"Wo
bist du her?" (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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LESLIE 2
Nach drei Wochen auf See und einigen Zwischenstopps in
verschiedenen Städten erreichte der Kreuzer Alexandria. Von hier
aus fuhr die zwölf Personen umfassende Exkursionsgruppe nach
Kairo und bezog ein Hotel. Man wollte ein paar Tage hier
verbringen, bevor es auf nach Tanis ging, wo die Universität
eine Ausgrabungsstätte unterhielt. Die beiden Jungstudenten
Gordon und Leslie machten große Augen und nahmen alles mit Eifer
auf, was ihnen gezeigt wurde. Sie besichtigten die große
Pyramide und verbrachten zwei Tage im Museum, das gerade neu
errichtet worden war. Als Gordon sich eines Abends den beiden
älteren Studenten, die das Kairoer Nachtleben erkunden wollten,
anschließen wollte und Leslie fragte, ob er mitkäme, lehnte
Leslie ab. Gordon bemerkte eine gewisse Besorgnis bei seinem
Freund. Er hatte schon in den letzten drei Tagen mitbekommen,
dass Leslie bei jedem Ausgang vorsichtig die Menschen
abschätzte, als fürchte er sich vor ihnen. Er wirkte auch
irgendwie nervös.
Leslie, was ist eigentlich mit dir los?, erkundigte
er sich. Du gehst doch sonst gern aus.
Ich habe keine Lust...
Bist du krank?
Nein, ich habe nur keine Lust.
Gordon schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Natürlich hatte
Leslie ihn in sein Geheimnis nicht eingeweiht, da seine Mutter
das ja nicht gewollt hatte. Leslie hatte zunächst vermutet,
sofort und überall auf schwarz vermummte Gestalten zu treffen.
Er glaubte sie bedrohlich und allgegenwärtig, so wie seine
Mutter die Situation geschildert hatte, aber zu seiner
Verwunderung hatte er bislang noch niemanden, der so aussehen
sollte, gesehen. Dennoch wollte er den Rat seiner Mutter
beherzigen und die Gefahr nicht herausfordern. Kairo war eine zu
große Stadt. Viel zu viele Menschen liefen hier umher. Er
glaubte seiner Mutter, dass er in Gefahr war, falls er erkannt
werden sollte.
Hast du Angst, Leslie?, insistierte Gordon.
Ich? Nein, nein..., stammelte Leslie. Wie
kommst du denn darauf?
Weil du dich oft ängstlich umdrehst, wenn wir durch die
Straßen gehen. Hat dir deine Mutter eingeschärft, dich vor
bösen Buben in Acht zu nehmen?
Leslie sah erschrocken zu Gordon.
Ja?, grinste er. Meine nämlich auch!
Leslie musste unwillkürlich lachen.
Aber ich glaube, du brauchst keine Angst zu haben! Bislang
ist ja nichts passiert, und wenn du mich fragst, die Ägypter
wirken sehr friedlich, na ja, nicht alle, aber die meisten...
Komm, Leslie, sei kein Frosch! Komm mit! Du wirst sehen, das wird
lustig. Peter will uns in so ein Café führen, wo man
Wasserpfeife rauchen kann.
Ach Gordon, meinte Leslie. Lass mal! Ich habe
wirklich keine Lust. Geh nur allein! Ich langweile mich hier
schon nicht!
Naja gut, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Aber
sieh zu, dass du nicht krank wirst. Morgen gehts wieder ins
Museum.
Leslie blieb im Zimmer und betrachtete Kairo aus seinem Fenster.
So lange er dort stand und beobachtete, er konnte nirgendwo einen
Medjai entdecken...
Es war der dritte und letzte Tag, den die Professoren, Dozenten
und Studenten im Museum verbrachten. Am nächsten Tag wollte man
nach Tanis aufbrechen. Im Museum fühlte Leslie sich sicher. Hier
war nicht so viel Betrieb, hauptsächlich Franzosen und Briten
befanden sich hier, neben einigen Einheimischen, die aber zumeist
auf dem Boden hockten und sich mit Herumdösen die Zeit zu
vertreiben schienen. Ein Kurator des Museums schien auch Ägypter
zu sein, wie Leslie feststellte, er war allerdings westlich
gekleidet. Er führte die Gruppe heute in eine Bibliothek in
einem für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Saal, in der
eine junge Britin gerade dabei war, Bücher in ein Regal
einzusortieren.
Die Bücher in diesem Bereich handeln alle über das Alte
Reich, erklärte er, während er nach links wies.
Bücher über das Neue Reich finden Sie auf der
gegenüberliegenden Seite, und Werke über das Mittlere Reich
sowie die Zwischenzeiten befinden sich hier. Sie können
natürlich alle Bücher nehmen, aber bitte stellen Sie sie
nachher wieder an ihre korrekte Stelle. Das erleichtert Miss
Sophie Burns die Arbeit. Er lächelte zu seiner Gehilfin
hinüber, die sein Lächeln erwiderte. Als der Kurator sich
wieder der Gruppe der New Yorker Universität zuwandte, blieb
sein Blick bei Leslie haften, der das aber nicht bemerkte, da er
mit glänzenden Augen die Bücher zu verschlingen schien.
Professor Dr. Morrison, der Leiter der Exkursion, bemerkte den
Blick des Kurators und scherzte:
Ja, die jungen Studenten können es kaum erwarten, hier ein
wenig stöbern zu dürfen.
Sofort wandte sich der Kurator dem Professor milde lächelnd zu.
Nun gut, Kollegen, Studenten, Sie haben es gehört. Die
Bibliothek gehört für drei Stunden uns, forderte Dr.
Morrison sie auf.
Während die zwölf Amerikaner sich aufmachten, um Schriften
über Tanis und seine Zeit zu finden, beobachtete der Kurator
immer wieder Leslie. Welche Ähnlichkeit zu Lyleth! Er schnappte
auch seinen Namen auf, als Gordon Leslie ansprach. Gemeinsam
hockten die beiden an einem Tisch an der Seite der Bibliothek
über einem großen Buch über die griechische Epoche in
Ägypten. Der Kurator nutzte die Gelegenheit und trat zu ihnen,
wies auf das Buch und sprach:
Fremde waren schon immer gern hier.
Die beiden jungen Studenten sahen zu ihm auf.
Gordon erwiderte: Sie meinen die Griechen?
Der Kurator nickte und meinte: Und jetzt sind es die
Briten, Franzosen und - Amerikaner.
Sie lachten leise, aber der Kurator ließ sich die Gelegenheit
nicht nehmen und sah Leslie genau an.
Sie sehen allerdings eher nach einem Ägypter aus als nach
einem Amerikaner.
Gordon sah grinsend zu Leslie hinüber und gewahrte dessen
erschrockenen Gesichtsausdruck. Ich wollte Ihnen nicht zu
nahe treten, entschuldigte sich der Kurator schnell. Er
hoffte, dass einer der beiden Studenten ihm zustimmen oder etwas
anderes dazu sagen würde. Gordon tat ihm den Gefallen:
Stimmt! Mr. Manson ist ja gar nicht dein Vater, hast du mir
ja selbst erzählt. Du siehst tatsächlich etwas orientalisch
aus. Komisch, das ist mir bislang noch gar nicht aufgefallen. Sag
mal, weißt du, ob du ägyptisches Blut in dir hast?
Leslie sah verlegen zu seinem Freund. Sollte er ihn anlügen?
Nervös und nach viel Zögern antwortete er stotternd:
Ich... ich... glaube schon...orientalisch, meine
ich....
Der Kurator sah ihn unverwandt an. Ihm war sofort klar, dass
Leslie irgendwie mehr wusste als er offenbaren wollte. Diese
Augen! Die hohe Stirn! Als wäre er ein Doppelgänger von Lyleth
Bay! Aber konnte das sein? Wie konnte er ihn nach seiner Mutter
fragen? Er weilte bei den beiden Studenten eh schon länger als
nötig.
In dem Moment trat Dr. Alwin, der Dozent, der Leslie und Gordon
betreute, zu dem Tisch. Wie weit seit ihr?,
erkundigte er sich. Der Kurator ärgerte sich, ließ es sich aber
nicht anmerken. Die Gelegenheit, Leslie zu befragen, war
vorüber.
Wir haben die Aufzeichnungen gefunden, Dr. Alwin,
antwortete Gordon brav.
Ja, diese beiden sind besonders fleißig, meinte Dr.
Alwin dem Kurator erklären zu müssen. Da fiel ihm etwas ein.
He, Leslie, das ist doch die Gelegenheit, den Kurator zu
fragen, wo du etwas über Medjai erfahren kannst.
Leslie sah Dr. Alwin wie vom Blitz getroffen an und wurde
kreideweiß, aber Dr. Alwin bemerkte das nicht, im Gegensatz zum
Kurator. Der Dozent wandte sich letzterem zu. Vielleicht
können Sie ihm helfen. Neulich kam Leslie zu mir und wollte
wissen, wo er etwas Genaues über die Medjai erfahren kann. Sie
wissen schon, diese Leibwächter aus der 19. Dynastie.
Gordon sah erstaunt zu Leslie. Davon hatte er ihm gar nichts
gesagt.
Ich weiß durchaus, wer die Medjai sind, ähm, waren,
meinte der Kurator und wirkte auf Dr. Alwin leicht beleidigt,
dass er ihm unterstellt haben könnte, es nicht zu wissen.
Junger Mann, kommen Sie mit! Ich zeige Ihnen, wo Sie
Literatur darüber finden können.
Wunderbar! Nun konnte er Leslie ungeniert allein ausfragen. Der
Junge schien wirklich mehr zu wissen. Leslie sah verlegen auf den
Tisch und zögerte.
Nicht so schüchtern, Leslie!, forderte ihn Dr. Alwin
auf. Geh nur! Ihr beide seid doch schon so weit, du hast
durchaus etwas Zeit dafür!
Gordon wunderte sich immer mehr. Leslie und schüchtern! Nicht
wirklich... was war nur mit seinem Freund los?
Leslie trottete dem Kurator hinterher, als begäbe er sich zum
Opfertisch. Instinktiv misstraute er dem Kurator. Dr. Alwin
überprüfte indessen die Aufzeichnungen, die die beiden Jungen
zuvor gefunden hatten.
Der Kurator führte Leslie zu den Regalen des Neuen Reiches.
Warum interessieren Sie sich für die Medjai? Wollen Sie
eine Arbeit darüber schreiben?
Leslie spürte, wie trocken sein Hals war. Er wich dem prüfenden
Blick des Kurators aus, der sich fragte, was Leslie wohl alles
wusste und wessen Kind er war. War er ein weiterer Sohn von
Ardjun Bay? Das käme einer Sensation gleich! Leslie wusste
nicht, was er antworten sollte, daher nickte er einfach nur.
Sie studieren in New York, ja? Dann sind Sie Amerikaner,
nicht wahr? Hm, die Amerikaner interessieren sich inzwischen auch
sehr für Ägyptologie.
Ja, Sir, bestätigte Leslie brav.
Amerikaner... das passte nicht zur Geschichte von Ardjun Bay. Der
Kurator versuchte sich verzweifelt an den Namen von Lyleths
Mutter zu erinnern, aber er fiel ihm nicht ein. Der Skandal um
diese Europäerin war schon zu lange her. Er war sicher, dass
Leslie mit Lyleth verwandt war. Die Ähnlichkeit war einfach zu
frappierend. Auch, wie Leslie sich gab! Wie er ging! Wie er den
Kopf neigte! Seine ganze Schüchternheit... eine Kopie von
Lyleth, den der Kurator sehr schätzte. Bis vor zwei Jahren hatte
er ihn ja hier in Kairo betreuen dürfen. Aber er spürte, dass
Leslie nicht darüber reden wollte. Nun gut, der Kurator
beschloss, Leslie nicht weiter zu befragen. Das wollte er Lyleth
selbst überlassen. Er wusste ja, wohin Leslie für die nächsten
Wochen gehen würde... Er überreichte Leslie ein Buch, meinte
auffordernd:
Das zweite Kapitel, junger Mann, wollte sich
abwenden, aber drehte sich noch einmal zu Leslie um und fügte
leise beschwörend hinzu: Und Sie sollten sich Ihrer
Abstammung nicht schämen. Er senkte seinen Blick in
Richtung Buch, sah noch einmal dem sehr erschrockenen Leslie in
die Augen, lächelte und ging davon. Leslie blickte ihm verdutzt
hinterher. Was hatte er mit Abstammung gemeint? Leslies Herz
raste... Der Kurator konnte doch nur meinen, dass er sich nicht
schämen müsse, ein Halbägypter zu sein. Gordon kam in diesem
Moment zu ihm herüber.
Ich bin auch fertig. Sag mal, du interessierst dich für
die Medjai? Seit wann denn das? Er nahm ihm das noch
unaufgeschlagene Buch aus den Händen.
Äh, seit kurzem...
Gordon blätterte in dem Buch, redete aber dabei weiter.
Und du bist wirklich Ägypter? Warum hast du das nicht
gesagt? Das ist doch total spannend! Das muss ich nachher gleich
den anderen erzählen!
Nein, Gordy, bitte! Bitte nicht! Leslies Stimme klang
flehend und erntete einen fragenden Blick von Seiten Gordons.
Leslie spürte, dass er es irgendwie erklären musste.
Bitte, Gordy! Es ist mir peinlich!
Aber das braucht dir doch nicht..., wollte Gordon
sagen, doch Leslie unterbrach ihn.
Doch, ist es. Es ist mir schon mein ganzes Leben peinlich,
dass ich nicht wie ein echter Amerikaner aussehe! Ich habe
fürchterlich darunter gelitten. Bitte, sprich nicht mehr davon!
Zu niemanden, hörst du!
Gordon fand Leslies Verhalten zwar merkwürdig, weil er doch
sonst offenherzig und vorurteilslos schien, aber er nickte
zustimmend. Er überreichte ihm das Buch. Hier, das
wolltest du doch lesen.
Leslie nahm es, setzte sich an den großen Tisch und versuchte,
sich auf das Geschriebene zu konzentrieren. Die Medjai. Wächter.
Söldner. In Friedenszeiten als Polizei, als Pharaohs Leibwache,
bewachten das Tal der Könige. Leslie vertiefte sich. Er las
ausführlich über Dedu, Mahu und Nebamun. Über die Tätigkeiten
der Medjai im Neuen Reich. Inzwischen war viel Zeit vergangen.
Die Universitätsgruppe wollte die Bibliothek verlassen. Dr.
Alwin stupste Leslie an.
Wir müssen jetzt gehen, Leslie!
Leslie tauchte in Gedanken versunken aus einer fernen Welt um.
Dr. Alwin lächelte ihn nachsichtig an.
Na, war es interessant? Stell das Buch wieder ins Regal,
ja?
Leslie schlug das Buch zu und stellte es zurück.
Verdammt, was sollte das alles? Es gab doch keine Medjai mehr!
Leslie war froh, als man am nächsten Tag nach Tanis aufbrach.
Seine Mutter hatte in dem Punkt Recht gehabt, dass man ihm seine
ägyptische Abstammung wohl ansehen würde. Er wunderte sich
allerdings, dass ihn bislang nur einer darauf angesprochen hatte.
Selbst die Professoren und Dozenten hatten ihn nie darüber
befragt. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr beruhigte er
sich dahingehend, dass der Kurator sich vielleicht darüber
gefreut hatte, dass sich nicht nur Ausländer mit Ägyptologie
beschäftigen würden. Immerhin hatte er sie ja mit einem Spruch
über Fremde in ein Gespräch verwickelt. Er war sich sicher,
dass er nur Gespenster sah und schrieb diesen Umstand der
übertriebenen Angst seiner Mutter zu. Außerdem hatte er auch
noch keinen einzigen Medjai gesehen.
