Ardeth
II (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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Auch in Ägypten verblasste die
Erinnerung an Ardeth nicht. Leslie bekam Besuch von Dr. Porter,
der ihm alles über das Peru-Abenteuer berichtete und ihm die
vier Artefakte überreichte. Leslie schüttelte vor Erstaunen mit
dem Kopf. Nach dem Bericht erkundigte er sich, ob es Ardeth gut
ginge. Mr Porter bejahte und berichete, dass er ihn nach Mendoza
gebracht hatte. Mr Porter erwähnte nichts von Ardeths Familie,
da Ardeth selbst kaum etwas davon erwähnt hatte und Mr Porter
davon ausging, dass Leslie sowieso Bescheid wusste.
Leslie weilte zwar jetzt öfter in Kairo, durfte aber nach wie
vor das Land nicht verlassen. Ardjun ließ ihn von zwei Medjai
überwachen. Auch musste Leslie oft in den Süden reisen. Sein
Sohn Ismail hatte vor zwei Jahren seine Initiation gehabt und ein
halbes Jahr später Lady Fatima Fajum geheiratet, die
zweitälteste Tochter von Lord Fajum aus dem 11. Stamm. Lord
Ardjun Bay hatte sich zwar eher eine Verbindung zum Hause
Meranmose gewünscht, dort hatte mittlerweile der junge Gatyreth
das Amt seines Vaters übernommen. Gatyreth Meranmose flossen
viele Sympathien zu und Ardjun hatte gehofft, die Meranmoses so
mehr an sich zu binden. Ardjun spürte, dass die Anführer der
Stämme ihm selbst nicht mehr so gewogen waren, seit er Ardeth
fortgejagt hatte. Die meisten fürchteten Ismail Bay als
Nachfolger, der unter dem Einfluss seiner Mutter stand. Sie hatte
auf eine Verbindung mit Fatima bestanden, denn Fatima war als
zweite Tochter nicht zur Kriegerin ausgebildet worden. Ihre
ältere Schwester Sephina hatte diese Ausbildung in Stamm 10
gemacht, da es im elften Stamm nicht die Möglichkeit dazu gab
und auch in Stamm 12 die Ausbildung auf Drängen Nefrars bereits
eingestellt worden war. Lord Fajum bemühte sich zwar, den elften
Stamm zu liberalisieren, doch nach der jahrhundertealten
Herrschaft der Gazurs war es nicht einfach, die Menschen dort zum
Undenken zu bewegen. Zuviel war mittlerweile Tradition geworden.
Er selbst war damals nach den Unruhen der 1880er Jahren von Lord
Ardeth Bay eingesetzt worden und musste Lady Shirin Gazur
heiraten, damit der elfte Stamm nicht seines Adels beraubt wurde.
Shirin war ebenfalls keine Kriegerin, die einzige aller
Anführer-Ehefrauen. Sie verteidigte die streng islamischen
Traditionen des elften Stammes wie eine Löwin und war mit Lady
Nefrar Bay eng befreundet. So hatten sich die beiden Matronen auf
eine Ehe mit dem künftigen amtierenden Lord Ismail Bay und
Fatima Fajum geeinigt. Lady Nefrar befand, dass Fatima wunderbar
geeignet wäre. Auch Nefrar war keine Kriegerin und sie wünschte
sich keine Schwiegertochter, die auf sie herabblicken konnte, wie
es ihrer Meinung die stolzen Kriegerinnen nun einmal taten. Es
störte sie auch nicht, dass Fatima bei der Eheschließung erst
14 Jahre alt war. Das allein schon war ein halber Skandal, den
Ardjun zu spüren bekam, indem zur Hochzeit die Anführer der
Südstämme nicht erschienen. Eine 14Jährige, die nicht die
tradtionelle Ausbildung einer Lady Bay erhalten hatte, sollte
einmal Erste Dame werden! Dazu waren einige sehr brüskiert, die
sich eine Verbindung zu den Bays gewünscht hatten. Immerhin
wurde Fatima gleich schwanger. Doch als sie eine Tochter zur Welt
brachte, war die Enttäuschung groß, und Ismail verprügelte sie
am gleichen Tag, ebenso ein gutes Jahr später, als die
16Jährige ihre zweite Tochter zur Welt brachte. Als sie Anfang
1920, als Ardeth gerade in Peru war, ihre dritte Tochter zur Welt
brachte, war die Verzweiflung bei den Bays groß. Ardjun hätte
Fatima am liebsten davongejagt, von Ismail geschieden, was
möglich gewesen wäre bei einem Bay-Erben. Doch er wollte auch
nicht den elften Stamm brüskieren, da Tyrun Fajum einer seiner
noch wenigen Getreuen war. Er brauchte den fast 20 Jahre
jüngeren Lord nur daran zu erinnern, dass er von seinem Vater
Ardeth Bay eingesetzt worden war und dass Ardjun sein drittes
Kind - eine außergewöhnliche Tatsache, denn für einen
Bay-Erben wäre eine erstgeborene Tochter gerade gut genug
gewesen - als zukünftige Lady Bay ausgewählt hatte. Ardjun
ließ Nefrar zu sich rufen. Sie war als Mutter des zukünftigen
Anführers und in Ermangelung einer aktuellen Gattin Ardjuns die
amtierende Lady Bay und war selig, dass ihre Widersacherin Leyrah
ihr das Feld so einfach überlassen hatte. Wahrscheinlich wäre
Nefrar niemals Erste Dame geworden, wenn Leyrah nach Ardeths
Verbannung im 12. Stamm geblieben wäre. Leyrah hatte zwar
nunmehr offiziell keinen Anspruch, da sowohl Lyleth als auch
Ardeth niemals ein amtierender Lord Bay geworden waren, aber sie
war anerkannt, hatte die Aufgabe jahrelang zur Zufriedenheit
erledigt und galt als eine ruhmreiche Kriegerin. Nefrar konnte
nun ihren großen Plan, die Missionierung der
Medjai-Gesellschaft, in die Tat umsetzen und beeinflusste nach
wie vor ihren Sohn, der sich mit solchen Ambitionen natürlich
keine Freunde machte. Schon oft genug waren Mutter und Sohn in
ihrer arroganten Art angeeckt. Ardjun war es leid, die beiden
zurechtzuweisen. Er sehnte sich nach dem Ende seiner Amtszeit,
aber seine Generäle baten ihn, sein Amt nicht an Ismail zu
übergeben, sondern noch zu warten. Er sei doch noch rüstig
genug, erklärten sie ihm, die Ismails Regiment fürchteten.
Ardjun fühlte sich geschmeichelt, doch die Zahl der Kritiker an
der derzeit amtierenden Familie Bay wuchs.
Ardeth haben sie fortgejagt, Leyrah hat sich bequemerweise
in den Tempel zurückgezogen und Leslie darf nicht ran,
schimpfte Nefer Meranmose, die sich wegen eines frischen Vorfalls
gegenüber ihrem Mann ereiferte, und fügte hinzu: Und der
Rest ist unfähig!
Beruhige dich, mein Schatz, redete Gatyreth auf sie
ein und betrachtete mit Sorge die Striemen im Gesicht seiner
Gattin, die wutschnaubend in ihr gemeinsames großes Zelt
gekommen war, gleich nach ihrer Rückkehr vom Isis-Tempel.
Was ist denn passiert?
Sie stratzte zum Tisch, goss sich einen Becher Wein ein und
stürzte ihn herunter. Und wo hast du Lady Bay
gelassen?
Ich weiß nicht, wo sie ist. Hol sie der Teufel!
Nefer konnte sehr impulsiv werden, doch so hatte Gatyreth sie
noch nie auf Nefrar Bay schimpfen gehört. Nefer hatte seit ihrer
Ehe ihr ausgelassenes Temperament etwas im Zaum.
Ich bin noch im Stamm meiner Eltern gewesen. Ich habe es
nicht mehr ausgehalten im Tempel.
Was ist denn vorgefallen? Gatyreth goss sich auch
einen Becher Rotwein ein.
Sie hat Leyrah dazu gezwungen, sich vor ihr zu verneigen!
Stell dir das mal vor!
Lady Leyrah Bay besaß ein sehr hohes Ansehen, doch rechtlich
stand sie nun unter ihrer Schwägerin. Doch selbst Leyrah wäre
nicht auf den Gedanken gekommen, dass ihre Schwägerin die
Verneigung von ihr fordern würde. Sie hatte Nefrar mit Entsetzen
angeschaut, weil sie vor allen Priesterinnen und Kriegerinnen
lautstark diese Ehrenbezeugung verlangt hatte. Es war schlechthin
unhöflich und grob verletzend, das von der großen Leyrah, die
so viel Heldendienst ihrem Volk erwiesen hatte, zu fordern. Und
so hatte Lady Meranmose, die Lady Nefrar Bay von ihrem Besuch
beim 5. Stamm bis zum Tempel mit einer Ehrengarde begleitet
hatte, entsetzt Aber Lady Bay gerufen, was wiederum
Nefrar auf die Palme gebracht hatte. Nefrar gefiel es, Macht
über die ihrer Meinung nach arroganten adligen Damen auszuüben.
Und sie ließ Lady Nefer Meranmose, amtierende Erste Dame des 5.
Stammes, niederknien und schlug sie mit ihrer Reitgerte mehrmals
ins Gesicht. Gatyreth fand keine Worte dafür, als seine Gattin
ihm davon, immer noch aufgebracht, berichtete. Er schüttelte nur
mit dem Kopf, während Nefer einen Wortschwall wüster
Beschimpfungen auf Nefrar niederprasseln ließ.
Und Leyrah, was hat sie daraufhin gemacht?, wollte
Gatyreth dann doch wissen.
Sie hat meiner Bestrafung zugeschaut, dann hat sie Nefrar
einen sonderbaren lang anhaltenden Blick zu geworfen und ist
schließlich auf ihre Knie gesunken. Ich schwöre dir, Gaty,
Nefrar hat sie mindestens drei Minuten so belassen. Ich durfte
auch nicht aufstehen. Schließlich hat sie mich angeschnauzt, ich
solle aus ihren Augen gehen, und da bin ich weggegangen, zum
ersten Stamm geritten. Ich glaube, ich hätte ihr sonst die Augen
ausgekratzt!
Gatyreth fand es ebenso ungeheuerlich, dass Nefrar eine Erste
Dame so blamabel gezüchtigt hatte. Die Striemen gingen quer
über die Wangen und damit quer über ihre vielen Tätowierungen,
die im 1. Stamm üblich waren, sodass jeder es sehen konnte.
Nicht einmal einen Diener würde man so schlagen, geschweige denn
einen Krieger. Er streichelte vorsichtig seiner Frau übers
Gesicht. Es geht schon wieder weg, mein Schatz!,
versuchte er zu trösten.
Es kann ruhig jeder sehen, dass wir eine völlig unfähige
Königin haben!
Es dauerte lange, bis Nefer sich beruhigt hatte. Sie bat ihren
Gatten, sich für Leslie als Bay-Nachfolger einzusetzen, doch das
war aussichtslos. Leslie war nicht initiiert und weder er noch
sein Vater verspürten den Wunsch, dass er dessen Nachfolger
werden würde. So recht konnte sich das niemand vorstellen, doch
für Gatyreth und viele andere wäre Leslie das wesentlich
kleinere Übel gewesen. Als er mit anderen Süd-Anführern
darüber sprach, die sich ebenfalls über dies und das zu
beschweren hatten, waren sie der Meinung, dass Gatyreth am besten
dazu geeignet wäre, die 12 Medjai-Stämme anzuführen, doch
Gatyreth wollte davon nichts wissen.
