Ariels
Reisetagebuch (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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Auf dem Nil, 20. Tag des 1.
Monats
Bin ich froh, daß wir endlich losgereist sind! Endlos waren
die Abschiedsworte! Mein Vater ermahnte mich, mich immer korrekt
und anständig zu verhalten, nie jemandem etwas Böses zu tun und
mich mit unmäßigen Worten zurückzuhalten. Unser Anführer,
Lord Shyad aus dem alexandrinischen Geschlecht Ryantar, ließ
mich rufen und ermahnte mich ebenfalls die ganze Litanei
noch einmal, die ich bereits von meinem Vater zu hören bekommen
hatte. Und ich solle angesichts meiner Jugend bloß aufpassen,
daß ich über Beleidigungen erhaben bin und es mir nicht gleich
in den Fingern juckt, mein Schwert zu ziehen. Beleidigungen werde
ich in Fülle ertragen müssen weil ich in jedem Land ein
Fremder sein werde. Ich solle halt dran denken, daß das alles
Barbaren seien und mir meinen Teil denken. Na, da bin ich ja
gespannt, ob die sogenannten Barbaren wirklich so
ungastfreundlich sein werden. Ich hoffe nicht... Als ich das Zelt
der Ryantar verließ, trat meine Mutter auf mich zu und deckte
mich mit allerlei Krimskrams ein: verschiedene Pulver gegen
Schlangen- und Skorpionsbisse, Fieber, Niesen,
Durchfallerkrankungen (die wären in fremden Ländern durchaus
üblich, igitt das kann ja was werden),
Geschlechtskrankheiten (!!!), Haarausfall; außerdem lange
Schlafdecken und ein warmes Obergewand für die kalten
"Barbarennächte", wie sie es nannte, ein zweites
Kriegergewand, ein weiteres Amulett gegen den bösen Blick, zwei
warme Schals, einen weiteren Turban, warme Socken, hart
Gebackenes, das lange Zeit haltbar sein würde, ein weiteres Paar
Stiefel bis ich ihr Einhalt gebot. Wie sollte denn mein
Pferd das alles schleppen können auf dem weiten Weg! Also ließ
ich mindestens die Hälfte zu Hause, verbarg es heimlich im Zelt
meines Freundes, damit sie nicht beleidigt sein würde.
Als dann schließlich noch meine Schwester Canitha sich Sand
über den Kopf warf und Litaneien wie zur Bestattung dahersang,
weil ich ja in den Westen aufbrechen würde, das Land der Toten,
und wenn nicht gar so schlimm, dann doch zumindest der Feinde und
Barbaren, eilte ich mich mit dem Aufbrechen sehr. Zudem saß
Aziz, mein wunderheilsamer Freund, zu dessen Begleitung ich
abgestellt worden bin, schon auf seinem Hengst und sah etwas
genervt drein wegen der vielen und nicht enden wollenden
gutgemeinten Abschiedsworte meiner Verwandten. Hatte er es gut!
Seine Eltern weilten gerade im Nachbarstamm anläßlich einer
Heirat einer weitläufig Verwandten...
Kairo, ein paar Tage später
Wir haben uns vor zwei Tagen in Kairo eingefunden bei
einem Bekannten, der öfter Stammesmitglieder beherbergt. Er
hält unser Unternehmen, nach Nordwesten wegen des Blauwandkrauts
zu reisen, für wahnwitzig. Gerade wären Unmengen an
christlichen Soldaten unterwegs, die wahren Gläubigen aus den
Landen des Sultans zu vertreiben im sogenannten Heiligen
Land. Unzählige kriegerische Auseinandersetzungen hätten schon
stattgefunden und wir sollen froh sein, daß Pascha Salim al
Bakar nicht die Medjai zum Kriegsdienst für den Sultan gerufen
hat bislang jedenfalls noch nicht. Ich erwähnte, der
Pascha soll doch froh sein, daß wir die Südgrenze bewachen
würden und bestimmt käme er nie auf den Gedanken, uns zum
Heeresdienst zu rufen. Da meinte unser Gastgeber etwas
beleidigend, daß eine derartige Äußerung mal wieder typisch im
Angesicht meiner Jugend sei und ich keine Ahnung von der wahren
Politik hätte und er hieß mich zu schweigen. Aziz bekräftigte
das durch einen Fußtritt gegen mein Schienbein. Unser Gastgeber
brabbelte noch etwas von "Wieso haben die Medjai so junge
unerfahrene Krieger in so ein gewagtes Unterfangen
geschickt", aber gab dann bald Ruhe.
Jedenfalls sei das Mittelmeer zu unsicher zum Reisen. Wir sollen
doch die Route über Land nehmen. Die sei zwar genauso
gefährlich, aber immerhin könnten wir uns aus allem
heraushalten, während wir auf See der Gefahr nicht entgehen
würden. Das hat was für sich, vor allem, wenn man diese
riesigen Schiffe sieht. Allein der Anblick macht mir Übelkeit!
Ich habe Aziz gefragt, wie wir uns denn bei den Barbaren mit
Lebensmittel versorgen würden. Immerhin, wir könnten doch
Kamele statt der Pferde reiten und sie zur Not als Reittiere für
Vergnügungsritte zur Verfügung stellen so wie es die
Araber mit den Touristen bei den Pyramiden zu tun pflegen. Er
hatte gelacht und meinte, wir seien schon auffällig genug. Es
müssen nicht auch noch Kamele sein! Überhaupt, man könnte sie
uns stehlen, weil sie so ungewöhnlich wären im Nordland. Wir
sind überein gekommen, Gewürze mitzunehmen und sie zum Kauf
feilzubieten sie seien so kostbar wie Gold im Nordland,
wurde uns gesagt. Außerdem haben wir ein drittes Pferd dabei,
das unsere Lasten trägt. So kommen wir schneller vorwärts.
Eben gerade schaut mir Aziz über die Schultern, was ich denn da
so lange schreiben würde und ich erzähle ihm von meiner
Reisetagebuch-Idee. Er lacht nur und meint, das sei
überflüssiger Balast. Und wer das denn überhaupt lesen solle
den Unsinn, den ich da zu Papyrus bringen würde. Ich
schaue ihn etwas grummelig an und meine: ich selbst, in 60
Jahren...
