Fatima weiter.
"Wie alt bist du, Fatima?"
"21."
"Und wie lange bist du schon hier?"
"Seit zwei Jahren. Es ist aushaltbar. Wenn man nett zu ihnen
ist, sind sie es in der Regel auch zu dir. Du musst ihnen nur
gehorchen und ebenso Nathalie."
"Wer ist diese Nathalie eigentlich?"
"Das weiß niemand so genau. Aber sie hat es sich zur
Aufgabe gemacht, für die Männern zu sorgen und alles für sie
zu tun. Man sagt, ihr Sohn wäre bei den Legionären gewesen und
gefallen."
"Haben die Tuareg ihn in einem Kampf getötet?"
"Ja, sagt man jedenfalls. Sie hasst alle Tuareg."
Leyrah nickte stumm. Sie konnte sich auf was gefasst machen in
diesem Lager, das war ihr inzwischen klar geworden. Die Tuareg!
Sie wurde in einen Topf mit den Tuareg geworfen! Wenn sie das zu
Hause erzählen würde! Sie würde großes Unverständnis ernten.
Zu Hause - es war so weit weg und von dort erschien alles anders
als hier.
"Du bist aber keine Tuareg, nicht wahr?"
"Nein, aber ich bin Beduinin. Und du?"
"Ich stamme aus Marokko. Man hat mich per Schiff hierher
gebracht, als ich 19 war. Ich bin verkauft worden, weil mein
voriger Besitzer unbedingt Geld benötigte."
"Wer war dein voriger Besitzer?"
"Oh, mein Vater hatte mich mit 14 einem Tavernenwirt
verkauft. Wir waren sehr arm und viele Kinder. Und als ich das
Blut bekam, dachte mein Vater, es sei besser, wenn ich weg sein
würde."
Arme Fatima, welches Schicksal hatte sie erleiden müssen! Leyrah
konnte sich gut vorstellen, wie sie die Gäste der Taverne zu
bedienen hatte. Sie streichelte Fatima über den Kopf.
"In der Taverne habe ich auch Französisch gelernt."
Sie zögerte eine Weile. "Du, Um Ardeth, du verstehst doch
auch Französisch, nicht wahr?"
Leyrah grinste und Fatima erwiderte es verschwörerisch.
"Es muss nicht jeder wissen."
"Warum sagst du es nicht? Die Soldaten machen dir dann dein
Leben vielleicht leichter... sie freuen sich bestimmt, wenn du
ihre Sprache sprichst..."
"Ich werde darüber nachdenken, Fatima. Aber ich befürchte,
die wollen sich mit mir nicht unterhalten." Um das Thema zu
wechseln, erkundigte sich Leyrah: "Sag mal, bekomme ich
meine Kleidung eigentlich zurück?"
"Ja, sie wurde bereits gewaschen und trocknet jetzt in der
Sonne."
"Sag mal, Um Ardeth, warum trägst du Männerkleidung?"
"Ich bin eine Kriegerin, Fatima. Aber auch das muss nicht
jeder gleich wissen."
"Wie du möchtest."
Leyrah nickte erleichtert. In ihrem Kriegergewand würde sie sich
etwas geschützter fühlen.
"Schlaf jetzt, Um Ardeth, die Tage hier sind anstrengend,
und ich muss jetzt weiter Wäsche waschen." Sie breitete
auch Leyrah eine Decke über den Körper und verließ dann die
Baracke. Leyrah schlief sofort ein.
In den folgenden drei Tagen wurde Leyrah zunächst eingearbeitet.
Beim Wäsche waschen kam sie ins Schwitzen, denn das hatte sie
seit ihrer Novizinnenzeit im Tempel der Isis nicht mehr getan.
