Ardeth
I. (Autor: Bianca M. Gerlich)
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ARDETH' RÜCKKEHR
Teil 2
Westwüste, Dorf des 12. Stammes der Medjai
Ardjun spielte seine Rolle perfekt. Gemeinsam mit seiner aus dem
Höhlengebirge von Karan zurückgekehrten Mutter begrüßte er
förmlich seine Gäste: sämtliche elf Anführer mit ihrem
Gefolge und natürlich seine Braut. Die Verlobungszeremonie
sollte am Abend vonstatten gehen, aber streng einem islamischen
Ritus folgend. Dazu setzte sich der Gelehrte in Gazurs Diensten
ausführlich mit Ardjun auseinander, der davon ausgegangen war,
dass - wie immer - die freizügigen altägyptischen Gewänder
dazu angelegt werden würden. Er gab in allen Punkten nach,
sodass der Gelehrte selbstzufrieden seinem Herrn Gazur meldete,
dass Ardjun jetzt "zu ihnen" gehören würde. Gazur
selbst stellte den anderen Anführern gegenüber immer wieder
heraus, dass Ardjun Bay nun endlich ein würdiger Untertan sei.
Von seiner Braut sah Ardjun nicht viel. Tief verschleiert und
auch ein wenig verschüchtert folgte sie nach der kurzen
Begrüßung, während der sie nicht einmal gewagt hatte, ihren
Kopf zu heben, ihrer Mutter in ein Frauenzelt. Selbst Handschuhe
hatte sie zu tragen und ihr war nicht erlaubt gewesen, ein Wort
zur Begrüßung zu sagen. Cheychera stand in ihrem Kriegergewand
daneben und erntete die kritischen Blicke des Gelehrten. Ardjun
hob hervor, dass seine Mutter extra wegen der Verlobung
zurückgekehrt sei, was wiederum Gazur in einen Zwiespalt
brachte. Einerseits fürchtete er den Zorn seines Islamslehrers
ob der Erscheinung Cheycheras, andererseits gab die ehemalige
First Lady der Medjai dem Bündnis durch ihre Rückkehr aus ihrem
Versteck die Zustimmung und schien sich endlich in ihr Schicksal
drein zu schicken. Cheychera selbst hatte keine
Auseinandersetzung mit der neuen ersten Dame zu befürchten, denn
diese hatte sich züchtig zurückgezogen. So wirkte Cheychera
fast schon wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, denn sie war
die einzige Frau und auch überhaupt eine der wenigen Personen,
die die traditionelle Wüstenkriegerkleidung der Medjai trug.
Selbst ihre Waffen hatte sie sich umgegürtet. Ihr ebenso
gekleideter Bruder Hamid stand stolz neben ihr und würdigte den
Gelehrten keines Blickes. Gazur begrüßte beide zufrieden, aber
auch ein wenig hochnäsig. Doch er unterstützte es nicht, als
der Gelehrte bemerkte, dass es sich für eine Frau nicht gezieme,
sich so in der Öffentlichkeit und vor allem in Anwesenheit
erhabener Männer zu kleiden. Er hatte auch keine Gelegenheit zu
antworten, denn die so Zurechtgewiesene erwiderte in aller
unzweifelhaften Erhabenheit, dass sie so gewandet sei, wie es
sich für eine Medjai ihres Ranges gezieme und dass sie ferner
auch nicht gedenke, dass je zu ändern, denn sie täte ihren
Ahnen damit großes Unrecht. Und alle blickten erstaunt zu Gazur,
als dieser hinzufügte, dass es eine Ehre sei, sie hier
begrüßen zu dürfen. Er führte sie höchstpersönlich zum
Gastmahl, bei dem ansonsten keine Frauen saßen. Um allerdings
sich keine Blöße vor der hohen Frau zu geben, ließ Gazur
schnell seine Frau rufen, die sich allerdings wie ein Spatz
gegenüber der stolzen Cheychera ausnahm, denn sie kämpfte
damit, das Essen unter ihrem Schleier ihrem Mund zuzuführen.
Cheychera persönlich ordnete an, dass auch ihre zukünftige
Schwiegertochter dem Mahle beiwohnen solle - natürlich neben
Ardjun sitzend, der sich mittlerweile köstlich amüsierte, weil
er wusste, was für ein Spiel gespielt wurde. Nun wagten auch die
anderen Anführer, ihre Ehefrauen rufen zu lassen, erleichtert,
dass etwas von ihrem früheren Brauchtum an diesem Abend aufleben
durfte. Der Gelehrte zog sich daraufhin zum Beten zurück und
Hamid ließ ihn vorsichtshalber heimlich überwachen. Überhaupt
tauchten im Laufe des Tages merkwürdig viele Männer in ihrer
schwarze Kriegergewandung auf, was damit gerechtfertigt wurde,
dass sie jenes Ardjun zur Ehre täten. Was Gazur und die Seinen
nicht sehen konnten, waren die Waffen, die in diesen weiten
Gewändern verborgen waren. Hamid hatte die Krieger damit
ausgestattet, die nun erwarteten, dass Ardjun sich gegen Gazur
erheben würde. Mit Ardeth' Rückkehr rechnete hingegen niemand.
Übrigens trugen alle Anführer außer Ardjun und Gharan, der den
9. Stamm repräsentierte, nicht die schwarzen Gewänder, sondern
mehrfarbige Tuniken, die ihren Rang bei den anstehenden
Festivitäten hervorheben sollten. Ihre Frauen trugen blaue
Baumwolle-Überwürfe, die sie von Kopf bis Fuß vollständig
verdeckten. Selbst vor ihren Augen war ein Netz genäht. Drei
oder vier hatten gewagt, Schmuck anzulegen. Sie tafelten sehr
lang, dann zog man sich zur Ruhe während der Mittagshitze unter
die Zeltplanen oder an andere schattige Orte zurück. Ardjun und
seine Braut mussten sich erneuten Unterweisungen des Gelehrten
unterziehen, was Ardjun mit einem Schmunzeln über sich ergehen
ließ, während seine Braut eingeschüchtert den Kopf senkte und
selten wagte, ein Nicken anzudeuten, um das Befolgen der
Anweisungen des Lehrers zu bekunden. Er forderte sie auf, Ardjun
ungefragt zu gehorchen und drohte ihr übelste Bestrafungen durch
ihren Ehemann an, der dazu verpflichtet sei, sie zu schlagen,
wenn sie ihm nicht gehorche. Sie solle viele Jungen gebären, das
sei ihre Pflicht. Ardjun, der sie von früher her als eine eher
ungezügelte freiheitsliebende junge Dame in Erinnerung hatte,
die ihm trotzig Schmähworte über die Bays entgegengeworfen
hatte, sobald sie mit ihm auf einem Fest zusammentroffen war,
musste sich ziemlich zusammenreißen, damit er sich nicht zu
offen amüsierte, aber gleichzeitig tat sie ihm auch leid. Die
Gehirnwäsche hatte funktioniert. Als der Gelehrte schließlich
meinte, dass bei der Verlobung die Jungfräulichkeit der Braut
überprüft werden müsse, und erklärte, dass dieses durch den
Bräutigam in Anwesenheit aller Familienmitglieder und ihm selbst
geschehen müsste, sah auch Ardjun irritiert und etwas aufsässig
auf, vergessend, dass ihm diese peinliche Situation ja in
Wirklichkeit gar nicht bevorstehen würde. Endlich freute sich
der Gelehrte, dass es ihm gelungen war, den jungen Mann aus
seiner Fassung zu bringen und zufrieden verließ er das Zelt mit
einem bestätigenden Nicken seiner letzten Aussage. Außer dem
Brautpaar befand sich noch Gazurs Frau Wegawa im Zelt, die die
ganze Zeit verschämt und gesenkten Hauptes in der Ecke gesessen
hatte. Im Gegensatz zu ihr hatte Cheychera darauf verzichtet, den
Belehrungen ihrer Kinder beizuwohnen und nahm die Huldigungen der
Krieger des 12. Stammes und ihrer Frauen, die ihre blaue langen
Verschleierungen endlich abgenommen hatten, entgegen. Gerührt
beugten sie ihre Knie vor der Herrin, die endlich zurückgekehrt
war.
Ardjun hätte jetzt auch anstandshalber das Zelt verlassen
müssen, aber eine Hand klammerte sich an die seine und hielt ihn
davon ab. Irritiert sah er das verschleierten Etwas an, das sich
damit verzweifelt an ihn wandte. Sie flüsterte:
"Ardjun...", und hoffte, dass die Mutter sie nicht
hören würde. Die schien bei der ziemlich langen Litanei des
Gelehrten eingenickt zu sein.
"Was ist? Was willst du?"
"Ich... es tut mir leid... wegen früher...", stammelte
sie verlegen, wohlwissend, wie sie ihn früher behandelt hatte.
"Ich habe... also... da gibt es ein Problem..."
"Was für ein Problem?", fragte Ardjun ebenso leise wie
sie sprach.
Und weil sie weiterhin verängstigt den Kopf senkte, hob Ardjun
kurzentschlossen ihr Kinn mit seiner linken Hand an und zog ihr
mit seiner rechten den Schleier über den Kopf, so dass er ihr
ins Gesicht blicken konnte.
"Jetzt Schluss mit diesem Unsinn", redete er auf sie
ein. "Sag schon, was los ist, du warst doch früher nicht so
devot. Das hat mir übrigens besser gefallen als das jetzt
hier."
Tatsächlich erntete er ein unsicheres Grinsen, das aber allzu
schnell wieder in den furchtsamen Gesichtsausdruck überging.