Niemals werde ich der Familie meines besten Freundes
Schaden zufügen wollen, erklärte er später seiner Frau.
Doch Nefer befand:
Wenn Ardeth wüsste, was seine Familie derzeit anstellt,
würde er es auch für gut heißen, dass du der Anführer werden
würdest, Gaty.
Ich wünschte, er wäre hier, brachte Gatyreth zum
wer weiß, wievielten Male in den letzten Jahren hervor.
Doch nur zwei Menschen innerhalb der Medjai-Gesellschaft wussten,
dass Ardeth überhaupt noch am Leben war, und beide behielten es
für sich: Leslie und Leyrah. Letztere lebte nun schon über vier
Jahre im Tempel. Sie hatte ihr Kriegergewand abgelegt und trug
ein einfaches weißes Tempelgewand. Wie viele Frauen und Männer
hatten sie hier besucht und inständig gebeten, zum 12. Stamm
zurückzukehren und als Lady Bay zu wirken! Sie erzählten ihr,
wie alles drunter und drüber ging. Ardjun würde Ausgrabungen
erlauben, einige Medjai würden helfen müssen, Nefrar wolle neue
Sitten einführen und Ismail drohte, die Medjai später in den
Untergrundskampf gegen verbliebene Briten und Britenfreunde zu
ziehen. Ismail war gegen den König, da er ihm zu westlich
eingestellt war. Es würde also ein Bürgerkrieg werden. Ardjun
schob dem einen Riegel vor, aber was, wenn Ardjun abdanken oder
sterben würde? Doch nichts, keine noch so große Unheilmeldung
bewog Leyrah, den Tempel zu verlassen. Sie erklärte, ihr sei zu
großes Leid angetan worden. Sie wolle bis ans Ende ihres Lebens
ihren Sohn hier beweinen. Natürlich wusste sie, dass er noch
lebte und so spielte sie auf Zeit. Es war Taktik, im Tempel zu
bleiben. Gewiss, sie hätte ein paar Dinge richten können, aber
genau das wollte sie nicht. Sie wollte, dass die Medjai sich im
Zorn gegen Ardjun erhoben, sie wollte, dass er abgesetzt werden
würde. Und eines Tages würde vielleicht ihr Sohn zurückkehren
und sein Amt antreten können, wenn es keinen Ardjun mehr gab,
der ihn zum Tode verurteilen konnte. Und nun bekam sie auch noch
Besuch von Leslie, der ihr von Mr Porter berichtete. Sie war sehr
stolz, als sie hörte, was ihr Sohn in Peru getan hatte, und sehr
glücklich, dass es ihm gut ging.
In der Tat waren in Argentinien alle sehr glücklich. Emilia kam
aufgeregt eines Sonntags nach Hause und erklärte, ihre Eltern
würden sie hier zu Weihnachten besuchen. Gabriel war doppelt
froh, denn seine Großeltern wollten bereits zu seinem 5.
Geburtstag im November hier sein und dann bis zum neuen Jahr
bleiben. Gern räumte er sein Zimmer, das seine Mutter mit
Francisca bezog, da ihr und Ardeths Schlafzimmer als Gästezimmer
für ihre Eltern fungieren sollte. Ardeth hatte sich bereit
erklärt, im Tierstall zu schlafen und Gabriel hatte sich
solidarisch erklärt. Es war für ihn ein großes Abenteuer, die
Nächte zusammen mit seinem Vater bei den Pferden und Ziegen zu
verbringen.
Gabriel wurde zu seinem Geburtstag reich beschenkt. Anna und
Hermann Leyden hatten ihm eine Eisenbahn mit vielen Waggons
mitgebracht, die sie im Freien aufgebaut hatten. Natürlich waren
beide zunächst etwas überrascht, wie klein die Farm war, auf
der ihre Tochter lebte. Anna hatte sich dezent bei ihrer Tochter
erkundigt, ob es ihr auch wirklich an nichts fehle. Doch als das
ältere Ehepaar sah, wie sehr Ardeth und Emilia zusammenhielten
und wie herzlich sie miteinander umgingen, waren sie bestärkt,
dass die beiden den richtigen Weg gewählt hatten. Auch mit Senor
Gomez verstanden sie sich prima. Von Nina berichteten sie, dass
sie Ende Mai ihr erstes Kind erwarten würde.
Unser drittes Enkelkind!, sprach Anna gerührt,
während sie die dreijährige Francisca auf dem Schoß liebkoste.
Ihr seid lange nicht in Buenos Aires gewesen,
erinnerte Hermann, warum nutzt ihr nicht die Gelegenheit
und besucht uns zur Geburt von Ninas Kind? Sie wird es auch
gleich taufen lassen.
O fein, begeisterete sich Emilia, ich würde so
gern wieder in die Großstadt kommen!
Ardeth hatte zwar keine guten Erinnerungen an ihren letzten
Aufenthalt, doch stimmte Emilia zu.
Dann könnt ihr doch auch gleich Gabriel in Buenos Aires
lassen, schlug Anna vor und Hermann Leyden rutschte auf
seinem Stuhl auf der Veranda hin und her, als wäre ihm auf
einmal unbequem. Gabriel guckte seine Großmutter mit großen
Augen an.
Gabriel? Wieso?, wollte Emilia wissen.
In einem Jahr wird er sechs Jahre alt. Es wird Zeit, dass
er eine ordentliche Schulbildung erhält. Erinnerst du dich
nicht, Kind, was dein Schwager dir in Buenos Aires geraten hatte?
Schick Gabriel auf ein Internat! Er wird die beste Schulbildung
erhalten!
Da Emilia nicht antwortete, sondern überlegte, meinte Ardeth:
Nein, Gabriel kann auch hier zur Schule gehen.
Gabriel atmete hörbar auf.
In San Juan, mein lieber Schwiegersohn?, meinte
Hermann abwertend.
Er könnte gar nicht jeden Tag nach San Juan fahren,
Ardeth, fügte Emilia hinzu. Es ist viel zu weit weg.
So gesehen ist es vielleicht keine schlechte Idee, wenn Gabriel
in Buenos Aires ein gutes Internat besuchen wird.
Und macht euch keine Gedanken wegen des Geldes. Wir
bezahlen die Schulausbildung von Gabriel sehr gern, sprach
Anna gönnerisch und tätschelte Franziska. Es gibt da ein
Internat in der Nähe unseres Domizils, ein streng katholisches.
Das wäre doch wirklich fantastisch für ihn!
Gabriel wollte nicht in ein Internat gesteckt werden und schon
gar nicht in ein katholisches. Er mochte die Bibelstunde am
Sonntag nicht gerade sehr gern. Der Pfarrer behandelte ihn von
oben herab, fand er. Er warf seinem Vater einen flehenden Blick
zu.
Gabriel ist viel zu jung, um ihn so weit weg zu
schicken, befand Ardeth und Gabriel nickte eifrig.
Ich möchte, dass er in der Familie bleibt.
Aber denk doch an seine Zukunft, Ardeth!, insistierte
Hermann. Mit einer guten Schulbildung hätte er viel
bessere Chancen. Er könnte auch diese Militärschule besuchen,
von der Don Rafael gesprochen hat. Und ihr könntet übrigens zu
ihm ziehen. Erinnert ihr euch? Er hatte es euch doch
angeboten.
Das war so ungefähr das letzte, was Emilia und Ardeth wollten.
Ja, das ist eine gute Idee, Hermännchen!, stimmte
Anna freudig zu. Die Aussicht, all ihre Lieben um sich herum
versammelt zu sehen, freute sie sehr. Nur Senor Gomez schaute
traurig drein.
Nein, antworteten Ardeth und Emilia simultan, und
letztere beendete den Satz: Wir wollen lieber hier wohnen
bleiben.
Aber was habt ihr denn hier? Hier gibt es doch nichts! Ihr
lebt hier so armselig auf dieser Farm und in Buenos Aires hättet
ihr ganz andere Möglichkeiten!, sagte Anna
leidenschaftlich.
Und denk an die Kultur, Emmy! Ich verstehe nicht, wie du so
lange ohne Konzerthaus aushalten kannst. Das war typisch
für ihren Vater: sie mit der Musik ködern zu wollen.
Ardeth überließ es Emilia zu antworten. Er wollte nicht über
Emilia bestimmen.
Ja, du hast ja recht, was die Musik anbelangt. Aber ich
kann euch doch oft in Buenos Aires besuchen. Wir haben ja jetzt
mehr Geld als noch vor zwei Jahren. Wird im Mai nicht die neue
Opern-Saison eröffnet? Dann lass uns ins Teatro Colon gehen,
Papa!
Er nickte und verstand die Absage sehr wohl.
Wir sind hier sehr glücklich, Paps, fügte sie
hinzu. Außerdem sollte Ardeth nicht in so einer großen
Stadt leben müssen. Sie könnten ihn dort finden.
Du bist doch nun schon fast sechs Jahre fort, wer sollte
dich jetzt noch suchen, geschweige denn finden?, wandte
sich Hermann an Ardeth.
Man kann nie wissen. Es ist besser, vorerst hierzubleiben.
Und Gabriel können Emilia und ich erziehen. Schreiben und lesen
kann er sowieso schon.
Oh, gab Anna erstaunt von sich. Wirklich?
Ja, erwiderte Gabriel, um zu demonstrieren, dass er
hier alles bequem lernen konnte, ich kann auch schon ein
bisschen Arabisch und sogar Hieroglyphen schreiben!
Hermann bekam glänzende Augen. Sag mal, Ardeth, kannst du
mir nicht auch noch mehr von dieser Schrift beibringen?
Ardeth hatte ihm bereits seinerzeit in Buenos Aires einiges
gezeigt.
Wenn du möchtest, gern!, antwortete Ardeth, der
erleichtert war, dass das Thema Internat damit erst mal vom Tisch
war.
Am Abend lagen Gabriel und Ardeth eng aneinander gekuschelt auf
ihren Decken im Heu. Bere, die älteste Ziege, hatte sich daneben
gelegt.
Danke, Papa, dass ich nicht ins Internat muss! Die
Worte kamen Gabriel von Herzen. Ardeth streichelte über seinen
Kopf.
Vielleicht haben deine Großeltern aber gar nicht so
Unrecht. Du hättest bessere Chancen, wenn du eine Schule
besuchen würdest. Ich denke, du solltest nach Buenos Aires
gehen, wenn du etwas älter bist. So in vier Jahren vielleicht.
Bis dahin kannst du von deiner Mutter und mir lernen. Vielleicht
gibt es ja eine Prüfung, die du ablegen musst, um zur höheren
Schule zu gehen. Ich werde mal deinen Großvater fragen. Er kann
sich dann erkundigen und uns im Mai alles erzählen. Was denkst
du?
Ich weiß nicht...
Du bist dann ja schon älter. Und du könntest bei deinen
Großeltern wohnen, würdest die Schule nur tagsüber
besuchen.
Und ihr?
