Home Ardeth I. (Autor: Bianca M. Gerlich)

AUF DER SUCHE NACH SANDOKAN

Teil 1

Kairo, Weihnachten 1880.
"Ach, Harry, es war himmlisch in der Oper!", schwärmte Anne Clifford, während sie Arm in Arm mit ihrem Mann die Stufen, die ins Hotels führten, hinaufschritt.
"Ja, Liebling, es war ein wunderbarer Abend. Was meinst du, Cathrine?", fragte Harry ihre Tochter, die in Gedanken versunken neben ihnen herging.
"Ja, es war wirklich gut."
"Cathrine, hat es dir wirklich gefallen?", hakte ihre Mutter nach.
"Ja. Mama, sehr sogar", beeilte sich Cathrine zu sagen.
"Warte nur ab, Liebling, bis sie vorm Weihnachtskuchen sitzt! Dann ist sie genau so begeistert wie wir von der Oper!", scherzte ihr Vater.
Inzwischen waren die Cliffords in der Hotellobby angekommen. Harry Clifford begab sich zum Tresen, um den Schlüssel für ihre Suite zu holen. Während der Portier ihm diesen aushändigte, berichtete er ihm, dass in der Sofa-Ecke der Lobby Bekannte auf die Cliffords warten würden, nämlich die junge Asiatin, mit der sie hier angekommen seien, und ein Begleiter. Grinsend trat Harry auf seine Tochter zu.
"Rate mal, wer da ist!"
"Verci!", rief Cathrine sofort und sah sich hektisch in der Lobby um, wobei sie sogleich in einer hinteren Ecke zwei Personen auf dem Sofa erblickte. Eine war Verci! Cathrine flog ihr förmlich in die Arme.
"Verci! Verci! Dass du wieder hier bist! Ich bin so froh! Ich hatte mir solche Sorgen gemacht...", begrüßte Cathrine ihre Freundin überschwänglich, deretwegen sie und ihre Eltern ja diese Ägypten-Reise überhaupt unternommen hatten.
"Aber Cathrine!", schimpfte Anne in fröhlichem Ton. "Erdrück die Arme nicht!"
Währenddessen begrüßte Harry William Cranigton und dankte ihm, dass er Verci wohlbehalten aus der Wüste zurückgebracht hatte.
Es wurde ein schöner Weihnachtsabend, den man nun gemeinsam in der Suite der Cliffords verbrachte, aber getrübt durch Vercis Bericht über die Vorfälle in der Wüste und dass es ihr nicht gelungen war, Ardeth Bay mitzubringen. William betonte aber den Ernst der Lage, in der sich Ardeth befand, und die Cliffords hatten ein Einsehen, dass der oberste Anführer der Medjai schlechthin so einfach eine Reise nach Südostasien antreten könne. William verabschiedete sich nach einem guten Festmahl, das man im Parterre des Hotels eingenommen hatte. Die Cliffords baten ihn, sie noch einmal zu besuchen, denn sie würden erst im neuen Jahr nach Singapur zurückreisen. Die beiden Freundinnen hatten an diesem Abend auf ihrem Zimmer sehr viel Neuigkeiten auszutauschen. Begeistert berichtete Cathrine von ihrem Besuch in der Cheops-Pyramide. Natürlich hatte sie ihr von Archäologie begeisterter Vater durch viele Tempel, Pyramiden und Museen gescheucht, aber sowohl Cathrine als auch ihre Mutter Anne genossen die schöne Zeit mit ihrem Vater sehr. Sie hatten auch einige Sachen auf dem Markt erstanden: Kleider, Stoffe, Schmuck - und natürlich "Antiquitäten", die das Arbeitszimmer von Harry in Singapur schmücken sollten. Cathrine war von dem orientalischen Markt in Kairo so fasziniert, dass sie ihren Vater bewegte, noch einmal mit Verci hingehen zu dürfen.
So verbrachten die vier noch schöne Tage in Kairo. Die Abreise näherte sich aber unausweichlich und schon waren die Cliffords dabei, sämtliche erstandenen Waren bruchsicher einzuwickeln und zu verpacken. Die großen Kabinenkoffer standen seit zwei Tagen geöffnet in einer Ecke der Suite und Anne versuchte, sie mit System zu packen. Verci stand am Fenster und starrte auf die Straße.