Damaskus, eine Woche später
Jetzt sind wir schon insgesamt zwei Wochen unterwegs und es
kommt mir gar nicht so lange vor. Eigentlich sind die Leute hier
ganz nett. Aziz meinte, die wären ja auch muslimisch und würden
uns fast als ihresgleichen ansehen, mal abgesehen davon, daß sie
uns für hinterwälderische Beduinen halten wie jene, die aus der
Sinai regelmäßig ihre Lande besuchen, um Textilien feilzubieten
und Korn dafür erhalten. Allerdings haben schon viele Menschen
unsere Pferde bewundert, einige Händler wollten sie sogar
abkaufen. Weil ich höflich (wie ich meine) verneinte,
beschimpfte mich der damaskinische Händler als Barbaren, dem die
Frechheit im Gesicht geschrieben stünde! Ich erwiderte, da
stünde nicht "Frechheit", sondern
"Unterwelt" und erntete einen sehr ernsten Blick von
Aziz. Der Händler wetterte weiter. Wie ich denn nur so ein edles
Angebot zurückweisen könne! Er beschmipfte mich weiterhin als
"unnützen nutznießerischen Wüstenhund", da wanderte
meine Hand zum Schwert, aber Aziz legte die seine auf meine und
gemahnte mich der Worte unseres Anführers. Das war aber bislang
der einzige Zwischenfall.
Aziz ist gerade weg. Hat sich ganz schnell verabschiedet, als ich
ihm erläutert habe, warum man zwei noch so junge Krieger
ausgesandt hat. Natürlich hat das damit zu tun, daß wir eine
robustere Gesundheit haben und Aziz schon trotz seiner Jugend so
pflanzenkundig bewandert ist. Aber man hat auch bewußt zwei
Unverheiratete gewählt, wie mir mein ehemaliger Waffenmeister
zutrug. Wir könnten immerhin keinen Ehebruch begehen, denn das
zwei Männer auf einer so langen Reise den Reizen von exotischen
Frauen nicht lange widerstehen würden, davon ging man aus. Und
da wir nicht zu Hause wären, müßten wir sie auch nicht gleich
heiraten. Aziz verstand das wohl als Freibrief und jetzt ist er
weg... Na, was soll's? Ich gehe jetzt mal zur Moschee und schaue
mir an, wie man hierzulande zu bauen versteht.
Antalya, fünf Tage später
Wir reisen an der türkischen Küste entlang. Überall preist
man den Ruhm des Sultans. Wir können in die Hymnen nicht
einfallen, weil der Sultan immerhin der Mann ist, dessen
Vorfahren zu Unrecht unser Land besetzt haben. Zwar haben sie vor
vielen Jahrhunderten so den Islam mitgebracht, nach Meinung der
nördlichen Stämme, besonders des elften und zwölften, der
einzig wahre Glaube, aber wir vom dritten Stamm sind da eher
traditionalistisch und gar nicht so davon überzeugt, ob das
alles so gut war. Canitha will zum Beispiel gern bei den
Priesterinnen des verborgenen Isis-Tempels in der Nähe von Aswan
dienen, aber Shyad rät meinem Vater, sie mit dem Sohn von
Uswang, dem Anführer des elften Stammes, zu verheiraten.
Immerhin sei sie eine Ortega und geradezu verpflichtet, Allianzen
einzugehen. Canitha weigert sich standhaft und beruft sich auf
ihr Recht auf Persönlichkeit, wonach sie sich ihren Ehemann und
ihr Leben, das sie führen möchte, selbst auswählen kann. Das
wäre bei den Stämmen im Nordennicht möglich. Als ich das mit
Aziz erörtere, gibt er Canitha recht und meint, ich solle mit
meinen politischen Erörterungen zur Situation des Paschas in
Ägypten bloß nicht zu laut daherreden, sondern würde man mich
wegen Ungehorsam meinem obersten Herrscher gegenüber, als
solcher der Sultan des Osmanischen Reiches ja gilt, einsperren
oder gar vierteilen. Ich soll doch lieber die Reise genießen.
Noch müßten wir uns nicht um das Blauwandkraut kümmern und die
Pferde bräuchten Erholung, die wir leicht zur Befriedigung
gewisser Bedürfnisse nutzen könnten... Dieses Antalya sei
geradzu paradiesisch dazu geeignet und wird bestimmt noch lange
Zeit als ein Ort der Erholung genutzt werden.
Istanbul, eine Woche später
Puh, war das ein Erlebnis! Eigentlich wollte ich mir die
Hagia Sophia anschauen, dieses vielgerühmte Bauwerk, aber dann
meinte Aziz, ich solle mit ihm zum türkischen Bad kommen. Er
hätte bereits ein solches in Izmit besucht und kann es nur
empfehlen. Da ich ja immer für Neueindrücke offen bin,
begleitete ich ihn also.
Kaum traten wir in das Gebäude ein, empfingen uns Knaben,
vielleicht im Alter von zehn Jahren und führten uns in
Seitenräume. Als mein Begleiter anfing, mich zu entkleiden,
sträubte ich mich, aber Aziz meinte, ich solle ihn gewähren
lassen. Es würde nicht wehtun und ich bekäme meine Kleidung und
mein Schwert gewißlich zurück. Da befürchtete ich das
Schlimmste! Aziz hatte so einen verschleierten Blick auf einmal.
