Home Ardeth I. - Claire und Ardjun

CLAIRE UND ARDJUN
(ca. 15 Seiten, wenn ausgedruckt)

Westliche Wüste/Ägypten, 1880.
Tränen standen in Ardeth' Augen, als er mit einigen Kriegern durch den einstigen Medjai-Ort ritt, der zwei Nächte zuvor dem Angriff einheimischer und europäischer Soldaten zum Opfer gefallen war. Es war nicht mehr viel übrig: Die Umzäunungen waren niedergerissen, die vielen Zelte, die die Frauen in jahrelanger mühevoller Arbeit aus Ziegenhaar gewebt hatten, waren größtenteils verkohlt und die Leichen der getöteten Tiere häuften sich, wo einst die Herden friedlich geweidet hatten. Damit war aller Reichtum des Stammes dahin. Jakhrab beitak - möge dein Haus zerstört werden - der ärgste der arabischen Flüche hatte sie getroffen.
Ardeth stieg vom Pferd und sank vor dem Anblick der vielen toten Ziegen und anderen Tiere, deren Leiber inzwischen von Aasfressern zerfetzt worden waren, auf die Knie und schluchzte tief. Über fünf Jahrzehnte lang war dieser Ort seine Heimat gewesen, hier war er aufgewachsen, hatte geheiratet, seine Kinder aufwachsen sehen, Freud und Leid erlebt und seinen Ort als Anführer so gut geschützt gegen Übergriffe von Wüstenräuberbanden wie es nur ging, und nun war alles vernichtet, sein Stamm auf der Flucht in einem provisorischen Lager mit der wenigen Habe, die sie nach dem Angriff hatten mitnehmen können... und er gab sich die Schuld daran. Er trug schließlich die Verantwortung...
Hamid, sein Schwager, Freund und Stellvertreter, Bruder seiner Frau Cheychera, legte ihm die rechte Hand auf seine linke Schulter. Der Trost half nichts. Ardeth schluchzte weiter. Hamid wies die anderen Krieger mit einem Blick an, weiterzureiten und sie beide allein zu lassen. Er sah voller Mitleid auf seinen Freund, ahnte, was er im Inneren seines Herzens durchmachen musste.
"Hamid", schluchzte Ardeth, immer noch auf dem Boden knieend und mit den Fingern den Sand durchwühlend. "Was habe ich getan? Bei Allah, was habe ich nur getan?"
"Ardeth, mein Freund", erwiderte Hamid, "du konntest das doch nicht ahnen. Dich trifft keine Schuld. Woher solltest du wissen, dass die Soldaten uns überfallen würden?"
"Weil ich die Briten herausgefordert und auch die Offiziere der ägyptischen Armee verärgert habe! Ich allein trage an all dem die Verantwortung!"
Hamid schüttelte verzweifelt seinen Kopf. Ardeth hatte zwar Recht, aber die Konsequenzen waren wirklich nicht abzusehen gewesen. Bislang hatten sie in Frieden und weit entfernt von jeglichem Weltgeschehen gelebt. Der Angriff war eine böse Überraschung gewesen.
"Wäre ich nicht so stur gewesen und wäre ihnen entgegengekommen, dann hätten sie uns in Frieden gelassen", beschuldigte Ardeth sich weiter. "Aber nein! Kein Medjai wird jemals in einer Armee, die von einem unfreien ägyptischen König, ach was, Vizekönig, befehligt wird, dienen, musste ich ihnen ja höhnend entgegnen. Oh dieser verdammte Stolz! Er hat uns unsere Existenz gekostet!"
"Ardeth, hör auf!", befahl Hamid lautstark. "Hör auf dich zu bemitleiden! Es war richtig, was du ihnen gesagt hast. Und daran allein kann es auch nicht gelegen haben. Es gibt sicherlich noch andere Gründe, die wir jetzt noch nicht klar erkennen können."
"Nein, Hamid, du kennst das Gebot: keine Einmischung in die politische Situation - egal, was passiert. Ich habe dagegen verstoßen... dafür gibt es keine Entschuldigung."
"Ardeth, du hast dich doch nicht wirklich aktiv eingemischt, nur deine Meinung kundgetan", versuchte Hamid einzulenken. "Irgendetwas stimmt da nicht. Aber wir müssen jetzt nach vorn sehen, das Überleben unseres Stammes sichern. Lass uns alles Brauchbare von hier mitnehmen und zu unserem Lager zurückkehren. Sie brauchen uns dort jetzt. Du weißt, dass wir jetzt leichte Beute für die Räuber sind."
Ardeth nickte stumm und erhob sich langsam. Er schaute sich wie betäubt um und führte sein Pferd durch die verwüsteten Wege des Ortes. Hamid sah ihm besorgt nach. Ardeth' Gesicht war fahl geworden, sein Haar quasi über Nacht grau. Gewiß, er war bereits 56 Jahre alt, aber hatte immer den Eindruck eines starken, vitalen und durchgreifenden Anführers vermittelt. Jetzt war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Ereignisse des vergangenen Jahres und besonders der letzten Tage hatten ihn stark mitgenommen. Aber Hamid wusste, dass Ardeth nicht aufgeben würde, das heißt, er hoffte es. Der Stamm, vielmehr alle zwölf Medjai-Stämme waren eigentlich nichts anderes von ihm gewohnt gewesen, sie hatten ihn stets sehr verehrt und geachtet. Ardeth war immer für die Sache der Medjai eingetreten, war viel gereist, hatte die alte Religion geachtet, hatte sich um den Erhalt der Kulturgüter bemüht, so gut es eben zu dieser Ausverkaufszeit Ägyptens im 19. Jahrhundert nur ging und an einer Ausstellung in Kairo mitgearbeitet, um zu verhindern, dass die Sachen aus der Pharaonenzeit ins Ausland verscherbelt wurden. Und doch hatte es in jüngster Vergangenheit Stimmen aus den eigenen Reihen gegeben, die Ardeth' Autorität anzweifelten. Hamid erinnerte sich mit Schaudern an die Ereignisse aus dem Vorjahr, die mit Schuld an der jetzigen Situation waren. Das Verhängnis hatte in der Oper in Kairo seinen Lauf genommen.

Kairo, 1879.
"Aida" stand in der Oper in Kairo auf dem Programm. Ardeth war mit seiner Frau und seinem Sohn, seinem Nachfolger, der Einladung des neuen Vizekönigs Tawfiq anlässlich dessen Thronbesteigung gefolgt. Sein Freund William Cranigton und dessen Verlobte Valeria sowie eine Freundin Valerias befanden sich in ihrer Begleitung. Nach einem eher steifen Empfang, den Tawfiq vor der Opernaufführung gab, konnten sie zu sechst einen wunderschönen und sehr amüsanten Abend genießen.
Für Cheychera war es das erste Mal in der Oper, sie achtete allerdings weniger auf die Musik als mehr auf ihre frisch erstandene Garderobe, ein langes rotes Kleid, was zunächst ungewohnt für die Kriegerin und First Lady der Medjai war, die ihr Leben lang ein schwarzes Gewand getragen hatte. Cheychera hatte auf den Kauf des Kleides mit der Begründung bestanden, die Oper sei ja einer Sache der Europäer und sie wollte da nicht auffallen. In Wirklichkeit sei es nichts anderes als weibliche Eitelkeit und die Zeit ihres Lebens verpasste Gelegenheit, so etwas mal tragen zu können, dachte sich Ardeth und gab beim Kauf klein bei, wohlwissend, dass, wenn sich seine Frau erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, er sowieso keine Chance hatte. Außerdem hatte sie in ihrem Leben nicht so viel Abwechselung wie er selbst erfahren, also gönnte er ihr das Vergnügen und zahlte leicht seufzend den Preis für das reizende Stück. Als der Verkäufer ihn dann aber schließlich selbst bedrängte, sich etwas dazu Passendes zuzulegen, ergriff Ardeth die Flucht. In seinem ganzen Leben hatte er nichts anderes als sein Medjai-Gewand getragen, das würde er jetzt nicht ändern. Bei dem Gedanken kam er ins Stocken. Sein ganzes Leben? Nein, einmal, da lief er eine Zeitlang wie ein bunter Hund herum, aber das war lange her und in einem völlig anderen Land. In seinen Gedanken ließ er seine Zeit in Acheh lebendig werden und lächelte in Erinnerung an seinen Freund Sandokan. Was aus ihm wohl geworden ist?
"Dir gefällt also mein Kleid", hatte da Cheychera auf sein Lächeln hin bemerkt.
Aus seinen Gedanken gerissen beeilte sich Ardeth zu sagen: "Ja, ja, es gefällt mir."