"Verci", sprach sie Cathrine an, "was ist los? Du stehst da schon seit einer Viertelstunde. Du wirkst so traurig. Ist irgend etwas?"
"Nein", winkte Verci ab. Aber es war ihr anzumerken, dass sie traurig war, weil es ihr nicht gelungen war, Ardeth Bay zu einer Reise nach Südostasien zu bewegen. Der Abschied nahte und die Sorge um Sandokan war nicht geringer geworden.
"Es ist wegen Ardeth Bay und Sandokan, nicht wahr?"
Verci nickte. Gerade wollte Cathrine sie trösten, indem sie sie daran erinnerte, dass Sandokan vielleicht längst wieder aufgetaucht sei in der langen Zeit ihrer Abwesenheit, da schrie Verci urplötzlich auf.
"Da! Da! Schau! Das ist doch William, der da über die Straße geht!"
Cathrine trat ans Fenster, ebenso ihre Mutter. Ja, dort ging William Cranigton.
"Er kommt aufs Hotel zu, er will zu uns. Vielleicht sich verabschieden...", überlegte Anne.
"Nein, ganz sicher nicht", meinte Verci. "Er wollte sich doch erst im Hafen von uns verabschieden, wir hatten uns doch vorgestern verabredet. Er will etwas anderes!"
Und schon war sie zur Tür hinaus und rannte in die Lobby, gefolgt von Cathrine und einer atemlosen Anne.
"Mister Cranigton!", rief Verci schon von weitem. Die Leute in der Lobby schauten zu ihnen hin. Als Verci bei ihm angelangt war, ließ sie ihm keine Zeit, sie zu begrüßen und fragte aufgeregt: "Was ist passiert? Es ist doch etwas passiert, sonst wären Sie doch nicht hier..."
William konnte nicht umhin, die kleine aufgeregte Borneo-Malaiin anzugrinsen.
"Beruhigen Sie sich, Miss Verci. Lassen Sie uns irgendwohin setzen, dann erzähle ich Ihnen alles der Reihe nach!"
Anne Clifford bat ihn in die Suite, dort ließen sie sich in der Sitzecke nieder und bestellten Tee und Gebäck. William berichtete von den Ereignissen, die im Lager des 12. Stammes geschehen sind, von Ardeth' Rücktritt und Verbannung und schloss:
"So traurig diese Geschichte für Lord Bay auch sein mag, so sehr erfüllt sich nun Ihre Hoffnung, dass er mit Ihnen nach Südostasien reisen kann, Miss Verci."
Verci hätte gern frohlockt, aber war zu sehr betroffen über die Entwicklung, die dazu geführt hatte.
"Er ist bereits auf dem Weg hierher, und ich bin sehr froh, dass er noch vor Ihrer Abreise hier eintreffen wird. Ich habe bereits drei Passagen mehr gebucht. Er wird mehrere Begleiter dabei haben, wovon zwei Leibwächter ihn nach Südostasien folgen werden. Voraussichtlich werden sie alle übermorgen hier eintreffen", schloss William seinen Bericht.

Da das Schiff erst vier Tage nach Williams Besuch im Hotel ablegen sollte, verblieben den Cliffords zwei Tage, um Ardeth Bay kennenzulernen. Zunächst waren Harry und Anne etwas skeptisch; zu fremd, respekteinflößend und unheimlich wirkte der große Medjai-Krieger. Doch die Distanz zwischen ihnen schwand, als Ardeth die Familie am vorletzten Tag vor der Abreise noch einmal durch die drei Pyramiden führte, in die er jederzeit ungehinderten Zugang hatte, wie Harry verblüfft feststellte. Ardeth' Kenntnisse über die Zeit der Pharaonen beeindruckten Harry so sehr, dass er ihn mehr als bewunderte, zumal, als Ardeth ihn allein fast den ganzen letzten Tag durch das Museum führte, während die Frauen in aller Ruhe die Koffer endgültig packten. Niemand hätte ihm fachkundiger all diese Dinge zeigen können, ja Dinge, die Harry zuvor gar nicht aufgefallen waren, obwohl er sich wirklich als Fachmann der Ägyptologie wähnte. Beeindruckt lauschte Harry, als Ardeth ihm von der Ausstellung berichtete, an der er vor Jahren mitgewirkt hatte. Für Harrys Archäologenherz erfüllten sich in den verbleibenden Tagen mehr Wünsche als in den ganzen Wochen zuvor. So war er höchst erfreut über Ardeth' Anwesenheit und gern bereit, ihn und Verci weiterhin zu unterstützten.

