Home Ardetha Setlata (Autor: Bianca M. Gerlich)

VORBEMERKUNG:
Diese Story stellt den Versuch dar, wie ich im Star-Trek-Fandom vom Klingonen-Charakter (und zwar K'Vacor) zum Medjai-Charakter (und zwar Ardetha) gewechselt bin. Da ich innerhalb dieses Fandoms ja immer noch auf dem Klingonenschiff IKV luqara bin, ist die Story natürlich dort auch angesiedelt, also Vorsicht: FUTURISTISCH! Außerdem ist die Story mit dem Geschichtenkreis um den von mir ersonnenen Bay-Clan verbunden, so werden Ardeth Bay (I.) und Ardjun erwähnt. Ebenfalls habe ich die Story mit meinen Geschichten um Sandokan und Maratua verbunden und natürlich meiner K'Vacor Saqra'-Story.

DISCLAIMER: Ardeth Bay (eigentlich der II.!!!) und die Medjai (in dieser Konstellation) gehören Steven Sommers, die Klingonen/Star Trek gehört Paramount und Sandokan und Maratua gehören Emilio Salgari. chuvwI' hat Simon Barke erfunden (und er stellt ihn auch auf der IKV luqara dar) und der Rest gehört mir. ;) Mehr zu K'Vacors Familiengeschichte kann man auf der homepage der IKV luqara finden (www.luqara.de) - unter dem nunmehr vermissten Charakter von K'Vacor (unter Crew).



ARDETHA

Da funkelte etwas im Sand... Ardetha ging darauf zu und betrachtete es von oben, beugte sich schließlich und hob es auf. Ein merkwürdiger Gegenstand... Er war rund und aus einem ihr unbekannten Material. Sie wandte ihn mehrmals um, klopfte daran. Der Gegenstand, der etwas kleiner als ein Amulett war, trug ein Symbol. Es war gleichzeitig dreieckig, aber auch rund, fast wie ein total verbogene Pyramide in klein. Sie hatte noch nie dieses Zeichen gesehen. Wem konnte dieses seltsame kleine Ding gehören? Ardetha sah sich um, doch weit und breit war niemand zu sehen. Also schritt sie langsam zurück zu ihrem Lager nahe der Berge. Unter einem Felsenvorsprung hatte eine Heilerin ihr Zelt errichtet. Sie lebte lange Jahre hier, viele Menschen pilgerten zu ihr, um sie bei Krankheits- und anderen Fragen um Rat zu bitten. Sie nannten sie auch die "große Zauberin", weil sie ihre Heilungsmethoden, seit altersher tradiert, nicht verstanden. Ardetha sowie einige andere Frauen halfen ihr, waren aber in erster Linie zu ihrem Schutz hier. Die Lage dieser Behausung war zu exponiert, Banditen konnte sich allzuleicht der menschlichen Ware und der Tiere bedienen.
Ardetha zeigte den merkwürdigen Gegenstand der erstbesten Kameradin, die sie antraf. Auch sie bewunderte das fremde Amulett, wie sie es nannte, wußte aber auch nicht, was es sein könnte. Am ehesten würde die Zauberin wissen, um was es sich dabei handeln könnte. Also zeigten sie es ihr. Sie nahm es in ihre Hände, gab es ihr aber sogleich zurück und umschloß mit ihren Händen Ardethas rechte. Dann sprach sie ernst:
"Ich weissagte deiner Mutter bei deiner Geburt, daß du eines Tages eine sehr weite Reise antreten wirst, die dich da hinführen wird, wo noch niemand von uns gewesen ist. Dieses ist das Zeichen, daß es begonnen hat."
"Wohin werde ich reisen?" wollte Ardetha wissen. "Ins Land meiner Mutter? Und warum?"
Die Heilerin schüttelte mit dem Kopf. "Zu viele Fragen! Du mußt dich deinem Schicksal stellen." Mit diesen Worten ließ sie die beiden Frauen stehen und begab sich in ihr Zelt. Die Kameradin legte einen Arm um Ardetha, die der alten Frau besorgt hinterher schaute.

Ardetha wollte allein sein, um darüber nachzudenken. Sie saß auf einem der flachen Felsen, die über der Behausung aufragten und hielt das seltsame Ding in den Händen. Abwechselnd sah sie in die Weite der Wüste und auf das kleine Teil. Sie wollte hier nicht weg, aber sie war auch neugierig, ob die Heilerin Recht behalten würde. Sie war eine kluge Frau und hatte die Gabe, Dinge voraussehen zu können.
Auf einmal überkam Ardetha ein merkwürdiges Gefühl. Was war das? Irgendetwas passierte, als sie auf das fremde Amulett starrte. Es geschah so schnell. Auf einmal war alles dunkel, sie sah immer noch auf das Teil, aber der Boden darunter - das war kein Stein, kein Sand... das war... dunkel... glatt... um sie herum Geräusche... da sprachen Personen. Sie sah auf und blickte ins Gesicht eines Wesens, das einen verformten Kopf hatte und sie grimmig anstarrte. Sie erschrak. Um sie herum noch mehr dieser Gestalten! Dämonen! schoß es ihr durch den Kopf. Dämonen aus der Unterwelt! Ich muß sie bekämpfen! Noch bevor sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hatte sie schon ihr langes Schwert gezogen und stürzte auf den ihr am nächsten stehenden "Dämonen" ein, der zwar etwas überrascht war, doch schnell ihren Hieb mit seiner merkwürdigen Waffe parierte. Es ging alles so schnell. Zwei weitere Dämonen hatten auch ihre Schwerter gezogen, ein dritter rief mit funkelnden Augen:
"Na endlich mal eine Erdenfrau, die nicht lange redet, sondern gleich kämpft!"
Eine Kriegerin, die neben ihm stand, meinte: "Vielleicht war das bei denen früher auch so wie bei uns und die sind im Laufe der Zeit nur verweichlicht."
Ein anderer brüllte den Mann, der hinter einer Konsole stand, an:
"Warum hast du beim Beamen nicht ihre Waffe entfernt?"
Der wirkte etwas verunsichert und meinte: "Ich dachte, es wäre K'Vacor... Äh, die Signatur des Communicators ist die von K'Vacor..."
"Das ist doch nicht K'Vacor, du Dummkopf!" brüllte er zurück.
