Home Teil 1: "Wo bist du her?" (Autorin: Bianca M. Gerlich)

LESLIE 1

Boston 1897.

Claire Manson stand auf dem Bahnstieg und sah den einfahrenden Zug immer näher kommen. Sie trug ein dunkelgrünes Kostüm, dazu einen breiten Hut, der mit gleichfarbigen Seidenblumen geschmückt war und unter dem ihre Haare völlig verschwanden. Sie war erst 35 Jahre alt, aber wirkte durch ihre strenge Aufmachung wesentlich älter. Auf ihrer Stirn zeichneten sich erste Falten ab. Sie trug Handschuhe und stützte sich auf einen Gehstock, der ihre vornehme Gestalt zusätzlich betonte. Ihre kerzengerade Haltung ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie eine Dame war. Als aber der Zug endlich zum Halten kam, vernachlässigte sie ihre Haltung etwas, beugte sich in freudiger Erwartung vor und suchte die Einstiege, die nun geöffnet wurden, systematisch ab. Es dauerte nicht lange und sie erblickte denjenigen, auf den sie so lange gewartet hatte.
„Leslie!“, rief sie laut und hell. „Hier! Hier bin ich!“ Sie winkte ihm zu.
Leslie, der gerade 17 Jahre alt geworden war, hatte seine Mutter rufen gehört und richtete seine Aufmerksamkeit in ihre Richtung.
„Mutter!“, erwiderte er ebenso laut, während er sich durch die Menschenmenge den Weg zu ihr bahnte.
Meine Güte, dachte sie, was hat er für eine tiefe Stimme bekommen!
„Mutter!“, wiederholte er, als er sie endlich erreichte, ließ seine große Reisetasche fallen und umarmte sie stürmisch.
„Willkommen zu Hause, mein Sohn!“, freute sich Claire und fügte hinzu: „Du erdrückst mich ja!“
Endlich ließ er sie los und lächelte sie an. Sein Blick schweifte aber sogleich nach rechts und links und mit einem Stirnrunzeln fragte er sie: „Wo sind denn die anderen?“
„Sei nicht traurig, Leslie! Sie hatten keine Zeit. Du kennst Vater ja. Er ist um diese Zeit immer im Büro und macht da auch keine Ausnahme. Und dein Bruder trifft sich mit einem Freund...“, Claire wirkte etwas verlegen, „du weißt ja, wie Jungs in seinem Alter sind... du wirst sie nachher beide wiedersehen. Sie freuen sich schon sehr auf dich!“
Das wirkte wenig überzeugend. Leslie nickte nur stumm. Er war es gewohnt, abgelehnt zu werden, aber es schmerzte jedes Mal aufs Neue, besonders nach so langer Abwesenheit von zu Hause. Er spürte, es hatte sich nichts geändert. Claire betitelte ihren Mann zwar Leslie gegenüber als „Vater“, aber er war nicht Leslies leiblicher Vater. Und das hatte er ihn immer spüren lassen. Während Leslie so in deprimierende Gedanken versunken war, hatte Claire Zeit ihn sich genau anzuschauen. Seit er das letzte Mal in den Ferien hier gewesen war, hatte sie ihn nicht gesehen – und das war drei Jahre her. Oh, er war erwachsen geworden! Und wie schön er aussah! Seine schwarzen Haare fielen lockig auf die Schultern, seine Augen strahlten Sanftheit aus, die durch seinen melancholischen Blick noch verstärkt wurde. Seine hohe Stirn und markante Nase unterstrichen seine aristokratischen Gesichtszüge. Mein Gott, dachte sie, er sieht ja genau so aus wie Ardjun damals! Und er ist auch 17...
„Mutter, wir sollten langsam nach Hause fahren“, unterbrach Leslie ihre schwärmerischen Gedanken. Er hakte sich bei ihr unter, nahm mit der freien Hand sein Gepäck und führte sie aus dem Bahnhof.
„Du bist so erwachsen geworden, mein Sohn!“
„Aber Mutter“, lachte Leslie, „ich bin doch auch schon 17!“
Sie stiegen in die bereitstehende Kutsche ein. Der Kutscher begrüßte Leslie und nahm ihm das Gepäck ab. Langsam bewegten sie sich aus der Stadt hinaus.
„Ich freue mich auf zu Hause“, begann Leslie gut gelaunt das Gespräch während der Fahrt. „Und ich freue mich auch darauf, dass College nach den Ferien besuchen zu dürfen.“
„Wir sind sehr stolz auf dich, mein Sohn! Du hast wirklich gute Beurteilungen von deiner Schule erhalten. Du wirst das College im Schlaf schaffen!“
„Ich hätte nicht gedacht, dass Vater mir erlaubt, das College zu besuchen. Ich dachte immer, er wollte mich gleich in seiner Firma einspannen.“
„Er hat seine Meinung geändert, Leslie.“
„Aber warum?“
„Naja, Mathews Leistungen in der Schule sind nicht ganz so berauschend...“
„Und was habe ich damit zu tun?“
„Du weißt, dass Mathew eines Tages die Firma übernehmen soll. Vater rechnet damit, dass du Mathew dabei unterstützen wirst... dazu benötigst du nun mal eine gute Schulbildung.“
„Achso, verstehe...“, meinte Leslie leicht ironisch. „Mathew erbt und ich darf die Arbeit machen...“
„Ja, so ungefähr“, lachte nun auch Claire. „Aber das bleibt unter uns, ja?“
„Wenn er so Wert auf eine gute Ausbildung legt, dann kann ich ja auch noch studieren.“
„Also, Leslie, absolviere doch erst mal erfolgreich das College, dann reden wir darüber!“
Claire war sich sicher, dass ihr Mann Leslie mit Sicherheit kein Studium erlauben würde. Nach dem College sollte er sich in der Firma einarbeiten. Aber Leslie ließ nicht locker.
„Ach, das College schaffe ich doch spielend... weißt du, ich werde meinen Schwerpunkt auf die Philologie legen, dann kann ich...“
„Philologie?“, unterbrach ihn Claire.
„Ja, alte Sprachen, Geschichte, Literatur...“
Claire war sich sicher, dass ihr Mann eher wünschte, dass Leslie den Schwerpunkt auf Rechnungswesen und derlei legen würde. Leslie nahm seinen alten Faden wieder auf: „... und dann kann ich Geschichte studieren.“
„Geschichte?“, Claire fühlte sich gar nicht wohl bei dem Gedanken.
„Ja, alte Geschichte. Am besten Archäologie.“
„Nein!“, rief sie entsetzt und sah ihn etwas verstört an. „Nein...“, wiederholte sie etwas abgeschwächter, „das geht nun wirklich nicht.“
Leslie sah sie irritiert an. „Und warum?“
„Weil... weil...“, Claire suchte nach den richtigen Worten, „weil du damit in Vaters Firma nichts anfangen könntest. Was willst du denn mit Archäologie in der Immobilienbranche?“
Leslie grinste verschmitzt: „Pyramiden bauen...?“
Das sollte ein Scherz sein, doch Claire blieb todernst. Ihr Sohn war zurück, sah ihrem geliebten Ardjun so ähnlich und sprach von Archäologie und Pyramiden! Ihr war gründlich die Stimmung verdorben.
„Mutter?“, erkundigte sich Leslie vorsichtig.
„Leslie, hör auf mit diesen Scherzen! Du weißt, was Graham von dir erwartet. Archäologie passt da ganz und gar nicht in seine Vorstellungen. Also verabschiede dich besser gleich davon!“
„Aber...“
„Kein Aber. Akzeptiere, was dein Vater für dich plant. Er möchte schließlich nur das Beste für dich. Und jetzt lass uns das Thema wechseln... wie geht es Tante Lucy?“
„Gut...“, murmelte Leslie und verstand die Welt nicht mehr. Seit wann schlug sich seine Mutter ihn betreffend auf die Seite ihres Mannes Graham? Da stimmte doch etwas nicht... er verstand seine Mutter nicht. Wie automatisch sprach er weiter, war aber in Gedanken ganz woanders: „Sie lässt dich herzlich grüßen...“

Zu Hause fand Leslie sein altes Zimmer so vor, wie er es verlassen hatte und erholte sich erst mal nach der langen Zugreise. Seine Mutter zog sich mit einem Anfall von Migräne bis zum Abendessen zurück. Inzwischen war Mathew, Leslies 13jähriger Halbbruder, zurückgekehrt und hatte ihn halbherzig begrüßt. Nachdem schließlich Graham Manson nach langem Arbeitstag die Villa betrat, eilten die Angestellten geschäftig hin und her, riefen die Familie zusammen und trugen das Dinner auf.

Als Graham Leslie die große Treppe hinabkommen sah, blickte er ihn fast finster an. Leslie war deutlich der ausländische Einschlag anzusehen. Seine Haut war wesentlich dunkler, die Gesichtszüge wirkten so fremd und sein wallendes schwarzes Haar verstärkte diesen Eindruck vollends. Nein, Leslie war kein Vorzeigesohn. Er würde sich mit ihm vor seinen Geschäftspartnern nur blamieren. Immer wieder würde er mit der Offensichtlichkeit konfrontiert werden, dass Leslie nicht sein eigener Sohn war, sondern ein Bastard. Aber was sollte er mit dem Jungen machen? Immerhin lag Leslies Wohl Claire sehr am Herzen.
„Guten Abend, Vater“, begrüßte ihn Leslie fröhlich, als er unten angekommen war.
„Das heißt immer noch Sir“, erwiderte Graham eisig und beließ es bei dieser Begrüßung. „Komm zu Tisch! Hier wird pünktlich gegessen.“
„Ja, Sir“, antwortete Leslie folgsam und auch deprimiert. Er hatte auf ein Herzlich Willkommen, Leslie gehofft.
„Und morgen lässt du dir sofort deine Haare schneiden!“
Leslie trottete ihm hinterher. Er dachte nicht im Traum daran, sich seine Haare abschneiden zu lassen. Er hatte sie sich gerade erst im letzten Jahr auf dem Internat wachsen lassen dürfen, weil er zu den Großen gehörte, die einige Privilegien genießen durften. Mathew grinste ihn schadenfroh an. Ihre Mutter saß mit unbeweglicher Miene bereits am Tisch. Leslie wünschte sich auf einmal innigst in den großen Speisesaal im Internat zurück, wo es sehr fröhlich zugegangen war.

Am folgenden Tag fuhren Claire und Leslie in die Stadt und kauften für Leslie neue Anziehsachen, die er für das College benötigen würde. Sie bummelten durch die Einkaufsstraßen, übergaben dem Kutscher ihre Einkaufstaschen, setzten sich in ein Café und aßen Kuchen. Leslie erzählte von seinem Aufenthalt im Internat, von den vielen Freunden, die er dort gewonnen hatte und was diese alle für ihre Zukunft planten. Claire hörte interessiert zu, aus welchen guten Familien die Jugendlichen stammten und freute sich für ihren Sohn. Offensichtlich ist er an der Westküste nicht wegen seines Aussehens abgelehnt worden. Er hatte sich frei von jeglichen Vorurteilen entwickeln können. Das Ergebnis gefiel ihr außerordentlich: Leslie war ein charmanter, fröhlicher und aufrechter junger Mann geworden. Er berichtete gerade begeistert von den Badeausflügen an der Küste des Stillen Ozeans. Es musste himmlisch an der Westküste sein! Er erzählte von Orlando, seinem besten Freund, mit dem er im letzten Jahr ein Zimmer geteilt hatte.
„Seine Eltern wohnen in Los Angeles, aber er hat Verwandte hier in Boston. Vielleicht kommt er mich mal besuchen. Das wäre großartig! Weißt du, er will auch Geschichte studieren. Wir haben immer um die beste Zensur in dem Fach geeifert. Aber freundschaftlich! Wir haben uns natürlich gegenseitig geholfen. Vielleicht können wir ja nach dem College gemeinsam studieren.“
„Aber Leslie...“, wandte Claire ein. Schon wieder diese fixe Idee vom Studieren!
„Er hat ein wahnsinniges Datengedächtnis, sag ich dir! Weißt du, wir mussten zuletzt ein Referat halten und durften das Thema frei wählen – und er hat uns die Daten von Alexander dem Großen um die Ohren geschlagen. Auch alle relevanten Daten vor und nach Alexander... zum Schluss schwirrten allen die Köpfe.“ Leslie lachte.
„Nur dir nicht, hm?“
„Na, es ging so.“
Er war also auch noch bescheiden! „Und über was hast du referiert?“
„Über das Neue Reich.“
„Welches Neue Reich?“
„Na, im alten Ägypten, Mama!“
Claire sah ihn entsetzt an, aber Leslie bemerkte es gar nicht, weil er in Gedanken gerade bei seinem Referat war und weiterredete:
„Also, Ramses II. zum Beispiel. Das ist der Bekannteste von allen. Ich hatte meinen Schwerpunkt aber auf die Grabanlagen im Tal der Könige gelegt – und daran eben Geschichtliches referiert... ach übrigens, hier in Boston ist zur Zeit eine Ausstellung über aktuelle Funde aus Ägypten. Können wir nicht nachher hin? Es ist doch noch viel Zeit und...“
„Nein, Leslie“, unterbrach ihn Claire nervös. „Wir müssen nach Hause...“
„Aber wir wollten ursprünglich doch noch im Park spazieren gehen und stattdessen könnten wir doch...“
„Nein, Leslie, wir werden jetzt gehen!“
Claire ließ kein weiteres Widerwort zu, rief einen Ober, bezahlte und verließ ohne ein weiteres Wort zu verlieren das Café. Leslie beeilte sich, ihrem schnellen Schritt zu folgen.
„Was ist denn auf einmal los, Mama? Hast du irgend etwas?“
„Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Komm jetzt!“
Leslie bemerkte, dass Claire irgendwie beleidigt oder verschlossen schien, irgend etwas musste ihr missfallen haben. Nur was? Wahrscheinlich der Gedanke an sein Studium... vielleicht sollte er nicht mehr darüber reden und abwarten...
Auf der Fahrt zur Villa außerhalb der Stadt redeten sie kein Wort miteinander.