Als das Schiff schließlich nach Südostasien abfahren sollte, standen am Kai ein britischer Beamter, ein Abgesandter des Vize-Königs von Ägypten, vier Medjai, Ardeth Bay, William Cranigton, Verci und die Cliffords. Das Gepäck wurde bereits verladen und man schickte sich an, den Steg zu besteigen, der zum Schiff hinaufführte.
Ardeth drehte sich zu William und den beiden Medjai, die neben ihm standen, um, umarmte alle drei und raunte ihnen zu, gut auf Kairo aufzupassen. Die Medjai knieten ehrfürchtig nieder. Er wies sie an, William zu unterstützen. Die beiden anderen Medjai stammten aus Ardeth' Leibwache und bestanden darauf, ihn zu begleiten. Sie waren noch jung, aber ihm treu ergeben. Auch sie verabschiedeten sich von ihren Kameraden und William. Dann wandte Ardeth sich an den Briten und den Abgesandten, die sich hier befanden, um einerseits dem großen Anführer ihre Ehre zu erweisen, andererseits um sicherzustellen, dass Ardeth das Land wie befohlen verlassen würde.
"Kommen Sie, Ardeth, das Schiff wartet nicht auf uns!", rief ihm Harry zu. Ardeth trat auf den Steg, blieb in der Mitte stehen und warf dem Land, das er zu verlassen sich anschickte, einen langen unheilahnenden Blick zu, dann folgte er den Cliffords, Verci und den beiden Medjai.

Ardeth verbrachte die Reise größtenteils in seiner Kabine, denn er litt an der Seekrankheit. Ebenso erging es seinem einen Begleiter, Janir Ghaleodan während aber der andere, Arianda Setlata, auffallend viel Zeit an Deck verbrachte und sich dabei angeregt mit der jungen Verci unterhielt. Nach zwei Stops in Aden und Wellesley kam die Spitze Sumatras in Sicht. Verci, Arianda und Ardeth standen an der Reling und schauten hinüber.
"Das ist Acheh, nicht wahr?", fragte Ardeth Verci. Sie bejahte.
"Hier bin ich vor vielen Jahren an Land gegangen, voller ängstlicher Erwartung, was passieren würde."
"Die Kampfschule?", fragte Verci nach.
"Ja, zwei Jahre verbrachten Sandokan und ich hier. Es waren mit die schönsten Jahre meines Lebens. Es war eine tolle Zeit."
Zum ersten Mal seit langer Zeit sah Verci ihn lächeln.
Mr Clifford war inzwischen dazu getreten.
"Acheh", meinte er. "Dann sind wir ja bald da. Noch einen Zwischenstop in Malakka, dann endlich Singapur." Er blickte zu den drei Schweigenden. "Sagen Sie mal, Ardeth, sind Sie nicht schon einmal hier gewesen - in Acheh, meine ich? Verci hatte da mal etwas erzählt..."
"Ja, das ist richtig", erwiderte er.
"Und er schwelgt gerade in den schönsten Erinnerungen, Mr. Clifford", fügte Verci hinzu.
Wieder grinste Ardeth: "Ja, das stimmt. Ich war hier so frei wie später niemals mehr. Ich habe sogar diese bunten Tücher getragen..."
"Sarongs", präzisierte Verci.
"Ja, und bunte Hemden. Sandokan und ich, wir haben die Gegend unsicher gemacht."
"Übrigens, Kleidung", meinte Harry. "Sind Sie sicher, dass Sie diese schweren Sachen hier in den Tropen tragen wollen?" Er dachte eigentlich mehr, wie sehr Ardeth in seiner schwarzen Medjai-Gewandung auffallen würde.
"Ja, vorerst ja, Harry. Aber sollte ich jemals meinen Freund Sandokan wiedertreffen, werde ich wie früher diese bunten Tücher anlegen."
