EPILOG
(ca. 1. Seite, wenn
ausgedruckt)
Gut zwölf Jahre später wurde im
12. Stamm eine große Hochzeit gefeiert. Lyleth und Leyrah, die
seit ihrer gerade wenige Monate zurückliegenden Initiation als
erwachsen galt, schlossen aus tiefstem Herzen und innigst
verliebt den Bund fürs Leben. Cheychera, Sandokan und Verci
konnten diesen denkwürdigen Tag leider nicht mit erleben. Sie
hatten die Erde bereits verlassen.
Ardeth stand im 76. Lebensjahr und blickte tief gerührt auf das
junge Brautpaar. Seine Gedanken reichten zu jenem Tage vor über
zwölf Jahren zurück, als Sandokan und er von einer Vorahnung
erfüllt ihre Familien in ihren beiden Enkeln geeint sahen. Nun
war es so weit. Ihm fiel auch die Prophezeiung der alten
Isis-Priesterin ein, die als Erzieherin Leyrahs der Hochzeit
zugegen war und ihn vielsagend anlächelte: Wenn das Kind
des Südens den ältesten Wächtern der Pharaonen einen Sohn
schenkt, wird dieser sich dem, der nicht genannt werden darf,
stellen müssen.'
Das Kind des Südens! Leyrah war das Kind Vercis, die aus dem
Süden stammte. War es so weit? Stand die Apokalypse endlich nach
über 3000 Jahren bevor? Er selbst würde es wohl nicht mehr
miterleben, aber vielleicht sein Sohn Ardjun.
Grübelnd schaute er zu seinem Sohn Ardjun herüber. Sofort
verdunkelte sich sein Ausdruck. Ardjun hatte es all die Jahre
nicht geschafft, eine Beziehung zu seinem Sohn Lyleth aufzubauen.
Für ihn war jener nur der Untergebene gewesen, der streng
erzogen werden musste, um in die Rolle des Anführers
hineinzuwachsen. Zum Glück hatte Lyleth sich bei seinen
Großeltern geborgen fühlen können. Sie waren ihm mit viel
Liebe und Verständnis begegnet. Ja, Lyleth war zu einem
verständigen, ruhigen und friedliebenden jungen Mann
herangewachsen, auf den Ardeth stolz sein konnte. Nun war Lyleth
verheiratet. Und was für eine Braut hatte er sich erwählt! Ihr
Großvater mütterlicherseits war der malaiische Fürst Sandokan,
Ardeth' bester Freund, väterlicherseits entstammte sie der edlen
Familie Setlata. Überdies war Leyrah ein liebes und tapferes
Mädchen, genau wie Verci, die hier aber nie glücklich geworden
und bei der Fehlgeburt ihres dritten Kindes selbst gestorben war.
Leyrah war ab ihrem 6. Lebensjahr im Isis-Tempel unter der Obhut
der Oberpriesterin, die Leyrahs verborgene seherische
Fähigkeiten zu Tage förderte, aufgewachsen, bis sie mit 12
Jahren den Wunsch verspürte, eine Kriegerin wie ihre Mutter zu
werden. Ihre Tätowierungen waren noch nicht alt, als sie in den
Stand der Ehe trat. Das Kind des Südens...
Als am Ende desselben Jahres der Sohn des Kindes des Südens dem
greisen Ardeth sein erstes Lächeln schenkte, wusste er, dass er
es sein würde. Die Prophezeiung würde sich erfüllen. Nun
konnte Ardeth sich der Schwäche seines Körpers ergeben. Lyleth
war erwachsen, hatte eine charismatische und starke Frau zur
Seite und bereits einen Erben. So stand Lyleth, der seinen Sohn
auf dem Arm hielt, vor seines Großvaters Sterbelager. Im Sterben
wurde Ardeth' Blick hell. Er sah auf einmal neben Lyleth' Gesicht
ein zweites auftauchen, das ihm zum Verwechseln ähnlich sah.
Bevor er aber darüber nachdenken konnte, wer das sei, erblickte
er hinter dem Säugling eine entsetzlich grässliche Fratze, von
der Ardeth wusste, dass sie der Grund war, der die Medjai an
diesen Ort bannte. Jedoch erschrak er nicht, denn sein Blick fiel
sogleich auf das unschuldig lächelnde Kind. Und Ardeth' Blick
leuchtete zuversichtlich auf. Er starb in Frieden mit einem
Lächeln im Gesicht.
Dem größten Anführer der Medjai der letzten Jahrhunderte, der
sein Leben und Wirken ganz dem Erhalt seines Volkes und seiner
wichtigen Aufgabe gestellt und so vieles in seinem Leben
geleistet hatte, wollten viele die letzte Ehre erweisen. In
Anwesenheit aller elf Anführer, vieler tausend Medjai, des
Kurators, von Würdenträgern, Politikern, Abgesandten des
Vize-Königs und vielen Gelehrten wurde sein Sarkophag von
Ardeths engsten Freunden auf eine Bahre gehoben und hinaus in die
Wüste getragen. Nur Medjai durften wissen, wo sich die Gruft der
Familie Bay befand, in der Ardeth ein paar Tage später von
engsten Familienangehörigen beigesetzt werden würde. Sie
würden am nächsten Morgen in Begleitung der anderen
Stammesanführer dem langsamen Trauerzug folgen. Die trauernden
Menschen standen lange bewegungslos und starrten ihrem großen
toten Anführer hinterher. Die Sonne ging unter, als der
Trauerzug hinter einer Dünung verschwand. Lyleth rannen die
Tränen übers Gesicht. Doch Leyrah stand wissend daneben. Vor
ihr erschienen die Gestalten Vercis, Sandokans, Cheycheras und
Ardeth', die ihr zulächelten. Sie lächelte zurück und strich
sanft ihrem Sohn übers Haar, den Lyleth und sie zu Ehren seines
Urgroßvaters Ardeth genannt hatten.
Bianca M. Gerlich,
13. Juli 2005