Cheychera war zufrieden. Nicht nur, dass sie mit Ardeth endlich einmal ausging, nein, sogar ihr Sohn würde dabei sein. Sie war sehr stolz auf ihren Sohn. Er war ihr zweiter Sohn; ihr erster, Boreth, der den Namen von Ardeth' Vater trug und das Erbe seiner Vorväter, die Herrschaft über die zwölf Medjai-Stämme bewahren sollte, war im Alter von zehn Jahren nach einem Fieberanfall verstorben. Nun fiel Ardjun die Aufgabe zu und er hatte sich bisher als würdig erwiesen. Er stand in seinem 18. Lebensjahr, ein vernünftiger junger Mann, der sich über die Verantwortung seiner Herkunft bewusst war. Cheychera fragte sich, wann Ardeth zugunsten von Ardjun zurücktreten würde, wirkte er doch schon viele Jahre als Anführer der Medjai und hatte sich selten Ruhe gegönnt. Wahrscheinlich würde er noch ein paar Jahre warten, vielleicht, bis Ardjun eine passende Braut gefunden hatte.
Cheychera erkannte Ardeth, der sonst immer in der Öffentlichkeit so erhaben und ernst wirkte, fast nicht wieder, wie er sich da beinahe nonchalant mit Valeria über die Sänger unterhielt. Beide waren mit glühenden Augen in dieses Thema vertieft und Ardeth erklärte Valeria, wie es damals wirklich bei den Pharaonen zugegangen war. Valerias Verlobter William, der in Ardeth' Diensten in Kairo stand und altägyptische Artefakte auf dem Schwarzmarkthandel aufspürte, interessierte sich weniger für die Musik und machte Cheychera Komplimente. Seit langer Zeit war William mit Ardeth befreundet und hatte manches Abenteuer mit ihm erlebt. Er war so alt wie Ardeth selbst, aber hatte erst in Valeria die Liebe seines Lebens gefunden. Valeria selbst hatte auch schon die dreißig überschritten. Sie war eine herzensgute, aber auch energische Frau. Bald würden die beiden heiraten. Valeria hatte eine Freundin mitgebracht, die wesentlich jünger war als sie selbst: Claire Fairth war Irin, gerade mal 17 Jahre alt. Ihre Familie lebte erst seit kurzer Zeit in Kairo, der Vater war aus geschäftlichen Gründen vor Ort. Claire war sehr schüchtern gegenüber ihrer eher lebhaften Freundin Valeria. Und dennoch bemerkte Cheychera die Blicke zwischen ihr und Ardjun. Die beiden gleichaltrigen jungen Leute musterten sich aufmerksam. Claire hatte noch nie so jemanden wie Ardjun gesehen, einen schwarzgelockten, gutaussehenden Wüstenkrieger mit Tätowierungen im Gesicht, der noch dazu in die Oper ging. Er faszinierte sie, ebenso wie sie ihn faszinierte. Ardjun hatte sich zwar schon einige Zeit in Kairo wegen seiner Studien in der Bibliothek des privaten Museums aufgehalten, aber war wenig mit Fremden in Berührung gekommen und schon gar nicht mit jungen europäischen Mädchen. Claire hatte hellbraune Haare, die sie zu einem Zopfkranz auf ihrem Kopf gebunden hatte, und grüne Augen. Sie trug ein leicht ausgeschnittenes, stark detailliertes zartrosa Kleid aus Seide. Ein durchsichtiges weißes Tuch umgab ihre schmalen Schultern. Ardjun schaute tief in diese grünen Augen und Claire verlor sich in seinen braunen. Es war Liebe auf den ersten Blick. In der zweiten Pause standen die beiden schon ein wenig abseits von den anderen, um sich ein erstes Mal auszutauschen. Ardjun reichte Claire ein Glas Limonade.
"Ich... ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Fairth", stammelte Ardjun etwas verlegen.
"Die Freude ist ganz meinerseits, Mr. Bay", erwiderte Claire artig.
Sie verloren keine unnötigen Worte, etwa über die Oper oder die Atmosphäre hier oder über Kairo... nein, sie schwiegen sich an, wohlwissend, was sie füreinander empfanden. Und so rang sich Ardjun schließlich zu der Bitte durch, bevor sich nach der Opernaufführung keine Gelegenheit mehr dazu bieten würde: "Ich würde Sie gern wiedersehen, Miss Fairth."
"Ich auch, Mr. Bay", wisperte Claire und sah leicht beschämt zu Boden.
"Morgen um 17 Uhr im Park bei der Ramses-Statue?" hakte Ardjun nach.
"Oh", stieß Claire traurig hervor, "das geht leider nicht..."
Ardjun ließ seinen Kopf sinken.
"Nein, so meine ich das nicht, Mr. Bay", fuhr Claire schnell fort. "Ich meine, ja, ich meine, dass wir um 17 Uhr immer unsere Teestunde haben. Aber um 18 Uhr, denke ich, kann ich da sein."
Ardjun hob lächelnd seinen Kopf und nickte freudig: "Ja, das wäre wunderbar."
Es läutete, der nächste Akt sollte gleich beginnen. Ardjun und Claire gingen zu den anderen vier hinüber, die ein schwungvolles Schwätzchen gehalten hatten und ihre freie Zeit, die sie miteinander verbringen konnten, genossen. Cheychera warf Ardjun einen fragenden, fast schon kritisierenden Blick zu, aber Ardjun bemerkte ihn nicht einmal. In seinem Inneren frohlockte er, er nahm gar nichts anderes mehr wahr, nur Claire... Sie allein war in seinen Gedanken. Claire ging es genauso und beide fieberten nach dem Abend ihrem Treffen am folgenden Tag entgegen.

Es dauerte keine drei Tage und Ardjun und Claire waren sich sicher, dass sie füreinander bestimmt waren. Längst hatten sie sich ihre Liebe gestanden. Sie waren überwältigt von ihren Gefühlen dem anderen gegenüber. Wie so oft saßen sie auf ihrem gemeinsamen Lieblingsplatz zu Füßen des großen, fast schon abstrakt anmutenden Denkmales im Park, hielten einander fest, philosophierten oder träumten vor sich hin. Sie dachten nicht an die Zukunft, lebten nur in der Gegenwart ihrer Gesellschaft und träumten den Traum der ersten Liebe. Nur manchmal überfielen sie Zweifel an den Fortbestand ihrer Beziehung, zumeist, wenn ein Passant ihnen einen kritischen Blick zuwarf. Musterten sie Ardjun, der selbst auf Einheimische in Kairo fremd wirkte aufgrund seiner Tätowierungen? Oder musterten sie das Paar als solches, eine Europäerin und einen Einheimischen?
"Wie ist es so in Europa?", wollte Ardjun wissen.
"In Irland, meiner Heimat, ist es wunderschön. Es ist herrlich grün dort und es gibt viele Tiere, aber auch viele Burgen. Wir selbst haben in einem großen Haus gewohnt. Es ist längst nicht so heiß wie hier. Aber du, wo kommst du genau her?"
"Ich stamme aus der Wüste, einige Tagesritte von hier entfernt, südwestlich von Abydos, wenn dir das was sagt. Und es ist dort noch viel heißer als hier. Aber Tiere haben wir auch eine Menge."
"Schafe?"
"Nein, hauptsächlich Ziegen. Und Kamele."
"Du bist aber kein Bauer oder Ziegenhirte, nicht wahr?"
"Nein, Claire, ich bin ein Krieger."
"Und was machst du hier in Kairo?"
"Ich studiere alte Schriften und Bücher über die Pharaonenzeit."
"Wozu braucht ein Krieger denn so was?"
"Wir haben eine besondere Aufgabe, die etwas mit dieser Zeit zu tun hat, daher müssen wir möglichst viel darüber wissen."
"Eine besondere Aufgabe?"
"Ja, wir bewachen die alten Gräber und Tempelanlagen, damit niemand sich an ihnen vergreift." Das entsprach zwar nicht der besonderen Aufgabe, die Ardjun gemeint hatte, aber er hoffte, dass Claire sich damit zufrieden gegen würde. Überhaupt war es ihm unangenehm, an seine eigentlichen Pflichten erinnert zu werden.
"Aber um Gräber und so zu bewachen, muss man doch nicht alte Schriften zu studieren," wandte Claire ein. Sie spürte, dass Ardjun ihr etwas verheimlichte.
"Ja, Claire, du hast recht. Aber ich darf dir nicht mehr darüber berichten, es ist uns verboten. Ich habe geschworen, es niemandem, der nicht eingeweiht ist, zu erzählen. Kannst du das verstehen?"
Claire nickte, aber schien nicht ganz zufrieden damit. Sie würde gern mehr über Ardjun erfahren.
"Ardjun, bist du schon lange in Kairo?"
"Ja, seit ungefähr einem Jahr."
"Und in diesem Jahr hast du nur alte Schriften studiert?" Und sie schob schnell hinterher, damit sie nicht als so neugierig dastand: "Verzeih, dass ich dich so ausfrage, aber ich würde gern mehr über dich wissen."
Ardjun lächelte leicht und erwiderte: "Du möchtest einen Lebenslauf von mir?"
Sie nickte und war froh, dass er ihr ihre Fragerei nicht übel nahm.