"Sarongs", meinte Verci abermals und fügte grinsend hinzu: "Das möchte ich sehen! Und dich, Arianda, möchte ich auch zu gern darin sehen!"
Arianda lächelte sie an und warf seinem Herrn einen unsicheren Blick zu. Natürlich müsste dieser ihm das erlauben. Aber Ardeth war so in seine Gedanken an Acheh versunken, dass er Arianda gar nicht wahrnahm.
"Wie soll es denn nun in Singapur weitergehen, Kind?", wandte sich Harry an Verci, da das Stichwort Sandokan gefallen war.
"Wir haben ja meine beiden Begleiter vor einem halben Jahr dort gelassen. Sie sollten sich auf dem Laufenden halten. Ich werde sie fragen, was sich ergeben hat, und dann werden wir nach Labuan weiterreisen, von dort nach Gaya übersetzen."

So geschah es. In Singapur wohnten Verci, Ardeth und die Medjai zunächst bei den Cliffords. Verci suchte in Begleitung von Arianda ihre Freunde auf, die keine Neuigkeiten von Sandokan hatten, nur dass inzwischen Yanez, seine Frau Surama, die Rhani von Assam war, Kammamuri, Tremal-Naik und dessen Tochter Darma hier angekommen seien und inzwischen aber nach Gaya weitergereist waren. Verci freute es sehr, dass alle Freunde Sandokans zusammengekommen waren. Immerhin waren auch jene aus dem fernen Indien hergekommen. Doch traurig stimmte sie, dass es noch keine Neuigkeiten von Sandokan gab. Sie hatte so darauf gehofft, dass sich inzwischen irgend etwas ergeben hätte. Mr Clifford konnte sie immerhin beruhigen, dass Sandokan auch nicht in die Hände der Briten gefallen sei, denn das wäre verlautbar geworden. So reisten eines schönen Morgens Ardeth, Arianda, Janir, Verci, und die beiden anderen jungen Tiger nach Labuan per Postschiff ab, das einmal im Monat Labuan anlief. Verci versprach, die Cliffords auf dem Laufenden zu halten und dankte ihnen sehr für ihre große Hilfe.

In Labuan bat Verci befreundete Einheimische, sie mit ihrem Fischerboot, einer sogenannten Perahu, zur Insel Gaya zu bringen. Diese Überfahrt dauerte zwei Tage, der Wind stand günstig. Auf Gaya, einer vor Kinabalu - auch Api-Api genannt - liegenden Insel, war der geheime Treffpunkt der verbliebenen Anhänger Sandokans. Ringsum die Insel befanden sich einheimische Stelzenhausdörfer, von deren Bewohner die Briten annahmen, dass sie friedliche Fischer wären. In einer Bucht holten die Seeleute die Segel ein und ließen die Perahu weich auf Sand laufen, sodass die Passagiere ans Land hinunter springen konnten. Kinder spielten hier. Sofort kamen drei bewaffnete Männer auf sie zu, deren Minen sich aber aufhellten, als sie Verci erkannten. Sie begrüßten sie und warfen einen fragenden Blick auf Ardeth und die beiden Medjai.
"Das ist ein Freund Sandokans", erklärte ihnen Verci auf Ardeth weisend und man führte alle in ein Stelzenhaus, genauer gesagt, auf die hohe Veranda, wo es schön kühl war, weil hier eine leichte Brise wehte und die Seiten geöffnet waren. Frauen brachten Wasser und Gebäck, wovon sich die Angekommenen reichlich nahmen. Auf einmal ertönte ein lauter Ruf hinter Ardeth' Rücken. Es war der Portugiese Yanez, Sandokans rechte Hand und sein erklärter Bruder, der Verci laut begrüßte.
"Verci, Verci! Willkommen!" Er umarmte stürmisch die kleine Malaiin. "Ach, es tut gut, dich hier zu sehen! Bist du endlich auch da? Meine Güte, siehst du fabelhaft aus! Ich habe gehört, du bist nach Ägypten gefahren? Wirklich?" Und sein Blick fiel auf die drei Medjai. "Wirklich! Du hast es geschafft!"
