Home Ardeth I. (Autor: Bianca M. Gerlich)

ARDETH' RÜCKKEHR

Teil 1

Alexandria, Oktober 1881.
Ardeth' wirkte so verklärt und in seine Gedanken versunken, dass Janir ihn nicht anzusprechen wagte. In der Ferne zeichnete sich die Silhouette der Stadt Alexandria ab. Sie standen an der Reling. Nicht lange, und sie würden ägyptischen Boden betreten. Zu Hause, endlich, nach so langer Zeit. Unbeweglich, aber eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlend, fixierte Ardeth die Stadt. Sicher sammelte er jetzt all seine Kraft, die er hatte, um sie alsbald einzusetzen - in der Auseinandersetzung mit der Regierung, den Briten, den Medjai und ihren vom Weg abgekommenen Anführern. Janir war davon überzeugt, dass Ardeth sich schon eine Art Schlachtplan zurecht gelegt hatte. Er spürte keinen Zweifel daran, dass Ardeth wieder der mächtige oberste Anführer werden würde, der er ja vor seiner Abreise vor fast einem Jahr gewesen war. Ardeth wirkte auf ihn wie der Fels in der Brandung. Wenn er nur erst wieder Anführer wäre, dann würde alles in Ordnung kommen. Aber Ardeth war auch schon ziemlich alt. Was, wenn er eines Tages nicht mehr sein würde? Würde der Sohn genau so stark werden können wie sein Vater?

Als Ardeth und Janir das Hafengebäude verließen, erblickten sie William Cranigton, Ardeth' getreuen Freund aus Kairo, der extra nach Alexandria gereist war, um die Medjai abzuholen. Nach einer herzlichen Begrüßung stiegen sie am Bahnhof in den Zug nach Kairo. William wunderte sich, dass Arianda nicht dabei war und wurde von Ardeth und Janir darüber informiert, dass jener noch in Südostasien bei seiner Braut weilte, um deren Mutter zu besuchen. Wie erfreut war William, als er hörte, dass die tapfere Verci Ariandas Frau werden würde! Ardeth erzählte kurz, was in Malaysia geschehen war, aber wollte später ausführlicher darüber berichten. Er war viel zu neugierig, warum Hamid und Ardjun auf seine Rückkehr gedrängt hatten. So fand William im Zug die Zeit zu berichten, was in der Zwischenzeit alles vorgefallen war, um Ardeth auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen, bevor er in Kairo zum Palast des Khediven geleitet werden sollte.
"Sie haben euch am Hafen passieren lassen, weil der Vizekönig sich für dich verbürgt hat. Er hat den Briten versprochen, dass die Dinge in ihrem Sinne geregelt werden und du sofort zum Palast kommen sollst, sobald du in Kairo eingetroffen bist. Am Bahnhof in Kairo werden Gesandte des Vizekönigs zu deiner Begrüßung und deinem Geleit zum Palast bereit stehen. Es ist alles organisiert."
"Stehe ich dann unter Arrest?", wollte Ardeth wissen.
"Ich denke nicht, dass sie dich unter Arrest stellen werden, denn sie brauchen dich dringend im Süden. Du ahnst ja gar nicht, was hier zur Zeit alles los ist!"
"Nun, ich habe nur gehört, dass sich das Militär nun doch gegen die Briten erhoben haben soll."
"Ja, das stimmt. Die Offiziere haben sich erhoben. Sie wollten die Briten aus dem Land haben. Und da weder du noch irgendein Medjai bei der Urabi-Bewegung mitgemacht hat, ist nun auch Lord Cromer davon überzeugt, dass du unschuldig bist."
"Lord Cromer?", unterbrach ihn Ardeth.
"Ja, das ist der britische Generalkonsul."
Ardeth und Janir starrten William ungläubig an.
"Britischer Generalkonsul?", fragte Ardeth nach.
"Ja, die Briten haben den Urabi-Aufstand mit Waffengewalt niedergeschlagen und dabei gleich mal die Gelegenheit ergriffen, das Land militärisch zu besetzen. Und seitdem gibt es einen Generalkonsul, der jetzt de facto regiert."
"Und was ist mit Tawfiq?"
"Tawfiq ist immer noch Khedive und immer noch Vasall des Osmanischen Reiches. Doch das Sagen hat jetzt Lord Cromer. Er wird übrigens nachher auch im Palast sein, um dich kennenzulernen."
"Ich soll mit dem britischen Generalkonsul sprechen?", brachte Ardeth fast trotzig hervor.
"Ja, Ardeth, und das ist gut so", beschwichtigte ihn William. "Die Briten müssen davon überzeugt sein, dass du weder gemeinsame Sache mit dem ägyptischen Militär noch mit den Mahdisten machst."
"Mahdisten?", fragten Ardeth und Janir abermals nach.
"Ja, die Mahdisten... wie soll ich denn das jetzt so schnell erklären... also, die Mahdisten, das sind islamische Fanatiker, haben sich im Süden erhoben und Ägypten den Krieg erklärt."
"Na, das ist ja eine schöne Heimkehr! Die Briten haben Ägypten von Norden her besetzt und die islamischen Fanatiker haben Ägypten von Süden her den Krieg erklärt", konstatierte Ardeth, den diese schwerwiegenden Neuigkeiten regelrecht erschlugen.
"Und wir Medjai sind mittendrin", fügte Janir murmelnd hinzu.
"Naja, nun wollen sich die Briten mit den Mahdisten auseinandersetzen, denn die sind logischerweise anti-britisch. Die Briten haben in Khartum einen Gouverneur sitzen, der mobilisiert schon das Militär. Was aber viel schwerer für euch wiegt, ist, dass Gazur in der Sache mit drin hängt."