Am Abend traf sich wieder die Familie zum Dinner – pünktlich um 19 Uhr. Claire trug ein hochgeschlossenes braunes Kleid. Trotz der heißen Jahreszeit hatte es lange Ärmel, die am Ende weiße Rüschen erkennen ließen – der einzige Farbtupfer an ihrer Aufmachung. Ohne ihre Miene zu verziehen, begrüßte sie fast ehrfurchtsvoll Graham, der sich mit strengem Ausdruck am Tisch niederließ und zuerst Mathew anschaute, der leicht hämisch grinste, und dann Leslie einen kurzen Blick zuwarf. Kaum hatte er sich aber von ihm abgewandt, als er ihn noch einmal begutachtete, dieses Mal mit einem sehr strengen, ärgerlichen Blick. Leslie hatte sich schon seinem Besteck zugewandt und bemerkte Grahams Blick nicht, dafür sahen aber Claire ängstlich und Mathew erwartungsvoll von einem zum anderen.
„Leslie, schau mich an, wenn ich mit dir rede!“, herrschte ihn Graham an.
Leslie tat wie geheißen, nicht ohne Verwunderung.
„Ich hatte dir gestern eine Anweisung gegeben und ich sehe zu meinem großen Bedauern, dass du sie nicht befolgt hast.“
Leslie starrte Graham an und erschauderte bei dessen hartem Ausdruck. Ja, er sollte sich ja die Haare schneiden... einerseits hatte er das ganz vergessen, andererseits wollte er es aber auch nicht. Claire wollte die Situation retten und sprach: „Graham, wir hatten in der Stadt keine Zeit mehr, um...“
„Halte du dich da raus, Claire!“, herrschte Graham seine Frau grob an. „Die Erziehung ist meine Sache!“
In Leslie rebellierte es. Wie konnte Graham nur Claire so zurechtweisen? Wie konnte er von Erziehung sprechen, nachdem er ihn sechs Jahre lang in ein Internat abgeschoben hatte? Er fühlte sich erwachsen und Graham sprach von Erziehung!
„Es ist ganz einfach, Leslie“, wandte sich Graham ihm wieder zu, „bevor du nicht meinen Anweisungen Folge leistest, wirst du hier in meinem Haus auch nicht mehr bewirtet. Wer die Beine unter meinen Tisch streckt, hat mir zu gehorchen. Ist das klar?“
Leslie antwortete nicht. Er schaute Graham aufbegehrend an, sagte aber um seiner Mutter Willen nichts, die unter der Situation sehr leiden musste.
„Ist das klar?“, wiederholte Graham mit Nachdruck.
Leslie hob fast hoheitsvoll langsam das Kinn und erwiderte ruhig: „Das ist klar, Sir!“ Dann stand er auf und verließ die Tafel, um Graham nicht die Möglichkeit zu geben, ihn des Tisches zu verweisen. Leslie stieg die Treppe hinauf und ging in sein Zimmer. Claire sah ihm hinterher. Dieser majestätische Stolz! Diese ruhige Vernunft! Oh, sie war so stolz auf ihn! Graham schaute zu seiner Frau, die ihm gegenüber saß, und vernahm ihren fast schwärmerischen Blick. Was hatte sie nur für einen Narren an diesem Bastard gefressen!
Es machte ihn noch wütender. Er musste doch dafür sorgen, dass in diesem Haushalt alles in rechter Ordnung blieb. Leslie war nur ein Bastard und er hatte ihm, dem Hausherrn, ungefragt zu gehorchen. Seine Frau war 20 Jahre jünger als er und er befürchtete, auch sie in Zukunft besser im Zaum halten zu müssen. Ihr zärtlicher Blick hatte ihn zudem mit Eifersucht erfüllt. Wann hatte sie je ihn so angeschaut! Verärgert fuhr er sie an:
„Claire, erwarte mich nachher! Und du, Mathew, wirst dich nach dem Abendessen in dein Zimmer zurückziehen.“
„Aber Vater, so früh?“, protestierte Mathew.
„Du tust, was ich dir sage!“
Mathew verstummte. Seit Leslie wieder im Hause weilte, war sein Vater fürchterlich gereizt.

Graham nahm Claire ungefragt und schnell. Erschöpft lag er neben ihr. Einerseits fühlte er sich gut, weil er glaubte, alles unter seiner Kontrolle zu haben – wie er soeben bewiesen hatte -, andererseits aber hatte er Claire gegenüber ein schlechtes Gewissen. Er hatte sie benutzt, um sich von Leslies Verhalten abzuregen. Ja, Leslies Unbrechbarkeit hatte ihn aufgeregt, ebenso Claires bewundernder Blick.
„Ich will, dass Leslie fern von unserem Tisch bleibt, bis er gelernt hat sich einzufügen. Ist das klar, Claire?“
Claire wusste, dass Widerspruch jetzt nicht viel Sinn hatte. Doch sie erwiderte gereizt: „Ja, Graham.“
„Er ist Teil meiner Familie. Und er muss lernen, sich zu benehmen. Wenn er später einmal in meiner Firma mitarbeiten möchte, muss er korrekt gekleidet und frisiert sein. Je eher er sich daran hält, desto besser für ihn.“
„Hast du ihn mal gefragt, ob er überhaupt in deiner Firma arbeiten möchte? Vielleicht möchte er ja etwas anderes machen.“
Eigentlich wollte Claire unter allen Umständen verhindern, dass Leslie Archäologie studiert, aber sie konnte sich ihn auch nicht in Grahams Firma vorstellen. Und nach ihrer gerade erlittenen Demütigung wollte sie auch gar nicht mehr, dass Leslie bei Graham arbeitete.
„Das wird ja immer schöner! Leslie sollte froh und dankbar sein, wenn er in der Firma einen Platz findet. Wer möchte denn schon so einen wie ihn beschäftigen?“, entfuhr es Graham und es tat ihm im gleichen Moment Leid, dass er so gegenüber Claire sprach. Diese schwieg traurig. Graham musste nun irgend etwas sagen.
„Tut mir Leid, Claire, aber es ist doch auch wahr! Schau ihn dir doch mal an! Er sieht doch wirklich ganz anders aus als wir. Er muss froh sein, wenn er irgendwo akzeptiert wird, und das sollte ihm schleunigst klar werden.“
„Im Internat hatte er keine Probleme damit...“, warf Claire ein.
„Ja, die Westküste! Aber wir sind hier an der Ostküste. Und es mir auch peinlich, wenn meine Geschäftspartner Leslie sehen. Sie sehen doch gleich, dass er nicht mein Sohn ist. Aber er trägt meinen Namen... sie wissen gleich, dass er ein Bastard ist, denn so einen Jungen würde man auch sicher nicht adoptieren wollen.“
„Graham!“, rief Claire empört.
„Du weißt, wie die Leute hier sind! Umso mehr muss Leslie schnellstens Gehorsam lernen. Wenn er frühzeitig weiß, wo sein Platz ist, ist das für ihn am besten. Ich werde mit ihm darüber reden müssen.“
„Nein, Graham, bitte...“, insistierte Claire.
„Er war nun sechs Jahre fort. Möglich, dass er vergessen hat, dass er nur ein Bastard ist.“
„Leslie ist ein guter und kluger Junge“, versuchte Claire ihn zu verteidigen. „Warum siehst du das nicht?“
„In unserer Gesellschaft ist es wichtiger, aus welchem Stall man kommt.“
„Er trägt doch aber deinen ehrenwerten Namen, Graham! Wer sollte ihn denn schon in Frage stellen? Du musst dich nur schützend vor ihn stellen, wenn es darauf ankommt.“
„Wenn Leslie mir gehorcht, werde ich ihn unter meine Fittiche nehmen. Falls er weiterhin wie ein kleines Kind bockig sein sollte, muss ich ihn entsprechend bestrafen.“
„Graham, was hast du vor?“, rief Claire fast entsetzt und ihr besorgter Ton stachelte Graham geradezu gegen Leslie auf.
„Er gehört in meinen Haushalt und wird sich fügen und wenn ich ihm das einbläuen muss. Und du, Claire, hältst dich da raus! Du bist nur eine Frau und verstehst nichts davon, wie man Jungen erzieht. Ich möchte auch nicht, dass du mit ihm noch einmal so lange in die Stadt fährst. Du solltest dich mehr um andere Dinge kümmern. Ich habe heute Abend eine gewisse Zuwendung von dir vermisst.“
Damit stand er auf, zog sich mit einem Ruck seine Hose an und verließ ohne weiteres Wort Claires Zimmer. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals so gemein zu ihr gewesen war. Es dämmerte ihr, dass Graham womöglich eifersüchtig auf Leslie war, der ja nun zu einem prächtigen jungen Mann geworden und kein Kind mehr war.

Am folgenden Vormittag suchte Claire ihren Sohn in seinem Zimmer auf. Sie wollte ihm klar machen, dass er Graham unbedingt gehorchen sollte, bevor es zu einem Eklat zwischen Vater und Sohn kommen würde. Doch Leslie blieb uneinsichtig.
„Ich soll ihm ungefragt gehorchen? Auf einmal meint er, meinen Vater spielen zu müssen? Er hat mich in den sechs Jahren im Internat nicht einmal besucht oder mir geschrieben!“
„Du weißt, Leslie, dass dein Vater kaum Zeit hat... er muss sich um die Firma kümmern.“
„Nein, Mutter, er lehnt mich ab. Das war schon immer so. Deshalb ist er nicht gekommen.“
„Sei nicht ungerecht, Leslie! Das Internat war sehr teuer und...“
„Aber es war gut, um mich darin – weit weg von Boston – zu verstecken!“, fiel er ihr ins Wort. „Außerdem – was soll das Ganze? Ich tu doch, was er sagt. Nur wie ich aussehe, das möchte ich schon selbst entscheiden dürfen.“
„Aber Leslie! Lange Haare...!“
„Haben viele Jungen heutzutage.“
„Graham meint eben, dass du so schon auffällst. Das solltest du nicht noch extra betonen.“
„Wenn ich sowieso schon auffalle, dann ist es doch schlichtweg egal, wie lang meine Haare sind. Was gehen Graham meine Haare an? Ich bin höflich, strenge mich in der Schule an und treibe mich nicht herum!“
„Leslie, du solltest Graham nicht reizen. Schneide dir die Haare doch einfach ein Stückchen ab. Dann haben wir wieder Frieden in diesem Haus.“
„Nein, Mutter. Ich möchte so bleiben wie ich bin und kein Untergebener von Graham Manson werden.“
„Du bist sein Sohn, Leslie, du hast ihm zu gehorchen!“, sprach Claire mit Nachdruck.
„Nein, bin ich nicht. Ich bin nicht sein Sohn. Das weiß niemand besser als du. Aber vielleicht sollte ich zu meinem leiblichen Vater gehen. Willst du mir nicht endlich sagen, wer er ist? Ich glaube, ich bin jetzt alt genug dafür.“
Claire hatte befürchtet, dass er damit kommen würde, sobald er aus dem Internat zurückgekehrt war. Doch sie wollte auf keinen Fall etwas verraten, sie fürchtete sich zu sehr vor diesen Wüstenmenschen, denen ihr Geliebter Ardjun angehörte und die ihr ihren zweiten Sohn geraubt hatten. Sie hielt sie für viel zu gefährlich und wollte jedweden Kontakt zwischen ihnen und Leslie unterbinden.
„Ich will nicht darüber sprechen, Leslie...“
„Aber Mutter, ich habe ein Recht darauf zu wissen, wer...“
Weiter kam er nicht. Claire schrie ihn förmlich an: „Nein, du hast kein Recht darauf! Sei froh, dass ich dich bei mir behalten konnte! Sei dankbar, dass du eine Familie hast! Und gehorche deinem Vater, Leslie, sonst gibt das ein Unglück!“
Claire sprang auf und verließ das Zimmer. Leslie blieb ratlos zurück.