Ich betrachtete den Jüngling, der sich um mich kümmerte,
genauer, aber der hatte nichts Lüsternes an sich. Er band mir
ein großes Handtuch um die Hüften und führte mich in eine
Kammer, die voll von Dampf war. Dort saßen einige vollkommen
nackte Männer auf ihren Handtüchern auf Treppenstufen. Weil
mein Begleiter den Raum verlassen hatte, tat ich es den anderen
gleich, legte mein Handtuch auf eine der Stufen und setzte mich,
während die anderen mich geradezu anstarrten. Ich sah mich
irritiert um und überlegte, was ich falsch gemacht habe, ob mein
Handtuch irgendwie falsch lag oder so... aber alles war so wie
bei ihnen. Und doch ließen sie nicht davon ab, mich zu
betrachten. Einige tuschelte sogar miteinander. Wahrscheinlich
weil ich ein Fremder war, dachte ich mir dann. Dieser Dampf
kribbelte ganz schön in der Nase! Wie lange ich hier sitzen
sollte? Nach und nach verließen einige der Männer den Raum,
während andere hinzutraten. Wo nur Aziz war? Als derjenige, der
kurz nach mir den Dampfraum betreten hatte, wieder ging, dachte
ich, es wäre Zeit zu gehen. Also wickelte ich das Handtuch um
und trat hinaus, wo mein Jüngling auf mich wartete und mich in
einen anderen Raum brachten, in dem zwei große Wasserbecken
standen. Ich staunte vielleicht! Künstlich angelegte
Wasserbecken! Ich sollte hineintauchen. Vorsichtig sah ich mich
um und gewahrte, daß die Männer in diesen Wasserbecken stehen
konnten, also konnte ich nicht untergehen. Also kletterte ich
(recht umständlich) hinein. Mich erwartete kühles, geradezu
eiskaltes Wasser und ich wollte so schnell wie möglich heraus,
aber mein Begleiter wies mich an, länger in diesem schrecklich
kalten Wasser zu verharren. Erst dieser heiße Dampf, jetzt das
kalte Wasser, als nächstes würde er mich wohl durch ein großes
Feuer jagen! Wie Aziz so etwas nur toll finden konnte, fragte ich
mich langsam. Als Höhepunkt dieser Badehaus-Tortur legte ich
mich auf ein Marmorbett, das mit vielen Tüchern ausgelegt war.
Mein Begleiter ölte mich am ganzen rückwärtigen Körper ein,
dann kam ein muskulöser Mann und knetete mich geradezu durch
das ganze mochte eine halbe Stunde dauern. Mir tat alles
weh, aber es war gut gewesen. Schließlich sollte ich mich auf
den Rücken legen und mein Knabe ölte mich vorn ein
wirklich überall !!! und massierte mich dabei leicht. Er fragte
mich, ob ich ein Mädchen wünsche und ich sah ihn irritiert an.
Er meinte, ich hätte ihn nicht verstanden und wies auf mein
Geschlecht. Aziz betrat gerade den Raum zur Massage und meinte
trocken, als er mich sah, rot-schwarz im Gesicht stünde mir gut.
Er fügte hinzu, daß das Mädchen mich nur massieren würde. Das
könne der Knabe auch, aber manche Männer wünschen zu diesem
Zwecke eher Mädchen. Ich sah skeptisch von Aziz zu dem
unschuldig drein blickenden Knaben und wieder zu Aziz, der sich
schon auf den Bauch gelegt hatte und von seinem Begleiter
eingeölt wurde. Weil der Knabe auf eine Antwort wartete,
erwiderte ich, daß ich kein Mädchen bräuchte und so fing er
an, mich wirklich überall eingehender zu massieren... Ich wehrte
mich nicht länger, war aber froh, als das Öl eingezogen war und
ich meine Kleidung und mein treues Schwert zurückerhielt. Nie
wieder betrete ich ein türkisches Badehaus!
Thessaloniki, 5 Tage später
Einerseits bin ich froh, daß wir das türkische Land hinter
uns gebracht haben, andererseits behagt mir der griechische Boden
auch nicht.
Tatsächlich war es so, daß es an der türkischen Küste ganz
schön unruhig war. Es wimmelte nur so von Rittern aus den
Nordländern, die sich zum Kampf rüsteten. Sie hatten bunte
Zelte mit Fahnen drauf und ihre Schiffe lagen vor der Küste vor
Anker. Argwöhnisch betrachteten sie uns, wenn wir an ihnen
vorbeiritten und verhöhnten uns als ungläubig. Manchmal folgten
uns sogar ein paar Reiter, aber natürlich waren wir viel
schneller und ihre Anführer pfiffen sie auch oftmals gleich
zurück. Als wir einmal Rast gemacht haben, lagerten in der Nähe
auch ein paar Soldaten. Nach einer gewissen Zeit traten sie zu
uns und baten um etwas Fladenbrot, das wir gerade frisch auf
einem großen Stein zubereitet hatten. Der Duft hatte sie wohl
angelockt. Wir forderten sie auf, sich zu uns ans Feuer zu
setzen. Sie erzählten in einer Mischung aus Italienisch oder
Lateinisch, Deutsch und Arabisch, daß sie aus Bavarien gekommen
seien und als sie sich später verabschiedeten, meinte der eine:
"O mei, ihr mohammedanischen Ungläubigen seids ja gar net
so übel". Auf der einen Seite diese kriegswütigen Christen
und auf der anderen Seite die Sultansgetreuen, die uns zum
Vorwurf machten, daß die "schwächlichen Ägypter"
nicht genügend Soldaten entsenden würden für ihre Kriege. Mir
lag auf der Zunge, daß wir auch lieber einen gerechten Pharao
über uns hätten anstatt einen so weit entfernten Sultan, der
unser Land ja nur als Kornquelle ausbeutet. Aber jedes Mal, wenn
diese Diskussion aufkam und mich dieser empörende Ausdruck
überkam, warf mir Aziz warnende Blicke zu. Am liebsten hätten
sie uns gleich wehrverpflichtet und die Pferde eingezogen. So
konnten wir teilweise auch nicht durch die Orte reisen.