"Ich bin keine Jungfrau mehr", gestand sie ihm.
"Alles andere hätte mich auch sehr verwundert",
grinste er. "Du entstammst ja auch dem Volk mit den
freizügigsten Frauen der Welt! Wie schade, dass du nicht das
traditionelle Hochzeitsgewand tragen wirst", neckte er sie.
Er fuhr ihr mit dem Zeigefinger über ihre tätowierte Stirn.
Dafür war sie aber so gar nicht empfänglich, sondern sprach
panikergriffen:
"Und jetzt? Sie werden mich steinigen!"
"Nein, das werden sie nicht... ich... ich finde eine
Lösung", meinte Ardjun, der sich nicht verraten durfte.
"Sei unbesorgt!"
"Wirklich?"
"Und wie machst du das mit dem Finger?"
"Was für ein Finger?", fragte Ardjun irritiert.
"Du musst mit deinem Finger mein Jungfernhäutchen
durchstoßen, damit es blutet und meine Jugnfäulichkeit
beweist...."
"Was?", rief Ardjun entsetzt.
"...in Anwesenheit unserer Familien und des Gelehrten."
"Eh...", überlegte Ardjun.
"Du könntest dir in den Finger stechen."
Ardjun ging sofort begeistert darauf ein: "Ja, das ist gut!
So machen wir es!"
"Denk bitte daran, sonst bin ich des Todes!"
"Ja... vertraue mir!" Ardjun wollte das Gespräch so
schnell wie möglich beenden. Er zog ihr wieder den Schleier vors
Gesicht und schickte sich an, das Zelt zu verlassen. "Bis
nachher!"
Bangen Blickes sah die einstmals stolze Tochter Gazurs ihm
hinterher, aber auch ein wenig erleichtert, denn mit Ardjun
würde sie keinen Fanatiker zum Ehemann haben.
Ardjun vermied es, sich länger und allein mit seiner Mutter oder
seinem Onkel zu unterhalten. Sie wollten keinen Verdacht
erwecken. Ihre Blicke wanderten aber von Zeit zu Zeit zur
Dünung, die den Ort umgab, ungeduldig, wann Ardeth mit den
Kriegern endlich kommen würde. Sie hatten verabredet, dass er
bei Sonnenuntergang eintreffen würde, dann, wenn man sich zur
Verlobung anschicken würde und alle versammelt wären. Je weiter
die Zeit voranschritt, desto nervöser wurden sie: Ardjun,
Cheychera, Hamid, die eingeweihten Krieger des 12. und anderer
Stämme.
Endlich war es soweit. Auf dem großen Platz inmitten des 12.
Stammes hatten sich alle versammelt. Auf einer Tribüne waren -
wie damals, als Ardeth verbannt worden war - die hohen Sitze der
Stammesanführer im Halbkreis angebracht. Das Volk stand davor.
Das Gefolge der Anführer teilweise auch, aber einige als
persönliche Eskorte hinter ihren Herren. Zur Rechten und hinter
dem Halbkreis standen die bewaffneten Männer, die Hamid als
"Schergen Gazurs" bezeichnete. Sie versuchten
argwöhnisch, die anderen Krieger im Auge zu behalten, doch es
war fast unmöglich, es waren zu viele. Sie hatten versucht,
Gazur darauf aufmerksam zu machen, doch der hatte heute kein Ohr
dafür.
Die Frauen standen rechts hinter ihren Männern. Cheychera sah
kopfschüttelnd hinüber. Sie saß selbstverständlich auf einem
hohen Sitze neben dem erlauchten Halbkreis der Anführer und trug
den Goldreif ihrer Würde über ihrer Stirntätowierung als
Ansatz ihres Turbans. Gazur war mehr als zufrieden, dass sie die
gewöhnliche Kriegerkleidung trug und kein traditionelles,
durchsichtiges, golddurchwirktes Frauengewand für solche Feiern.
Er wertete das als Entgegenkommen ihrerseits und ahnte natürlich
nicht, dass sie sich tatsächlich auf dem Kriegspfad befand.
Hinter ihr stand Hamid und grinste zu ihr herab. Eine bessere
Fürstin als Cheychera konnten sich die Medjai gar nicht
wünschen. Gharan blickte zufrieden zu Ardjun herüber, der
ebenso wie er selbst immer noch im Medjai-Gewand da saß.
Wenigstens die Bays würden sich nicht so schnell beeinflussen
lassen! Er wünschte sich, dass Ardeth anwesend wäre und auf
seinen lang geschmähten Sohn endlich stolz sein könnte! Soeben
hatte sich Gazur erhoben und mit lauter Stimme noch einmal alle
offiziell begrüßt. Er nannte den Namen eines jeden Anführers
und fügte einen Haufen Lobpreisungen hinzu, die sich ziemlich in
die Länge zogen.
"Wer wacht eigentlich heute Nacht in Hamunaptra?",
fragte Cheychera ihren Bruder leise, sich langweilend und Gazur
bewusst ignorieren wollend.
"Niemand, wie immer", erwiderte er, aber grinste sie
verheißungsvoll an. "Aber ein Würdiger wird heute kommen
und die Ehre der Nachtwache selbst übernehmen, sei
unbesorgt!"
Er legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Cheychera
vermochte ihre Ungeduld fast nicht zu verbergen. So lange hatte
sie ihren Gatten nicht gesehen. Und er würde heute sehr viel
wagen! Wenn nur alles gut gehen würde...
Gazur pries inzwischen die Vorzüge seiner Tochter und befahl,
dass man sie nun holen und ihrem zukünftigen Herrn und Gebieter
zuführen sollte. Der Gelehrte bereitete sich darauf vor,
aufzustehen und die Zeremonie einzuleiten. In dem Moment erhob
sich eine Staubwolke auf dem Kamm der gegenüberliegenden
Dünung.
Gazur sah irritiert hinüber und hielt inne. Das Volk drehte sich
um, um zu sehen, was es dort gab. Ardjun erhob sich und sprach
laut vernehmlich:
"Wir wollen nicht anfangen, bevor nicht alle Gäste
eingetroffen sind." Und er wies mit einer Handgeste
hinüber. Man konnte die Gesichter der Männer auf den Pferden
nicht erkennen, denn sie trugen ihren Turban, der alles, bis auf
die Augen, schwarz verschleierte. Aber fast alle - und es waren
weit über 300 - trugen die Wüstengewänder, was ein eher
ungewöhnlicher Anblick in diesen Tagen war. Es wirkte so, als
käme dort etwas Archaisches angeritten, etwas, wonach viele der
Leute Sehnsucht hatten, denn es gab Sicherheit und auch
Zusammenhalt. Beides schien vielen verloren, aber sie hatten sich
in ihr Schicksal, das Gazur und der Gelehrte mit
"Fortschritt" betitelt hatten, zu fügen.
Die Pferde preschten in vollem Tempo in den Ort. Als deutlich
wurde, dass sie nicht vor der Menge halten würden, bildete sich
schnell eine Gasse - schnell genug, dass die Pferde gerade
hindurchkamen, ohne Menschen niederzutrampeln. An vorderster
Stelle ritt ein Reiter von hoher stolzer Gestalt, der mit einem
Satz von seinem Pferd und ebenso gewand auf die Tribüne sprang.
Und dann geschah alles so schnell, dass niemand einzuschreiten
vermochte. Der Reiter riss sein Tuch aus dem Gesicht und sprach:
"Jazar Gazur, du bist eines Medjais unwürdig, denn du hast
deinen Eid gebrochen. Nimm die Bestrafung, den Tod!", und er
enthauptete ihn im gleichen Atemzug. Es war Ardeth Bay!
Das Volk schrie auf und sah sich verwirrt an. Die Anführer waren
sämtlichst aufgestanden. Doch die begleitenden Männer brauchten
Ardeth nicht zu Hilfe zu eilen, denn Gazurs Männer waren
ebensfalls wie paralysiert, sodass sie sich nicht rührten.
Ardjun, Hamid, Gharan und drei weitere Anführer sanken sofort
auf die Knie und beugten den Kopf vor Ardeth - sie wurden nicht
lange darauf von dem Volk, das vor der Tribüne stand, imitiert -
und dieser anerkennenden Verneigung konnten sich nun die
restlichen Anführer nicht mehr entziehen. Ardeth Bay war zurück
und hatte sich selbst wieder in Amt und Würden gesetzt. Der Kopf
Gazurs lag neben seinem Rumpf. Der Gelehrte sah erschrocken auf
die Leiche und wagte kein Wort zu sagen. Zwei von Ardeth' Medjai
hatten sich hinter ihn gestellt, um seine Taten zu überwachen
und dafür zu sorgen, dass er nicht entflöhe. Ardeth' zweite
Handlung war, Cheychera als einzige noch stehende Person die Hand
zu reichen und sie zu sich zu ziehen.
"Keine andere Frau als dich möchte ich haben", sagte
er gerührt und begrüßte dann auch mit einem freundschaftlichen
Nicken Hamid, der sich daraufhin von den Knien erhob.
Ardeth und Cheychera sahen in stolzer Übereinstimmung einander
an, doch nicht allzu lange, denn die Stille erforderte eine
Erklärung. So drehte sich Ardeth langsam zum Volk um und sprach
laut:
"Seid unbesorgt, ich bin zurück, um wieder euer
rechtmäßiger Anführer zu sein, denn ich wurde zu Unrecht
beschuldigt und vertrieben. Dafür habe ich mich gerächt.
Wisset, dass meine Verbannung darum auch aufgehoben worden
ist."
Ein Raunen ging durchs Volk und durch die Reihe der Anführer.