Beim Dinner blieb Leslies Platz leer. Graham verlor kein Wort darüber und es herrschte tiefes Schweigen bei Tisch. Nach dem Essen leerte Graham zwei Glas Whiskey, bevor er zu Leslie ging. Er rief seinen Butler zu sich und wies ihn an, eine Schere zu holen und mit in Leslies Zimmer zu kommen. Als er zu seiner Reitgerte griff, wollte Claire Einwände erheben, doch ein eisiger Blick von Graham hieß sie schweigen.
Ohne anzuklopfen trat Graham, gefolgt von Jonathan, dem Butler, ein. Leslie lag auf seinem Bett und las in einem Buch. Er richtete sich auf und sah beide ruhig an.
„Du wirst dich jetzt fügen, mein Sohn, oder ich werde dir eine Lektion erteilen müssen!“, fuhr ihn Graham an und machte durch seinen Ton deutlich, dass es das letzte Mal war, dass er ihn dazu aufforderte. „Jonathan, schneide Leslie die Haare kurz!“
Jonathan ging zu dem Stuhl, der im Zimmer stand, und nickte Leslie auffordernd zu, doch der blieb vor seinem Bett stehen.
„Nun gut, mein Sohn, dann werde ich dich lehren müssen zu gehorchen!“
Graham hieb sofort auf Leslie ein, so dass der Junge taumelte und zu Boden ging. Graham ließ sofort weitere Gertenhiebe auf ihn niederprasseln. Seine Augen funkelten. Der Alkohol tat ein übriges. Er bezweckte, Leslie so zu bestrafen, dass er ein für allemal verstand, dass er hier nur zu gehorchen hatte. Graham fühlte sich sogar sehr im Recht. Er sah es als seine Pflicht an, seinem Sohn das Gehorchen zu lehren. Jonathan hatte nicht mitgezählt, aber es mussten mittlerweile mehr als zwei Dutzend harter Schläge gewesen sein, die auf Leslie niedergegangen waren. Der Butler trat unruhig und besorgt von einem Bein aufs andere, der Junge tat ihm leid. Claire saß unten wie versteinert am Tisch, und bei jedem Schrei, den sie vernahm, zuckte sie zusammen. Als Graham sich selbst verausgabt hatte, hörte er auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn, als hätte er eine besonders schwere Arbeit gut erledigt, und wies Jonathan an:
„Und nun kannst du ihm die Haare schneiden, denke ich.“
Leslie lag gekrümmt auf dem Boden. Graham trat zu seinem Kopf, zog ihm die Haare lang nach hinten, sodass Leslie ächzte. Jonathan schnitt sie ihm ab.
„Ich hoffe für dich, dass du deine Lektion jetzt verstanden hast, Leslie! Wage es nicht noch einmal, dich mir zu widersetzen!“
Graham trat aus der Tür, ebenso der Butler. Dann schloss Graham die Tür von außen ab und steckte den Schlüssel in seine Hosentasche.
„Er soll in dieser Nacht darüber nachdenken, was Ungehorsam bedeutet. Morgen Früh kann er versorgt werden.“

In den folgenden Monaten herrschte eine trübselige Stimmung im Hause der Mansons. Graham benahm sich weiterhin herrisch und ließ keinerlei Kritik zu, während Claire sich sehr devot gab. Leslie hatte es aufgegeben, mit seiner Mutter oder Graham zu reden. Er hatte sich ganz in sich zurückgezogen und befolgte Grahams Anweisungen, aber reizte ihn zugleich durch seine offensichtliche Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Man merkte Leslie an, dass er Graham nicht wirklich anerkannte. Der anfängliche Schmerz in Leslies Augen, wenn er Graham gegenüberstand, war einem dumpfen Ausdruck gewichen, mit dem Leslie beinahe durch den Mann hindurchzusehen schien, der ihm so gewalttätig und ablehnend begegnet war.
Leslie wurde unerreichbar für alle. Er begehrte nicht mehr auf, weil er das stille Leiden seiner Mutter bemerkte und es nicht verschlimmern wollte. Als endlich das College begann, war es für Leslie wie eine Befreiung. Er war fast den ganzen Tag in der Stadt. Nach der Schule besuchte er regelmäßig die Bibliothek und vertiefte sich in jedes Buch, das er zu geschichtlichen Themen nur finden konnte. Nur am Abend musste er dem gemeinsamen Dinner beiwohnen, aber er sprach dabei nur selten. Claire war sehr traurig über diese Situation. Sie hatte sich frohe Stunden nach der Rückkehr ihres Sohnes aus dem Internat erhofft und nun war alles ins Gegenteil umgeschlagen. Graham trank viel und war sehr barsch zu seiner Ehefrau. Sie ertappte sich mehrmals dabei, wie sie in Gedanken fernab nach Ägypten schweifte, sehnsuchtsvoll an die kurze gemeinsame Zeit mit Ardjun dachte... wenn sie sich dabei erwischte, dann hatte sie ein schlechtes Gewissen und warf sich vor, keine gute Ehefrau zu sein. Aber wie romantisch war es mit Ardjun gewesen, wie war er zärtlich und zuvorkommend gewesen – die Liebesnächte mit ihm waren eine wahre Wonne gewesen - und wie gefühlskalt erschien ihr dagegen Graham. Er war so viel älter als sie. Aber sie musste ihm dankbar sein, dass er sie überhaupt geheiratet hatte. Wer wollte schon eine Frau mit einem Kind heiraten? Zum Glück waren ihre Eltern wohlhabend gewesen und konnte sie so unter die Haube bringen. Sie hatten Claire abverlangt zu erzählen, dass Leslie die Frucht einer Vergewaltigung war. Sie hatten geglaubt, nie einen Mann für Claire zu finden, der ein nicht hellhäutiges Kind, das auch noch mit Einwilligung der Mutter auf der Welt war, anerkennt. Eigentlich wollten sie, dass Claire das Kind zur Adoption frei gibt oder in einem Heim unterbringt, aber Claire hatte sich standhaft geweigert und musste als Zugeständnis die Geschichte mit der Vergewaltigung erzählen. Während die Wahrheit Claire ständig gegenwärtig war – Leslie sah Ardjun wirklich ähnlich -, hatte Graham dagegen die Gewalttat gegen seine Frau vor Augen, denn Leslie sah so fremd aus wie Claires Vergewaltiger wohl ausgesehen haben musste. Sein Zorn richtete sich auf den Jungen, der von der ganzen Geschichte aber nichts wusste. Leslie war immer nur auf Granit gestoßen, wenn es um seine Herkunft ging. Sowohl Graham als auch Claire schwiegen beharrlich, denn Claire wollte auf keinen Fall, dass Leslie von der angeblichen Vergewaltigung erfuhr. Graham wies allerdings in letzter Zeit bewusst und oft Leslie darauf hin, dass er nur ein Bastard sei. Er wollte Leslies Aufbegehren unbedingt im Keim ersticken. Leslie sollte sich nicht einbilden, dass er irgendwelche Rechte besaß. Er sollte genau das tun, was Graham für ihn für richtig erachtete. Manchmal unterstützte Graham seine Worte durch Taten, wenn er der Meinung war, dass Leslie wieder einmal zu frech ihm gegenüber geworden war. Leslie dagegen dachte sich, dass er bei Erreichen seiner Volljährigkeit bestimmt nicht mehr bei Graham Manson leben geschweige für ihn arbeiten wolle. Er hielt weiter am Plan, später einmal Archäologie zu studieren, fest, sprach darüber aber nicht mehr. Er ließ sich wieder die Haare länger wachsen, ohne dass Graham es so richtig bemerkte...

Es war Weihnachtszeit. Das Haus der Manson füllte sich, denn wie jedes Jahr kamen Verwandte von Graham, um gemeinsam das Weihnachtsfest zu feiern. Der Hausherr hatte seine beiden Söhne zuvor zu sich gerufen und ihnen eingeschärft, ja artig zu sein und nicht ungefragt zu reden. Natürlich musterten Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen Leslie neugierig, den sie lange nicht gesehen hatten, bis auf Tante Lucy und Onkel Patrick, bei denen Leslie auf dem Weg von der West- zur Ostküste übernachtet hatte. Alle befanden ihn als sehr hübsch aussehend und waren angetan, dass er sich mit ihnen so angeregt über kulturelle Dinge unterhalten konnte.
„Das Internat hat ihm sichtlich gut getan“, meinte Grahams Schwager Patrick wohlgesonnen. „Du kannst stolz auf deinen Sohn sein!“
Graham schaute etwas ärgerlich zu Leslie hinüber. Er mochte es gar nicht, wenn Leslie im Vordergrund stand.
„Meine Güte, Leslie“, wandte sich Patrick dem Jungen wieder zu. „Latein und Alt-Griechisch auf einmal! Willst du mal Alt-Philologe werden?“
„Furchtbar gern, Onkel“, lächelte ihn Leslie an, denn genau das war sein Wunsch. Studieren. Lernen. Sich mit alten Sprachen und Geschichte befassen.
„Leslie wird in der Firma arbeiten“, redete Graham in unumstößlichem Ton dazwischen.
„Welch eine Verschwendung!“, rief Patrick aus. „Leslie sollte studieren! Auf jeden Fall studieren! Graham, du bist doch gar nicht auf Leslie in der Firma angewiesen bei dem Personal, das dir zur Verfügung steht! Außerdem erbt doch unser Mathew hier die Firma, hm?“ Er tätschelte Mathew über den Kopf, was der gar nicht lustig fand.
„Natürlich erbt mein richtiger Sohn die Firma“, erwiderte Graham kühl. „Leslie ist nur ein Bastard und sollte froh sein, wenn er in heutigen Zeiten einen sicheren Arbeitsplatz in meiner Firma geboten bekommt!“
Alle hatten aufgeschaut und starrten Graham beinahe entsetzt an. Er hatte offen ausgesprochen, dass Leslie ein Bastard sei und das vor dem Jungen. Sie schauten auch zu Leslie, der gesenkten Kopfes da saß, und zu Claire, die nervös in ihrer Teetasse den Zucker verrührte.
„Was schaut ihr so!“, meinte Graham, als er das peinliche Schweigen bemerkte. „Ich habe doch nur die Wahrheit gesagt. Ich kann doch einem Bastard unmöglich meine Firma vermachen.“
Leslie war aufgestanden und ging wortlos die Treppe hinauf, in sein Zimmer.
„Aber Graham!“, ereiferte sich Patrick. „Du kannst doch wirklich stolz auf Leslie sein. Claire hat uns erzählt, dass er nur die besten Zensuren nach Hause bringt.“
„Und er hat so ein liebes, angenehmes Wesen“, steuerte Grahams Schwester Lucy bei. Claire sah dankbar zu ihr herüber. „So ein netter Mensch!“
In dem Moment schmiss Mathew laut fluchend sein Spielzeug, das er zu Weihnachten erhalten hatte, auf den Fußboden, so dass es in mehrere Teile zerbrach. Alle sahen zu ihm herüber und dachten das gleiche. Graham war wütend. Leslie kam bei seinen Verwandten an. Obendrein blamierte ihn jetzt Mathew.
„Mathew, wie oft habe ich dir schon gesagt, dass man nicht fluchen darf! Geh sofort auf dein Zimmer und denke darüber nach!“
„Ich will aber hier mit Peter spielen!“, entgegnete Mathew bockig und baute darauf, dass sein Vater ihn nicht vor versammelter Verwandtschaft ohrfeigen würde.
Tatsächlich brachte der auch nur ein ärgerliches „Mathew!“ über die Lippen und der Angesprochene zog sich schmollend zurück.
„Der Junge kann wenigstens gehorchen“, kommentierte Graham überflüssigerweise.
„Nun denn“, meinte Patrick und stellte stirnerunzelnd sein Glas auf den Tisch, „Leslie hat mir erzählt, dass er eine Ausgabe der Ilias ausgeliehen hat und ich würde gern mal einen Blick hineinwerfen. Entschuldigt mich bitte!“ Damit stand er auf und ging die Treppe hinauf.