Jedenfalls bin ich froh, daß wir den Teil der Reise so
unbeschadet überstanden haben. Jetzt reisen wir seit fünf Tagen
auf griechischem Boden. Ein lustiges Land: die Männer tragen
hier kurze Kleider. Die Frauen sieht man kaum, sehr zum Leidwesen
von Aziz. Diese Griechen halten sich immer noch für den Nabel
der Weisheit aller Welt. Dabei haben sie in ihrer Geschichte mehr
gemordet als die Christen es bislang vermochten. Armes Europa,
wenn es sich die griechische Kultur zum Vorbild nimmt! Sie sind
auch noch stolz auf ihre brutale Vergangenheit, indem sie die
Lieder der Helden rühmen, die sich bis aufs Blut bekämpft
haben. Tatsächlich sollen doch ihre griechische Göttern diese
auch noch angefeuert haben und Partei ergriffen haben! Was für
eine primitive und abstoßene Vorstellung! Götter, die zu
niederen Menschen werden! Anstatt die Menschen zu Frieden und
Kultur anzuhalten! Und ihr Obergott hat es auch noch mit
verschiedenen Frauen getrieben, indem er sich zum Teil
betrügerisch verkleidet und verstellt hat! Ein oberster Gott hat
so etwas doch nicht nötig! Aber jetzt glauben sie auch nicht
mehr daran, sondern auch an den einen Gott. Immerhin, nette
Tempel haben sie schon. Hier gibt es zum Beispiel einen großen,
der sich Akropolis nennt. Ich habe ihn mit Aziz besichtigt.
Schade, daß so viele Säulen und Wände bereits zerstört sind.
Unten in der Stadt, unweit vom Tempel, gibt es übrigens ein
Wirtshaus, das nennt sich "Zur Akropolis", also genau
wie der Tempel. Da hab ich Aziz gefragt, ob er weiß, ob es in
Aswan auch ein Wirtshaus gibt, das "Zum Philae-Tempel"
heißt. Er meinte dazu nur: So ein Quatsch! Und kehrte ein... Es
gab so ein geharztes Getränk... Wir haben es probiert. Uns kam
schon der Verdacht, daß es sich vielleicht um etwas
Alkoholisches handelte. Aber etwas anderes gab es dort nicht. Als
ich mich nach Pfefferminztee erkundigte, dauerte es sehr lange,
bis der Wirt überhaupt kapiert hat, was ich damit meine und dann
hat er mich ausgelacht. Aziz befand, daß dieses Harzgetränk
nicht schlecht wäre und trank locker drei Becher davon.
Schließlich bekam er auch noch die Hälfte von meinem. Ich
beschloß für mich, mir nachher Wasser aus dem Brunnen zu holen,
abzukochen und einige meiner getrockneten Pfefferminzblätter
hineinzuwerfen. Daran tat ich auch gut, denn während ich mir Tee
aufbrühte, übergab sich Aziz mehrmals im Gebüsch. Ihm war ja
so schlecht und unsere Abreise wird sich wohl verzögern. Wir
hatten eigentlich vor, morgen inland zu reiten, direkt zur
anderen Küste. Oh, Aziz kommt zurück. Ich pack mal besser
meinen Papyrus weg, bevor er sich noch aus Versehen darüber
erbricht.
Venedig, 3 Wochen später
Das war ein anstrengendes Stück Reise. Wir sind erst quer zur
griechischen Westküste geritten, dann an dieser entlang nach
Norden. Bis in die Nacht ritten wir, hielten nur wenige Pausen,
aber die mußten der Pferde wegen sein. So hatte ich keine Zeit
zum Schreiben, so erschöpft war ich. Je nördlicher wir kamen,
desto öfter regnete es. Wir suchten dann Schutz unter Bäumen
oder spannten unsere Zeltplane dürftig auf. Manchmal ritten wir
im Regen. Die Kleidung war dann total durchgenässt und wir
froren abends, während wir die Kleidung über dem Lagerfeuer zu
trocknen versuchten. Ich war froh, daß ich das warme Obergewand,
das mir meine Mutter gab, doch mitgenommen hatte.
Jedenfalls holte ich mir einen ziemlichen Schnupfen, aber wollte
die Reise nicht verzögern. So ritten wir weiter bei Regen. Eines
Abends fieberte ich, sogar noch am nächsten Morgen. Die Medizin
wollte nicht so recht helfen. Also band mich Aziz an meinem Pferd
fest, damit ich nicht herunterfallen würde, und die Reise ging
weiter. Wir ritten ja bei der Reise von der Ost- zur Westküste
durchs Gebirge, das war ganz schön anstrengend und kalt. Aziz
erzählte mir, daß ich mich schließlich nur noch an der Mähne
festklammerte und so hohes Fieber bekam, daß er eiligst einen
Gasthof aufsuchte, wo man mich sofort entkleidete und in ein
warmers Bett (mit Decken, die mit Federn gefüttert waren!!)
steckte und fluchte, wie wir nur in den nassen Klamotten so lange
reiten konnten. Sie befürchteten sogar, nichts mehr für mich
machen zu können. Aziz erzählte, sie haben mich erst mal
trocken massiert und dann mit einer Salbe eingerieben und mich
tagelang ins Bett gesteckt. Ich bekam erst nur Brühe zu essen.
Außerdem haben sie von Zeit zu Zeit meine Beine mit kalten
Tüchern umwickelt. Schließlich ist das Fieber gesunken. Aziz
hatte die Zeit genutzt und sich um die ebenfalls erschöpften
Pferde gekümmert. Elena, ein griechisches Mädchen, kümmerte
sich rührend um mich. Sie saß stundenlang bei mir und flickte
auch liebevoll meine lädierte Kleidung, zog sie sogar zum Spaß
an, aber stolperte darin ziemlich. Wir haben viel gelacht. Sie
fragte mich viele Dinge und fuhr mir oft recht zärtlich übers
Gesicht, zeichnete die Zeichen nach, in der Annahme, ich würde
schlafen. Sie verwöhnte mich mich Schafskäse und Gurken, aber
statt des dargebotenen Weines erkundigte ich mich vorsichtig, ob
sie nicht auch Ziegen hätten. Sie nickte und berichtete, wie sie
früher die Tiere gehütet hat. Schließlich brachte sie mir
Ziegenmilch. Sie stellte mir auch ihre ältere Schwester vor,
aber diese kam nur selten zu mir. Auch Aziz war immer sehr
beschäftigt. Na, die Pferde mußten ja topfit bei der intensiven
Pflege sein, die Aziz diesen wohl in all der Zeit zukommen ließ.