Ardeth von den Briten begnadigt? Dann war es kein willkürliches
Vorgehen, sondern es würde sich wieder alles zum Alten ändern.
Eine Stimme erhob sich: "Hurra, Ardeth Bay!"
Und viele hundert Stimmen fielen in den Chor ein. Sie ließen
Ardeth hochleben. Doch der schaute immer noch mit versteinerter
Miene in die Menge. Nach einer Weile drehte er sich zu den
Anführern um, die sich anschickten aufzustehen, und herrschte
sie böse an:
"Ihr bleibt wo ihr seid, denn ihr habt nichts anderes
verdient als im Staub zu liegen!"
Augenblicklich war der Jubel ringsherum verstummt. Nun würde es
zur Sache gehen.
"Lord Gharan, Ardjun, erhebt Euch, denn Euch allein sehe ich
wie es sich geziemt! So kann ich davon ausgehen, dass Ihr der
Sache der Medjai treu geblieben seid?"
Beide erhoben sich und erwiderten gleichzeitig: "Ja,
Sayadi!"
Gharan fügte hinzu: "Verzeih, Herr, dass wir nicht stark
genug waren, uns zu erwehren!"
Ardeth erwiderte ihm: "Ich selbst war es, der Euch als Herrn
den ungetreuen Jazar Gazur zugewiesen hat, also trifft mich
ebenso Schuld wie Euch. Niemand konnte ahnen, welchen Weg Jazar
und die Seinen zu gehen bereit waren. Ich bin zurückgekehrt, um
wieder alles zurecht zu rücken. Lord Gharan, nennt mir
diejenigen, die Jazar geholfen haben, euch derart zu
unterdrücken!"
Gharan wusste, dass er keine andere Möglichkeit hatte, als
Ardeth zu gehorchen, obgleich er sich nicht wohl dabei fühlte,
musste er doch viele denunzieren.
"Beginnt mit den Anführern!", forderte ihn Ardeth
streng auf.
Gharan wies auf Barut und Wyreth.
"Zwei nur?", wollte Ardeth ungläubig wissen.
"Die anderen, hoher Herr, waren nur Mitläufer, unter Zwang
gesetzt..."
"Später zu ihnen", unterbrach Ardeth ihn und wandte
sich dann an die zwei immer noch Knienden: "Ihr habt euer
Leben ebenso verwirkt wie Jazar, dem Ihr willig Werkzeug seines
Verrates wart! Anstatt die heiligen Gräber zu bewachen, habt Ihr
sie geplündert!"
"Heilige Gräber!", ereiferte sich der Gelehrte erbost,
der sich nun endlich einmischte. "Ihr seid Heiden! Nichts
weiter als Heiden! Wie könnt ihr diese Gräber als heilig
bezeichnen? Ruhen dort vielleicht Propheten? Nein, nein! Es war
nur recht, das Gold zu nehmen und einem heiligen Zweck
zuzuführen! Jazar Gazur, der gerecht im Angesicht Allahs tat,
hat es für den Bau einer Moschee gespendet!"
"Schweig still, du Falscher!", befahl Ardeth und seine
Augen funkelten gefährlich. "Du wirst uns nicht mehr mit
deinem überzogenen Fanatismus behelligen! Wir preisen Allah als
freie Kinder der Wüste mit unserem Herzen. Und kein Gott wird
uns von unserer Aufgabe abhalten, die uns - lange bevor Mohammed
von Allah sprach - aufgetragen wurde und uns zu Kriegern Gottes
gemacht hat."
"Du Gottloser! Du Heide!", kreischte der Gelehrte
außer sich, während Cheychera ihr langes, leicht gekrümmtes
Schwert zog und zu ihm trat. Er erbleichte. Zwei Medjai drückten
ihn nieder auf seine Knie. Wut stand in den Augen des Gelehrten.
Ausgerechnet eine Frau sollte ihn richten. Als sie das Schwert in
die Höhe hob, wich die Wut der Todesangst, aber schon sauste das
Schwert herab und durchtrennte sauber den Hals.
"Lord Gharan, zeigt mir zwei Mahdisten, die mit diesem
Scharlatan hierher gekommen sind!"
Gharan wies auf zwei Männer, die zuvor dicht bei dem Gelehrten
gestanden hatten.
Ardeth ließ sie zu sich bringen und fragte sie, ob sie des
Schreibens kundig wären, was sie verneinten.
Dann befahl er seinen Kriegern: "Diese beiden sollen ins
Land des Mahdi zurückkehren und ihm den Kopf dieses Scharlatans
bringen. Der Mahdi wird die Botschaft verstehen und - möge Allah
ihm beistehen - nie wieder Medjai-Land betreten! Damit diese
Männer aber keine Geheimnisse verraten können, die sie hier
erfahren haben könnten, schneidet ihnen die Zungen heraus!"
Die Männer führten die beiden Mahdisten ab und nahmen auch den
Kopf des Gelehrten mit.
"Und jetzt zu Euch", sprach Ardeth unbeirrt die beiden
vor ihm knienden und vor Entsetzen auf den enthaupteten Körper
starrenden beiden Anführer an. "Ihr seid ebenfalls des
Todes. Euer Volk soll Euch als ehrenlose Verräter im Gedächtnis
behalten." Ardeth wandte sich wieder an seine Krieger:
"Schleift sie zu den Pflöcken dort drüben, bindet sie fest
und überlasst sie der Sonne, bis diese uns endlich von diesen
Verruchten befreit. Ihr Fleisch werft in die Wüste, den Vögeln
und Schakalen zum Fraß!"
"Erbarmen!", rief eine hohe Stimme von der Seite. Die
junge Frau von Wyreth - es musste seine zweite sein, denn Ardeth
kannte sie nicht - lief zu Ardeth und warf sich ihm verzweifelt
zu Füßen. "Erbarmen, Herr!"
Die beiden herbeigerufenen Männer warteten Ardeth' Reaktion ab,
bevor sie seinen Befehl ausführten. Doch Ardeth gab ihnen per
Handzeichen zu verstehen, dass sie sich sofort ans Werk machen
sollten. Sie taten wie geheißen, während Ardeth kalt erwiderte:
"Ich spreche nicht zu kriechenden Gestalten, sondern nur zu
Medjai-Frauen!"
Und er wies einen weiteren Mann an: "Stell diese auf ihre
Füße und entkleidet sie!"
Der Angewiesene warf Ardeth irritiert einen Blick zu, aber da
dieser keine Miene verzog, entriss er ihr die blaue Gewandung, so
dass sie nackt vor allen stand. Natürlich hatte auch sie ihrer
Zeit die vielen Tätowierungen erhalten.
"Seht!", rief Ardeth und wies auf sie.
Einigen der umherstehenden Frauen wurde sehr mulmig und sie
beeilten sich, zumindest ihre Kopfverschleierung zu entfernen.
"Eine Medjai!", fuhr Ardeth fort. "In Scham und
Schande steht sie, und doch trägt sie alles, was sie braucht,
alles, was sie ausmacht!" Er ergriff die erschrockene Frau
an den Schultern und schüttelte sie kräftig: "Wie konntet
Ihr vergessen, wer Ihr seid!"
Natürlich war sie unfähig, ihm irgendetwas zu erwidern.
"Wo ist Euer Gewand, dass Ihr als Frau eines
Stammesanführers der Medjai, als eine Kriegerin, tragen
solltet?"
Immer noch sah sie ihn erschrocken an. Cheychera tat sie schon
leid, sie sah auffordernd zu Gazurs Frau herüber, die sich
erstaunlicherweise aufrecht hielt - allen Geschehnissen zum
Trotz. Tatsächlich schien sie Cheycheras stumme Aufforderung zu
verstehen und trat zu Ardeth hin.
"Herr, erlaubt mir zu sprechen!"
"Lady Wegawa, sprecht also!", forderte er sie auf.
Währenddessen zog Cheychera Wyreth' Frau fort und bedeckte ihre
Blöße mit einem großen Tuch.
Inzwischen hatte sich Wegawa des Übergewandes entledigt und
stand in einem einfachen roten Kaftan vor ihm.
"Bei allem Respekt, hoher Herr, aber wie sollten wir Frauen
uns wehren? Uns wurde nach Eurem Weggang verständlich gemacht -
mit Worten und Taten -, dass wir schweigen und gehorchen
müssten. Es wurde nicht nur uns Frauen unmöglich gemacht,
unsere Kriegergewandung weiterhin zu tragen."
"Dann wird es Zeit, dass man euch alle lehrt, in Zukunft
wehrhafter zu sein, so wie es sich für Kriegerfrauen gehört!
Und jetzt geht und Schluss mit dieser lächerlichen
Maskerade!"
Er wandte sich wieder an die noch knienden Anführer:
"Und Euch meine ich damit ebenfalls! Schaut, was aus Euch
geworden ist! Wie konnte es nur innerhalb eines Jahres passieren,
dass Ihr, Mylords, Euch so verändert habt, dass Ihr so
verweichlicht seid? Greinend und bunt geschmückt steht Ihr vor
mir, lächerliche Erscheinungen!"
Gharan, an seiner Ehre gepackt, wollte das Verhalten
rechtfertigen, doch Ardeth ließ ihn erst gar nicht zu Wort
kommen und sprach weiter: "Nein, ich will hier nichts mehr
von Euch hören. Geht und legt sofort diese albernen Sachen ab.
Wir treffen uns in einer halben Stunde im großen Ratszelt, um zu
beraten, wie es nun weitergehen soll."