Die Verwandten blieben eine Woche, bevor sie wieder in ihre Heimatorte zurückkehrten. Graham war froh. Endlich hatte er wieder seine Ruhe und alles würde seinen gewohnten Gang gehen. Mathew hatte seine Geduld auf eine harte Probe stellen müssen und er sah sich tatsächlich einmal gezwungen, ihm den Hosenboden zu versohlen. Auch Leslie bekam Grahams Wut wieder einmal zu spüren, da er sich nach Grahams Meinung zu sehr vor den anderen produziert hatte und Bescheidenheit lernen müsse. Die letzten drei Tage musste Leslie in seinem Zimmer verbringen. Er wurde mit einem plötzlichen Fieberanfall entschuldigt, für den er sehr viel Ruhe benötigte und auf keinen Fall besucht werden durfte. Die Verwandten konnten aber in Claires geröteten Augen sehen, dass etwas anderes dahinter stecken musste. Am Tag der Abreise sprach Patrick seinen Schwager noch einmal darauf an, als beide allein im Herrenzimmer saßen und rauchten.
„Graham, ich glaube, du gehst mit Leslie viel zu streng um.“
„Nein, das glaube ich nicht. Er braucht dringend eine strenge Hand. Offensichtlich wurde er im Internat viel zu sehr verhätschelt.“
„Leslie ist doch aber höflich und zuvorkommend. Was erwartest du denn noch?“
„Er ist egoistisch, will immer im Vordergrund stehen. Er kann nicht gehorchen. Wenn du wüsstest, was ich mit ihm durchzustehen hatte, als er aus dem Internat nach Hause zurückkehrte!“
„Leslie im Vordergrund stehen? Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Wer hier im Vordergrund stehen will, ist Mathew. Er hat ständig unsere Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, während Leslie still und bescheiden in der Ecke saß und ja nichts von allein gesagt hat. Ich musste ihn lange, lange fragen, bevor er etwas erzählt hat. Das war doch noch ganz anders, als er vor einem halben Jahr bei uns übernachtet hatte. Da war er übergesprudelt vor Begeisterung. Und, glaub’ mir, ich habe seinen scheuen Blick zu dir hinüber sehr wohl bemerkt. Du musst ihn ja völlig eingeschüchtert haben!“
„Nein, ich lasse nur gerechte Strenge walten. Er muss lernen, mir zu gehorchen. Und er muss lernen, welcher Platz ihm zusteht. Patrick, vergiss bitte nicht, dass er nur ein Bastard ist. Jeder sieht, dass er ganz offensichtlich nicht mein leiblicher Sohn ist! Ich musste ihn schon oft regelrecht vor wichtigen Gästen verstecken.“
„Du hast ihn versteckt?“ Patrick war entsetzt. „Aber du hast ihn doch als Sohn adoptiert. Das muss doch jeder einsehen können. Gut, er sieht fremdländisch aus. Allerdings sieht er recht gut aus und ist obendrein sehr gebildet. Ich wette, deine Geschäftspartner wären angenehm überrascht. Ich glaube, du kannst mit Leslie mehr angeben als mit Mathew, deinem leiblichen Sohn.“
„Leslie bringt kein gutes Material mit...“ Graham war wütend auf Gott und die Welt. „Vergiss nicht, dass sein leiblicher Vater Claire vergewaltigt hat. Was kann Leslie schon für Erbanlagen von Seiten seines Vaters empfangen haben? Meiner Meinung nach muss man da gleich von vornherein einen Riegel vorschieben und Leslie ganz hart anfassen, bevor sich da etwas entwickelt...“
„Graham, gib Leslie doch eine Chance! Er ist doch durch und durch friedlich. Behandle ihn doch nicht so streng. Ich denke, alle haben mitbekommen, dass Leslie keinen Fieberanfall hatte.“
Graham funkelte Patrick an und meinte patzig: „Es ist doch wohl meine Sache, wie ich meine Söhne erziehe. Und ich lasse mir nicht von Leslie auf der Nase herumtanzen!“
Patrick kam nicht umhin, laut zu seufzen. Ihm tat Leslie Leid. Was konnte Graham da nicht alles in der Seele des Jungen kaputt machen! Mit großem Bedauern nahm er Abschied von den Mansons.

Leslie hatte sich bald wieder halbwegs erholt. Er zog es vor, in seinem Zimmer zu bleiben, um jedem Ärger aus dem Weg zu gehen. Sein Vater war seit dem Besuch gar nicht gut auf ihn zu sprechen. Als er mit der Ilias fertig war, fing er an, sich zu langweilen. Die Bibliothek hatte in den Ferien geschlossen. Alle Bücher, die er besaß, hatte er schon gelesen, teilweise mehrmals. Er erinnerte sich, dass auf dem Dachboden auch einige Bücher lagerten, seit sein Vater die kleine Hausbibliothek etwas umgestaltet hatte. Dort hingen jetzt widerliche Geweihe und furchterregende Waffen – beides war Leslie zuwider - und Graham hatte nur Bücher mit prachtvoll gestaltetem Buchrücken dort belassen. Also stieg Leslie kurzerhand mit einer Laterne in der Hand auf den Dachboden. Sein Vater war nicht zu Hause und konnte ihn nicht für irgendein Vergehen zur Rechenschaft ziehen. Tatsächlich erblickte Leslie gleich in einer Ecke einen großen Bücherstapel, der von einem Laken verdeckt wurde, aber unten lugten ein paar Bücher hervor. Sogleich machte er sich daran, die Titel der Bücher zu sichten. Alsbald hatte er an die zehn Bücher aussortiert, die er lesen wollte und trug sie in sein Zimmer. Aber er konnte nicht der Versuchung widerstehen und stieg noch einmal hinauf. Langsam leuchtete er die Bücher aus. Seine Augen glänzten. Was für ein wertvoller Schatz lagerte hier oben! Hinter dem großen Bücherstapel stand in einer Schrägen der Wand eine große Kiste. Neugierig öffnete Leslie den Deckel. Auch hier waren Bücher drin! Aber sie sahen nicht so aus, als hätten sie zuvor auch in der Bibliothek gestanden. Leslies Augen leuchteten: Das Buch, das er hervorgezogen hatte, trug die Aufschrift: „Die Pyramiden“. Es war ein wunderbares Buch, sehr groß, mit bunten Bildern, jedes durch Seidenpapier geschützt. Ein weiteres Buch hieß „Reisekrankheiten“. Leslie schmunzelte. Er versuchte sich Graham auf Reisen mit Durchfall vorzustellen. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, dass Graham von früheren Reisen gesprochen hatte. Da kam ihm ein Verdacht. Sollte diese Kiste vielleicht seiner Mutter gehören, die diese Sachen mit in die Ehe gebracht hatte? Tatsächlich entdeckte er in einer Ecke eine Kette aus bunten Glasperlen. Sie wirkte orientalisch. Unter der Kette hatte sich in einem Ritz ein dünnes Buch verkantet. Leslie hatte Mühe, es herauszuziehen. Es war mehr ein Heft und auf seiner Vorderseite stand in großen Lettern „Aida“. Aida? Das war doch eine Oper von Verdi. Er schlug das Heft auf und stellte fest, dass es sich um ein Programmheft handelte. Da standen der Dirigent und alle Sänger aufgelistet, es waren mit Ranken versehene Bilder um den abermals dargestellten Titel Aida gezeichnet. Unten prangte in deutlich dickerer Schrift als die Sängernamen der Ort „Kairo“, und darunter las Leslie das Datum. Oktober 1879. Leslie las es noch einmal ganz langsam und sein Herz pochte laut. Das war genau neun Monate, bevor er zur Welt gekommen war. Aida. Kairo. Oktober 1879. Seine Mutter musste dort gewesen sein. Und sein Vater wohl auch... Aufgeregt blätterte er weiter und fand eine trockene Blume. Es war keine Rose. Die Blume hatte weiße Blüten gehabt. Sie befand sich auf einem Stück schwarzen Stoff. Leslie streichelte darüber. Eine Blume – eine Erinnerung. Wozu pressten sonst Frauen Blumen in Bücher? Sicherlich eine Erinnerung an seinen Vater. Und der schwarze Stoff? Er blätterte weiter, doch fand er nichts mehr. Doch halt! Auf der allerletzten Seite hatte jemand etwas gemalt. Es waren einzelne Zeichen. Das mussten Hieroglyphen sein, dachte sich Leslie. Sie standen nebeneinander. Merkwürdig... Leslie schaute noch einmal in die Kiste, doch außer Büchern entdeckte er nichts mehr.
Er nahm das Heft an sich und trug auch das Buch über die Pyramiden mit nach unten. Später würde er kommen und sich alle Bücher aus der Kiste genau anschauen. Fürs Erste musste er aber verdauen, dass er soeben wahrscheinlich entdeckt hatte, dass er in Ägypten gezeugt worden war. Ägypten! Da fiel es ihm auf einmal wieder ein! Seine Mutter hatte doch recht merkwürdig reagiert, als er von seinem Referat über das Neue Reich gesprochen hatte... und als er vorgeschlagen hatte, in die Ägypten-Ausstellung zu gehen, hat sie auf einmal abgeblockt und nicht mehr geredet. Ja, jetzt bekam ihr Verhalten einen Sinn. Sie wollte nicht daran erinnert werden! Leslie nahm sich vor, sie jetzt öfter mal auf Ägypten anzusprechen, um ihre Reaktion zu testen... und er wollte herauskriegen, was es mit den Hieroglyphen auf sich hatte.

Tatsächlich bemerkte Leslie Claire eine gewisse Nervosität an, wenn er das Thema zufällig auf Ägypten lenkte. Sie reagierte ebenso, als er wie beiläufig eine Aida-Aufführung erwähnte, die ein Bekannter letztens besucht hatte. Leslie traute sich aber nicht, sie direkt daraufhin anzusprechen, denn er ahnte, dass er sie durch ein bloßes Gespräch nicht zum Reden bringen würde. Wodurch würde sie mehr als bislang verraten? Er musste sie irgendwie herausfordern, damit sie sich ihm öffnen würde.