Die drei kämpfenden Krieger hatten indessen Ardetha schnell entwaffnet, die zu Boden gegangen war, sich aber ihnen zuwandte und den "Dämon", der sie mit seiner Riesenwaffe bedrohte, anschrie: "Los, beende es!" Sie wollte auf gar keinen Fall diesen Dämonen lebend in die Hände fallen und sich Geheimnisse von ihnen entlocken lassen. Doch der starrte sie nur finster an und machte keine Anstalten, sie zu durchbohren. Im Gegenteil, er zog sich einen Schritt zurück und betrachtete die anderen, schien auf einen Befehl zu warten. Während er die anderen fragend ansah und diese sich berieten, indem sie einen der ihren mit Fragen bestürmten, erblickte Ardetha ihr eigenes Schwert unweit von ihr liegen. Mit einem Ruck kugelte sie sich herüber, ergriff es und schlug damit dem verdutzten Krieger, der sie bewachen sollte, das Riesenschwert aus den Händen, verletzte ihm am Arm. Aber er wich nicht zurück. In ihrem Kopf pochte es. Wie besiege ich einen Dämonen? Die beiden anderen Angreifer traten ihr entgegen und entwaffneten sie nach ein paar Streichen, drückten sie auf den Boden und bogen ihren Schwertarm so weit nach hinten, daß sie aufschrie. Es knackste, jemand hatte ihr von hinten einen Stoß versetzt und wohl eine Rippe getroffen. Diese "Dämonen" waren nicht zimperlich.
"Halt!" rief derjenige, um den sie alle herumgestanden hatten. "So erfahren wir nie, was mit K'Vacor passiert ist." Er trat auf sie zu.
"Wo ist K'Vacor?" fragte er sie, als er sich genau vor ihr niedergekniet hatte. Sie verstand nicht, was er wollte. Er sah zwar auch wie ein Dämon aus, hatte diese viele tiefen Falten auf der Stirn, diese langen Haare und eine merkwürdige Uniform an, aber er wirkte nicht ganz so bedrohlich wie die anderen, die ihn als ihren Anführer zu akzeptieren schienen. Sie schüttelte mit dem Kopf. Er deutete auf das seltsame Ding, das sie immer noch mit der linken Hand umklammerte.
"Wo hast du den Communicator her?"
Sie folgte seinem Blick und verstand, was er wissen wollte. Irgendwie wirkte er nicht so furchteinflößend wie der Rest. War er wirklich ein Dämon? Er sprach immerhin ihre Sprache... Sie rang sich dazu durch, auf seine Frage zu antworten.
"Gefunden. Er lag im Sand."
"Und hast du keine Frau dort gesehen? So eine wie sie hier?" Er wies auf eine Kriegerin, die seitlich von ihm stand. Ardetha starrte sie an. Ihre Brüste waren fast bloß, aber drumherum schien sie eine feste Rüstung zu tragen. Auch sie hatte diese Wülste auf der Stirn und schien große Zähne zu haben. Verächtlich blickte sie auf die Erdenfrau hinab. Während Ardetha sie betrachtete und dabei vergaß, auf die Frage ihres Gegenübers zu antworten, schlug ihr ein anderer von der Seite ins Gesicht, traf sie rechts, so daß sie nach links baumelte.
"Antworte!" schrie er sie an. Sie fühlte, wie das Blut langsam vom rechten Ohr hinab rann, doch der Schrecken und die Angst überwogen die Schmerzen. Sie wollte diesen gräßlichen Kreaturen ihre Angst aber nicht zeigen, rappelte sich auf und blickte wieder in das Gesicht ihres Befragers.
"Nein, da war niemand, nur dieses Teil hier..."
"chuvwI'", sprach ihn die Kriegerin von der Seite an, "das hat keinen..."
Doch bevor sie ausreden konnte, ging ein gewaltiger Ruck durch das Schiff, der die Krieger taumeln oder hinfallen ließ.
"Was ist das?" schrie jemand in dem Durcheinander.
Auch Ardetha war zur Seite gerollt bei dem Schütteln und strarkem Vibrieren, das das Schiff minutenlang durchzog. Ihr Gegenüber war auch gefallen und auf ihr gelandet, er brüllte in den Lärm: "Der Time-Warp! Das kann nur der Time..." Auch er kam nicht weiter. Ein weiterer Ruck riß ihn von Ardetha fort, er taumelte gegen eine Wand und mußte sich darauf konzentrieren, seine Balance wiederzufinden. Ardetha war ebenfalls ein Stück weiter gerollt und sah vor sich eine Waffe der Dämonen liegen. Sie war sichelförmig, sehr groß und hatten vier scharfe Zacken. Das Schiff kam allmählich zur Ruhe. Sie ergriff schnell die Waffe und hielt sie vor sich, die Schneidezähne auf die Dämonen gerichtet, die sich auch wieder erhoben hatten und sich verdutzt anstarrten. Ihr Befrager drückte auf seinen Oberarm, d. h. genau auf so ein Teil, wie sie gefunden hatte und sprach.
"chuvwI' an Maschinenraum! Was ist los?"
"Hier Maschinenraum! Wir mußten den Time-Warp starten!"
"Was?! Warum?"
"Die Energiereserven für den Time-Warp waren auf einmal in den roten Bereich gekippt. Wenn wir nicht sofort reagiert hätten, säßen wir hier fest..."
"Könnt ihr den Schaden reparieren?"
"Das wird dauern..."
"Es ist dringend!"
"Wieso? Die Transporterdaten haben gezeigt, daß ihr drei erfolgreich zurückgekehrt seid. Ist doch egal, wann ihr..."
Der Mann wurde jäh und wütend von chuvwI' unterbrochen.
"Wir sind NICHT alle erfolgreich zurückgekehrt, Ha'DIbaH! K'Vacor ist auf der Erde geblieben!"
"Waaas? Aber die Transporterdaten haben..."
chuvwI' ließ ihn nicht ausreden.
"Wenn du Trottel mal richtig hingucken würdest, dann hättest du gesehen, daß nur ZWEI klingonische Lebensdaten zurücktransferiert worden sind!"
