Home Ardeth I. (Autor: Bianca M. Gerlich)

ARDETH' RÜCKKEHR

Teil 2

Westwüste, Dorf des 12. Stammes der Medjai
Ardjun spielte seine Rolle perfekt. Gemeinsam mit seiner aus dem Höhlengebirge von Karan zurückgekehrten Mutter begrüßte er förmlich seine Gäste: sämtliche elf Anführer mit ihrem Gefolge und natürlich seine Braut. Die Verlobungszeremonie sollte am Abend vonstatten gehen, aber streng einem islamischen Ritus folgend. Dazu setzte sich der Gelehrte in Gazurs Diensten ausführlich mit Ardjun auseinander, der davon ausgegangen war, dass - wie immer - die freizügigen altägyptischen Gewänder dazu angelegt werden würden. Er gab in allen Punkten nach, sodass der Gelehrte selbstzufrieden seinem Herrn Gazur meldete, dass Ardjun jetzt "zu ihnen" gehören würde. Gazur selbst stellte den anderen Anführern gegenüber immer wieder heraus, dass Ardjun Bay nun endlich ein würdiger Untertan sei. Von seiner Braut sah Ardjun nicht viel. Tief verschleiert und auch ein wenig verschüchtert folgte sie nach der kurzen Begrüßung, während der sie nicht einmal gewagt hatte, ihren Kopf zu heben, ihrer Mutter in ein Frauenzelt. Selbst Handschuhe hatte sie zu tragen und ihr war nicht erlaubt gewesen, ein Wort zur Begrüßung zu sagen. Cheychera stand in ihrem Kriegergewand daneben und erntete die kritischen Blicke des Gelehrten. Ardjun hob hervor, dass seine Mutter extra wegen der Verlobung zurückgekehrt sei, was wiederum Gazur in einen Zwiespalt brachte. Einerseits fürchtete er den Zorn seines Islamslehrers ob der Erscheinung Cheycheras, andererseits gab die ehemalige First Lady der Medjai dem Bündnis durch ihre Rückkehr aus ihrem Versteck die Zustimmung und schien sich endlich in ihr Schicksal drein zu schicken. Cheychera selbst hatte keine Auseinandersetzung mit der neuen ersten Dame zu befürchten, denn diese hatte sich züchtig zurückgezogen. So wirkte Cheychera fast schon wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, denn sie war die einzige Frau und auch überhaupt eine der wenigen Personen, die die traditionelle Wüstenkriegerkleidung der Medjai trug. Selbst ihre Waffen hatte sie sich umgegürtet. Ihr ebenso gekleideter Bruder Hamid stand stolz neben ihr und würdigte den Gelehrten keines Blickes. Gazur begrüßte beide zufrieden, aber auch ein wenig hochnäsig. Doch er unterstützte es nicht, als der Gelehrte bemerkte, dass es sich für eine Frau nicht gezieme, sich so in der Öffentlichkeit und vor allem in Anwesenheit erhabener Männer zu kleiden. Er hatte auch keine Gelegenheit zu antworten, denn die so Zurechtgewiesene erwiderte in aller unzweifelhaften Erhabenheit, dass sie so gewandet sei, wie es sich für eine Medjai ihres Ranges gezieme und dass sie ferner auch nicht gedenke, dass je zu ändern, denn sie täte ihren Ahnen damit großes Unrecht. Und alle blickten erstaunt zu Gazur, als dieser hinzufügte, dass es eine Ehre sei, sie hier begrüßen zu dürfen. Er führte sie höchstpersönlich zum Gastmahl, bei dem ansonsten keine Frauen saßen. Um allerdings sich keine Blöße vor der hohen Frau zu geben, ließ Gazur schnell seine Frau rufen, die sich allerdings wie ein Spatz gegenüber der stolzen Cheychera ausnahm, denn sie kämpfte damit, das Essen unter ihrem Schleier ihrem Mund zuzuführen. Cheychera persönlich ordnete an, dass auch ihre zukünftige Schwiegertochter dem Mahle beiwohnen solle - natürlich neben Ardjun sitzend, der sich mittlerweile köstlich amüsierte, weil er wusste, was für ein Spiel gespielt wurde. Nun wagten auch die anderen Anführer, ihre Ehefrauen rufen zu lassen, erleichtert, dass etwas von ihrem früheren Brauchtum an diesem Abend aufleben durfte. Der Gelehrte zog sich daraufhin zum Beten zurück und Hamid ließ ihn vorsichtshalber heimlich überwachen. Überhaupt tauchten im Laufe des Tages merkwürdig viele Männer in ihrer schwarze Kriegergewandung auf, was damit gerechtfertigt wurde, dass sie jenes Ardjun zur Ehre täten. Was Gazur und die Seinen nicht sehen konnten, waren die Waffen, die in diesen weiten Gewändern verborgen waren. Hamid hatte die Krieger damit ausgestattet, die nun erwarteten, dass Ardjun sich gegen Gazur erheben würde. Mit Ardeth' Rückkehr rechnete hingegen niemand. Übrigens trugen alle Anführer außer Ardjun und Gharan, der den 9. Stamm repräsentierte, nicht die schwarzen Gewänder, sondern mehrfarbige Tuniken, die ihren Rang bei den anstehenden Festivitäten hervorheben sollten. Ihre Frauen trugen blaue Baumwolle-Überwürfe, die sie von Kopf bis Fuß vollständig verdeckten. Selbst vor ihren Augen war ein Netz genäht. Drei oder vier hatten gewagt, Schmuck anzulegen. Sie tafelten sehr lang, dann zog man sich zur Ruhe während der Mittagshitze unter die Zeltplanen oder an andere schattige Orte zurück. Ardjun und seine Braut mussten sich erneuten Unterweisungen des Gelehrten unterziehen, was Ardjun mit einem Schmunzeln über sich ergehen ließ, während seine Braut eingeschüchtert den Kopf senkte und selten wagte, ein Nicken anzudeuten, um das Befolgen der Anweisungen des Lehrers zu bekunden. Er forderte sie auf, Ardjun ungefragt zu gehorchen und drohte ihr übelste Bestrafungen durch ihren Ehemann an, der dazu verpflichtet sei, sie zu schlagen, wenn sie ihm nicht gehorche. Sie solle viele Jungen gebären, das sei ihre Pflicht. Ardjun, der sie von früher her als eine eher ungezügelte freiheitsliebende junge Dame in Erinnerung hatte, die ihm trotzig Schmähworte über die Bays entgegengeworfen hatte, sobald sie mit ihm auf einem Fest zusammentroffen war, musste sich ziemlich zusammenreißen, damit er sich nicht zu offen amüsierte, aber gleichzeitig tat sie ihm auch leid. Die Gehirnwäsche hatte funktioniert. Als der Gelehrte schließlich meinte, dass bei der Verlobung die Jungfräulichkeit der Braut überprüft werden müsse, und erklärte, dass dieses durch den Bräutigam in Anwesenheit aller Familienmitglieder und ihm selbst geschehen müsste, sah auch Ardjun irritiert und etwas aufsässig auf, vergessend, dass ihm diese peinliche Situation ja in Wirklichkeit gar nicht bevorstehen würde. Endlich freute sich der Gelehrte, dass es ihm gelungen war, den jungen Mann aus seiner Fassung zu bringen und zufrieden verließ er das Zelt mit einem bestätigenden Nicken seiner letzten Aussage. Außer dem Brautpaar befand sich noch Gazurs Frau Wegawa im Zelt, die die ganze Zeit verschämt und gesenkten Hauptes in der Ecke gesessen hatte. Im Gegensatz zu ihr hatte Cheychera darauf verzichtet, den Belehrungen ihrer Kinder beizuwohnen und nahm die Huldigungen der Krieger des 12. Stammes und ihrer Frauen, die ihre blaue langen Verschleierungen endlich abgenommen hatten, entgegen. Gerührt beugten sie ihre Knie vor der Herrin, die endlich zurückgekehrt war.
Ardjun hätte jetzt auch anstandshalber das Zelt verlassen müssen, aber eine Hand klammerte sich an die seine und hielt ihn davon ab. Irritiert sah er das verschleierten Etwas an, das sich damit verzweifelt an ihn wandte. Sie flüsterte:
"Ardjun...", und hoffte, dass die Mutter sie nicht hören würde. Die schien bei der ziemlich langen Litanei des Gelehrten eingenickt zu sein.
"Was ist? Was willst du?"
"Ich... es tut mir leid... wegen früher...", stammelte sie verlegen, wohlwissend, wie sie ihn früher behandelt hatte. "Ich habe... also... da gibt es ein Problem..."
"Was für ein Problem?", fragte Ardjun ebenso leise wie sie sprach.
Und weil sie weiterhin verängstigt den Kopf senkte, hob Ardjun kurzentschlossen ihr Kinn mit seiner linken Hand an und zog ihr mit seiner rechten den Schleier über den Kopf, so dass er ihr ins Gesicht blicken konnte.
"Jetzt Schluss mit diesem Unsinn", redete er auf sie ein. "Sag schon, was los ist, du warst doch früher nicht so devot. Das hat mir übrigens besser gefallen als das jetzt hier."
Tatsächlich erntete er ein unsicheres Grinsen, das aber allzu schnell wieder in den furchtsamen Gesichtsausdruck überging.