Wie abgekanzelte Schuljungen zogen die sieben übrigen Anführer
von dannen, nur Gharan und Ardjun blieben stehen und schauten
Ardeth erwartungsvoll an. Er wies seine Männer ferner an, die
persönlichen Krieger von Gazur in die große Höhle
einzusperren, bis der Rat entschieden hätte, wie mit ihnen zu
verfahren sei. Ein Blick Cheycheras hatte ihn zuvor gemahnt,
nicht mit harten Sanktionen weiterzumachen. Am liebsten hätte
Ardeth die Verräter alle sogleich enthauptet.
Nun wandte sich Ardeth an das Volk des 12. Stammes und an alle
anderen, die zur Verlobungsfeier gefolgt waren: "Ich habe
eine Verlobungsfeier gestört, deren Zweck sich nun erledigt hat,
denn es wird keine Verbindung zwischen dem Hause Bay und Gazur
geben. Aber eine Feier sollt ihr dennoch haben: Feiert die
Rückkehr zu unseren althergebrachten Lebensweisen! Ruft eure
Brüder und Schwestern zurück, die von dannen gejagt worden sind
und versöhnt euch mit ihnen und untereinander. Keine Uneinigkeit
darf unter den Medjai herrschen, wenn wir die seit langem uns
übertragenen Aufgaben erfüllen wollen. Euch daran zu erinnern,
fordere ich je einen ausgesuchten Krieger aus jedem der 12
Stämme auf, mit mir heute Nacht zur Nachtwache vor Hamunaptra zu
reiten. Wir treffen uns eine Stunde vor Mitternacht. Ich selbst
vertrete den 12. Stamm."
Am nächsten Tag ließ Ardeth seinen Sohn zu sich rufen.
Cheychera war ebenfalls anwesend, als Ardjun in das Zelt trat und
sich vor beiden verneigte.
"Setzen wir uns", forderte sie Ardeth auf. Cheychera
reichte beiden Tee. Es dauerte eine Weile, bevor Ardeth,
zunächst in Ruhe seinen Tee trinkend, sprach:
"Ardjun, ich danke dir nochmals, dass du so tapfer den 12.
Stamm in meiner Abwesenheit geführt und Gazur widerstanden hast.
Das hat mich mit Stolz erfüllt."
Er schwieg wieder, während Ardjun keine Miene verzog. Er ahnte,
dass nun jenes sensible Thema angesprochen werden würde,
weswegen es damals mit seinem Vater zum Bruch gekommen war.
"Ich bin alt geworden, Ardjun, und es kommt für mich bald
die Zeit, mich aus dem Amt zurückzuziehen und es dir zu
überlassen, denn du hast gezeigt, dass du würdig bist, es
auszuüben."
Ardjun schaute Ardeth irritiert an. Bislang hatte er nicht den
Eindruck gemacht, als würde er weichen wollen.
"Doch, Ardjun, bevor ich sterbe, gönne mir die
Versicherung, dass unsere Ahnenlinie bestehen bleibt, gönne mir
die Freude, deine Hochzeit und die Geburt deiner Kinder zu
erleben!"
Es klang fast flehend. Und tatsächlich fuhr Ardeth fort:
"Bitte, Ardjun, bitte wähle eine würdige Braut! Wähle,
wen immer du als deine Braut haben möchtest! Es würde deine
Mutter und mich mit großem Stolz erfüllen, zu sehen, wie die
Bays fortbestehen! O denke daran, dass es deine heilige Pflicht
deinen Ahnen gegenüber ist, für den Fortbestand dieser Familie
zu sorgen!"
Ardjun sah seinen Vater mit unsicherem Blick an. Wie sollte er
ihm verständlich machen, dass er nur eine Frau liebte und keine
andere heiraten wollte? Cheychera ahnte, was in ihrem Sohn vor
sich ging. Sie musste Ardeth zu Hilfe kommen, um Ardjun von der
Notwendigkeit zu überzeugen, eine Familie zu gründen.
"Ardjun, mein lieber Sohn", begann sie, "ich ahne,
dass es dir sehr schwer fallen muss, dich für eine Braut zu
entscheiden. Es tut mir leid, dass du unser einzig gebliebener
Sohn bist, dass auch dein Onkel Setna sich als unwürdig erwiesen
hat und du sozusagen in der Pflicht bist, für den Fortbestand
der Bays zu sorgen. Doch ich hoffe, dass das vergangene Jahr dir
gezeigt hat, wie wichtig es ist, für Einheit unter den Medjai zu
sorgen. Die Garantie wirst einst du sein, so wie es gestern dein
Vater war, der zum Segen seines Volkes gehandelt hat. Und wenn du
nicht mehr sein wirst, wird es dein Sohn sein und dann die
Nachkommen deines Sohn, die als hoffentlich starke Anführer der
Medjai dafür sorgen, dass dieses Volk nie vergisst, welches
seine Aufgabe ist und niemals vom rechten Weg abweichen wird.
Deine Pflicht ist also nicht nur, ein guter Anführer aller
Stämme der Medjai zu sein, sondern auch, Nachkommen in diese
Welt zu setzen und sie auf ihre Aufgabe getreulich vorzubereiten.
Und darum bitte ich dich, jedes Opfer zu bringen und sei es auch
noch so hoch für dich!"
Stille trat ein. Während Cheychera ihrem Sohn flehend ins
Angesicht sah, hatte Ardeth bang sein Haupt geneigt, die Antwort
seines Sohnes erwartend. Es dauerte ziemlich lang, bevor Ardjun
sprach:
"Ich werde versuchen, ein guter Anführer zu werden, ich
werde mein Leben in den Dienst der Medjai stellen. Aber ich werde
nur Claire Fairth als meine Frau ansehen und keine andere auch
nur anschauen. Dies habe ich mir an dem Tag geschworen, als wir
getrennt worden sind, denn ich liebe sie aus ganzem Herzen."
Nun senkte Cheychera verzweifelt das Haupt, während Ardeth ihn
anstarrte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Claire Fairth,
eine Europäerin! Als Braut! Ardeth war so enttäuscht, dass er
kein Wort hervorbrachte. Ardjun spürte die tiefe Enttäuschung,
die er seinem Vater zugefügt hatte, und senkte ebenfalls den
Blick. Es gab dem Gesagten jedoch nichts hinzuzufügen. Cheychera
war es, die das Wort wieder ergriff:
"Ardjun, verlass dieses Zelt...", brachte sie fast
tonlos hervor.
Ardjun war fast erfreut darüber, wenn es auch schmerzte, seine
Mutter so sprechen zu hören. Immerhin gab es so keinen erneuten
Streit zwischen ihm und seinem Vater, jedenfalls fürs erste
nicht...
Lange schwiegen die beiden Gatten, bis Cheychera ihre Hand auf
Ardeth' Knie legte und ihm leise riet: "Ardeth, du musst
jetzt weise handeln!"
Doch aus Ardeth sprach tiefste Verzweiflung, als er ihr gestand:
"Ich weiß keinen Rat..."
Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als wäre alles wieder
in Ordnung gekommen: Die Medjai waren wieder auf dem Weg, das zu
werden, was sie waren, er war wieder ihr Anführer und alles
würde sich zum Guten wandeln. Das hatte er jedenfalls gehofft.
Doch nun blickte er wieder in diesen Abgrund, mit dem alles
Unglück begonnen hatte. Was blieb zu tun?
"Ardeth, höre, es bleibt dir ein Weg. Nimm dir eine junge
Frau und zeuge weitere Kinder. Ich werde als deine Frau
zurücktreten, mich scheiden lassen. Du musst aus dynastischen
Gründen mein Angebot annehmen. Du wirst weitere Söhne bekommen
und einer von ihnen wird die Bay-Linie vor dem Untergang
bewahren."
Ardeth sah sie erstaunt an. Was hatte ihm Allah doch für eine
Frau geschenkt! Er küsste ihr ergriffen ihre Hände, doch meinte
dann in aller Ruhe:
"Nein, Cheychera, du bist meine Frau und - wie ich schon
gestern gesagt habe - ich wünsche mir keine andere! Zwei Söhne
hast du mir geschenkt, leider starb einer früh. Doch der andere
hat sich bereits eine Braut gewählt, und wenn er Gefallen an
dieser einen findet, so soll er sie haben! Ich werde nach Kairo
reisen und diese Claire bitten, seine Frau zu werden."
Cheychera glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Tränen
standen in ihren Augen. Sie umarmte Ardeth und brachte halb
schluchzend hervor:
"O Ardeth! O Ardeth! Dass du das tun willst! Dass du dazu
bereit bist! Ich preise dich als weisesten aller!"
Kairo, fünf Monate später
Bevor Ardeth endlich nach Kairo aufbrechen konnte, musste er in
den zwölf Medjai-Stämmen erst einmal wieder für Ordnung
sorgen, d. h. jeden einzelnen besuchen, was seine Zeit
benötigte. In den Stämmen 2, 3 und 11 musste er sich länger
aufhalten, denn hier galt es, neue Anführer einzusetzen. Ardeth
versuchte in Absprache mit den anderen Anführern und dem Rat der
Weisen und jenem der Frauen, die Familie der drei hingerichteten
Anführer mit einzubeziehen, so diese sich als kooperativ
erwiesen. Er gab die älteste Tochter Gazurs, jene, die
eigentlich Ardjun zugedacht gewesen war, dem Sohn der Familie
Fajum zur Braut. Die Fajums galten als eine der ältesten und
vornehmsten Familien und in ihren Adern floss auch das Blut der
Bay und der Setlata, den beiden ältesten Medjai-Clans. Die
Setlatas stellten nach den Bays die mächtigtste Familie
überhaupt dar. Sie hatten über viele Jahrhunderte die Anführer
der vier Südstämme gestellt und auch zeitweise den obersten
Anführer der Medjai. Zur Zeit gab es zwar keinen Anführer aus
ihrer Familie, dafür verteilten sich ihre Mitglieder aber in
fast allen zwölf Stämmen und hatten ein großes
Mitspracherecht. Auch in Stamm 12 gab es eine Setlata-Familie,
der ja Arianda angehörte, der immer noch in Südostasien weilte.