"Ja, aber hier steht..." Auf einmal geriet er ins Stocken und man hörte ein erstauntes "Oh", danach eine kurze Pause und: "Ja, aber die Erdenfrau, die ihr da habt, hat doch K'Vacors Communicator. Habt ihr sie mal gefragt..."
chuvwI', immer noch sauer auf den Maschinisten, ließ ihn abermals nicht ausreden:
"Wir sind gerade dabei, du Sohn eines targh! Und beeil dich jetzt mit dem Time-Warp! chuvwI' Ende!"
Während chuvwI' mit dem Maschinisten sprach, hatten sich die anderen Krieger auch wieder auf ihre Posten begeben. Derjenige, der den Transporter bedient hatte, stand wieder hinter seiner Konsole. Die drei Krieger, die Ardetha zuvor angegriffen hatten, standen um sie herum, die sie immerhin mit deren eigener Waffe von sich fernhielt. chuvwI' nahm erstaunt zur Kenntnis, daß sie die Waffe ganz richtig hielt. Für eine Erdenfrau aus dem frühen 20. Jahrhundert gar nicht schlecht, dachte er. Überhaupt kreischte sie weder vor Angst noch flehte sie um ihr Leben oder zeigte sonst irgendwie Furcht, wie er es sonst bei den meisten Erdenfrauen, denen er bei den Time-Warp-Versuchen über den Weg gelaufen war, beobachtet hatte. Sie KONNTE keine Klingonen kennen, aber starrte sie so an, als wären es schon immer ihre schlimmsten Feinde gewesen, denen sie mutig begegnen müßte. Ardetha hingegen hielt diese Krieger immer noch für Dämonenwesen und sah es als ihre heilige Pflicht als Medjai an, diese zu bekämpfen und dabei bis in den Tod zu gehen. Einer der Klingonen hatte eine pistolenähnliche Waffe auf sie gerichtet.
"Beenden wir das! Das hat keinen Sinn. Sie weiß nichts!" meinte er und streckte seinen Arm in ihre Richtung vor.
"Nein!" schrie der Mann, der bei der Transporter-Konsole stand. "Sie ist mit K'Vacor verwandt!"
chuvwI' konnte dem Krieger gerade noch den Arm runterreißen, während er abdrückte. Der Strahl seiner Laserwaffe traf ein anderes bet'leH, das beim Ruck zu Boden gefallen war. Unter dem entsetzten Blick von Ardetha löste es sich vollkommen auf. Sie starrte den Krieger erschrocken an. Dämonen! dachte sie. Es sind wirklich Dämonen!
chuvwI' wandte sich an den Klingonen hinter der Konsole.
"Was sagst du da?"
"Ja, ich habe ihre Gen-Struktur analysiert. K'Vacor und diese Erdenfrau haben einen gleichen Erdenvorfahren."
Die anderen Klingonen im Transporterraum ließen ihre Waffen sinken und starrten Ardetha an.
"Ja", meinte chuvwI', "das kann gut sein. K'Vacors Vater, Mara-Saqra, ist der Sohn aus einer Verbindung seines Vaters mit der Erdenfrau Mara. K'Vacor hat mir ihre Familiengeschichte vor unserer Hochzeit genau erzählt. Mara stammt aus einem Gebiet der Erde, das man Südostasien nennt."
"Aber wir haben euch mit dem Time-Warp doch nicht nach Südostasien geschickt, sondern an die Kriegsschauplätze der ersten Massenvernichtungswaffen in Europa und Nord-Afrika."
chuvwI' wandte sich an Ardetha, die bemerkt hatte, daß die Stimmung im Raum ihr gegenüber nicht mehr so feindlich war. Waren das wirklich Dämonen? Sie nahm sich vor, das und mehr herauszufinden.
"Erdenfrau!" sprach er sie an.
Wieso "Erdenfrau"?? kam ihr zum ersten Mal der Gedanke.
"Stammst du aus Südostasien?"
"Nein", erwiderte sie. "Nein, ich stamme aus Ägypten, aber meine Mutter kommt aus Südostasien."
chuvwI' nickte dem Klingonen an der Konsole zu. "Da haben wir's!"
"Es muß jemand ihrer direkten Vorfahren sein, bei ihr weist das Gen-Material eine stärkere Übereinstimmung zu diesem Vorfahren auf", meinte dieser.
"Wir werden das später klären", überlegte chuvwI'. "Jetzt müssen wir warten, bis wir den Time-Warp wieder starten können. Ich werde sie befragen, wo genau sie den Communicator gefunden hat. Wir werden versuchen, dort K'Vacor wiederzufinden. Wir können sie schließlich nicht 5 Jahrhunderte vor ihrer Zeit auf der Erde lassen!" Er wandte sich an die beiden Krieger, die Ardetha immer noch argwöhnisch bewachten. "Bringt sie in K'Vacors Quartier." Und als diese ihn irritiert ansahen, fügte chuvwI' hinzu: "Immerhin sind sie miteinander verwandt. Wir können sie nicht in eine Zelle stecken." Dann meinte er zu Ardetha:
"Und du, folge ihnen. Sie werden dir nichts tun."
Als Ardetha langsam aufstand, trat er zu ihr herüber und wollte ihr das bet'leH wegnehmen. Sie aber hielt es fest im Griff und meinte bestimmend: "Wenn du mir mein Schwert wiedergibst, gebe ich dir dieses zurück!"
chuvwI' grinste sie an, sah sich kurz im Raum um und wies die Kriegerin an, ihm das Schwert zu bringen, das an die Seite gerutscht war. Sie betrachtete das Schwert kurz neugierig und reichte es dann chuvwI', der es Ardetha gab und daraufhin das bet'leH von ihr erhielt.
Ardetha spürte deutlich, daß sich die Situation zu ihren Gunsten verändert hatte und folgte den beiden Kriegern langsam durch die engen, dunklen Gänge. Wo war sie hier nur gelandet?

Etwas später fand sich Ardetha allein im Quartier von K'Vacor wieder, noch benommen von all den überwältigen Eindrücken. Da waren nicht nur diese fremden Wesen, sondern auch dieses Gebäude, in dem sich Türen wie von Geisterhand bewegt öffneten, in dem dicke Schläuche an den Decken der Gänge sich wie Riesenschlangen wanden und in dem es überall blinkte. Ihr rechter Arm und die angebrochene Rippe schmerzten stark und sie wischte sich mit ihrem langen Schal das Blut hinter dem rechten Ohr ab.