"Ich bin keine Jungfrau mehr", gestand sie ihm.
"Alles andere hätte mich auch sehr verwundert", grinste er. "Du entstammst ja auch dem Volk mit den freizügigsten Frauen der Welt! Wie schade, dass du nicht das traditionelle Hochzeitsgewand tragen wirst", neckte er sie. Er fuhr ihr mit dem Zeigefinger über ihre tätowierte Stirn. Dafür war sie aber so gar nicht empfänglich, sondern sprach panikergriffen:
"Und jetzt? Sie werden mich steinigen!"
"Nein, das werden sie nicht... ich... ich finde eine Lösung", meinte Ardjun, der sich nicht verraten durfte. "Sei unbesorgt!"
"Wirklich?"
"Und wie machst du das mit dem Finger?"
"Was für ein Finger?", fragte Ardjun irritiert.
"Du musst mit deinem Finger mein Jungfernhäutchen durchstoßen, damit es blutet und meine Jugnfäulichkeit beweist...."
"Was?", rief Ardjun entsetzt.
"...in Anwesenheit unserer Familien und des Gelehrten."
"Eh...", überlegte Ardjun.
"Du könntest dir in den Finger stechen."
Ardjun ging sofort begeistert darauf ein: "Ja, das ist gut! So machen wir es!"
"Denk bitte daran, sonst bin ich des Todes!"
"Ja... vertraue mir!" Ardjun wollte das Gespräch so schnell wie möglich beenden. Er zog ihr wieder den Schleier vors Gesicht und schickte sich an, das Zelt zu verlassen. "Bis nachher!"
Bangen Blickes sah die einstmals stolze Tochter Gazurs ihm hinterher, aber auch ein wenig erleichtert, denn mit Ardjun würde sie keinen Fanatiker zum Ehemann haben.

Ardjun vermied es, sich länger und allein mit seiner Mutter oder seinem Onkel zu unterhalten. Sie wollten keinen Verdacht erwecken. Ihre Blicke wanderten aber von Zeit zu Zeit zur Dünung, die den Ort umgab, ungeduldig, wann Ardeth mit den Kriegern endlich kommen würde. Sie hatten verabredet, dass er bei Sonnenuntergang eintreffen würde, dann, wenn man sich zur Verlobung anschicken würde und alle versammelt wären. Je weiter die Zeit voranschritt, desto nervöser wurden sie: Ardjun, Cheychera, Hamid, die eingeweihten Krieger des 12. und anderer Stämme.
Endlich war es soweit. Auf dem großen Platz inmitten des 12. Stammes hatten sich alle versammelt. Auf einer Tribüne waren - wie damals, als Ardeth verbannt worden war - die hohen Sitze der Stammesanführer im Halbkreis angebracht. Das Volk stand davor. Das Gefolge der Anführer teilweise auch, aber einige als persönliche Eskorte hinter ihren Herren. Zur Rechten und hinter dem Halbkreis standen die bewaffneten Männer, die Hamid als "Schergen Gazurs" bezeichnete. Sie versuchten argwöhnisch, die anderen Krieger im Auge zu behalten, doch es war fast unmöglich, es waren zu viele. Sie hatten versucht, Gazur darauf aufmerksam zu machen, doch der hatte heute kein Ohr dafür.
Die Frauen standen rechts hinter ihren Männern. Cheychera sah kopfschüttelnd hinüber. Sie saß selbstverständlich auf einem hohen Sitze neben dem erlauchten Halbkreis der Anführer und trug den Goldreif ihrer Würde über ihrer Stirntätowierung als Ansatz ihres Turbans. Gazur war mehr als zufrieden, dass sie die gewöhnliche Kriegerkleidung trug und kein traditionelles, durchsichtiges, golddurchwirktes Frauengewand für solche Feiern. Er wertete das als Entgegenkommen ihrerseits und ahnte natürlich nicht, dass sie sich tatsächlich auf dem Kriegspfad befand. Hinter ihr stand Hamid und grinste zu ihr herab. Eine bessere Fürstin als Cheychera konnten sich die Medjai gar nicht wünschen. Gharan blickte zufrieden zu Ardjun herüber, der ebenso wie er selbst immer noch im Medjai-Gewand da saß. Wenigstens die Bays würden sich nicht so schnell beeinflussen lassen! Er wünschte sich, dass Ardeth anwesend wäre und auf seinen lang geschmähten Sohn endlich stolz sein könnte! Soeben hatte sich Gazur erhoben und mit lauter Stimme noch einmal alle offiziell begrüßt. Er nannte den Namen eines jeden Anführers und fügte einen Haufen Lobpreisungen hinzu, die sich ziemlich in die Länge zogen.
"Wer wacht eigentlich heute Nacht in Hamunaptra?", fragte Cheychera ihren Bruder leise, sich langweilend und Gazur bewusst ignorieren wollend.
"Niemand, wie immer", erwiderte er, aber grinste sie verheißungsvoll an. "Aber ein Würdiger wird heute kommen und die Ehre der Nachtwache selbst übernehmen, sei unbesorgt!"
Er legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Cheychera vermochte ihre Ungeduld fast nicht zu verbergen. So lange hatte sie ihren Gatten nicht gesehen. Und er würde heute sehr viel wagen! Wenn nur alles gut gehen würde...
Gazur pries inzwischen die Vorzüge seiner Tochter und befahl, dass man sie nun holen und ihrem zukünftigen Herrn und Gebieter zuführen sollte. Der Gelehrte bereitete sich darauf vor, aufzustehen und die Zeremonie einzuleiten. In dem Moment erhob sich eine Staubwolke auf dem Kamm der gegenüberliegenden Dünung.
Gazur sah irritiert hinüber und hielt inne. Das Volk drehte sich um, um zu sehen, was es dort gab. Ardjun erhob sich und sprach laut vernehmlich:
"Wir wollen nicht anfangen, bevor nicht alle Gäste eingetroffen sind." Und er wies mit einer Handgeste hinüber. Man konnte die Gesichter der Männer auf den Pferden nicht erkennen, denn sie trugen ihren Turban, der alles, bis auf die Augen, schwarz verschleierte. Aber fast alle - und es waren weit über 300 - trugen die Wüstengewänder, was ein eher ungewöhnlicher Anblick in diesen Tagen war. Es wirkte so, als käme dort etwas Archaisches angeritten, etwas, wonach viele der Leute Sehnsucht hatten, denn es gab Sicherheit und auch Zusammenhalt. Beides schien vielen verloren, aber sie hatten sich in ihr Schicksal, das Gazur und der Gelehrte mit "Fortschritt" betitelt hatten, zu fügen.
Die Pferde preschten in vollem Tempo in den Ort. Als deutlich wurde, dass sie nicht vor der Menge halten würden, bildete sich schnell eine Gasse - schnell genug, dass die Pferde gerade hindurchkamen, ohne Menschen niederzutrampeln. An vorderster Stelle ritt ein Reiter von hoher stolzer Gestalt, der mit einem Satz von seinem Pferd und ebenso gewand auf die Tribüne sprang. Und dann geschah alles so schnell, dass niemand einzuschreiten vermochte. Der Reiter riss sein Tuch aus dem Gesicht und sprach: "Jazar Gazur, du bist eines Medjais unwürdig, denn du hast deinen Eid gebrochen. Nimm die Bestrafung, den Tod!", und er enthauptete ihn im gleichen Atemzug. Es war Ardeth Bay!
Das Volk schrie auf und sah sich verwirrt an. Die Anführer waren sämtlichst aufgestanden. Doch die begleitenden Männer brauchten Ardeth nicht zu Hilfe zu eilen, denn Gazurs Männer waren ebensfalls wie paralysiert, sodass sie sich nicht rührten.
Ardjun, Hamid, Gharan und drei weitere Anführer sanken sofort auf die Knie und beugten den Kopf vor Ardeth - sie wurden nicht lange darauf von dem Volk, das vor der Tribüne stand, imitiert - und dieser anerkennenden Verneigung konnten sich nun die restlichen Anführer nicht mehr entziehen. Ardeth Bay war zurück und hatte sich selbst wieder in Amt und Würden gesetzt. Der Kopf Gazurs lag neben seinem Rumpf. Der Gelehrte sah erschrocken auf die Leiche und wagte kein Wort zu sagen. Zwei von Ardeth' Medjai hatten sich hinter ihn gestellt, um seine Taten zu überwachen und dafür zu sorgen, dass er nicht entflöhe. Ardeth' zweite Handlung war, Cheychera als einzige noch stehende Person die Hand zu reichen und sie zu sich zu ziehen.
"Keine andere Frau als dich möchte ich haben", sagte er gerührt und begrüßte dann auch mit einem freundschaftlichen Nicken Hamid, der sich daraufhin von den Knien erhob.
Ardeth und Cheychera sahen in stolzer Übereinstimmung einander an, doch nicht allzu lange, denn die Stille erforderte eine Erklärung. So drehte sich Ardeth langsam zum Volk um und sprach laut:
"Seid unbesorgt, ich bin zurück, um wieder euer rechtmäßiger Anführer zu sein, denn ich wurde zu Unrecht beschuldigt und vertrieben. Dafür habe ich mich gerächt. Wisset, dass meine Verbannung darum auch aufgehoben worden ist."