"Also gut," begann Ardjun und holte tief Luft. "Aufgewachsen bin ich, wie gesagt, in der Wüste. Dort wurde ich auch ab meinem zehnten Lebensjahr zum Krieger ausgebildet, mit 16 war ich damit fertig und erhielt zum Zeichen dafür diese Tätowierungen, damit habe ich mich dann auch entschieden, mein ganzes Leben in den Dienst meines Stammes zu stellen..."
"Hast du noch anderswo Tätowierungen?"
"Ja, so ziemlich überall."
"Und was bedeuten sie überhaupt?"
"Sie sollen mich an meine Aufgabe erinnern und auch daran, dass sie über den Tod hinaus geht."
"Über den Tod hinaus?", fragte Claire fast entsetzt nach.
"Ja, es...es geht um die Bewachung eines... also..." Ardjun geriet wieder in dieses verzweifelte Stocken, nicht wissend, wie er Claire das erklären konnte, was er eigentlich nicht sagen durfte. "Also, auf meiner Stirn steht zum Beispiel in Hieroglypen das Wort für 'Unterwelt' geschrieben..."
"Unterwelt?", unterbrach ihn Claire, nun wirklich entsetzt. "Du meinst Hölle?"
"Nein, nicht Hölle, sondern das Jenseits. Es bedeutet, dass ich nach meinem Tod dorthin gehe, um weiterhin die Aufgaben der Med... ehm, meines Stammes wahrzunehmen...". Ardjun holte tief Luft. "Es ist schwer, das zu verstehen.... jedenfalls muss jeder Sohn, jede Tochter eines Stammesanführers nach seiner Initiation, also nachdem er diese Zeichen erhalten hat, hierher kommen, um sich für ungefähr ein Jahr mit den alten Schriften zu beschäftigen. Erst dann ist er ein wahrer M... Krieger."
Claire bemerkte, wie Ardjun sich verzweifelt bemühte, sich durch die Fakten zu lavieren und möglichst nicht sein Geheimnis preiszugeben. Es kränkte sie ein wenig, dass er ihr nicht vertraute. Wusste er nicht, dass sie niemandem etwas verraten würde?
"Ardjun?"
"Ja?"
"Später...wenn wir mal verheiratet sein werden, wirst du mir dann mehr erzählen?"
Ardjun sah sie immer noch verzweifelt an, aber nickte langsam. Was zählte sein Geheimnis, wenn sie weit weg von Ägypten leben würden? Und eine andere Zukunft mit Claire als in der Fremde konnte er sich nicht vorstellen. Als ob Claire seine Gedanken erraten hatte, fragte sie ihn seufzend: "Ach, Ardjun, wie soll das mit uns nur weitergehen?"
Ardjun sah sie schmerzvoll und ratlos an. "Ich weiß es nicht, Claire. Ich wünschte, ich wüsste eine Lösung."
"Und wenn du mich einfach mit in die Wüste nimmst... einfach sozusagen entführst...?"
"Meine Familie wird eine Fremde ablehnen, da bin ich mir ganz sicher", erwiderte Ardjun resignierend. "So wie deine mich nie akzeptieren würde."
Sie saßen lange Zeit da und starrten in den Sonnenuntergang. Verzweiflung umfasste ihre Herzen, sie hielten sich fest in den Armen, so als wollten sie sich nie mehr loslassen. Doch beide mussten nach Hause zurückkehren, Claire ins Haus ihrer Eltern und Ardjun in das von den Medjai gekaufte Haus in Memphis. Er brachte sie nach Hause. Sie hatten sich für den nächsten Tag wieder verabredet.

Als Ardjun das Medjai-Haus betrat, begrüßte ihn Ardeth, der in der Gemeinschaftshalle unten auf ihn gewartet hatte.
"Ardjun, so spät?"
Ardjun fiel vor seinem Vater und Anführer auf die Knie. Nachdem er sich erhoben hatte, sprach er: "Ich habe einen Spaziergang durch Kairo gemacht."
Ardeth dachte sich nichts weiter dabei, als dass sein Sohn ein wenig Freizeit vom Studieren und seinen sonstigen Verpflichtungen haben wollte. Wie sorglos Ardjun doch war, während ihn selbst die Sorgen nur so überschütteten. Wahrscheinlich schon am nächsten Tag musste er den Anführern der anderen elf Stämme Rede und Antwort stehen. Nie zuvor hatten sie an seiner Autorität gezweifelt, doch nun kritisierten sie, dass er so wenig Zeit für sie habe, selten die anderen Stämme besuche und dass er dabei war, sich mit den Engländern zu überwerfen. Diese beschuldigten die Medjai, die Forschertruppen zu überfallen, die sich aufmachten, um die Tempelanlagen in Theben und Umgebung zu erforschen. Die anderen Anführer ermahnten ihn zu mehr Passivität, er sollte seine Aktivitäten vielmehr damit verbringen, sich um die Stämme der Medjai zu kümmern. Ardeth war es überdrüssig, diese Klagen zu hören. Natürlich konnte er nicht überall gleichzeitig sein. Das war ihm klar und musste auch den anderen klar sein. Er vermutete ein Intrigenspiel hinter seinem Rücken. Besonders ein Anführer beschuldigte ihn aufgebracht: Jazar Gazur, der Fürst des 11. Stammes. Er hatte bereits einige andere Stammesanführer auf seine Seite gebracht. Ardeth blickte nicht durch das Intrigenspiel durch und beriet sich mit Hamid und auch mit William, der davon berichtete, dass ihm die Arbeit in Kairo zunehmend schwerer gemacht wurde. Hamid riet Ardeth, seinen Sohn Ardjun mit der Tochter von Jazar zu verheiraten. Sicherlich wolle Jazar darauf hinaus, um an der Macht der Bays, die seit Jahrhunderten die Medjai-Führerschaft innehatten, teilzuhaben. Ardeth zog diese Möglichkeit in Erwägung, obwohl es ihn ärgerte, Zugeständnisse zu machen. Er berichtete seinem Freund William von diesem Plan und auch von der Zuverlässigkeit seines Sohnes, der bald in seine Fußstapfen treten sollte. Er würde dem Rat der zwölf Medjai-Anführer diese Hochzeit zum Zeichen der Einheit vorschlagen. Bei all seinen Beschäftigungen und Überlegungen hatte Ardeth keine Zeit gefunden, sich mit seinem Sohn zu unterhalten. Und als Cheychera zu seinem Plan meinte, dass Ardjun sich in letzter Zeit so merkwürdig benehmen würde, fast so, als wäre er verliebt, entgegnete Ardeth nur, dass Ardjun wisse, wo sein Platz sei und seine Verantwortung läge und man sich auf ihn verlassen könne. Aber dennoch wollte er Ardjun gern in seinen Plan einweihen, da dieser ihn ja auch direkt betraf. Endlich bot sich die Gelegenheit.
"Ardjun, ich muss mit dir reden."
"Ja, Vater?"
"Du weißt, dass ich zur Zeit Schwierigkeiten mit einigen Anführern habe und dass, falls morgen alle Anführer der Stämme der Medjai eingetroffen sein werden, ein Rat einberufen wird. Ich befürchte, dass sie meine Position in Frage stellen werden, insbesondere Jazar Gazur. Ich möchte nicht, dass die Stämme der Medjai sich zerstreiten. Daher habe ich einen Plan."
Ardjun war über die Geschehnisse informiert, doch er hatte sie verdrängt, fast so, als würden sie ihn nichts mehr angehen. Er konnte die Verzweiflung, die hinter der Erzählung seines einst so gefürchteten und autoritären Vaters stand, nicht spüren.
"Jazar Gazur hat eine Tochter. Und ich möchte, dass du sie zum Zeichen des Zusammenhaltes aller Medjai-Stämme heiratest."
Ardjun starrte seinen Vater ungläubig an. Er stand förmlich unter Schock und konnte kein Wort herausbringen.
"Ich weiß", fuhr sein Vater fort, "es bedeutet ein Opfer für dich, weil du dich noch nicht mal nach einer Braut deiner Wahl umschauen konntest, aber ich bitte dich sehr, tu es für uns! Tu es für den Fortbestand der Familie Bay, tu es für alle Medjai!"
Fortbestand... Bay... Medjai… das waren auf einmal leere Worte für Ardjun. Und doch wusste er, dass er seinem Vater nicht die Wahrheit sagen konnte, auf gar keinen Fall. Er musste mitspielen und später, bei Gelegenheit, seine eigenen Interessen wahrnehmen. Er nickte benommen und brachte leise hervor: "Ich verstehe... ja... wäre das alles?" Er wollte nur noch diesem Gespräch entfliehen, auf keinen Fall seine wahren Gefühle preisgeben.
"Ja, mein Sohn", erwiderte Ardeth. Er hatte erwartet, dass Ardjun selbstredend einverstanden sein würde, aber war dennoch stolz auf die schnelle Einsicht seines Sohnes, konnte aber auch dessen Benommenheit über die Neuigkeit nachvollziehen. "Halte dich morgen bereit. Wahrscheinlich treffen Jazar und die anderen fehlenden vier Anführer noch morgen ein."
"Ja, mein Vater", schloss Ardjun das Gespräch und verneigte sich abermals, bevor er auf sein Zimmer ging.