Aus dieser Familie rekrutierten sich traditionsgemäß die
persönlichen Leibwächter der Bays.
In den Stämmen 2 und 3 verfuhr Ardeth mit den Kindern und
Kindeskindern von Wyreth und Barut ebenfalls so. Sie waren
erleichtert, dass das über ihr jeweiliges Familienoberhaupt
verhängte Urteil sich nicht auf sie aufwirkte. Auch sorgte
Ardeth dafür, dass die Grenzen von allem Gesindel gesäubert
wurden. So kam er erst lange Zeit später, als er eigentlich
wollte, nach Kairo.
Ardjun gegenüber hatte er nichts von seinen Absichten, Claire zu
holen, verraten. Erstens hatte er kaum Zeit, sich mit seinem Sohn
auch nur auszutauschen, zweitens erhoffte er sich doch noch einen
Meinungswandel seines Sohnes, aber darauf wartete er vergebens.
Nun war es also an der Zeit, nach Kairo zu reisen, auch um sich
mit dem Kurator und anderen Personen zu treffen.
Nach langem Ritt traf er mit seiner Eskorte im Haus der Medjai in
Kairo ein. Es war früher Abend, und Ardeth wollte sich bald mit
William in einem Café treffen, um Informationen über die
Familie Fairth zu erhalten. Ein Bote richtete ihm aus, dass
William in etwa einer Stunde im Café sein würde. Also begab
sich Ardeth auf den Weg dorthin, diesmal ohne Eskorte, denn es
handelte sich um eine sehr private Angelegenheit, so dass er
keine Zuhörer wünschte. Seine Leibwächter sahen das zwar nicht
gern, aber da es Ardeth' ausdrücklicher Befehl war, konnten sie
nichts dagegen tun.
Ardeth schlenderte die Straße zum Café hinunter. Ein reges
Treiben herrschte um diese Zeit. Geschäfte, Stände und kleine
Restaurationen säumten die Straße rechts und links und auf ihr
fuhren Kutschen, ritten viele Pferde und Kamele, so dass man kaum
auf die andere Seite gelangen konnte. Ardeth ging auf der rechten
Seite entlang. Er schritt nicht schnell, hatte er doch genügend
Zeit. Auf einmal sah er ein paar Meter vor sich ein etwa
zweijähriges Kind ganz allein stehen, sich neugierig umschauend.
Ardeth wunderte sich, wie ein Kind so allein dort stehen mochte,
denn er sah keine Mutter oder andere zugehörige Personen. Das
Kind blickte mittlerweile etwas ängstlich, als suche es seine
Eltern. Ardeth war inzwischen bei diesem Kind angekommen und
kniete sich zu ihm. Er fasste es sachte und fragte es nach seiner
Mutter, doch stockte auf einmal, denn dieses Kind - ein Knabe -
sah genauso aus wie Ardjun seinerzeit. Der Knabe wies erfreut
glucksend auf die andere Seite der Straße, wo es seine Mutter
entdeckt hatte. Ardeth starrte den Jungen immer noch verwundert
an, bis er schließlich dem Fingerzeig des Kindes folgte und
seinen Augen kaum zu glauben wagte. Dort erblickte er Claire, die
ihn erschrocken anstarrte. In dem Augenblick fuhren zwei
Fuhrwerke dicht aufeinander zwischen ihnen durch und Ardeth erhob
sich, den Jungen fest auf dem Arm haltend, und versuchte,
hinüberzuschauen und Claire zu rufen. Doch als die Karren
endlich nicht mehr die Sicht versperrten, erblickte er nur noch
ein Stück ihres Kleides, danach war sie hinter dem Gebäude
verschwunden. Er wunderte sich, was das sollte, denn sie hatte
offensichtlich ihr Kind allein gelassen. Er wollte ihr hinterher
laufen, doch kam schon wieder ein Fuhrwerk daher und hinderte ihn
am Überqueren der Straße. Als er sich endlich zwischen den
Hindernissen hindurchgekämpft hatte, immer noch den Jungen auf
dem Arm haltend, war nichts mehr von Claire zu sehen. Wo war sie?
Er stand eine ganze Weile in diesem Café, wo sie zuvor gesessen
haben musste, wie ein Ober bestätigte, und wartete auf sie. Doch
Claire kam nicht.... Der Knabe weinte und Ardeth versuchte ihn zu
trösten. Die anderen Gäste schauten zu ihm und tuschelten. Da
wurde Ardeth klar, dass er das Café besser verlassen sollte,
sonst würden sie ihm noch eine Kindesentführung anhängen. Er
konnte ja William befragen, wo er die Familie von Claire finden
könnte, um ihr das Kind zurückzubringen. Also überquerte
Ardeth wieder die Straße mit dem nach seiner Mama weinenden
Kind. Er ging schnellen Schrittes zum Treffpunkt, wo William auch
schon wartete. Der glaubte seinen Augen kaum, als er Ardeth mit
einem Kind auf dem Arm kommen sah. Ardeth raunte ihm zu, dass er
mitkommen sollte. Sie begaben sich eilig zu Williams Haus.
William war neugierig, was es mit dem Kind auf sich hatte, doch
wagte nicht zu fragen, bis sie sein Haus erreicht hatten. Ardeth
schien furchtbar aufgeregt zu sein. Als sie endlich in das Haus
eingetreten waren und William die Tür schloss, blieb Ardeth
stehen und besah sich das nur noch wimmernde Kind in aller Ruhe.
William stellte sich ihm gegenüber hin und fragte:
"Was ist das für ein Kind?"
"Mein Enkel", erwiderte Ardeth sichtlich bewegt.
Inzwischen war Valeria, Williams Frau, dazugetreten. Beiden
berichtete Ardeth, was sich gerade ereignet hatte. Er hielt dabei
das Kind so fest, dass Valeria nicht einmal den Versuch machte,
ihm das unglücklich dreinschauende Kind abzunehmen.
"Merkwürdig, dass Claire ohne ihr Kind geflüchtet
ist", sinierte William.
"Ja, das ist sehr merkwürdig. Gewiss, sie mag Angst vor
Ihnen haben, Herr Bay, aber eine Mutter überlässt doch nicht
einfach ihr Kind seinem Schicksal. Sind Sie sicher, dass es das
Kind von Claire ist, Herr Bay?", wollte Valeria wissen.
"Ja, ich bin mir sicher. Dieses Kind sieht so aus wie mein
Sohn ausgesehen hat, und es wies ja auch auf Claire, als ich es
nach seiner Mutter fragte... Dieses Kind ist ein Bay",
erwiderte Ardeth fast gerührt.
Valeria und William schauten sich an. Wollte Ardeth das Kind etwa
behalten?
Doch dieser fragte: "Frau Cranigton, wo finde ich
Claire?"
Beide atmeten auf. Doch Valeria musste zugeben:
"Das weiß ich leider nicht, Herr Bay. Die Familie Fairth
ist vor zwei Jahren hier weggezogen und mich wundert, dass Claire
überhaupt in Kairo ist. Haben Sie sie auch nicht
verwechselt?"
"Nein, ganz bestimmt nicht. Dieses Gesicht habe ich nicht
vergessen."
"Hm", überlegte William, "ich erinnere mich.
Claire hat sich damals von uns verabschiedet, als ihr mit Ardjun
schon lange in die Wüste zurück geritten wart. Sie wollte mit
ihren Eltern nach London reisen, um die ganze Sache zu vergessen.
Ihren Eltern war es wohl auch sehr peinlich. Seitdem habe ich
nicht gehört, dass die Fairth zurückgekehrt sind, aber ich kann
mich ja mal umhören, ob sie wiedergekommen sind."
"Schaut mal!", rief Ardeth auf einmal und wies auf ein
dünnes silbernes Armband, auf das in der Mitte ein Namenszug
eingraviert war: Lyleth.
"Lyleth! Lyleth!", brachte Ardeth triumphierend hervor.
"Ha, das ist der Beweis! Das ist ein Medjai-Name! Das Kind
heißt Lyleth! Lyleth Bay!"
So lange auch William und Valeria suchten, sie fanden Claire
nicht. Sie fragte in jedem Hotel, doch nirgendwo tauchte ihr Name
auf. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Die beiden Eheleute
besprachen sich.
"Dass eine Mutter einfach so ihr Kind allein lässt, will
mir nicht in den Kopf!", konstatierte Valeria.
"Aber es ist ihr Sohn, Valeria. Es kann sich um kein
Missverständnis handeln. Wer weiß, was dahinter steckt! Sie
hatte sicher große Angst vor Ardeth."
"Vielleicht sucht sie ihn auch..."
"Nein, glaube ich nicht. Ardeth hat seine Männer in
verschiedenen Teilen der Stadt patrollieren lassen, um
ansprechbar zu sein. Er selbst war mehrmals in dem Café und hat
sich nach Claire erkundigt, aber sie ist dort nicht mehr
aufgetaucht. Er hat alles getan, was er konnte. Er hat mir auch
gestanden, dass er nach Kairo gekommen ist, um Claire zu suchen
und sie zu bitten, Ardjun zu heiraten. Ich glaube ihm das. Er
würde kein Kind entführen!"