Ardeth sah William sichtlich irritiert an: "Inwiefern?"
"Gazur macht mit Muhammad al-Mahdi, dem selbsternannten Erlöser und Anführer der Aufständischen, gemeinsame Sache. Einer seiner Gesandten hält sich seit deiner Abreise - und wohl auch schon davor - im 11. Stamm auf und predigt den Medjai, wie sie wahre Gläubige werden. Ich glaube, dieser Fanatiker hat einen sehr großen Einfluss auf Gazur. Der hat übrigens schon einige Medjai-Krieger zum Mahdi geschickt, um ihn in seinem Kampf zu unterstützen."
"Was!", rief Ardeth erbost. "Medjai als Krieger für andere Mächte!"
"Naja, das sind eben die Dinge, die Tawfiq mit dir besprechen wird. Du allein kannst die Lage im Süden wieder stabilisieren, Ardeth. Außerdem - wenn es so bleibt wie jetzt - wird das britische Militär im Verband mit dem ägyptischen - die Medjai bekämpfen. Sie haben schon ihre Posten um Luxor stationiert."
"Ich glaube das alles nicht! Das kann doch alles nicht wahr sein!", brachte Ardeth mit belegter Stimme hervor.
"Ardeth, deshalb haben Hamid und ich dich zurückgerufen. Nur du kannst das wieder richten. Tawfiq weiß das und hat die Briten davon überzeugt, dass du wieder der Anführer der Medjai werden musst. Sie glauben nun, dass du mit den Urabi nichts zu schaffen hattest und, ähm", William stutzte etwas, weil er wusste, dass es nun kritisch wurde, "und weil sie wissen, dass du nicht ihre Forschungsexpeditionen überfallen hast, sondern, ähm, Gazur..."
"Wie bitte!", empörte sich Ardeth so laut, dass man es noch drei Abteile weiter hören konnte.
"Gazur hat wirklich...!" Er schnappte nach Luft.
"Beruhige dich, Ardeth, es ist ja alles herausgekommen, weil, ähm...also..."
William wusste nicht, wie er Ardeth das Folgende mitteilen sollte. Es war einfach zu unglaublich und würde Ardeth fast das Herz brechen, davon ging William aus. Doch Ardeth war noch zu aufgeregt über die letzte Neuigkeit, um Williams Verlegenheit zu bemerken. Eigentlich war er die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Gazur selbst für die Überfälle verantwortlich gewesen, aber es noch einmal in aller Deutlichkeit bestätigt zu sehen, regte ihn sehr auf. Er brachte wütend hervor:
"Gazur hat die Expeditionen selbst überfallen lassen und es mir ruhigen Gewissens in die Schuhe geschoben... Und das als Anführer eines Medjai-Stammes... es ist unglaublich..."
"Ja, die anderen Anführer sind seitdem auch sehr im Zweifel, ob sie Gazur noch folgen sollen. Glaub mir, die Gelegenheit ist günstig, sie wieder auf deine Seite zu ziehen. Wenn da nur dieser Fanatiker nicht wäre! Einige Medjai finden es ganz gut, dass der Islam jetzt eine wesentliche Rolle spielt und auch, dass sie gegen die britischen Eindringlinge kämpfen... Sie fühlen sich nunmehr als Teil der großen arabisch-islamischen Welt, nicht mehr so weltfremd. Nur ist Gazur arg zu weit gegangen. Er hat, um die Mahdisten zu unterstützten, einige Schätze der Pharaonen angerührt und..."
"Er hat es tatsächlich getan?!", unterbrach ihn Ardeth heftig. Auch davon hatte er schon vor seiner Verbannung erfahren, aber er ahnte, dass das Ausmaß dieser Entwendung ein anderes war, als er bislang angenommen hatte. Auch Janir starrte William ebenfalls entsetzt an.
"Es kommt noch schlimmer, Ardeth", warnte ihn William schon mal vor.
Ardeth schluckte. Er war kreidebleich geworden und sah William zutiefst erschrocken an. Und weil William nicht weiterzuprechen wagte, fragte Ardeth leise und unheilahnend:
"Hamunaptra?"
William atmete auf. "Nein, Hamunaptra ist und bleibt ein Geheimnis... gut, er lässt dort keine Wachen mehr postieren, weil er..."
Wieder unterbrach ihn Ardeth entsetzt: "Was? Was? Keine Wachen vor Hamunaptra?"
Janir und Ardeth schüttelten ungläubig mit dem Kopf. Und Janir wollte wissen:
"Was machen die Medjai denn dann?"
William zuckte mit den Schultern: "Allah lobpreisen, für die Mahdisten kämpfen und ihren Anführern in allen Dingen gehorchen. Letzteres taten sie ja schon immer", fügte er mit kritischem Unterton hinzu.
"Und das ist normalerweise auch gut so", verteidigte Ardeth sein Volk. "Wenn sie nur fähige Anführer haben würden! Ich frage mich, was machen die anderen elf Anführer? Was ist mit Gharan, wie verhält sich Ardjun? Wieso unternimmt denn niemand etwas gegen Gazur?"