Inzwischen sind wir in Italien angekommen, in Venedig, der
Lagunenstadt. Sie ist wirklich sehenswert. Den Hauptweg bildet
ein Kanal wie der Nil bei uns, nur daß hier rechts und
links große Häuser stehen. Man hat uns gesagt, wenn wir nach
Britannien wollen, dann sollten wir entlang der Poebene reisen
und dann von Mailand nach Süden bis Genua, von dort aus an der
Küste nach Frankreich. So würden wir die Alpen umgehen können,
ein hohes Gebirge. In Frankreich sollten wir entlang der Garonne
reisen bis zur Normandie und von dort aus kann man nach
Britannien übersetzen. Außerdem sei der Weg sehr schön und wir
würden länger im warmen Süden reisen können. Nach all der
Tortur mit der Grippe im griechischen Pindos-Gebirge ist mir das
sehr lieb.
Hier in Venedig sind jede Menge Fremde, da fallen wir gar nicht
so auf. Sie haben hier einen großen Hafen, da laufen ständig
Schiffe ein und aus. Tatsächlich werden Gewürze hoch gehandelt,
das ist gut für unseren weiteren Reiseverlauf. Außerdem gibt es
hier einen großen Palast. Wir waren in der Nähe. Wie
gekünstelt die Menschen dort herumlaufen und in was für
prachtvollen Gewändern! Am lustigsten sind mal wieder die
Männer! Sie tragen aufgepumpte Hosen, als hätten sie zuviel
Sand in den Beinkleidern! Außerdem reichen die Hosen nur bis
knapp über die Knie, darunter tragen sie so etwas wie Strümpfe
und gebogene Schuhe. Auch die Ärmel ihres Obergewandes sind wie
aufgeblasen. Dazu tragen sie Lanzen. Das sieht wirklich komisch
aus und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen, während
mich der belanzte Soldat doch ziemlich grimmig anblickte. Er trat
sofort zu einem Kameraden, wies auf Aziz und mich und tuschelte,
während ich Aziz zuflüsterte, daß die hier eine merkwürdige
Kriegerkleidung hätten. Die Gasthäuser nahmen hier ordentlich
viel Geld für Übernachtungen, so daß wir uns lieber außerhalb
der Stadt niederlassen wollten. Wir sahen uns heute die
prächtige Stadt in aller Ruhe an, aßen in einem arabischen
Gasthof, der einen ziemlichen Zulauf hat wegen der vielen
arabischen Händler, die hier Zwischenstation machen, und wollen
morgen entlang des Flusses Po weiterreiten.
Calais, vier Wochen später
Fast einen Monat hat es gedauert, endlich an die Küste zu
stoßen, deren vor uns liegende Wasser uns mit unserem Ziel
verbinden sollen. Und das war vielleicht eine Reise! Zum ersten:
das Wetter! So etwas habe ich noch nie erlebt! Es hat entweder
geregnet oder gestürmt, meist beides auf einmal! Wir waren so
oft so was von durchnässt, dass wir nächtelang uns in Decken
hüllen mussten, damit unsere Kleidung am Lagerfeuer wieder
trocken wird. Ungemütlich, dieses Land.
Zum zweiten, die Menschen hier... je weiter nördlich man kommt,
desto mehr verdrossen scheinen sie zu sein. Kaum dass sie uns
sehen, verkriechen sie sich kreuzschlagend in ihren kleinen
Bauten. Dabei handelt es sich um feste Bauten, aber nicht so hell
wie im hellenischen Raum, sondern eher dunkel mit Schornsteinen,
aus denen ständig Rauch kommt und selbst aus Häusern
ohne Schornsteinen steigt Rauch auf. Gut, das kann man verstehen
bei dem Wetter hier! Aziz spricht ihre Sprache ein wenig
und hat sich erkundigt, ob es denn so was wie Sonne und Wärme
hier mal gäbe und tatsächlich soll es so eine Jahreszeit geben.
Sie nennen sie Sommer, aber sie soll noch fern sein.
Jetzt stünde erst mal der Winter bevor, und der
solle noch viel kälter werden als es jetzt schon ist. Kann ich
mir gar nicht vorstellen. Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie
ich warme Füße kriegen soll. Oje, jetzt bin ich schon wieder
beim Wetter... ich wollte doch von den Menschen berichten. Also,
die sind schon komisch: Entweder rennen sie kreischend von
dannen, als wären wir Immy...äh, der der nicht genannt werden
darf, persönlich, dann wieder kommen sie angelaufen und fragen
uns, ob wir Kreuzritter aus England, Flandern oder Germanien
wären und ob das Heilige Land endlich in Händen der Christen
sei. Sobald sie merken, dass wir keine Christen sind, schauen sie
uns bestenfalls nur böse funkelnd an, schlimmstenfalls wollen
sie uns sofort aufknüpfen, aber der Anblick unserer wie
sagen sie immer Saraszenenwaffen lässt sie
diesen Plan ganz schnell aufgeben. Einmal haben sie sogar
darüber gerätselt, ob wir Ritter aus dem Heiligen Land wären,
die nun als Revanche ihr Land erobern wollen. Und ein anderes Mal
lief uns eine ganze Prozession hinterher, vorneweg eine Art
Priester, der ein überdimensionales Kreuz trug. Seine Gemeinde
ließ laut singend Gebete vernehmen. Weil uns die immer gleichen
Gesänge schließen arg in den Ohren dröhnten, redeten wir
unseren ebenfalls genervten Pferden gut zu - und ritten in vollem
Galopp davon. So schnell konnte der Priester mit Kreuz und
Gemeinde jedenfalls nicht hinterher, aber sein Ziel hatte er
erreicht: Die angeblichen Teufel wir!!! waren
verschwunden.
So merkwürdig wie die Menschen ist auch das Essen hier. Die
Brotlaibe sind nicht rund, sondern länglich und irgendwie enden
die meisten Worte auf -et: Brotsorten, Frauennamen
und sogar die Abort-Bezeichnung.