Man ließ sie bevorzugt das Wasser aus dem Brunnen holen und
schleppen. Sie lernte die anderen Frauen kennen, die alsbald ihre
anfängliche Scheu Leyrah gegenüber ablegten. Madame Nathalie
warf nach wie vor mit Argwohn ein Auge auf sie. Doch Leyrahs
freundliches, nachgiebiges und hilfsbereites Wesen versöhnte
auch sie. Die Frauen erkannten schnell, dass Leyrah andere als
hausfrauliche Pflichten in ihrer Heimat zu erfüllen hatte. Ihre
ganze Haltung war gerade, ja man konnte sagen majestätisch, ihre
Gesten waren erlesen und ihre Worte stets höflich. Nie verfiel
sie in den Jargon, der Nathalie zueigen war. So erwarb sich
Leyrah einen gewissen Respekt bei den Frauen, die untereinander
tuschelten, wer Leyrah wohl sein mochte. Vielleicht die Frau
eines Scheichs? Würde er bald kommen und sie zurück in sein
Harem holen? Auf jeden Fall hatte Leyrah etwas Geheimnisvolles an
sich. Man hoffte, dass sie nicht vielleicht doch eine Tuareg war,
deretwegen bald das ganze Lager dem Erdboden gleichgemacht werden
würde.
Besonders zu Fatima hatte Leyrah ein freundschaftliches
Verhältnis. Sie hatte ihr etwas von ihrem Zuhause erzählt und
Fatima hatte verstanden, dass Leyrah nicht nur große Sehnsucht
hatte, sondern dass sie es als unbedingt notwendig erachtete, mit
wichtigen Nachrichten zurückkehren zu müssen. Fatima bedauerte
Leyrah, die sich so sehr darauf versteifte zu fliehen, da von
hier noch keine Frau entkommen sei. Leyrah fragte daraufhin, ob
es denn schon mal eine versucht hätte, aber Fatima fand den
Gedanken absurd. Die Legionäre seien die Herren hier und man
müsse das anerkennen. Bald schon musste sich Leyrah eingestehen,
dass die Legionäre immerhin Herr über ihren Körper nach
Belieben sein durften. Tatsächlich behandelten sie zunächst
sehr rüde, ließen sie spüren, dass sie eine verhasste
Wüstenfrau war. Leyrah klagte weder hierüber noch über ihre
Arbeit. Wie viele Frauen war sie morgens sehr müde und nur die
Zeit unter Mittag versprach Ruhe. Nach einer Weile schien es, als
wäre dieses Leben nicht nur die Gegenwart, sondern auch Leyrahs
Zukunft. Sie musste aufpassen, dass sie nicht den Mut verlor, an
Flucht zu glauben. Doch immer wenn Fatima sie mit "Um
Ardeth" ansprach, wurde sie daran erinnert, dass sie zu
Hause nicht nur auf sie warteten, sondern dass sie eine wichtige
Nachricht zu übermitteln hatte. Leyrah hielt weiterhin die Augen
und Ohren offen und wartete auf eine Möglichkeit zu entkommen.
Da das Lager inmitten der Wüste lag, konnte sie nicht einfach
des Nachts per Pferd auf und davon reiten. Sie benötigte ein
Kamel und einen großen Vorrat an Wasser oder die genaue Kenntnis
der Umgebung. So lauschte sie besonders aufmerksam, wenn die
französischen und auch anderen Legionäre sich über die Gegend
und ihre Bewohner unterhielten.
Eines Tages kehrte ein Trupp, der zwei Tage zuvor ausgeritten
war, ins Lager zurück und brachte viele Verwundete mit. Ein
Kampf hatte stattgefunden und man hatte sich gerade so hierher
retten können. Die Tuareg hatten die Verfolgung ein paar Stunden
vor dem Lager aufgegeben. Die Verwundeten sahen teilweise schlimm
zugerichtet aus. Da Leyrah gerade zwei Eimer Wasser holte, kam
sie geradewegs auf diesen Trupp zu. Sie ließ ihr Joch herunter
und trat dicht heran. Der Lagerarzt war noch nicht zur Stelle und
so kniete sie sich zu einem am Bein stark blutenden jungen Mann,
den man soeben vom Pferd hatte zu Boden gleiten lassen. Sie riss
den Ärmel seiner lose um ihn hängenden Jacke ab und legte einen
festen Verband an. Sie ging dabei sehr fachmännisch vor und die
Herumstehenden staunten und behinderten sie nicht. Dann stand sie
auf und ohne die gaffenden Männer zu beachten, trat sie zu einem
anderen Verwundeten, kniete nieder und betastete seinen Arm. Er
schrie vor Schmerzen, so legte sie ihm ihre rechte Hand auf die
Stirn, um ihn zu beruhigen.
"Gebt mir einen Stock!", sagte sie zu den neben ihr
stehenden Männern, die sie daraufhin nur verdutzt anschauten.