Ein Raunen ging durchs Volk und durch die Reihe der Anführer. Ardeth von den Briten begnadigt? Dann war es kein willkürliches Vorgehen, sondern es würde sich wieder alles zum Alten ändern.
Eine Stimme erhob sich: "Hurra, Ardeth Bay!"
Und viele hundert Stimmen fielen in den Chor ein. Sie ließen Ardeth hochleben. Doch der schaute immer noch mit versteinerter Miene in die Menge. Nach einer Weile drehte er sich zu den Anführern um, die sich anschickten aufzustehen, und herrschte sie böse an:
"Ihr bleibt wo ihr seid, denn ihr habt nichts anderes verdient als im Staub zu liegen!"
Augenblicklich war der Jubel ringsherum verstummt. Nun würde es zur Sache gehen.
"Lord Gharan, Ardjun, erhebt Euch, denn Euch allein sehe ich wie es sich geziemt! So kann ich davon ausgehen, dass Ihr der Sache der Medjai treu geblieben seid?"
Beide erhoben sich und erwiderten gleichzeitig: "Ja, Sayadi!"
Gharan fügte hinzu: "Verzeih, Herr, dass wir nicht stark genug waren, uns zu erwehren!"
Ardeth erwiderte ihm: "Ich selbst war es, der Euch als Herrn den ungetreuen Jazar Gazur zugewiesen hat, also trifft mich ebenso Schuld wie Euch. Niemand konnte ahnen, welchen Weg Jazar und die Seinen zu gehen bereit waren. Ich bin zurückgekehrt, um wieder alles zurecht zu rücken. Lord Gharan, nennt mir diejenigen, die Jazar geholfen haben, euch derart zu unterdrücken!"
Gharan wusste, dass er keine andere Möglichkeit hatte, als Ardeth zu gehorchen, obgleich er sich nicht wohl dabei fühlte, musste er doch viele denunzieren.
"Beginnt mit den Anführern!", forderte ihn Ardeth streng auf.
Gharan wies auf Barut und Wyreth.
"Zwei nur?", wollte Ardeth ungläubig wissen.
"Die anderen, hoher Herr, waren nur Mitläufer, unter Zwang gesetzt..."
"Später zu ihnen", unterbrach Ardeth ihn und wandte sich dann an die zwei immer noch Knienden: "Ihr habt euer Leben ebenso verwirkt wie Jazar, dem Ihr willig Werkzeug seines Verrates wart! Anstatt die heiligen Gräber zu bewachen, habt Ihr sie geplündert!"
"Heilige Gräber!", ereiferte sich der Gelehrte erbost, der sich nun endlich einmischte. "Ihr seid Heiden! Nichts weiter als Heiden! Wie könnt ihr diese Gräber als heilig bezeichnen? Ruhen dort vielleicht Propheten? Nein, nein! Es war nur recht, das Gold zu nehmen und einem heiligen Zweck zuzuführen! Jazar Gazur, der gerecht im Angesicht Allahs tat, hat es für den Bau einer Moschee gespendet!"
"Schweig still, du Falscher!", befahl Ardeth und seine Augen funkelten gefährlich. "Du wirst uns nicht mehr mit deinem überzogenen Fanatismus behelligen! Wir preisen Allah als freie Kinder der Wüste mit unserem Herzen. Und kein Gott wird uns von unserer Aufgabe abhalten, die uns - lange bevor Mohammed von Allah sprach - aufgetragen wurde und uns zu Kriegern Gottes gemacht hat."
"Du Gottloser! Du Heide!", kreischte der Gelehrte außer sich, während Cheychera ihr langes, leicht gekrümmtes Schwert zog und zu ihm trat. Er erbleichte. Zwei Medjai drückten ihn nieder auf seine Knie. Wut stand in den Augen des Gelehrten. Ausgerechnet eine Frau sollte ihn richten. Als sie das Schwert in die Höhe hob, wich die Wut der Todesangst, aber schon sauste das Schwert herab und durchtrennte sauber den Hals.
"Lord Gharan, zeigt mir zwei Mahdisten, die mit diesem Scharlatan hierher gekommen sind!"
Gharan wies auf zwei Männer, die zuvor dicht bei dem Gelehrten gestanden hatten.
Ardeth ließ sie zu sich bringen und fragte sie, ob sie des Schreibens kundig wären, was sie verneinten.
Dann befahl er seinen Kriegern: "Diese beiden sollen ins Land des Mahdi zurückkehren und ihm den Kopf dieses Scharlatans bringen. Der Mahdi wird die Botschaft verstehen und - möge Allah ihm beistehen - nie wieder Medjai-Land betreten! Damit diese Männer aber keine Geheimnisse verraten können, die sie hier erfahren haben könnten, schneidet ihnen die Zungen heraus!"
Die Männer führten die beiden Mahdisten ab und nahmen auch den Kopf des Gelehrten mit.
"Und jetzt zu Euch", sprach Ardeth unbeirrt die beiden vor ihm knienden und vor Entsetzen auf den enthaupteten Körper starrenden beiden Anführer an. "Ihr seid ebenfalls des Todes. Euer Volk soll Euch als ehrenlose Verräter im Gedächtnis behalten." Ardeth wandte sich wieder an seine Krieger: "Schleift sie zu den Pflöcken dort drüben, bindet sie fest und überlasst sie der Sonne, bis diese uns endlich von diesen Verruchten befreit. Ihr Fleisch werft in die Wüste, den Vögeln und Schakalen zum Fraß!"
"Erbarmen!", rief eine hohe Stimme von der Seite. Die junge Frau von Wyreth - es musste seine zweite sein, denn Ardeth kannte sie nicht - lief zu Ardeth und warf sich ihm verzweifelt zu Füßen. "Erbarmen, Herr!"
Die beiden herbeigerufenen Männer warteten Ardeth' Reaktion ab, bevor sie seinen Befehl ausführten. Doch Ardeth gab ihnen per Handzeichen zu verstehen, dass sie sich sofort ans Werk machen sollten. Sie taten wie geheißen, während Ardeth kalt erwiderte:
"Ich spreche nicht zu kriechenden Gestalten, sondern nur zu Medjai-Frauen!"
Und er wies einen weiteren Mann an: "Stell diese auf ihre Füße und entkleidet sie!"
Der Angewiesene warf Ardeth irritiert einen Blick zu, aber da dieser keine Miene verzog, entriss er ihr die blaue Gewandung, so dass sie nackt vor allen stand. Natürlich hatte auch sie ihrer Zeit die vielen Tätowierungen erhalten.
"Seht!", rief Ardeth und wies auf sie.
Einigen der umherstehenden Frauen wurde sehr mulmig und sie beeilten sich, zumindest ihre Kopfverschleierung zu entfernen.
"Eine Medjai!", fuhr Ardeth fort. "In Scham und Schande steht sie, und doch trägt sie alles, was sie braucht, alles, was sie ausmacht!" Er ergriff die erschrockene Frau an den Schultern und schüttelte sie kräftig: "Wie konntet Ihr vergessen, wer Ihr seid!"
Natürlich war sie unfähig, ihm irgendetwas zu erwidern.
"Wo ist Euer Gewand, dass Ihr als Frau eines Stammesanführers der Medjai, als eine Kriegerin, tragen solltet?"
Immer noch sah sie ihn erschrocken an. Cheychera tat sie schon leid, sie sah auffordernd zu Gazurs Frau herüber, die sich erstaunlicherweise aufrecht hielt - allen Geschehnissen zum Trotz. Tatsächlich schien sie Cheycheras stumme Aufforderung zu verstehen und trat zu Ardeth hin.
"Herr, erlaubt mir zu sprechen!"
"Lady Wegawa, sprecht also!", forderte er sie auf. Währenddessen zog Cheychera Wyreth' Frau fort und bedeckte ihre Blöße mit einem großen Tuch.
Inzwischen hatte sich Wegawa des Übergewandes entledigt und stand in einem einfachen roten Kaftan vor ihm.
"Bei allem Respekt, hoher Herr, aber wie sollten wir Frauen uns wehren? Uns wurde nach Eurem Weggang verständlich gemacht - mit Worten und Taten -, dass wir schweigen und gehorchen müssten. Es wurde nicht nur uns Frauen unmöglich gemacht, unsere Kriegergewandung weiterhin zu tragen."
"Dann wird es Zeit, dass man euch alle lehrt, in Zukunft wehrhafter zu sein, so wie es sich für Kriegerfrauen gehört! Und jetzt geht und Schluss mit dieser lächerlichen Maskerade!"
Er wandte sich wieder an die noch knienden Anführer:
"Und Euch meine ich damit ebenfalls! Schaut, was aus Euch geworden ist! Wie konnte es nur innerhalb eines Jahres passieren, dass Ihr, Mylords, Euch so verändert habt, dass Ihr so verweichlicht seid? Greinend und bunt geschmückt steht Ihr vor mir, lächerliche Erscheinungen!"
Gharan, an seiner Ehre gepackt, wollte das Verhalten rechtfertigen, doch Ardeth ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen und sprach weiter: "Nein, ich will hier nichts mehr von Euch hören. Geht und legt sofort diese albernen Sachen ab. Wir treffen uns in einer halben Stunde im großen Ratszelt, um zu beraten, wie es nun weitergehen soll."