Mal sehen, was die Zukunft bringt, Gabriel. Aber falls wir
immer noch hier leben, kommen wir dich oft besuchen. Allein schon
wegen Mama. Sie besucht doch so gern das Theater.
Wo bleibt sie eigentlich? Sie kommt doch sonst jeden Abend
hierher!
Ardeth musste schmunzeln. Emilia hatte noch keinen Abend
ausgelassen, um sie beide im Stall zu besuchen und um zu schauen,
ob es ihnen dort auch gut gehe. Dann legte sie sich für
gewöhnlich eine Weile zu ihnen, sprach mit ihnen über den Tag
und sang zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied.
Siehst du die Laterne? Da kommt sie schon!, erwiderte
Ardeth, und kurz darauf betrat Emilia in ihrem weißen langen
Nachthemd die Scheune.
Na, wie geht es euch? Ihr guckt ja so
verschwörerisch!
Wir müssen dir was erzählen, Emmy! Komm, leg dich zu
uns!
Emilia streichelte der alten Ziege über den Kopf, reichte ihr
einen Keks, gab die anderen ihren beiden Männern, die sich
dankbar über das Betthupferl hermachten und legte sich neben
Gabriel, der sich nun in der Mitte seiner Eltern befand und sich
dort sehr geborgen fühlte. Ardeth erzählte, wie er sich
Gabriels Ausbildung vorstellte und Emilia war beruhigt, denn ihre
Eltern waren nicht sehr froh darüber gewesen, dass Gabriel nicht
das Internat besuchen sollte.
Wir müssen jetzt aber deinen Großeltern zeigen, wie gut
du hier lernen kannst, ja?, sagte sie zu ihrem Sohn.
Gabriel sah seine Mutter fragend an.
Du wirst ab morgen auf der Veranda sitzen und Aufgaben
erledigen, okay?
Gabriel nickte. Über seinen Kopf hinweg lächelten sich Ardeth
und Emilia an.
Gabriel war damit sehr einverstanden und erledigte all seine
Aufgaben. Oftmals saß sein Großvater daneben und paukte die
Hieroglyphenschrift.
Als einmal Emilia ihnen Gläser mit köstlichem Limonensaft
brachte, meinte sie lachend zu Ardeth, der die Aufgaben rechts
und links überwachte:
Wie ein richtiger Lehrer, Ardeth!
Die Zeit mit den Großeltern verging schnell. Zu Weihnachten
saßen sie draußen auf der Veranda an einem festlich gedeckten
Tisch. Die Frauen hatte das Festessen lange vorbereitet. Die
Leydens sangen auf Deutsch Weihnachtslieder. Senor Gomez standen
die Tränen in den Augen vor Rührung. Gabriel las aus der Bibel
die Weihnachtsgeschichte vor. Herr Leyden erkundigte sich bei
Ardeth, ob ihm Jesus bekannt sei.
Jesus? Natürlich, Hermann.
Und Gabriel fühlte sich beflügelt zu erzählen, was er von
seinem Vater erfahren hatte.
Jesus' Eltern sind doch nach Ägypten geflohen. Sie haben
dort Vorfahren von Papa getroffen. Sie haben in Alexandria gelebt
und...
Ähm, Gabriel, unterbrach ihn Ardeth,
vielleicht nicht heute Abend.
Doch die Leydens sahen ihn bereits mit geöffnetem Mund an,
während Senor Gomez still in sich hineinlachte, denn er war ja
einiges von Ardeth gewohnt.
Wirklich wahr?, fragte Hermann nach, der ja von der
Übersee-Reise her wusste, dass Ardeth auf eine lange
Familiengenealogie zurückblicken konnte.
Ja, meinte Ardeth und war sich nicht sicher, ob er
mehr erzählen sollte. Er warf Emilia einen unsicheren Blick zu.
Erzähle!, forderte ihn Hermann auf.
Und Ardeth berichtete sehr kurz die Geschichte von Jesus in
Alexandria, der dort mit den mystischen Lehren der alten Ägypter
vertraut gemacht worden ist.
Und dieser Kharethamun Bay und er sind Freunde
gewesen?
Ardeth nickte und Gabriel verkündete stolz:
Kharethamun ist der 48. Bay gewesen. In Papas
Familie.
Anna Leyden schaute den Jungen erstaunt an Blick, und der fühlte
sich bemüßigt ihr zu erklären, dass sein Vater ihm die
Reihenfolge immerhin schon bis 60 beigebracht hatte. Emilia warf
Ardeth einen fragenden Blick zu, und der fühlte sich
verpflichtet, ihr zu erklären, dass er Gabriel so die Geschichte
beibringen würde. Das wäre einfacher. Doch Emilia ahnte, dass
Ardeth so fest in seiner Tradition lebte, sein Familienerbe
wenigstens verbal weiterzureichen, dass er gar nicht anders
konnte. Und Gabriel hing ja sowieso an seinen Lippen.
Die Römer waren ja nicht nur in Isreal gewesen, sondern
auch in Ägypten. Sie waren die Besatzungsmacht. So hatte man
einige Medjai nach Norden geschickt, um nachzuschauen, was die
Römer da so treiben.
Alexandria war damals der politische Hauptsitz,
fügte Ardeth hinzu.
Anna und Hermann staunten über Gabriel. Der Junge war erst 5 und
wusste sich bereits gut auszudrücken. Emilia fing die Blicke
ihre Eltern auf und meinte, dass eine Erklärung nötig sei.
Gabriel verbringt viel Zeit mit seinem Vater auf den
Feldern.
Und Senor Gomez erzählt ihm viel über die Geschichte
Argentiniens und Spaniens, rechtfertigte sich nun Ardeth,
dessen Erziehung ganz und gar nicht einseitig war, denn Gabriel
konnte früh lesen, schreiben, rechnen, und wusste sich
rudimentär in Englisch und Arabisch auszudrücken. Am meisten
liebte er aber die Reitstunden. Er ist sehr
wissbegierig.
Gabriel sollte später auf jeden Fall zur Universität
gehen, meinte Hermann Leyden. Dann sah er Ardeth an.
Soso, der 48. Bay kannte also Jesus von Nazareth. Gibt es
noch mehr solcher Familiengeheimnisse?
Ja, es gibt viele, Hermann, erwiderte Ardeth,
aber wenn ich die alle erzähle, ist Ostern und die Kinder
kommen nicht mehr zum Auspacken ihrer Weihnachtsgeschenke.
Sie lachten und Franziska stieß ihren Bruder in Erwartung der
bunten Pakete an. Noch nie hatten sich so viele Päckchen unter
der Araucana-Tanne, die rechts neben der Veranda stand,
angehäuft.
Die Leydens bedauerten, als ihre schöne Zeit bei Emilia und
Ardeth zu Ende ging. Sie freuten sich jedoch auf ein baldiges
Wiedersehen.
Lady Leyrah Bay hielt Hof. Zu ihr waren die Damen Nefer
Meranmose, ihre Mutter Lady Mahu und ihre Schwiegermutter, Lady
Meranmose senior, gekommen. Höchst aufgeregt sprachen sie auf
Leyrah an. Anlass war eine Antrag von Lord Ismail Bay aus dem 12.
Stamm, der eine Ehe mit der 18jährigen Karan Meranmose
wünschte, dem dritten Kind der Meranmoses, Gatyreths jüngere
Schwester.
Unmöglich ist das!, befanden die Damen einhellig.
Nun hatte Ismail ja eine Frau, aber diese hatte ihm soeben das
vierte Töchterchen geschenkt. Kein Erbe in Sicht! Nach
islamischen Recht konnte er sich weitere Ehefrauen nehmen, sofern
die erste damit einverstanden war, doch bei den Medjai war es
gänzlich unüblich, mehr als eine Ehefrau zu haben. Die einzige
Möglichkeit, die auch nur einem Bay-Erben gewährt wurde, wäre,
sich von der ersten Frau zu scheiden und eine andere zu heiraten,
vorausgesetzt, die Ehe bliebe kinderlos oder die Frau bringt
mindestens drei Mädchen, aber keinen Knaben zu Welt. Die Linie
der Bays musste erhalten bleiben, daher diese Ausnahme, die sonst
niemandem gewährt wurde. Eine Scheidung war in Adelskreisen
nicht üblich. Die Geradlinigkeit der Prestige-Genealogien, die
in vielen Familien 2000 Jahre und älter waren, hatten vor allen
Verwirrungen Vorrang. Heiratspolitik war unter den Medjai ein
höchst kompliziertes Thema. Und nun schickte sich ausgerechnet
der Bay-Erbe an, die Tradition zu brechen und Unmögliches zu
verlangen. Leyrah lächelte in sich hinein. Nein, die Medjai
auseinanderbringen würde Ismails Vorhaben nicht. Dazu waren sie
ihrer Aufgabe in der Wüste viel zu sehr verpflichtet. Aber es
würde Zwist säen, es würde Ismail in Ungunst bringen. Deshalb
sah sich Leyrah auch nicht veranlasst, in den 12. Stamm zu reisen
und ihren Schwiegervater zu warnen, diesem Schritt zuzustimmen.
Sie ahnte, dass sich Nefrar durchgesetzt hatte. Sie ahnte auch
das Motiv.
Eine Kriegerin einem gewöhnlichen Mädchen zu
unterstellen!, schimpfte da auch schon Nefer.
Fatima Bay war zwar kein gewöhnliches Mädchen als Tochter von
Lord Fajum, doch nicht traditionell ausgebildet worden. Die
regierende Lady Bay würde also erstmalig keine Kriegerin sein,
und die zweite Frau Ismails hätte sich der ersten, eigentlich
nicht für würdig erachteteten, zu fügen.
Ich werde mich weigern, mein Kind diesem ... Die
ältere Lady Meranmose wagte nicht, Ismail zu beleidigen. Zu sehr
waren die Medjai dem Gehorsam gegenüber den Bays auch innerlich
verpflichtet. ... Lord Ismail Bay zur Frau zu geben!
Das könnt Ihr nicht, entgegnete Leyrah. Es
wäre ein zu großer Affront. Ich schätze, mein Schwiegervater
hat sich bereits einverstanden erklärt?
Natürlich hat er das, meinte Lady Mahu. Er
möchte endlich Erben sehen! Ich verstehe nur nicht, warum er
diese Fatima nicht zu ihren Eltern zurückschickt.
Leyrah wusste, warum. Ismail wollte sich durchsetzen und die
Medjai-Gesellschaft nach seinen Vorstellungen reformieren. Wenn
er erst einmal Lord Bay sein würde, dann hätte er freies Spiel.
Leyrah wusste, dass es sehr gefährlich war abzuwarten, denn wenn
ihr Schwiegervater jetzt sterben würde, hätte sie verloren. Sie
wusste, es gab nur eine Möglichkeit, die Medjai in Aufruhr zu
bringen, und das war, wenn ihre Aufgabe durch einen unfähigen
Lord Bay bedroht war. Ismail würde bei seiner Thronbesteigung
nicht zögern, Leyrah zu eliminieren, das wusste sie. So blieb
ihr nichts anderes übrig, als ihren Schwiegervater in Diskredit
zu bringen. Aber jetzt noch nicht. Erst einmal mussten die in
Stamm 12 verbliebenen Bays selbst an dem Stuhl sägen, auf dem
sie saßen. Im Moment taten sie es zu Leyrahs Zufriedenheit. Gut,
es tat ihr um die junge Karan leid, der sicherlich schwere Zeiten
bevorstanden, und für einen Moment fiel ihr das Los der
unglücklichen Farani Setlata ein, das sie zu verantworten hatte.