Jedenfalls sahen wir uns gezwungen, fast immer im Wald abseits
von Siedlungen zu nächtigen. Manchmal wagten wir uns auch in ein
Gasthaus, wenn es zu stark regnete. Je weiter nach Norden wir
kamen, desto argwöhnischer wurden wir betrachtet. In den
Städten an der südlichen Küste kannte man noch fremdländische
Leute, aber hier... selten, dass sich hier mal jemand hin
verirrt. Aziz wurde auch immer brummeliger, klar, denn es wurde
für ihn immer schwieriger, ein Mädchen aufzureißen und
bei der letzten wäre es fast schief gegangen. Das war mitten im
Land, da wo diese großen Steine zur Begrenzung von Land stehen.
Es kamen drei Bäuerinnen vorbei, die fragten wir nach dem Zweck
der Steine. Die Mädchen wussten nicht viel über die Steine,
steckten aber die Köpfe zusammen und kicherten. Ich grinste sie
auch an, Lachen steckt ja bekanntermaßen an, während Aziz eine
von ihnen genauer in Augenschein nahm. Die bemerkte das und wies
dann ihre Freundinnen an, mir noch weitere Steine zu zeigen, was
die beiden Mädchen auch taten. Sie selbst wollte Aziz auch etwas
zeigen. Was genau, wollte sie uns nicht verraten, sollte eine
Überraschung für Aziz sein. Und dann geschah mir folgendes: Die
beiden Mädchen zerrten mich in ein Wäldchen und wollten mich
entkleiden. Ich konnte mich ihnen ja nicht so verständlich
machen, weil ich nicht viel von ihrer Sprache weiß. Sie deuteten
mir per Handzeichen an, dass sie meine Kleidung waschen wollten.
Die sind aber nett, dachte ich mir und ließ sie also gewähren.
Das war ein Fehler, denn es wurde fast noch schlimmer als damals
in diesem türkischen Hamam-Bad. Diese Frauen hier gehen ja
vielleicht ran! Ich dachte, die wären im Abendland alle etwas
prüder als bei uns. Naja, zugegeben, irgendwann ließ ich es
denn zwar widerwillig mit mir geschehen... Nun
denn... es mochte wohl ein halbes Stündchen so gehen, bis sie so
was wie adjö sagen und freudig gackernd von dannen
zogen. Nachdem ich mich wieder angekleidet hatte, suchte ich
Aziz, aber der war nirgendwo zu finden... Es dauerte nicht lange,
und eines der beiden Mädchen, mit denen ich mich vergnügt
hatte, lief mir aufgeregt entgegen. Sie zerrte an mir, aber auf
einem Hügel, unter dem ihr Dorf lag, ließ sie mich anhalten und
wies auf den großen Platz. Oje!!! Da stand Aziz, nackend, an so
ein Holzgerät, in dem sein Kopf und seine Arme steckten. Sie
nennen es Pranger, erklärte er mir später und dass man
ihn in flagranti erwischt hätte, sein Mädchen mit ein paar
Ohrfeigen abgefertigt hätte und ihn nun an dem Pranger verrecken
lassen wollte. Vorerst musste ich die Nacht abwarten, dann
schlich ich mich mit der Hilfe des Mädchens, mit dem ich mir
vorher aber noch die Zeit vertrieb (wieso auch nicht? Ihre Leute
waren eh alle auf dem Platz, um Aziz tätowierten Körper
zu bestaunen und ihn mit Tomaten und anderem zu bewerfen und ich
konnte ja erst mal nichts tun...), ins Dorf, schickte den
Wächter schlafen und befreite Aziz, was gar nicht so einfach
war, bis mir das Mädchen den Schlüssel für das komische Gerät
reichte. Auch hatte sie Aziz konfiszierte Kleidung geholt
und mir mitgegeben. Im Wald zog er sich dann schnellstens an und
wir machten uns noch schneller auf den Weg zu unseren Pferden,
die wir bei den Steinen zurückgelassen hatten. Am nächsten
Vormittag wusch Aziz sich in einem Fluss und berichtete mir vom
bitteren Ausgang seines Techtelmechtel. Als er hörte, dass ich
inzwischen mehrmals mit den beiden Mädels, na ja, da war er
schon etwas grummelig. So ungefähr hatte er sich seine Nacht im
Walde auch vorgestellt.
Jetzt sitzen wir hier in Calais im Hafen und warten auf die
Fähre nach England. Mir ist ja schon jetzt ganz übel, wenn ich
daran denke, dass ich gleich auf so einem Stück Holz sitzen
werde und hilflos mit ansehen muss, wie es mich ans andere Ufer
schaukelt... Aziz meint, es wäre auch kein anderes Gefühl als
das Reiten auf einem Kamel... mal abwarten...
Maidenhead, 17 Tage später
So, wir sind am Ziel unserer Reise angekommen. Ein kleiner
Ort, mit strohbedeckten Häusern. Aber immerhin lebt hier dieser
Druide, den wir aufsuchen sollen. Er hat sich mit Aziz sofort auf
den Weg gemacht, um das Blauwandkraut zu suchen. Ich solle in
seiner Hütte warten, bis sie wiederkehren. Gut, dann verbringe
ich eben meine Zeit mit Faulenzen und gehe ein bisschen draußen
spazieren...
Maidenhead, 1 Tag später
Ich weiß gar nicht, wie ich es sagen soll, aber ich
bin verliebt!!!! Gestern habe ich am Fluss en Mädchen
getroffen... es saß dort und sang. Ich hörte wie verzaubert zu.
Die Arme erschrak sehr, als sie mich sah. Aber immerhin lief sie
nicht weg wie so viele vor ihr. Sie wollte wissen, wer ich sei
und zeigte sich dann ziemlich furchtlos. Inzwischen hatte ich ja
etwas von dieser Sprache gelernt und konnte mich ihr ein wenig
verständlich machen. So erklärte ich ihr, dass ich Gast ihres
Druiden sei. Sie wirkte sehr schüchtern. Wir lächelten uns nur
an. Sie musste dann gehen.