Endlich bot sich Leslie so eine Gelegenheit. Im Hause der Familie Gastieri, durch geschäftliche Beziehungen den Mansons bekannt, fand anlässlich des Karnevalfestes ein Maskenball stand und Graham, Claire und Leslie waren eingeladen. Ein Sohn der Gastieris besuchte das gleiche College wie Leslie und sie waren Freunde geworden. Fernando hatte ebenso wie Leslie schwarze Haare, auch er unterschied sich von den anderen Klassenkameraden durch sein süditalienisches Aussehen. Leslie berichtete ihm von seinem Plan: Er wollte auf dem Ball als Pharao erscheinen, um zu sehen, wie seine Mutter reagiert, und sie vielleicht hinterher endlich darauf ansprechen. Fernando bat seine ein Jahr ältere Schwester Marina, ihnen beim Kostüm zu helfen, denn Marina hatte eine Freundin, die beim Theater arbeitete. Sie lieh Kostüme für Leslie und Marina aus, die sich angeboten hatte, als Cleopatra neben Leslie zu erscheinen.
So saßen die drei am Nachmittag vor dem Ball im Zimmer von Fernando beisammen und begannen sich zu verkleiden. Sie hatten eine Menge Spaß dabei. Marina zog Leslie schwarze Striche um seine Augen und Fernando wollte sich darüber schräg lachen.
„Warte nur ab, bis er seinen Schurz anhat, dann kannst du so richtig lachen, Nando!“, scherzte Marina.
„Einen Schurz?“, hakte Leslie mit Unbehagen nach.
„Ja, eine Art Minirock“, erwiderte Marina trocken, während Fernando sich vor Lachen bog. Leslie warf ihm einen leicht verärgerten Blick zu.
„Dafür musst du Strumpfhosen anziehen, Bruderherz!“, neckte ihn Marina. „So sind die edlen Räuber in Sherwood Forest eben herumgerannt.“
Fernando warf der grünen enganliegenden Hose etwa den gleichen Blick zu wie Leslie zuvor seinem weiß-goldenen Schurz – und Marina musste sich ein Lachen verkneifen.
„Ich finde das großartig, dass ihr beide so etwas Ausgefallenes ausgewählt habt“, versuchte Marina sie aufzuheitern. „Nicht so etwas Langweiliges wie Soldat oder Cowboyheld. So, Leslie, zieh dich bis auf die Unterhose aus. Die Beine, Arme und Bauch werde ich mit der Bronzecreme hier schminken, sonst sieht das nicht aus.“
Leslie tat wie geheißen und auch Fernando zwängte sich in sein Robin-Hood-Kostüm. Doch Marina staunte, als Leslie entkleidet vor ihr stand.
„Wunderbar! Wir brauchen keine Creme, du bist ja so schon braun genug. Das sieht bestimmt prima aus, dein Kostüm mit all dem Goldkram hier.“ Sie deutete auf die 15 cm breite Halskette, die rund um Leslies Oberkörper gelegt und hinten am Hals zusammengebunden wurde. An die Arme steckte sie breite Goldspangen, ebenso an die Oberarme und Fußfesseln. Der weiße Schurz hatte eine goldene Borte und wurde um der Hüfte mit einem gleichfarbigen breiten Gürtel zusammengehalten.
„Der Schurz ist ja fast durchsichtig!“, protestierte Leslie.
„Ja, das war wohl früher in Ägypten so“, kommentierte Marina. „Hier, zieh mal diese goldene Tuch darunter... wenn das geht... das sieht dann besser aus.“
Fernando bekam den dritten Lachanfall, als er Leslies Gesicht sah. Schließlich legte Marina Leslie noch die Kopfbedeckung an, das weiß-blau gestreifte Tuch, und steckte es mit einem goldenen Stirnreif, den die Uräus-Schlange zierte, fest. Sie gürtete ihm ein kurzes Schwert um und drückte ihm einen Krummstab in die Hand.
„Fertig! Schau dich mal im Spiegel an!“, forderte ihn Marina auf.
Während Leslie sich etwas zweifelnd im Spiegel betrachtete, meinte Marina sichtlich zufrieden: „Sieht er nicht toll aus, Nando? Das passt richtig gut zu ihm!“
Bevor Fernando seiner Schwester eine Antwort geben konnte, war sie bei ihm und zupfte sein enganliegendes Waidmannkostüm zurecht. Sie reichte ihm den Köcher und den Bogen, ging dann auf ihr Zimmer und legte ihr Cleopatra-Kostüm an.

Der Saal im Hause Gastieri füllte sich rasch. Freunde, Verwandte und Geschäftspartner waren gekommen. Sie trugen die buntesten Kostüme und es gab viel zu bestaunen an diesem Abend. Man hörte überall bewundernde Zurufe, Lachen und auch Neckereien. Auf einer kleinen Bühne saß ein Musikensemble, das bereits dezent zur Begrüßung spielte. In einem Nebenraum waren Speisen aufgebaut. Ein Diener in Livree reichte Getränke. Auch die Mansons waren bereits erschienen. Leslie befand sich ja schon im Hause der Gastieris. Er traute sich zunächst nicht in den Saal herunter, aber dann nahm ihn Marina bei der Hand, gefolgt von Robin Hood. Als die jungen Leute die breite Wendeltreppe hinabkamen, richteten sich aller Augen auf sie, denn Leslie und Marina gaben ein zauberhaftes Paar ab. Leslie war ein kleines Stück größer und zog ein todernstes Gesicht, weil er sich ein bisschen vor dem Verhalten seiner Mutter fürchtete, während Marina ein hoheitsvolles Lächeln zeigte. Dadurch wirkten die beiden noch authentischer, was die anderen Gäste mit einem anerkennenden Nicken quittierten. Nur Claire gefror das Lächeln auf dem Gesicht, als sie zur Wendeltreppe sah. Leslie erblickte sie von Weitem und warf ihr einen ernsten Blick zu. Ihre Blicke trafen sich und Claire durchzog ein leises Ahnen: Leslie wusste von seiner Herkunft, er hatte es intuitiv erfasst. Abrupt drehte sie sich um und ging in eine andere Ecke des Saales, vorgebend, eine Bekannte sprechen zu wollen. Doch sie wollte Leslie ausweichen, sich nicht mit ihm beschäftigen müssen. Sie mied ihn den ganzen Abend über und Leslie bemerkte es. Sobald jemand Claire auf Leslies Aufmachung ansprach, nickte sie kurz, aber lenkte dann das Gespräch in eine andere Richtung.
Es wurde viel getanzt. Graham tanzte mit seiner Frau, aber auch mit der Gastgeberin, wie es sich gehörte. Als Leslie sah, dass seine Mutter keinen Partner hatte, forderte er sie auf. Sie fühlte sich unwohl, als er mit ihr auf dem Parkett war, und sah ihn noch nicht einmal an.
„Mutter, dein Kostüm steht dir wirklich wunderbar!“, versuchte Leslie das Gespräch zu beginnen.
„Danke, Les“, erwiderte Claire kühl.
„Wie findest du Marina?“
Claire seufzte auf. Ihr war klar, dass Leslie sie herauszufordern schien.
„Sie ist ein nettes Mädchen.“
„Als Cleopatra sieht sie wirklich toll aus. Stell dir vor, sie hat sich spontan bereit erklärt, als Cleopatra zu gehen, als ich ihr von meinem Plan erzählt hatte.“
Plan, soso, dachte Claire, erwiderte aber nichts. Sie sah hilfesuchend zur Seite. Dass der dumme Walzer so lange dauern musste! Auf einmal sah sie Leslie an und meinte gereizt: „Entschuldige, Les, aber du siehst in diesem durchsichtigen Ding einfach lächerlich aus.“
„Das mag ja sein, liebe Ma, aber ich habe es extra für dich ausgewählt.“
Claire sah ihn an wie vom Donner gerührt. In Leslies Augen funkelte es.
„Ich habe kürzlich auf dem Dachboden eine alte Kiste von dir gefunden. Da lag ein Teil deines alten Schmuckes drin, aber auch ein Buch über Pyramiden. Da Vater nie aus Amerika herausgekommen ist, schließe ich darauf, dass du schon mal in Ägypten warst. Du hättest mir ruhig mal davon berichten können.“
Dieser Tonfall, den Leslie anschlug! Claire wusste sofort, dass da noch mehr dahinter steckte. Und was hatte Leslie wohl noch alles in ihrer alten Kiste gefunden, fragte sie sich. In diesem Moment ertönte der letzte Ton dieses Walzers und es wurde eine Tanzpause eingelegt, wie Claire sichtlich erleichtert zur Kenntnis nahm. Sie entwand sich Leslies Armen und raunte ihm zu: „Du entschuldigst mich, mein Sohn.“
Leslie sah ihr enttäuscht hinterher. Ihr war aber auch gar nichts zu entlocken. Eine helle Stimme riss ihn aus seinem Hadern:
„Na, Leslie, hat alles geklappt?“
Er drehte sich zu Marina um und schüttelte traurig mit dem Kopf.
„Sei nicht traurig, Leslie! Vielleicht muss sie das ganze erst mal verdauen... Vielleicht wird sie morgen mit dir über Ägypten sprechen. Denk jetzt nicht darüber nach! Komm mit nach draußen! Hier drin ist so stickige Luft.“
Sie hakte sich bei ihm ein und führte ihn auf den Balkon. Es war kalt draußen, aber angenehm, denn die Luft im Saal war sehr verbraucht.
„Hast du bemerkt, wie uns alle anschauen?“, kicherte Marina. „Du siehst auch wirklich klasse aus! Wie ein echter Pharao! So orientalisch und...“, sie kicherte noch mehr, „so verführerisch!“
Leslie sah sie überrascht an. Marina hatte wohl einen kleinen Schwips. Sie sah ihm tief in die Augen. Ihre waren rehbraun, groß und einfach unwiderstehlich. Ihre Lippen waren rosig und voll. Auch Leslie hatte Wein getrunken und spürte, wie ihm trotz der Kälte heiß wurde. Marina drängte sich dicht an ihn heran. Ihr Körper berührte seinen. Leslie hatte überhaupt noch keine Erfahrung mit Mädchen gemacht und Marinas Überfall kam für ihn ganz unerwartet. Ihre Berührung empfand er noch intensiver, da sein Kostüm sehr dünn war. Er erwiderte ihren sehrenden Blick und stellte das Denken ein. Er hatte nur ein Verlangen: sie zu berühren! Und zwar möglichst intimer als so. Er nahm sie in die Arme und küsste sie – erst zaghaft, dann immer leidenschaftlicher. Ihre Zungen spielten miteinander, sie umfassten sich enger. Leslies Hände streichelten ihren Rücken, ihre Schultern, ihre bebende Brust... Marina ihrerseits erwiderte das Streicheln derart, dass Leslie leise aufstöhnte. Sein Küssen wurde fordernder. Er hielt sie mit einer Hand fest und versuchte, mit der anderen ihr das Kleid über die Schultern zu streifen, doch sie gebot ihm Einhalt.
„Nein, nicht hier auf dem Balkon! Lass uns in mein Zimmer gehen!“
Doch Leslie hörte nicht auf sie. Noch einmal küsste er sie fordernd und streifte einen Teil ihres Kleides über die Schulter. Marina wehrte sich, denn sie war noch so weit bei Verstand, dass sie wusste, dass sie sich auf dem Balkon vor dem Saal befanden. Doch Leslie ließ keinen Widerstand mehr zu. Er wollte nur noch eines: Marina!
In dem Moment, wo er mit Nachdruck ihr Kleid abstreifen wollte und Marina sich wehrte, trat Graham auf den Balkon und blieb entsetzt stehen. Erst verstummte er, doch dann rief er entrüstet: „Leslie!“
Doch Leslie hörte ihn zunächst nicht. Nur Marina schaute erschrocken Graham an, wobei sie ihre Wehr gegenüber Leslies Begehren, sie hier auszuziehen, prompt einstellte. So gelang es Leslie, ihr das Kleideroberteil abzustreifen. Marina flüsterte verzweifelt: „Leslie, nicht!“ Das alles geschah so schnell, dass Graham keine Zeit blieb einzugreifen. Jetzt aber wich sein Entsetzen und er riss Leslie am rechten Arm von Marina fort. Sofort holte er aus und versetzte Leslie eine Backpfeife, sodass er taumelte und sich gerade noch am Geländer vor einem Sturz in die Tiefe bewahren konnte. Ungläubig schaute er hoch, was geschehen war und erblickte Graham, der gleich eine weitere Backpfeife folgen ließ. Marina kreischte auf. Fernando hatte mit Freunden dicht am Balkon gestanden und kam angerannt, als er seine Schwester schreien hörte. Er überblickte die Situation, vor allem, dass seine Schwester ziemlich derangiert auf dem Balkon stand. Schnell zog er sie in den Saal und schubste sie, ihr dicht folgend, die Treppe hoch, bevor ihre Eltern oder andere Gäste sie so sahen. Fernandos Freunde hielten Graham davon ab, weiter auf seinen Sohn einzuschlagen. Wütend zerrte er Leslie am Arm in den Saal und gleich hinaus ins Freie und verlangte lautstark nach seiner Kutsche. Claire war ihm aufgeregt gefolgt.
"Graham, um Gottes Willen, was ist denn geschehen?"
"Wir fahren nach Hause", erwiderte er barsch und hielt immer noch Leslie mit starker Hand am linken Oberarm fest. Als die Kutsche vorfuhr, stiegen alle drei ein. Gerade noch rechtzeitig war der Hausherr erschienen, um die Mansons zu verabschieden und zu bedauern, dass sie schon so früh gehen mussten. Mit einem Ruck setzte sich die Kutsche in Bewegung. Graham war außer sich und nur die Enge der Kutsche hielt Graham davon ab, auf Leslie weiter einzuschlagen. Allerdings mussten Leslie und Claire einen Schwall Worte über sich ergehen lassen.
„Du elender Wicht!“, schrie ihn Graham an. „Was hast du dir dabei gedacht, he?! Na warte, wenn wir zu Hause sind! Ich werde dich solange prügeln, bis du kapierst, dass du so etwas nie wieder tun darfst! Was habe ich da nur für ein Natterngezücht in meinem Haus! Wieso habe ich dich je aufgenommen! Da sieht man mal wieder, was man von seiner Gutmütigkeit hat!“
Leslie hatte den Kopf nach vorn geneigt. Er hatte fürchterliche Kopfschmerzen und große Angst vor Grahams Bestrafung. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum es so mit ihm durchgegangen war. Er saß wie ein Häufchen Elend da. Claire legte mitleidig einen Arm um ihn. Da herrschte Graham sie wütend an:
„Rühr ihn nicht an! Er hat unsere Ehre besudelt! Weißt du eigentlich, was er getan hat? Nein? Dann lass es dir gesagt sein, damit du siehst, was aus einer Vergewaltigung nur hervorgehen kann!“
Leslie sah auf und Graham irritiert an.
„Graham, nicht!“, flehte Claire.
„Ich habe viel zu lange geschwiegen, und jetzt sehen wir ja, was dabei herausgekommen ist! Herauskommen musste!“, verbesserte sich Graham selbst und fuhr in Rage fort: „Er ist genauso wie sein Vater, genauso wie er! Aber was kann man denn von jemandem erwarten, der der Sohn eines Vergewaltigers ist!“
Leslie sah Graham mit schmerzvollem Ausdruck an. Der fuhr ihn an:
„Ja, ganz genau, dein leiblicher Vater hat deine Mutter vergewaltigt! Jawohl! Du bist ein Kind der größten Schande, die es gibt! Und es ist kein Wunder, dass du so bist wie er! O nein, wir müssen uns gar nicht wundern! Wir hätten dich weggeben sollen. Hätten sich doch andere mit dir herumschlagen sollen! Dass du überhaupt geboren wurdest, ist eine Schande vor Gott und den Menschen!“
„Graham!“, unterbrach ihn Claire entsetzt. „Versündige dich nicht!“
„Ich mich nicht versündigen? Verteidige diesen Hundesohn nicht auch noch!“
„Was hat er denn überhaupt getan?“, wimmerte Claire mit Tränen in den Augen.
„Er wollte die Tochter unseres Gastgebers vergewaltigen! Wenn ich nicht dazu gekommen wäre...“
„Was?!“, brachte Claire entsetzt hervor und sah Leslie an.
Doch Leslie reagierte gar nicht. Sein Blick war immer noch starr auf Graham gerichtet. In ihm hämmerte es: Sein Vater hat seine Mutter vergewaltigt... er hat sie gegen ihren Willen genommen und ihn gezeugt... er war kein Kind der Liebe, sondern der Gewalt...
„Marina hat sich gegen ihn gewehrt, aber das hat ihn nicht davon abgehalten, sie auszuziehen! Und das vor meinen Augen, stell dir vor, vor meinen Augen! Er war so im Rausch, dass er mich gar nicht bemerkt hatte! Wenn ich nicht eingeschritten wäre, hätte er sie auf dem Balkon vergewaltigt! Er hatte sie schon halb ausgezogen! Widerwärtig! Er ist genauso wie sein verruchter Vater! Aber ich werde dir das austreiben, Leslie, hörst du?! Du wirst heute Nacht bereuen wie noch nie! Man sollte dich entmannen, damit du nie so etwas wieder tun kannst!“
Leslie hatte wieder den Kopf gesenkt. Er hörte gar nicht mehr die Worte Grahams. Sein Mund zitterte. Er schluchzte auf und brach dann an der Schulter seiner Mutter zusammen, dort hilfesuchend in seiner verzweifelten Lage. Claire streichelte ihm über den Kopf. Ihr zerriss es förmlich das Herz, dass Graham Leslie diese Geschichte so herzlos offenbart hatte und sie mochte nicht glauben, dass Leslie Marina gegen ihren Willen verführen wollte. Das sah ihm gar nicht ähnlich.
„Hör auf damit, diesen Nichtsnutz auch noch zu bemitleiden!“, fuhr sie Graham abermals scharf an. „Er hat unser Mitgefühl nicht verdient! Ah, wenn er nur lernen würde, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden! Ah, zwecklos, zwecklos...Und jetzt heult er auch noch! Ja, heule nur! Die Strafe, die dich erwartet, wird hart, aber gerecht sein, darauf kannst du dich verlassen!“
Claire sah Graham mit traurigem Ausdruck an. Sie wusste nicht, wie sie ihn davon abbringen konnte, Leslie gleich halbtot zu schlagen. Sie wusste aber, dass Leslie nicht vor Angst an ihrer Schulter weinte, sondern weil Graham ihm die Vergewaltigung seiner Mutter offenbart hatte. Wie traurig musste es jetzt in seiner Seele aussehen! Ach, könnte sie ihm doch nur sagen, was sich wirklich zugetragen hatte!
Graham schimpfte noch vor sich hin, bis sie zu Hause ankamen. Dann ließ er Leslie von dem Kutscher in den Stall bringen. Claire musste in die Villa gehen. Sie sank vor ihrem Hausaltar auf die Knie und betete für Leslie. Bittere Tränen rannen ihr über die Wangen, während Graham Leslie bestrafte. Graham war so wütend, dass er noch in der Nacht von Claire forderte, Leslie fortzuschicken. Er wollte den Jungen nicht mehr sehen. Claire bat Graham, erst mit Marina sprechen zu dürfen. Vielleicht hatte Graham ja etwas falsch interpretiert. Graham verließ daraufhin wütend ihr Zimmer und berauschte sich mit Whiskey.