Und er ließ von der sich gar nicht erwehren Könnenden ab und betrachte Ardeth, doch es verschlug ihm die Sprache - nicht wegen Ardeth' merkwürdiger Wüstengewandung, nicht wegen seiner markanten Tätowierungen im Gesicht, nein, sondern wegen der Ähnlichkeit zu Sandokan.
"Ja", meinte Verci, "das habe ich auch gedacht. Sandokan hatte recht, als er uns erzählte, dass sein Freund ihm sehr ähnlich sehen würde." Da fiel ihr Sandokan ein und bangen Herzens erkundigte sie sich, noch ehe Yanez richtig Ardeth begrüßen konnte: "Sandokan?"
Yanez grinste sie bis über beide Ohren an. "Ist da."
"Was!!!" Verci konnte es vor lauter Freude nicht fassen. "Sandokan ist hier?"
"Ja, seit vier Tagen. Du siehst, ihr seid pünktlich." Er wandte sich noch mal Ardeth zu: "Oh, Verzeihung, ich vergaß, mich vorzustellen, denn ich weiß, wer Sie sind, da mir mein Freund Sandokan von Ihnen berichtet hat. Sie sind sein ägyptischer Jugendfreund, nicht wahr?"
Ardeth nickte, sichtlich etwas irritiert, aber froh zu hören, dass Sandokan gefunden worden sei. Er stellte Yanez seine beiden Begleiter vor.
"Ich heiße Yanez de Gomera und bin auch mit Sandokan seit langem befreundet. Lange Zeit haben wir gemeinsam die Meere hier unsicher gemacht, aber ich bin sicher, dass Verci ihnen das alles brühwarm erzählt hat."
Verci nickte. Natürlich hatte sich auf der langen Fahrt von Kairo nach Singapur die Zeit gefunden, darüber zu berichten, was Sandokan seit dem Fall von Marudu im Jahre 1845 unternommen hatte. So war Ardeth beeindruckt von den Berichten über die kleine Insel Mompracem, von der aus sich ihre Bewohner mutig den britischen Invasoren gegenüberstellten und auch manches Schiff überfielen. Er hatte von Marianna Guillonk gehört, Sandokans einziger Liebe, die alsbald verstorben war, von Sandokans Rückkehr nach Mompracem, den Abenteuern in Indien und Assam - gemeinsam mit Tremal-Naik und Yanez, der die zukünftige Königin von Assam befreite und später heiratete, der Rückeroberung von Sandokans Reich und - letztendlich - seiner erneuten Niederlassung auf Mompracem, wo es Verci vor gut zwei Jahren hinverschlagen hatte.
"Wo ist Sandokan?", drängelte Verci, die kaum erwarten konnte, ihn wiederzusehen. "Und wo war er eigentlich die ganze Zeit? Was war geschehen?"
"Geduld, Verci!", mahnte sie Yanez kameradschaftlich, während er sich eine Zigarette anzündete und auch Ardeth eine anbot, die dieser aber höflich ablehnte. "Ach, dass die jungen Frauen von heute immer so stürmisch sein müssen!" Yanez grinste Ardeth an, der ja wie er eher auf die 60 zuging und in deren beider Augen Verci natürlich ein junges Küken war. Yanez setzte sich nieder, ließ sich eine Tasse einschenken und begann zu erzählen, was vorgefallen war. "Sandokan hatte in der Schlacht um Mompracem einen Schlag auf den Kopf erhalten und war ins Meer gestürzt. Instinktiv hatte er sich wohl an etwas geklammert, damit er nicht untergehen würde. Wir können uns das nur zusammenreimen, denn leider", Yanez' Stimme klang belegt, "leider hat Sandokan sein Gedächtnis verloren..."
"Nein!", rief Verci entsetzt.
"Er kann sich an nichts erinnern, weiß gar nicht, was geschehen ist. Er kann sich leider auch nicht an sein Leben auf Mompracem erinnern. Nicht mal der Name Marianna sagt ihm etwas. Auch seinen Sohn erkennt er nicht. Er weiß nichts mehr", berichtete Yanez resignierend. Verci senkte traurig den Kopf.
"Wie hat man ihn denn gefunden?", wollte Ardeth wissen.