Wieviel Schuld musste sie noch auf sich laden? Doch für Leyrah
gab es nur ein Ziel, nämlich das Wohl der Medjai und die
Fähigkeit, ihre Aufgabe weiter wahrnehmen zu können. Sie
hoffte, dass früher oder später etwas geschehen würde, was
dazu führte, Lord Ardjun Bay nicht länger als Anführer zu
dulden. Wenn nicht, musste sie nachhelfen, was ihr allerdings
widerstrebte. Wen oder was opfern, um ihrem Ziel nahe zu kommen?
Sie dachte Tag und Nacht darüber nach. Die drei Damen schickte
sie jedenfalls ratlos nach Hause, ihnen erklärend, dass sie auch
nichts tun könne und durch den Fall ihres Sohnes kein Gehör
mehr bei Ardjun hatte. Sie stellte sich selbst als Opfer dar.
Sicher, sie hätte Ardjun durchaus noch beeinflussen können und
wusste, dass er inbrünstig hoffte, dass sie zurückkehren
würde. Sie zurückzubefehlen wäre für ihn aber zu blamabel
gewesen. Leyrah hoffte, dass sie das Spiel mit der Zeit gewinnen
würde.
Der Protest der Medjai-Damen verhallte. Nefrar setzte sich durch
und führte ihrem Sohn eine zweite Frau zu.
Es ist wie zu den unglückseligen Zeiten von Sethnemeth und
Amunparseth!, schimpften die Medjai, aber fügten sich brav
dem Befehl von Ardjun Bay.
In Buenos Aires hatte Nina mit den Launen ihres Ehemanns zu
kämpfen, wie ihrer Schwester schnell ersichtlich wurde. Sie
hatte bereits entbunden, als die Garadhs in der Großstadt
eintrafen. Don Rafael war Vater eines Mädchens. Emilia und
Ardeth besuchten die junge Familie nur in Begleitung der Leydens,
denn beide hatten unangenehme Erinnerungen an ihren letzten
Aufenthalt und wussten nicht so recht, wie sie sich gegenüber
Don Rafael verhalten sollten. Doch Don Rafael spielte wie immer
den Überlegenen.
Oh, Senor Garadh Bay, begrüßte er Ardeth, der sich
nichts anmerken ließ, denn diese Begrüßung verriet, dass sein
Schwiegervater ein wenig zu viel geplaudert haben musste.
Tatsächlich hatte es Don Rafael gegenüber Hermann Leyden
niemals unterlassen, geringschätzig über Ardeth zu reden, und
irgendwann war diesem der Geduldsfaden gerissen und er hatte
darauf verwiesen, dass der Beduine auf eine lange
Familiengeschichte zurückschauen konnte. Don Rafael hatte die
Demütigung nicht vergessen, die Ardeth ihm beigefügt hatte.
Außerdem war er neidisch, denn Emilia hatte einen Sohn geboren.
Er warf einen lüsternen Seitenblick auf Emilia, der ganz
ungenehm zumute war. Senora Leyden de Garadh Bay, meine
liebe Emilia, er gab ihr einen Handkuss und schielte dabei
offensichtlich in ihren Ausschnitt. Sie würde keine einzige
Sekunde mit ihm allein sein wollen. Danach besuchten sie Nina in
ihrem Schlafzimmer. Don Rafael hatte kein Verlangen, dabei zu
sein und entschuldigte sich mit einer Ausrede.
Nina lag noch zu Bette. Sie war sehr blass, aber freute sich
riesig über den Besuch ihrer Schwester. Ardeth spielte mit dem
Baby, während Anna ihrer Tochter feuchte Tücher auf die Stirn
legte. Hermann hatte sich auf einem bequemen Sessel
niedergelassen, auf seinem Schoß saß mal wieder die
anhängliche Francisca. Gabriel stand bei seiner Tante, die ihn
wehmütig anschaute.
Rafael hat sich so sehr einen Sohn gewünscht,
jammerte sie.
Aber mein Kind, besänftige sie die Mutter,
beim nächsten Mal. Ihr seid doch noch so jung. Gott wird
euch noch viele Kinder schenken.
Emilia sah Nina an, dass sie sehr unglücklich sein musste, und
es lag bestimmt nicht nur daran, dass sie nur einer Tochter das
Leben geschenkt hatte. Nina betonte ihr gegenüber einmal zu oft,
wie glücklich sie an der Seite Don Rafaels sei und wie sehr sie
es genoss, im Rampenlicht der adligen Kreise zu stehen. Emilia
ahnte, dass der Preis für all diesen Luxus sehr hoch sein
musste. Sie wusste nicht, ob sie es wagen sollte, mit Nina
darüber zu sprechen, ob sie die Fassade einreißen sollte, die
Nina so verzweifelt aufrecht zu halten versuchte. Was konnte
Emilia denn schon ausrichten? Sie würde bald wieder zurück nach
San Juan fahren. Es tat Emilia in der Seele weh, ihre Schwester
so vor sich zu sehen. Doch sie hoffte, dass das Kind ihr Trost
sein würde. Und wer weiß? Vielleicht würde sie ja in Don
Rafaels Achtung steigen, wenn sie einem Sohn das Leben schenken
würde. Sie sah zu Ardeth herüber, dessen lange Haare Ziel des
Babys geworden waren, das danach griff und sich soeben darin
festgekrallt hatte. Wie gut sie es mit ihm hatte! Ihr
Lebensstandard war zwar im Gegensatz zu Ninas geradezu primitiv,
aber sie waren glücklich.
Doch Emilia genoss auch den Luxus der Tage in Buenos Aires.
Natürlich luden ihre Eltern sie und Ardeth ständig in
irgendwelche schicken Cafès ein, in denen das neue Modegetränk
Schokolade serviert wurde. Eines Tages kam Hermann Leyden
aufgeregt nach Hause und wedelte mit vier Billets. Er hatte
Opernkarten für das Teatro Colón erstanden. Seine Augen
glänzten vor Freude, als er verkündete, sie würden den
Parsifal spielen. Emilia und Anna waren sofort Feuer
und Flamme.
Und jetzt ratet mal, wer die Titelrolle singt! Er
ließ ihnen keine Zeit zum Raten. Walter Kirchhoff!
Nein!, riefen die beiden Frauen aufgeregt. Sie
schienen den Sänger gut zu kennen. Ardeth beobachtete das
Verhalten der beiden amüsiert.
Doch!, sprach Hermann. Genau der! Wie in
Bayreuth vor 8 Jahren.
Ein kurzes Schweigen entstand. Sie gedachte des Besuches ihrer
letzten Festspiele in Deutschland und hatten alle drei sichtbar
Heimweh. Hermann war aber viel zu glücklich, als jetzt zu
trauern.
Und alle anderen Sänger kommen auch aus Deutschland! Der
Dirigent auch! Und sie singen natürlich in Deutsch.
Er erzählte ihnen alle Einzelheiten. Emilia rief mittendrin:
Ich habe ja gar nichts anzuziehen! Und Ardeth warf
ihr einen fragenden Blick zu, was sie damit wohl meinte. Hermann
erklärte, sie solle sich am nächsten Tag etwas Schönes in der
Stadt aussuchen und Emilia war sehr glücklich.
Spät am Nachmittag kehrten die Frauen zurück. Emilia hatte auch
für Ardeth etwas Passendes gekauft, der ihre aufgeregten
Vorbereitungen vergnüglich zur Kenntnis nahm. Er musste den
schwarzen Anzug gleich anprobieren und fühlte sich wie immer
etwas beengt darin. Gabriel und Francisca hatten Spielzeug
erhalten und waren damit vollauf beschäftigt.
Am nächsten Tag war es soweit. Die Oper sollte recht früh
beginnen, da sie länger dauern würde. Hermann hatte Ardeth eine
spanische Übersetzung besorgt, die sich dieser aufmerksam
durchgelesen und festgestellt hatte, dass er diesen Gamuret,
Vater von Parsifal, aus seiner eigenen Familiengeschichte kannte.
Aber er behielt es für sich. Jetzt war keine Zeit für lange
Familiengschichten.
Emilia hatte sich ein schwarzes langes und zweifelsohne sehr
elegantes Kleid gekauft und Ardeth fiel auf, dass auch Hermann
und Anna schwarz trugen. An dem Abend stellte er auch noch andere
Parallelen zu seinem fernen Zuhause fest. Parsifal
wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis.
In Ägypten spitzte sich die Lage immer mehr zu. Nun äußerten
mehrere Anführer laut Kritik an Ardjuns Vorgehensweise. Die
Südstämme überlegten, ob sie nicht einen neuen Anführer
wählen sollten. Leisteten sie zunächst nur indirekt Widerstand
gegenüber Ardjun und Ismail, indem sie sich zu Treffen
entschuldigen ließen, gingen sie nun zu aktiver Kritik über.
Sie forderten ihn auf, seine Wahl des Erben zu bedenken, sie
sagten ihm offen, dass sie Ismail für unfähig hielten und dass
sie nicht bereit waren, das Erbe der Medjai durch jemanden wie
Ismail zu gefährden. Einige ältere Anführer gaben jedoch zu
bedenken, dass in der Geschichte der Medjai nicht immer
kompetente Anführer am Werk waren und dass man auch das
überleben würde. Doch Ismail war ihnen allen zu fanatisch und
Ardjun wurde von manchen als Speichellecker des Königs
verspottet. Würde er noch fähig sein, ihre Unabhängigkeit zu
wahren?
Als es am 22. November 1922 zur Öffnung des Grabes von
Tutenchmun durch Howard Carter kam, hatte Ardjun völlig
verspielt. Sie wollten ihn zur Abdankung zwingen. Nun war der
große Moment von Leyrah gekommen. Sie reiste nach Norden
zum 12. Stamm.
Ardeth hatte in San Juan an einem Rodeo teilgenommen. Er war
bereits mehrmals mit Emilia in die Stadt gefahren, hatte seine
Zurückhaltung abgelegt, worüber Emilia sehr glücklich war. Als
er sah, wie die Rancheros von den Pferden purzelten, stand er mit
leuchtenden Augen vor der Koppel. Ein Gaucho sprach ihn an, ob er
sich trauen würde. Es gab sogar ein Preisgeld. Ardeth gewann es,
tätschelte das Pferd und hatte sich im Handumdrehen die
Anerkennung der Anwesenden gesichert.
Sie könnten San Juan bei dem großen Rodeo in Mendoza
vertreten, baten ihn die Gauchos. Emilia fand das zu
gefährlich. Sie hatte Angst, er könnte vom Pferd fallen,
woraufhin Ardeth ihr versicherte, er hätte auch ganz gut Reiten
gelernt.
Ja, das weiß ich doch, aber Rodeo ist etwas anderes!
Doch auch Senor Gomez fand die Idee mit dem Rodeo gut, denn er
hatte sich schon oft Gedanken gemacht, ob die Bewohner dieser
Region jemals Ardeth akzeptieren würde. Nun bot sich doch eine
prima Gelegenheit. Also vertrat Ardeth San Juan im Rodeo und
gewann. Die Freude war überschwänglich, Gabriel war sehr
stolz auf seinen Papa. Endlich einmal konnte er mit ihm in der
Kinderbibel-Stunde angeben.