Wie abgekanzelte Schuljungen zogen die sieben übrigen Anführer von dannen, nur Gharan und Ardjun blieben stehen und schauten Ardeth erwartungsvoll an. Er wies seine Männer ferner an, die persönlichen Krieger von Gazur in die große Höhle einzusperren, bis der Rat entschieden hätte, wie mit ihnen zu verfahren sei. Ein Blick Cheycheras hatte ihn zuvor gemahnt, nicht mit harten Sanktionen weiterzumachen. Am liebsten hätte Ardeth die Verräter alle sogleich enthauptet.
Nun wandte sich Ardeth an das Volk des 12. Stammes und an alle anderen, die zur Verlobungsfeier gefolgt waren: "Ich habe eine Verlobungsfeier gestört, deren Zweck sich nun erledigt hat, denn es wird keine Verbindung zwischen dem Hause Bay und Gazur geben. Aber eine Feier sollt ihr dennoch haben: Feiert die Rückkehr zu unseren althergebrachten Lebensweisen! Ruft eure Brüder und Schwestern zurück, die von dannen gejagt worden sind und versöhnt euch mit ihnen und untereinander. Keine Uneinigkeit darf unter den Medjai herrschen, wenn wir die seit langem uns übertragenen Aufgaben erfüllen wollen. Euch daran zu erinnern, fordere ich je einen ausgesuchten Krieger aus jedem der 12 Stämme auf, mit mir heute Nacht zur Nachtwache vor Hamunaptra zu reiten. Wir treffen uns eine Stunde vor Mitternacht. Ich selbst vertrete den 12. Stamm."

Am nächsten Tag ließ Ardeth seinen Sohn zu sich rufen. Cheychera war ebenfalls anwesend, als Ardjun in das Zelt trat und sich vor beiden verneigte.
"Setzen wir uns", forderte sie Ardeth auf. Cheychera reichte beiden Tee. Es dauerte eine Weile, bevor Ardeth, zunächst in Ruhe seinen Tee trinkend, sprach:
"Ardjun, ich danke dir nochmals, dass du so tapfer den 12. Stamm in meiner Abwesenheit geführt und Gazur widerstanden hast. Das hat mich mit Stolz erfüllt."
Er schwieg wieder, während Ardjun keine Miene verzog. Er ahnte, dass nun jenes sensible Thema angesprochen werden würde, weswegen es damals mit seinem Vater zum Bruch gekommen war.
"Ich bin alt geworden, Ardjun, und es kommt für mich bald die Zeit, mich aus dem Amt zurückzuziehen und es dir zu überlassen, denn du hast gezeigt, dass du würdig bist, es auszuüben."
Ardjun schaute Ardeth irritiert an. Bislang hatte er nicht den Eindruck gemacht, als würde er weichen wollen.
"Doch, Ardjun, bevor ich sterbe, gönne mir die Versicherung, dass unsere Ahnenlinie bestehen bleibt, gönne mir die Freude, deine Hochzeit und die Geburt deiner Kinder zu erleben!"
Es klang fast flehend. Und tatsächlich fuhr Ardeth fort:
"Bitte, Ardjun, bitte wähle eine würdige Braut! Wähle, wen immer du als deine Braut haben möchtest! Es würde deine Mutter und mich mit großem Stolz erfüllen, zu sehen, wie die Bays fortbestehen! O denke daran, dass es deine heilige Pflicht deinen Ahnen gegenüber ist, für den Fortbestand dieser Familie zu sorgen!"
Ardjun sah seinen Vater mit unsicherem Blick an. Wie sollte er ihm verständlich machen, dass er nur eine Frau liebte und keine andere heiraten wollte? Cheychera ahnte, was in ihrem Sohn vor sich ging. Sie musste Ardeth zu Hilfe kommen, um Ardjun von der Notwendigkeit zu überzeugen, eine Familie zu gründen.
"Ardjun, mein lieber Sohn", begann sie, "ich ahne, dass es dir sehr schwer fallen muss, dich für eine Braut zu entscheiden. Es tut mir leid, dass du unser einzig gebliebener Sohn bist, dass auch dein Onkel Setna sich als unwürdig erwiesen hat und du sozusagen in der Pflicht bist, für den Fortbestand der Bays zu sorgen. Doch ich hoffe, dass das vergangene Jahr dir gezeigt hat, wie wichtig es ist, für Einheit unter den Medjai zu sorgen. Die Garantie wirst einst du sein, so wie es gestern dein Vater war, der zum Segen seines Volkes gehandelt hat. Und wenn du nicht mehr sein wirst, wird es dein Sohn sein und dann die Nachkommen deines Sohn, die als hoffentlich starke Anführer der Medjai dafür sorgen, dass dieses Volk nie vergisst, welches seine Aufgabe ist und niemals vom rechten Weg abweichen wird. Deine Pflicht ist also nicht nur, ein guter Anführer aller Stämme der Medjai zu sein, sondern auch, Nachkommen in diese Welt zu setzen und sie auf ihre Aufgabe getreulich vorzubereiten. Und darum bitte ich dich, jedes Opfer zu bringen und sei es auch noch so hoch für dich!"
Stille trat ein. Während Cheychera ihrem Sohn flehend ins Angesicht sah, hatte Ardeth bang sein Haupt geneigt, die Antwort seines Sohnes erwartend. Es dauerte ziemlich lang, bevor Ardjun sprach:
"Ich werde versuchen, ein guter Anführer zu werden, ich werde mein Leben in den Dienst der Medjai stellen. Aber ich werde nur Claire Fairth als meine Frau ansehen und keine andere auch nur anschauen. Dies habe ich mir an dem Tag geschworen, als wir getrennt worden sind, denn ich liebe sie aus ganzem Herzen."
Nun senkte Cheychera verzweifelt das Haupt, während Ardeth ihn anstarrte. Das konnte doch nicht sein Ernst sein! Claire Fairth, eine Europäerin! Als Braut! Ardeth war so enttäuscht, dass er kein Wort hervorbrachte. Ardjun spürte die tiefe Enttäuschung, die er seinem Vater zugefügt hatte, und senkte ebenfalls den Blick. Es gab dem Gesagten jedoch nichts hinzuzufügen. Cheychera war es, die das Wort wieder ergriff:
"Ardjun, verlass dieses Zelt...", brachte sie fast tonlos hervor.
Ardjun war fast erfreut darüber, wenn es auch schmerzte, seine Mutter so sprechen zu hören. Immerhin gab es so keinen erneuten Streit zwischen ihm und seinem Vater, jedenfalls fürs erste nicht...
Lange schwiegen die beiden Gatten, bis Cheychera ihre Hand auf Ardeth' Knie legte und ihm leise riet: "Ardeth, du musst jetzt weise handeln!"
Doch aus Ardeth sprach tiefste Verzweiflung, als er ihr gestand: "Ich weiß keinen Rat..."
Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als wäre alles wieder in Ordnung gekommen: Die Medjai waren wieder auf dem Weg, das zu werden, was sie waren, er war wieder ihr Anführer und alles würde sich zum Guten wandeln. Das hatte er jedenfalls gehofft. Doch nun blickte er wieder in diesen Abgrund, mit dem alles Unglück begonnen hatte. Was blieb zu tun?
"Ardeth, höre, es bleibt dir ein Weg. Nimm dir eine junge Frau und zeuge weitere Kinder. Ich werde als deine Frau zurücktreten, mich scheiden lassen. Du musst aus dynastischen Gründen mein Angebot annehmen. Du wirst weitere Söhne bekommen und einer von ihnen wird die Bay-Linie vor dem Untergang bewahren."
Ardeth sah sie erstaunt an. Was hatte ihm Allah doch für eine Frau geschenkt! Er küsste ihr ergriffen ihre Hände, doch meinte dann in aller Ruhe:
"Nein, Cheychera, du bist meine Frau und - wie ich schon gestern gesagt habe - ich wünsche mir keine andere! Zwei Söhne hast du mir geschenkt, leider starb einer früh. Doch der andere hat sich bereits eine Braut gewählt, und wenn er Gefallen an dieser einen findet, so soll er sie haben! Ich werde nach Kairo reisen und diese Claire bitten, seine Frau zu werden."
Cheychera glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Tränen standen in ihren Augen. Sie umarmte Ardeth und brachte halb schluchzend hervor:
"O Ardeth! O Ardeth! Dass du das tun willst! Dass du dazu bereit bist! Ich preise dich als weisesten aller!"

Kairo, fünf Monate später
Bevor Ardeth endlich nach Kairo aufbrechen konnte, musste er in den zwölf Medjai-Stämmen erst einmal wieder für Ordnung sorgen, d. h. jeden einzelnen besuchen, was seine Zeit benötigte. In den Stämmen 2, 3 und 11 musste er sich länger aufhalten, denn hier galt es, neue Anführer einzusetzen. Ardeth versuchte in Absprache mit den anderen Anführern und dem Rat der Weisen und jenem der Frauen, die Familie der drei hingerichteten Anführer mit einzubeziehen, so diese sich als kooperativ erwiesen. Er gab die älteste Tochter Gazurs, jene, die eigentlich Ardjun zugedacht gewesen war, dem Sohn der Familie Fajum zur Braut. Die Fajums galten als eine der ältesten und vornehmsten Familien und in ihren Adern floss auch das Blut der Bay und der Setlata, den beiden ältesten Medjai-Clans. Die Setlatas stellten nach den Bays die mächtigtste Familie überhaupt dar. Sie hatten über viele Jahrhunderte die Anführer der vier Südstämme gestellt und auch zeitweise den obersten Anführer der Medjai. Zur Zeit gab es zwar keinen Anführer aus ihrer Familie, dafür verteilten sich ihre Mitglieder aber in fast allen zwölf Stämmen und hatten ein großes Mitspracherecht. Auch in Stamm 12 gab es eine Setlata-Familie, der ja Arianda angehörte, der immer noch in Südostasien weilte. Aus dieser Familie rekrutierten sich traditionsgemäß die persönlichen Leibwächter der Bays.