Ardjun lag die ganze Nacht wach und grübelte nach. Er wusste, er liebte Claire und wollte mit ihr zusammenleben. Je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihm auch, dass die Medjai auch ohne ihn weiterexistieren würden. Um den, der nicht genannt werden durfte, zu bewachen, bedurfte es seiner nicht. Der schändliche und verworfene Hohepriester Imhotep - wann war er je wieder lebendig geworden? Gab es auch nur einen Fall in der Geschichte der Medjai, wo sie ernsthaft einzugreifen hatten? Seit Jahrtausenden diese Bewachung, dieses Leben als Wüstenkrieger - wofür eigentlich? Warum sollte er, Ardjun, nicht seine eigenen Vorstellungen vom Leben haben dürfen? Andere konnten auch wählen, was sie aus ihrem Leben machen wollten, wo und mit wem sie leben wollten. Warum sollte ihm das verweigert sein? Und er wollte doch nur eins: Claire heiraten und mit ihr zusammen leben.

Am Morgen ging er wie jeden Tag zur Bibliothek. Er hatte sich mit Claire um 11 Uhr verabredet. Das war gut so für seinen Plan. Hoffentlich früh genug, um dem Vorhaben seines Vaters zu entgehen.
Claire wartete wie immer im Park. Ardjun zog sie aufgeregt unter einen Baum, der sie fast ganz verbarg.
"Claire, hör zu. Es ist wichtig", begann Ardjun.
Claire war betroffen wegen Ardjuns ernstem Gesicht. Irgendetwas war vorgefallen, das spürte sie. "Was ist, Ardjun?"
"Wir müssen noch in dieser Stunde fliehen."
"Was?", brachte Claire erschrocken hervor. "Warum?"
"Wir müssen ganz schnell weg von Kairo, weg von Ägypten. Mein Vater will mich heute zur Ehe mit einer anderen Frau zwingen."
Claire stieß erschrocken einen Schrei aus.
"Liebst du mich, Claire?", fragte Ardjun eindringlich.
"Ja, ja!", rief sie.
"Dann folge mir! Lass uns fliehen!"
"Wohin, Ardjun?"
"Zuerst nehmen wir den Zug nach Alexandria. Von dort versuchen wir, in See zu stechen und nach Europa zu kommen. Wir werden irgendwo siedeln und Land bebauen. Wir ziehen dort unsere Kinder groß. Niemand wird unser Glück stören, keine Medjai und auch nicht deine Familie."
"Medjai?" Das war es doch, was Ardjun am Vortag nicht auszusprechen gewagt hatte.
"Die Leute meines Stammes", erklärte er und fragte hastig: "Hast du einen Pass?"
"Ja... aber nicht hier."
"Kannst du ihn schnell von zu Hause besorgen und auch ein wenig Geld?"
"Ja... ich denke schon."
"Gut, ich habe Fahrkarten für den Zug um 12.30 Uhr. Ich begleite dich schnell nach Hause. Bist du bereit?"
Claire war sich bewusst, dass sie mit diesem Schritt, den sie zu gehen bereit war, ihre Vergangenheit, ihre Eltern ein für allemal hinter sich lassen würde, aber genau wie Ardjun stand für sie die Angst im Vordergrund, von ihren Eltern an der Beziehung zu Ardjun gehindert zu werden, und nur jene war es, die für sie zählte, daher gab sie überzeugt zur Antwort: "Ja, Ardjun, ich folge dir!"
Sie streichelte zärtlich über seine Wangen, während er mit seiner Hand die ihre nahm und einen Kuss hinaufhauchte. Dabei erblickte er seine Handtätowierung, sein Blick verfinsterte sich. Er war sich darüber bewusst, dass er mit diesem Schritt, den er zu gehen bereit war, alles verraten würde, woran er bislang geglaubt hatte. Seit frühester Jugend hatte man ihm Loyalität eingebläut, und nun gab er mit einem Schlag alles auf, widersetzte sich den Sitten und Gesetzen, nach denen er bislang gelebt hatte. Noch für einen Moment flackerte sein schlechtes Gewissen auf, wurde aber ersetzt durch den unbeirrbaren Willen, mit der Frau, die er liebte, leben zu wollen.
"Komm, lass uns aufbrechen", forderte er Claire liebevoll auf.

Im Haus der Medjai waren indessen alle Anführer eingetroffen und man rüstete sich zu dem Rat aller Stammesanführer, der in der großen Halle stattfinden sollte. Die jüngeren Krieger hatten dazu Tische und Stühle zurechtgerückt und ehrfürchtig ihre Plätze im ersten Stockwerk hinter der Balustrade eingenommen. Auch Cheychera stand dort, dicht neben Hamid, ihrem Bruder. Zwei Wachen standen vor der Tür, damit die Versammlung nicht gestört werden würde.
Als die zwölf saßen, erhob sich Ardeth und ergriff als Anführer des 12. Stammes und aller Medjai überhaupt das Wort, begrüßte sie noch einmal und berichtete sogleich, dass ihm Unstimmigkeiten zu Ohren gekommen seien, die er mit dem heutigen Treffen bereinigen wollte. Sofort fiel ihm Lord Wyreth, der Anführer des 3. Stammes ins Wort, von dem er wusste, dass er mit Jazar alliiert war.
"Lord Bay, Ihr sprecht von Unstimmigkeiten. Aber es sind Unzufriedenheiten mit Euren Handlungsweisen. Ich sehe Euch heute nach langer Zeit das erste Mal wieder. Wie lange ist Euer letzter Besuch in meinem Ort her?"
"Gewiss, es ist lange her, aber meine Verpflichtungen lassen es nicht zu, dass ich Euch regelmäßig besuche", versuchte sich Ardeth zu verteidigen.
"Eure Verpflichtungen gelten Eurem Volk. Ihr aber haltet hier in Kairo Hof und lasst uns gnädiglich anreisen", entrüstete sich ein anderer.
"Ich hoffte, mit dieser Unterredung aller Stammesanführer die Unstimmigkeiten zu beseitigen. Deshalb habe ich Euch zusammengerufen. Es darf nicht sein, dass wir uns untereinander streiten."
"Lord Bay hat Recht", meinte ein Dritter. "Es ist am besten, wenn wir alle zusammenkommen. Das haben wir auch früher schon getan."
"Er hätte wie früher jeden einzelnen Stamm besuchen und so seine Loyalität seinem Volk gegenüber beweisen können. Statt dessen vergnügt er sich in Kairo, ja hält sich sogar im Ausland auf und beschäftigt sich mit ganz anderen Dingen", wetterte Lord Wyreth.
"Dass ich mich in Kairo aufhalte, gehört auch zu meinen Verpflichtungen. Vergesst nicht, Lords, dass wir einen neuen Khediven - Tawfiq - haben, der mich zu sich nach Kairo eingeladen hatte. Es gehört auch zu meinen Pflichten, Kontakt zum ägyptischen Königshaus zu halten, wenn es denn eins gibt." Diese Erwiderung klang fast schon genervt. Wenn sie doch nur mal zum Punkt kommen würden! Aber Jazar hatte bislang geschwiegen. Ardeth fuhr fort, da niemand sich mehr etwas zu sagen getraute: "Ihr wollt doch nicht etwa meine Anführerschaft in Frage stellen?"
"Nein", erwiderte Jazar ruhig und erhob sich, seinen folgenden Worten dadurch Nachdruck verleihend: "Wir wollen nur einen fähigen Anführer haben."
Was auch immer das bedeuten sollte. Ardeth schaute ihn finster an. Jazar hielt seinem Blick stand. Es wurde ernst.
"Einen, der sich an die Gesetze der Medjai hält."
"Achja?", entgegnete Ardeth herausfordernd.
Wie zwei Kampfhähne standen sie sich gegenüber. Die Spannung lag spürbar im Raum. Die anderen Anführer schauten gespannt von einem zum anderen.
"Ihr, Lord Bay, habt diese Gesetze gebrochen! Nicht nur, dass Ihr Ehebruch begangen hast, wofür Ihr eigentlich gesteinigt hättet werden müssen - nur als oberster Anführer sakrosant keinen Richter über Euch hattet."
Ardeth wies ihn zurecht: "Seit wann gilt bei uns die Shariah? Wenn sie gelten würde, hätte ich Francesca zu meiner zweiten Frau gemacht, aber gemäß den Gebräuchen der Medjai durfte ich das nicht." Hamid legte seine Hand auf die seiner Schwester, die sich damals so vehement ihrem Gatten entgegengestellt hatte. Sie ließ sich aber nichts anmerken, während Ardeth weitersprach. "Da ich nicht nach islamischen Sitten handeln konnte, wollt Ihr mich nach islamischem Recht bestrafen?"