Dann sah sie sich in dem merkwürdigen, engen Raum um. Überhaupt war alles in diesem Gebäude fürchterlich beengend und dunkel. Es konnte einem Angst einjagen, aber sie nahm sich fest vor, keine Angst zu zeigen. An der Wand hingen mehrere Schwerter und Dolche arrangiert neben- und übereinander, auch so ein großes, sichelförmiges war dabei. Ardetha legte ihre Waffe auf einem Tisch nieder und nahm das bet'leH von der Wand, um es ein paar Mal hin- und herzuschwingen, hängte es dann wieder auf. Sie ließ sich auf der Pritsche nieder und stellte fest, daß diese sehr hart war. Schliefen hier diese Kreaturen? Sie schloß die Augen für einen Moment, nur um beim Öffnen festzustellen, daß sie nicht träumte. Sie war hier...!
Nicht lange darauf öffnete sich die Tür - wieder wie von Geisterhand - und der Befrager, der chuvwI' hieß, wie sie mitbekommen hatte, trat ein. Sie stand sofort auf und spannte jeden Muskel, um auf was auch immer vorbereitet zu sein. chuvwI' bemerkte das anerkennend. Sie war mutig, dachte er, eine würdige Blutsverwandte von K'Vacor, seiner Gemahlin, die nun irgendwo auf der Erde allein war - ohne Chance, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen. Vielleicht war sie auch schon tot, hatten die anderen gemutmaßt. Wie sonst hätte die Erdenfrau den Communicator verwaist vorfinden können? Ein Transporterunfall?
Ohne unnötige Worte zu verlieren, begab er sich zu K'Vacors Computerkonsole. Ein großer Bildschirm ragte darüber empor. Er betätigte das Gerät unter den verwunderten Blicken Ardethas, die neugierig hinübertrat. Vielleicht sollte er sie aufklären? Sie wußte nicht, wo sie war, noch in welcher Zeit sie jetzt gerutscht war, aber er hoffte, sie zurückschicken zu können, um K'Vacor wiederzuholen. Wenn dieser veflixte Time-Warp funktionieren würde! Die Techniker hatten ihm gesagt, das Problem wäre nicht einfach zu lösen. Aber etwas mußte er ihr sagen. Er hoffte, sie würde kooperativ sein. Auf der Bildfläche erschien ein Bild von K'Vacor.
"Das ist K'Vacor, die wir suchen", erklärte er Ardetha. "Sie ist hier der Captain und wir haben sie bei einer Außenmission verloren."
Gut, K'Vacor - den Namen hatten sie jetzt mehrmals gehört und auch kapiert, daß das kleine Teil namens Communicator ihr gehört haben mußte. Gut, K'Vacor war Captain, also befand sie sich auf einem Schiff, das erklärte die Rucke und Bewegungen am Anfang. Ardetha war noch nie auf einem Schiff gewesen. Aha, so war das also auf einem Schiff. Aber "Außenmission"?
chuvwI' fuhr fort: "Du bist mit ihr übrigens verwandt. Du sagtest, deine Mutter stammt aus Südostasien? Wie hieß sie? Vielleicht finden wir etwas darüber in K'Vacors genealogischen Aufzeichnungen."
Das Bild verschwand und stattdessen erschien eine merkwürdige Schrift.
"Meine Mutter hieß Itinia-Niaca."
chuvwI' sagte: "Computer, suche nach..." und er wiederholte diesen ihm merkwürdig erscheinenden Namen, natürlich ohne ihn richtig zu betonen. Ardetha grinste - das erste Mal seit ihrer Ankunft hier, wie er feststellte, und meinte: "Itinia-Niaca. Ja, das ist nicht einfach, mein Vater und alle im Dorf nannten sie nur Niaca."
"Hier!" rief er und wies auf den Bildschirm mit den komischen Zeichen. Hieroglyphen waren das nicht, auch kein Arabisch, aber sie sahen sehr kunstvoll aus, dachte Ardetha und ihr war klar, daß es sich dabei um die Schrift eines ihr fremden Volkes handeln mußte. Vielleicht waren diese Wesen wirklich keine Dämonen, sondern nur Angehörige eines anderen Volkes, vielleicht aus Australien. Sie sahen aber sehr seltsam aus. Da war nicht nur der ziemlich verbeulte Kopf, sondern auch dieses buschige Haar, das den meisten bis zur Taille reichte. Noch immer auf die Schrift starrend, sagte sie:
"Ich kann das nicht lesen."
Er seufzte und sagte zum Computer, wie sie wieder irritiert feststellte: "Federation Standard!"
Nun zeigte der Computer die lateinische Schrift, die auf der Erde allgemein anerkannt war. Aber sie schüttelte immer noch mit dem Kopf. Er sprach wieder mit diesem Gerät, dieses Mal: "tlhIngan Hol!"
Der Schirm wechselte wieder zurück in die andere Schriftart.
"Ich lese es dir vor. Hier", er wies auf ein paar Buchstaben, "steht der Name deiner Mutter. Und hier..." er wies auf Buchstaben, die nicht weit davon entfernt waren, "steht der Name eines direkten Vorfahren von Mara, der Großmutter meiner Gemahlin, nämlich Marapohe. Sagt dir das was?"
"Ja, der Name meines Onkels. Meine Mutter erzählte mir von ihm, er ist drei Jahre älter als sie und sie haben viel zusammen gespielt. Aber ich habe ihn nie kennengelernt."
"Also waren It'I'naca und..."
"Itinia-Niaca!" insistierte sie.
"Ja, eben die und Marapohe waren Geschwister."
Wie, um sie zu überprüfen, fragte er sie: "Und weißt du auch, wie ihr Vater hieß?"
"Maratua", antworte sie sofort. Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Sie sagte die Wahrheit.
"Merkwürdiger Zufall...", raunte er.