"Die jungen Tiger haben ihn ja überall suchen lassen und die Menschen befragt, denen sie trauen konnten. Vor drei Wochen kam ein Händler nach Labuan - mit einem Schiff voller Vogelnester, die für den China-Handel bestimmt waren. Ein Junge seiner Mannschaft stammte aus einem Dorf auf Palawan. Er hörte auf Labuan von Sandokans Verschwinden und erzählte den Berichtenden, dass in seinem Dorf vor einiger Zeit jemand mit einer Bootsmannschaft an Land gekommen sei, der in den hiesigen Gewässern aufgelesen worden sei. Dem Aussehen nach könnte es der Gesuchte sein. Die Leute aus Labuan berichteten uns davon und Tremal-Naik und ich fuhren sofort nach Palawan in jenes Dorf - und tatsächlich, dort fanden wir Sandokan, der dort friedlich Reis anbauen half und uns nicht erkannte..."
Yanez legte eine kurze Pause ein und schenkte sich Tee nach. Dann fuhr er fort:
"Wir haben alles versucht, einen Arzt in Manila aufgesucht, einheimische Heiler befragt, nichts half... Er erkannte niemanden seiner Leute, nicht die Schiffe, nicht Marudu, nicht Gaya, wo wir vor vier Tagen nach der Odyssee Palawan-Manila-Marudu angekommen sind... an einer Wunde am Kopf erkannten wir, dass ihn dort ein Schlag getroffen haben musste. Wir sind ratlos und hoffen, dass er sich im Laufe der Zeit erinnern wird."
Der Portugiese wandte sich an Ardeth: "Sie sehen, Sie sind fast umsonst hierhergekommen. Sandokan ist gefunden, aber er wird Sie nicht erkennen und sich nicht erinnern. Es tut mir sehr leid für Sie, Mr Bay."
"Nennen Sie mich bitte Ardeth", bot der Angesprochene ihm an und fuhr fort: "Nein, es ist bestimmt nicht umsonst. Ich freue mich darauf, Sandokan wiederzusehen, auch wenn er mich nicht erkennt. Außerdem bin ich sozusagen im Exil und hoffe, bei Ihnen vorläufig bleiben zu dürfen, bis sich etwas anderes ergibt."
"Im Exil?", wollte Yanez wissen.
"Das ist eine lange Geschichte, Mr de Gomera." Er wurde von Yanez unterbrochen, der ihm seinerseits anbot, ihn Yanez zu nennen und sich zu duzen, wie es alle Freunde von Sandokan täten. Ardeth akzeptierte und fuhr fort: "Ich werde sie in aller Ruhe erzählen, doch vielleicht nicht gerade jetzt."
"Ja, natürlich", meinte Yanez, "wie unhöflich! Ihr seid gerade erst angekommen und schon haben wir so viel zu bereden. Ihr solltet euch ausruhen."
"Ich möchte Sandokan sehen!", insistierte Verci.
"Nein, Verci, das geht jetzt nicht. Ein indischer Yogi ist gerade bei ihm. Darma hat ihn mitgebracht, er ist quasi ihr Lehrer. Vielleicht kann er helfen. Wir werden heute Abend alle zusammen essen, dann kannst du ihn sehen. Bis dahin solltet ihr euch ausruhen. Kommt, ich zeige euch, wo ihr schlafen könnt."

Am Abend hatte sich alle am Strand im Schein von Fackeln versammelt. Ein Barbecue wurde veranstaltet. Yanez hatte Ardeth und Verci geholt und führte sie auf einen Halbkreis zu, wo Sandokans Freunde und Bekannte versammelt standen: Tremal-Naik, der Inder und einer von Sandokans engsten Freunden; sein Diener Kammamuri, der Sandokan so ergeben wie Tremal-Naik gegenüber war; Sambigliong, Maratua, Pisangu, Giro-Batol und Tanauduriam, Sandokans alte Kampfgefährten und Anführer der Schiffmannschaften; Darma, Tremal-Naiks Tochter, die inzwischen mit Sir Moreland verheiratet war, der sie aber nicht begleiten konnte - stattdessen hatte sie der Yogi Naram begleitet, der sich aber an diesem Abend zurückgezogen hatte; Surama, Yanez' Frau, die ihren gemeinsamen Sohn Soarez an der Hand hielt; Malkam, einen Freund Sandokans aus seiner Heimat am Kinabatangan und ebenso der Krieger Lahut, der Erzieher von Sandokans Sohn Sidom war, welcher bislang am Kinabatangan in der Obhut seines Onkels Pengiran Samah gelebt hatte und nun neben Lahut stand; ferner Prinz Marhut aus Sulu, der Sandokan sehr verbunden war. Ein Raunen ging durch die Runde, als Ardeth sich näherte, denn allzu ähnlich sah er Sandokan. Yanez stellte ihn und seine Begleiter vor, die sich aber im Hintergrund hielten, und nannte Ardeth dann die Namen der Anwesenden. Ardeth hatte ja schon von vielen von ihnen durch Verci erfahren, so dass er sie einigermaßen ins Leben von Sandokan einordnen konnte. Dennoch waren es zu viele neue Gesichter.