"Ach, Ardeth", seufzte William, "weil sich niemand traut. Er hat gleich die Kontrolle übers Waffenarsenal übernommen, kaum dass du fort warst. Nur wer von ihm oder seinen Leuten eine Waffe erhält, darf eine tragen. Und er hat ausgesuchte Krieger um sich sowie Soldaten von Muhammad al-Mahdi, die quasi seine Schergen sind und die anderen Medjai-Krieger überwachen. Außerdem versammelt er Töchter und Söhne der Anführer in seinem Stamm, er sagt, das sei das Pfand ihrer Treue. Wenn du mich fragst, sind das Geiseln, damit niemand von den Anführern etwas gegen ihn unternimmt. Ardjun ist auch verpflichtet, zeitweise in Stamm 11 zu weilen und Gazur zu dienen. Er bezeichnet das als ‚besondere Gnade des Anführers gegenüber den Seinen', in seiner Nähe weilen zu dürfen."
"Dass die das alle so mitmachen, will mir nicht in den Kopf!"
"Naja, Ardeth, er zwingt niemanden zu bleiben und sich seinen Gesetzen zu unterwerfen. Jeder, der gehen will, darf gehen, nur darf er nichts mitnehmen, so nach dem Motto ‚Du schuldest uns nicht und wir dir nichts'. Du ahnst nicht, wie viele Medjai als Bettler in den Straßen der Städte sitzen oder auf den Stufen irgendeines Tempels."
Ardeth schnaufte: "Wir werden sie alle wieder zusammenholen!"
"Die Familienväter hatten allerdings nicht die Chance zu gehen, denn Frauen dürfen die Stämme nicht verlassen und sie wollten sie nicht allein lassen, aus Angst vor Repressalien den verbliebenen Frauen gegenüber. Seit der Fanatiker da ist, haben die Frauen sowieso keine Rechte mehr. Sie müssen tief verschleiert gehen, dürfen nicht reiten, in Anwesenheit von Männern nicht sprechen und so weiter. Dieser Fanatiker der Mahdisten achtet streng darauf und hat auch die Shariah eingeführt. Tatsächlich hat er schon eine Frau wegen Ehebruchs steinigen lassen. Gazur hat die liberaleren Südstämme, die ja erst so für ihn waren, damit fast an die Schmerzgrenze getrieben. Naja, seinen Islamlehrer hat Gazur ja auch erst aus der Tasche gezaubert, als du weg warst. Übrigens wollen sich Barut und Wyreth auch nicht die Blöße geben und eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht haben, indem sie Gazur unterstützten, daher halten sie fest zu ihm. Übrigens, Medjai darf jetzt jeder werden, der es möchte. Gazur hat einige Männer von außerhalb rekrutiert, Leute, die auch mit der Sache der Mahdisten einverstanden sind und sich nichts sehnlicher wünschen, als dass die Briten aus dem Land vertrieben werden. Zum Zeichen ihrer Zugehörigkeit werden sie teilweise tätowiert und leisten Gazur den Treueeid." William wurde des wütenden Blickes Ardeth' gewahr und fügte schnell hinzu: "Aber beruhige dich, Ardeth, es sind weit mehr Medjai abgewandert als hinzugekommen."
"Gibt es denn noch wirkliche Medjai da unten in der Wüste?", fragte Ardeth leicht niedergeschlagen.
"Ja, natürlich, Ardeth! Du hast wohl vergessen, dass sich Cheychera und Hamid mit vielen Getreuen ins Höhlengebirge von Karan zurückgezogen haben! Sie haben es als ihre Pflicht angesehen, auch über Hamunaptra zu wachen und sind auf diesem Weg mit vielen anderen Medjai in Kontakt getreten, die auch heimlich Hamunaptra nicht aufgeben wollten. Es gibt sehr viele Unzufriedene und sie werden dir alle eine große Stütze sein. Naja, und seit der Sache mit dem Königsmumiengrab..." William stockte, denn jetzt sollte für Ardeth die wohl schmerzlichste Enthüllung kommen. Der wurde auch sofort hellhörig und fragte stirnrunzelnd nach: "Königsmumiengrab? DAS Königsmumiengrab?!"
"Ja, Ardeth, äh...", stotterte William.
"Was ist damit, William? Du meinst doch das Sammelgrab, in das unter Shoshenq I., diesem Lybier-Pharaoh, die Königsmumien hingebracht worden sind, nicht wahr? Sprich schon! Haben sie es gefunden?" Ardeth war sichtlich aufgeregt.
"Naja... Dieser Grabplünderer Abd el-Rassul, der mit seinem Clan da unten nahe Deir el-Bahri wohnt, hat es angeblich schon vor einiger Zeit zufällig entdeckt." William betonte das Wort ‚zufällig' so auffällig, dass Ardeth sich denken konnte, dass da noch was ganz anderes dahinter stecken musste. Er neigte den Kopf nach vorn und sprach leise und unendlich traurig: "Ein Medjai hat es ihm verraten, nicht wahr?"
"Ja... es war mit Sicherheit keine Ziege, die in den Eingangsspalt gefallen ist... so hat es Mohammed Ahmed Abd el-Rassul den Behörden freiwillig berichtet - allerdings nachdem er und sein jüngerer Bruder von Daud Pasha, dem Mudir von Qena, brutal gefoltert worden sind. Er ist doch tatsächlich noch mal freiwillig zu Daud Pasha zurückgekehrt, nachdem er in der Folter nichts gestanden hat. Ist doch merkwürdig, oder?"
Ardeth und Janir nickten. Dann ließ William die Katze aus dem Sack:
"Weißt du, warum?" William lachte grimmig. "Weil sein jüngerer Bruder noch einmal verhört worden war, aber nicht von Daud Pasha, sondern von Hamid, und der wandte die alten Medjai-Methoden beim Verhör an. Da hat Abd el-Rassul es mit der Angst zu tun bekommen, er könne auch noch von Hamid erwischt werden. Man sagt, Hamid und Cheychera sollen geweint haben, als Hussein Ahmed ihnen gestanden hat, dass sein Bruder die Lage des Grabes von Gazur erfahren hat."