"Zufall?" wiederholte sie. "Nein, das ist kein Zufall." Sie wandte grübelnd ihren Blick ab vom Bildschirm, den sie zuvor so staunend betrachtet hatte. Dann sagte sie leise: "Es ist mein Schicksal, das ich weit reisen soll. Das hier ist die Reise..." Sie holte den Communicator aus ihrem Gewand. "Und damit hat sie angefangen...das hier gehörte deiner Gemahlin, in deren Adern auch das Blut meiner Vorfahren fließt. Es kann kein Zufall sein." Während sie so halblaut und mit dem Rücken zu ihm gewandt vor sich herredete, betrachtete er sie still. Ihr langes schwarzes Haar fiel ihr ungeordnet auf die Schultern und reichte weit den Rücken herunter, fast wie bei einer Klingonin. Als sie per Transporter ankam, war dieses Haar unter Tüchern verborgen gewesen, die bei ihren Kämpfen mit den Kriegern abgefallen waren. Sie lagen nun K'Vacors Bett. Von hinten sah sie aus wie eine klingonische Aristokratin in ihrem bodenlangen schwarzen Gewand, den darüber angebrachten Tüchern, dem breiten Gürtel, den Stiefeln und den langen Haaren, die sie wie eine Krigerin des Imperiums stolz umwehten. Auf einmal wandte sie sich ruckartig um und riß chuvwI' aus seinen Gedanken.
"Du sagst, Mara wäre eine Nachfahrin von Marapohe? Und: deine Gemahlin ist die Enkelin von Mara? Das kommt doch aber zeitlich gar nicht hin... eine Tochter von Marapohe wäre doch wohl erst in meinem Alter und..." Sie brach ihre Überlegungen hier ab. Aha, sie hatte das Zeitproblem erkannt. Jetzt alles der Reihe nach.
Er wandte sich schweigend dem Computer zu und rief eine Sternenkarte auf. Neugierig trat Ardetha heran. Sie sah sich die Karte genau an. Oben... unten... rechts... links... ihr Blick wanderte schließlich suchend hin und her. Sie konnte kein bekanntes Sternenbild erkennen. Und sie kannte als Tochter der Wüste doch alle!
"Was ist das? Das ist nicht unser Sternenhimmel..."
"Nein, es ist nicht EUER Sternenhimmel, der Sternenhimmel, der von der Erde aus sichtbar ist. Diesen Sternenhimmel kannst du von Qo'noS aus sehen, das ist ein anderer Planet, nämlich der, von dem ich, von dem wir, auch K'Vacor, stammen."
Ardetha starrte ihn an. "Ihr seid... Außerirdische?" Ihr stockte der Atem.
chuvwI' nickte. Normalerweise reagierten Erdbewohner vergangener Zeiten darauf mit Unverständnis. Außerirdische gab es in ihrem Denken nicht. Hm, er mußte versuchen, es ihr glaubhaft zu machen. Also bediente er wieder den Computer und erklärte ihr:
"Paß auf! Wir reisen jetzt per Computer" - er wies auf das Gerät - "durch das Weltall - im Zeitraffer. Wir fangen auf Qo'noS an und bewegen uns durch den Raum auf euer Sonnensystem zu. Das dauert jetzt eine Weile."
Fasziniert betrachtete Ardetha den Bildschirm, der ständig neue Sterne zeigte und so wirkte, als würden sie daran vorbeifliegen. Sie trat einen Schritt zurück, weil ihr dabei ziemlich schwindelig wurde. chuvwI' hielt sie an den Schultern fest, weil er befürchtete, sie würde gleich vor Schrecken davon laufen. Sie zuckte zusammen, als er ihren rechten Oberarm berührte, und er ahnte, daß sie dort große Schmerzen verspüren mußte. Als nach geraumer Zeit der Sternenhimmel des Sonnensystems sichtbar wurde, deutete Ardetha mit der rechten Hand auf den Schirm. "Da, da! Orion, der große Jäger!"
chuvwI' nickte. "Ja, wir sind jetzt auf der Erde und sehen den Sternenhimmel so wie du ihn kennst."
Dann zeigte er ihr die Planeten ihres Sonnensystems, erweiterte den Ausschnitt auf die gesamte Galaxie, zeigte ihr die Lage von Qo'noS und erläuterte alles, so gut er konnte. Staunend betrachtete sie die unterschiedlichen Bilder auf dem Wandschirm. chuvwI' hatte Spaß daran, einer Wißbegierigen und nicht einer Ängstlichen alles zu erklären.
"Und da, wo du herkommst, sehen da alle so aus wie du?" wollte sie wissen, als er wieder Qo'noS einblendete.
"Ja, wir sind Klingonen." Aber er wollte diese Aussage differenzieren und fragte sie:
"Und wo du herkommst, sehen da auch alle so aus wie du?"
"Wie? Ich...? Ja... nein... was meinst du?" entgegnete sie verunsichert. Doch bevor er darauf antworten konnte, sprach sie weiter: "Achso, du meinst die Zeichen in meinem Gesicht? Nein, die tragen nicht alle...."
"Nein, ich meine gar nicht deine Tätowierungen, sondern eher, ob alle diese Hautfarbe, diese Haarfarbe, diese Augenfarbe haben?"
"Nein, natürlich nicht."
"Siehst du, und wir Klingonen unterscheiden uns auch voneinander. Es gibt sogar Klingonen mit nicht gefurchter Stirn."
Sie nichte verständnisvoll. Er wunderte sich, daß sie das alles so geschluckt hatte. Keine Zweifel am Dasein von Außerirdischen? Vielleicht war er ja per Time Warp doch in einer falschen Zeit gelandet. Vielleicht wußten die Menschen zu der Zeit doch mehr als er dachte.
"Du, sag mal..." meinte er dann und bemerkte, daß er noch gar nicht wußte, wie sie hieß, "wie heißt du eigentlich?"
"Ardetha."
"Aha", er wechselte kurz zu diesem Schriftprogramm, das K'Vacors Genealogie darstellen mußte. "Computer, suche nach a'detlh'a'."
"Ardetha!" Also, dieser Außerirdische hatte ein gewaltiges Problem mit den Namen.
"Negativ", bestätigte der Computer.
"Du kommst in der Ahnenliste nicht vor. Aber da stehen überhaupt keine weiteren Namen beim Namen deiner Mutter - wie auch bei den meisten anderen Geschwistern von diesem Marapohe."
"Also, a'Degh'a'", wollte er fortfahren, doch wurde von ihr unterbrochen:
"Ardetha!" Himmel, er gab sich ja redliche, nur vergebliche Mühe.
"Ja, sag mal... weißt du, in welchem Jahr du auf der Erde gelebt hast, äh: lebst?"
Merkwürdige Frage! Aber so langsam, aber sicher kam ihr gar nichts mehr merkwürdig vor. Die Dämonen-Theorie hatte sie auch längst verworfen. Und von Außerirdischen hatten die Altvorderen ja schon immer berichtet.
