Home Zeiten der Veränderungen (Autor: Bianca M. Gerlich)

EPILOG
Das Medjai-Dorf des 12. Stammes, Östliche Wüste/Ägypten, 1919

Es war weit nach Mitternacht, als Ardeth seiner Erzählung von Sen-Amar beendet hatte. Er spürte die Betroffenheit der anderen, die lange schwiegen und den Blick gesenkt hatten. Das, was für sie selbstverständlich war - der Zusammenhalt in der Erfüllung ihrer Aufgabe -, war damals auf so schreckliche Weise in Frage gestellt worden und hätte beinahe zur Katastrophe geführt.
Ismail war es, der die bedrückte Stille brach. Er war der einzige der Runde, der noch nicht seine Initiation erfahren hatte und Ardeth hatte an manchen Stellen der Geschichte bedenklich zu ihm herüber geschaut und sich bei seiner Wortwahl bemüht, nicht allzu viel vor ihm auszubreiten, das hatte Ismal ganz genau bemerkt. Er hatte auch mitbekommen, dass die anderen offenkundig darüber Bescheid wussten, was Ardeth unerwähnt ließ, denn sie nickten wissend. Und er wusste auch, dass man das ihm bei seiner Initiation erzählen würde. Aber dennoch war er neugierig geworden.
"Ist es in Hamunaptra wirklich so schrecklich oder ist das eine Geschichte, mit der man Kinder gruseln will?"
Alle, aber auch alle sahen ruckartig auf und blickten zu ihm herüber. Ismail bedauerte, dass er diese Frage gestellt hatte. Aber so recht konnte er ihre Blicke nicht deuten. Ardeth schmunzelte und fragte ihn seinerseits:
"Du möchtest doch nicht etwa der nächste Bay sein, der das herausfinden will, oder?"
Damit war die Angelegenheit beendet, auch wenn Ismail mit dieser Antwort nicht zufrieden war, aber er traute sich nicht weiter nachzufragen. Kemal, ein Freund von Ardeth, half den beiden über diese Sache hinweg und nahm das Stichwort "Bay" auf:
"Wurde denn Sen-Amars kleiner Sohn der nächste Anführer?"
"Nein, Anführer blieb Bagamun und des weiteren seine Kindeskinder. Die Bays wurden erst wieder nach ca. 200 Jahren Anführer und selbst dann nicht bis heute durchgehend. Es gab immer mal Probleme und bessere Anführer."
"Ich kann mich an keine anderen Anführer der zwölf Stämme erinnern als die Bays...", warf ein anderer ein.
"Ja, seit ungefähr 500 Jahren stellten die Bays die Anführer."
"500 Jahre!" staunte Kemal.
Ardeth nickte stumm und dachte an die Probleme, die sein Großvater diesbezüglich fast verursacht hatte vor so vielen Jahren, als er sich gegenüber seinem Vater weigerte zu heiraten und Kinder zu zeugen. Wenn Claire Fairth, seine damalige Geliebte, nicht das Zwillingspärchen Lyleth und Leslie zur Welt gebracht hätte, wäre die männliche Linie erloschen.
"Hat dein Großvater eigentlich schon bestimmt, wer sein Nachfolger wird?" riss ihn jemand aus seinen Gedanken.
Bevor Ardeth antworten konnte, meinte Kemal: "Sein Sohn natürlich! Leslie Bay!"
"Nein", entgegnete Ardeth. "Mein Onkel ist in Amerika aufgewachsen, westlich erzogen und nicht initiiert, und daher möchte Ardjun nicht, dass er die zwölf Stämme anführt."
"Stimmt", fügte Ismail, Leslies Sohn, hinzu. "Mein Vater möchte das auch gar nicht, er möchte eines Tages, wenn ich erwachsen bin, nach Amerika zu seiner Mutter zurückgehen."
"Dein Vater will zurückkehren?" fragte jemand ungläubig nach.
"Ja, er möchte seiner Frau zeigen, wo er aufgewachsen ist. Außerdem ist Großmutter alt und will ihren Sohn noch einmal sehen."
"Wird Ardjun das denn erlauben?" wollte jemand wissen.
"Wieso denn nicht?" erwiderte Ismail.
"Naja, wegen der Nachfolge-Frage..."
"Aber mein Vater will doch sowieso nicht der Anführer der zwölf Stämme sein."
"Als Nachfolger von Ardjun kommt doch sowieso nur der Sohn der Leyrah in Frage!", meinte ein anderer Medjai in voller Überzeugung und wies auf Ardeth.