So besuchte Ardeth nun regelmäßig die Stadt, unternahm mit
Emilia und den Kindern auch Ausflüge in die Natur, wenn es die
Zeit erlaubte und führte ein rundum zufriedenes Leben. Nur
manchmal musste er an Parsifal denken und die
Erinnerung an die Prophezeiung kam ihm wieder.
Einmal hatte er einen Alptraum und erwachte schweißgebadet. Er
stand auf und ging zum Fenster, sah zu den Sternen. In seinem
Traum hatte er die Gräber der Könige im Großen Ort gesehen.
Tags darauf erreichte sie ein großes Paket aus Buenos Aires,
gefüllt mit Geburtstagsgeschenken für Gabriel und einer sehr
aktuellen Zeitung.
Nein! Das darf doch nicht wahr sein!, rief Ardeth
laut und alle, die auf der Veranda um das Paket herum versammelt
waren, schauten zu ihm herüber. Er hielt die Zeitung, auf deren
Titelseite die Überschrift prangte Sensationsfund in
Ägypten und darunter Das Grab des Tutenchamun
entdeckt. Senor Gomez stand links neben Ardeth und schielte
hinüber. Ardeth setzte sich und las den Artikel, während Emilia
zu ihm hintrat und die Hand auf seine Schulter legte. Maria
brachte die in Papier verpackten Geschenke fort und meinte zu
Gabriel: In drei Tagen, mein Junge! So lange wirst du wohl
noch warten können.
Ardeth brauchte eine Weile, um etwas sagen zu können. In der
Zwischenzeit lasen auch Senor Gomez und Emilia den Artikel. Sie
wunderten sich, warum Ardeth so aufgebracht wirkte.
Hier steht, dass die gefundenen Schätze ins Museum
gebracht werden sollen, meinte Emilia und versuchte das
Gespräch zu suchen. Das ist doch gut, nicht wahr?
Das Grab hätte nie gefunden werden dürfen, murmelte
Ardeth, der den Kopf inzwischen mit seinen Händen stützte.
Es liegt ein Fluch auf ihm.
Emilia und Senor Gomez sahen sich einander vielsagend an.
Niemand wusste von seiner Lage, es war gut verborgen.
Jemand muss den Ort verraten haben.
Ardeth wusste, dass es nur ein Medjai verraten haben konnte.
Seine Gedanken überschlugen sich. Und schließlich gelangten sie
zu dem Punkt, an dem er sich fragte, was wohl passieren mochte,
wenn sie auch noch Hamunaptra verraten würden.
Im 12. Stamm eskalierte die Situation. Ardjun wurde von den
anderen herbeigeeilten Anführern beschuldigt, die Lage des
Grabes von Tutenchamun verraten zu haben. Wüst beschimpften sie
ihn, ob er denn wisse, was er damit angerichtet hätte. Ardjun
versuchte sich zu verteidigen, er hätte die Lage nicht verraten.
Ihr habt es wegen des Königs getan!, rief Lord
Rasid. Um ihm zu gefallen!
Es ist das beste, dass Ägypten seinen Nutzen aus diesen
Dingen zieht, sagte Ismail und heizte die Gemüter erst so
richtig auf.
Niemand wird Euch je folgen, Ismail Bay!, wies ihn
Lord Tirana zurecht und unterließ bewusst die Anrede
Lord.
Ich bin der kommende Lord Bay, schrie ihn Ismail
wütend an, und Ihr werdet Euch noch alle wundern!
Niemals!, erwiderte Lord Tirana. Niemals werden
wir Euch folgen! Und wenn Euer Großvater uns nicht sofort
zusagt, dass Ihr nicht der nächste Anführer werdet, dann werden
wir ihn zwingen!
Wie könnt Ihr es wagen...!, rief Ardjun dazwischen.
Der Streit setzte sich fort, bis Ardjun in seiner Ohnmächtigkeit
in sein Re-Zelt flüchtete, während die anwesenden Lords über
einen würdigen Nachfolger berieten. Sie schlugen Gatyreth vor,
der aber abwehrte, bis Lord Wyreth, der eigentlich als getreuer
Bay-Verfechter galt, ihm erklärte, sein Freund Ardeth hätte es
auch so gewollt. Gatyreth würde nichts anderes übrig bleiben,
als sich dem Votum der Fürsten zu fügen. Ihm war nicht wohl
dabei.
Im Re-Zelt wartete Leyrah, deren Ankunft Ardjun wegen der
Diskussion mit den Fürsten nicht mitbekommen hatte. Zwei
Leibwächterinnen standen ihr zur Seite, eine rechts, eine links.
Überrascht sah er sie an: Leyrah, was machst du denn
hier? Er war immer noch aufgeregt wegen des Streites.
Leyrah blieb sitzen. Als amtierende Lady Bay musste sie sich
nicht vor Ardjun verneigen. Nefrar hatte gegen sie keine Chance.
Ich bin gekommen, um die Bays zu retten.
Du!, rief er aus. Wollte sie jetzt regieren?
Ja, ich, die Mutter des künftigen Anführers der
Medjai.
Ardjun sah sie an, als sei sie von Sinnen. Was redest du
für einen Unsinn?
Lady Meranmose, sprach sie eine der Leibwächterinnen
anstelle von Ardjun an, bitte ruft Lord Leslie Bay zu
uns!
Sukar Meranmose, die ältere, noch unverheiratete Schwester von
Gatyreth, verließ das Zelt. Erst nach dem Befehl wandte sich
Leyrah Ardjun zu:
Deine Tage sind vorbei und Ismail wird niemals amtierender
Lord Bay werden. Das weißt du sehr wohl, Schwiegervater. Es gibt
nur einen Weg, dass unser Clan im Amt bleibt. Du rufst Ardeth
zurück, vergibst ihm und ernennst ihn sofort zu deinem
Nachfolger.
Ardeth? Wieso? Der ist doch tot..., stotterte Ardjun
sehr irritiert.
Nein, Ardeth lebt. Sie wirkte dabei sehr überlegen.
Leslie betrat das Zelt und freute sich sichtlich, als er Leyrah
sah, zumal sie wieder im Kriegergewand vor ihm saß. Sie war also
doch noch gekommen, um zu helfen.
Leyrah, ich freue mich so!
Jetzt erhob sich die Angesprochene und umarmte Leslie herzlich.
Ich auch, mein lieber Schwager, ich auch!
Ardjun sah von einem zum anderen und wusste nicht, was er machen
sollte.
Leslie, erzähle deinem Vater von Ardeth!, forderte
sie ihn auf. Sie wollte keine Zeit verlieren. Leslie sah sie
unsicher an, aber sie nickte ermutigend. So erzählte Leslie,
dass Ardeth die Strafe überlebt hatte und nun in Argentinien
lebte, wohin er geflohen war. Er berichtete auch, dass er von
Ardeth ungefährem Aufenthaltsort und seinem Decknamen wusste.
Kurzum, wir können ihn sicherlich leicht ausfindig machen,
Vater. Und wenn du mich fragst, solltest du den aufgebrachten
Lords da draußen ganz schnell erzählen, dass du bereit bist, um
Ardeths Willen zurückzutreten.
Ardeth lebt..., war alles, was Ardjun dazu sagen
konnte. Er musste sich erst einmal selbst davon überzeugen. Von
draußen drang Tumult. Ein Zeltwächter trat ein.
Herr, Eure Anwesenheit wird von den Fürsten
gewünscht!, richtete er Ardjun aus und wirkte sehr
unglücklich, dass er diese Botschaft überbringen musste. Ardjun
sah in irritiert an. Was machen?
Sagt Ihnen, Lord und Lady Bay kämen gleich,
antwortete Leyrah für Ardjun. Und ruft Lord Ismail Bay und
Lady Nefrar Bay, auch sie sollen anwesend sein.
Der Wächter trat hinaus und wusste, dass jetzt große
Entscheidungen anstanden.
Leslie und Leyrah blickten auf Ardjun. Der sah zu Boden, die
Gedanken kreisten in seinem Kopf: Ardeth lebt, Ardeth
zurückholen, Ardeth vergeben. Schließlich sah er die beiden an
und nickte stumm. Gemeinsam traten sie vor die Lords, die sich
unter einem breiten Baldachin versammelt hatten. Alle elf waren
gekommen und unterhielten sich aufgeregt. Als sie Leyrah gewahr
wurden, wurden sie schlagartig still. Ardjun war nun beherrscht.
Er hatte Leyrahs linke Hand ergriffen und hob sie etwas an, als
er verkündete:
Lady Bay! Damit war klar, dass sie fortan wieder die
Erste Dame sein würde. Sofort gingen die Lords in die Knie,
erleichtert, dass die große Kriegerin zurückgekehrt war. Doch
manch einer fragte sich, ob Ardjun ihnen mit diesem Schachzug
nicht Sand in die Augen streuen wollte. Nefrar war zornesrot
geworden und stand, bis sie ein zwingender Blick von Leyrah traf.
Auch sie ging in die Knie und stieß ihren Sohn an, dasgleiche zu
tun. Als alle sich wieder erhoben hatten, begann Ardjun ohne
Umschweife:
Dies ist ein freudiger Tag, meine Lords, denn ich habe
soeben erfahren, dass mein Enkel, Lord Ardeth Bay, noch am Leben
ist. Gepriesen sei Allah, der Allmächtige, der im Gottesurteil
gesprochen hat.
Fünf Sekunden war es totenstill, dann redete alle durcheinander,
während Gatyreth die Tränen von den Wangen zu laufen begannen.
Als die Lords sich einigermaßen beruhigt hatten, forderte sie
Ardjun mit einer Geste auf, ihm weiter zuzuhören.
Allah hat gesprochen und ich werde ihm gehorchen. Ich
vergebe hiermit meinem Enkel. Er ist nicht mehr vogelfrei und
kein Medjai soll jemals Hand an ihn legen dürfen.
Die Lords nickten im Einverständnis. Gatyreth weinte immer noch,
und Ismail, der die Diskussion der letzten Stunden mitbekommen
hatte, fragte sich, ob er das tat, weil Gatyreth jetzt nicht der
Anführer werden würde. Ismail selbst fühlte sich sehr
gedemütigt. Niemand traute ihm das Amt zu.
Ich wünsche, dass mein Enkel Ardeth aus seinem Exil
zurückkehrt und ich wünsche ausdrücklich, dass er, wenn er
Vergebung von mir erlangt hat, mein Nachfolger wird, nämlich der
amtierende Lord Bay, Anführer aller Medjai!
Lauter Jubel brandete auf. Leyrah lächelte freudig, Leslie
drückte sie an sich und raunte ihr zu:
Nun wird alles wieder gut.
Auf der Farm begannen die Ernteaktivitäten. Gabriel half eifrig
mit seinen sechs Jahren. Auch Francisca saß bei ihrer Mutter im
Beet und zupfte Unkraut. Ein Schmetterling erregte die
Aufmerksamkeit des Kindes. Emilia lächelte ihre Tochter an.
Niemals hätte sie gedacht, dass es ihr hier im Hinterland so
gefallen würde. Ihr Hände waren schmutzig, Ninas mit Sicherheit
nicht, aber das war ihr egal. Sie hatte einen liebevollen Mann,
wunderbare Kinder und war inzwischen gesellschaftlich angesehen.