"Ja, du hast sicher recht. Was will er nun tun?"
"Er ist nun schon drei Wochen hier. In ein paar Tagen wird
er zu seinem Stamm zurückkehren. Wenn die Mutter bis dahin nicht
gefunden ist, wird er das Kind mitnehmen. Aber falls wir Claire
sehen, können wir sie ja verständigen."
Tatsächlich vereinbarten sie mit Ardeth, die Augen offen zu
halten, während Ardeth mit dem zweijährigen Knaben in die
Wüste zurückkehrte. Zwielichte Gefühle hielten ihn gefangen:
einerseits die Freude über den Enkel, andererseits die
Enttäuschung, Claire nicht gefunden zu haben und mit
unerfüllten Erwartungen zurückzukehren...
Eine Woche später traf Ardeth zu Hause ein. Cheychera hatte ihn
erwartet. Als sie ihn aus der Ferne sich nähern sah, ließ sie
Ardjun rufen, denn sie hoffte, dass Ardeth gute Nachrichten für
seinen Sohn hatte. Ardjun bemerkte die unverhohlene Vorfreude
seiner Mutter und sah grübelnd von ihr zum rasch sich näherndem
Trupp und wieder zu ihr zurück.
Als Ardeth mit einem Kind auf dem Arm vom Pferd sprang, wunderten
sich beide. Was hatte das zu bedeuten? Ardeth ging geradewegs auf
Ardjun zu und übergab ihm das Kind. Laut, sodass es jeder der
Umstehenden hören konnte, verkündete er: "Hier bringe ich
dir deinen Sohn, Lyleth Bay!"
Ardjun starrte seinen Vater irritiert an. Hatte er jetzt den
Verstand verloren? Doch Cheychera sah gerührt den Kleinen an.
Genauso hatte ihr Sohn einst aufgesehen!
"Ja, Ardeth!", rief sie glücklich. "Wo kommt denn
das Kind auf einmal her?"
Ardeth lächelte friedlich: "Es ist das Kind von Ardjun und
Claire."
Ardjun riss die Augen auf und schüttelte mit dem Kopf. Was
erzählte sein Vater da?
"Aber wo ist Claire? Warum bringt sie mir nicht das Kind? Wo
ist sie?", brachte er mehr schreiend als fragend hervor.
"Ich weiß nicht, wo sie ist...", gestand Ardeth.
"Es ist eine längere Geschichte, Ardjun. Komm, ich werde
sie euch erzählen."
Er führte beide in sein Zelt und berichtete von den
Geschehnissen in Kairo. Die ganze Zeit über hatte Ardjun seinen
Sohn gehalten, doch am Ende übergab er ihn barsch seiner Mutter.
Aufgebracht herrschte er seinen Vater an: "Ich glaube dir
kein Wort! Du hast das Kind entführt, weil du einen Erben haben
willst! Wer weiß, was du mit Claire gemacht hast!"
Cheychera versuchte ihn zu unterbrechen, bevor wieder ein
Unglück zwischen Vater und Sohn geschah: "Ardjun, rede
nicht so! Du weißt doch gar..."
Doch Ardjun ließ seine Mutter nicht ausreden und schrie seinen
Vater weiter an: "Du hast sie auf dem Gewissen! Du hast
meine Claire aus dem Weg räumen lassen, damit sie bloß nicht
meine Frau wird! Sie ist ja schließlich Europäerin, eine
Schande für dich! Aber ein Kind brauchtest du unbedingt! Für
deinen verdammten Bay-Clan!"
"Ardjun", schluchzte seine Mutter verzweifelt.
"Nein, Mutter, nimm ihn nicht in Schutz! Ich weiß sehr
wohl, nach welchen Methoden mein Vater vorgeht, wenn ihm etwas
nicht in den Kram passt. Ich hatte ein Jahr lang Zeit darüber
nachzudenken. Entweder hat er das Kind entführt und Claire aus
dem Weg räumen lassen oder es ist noch nicht mal ihr Kind,
sondern irgendeins, Hauptsache, es gibt einen Erben! Nehmt euer
Kind! Ich will von ihm nichts wissen!"
Mit diesen Worten verließ er fluchtartig das Zelt. Zurück ließ
er eine verzweifelte Cheychera und einen zutiefst traurigen
Ardeth. Er hatte seinem Sohn nichts erwidert, er hatte nur
geschwiegen und dessen Worte wie Geschosse auf sich
niederprasseln lassen - ohne Gegenwehr. Er konnte seinem Sohn die
Worte nicht verdenken. Es war die Strafe für sein eigenes
Handeln vor drei Jahren, als er seinen eigenen Sohn so hart
bestrafte, anstatt gleich einer Verbindung mit Claire
zuzustimmen. Er hatte den Zorn seines Sohnes verdient. Er würde
nichts gegen ihn unternehmen. Cheychera rannen die Tränen übers
Gesicht. Sie schaukelte verzweifelt den kleinen Lyleth. Ardeth
nahm ihr den Jungen ab und drückte ihn ganz fest an seinen
Körper. Cheychera bemerkte, wie auch Ardeth' Tränen
herabfielen. Er hatte einen Erben, aber um welchen Preis!
Nubische Wüste, 12. Stamm, Februar 1983
Cheychera Bay und Keranya Setlata saßen im Schneidersitz unter
der schattenspendenden Plane, die vor dem Zelt von Cheychera und
Ardeth gespannt war. Ein Tablett mit Tee, Tassen und Zucker stand
neben ihnen. Vor ihnen spielte der kleine Lyleth mit Holzfiguren,
die Kamele, Pferde und Ziegen darstellten.
"Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir Lyleth hier
haben", meinte Cheychera und blickte nachdenklich zu ihrem
Enkel. Keranya erriet ihre Gedanken.
"Und ihr habt nie wieder etwas von seiner Mutter
gehört?"
"Nein, und wir haben sie wirklich suchen lassen. Sie ist wie
vom Erdboden verschluckt. Selbst in London fehlt jede Spur von
ihr. Sie muss ihr Kind schrecklich vermissen."
"Und der Kleine? Weint er noch manchmal nach seiner
Mutter?"
"Nein, nicht mehr", Cheychera senkte fast resignierend
den Kopf, "er hat weder Vater noch Mutter, also müssen
seine Großeltern jetzt ganz für ihn da sein."
"Sei nicht traurig, Cheychera!", versuchte sie Keranya
zu trösten. "Sicher wird auch Ardjun bald seine Liebe zu
dem Kind entdecken. Wo er doch diese Claire so geliebt hat!"
"Ja, das hatten Ardeth und ich auch gehofft. Aber Ardjun
entwickelt überhaupt kein Verhältnis zu dem Kind. Es scheint,
als ob das Kind gar nicht für ihn existiere. Er ist so in seine
Wut verzehrt... Er will mit der ganzen Sache wohl nichts mehr zu
tun haben. Jedenfalls tut er so. Ihm muss es am meisten weh
tun."
"Ach, Cheychera!" Keranya streichelte sanft ihre
Freundin. "Eines Tages wird Ardjun einsehen, dass er seinem
Vater Unrecht getan hat und wird ihm glauben, dass er das Kind
nicht entführt hat."
"Ja, ich hoffe es so sehr. Ardeth leidet sehr darunter. Und
Lyleth wünsche ich auch endlich einen richtigen Vater." Sie
lächelte zu dem Kleinen herüber. "Schau, wie er sich
entwickelt hat. Bald wird er 3 Jahre alt."
"Ein prächtiger Knabe, Cheychera! Oh, ich wünsche mir auch
Enkel, viele Enkel!"
"Aber Keranya! Deine Schwiegertochter befindet sich doch
schon auf dem Weg hierher. Bald sind die beiden da, und dann ist
es auch mit dem Enkelkind nicht mehr lange hin, du wirst
sehen!"
Keranya schaute mit undefinierbarem Ausdruck in die Ferne.
Cheychera fuhr fort:
"Ja, gewiss, sie ist eine Fremde, aber sie war ja schon mal
hier und hat einen sympathischen Eindruck auf mich gemacht. Du
wirst sehen, sie wird eine gute Schwiegertochter sein!"
"Ich habe meinen Sohn über zwei Jahre nicht gesehen. Er hat
sich in der Fremde bestimmt verändert."
"Ja, jetzt trägt er bestimmt nur noch bunte Sarongs",
scherzte Ardeth, der von der Seite zu den beiden Frauen getreten
war und die letzten Worte Keranyas mit angehört hatte.
Keranya ging sofort auf die Knie, als sie Ardeth erblickte.
"Entschuldigt, wenn ich mich angeschlichen haben sollte. Ihr
wart so im Gespräch vertieft, dass ihr mich nicht gesehen habt.
Ich hoffe, ich habe euch nicht erschreckt."
"Nein, hast du nicht", erwiderte Cheychera. "Aber
belauscht hast du uns!"
"Ich habe nur das gehört, was Keranya gesagt hat, und es
bezog sich wohl auf ihren Sohn Arianda, der ein wenig Urlaub in
Südostasien gemacht hat."
An Ardeth' witzelndem Tonfall bemerkte Cheychera, dass er gute
Nachrichten haben musste.
"Flitterwochen in Südostasien! Du liebe Güte, Cheychera,
dass hätten wir uns auch leisten sollen!", scherzte er
weiter.
"Setz dich und trink einen Tee mit uns!", forderte ihn
Cheychera auf.
Ardeth ließ sich nicht zweimal bitten. Bevor er aber sich aber
setzte und die Tasse Tee nahm, die Cheychera ihm füllte,
schnappte er sich seinen Enkel und wirbelte ihn wild durch die
Luft.