Am folgenden Morgen versorgte Claire ihren Sohn. Man hatte ihn auf sein Zimmer gebracht. Leslie sprach nicht. Er hatte sich in Schweigen zurückgezogen. Claire spürte, dass die Seele ihm weit mehr schmerzen musste als der Körper. Sie seufzte und streichelte über seinen Kopf.
„Was hast du nur getan, mein Junge, was hast du nur getan?“

Es vergingen Tage, bis es Leslie wieder etwas besser ging. Als Claire ihm das erste Mal wieder in die Auge sah, erschrak sie. Sie waren dumpf, der Schmerz hatte ihr Leuchten vertrieben. Er sah sie nicht an, denn er schämte sich so sehr. Er wollte nur noch eins: von zu Hause wegrennen! Er hatte jetzt begriffen, warum sich Graham all die Jahre so gemein ihm gegenüber verhalten hatte. Immer nur sah er die Frucht der Vergewaltigung seiner Frau vor sich! Aber er verstand nicht, wie seine Mutter ihn selbst überhaupt lieben konnte! Warum sie ihn zur Welt gebracht hatte! Er begann, sich selbst zu hassen für das, was sein Vater seiner Mutter zugefügt hatte.
„Leslie“, sprach Claire ihn an, als er sich Tage später zum Essen im Bett aufsetzen durfte. „Ich war bei Marina und habe mit ihr gesprochen. Sie hat zugegeben, dass sie angefangen hat, dich zu reizen und dass du sie nicht vergewaltigen wolltest. Ich habe es Graham erzählt und er hat es mir sogar geglaubt, weil ich ihm gesagt habe, er könne Marina selbst fragen, wenn er wolle. Mein Sohn, ich bin so froh, dass es nicht so war, wie es auf Graham wohl gewirkt haben musste in dieser fürchterlichen Nacht! Dennoch war es natürlich unverzeihlich von dir, überhaupt mit Marina herumzupoussieren. Von daher war die Strafe verdient, die du erhalten hast. Aber Graham wird dich nun nicht fortjagen. Du wirst allerdings das Haus nicht mehr verlassen dürfen, außer zur Schule natürlich, wohin du gebracht und abgeholt werden wirst.“
Leslie saß schweigend da und starrte die gegenüberliegende Wand an.
„Leslie, rede doch mit mir!“
Leslie sah kurz in ihre Richtung, aber nicht in ihre Augen, und nickte nur zur Bestätigung.
„Ach Leslie!“, seufzte Claire.
Leslie schwieg weiterhin, aber gerade, als Claire gehen wollte, meinte er leise: „Es tut mir leid, was passiert ist. Entschuldige bitte mein Vergehen!“
Claire, die schon an der Tür gestanden hatte, drehte sich zu ihm um und blickte auf ein Häufchen Elend, das den Kopf wieder nach unten geneigt hatte. Sie konnte das nicht mehr ertragen. Lange hatte sie mit sich gerungen und sich überlegt, Leslies Verhalten abzuwarten. Sie hatte gehofft, dass er sich fangen würde und sie nichts aus ihrer Vergangenheit erzählen müsste. Aber immer noch saß er mutlos da, als hätte er jeden Lebenswillen verloren. Sie konnte nicht umhin... langsam ging sie zurück an sein Bett, setzte sich und ergriff seine Hand.
„Leslie“, begann sie langsam und musste schlucken, bevor sie weiter sprechen konnte. „Leslie, ich muss dir etwas erzählen. Les, du bist kein Kind der Schande, sondern der Liebe!“
Leslie sah zu ihr auf, aber immer noch mit dem schmerzvollen Ausdruck auf seinem blassen Gesicht.
„Leslie, ich bin nicht vergewaltigt worden.“ Claire atmete schwer durch. „Dein Vater und ich, wir haben uns geliebt, aber wir durften nicht zusammen sein, weil unsere Familien dagegen waren. Wir wollten durchbrennen, aber man hat uns erwischt und getrennt. Neun Monate später kamt ihr, pardon, kamst du zur Welt. Meine Eltern waren wütend, das kannst du dir ja vorstellen. Sie verlangten zu meiner Ehrenrettung, dass ich berichte, ich sei vergewaltigt worden. Es durfte nicht sein, dass ich mich freiwillig mit einem Mann, überdies einem Ausländer, eingelassen habe. Ich durfte dich dafür behalten und musste dich nicht weggeben.“
Leslie sah sie mit großen Augen an.
„Begreifst du denn nicht, Leslie? Du bist ein Kind der Liebe! Ich bin nicht vergewaltigt worden! Und dein Vater war ein guter Mensch! Und du bist es auch... und du bist wahrscheinlich auch genau so stürmisch wie er in Liebesdingen!“ Claire musste schmunzeln und streichelte Leslie leicht um die Wangen. Dessen Ausdruck wandelte sich von schierer Verzweiflung zu Rührung. Er wiederholte flüsternd:
„Ein Kind der Liebe? Du hast meinen Vater geliebt?“
„Oja, Leslie, und wie! Ich war damals zu allem bereit gewesen! Und – aber das bleibt unter uns, ja? – ich liebe ihn noch immer!“
Verschwörerisch sahen sich Mutter und Sohn an.
„Ich denke noch heute an die wundervolle, leider viel zu kurze Zeit mit ihm zurück. Wir hatten uns ein Hotelzimmer genommen, weil unser Schiff erst ein paar Tage später ablegen sollte, das Schiff, das uns in die Freiheit bringen würde! Oh, er liebte mich so wie noch nie eine Frau von einem Mann geliebt worden war. Ich wusste gar nicht mehr, wo mir die Sinne standen! Er war fürsorglich und leidenschaftlich! Er war der beste Mann auf der Welt!“
Während Claire schwärmte, sah Leslie sie immer intensiver an. Schließlich wagte er zu fragen: „Aber wer war er, Ma?“
„Er war...“, im letzten Moment brach sie jäh ab, denn das durfte Leslie nicht wissen. „Ach Les, frage nicht! Das kann ich dir nicht sagen!“
„Warum nicht?“
„Ach Leslie!“, brachte sie seufzend hervor. „Ich habe schon viel zu viel darüber geredet. Es muss vorbei sein.“
„Ma, du hast erzählt, dass eure Familien gegen eure Verbindung waren. Warum?“
„Ach Les...“
„Ma, so rede doch! Ich bitte dich, lass mich jetzt nicht damit allein...“
„Leslie...“, Claire überlegte, wie weit sie gehen durfte, „Les, nun gut, höre... meine Eltern waren gegen ihn, weil er kein Europäer war, und seine Eltern waren gegen mich, weil ich Europäerin war. Ist denn das so schwer zu verstehen?“
„Er war Ägypter, nicht wahr?“, fragte Leslie unvermittelt und überraschte damit Claire.
„Was? Nein...nein...“, stammelte sie verwirrt.
„Und ihr habt euch in Kairo kennen gelernt. Zumindest wart ihr dort in der Oper. Ihr habt Aida gesehen. Im Oktober 1879. Neun Monate, bevor ich zur Welt kam.“ Und um Claire jedwede Ausrede von vornherein zu nehmen, wies er auf einen Bücherstapel auf seinem Schreibtisch: „Da, unter den fünf Büchern, liegt das Programmheft...“
Claire starrte hinüber zum Schreibtisch.
„Das Programmheft...“, brachte sie hervor. Sie ging hin und zog es unter den Büchern hervor. Liebevoll strich sie darüber und schlug es auf. Die Blume und das schwarze Stoffstück fielen hinaus. Sie starrte auf den Fußboden, dann hob sie es langsam auf.
„Warum darf ich nicht wissen, dass mein Vater Ägypter ist?“, insistierte Leslie. „Was ist so schlimm daran?“
„Les, du darfst ihn niemals suchen gehen, hörst du! Deshalb darfst du nicht wissen, wer er ist! Seine Familie ist sehr, sehr gefährlich! Wenn sie erfahren, dass er einen Bast... einen Sohn von einer Irin hat, dann wird man dich vielleicht töten! Bitte, versprich mir, gehe niemals nach Ägypten! Suche niemals deinen Vater! Er muss für dich tot sein!“
Leslie war irritiert durch das Verhalten seiner Mutter und die Worte, die sie sprach.
„Ja, Ma“, stammelte er. Aber er fragte sich, was so gefährlich an der Familie sein mochte. Hatten sie so einen starken Ehrenkodex? Was war eigentlich mit seinem Vater geschehen?
„Ma“, begann er wieder, „man hat euch also mit Gewalt getrennt, ja? Was geschah dann?“
„Man brachte mich zu meinen Eltern und wir haben drei Monate später das Land verlassen. Was aus Ar... ihm geworden ist, weiß ich nicht, habe ich nie erfahren...“
Da hatte sie ihm doch eben fast seinen Namen verraten! Leslie musste einfach nachfragen: „Ma, wie hieß mein Vater?“
„Leslie!“, warf sie ihm vor, „du hast doch wohl bemerkt, dass ich dir bewusst seinen Namen nicht nennen möchte. Ich ahne ja, dass du sonst eines Tages auf die törichte Idee kommst, ihn zu suchen. Und das darfst du auf keinen Fall! Hörst du, auf keinen Fall! Ich werde dich dann nämlich nie wieder sehen! Vielleicht haben sie ihn auch damals umgebracht. Es ist ihnen zuzutrauen. Oh, Les, er stammt aus einem grausamen Volk! Die fackeln nicht lange, glaub mir! Oh, waren sie bedrohlich!“
„Aber mein Vater nicht?“
„Nein, Les, denn wir haben uns wirklich geliebt. Auch er war bereit, sein Volk um meinetwillen zu verlassen.“
„Aus welchem Volk stammt er denn eigentlich?“
„Leslie! Hör auf mit den Fragen! Ich kann dir nicht mehr sagen! Zu deiner eigenen Sicherheit! Oh Les, lass es dir damit genügen, dass du weißt, dass du ganz sicher nicht in Schande gezeugt worden bist. Und daher bitte ich dich, dich fortan mit Graham zu vertragen und alles zu tun, was er dir sagt. Dann wird alles gut werden. Glaube mir, er ist wieder etwas versöhnter und wird dich fair behandeln.“
„Mutter, nur noch eins, ja?“
Sie seufzte ergeben auf.
„Sah mein Vater so aus wie ich?“
Claire sah ihn lange an. Sie stand auf und brachte nach minutenlangem Schweigen ein leichtes Nicken zustande. Dann verließ sie leise den Raum. Leslie spürte, wie in ihr die Erinnerung an damalige Zeiten geweckt worden war und wie sehr sie darum kämpfte, wieder alles zu begraben, damit es ihre Gegenwart nicht belasten würde... Leslie nahm sich vor, sich mit Graham zu arrangieren, allein schon, um seine arme Mutter nicht noch mehr leiden zu sehen.