Also fügte sie mit Nachdruck hinzu: "Dieser Arm darf nicht
mehr ohne Stütze bewegt werden. Also tut, worum ich euch
bitte!"
Da entfernte sich tatsächlich einer von ihnen, der sie halbwegs
verstanden hatte, und kehrte schon wenige Minuten später mit
einem ca. 30 cm langen Stock zurück. Leyrah nahm ihn wortlos,
legte ihn an den Arm und wickelte vorsichtig, aber fest ein paar
Stoffstreifen darum, die sie zuvor von der ohnehin zerrissenen
Uniform des Soldaten abgerissen hatte. Inzwischen war auch der
Lagerarzt eingetroffen und hatte sich um andere Verwundete
gekümmert. Natürlich hatte er Leyrah zur Kenntnis genommen,
fand aber nicht die Zeit, mit ihr zu reden. Er ließ sie
gewähren, zumal sie ihm eine gute Hilfe war. Die Verwundeten
wurden ins Sanitätszelt getragen. Der Arzt winkte Leyrah zu, sie
solle ihm folgen.
"Kennst du dich aus mit Verwundungen?", fragte er sie
auf dem Weg zum Sanitätszelt. Sie sah ihn fragend an, da sie
immer noch vorgab, kein Französisch zu verstehen oder nur sehr
wenig. Der Arzt seufzte ungeduldig und befahl einem Soldaten, die
"französisch sprechende Araberin" zu holen, womit
Fatima gemeint war. Diese hatte den Vorgang schon von weitem
neugierig beobachtet, eilte schnell herbei und übersetzte, was
der Arzt von Leyrah wissen wollte.
"Ja, Herr", erwiderte ihm Leyrah auf seine erste Frage.
"Gut, dann wirst du mir weiterhin zur Hand gehen."
Im Zelt wies er ihr Verwundete an, um die sie sich kümmern
sollte. Fatima blieb bei ihr und ging ihr zur Hand. Der Arzt
überzeugte sich selbst von Leyrahs Arbeit und nickte
anerkennend. Als etwas später der Lagerkommandant kam, um sich
selbst von der Anzahl und dem Zustand der Verwundeten zu
überzeugen, berichtete der Arzt von Leyrahs Kenntnissen und bat
ihn, dass sie ihm zukünftig als Hilfe zur Verfügung gestellt
werde. Der Kommandant, den es störte, dass seine Männer der
Fürsorge einer Beduinin anvertraut werden sollten, winkte Leyrah
zu sich, auch Fatima trat schüchtern hinter ihr heran. Er besah
sich Leyrah genau, die seinen Blicken standhielt und nicht, wie
er eigentlich erwartet hätte, demütig das Haupt oder zumindest
die Augen senkte.
"Also gut", antwortete er dem Arzt, "sie kann
Ihnen helfen, wenn Sie sie benötigen." Dann wandte er sich
an Leyrah: "Hüte dich, den Männern Schaden zuzufügen!
Solltest du diese Gelegenheit ausnutzen und sie vergiften oder
erdolchen, werde ich dich vierteilen lassen. Hast du mich
verstanden?"
"Ja, Herr, ich habe verstanden", erwiderte sie
keineswegs eingeschüchtert.
"Du wirst hier nichts eigenmächtig anrühren und gehorchst
dem Arzt. Das gilt auch für dich, Übersetzerin!"
Beide nickten. Der Kommandant wandte sich wieder dem Arzt zu und
ließ sich berichten, wie es um seine Männer bestellt war. Mit
Sorgenfalten verließ er das Sanitätszelt. Leyrah wandte sich
wieder der Pflege eines Verwundeten zu, ohne abzuwarten, was der
Arzt ihr nun auftrug. Dieser musste ein wenig über seine
beflissene Gehilfin schmunzeln und bestand nicht darauf, ihr
dezidierte Anweisungen zu geben. Er sah, dass sie selbst genau
wusste, was zu tun ist, und darüber war er froh. Später
erkundigte er sich bei ihr, ob sie auch Heiltränke zu brauen
wisse, da er vermutete, dass einheimische Frauen, denen ja keine
professionelle medizinische Versorgung zur Verfügung stand, sich
oft selbst zu helfen wissen und ihre Rezepte von Generation zu
Generation weitertragen. Zu seiner Freude bestätigte sich seine
Vermutung und er ließ sie unbedenklich Tränke zubereiten, ohne
die Sorge seines Vorgesetzten zu teilen, denn er erkannte, dass
Leyrah helfen und nicht sich rächen wollte.