Die Gruppe hatte sich schnell im Ausgrabungscamp in Tanis
eingerichtet. Dr. Alwin betreute weiterhin die Studenten und wies
sie an, was sie zu erledigen hätten. So lernten Leslie und
Gordon die mühseligen Aufgaben der Ägyptologen kennen. Es war
heiß, der Komfort war gering, aber dennoch genossen beide den
Aufenthalt hier und waren immer wieder aufs Neue aufgeregt, wenn
ein noch so kleines Fundstück entdeckt wurde. Ein älterer
Student saß mit ihnen regelmäßig über großen Steinplatten
zusammen und sie schrieben die Hieroglyphen ab. Dr. Alwin wollte
aber Kopien der plastischen Wandinschriften mit nach Boston
nehmen. Dazu hatte er Leslie, Gordon und zwei weitere Studenten
beauftragt, dünnes Papier gegen die Wand zu drücken und die
Schriften abzupausen. Während vier Personen ein sehr großes
Blatt Papier straff zogen, machte sich ein fünfter ans
Durchdrücken und Abpausen. Das war eine Sisyphus-Arbeit und sie
mussten immer wieder Pause machen, weil die Arme lahm wurden,
denn sie durften beim Abpausen nicht im Mindesten wackeln.
Zehn Tage hatten sie bereits im Camp zugebracht und wieder
arbeitete die Studentengruppe an einer der Wände. Dr. Morrison,
zwei weitere Professoren und Dr. Alwin saßen vor dem Zelt, das
als Arbeitshauptquartier diente, und betrachteten Skizzen der
Anlage von Tanis, die sie angefertigt hatten, als auf einmal
einer ihrer einheimischen Arbeiter aufgeregt angerannt kam.
Außer Atem informierte er die Amerikaner, dass drei bewaffnete
Beduinen auf das Camp zugeritten kämen. Dr. Morrison wies ihn
an, die Waffen bereit zu halten und auch die anderen Arbeiter zu
verständigen, sodass sich der Einheimische schnell entfernte. In
der Zwischenzeit näherten sich die drei Reiter dem Camp. Nun
konnten die Doktoren sie auch gut sehen. Sie waren alle in
schwarz gekleidet, bis auf die Augen verschleiert und ritten ein
schnelles Tempo. Doch sie schienen allein zu kommen, denn so sehr
man auch den Horizont absuchte, es waren keine weiteren Reiter zu
sehen. Die Doktoren glaubten daher nicht, dass diese drei Reiter
es wagen würden, das Camp anzugreifen. Sie hatten allerdings
schon vor Übergriffen gegenüber Ausgräbern gehört und waren
leicht beunruhigt. Die drei schwarzen Reiter sahen nicht
vertrauenserweckend aus. Dr. Alwin hatte die Gewehre aus dem Zelt
geholt und den anderen gereicht. Alle hielten sie mit beiden
Händen umklammert und hofften, sie nicht benutzen zu müssen,
denn sie waren alle ungeübt im Umgang mit Waffen. Inzwischen
waren auch sechs der Arbeiter wieder da und stellten sich neben
den Doktoren auf. Die Reiter waren bald da und zügelten ihre
Pferde in wenigen Metern Abstand zu den Wissenschaftlern. Nur
einer stieg ab und kam langsam auf sie zu. Dr. Morrison
verkrampfte die Hände um den Lauf seines Gewehres. Der Beduine
schien das bemerkt zu haben, denn er hob ein wenig die Arme und
Hände, versuchte damit zu verstehen zu geben, dass er in
friedlicher Absicht käme. Die beiden anderen verharrten
regungslos auf ihren Pferden.
Vielleicht wollen sie Wasser, flüsterte einer der
beiden Professoren Dr. Morrison zu. Der nickte, aber behielt den
Beduinen fest im Blick. Dieser war inzwischen auf zwei Meter
herangekommen und begrüßte die Doktoren höflich. Er sprach
bewusst langsam.
Assalamu alaikum! Ich komme in Frieden! Ich suche die
Gruppe von der Universität New York. Das sind doch Sie, nicht
wahr?
Sein Englisch klang ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber
korrekt. Die Doktoren sahen sich an. Dr. Morrison antwortete:
Alaikum Salam! Ja, das sind wir. Warum fragen Sie?
Er umklammerte immer noch sein Gewehr, denn er konnte sein
Gegenüber nicht einschätzen. Seinen Kollegen ging es genauso.
Da man nur die Augen des Beduinen sah, konnten sie auch nichts
aus der Miene ihres Gegenübers entnehmen. Seine Stimme klang
jedoch sehr friedlich, als er weitersprach: Ich bin
gekommen, um jemanden zu suchen: einen Studenten, der von Ihrer
Universität stammt. Sein Name ist Leslie Manson.
Die Doktoren sahen sich verwundert an. Der Beduine suchte Leslie?
Was, um alles in der Welt, wollte er von dem jungen Leslie? Ob
Leslie in Kairo etwas angestellt hatte? Aber er hatte doch so gut
wie gar nicht das Hotel verlassen, es sei denn mit der Gruppe.
Ist er hier bei Ihnen?, wollte der Fremde wissen.
Nachdem Dr. Morrison mit Dr. Alwin einen Blick getauscht hatte,
um herauszufinden, ob er etwas mehr wusste, aber feststellte,
dass er ebenso erstaunt war, fragte Dr. Morrison nun seinerseits
den Beduinen:
Was wollen Sie denn von Leslie Manson? Warum suchen Sie
ihn?
Der Beduine sah ihn für eine Zeitlang an, die allen wie eine
Ewigkeit vorkam, dann neigte er leicht sein Haupt und zog seine
schwarze Kopfverschleierung - ein drei Meter langes und ein Meter
breites Baumwolltuch, das er um seinen Kopf drapiert und auch
sein Gesicht damit bis auf die Augen verborgen hatte - ganz ab
und sah die Doktoren ernst an. Dieses war seine Antwort. Die
Doktoren waren erstaunt. Dr. Alwin ließ einen Laut der
Verblüffung vernehmen. Der Fremde war - bis auf seine
merkwürdigen Tätowierungen - ein Abbild von Leslie. Dr.
Morrison hatte sich als erster wieder gefangen. Er nickte wie zur
Bestätigung.
Dr. Alwin, bitte holen Sie Leslie Manson hierher!
Während der Beduine und die drei Doktoren auf ihren Plätzen
verharrten und sich weiterhin anstarrten, eilte Dr. Alwin davon.
Er musste ein paar Minuten laufen, bis er die Stelle erreichte,
wo die jungen Leute arbeiteten. Die fünf Studenten machten sich
gerade an einer Wand zu schaffen, als Dr. Alwin mit raschem
Schritt auf sie zu trat.
Leslie, rief er schon von weitem und alle schauten zu
ihm hinüber. Leslie, komm, da möchte dich jemand
sprechen.
Leslie sah verwundert von seiner Arbeit auf. Wer
denn?
Dr. Alwin wirkte merkwürdig angespannt.
Das musst du schon selbst herausfinden.
Was war das denn für eine komische Antwort? Leslie schüttelte
irritiert mit dem Kopf.
Gordon neckte ihn: Wetten, deine Mutter ist dir
hintergereist, um zu schauen, ob du noch lebst?
Witzbold!, flüsterte Leslie leicht gereizt.
Leslie, jetzt beeil dich bitte!, forderte ihn Dr.
Alwin nervös auf und lief zurück. Leslie bemühte sich, seinem
Tempo zu folgen. Die vier Studenten waren viel zu neugierig, um
weiterzuarbeiten. Auch sie liefen den beiden hinterher. Dr. Alwin
tat sehr geheimnisvoll, fanden sie.
Als Leslie um die Ecke des großen Zeltes trat, nahm er als
erstes die vier Doktoren wahr, die in einer Reihe standen und ihn
erwartungsvoll und sehr ernst anschauten. Dr. Morrison schien
geradezu sein Gesicht zu fixieren. Er war der erste, der sich
wieder von Leslie abwandte, um dessen Gesicht mit dem des Fremden
genauer zu vergleichen. Leslie folgte seinem Blick und blieb wie
angewurzelt stehen. Das erste, was er sah, war aber nicht das
Gesicht des Fremden, sondern seine schwarze Gewandung und die
markanten Tätowierungen. Zwei ebenso aussehende Reiter befanden
sich hinter ihm. Die Angst stieg heiß in ihm hoch. Sie haben
mich gefunden, sie sind gekommen, um mich zu töten, waren seine
Gedanken. Er ging ein paar Schritte rückwärts, wollte am
liebsten wegrennen, sich verstecken - und alle Anwesenden
wunderten sich über sein Verhalten. Was war mit Leslie los? Er
schien gar nicht den ihm zum Verwechseln ähnlich sehenden
Beduinen genau betrachten zu wollen. Der war seinerseits zu
seiner Säule erstarrt und hatte seinen Mund vor Erstaunen leicht
geöffnet. Die beiden Reiter hatten vielsagende Blicke getauscht.
Leslie taumelte gegen Gordon, der ihn abfing und spürte, wie
Leslie am ganzen Körper bebte.
Was ist los?, fragte Gordon leise.
Der Beduine kam nun langsam auf Leslie zu. Leslie sah zu ihm -
wie ein Kaninchen, das in einer Falle saß und den Jäger kommen
sah. Doch auf einmal bekam er große Augen. Dieser Fremde - er
sah ja so aus wie er selbst! Und er löste sich von Gordon, der
ihn aufgehalten hatte, damit er nicht weiter weglaufen konnte.
Alle Anwesenden starrten auf die beiden sich so verblüffend
Ähnelnden. Leslies Angst war seiner Verwunderung gewichen. Der
Fremde stand ihm nun direkt gegenüber, ihre Blicke trafen sich
auf Augenhöhe.
Leslies Herz hämmerte. Seine Gedanken rasten. Mein Gott, ist er
mein Bruder?
Der Fremde musste die gleichen Gedanken haben, seinem Blick nach
zu urteilen. Nach diesen fast schon magischen
Wiedererkennungsmomenten war es er, der zuerst sprach:
Heißt deine Mutter Claire? Claire Fairth?
Leslie verharrte noch einen Moment in Erstaunen darüber, dass
der Fremde den Namen seiner Mutter kannte. Doch dann war alles
klar. Dieser Mann konnte nur sein Bruder sein.
Ja, erwiderte er leise.
Meine auch, sagte der Beduine. Die Doktoren,
Studenten und Arbeiter sahen sich überrascht an. Wie konnte das
sein? Leslie der Bruder eines einheimischen Beduinen?
Und wann hast du Geburtstag?, wollte der Beduine nun
wissen.
Am 21. Juli - 1880...
Ich auch...
Noch für eine kurze Weile sahen sich die beiden an, um
realisieren zu können, dass sie Brüder, Zwillingsbrüder,
waren, dann fielen sie sich in die Arme und drückten sich fest
und innig. Die Professoren und Dr. Alwin hatten vor Rührung ihre
Hüte gezogen und Gordon standen Tränen in den Augen. Auch die
beiden Reiter waren abgestiegen und näher gekommen. Niemand
wagte, ein Wort zu sprechen. Nach einer Weile lösten die beiden
Brüder ihre Umarmung, aber ließen sich nicht ganz los, sie
sahen sich an und konnten es beide noch nicht so richtig glauben.
Leslie, sprach der Fremde gerührt den Namen seines
Bruders aus. Weißt du, wie unsere Mutter mich nannte?
Lyleth! Wenn man die Silben verdreht, hat man Leslie. Lyleth und
Leslie! Er blickte Leslie lachend an, und der erwiderte das
Lächeln und wiederholte: Lyleth.
Lebt unsere Mutter noch?, wollte Lyleth wissen.
Ja, es geht ihr gut. An seine Mutter erinnert, fiel
ihm ihre Angst an. Sie hat Angst vor euch. Sie hat mir
gesagt, ich soll mich vor euch in Acht nehmen.
Die Doktoren und Studenten sahen sich beunruhigt an. Das war also
der Grund, warum Leslie ständig auf der Hut gewesen war. Lyleth
hatte Leslie losgelassen und sah ihn ungläubig an.
Sie hat mir aber nie erzählt, dass ich noch einen Bruder
habe..., sinnierte Leslie weiter.
Ich habe es auch nicht gewusst...
Sie hat gesagt, dass Volk meines Vaters würde mich töten,
wenn es mich erkennt. Stimmt das? Werdet ihr mich töten?
Professor Morrison ertappte sich dabei, wie er bei diesen Worten
das Gewehr wieder fester umklammerte. Mrs. Manson hatte
sicherlich einen guten Grund, von dieser Annahme auszugehen.
Lyleth starrte Leslie mit ungläubigem Blick an.
Nein, warum sollten wir dich töten?
Ich weiß nicht... sie hat es behauptet... sie hat große
Angst vor euch...sie wollte mich erst gar nicht nach Ägypten
gehen lassen.
Und sie hat dir nicht gesagt, warum sie so große Angst
hat?
Sie meinte, man würde mich töten, weil ich ein Bastard
wäre. Lyleth, wer ist eigentlich unser Vater? Lebt er
noch?
Ja, unser Vater lebt noch. Er heißt Ardjun Bay.
Nun konnte Dr. Morrison nicht mehr an sich halten. Der
Ardjun Bay?, fragte er ungläubig nach und betonte dabei
das erste Wort. Leslie sah fragend zu ihm hin, während Lyleth
bestätigend mit dem Kopf nickte.
Tja, Leslie, sieht so aus, als hättest du einen sehr
prominenten Vater.
Wer ist er denn?, fragte Leslie nach.
Er ist so etwas wie der Fürst aller Beduinenstämme im
Süden, hat guten Kontakt zum ägyptischen Herrscherhaus, soweit
ich weiß, und man muss ihn bei bestimmten Grabungsgebieten im
Süden um Erlaubnis bitten... Kann es sein, dass Sie darauf
aufpassen, dass Ihre Kulturgüter hier in Ägypten
bleiben?, fragte er nun Lyleth direkt.
Ja, das ist wahr. Wir versuchen, Grabräuber vom Plündern
abzuhalten.
Das ist eine wichtige Aufgabe, beteuerte Dr. Morrison
und meinte es auch so. Nicht im Mindesten wäre er auf den
Gedanken gekommen, dass diese Beduinen auch die Grabungsarbeiten
der Forscher als Plünderungen betrachten könnten.
Sie hatten sicherlich einen langen Ritt. Wir sollten uns
erst mal alle setzen und etwas trinken. Später könnt ihr zwei
dann in aller Ruhe über eure Familie reden, schlug Dr.
Morrison vor und alle - Doktoren, Studenten und Beduinen -
setzten sich unter die aufgespannte Zeltplane und ließen sich
von den Arbeitern mit Tee bedienen. Leslie saß neben Lyleth,
neben dem sich seine beiden Begleiter niedergelassen hatten, die
verschleiert geblieben waren. Die vier Studenten saßen neben
Leslie. Den Kreis vervollständigten die vier Doktoren. Hinzu
kamen mit der Zeit noch weitere Universitätsangehörige,
hauptsächlich Dozenten, die bis zur heißen Mittagszeit in den
Ruinen gearbeitet hatten und nun zum Hauptlager zurückgekehrt
waren. Neugierig ob der Anwesenheit dreier Wüstenkrieger setzten
sie sich dazu. Die Doktoren fanden in Lyleth einen ihnen an
Wissen gleichbürtigen Gesprächspartner. Lyleth wirkte äußerst
weltoffen und war redegewandt, fand Leslie, der immer wieder
seinen Bruder betrachten musste. Er hätte ihn am liebsten über
die Sache mit den angeblichen Medjai befragt, verschob die Frage
aber auf später, wenn er mit ihm allein sein würde. Lyleths
Begleiter wirkten schüchtern. Erst nach zwei Aufforderungen von
Seiten Lyleths nahmen sie das Tuch, das die untere
Gesichtshälfte verbarg, vom Gesicht und entspannten sich
ebenfalls bei gesüßtem Tee. Sie hatten die gleichen
Wangen-Tätowierungen wie Lyleth.