Jazar war beeindruckt von Ardeth' Schlagfertigkeit, aber wollte sich nicht die Zügel aus der Hand nehmen lassen: "Ihr solltet uns ein Vorbild sein - auch im privaten Bereich! Verwerflicher jedoch ist, dass Ihr die Gesetze der Medjai, ja Euren eigenen Schwur gebrochen habt. Ihr habt Euch in die Politik eingemischt! Kein Medjai darf je sich in die aktuelle Geschehnisse verwickeln lassen. Man hat gehört, dass Ihr Verbindungen zu den ägyptischen Offizieren habt, die gegen die Briten opponieren wollen."
"Ja, ich kenne einige der Offiziere, aber ich habe mich weder Ihrer Bewegung angeschlossen noch sie in irgendeiner Weise unterstützt."
"Seid Ihr da sicher, Lord Bay? Gebt zu, dass Ihr gegen die Briten seid! Ihr habt Ihnen zu verstehen gegeben, dass sie sich aus dem Süden fernhalten sollen. Damit habt Ihr Euch in die Politik eingemischt."
"Ich habe mich nicht eingemischt, Lord Gazur. Ich habe den Briten nur gesagt, dass wir es nicht wünschen, dass sie so viele Ausgrabungen machen. Was hat das mit Politik zu tun?"
"Ihr habt mehrere britische Expedition überfallen lassen, die die ausdrückliche Genehmigung hatte, im Süden zu forschen. Das kam den aufständischen ägyptischen Offizieren übrigens sehr zupasse."
"Alles, was ich tat, war eine Expedition davon abzuhalten, weitere Ausgrabungen vorzunehmen - und ist das nicht etwa die Aufgabe der Medjai?"
"Wie erklärt Ihr Euch dann die Berichte, dass wir mehrere Expeditionen in Richtung Theben überfallen haben sollen - wofür es Augenzeugen gibt?"
"Ich habe sie nicht überfallen lassen. Hat irgend jemand von Euch diese Angriffe veranlasst?"
Ardeth wandte sich nach dem Schlagabtausch mit Jazar den anderen zu, die aber alle mit dem Kopf schüttelten.
"Es muss also wer anders gewesen sein, vielleicht haben sie sich bewusst als Medjai verkleidet", folgerte Ardeth.
"Ach Unsinn! Von Euch ist bekannt, dass Ihr derartige Expeditionen missbilligt."
"Jeder von uns sollte sie missbilligen, vergesst das nicht, Lord Gazur!", ermahnte Ardeth.
"Darüber vergesst Ihr aber Eure Hauptaufgabe. Außerdem bringt Ihr uns in Konflikt mit den Briten und Ihr wisst, dass Ihr das nicht dürft. Hinzu kommt noch Euer Bündnis mit den Offizieren."
"Ich habe kein Bündnis mit den ägyptischen Armee-Offizieren geschlossen", insistierte Ardeth, was Jazur bewusst überging.
"Ihr fordert sie aber mit Eurer Haltung heraus, Lord Bay, und das wird uns teuer zu stehen kommen. Vielleicht wäre es wirklich besser, Ihr würdet Euch mehr auf Eure eigentliche Aufgabe konzentrieren, dann müsstet Ihr Euch nicht so sehr mit den Briten auseinandersetzen und auch nicht so oft nach Kairo kommen. Wann wart Ihr das letzte Mal vor der Stadt der Toten auf Wache?"
Ardeth starrte ihn an, er war blass ob der vielen Anschuldigungen geworden. Hamunaptra, die Stadt der Toten.. das war wirklich lange her. Jazars bestes Argument.
"Und? Bekomme ich eine Antwort? Oder erinnert Ihr Euch nicht mehr?" Jazar sah ihn triumphierend an.
"Ihr habt recht, Ihr alle habt recht. Ich sollte mich mehr auf meine eigentlichen Aufgaben konzentrieren", lenkte Ardeth ein.
Hamid stand oben an die Balustrade gelehnt und schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Warum gab Ardeth nach? Er hatte sich nichts vorzuwerfen. So erweckte er den Anschein, als hätte Jazar Gazur in allem recht, was er vorgebracht hatte.
"Ja, Lord Bay", bestätigte Jazar, "das solltet Ihr. Und vielleicht solltet Ihr darüber nachdenken, als oberster Anführer aller Medjai zurückzutreten und jemand anderem, der die Interessen besser vertritt, den Vortritt zu lassen."
Totenstille. Selbst Ardeth hielt die Luft an, überwältigt von dieser frechen Forderung Jazars.
Einer der älteren Anführer war es, der das Wort ergriff, denn diese Forderung ging ihm zu weit: "Nein, Lord Gazur, die Bays stellen seit Jahrhunderten den obersten Anführer der Medjai. Vergesst nicht, dass ihr Geschlecht weit zurückgeht, noch bis in die Zeit der Pharaonen zurückverfolgt werden kann. Gewiss, wir stammen alle von den Medjai, die unter Pharaoh Seti I gedient haben, ab, aber die Bays haben den edelsten Stammbaum von uns allen, und er hat viele große Helden hervorgebracht."
"Aber sie haben nicht immer die oberste Herrschaft innegehabt. Es gab andere, die die Medjai angeführt haben, auch weise und gerecht. Ich sage ja nicht, das ihr Geschlecht untergehen soll. Nur Lord Ardeth Bay halte ich, soviel er auch früher geleistet haben mag, heute für unfähig."
"Lord Jazar Gazur, hütet Eure Zunge!", befahl Ardeth sichtbar aufgewühlt. "Ich habe nicht gegen die Gebote der Medjai verstoßen, wie könnte ich auch! Ich habe mein Leben lang alles getan, um unserer Sache zu dienen."
"Indem Ihr hochmütig den Briten mitteiltet, wir Medjai würden sie niemals dulden und mit ihren Feinden paktiert? Ihnen sogar verratet, wer wir eigentlich sind? Nennt Ihr das, die Interessen der Medjai vertreten? Ein wenig Zurückhaltung täte Euch gut, aber das könnt Ihr ja in Eurem Bay-Stolz nicht."
"Ich habe niemandem verraten, wer wir sind", protestierte Ardeth.
"Ach nein? Und woher wissen dann auf einmal so viele Leute hier in Kairo, wo hauptsächlich Ihr Euch aufhaltet, dass wir Medjai sind?"
"Stimmt", warf Rasid, Anführer des 6. Stammes ein, "erst gestern sprach mich der Kurator darauf an, woher Mr Stamford, der britische Forscher, denn wisse, wer wir seien."
"Wenn sie erst wissen, wer wir sind, dann werden sie auch ahnen, welches Geheimnis wir hüten. Einige werden das auszunutzen wissen", schürte ein anderer das Feuer.
"Aber ich habe niemandem davon berichtet! Es muss jemand anders getan haben", beharrte Ardeth.
"Ach?", fragte Jazar ironisch nach. "Und Euer europäischer Freund William? Er weiß doch über alles Bescheid?"
"Er weiß nur, dass wir die Aufgabe haben, die alten Artefakte zu hüten und kümmert sich hier in Kairo im Zusammenhang mit dem Schwarzmarkthandel bestens darum", verteidigte ihn Ardeth.
"Ich glaube auch, dass die Leute, wenn sie hören, dass die Medjai noch existieren, zunächst dan Artefakte denken werden. Wer weiß schon von dem, der nicht genannt werden darf?", gab ein anderer zu bedenken.
Eine betretene Stille setzte ein, aber Jazar ließ nicht locker. "Es werden in der Stadt viele Legenden über Hamunaptra erzählt, vergesst das nicht! Und manch einer träumt von verborgenen unermesslichen Schätzen! Es gibt auch viele, die meinen, dass die Stätte verflucht sei!" Jazar ließ eine beunruhigende Stille eintreten, bevor er sich weiter ereiferte: "Und dann die Ausstellung! Habt Ihr die vergessen? Anstatt die Kulturgüter vor dem Zugriff Fremder zu bewahren, hat Lord Bay sie nach Kairo geschafft und ausstellen lassen, ja sogar dabei geholfen!"
Das war selbst Lord Wyreth zu viel und er mischte sich ein: "Nein, Lord Gazur, er hat damit immerhin verhindert, dass sie außer Landes geschafft worden sind. Wer von uns kann denn überhaupt noch verhindern, was ringsherum um uns geschieht?"
"Hört zu, Lord Gazur", sprach Ardeth ernst und ruhig. "Ich verstehe Euren Zorn auf mich, aber er ist unbegründet. Was ich auch tat, ich versuchte immer gemäß den Geboten der Medjai zu handeln. Das werded auch Ihr erkennen, wenn Ihr nur ein wenig darüber nachdenkst. Aber Ihr habt Recht, ich muss an den Rücktritt denken, denn ich bin alt, vielleicht zu alt, um regelmäßig in Eure Orte zu reisen, um alles wahrzunehmen, was meine Pflichten sind."
Die Anführer sahen ihn entsetzt an. Wollte er wirklich zurücktreten? Auch Hamid und die anderen Zuhörer waren gespannt, was Ardeth nun offenbaren würde.