Ardeth sah ihn ernst an und meinte: "Wenn es überhaupt ein Bay sein wird!"
"Wie meinst du das?" fragte Kemal erstaunt, während alle Blicke auf Ardeth gerichtet waren.
"Das Vertrauen in die Führung der Bays ist seit den Vorfällen um meinen Großvater und Urgroßvater erschüttert, das wisst ihr alle. Andere Stammesanführer fragen sich, und vielleicht zu Recht, warum sie nicht die Anführerschaft übernehmen sollten. Ich bin außerdem noch viel zu jung, Ismail sowieso, und mein Großvater...naja..." Ardeth führte diesen Satz nicht zu Ende, aber jedermann wusste, was er meinte, nämlich dass die Anführerschaft von Ardjun auf dünnem Eis stand. Im Laufe der Zeit war er nicht nur streng, sondern auch eigensinnig geworden und wenig zugänglich für Verbesserungsvorschläge, was gerade jetzt wieder zu spüren war. Jeder wusste, dass er die Vorschläge zur Linderung der größten Not abgelehnt hatte. Kemal aber traute sich, dieses in Worte zu fassen:
"Dein Großvater muss aufpassen, dass er nicht ein zweiter Sen-Amar Bay wird."
Man war erstaunt, dass er das so frei heraus gesagt hatte, und jedem war klar, dass damit nicht gemeint war, Ardjun würde so handeln wie Sen-Amar, sondern nur, dass Ardjun wie Sen-Amar die Anführerschaft der Bays über die zwölf Stämme beenden könnte.
"Allerdings", fügte er hinzu. "wenn ich mir das so recht überlege, glaube ich, dass Ardeth ein guter Anführer sein könnte."
Ardeth wurde etwas verlegen, als ihn alle zustimmend ansahen.
"Mein Großvater wird hoffentlich noch viele Jahre viele gute Dinge tun können und den zwölf Stämmen der Medjai ein starker Anführer sein können", beendete Ardeth kurzum diese Diskussion um die Anführerschaft. "Wichtig ist, dass wir Medjai bestehen bleiben und unsere Aufgabe wahrnehmen..."
Man nickte einstimmig.
"Was ist eigentlich aus den Medjai geworden, die sich nach Theben und in die anderen Orte zurückgezogen haben, also jenen, die den wenigen Übriggebliebenen damals geholfen haben? Sind sie je zurückgekehrt? Haben wir deshalb überlebt?" fragte jemand.
"Nein, sie sind nicht zurückgekehrt", beantwortete Ardeth diese Frage. "Sie wollten ihr Leben in den Städten verbringen. Aber sie vergaßen ihre Brüder nicht und versorgten sie weiterhin, wenn sie in Not waren. Es gibt sie übrigens immer noch: Nachfahren ehemaliger Medjai, aber auch andere Personen, die uns unterstützten, uns Geld für die Waffen geben und ihre Ohren aufhalten, wer Hamunaptra bedrohen könnte. Es sind viele einflussreiche Leute unter ihnen, die uns auch bei den Behörden die Tore öffnen, die wichtige Ämter besetzen. Aber wir können sie jetzt nicht um Lebensmittel anbetteln. Versorgen müssen wir uns schon selber können."
Ardeth spielte damit auf das Problem an, das der Sturm verursacht hatte. In Gedanken versunken und an ihre aktuellen Schwierigkeiten erinnert, sahen die Männer betreten ins Lagerfeuer. Es war inzwischen sehr spät geworden, aber niemand wollte sich zum Schlafen zurückziehen, auch und gerade Ismail nicht, der viel über die Geschichte nachgedacht hatte:
"Ardeth, ich habe noch eine Frage zu deiner Geschichte!"
"Nur zu!"
"Du hast berichtet, wie die Blemier zu Christen geworden sind und die Medjai bei ihrem alten Glauben, der alten Religion, geblieben sind. Wie kommt es nun aber, dass wir an Allah glauben?"
"Ungefähr hundert Jahre nach den Ereignissen um Amar durchquerten Araber dieses Land und zwangen die Bevölkerung, den islamischen Glauben anzunehmen. Im Gegensatz zu den Christen waren sie fähig, auch die Wüste zu durchqueren und so blieb den Medjai nichts anderes übrig, sich ihrer Überlegenheit zu beugen, wenn sie überleben wollten. Man schickten Lehrer, die die Formen des wahren Glaubens vermittelten, und so wurden die Medjai mit der Zeit zu überzeugten Muslimen. Außerdem verbesserte das die Kommunikation mit der Bevölkerung am Nil, die auch größtenteils diesen Glauben angenommen hatte."