Man unterhielt sich über die Ausgrabungen in Tanis und über
weitere antike Orte in Ägypten. Die Studenten berichteten von
ihrem Aufenthalt in Kairo. Lyleth erzählte, dass sein Volk in
der Wüste in der Nähe von Theben und auch Aswan lebte und sein
Vater gerade auch dort sei.
Nachdem man so fast zwei Stunden zusammen gesessen hatte, hielt
es Leslie nicht mehr in Gesellschaft der anderen aus. Er wollte
endlich mit seinem Bruder allein sprechen. Als ein Gespräch
über Pyramiden beendet schien, meinte er, eine Möglichkeit zum
Einhaken gefunden zu haben.
Entschuldigt, aber ich würde mich jetzt gern mit meinem
Bruder allein unterhalten, wenn niemand etwas dagegen hat.
Lyleth lächelte ihn verlegen an. Auch er hatte den Wunsch
verspürt, wollte aber nicht unhöflich erscheinen. Er stand
sofort auf und da niemand der Anwesenden Einwände erhob, folgte
er Leslie zum Studentenzelt, gab aber zuvor noch seinen beiden
Begleitern per Handzeichen zu verstehen, dass sie sitzen bleiben
sollten.
Endlich waren die beiden Brüder allein. Leslie suchte zwei
Sitzkissen in dem Durcheinander, das im Zelt der Studenten
herrschte und Lyleth blieb solange im Eingangsbereich stehen und
grinste Leslie an.
Soso, du möchtest also Ägyptologe werden, begann er
ihr erstes Gespräch und betrachtete dabei einen Stoß Papier,
der an der Seite lag.
Ja, passend, nicht wahr?
Leslie hatte zwei rote Sitzkissen gefunden und bat Lyleth, Platz
zu nehmen. Dann sprach er:
Du weißt, was ich mache und werden möchte. Aber was ist
mit dir? Was machst du so?
Lyleth senkte verlegen den Kopf. Wie konnte er Leslie eben mal
erklären, was er so machte?
Ich bin in der Wüste aufgewachsen und führe das Leben,
was man bei uns eben so führt. Eines Tages werde ich der
Nachfolger meines Vaters werden und die Verantwortung über unser
Volk übernehmen müssen. Darauf bereite ich mich vor.
Unser Volk! Das war das Stichwort, auf das Leslie gewartet hatte.
Wer ist denn dein Volk, Lyleth?
Ein Wüstenvolk, wiederholte sich Lyleth.
Beduinen, wie ihr sagen würdet. Wir leben in mehreren
Stämmen in einem ziemlich großen Gebiet im Süden.
Und wie nennt sich dein Volk? Habt ihr keinen Namen?
Doch, man nennt uns die Bedja...
Leslie sah ihn prüfend an. Er getraute sich nicht so recht,
Lyleth zu berichten, wie ihre Mutter das Volk genannt hatte. Doch
halt! Hatte er eben Bedja gesagt...? Das klang doch so ähnlich
wie Medjai...
Bedja?, vergewisserte er sich.
Ja, antwortete Lyleth knapp.
Weißt du, Mutter hat behauptet, ihr wäret die Medjai...
das fand ich ziemlich abwegig, weil die Medjai doch die Leibgarde
der Pharaonen waren, jedenfalls zur Zeit des Neuen Reiches, und,
na ja, ich glaubte, sie hätte sich verhört. Wird sie wohl auch,
denn Bedja klingt ja sehr ähnlich... aber dass sie ausgerechnet
Medjai heraushört! Ich hatte schon hin und her überlegt... aber
na ja, die Unterwelt-Tätowierung hätte ja auch dazu
gepasst...
Als Leslie nach diesem kleinen Monolog zu Lyleth aufblickte, sah
er, dass dieser ihn ziemlich ernst anschaute und ganz still
geworden war. Leslie erschrak und wusste auf einmal, dass sich
seine Mutter nicht verhört hatte.
Ihr nennt euch wirklich Medjai?
Die Frage war ziemlich überflüssig. Lyleth bestätigte sie
durch ein bedächtiges Nicken.
Ja, wir sind die Nachfahren der Leibwache der
Pharaonen, erläuterte er. Offiziell sind wir aber
die Bedja, ja?
Das war eine Aufforderung, den anderen nichts darüber zu
erzählen, das war Leslie schon klar. Aber er war sehr neugierig.
Warum darf niemand wissen, dass ihr die Medjai-Nachfahren
seid?
Das ist eine lange Geschichte... weißt du, ich werde sie
dir erzählen, wenn du bei uns im 12. Stamm weilen wirst, dann
ist der richtige Zeitpunkt und Ort dazu.
Ich darf mit in deine Heimat?
Na, ich hoffe doch! Du willst doch Vater kennen lernen,
nicht wahr?
Ja, aber ja!, rief Leslie begeistert.
Und meine Frau!
Du bist verheiratet? Leslie war fast entsetzt. Lyleth
war doch erst genauso alt wie er und schon verheiratet!
Ja, und wir haben schon einen Sohn.
Meine Güte, Lyleth! Und ich gelte noch nicht mal als
erwachsen! Wie heißt dein Sohn?
Ardeth. Wir gelten mit 16 Jahren als erwachsen und sollten
dann auch bald heiraten. Ich glaube, das Leben in der Wüste ist
nicht so lang wie das bei euch in Europa oder Amerika. Da kann
man sich nicht so viel Zeit lassen. Überhaupt, wo kommst du
eigentlich her?
Aus Boston. Meine Eltern leben dort.
Eltern?, fragte Lyleth leicht enttäuscht, wie Leslie
herauszuhören meinte.
Ja, meine Mutter hat damals heiraten müssen, hat sie mir
erzählt. Sie hatte ein Kleinkind und es war nicht leicht für
sie. Ihre Eltern sind mit ihr in die USA gegangen und haben ihr
dort einen Mann gesucht: Mr. Graham Manson, meinen Adoptivvater.
Hat dein, ähm... unser Vater denn inzwischen auch
geheiratet?
Nein, erwiderte Lyleth traurig. Ich glaube,
Claire war seine große Liebe.
Leslie schwieg betreten. Genauso hatte Claire auch über Ardjun
geredet.
Weißt du eigentlich, was damals genau passiert ist?
Nein, Leslie, ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur, dass
die beiden gewaltsam getrennt worden sind. Ardjun wurde zur
Strafe ein Jahr lang eingemauert und sein...
Was?, unterbrach ihn Leslie entsetzt. Er wurde
was?
Eingemauert. Sein Vater wollte ihn dazu bringen, dass er
eine andere Frau heiratet, eine politische Zweckehe, weißt du...
aber sein Sohn weigerte sich beharrlich - auch nach diesem
schrecklichen Jahr. Leider hatte es ihn sehr zu seinem Nachteil
verändert. Er ist sehr verbittert geworden. Daher beschloss sein
Vater, ihm doch die Frau zu holen, die er liebte, und dabei hat
mich mein Großvater zufällig auf einer Straße in Kairo
entdeckt und gleich den Enkel in mir erkannt. Er hat auch noch
kurz unsere Mutter von weitem gesehen und sich gefreut, dass er
sie so schnell gefunden hatte. Er wollte zu ihr eilen, aber bevor
er sie erreichen konnte, war sie verschwunden. Unauffindbar. Sie
hat mich einfach allein gelassen. Warum hat sie das getan?
Ich weiß es nicht, Lyleth. Sie hat nie von dir erzählt,
noch davon, dass sie noch einmal nach ihrer, ähm, Affäre mit
Ardjun in Ägypten war... weißt du was? Wir fragen sie einfach!
Wir telegaphieren mit ihr!
Ja, das machen wir, stimmte Lyleth mit glühenden
Augen zu. Aber dazu müssen wir nach Kairo reiten.
Ja, und von da aus reisen wir dann zu deinem Volk,
ja?
Ja!
Leslie und Lyleth berichteten den Doktoren von ihrem Plan. Diese
meinten, dass, wenn Leslies Mutter damit einverstanden sein
würde, Leslie für die verbleibende Zeit in Ägypten nach Süden
reisen dürfte. Dr. Morrison gab ihm gern dafür frei. Die drei
Beduinen sollten die Nacht im Grabungslager verbringen. Früh am
Morgen wollten sie dann mit Leslie und Dr. Alwin aufbrechen, der
in Kairo ebenfalls mit Mrs. Manson telegraphieren sollte. Dr.
Morrison war etwas unwohl, wenn er an die Angst von Leslies
Mutter dachte und er fühlte sich für seine Studenten
verantwortlich. Dr. Morrison und Dr. Alwin nahmen Leslie daher
beiseite, um mit ihm noch einmal über das Verhalten seiner
Mutter zu sprechen, doch Leslie wusste nichts Genaues über ihre
Beweggründe außer ihrer Furcht zu sagen. So instruierten sie
Leslie, dass er sehr vorsichtig sein und auf das hören solle,
was seine Mutter ihm sagen würde.
Während Lyleth es sich nachts mit
seinen beiden Begleitern am Lagerfeuer bequem machte, zog sich
Leslie mit den Studenten zurück. Im Studentenzelt fand er aber
keine Ruhe. Seine Mitstreiter waren ebenso aufgeregt wie er.
Leslie der Sohn eines Beduinenfürsten! Sie rätselten über die
altägyptischen Tätowierungen des Fremden. Über das Geheimnis
von Leslies Familie! Sie baten Leslie, Dr. Alwin alles zu
erzählen in Kairo, damit er seinerseits ihnen alles erzählen
könne. Oh, wie gern würden sie mit ihm nach Süden reiten!
Leslie fand in dieser Nacht kaum Schlaf, und ebenso erging es
Lyleth. Er lag neben dem wärmenden Feuer und sah auf zu den
Sternen. Er hatte einen Bruder! Er würde bald mit seiner Mutter
persönlich sprechen können! Sein Herz war voller Freude.
In Kairo zog es Dr. Alwin vor, mit Leslie im Hotel zu wohnen.
Lyleth bemerkte, dass Dr. Alwin sehr misstrauisch war und er
wollte ihn nicht verärgern. Im Haus der Medjai sprach sich das
Thema wie ein Lauffeuer herum. Ardjun Bay hatte noch einen
zweiten Sohn! Natürlich verständigte man sofort die
Kontaktperson in Luxor per Telegramm darüber und so erfuhr
Ardjun recht bald, dass er Zwillingssöhne hatte. Er wusste
zunächst nicht, wie er mit dieser Nachricht umgehen sollte. So
erteilte er Order, Lyleth und Leslie mit einer Ehrenwache aus
Kairo zum 12. Stamm zu geleiten, um sich mit eigenen Augen davon
zu überzeugen.
Noch am Tage ihrer Ankunft in Kairo begaben sich Lyleth, Leslie
und Dr. Alwin in ein Telegraphenamt. Man hatte vereinbart, dass
erst Leslie mit seiner Mutter telegraphieren sollte und dann
Lyleth. Dr. Alwin begleitete sie. Claire Manson, zuvor
benachrichtigt, dass ihr Sohn mit ihr telegraphieren wollte, war
sehr überrascht, denn sie hatte nicht gedacht, dass dies
während der Grabungen in Tanis möglich sei. Leslie berichtete,
dass es ihm gut ginge und es jemanden gäbe, der ihr etwas
mitteilen möchte, doch verriet er nicht, wer das war. Claire war
etwas verwundert und dachte an Dr. Alwin. Wie überrascht war
sie, als sie erfuhr, dass es Lyleth, ihr totgeglaubter Sohn war,
der sich meldete. Sie konnte ihre Freude kaum fassen und rief
ständig seinen Namen aus, sehr zur Verwunderung des Personals im
Telegraphenamt.
Sowohl Lyleth als auch Claire rannen die Tränen von den Wangen.
Leslie stand neben seinem Bruder und strahlte vor Freude,
während Dr. Alwin sich verlegen abseits hielt.
Lyleth! Lyleth!, wiederholte Claire immer wieder und
fragte ihn dann endlich: Wie geht es dir?
Es geht mir gut, Mutter. Und dir?
Mir geht es auch gut, mein Sohn. Lyleth, sag mir, wo lebst
du? Was machst du?
Ich lebe bei meinem Vater, Mutter, bei Ardjun Bay.
Claire pochte das Herz vor Aufregung.
Waren sie gut zu dir? Bist du glücklich, mein Sohn?
Sehr, Mutter. Ich habe einen Bruder und meine Mutter lebt!
Niemand kann glücklicher sein als ich! Oh, ich möchte dich
umarmen! Besuch uns doch hier!, forderte sie Lyleth auf.
Ich möchte dich so gern sehen!
Jaja, ich werde mit meinem Mann darüber sprechen...
Sie unterbrach ihr Diktat und der Mann, der ihre Nachrichten
eintippte, sah sie erwartungsvoll an. Ihr kam ihre eigene Angst
wieder in den Sinn. Eigentlich hatte sie nie wieder nach Ägypten
zurückkehren wollen, doch ihr Sohn Lyleth lebte entgegen ihrer
jahrelangen Annahme und sie wollte ihn so gern wiedersehen.
Wie geht es Ardjun?, wollte Claire wissen, und Lyleth
glaubte, eine gewisse Sehnsucht herauszuhören.
Meinem Vater geht es soweit ganz gut. Er wollte sie
nicht in Gewissensnot bringen und verschwieg ihr, dass er
glaubte, sein Vater würde sie immer noch lieben. Schließlich
war Claire eine verheiratete Frau und hatte neben Leslie auch
noch einen weiteren Sohn.
Hast du Geschwister? Er hat doch bestimmt diese Tochter des
einen Anführers heiraten müssen, nicht wahr?
Nein, Mutter, mein Vater hat weder geheiratet noch weitere
Kinder. Er ist jetzt aber überglücklich, dass das Schicksal ihm
noch einen zweiten Sohn geschenkt hat, von dem er bislang nichts
gewusst hatte.
Leslie! Claire fiel ihr Sohn Leslie ein. Sie hatte gedacht, die
Medjai würden einen illegitimen Sohn Ardjuns töten - so wie sie
davon ausgegangen war, dass man Lyleth damals getötet haben
musste. Doch nun stellte sich alles so anders dar. Aber ein Rest
Furcht blieb ihr.
Lyleth, sag mir, ist Leslie bei euch in Gefahr?
Nein, Mutter, warum sollte er in Gefahr sein?
Wirst du als legitimer Sohn anerkannt?
Ja, Mutter, natürlich. Ich bin Ardjuns Nachfolger und habe
bereits selbst einen Nachfolger. Ich bin bereits verheiratet und
habe einen Sohn.
Lyleth!, entfuhr es Claire überrascht. Lyleth,
du bist schon Vater? Aber du bist doch erst 20... Sie
wedelte mit ihren Händen, damit dieser Gefühlsausbruch nicht
telegraphiert wurde. Statt dessen ließ sie
"Ich gratuliere!" übermitteln. Eins brannte ihr noch
auf dem Herzen. Es war ihr zwar etwas unangenehm, dass das
Personal im Telegraphenamt es mitbekam, aber sie musste es
einfach wissen, so fragte sie:
Weißt du, warum Ardjun mich damals im Stich gelassen
hat?
Er durfte nicht zu dir. Sein Vater hinderte ihn daran. Er
wollte, dass er eine andere Frau heiraten sollte, aber Ardjun
weigerte sich. Dafür wurde er bestraft. Man sperrte ihn ein Jahr
lang ein.
Claire schwieg betroffen. Sie hatte damals geglaubt, Ardjun
meldete sich vorsätzlich nicht mehr. Claire hatte sich die
ganzen Jahre über vorgestellt, wie Ardjun mit dieser anderen
Frau und einer Schar an Kindern glücklich in der Wüste lebte.