"Mein Sohn Ardjun wird bald alt genug sein, um meine Nachfolge anzutreten. Er hat sich als verantwortungsbewusst und würdig erwiesen. Ihm fehlt aber noch eine wohlausgewählte Braut. Und um Euch, Lord Gazur, zu zeigen, dass die Bays im Sinne aller Medjai handeln und bemüht sind, die Einheit aller Stämme zu wahren, möchte ich Euch um die Hand Eurer ältesten Tochter für meinen Sohn bitten, damit unsere Familie gemeinsam über die Geschicke der Medjai wacht."
Jazar blickte Ardeth etwas brummelig an. Natürlich, das war ein Kompromiss. Und um sein Gesicht zu wahren und es sich nicht mit den anderen, ihm zugeneigten Anführern zu verderben, mußte er auf dieses großzügige Angebot eingehen. Der Neid der anderen Anführer war ihm gewiss - eine Verbindung mit dem Prestige-Clan der Bays! Aber gerade eben hatte er Ardeth moralischer, gesellschaftlicher wie politischer Vergehen angeklagt. Eine Kehrtwende sah vielleicht so aus, als würde er sein Fähnchen in den Wind hängen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder sprechen konnte, denn er wusste nicht, ob er sich ärgern oder freuen sollte. Einige der anderen Anführer hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und Ardeth' Angebot aufgeregt miteinander diskutiert, andere hatten nur stumm und zufrieden über Ardeth' Weisheit genickt. Nichts anderes als ein derartiges Entgegenkommen, das den Frieden der Stämme sicherte, hatten sie von ihm erwartet. Endlich fand auch Jazar seine Sprache wieder: "Ich danke Euch für Euer Angebot, Lord Ardeth Bay, und dankbaren Herzens stimme ich zu."
"Dann wird mein Sohn das Angebot besiegeln", sprach Ardeth großmütig. Er schaute hoch zur Balustrade, von wo aus die Medjai den Rat der zwölf Anführer verfolgt hatten, und erblickte Hamid und Cheychera, vermutete seinen Sohn in deren Nähe. Doch er sah ihn nicht. Ardjun sollte sich doch bereit halten? Wo war er? Alle warteten gespannt auf seine nächste Aktion. Also rief Ardeth Hamid zu: "Hamid, schicke mir meinen Sohn herab!"
Hamid hatte sich selbst gewundert, wo Ardjun nur war und warum er dem Rat nicht beigewohnt hatte, ging es doch um die Zukunft seiner Familie. Er nickte Ardeth zu, wandte sich schnell ab und begab sich zu dem Zimmer, in dem Ardjun gewöhnlich schlief. Doch es stand leer. Sein Magen verkrampfte sich. Verdammt, wo steckte Ardjun? Während Hamid zurück zur Balustrade trat, fragte er schnell einen anderen Medjai-Krieger nach Ardjun, doch der hatte Ardjun seit dem frühen Morgen nicht gesehen. Auch Cheychera schüttelte unwissend mit dem Kopf. Beschämt trat Hamid vor und verkündete mittellaut: "Verzeiht, Sayadi, aber Ardjun ist nicht hier oben." Und als er sah, wie die Farbe aus Ardeth' Gesicht wich, beeilte er sich zu sagen: "Vielleicht ist er noch bei seinen Studien in der Bibliothek!"
Ardeth war wütend. Er hatte seinen Sohn doch extra gebeten, sich bereit zu halten.
"Dann geh und suche ihn!", befahl er Hamid, der daraufhin schnell hinauseilte.
Jazar grinste Ardeth breit an, wusste er doch, wie blamabel diese Tatsache für Ardeth sein musste. Ardeth war inzwischen die Laune vergangen, sich mit Jazar weiterhin auseinandersetzen zu müssen.
"Mein Sohn wird Euch seine Loyalität bekunden, sobald er hier sein wird. Das versichere ich Euch! Solange aber lasst uns in Frieden beieinandersitzen und das Mahl, das zubereitet worden ist, genießen!" Er klatschte in die Hände und einige Medjai trugen das Mahl auf. Die Spannung war dem Treffen der zwölf Anführer damit gewichen. Sie ließen sich gemütlich zum Mahl nieder, während Ardeth unter einem Vorwand hinauseilte und William antraf, der außerhalb des Hauses das Ergebnis des Rates abgewartet hatte.
"William, mein Freund, hast du Ardjun gesehen?" fragte er ihn ohne längere Begrüßung.
"Nein, Ardeth, ich habe ihn nicht gesehen..." Der Ausdruck in Williams Miene verhieß nichts Gutes.
"Was ist?", hakte Ardeth nach.
"Ich, ähm, habe von Valeria erfahren, dass...nunja...".
"Was hast du erfahren?", drängte Ardeth.
"Sie hat mir erzählt, also, sie weiß es auch erst seit kurzem, also, Claire hat ihr berichtet, dass sie, also Claire, sich in Ardjun verliebt hat..."
Ardeth schaute ihn etwas ungläubig an. Er suchte verzweifelt seinen Sohn und William kam ihm mit einer Jung-Mädchen-Liebesgeschichte? Was interessierte ihn jetzt diese Claire?
"Ich kenne keine Claire..."
"Doch, doch, du kennst sie. Sie war neulich mit in der Oper, tja, und da, da haben sie sich kennengelernt." Uff, es war heraus. William hoffte, dass Ardeth es jetzt verstanden hatte. Aber dessen Gedanken waren fernab von der Vorstellung, daß Claire und Ardjun überhaupt ein Paar sein könnten. Unvorstellbar.
"Wer hat sich kennengelernt?"
So was von begriffsstutzig! "Claire und Ardjun." Und William war klar, dass er jetzt deutlicher werden musste. "Hör mal, Ardeth, Claire und Ardjun haben sich beide ineinander verliebt. Hast du denn gar nichts davon mitbekommen?"
"Was?" entfuhr es Ardeth. Und so langsam dämmerte ihm das ganze Ausmaß der Geschichte. Aber würde sein Sohn sich tatsächlich der Verantwortung wegen einer Europäerin entziehen wollen? Nein, ganz bestimmt nicht. Aber anderenfalls - er war ja nicht hier...
In diesem Moment kam Hamid auf sie zugelaufen und in Ardeth keimte der Schimmer einer Hoffnung auf, Ardjun könnte sich doch in der Bibliothek zu sehr vertieft haben. Das war wahrscheinlicher als heimlich mit Claire zusammen zu sein.
Hamid schüttelte ganz außer Atem den Kopf. Ardeth sah ihn bestürzt an, fragte aber vorsichtshalber noch mal nach: "Ardjun ist nicht in der Bibliothek?"
"Nein, Ardeth", erwiderte Hamid immer noch keuchend. "Der Kurator meinte, er sei dort sehr zeitig fortgegangen. Das muss so drei Stunden her sein. Und er soll einen recht verstörten Eindruck gemacht haben."
Ardeth schüttelte ungläubig den Kopf und überlegte, was passiert sein könnte. Wo könnte Ardjun denn nur seit drei Stunden stecken? William schwante inzwischen, dass die beiden Liebenden eventuell durchgebrannt sein könnten.
"Weißt du was, Ardeth? Ich werde mal zu Valeria gehen und sie bitten herauszufinden, ob Claire zu Hause ist und was dort vorgefallen sein könnte. Vielleicht wissen wir dann mehr."
Ardeth nickte wie betäubt, so langsam konnte auch er sich ausmalen, dass Ardjun bewusst fortgeblieben ist und er brachte kein Wort mehr heraus, so sehr war er geschockt durch das Verhalten seines Sohnes. Während William davonging, führte Hamid Ardeth in den Saal zurück.

Eine gute Stunde später kehrte William zurück und berichtete, dass Claire tatsächlich nicht im Hause ihrer Eltern wäre. Er versprach Ardeth, alles zu tun, um Ardjun wiederzufinden. Ardeth schickte ihm daraufhin sieben Krieger mit und wartete, fast schon resignierend, auf die Rückkehr von William. Inzwischen reisten auch die meisten Anführer ab, sie wollten nicht länger warten, da sie in ihren Heimatorten gebraucht wurden. Ardeth hatte sein Wort gegeben, aber sein Sohn ließ sich nicht blicken. Dennoch war Ardeth weiterhin energisch aufgetreten, so dass niemand mehr das Wort gegen ihn zu erheben wagte. Man verließ sich auf den guten Fortgang der Geschichte. Jazar Gazur wollte auch erst mal die Entwicklung abwarten, aber ließ durchblicken, dass es auf keinen Fall so wie bisher lange weitergehen würde. Einige Anführer hatten Mitleid mit Ardeth, da Ardjun der letzte männliche Bay-Nachfahre war und offensichtlich in Schwierigkeiten war. Sollte Ardjun es nicht schaffen, einen männlichen Erben anzubringen, würde die seit Jahrtausenden bestehende Familie aufhören zu existieren. Und Ardeth, ihr großer Anführer, war gezwungen, ohnmächtig dabei zuzuschauen, wie sein Geschlecht unterging. Also ließen sie ihn in Ruhe und behelligten ihn nicht mehr mit Vorwürfen. Er selbst verheimlichte die Liebesgeschichte zwischen Claire und Ardjun, ja konnte selbst noch gar nicht daran glauben, obgleich Cheychera ihm unheilverkündend Williams Ansichten bestätigt hatte. Stumm und wie gelähmt wartete er zwei Wochen auf die Rückkehr von William und auf Nachrichten von Ardjun.