"1914", antwortete sie.
Im Jahre 1914 war die Erde noch nicht der Föderation beigetreten. Da waren sie noch nicht einmal raumfahrtfähig gewesen und wußten auch nichts von Außerirdischen. Aber chuvwI' war insofern beruhigt, daß der Time Warp richtig funktioniert hatte, was sie Zeiteinstellung betraf. Wenn, dann würde er K'Vacor in diesem Jahr wiederfinden müssen.
"Also, a'DeH'a', wir..."
"Ardetha!"
"Wir haben da noch ein anderes Problem."
Klar. Seitdem sie hier war, begegneten ihr nur Schwierigkeiten, Rätsel, Probleme... da kam es auf ein weiteres Problem auch nicht an.
"Du bist hier nicht nur nicht mehr auf der Erde, sondern auch nicht mehr in deiner Zeit. Unser Time-Warp hat dich mit in die Zukunft transportiert."
Moment, ein Problem nach dem anderen.
"Ich bin nicht mehr auf der Erde?"
Aha, dachte er, sie war davon ausgegangen, daß die Außerirdischen sie besucht hätten und sie immer noch auf der Erde wären.
"Nein..."
"Wo dann? Und wie bin ich da , wo ich bin, also hier, überhaupt hingekommen?"
"Ganz ruhig, a'DeS'a', also es ist so: Der Communicator", er deutete auf diesen, den sie immer noch festhielt, "hat dich hierher gebracht. Sein Signal hat unserem Transporterraum zu verstehen gegeben, wo du dich aufhälst und man hat dich hierher gebeamt, also, äh, praktisch in Einzelteile zerlegt und, äh, hergeflogen...also..." Ihr völlig verständnisloser Blick sagte ihm, daß sie das nicht ganz begriffen hatte.
"Na, ist ja auch egal. Jedenfalls bist du jetzt hier auf unserem Raumschiff."
Schiff - Raumschiff... wie jetzt?
"Raumschiff?" fragte sie leise nach.
"Ja, auf der IKV luqara. Unser Raumschiff. Mit dem wir von Qo'noS zur Erde fliegen können.
Wie Maschinen, die Flügel haben und einen Antrieb und sich in die Lüfte erheben können..."
"Du meinst Flugzeuge?"
Ach ja, 1914 hatte es ja schon Flugzeuge auf der Erde gegeben... nun war er auch etwas verwirrt.
"Ja, wie Flugzeuge, nur mit größerer Reichweite. Willst du mal aus einer Luke gucken?"
Oje, er bereute die Frage schon, kaum daß er sie ausgesprochen hatte. Verdammt. Wenn sie hinausschauen würde, würde sie glatt in Ohnmacht fallen. Das kam bei den Erdbewohnern doch öfter vor, besonders bei den Frauen.
"Raumschiff", murmelte sie immer noch. Langsam, aber sicher, überstieg das alles hier ihr Fassungsvermögen.
"Ja, Raumschiff. Weil ohne würden wir nie zu euch gelangen. Und auch ihr nicht zu uns, was ja nach deiner Zeit geschehen ist."
"Nach meiner Zeit?" So langsam begriff sie.
"Ja, nach deiner Zeit entdeckten auch die Erdbewohner, wie sie durch den Weltraum fliegen konnten und nicht nur um ihren eigenen Planeten herum."
"Wann war das? Was ist JETZT?"
"Also, in Erdgeschichte kenne ich mich nicht so gut aus. JETZT ist bei euch das 25. Jahrhundert. Also 500 Jahre nach deiner Zeit..." Hoffentlich kippt sie nicht in Ohnmacht. Völlig unerwartet stellte Ardetha aber diese Frage:
"Nur 500 Jahre? So wenig haben sie dafür gebraucht?" Für eine Medjai waren 500 Jahre nicht allzuviel.
Uff, sie hatte es kapiert. Von jetzt an würde es leichter sein, mit ihr zu reden. Jetzt mußte noch er noch erfahren, woher genau sie kam, also die Koordinaten feststellen, wo er nach K'Vacor beim nächsten Time-Warp-Experiment suchen konnte, aber das war jetzt kein Problem war. Es stellte sich heraus, daß sie aus der Östlichen Wüste in Ägypten stammte und einem Kriegervolk angehörte, wie er zufrieden zur Kenntnis nahm. Tatsächlich hatte ihre Wehrhaftigkeit im Transporterraum die Klingonen beeindruckt, da sie mit so einem Verhalten bei einer Erdenfrau nicht gerechnet hatten. Und nun nahm sie diese ganzen Tatsachen mit einer Gelassenheit hin, die ihn erstaunte. Er ahnte, daß sich hinter dieser Fassade ein aufgewühltes Meer befand, und gab ihr ein paar Tage Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Er zeigte ihr inzwischen das Raumschiff. Wie eng es überall war! Wie sie von allen angestarrt wurde! chuvwI' führte sie überall herum. Die Klingonen sangen lautstark und disharmonisch, das Essen war eine einzige Katastrophe und Ardetha mochte lange Zeit nichts anrühren. Als man ihr Blutwein reichte, steckte sie einen Finger hinein, probierte, spuckte aus und fragte, ob sie nicht einfaches Wasser haben könne, woraufhin alle lautstark vor Lachen gröhlten. Der Quartermaster brachte es ihr schließlich. chuvwI' zeigte ihr auch das Holodeck, denn er hatte natürlich gemerkt, daß sie sich nichts sehnlicher wünschte, als heimzukehren in die vertraute Umgebung, was aber dank des defekten Time-Warp nicht ging. Er wies den Computer an, eine irdische Wüstenlandschaft dazustellen und bemerkte amüsiert, wie Ardethas Augen sich weiteten vor Ertaunen: eben noch ein enger Raum, jetzt eine unendlich scheinende Landschaft? Wie konnte das sein? Es reizte ihn schon, eine Seite wieder als normale Holodeck-Wand erscheinen zu lassen, doch er wollte ihr die Illusion nicht nehmen. Er ließ sie hier für ein paar Stunden allein.