Eine weitere Nachricht von Lyleth ging ein:
Er hatte keine Möglichkeit, dich zu verständigen. Aber
später sah sein Vater ein, dass Ardjun nur dich zur Frau wollte
und er kam nach Kairo, um dich zu suchen und zu bitten, Ardjuns
Frau zu werden. Er erblickte mich auf der Straße. Dich auch,
Mutter. Du warst in einem Café gegenüber. Aber er konnte nicht
so schnell zu dir hinüber - wegen des Verkehrs. Als er dort war,
warst du weg. Er suchte dich, aber er fand dich nicht. Er
schickte seine Leute nach Port Said, nach Alexandria, ja bis nach
Paris und London. Aber er fand dich nicht. Doch an meinem
Handgelenk befand sich ein goldenes Armband, darauf stand Lyleth
eingraviert und 21.7.1880. Daher wusste er mit Bestimmtheit, dass
ich sein Enkel war.
Oh Lyleth! Claire brach in heftiges Weinen aus. Diese
Geschichte war zu viel für sie. Unaufhörlich schluchzte sie.
Der Mann, der für sie telegraphierte, reichte ihr ein
Taschentuch. Schließlich konnte sie wieder diktieren:
"Leslie war mit mir im Café, du warst ausgerissen, ohne
dass ich es bemerkt hatte, da ich mit Leslie, der sich bekleckert
hatte, beschäftigt war. Als ich dich suchte, sah ich diesen
Medjai auf der anderen Seite. Ich erkannte ihn sofort wieder. Es
war Ardeth Bay, der Vater meines geliebten Ardjun, der ihn mit
einer anderen Frau verheiraten wollte. Er hatte mir vor zwei
Jahren den Mann weggenommen, den ich heiraten wollte. Ich hatte
so große Angst. Er hielt dich in seinen Armen, und alles, was
ich denken konnte, war, wenigstens einen Sohn in Sicherheit zu
bringen. Ich zweifelte nicht daran, dass er dich töten lassen
würde. Du warst ja nur der Sohn einer Europäerin, illegitim...
ich sah keine Chance, dich ihm zu entreißen. Da war die Angst,
er würde auch Leslie entdecken. So griff ich in meiner Not
Leslie und lief davon, Hals über Kopf... Ich bettelte meine
Familie, dass wir sofort ein Schiff, egal wohin, nehmen sollten
und berichtete von Lyleths Entführung. Mein Vater ging darauf
ein. Ach Lyleth! Was für ein Missverständnis!
Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu schluchzen. Ihr langer
Bericht war selbst immer von heftigen Weinanfällen begleitet
gewesen. Der Beamte wirkte sehr betreten und wusste nicht, wie er
Claire beruhigen konnte. Auch Lyleth konnte nicht gleich
antworten. Was musste seine Mutter durchlitten haben, als sie den
einen Sohn glaubte zurücklassen zu müssen, um den anderen zu
retten. Das Schicksal hatte Ardjun und Claire immer wieder übel
mitgespielt. Ach, wenn sie doch nicht verheiratet sein würde!
Dann könnten sie jetzt vielleicht endlich zusammen leben.
Ardjuns hart gewordenes Herz würde am Ende seines Lebens
vielleicht doch wieder weich werden. Zumindest musste eine
Versöhnung, eine Aussprache zwischen den beiden so tragisch
Liebenden stattfinden. Lyleth sah Leslie besorgt an, fasste sich
ein Herz und forderte sie schließlich auf: Mutter, ich
bitte dich, komm nach Ägypten! Nimm deinen Mann mit! Komm nach
Kairo und sprich dich mit Ardjun aus! Leslie und ich werden das
arrangieren.
Claire wurde ganz anders um Herz. Ardjun wiedersehen? Oh, sie
wünschte es sich so sehr. Und nach all den
Missverständnissen... und sie würde endlich Lyleth in die Arme
schließen können.
Ja, mein Sohn, das will ich machen. Ich werde gleich mit
Graham darüber sprechen, wenn er von der Arbeit kommt.
Nun hielt es Leslie nicht mehr aus. Er rief begeistert:
Sie will wirklich nach Ägypten kommen? Wirklich? Das wäre
so toll!" Er hätte es nicht für möglich gehalten, sie
jemals dazu zu bringen, in dieses Land zu reisen. Er war ganz
außer sich vor Freude, so dass es an Lyleth war, sie zu fragen,
ob Leslie mit nach Süden reisen durfte. Claire erlaubte es,
ermahnte aber Leslie, gut auf sich aufzupassen. Man verabredete
noch, dass Claire in ungefähr einem Monat in Kairo eintreffen
würde, vorausgesetzt, ihr Mann hätte keine Einwände. In zwei
Tagen wollten Leslie und Lyleth noch einmal mit ihr telegraphieren,
um zu erfahren, ob sie reisen würde und wann sie genau ankommen
würde. Dr. Alwin hingegen reiste zurück nach Tanis. Leslie zog
ins Anwesen der Medjai in Memphis bei Kairo ein und wurde von
allen neugierig betrachtet. Man staunte, wie sehr sich beide
glichen! Nicht nur äußerlich, sondern auch von den Bewegungen,
vom Gesichtsausdruck und von der Heiterkeit her, die beiden
innewohnte. Nacheinander lernte Leslie die einzelnen kennen. Auch
Frauen waren hier. Aber alle trugen die gleiche schwarze
Kriegergewandung und so war es nicht leicht für Leslie, sie
unterscheiden zu lernen. Er stellte fest, dass sie, sobald sie
das Anwesen verließen, sich tief verschleierten. Immerhin trugen
sie im Haus keinen Turban, so dass er anhand ihrer Frisuren und
Gesichtszüge bald ein paar Personen auseinanderhalten konnte. Im
Gegensatz zu ihrer strengen Kleidung gaben sich diese Medjai im
Haus sehr fröhlich. Im vorderen, unteren Saal, der als
Gemeinschaftssaal diente, saßen hier und dort Gruppen beisammen,
die lebhaft plauderten, Brettspiele spielten und - zu Leslies
Erstaunen - auch Bier tranken. Besonders am Abend ging es hier
lebhaft zu. Ein paar machten Musik, andere tanzten dazu. Immer
wieder verschwanden drei, vier Personen und Leslie erfuhr, dass
sie sich auf in die Bars in den Straßen von Kairo machten.
Lyleth erklärte ihm, dass es für die Medjai eine
hochwillkommene Abwechselung sei, ein paar Tage in Kairo zu
verleben. Leslie wollte wissen, ob es ihnen denn als Muslime
erlaubt wäre, Alkohol zu trinken, doch Lyleth äußerte sich nur
kurz zu diesem Thema und meinte, sie würden sich nach ihrer
altägyptischen Tradition richten. Leslie sah seinen Bruder
daraufhin verwundert an, der sich aber abwendete, um mit einer
jungen Frau zu reden, die gerade zur Tür hereingekommen war. Er
stellte sie Leslie vor. Sie war die Tochter des Anführers des 2.
Stammes, die gerade zu Studienzwecken in Kairo weilte. Auch sie
war eine ausgebildete Kriegerin und kein wenig schüchtern, wie
Leslie fand. Sie blickte ihm geradewegs in die Augen, als sie ihn
begrüßte.
"Oh, ein neuer Bay in der Familie! Herzlichen Glückwunsch!
Ist er noch ledig?"
Leslie schaute sie fast entsetzt an.
"Folari!", raunte Lyleth, einerseits lachend,
andererseits tadelnd. "Er gilt noch nicht mal als
erwachsen."
"Ja, ich seh's", erwiderte sie und sah ihn genau an.
Leslie verzog seine Miene.
"Nicht böse sein, Lord Bay", raunte sie Leslie zu und
ließ die beiden stehen. Leslie schaute ihr irritiert hinterher.
Lyleth grinste ihn an.
"Lady Folari Setlata, wie sie leibt und lebt",
ergänzte er. "Wer sie zur Frau bekommt, der hat
wahrscheinlich nicht viel zu sagen."
"Also, man sieht mir an, dass ich noch nicht erwachsen bin,
nennt mich Lord Bay - genau wie dich - und hält mich offenbar
für eine gute Partie, ja?"
Lyleth musste wieder lachen. "Ja, du hast den Nagel auf den
Kopf getroffen. Du bist zwar 20, aber nicht tätowiert. Daraus
hat Folari geschlossen, dass du noch nicht erwachsen bist. Ich
meinte das allerdings im Zusammenhang mit den amerikanischen
Sitten, nach denen du ja noch nicht als erwachsen angesehen
wirst. Aber du bist eine gute Partie. Doch hüte dich vor Folari!
Wenn du ihr ein Kind machst, musst du sie heiraten."
Leslie lief leicht rot an. Um abzulenken, fragte er: "Warum
bin ich eine gute Partie?"
"Weil du ein Sohn des Anführers aller Medjai bist.
Außerdem entstammst du der Familie, die vermutlich die am
längsten zurückreichende Genealogie hat. Wir können unsere
Vorfahren auf weit über 100 Generationen benennen. Das kann kein
Königshaus in der ganzen Welt."
Leslie starrte Lyleth mit großen Augen an. Diese Darstellung
erschien ihm leicht unglaubwürdig.
"Aber Lyleth, über 100 Generationen! Das wären... mehr als
3000 Jahre..."
"Ja, und wir können sie alle benennen - unsere
Vorväter."
Leslie schaute Lyleth mit zweifelndem Blick an. Doch Lyleth
schien daran zu festzuhalten.
"Über die männliche Linie?"
"Ja."
"Aber Lyleth, das ist doch ganz unwahrscheinlich... da
braucht doch nur einer dabei gewesen zu sein, der keine Söhne
bekommen hat oder konnte... und von über 100 war da bestimmt
mehr als einer dabei... das ist doch bestimmt nur eine
Fabel..."
Lyleth schaute sehr ernst, aber auch gütig aus, als er Leslie
entgegnete:
"Nein, Leslie, die Linie der Bays ist seit 128 Jahren
ununterbrochen. Aber du hast recht mit deinem Einwand. Manchmal
wurde die Linie nicht direkt über den Sohn weitergereicht,
sondern über einen Bruder oder den Sohn eines Bruders. Du kannst
dir sicherlich vorstellen, dass es für die Söhne der Bays
wichtig ist, sich frühzeitig zu verheiraten und zu schauen, ob
ihnen wiederum Söhne geschenkt werden. Es kam sehr häufig vor,
dass eine Ehe aus diesen Gründen für ungültig erklärt und
eine neue Ehe eingegangen werden musste. Die Ehefrauen wurden
zwar sorgfältig ausgesucht und auch vor der Ehe gesundheitlich
untersucht, aber nicht immer bekamen sie Nachwuchs. Manchmal war
auch der Mann impotent, daher ging die Linie dann über einen
Bruder weiter. Es war aber immer wünschenswert, dass der
erstgeborene Sohn des Anführers die Linie fortführt."
Leslie nickte zwar, konnte sich aber das ganze genealogische
Ausmaß, das hinter dieser Erzählung steckte, nicht so recht
vorstellen. Er hatte viele Fragen dazu.
"Wenn aber so viele Söhne geboren werden, haben die sich
nie um die Nachfolge gestritten?"
"Weißt du, Leslie, alles ist geregelt. Wenn jeder die
Regeln befolgt, kann es eigentlich nicht zum Streit kommen. Ich
sage bewusst eigentlich, denn es ist durchaus schon vorkommen,
dass es Nachfolge-Streitereien und Machtansprüche gab.
Allerdings nicht oft. Bis zur dritten Generation rückwärts kann
ein Nachfolger ausgesucht werden, wenn ein Sohn des Anführers
keine Söhne zeugen kann. Das heißt, die Söhne des
Vaterbruders, des Großvaterbruders und des Urgroßvaterbruders
wären erbfolgeberechtigt, und zwar in einer ganz bestimmten
Reihenfolge, alle früheren nicht mehr."
"Ist das kompliziert..."
Lyleth musste lachen. "So kompliziert ist das gar nicht.
Meistens geht's ja gut, im Moment ist unser Bay-Nachwuchs
allerdings etwas dünn gesät. Der Bruder unseres Vaters starb im
Alter von zehn Jahren, der Bruder unseres Großvaters war ein
Verräter, der ausgestoßen worden ist und daher sind auch seine
Kinder nicht erbfolgeberechtigt, und unser Urgroßvater Boreth
hatte keine Brüder. Dessen Vater hieß übrigens Lyleth - so wie
ich. Daran erkannte unser Großvater, dass ich der Sohn von
Claire und Ardjun sein musste, als er mich fand. Lyleth ist ein
ganz alter Medjai-Name. Ich muss schon sagen, Claire war sehr
erfindungsreich mit diesen beiden Namen. Ein Medjai-Name und ein
englischer Name. Es war wohl kein Zufall, dass ausgerechnet ich
über die Straße ausgebüchst bin, was?"
"Es muss fürchterlich für Mutter gewesen sein. Sie hat ja
allen Ernstes gedacht, man würde dich töten. So langsam
verstehe ich das auch... Ihr Ardjun hatte ihr bestimmt von diesen
Bay-Nachfolgeproblemen genauso berichtet wie du jetzt mir. Und da
er keinen Bruder hatte, wie du sagst, stand er bestimmt unter
einem ziemlichen Druck. Lyleth, hast du eigentlich deine Frau
freiwillig geheiratet oder musstest du?"
"Ich hatte Glück: Ich hatte mich in die richtige Frau
verliebt. Leyrah, meine Frau, ist selbst von hoher Geburt. Wir
haben aber schon als Kinder zusammen gespielt."
"Lyleth?"
"Leslie?"
"Ich muss aber niemanden hier heiraten, oder?"
Lyleth schüttelte lachend den Kopf. "Nein, bestimmt nicht,
Leslie. Du bist doch Amerikaner! Und keine Sorge, ich sorge schon
dafür, dass die Linie der Bays nicht aussterben wird. Glaub mir,
ich werde mich nicht auf den einen Sohn beschränken."
Ein paar Tage später waren sie auf dem Weg nach Süden. Sie
hatten sich auf einem der großen Nildampfer eingeschifft, der
sie bis nach Abydos bringen sollte. Sechs Medjai-Krieger aus dem
12. Stamm befanden sich in ihrer Begleitung. Leslie und Lyleth
standen an der Reling und Lyleth erklärte Leslie, an welchen
Ortschaften sie vorbeifuhren und welche Tempel dort zu finden
seien. Er erläuterte Leslie auch genau, als was sie gedient
hatten, wann sie erbaut worden waren und welche Grabungscamps
sich dort befanden. Am interessantesten war aber für Leslie,
dass Lyleth ihm das Leben der ägyptische Antike so anschaulich,
geradezu lebendig schildern konnte. Lyleths Augen leuchteten
dabei und Leslie beschlich das Gefühl, dass Lyleth mehr in jener
als in der gegenwärtigen Zeit zu Hause wäre. Leslie seinerseits
erzählte Lyleth aus seinem Leben in Amerika, von seiner Zeit im
Internat, in Boston und in New York. Auch von seiner Familie
berichtete er und Lyleth spürte, dass es nicht immer leicht für
seinen Bruder gewesen sein muss, nicht der leibliche Sohn Grahams
gewesen zu sein.
Die beiden Zwillingsbrüder verlebten auf dieser Reise eine
wunderbare Zeit. Sie hatten Zeit und Ruhe, sich zu unterhalten.
Sie waren sich von Anfang an sympathisch gewesen, aber je mehr
Zeit sie verbrachten, desto inniger wurde das Band zwischen ihnen
und sie bedauerten, so lange getrennt gewesen zu sein. Lyleth
regte Leslie an, seinen Beruf hier in Ägypten auszuüben,
allerdings nicht als Ausgräber, denn das war ihm gar nicht
recht, wie Leslie feststellte. Leslie konnte hier Schriften
studieren und selbst Fachbücher veröffentlichen. Er selbst
überlegte, Dozent an einer Universität zu werden. Aber er
wollte erst zu Ende studieren und auch die Reaktionen seiner
Mutter abwarten, die ja in einem Monat hier erwartet wurde.