Manch einer war erschüttert über diese nüchterne Erläuterung zu ihrer Religion, die ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens war. Die Medjai beteten zu Allah, allerdings hatten sie niemals aufgehört, an ihr Erbe aus der Pharaonenzeit zu glauben und in gewisser Weise vertrug sich das sogar. Die islamische Glaubensrichtung der Medjai war mit vielen mystischen Elementen versehen. Ist es wichtig, ob es ein Gott ist oder ob es mehrere Götter sind, die Teil eines ganzen Göttlichen sind, das gut und böse hervorruft und die Menschen zwingt, sich damit auseinanderzusetzen? Sicherlich würde dieser Ansatz viele Kritiker im eigenen Glauben hervorrufen, die den Monotheismus als höchste Doktrin ansahen, die sich nicht mit den Überlieferungen der alt-ägyptishen Götterwelt vertrug. Dennoch konnten die Medjai mit beiden Vorstellungen leben, weil für sie der Inhalt und nicht die Form zählte. Das Göttliche verkörperte das Gute und die Menschen sollten versuchen sich dem Guten weitmöglichst anzunähern - im Kampf gegen das Böse, das aber auch der Welt vermacht worden war. Und die Aufgabe der Medjai war es, das Böse zu bewachen, davon abzuhalten, dass es über die Welt herfällt. Darauf galt es sich zu konzentrieren. Diskurse über Formen der Religion konnten andere führen. Sicherlich sehnte sich manch einer insgeheim nach den glorreichen alten Zeiten zurück, als es noch Pharaonen gab und man sich in ihrem Glanz sonnte. Aber den meisten war sehr wohl klar, dass sich die Zeiten geändert hatten, dass es Pharonen wie früher niemals mehr geben würde, dass mit der Veränderung auch Neues kam, auch neue Weisen der Anbetung des Göttlichen. Das musste man akzeptieren und konnte sich nicht dagegen auflehnen. Aufklärung, Technik, Fortschritt, internationales Zusammenwachsen - all das veränderte das Antlitz der Erde, aber ihnen war klar, sie würden hierbleiben müssen, denn zu allen Zeiten gab es machtbessene Menschen, die nicht zögern würden, das, was die Medjai hier bewachten, einzusetzen, um ihre Ziele zu verwirklichen.

Am nächsten Morgen rief Ardjun seinen Enkel zu sich und erklärte ihm, dass er einige geeignete Frauen in die Stadt schicken würde, damit sie dort den Bauchtanz unterrichten sollten. Einige Krieger sollten sie zum Schutz begleiten.
"Aber nur, solange hier Not herrscht. Das darf nicht zur Gewohnheit werden", fügte Ardjun seinen Anweisungen hinzu.
"Natürlich", antwortete Ardeth, der sich sehr darüber freute, dass sein Großvater eingelenkt hatte.
Als sich Ardeth gerade zum Gehen wandte, meinte Ardjun wie beiläufig: "Übrigens habe ich gehört, dass du gut Geschichten erzählen kannst."
Ardeth drehte sich um, er war zwar nicht erschrocken, aber ihm war klar, dass die Meinungsänderung seines Großvaters in einem Zusammenhang mit der Geschichte über Winamun und Sen-Amar Bay stand. Er hoffte aber inständig, dass seinem Großvater nicht der Vergleich zwischen Sen-Amar und Ardjun zu Ohren gekommen war, den ein Krieger am Lagerfeuer geäußert hatte. Ardjun aber lächelte versöhnlich und sprach weiter:
"Neue Situationen erfordern neue Ideen, neue Handlungsweisen. Und nun geh, Allah möge dich auf deinen Wegen begleiten!"
"Sayadi", verabschiedete sich Ardeth ehrerbietig und trat unter der Plane des nach drei Seiten offenstehenden Zeltes heraus.
Ardjun sah ihm noch eine Weile hinterher und nickte anerkennend. Ardeth machte sich Gedanken um die Geschicke des Stammes. Ardjun stellte zufrieden fest, dass Ardeth bereit war, Verantwortung zu übernehmen.

Bianca M. Gerlich
10. April 2002 (leicht geändert am 18. Juli 2008)