In den Stämmen 2 und 3 verfuhr Ardeth mit den Kindern und Kindeskindern von Wyreth und Barut ebenfalls so. Sie waren erleichtert, dass das über ihr jeweiliges Familienoberhaupt verhängte Urteil sich nicht auf sie aufwirkte. Auch sorgte Ardeth dafür, dass die Grenzen von allem Gesindel gesäubert wurden. So kam er erst lange Zeit später, als er eigentlich wollte, nach Kairo.
Ardjun gegenüber hatte er nichts von seinen Absichten, Claire zu holen, verraten. Erstens hatte er kaum Zeit, sich mit seinem Sohn auch nur auszutauschen, zweitens erhoffte er sich doch noch einen Meinungswandel seines Sohnes, aber darauf wartete er vergebens. Nun war es also an der Zeit, nach Kairo zu reisen, auch um sich mit dem Kurator und anderen Personen zu treffen.
Nach langem Ritt traf er mit seiner Eskorte im Haus der Medjai in Kairo ein. Es war früher Abend, und Ardeth wollte sich bald mit William in einem Café treffen, um Informationen über die Familie Fairth zu erhalten. Ein Bote richtete ihm aus, dass William in etwa einer Stunde im Café sein würde. Also begab sich Ardeth auf den Weg dorthin, diesmal ohne Eskorte, denn es handelte sich um eine sehr private Angelegenheit, so dass er keine Zuhörer wünschte. Seine Leibwächter sahen das zwar nicht gern, aber da es Ardeth' ausdrücklicher Befehl war, konnten sie nichts dagegen tun.
Ardeth schlenderte die Straße zum Café hinunter. Ein reges Treiben herrschte um diese Zeit. Geschäfte, Stände und kleine Restaurationen säumten die Straße rechts und links und auf ihr fuhren Kutschen, ritten viele Pferde und Kamele, so dass man kaum auf die andere Seite gelangen konnte. Ardeth ging auf der rechten Seite entlang. Er schritt nicht schnell, hatte er doch genügend Zeit. Auf einmal sah er ein paar Meter vor sich ein etwa zweijähriges Kind ganz allein stehen, sich neugierig umschauend. Ardeth wunderte sich, wie ein Kind so allein dort stehen mochte, denn er sah keine Mutter oder andere zugehörige Personen. Das Kind blickte mittlerweile etwas ängstlich, als suche es seine Eltern. Ardeth war inzwischen bei diesem Kind angekommen und kniete sich zu ihm. Er fasste es sachte und fragte es nach seiner Mutter, doch stockte auf einmal, denn dieses Kind - ein Knabe - sah genauso aus wie Ardjun seinerzeit. Der Knabe wies erfreut glucksend auf die andere Seite der Straße, wo es seine Mutter entdeckt hatte. Ardeth starrte den Jungen immer noch verwundert an, bis er schließlich dem Fingerzeig des Kindes folgte und seinen Augen kaum zu glauben wagte. Dort erblickte er Claire, die ihn erschrocken anstarrte. In dem Augenblick fuhren zwei Fuhrwerke dicht aufeinander zwischen ihnen durch und Ardeth erhob sich, den Jungen fest auf dem Arm haltend, und versuchte, hinüberzuschauen und Claire zu rufen. Doch als die Karren endlich nicht mehr die Sicht versperrten, erblickte er nur noch ein Stück ihres Kleides, danach war sie hinter dem Gebäude verschwunden. Er wunderte sich, was das sollte, denn sie hatte offensichtlich ihr Kind allein gelassen. Er wollte ihr hinterher laufen, doch kam schon wieder ein Fuhrwerk daher und hinderte ihn am Überqueren der Straße. Als er sich endlich zwischen den Hindernissen hindurchgekämpft hatte, immer noch den Jungen auf dem Arm haltend, war nichts mehr von Claire zu sehen. Wo war sie? Er stand eine ganze Weile in diesem Café, wo sie zuvor gesessen haben musste, wie ein Ober bestätigte, und wartete auf sie. Doch Claire kam nicht.... Der Knabe weinte und Ardeth versuchte ihn zu trösten. Die anderen Gäste schauten zu ihm und tuschelten. Da wurde Ardeth klar, dass er das Café besser verlassen sollte, sonst würden sie ihm noch eine Kindesentführung anhängen. Er konnte ja William befragen, wo er die Familie von Claire finden könnte, um ihr das Kind zurückzubringen. Also überquerte Ardeth wieder die Straße mit dem nach seiner Mama weinenden Kind. Er ging schnellen Schrittes zum Treffpunkt, wo William auch schon wartete. Der glaubte seinen Augen kaum, als er Ardeth mit einem Kind auf dem Arm kommen sah. Ardeth raunte ihm zu, dass er mitkommen sollte. Sie begaben sich eilig zu Williams Haus. William war neugierig, was es mit dem Kind auf sich hatte, doch wagte nicht zu fragen, bis sie sein Haus erreicht hatten. Ardeth schien furchtbar aufgeregt zu sein. Als sie endlich in das Haus eingetreten waren und William die Tür schloss, blieb Ardeth stehen und besah sich das nur noch wimmernde Kind in aller Ruhe. William stellte sich ihm gegenüber hin und fragte:
"Was ist das für ein Kind?"
"Mein Enkel", erwiderte Ardeth sichtlich bewegt.
Inzwischen war Valeria, Williams Frau, dazugetreten. Beiden berichtete Ardeth, was sich gerade ereignet hatte. Er hielt dabei das Kind so fest, dass Valeria nicht einmal den Versuch machte, ihm das unglücklich dreinschauende Kind abzunehmen.
"Merkwürdig, dass Claire ohne ihr Kind geflüchtet ist", sinierte William.
"Ja, das ist sehr merkwürdig. Gewiss, sie mag Angst vor Ihnen haben, Herr Bay, aber eine Mutter überlässt doch nicht einfach ihr Kind seinem Schicksal. Sind Sie sicher, dass es das Kind von Claire ist, Herr Bay?", wollte Valeria wissen.
"Ja, ich bin mir sicher. Dieses Kind sieht so aus wie mein Sohn ausgesehen hat, und es wies ja auch auf Claire, als ich es nach seiner Mutter fragte... Dieses Kind ist ein Bay", erwiderte Ardeth fast gerührt.
Valeria und William schauten sich an. Wollte Ardeth das Kind etwa behalten?
Doch dieser fragte: "Frau Cranigton, wo finde ich Claire?"
Beide atmeten auf. Doch Valeria musste zugeben:
"Das weiß ich leider nicht, Herr Bay. Die Familie Fairth ist vor zwei Jahren hier weggezogen und mich wundert, dass Claire überhaupt in Kairo ist. Haben Sie sie auch nicht verwechselt?"
"Nein, ganz bestimmt nicht. Dieses Gesicht habe ich nicht vergessen."
"Hm", überlegte William, "ich erinnere mich. Claire hat sich damals von uns verabschiedet, als ihr mit Ardjun schon lange in die Wüste zurück geritten wart. Sie wollte mit ihren Eltern nach London reisen, um die ganze Sache zu vergessen. Ihren Eltern war es wohl auch sehr peinlich. Seitdem habe ich nicht gehört, dass die Fairth zurückgekehrt sind, aber ich kann mich ja mal umhören, ob sie wiedergekommen sind."
"Schaut mal!", rief Ardeth auf einmal und wies auf ein dünnes silbernes Armband, auf das in der Mitte ein Namenszug eingraviert war: Lyleth.
"Lyleth! Lyleth!", brachte Ardeth triumphierend hervor. "Ha, das ist der Beweis! Das ist ein Medjai-Name! Das Kind heißt Lyleth! Lyleth Bay!"

So lange auch William und Valeria suchten, sie fanden Claire nicht. Sie fragte in jedem Hotel, doch nirgendwo tauchte ihr Name auf. Sie schien wie vom Erdboden verschluckt. Die beiden Eheleute besprachen sich.
"Dass eine Mutter einfach so ihr Kind allein lässt, will mir nicht in den Kopf!", konstatierte Valeria.
"Aber es ist ihr Sohn, Valeria. Es kann sich um kein Missverständnis handeln. Wer weiß, was dahinter steckt! Sie hatte sicher große Angst vor Ardeth."
"Vielleicht sucht sie ihn auch..."
"Nein, glaube ich nicht. Ardeth hat seine Männer in verschiedenen Teilen der Stadt patrollieren lassen, um ansprechbar zu sein. Er selbst war mehrmals in dem Café und hat sich nach Claire erkundigt, aber sie ist dort nicht mehr aufgetaucht. Er hat alles getan, was er konnte. Er hat mir auch gestanden, dass er nach Kairo gekommen ist, um Claire zu suchen und sie zu bitten, Ardjun zu heiraten. Ich glaube ihm das. Er würde kein Kind entführen!"