Ardeth und Janir waren sprachlos. Sie starrten beide William ungläubig an. Dann murmelte Ardeth sichtlich bewegt:
"Ich hatte mir das schon fast gedacht..."
"Jahrelang haben die el-Rassuls die Papyri, die Beigaben, den Schmuck und so weiter veräußert und gutes Geld damit gemacht - und die Hälfte floss Gazur zu, der damit seine Schergen und die Mahdisten finanzierte. Schließlich hat ja Abd el-Rassul gestanden und damit war die Sache beendet. Allerdings hat er Gazurs Mittäterschaft verschwiegen - wohl aus Angst vor den Mahdisten - und eine Ziege ins Spiel gebracht. Im vergangenen Juli kam dann der Antiquitäten-Beauftragte Émile Brugsch, der Assistent von Maspero, nach Deir el-Bahri und hat das Grab offiziell geöffnet. Sie haben die Mumien ins Museum von Bulaq gebracht."
Ardeth hatte die Hände vors Gesicht gehalten. Janir und William schwiegen betreten, denn sie bemerkten, dass er den Tränen sehr nahe war.
Die britische Besetzung Ägyptens, ein Generalkonsul, die fanatischen Mahdisten, und jetzt auch noch das Königsmumiengrab, eines der lang gehegten Medjai-Geheimnisse! Und immer wieder Gazur, Gazur, Gazur...
Nach einer Weile, in der William und Janir besser nichts sagen wollten, holte Ardeth hörbar Luft und sprach dann mit tiefer, drohender Stimme:
"Es wird Zeit, dass jemand kommt und der Hydra den Kopf abschlägt."

Am Bahnhof trennten sich die Wege der drei Reisenden. Während Ardeth von der Palastgarde in Empfang genommen wurde, begaben sich Janir und William zum Hause des Kurators, wohin später auch Ardeth kommen wollte. Dort warteten andere, von Hamid geschickte Medjai auf ihren Anführer, um ihn nach Süden zu geleiten. Sie konnten sich nicht im Quartier, das die Medjai sonst in Kairo bezogen, sehen lassen, denn alles sollte so geheim wie möglich vonstatten gehen. Gazur und seine Anhänger sollten keinen Verdacht schöpfen. So war es Ardeth auch gar nicht recht, als vier Leibgardisten ihn vom Bahnhof zum Palast eskortierten. Im Bahnhofsgebäude zog er sich das Ende des Tuches seines Turbans, den er hoch auf seinem Kopf gebunden und so drapiert hatte, dass es eine Art Tiara ergab, weit ins Gesicht. Nur seine Augen waren zu sehen. Immerhin hatten die Gardisten eine geschlossene Kutsche vorfahren lassen, in der Ardeth die Gardinen zuzog und die Straßen von Kairo nur durch eine schmale Öffnung anschaute. Es bemerkte aber eine deutlich gestiegene Anzahl an britischen Soldaten, was ihn sehr beunruhigte.

Im Palast bewegte er sich mit einer Selbstverständlichkeit, die die Wachen teilweise irritierte. Fast schien es so, als sei er hier zu Hause. Tatsächlich hatte Ardeth eine zeitlang in seiner Jugend hier gelebt, um das Gebäude und auch seine Bewohner kennenzulernen. Es war die Pflicht eines jeden Anwärters auf die Anführerschaft der Medjai. So hatte er den jetzigen Vizekönig, den Khediven von Ägypten, Tawfiq, schon gekannt, als jener noch ein Kind war. Mit Tawfiqs Vater Ismail Pascha, der vor drei Jahren von den Briten abgesetzt worden war, verband Ardeth eine gute Freundschaft. Doch Ismail Pascha war außer Landes gegangen.
Der Majordomus wies Ardeth an, in einem Salon zu warten. Es dauerte jedoch keine fünf Minuten, bis er zurückkehrte, um Ardeth in einen Empfangssaal zu bitten. Dort erblickte der hoch aufragende und stolz daherschreitende Anführer der Medjai zwei Personen: Links stand Tawfiq, der in ein eher legeres Gewand gekleidet war und keinerlei Pomp angelegt hatte, und rechts ein Brite in Uniform, vermutlich Lord Cromer, wie ihm William ja schon angekündigt hatte. Ardeth neigte ganz leicht den Kopf in Tawfiqs Richtung, was dieser erwiderte und der Lord mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nahm. Ein Beduinenanführer, der sich dem Vizekönig von Ägypten gegenüber wie ein stolzer Pfau benimmt? Tawfiq begrüßte Ardeth sichtlich erfreut: "Mein lieber Ardeth, ich freue mich, dass du wieder in deinem Lande weilst. Darf ich dir Lord Cromer vorstellen, der jetzt britischer Generalkonsul von Ägypten ist?" Mit einer Geste wies er auf den Lord, der wie angewurzelt stehen geblieben war. Tawfiq sprach unbeirrt weiter: "Mein lieber Lord, wenn Ägypten zurzeit auch kein Haupt hat, sondern Vasall gleich zweier Länder geworden ist, so hat es doch eine Seele. Sie steht vor euch, mein lieber Lord. Darf ich euch Ardeth Bay vorstellen, der ebenso etwas wie ein Lord ist?"