Für Leyrah hatte dieser Vorfall zwei Folgen: Erstens verbrachte
sie viel Zeit im Sanitätszelt oder auch davor, um die Kranken zu
pflegen und Tränke zu brauen und war damit von ihren anderen
Pflichten enthoben. Da sie auch nachts in diesem Zelt schlief, um
im Notfall bei den Patienten sein zu können, konnten die
Legionäre keine Ansprüche auf Beischlaf mit ihr erheben. Fatima
weilte oft bei ihr, allerdings nicht immer, da ihre Dienste als
Übersetzerin nicht permanent von Nöten waren. Zweitens stieg
ihr Ansehen in den Augen der Männer. Sie half den Kranken
tatsächlich, erschien selbstlos, bescheiden, aber durchaus
selbstbewusst. Ihr wurde mehr und mehr Achtung zuteil und kaum
noch einer beschimpfte sie als Beduinenhure, wie man sie vor dem
Vorfall zu rufen gepflegt hatte.
Nathalie hatte diese Verwandlung etwas unbehaglich zur Kenntnis
genommen. Ihr war sozusagen eine ihrer Untergebenen genommen
worden, da Leyrah jetzt dem Arzt unterstand. Und Leyrah verstand
es zu Nathalies Ärger, sich beim Arzt unentbehrlich zu machen.
Da auch Nathalie gehorchen musste, wenn sie nachts gerufen wurde,
hatte Leyrah sogar in ihren Augen einen Vorteil. Sie konnte nicht
so einfach herumkommandiert werden. Tatsächlich kam auch keiner
der Männer mehr auf die Idee, mit Leyrah schlafen zu wollen. Sie
hatte den Status der heilenden Frau und flößte durch ihre
Fähigkeiten und ihr Auftreten, ihre Selbstsicherheit, ihre
strenge schwarze Kriegergewandung, die ihre Weiblichkeit verbarg,
ihren aufrechten Gang und ihre stets distinguierte und höfliche,
stets jeden achtende Sprache, die Fatima getreulich zu
übersetzten wusste, ungeheuren Respekt ein. Sie schien auch
keine Gefühle zu zeigen und nur Fatima wusste, wie es in Leyrahs
Herzen aussah. Sie wusste, dass ihre Freundin die Hoffnung noch
nicht begraben hatte und nur auf eine gute Gelegenheit wartete.
Tatsächlich war Leyrah durch ihren Aufstieg zur Arzthelferin
ihrem Ziel schon etwas näher gekommen. Hier konnte sie die
Männer gut belauschen, was die Gegend und ihre Vorhaben
anbelangte.
Eines Tages brach ein großer Trupp auf, um einen Tuareg-Stamm zu
überfallen, dessen Männer die Gegend seit Wochen unsicher
machten und Angriffe auf Erkundungstrupps geritten waren. Man
wollte ihrem Treiben endgültig Herr werden. Der Arzt, Leyrah und
Fatima waren mitgeritten, um die Verwundeten gleich behandeln zu
können, denn das Lager der Tuareg lag ca. zwei Tagesritte
entfernt. Leyrah war selig, zu Pferde zu sitzen und endlich
wieder hinausreiten zu dürfen. Schon als sie aufsaß, staunten
die Männer nicht schlecht über die Selbstverständlichkeit, mit
der Leyrah zu Pferde saß und es lenkte. Sie schlugen unweit der
Tuareg ihr provisorisches Lager auf, das als Basis dienen sollte.
Diese bestand eigentlich nur aus drei Zelten: das des
Kommandanten, das Versorgungszelt und das Sanitätszelt. Am
frühen Morgen brachen die Männer auf, um in den Kampf zu
ziehen. Der Arzt, Leyrah und Fatima bereiteten das Sanitätszelt
vor, stellten weitere Feldbetten auf, legten Verbandsmaterial
bereit und brauten Heiltränke. Sie wussten, sie würden nicht
zur Ruhe kommen, wenn der Trupp erst einmal zurückkehren würde.