Heute war ich wieder dort genau wie sie. Ich hatte
gehofft, sie wiederzusehen und mein Herz schlug so laut, als ich
sie sah... ich muss verliebt sein...seufz...
Immer noch Maidenhead, 2 Wochen später
Ich bin so traurig... wir reisen ab... so bald schon...
Ach, wenn ich den Eintrag von vor zwei Wochen lese... damals war
ich noch glücklich. Nun gut, man soll nicht ungerecht sein. Es
war eine wirklich schöne Zeit, die letzten zwei Wochen. Karein
so heißt das Mädchen, das ich kennengelernt habe
und ich war wie verzaubert. Wir trafen uns jeden Tag im
Wald. Ich konnte ihr nicht versprechen, dass ich bleiben würde
und sie konnte mir nicht versprechen, dass sie mit mir gehen
könnte, also war unsere Liebe von vornherein zum Scheitern
verurteilt. Was ich mitnehme nach zu Hause, ist eine schöne
Erinnerung...
Aziz hat natürlich nach seiner Rückkehr in die Hütte des
Druiden bald bemerkt, was los war und eingedenk seiner
Erfahrungen in Frankreich mich eindringlich gewarnt. Ich
habe seine Warnungen in den Wind geschlagen und die Jungfrau
Karein in das Reich der Liebe eingeführt. Sie war anfangs sehr
schüchtern und bekam rote Wangen, als ich ihr berichtete, wie
Frau und Mann körperlich zusammenkommen können. Sie hatte noch
nie davon gehört. Das ist vielleicht ein Unterschied zwischen
den Frauen dieser beiden Länder jenseits und diesseits von dem
Kanal! Ich hätte sie so gern als meine Braut mit nach Hause
genommen. Ich weiß zwar nicht, was meine Familie dazu gesagt
hätte, denn sie meinen ja, ich müsse eine Tochter aus ganz
bestimmten Medjai-Familien heiraten, aber ich hätte sie schon
davon überzeugt, dass Karein die richtige Frau für mich gewesen
wäre. Aber auch Karein kann nicht einfach von zu Hause weggehen.
So wie ich es verstanden habe, ist sie ein Edelfräulein. Sie
trägt ein langes Kleid mit weiten Ärmeln, das sieht total
lustig aus, ist aber teilweise recht unpraktisch. Auch hat sie
Dienstpersonal um sich herum. Eine Zofe begleitete sie eigentlich
immer, die sich aber dezent zurückhielt. Ich musste Karein so
viel aus meiner Heimat erzählen! Es waren wunderschöne Tage mit
ihr... wir waren wie verzaubert... ich mag nicht zurück in die
Wirklichkeit kehren... und doch reisen wir im Morgengrauen ab...
Aziz und der Druide haben dafür gesorgt, dass wir morgen eine
Schar Kreuzritter begleiten werden, die nach Jerusalem aufbrechen
werden. Bis dahin werden wir mitreisen und dann werden wir nach
Hause kehren. Ach ich würde so gern hier bleiben!
Messina, zwei Monate später
Du meine Güte, so viel ist passiert in den letzten zwei
Monaten!! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Erstmal bin
ich total beeindruckt von diesem Ort. Hier tummelt sich ja alles
Mögliche an Volksgenossen herum. Sie hatten uns ja schon
erzählt, dass sich von hier aus die Ritter einschiffen, um gen
Osten zu segeln, aber so viele Menschen hatte ich nicht erwartet!
Und so viele Muslime schon gar nicht! Komisch, hier vertragen sie
sich alle und in Jerusalem soll das ganz anders zugehen...
Und dann ist da etwas passiert... ich weiß gar nicht, wie ich
das schreiben soll. Es ist wunderbar!!! Also, von vorn... wir
ritten also im Morgengrauen in Maidenhead los. Das Schlimme: Es
hatte über Nacht geschneit!!! Igitt, war das eklig kalt. Ich zog
ein Gesicht wie unser altes Kamel Grimpi zu Hause. Aber auch,
weil ich nicht weg wollte. Aziz wollte mich aufheitern und warf
mir diesen Schnee in Form von Kugeln zu. Er traf mich mitten im
Gesicht und ich war keineswegs aufgeheitert. Wütend warf ich ihm
auch so eine Schnellkugel zu und dann ging das immer hin und her,
bis der Druide kam und meinte, wir würden uns wie die Kinder
aufführen und wenn wir nicht gleich losreiten würden, würden
wir unsere Kreuzritter-Karawane verpassen.
Wir beeilten uns und warteten wie verabredet an der Kreuzung vor
dem Ort, wo sogleich die Kreuzritter mit ihrem Gefolge eintrafen
und wir alle weiterritten. Der Anführer war der Onkel von
Karein. Aziz und ich hatten ihn im Haus des Druiden getroffen,
als unsere Reise organisiert wurde. Der Druide hatte mir
hinterher augenzwinkernd erklärt, wer der Mann sei. Seine
Anwesenheit machte mich aber noch trauriger, denn ich musste
immer an mein Mädchen denken. Ich hätte aber nicht weinen
dürfen, die Tränen wären bei den Temperaturen gefroren! Die
anderen Männer waren auch alle in ihre Pelze und Decken
eingehüllt, sie hatten wie wir ihre Gesichter verhüllt.
In der zweiten Nacht nach unserem Aufbruch geschah es dann: Ich
war beim Fluss, um mich zu waschen, es war etwas milder als am
Vortag. Ein junger Knappe war mir hinterhergeschlichen. Kaum am
Fluss, enthüllte er mir sein Gesicht. Und wer stand vor mir!!!
Karein!!! Verkleidet als Knappe!!! Ich staunte nicht schlecht.