Ardeth stand gleichermaßen steif wie der Brite da und beide sahen sich abschätzend in die Augen, ob sie einen Gegner oder Freund vor sich hätten. Ardeth brachte als erster einen förmlichen Gruß über die Lippen, wobei er wieder leicht ein Nicken andeutete:
"Lord Cromer."
"Lord Bay."
"Ardeth", sprach Tawfiq weiter, um gar nicht erst eine peinliche Stille eintreten zu lassen, "ich freue mich wirklich außerordentlich, dass du zurückgekehrt bist. Endlich wird sich die Lage im Süden entspannen. Dass mit deiner Verbannung tut mir leid... aber was rede ich hier! Kommen Sie, meine Herren, lassen Sie uns setzen und bei einer Tasse Mokka die Lage besprechen."
Mit diesen Worten winkte er beide zu einem flachen Tisch herüber, um den herum drei sehr breite und äußerst bequeme, mit buntem Samt überzogene Sessel standen. Auf dem Tisch stand bereits ein Mokka-Service. Nachdem die Männer sich gesetzt hatten, wurden sie sofort von einem stets anwesenden Diener bedient, der ihnen nach dem Einschenken ihre Tasse reichte.
"Also, mein lieber Ardeth", nahm Tawfiq den Faden wieder auf, "wie ich schon andeutete: Deine Verbannung ist hiermit aufgehoben. Du wurdest damals fälschlicherweise bezichtigt, die britischen Expeditionen überfallen zu haben. Es hat sich ja inzwischen herausgestellt, wer dahinter steckt und ich bin wirklich froh, dass du wieder da bist, denn ich habe Lord Cromer schon zu verstehen gegeben, dass nur du die alte Situation wieder herstellen kannst, und dann werden auch die Überfälle aufhören und die Grenzen werden wieder sicher sein. Ich bin wirklich so froh..."
Tawfiqs Gerede ergoss sich wie ein Wasserfall über die beiden Schweigenden. Lord Cromer ergriff das Wort und sah Ardeth dabei unverwandt in die Augen:
"Ich muss Ihnen sagen, ich teile die Euphorie unseres werten Khediven nicht ganz. Auch wenn Sie, Lord Bay, die Überfälle nicht initiiert hatten, so waren es doch Ihre Leute, die sie begingen - und sie immer noch begehen. Schlimmer noch, Ihre Wüstenkrieger haben sich mit den Mahdisten zusammengetan, die seit einem Jahr gegen uns mobil machen. Wir können das nicht hinnehmen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, Lord Bay: Sollten Sie nicht in kürzester Zeit die Lage im Süden dahingehend beruhigen, dass die Überfälle gegen britische Staatsbürger aufhören und dafür sorgen, dass die Mahdisten keinerlei Unterstützung Ihrerseits erfahren, sehe ich mich gezwungen, britische Soldaten nach Luxor und Aswan auszusenden, denen ich die Anweisung geben werde, Ihr Volk zu vernichten. Nur die Überzeugung unseres Khediven, dass Sie es schaffen würden, Ihr Volk wieder zur Raison zu bringen, hat mich bislang davon abgehalten."
Tawfiq überließ nun das Gespräch den beiden Gästen. Er wusste, dass dieses Treffen auch entscheidend sein würde, wie viel Einfluss die Briten im Süden gewannen. Ardeth sammelte sich kurz und erwiderte dann dem Lord:
"Ja, ich verstehe Ihre Position. Natürlich ist es für Sie in allem günstiger, wenn ich die Lage im Süden wieder bereinige, als wenn Sie erst Ihre Truppen in ein Gelände schicken müssten, in dem sie sehr hohe Verluste hinnehmen würden und die Aussicht auf Erfolg eher gering wäre. Ich kann Ihnen versichern, Lord Cromer, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde, um meinen Widersacher im Süden auszuschalten. Die Überfälle werden dann sofort aufhören. Auch habe ich überhaupt kein Interesse, für oder gegen die Mahdisten zu kämpfen. Sollten jene in unser Gebiet einfallen, werden wir uns zu verteidigen wissen. Wir werden von selbst niemanden angreifen noch einen Kriegszug unterstützen. Die Mahdisten werden es nicht wagen, in unser Gebiet einzufallen. Den Nil und die direkt angerenzenden Ländereien müssen Sie allerdings mit Ihren Truppen selbst sichern."
Lord Cromer hatte sehr wohl die indirekte Drohung vernommen, dass Ardeth niemandem gestatten würde, Medjai-Land zu besetzen. Dennoch bemerkte Tawfiq, dass sich langsam der Gesichtsausdruck des Lords aufhellte, dem Ardeth' Standfestigkeit anscheinend imponierte.
"Gut, Lord Bay, wie lange werden Sie dafür benötigen?"
"In einem Monat haben Sie Ruhe im Süden bis zur nubischen Wüste. Alles, was noch weiter südlich liegt, gehört nicht mehr in unseren Bereich. Schicken Sie die ägyptische Armee schnellstens dorthin, rate ich Ihnen. Nunmehr gehorcht sie Ihnen ja wieder."
Sowohl Tawfiq als auch Cromer hatten den ironischen Tonfall bemerkt und wussten genau, worauf Ardeth anspielte. Lord Cromer gefiel Ardeth' staatsmännisches Spiel außerordentlich.