Zwei Tage in der Woche war sie unterwegs, um Kinder auf anderen
Farmen in Fremdsprachen und Musik zu unterrichten. Gabriel durfte
sie dabei begleiten. Seit Ardeth das Rodeo in Mendoza gewonnen
hatte, war er bei den Bewohnern der Gegend angesehen. Jeden
Sonntag verkauften sie ihr Gemüse auf dem Markt und Ardeth war
fast immer mit dabei. Doch zur Erntezeit ging das nicht immer. So
blieb er am zweiten Adventssonntag zu Hause und freute sich auf
ein gemeinsames Abendessen mit der Familie. Er hatte den Tisch
auf der Veranda gedeckt, trällerte ein Lied und beeilte sich,
denn jeden Moment musste der Pferdewagen mit der Familie, Senor
Gomez, Julio, Maria und ihren beiden Kindern auf den Hof rollen.
Vorher musste er aber noch das Wasser bei den Tieren erneuern.
Als er der alten Ziege dabei über den Kopf streichelte, fiel ihm
auf einmal Bagi ein, die er als Kind so gern gehabt und die er
vorm Schlachten gerettet hatte. Ob sie noch leben würde? Und
Nachtwind, sein Pferd? Wer es jetzt wohl reiten würde? Es war
ein wunderbares Pferd gewesen! Da wieherte es... ah, der
Pferdewagen! Schnell verließ er den Stall, um seine Familie zu
begrüßen. Francisca und Gabriel liefen auf ihn zu und fielen
ihm in die Arme. Jedes Kind trug eine Kerze.
Zweiter Advent, Papa, sie sollen beim Essen angezündet
werden!, erklärte Gabriel, der sich sehr über seine
schöne rote Kerze freute.
Dona Maria hat sie ihnen geschenkt, erklärte Emilia
lachend und nahm ihren gebogenen Hut vom Kopf. Ah, ist das
heute vielleicht warm!
Julio spannte die Pferde aus und ließ ihnen freien Lauf. Sie
kamen zurück, wenn Ardeth nach ihnen pfiff. Doch bevor sie
davontobten, näherten sie sich Ardeth, der bereits zwei dicke
Möhren bereit hielt. Jedes Mal, wenn sie wiederkamen, bekamen
sie eine leckere Möhre von ihm, manchmal auch einen Keks.
Zu Weihnachten gibts wieder Keks, erklärte er
ihnen, streichelte sie, umfasste Emilias Hüfte und ging mit
seiner Familie und Senor Gomez zur Veranda. Maria, Julio und
Pablo würden folgen, wenn Maria ihre kleine Tochter ins Bett
gebracht und Julio den Wagen entladen haben würde.
Gabriel und Francisca erzählten gerade von Johannes dem Täufer,
von dem sie in der Bibelstunde gehört hatten, als das
Indio-Ehepaar dazukam und sich setzte. Julio musste lachen, denn
in der Advents- und Weihnachtszeit waren die Kinder besonders
aufgeregt. Gabriel wurde nicht müde zu betonen, dass es ein
Erzengel gleichen Namens war, der Maria die frohe Botschaft
gebracht hatte. Er war sehr stolz auf diesem Umstand. Maria und
Emilia holten das Essen, das Ardeth vorbereitet hatte und wie
jedes Mal foppte ihn Emilia mit der ironischen Frage: Oh,
kein Maisbrei?
Und ritualmäßig erwiderte Ardeth: Nein, nur zum
Frühstück!
Sie ließen es sich schmecken und scherzten, Emilia und Senor
Gomez übertrafen sich im Tratsch über die Bewohner San Juans,
insbesondere über einige Gottesdienstbesucher, Maria schüttelte
schüchtern mit dem Kopf, die Kinder waren froh, mit den
Erwachsenen am Tisch zu sitzen und angenommen zu sein, denn sie
bezogen sie mit in ihre Gespräche ein. Auf einmal schlug sich
Julio vor den Kopf und rief: Ah, junger Padron, das habe
ich ja ganz vergessen! Er kraselte in seiner Hosentasche.
Senor Forester hat mir heute Morgen vorm Gottesdienst ein
Telegramm für Sie gegeben. Er suchte noch immer.
Davon hast du uns ja gar nichts gesagt, meinte Emilia
fast vorwurfsvoll.
Ah, Senora, ich hatte es völlig vergessen. Ich musste mich
doch beeilen, dass ich den Gottesdienst noch rechtzeitig erreiche
und da Sie schon in Ihrer Reihe saßen, konnte ich es Ihnen nicht
mehr geben. Und hinterher hatte ich es völlig vergessen.
Er reichte den kleinen Umschlag Ardeth.
Es ist aus Ägypten, meinte Senor Forester.
Ardeth warf einen unheilvollen Blick auf das Telegramm, ohne es
zu öffnen und die anderen starrten ihn.
Aus Ägypten?, fragte Emilia sehr leise.
Ardeth sah sich den Umschlag an. Er nickte. Von Onkel
Leslie.
In den ganzen sieben Jahren hatte er nicht ein einziges Mal
Kontakt zu ihm oder jemand anderem gehabt. Emilia dachte sofort
daran, dass Ardeths Onkel ihm den Tod seiner Mutter oder seines
Großvaters mitteilen wollte. Oder ging es um diese merkwürdigen
Artefakte aus Peru? Woher kannte er eigentlich die Adresse?
Hast du ihm mal geschrieben?, fragte sie.
Nein, erwiderte er tonlos und öffnete den kleinen
Umschlag. Niemand sprach, da sie ahnten, dass es keine gute
Nachricht sein konnte. Ardeth würde ihnen sicherlich gleich
mitteilen, wer verstorben war. Doch der sah wie versteinert auf
den Zettel, der ihm aus den Händen glitt.
Ardeth?, fragte Emilia immer noch leise. Was...
was ist? Ist etwas mit deiner Mutter?
Er schüttelte langsam mit dem Kopf und sah versteinert auf die
Stelle, wo zuvor sich der Zettel befunden hatte.
Ich soll zurück, brachte er hervor und in seiner
Stimme lag Unverständnis.
Zurück? Wie zurück?, entfuhr es Emilia aufgeregt.
Aber das geht doch nicht. Sie werden dich töten, wenn du
zurück gehst!
Nein, werden sie nicht. Er starrte immer noch auf die
gleiche Stelle. Mein Großvater wird mir... Er
unterbrach sich selbst, weil er es nicht glauben konnte.
...vergeben. Jetzt sah er Emilia an.
Senor Gomez nickte gefällig mit dem Kopf. Er kannte die
Geschichte von Ardjun und Ardeth.
Er ist alt, kommentierte der Senor, der auch schon
ziemlich alt war, und er wird bald vor seinen Schöpfer
gerufen. Da will er reinen Tisch machen.
Die Sache mit dem Grab des Tutenchamun war immer noch Ardeths
Hinterkopf.
Ich glaube, er kann nicht anders.
Ardeth, sprach Emilia, was bedeutet das jetzt
noch für dich? Du bist jetzt hier.
Er atmete schwer durch, bevor er antwortete. Dadurch, dass
er mir vergeben hat, kann er mich nach Hause befehlen, Emilia.
Und genau das hat er getan.
Er hat... er befiehlt...du sollst nach Ägypten
zurück?, entfuhr es ihr entsetzt, die langsam begriff,
warum Ardeth so merkwürdig reagiert hatte.
Ja, und zwar sofort. Eine Passage ist in Buenos Aires
hinterlegt.
Aber Ardeth!, entfuhr es Emilia.
Allgemeine Verwirrung herrschte am Tisch. Jeder, der Ardeth
kannte, wusste, dass er es absolut ernst meinte.
Was werden Sie tun, Senor?, fragte Julio und Furcht
lag in seiner Stimme, Ardeth könnte sie wirklich verlassen.
Ardeth sah ihn traurig an, denn ihm war der Tonfall nicht
entgangen. Ich habe leider keine andere Wahl, Julio. Ich
muss gehorchen. Einstmals habe ich einen Eid geleistet.
In Emilias Augen standen Tränen. Nein, nein, Ardeth! Du
darfst nicht gehen! Sag, dass du nicht gehen wirst. Du bleibst
bei uns, bei deiner Familie... bitte!
Senor Gomez, dessen Leben durch den Einzug der jungen Familie vor
fast sieben Jahren wieder lebenswert geworden war, blieb ruhig.
Einer mussten einen klaren Kopf behalten.
Ardeth, was würden deine Leute in Ägypten tun, wenn du
dich weigerst?, wollte er wissen.
Sie würden unweigerlich kommen, mich holen oder
mich... Er sah auf die Kinder und sprach nicht weiter. Die
Erwachsenen wussten sowieso, welches Verb am Ende des Satzes
fehlte.
Entschuldigt, sprach er weiter, aber ich
möchte mit meiner Frau allein darüber sprechen. Er stand
auf, die anderen nickten und Emilia folgte ihm ins gemeinsame
Schlafzimmer im ersten Stock. Sie setzten sich auf die Bettkante.
Emilia, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr kommt
mir in den Sinn, dass mein Großvater dazu gezwungen worden ist.
Mein Onkel muss erwähnt haben, dass ich noch lebe, und die
anderen fordern meine Rückkehr, damit nicht mein Cousin, sondern
ich der nächste Lord Bay werde.
Was?
Mein Großvater würde mir niemals freiwillig vergeben, er
muss sehr arg in Bedrängnis sein.
Schöne Familie!, schimpfte Emilia.
Ja, es ist etwas kompliziert, aber... Wie sagen,
worum er sie bitten wollte? ...aber ich würde mich so sehr
freuen, wenn du mich begleiten würdest.
Ich soll...? Sie sah ihn an. Nein! Nein,
Ardeth, das ist nicht dein Ernst!
Er sah sie durchdringend und flehend an.
Nein, ich will nicht nach Ägypten. Ich will nicht in die
Wüste. Ich will hier mit dir leben!
Emmy, ich habe keine andere Wahl. Ich muss
zurückkehren.
Du könntest dich verstecken. Lass uns irgendwohin gehen,
wo sie uns nicht finden. Ardeth, ich habe Angst vor deinen
Leuten! Was du mir da so alles erzählt hast!
Bitte sag nicht gleich nein! Bitte überleg es dir erst
einmal. Emmy, ich kann nicht so einfach hierher zurückkehren,
wenn ich erst einmal dort bin. Sicherlich werde ich erst mal
bestraft, aber später werde ich dann Lord Bay werden und kann
nicht einfach mein Land verlassen.
Wie, du wirst bestraft?, entfuhr es Emilia entsetzt.
Das wurde ja immer schöner!
Mein Großvater wird mir vergeben, aber er wird meine
Strafe nicht einfach so aufheben. Er wird sie umwandeln in etwas
anderes, um sein Gesicht zu wahren.
Ach, so wie man ihn mal ein Jahr eingesperrt hat? Nein,
Ardeth, du gehst auf keinen Fall zurück! Ich lasse das nicht
zu!
Ich habe keine Ahnung, was er machen wird. Oder was die
anderen Fürsten fordern. Immerhin habe ich mich geweigert, eine
Fürstentochter zu heiraten.