"Na, kleiner Bay?", rief er, "wie geht's uns
heute?"
Lyleth gluckste vor Freude, und als Ardeth ihn absetzen wollte,
rief der Kleine begeistert:
"Weitermachen, Opa!"
"Ja, siehst du, das hast du jetzt davon!", warf ihm
Cheychera vor.
Ardeth wirbelte ihn noch zwei, dreimal durch die Luft, bevor er
sich setzte. Lyleth rückte ganz dicht an ihn heran und zeigte
ihm sein Spielzeug.
"Meine Güte, sind unsere Kamele aber geschrumpft!",
kommentierte Ardeth und Cheychera und Keranya konnten sich ein
Lachen nicht verkneifen. Ardeth gab den perfekten Großvater ab.
Nur hatte er zu wenig Zeit als Anführer der Medjai.
"Du bist so verdächtig guter Laune, Ardeth. Was ist
passiert?", wollte Cheychera wissen.
"Ja, ich bringe tatsächlich gute Nachrichten - für dich,
Keranya. Dein Sohn wird in Kürze hier sein. Ein Reiter hat
gemeldet, dass ein Telegramm in Theben eintraf, dass Arianda und
sein Trupp bereits Kairo verlassen haben."
"Das ist ja wunderbar!", rief Keranya erleichtert aus.
Lyleth zupfte an Ardeth' locker über seinem Kriegergewand
aufliegenden Stoffstreifen.
"He, Lyleth, lass das, du erwürgst mich ja fast!",
rief Ardeth lachend. "Der Junge kann's gar nicht abwarten,
bis er selbst so ein Teil trägt, was?"
"Also, Ardeth, du hast heute wirklich eine alberne
Laune!", warf ihm Cheychera scherzend vor. "Und Gott
sei Dank hat Lyleth mit dem Erwachsenwerden noch ein bisschen
Zeit!"
Sechs Tage später trafen Arianda, Verci und sieben weitere
Medjai-Krieger im 12. Stamm ein. Keranya, ihr Mann Walgyn, ihre
beiden Töchter und ihr jüngster Sohn standen zum Empfang
bereit, sobald sie die Staubwolke auf der Dünung wahrnahmen, die
das Kommen des Trupps ankündigte. Auch Ardeth trat hinzu, freute
er sich doch auf ein Wiedersehen mit Sandokans tapferer junger
Tigerin, mit der ihn einige Abenteuer und eine schöne Zeit
verbanden. Auch Cheychera kam mit Lyleth auf dem Arm.
Wie erstaunt waren alle, als Verci auch ein Kind auf dem Arm
trug! Keranya bekam ganz große Augen. Arianda sprang von seinem
Pferd, kniete vor Ardeth nieder und umarmte dann seine Mutter,
während er einen Arm auf die Schulter seines Vaters legte. Doch
Keranya konnte die Augen fast nicht von Verci und dem Kind
richten. Arianda spürte ihre Neugierde, trat zu Vercis Pferd hin
und half ihr herunter, führte sie langsam vor seine Eltern und
sprach:
"Begrüßt meine Frau Verci und unsere Tochter Leyrah!"
Er grinste seine Eltern unheimlich stolz an und meinte dann zu
Verci: "Verci, dies sind meine Eltern: meine Mutter Keranya,
mein Vater Walgyn, und hier, meine beiden Schwestern,
Wigala-Tiana und Sanya-Tiana, und mein Bruder Wirianda."
Als erster trat Walgyn Setlata zu Verci und küsste ihr auf die
Stirn. Er erkannte sie damit als seine Schwiegertochter an. Er
wurde von Keranya imitiert, die sich von Verci das Kind geben
ließ und es sanft im Arm hielt. Arianda stand immer noch voller
Stolz da und sprach förmlich weiter: "Eine edlere Frau als
Verci konnte ich euch nicht heimführen", er blinzelte auch
zu Ardeth vielsagend herüber, "denn sie ist die Tochter des
Fürsten Sandokan!"
Nicht nur Ardeth starrte Arianda erstaunt an. Wie? Hatte er
richtig gehört? Verci, Sandokans Tochter? Verci dagegen war so
von Eindrücken übermannt, dass sie vergaß, sich vor Ardeth zu
verneigen. Sie schaute etwas unsicher zu ihren neuen
Schwiegereltern herüber. Es musste ein großes Opfer für sie
gewesen sein, ihre Heimat zu verlassen, um mit Arianda in der
Wüste zu leben. Noch trug sie ihre weite dunkle Hose und die
lose darüber liegende rote Bluse, dazu einen Turban, dessen
Enden ihr locker über den Oberkörper fielen.
"Aber Arianda! Das musst du uns unbedingt genauer
erzählen!", forderte ihn Ardeth neugierig auf.
"Ardeth!", tadelte ihn Cheychera. "Nun lass ihn
doch erst mal ankommen und sich ausruhen. Nachher findet sich
immer noch Zeit!"
Ardeth guckte etwas unzufrieden, war er doch viel zu neugierig,
was sich inzwischen in Malaysia ereignet hatte, aber er sah ein,
dass er nachgeben musste. Walgyn ergriff das Wort:
"Ardeth, Cheychera, bitte seid heute Abend an unserem Feuer
unser Gast! Arianda mag uns dann alles berichten!"
Man hatte ein Zelt für Arianda und seine Frau errichtet, wo die
junge Familie nun einziehen konnte. Verci war froh, als sie nach
einer ganzen Weile, in denen Arianda von seiner Familie förmlich
belagert worden war, mit ihrem Mann nun allein war. Natürlich
hatte Keranya nicht mit Vorwürfen gespart, dass Arianda in der
Fremde geheiratet hatte. Hatte sie doch schon in Gedanken alles
für eine große Hochzeit ihres ältesten Sohnes organisiert!
Doch als sie vernahm, dass auch Vercis Mutter dieses Recht in
Anspruch genommen hatte, zumal sie ihre Tochter wohl nie mehr
wiedersehen würde, stimmte es Keranya versöhnlich. Dennoch
hielt sie sich ein wenig auf Distanz Verci gegenüber. Leyrah
hatte sie dem Paar aber zunächst abgenommen, um sich das
Mädchen ganz genau anzuschauen, wie sie sagte.
"Ob deine Mutter mich mag?", fragte Verci Arianda.
"Gib ihr Zeit! Du bist eben noch eine Fremde für sie. Das
wird sich bald ändern."
Schon machte sich wieder jemand am Eingang bemerkte. Es war
Wigala-Tiana, Ariandas älteste Schwester. Sie hielt ein
Medjai-Gewand und reichte es Arianda.
"Hier, das ist für deine Frau. Ein Kriegergewand. Sie ist
doch eine Kriegerin, oder?"
"Ja, das ist sie", antwortete Arianda stolz.
"Genau wie du. Tiana, hilf ihr doch bitte beim Ankleiden,
ja?"
Mit diesen Worten ließ er die beiden Frauen allein im Zelt. Die
sahen sich zunächst betreten und schweigend an. Verci war ein
bisschen perplex, dass so schnell von ihr erwartet wurde, sich
anzupassen. Sie hatte auf Mompracem ja schon spaßeshalber
Ariandas Gewand angelegt und fand es eigentlich viel zu
umständlich und schwer. Wigala-Tiana hingegen wunderte sich,
warum Verci sich nicht endlich ihrer Sachen entledigte. Sie
empfand es als eine große Ehre für Verci, dass ihr Vater darauf
bestanden hatte, ihr die Sachen zu bringen. Sie war doch
eigentlich keine Medjai und hätte ein einfaches Frauengewand
tragen sollen. Ihre Mutter hatte doch auch schon extra ein
abgelegtes Gewand von ihren Töchtern bereit gelegt. Endlich
begann die Fremde, ihre Sachen auszuziehen. Ohne zu reden legte
Wigala-Tiana ihr das schwarze Kriegergewand an und zerrte alle
Ösen und Schlingen fest. Verci ächzte leise und blickte etwas
bedauernd auf ihre leichten Sachen auf dem Boden, die ihr die
Hitze doch erträglicher scheinen ließen.
"Achja", meinte schließlich Wigala-Tiana, "wenn
du unserem Anführer Ardeth Bay heute Abend gegenüber trittst,
dann vergiss nicht - so wie heute Nachmittag -, auf die Knie zu
gehen! Bis nachher!" Mit diesen etwas tadelnden Worten
verließ Ariandas Schwester das Zelt. Kurz darauf trat er wieder
ein und lächelte sie ein wenig mitleidig an.
"Keine Sorge, du gewöhnst dich schon noch an das Leben
hier."
Verci tat wie geheißen, als sie am Abend vor dem Zelt von
Ariandas Eltern Ardeth erblickte: Sie ging auf die Knie. Walgyn
lächelte zufrieden und gnädig zu ihr herunter. Ardeth war
bester Laune und reichte ihr seine Hand zum Aufstehen und
betrachtete sie gefällig.
"Ich sehe, wir haben eine neue Kriegerin! Ja, liebe Verci,
das ist etwas anderes als die leichten Sarongs. Nicht ganz so
bequem, was?" Sie grinste ihn erleichtert an, er war wie ein
Freund für sie. "Nunja, ich weiß auch nicht, wer auf die
merkwürdige Idee gekommen ist, die Wüstengewänder in schwarz
zu entwerfen", fuhr er fort. "Man sollte das
ändern!"
"Ardeth!", schimpfte Cheychera, diesmal wirklich
vorwurfsvoll und alle - außer Arianda - sahen ihn entsetzt an.