"Wir begrüßen unseren Gast aus dem fernen Ägypten", sprach Tremal-Naik laut, der in seinem kostbaren indischen Gewand aus hellblauem Tuch gar nicht mehr wie der einstige Schlangenjäger aussah. "Es ist uns eine Ehre und Freude, dass du von so weit hergekommen bist!"
"Ich freue mich hier zu sein, habe aber von Sandokans Schicksal gehört, was meine Freude trübt", erwiderte Ardeth.
"Gibt es denn Neuigkeiten? Hat der Yogi helfen können?", wollte Verci wissen.
"Nein, leider nicht", antwortete Darma, die nicht wesentlich älter als Verci war. Sie trug ebenso wie Surama einen indischen Sari. Arianda konnte sich gar nicht satt sehen an Verci und erntete von Janir halblaut einen Rüffel, dass er sie nicht so auffällig anstarren solle. Bislang hatten sie sich immer nur in ihrer eher männlichen See-Gewandung gesehen, meistens in halblangen Hosen mit einem lockeren Hemd, das von einem einfarbigem Tuch gehalten wurde. Der Sari stand ihr ausgezeichnet und auch ihr Haar war von Darma kunstvoll gesteckt worden.
"Gibt es denn gar nichts mehr, was wir tun können?", fragte Verci verzweifelt, die Sandokan sehr verehrte.
Man sah sich ratlos an.
"Vielleicht könnte eine Konfrontation mit einer wichtigen Episode aus der Vergangenheit helfen", gab Tremal-Naik zu bedenken und alle sahen ihn fragend an, bis auf Kammamuri, mit dem er bereits diese Idee durchgesprochen hatte. "Naja", fuhr er fort, "vor langer Zeit hat Sandokan doch meiner seligen Frau Ada geholfen, wieder zu sich zu finden. Ihr erinnert euch vielleicht. Sie war irre geworden und wusste auch nicht mehr, wer sie war und was geschehen ist. Sandokan hat doch einfach mit uns damals in Sarawak nach meiner Befreiung diese Szene nachgestellt, in der der böse Suyodhana ihr so übel mitgespielt hatte. Darauf war sie wieder ganz die Alte. Erinnert ihr euch?"
"Ja", erwiderte Yanez. "Aber bei Ada war es doch so, dass es genau diese Sache gewesen war, warum sie geistesverwirrt geworden ist. Sandokan hat die Szene einfach retour passieren lassen und sie ist aus ihrem Schreck erwacht. Also, der Anlass ihrer Geistesverwirrtheit war der gleiche wie der Anlass für ihr Wiedererwachen. Aber bei Sandokan verhält es sich doch anders. Er wurde wahrscheinlich von einem Gegenstand getroffen, vielleicht ein Schwertknauf oder eine herabsausende Rahe... Wir können ja schlecht noch einmal damit auf seinen Kopf hauen, damit er wieder normal wird. Und eine entscheidende Episode aus seiner Vergangenheit? Welche könnte das sein und würde es wirklich etwas helfen?", fragte Yanez eher rhetorisch.
"Wir sollten nichts unversucht lassen", warf Surama ein. Marhut nickte bejahend.
"Das ganze ist doch bei der Schlacht um Mompracem passiert", sprach nun Darma. "Vielleicht - wenn ihr die Insel zurückerobert - wird Sandokan sich dann auch wieder erinnern, wer er ist und was los ist. Er müsste natürlich dabei sein."