Sie berichtete mir, dass ihre Eltern dachten, sie wäre mit ihrer
Gouvernante bei einer Verwandten zwei Ortschaften weiter. Und
ihre Eltern hatten so viel mit dem Ausrüsten der Ritter zu tun,
dass sie nicht lange nachgefragt hatten. Eine Weile könnte ihre
Abwesenheit wohl geheim bleiben. Sie hoffe, lange genug, bis man
in Messina sei. Tatsächlich ist uns bislang niemand hinterher
gereist, wahrscheinlich vermutet man auch nicht, dass sie mit der
Kreuzritter-Truppe gereist sei. Und ihre Gouvernante hat sich
ebenfalls als Knappe verkleidet. Sie wollte unbedingt Jerusalem
sehen. Ihre Bruder hätte dort gekämpft, berichtete sie. Sie
wolle ihn suchen. Es war gar nicht leicht für die Frauen, sich
geheim zu halten, aber bislang ist es ihnen gelungen. Karein will
ab Jerusalem mit mir kommen. Ich habe Aziz davon berichtet. Er
hält mich für völlig verrückt, denkt, wir würden uns nur
Ärger einhandeln. Aber solange der Onkel nur denkt, dass ein
Knappe abhanden gekommen ist, wird es schon nicht so schlimm
werden. Aziz erinnerte mich auch an meine Familie. Aber seis
drum. Ich werde sie schon überzeugen. Jedenfalls bin ich wild
entschlossen, Karein nach Ägypten zu führen.
Jerusalem, 23 Tage später
Wahnsinn, was hier los ist! Aziz und ich sollten uns beeilen,
mit Karein aus der Schusslinie zu kommen. Hier bekämpfen sich
christliche Ritter und Saladins Soldaten. Bisher ging's aber gut:
Wir reisen mit christlichen Rittern und sind Muslime. Jedenfalls
haben wir uns gestern Abend bei Kareins Onkel bedankt und
verabschiedet und wohnen jetzt in einer Herberge im Westen der
Stadt. Karein wird heute Nacht zu uns stoßen und morgen reisen
wir dann ab. Ich habe ihr ein orientalisches Gewand besorgt,
sodass sie als meine Frau reisen kann. Wenn wir mit einem
christlichen Knappen reisen, denkt man, wir hätten einen
Gefangenen bei uns. Das gibt nur wieder Komplikationen.
Hoffentlich geht alles gut...
Kairo, 12 Tage später
Wir wurden heute im Haus unseres Bekannten, bei dem wir schon
auf der Hinreise übernachtet hatten, von keinem geringeren als
Lord Shyad Ryantar empfangen. Er freute sich sehr, dass es uns
geglückt ist, dass Blauwandkraut hierher zu bringen. Als er
Karein sah, warf er mir einen verärgerten Blick zu. Soso, sagte
er und gab sich ganz als der strenge Stammesfürst, Aziz hätte
sich tugend- und vorbildhaft benommen, aber ich hätte mich bei
Frauen wohl nicht zurückhalten können, ich Lustmolch. Aziz
senkte den Kopf, wahrscheinlich um sein Grinsen zu verbergen. Ich
wurde knallrot und erklärte Lord Ryantar, ich wolle Karein
heiraten. Er erwiderte ungehalten, ich soll das mit meinen Eltern
klären. Der Hausherr fügte noch hinzu, er hätte ja gleich
gewusst, dass ich nichts taugen und nur nach Mädchen Ausschau
halten würde. Sie gingen beide schimpfend davon, während Aziz
mir mitleidig auf die Schulter klopfte, aber immer noch am Lachen
war. Wer weiß, wieviele kleine Bastarde der tugend- und
vorbildhafte Aziz auf der Reise hinterlassen hat?
Wieder zu Hause, eine Woche später
Große Feier zu Ehren unserer Rückkehr! Aziz leert gerade
mit seinen Freunde seine Reisebringsel: geharzten Wein aus
Griechenland, Chianti aus der Po-Ebene, Champagner aus
Frankreich, Starkbier aus England und so ein süßes Zeugs namens
Met... dabei beschreibt er wahrscheinlich gerade die Vorzüge der
Frauen anderer Länder... dem Gegröle nach, was aus seinem Zelt
dringt...
Nur meine Eltern haben keine Lust zum Feiern. Als ich ihnen
Karein vorgestellt habe und ihnen gleich erklärt habe, dass wir
heiraten wollen, hat mein Vater mir eine Ohrfeige verpasst und
meine Mutter mich gefragt, ob ich denn wenigstens das Mittel zur
Verbeugung von Geschlechtskrankheiten genommen habe. Wie gut,
dass Karein unsere Sprache noch nicht verstehen kann! Sie hat
sich hinter mir versteckt, aus Angst, sich auch noch eine
Ohrfeige einzufangen. Zum Glück betrat in dem Moment Lady
Ryantar das Zelt und rettete die Situation. Sie ist ja eine gute
Freundin meiner Mutter und meinte, es sei doch ganz gut, wenn ab
und zu fremdes Blut unseres auffrischen würde. Und sie hätte
von ihrem Mann erfahren, dass Karein aus gutem Geschlecht sei.
Ich fügte schnell hinzu, dass sie adelig sei. Als meine Mutter
drüber nachbrütete, ob wir ihre Eltern auch zur Hochzeit
einladen wollten, meinte ich schnell, England sei doch gar zu
weit entfernt. Aber immerhin renkte meine Mutter ein und damit
war die Sache gerettet. Uff, Glück gehabt! Meine Mutter hat
schließlich den Hochzeitstermin festgesetzt. Aus Angst, dass
Karein schon schwanger sein könnte, werden wir nun in wenigen
Tagen heiraten. Ich bin sehr froh, dass das Wiedersehen mit
meinen Eltern so glimpflich verlaufen ist.
Zwei Tage später...
Gestern war Aziz noch nicht wieder ansprechbar, aber heute
habe ich ihm mitgeteilt, dass ich die Erlaubnis meiner Eltern
habe, Karein zu heiraten und dass ich sehr glücklich sei. Sowohl
Aziz auch zwei seiner anwesenden Freunde meinten, ich hätte das
eindeutig bessere Mitbringsel aus der Ferne mitgebracht, dabei
hielten sie sich ihre Köpfe.
Ich glaube, ich werde als verheirateter Mann nicht mehr zum
Schreiben kommen...ade Tagebuch!
Bianca M. Gerlich
(Juli 2002 / 25.2.08)