Warum wollen sie dann überhaupt, dass du zurückkommst? Um
dich endlich richtig bestrafen zu können?
Wahrscheinlich wollen sie meinen Cousin nicht als Lord Bay
haben. Vielleicht hat er schon Kinder, Söhne, aber es dauert
sicherlich zu lange, bis sie soweit sind. Da bin ich dann das
kleinere Übel. Auf einmal fiel Ardeth etwas ein. Du,
Emilia... das ist noch etwas...
Sie sah ihn an, und ein wütendes Funkeln lag mittlerweile in
ihren Augen, das sich auf seine Leute in Ägypten bezog.
Die Medjai haben ein wirklich gut funktionierendes
Kommunikationsnetz weltweit. Wenn sie erfahren, dass ich einen
Sohn habe, werden sie fordern, dass er in Ägypten
aufwächst.
Was?, entfuhr es ihr einmal mehr. Gabriel
soll... Ihr fehlten die Worte. Sie schüttelte
verständnislos mit dem Kopf. Eben noch war ihre Welt heil
gewesen und jetzt...
Wie stellst du dir das denn vor, mit uns in der
Wüste?, fragte sie gereizt. Ich kenne dein Volk und
seine Sitten doch gar nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass es
merkwürdige Dinge da in der Wüste gibt und dass man sich besser
nicht mit euch anlegen soll. Deine Leute sind mir unheimlich,
Ardeth, ich will da nicht leben müssen. Dein eigener Großvater
will dich erst töten, dann verjagt er dich, und schließlich
ruft er dich wieder zurück, um dich dann doch noch zu bestrafen.
Das ist alles so unvorstellbar.
Ardeth unterbrach sie nicht. Sein Mut schwand. Emilia würde
nicht mitkommen wollen. Er schluckte und wartete, bis seine Kehle
wieder frei war.
Gut, Emilia, wenn du nicht mitkommen möchtest, will ich
dich auch nicht dazu zwingen. Ich muss allerdings bald abreisen,
möglichst noch in den nächsten Tagen. Sage mir einfach bis
morgen, ob du hier bei Senor Gomez leben möchtest oder bei
deinen Eltern in Buenos Aires.
Er stand auf und verließ den Raum. Emilia blieb ratlos zurück.
Sie war entsetzt, dass Ardeth noch nicht einmal erwogen hatte,
selbst hierzubleiben oder eine andere Lösung zu finden. Sie
überlegte hin und her und machte Ardeth am Abend Vorwürfe,
wieso er nicht einfach nein sagen konnte und ob denn
die Sache in Ägypten wichtiger sei als ihr Leben hier. Auch die
Kinder waren betrübt. Sie spürten, dass ihre Eltern sich
wohlmöglich trennen würden, und weil es so plötzlich kam, war
es umso schlimmer für sie. Senor Gomez selbst war sehr betrübt,
dass Ardeth fort gehen würde, doch er nahm sich Emilia zur Seite
und erklärte ihr, dass Ardeth zu seinem Eid wohl stehen müsse.
Er ermunterte sie selbstlos, mit Ardeth zugehen.
Nein, Senor Gomez, erwiderte sie, ich kann
nicht! Ich muss an meine Kinder denken. Sie sollen schließlich
religiös erzogen werden. Was würden meine Eltern sagen, wenn
ich die Kinder an einen Ort bringen würde, wo es keine Kirchen
gibt? Gabriel hat ja bald seine Erstkommunion!
Ich weiß, liebe Emilia, dass dir die Kirche sehr wichtig
ist. Ich habe ja selbst unsere Sonntagsausflüge nach San Juan in
die Kirche genossen. Und gerade, weil du so kirchlich eingestellt
bist, solltest du mit Ardeth gehen.
Emilia sah ihn verärgert an, doch der Senor sprach gleich
weiter:
Schau, in der Bibel steht, dass du deinem Mann folgen
sollst. Du sollst ihm zur Seite stehen, in guten wie in
schlechten Tagen. Das habt ihr einander versprochen. Wenn dein
Mann nun wünscht, dass du mit ihm gehen sollst, dann musst du
das als gläubige Katholikin auch tun, auch wenn es nicht leicht
wird.
Emilia war rot geworden. Senor Gomez hatte ihr noch nie eine
Moralpredigt gehalten. Doch auch sie erinnerte sich an die Worte
der Sonntagspredigt. Der Gehorsam der Frau gegenüber ihrem Mann
war eines der Lieblingsthemen des alten Pfarrers.
Ardeth konnte übrigens in all den sieben Jahren keine
Moschee besuchen. Hat er sich jemals darüber beschwert? Und
kannst du nicht zu Gott beten, auch wenn keine Kirche vorhanden
ist?
Und die Kinder?, erwiderte sie, fast schon patzig.
Nein, Senor Gomez, sie werden dort nicht in Gottes Sinne
aufwachsen können. Ich kann das nicht zulassen.
Damit war für sie das Thema erledigt, zumindest gegenüber Senor
Gomez. Vor sich selbst hatte sie durchaus ein schlechtes
Gewissen, Ardeth allein gehen zu lassen. Doch sie redete sich
ein, es wäre für die Kinder das Beste. Schließlich teilte sie
Ardeth mit, dass sie bei ihren Eltern wohnen wolle. Gabriel
konnte so wenigstens eine gute Schule besuchen. Ardeth wollte sie
nicht noch einmal darauf hinweisen, dass Ardjun möglicherweise
Spione auf ihn angesetzt hatte, die leicht herausfinden konnten,
dass Ardeth einen Sohn hatte, der dann zwangsläufig nach
Ägypten geholt werden würde. Ardeth wusste, dass er keinen
Einfluss darauf haben würde, wenn es sich Ardjun erst einmal in
den Kopf gesetzt hätte. Er selbst nahm sich vor, über seine
Familie zu schweigen, denn er wollte ihnen nicht noch mehr weh
tun. Das würde schwierig werden, denn man würde ihn zu Hause
bestimmt gleich verheiraten wollen. Jetzt galt es, alles auf der
Farm zu organisieren. Julio und er holten die Indios zu sich, die
schon so oft ausgeholfen hatten. Sie würden fortan auf der Farm
leben. Julio und Maria sollten zu Senor Gomez ins Haus ziehen und
die Farm führen. Sie alle waren sehr traurig, denn ihr
fröhliches Leben mit Ardeth und Emilia fand ein jähes Ende.
Ardeth schenkte Julio seine vielen Anzüge und seine Kleidung,
die er nun nicht mehr benötigen würde. Einzig eine Hose, Hemd
und Weste behielt er als Reisekleidung. Er wollte Emilia nicht
zumuten, mit ihm in dem Kriegergewand nach Buenos Aires zu
fahren. Auch die Tiere sollten auf der Farm verbleiben. Gabriel
meinte zwar, die Pferde und Ziegen auch in Buenos Aires versorgen
zu können, doch Ardeth erklärte ihm, dass die Tiere es hier
besser hätten, zumal sie ja auch Pablo ans Herz gewachsen waren.
Pablo erhielt das Spielzeug von Gabriel. Nur sein Holzpferd, das
ihm sein Vater geschnitzt hatte, und einen Fußball nahm er mit.
Beim Abschied von der Farm weinten Senor Gomez, Maria, Pablo und
die anderen bittere Tränen. Emilia versicherte ihnen, dass sie
ihnen schreiben würde, und vielleicht könnte sie sie ja mal mit
ihren Eltern besuchen kommen. Julio begleitete die Familie zum
Bahnhof in San Juan. Vor der Abreise sendete Ardeth noch ein Fax
nach Kairo, in dem er ankündigte, wann er dort ankommen würde.
In der Zeit sprach Julio auf Emilia ein, sie solle Ardeth nach
Ägypten begleiten. Es würden bestimmt schwierige Aufgaben auf
ihn zukommen und er würde ihre Fürsorge, ihre Hilfe und ihre
Liebe dort dringend benötigen. Sie könne ihn doch nicht so im
Stich lassen. Emilia erwiderte, sie würde zuvordererst an die
Kinder denken und daher in Buenos Aires bleiben wollen. Julio
meinte, die Kinder wären am glücklichsten in der Familie und
bevor Emilia antworten konnte, kam Ardeth zurück und führte sie
auf den Bahnsteig. Dort wünschte Julio ihnen alles Gute,
zweifelsohne auch mit Tränen in den Augen. Er drückte Ardeth
und ermahnte ihn, bei allem, was er tun würde, gut auf sich
aufzupassen. Julio ahnte, dass auf Ardeth in Ägypten ganz andere
Aufgaben zukommen würden, aber er war zuversichtlich, denn er
hatte ihn in Peru erlebt.
So reisten Ardeth, Emilia, Gabriel und Francisca gemeinsam nach
Buenos Aires. Die Kinder liefen durch den Zug, doch die beiden
Erwachsenen sahen schweigend aus dem Fenster. In den letzten
Tagen hatten sie kaum miteinander geredet, und wenn, dann hatte
es Vorwürfe von Emilias Seite gehagelt. Die Landschaft, die sie
so gut kennengelernt hatten, zog an ihnen vorbei. Erinnerungen an
vergangene Tage stiegen in beiden hoch: Wie sie sich durch die
Winterlandschaft kämpfen mussten und dann die Farm von Senor
Gomez fanden. Sieben Jahre hatten sie zusammengebracht.
Das verflixte 7. Jahr..., murmelte Emilia und Ardeth
sah sie irritiert an.
Och nichts, meinte sie daraufhin und sah wieder aus
dem Fenster. Sie schwiegen. Einmal musste Emilia zur Toilette.
Auf dem Gang traf sie Gabriel.
Wo ist deine Schwester, junger Mann?, herrschte sie
ihn an, denn ihre Nerven lagen blank.
Auf der Toilette da, erwiderte er und wies auf die
Tür in der Ecke. Ich warte auf sie.
Emilia strich ihm über den Kopf quasi zur Entschuldigung.
Mama, meinte Gabriel und nahm all seinen Mut
zusammen. Bitte lass uns doch mit Papa gehen! Ich will
nicht, dass er weg geht, aber wenn er es doch muss, dann könnten
wir doch mitgehen. Bitte, Mama!
Ach Gabriel, davon verstehst du noch nichts.
Aber Mama, wir könnten es doch wenigstens mal versuchen.
Vielleicht ist es dort gar nicht so schlimm, wie du es dir
vorstellst. Und falls doch, können wir doch immer noch nach
Buenos Aires zurück.
Emilia sah ihren Sohn an. Vielleicht hatte er recht, vielleicht
musste sie dem Leben dort einfach eine Chance geben. Doch wenn
man sie nicht zurückkehren ließ? Ihr waren diese Leute dort
unheimlich. Sie musste erst drüber nachdenken. Ihr fielen die
Worte von Senor Gomez und Julio ein. Würde sie ihren Mann im
Stich lassen können? Was verlangte ihr Eheeid von ihr? Musste
sie ihn nicht genauso einhalten wie Ardeth seinen Eid, der ihn
nun nach Ägypten zurück zwang?
Emilia grübelte, bis sie glaubte, die richtige Entscheidung
getroffen zu haben. Die Kinder schliefen längst auf den Sitzen
und Ardeth hielt Francisca liebevoll im Arm. Was für ein
schönes Bild!