Tatsächlich verging so über ein Jahr. Graham und Leslie hatten Frieden miteinander geschlossen und es dauerte auch nicht lange, da hatte Graham das Ausgehverbot wieder aufgehoben. Auch bei Graham schien nach dem wütenden Ausbruch eine Last vom Herzen genommen zu sein, etwas, dass ihn lange belastet hatte und dass er unbedingt hatte loswerden, einmal aussprechen wollen. Er bereute aber, dass er die Tatsache von Claires Vergewaltigung Leslie so barsch offenbart hatte und versuchte, sein Verhalten wieder gut zu machen, indem er sein Verhältnis Leslie gegenüber änderte. Graham hatte ein schlechtes Gewissen, was sowohl Claire als auch Leslie bemerkten. Doch sie wahrten Claires Geheimnis wie zwei Verschwörer. Graham wunderte sich, dass Leslie ihm die allzu harte Bestrafung nicht nachtrug. Er war zufrieden, dass Leslie gute Zensuren nach Hause brachte. Auch hatte er versprochen, sich nicht mehr mit Mädchen einzulassen. Graham hatte verstanden, dass bei dem Karnevalsfest immerhin Alkohol im Spiel und Marina nicht ganz unschuldig an der Situation gewesen war. Leslie ließ es von nun an auch sein, seine Mutter mit Ägypten zu triezen. Nun wusste er ja, warum sie so sensibel darauf reagiert hatte. Allerdings informierte er sich bei seinen nachmittäglichen Sitzungen in der Bibliothek ausführlich über dieses Land. Sein großer Traum war noch immer, Archäologie zu studieren...

Juni 1899.

Die Sonne schien. Es war ein herrlicher Tag, der sich über die Feiernden breitete. Eltern, Lehrer und Schüler hatten sich inzwischen auf dem großen Rasenplatz vor der Schule niedergelassen. Der offizielle Teil – die Schulentlassungsfeier in der Aula - war beendet und man labte sich an kühlen Getränken und den Häppchen, die von jüngeren Schülern gereicht wurden. Überall hatten sich kleine Gruppen gebildet, die angeregt in Gespräche vertieft waren. Dr. Hawkins, Leslies Geschichtslehrer, hatte sich zu Familie Manson gesellt und lobte Leslies Leistungen, der seinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht hatte und auch bei der Feier extra dafür hervorgehoben worden war. Man hatte ihm sogar ein großzügiges Geschenk von der Schule überreicht: eine Enzyklopädie des Wissens in zehn Bänden. Nicht nur Leslie war in diesem Moment sehr stolz gewesen, sondern auch Mr. und Mrs. Manson. Ihnen hatte der Schuldirektor sogar persönlich zu ihrem Sohn gratuliert. Graham hatte schon seit Monaten von einigen seiner Bekannten erst mit Verwunderung, dann mit Freude vernommen, was für ein intelligenter und begabter junger Mann Leslie doch sei. Auch mit Marinas Familie hatte man sich ausgesöhnt und das dumme Verhalten der beiden Kinder auf dem Karnevalsball als einen durch Alkohol ausgelösten Ausrutscher hingestellt. Leslie war danach natürlich auf Abstand zu Marina gegangen und hatte sich umso mehr in seine schulischen Aufgaben vertieft. Er hatte Dr. Hawkins durch seine Analysen geschichtlicher Situationen derart imponiert, dass dieser ihn förderte, wo es nur ging. Leslie half ihm nach der Schule bei seinen vielfältigen Aufgaben. Dr. Hawkins nahm ihn mit in Museen, Bibliotheken und auch in die Universität, wo er ihm Professor Dr. Mortimer vorstellte, der eine Kapazität auf dem Gebiet der Archäologie war. Bei diesem Gespräch hatte Dr. Mortimer festgestellt, dass Leslie eine Neigung für das antike Ägypten hatte, und er hatte ihm vorgeschlagen, statt Archäologie doch lieber gleich Ägyptologie zu studieren, was ein eigenständiges Fach bildete. In Folge hatte Leslie mehr und mehr darüber nachgegrübelt, doch er wusste nicht, wie er das seiner Mutter gegenüber erklären sollte. Eigentlich sollte er ja sowieso nach erfolgtem Abschluss in der Firma seines Vaters arbeiten. Er hatte nie wieder seine Eltern auf seinen Wunsch zu studieren angesprochen. Heute war ein guter Tag dafür... Tatsächlich kam ihm sein Lehrer zuvor.
„Mrs. Manson, Mr. Manson, Sie können wirklich stolz auf Ihren Sohn sein”, begann Dr. Hawkins das Gespräch. „Ich werde ihn wirklich sehr vermissen. Nie hatte ich einen besseren Schüler als ihn.“
Leslie starrte verlegen zu Boden, während seine Eltern Dr. Hawkins dankbar anlächelten.
„Wir sind auch sehr zufrieden mit seinen Leistungen“, erwiderte Graham nicht ohne Stolz.
„Ich hoffe, Leslie“, wandte sich Dr. Hawkins nun an ihn, „dass du trotz deines Studiums doch etwas Zeit aufbringen wirst, uns mal zu besuchen und von deinen Erfahrungen auf der Universität den jüngeren Schülern zu berichten.“
Mr. Manson sah den Lehrer irritiert an. Claire dagegen warf Leslie einen unheilahnenden Blick zu.
„Soll es denn nun Archäologie oder Ägyptologie werden, Leslie?“, sprach der Lehrer unbeirrt weiter.
„Ägyptologie?“, entfuhr es Claire fast entsetzt.
„Aber ja, Mrs. Manson! Professor Dr. Mortimer hat Leslie dazu geraten, als wir neulich in der Universität waren. Eigentlich wollte Leslie ja Archäologie studieren, aber Dr. Mortimer meinte, sein Interesse läge eindeutig mehr in dem Gebiet der Ägyptologie. Leslie könnte in New York studieren.“
Während der Lehrer so sprach, war Graham tief in sich gegangen. Er hatte eigentlich erwartet, dass Leslie in der Firma arbeiten würde, aber je mehr er dem Lehrer zuhörte - und gerade auch nach der Auszeichnung der Schule, die Leslie erhalten hatte -, desto mehr konnte er nachvollziehen, dass Leslie am besten auf der Universität aufgehoben war. Außerdem schien er in diesen Gelehrtenkreisen trotz seines fremdländischen Aussehens akzeptiert worden zu sein.
„Dr. Hawkins“, meinte Graham schließlich, „wie wären denn eigentlich Leslies berufliche Aussichten, falls er Ägyptologie studieren würde? Er muss ja auch später Geld verdienen können, nicht wahr?“
Leslie glaubte nicht richtig gehört zu haben. Sein Vater schien einzurenken. Allerdings war Claire ziemlich blass geworden.
„Oh Mr. Manson, die Ägyptologie ist ein aufstrebender Zweig. Gerade in den letzten 100 Jahren sind viele neue Entdeckungen dort bei Ausgrabungen gemacht worden. Und es gibt doch noch viel zu entdecken und natürlich aufzuarbeiten. Wenn Leslie sich gut entwickeln wird, und daran zweifle ich keine Sekunde, dann kann er ein ganz Großer auf diesem Gebiet werden. Er würde bei einer Universität angestellt sein – und, ich bin mir sicher, eines Tages würde er als Professor ein Institut leiten.“
„Dr. Hawkins“, protestierte Leslie leicht verlegen.
„Aber Leslie, du solltest dein Licht nicht immer so unter den Scheffel stellen“, tadelte Dr. Hawkins seinen Schüler und wandte sich wieder dessen Eltern zu. „Meinen Sie nicht, ein Professor Dr. Manson wäre erstrebens- und lohnenswert in Ihrer Familie?“
Fast ehrfurchtsvoll blickte Graham zu Leslie, während Claire immer beunruhigter wurde.
„Muss Leslie denn nicht auch viel nach Ägypten reisen, wenn er Ägyptologie studiert?“, erkundigte sie sich besorgt.
Leslie wusste, warum sie das wissen wollte.
„Aber natürlich, Mrs. Manson“, erwiderte der Lehrer. „Feldforschung gehört unbedingt dazu. Aber seien Sie unbesorgt, Ägypten ist ein friedliches und auch fortschrittliches Land und das Gesundheitssystem ist durch die britischen Behörden recht gut vorangeschritten.“
Claires Ausdruck wurde keineswegs beruhigter. Dr. Hawkins glaubte, nachlegen zu müssen.
„Und dann wird er ja auch nicht allein sein. Die Ägyptologen haben immer ein großes Team dabei. Achja, Leslie, besuche doch bitte am Montag Dr. Mortimer, er wird die Verbindungen zur New Yorker Universität schaffen, wo du dich dann rechtzeitig immatrikulieren musst.“
Leslie schwebte wie im Himmel! Er hatte große Bedenken gehabt, dass seine Eltern überhaupt einem Studium zustimmen würden, und nun gestaltete sich alles so einfach. Seine Eltern schienen einverstanden zu sein und Dr. Hawkins hatte bereits alles weitere organisiert. Das Leben war wunderbar!
„Vielen Dank, Dr. Hawkins“, jauchzte Leslie, und sein Lehrer lächelte freudig zurück. „Und vielen Dank auch für all Ihre Bemühungen!“
„Gern geschehen, Leslie! Und vergiss uns hier nicht! Berichte bald, was sich mit New York ergeben hat! Alles Gute für dich, Leslie!“
Er verabschiedete sich auch von den Mansons und begab sich dann zu einer anderen Gruppe. Claire und Graham sahen sich an, voll von neuen Informationen.
„Also, Leslie“, begann Graham mit Ernst, „ich hatte ja gedacht, dass du nach dem College in der Firma arbeiten würdest, aber was ich da eben so gehört habe... nun ja... vielleicht ist Studieren doch eher das Richtige für dich. Was meinst du, Claire?“
„Ich weiß nicht... mir wäre es lieber, wenn Leslie in der Firma sicher untergebracht wäre. Er kann dort auch Karriere machen und sich mit der Archäologie nebenbei beschäftigen, quasi als Hobby. Und wir wissen ja auch nicht, wie Mathew einschlagen wird.“
Leslie sah seine Mutter leicht grummelnd an. Das konnte doch nicht wahr sein, dass sie ihm das Studieren nur verbieten würde, weil er nach Ägypten reisen müsste!
„Mama“, meinte er, „ich beschäftige mich nicht erst seit gut einem Jahr mit der Ägyptologie, sondern habe mich schon vorher dafür interessiert.“
Graham fragte sich, was Leslie seiner Mutter damit sagen wollte. Claire hatte dagegen seine Botschaft verstanden. Bevor Leslie mehr verraten konnte, erwiderte sie:
„Nun gut, lass uns später noch einmal in Ruhe darüber sprechen. Eine Mutter macht sich halt immer Sorgen. Jetzt lass uns diesen herrlichen Tag genießen!“
Leslie machte sich keine Gedanken mehr. Denn wenn sein Vater sich erst mal mit dem Gedanken angefreundet hatte, dass er studieren durfte, würde es auch soweit kommen. Seine Mutter würde er später zu beruhigen wissen, denn er plante das Studium ja nun wirklich nicht aus dem Grund, seinen leiblichen Vater zu finden, sondern weil es ihn interessierte, schon immer interessiert hatte.