"Natürlich wird Sandokan bei der Rückeroberung Mompracems dabei sein!", meinte Verci.
"Ja, aber sollten wir überhaupt Mompracem zurückerobern?", warf Sambigliong ein. "Was nützt es, wenn Sandokan nichts mehr mit der Insel anzufangen weiß? Wenn er nicht weiß, wer er ist und was er dort soll, hat es keinen Sinn, Mompracem zurückzuerobern."
"Ich glaube auch nicht, dass er sich lediglich durch seine Anwesenheit bei einem Kampf an das Vergangene erinnern wird", gab Yanez zu bedenken.
Während sie so sprachen, näherte sich Sandokan. Lahut erblickte ihn als ersten, da er ihm am nächsten stand. "Sandokan, mein Herr", begrüßte er ihn mit einer leichten Verneigung, und sofort stellten sich alle Gespräche ein und jeder schaute zu Sandokan, der nichts dem Gruße Lahuts erwiderte, sondern ausdruckslos in die Runde blickte. Vercis Herz hüpfte vor Freude, als sie ihren Herrn erstmals nach langer Zeit wieder sah. Ein beklemmendes Schweigen erfasste aber die Runde und jeder bedauerte aus tiefstem Herzen den Zustand Sandokans. Auf einmal erblickte Sandokan Ardeth, der ihm genau gegenüber stand, am weitesten entfernt von ihm - und Ardeth erblickte Sandokan. Ardeth' Gedanken wanderten augenblicklich viele Jahre zurück. Er sah sich selbst in diesem Raum sitzen, der spärlich eingerichtet war. Sein Lehrer hatte ihn vor mehreren Stunden hierher gebracht und Ardeth sollte erst in zwei Jahren zurückkehren dürfen. Er fühlte sich beklommen. Auf einmal ging die Tür auf und ein anderer Junge trat ein, blieb ihm genau gegenüber stehen und blickte ihn an. Und Ardeth erkannte in ihm sein eigenes Ich - nicht nur, weil der fremde Junge ihm so ähnlich sah. Knapp 47 Jahre später scheinbar die gleiche Szene - nur am Strand diesmal und unter der Voraussetzung, dass zumindest Ardeth Sandokan kannte. Aber immer noch starrte Ardeth Sandokan so an wie er es früher als Junge in Acheh in jenem Zimmer getan hatte.
Sandokan schritt indessen langsam und unaufhörlich ihn anschauend auf ihn zu. Eine Gasse bildete sich und die anderen schauten gebannt auf Sandokan, dessen Gesicht einen grüblerischen Ausdruck angenommen hatte. Einen Schritt weit entfernt blieb Sandokan vor Ardeth stehen und besah sich dessen Gesichtstätowierungen mit fragendem Ausdruck.
"Ardeth?", sprach er leise.
"Sandokan", erwiderte der Ägypter mit belegter Stimme. Sandokan hatte ihn erkannt. Die anderen hielten die Luft an. Ihr Freund schien sich zu erinnern.
"Ardeth", wiederholte Sandokan etwas lauter. "Ardeth!"
"Sandokan!", rief nun auch Ardeth und sie umarmten sich vor Freude über ihr Wiedersehen. Als sie sich aus der Umarmung gelöst hatten, während der immer noch alle anderen vor Rührung geschwiegen hatten, fasste Sandokan Ardeth fest bei den Schultern und fragte ihn: "Was machst du denn hier, alter Freund?"
"Ich bin gekommen, um dich zu suchen, Sandokan!", brachte Ardeth fast jubelnd hervor. "Deine Freunde riefen mich hierher, allen voran die tapfere Verci, weil du verschwunden warst." Und Ardeth wies dabei auf die anderen, die um sie herum standen und vor Staunen den Mund gar nicht mehr zu bekamen. Das Wunder war geschehen, Sandokans Erinnerung schien zurückgekehrt zu sein. Sandokan wandte sich ihnen zu.
"Yanez!", begrüßte er den Freund. "Du bist ja auch hier! Tremal-Naik! Kammamuri!" Nacheinander umarmte er die Freunde und begrüßte alle, während sich ein lauter Jubel über Gayas Bucht erhob: "Es lebe der Tiger von Malaysia!"

TEIL 2 von "Auf der Suche nach Sandokan" hier