Von Abydos aus ging es zu Pferd weiter. Man ließ das grüne Band
hinter sich, das sich zu beiden Seiten des Nils entschlängelte
und ritt in die Wüste in westlicher Richtung. Einen Tag später
erblickte man den Ort, den Lyleth ständig mit "12.
Stamm" betitelte. Die acht Reiter hatten bei den Wachposten
Halt gemacht, die auf der östlichen Anhöhe - vom Ort aus
gesehen - positioniert waren. Leslie war erstaunt. So groß hatte
er den Ort nicht erwartet.
"Ich habe mit sieben Zelten, drei Ziegen und zwei Kamelen
gerechnet", meinte er scherzhaft.
"Es ist nur der Hauptort, der 12. Stamm verteilt sich auch
noch auf mehrere kleinere Siedlungen ringsum diese Gebirgskämme
dort hinten. Das Gebiet des 12. Stammes ist ziemlich groß. Zum
Glück gibt es dort hinten drei Quellen." Er deutete auf
eine Anhöhe, die gegenüber jener Dünung war, auf der sie sich
gerade befanden, sprach dann weiter: "Aber für 5000
Menschen sind drei Quellen auch nicht gerade viel, sodass wir
sparsam damit umgehen müssen."
Leslie verspürte zwar nach dem langen Ritt das Bedürfnis zu
duschen, aber stellte etwas desillusioniert fest, dass Duschen
hier wohl nicht so ohne Weiteres möglich sein würde.
Wahrscheinlich war das Wasser nur zum Trinken und für die
Nahrungszubereitung da. Lyleth tauschte Neuigkeiten mit den
Wachen aus und erfuhr, dass seine Frau Leyrah nicht im Ort
weilte, sondern sich auf einer Reise zu den Südstämmen befand.
Da Ardjun nicht verheiratet war, nahm sie bereits die Rolle der
Ersten Dame ein und so gehörte es zu ihren Pflichten, die
anderen Stämme und auch die Tempel zu besuchen. Ihrem kleinen
Sohn hatte sie jedoch die lange Reise zu Pferd nicht zumuten
wollen und ihn in der Fürsorge seiner Amme belassen. Lyleth
schien ein wenig traurig zu sein, dass sie nicht anwesend war,
aber tröstete sich, dass sie zurückkehren würde, bevor er mit
Leslie wieder nach Kairo aufbrechen würde.
Leslie hatte in Kairo, auf der Reise und auch jetzt hier bei der
Wache sehr wohl bemerkt, dass alle Krieger Lyleth gegenüber sehr
ehrerbietig waren, obwohl er noch so jung war und keinen hohen
Posten einzunehmen schien. Leslie war klar, dass sie sich ihm
gegenüber so verhielten, weil er später einmal ihr oberster
Anführer sein würde. Dieser Respekt Lyleth gegenüber war aber
nichts gegen die Achtung, die alle Medjai Ardjun
entgegenbrachten, wie Leslie bald erfahren würde. Es war eine
ganz neue Welt für ihn. Er war zwar nur ein Beobachter, der
begierig alles in sich aufnahm, aber für die Medjai war er mehr
als das. Er gehörte bereits dazu, was Leslie aber nicht
wahrzunehmen schien. Doch bemerkte er die neugierigen Blicke, die
alle ihm zuwarfen, als er mit den sieben anderen in den Ort
hineinritt. Der Weg wurde von Menschen gesäumt, die keineswegs
alle in schwarz gekleidet waren, wie Leslie erwartet hatte. Sie
ritten auf eine Art zentralen Platz zu, wo sich auch eine Art
Plattform erhob, doch auf dieser stand niemand. Davor hatte sich
allerdings ein Dutzend Menschen zusammengefunden, quasi als
Empfangskomitee, so schien es Leslie. Eine Vielzahl weiterer
Menschen säumte ebenfalls diesen Platz, aber hielt respektvoll
Abstand. Lyleth zügelte sein Pferd und die anderen imitierten
ihn, auch als er abstieg. Leslie kam nicht so wendig vom Pferd
wie die Krieger, er hatte sowieso schon die ganze Zeit die
Reitkünste seines Bruders gehörig bewundert. Gerade, als er vom
Pferd abgestiegen war, nahm er verwirrt war, wie Lyleth und die
anderen sechs darnieder gekniet waren und ihr Haupt ehrfürchtig
neigten. Er selbst blieb stehen und schaute in die Richtung, in
die sich die Männer verneigten. Da stand ein streng blickender
Medjai-Krieger in schwarzem Gewand und mit hohem blau-schwarzen
Turban, dessen Blick geradewegs auf ihn, Leslie, gerichtet war.
Leslie wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Da durchfuhr
es ihn, dass dieser Mann, vor dem man niederkniete, ja sein Vater
sein müsse. Dieser hatte inzwischen mit einem Wink zu verstehen
gegeben, dass die Ankömmlinge sich erheben durften, aber immer
noch starrte er auf Leslie. Lyleth nahm seinen Bruder jetzt bei
der Hand und führte ihn vor seinen Vater.
"Sei gegrüßt, Vater. Das hier ist Leslie, dein Sohn."
Ardjun verzog keine Miene. Er wusste immer noch nicht, wie er mit
seinem neuen Sohn umgehen sollte. Außerdem hatte er ja auch
gegenüber Lyleth stets ein kühles Verhältnis gehabt. Ardjun
brannte auf die Geschichte, die hinter Leslie stecken musste;
erst dann wollte er die neue Situation beurteilen.
Leslie hingegen murmelte gerührt "Vater", ging dicht
an ihn heran und umarmte ihn von sich aus. Ardjun erwiderte diese
Umarmung, löste sich aber bald aus ihr. Offenbar war es ihm
peinlich, in aller Öffentlichkeit ein so rührseliges Verhalten
zu zeigen. Doch die Umherstehenden waren sehr bewegt. Als Ardjun
und Leslie sich umarmt hatten, applaudierten und lachten sie.
Lyleth begrüßte auch seinen Schwiegervater und seinen Schwager.
Eine ebenfalls schwarz gekleidete Frau stand daneben und hatte
ein Baby im Arm.
"Ardeth!", rief Lyleth froh und nahm ihr seinen Sohn
ab. Leslie wandte sich unvermittelt Lyleth und dem Kind zu, da
sein Vater sowieso nichts weiter sagte.
"Er ist ja so gewachsen!", kommentierte Lyleth, und die
Amme nickte bestätigend. Lyleth überreichte Leslie den kleinen
Ardeth, der ihn anlächelte.
"Ich bin Onkel!", sprach Leslie gerührt und schaukelte
das Baby in seinen Armen.
"Das hier ist Namdun, Leyrahs Bruder", stellte Lyleth
vor, "und hier mein Schwiegervater Arianda!"
"Nun überlaste den armen Jungen doch nicht so",
tadelte Arianda. "Lass ihn doch erst mal ankommen!"
"Ja, lasst uns zu meinem Zelt gehen", forderte sie nun
Ardjun höchstpersönlich auf, der nicht so ganz wusste, was er
mit seinem neu gewonnenen Sohn anfangen sollte.
Leslie trug den kleinen Ardeth zum Re-Zelt und die Amme ging
dicht neben ihm her und passte auf, dass dem Baby nichts
passierte. Während die Familien Bay und Setlata sich unter der
Plane des größten Zeltes im Ort, das Ardjun bewohnte,
niederließen und sich bei Tee und allerlei Gebäck ausführlich
die Geschichte von Leslies Auffindung berichten ließen,
befragten die Bewohner die sechs Reiter über den Neuankömmling
Leslie Bay. Alle staunten über die große Ähnlichkeit der
Zwillingsbrüder.
Lyleth und Leslie hatten später Zeit gefunden, mit Ardjun über
Claire zu reden. Lyleth, der seinen Vater bislang nur als
gestrengen Anführer kennen gelernt hatte, der selten so etwas
wie Vatergefühle für seinen Sohn entwickelte, bemerkte, wie
auch Ardjun betroffen über das damalige Missverständnis war.
Fast nahm sein Gesicht einen weichen, sehnsüchtigen Ausdruck an,
als er daran dachte, dass er fast mit Claire zusammengekommen
wäre. Er hatte damals seinem Vater nicht geglaubt, dass dieser
wirklich Claire zurückholen wollte und er hatte sogar - trotz
des goldenen Armbandes, das ja auch ein anderer in Kairo hätte
anfertigen können, um Lyleths Anspruch zu legitimieren - an
seiner Vaterschaft gezweifelt. All die Jahre war er Lyleth
gegenüber auf Distanz geblieben, selbst jetzt noch, nach dem Tod
von Ardeth Bay, dem großen Anführer, seinem Vater, in dessen
Schatten Ardjun immer noch zu stehen glaubte. Nun wurde ihm ein
zweiter Sohn präsentiert, der die Geschichte auch für Ardjun
unausweichlich als wahr darstellte. Gerührten Herzens erkannte
er an, dass er zwei Söhne hatte und er dankte im Stillen Allah
für diese Gnade. Der stumme Vorwurf seiner Familie, egoistisch
und nicht im Sinne seines Volkes gehandelt zu haben, hatte lange
an ihm genagt. Nun schien das Schicksal sich mit ihm
auszusöhnen. Er hatte es doch geschafft, für Nachwuchs im
Bay-Clan zu sorgen. Als er hörte, dass Claire auf dem Weg nach
Kairo war, verspürte er Freude, die jedoch schnell gedämpft
wurde: Leslie erzählte von Graham... Claire war verheiratet,
hatte einen weiteren Sohn! Oh, Ardjun fühlte Eifersucht in sich
aufsteigen. Er selbst war all die Jahre - trotz des starken
Druckes, der auf ihn von allen Seiten aufgrund der Bay-Genealogie
und der damit verbundenen Jahrtausende alten Verpflichtung,
Söhne zu zeugen, ausgeübt worden war - allein geblieben, hatte
sich einer Ehe versagt, weil er Claire, seiner einzigen Liebe,
treu bleiben wollte - und sie hatte geheiratet! Frauen, alle
untreu, stieg es in ihm hoch. Und wütend antwortete er seinen
beiden Söhnen, dass er Besseres zu tun hätte, als nach Kairo zu
reisen. Lyleth konnte ja gern seine Mutter kennen lernen, dagegen
hatte er keine Einwände. Aber für ihn wäre die Vergangenheit
begraben, raunte er ihnen kurzangebunden zu. Leslie und Lyleth
sahen sich entgeistert an. Lyleth hatte damit gerechnet, dass
Ardjun wegen Graham Manson wohl etwas beleidigt sein würde, aber
dass er so reagierte! Er bat seinen Vater um Verständnis für
die damalige Situation ihrer Mutter. Für eine Frau wäre es doch
weitaus mehr ein Skandal gewesen, ein Kind ohne Vater zu haben.
Er müsse das verstehen, und sie wäre doch von ihren Eltern
gezwungen worden. Auch Leslie versuchte, ihm diese Situation nahe
zu bringen, doch Ardjun blieb hart. Er hatte für sich
beschlossen, Claire nicht wiedersehen zu wollen. Jedes weitere
Flehen seiner Söhne war umsonst. Er wies sie an, sein Zelt zu
verlassen. Es wurde auch höchste Zeit, denn kaum waren sie
draußen, ließ er seinen Tränen freien Lauf. Er fühlte sich
verletzt, aber er konnte einfach nicht über seinen Schatten
springen.
Lyleth und Leslie überlegten hin und her, was sie unternehmen
könnten, aber kamen überein, Ardjun erst einmal etwas Zeit zu
lassen, um sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Claire
nach Kairo kommen würde. Vielleicht würde er ja noch nachgeben.
Leslie bezog zunächst Lyleths
Zelt, da Leyrah nicht anwesend war. Hier schlief auch der kleine
Ardeth, dessen Amme so wenigstens nachts ins Zelt ihres Ehemannes
zurückkehren konnte und darüber ganz erfreut war. Solange
Leyrah fort war, hatte sie auf Ardeth auch nachts aufgepasst. Nun
betreute sie ihn nur tagsüber - gemeinsam mit ihrem Kind, einer
Tochter, die im gleichen Alter war. Sie war eine Kriegerin, die
aber, da sie schwanger geworden war, geheiratet hatte. Lyleth
erklärte Leslie, dass Leyrah viele Pflichten zu erledigen hätte
und daher eine Amme für Ardeth besorgt werden musste. Es konnte
nicht irgendeine Frau sein, die gleichzeitig ein Kind bekommen
hätte, sondern musste eine Kriegerin sein. Sie würde das Kind
später auch betreuen, immer dann, wenn Leyrah nicht anwesend war
oder anderen Pflichten nachgehen würde. Da Ardeth später einmal
der Anführer aller Medjai werden würde, musste von Anfang auf
seine Erziehung geachtet werden. Nur eine Eingeweihte durfte
daher seine Amme sein.
"Was ist denn eine Eingeweihte?", erkundigte sich
Leslie neugierig.
"Wir wahren ein Geheimnis. Alle, die die alten Zeichen
empfangen haben, und nur wenige andere wissen davon. Dieses
Geheimnis wahren wir zum Wohl der gesamten Menschheit. Wir
versuchen, sie vor einem Übel zu schützen. Davon dürfen aber
nur die wissen, die dafür Sorge tragen. Der Anführer der Medjai
ist dafür verantwortlich, dass diese Aufgabe gewahrt wird. Er
darf nicht versagen. Er muss an Ort und Stelle bleiben und dafür
sorgen, dass dieses Volk seine Aufgabe ernst nimmt. Er muss
dafür sorgen, dass niemand und nichts das Ausführen dieser
Aufgabe behindert. Und er muss im Sinne der Maat handeln, er muss
gerecht, barmherzig und aufrecht sein."
Und Leslie fügte in Gedanken ein "Amen" hinzu, wagte
es aber nicht, laut zu sagen. Er warf dem Kind, das auf Kissen
gebettet war, einen mitleidigen Blick zu.
"Ardeth wird also nie frei entscheiden dürfen, was er
werden möchte?"
"Nein. Es ist seine höchste und schönste Pflicht, die
Medjai durch die Zeit zu führen und die Menschheit vor der
Kreatur zu beschützen."
"Vor der Kreatur? Welcher Kreatur?"
"Eine Kreatur, die die Plagen auf diese Welt herunterrufen
könnte, die die Maat aus dem Gleichgewicht bringen würde... du
kannst dir das nicht vorstellen... und ich darf dir leider nicht
mehr darüber erzählen, obwohl du mein Bruder bist. Auch Ardeth
wird erst im Alter von 16 Jahren davon erfahren. Aber er wird bis
dahin im Geiste seines Volkes erzogen werden. Daher hat Leyrah
eine gute Amme ausgesucht, nämlich Nerys. Sie wird ihn genau wie
Leyrah mit den Traditionen und Ansichten vertraut machen."
"Ihr glaubt also wirklich an diese Dinge, an die man im
alten Ägypten geglaubt hat? Ich meine, an die Maat und so?"
"Ja, das ist schon merkwürdig, nicht wahr? Ich meine, weil
wir gar keine ursprünglichen Ägypter sind."
Leslie fand das zwar aus ganz anderen Gründen merkwürdig, aber
horchte trotzdem bei dieser letzten Bemerkung auf. Lyleth sprach
weiter, weil er bemerkte, wie verdutzt sein Bruder war.