Auch Fatima half fleißig, dann ruhten sich alle drei aus und
harrten der Dinge, die unausweichlich auf sie zukommen würden.
Immerhin waren sie so weit entfernt, dass sie nicht viel hören
konnten. Dumpfe Schläge hallten manchmal wieder. Es waren die
schweren Geschütze, die die Fremdenlegionäre mit sich trugen,
und Leyrah dachte traurig daran, wie sie damit das ganze Lager
der Nomaden zerstörten. Sie hoffte auf einen Sieg der Tuareg,
die dann sicherlich hierher kommen würden, um die restlichen
Legionäre zu töten oder zu Gefangenen zu machen. Vielleicht
würde man sie nach Ägypten zurück geleiten. Leyrah wusste
nicht, ob die Tuareg anderen Beduinen freundlich gesonnen waren
oder nicht, aber sie hoffte es. Immerhin bestand auch die
Möglichkeit, dass sie als Sklavin im Zelt eines Beduinen landen
würde. Aber selbst wenn, dann hätte das immerhin noch den
Vorteil, dass die Tuareg sicherlich Kamele hatten, die sie so
dringend für ihre Flucht benötigte.
Doch Leyrahs Hoffnungen wurden enttäuscht. Die Legionäre hatten
gesiegt und kehrten nachmittags zurück. Sie hatten ca. 15
Schwerverletzte dabei und zwei Dutzend leichter verwundete
Männer. Der Arzt und Leyrah hatten alle Hände voll zu tun und
wurden nicht nur von Fatima unterstützt. Leyrah staunte nicht
schlecht, als sie sechs gefangene Targi erblickte, die alle
verwundet waren. Auch diese sollten versorgt werden. Da Leyrah
stets danach vorging, erst die am schwersten Verletzten zu
versorgen, trat sie bald zu einem der Tuareg-Krieger hin und der
Arzt rief sie auch nicht zurück. Seine Verletzung war sehr
schwer, und er hatte im Gemetzel seinen Tagelmust, seinen Turban,
verloren. Leyrah wusste, dass sich ein Targi ohne seinen
Tagelmust völlig nackt fühlte. Sie reichte ihm ihr eigenes
langes schwarzes Tuch und half ihm, es um seinen Kopf zu winden,
da er einen Arm überhaupt nicht bewegen konnte. Verstohlen
beobachtete der Arzt, ob sie auch mit dem Targi sprechen würde,
aber Leyrah vermied es tunlichst. Sie erkundigte sich später,
warum man diese Männer geschont hatte und erfuhr, dass sie als
Boten zu anderen Stämmen geschickt werden sollten, um diese zum
allgemeinen Rückzug aus dem Hoheitsgebiet der Franzosen zu
bewegen. Zunächst wurden sie mit ins Hauptlager der
Fremdenlegionäre geführt. Der Rückweg dauerte lang und man
trat ihn erst am nächsten Morgen an. Die Verwundeten mussten mit
größter Vorsicht transportiert werden. Am Abend des
übernächsten Tages erreichte man endlich das schützende Lager.
Auch hier war Leyrah vollauf damit beschäftigt, die Kranken zu
pflegen. Inzwischen hatte sie aber einen Plan gefasst. Sie
wartete auf eine günstige Gelegenheit. Die Targi waren separat
untergebracht und in Ketten gelegt. Sie wusste, dass sie bald
aufbrechen sollten. Also war Eile nötig. Am Abend des zweiten
Tages sollte sie erstmals nach der Ankunft im Lager nach den
Gefangenen schauen. Der Arzt war unbesorgt. Leyrah und die Targi
hatten bislang kein Wort miteinander gewechselt. An die Waffen
kam Leyrah sowieso nicht heran, die waren gut bewacht, so konnte
er sie auch unbesorgt zu den Gefangenen schicken. Leyrah hatte
ungehinderten Zugang und blieb in dem kleinen stickigen Verschlag
mit ihnen allein.