In Alexandria hatten sich Ardjun und Claire ein günstiges Zimmer genommen, denn viel Geld hatten sie nicht dabei. Aber es hatte ausgereicht, um zwei Schiffspassagen nach Venedig zu erstehen. Claire hatte noch schnell vor der Abreise in Kairo das allernötigste zusammengepackt, eine kleine unauffällige Tasche. So hatten die beiden kaum mehr dabei als das, was sie auf dem Leibe trugen. Aber sie waren guter Dinge, dass sie sich durchschlagen würden. Claire wollte gern von Venedig aus nach England reisen, weil sich dort vielleicht bessere Möglichkeiten boten. Vielleicht könnte sie in einem Hotel als Zimmermädchen arbeiten und auch Ardjun in dem internationalen London irgendwo unterbringen. Ein paar Tage hatten sie schon in Alexandria verbracht, auf ihre Seereise wartend. Sie verließen selten das Zimmer, um sich nicht in der Öffentlichkeit zu zeigen. Aber es fiel ihnen nicht schwer, denn sie genossen ihre Gegenwart, waren hemmungslos verliebt und hatten sich längst dem anderen hingegeben.
Auch am Tag vor ihrer Abreise befanden sie sich fast ausschließlich auf dem Hotelzimmer. Sie lachten und scherzten, zu welcher Arbeit sie denn den anderen fähig befänden. Da klopfte es an der Tür. Erschrocken sahen die beiden auf. Wer störte sie denn am Nachmittag? Prompt erhielten sie eine Antwort.
"Mach die Tür auf, Ardjun! Ich weiß, daß ihr da drin seid!"
Es war Williams Stimme, beide erkannten sie wieder und starrten sich entsetzt an.
"Was will er hier?", flüsterte Claire aufgeregt.
"Ich weiß es nicht", erwiderte Ardjun und überlegte, was William wohl dazu bewogen haben könnte, hierherzukommen und wie er sie gefunden haben mochte.
"Mach schon auf! Der Hotelier hat gesagt, dass ihr da wäret", kam es wieder von draußen.
Während Ardjun unentschlossen zur Tür schaute, meinte Claire: "Valeria hat eine hohe Meinung von ihm. Er wird uns schon nichts anhaben. Vielleicht will er sich nur von uns verabschieden. Vielleicht ist Valeria auch draußen."
"Wenn du nicht gleich öffnest, dann trete ich die Tür ein!", drohte William ungeduldig.
Ardjun erkannte anhand dieser Worte, dass Williams Besuch keineswegs freundschaftlich war, aber hoffte dennoch, ihn von ihrem Vorhaben überzeugen zu können. So ging er langsam zur Tür und schloss sie auf. Doch kaum stand sie offen, erblickte er nicht nur William, sondern auch zwei Medjai-Krieger hinter ihm und wusste, was das zu bedeuten hatte. Sie wollten ihn zurückholen. Doch er würde nicht gehen, trat entschlossen zu Claire zurück und umfasste sie fest. William trat ein, schloss die Tür und ließ die beiden anderen Männer draußen warten.
"Ein schöner Sohn bist du!", warf ihm William vor. "Du hast deinen Vater in seiner schwersten Stunde im Stich gelassen!"
Ardjun hatte gehofft, nie wieder damit konfrontiert zu werden und sah betreten zu Boden. Da er nicht antwortete, sprach William weiter: "Du wirst jetzt mit mir nach Kairo zurückkehren und dich deinem Vater stellen."
William sah ihn hart an, er fühlte sich verantwortlich, Ardjun zu seinem Vater zurückzubringen und seinen Freund Ardeth dabei zu unterstützen, aus diesem jungen Mann doch noch einen brauchbaren Anführer zu machen. Dafür benötigte Ardjun Williams Meinung nach nun aber eine harte Hand, um ihn wieder auf den richtigen Weg zu bringen.
"Nein," erwiderte Ardjun trotzig. "Ich werde nicht zurückkehren!"
Claire klammerte sich noch fester an Ardjun.
"Du bist von zu Hause weggerannt, hast dich deiner Verantwortung entzogen. Du wirst jetzt gefälligst mitkommen und dich bei deinem Vater dafür entschuldigen."
"Nein, das werde ich nicht. Ich werde mit Claire fortgehen!", beharrte Ardjun fest entschlossen.
"Ardeth ist nicht nur dein Vater, sondern auch dein Herr, Ardjun! Du hast zu tun, was er von dir verlangt!"
Ardjun schüttelte seine Kopf : "Nein, ich bin kein Medjai mehr! Ich..."
Weiter kam er nicht, denn William ergriff ihn am Oberarm und zerrte ihn mit einem Ruck zum nächsten Spiegel, der an der Wand gegenüber hing.
"So, du willst kein Medjai mehr sein?", schrie er ihn fast an. "Dann schau mal in den Spiegel!"
Ardjun versuchte, sich gegen Williams Griff zu wehren und wandte verzweifelt sein Gesicht ab. "Was siehst du da, junger Mann? Nun? Was siehst du da?" Ardjun brachte kein Wort heraus, William sprach weiter auf ihn ein: "Du hast einen Eid geleistet, Ardjun! Du kannst nicht einfach wegrennen und behaupten, du wärest kein Medjai mehr."
Ardjun gelang es endlich, sich loszureißen und trat schnell zu der inzwischen weinenden Claire zurück. Mit verzweifelter Stimme rief er: "Ich liebe Claire, und ich will mit ihr zusammen leben! Ich kann nicht zurück!"
"Das kannst du mit deinem Vater klären!"
"Du weißt, dass er mich mit einer anderen verheiraten wollte."
"Ich weiß nur, dass du ihn jämmerlich verraten hast. Du hättest vorher mit ihm darüber reden können."
"Er hätte es nie gestattet."
"Du bist auch nicht irgendwer, Ardjun, du bist sein einziger Sohn, auf den er sich blindlings verlassen hat!", donnerte William. "Steh endlich zu deiner Verantwortung!"
"Du kannst mich nicht zwingen, nach Kairo zurückzukehren. Ich werde mit Claire nach Europa reisen!"
"Du wirst jetzt mit nach Kairo kommen und sei es mit Gewalt!" William ließ an seiner Absicht keinen Zweifel.
Claire meldete sich endlich zu Wort, sie flehte weinerlich: "Das können Sie uns doch nicht antun, William! Bitte...". Ihre Hände verkrampften sich in Ardjuns Körper.
"Ich werde euch beide jetzt nach Kairo bringen und dort werden wir weitersehen." Insgeheim hoffte auch William, dass Ardeth eine gute Lösung für die beiden hatte. Aber William konnte sich auch vorstellen, daß er sehr wütend sein musste.
"Nein", erwiderte Ardjun und sah William fest in die Augen. "Wir bleiben hier."
"Hör zu, junger Mann", William war kurz davor, die Geduld zu verlieren, "du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du gehst durch diese Tür aufrecht oder ich schleife dich hinaus, aber du wirst jetzt mitkommen!" Und zur Bestätigung seines Vorhabens öffnete er ruckartig die Tür, vor der die beiden Medjai gewartet hatten. Ardjun wusste, dass er keine Chance hatte, gemeinsam mit Claire zu fliehen. So drückte er sie ganz fest, schluchzte tief und ergab sich seinem Schicksal. Die beiden Medjai waren inzwischen rechts und links neben ihn getreten.
"Die Waffen", forderte William ihn auf.
Resignierend übergab Ardjun den beiden Medjai seine Waffen. Dann führten sie ihn ab.
"Nein", schrie Claire verzweifelt und wandte sich William zu, "nein, bitte!" Er nahm sie in die Arme und führte sie nach draußen.
Alle bestiegen ihre Pferde, sie ritten zum Bahnhof und kehrten dann nach Kairo zurück. William achtete darauf, dass sie in verschiedenen Abteilen saßen, um zu vermeiden, dass sie einen erneuten Fluchtversuch begehen würden. Während er bei der vor sich hin schluchzenden Claire saß, die er mit keinem Wort zu trösten vermochte, bewachten die Krieger Ardjun, der kein Wort sprach und dumpf aus dem Fenster starrte. In Kairo trennten sich ihre Wege: William brachte Claire zum Haus ihrer Eltern zurück und die Krieger führten Ardjun ins Haus der Medjai, wo ihn Hamid in der Halle in Empfang nahm. Mitleidig sah er seinen Neffen an, er konnte sich das Drama ausmalen, das ihm jetzt bevorstand.
"Oh, Ardjun, was hast du gemacht?" begrüßte er ihn. Ardjun starrte ihn versteinert an; da er nicht antwortete, fügte Hamid hinzu: "Komm, ich begleite dich nach oben zu deinem Vater!"