"Unser Volk stammt aus dem Osten. Es ist über die arabische
Halbinsel und die Sinai vom Roten Meer her eingewandert und hat
sich in der Wüste niedergelassen. Das geschah lange Zeit vor den
ersten großen Pharaonen. Aber immer wieder hat es Kontakt zu den
Ägyptern am Nil aufgenommen. Die Ägypter haben es oft
vertrieben, weil sie eifersüchtig auf ihr fruchtbares Land acht
gaben, doch die Viehzucht lernten sie von uns. Auch beschützten
wir sie, kämpften gemeinsam mit ihrem Pharao, als fremde Völker
über dieses Land herfielen, das wir auch als das unsere
inzwischen betrachteten. Schließlich wurden wir als Krieger
unentbehrlich. Die Pharaonen des Neuen Reiches schätzten unsere
Fähigkeiten so sehr, dass sie uns eine ganz besondere Ehre
zuteil werden ließen: Wir durften ihnen ihr Leben schützen. Sie
vertrauten uns so sehr, dass sie uns damit beauftragten, auf
dieses Land aufpassen und jedes Unrecht zu ahnden. Und sie
vertrauten uns ihre Grabstätten an. Eine höhere
Vertrauensstellung war nicht denkbar. Wir schützten den Leib des
lebendigen Horus-Erben und gleichzeitig seine Ahnen, die bei
Osiris weilten. Seit damals tragen wir die Zeichen unseres
Standes als Wächter der Lebenden und der Toten." Er wies
auf seine Stirn. "Und wenn unser Herz beim Gericht der Maat
so leicht wie eine Feder sein wird, werden wir auch in der
Unterwelt unsere Aufgabe fortführen."
Lyleth machte eine Pause, ganz versunken im Gedenken an alte
glorreiche Zeiten, wie es Leslie schien, der aber nicht wagte,
den kurzen Abriss der langen Geschichte der Medjai zu stören.
Dann kam Lyleth wieder zurück in die Welt der Jetztzeit und er
sah Leslie an:
"Wahre Ägypter gibt es nicht mehr. Es ist eine Ironie des
Schicksal, will mir scheinen. Wir, die wir eigentlich keine
wahren Ägypter je waren, sind die letzten wirklichen Ägypter,
da wir in ihren Traditionen leben."
"Fühlt ihr euch denn als Ägypter?"
"Ja, inzwischen schon."
Leslie fragte sich, welchen Zeitraum Lyleth mit dem Wörtchen
"inzwischen" definierte.
"In der Zeit des sogenannten Neuen Reiches..."
Aha!
"...sind wir doch sehr mit der Kultur der Ägypter
verschmolzen."
Naja, das waren doch immerhin schon 3000 Jahre... da konnte man
sich schon als Ägypter so ganz langsam, aber allmählich
fühlen. Leslie wagte natürlich nicht, seine Gedanken laut zu
äußern, aber er warf seinem Bruder doch sonderbare Blicke zu.
Er überlegte, ob es eine Folge des ewigen Lebens in der Wüste
war, dass dieses Volk in diesen alten Traditionen verhaftet
geblieben war.
"Habt ihr denn schon immer hier in der Wüste gelebt?"
"Nein, Leslie. Unsere Heimstatt war Waset, Theben, die Stadt
der sieben Tore. Wie gesagt, wir schützten das Leben des Horus.
Als der letzte Pharao verstorben war, verblieben wir in Waset und
später im weiter südlich gelegenen Abu. Hier existierte auch
der letzte wirkliche Glaube. Auf Philae versammelten sich unsere
drei theologischen Schulen, die zuvor übers Land verteilt
gewesen waren. Damals war es Tradition, dass eine Bay-Tochter zur
Oberpriesterin der Isis geweiht wurde. Dann kamen die Christen
und zertörten die Tempel. Wir wehrten uns lange gegen sie, wie
zuvor gegen die Römer. Lange konnten sie uns nichts anhaben. Wir
galten als letzte Zuflucht der Rechtgläubigen. Doch schließlich
besiegten sie uns und wir mussten in die Wüste fliehen, um zu
überleben, um das Geheimnis zu wahren und unsere Aufgabe
weiterhin wahrnehmen zu können. Seitdem leben wir hier."
"Du, Lyleth, du sprichst vom rechten Glauben, aber mir
scheint, dass ihr eigentlich muslimisch seid...."
"Ja, als wir in der Wüste unsere Zuflucht genommen hatten,
konnten uns die Christen nicht folgen. Aber als später die
Araber ins Land kamen und es unterwarfen, hatten wir es mit
Gegnern zu tun, die sich in dem Terrain Wüste auskannten. Es
dauerte wieder sehr lange, bis wir ihnen nachgeben mussten und
offiziell muslimisch wurden. Im Herzen haben wir aber den alten
Glauben bewahrt."
Medjai-Geschichte, die letzten zweitausend Jahre. Doch Leslie
blieb gar keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Lyleth sprach
weiter:
"Im Grunde genommen stammt auch der Islam von dem alten
Glauben ab."
Leslie schaute ihn mit großen Augen an.
"Du kennst doch Echnaton, nicht wahr?", fragte Lyleth.
Leslie nickte.
"Sie nannten ihn auch den Ketzerkönig. Schon sein Sohn
führte nach ihm den alten Glauben an viele Gottheiten wieder
ein. Vor Echnaton gab es aber auch schon andere Pharaonen, die
meinten, es gäbe nur eine Gotteskraft und das wäre die
lebensspendende Sonne, Re. Chephren zum Beispiel war ein
Vertreter dieser Theologie."
"Chephren?", fragte Leslie ungläubig nach. "Der
Erbauer der Pyramide?"
"Die Pyramiden haben andere erbaut."
Leslie schluckte, doch Lyleth ließ ihm keine Zeit zum
Nachfragen.
"Und so drang das Gedankengut an nur eine Gottheit in andere
Länder. Juden übernahmen diese Ideen - nicht umsonst verweisen
sie in ihrer Thora ständig auf ihre Herkunft aus Ägypten. Denk
an Mose! Was heißt Mose denn auf Altägyptisch? Sohn! Er war ein
Sohn dieses Landes. Und er war einer, der die Idee des
Monotheismus in andere Länder brachte. Von den Juden übernahmen
es die Christen über Jesus, Petrus und Paulus - und die Muslime
über Mohammed, der ja immerhin aus Arabien stammt, das unweit
von Ägypten liegt. Du siehst, der Monotheismus war eine
Erfindung der Ägypter, die damit alle Gottheiten zusammenfassen
wollten. Somit lässt sich der Islam durchaus mit unserem alten
Glauben vereinbaren."
Abhandlung beendet. Leslie war ganz erschlagen von Lyleths
theologischen Ansichten. Er hatte noch so viele Fragen zu diesem
Thema und anderen, die Lyleth so nebenbei berührt hatte. Oja,
die Zeit hier würde noch sehr interessant wären. Doch vorerst
wurde sein Wissensdrang unterbrochen. Nerys trat ein und wollte
Ardeth stillen. Lyleth und Leslie verließen das Zelt, denn
Lyleth wollte Leslie endlich den Ort zeigen.
Nach und nach lernte Leslie den Ort und viele seine Bewohner
kennen. Diese waren einerseits neugierig, ihn kennen zu lernen,
andererseits aber auch etwas schüchtern, da er als Sohn von
Ardjun Bay automatisch eine gewisse Stellung hatte. Diejenigen,
die ihre Befangenheit aber überwanden, fand Leslie offen und
hilfsbereit. Lyleth hatte nicht immer Zeit für ihn und dann
fanden sich stets andere, die sich um Leslie kümmerten. Fast
wünschte er sich schon, auch mal allein sein zu können. Im
Gegensatz zu den strengen dunklen Gewändern der überwiegenden
Mehrheit der Männer ging das Leben hier sehr bunt und fröhlich
zu, fand Leslie. Am Anfang war auch alles neu und aufregend für
ihn, zum Beispiel wenn allabendlich getanzt und musiziert wurde.
Er beobachtete auch gern die Jugendlichen, die sich zu Pferd und
mit den Waffen übten, und bestaunte ihre Geschicklichkeit. Wenn
er durch den Ort bummelte, riefen ihn oft einzelne Personen zu
sich und zeigten ihm, was sie gerade tätigten. Ihre Frauen boten
ihm dann stets gesüßten Tee an und Leslie hatte das Gefühl,
noch nie so viel Tee getrunken zu haben. Ein Schmied wollte ihm
sogar ein gebogenes Schwert anfertigen und drückte ihm einen
Rohling in die Hand, damit er ihn erprobe, aber Leslie winkte
höflich ab. Er hatte diese Art antike Waffe schon in seines
Bruders Zelt bestaunt, aber kämpfen konnte und wollte er damit
nun wirklich nicht. Einmal überreichten ihm zwei Frauen lachend
einen blauen Kaftan und bedeuteten ihm per Handzeichen, diesen
überzuziehen. Sie waren des Englischen nicht mächtig, aber
Leslie verstand, was sie von ihm wollten. Tatsächlich fand er
seine Kleidung - Hose und Hemd - hier etwas unpassend. Wer hier
keine schwarze Kriegerkleidung trug, lief in weiten, langen und
sehr bequem aussehenden Gewändern herum, die allerdings oft
wunderschön bestickt waren und Motive aus der alten ägyptischen
Kunst zeigten. So etwas hatte Leslie auf den Basaren in Kairo
noch nicht gesehen. Auf seinem blauen Kaftan, den er auch gleich
angezogen hatte, befand sich am linken Oberarm in schwarz
gestickt eine Ansammlung von Hieroglyphen, die übersetzt
"Herr des ewigen Lebens" bedeuteten, auf dem rechten
Oberarm befand sich das Udjzat-Auge des Horus und auf dem Rücken
eine Isis mit breiten Schwingen. Leslie musste schmunzeln, denn
er hatte alles an den gleichen Stellen bei seinem Bruder als
Tätowierung gesehen. Bestimmt wünschten sich einige Bewohner,
dass auch Leslie ein richtiger Medjai werden würde. Fast tat es
ihm leid, dass er sie enttäuschen würde, denn er plante ja,
sein Studium fortzusetzen. Er konnte sich auch nicht vorstellen,
sein Leben lang hier zu verbringen. Dazu war ihm das Leben, das
hier geführt wurde, doch zu fremd. Zwar schienen ihm die
Menschen wie in perfektem Frieden lebende Glückskinder
vorzukommen, aber Leslie wurde von Tag zu Tag klar, dass er mit
den bescheidenen Lebensverhältnissen nicht klar kommen würde.
Er vermisste schon jetzt ein gutes Bad.
Sie waren bereits über eine Woche hier. Wie jeden Abend saßen
Ardjun, Lyleth und Leslie vor Ardjuns Zelt und tranken Tee.
Ardjun zog es vor, mit Leslie in Gesellschaft von Lyleth zu
sprechen. Er wollte sich nicht mit seinem neuen Sohn allein
auseinandersetzen. Ardjun rechtfertigte sein Verhalten vor sich
selbst, indem er meinte, dass Leslie ja sowieso wieder fortgehen
würde.
Es war noch nicht ganz dunkel und man genoss die angenehme
Abendluft. Da preschten mehr als ein Dutzend Reiter in den Ort
und wirbelten Staub auf. Einer kam sofort auf Ardjuns Zelt zu und
ging in drei Metern Entfernung keuchend auf die Knie. Ardjun wies
ihn an aufzustehen und zu sprechen. Irgend etwas musste
vorgefallen sein.
"Ich bin Kamai aus dem 5. Stamm", begann er.
Leslie sah, wie Lyleth eine Hand zum Herzen führte und sie im
Gewand verkrampfte. Seine Frau war auf dem Weg zum 5. Stamm
gewesen.
"Sayadi, wir haben Lady Bay vor sechs Tagen erwartet, doch
sie kam nicht. So schickten wir Gesandte zu den Nachbarstämmen
und auf Suche, doch sie kamen ergebnislos zurück. Schließlich
sind wir mit fünfzig Kriegern aufgebrochen, um auf dem Weg
hierher noch einmal nach Lady Bay und ihrer Eskorte zu suchen.
Wir haben ... nur Tote gefunden..."
Er deutete auf die anderen Krieger aus seinem Stamm, die in
einiger Entfernung warteten. Einige hatten sechs tote Krieger und
eine Frau von ihren Pferden gehoben und auf den Boden gelegt.
Bestürzt hatten sich einige umherstehenden Personen aus dem 12.
Stamm genähert. Auch Ardjun war zu den Toten hingetreten. Eine
Frau war unter den gefallenen Kriegern. Alle drei wiesen
furchtbare Verwundungen auf. Die Wunden mussten von einem Kampf
stammen, aber auch von Asgeiern, die sich bereits an den Leichen
zu schaffen gemacht hatten, denn keiner der Toten hatte noch
seine Augen. Eine Frau kam angerannt, stürzte vor einer der
Leichen zu Boden und schrie laut auf. Sie fuhr mit ihren Händen
durch den groben Sand und wirbelte ihn auf. Lyleth war bleich
geworden und brachte kein Wort heraus.
"Lady Bay?", fragte Ardjun tonlos.
"Nicht dabei gewesen... wir fanden nur diese hier und Kaani
Deran und ihr Baby aus unserem Stamm. Ich habe die Leichen sofort
zu ihrem Mann nach Hause bringen lassen. Dem Baby war der Kopf
abgeschlagen worden, der war auf einer in den Boden gerammten
Lanze aufgespießt - wie zum Hohn! Der Mutter war der Bauch
aufgeschlitzt worden. Es war ein furchtbarer Anblick." Ihm
brach die Stimme, aber er bemühte sich, seinen Bericht
fortzuführen. "Eine Spur führte nach Norden. Sayadi, ich
habe sofort 35 Krieger dorthin ausgesandt. Sie werden nach ihrer
Suche hierher kommen, um Euch zu berichten."
Ardjun versuchte gefasst zu bleiben, während Leslie seinen
Bruder umfasste, der tief schluchzen musste.
"Irgend welche Hinweise auf die Mörder?", wollte
Ardjun wissen.
"Keine, Sayadi."
Arianda Setlata war inzwischen dazugetreten und hatte den Bericht
des Kriegers gehört. Er legte eine Hand auf Lyleths Schulter.
"Wir werden sie kriegen, Lyleth! Und wir werden meine
Tochter zurückholen!", sprach er.
"Ich glaube nicht, dass es Sklavenhändler waren",
meinte Ardjun, "denn sie haben Frauen getötet... außerdem
würden Sklavenhändler nicht nach Norden gehen."
"Höchstens, um ihre Spuren zu verwischen... aber die Sache
mit Kaani und Leyrahs Dienerin ist wirklich seltsam",
bemerkte Arianda, "sie waren ja keine Kriegerinnen."
"Das müssen Sadisten gewesen sein", knirschte Ardjun.
"Ein Baby zu enthaupten!"
Lyleth hatte inzwischen seinen Kopf an Leslies Schulter
vergraben.
"Leyrah ist eine tapfere und kluge Frau!", versuchte
ihn Arianda zu trösten. "Kopf hoch, Lyleth, wir werden sie
wiederfinden! Ich lasse einen Trupp fertig machen und dann
brechen wir noch heute Nacht auf und heften uns an ihre
Spuren!"
Mit einem auffordernden Blick an Leslie, der heißen sollte, dass
Leslie sich um Lyleth kümmern sollte, wandte er sich ab und
eilte davon. Leslie führte Lyleth in Ardjuns Zelt. Lyleth weinte
hemmungslos und Leslie beschränkte sich darauf ihm tröstend
über den Kopf zu streicheln, als sie sich auf Ardjuns Bett
gesetzt hatten. Leslie hörte draußen noch Ardjun mit dem
Krieger aus dem 5. Stamm reden. Beide entfernten sich dann aber.
Eine halbe Stunde später - Lyleth hatte sich etwas beruhigt -
trat Namdun ein.
"Lyleth, der Trupp ist soweit. Komm! Ich habe dein Pferd und
Proviant richten lassen."