Ardeth amüsierte sich köstlich. Er raunte Verci seufzend zu:
"Du siehst, es ist unmöglich, hier etwas ändern zu wollen.
Besser, du gewöhnst dich gleich dran, meine Schöne! Hier
ändert sich in Tausenden von Jahren nichts!"
"Fast hätte sich doch hier vor kurzem alles
geändert", meinte Wirianda trocken und erntete einen
wütenden Blick von Seiten seines Vaters.
"Jaja, das war doch etwas anderes", erwiderte Ardeth
leicht gereizt, wollte sich aber nicht die Laune verderben
lassen. So vertiefte er das Thema nicht weiter, sondern führte
Verci zu dem flachen Tisch, vor dem sich alle niederhockten.
Arianda war froh, dass Verci so von Ardeth protegiert wurde,
hatte er doch die leicht abwehrende Haltung seiner eigenen
Familie Verci gegenüber bemerkt. Ardeth redete gut gelaunt
weiter:
"Das Gewand steht dir übrigens ausgezeichnet. Jetzt fehlen
ja nur noch die Tätowierungen."
"Bei allem Respekt, mein Herr", warf Walgyn ein, der
sich in die Pflicht genommen fühlte, für das neue
Familienmitglied als oberster Familienherr die Verantwortung
übernehmen zu müssen. "Meine neue Tochter hat überhaupt
keine Ausbildung hier erhalten und es wäre unzulässig, sie in
unsere Traditionen einzuweihen. Sie muss sich erst einfügen
lernen und wir müssen schauen, ob sie bereit ist, eine Medjai zu
werden."
Verci sah Arianda irritiert an. Sie dachte, sie wäre bereits
durch die Heirat eine Medjai geworden, aber offenbar akzeptierte
man sie hier überhaupt nicht. Arianda hatte ihr zwar mal
verworrene Dinge über die Aufgaben der Medjai erzählt, aber sie
hatte das alles nicht verstanden. Ardeth wollte keine Mauer
zwischen Verci und seinem Volk errichten. Er hielt es aber für
klüger, später in aller Ruhe mit ihr darüber zu sprechen.
"Sicherlich wird sie nicht sofort tätowiert. Aber immerhin
hast du sie ja schon in ein Kriegergewand stecken lassen, das
bedeutet, dass du es wünschst, sie möge eine wahre Medjai
werden."
"Ja, das wünsche ich mir in der Tat und ich werde morgen
alles Nötige veranlassen. Sie wird eine ebenso gründliche und
strenge Ausbildung wie meine beiden Töchter erhalten."
Arianda sah scheu zu Verci, über die gerade - ohne sie selbst zu
fragen - verhandelt wurde. Er wusste ja, dass Verci gerade durch
den Umstand, dass sie nun Sandokans Tochter war, einen
erheblichen Selbstbewusstseinsschub erhalten hatte. Tatsächlich
mischte sich Verci ein:
"Verzeiht, aber ich bin doch bereits eine Kriegerin. Ich
habe seit langem jenes Kampfhandwerk ausgeübt. Sicherlich gibt
es noch eine spezielle Kleinigkeiten zu erlernen, aber..."
Weiter kam sie nicht, denn Walgyn unterbrach sie jäh:
"Mit dir werde ich später darüber reden. Du tust, was ich
dir sage, Tochter!"
Verci sah ihn verblüfft an. Hatte er ihr eben das Wort verboten?
Sie schluckte. Arianda berührte sie am Rücken und gab ihr
dadurch zu verstehen, dass sie sich zurückhalten sollte. Keranya
und Wigala-Tiana hatten sich etwas pikiert über Vercis Verhalten
angeschaut. Ardeth war jedoch neugierig auf Vercis Geschichte und
hoffte, den Abend ein wenig für sie zu retten, indem er sie
ansprach:
"Verci, ich freue mich, dass du da bist und dass du bereit
bist, eine Medjai zu werden. Doch nun berichte mir doch erst mal,
wie du stolze Kriegerin zu Sandokans Tochter geworden bist!"
Verci erzählte, wie Sandokan sie und Arianda zu ihrer Mutter
nach Sulu gebracht hatte, damit sie sich von ihrer Mutter für
immer verabschieden konnte. Wie erstaunt war Sandokan, als er in
ihrer Mutter eine Freundin wiedererkannte, die eines Tages aus
seinem Leben verschwunden war. Und nun verstand er: Sie hatte
sich ihm entzogen, weil sie schwanger von ihm gewesen war, weil
sie ihm nicht im Weg stehen wollte, und das Kind ihrer
Liebesnacht stand nun in ihrer Mitte: Verci. Nie hatte ihre
Mutter ihr den Namen des Vaters gesagt, aber nun verstand auch
Verci, warum ihre Mutter ihr einerseits verbieten wollte, nach
Mompracem zu gehen, ihr andererseits aber von dem Tiger von
Malaysia vorgeschwärmt hatte. Als ihre Mutter hörte, dass Verci
Arianda nach Ägypten folgen wollte, bestand sie darauf,
wenigstens die Hochzeit erleben zu dürfen - und das tat auch
Sandokan. Verci war seine Tochter, und es war
selbstverständlich, dass eine große Hochzeit auf Mompracem
ausgerichtet werden würde. Das geschah, aber während die Zeit
verging, zeichnete sich bereits die Frucht der Verbindung Vercis
und Ariandas ab. Verci wurde schwanger, ihr Kind wurde im April
1882 geboren. Verci nannte ihre Tochter nach einer toten
Schwester Sandokans Leyrah. Als diese acht Monate alt war, meinte
man, sie sei robust genug, die weite Reise nach Ägypten antreten
zu können. Der Abschied fiel allen schwer und Sandokan musste
Verci versprechen, sie in der nubischen Wüste zu besuchen. Das
war nun also ein doppeltes Versprechen, denn auch Ardeth hatte er
das ja zugesagt.
Ardeth lächelte, als Verci ihren Bericht beendet hatte. Ja,
Sandokan würde bald kommen...
Tatsächlich ließ Sandokan noch drei Jahre auf sich warten.
Inzwischen hatte Ardeth seinem Sohn Ardjun das höchste Amt
übertragen und sich selbst zurückgezogen, ganz der Pflege
seines mittlerweile fast sechsjährigen Enkels Lyleth bedacht.
Cheychera war krank geworden, und konnte kaum mehr sehen und
nicht mehr laufen. Sie saß vor ihrem Zelt, als Ardeth und
Sandokan über alte Zeiten plauderten. Gerührt hatte Sandokan
seine Tochter und Enkel in die Arme genommen. Verci hatte zwei
Jahre nach Leyrah einen Sohn geboren: Namdun. Doch Sandokan hatte
schnell bemerkt, dass sie nicht glücklich geworden war. Wenn sie
Arianda, der sich sehr um sie bemühte, nicht gehabt hätte,
hätte sie wahrscheinlich Reißaus genommen und wäre zu Sandokan
zurückgekehrt. Sie war untätowiert geblieben, weil Walgyn
Setlata der Meinung war, dass sie noch nicht würdig sei, das
große Medjai-Geheimnis zu erfahren. So blieb sie eine
Ausgeschlossene, eine Fremde, die ihren Kriegerstand eingebüßt
hatte und nur als Mutter der Enkelkinder von Walgyn angesehen
wurde. Dass sie das schwarze Kriegergewand angelegt hatte, war
eine Farce gewesen, die sie alsbald aufgab und ein anderes,
lockeres Gewand anlegte und zuweilen auch ihre alten malaiischen
Sachen, am liebsten blumendekorierte Sarongs. So saß sie nun
auch bei den beiden alten Haudegen, lehnte ihren Kopf an
Sandokans Schulter und mischte sich zuweilen in ihre
Abenteuerberichte ein, von denen sie ja auch ein Teil war. Hier
war sie glücklich.
Als Sandokan später mit Ardeth allein war, sprach er ihn auf
Vercis Situation an. Ardeth versicherte ihm, dass er sich mehr um
sie kümmern werde, denn nun hatte er ja auch endlich mehr Zeit
als zuvor, als er noch viel reisen musste als Anführer der
Medjai.
"Tja, mein Freund", meinte Ardeth dazu. "Es ist
nicht zu leugnen. Wir sind alt geworden, es gibt für uns nicht
mehr viel zu tun. Wir wiegen unsere Enkelkinder und lassen die
Vergangenheit in leuchtenden Farben Revue passieren."
"Ja, du hast Recht", stimmte Sandokan grinsend zu.
"Nun denn, ich bin dir um zwei voraus. Mein Sohn Sidom hat
nun endlich auch einen Sohn, Tabidong. Er wird später über den
Kinabatangan herrschen, wenn die Engländer endlich das Land
verlassen werden."
"Ob sie das Land so schnell verlassen werden? Hier bei uns
haben sie sich auch so richtig breit gemacht."
"Tja, wir werden das bestimmt nicht mehr erleben. Aber wer
weiß, was die Zukunft unseren Kindern und Kindeskindern bringen
wird."
Und sie schauten hinüber zu ihren beiden Enkeln. Lyleth hatte
die kleine Leyrah an die Hand genommen und führte sie auf eine
Erhöhung, um ihr die untergehende Sonne zu zeigen. Ardeth raunte
Sandokan zu: "Hier schließt sich der Kreis. Was damals in
Acheh mit uns begonnen hat, hier findet es nun ein Ende, denn du
wirst abreisen und wir beide sind zu alt, um uns noch einmal
wiederzutreffen. Ich fühle das. Aber in diesen beiden dort
werden wir fortleben und vielleicht wird es einmal mehr als eine
freundschaftliche Verbindung zwischen uns geben. Was meinst
du?"
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