"Ja, wir haben den Urabi-Aufstand niedergeschlagen", sprach er, "und natürlich waren weder Sie darin involviert noch einer Ihrer Leute. Das ist mir inzwischen auch klar geworden. Ich kann mich nur, unserem lieben Khediven hier folgend, bei Ihnen für das Glauben der mannigfaltigen Verleumdungen gegen Sie entschuldigen. Wäre ich früher in diesem Amt gewesen und hätte ich Sie eher persönlich kennengelernt, dann hätte ich dafür gesorgt, dass Sie nicht verbannt worden wären. Das können Sie mir glauben, mein lieber Lord Bay."
Lord Cromer erhob sich und reichte mit einem Lächeln im Gesicht Ardeth seine Hand und verabschiedete sich: "Ich freue mich wirklich, Sie heute persönlich kennengelernt zu haben und hoffe, dass Sie Erfolg haben werden bei Ihrer Mission im Süden. Auf Wiedersehen, Lord Bay."
Ardeth hatte seine Hand ergriffen und sich ebenfalls erhoben.
"Die Freude ist ganz meinerseits, Lord Cromer. Auf Wiedersehen!"
Tawfiq konnte seine Freude nicht darüber verhehlen, dass das Treffen der beiden Politiker so gut verlaufen war. Auch er verabschiedete sich herzlich von Lord Cromer und bat anschließend Ardeth: "Aber du bleibst doch noch, nicht wahr? Du musst mir unbedingt erzählen, wo du gewesen bist!"
So setzen sich die beiden wieder und genossen ihren Mokka, während Ardeth Tawfiq kurz darüber informierte, dass er in Südostasien einem alten Freund geholfen hat.
"Siehst du, Tawfiq", schloss er seinen Bericht, "auch mein Freund hat Probleme mit den Briten. Ich verstehe nicht, wie du es dazu kommen lassen konntest, dass Ägypten einen britischen Generalkonsul erhält! Wir waren fast unabhängig! Das osmanische Reich hat deiner Familie die Erbfolge und den Vizethron zugesichert, Ägypten hat - es ist keine 70 Jahre her - viele Ländereien dazu gewonnen und es ist so reich wie nie zuvor geworden..."
Tawfiq senkte schuldbewusst den Kopf und erwiderte:
"Naja, seit der Sache mit dem Sues-Kanal ging es bergabwärts, das weißt du doch."
"Der Sues-Kanal! Du liebe Güte! Ich verstehe nicht, wie Ägypten da jemals mitmachen konnte. Was haben wir denn davon? Die Franzosen haben ihn gebaut, die Engländer nutzen ihn jetzt und die ganze imperialistische Welt wirft nun wegen dieses blöden Kanals begehrliche Blicke in Richtung Ägypten. Wir werden nie mehr Ruhe vor ihnen haben! Und in den Staatsbankrott hat er uns auch noch getrieben."
"Ja, wenn wir nicht bankrott gegangen wären, hätten sich die Briten auch nicht so schnell informell einmischen können. Denn eigentlich sind wir ja noch Untertanen des osmanischen Reiches."
"Immerhin würden die nicht tonnenweise unsere Pylone, Steine, Mumien und Skulpturen aus dem Land schleppen! Tawfiq, du musst etwas dagegen unternehmen! Die Briten und auch die Franzosen können sich doch nicht einfach so in unserem Land bedienen."
"Ach, du hast schon von dem Königsmumiengrab gehört?"
"Ja...", antwortete Ardeth grummelnd, aber in einem so merkwürdigen Tonfall, dass Tawfiq hellhörig wurde.
"Ihr Medjai habt von dem Grab die ganze Zeit gewusst, nicht wahr?"
"Ja", erwiderte Ardeth ärgerlich, der inzwischen aufgestanden war und Tawfiq den Rücken zugekehrt hatte.
"Ardeth, wisst ihr von weiteren Gräbern mit ähnlichen Dingen?"
Ardeth drehte sich irritiert um. "Wie bitte?"
"Bestimmt wisst ihr noch von weiteren Gräbern. Du weißt, dass Ägypten pleite und damit den Briten ausgeliefert ist. Du könntest uns helfen, wenn du uns die Lage eines der Gräber verrätst und..."
"Tawfiq!", unterbrach Ardeth ihn scharf. "Was redest du da!"
"Hör mal, Ardeth", insistierte der Vizekönig weiter, "die Gräber werden doch eines Tages sowieso entdeckt, so viel, wie jetzt da unten in Luxor und Umgebung gegraben wird, und wenn wir die Gräber ‚entdecken', können wir die Funde lukrativ veräußern... das würde unserem Lande helfen."
Ardeth starrte ihn entsetzt an und fuhr Tawfiq barsch an:
"Bist du von Sinnen? Unser Erbe verkaufen? Was hier an Hinterlassenschaften der glorreichen alten Zeiten ruht, das muss hierbleiben, Tawfiq. Es erinnert uns, wer wir sind, wie wir eigentlich sein sollten: frei, unabhängig, stolz und friedlich. Und waren wir das alles nicht mehr oder weniger auch während der vielen Jahrhunderte, die wir nun schon ohne unsere Pharaonen auskommen müssen? Wer hat uns jemals wirklich unterworfen? Diese Haltung haben sie uns vererbt und die ganzen Artefakte zeugen von einer noch größeren Zeit. Wir sind die Erben des Volkes mit der ältesten Kultur, nicht irgendwelche Europäer oder Amerikaner. Und du willst das verkaufen? Um wie lange Ruhe zu haben? 30 Jahre vielleicht? Ist es das wert? Nein, Tawfiq, wir dürfen nicht unsere Identität verlieren."
"Ach Ardeth, ich wünschte, du wärst an meiner Stelle...", seufzte Tawfiq nach dieser halben Strafpredigt und Ardeth hatte das Gefühl, dass Tawfiq diesen Vorschlag ehrlich meinte.