Lyleth erhob sich langsam. Er umarmte seinen Schwager, Leyrahs
Bruder.
"Kommst du mit uns?"
"Nein, Vater hat es nicht erlaubt. Ich muss bald zum Dienst
in den Tempel."
"Deine Schwester wird zu deiner Initiation zurück sein, das
verspreche ich dir!"
"Ja, ich weiß, dass ihr es schaffen werdet, Lyleth!"
Lyleth führte Leslie in sein eigenes Zelt und bat ihn, auf
Ardeth acht zu geben. Leslie wagte nicht, darum zu bitten
mitzudürfen, denn er ahnte, dass er nur ein Hindernis sein
würde.
"Wenn ich nicht rechtzeitig zurück sein sollte, dann reise
du in drei Wochen allein nach Kairo, um deine Mutter dort zu
treffen. Ich versuche dann, auch nach Kairo zu kommen."
"Mach dir um mich jetzt keine Sorgen, Lyleth! Pass auf dich
auf! Und viel Glück! Gott beschütze dich!"
"Allah möge dich stets behüten!", verabschiedete sich
Lyleth, trat aus dem Zelt und ging zu dem bereits wartenden
Trupp. Während Leslie, Ardjun und Namdun noch eine ganze Weile
dem Trupp nachschauten, entfernte dieser sich schnell.
In den folgenden Tagen herrschte eine gedrückte Stimmung. Die
Toten wurden bestattet. Die Grabanlagen der Medjai befanden sich
in Richtung Westen. Leslie bekam sie aber nicht zu sehen, weil er
nicht dorthin ritt. Es dauerte drei Tage, bis die Angehörigen
wieder im Stamm waren. Er kümmerte sich gemeinsam mit Nerys
rührend um den kleinen Ardeth. Gern weilte er auch bei der einen
Quelle, um die herum ein paar Bäume und Gräser gewachsen waren.
Hier war es schattig und angenehm. Er hatte Ardeth mitgenommen
und ließ ihn auf einem Tuch krabbeln, während er sich in an das
Quellbecken setzte und wusch. Meistens hatte man hier nicht lange
seine Ruhe, denn immer kamen Leute hierher, um Wasser zu holen
oder sich einfach nur auszuruhen. So war es auch diesmal: Kaum
hatte Leslie sich an der Quelle niedergelassen, als auch schon
ein Mädchen mit zwei Wassereimern, die sie in einem Joch trug,
nahte. Sie trug ein langes grünes Kleid und mochte vielleicht
fünfzehn Jahre alt sein, schätzte Leslie, da sie keine
Tätowierungen trug. Sie begrüßte Leslie freundlich und hielt
einen Eimer unter die Quelle. Immer wieder warf sie ihm
verstohlen einen Blick zu. Sobald Leslie sie anschaute, drehte
sie sich schnell weg. Leslie amüsierte sich darüber. Offenbar
getraute sie sich nicht ihn anzusprechen, also ergriff er die
Initiative.
"Wie heißt du?", fragte er sie.
"Nefrar, Lord Bay", erwiderte sie brav. "Nefrar
Whitrys."
In den ersten Tag im 12. Stamm war es Leslie seltsam vorgekommen,
dass die Menschen ihn mit "Lord Bay" und stets sehr
höflich ansprachen, inzwischen hatte er sich aber daran
gewöhnt. Er hatte allerdings diejenigen, welche er näher kennen
gelernt hatte, darum gebeten, ihn mit Leslie anzureden, doch er
bemerkte, wie es selbst diesen schwer fiel, ihn nicht wie
vorgeschrieben anzusprechen. Also versuchte er erst gar nicht,
Nefrar dazu zu bringen, denn das würde sie sowieso nicht machen,
dachte er sich.
"Ah, Nefrar", murmelte er. "Das klingt
altägyptisch."
"Ja, Nefrar ist ein alter Name."
"Wie alt bist du, Nefrar?"
"Ich bin 17 Jahre alt, Lord Bay", antwortete sie und
schaute ihn lächelnd an. Sie hatte ihre beiden Eimer inzwischen
vollständig gefüllt.
"Oh, ähm...", stammelte Leslie, denn damit war sie
erwachsen und er hatte sie bis eben wie ein Kind behandelt.
"Das ist mir jetzt aber peinlich, Frau Whitr...".
Verdammt, wie hieß sie gleich noch mit Familiennamen? Leslie
lief leicht rot an.
"Whitrys. Aber sagen Sie ruhig Nefrar. Ich bin doch noch
nicht verheiratet." Sie lächelte.
O Gott, dieses Lächeln! Es brachte Leslie ganz aus der Ruhe...
Oje, was sollte er sagen? Er wollte etwas sagen... nur was? Und
sie lächelte weiterhin.
"17?" Das war das Blödeste, was ihm einfallen konnte.
Ihr Alter nachfragen... wie peinlich...
"Ja, 17", lächelte sie. Er nickte verlegen.
Da ergriff Nefrar ihrerseits die Initiative: "Ach, weil ich
nicht die Zeichen trage! Nein, ich trage sie nicht. Nicht alle
Männer und Frauen erhalten mit 16 die Tätowierungen."
Das hatte Leslie zwar auch schon bemerkt, aber nicht daran
gedacht, als er sie sah.
"Ja, das habe ich auch schon bemerkt", erwiderte er.
Was für eine blöde Antwort, dachte er. Wie überheblich das
klingen musste! Jetzt würde sie sicher gehen... er konnte sich
selbst in den Hintern treten. Irgend etwas musste er jetzt sagen,
irgend etwas Nettes!
"Sie sehen noch gar nicht so wie 17 aus..." Leslie
ächzte innerlich. Das wurde ja immer schlimmer. Er biss sich auf
die Lippen, dann brachte er mühselig hervor: "Also ich
meine, Sie sehen schon erwachsen aus, aber... also..."
Sie lächelte!!!
"Entschuldigen Sie, ich bin ein bisschen verwirrt...",
gab Leslie zu und das entsprach ja auch der Wahrheit. Nefrar
hatte das entzückendste Lächeln, das er je gesehen hatte.
"Sind Sie hier fertig, Lord Bay?"
Er nickte etwas hilflos. Bloß keinen Unsinn mehr reden!
"Dann können Sie mir ja beim Wassertragen helfen."
"Ja, gern!" Er ließ sich von ihr das Joch geben und
begleitete sie zurück zu den Zelten. Nefrar trug den kleinen
Ardeth und schritt dabei ganz langsam. Ihre Freundinnen starrten
zu ihr herüber. Sahen sie nicht eine kleine Familie aus, Leslie,
Ardeth und sie? Nefrar war sichtlich stolz. Sie ging in die Nähe
des Areals, wo die Jugendlichen damit beschäftigt waren, sich im
Kampf und zu Pferd zu üben. Vor einer Art Werkstatt hielt sie an
und zeigte Leslie, wo er die Eimer abstellen konnte.
"Mein Vater benötigt das Wasser zum Färben",
kommentierte sie, als er die Eimer abstellte. Ein Mann trat
hinter einer Art Kessel hervor.
"Ah, Nefrar, danke!", rief er ihr zu und wollte sich
wieder dem Kessel zuwenden, als er Leslie sah und sich noch
einmal zu den beiden umdrehte. "Lord Bay? Assalamu'
alaikum!"
Leslie bemerkte, dass auch er nicht tätowiert war.
"Alaikum Salam", erwiderte Leslie brav und deutete auf
den Kessel: "Sie färben Stoffe, Herr Whytris?"
Nefrars Vater schmunzelte über Leslies Aussprache des Namens,
aber ließ sich nichts anmerken.
"Wenn Sie wollen, können Sie mir dabei zuschauen."
Leslie blieb eine ganze Weile bei dem Färber und auch Nefrar
blieb noch kurz dabei stehen, bis ihr Vater sie aufforderte,
ihrer Mutter zu helfen. Er bräuchte sie hier schließlich nicht
mehr. Leslie bedauerte das. Nefrar übergab Leslie den kleinen
Ardeth und entfernte sich ziemlich weit, da das Zelt, das sie
bewohnten, weit ab von der Färberei lag. Ihr Vater bemerkte
Leslies Blick, der Nefrar eine Weile folgte, und nahm sich vor,
mit seiner Tochter später zu reden und ihr eine Liaison mit
Leslie zu untersagen.
Tatsächlich weilte Leslie jetzt noch viel öfter an der Quelle.
Nefrar holte zwar auch in den folgenden Tagen von hier ihr
Wasser, aber verhielt sich etwas zurückhaltender als beim ersten
Mal. Trotzdem bemerkte Leslie, dass sie ihn immer noch heimlich
beobachtete. Aber als Leslie ihr anbot, das Wasser zu tragen,
lehnte sie höflich ab. Leslie wunderte sich.
"Aber ich helfe doch gern", insistierte er.
"Ich danke Ihnen nochmals, dass Sie mir neulich geholfen
haben, Lord Bay, aber ich darf das ein zweites Mal nicht
annehmen." Und wie zur Entschuldigung erklärte sie:
"Wasserholen ist Frauensache!"
"Nein, ist es nicht", widersprach ihr Leslie. "Ich
habe hier schon viele Männer gesehen, die Wasser holen."
"In der Regel ist es Frauensache. Männer haben anderes zu
tun."
"Ich habe nichts zu tun, also, wenn Sie..."
"Lord Bay", entfloh es ihren Lippen halb flehend,
"mein Vater hat mir verboten, dass..."
"Dass?"
"Er... also... ich soll das Wasser allein holen!"
Leslie wollte nicht nachgeben: "Ihr Vater hat Sie vor mir
gewarnt?"
"Ja... nein!... doch ja..." Sie war verlegen und
gleichzeitig ärgerlich.
Aha, Standesdünkel! Oder weil er eigentlich ein Ausländer war?
Leslie wollte das jetzt wissen. "Warum? Ich meine, wir reden
doch nur..."
"Reden ist auch nicht verboten. Aber wenn Sie mir helfen,
könnten die Leute etwas anderes denken, Lord Bay, und das
möchte mein Vater nicht."
Ihr Lächeln war verschwunden, aber ihr Blick war glühend heiß
und sprach aus, was sie verborgen hielt. Auch Leslie hatte für
dieses Mädchen Gefühle entwickelt. Aber er würde ja wieder
abreisen und wollte sie nicht in Schwierigkeiten bringen.
"Na, dann können wir uns also weiterhin unterhalten, ohne
dass das für Sie ein Problem wäre, Nefrar?"
Sie nickte. Doch sie wollte mehr. Ihre Lippen bebten. Sie stellte
den Eimer ab, den sie bislang gehalten hatte und trat dicht vor
Leslie hin. Ihr Mund bot sich förmlich dem seinen an. Ernst und
sehrend schaute sie ihm direkt in die Augen. Leslie wurde ganz
anders zumute. Er hielt den Atem an. Auch sein Blick war ernst
geworden. Er nahm sie bei den Schultern, zog sie ganz an ihn
heran und küsste sie lange. Sein Körper spannte sich und sie
konnte es spüren. Als Nefrar Schritte nahen hörte, riss sie
sich von Leslie los.
"Ja, ich denke, wir können uns auch weiterhin
unterhalten", sagte sie schnell, nahm ihr Joch und eilte
davon. Eine andere Medjai kam zur Quelle, hatte aber nichts
mitbekommen - außer Nefrars Verlegenheit und Leslies
Verdutztheit...
So vergingen zwei Wochen, in denen sich Leslie und Nefrar
lediglich bei der Quelle trafen und "unterhielten". Von
Lyleth trafen keine Nachrichten ein. Der Zeitpunkt von Leslies
Abreise rückte immer näher. Bald würde seine Mutter in Kairo
eintreffen. Die Reise dorthin würde fünf Tage dauern, wenn sie
das Schiff nehmen würden. Leslie war zwar traurig, abreisen zu
müssen, denn er hatte sich in Nefrar verliebt, aber tröstete
sich damit, dass es vielleicht besser so wäre, denn er machte
sich keine Hoffnungen auf seine Freundin. Manchmal spielte er mit
der Vorstellung, er könnte mit ihr zusammen in Kairo wohnen und
dort im Museum arbeiten. Er würde mit Sicherheit vom Wissen der
Medjai profitieren und hätte die Chance, einen anderen Zugang
zur Geschichte des alten Ägypten zu bekommen.
Leslie wunderte sich, dass niemand ihn auf die Reise nach Kairo
ansprach. Seitdem Lyleth fort war, sah er seinen Vater nicht
regelmäßig. Manchmal tranken sie Tee zusammen. Ardjun hatte
dann irgend welche wichtig erscheinenden Personen geladen und
schien Leslie vorführen zu wollen. Persönliche Gespräche
zwischen Vater und Sohn fanden nicht statt. Leslie schien es
sogar, als würde Ardjun ihm aus dem Weg gehen wollen. Er fand es
schade. Nachdem er schon in Graham Manson keinen richtigen Vater
gefunden hatte, hatte Leslie sich doch nach dem Wiedervereinen
mit seinem Bruder Hoffnung auf einen wirklichen Vater gemacht.
Leslie hatte nun zwei Probleme: Zum einen musste er Nefrar
erzählen, dass er abreisen müsse, zum anderen musste er seinen
Vater auf die Rückreise ansprechen. Er nahm sich Nefrar als
erste vor. Regelmäßig trafen sie sich um die Nachmittagszeit
bei der Quelle. Nefrar erschien auch dieses Mal pünktlich. Sie
flog Leslie förmlich in die Arme und hatte auch dieses Mal eine
Freundin dabei, die aufpassen sollte, falls jemand sich der
Quelle nähern würde. Die beiden Liebenden küssten und
umfassten sich. Leslie streichelte ihr die Wangen und sah sie
ernst an.
"Nefrar, ich muss dir etwas sagen..." Er zog sie
hinunter und sie setzten sich. "Du weißt ja, dass ich nur
vorübergehend hier bin. Ich werde bald nach Kairo zurückkehren
und von dort wieder nach Amerika gehen..." Er machte eine
Pause. Nefrar sah ihn betroffen an.
"Wie? Du bleibst nicht hier bei deinem Vater?" Sie
schien entsetzt.
"Nein, ich werde studieren und..."
Nefrar ließ Leslie nicht ausreden: "Aber du bist ein Bay!
Du musst doch hier bei deinen Leuten bleiben!"
Leslie war überrascht. Er hatte nie daran gedacht zu bleiben.
Aber Nefrar ging wie selbstverständlich davon aus.
"Nein, ich habe nicht vor zu bleiben. Ich bin doch auch kein
Krieger. Ich will auch bestimmt nie einer werden..."
"Du willst kein Krieger werden?", rief Nefrar
überrascht aus. "Was sagt denn dein Vater dazu?"
"Nichts. Er weiß, dass ich in sechs Tagen meine Mutter in
Kairo treffen und dann mit ihr nach Hause fahren werde..."
"Du kommst doch aber wieder?" Leslie hörte ein Bangen
in ihrer Stimme.
"Vielleicht zu Besuch..." Nefrar senkte ihren Kopf.
Leslie nahm sie in die Arme. "Ich habe nicht geahnt, dass du
nicht weiß, dass ich weggehen werde..." Sie schluchzte
tief. Leslie hielt sie fest. Er wusste nicht, wie er sie trösten
sollte. Er streichelte sie sanft und sie barg ihren Kopf an
seiner Schulter. So saßen sie eine ganze Weile beisammen, bis
Nefrars Freundin ankündigte, dass sich eine Gruppe von Frauen
näherte. Nefrar stand auf und sah traurig auf Leslie herab.
"Es hätte ja sowieso aus uns nichts werden können",
meinte sie mit weinerlicher Stimme und rannte davon.