So kam es dann auch, dass Leslie im Herbst nach New York zog. Er wohnte im Studentenheim auf dem Campus der Universität und vertiefte sich eifrig in sein Studium. Auch hier fiel er bald wegen seiner Fähigkeiten auf. So sprach ihn der leitende Professor an, ob er nicht an einer Exkursion teilnehmen würde, die das von der New Yorker Universität geleitete Grabungscamp bei Tanis besuchen würde. Einige der Teilnehmer sollten die seit Monaten in Tanis arbeitenden Archäologen ersetzen. Studenten sollten die Reisegruppe begleiten, um zu helfen, aber auch um Eindrücke von der Situation dort zu gewinnen und ihr Studium voranzubringen. Für Leslie wäre dann zwar erst ein Semester vorbei, aber der Professor wollte ihn und vier andere Studenten – allerdings aus höheren Semestern – gern dabei haben. Leslies Herz hüpfte vor Freude, als der Professor ihn darauf ansprach, und er stimmte natürlich sofort zu. Sechs Wochen lang würde er in Ägypten sein dürfen! Er würde das alles original sehen, die Pyramiden, die Tempel, die Statuen und vieles, vieles mehr... und er würde bei Grabungen dabei sein! Er war so aufgeregt, dass der Professor sich sehr darüber amüsierte.

Bis zu dieser Exkursion war es noch zwei Monate hin. Zunächst stand Weihnachten an und Leslie reiste heim nach Boston, wo sich mal wieder die ganze Familie versammelt hatte. Natürlich berichtete er gleich bei seiner Heimkehr seinen Eltern, dass er zu dieser Exkursion eingeladen war. Graham freute sich, dass Leslie sich offenbar gut in sein Studium eingab, aber Claire war wie vom Blitz getroffen. Als Leslie sich in sein altes Zimmer zurückgezogen hatte, um seinen Koffer auszupacken, eilte sie ihm sofort hinterher, um ihn endlich allein sprechen zu können.
Sie klopfte an, trat ein und sah ihn beängstigt an. Leslie wusste, was sie auf dem Herzen hatte.
„Keine Sorge, Ma“, versuchte er sie von vornherein zu beschwichtigen. „Ich begleite lediglich eine Exkursion, die zu Ausgrabungen fahren wird. Das wird mitten im Nirgendwo sein, wo kein Betrieb sein wird. Du musst dir wirklich keine Sorgen machen.“
Sie stand immer noch wie angewurzelt in der Tür.
„Ach Ma, freu dich doch bitte mit mir! Ich bin so froh, dass ich mit darf! Und ich bin doch erst im ersten Semester! Was für eine Ehre, dass ich da schon dran teilnehmen darf. Und überhaupt, irgendwann wäre ich doch sowieso nach Ägypten gereist. Wenn nicht jetzt im Februar, dann später...“
Er umarmte sie.
„Mach dir bitte keine Sorgen, ja?“
„Ach Les, Les! Ich hatte immer gehofft, dich von Ägypten fernhalten zu können. Und jetzt gehst du ausgerechnet dahin! Ich werde vor Angst sterben, wenn du hinfährst. Bitte, bitte geh nicht!“
„Ma, ich muss doch sowieso eines Tages nach Ägypten reisen. Wie soll ich denn sonst Ägyptologie studieren? Ich verspreche dir, dass ich nicht nach meinem Vater suchen werde. Du fürchtest dich doch nur vor seinem Volk, nicht wahr?“
„Les! Wenn sie dich finden, bist du des Todes! Deshalb darfst du nicht nach Ägypten!“
„Niemand kennt mich dort, Ma...“
„Du darfst niemanden, hörst du, niemandem sagen, dass dein Vater Ägypter ist. Und meide jeden Kontakt zu den Einheimischen, sowohl zu denen am Nil als auch zu denen in der Wüste! Du musst mir das versprechen!“
„Ja, Mama...“ Sie benahm sich sehr merkwürdig. „Mama, wäre es nicht besser, du sagtest mir, vor wem genau ich mich hüten soll?“
Damit hatte er eigentlich recht, dachte sich Claire. Aber sollte sie ihm das sagen? Nachher würde er doch seinen Vater suchen...
„Les, versprichst du mir hoch und heilig, nicht nach deinem Vater zu suchen oder Kontakt mit diesem Volk aufzunehmen?“
„Ja, Ma, das verspreche ich dir!“
„So hüte dich vor den Medjai!“
Medjai? Leslie hatte davon schon mal gehört, allerdings im Zusammenhang mit seinen Studien – und er wusste wie jeder andere Ägypten-Student, dass es keine Medjai mehr gab. Sie hatten zur Zeit des Neuen Reiches die Leibwache des Pharaoh gebildet. Verwirrt sah er seine Mutter an. Verwechselte sie vielleicht etwas?
„Du erkennst sie an ihren schwarzen Wüstengewändern! Halte dich fern von ihnen!“
„Ja, Ma... du, Ma? Bist du sicher, dass diese Leute Medjai heißen? Weil nämlich, also, es gibt keine Medjai mehr...“
„Sie nannten sich jedenfalls so. Bitte, Les, du darfst niemals in ihre Nähe, niemals!“
Er nickte langsam. Sie war gerade in so einer Stimmung, wo sie zu Offenbarungen bereit schien. Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, sie auf die folgende Sache anzusprechen, aber er musste es einfach wagen.
„Ich habe da noch eine Frage, Ma... in dem Programmheft der Aida, du weißt schon, die Aida, die du in Kairo gesehen hast, stand handschriftlich auf der letzten Seite ein altägyptisches Wort, also Hieroglyphen – und es ist deine Handschrift. Sie bedeuten übrigens – wenn man sie anders herum liest - Unterwelt. Ich wusste gar nicht, dass du Hieroglyphen lesen kannst.“
„Ich kann auch keine Hieroglyphen lesen – im Gegensatz zu dir, wie mir scheint. Ach Les, du lässt mir ja doch keine Ruhe. Diese Hieroglyphen habe ich als Erinnerung gezeichnet, als Erinnerung an deinen Vater, der dieses Wort als Tätowierung auf seiner Stirn trug. Er hat mir erzählt, dass alle in seinem Volk auf diese Weise tätowiert sind. Aber bitte, frage jetzt nicht weiter! Du musst dich unbedingt von diesen Leuten fernhalten. Glaub mir, sie würden dich sofort töten, wenn sie von dir wüssten. Ach, ich werde keine Nacht schlafen, solange du in Ägypten sein wirst...“
„Ach Ma, mach es mir doch nicht so schwer! Ich freue mich doch so! Weißt du was? Ich werde dich, so oft ich nur kann, von Ägypten aus anrufen, und wenn sie dort keine Telefone haben, dann sende ich dir Telegramme! Dann hast du Gewissheit, dass es mir gut geht.“
Claire nickte. Ihr standen die Tränen im Gesicht. Ihr Sohn ging in das Land, das ihr so viel Kummer bereitet hatte und dass sie nie wieder betreten wollte. Hatte sie ihm nicht zuviel verraten? Aber eigentlich war sie sich ziemlich sicher, dass ihr Sohn so vernünftig sein und sich von diesen Medjai fernhalten würde. Ja, es war besser gewesen, ihn vor ihnen zu warnen. Er durfte ihnen nicht zu nahe treten, das schärfte sie ihm die ganzen Weihnachtsferien über ein.

Nach diesen wunderbaren Weihnachtsferien, in denen Leslie mit seinem Onkel Patrick angeregt über sein Studium, Geschichte und Politik fachsimpelte und die Familie euphorisch ein neues Jahrhundert feierte, waren es nur noch fünf Wochen, bis Leslie nach Ägypten fahren sollte. Seine Eltern und auch Mathew waren nach New York gereist, um ihn am Überseekai zu verabschieden. Es waren noch zwei Stunden, bis alle Passagiere an Bord sein mussten. Daher hatten die Mansons gemeinsam mit den Wells ein Café aufgesucht. Gordon Well sollte auch mit auf die Reise kommen. Er hatte gerade das dritte Semester hinter sich und war der zweitjüngste Teilnehmer der Expedition. Leslie und Gordon hatten sich schon ein paar Wochen zuvor miteinander vertraut gemacht und alles gemeinsam vorbereitet. Sie lachten, scherzten und steckten mit ihrer Aufgeregtheit die übrigen Familienmitglieder an. Hariette Well, Gordons Mutter, bestellte ihrem Sohn und Leslie noch ein weiteres Stück Torte und entschuldigte ihr Vorgehen damit, dass die beiden „Kinder“ in Ägypten bestimmt nichts Gutes zu essen erhalten würden. Es wurde ein sehr kurzweiliger Aufenthalt in dem Café und man musste bald zum Schiffskai gehen. Nachdem sich die Wells, Graham und Mathew von Leslie verabschiedet hatten, wurde er von seiner Mutter derart fest umarmt, dass er glaubte, ersticken zu müssen. Claire standen Tränen in den Augen. Leslie blickte sie tröstend an und nickte ihr wissend zu: Er würde darauf achten, dass ihm in Ägypten nichts zustößt. Claires Angst stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Ma, ich werde in drei Monaten wieder hier sein! Dann werdet ihr mich hier wieder abholen und wir gehen wieder Torte essen“, scherzte Leslie, doch alle Aufheiterungsversuche halfen nichts. Die Miene seiner Mutter blieb bange. Sanft strich sie ihm über sein schwarzes Haar.
„Ich liebe dich, mein Sohn“, sagte sie bewegt. „Gott segne dich!"
Leslie nickte gerührt. „Ich liebe dich auch, Mama!“
„Leslie!“, rief Gordon, der schon ein Stück die Treppe zum Schiff hinaufgestiegen war. „Komm!“
„Ich melde mich, sobald wir angekommen sind“, sagte Leslie schnell, umarmte seine Mutter ein weiteres Mal und eilte Gordon hinterher. Claire sah ihm mit einem unguten Gefühl und bangen Vorahnungen erfüllt hinterher.
„Bitte, lieber Gott, lass ihm nichts zustoßen...bring ihn mir zurück!“


Bianca M. Gerlich
18. Oktober 2005

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