"Nein, Tawfiq, ich habe schon einen anderen Platz zugewiesen bekommen. Und darum muss ich mich jetzt auch kümmern. Sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt wirklich aufbrechen. Es liegt noch so viel vor mir, wenn ich die Zusage an Lord Cromer erfüllen soll. Sei so gut und sage wirklich zu niemandem ein Wort, dass ich wieder im Lande bin."
Ardeth verabschiedete sich von Tawfiq und verließ den Palast mit der gleichen Kutsche, mit der er gekommen war.

Keine halbe Stunde später erreichte Ardeth das Haus des Kurators. Während er auf ihn im Eingangsbereich des großen Hauses wartete, gewahrte Ardeth eine ca. 50 cm hohe Katzenfigur, die sofort seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er näherte sich ihr und betrachtete sie fast ehrfurchtsvoll, wagte aber nicht, sie zu berühren. Inzwischen war der Kurator dazu getreten.
"Du hast ein gutes Auge, Ardeth!"
Der Angesprochene wandte sich dem Kurator zu, der ihn anlächelte und hinzufügte:
"Sei gegrüßt, Ardeth! Herzlichen Willkommen zurück!" Er ging auf Ardeth zu und umarmte ihn mit festem Griff.
"Farukh! Endlich...!", erwiderte Ardeth.
"Rate mal!" Der Kurator wies auf die Katzenfigur.
"Auf jeden Fall 20. Dynastie. Ich würde sagen, Ramses IV."
"Stimmt. Haben wir auch so datiert." Der Kurator grinste erfreut. "Aber wenn du das sagst, dann ist das völlig klar."
"Aus dem Königsmumiengrab?"
"Ja, leider, Ardeth", der Kurator zeigte sich sichtlich betroffen. Er wusste auch, dass dieses Thema Ardeth mehr schmerzte als alles andere. Nur ein Kratzer an einem Artefakt aus Pharaonenzeiten stellte für Ardeth schon Majestätsbeleidigung dar.
"Nun, mir tut es leid, Farukh. Wir haben es zu verantworten, dass es gefunden worden ist."
"Du hättest nie außer Landes gehen dürfen!"
"Ich hatte keine andere Wahl. Außerdem war ich völlig arglos. Das ist das, was ich mir nicht verzeihen kann. Wo hatte ich nur meine Augen und Ohren? Die Probleme in meiner eigenen Familie haben mich wohl völlig in Anspruch genommen."
"Nein, Ardeth, mach dir keine Vorwürfe. Jazar Gazur hat ein völlig falsches Spiel mit allen getrieben. Er hat uns alle bewusst in die Irre geführt. Wer erwartet das auch schon von einem der Anführer der Medjai?"
"Jazar stammt aus einem alten Geschlecht, das schon viele Anführer gestellt hat. Ich verstehe das alles selber nicht. Ich hatte wirklich angefangen zu glauben, wir Bays seien lange genug auf den Thron der Medjais gewesen und müssten abtreten, um Platz für etwas Neues zu machen. Ich war zwar niemals mit Jazars Getue einverstanden gewesen, aber er versprach, ein charismatischer Anführer zu werden, einer, der die Menschen fesselt, an sich bindet..."
"Das hat er ja auch getan."
"Aber nicht zum Guten. Nicht auszudenken, wenn da mal ein Anführer kommt, der meint, das Geheimnis von Hamunaptra gegen Geld eintauschen zu müssen...!"
"Das wird hoffentlich nie geschehen, Ardeth. Aber..."
"Aber?"
"Aber es wird tatsächlich in letzter Zeit mehr über Hamunaptra geredet, die ‚Stadt der Toten', die so viele Reichtümer bergen soll, dass die ausländischen Schatzsucher nur geradezu süchtig sind, mehr davon zu erfahren."
"Befürchtest du, dass Jazar oder einer seiner Leute darüber gesprochen hat?"
"Ich weiß es nicht, Ardeth. Die sogenannte Sage von Hamunaptra gab's ja schon immer, jedenfalls sehr lange, und ich kann mir denken, dass früher schon mal der ein oder andere Medjai etwas verraten hat. Wie sonst kommt es zu dieser Sage?"
Ardeth nickte betrübt.
"Bislang wurde aber nie etwas Konkretes verlautbar. Aber du musst dich beeilen, bevor Jazar Gazur einfällt, auch Kapital aus Hamunaptra zu schlagen. Ich denke, er hat sich bislang nicht getraut, weil er die Empörung der Medjai fürchtete. Tatsächlich sind viele gegen ihn und du solltest das ausnutzen."
"Ja, das werde ich. Sag, Farukh, wie bist du zu dieser Katze gekommen?" Ardeth wies auf die Skulptur, die er fast zärtlich berührte.
"Schwarzmarkt, Ardeth. William kommt öfter zu mir und berichtet mir von solchen ‚Funden'. Ein paar Papyri habe ich auch aus dem Königsmumiengrab. Achja, William ist auch schon eingetroffen. Im Moment sitzen sie alle hinten im Saal und lauschen Janirs Südostasien-Abenteuern."
Ardeth musste unfreiwillig grinsen. Im Geiste sah er Janir begeistert von Malaysia berichten, der doch gar nicht so begeistert gewesen war und ständig Heimweh gehabt hatte.
"Komm, lass uns zu ihnen gehen!"

Als der Kurator und Ardeth in den Saal traten, verstummte Janir augenblicklich und ging auf die Knie, was ihm seine Kameraden sofort gleich taten. Ardeth wies sie mit der Hand an, sich zu erheben.