"Ja, du hast sicher recht. Was will er nun tun?"
"Er ist nun schon drei Wochen hier. In ein paar Tagen wird er zu seinem Stamm zurückkehren. Wenn die Mutter bis dahin nicht gefunden ist, wird er das Kind mitnehmen. Aber falls wir Claire sehen, können wir sie ja verständigen."
Tatsächlich vereinbarten sie mit Ardeth, die Augen offen zu halten, während Ardeth mit dem zweijährigen Knaben in die Wüste zurückkehrte. Zwielichte Gefühle hielten ihn gefangen: einerseits die Freude über den Enkel, andererseits die Enttäuschung, Claire nicht gefunden zu haben und mit unerfüllten Erwartungen zurückzukehren...

Eine Woche später traf Ardeth zu Hause ein. Cheychera hatte ihn erwartet. Als sie ihn aus der Ferne sich nähern sah, ließ sie Ardjun rufen, denn sie hoffte, dass Ardeth gute Nachrichten für seinen Sohn hatte. Ardjun bemerkte die unverhohlene Vorfreude seiner Mutter und sah grübelnd von ihr zum rasch sich näherndem Trupp und wieder zu ihr zurück.
Als Ardeth mit einem Kind auf dem Arm vom Pferd sprang, wunderten sich beide. Was hatte das zu bedeuten? Ardeth ging geradewegs auf Ardjun zu und übergab ihm das Kind. Laut, sodass es jeder der Umstehenden hören konnte, verkündete er: "Hier bringe ich dir deinen Sohn, Lyleth Bay!"
Ardjun starrte seinen Vater irritiert an. Hatte er jetzt den Verstand verloren? Doch Cheychera sah gerührt den Kleinen an. Genauso hatte ihr Sohn einst aufgesehen!
"Ja, Ardeth!", rief sie glücklich. "Wo kommt denn das Kind auf einmal her?"
Ardeth lächelte friedlich: "Es ist das Kind von Ardjun und Claire."
Ardjun riss die Augen auf und schüttelte mit dem Kopf. Was erzählte sein Vater da?
"Aber wo ist Claire? Warum bringt sie mir nicht das Kind? Wo ist sie?", brachte er mehr schreiend als fragend hervor.
"Ich weiß nicht, wo sie ist...", gestand Ardeth. "Es ist eine längere Geschichte, Ardjun. Komm, ich werde sie euch erzählen."
Er führte beide in sein Zelt und berichtete von den Geschehnissen in Kairo. Die ganze Zeit über hatte Ardjun seinen Sohn gehalten, doch am Ende übergab er ihn barsch seiner Mutter.
Aufgebracht herrschte er seinen Vater an: "Ich glaube dir kein Wort! Du hast das Kind entführt, weil du einen Erben haben willst! Wer weiß, was du mit Claire gemacht hast!"
Cheychera versuchte ihn zu unterbrechen, bevor wieder ein Unglück zwischen Vater und Sohn geschah: "Ardjun, rede nicht so! Du weißt doch gar..."
Doch Ardjun ließ seine Mutter nicht ausreden und schrie seinen Vater weiter an: "Du hast sie auf dem Gewissen! Du hast meine Claire aus dem Weg räumen lassen, damit sie bloß nicht meine Frau wird! Sie ist ja schließlich Europäerin, eine Schande für dich! Aber ein Kind brauchtest du unbedingt! Für deinen verdammten Bay-Clan!"
"Ardjun", schluchzte seine Mutter verzweifelt.
"Nein, Mutter, nimm ihn nicht in Schutz! Ich weiß sehr wohl, nach welchen Methoden mein Vater vorgeht, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt. Ich hatte ein Jahr lang Zeit darüber nachzudenken. Entweder hat er das Kind entführt und Claire aus dem Weg räumen lassen oder es ist noch nicht mal ihr Kind, sondern irgendeins, Hauptsache, es gibt einen Erben! Nehmt euer Kind! Ich will von ihm nichts wissen!"
Mit diesen Worten verließ er fluchtartig das Zelt. Zurück ließ er eine verzweifelte Cheychera und einen zutiefst traurigen Ardeth. Er hatte seinem Sohn nichts erwidert, er hatte nur geschwiegen und dessen Worte wie Geschosse auf sich niederprasseln lassen - ohne Gegenwehr. Er konnte seinem Sohn die Worte nicht verdenken. Es war die Strafe für sein eigenes Handeln vor drei Jahren, als er seinen eigenen Sohn so hart bestrafte, anstatt gleich einer Verbindung mit Claire zuzustimmen. Er hatte den Zorn seines Sohnes verdient. Er würde nichts gegen ihn unternehmen. Cheychera rannen die Tränen übers Gesicht. Sie schaukelte verzweifelt den kleinen Lyleth. Ardeth nahm ihr den Jungen ab und drückte ihn ganz fest an seinen Körper. Cheychera bemerkte, wie auch Ardeth' Tränen herabfielen. Er hatte einen Erben, aber um welchen Preis!

Nubische Wüste, 12. Stamm, Februar 1983
Cheychera Bay und Keranya Setlata saßen im Schneidersitz unter der schattenspendenden Plane, die vor dem Zelt von Cheychera und Ardeth gespannt war. Ein Tablett mit Tee, Tassen und Zucker stand neben ihnen. Vor ihnen spielte der kleine Lyleth mit Holzfiguren, die Kamele, Pferde und Ziegen darstellten.
"Ein Jahr ist es jetzt her, dass wir Lyleth hier haben", meinte Cheychera und blickte nachdenklich zu ihrem Enkel. Keranya erriet ihre Gedanken.
"Und ihr habt nie wieder etwas von seiner Mutter gehört?"
"Nein, und wir haben sie wirklich suchen lassen. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Selbst in London fehlt jede Spur von ihr. Sie muss ihr Kind schrecklich vermissen."
"Und der Kleine? Weint er noch manchmal nach seiner Mutter?"
"Nein, nicht mehr", Cheychera senkte fast resignierend den Kopf, "er hat weder Vater noch Mutter, also müssen seine Großeltern jetzt ganz für ihn da sein."
"Sei nicht traurig, Cheychera!", versuchte sie Keranya zu trösten. "Sicher wird auch Ardjun bald seine Liebe zu dem Kind entdecken. Wo er doch diese Claire so geliebt hat!"
"Ja, das hatten Ardeth und ich auch gehofft. Aber Ardjun entwickelt überhaupt kein Verhältnis zu dem Kind. Es scheint, als ob das Kind gar nicht für ihn existiere. Er ist so in seine Wut verzehrt... Er will mit der ganzen Sache wohl nichts mehr zu tun haben. Jedenfalls tut er so. Ihm muss es am meisten weh tun."
"Ach, Cheychera!" Keranya streichelte sanft ihre Freundin. "Eines Tages wird Ardjun einsehen, dass er seinem Vater Unrecht getan hat und wird ihm glauben, dass er das Kind nicht entführt hat."
"Ja, ich hoffe es so sehr. Ardeth leidet sehr darunter. Und Lyleth wünsche ich auch endlich einen richtigen Vater." Sie lächelte zu dem Kleinen herüber. "Schau, wie er sich entwickelt hat. Bald wird er 3 Jahre alt."
"Ein prächtiger Knabe, Cheychera! Oh, ich wünsche mir auch Enkel, viele Enkel!"
"Aber Keranya! Deine Schwiegertochter befindet sich doch schon auf dem Weg hierher. Bald sind die beiden da, und dann ist es auch mit dem Enkelkind nicht mehr lange hin, du wirst sehen!"
Keranya schaute mit undefinierbarem Ausdruck in die Ferne. Cheychera fuhr fort:
"Ja, gewiss, sie ist eine Fremde, aber sie war ja schon mal hier und hat einen sympathischen Eindruck auf mich gemacht. Du wirst sehen, sie wird eine gute Schwiegertochter sein!"
"Ich habe meinen Sohn über zwei Jahre nicht gesehen. Er hat sich in der Fremde bestimmt verändert."
"Ja, jetzt trägt er bestimmt nur noch bunte Sarongs", scherzte Ardeth, der von der Seite zu den beiden Frauen getreten war und die letzten Worte Keranyas mit angehört hatte.
Keranya ging sofort auf die Knie, als sie Ardeth erblickte.
"Entschuldigt, wenn ich mich angeschlichen haben sollte. Ihr wart so im Gespräch vertieft, dass ihr mich nicht gesehen habt. Ich hoffe, ich habe euch nicht erschreckt."
"Nein, hast du nicht", erwiderte Cheychera. "Aber belauscht hast du uns!"
"Ich habe nur das gehört, was Keranya gesagt hat, und es bezog sich wohl auf ihren Sohn Arianda, der ein wenig Urlaub in Südostasien gemacht hat."
An Ardeth' witzelndem Tonfall bemerkte Cheychera, dass er gute Nachrichten haben musste.
"Flitterwochen in Südostasien! Du liebe Güte, Cheychera, dass hätten wir uns auch leisten sollen!", scherzte er weiter.
"Setz dich und trink einen Tee mit uns!", forderte ihn Cheychera auf.
Ardeth ließ sich nicht zweimal bitten. Bevor er aber sich aber setzte und die Tasse Tee nahm, die Cheychera ihm füllte, schnappte er sich seinen Enkel und wirbelte ihn wild durch die Luft.