Wiewohl sie in den vergangenen Tagen versucht hatte, all die neuen Informationen zu verarbeiten und sich mit ihrem Schicksal, auf einem außerirdischen Raumschiff gelandet zu sein, abfinden wollte, begann sie nun, wie gehetzt durch die Wüstenlandschaft zu rennen. Sie suchte Höhenzüge oder Zelte, aber sie fand nichts. Sie rief Namen, die sie kannte, aber niemand meldete sich. Irgendwann fiel sie erschöpft auf die Knie, beugte ihren Oberkörper nach vorn und schluchzte in sich hinein. Sie wünschte sich so sehr nach Hause zurück. Aber von allein würde sie nicht mehr dahin zurück finden. Dieses war die lange Reise, von der die Heilerin gesprochen hatte. Sie mußte versuchen, sich damit abzufinden und aus dem ihr vorbestimmten Schicksal das beste zu machen. Sie setzte sich richtig hin, schlug die Beine übereinander und begann zu meditieren. Mit den Händen berührte sie den Sand. Sie verharrte sehr lange in dieser Stellung, bis auf einmal chuvwI' hinter ihr stand. Er sah sich um.
"Hast du schon immer in dieser etwas einöden Landschaft gelebt?"
Sie nickte.
"Wo und von was lebt man denn hier?" chuvwI' war das grünbedeckte Land auf Qo'noS gewöhnt.
"In Zelten. Von Tieren. Von Quellen."
chuvwI' bereute ein wenig, daß er sie ins Holodeck gebracht hatte. Nun hatte sie erst recht Heimweh bekommen. Er bemerkte, wie gedrückt ihre Stimmung war und setzte sich neben sie.
"Puh, ganz schön heiß hier."
Immer noch keine Reaktion ihrerseits. Sie starrte zu Boden. chuvwI' bedauerte K'Vacor, falls sie in dieser Landschaft auf der Erde des 20. Jahrhunderts herumirren würde.
"Äh, was machen eigentlich deine Leute mit jemanden, der sich hierher" - er zeigte in die Ferne -"verirrt?"
"Normalerweise gewähren sie Gastfreundschaft."
"Und wenn dieser Jemand so aussieht wie wir?"
"Du meinst deine Gemahlin K'Vacor?" Sie sah ihn an und überlegte ein kleines Weilchen. "Ich kann es dir nicht genau sagen... ich hoffe, sie halten sie nicht für einen Dämon oder so."
Sie dachte an ihre eigenen ersten Gedanken, als sie die Klingonen sah und fügte hinzu:
"Ihr solltet diesen Time-Warp so schnell wie möglich reparieren."
"Ich habe inzwischen erfahren, daß eine Kommission der Föderation, also von Leuten von der Erde, sich beim High Command über unser Time-Warp-Experiment beschwert hat und ausdrücklich Reisen in die Vergangenheit untersagt hat. Irgendwie haben sie es herausbekommen. Ich habe mit K'Vacors Vater gesprochen, der großen Einfluß hat. Auch wenn der Time-Warp wieder funktionieren würde, dann wird es schwierig, ein weiteres Experiment gleich zu starten. Aber er wird sich bei Fleet Command dafür einsetzen, daß wir ein weiteres unternehmen können, um seine Tochter zurückzuholen."
Das klang schon wieder alles so kompliziert.
"Du und K'Vacor - seid ihr schon lange verheiratet?"
"Seit knapp zwei Jahren."
"Also habt ihr schon Kinder", fuhr sie fort und fand es bemerkenswert, daß es auch bei Außerirdischen Ehe, Heirat und so gab.
"Nein, haben wir nicht...", er sah sie etwas irritiert an. "Bist du eigentlich verheiratet?"
"Ich war es. Mein Mann fiel kurz nach unserer Hochzeit in einem Kampf. Das ist jetzt über zehn Jahre her... also, das war 1914 über zehn Jahre her", korrigierte sie sich. "Meine Mutter drängte mich, ein weiteres Mal zu heiraten, Kinder zu haben, aber ich wollte das nicht. Ich bin dann zu der Heilerin gezogen und habe dort Abstand gewinnen können."
"Deine Mutter, die Schwester von diesem Marapohe? Hm, K'Vacor war ein paar Mal bei seinen Nachfahren auf der Erde zu Besuch, also in Südostasien. Immerhin ist ihre Tante ja halbklingonisch. Ich war auch mal dort. Es war total interessant. Wir haben auch White Water Rafting gemacht."
"Was ist das?"
"Naja, du fährst in einem Boot über reißende Flüsse und Felsenhindernisse. Abenteuerurlaub! Hm, sie haben eine herrliche Landschaft dort, nicht so staubtrocken wie hier."
"Ja, Mutter hat mir viel von ihrer grünen Heimat berichtet. Sie sehnte sich oft in ihr, wie sie sagte, wunderschönes Land zurück. Mein Vater, Benan Setlata, war als Begleitung unseres früheren großen Anführers Ardeth Bay, der verbannt worden war, dorthin gereist. Mein Großvater war ein guter Freund von diesem Anführer gewesen, aber fiel in einer Schlacht. Mein Vater fühlte sich Ardeth verpflichtet und verehrte ihn sehr, so daß er ihm folgte - auch mich hat er nach ihm benannt: Ardeth - Ardetha. In Südostasien halfen sie einem alten Freund von Ardeth - der hieß Sandokan und war selbst ein großer Seeheld in seiner Heimat. Mein Großvater Maratua war ein untergebener Kapitän dieses Freundes gewesen. So hat mein Vater meine Mutter im Exil kennengelernt. Sie folgte ihm nach Ägypten, als Ardeth zurückkehrte. Ardeth war schon ziemlich alt und starb alsbald, und heute werden die Medjai, also unser Volk, von dessen Sohn Ardjun angeführt und..."
Ardetha bemerkte, daß chuvwI' schon der Kopf von all den Namen schwirrte und sagte: "Aber ich glaube, das führt jetzt zu weit..."
chuvwI' war dankbar, daß Ardetha ihren Redefluß selbst unterbrochen hatte. Er kommentierte:
"K'Vacor hat mir von ihren Vorfahren in Südostasien berichtet, daß sie gegen ein anderes Volk gekämpft haben. Sie war stolz darauf, daß auch ihre menschlichen Vorfahren Kämpfernaturen gewesen sind. Auch du hast ja sogleich zur Waffe gegriffen, als du im Transporterraum angekommen bist. Wir haben den Eindruck, daß die Menschen heutzutage eher verweichlicht sind. Also war das früher bei euch anders?"