"Seid mir gegrüßt, meine Getreuen!"
15 Medjai standen vor ihm und gaben ihrer Freude Ausdruck durch ein erleichterndes Lächeln. Einige schauten sich an und nickten sich gegenseitig zu. Jetzt würde alles wieder in Ordnung kommen. Ardeth war tatsächlich zurückgekehrt. Der erkannte einen Medjai aus seinem Stamm und rief ihn zu sich.
"Sprich, Ganan, wie geht es Hamid und Cheychera?", fragte Ardeth ihn.
"Es geht ihnen gut, Sayadi. Sie waren sehr froh, als sie von Eurer Rückkehr hörten. Hamid erwartet Euch in der Oase von Kanafra in fünf Tagen."
"Dann sollten wir uns beeilen. Wir werden morgen Früh um 5 Uhr reiten. Haltet euch bereit! Ganan, du wirst sofort aufbrechen, zu Hamid reiten und ihm ausrichten, dass er Ardjun veranlassen soll, alle Anführer der anderen elf Stämme einzuladen - zu seiner Verlobung mit der Tochter von Jazar Gazur."
Der Kurator sah Ardeth mit großen Augen an, doch der ließ sich nicht beirren und sprach weiter: "Sie soll in 20 Tagen stattfinden. Die Frist sollte reichen. Geh nun, Ganan, und möge Allah dich auf deinem Weg schützen!"
Ganan kniete abermals nieder, bevor er den Saal ohne ein weiteres Wort zu verlieren verließ.
"Verlobung mit Gazurs Tochter? Habe ich richtig gehört?", hakte der Kurator nach.
"Ja, Farukh, das ist genau das, was sich Gazur schon immer gewünscht hat. Die Legitimierung seiner Herrschaft und die Kontrolle über Ardjun. Was meinst du? Wird er nicht sofort freudig zum 12. Stamm reiten und auch alle anderen Anführer veranlassen, der Verlobung beizuwohnen? Eine Prestige-Sache für ihn. Wollte er jemals etwas anderes als Macht und Prestige? Ich sage dir, Farukh, er wird blindlings in die Falle laufen, die ich ihm stellen werde."
William kommentierte grinsend: "Das ist verdammt gut, Ardeth!"
"Ich hoffe, dass es funktionieren wird. Bis dahin müssen wir aber noch viel organisieren. Ich benötige unbedingt mehr Waffen! Farukh, bitte besorge uns welche und schicke sie nach Kanafra! William, bitte suche die gezwungenermaßen abtrünnig gewordenen Medjai in Kairo und schicke sie hierher zum Kurator. Sie werden die Waffen nach Kanafra transportieren. Sage ihnen aber nicht, dass ich zurückgekehrt bin, sondern dass Ardjun und Hamid planen, Gazur zu stürzen, was ja auch zum Teil stimmt. Ich möchte auf keinen Fall, dass Gazur erfährt, dass ich im Land bin. Ich muss ihn überraschen. Und jetzt sollten wir speisen und uns dann schlafen legen, damit wir morgen ausgeruht reiten können."

Der Ritt war hart, aber es drängte Ardeth, endlich die Oase von Kanafra zu erreichen, der Ort, an dem das Treffen zwischen Hamid und Ardeth stattfinden sollte.
Tatsächlich erwartete Hamid seinen Schwager hier bereits sehnsüchtig.
"Dass du wieder da bist!", begrüßte er ihn froh, aber auch sichtlich bedrückt. Ardeth spürte, dass er keine gute Zeit hinter sich hatte.
"Hast du je daran gezweifelt?", fragte Ardeth grinsend.
"Ach, Ardeth", seufzte Hamid und berichtete von der traurigen Lage, von der Ardeth in großen Zügen ja schon von William gehört hatte.
Sie berieten über Ardeth' Plan, Gazur mit der Verlobung in eine Falle zu locken. In zwei Wochen sollte es soweit sein, bis dahin würden auch alle alten getreuen Medjai eingeweiht sein können, dass "etwas passieren würde". Sie sollten natürlich nur soweit wie nötig Bescheid wissen, denn Ardeth' Anwesenheit wollte man noch geheim halten. Ardeth befürchtete, dass es zu kämpferischen Übergriffen kommen könnte - und dafür brauchte er Krieger, die ihn im Notfall unterstützen würden. Waffen würden aus Kairo geschickt werden. Ardeth selbst wollte in der Zeit in der Oase warten, anonym bleiben, Kräfte sammeln. Während Hamid alles Weitere von den Höhlen von Karan, dem geheimen Unterschlupf, aus organisierte, sandte Ardeth einzelne Medjai nach Luxor und andere nahe gelegene Ortschaften aus, um Abtrünnige zu sich in die Oase zu holen. Tatsächlich wuchs ihre Anzahl von vorher 17 auf 243 an. Die 226 dazu kommenden Medjai versicherten ihm, zu dem Schritt gezwungen worden zu sein und waren froh, wieder dabei zu sein. Unter Ardeth wären sie nie gegangen. Zwar hatten sie kein Kriegergewand, sondern nur zerzauste Fetzen an, aber sie waren immer noch Krieger, die Ardeth zur Hand gehen konnten. Hamid ließ Kleidung aus Karan zur Oase schicken. So verging die Zeit recht schnell, und nachdem Ardeth durch einen Boten erfahren hatte, dass die Anführer sämtlichst zur Verlobung kommen wollten, fieberte Ardeth dem Tag seiner Rache entgegen.

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