Am gleichen Tag noch sprach Leslie seinen Vater an, wann und wie
er denn die Reise nach Kairo antreten könne. Ardjuns finsterer
Blick erschreckte ihn. Und tatsächlich offenbarte dieser ihm
ziemlich unverblümt, dass er hier bleiben müsse und nicht nach
Kairo reisen könne. Leslie glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu
dürfen. Er insistierte, dass er nach Kairo reisen müsse, seine
Mutter träfe doch dort ein und man hätte sich verabredet. Doch
Ardjun blieb bei seiner Anweisung, dass Leslie hier zu bleiben
habe. Er erlaube es nicht, dass Leslie den 12. Stamm verließe.
Leslie war fassungslos und wollte den Grund wissen. Da wies
Ardjun ihn an sich zu setzen. Er erzählte ihm salbungsvoll, dass
er aus einer sehr alten Familie stamme, die darauf bedacht sein
müsse, dass ihre Linie nicht aussterbe.
"Die Situation ist kritisch, mein Sohn", sprach Ardjun,
"Lyleth ist auf der Suche nach seiner Frau. Wir wissen
nicht, ob sie überhaupt noch lebt. Wir wissen nicht, was aus
Lyleth geworden ist. Gewiss, da ist Ardeth. Aber er ist zu wenig
für eine Garantie des Weiterbestehens. Er ist noch kein Jahr alt
und kann jederzeit einer Kinderkrankheit erliegen. So lange nicht
klar ist, dass Lyleth und Leyrah zurückkehren, musst du hier
bleiben. Du bist ein Bay und kannst die Linie fortführen, ja es
ist geradezu deine Pflicht!"
"Aber Vater, ich kann doch nach Kairo gehen und danach
wieder zurückkehren..."
"Woher weiß ich, dass du zurückkehren würdest? Nein, ich
kenne dich zu wenig, um mich auf dein Wort verlassen zu können.
Und dann ist da noch der Mann, der glaubt, Vaterrechte über dich
zu haben, da du noch keine 21 Jahre alt bist. Nein, Leslie, du
musst einsehen, dass es zu gefährlich wäre, dich ziehen zu
lassen. Sollte das Schlimmste passieren, dann musst du hier eine
würdige Medjai heiraten und Söhne zeugen."
Leslie war, als schwanke der Boden unter ihm. Er wurde gezwungen
hier zu bleiben!
"Du... du... kannst mich doch nicht zwingen... ich bin ein
freier Mensch... ich möchte..."
"Nein, du bist kein freier Mensch", unterbrach ihn
Ardjun streng. "Du bist ein Sohn aus dem Geschlecht, das
dereinst die Aufgabe direkt von den Pharaonen erhielt, hier zu
bleiben und die großartigen Hinterlassenschaften zu bewachen. Du
bist ein Bay und geradezu verpflichtet, für den Fortbestand
deiner Familie, was zugleich Vermächtnis der Pharaonen ist, zu
sorgen. Nur weil du in den Vereinigten Staaten groß geworden
bist und so gar nicht mit unserer Kultur vertraut, hätte ich
mich einverstanden erklärt, dich wieder ziehen zu lassen. Aber
ich glaube, es wäre eine Dummheit, eine Verantwortungslosigkeit,
die ich mir eigentlich nicht leisten könnte..."
Leslie wusste nicht, wie er seinen Vater überzeugen konnte.
Plante dieser wirklich, ihn mit Gewalt am Fortgehen zu hindern?
"Wenn Lyleth und seine Frau aber wohlbehalten zurückkehren,
darf ich dann gehen?"
Ardjun antwortete lange nicht, ließ sich dann aber zu einem
"Ich denke schon" herab, was immer dass auch bedeuten
mochte!
"Und nun verlass das Zelt, mein Sohn, ich habe Pflichten.
Achja, ich fände es wünschenswert, wenn du dich so langsam in
das Handwerk eines Kriegers einweisen lassen würdest. Ich werde
dir einen Lehrer zur Seite geben. Es ist zwar etwas
ungewöhnlich, weil du schon so alt bist, aber wir müssen auf
deine rechte Erziehung achten. Besser zu spät als nie. Morgen
Früh um 6 Uhr meldest du dich hier bei mir. Vielleicht schaffen
wir es, dich in zwei bis drei Jahren auszubilden, sodass du
initiiert werden kannst und ein echter Bay wirst."
Das war zuviel!
"Vater! Ich bin kein Bay, ich bin Leslie Manson! Und ich
will bestimmt kein Krieger werden! Und ich werde auch bestimmt
nicht hier bleiben!", schrie Leslie wütend und rauschte
davon.
Ardjun sah ihm nach. Er wollte jetzt nichts gegen diese
Unverschämtheiten unternehmen. Immerhin hatte Lyleth ihn darum
gebeten, Geduld mit Leslie zu haben. Ardjun ging zudem davon aus,
dass Leslie sich in sein Schicksal fügen würde.
Doch als Leslie am nächsten Morgen nicht zur Stelle war, musste
Ardjun reagieren. Er hatte Verian Genan zu sich bestellt, der
auch schon Lyleth' Lehrer gewesen war. Verian war mit dem
Setlata-Clan verwandt und ein guter Kampflehrer. Sie warteten vor
Ardjuns Zelt. Schließlich wies Ardjun verärgert einen Krieger
an, Leslie zu holen. Tatsächlich folgte Leslie dem Krieger, aber
er hatte sich vorgenommen, seinem Vater die Meinung zu sagen. Die
ganze Nacht hatte er über die Situation gebrütet und war zu dem
Ergebnis gekommen, dass sein Vater kein Recht hatte, ihm
Vorschriften dieser Tragweite zu machen.
"Wenn ich anordne, dass du um 6 Uhr hierzusein hast, dann
folgst du! Ist das klar?", herrschte ihn Ardjun an.
Der scharfe Ton trug nicht dazu bei, Leslies Zorn zu
besänftigen.
"Ich bleibe nicht hier!", schrie er. "Und ich will
auch kein Krieger werden! Du hast kein Recht, mich hier
festzuhalten!"
Inzwischen waren einige andere Medjai auf die Szene aufmerksam
geworden. Leslies lauter Tonfall war nicht zu überhören
gewesen. Ardjun war weiß vor Wut geworden. Sein eigener Sohn
gehorchte ihm nicht und schrie ihn vor allen an. Er rief seine
beiden Leibwächter herbei.
"Bindet ihn am Pfahl fest", befahl er ihnen, "und
peitscht ihn so lange, bis er bereit ist sich zu fügen!"
Leslie starrte ihn entsetzt an. Bevor er irgend etwas sagen
konnte, hatten die beiden Krieger ihn schon gepackt und zerrten
ihn zum großen Platz, an dessen einer Seite ein paar Pfähle
standen, die aber eher den Zweck hatten, die Zügel der Pferde
daran festzubinden als Menschen auszupeitschen. Verian schaute
Leslie besorgt hinterher. Ardjun machte auf dem Absatz kehrt und
ging in sein Zelt. Verian folgte ihm eilig.
"Sayadi", sprach er ihn respektvoll an, "ich weiß
wohl, dass Euer Sohn Euch gehorchen muss. Aber vergebt Eurem Sohn
großherzig seine unüberlegten Worte!"
Ardjun warf Verian einen eisigen Blick zu, bei dem sicherlich
fast jeder andere Medjai erstarrt wäre, aber Verian hatte einen
hohen Status und glaubte, weitersprechen zu dürfen. Er fühlte
sich der Familie verbunden und wollte ein Unglück verhindern.
Verian kannte Ardjun Starrsinn, der schon manches Mal Übles
verursacht hatte.
"Seht", fuhr er fort, "Leslie ist jung und wurde
im Ausland großgezogen. Er ist mit den hiesigen Sitten nicht
vertraut. Man muss ihm erklären, wie es hier zugeht. Er muss es
verstehen und akzeptieren lernen."
Verian redete mit Engelszungen auf Ardjun ein, doch der blieb
stumm und brummelig.
"Lord Bay, Ihr könnt Leslie nicht mit Gewalt für sein Volk
gewinnen."
Ardjun sah Verian an, erst immer noch ärgerlich, aber dann
langsam versöhnter.
"Lord Bay, Euer Sohn hat Euch öffentlich brüskiert und
dafür lasst Ihr ihn zu Recht öffentlich bestrafen. Ich bin
sicher, Leslie hat seine Lektion nun gelernt. Beendet die
Bestrafung!"
Ardjun nickte und Verian eilte aus dem Zelt und veranlasste, dass
man Leslie in Lyleths Zelt brachte und pflegte.
Leslie lag auf dem Bauch in Lyleths Bett. Nerys hatte ihn
versorgt. Nun war sie fort und er ließ seinen Tränen freien
Lauf. Er fühlte sich allein und verlassen. Die Strafe hatte ihn
böse erwischt und ihm seine Hilflosigkeit aufgezeigt. Er fühlte
sich seinem Vater ausgeliefert. Er musste tun, was sein Vater
wünschte. Er hatte zwar seinen richtigen Vater gefunden und
wusste nun, woher er kam - aber hätte gern auf dieses Wissen
verzichtet, wenn er nur frei wäre zu tun, was er selbst
wollte... Sein Rücken schmerzte...
Leslie überlegte lange... er wusste nicht, was er tun könnte.
Weglaufen? Er wusste den Weg nicht. Außerdem machte er sich
große Sorgen um seinen Bruder. Warum war er nicht längst
zurückgekehrt? Ob ihm doch etwas zugestoßen war? Und auch seine
Mutter konnte ihn hier nicht erreichen oder finden. Seine Mutter!
Sie hatte solche Bedenken gehabt, ihn nach Ägypten gehen zu
lassen. Sie hatte Angst vor den Medjai gehabt. Jetzt verstand er
sie. Es war gefährlich hier.
"Verzeih, Mama", murmelte Leslie und schluchzte aus
tiefster Seele. "Du hattest Recht. Ich hätte nie hierher
kommen dürfen." Nun fühlte er sich wie im Netz einer
Spinne gefangen.
Während Leslie hin- und herüberlegte, trat Verian ein.
"Assalamu' alaikum, Leslie", sprach er ihn an.
"Ich bin Verian Genan, und sollte eigentlich dein
zukünftiger Lehrer werden. Darf ich mit dir sprechen?"
Da Leslie nichts darauf erwiderte, setzte sich Verian zu ihm.
"Tut es noch sehr weh?"
Leslie schwieg trotzig. Oja, es tat verdammt weh! Aber das wollte
er nicht zugeben.
"Auch deinem Vater hat es weh getan, dass du ihn vor allen
so angeschrieen hast. Jeder Vater hätte seinen Sohn dafür
bestraft."
Leslie musste unfreiwillig an Graham denken. Auch er hatte ihn
einst böse geschlagen.
"Du durftest deinen Vater nicht beleidigen, und schon gar
nicht in der Öffentlichkeit."
"Mein Vater hat kein Recht, mich hier mit Gewalt
festzuhalten. Meine Mutter erwartet mich schließlich in
Kairo."
"Ich weiß, Leslie. Und ich bin sehr betrübt, dass du daran
gehindert wirst, sie zu sehen. Aber Lord Bay ist dein Vater und
hat das Recht, dich hier zu behalten. Du bist verpflichtet, ihm
zu gehorchen und du darfst ihm auch nicht widersprechen."
"Ich bin amerikanischer Staatsbürger und..."
"Leslie!", unterbrach Verian bestimmt. "Du bist
der Sohn von Lord Ardjun Bay und das verpflichtet dich nicht nur
zu Gehorsam gegenüber deinem Vater, sondern auch zum Dienst an
deinem Volk! Hat dir denn Lyleth nicht erzählt, welcher großen
Familie du entstammst?"
Leslie drehte sich etwas zur Seite und sah Verian wütend an.
"Doch", erwiderte er, "er hat es mir erzählt.
Aber das ändert nichts daran, dass ich zurück nach Amerika
möchte, so wie es mir auch zugesagt worden ist."
"Die Situation hat sich seitdem geändert. Schau, der
Fortbestand der Bays hinge an dir, wenn Lyleth fort ist und
Ardeth nicht erwachsen wird. Aber Leslie, vielleicht und
hoffentlich kehren Lyleth und Leyrah ja zurück - und ich denke,
dann spricht nichts mehr gegen eine Heimkehr deinerseits. Warum
wartest du nicht einfach ab?"
"Ich sollte meine Mutter in wenigen Tagen in Kairo treffen.
Sie wird sich große Sorgen machen."
"Wir werden sie verständigen, dass du erst mal hier bleiben
wirst. Vielleicht geht ja auch alles schneller als du jetzt
denkst."
"Ich finde es einfach unerträglich, dass ich nicht frei
entscheiden kann. Mein Vater zwingt mich zu bleiben - und das ist
nicht richtig. Ich kann doch auch in Kairo abwarten, was
geschieht. Dann muss sich wenigstens meine Mutter nicht so
sorgen."
"Ja, Leslie. Das wäre möglich. Nur könnte deine Mutter
dich dann auf Nimmerwiedersehen mit nach Amerika nehmen. Lord Bay
misstraut der Sache und behält dich lieber hier. Du musst deinen
Vater verstehen. Er muss seine Linie fortsetzen, und da er selbst
mal schwach in seiner Pflichterfüllung diesbezüglich war,
möchte er jetzt, wo die Vorhersehung ihm doch wider Erwarten
zwei Söhne geschenkt hat, keine weiteren Fehler mehr
machen."
Leslie schwieg. Er wirkte immer noch sehr wütend. Daher fuhr
Verian fort:
"Leslie, du darfst deinen Vater nicht dafür verurteilen,
dass er seiner Pflicht nachgeht. Vielmehr musst du jetzt deine
eigenen Bedürfnisse beiseite schieben und deinem Vater
beistehen. Er braucht dich jetzt ganz besonders, denn er macht
sich große Sorgen um seinen anderen Sohn. Du musst ihm jetzt zur
Seite stehen und ihm nicht auch noch zusätzliche Sorgen
bereiten. Sei ein fügsamer Sohn, Leslie, und warte die Dinge
einfach ab."
"Ach, mein Vater hat mich doch schon längst verplant, egal,
ob Lyleth nach Hause kommt oder nicht... Er will doch einen
Krieger aus mir machen... ich soll Medjai werden...", gab
Leslie niedergeschlagen von sich. "Ich habe doch gar keine
Chance mehr, mein Leben so zu leben, wie ich es will...."
"Nein, Leslie. Wenn dein Bruder zurückkehrt, wirst du
sicherlich gehen dürfen. Ich habe mit deinem Vater gesprochen.
Er sieht ein, dass du kein Krieger werden möchtest. Daher
verzichtet er auf eine Ausbildung."
Leslie sah ihn an und zum ersten Mal regte sich wieder Hoffnung
in ihm.
"Ist das auch wirklich wahr? Er zwingt mich nicht zu so
einer Ausbildung?"
"Nein, du musst kein Krieger werden." Er zwinkerte
Leslie zu. "Obwohl mich das sehr traurig macht, ich hätte
dich nämlich gern als Schüler gehabt."
Leslie lächelte. Verian atmete innerlich auf. Es war ihm
geglückt, Leslie wieder aufzurichten.
"Ich bin froh, dass du wieder lachen kannst, Leslie. Verarge
deinem Vater nicht weiterhin eine Bestrafung, die du dir selber
zuzuschreiben hast, und steh ihm jetzt in der schwierigen
Situation bei. Ich bin sicher, es kommt alles für dich in
Ordnung. Und jetzt gehe ich, denn da draußen wartet noch jemand,
der dich besuchen möchte."
"Vielen Dank, Herr...Meister... Genan..."
"Meister Genan, falls du dich doch noch freiwillig
entschließen solltest, mein Schüler zu werden..." Er
lachte und ging hinaus, hielt dabei höflich das Tuch, das den
Eingang des Zeltes verhüllte, zur Seite und ließ eine
lächelnde Nefrar eintreten.
Bianca M. Gerlich
18. Oktober 2005
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