"Ich weiß nicht, wie das heutzutage mit den Menschen ist. Aber früher gab es schon Unterschiede. Es gab friedliche und weniger friedliche Völker."
"Und du stammst aus einem eher kriegerischen Volk?"
"Ja, schon, aber wenn du mit kriegerisch auch das Erobern meinst, dann nein. Wir verteidigen uns nur und.. äh... passen auf etwas auf, d. h. passen auf, daß nicht Fremde etwas finden und ausgraben, was... äh... lieber nicht freikommen sollte... also, ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll. Jedenfalls sind die meisten unserer Männer Krieger."
"Nur die Männer?"
"Die meisten Mädchen lernen auch früh, mit Waffen umzugehen, falls wir einmal allein in unserem Dorf oder auf den Weiden sein sollten. Ich habe den Umgang von meinem Bruder gelernt und bewache seit über zehn Jahren unsere Heilerin. Sie lebt weitab vom Dorf, ziemlich ungeschützt. Und da sich viele Räuber zu uns verirren..." Sie deutete in die Weite der Holo-Wüste und ihr kam auf einmal ein anderer Gedanke:
"Wie geht das hier? Wie hast du das gemacht?"
chuvwI' holte tief Luft. Wie einer Erdenfrau aus dem 20. Jahrhundert erklären, was ein Hologramm ist?
"Du kennst doch sicherlich Fotos, oder?"
"Ja."
"Hierbei handelt es sich um dreidimensionale Bilder, so daß man das Gefühl bekommt, man bewege sich im dreidimensionalen Raum."
"Ahja..." Ardetha gelang es immer noch nicht, sich vorzustellen, wie die Illusion der künstlichen Wüste zustande kam.
"Wird es hier auch jemals Nacht?" wollte sie wissen.
"Ähm... einen Moment", antwortete chuvwI', gab die nötigen Befehle, so daß es langsam dunkel wurde. An der Decke bildete sich ein klarer Sternenhimmel. Ardetha legte sich auf den Rücken und sah nach oben.
"Sieh, die vielen Sonnen!" sagte sie. "So habe ich oft nachts nach oben geschaut. Neun Planeten kreisen um unsere Sonne, eine einzige von vielen im ganzen Universum. Es gibt noch tausende, Millionen, unendlich viele. Wenn um jede neun Planeten oder mehr oder weniger kreisen, und von jedem Sonnensystem ist einer dieser Planeten bewohnt, wieviele andere bewohnte Planeten, wieviele Außerirdische muß es dann geben!"
chuvwI' lachte in sich hinein. Er hatte schon in den letzten Tagen bemerkt, daß ihr die Vorstellung von Außerirdischen, von denen es im frühen 20. Jahrhundert ja noch keinen Beweis gab, nicht allzu schwierig fiel.
"Ihr nennt euch Klingonen? Aber es gibt doch noch andere.... wie nennen sie sich? Wie sehen sie aus?"
"Hm, es gibt viele... zum Beispiel Vulkan. Die Vulkanier haben als erste euren Planeten nach deiner Zeit besucht. Sie haben spitze Ohren und meinen, sie seien ziemlich schlau. Sie sind kein bißchen kriegerisch. Dann gibt es die Ferengi, sie haben keine Haare und riesige Ohren. Fürchterlich sind die! Wollen aus allem Geld machen! Feilschen um jedes bißchen!"
"Solche Leute gibt es auch bei uns, und zwar reichlich!" fiel sie ihm ins Wort.
"Ja, ich habe mal gelernt, daß die Erde im 20. Jahrhundert ziemlich kapitalistisch war."
chuvwI' und Ardetha unterhielten sich noch eine ganze Weile. Der Klingonenkrieger ließ auf Ardethas Wunsch ein Lagerfeuer entstehen. Sie fragte ihn aus nach Völkern im Universum, nach Technologie, nach Waffen. Es schien, als wolle sie das alles unbedingt noch kennenlernen. Doch immer wieder, auch in den folgenden Tagen, wurde die Diskrepanz deutlich, daß sie einerseits vieles sehen wollte, andererseits aber den sehnlichen Wunsch verspürte zurückzukehren. Ardetha ahnte, daß dieses die lange Reise war, von der die Heilerin gesprochen hatte und versuchte sich damit abzufinden. Dennoch gab sie die Hoffnung nicht auf, eines Tages zur Erde, in ihre Zeit zurückzukehren. chuvwI' versicherte ihr, daß man versuchen würde, sie zurückzubringen, sobald das Time-Warp-System wieder funktionieren würde.
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Das alles ist jetzt ein knappes Jahr her.
Tatsächlich konnten die Klingonen der IKV luqara den Time Warp nicht mehr in Gang bringen. Sie wurden vom High Command in ihr System zurückgerufen und sollten an einem Kriegszug teilnehmen. chuvwI' stellte mich auf dem fünften Kontinent K'Vacors Vater vor, der mir von seinen Ausflügen zur Erde berichtete. Er stellte mir frei, ob ich zur Erde zurückkehren oder bleiben wolle. Zur Erde des 25. Jahrhunderts? 500 Jahre nach meiner Zeit? Ob es dort noch Medjai geben würde? Ich wollte das lieber nicht wissen und äußerte diese Frage auch nicht laut, aus Angst, jemand würde ein Gerät bedienen und mir ganz schnell die vielleicht bittere Wahrheit mitteilen. Immerhin, irgendwie bin ich ja mit den Saqras vewandt, so seltsam mir das alles auch vorkommt. Also entschied ich mich dafür zu bleiben. chuvwI' kümmerte sich rührend um mich, erklärte alles und setzte sich dafür ein, daß ich weiterhin auf der luqara bleiben konnte - in seiner Nähe. Ich lernte, was ich mit meinem Verstand fassen konnte und erlebte eine spannende Zeit. chuvwI' sagte es zwar nicht, aber ich glaube, er ahnte insgeheim, daß das Time-Warp-System irreparabel sei. Die Mannschaft der luqara hatte für solche Experimente auch keine Zeit mehr. So fügte ich mich drein und begann wie die Klingonenkrieger mit Laserwaffen, aber immer noch mit meinem Schwert, gegen ihre Feinde zu kämpfen, Seite an Seite mit chuvwI'.
(Ardetha, 25. Jahrhundert)

Bianca M. Gerlich
8. April 2002