"Na, kleiner Bay?", rief er, "wie geht's uns heute?"
Lyleth gluckste vor Freude, und als Ardeth ihn absetzen wollte, rief der Kleine begeistert:
"Weitermachen, Opa!"
"Ja, siehst du, das hast du jetzt davon!", warf ihm Cheychera vor.
Ardeth wirbelte ihn noch zwei, dreimal durch die Luft, bevor er sich setzte. Lyleth rückte ganz dicht an ihn heran und zeigte ihm sein Spielzeug.
"Meine Güte, sind unsere Kamele aber geschrumpft!", kommentierte Ardeth und Cheychera und Keranya konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Ardeth gab den perfekten Großvater ab. Nur hatte er zu wenig Zeit als Anführer der Medjai.
"Du bist so verdächtig guter Laune, Ardeth. Was ist passiert?", wollte Cheychera wissen.
"Ja, ich bringe tatsächlich gute Nachrichten - für dich, Keranya. Dein Sohn wird in Kürze hier sein. Ein Reiter hat gemeldet, dass ein Telegramm in Theben eintraf, dass Arianda und sein Trupp bereits Kairo verlassen haben."
"Das ist ja wunderbar!", rief Keranya erleichtert aus.
Lyleth zupfte an Ardeth' locker über seinem Kriegergewand aufliegenden Stoffstreifen.
"He, Lyleth, lass das, du erwürgst mich ja fast!", rief Ardeth lachend. "Der Junge kann's gar nicht abwarten, bis er selbst so ein Teil trägt, was?"
"Also, Ardeth, du hast heute wirklich eine alberne Laune!", warf ihm Cheychera scherzend vor. "Und Gott sei Dank hat Lyleth mit dem Erwachsenwerden noch ein bisschen Zeit!"

Sechs Tage später trafen Arianda, Verci und sieben weitere Medjai-Krieger im 12. Stamm ein. Keranya, ihr Mann Walgyn, ihre beiden Töchter und ihr jüngster Sohn standen zum Empfang bereit, sobald sie die Staubwolke auf der Dünung wahrnahmen, die das Kommen des Trupps ankündigte. Auch Ardeth trat hinzu, freute er sich doch auf ein Wiedersehen mit Sandokans tapferer junger Tigerin, mit der ihn einige Abenteuer und eine schöne Zeit verbanden. Auch Cheychera kam mit Lyleth auf dem Arm.
Wie erstaunt waren alle, als Verci auch ein Kind auf dem Arm trug! Keranya bekam ganz große Augen. Arianda sprang von seinem Pferd, kniete vor Ardeth nieder und umarmte dann seine Mutter, während er einen Arm auf die Schulter seines Vaters legte. Doch Keranya konnte die Augen fast nicht von Verci und dem Kind richten. Arianda spürte ihre Neugierde, trat zu Vercis Pferd hin und half ihr herunter, führte sie langsam vor seine Eltern und sprach:
"Begrüßt meine Frau Verci und unsere Tochter Leyrah!" Er grinste seine Eltern unheimlich stolz an und meinte dann zu Verci: "Verci, dies sind meine Eltern: meine Mutter Keranya, mein Vater Walgyn, und hier, meine beiden Schwestern, Wigala-Tiana und Sanya-Tiana, und mein Bruder Wirianda."
Als erster trat Walgyn Setlata zu Verci und küsste ihr auf die Stirn. Er erkannte sie damit als seine Schwiegertochter an. Er wurde von Keranya imitiert, die sich von Verci das Kind geben ließ und es sanft im Arm hielt. Arianda stand immer noch voller Stolz da und sprach förmlich weiter: "Eine edlere Frau als Verci konnte ich euch nicht heimführen", er blinzelte auch zu Ardeth vielsagend herüber, "denn sie ist die Tochter des Fürsten Sandokan!"
Nicht nur Ardeth starrte Arianda erstaunt an. Wie? Hatte er richtig gehört? Verci, Sandokans Tochter? Verci dagegen war so von Eindrücken übermannt, dass sie vergaß, sich vor Ardeth zu verneigen. Sie schaute etwas unsicher zu ihren neuen Schwiegereltern herüber. Es musste ein großes Opfer für sie gewesen sein, ihre Heimat zu verlassen, um mit Arianda in der Wüste zu leben. Noch trug sie ihre weite dunkle Hose und die lose darüber liegende rote Bluse, dazu einen Turban, dessen Enden ihr locker über den Oberkörper fielen.
"Aber Arianda! Das musst du uns unbedingt genauer erzählen!", forderte ihn Ardeth neugierig auf.
"Ardeth!", tadelte ihn Cheychera. "Nun lass ihn doch erst mal ankommen und sich ausruhen. Nachher findet sich immer noch Zeit!"
Ardeth guckte etwas unzufrieden, war er doch viel zu neugierig, was sich inzwischen in Malaysia ereignet hatte, aber er sah ein, dass er nachgeben musste. Walgyn ergriff das Wort:
"Ardeth, Cheychera, bitte seid heute Abend an unserem Feuer unser Gast! Arianda mag uns dann alles berichten!"

Man hatte ein Zelt für Arianda und seine Frau errichtet, wo die junge Familie nun einziehen konnte. Verci war froh, als sie nach einer ganzen Weile, in denen Arianda von seiner Familie förmlich belagert worden war, mit ihrem Mann nun allein war. Natürlich hatte Keranya nicht mit Vorwürfen gespart, dass Arianda in der Fremde geheiratet hatte. Hatte sie doch schon in Gedanken alles für eine große Hochzeit ihres ältesten Sohnes organisiert! Doch als sie vernahm, dass auch Vercis Mutter dieses Recht in Anspruch genommen hatte, zumal sie ihre Tochter wohl nie mehr wiedersehen würde, stimmte es Keranya versöhnlich. Dennoch hielt sie sich ein wenig auf Distanz Verci gegenüber. Leyrah hatte sie dem Paar aber zunächst abgenommen, um sich das Mädchen ganz genau anzuschauen, wie sie sagte.
"Ob deine Mutter mich mag?", fragte Verci Arianda.
"Gib ihr Zeit! Du bist eben noch eine Fremde für sie. Das wird sich bald ändern."
Schon machte sich wieder jemand am Eingang bemerkte. Es war Wigala-Tiana, Ariandas älteste Schwester. Sie hielt ein Medjai-Gewand und reichte es Arianda.
"Hier, das ist für deine Frau. Ein Kriegergewand. Sie ist doch eine Kriegerin, oder?"
"Ja, das ist sie", antwortete Arianda stolz. "Genau wie du. Tiana, hilf ihr doch bitte beim Ankleiden, ja?"
Mit diesen Worten ließ er die beiden Frauen allein im Zelt. Die sahen sich zunächst betreten und schweigend an. Verci war ein bisschen perplex, dass so schnell von ihr erwartet wurde, sich anzupassen. Sie hatte auf Mompracem ja schon spaßeshalber Ariandas Gewand angelegt und fand es eigentlich viel zu umständlich und schwer. Wigala-Tiana hingegen wunderte sich, warum Verci sich nicht endlich ihrer Sachen entledigte. Sie empfand es als eine große Ehre für Verci, dass ihr Vater darauf bestanden hatte, ihr die Sachen zu bringen. Sie war doch eigentlich keine Medjai und hätte ein einfaches Frauengewand tragen sollen. Ihre Mutter hatte doch auch schon extra ein abgelegtes Gewand von ihren Töchtern bereit gelegt. Endlich begann die Fremde, ihre Sachen auszuziehen. Ohne zu reden legte Wigala-Tiana ihr das schwarze Kriegergewand an und zerrte alle Ösen und Schlingen fest. Verci ächzte leise und blickte etwas bedauernd auf ihre leichten Sachen auf dem Boden, die ihr die Hitze doch erträglicher scheinen ließen.
"Achja", meinte schließlich Wigala-Tiana, "wenn du unserem Anführer Ardeth Bay heute Abend gegenüber trittst, dann vergiss nicht - so wie heute Nachmittag -, auf die Knie zu gehen! Bis nachher!" Mit diesen etwas tadelnden Worten verließ Ariandas Schwester das Zelt. Kurz darauf trat er wieder ein und lächelte sie ein wenig mitleidig an.
"Keine Sorge, du gewöhnst dich schon noch an das Leben hier."

Verci tat wie geheißen, als sie am Abend vor dem Zelt von Ariandas Eltern Ardeth erblickte: Sie ging auf die Knie. Walgyn lächelte zufrieden und gnädig zu ihr herunter. Ardeth war bester Laune und reichte ihr seine Hand zum Aufstehen und betrachtete sie gefällig.
"Ich sehe, wir haben eine neue Kriegerin! Ja, liebe Verci, das ist etwas anderes als die leichten Sarongs. Nicht ganz so bequem, was?" Sie grinste ihn erleichtert an, er war wie ein Freund für sie. "Nunja, ich weiß auch nicht, wer auf die merkwürdige Idee gekommen ist, die Wüstengewänder in schwarz zu entwerfen", fuhr er fort. "Man sollte das ändern!"
"Ardeth!", schimpfte Cheychera, diesmal wirklich vorwurfsvoll und alle - außer Arianda - sahen ihn entsetzt an. Ardeth amüsierte sich köstlich. Er raunte Verci seufzend zu: "Du siehst, es ist unmöglich, hier etwas ändern zu wollen. Besser, du gewöhnst dich gleich dran, meine Schöne! Hier ändert sich in Tausenden von Jahren nichts!"