Sie trat ein und sofort wurde die Tür von außen verriegelt. Sie
musste wie immer anklopfen, wenn sie wieder herausgelassen werden
wollte. Zuerst sah sie nach den Wunden der Verwundeten und
wechselte zwei Verbände, strich eine kühlende Paste auf einige
Stellen. Dann reichte sie den Kriegern etwas zu essen und zu
trinken. Als sie sich sicher war, dass die Franzosen draußen ihr
keine Aufmerksamkeit mehr schenkten, sprach sie die vier Targi in
Tamasheq, der Sprache der Tuareg, an:
"Ich grüße Euch, Krieger der Wüste! Ich bin Leyrah Bay
und stamme aus dem Volk der Bedja, das ebenfalls die Wüste
bewohnt." Sie musste mit der Tür ins Haus fallen, denn ihr
blieb nicht viel Zeit.
Die vier Targi schauten sie an. Ihre Augen, als einziges
sichtbar, schienen zu fragen. Leyrah spürte, dass sie neugierig
waren, vor allem, weil sie sie bisher nicht so recht einzuordnen
vermocht hatten. Zumindest schienen sie ihr nicht feindlich
gesonnen zu sein. Darauf hatte sie gehofft, denn sie waren doch
alle Kinder der Wüste, das musste doch miteinander verbinden!
"Die Franzosen halten mich als ihre Gefangene."
"Du bist also eine Wüstenfrau, aber in Kriegergewändern.
Wie passt das zusammen?"
"In meinem Volk ist es Sitte, dass auch Frauen Kriegerinnen
werden können, um die Zelte beschützen zu können."
Leyrah wusste, dass die Frauen der Tuareg sehr stolz und den
Männern ebenbürtig waren, doch blieben sie bei ihren Zelten und
Ziegenherden.
"Wir wissen nicht viel über die Bedja. Sie leben sehr weit
entfernt von uns", warf einer ein.
Der neben ihm sitzende Targi wollte von Leyrah wissen, ob die
Bedja auch die Sprache der Tuareg sprechen würden, doch Leyrah
verneinte. Sie habe Tamasheq und auch die Schrift aber gelernt,
erzählte sie ihnen.
"Du kannst unsere Schrift schreiben?", wunderte sich
derjenige, der Leyrahs Tagelmust trug.
"Wie kommt das? Tifinar ist doch verboten!", meinte ein
anderer fast schon bewundernd.
"Bist du so etwas wie eine Lehrerin?"
Die Targi befragten sie jetzt mit fast kindlicher Neugier. Leyrah
wunderte sich nicht darüber. Die Bedja galten als
geheimnisumwittert, und Leyrah wusste, dass man diesen Ruf zu
Recht hatte.
"Nein, ich bin eine Kriegerin. Aber mein Mann ist der
zukünftige Anführer aller Bedja und ich selbst stamme auch aus
einer adligen Familie."
Die vier Targi starrten sie geradezu an.
Leyrah bedauerte, dass sie sich beeilen musste, denn die
Franzosen konnten jeden Moment hereinkommen, um sie
herauszurufen. Sie war schon zu lange im Verschlag.
"Ich weiß", fuhr sie fort, "dass Ihr bald frei
gelassen werdet. Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten. Mein
Mann, Lord Lyleth Bay, weiß nicht, wohin ich verschleppt worden
bin. Er sucht mich bestimmt. Lasst ihm bitte eine Nachricht von
mir zukommen!"
Der Targi mit Leyrahs Turban nickte sofort, auch die anderen
schienen einverstanden. Leyrah zog ein Päckchen hervor. Es war
in ihren schwarzen Stoff gehüllt.
"Bitte bringt das nach Kairo, gebt es beim Kurator des
Ägyptischen Museums ab! Er wird meinen Mann
benachrichtigen."
Sie reichte das Päckchen dem Mann mit ihrem Turban, der es
sogleich in seinem Gewand verbarg.
"Du wirst bald frei sein, Kriegerin der Bedja. Ich werde es
persönlich nach Kairo bringen."
"Ich danke Euch, ihr edlen Männer der Wüste!"
Leyrah wusste, dass der Targi sein Wort halten würde. Sie atmete
erleichtert und froh auf.
"Ich muss nun leider gehen, ich weile schon viel zu lange
hier bei Euch."
Sie verabschiedete sich schnell und klopfte, worauf ihr bald
geöffnet wurde. Sie schenkte den französischen Wachen keinen
Blick, damit sie sie erst gar nicht befragen konnten, und eilte
von dannen. Ihr Herz war leicht. Es bestand Hoffnung. Nun hieß
es nur Geduld haben und warten...