Die beiden Medjai-Krieger folgten ihnen. Hamid hoffte, dass Ardeth Nachsicht walten lassen würde. Er kannte seinen Schwager gut, der zu befehlen gewohnt war und auch viele Verstöße in seinem Stamm hart hatte ahnden müssen - zuweilen mit der Todesstrafe, die er dann selbst ausführte. Auch auf Ardjuns Vergehen, groben Ungehorsam, konnte die Todesstrafe folgen. Hamid hoffte, dass Ardeth wie so oft Milde vor Recht ergehen lassen würde, eine weise Entscheidung traf und er flehte inständig zu Allah, dass Ardjun das seinige dazu beitrug. Aber er wusste auch, dass Ardjun der Sohn seines Vaters war und den gleichen Dickschädel haben konnte - und genauso wirkte er auf ihn, während er so neben ihm die Treppe hochging. Deshalb raunte er Ardjun beschwörend zu: "Ardjun, bitte mach jetzt keinen Fehler!"
Ardjun schwieg immer noch und mit bangendem Herzen öffnete Hamid die Tür. Ardeth stand vor seinem Schreibtisch, den Rücken den beiden Eintretenden zugewandt. Hamid neigte sein Haupt und verkündete: "Sayadi, ich bringe Euch Euren Sohn Ardjun!" Und während Ardeth sich langsam umdrehte, erhob sich Hamid und eilte hinaus, wohlwissend, dass er jetzt besser Vater und Sohn allein lassen sollte. Cheychera hatte inzwischen erfahren, dass ihr Sohn zurückgekehrt war, aber wollte lieber mit Hamid vor der Tür den Ausgang des Zwiegespräches abwarten. Bruder und Schwester sahen ängstlich einander an und versuchten zu erlauschen, was drinnen vorfiel.
Ardjun hatte bereits auf dem Heimritt beschlossen, sich seinem Vater entgegenzustellen und ihm klar zu machen, dass er kein Medjai mehr sein und Claire heiraten wolle. Also verneigte er sich demonstrativ nicht und starrte an seinem Vater geradeaus vorbei, brachte aber kein Wort heraus. Dennoch klopfte ihm das Herz, denn er konnte sich die Wut seines Vaters ausmalen. Tatsächlich hatte sich in den vergangenen zwei Wochen des Wartens eine ziemliche Wut in Ardeth aufgestaut. Er hatte nach allen möglichen Ausreden gesucht, um das Verhalten seines Sohnes rechtfertigen zu können, aber da gab es keine Entschuldigung: Ardjun hatte ihn verraten. Und wie um diese Tatsache zu unterstreichen, stand er da nun so trotzig vor ihm und verweigerte ihm den Respekt. Ardeth' Wut und Enttäuschung steigerten sich ins Unermeßliche. Schnellen Schrittes trat er auf seinen Sohn zu und schlug ihn hart mit dem linken Handrücken ins Gesicht, so dass dieser zu Boden stürzte und da wie benommen und blutend liegenblieb.
"Du undankbarer Sohn wagst es, mir nicht den Respekt zu erweisen? Nach alldem, was du getan hast?", brüllte er ihn an und tat damit das Ausmaß der Verletzung seiner Gefühle kund.
"Steh auf, du Verräter!", befahl er ihm, als er sah, dass Ardjun sich nicht zu rühren wagte. "Weißt du, was du getan hast?", fuhr Ardeth mit seinen Vorwürfen lautstark fort. "Du bist mein Sohn, aber bist einfach davongelaufen, als ich dich so dringend vor dem Rat der zwölf Stämme der Medjai benötigt habe! Du hast dich vor deiner Aufgabe und deiner Verantwortung gedrückt. Du bist feige entflohen, um dich mit einer Frau zu vergnügen! Du bist es nicht wert, ein Medjai zu sein!"
Ardjun hätte jetzt gern erwidert, dass er das auch gar nicht mehr sein wolle, aber konnte sich vorstellen, dass sein Vater ihn dann kurzerhand mit seinem Säbel enthaupten würde. Also schwieg er, aber starrte finster seinen Vater an.
"Was denkst du dir, wer du bist! Du kannst doch nicht einfach so davonlaufen! Weißt du eigentlich, welche Unehre du deiner Familie vor allen versammelten Medjai-Anführern angetan hast? Ich habe Jazar Gazur mein Wort gegeben, dass du seine Tochter heiraten wirst und das wirst du auch tun! Nach deiner Bestrafung!"
Nun platzte es aus Ardjun heraus: "Nein, ich werde sie nicht heiraten! Ich liebe Claire und ich heirate sie und keine andere!" Und er sah seinem Vater dabei fest in die Augen, aber als er den tiefenttäuschten Blick Ardeth' gewahr wurde, wurde ihm doch ganz anders zumute. Dennoch nahm er sich fest vor, ihm standzuhalten.
"Du wagst es, mir zu widersprechen?" Ardeth hatte sich noch nie mit einer so schwierigen Situation auseinandersetzen müssen. Ungehorsam, Verrat... eigentlich müsste er seinen Sohn dafür mit dem Tod bestrafen. Aber er war sein einziger Sohn, verdammt, er konnte ihn nicht einfach so töten und damit sein Geschlecht ersterben lassen. Er starrte ihn an und suchte nach einer Lösung. Wie konnte er Ardjun dazu bewegen, die Tochter von Gazur zu heiraten? Er war aber viel zu maßlos enttäuscht, um einen klaren Gedanken fassen zu können. Er hatte zumindest von Ardjun erwartet, dass er sich seines Vergehens bewußt wäre, es ihm leid täte, er sich dafür entschuldigen und sofort dem Willen seines Vaters entsprechen würde. Statt dessen nur Trotz und Widerstand.
"Ardjun, du hast mir zu gehorchen! Ich werde deinen Ungehorsam sonst hart bestrafen!" Ardeth ließ anhand seines Tonfalles keinen Zweifel, dass er das wahrmachen würde, und Ardjun war sich dessen bewusst, aber sprach mit der letzten Kraft seiner ganzen Verzweiflung: "Egal, was du mir antun wirst, ich liebe Claire und sie liebt mich, und ich werde nur sie heiraten!"
"Wie kannst du es wagen, nur an dich selbst zu denken! Du bist der Sohn des Anführer aller zwölf Stämme der Medjai. Ich werde dich lehren, dich auch als solcher zu benehmen!" Und er befahl lautstark Hamid herein. Hinter ihm traten die beiden Krieger ein, denn sie nahmen an, dass sie Ardjun abführen sollten. Auch Cheychera trat über die Türschwelle und sah Ardeth bangend an. Natürlich hatten sie und Hamid vor der Tür mitbekommen, dass in dem Raum kein Versöhnungsgespräch stattgefunden hatte.
Ardeth verkündete: "Mein Sohn wird ein Jahr lang Zeit erhalten, seine eigensinnige Entscheidung zu bedenken. Er wird eingemauert werden und nur Wasser und Brot erhalten." Cheychera starrte ihren Gatten mit offenem Mund und erschrocken an. Hamid sah Ardjun mit großen Augen an, der dem Blick seines Vaters standhielt. "Hamid", sprach Ardeth unverzüglich weiter, "du wirst ihn noch zur Stunde mit fünf Kriegern zum Tempel des Chon bringen und dort einschließen." Er wandte sich an die beiden Krieger: "Fesselt ihn und führt ihn nach draußen."
Während einer der beiden Krieger den Raum verließ, um ein Stück Seil zu holen, blickten sich Vater und Sohn stillschweigend an. Sie konnten gegenseitig ihre Gefühle ausmachen, Ardjun erblickte in seines Vaters Blick Mitleid, während Ardeth seines Sohnes Furcht spürte. Ardjuns Unterkiefer zitterte, seine Nerven versagten und ihm fiel Claire ein. Er hatte Angst, sie nicht wiederzusehen. Cheychera starrte immer noch ungläubig ihren Mann an, aber als ihr klar wurde, dass dieser Urteilsspruch nicht rückgängig zu machen war und sie ihren Sohn ein Jahr lang nicht sehen würde, ja von ihm wissen würde, dass er elendig in einer Gruft eingemauert sein würde, trat sie zu Ardjun und umarmte ihn leise schluchzend.
"Ach Ardjun!", wimmerte sie.
"Mutter", erwiderte er zärtlich. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf und leise bat er seine Mutter: "Claire darf davon nichts wissen, hörst du, Mutter?" Sie nickte und er hoffte, dass sie es William ausrichten konnte. Währenddessen legte Hamid seine Hand auf die Schulter seiner Schwester, denn der Krieger war zurückgekehrt, um Ardjun in Fesseln zu legen. Ardeth sah der Vollstreckung seines Urteils zu, der Schande, die er seinem Sohn auferlegt hatte. Als Ardjun endlich das Zimmer verlassen hatte und mit ihm auch alle anderen, die Tür geschlossen war, drehte er sich wankend um, ließ sich auf seinen Stuhl sinken, bedeckte mit den Händen sein Gesicht und schluchzte bitter aus tiefstem Herzen.


Bianca Gerlich
8. April 2002