"Fast hätte sich doch hier vor kurzem alles geändert", meinte Wirianda trocken und erntete einen wütenden Blick von Seiten seines Vaters.
"Jaja, das war doch etwas anderes", erwiderte Ardeth leicht gereizt, wollte sich aber nicht die Laune verderben lassen. So vertiefte er das Thema nicht weiter, sondern führte Verci zu dem flachen Tisch, vor dem sich alle niederhockten. Arianda war froh, dass Verci so von Ardeth protegiert wurde, hatte er doch die leicht abwehrende Haltung seiner eigenen Familie Verci gegenüber bemerkt. Ardeth redete gut gelaunt weiter:
"Das Gewand steht dir übrigens ausgezeichnet. Jetzt fehlen ja nur noch die Tätowierungen."
"Bei allem Respekt, mein Herr", warf Walgyn ein, der sich in die Pflicht genommen fühlte, für das neue Familienmitglied als oberster Familienherr die Verantwortung übernehmen zu müssen. "Meine neue Tochter hat überhaupt keine Ausbildung hier erhalten und es wäre unzulässig, sie in unsere Traditionen einzuweihen. Sie muss sich erst einfügen lernen und wir müssen schauen, ob sie bereit ist, eine Medjai zu werden."
Verci sah Arianda irritiert an. Sie dachte, sie wäre bereits durch die Heirat eine Medjai geworden, aber offenbar akzeptierte man sie hier überhaupt nicht. Arianda hatte ihr zwar mal verworrene Dinge über die Aufgaben der Medjai erzählt, aber sie hatte das alles nicht verstanden. Ardeth wollte keine Mauer zwischen Verci und seinem Volk errichten. Er hielt es aber für klüger, später in aller Ruhe mit ihr darüber zu sprechen.
"Sicherlich wird sie nicht sofort tätowiert. Aber immerhin hast du sie ja schon in ein Kriegergewand stecken lassen, das bedeutet, dass du es wünschst, sie möge eine wahre Medjai werden."
"Ja, das wünsche ich mir in der Tat und ich werde morgen alles Nötige veranlassen. Sie wird eine ebenso gründliche und strenge Ausbildung wie meine beiden Töchter erhalten."
Arianda sah scheu zu Verci, über die gerade - ohne sie selbst zu fragen - verhandelt wurde. Er wusste ja, dass Verci gerade durch den Umstand, dass sie nun Sandokans Tochter war, einen erheblichen Selbstbewusstseinsschub erhalten hatte. Tatsächlich mischte sich Verci ein:
"Verzeiht, aber ich bin doch bereits eine Kriegerin. Ich habe seit langem jenes Kampfhandwerk ausgeübt. Sicherlich gibt es noch eine spezielle Kleinigkeiten zu erlernen, aber..."
Weiter kam sie nicht, denn Walgyn unterbrach sie jäh:
"Mit dir werde ich später darüber reden. Du tust, was ich dir sage, Tochter!"
Verci sah ihn verblüfft an. Hatte er ihr eben das Wort verboten? Sie schluckte. Arianda berührte sie am Rücken und gab ihr dadurch zu verstehen, dass sie sich zurückhalten sollte. Keranya und Wigala-Tiana hatten sich etwas pikiert über Vercis Verhalten angeschaut. Ardeth war jedoch neugierig auf Vercis Geschichte und hoffte, den Abend ein wenig für sie zu retten, indem er sie ansprach:
"Verci, ich freue mich, dass du da bist und dass du bereit bist, eine Medjai zu werden. Doch nun berichte mir doch erst mal, wie du stolze Kriegerin zu Sandokans Tochter geworden bist!"
Verci erzählte, wie Sandokan sie und Arianda zu ihrer Mutter nach Sulu gebracht hatte, damit sie sich von ihrer Mutter für immer verabschieden konnte. Wie erstaunt war Sandokan, als er in ihrer Mutter eine Freundin wiedererkannte, die eines Tages aus seinem Leben verschwunden war. Und nun verstand er: Sie hatte sich ihm entzogen, weil sie schwanger von ihm gewesen war, weil sie ihm nicht im Weg stehen wollte, und das Kind ihrer Liebesnacht stand nun in ihrer Mitte: Verci. Nie hatte ihre Mutter ihr den Namen des Vaters gesagt, aber nun verstand auch Verci, warum ihre Mutter ihr einerseits verbieten wollte, nach Mompracem zu gehen, ihr andererseits aber von dem Tiger von Malaysia vorgeschwärmt hatte. Als ihre Mutter hörte, dass Verci Arianda nach Ägypten folgen wollte, bestand sie darauf, wenigstens die Hochzeit erleben zu dürfen - und das tat auch Sandokan. Verci war seine Tochter, und es war selbstverständlich, dass eine große Hochzeit auf Mompracem ausgerichtet werden würde. Das geschah, aber während die Zeit verging, zeichnete sich bereits die Frucht der Verbindung Vercis und Ariandas ab. Verci wurde schwanger, ihr Kind wurde im April 1882 geboren. Verci nannte ihre Tochter nach einer toten Schwester Sandokans Leyrah. Als diese acht Monate alt war, meinte man, sie sei robust genug, die weite Reise nach Ägypten antreten zu können. Der Abschied fiel allen schwer und Sandokan musste Verci versprechen, sie in der nubischen Wüste zu besuchen. Das war nun also ein doppeltes Versprechen, denn auch Ardeth hatte er das ja zugesagt.
Ardeth lächelte, als Verci ihren Bericht beendet hatte. Ja, Sandokan würde bald kommen...

Tatsächlich ließ Sandokan noch drei Jahre auf sich warten. Inzwischen hatte Ardeth seinem Sohn Ardjun das höchste Amt übertragen und sich selbst zurückgezogen, ganz der Pflege seines mittlerweile fast sechsjährigen Enkels Lyleth bedacht. Cheychera war krank geworden, und konnte kaum mehr sehen und nicht mehr laufen. Sie saß vor ihrem Zelt, als Ardeth und Sandokan über alte Zeiten plauderten. Gerührt hatte Sandokan seine Tochter und Enkel in die Arme genommen. Verci hatte zwei Jahre nach Leyrah einen Sohn geboren: Namdun. Doch Sandokan hatte schnell bemerkt, dass sie nicht glücklich geworden war. Wenn sie Arianda, der sich sehr um sie bemühte, nicht gehabt hätte, hätte sie wahrscheinlich Reißaus genommen und wäre zu Sandokan zurückgekehrt. Sie war untätowiert geblieben, weil Walgyn Setlata der Meinung war, dass sie noch nicht würdig sei, das große Medjai-Geheimnis zu erfahren. So blieb sie eine Ausgeschlossene, eine Fremde, die ihren Kriegerstand eingebüßt hatte und nur als Mutter der Enkelkinder von Walgyn angesehen wurde. Dass sie das schwarze Kriegergewand angelegt hatte, war eine Farce gewesen, die sie alsbald aufgab und ein anderes, lockeres Gewand anlegte und zuweilen auch ihre alten malaiischen Sachen, am liebsten blumendekorierte Sarongs. So saß sie nun auch bei den beiden alten Haudegen, lehnte ihren Kopf an Sandokans Schulter und mischte sich zuweilen in ihre Abenteuerberichte ein, von denen sie ja auch ein Teil war. Hier war sie glücklich.
Als Sandokan später mit Ardeth allein war, sprach er ihn auf Vercis Situation an. Ardeth versicherte ihm, dass er sich mehr um sie kümmern werde, denn nun hatte er ja auch endlich mehr Zeit als zuvor, als er noch viel reisen musste als Anführer der Medjai.
"Tja, mein Freund", meinte Ardeth dazu. "Es ist nicht zu leugnen. Wir sind alt geworden, es gibt für uns nicht mehr viel zu tun. Wir wiegen unsere Enkelkinder und lassen die Vergangenheit in leuchtenden Farben Revue passieren."
"Ja, du hast Recht", stimmte Sandokan grinsend zu. "Nun denn, ich bin dir um zwei voraus. Mein Sohn Sidom hat nun endlich auch einen Sohn, Tabidong. Er wird später über den Kinabatangan herrschen, wenn die Engländer endlich das Land verlassen werden."
"Ob sie das Land so schnell verlassen werden? Hier bei uns haben sie sich auch so richtig breit gemacht."
"Tja, wir werden das bestimmt nicht mehr erleben. Aber wer weiß, was die Zukunft unseren Kindern und Kindeskindern bringen wird."
Und sie schauten hinüber zu ihren beiden Enkeln. Lyleth hatte die kleine Leyrah an die Hand genommen und führte sie auf eine Erhöhung, um ihr die untergehende Sonne zu zeigen. Ardeth raunte Sandokan zu: "Hier schließt sich der Kreis. Was damals in Acheh mit uns begonnen hat, hier findet es nun ein Ende, denn du wirst abreisen und wir beide sind zu alt, um uns noch einmal wiederzutreffen. Ich fühle das. Aber in diesen beiden dort werden wir fortleben und vielleicht wird es einmal mehr als eine freundschaftliche Verbindung zwischen uns geben. Was meinst du?"

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