Hör mal, Ardeth, begann sie, wenn ich
versuchsweise mitkäme, könnte ich dann nach Argentinien
zurückkehren, wenn es mir dort nicht gefällt?
Ardeth sah sie überrascht an. Du würdest... Er
schluckte den Rest gerührt herunter und überlegte.
Ich will ehrlich sein, Emilia. Es könnte sein, dass euch,
vor allem aber Gabriel, mein Großvater nicht gehen lassen
würde. Aber da sie mich ja ausdrücklich zurückbefohlen haben,
gehe ich davon aus, dass ich eines Tages ihr Anführer sein
werde, und dann würde ich dich natürlich zurückkehren lassen,
wenn du es wolltest, und auch Gabriel.
Emilia überlegte und fragte dann: Dein Großvater ist an
Gabriel gelegen?
Weil er ein Bay ist. Ein Erbe. Ich wollte es dir nicht noch
einmal sagen, aber ich glaube, er würde dich, Francisca und
Gabriel sowieso ausfindig machen und zumindest Gabriel nach
Ägypten holen. Falls du nicht mitkommen solltest, würde ich
nicht sagen, dass ich eine Familie habe, aber sehr wahrscheinlich
würde ich in eine Ehe gezwungen werden, wenn ich behaupte, ich
sei unverheiratet. Was soll ich dann tun? Ich müsste heiraten,
um mich nicht verdächtig zu machen. Emmy, es mag jetzt
vielleicht niederträchtig klingen, aber wenn du die Scheidung
möchtest, dann willige ich sofort ein. Alles so wie du es
möchtest.
Ardeth! Niemals werde ich mich von dir scheiden lassen!
Erinnerst du dich noch, wie wir uns versprochen haben, immer
zusammenzubleiben? Sie hielt inne. Was hatte sie da gesagt?
Sie schluchzte laut auf. Ich möchte mit dir immer
zusammenbleiben. Aber bitte, hilf mir, ich habe so eine Angst vor
deinem Volk. Und wenn ich eines Tages nicht mehr kann, völlig
verzweifelt bin, dann musst du mich gehen lassen, ja?
Ardeth konnte vor Freude nichts sagen, er setzte sich neben
Emilia und nahm sie in die Arme, sie hatten soeben beschlossen,
gemeinsam nach Ägypten zu fahren. Als Gabriel und Francisca
davon erfuhren, freuten sie sich über alle Maßen. Nichs war so
schlimm für sie als die Vorstellung, dass ihre Eltern sich
trennen würden.
In Buenos Aires standen sie unangekündigt vor der Tür der
Leydens, die zunächst angenehm überrascht waren. Sie hatten
noch zwei Nächte, bevor das Schiff sie über den Atlantik in
Richtung Osten bringen würde. Als Emilias Eltern davon erfuhren,
waren sie sehr traurig. Nina besuchte sie noch schnell und gab
sich gegenüber Emilia entsetzt.
In die Wüste? Zu Beduinen? In ein Zelt? Inmitten von
Ziegen? Und das mutet dir dein Ardeth zu?
Nina fühlte sich auf einmal sehr glücklich in ihrer Ehe. Ihr
Mann betrog sie offenkundig und war nicht gerade zart besaitet,
aber wenigstens führte sie ansonsten ein Leben in Luxus.
Ich kann jederzeit nach Kairo. Oder auch Luxor. Dort haben
Ardeths Leute Häuser. Und in Kairo gibt es sogar eine
Oper, tröstete Emilia ihre Angehörigen.
Anna bedauerte sehr, dass sie ihre beiden Enkel nicht aufwachsen
sehen konnte.
Komm uns besuchen, Kind!, baten sie ihre Tochter.
Und Emilia versprach es.
Pass auf meine Tochter auf!, ermahnte Hermann Ardeth
und er versprach es.
Er hatte seinem Schwiegervater nicht erzählt, was es für
Konsequenzen haben würde, wenn er nicht nach Ägypten heimkehren
würde. Emilia und er hatten alles in einem besseren Licht
dargestellt, um ihre Eltern nicht zu beunruhigen.
Ich schreibe euch, ganz bestimmt, und Papa, du wolltest
doch immer die Pyramiden sehen, also müsst ihr uns mal besuchen
kommen!
Hermann bekam ganz große Augen. Ja, ja, das werden wir
tun! Und dann schauen wir auch in Italien und Deutschland vorbei.
Was meinst du, Schatz?
Anna fand die Idee gut. Reich genug waren sie ja nun.
Ardeth überließ in den letzten Tagen Emilia ihren Eltern und
ihrer Schwester. Doch die Stunde des Abschieds kam schnell. Da
Anna um das Wohl ihrer Tochter besorgt war, hatten die beiden
ausführlich eingekauft, so dass Emilia drei große Reisekoffer
und einen weiteren für die Kinder an Bord schleppte. Ardeth
hatte sein Kriegergewand in einem davon verstaut.
Emilia, Ardeth und die Kinder winkten von der Reling Emilias
Eltern zu, als das Schiff sich aus dem Hafen entfernte. Die neue
Welt lag nun hinter ihnen.
Leslie war nach Kairo gereist, um dort alle Formalitäten zu
erledigen. Das Schiff aus Genua sollte in Alexandria einlaufen,
dort würde er Ardeth mit einer Eskorte abholen und mit ihm
sogleich per Eisenbahn nach Luxor fahren. Alle waren in heller
Aufregung, am meisten aber, so schien es, Gatyreth. Er hatte nach
der schicksalsträchtigen Versammlung nur noch Ardeths
Antworttelegramm abgewartet und war dann sofort in den 5. Stamm
geeilt, um Nefer die gute Nachricht zu überbringen.
Stell dir vor, in nur fünf Wochen wird Ardeth hier
sein!, erklärte er immer wieder voll Begeisterung.
Hat Lord Bay denn zugegeben, dass er das Königsgrab
verraten hat?
Nein, er hat es abgestritten. Ich vermute, es war
Ismail.
Ismail? Das wäre doch dumm von ihm! So lädt er doch die
Briten geradezu ein, sich noch länger und intensiver hier
umzusehen, warf Nefer ein.
Hm, du könntest recht haben. Auf der anderen Seite war ihm
ja daran gelegen, so schnell wie möglich Lord Bay zu werden. Er
hätte es vielleicht sogar geschafft.
Nein, niemals, mein Gemahl. Du wärest dann nämlich unser
Anführer geworden. Sie sah ihn prüfend an, ob sie ein
Zeichen des Bedauerns bemerkte, doch Gatyreth erklärte ihr mit
der Offenherzigkeit eines Kindes: Ich wäre es nur sehr,
sehr ungern geworden. Es steht den Bays zu. Ich hätte mich
gerade Ardeth gegenüber treulos gefühlt. Doch er lebt, und das
war die schönste Nachricht in meinem Leben!
Ja, er meinte es ehrlich. Nefer musste lachen, denn ihr fiel ein:
Und ich wäre fast zum zweiten Mal in meinem Leben die
Erste Dame geworden! Also so was!
Gatyreth musste auch lachen, dann meinte er: Wer es wohl
jetzt werden wird?
Sicher hat Leyrah schon wieder eine umfassende Planung
diesbezüglich, sagte Nefer. Und wenn dann in fünf
Wochen alle im 12. Stamm versammelt sind, wird sie sicherlich
gleich die Verlobung verkünden.
Nefer und Gatyreth sahen sich an und lachten. Alles würde so
werden wie früher.
Es ist wie früher!, schwärmte Emilia, als sie mit
Ardeth Hand in Hand auf dem Deck entlang spazierte. Siehst
du diese Bank? Sieht sie nicht so aus wie jene damals, auf der
wir uns kennengelernt haben? Wieviel Zeit ist seitdem
vergangen!
Sie genossen die Tage auf See. Gabriel und Francisca bestaunten
das große Meer. Einmal sahen sie Wale und waren ganz aufgeregt.
Gabriel durfte sogar auf die Brücke und war hellauf begeistert.
Emilia wünschte sich, dass diese Fahrt niemals vorbeigehen
würde. Hier hatte sie ihren Ardeth noch ganz für sich. Das
würde sich bald ändern. In der Tat drängte er darauf, dass
seine Familie seine Sprache lernen würde. Und als er Emilia auf
der Bank die ersten Sätze in Alt-Ägyptisch beibrachte, meinte
sie wiederum schwärmerisch:
Wie damals! Nur, dass es damals Spanisch war!
Das Schiff legte in Genua an, sehr zum Entzücken von Emilia.
Doch sie hatten nicht viel Zeit, um sich die alte Heimat von
Emilias Mutter anzuschauen. Am nächsten Morgen legte das Schiff
in Richtung Alexandria ab.
Ich bin gespannt, was uns in Ägypten erwartet,
meinte Emilia, als sie eines Abends an der Reling standen, um den
Sonnenuntergang zu bewundern.
Ich auch..., gab Ardeth zu.
Und wenn sie dich einsperren?, fragte Emilia besorgt.
Dann wird sich Onkel Leslie um dich kümmern. Die erste
Zeit wird mit Sicherheit nicht einfach werden, Emmy.
Du denkst wirklich, dass sie dich zu einer Strafe
verurteilen?
Ja, Ardeth nickte. Du kennst meinen Großvater
nicht.
Naja, aus deinen Geschichten zur Genüge. Es klang
nicht sehr hoffnungsfroh.
Er wird mich sicherlich mit den Räten des 12. Stammes
empfangen und gleich verurteilen zu irgendetwas. Übrigens,
solange er mir nicht persönlich vor Zeugen vergeben hat, so
lange gelte ich als... naja... vorgelfrei und könnte so
behandelt werden.
Wie behandelt?
Vielleicht führen sie mich in Fesseln heim.
Aber Ardeth!, gab Emilia entsetzt von sich.
Ich will nur, dass du auf alles vorbereitet bist, Emmy.
Vielleicht sind sie ja nett zu mir, weil ich später
offensichtlich der nächste Lord Bay werden soll. Aber was auch
immer Ardjun befiehlt, daran müssen sich die Krieger halten. Und
ich auch.
Du könntest ja wieder rebellieren und verbannt werden,
dann können wir nach Argentinien zurückkehren.
Prima Idee! Ich glaube aber nicht, dass sich Ardjun ein
zweites Mal zu einem Gottesurteil hinreißen lassen würde. Und
ehrlich gesagt, ich habe auch keine Lust auf ein weiteres
Gottesurteil. Mir hat das erste schon gereicht. Wer weiß, was
ihm diesmal einfallen würde! Vielleicht eine gefüllte
Schlangengrube!
Emilia musste zwar lachen, aber kam nicht umhin zu bemerken, dass
Ardeth ihr seine Heimat gerade nicht schmackhaft machte.
Werden sie mich überhaupt akzeptieren? Ich erinnere mich
an die Geschichte von deinem Großvater und dieser Claire. Das
ging doch auch nicht so ohne Weiteres.
Keine Ahnung. Ich hoffe es. Du hast mir immerhin zwei
Kinder geschenkt, nicht zu vergessen Gabriel als Bay-Erben.
Es war Emilia schon ein paar Mal durch den Kopf gegangen, dass
Gabriels Zukunft mit ihrer Reise nach Ägypten besiegelt war.
Dabei hatte er auf der Fahrt erklärt, er würde auch gern
Kapitän werden wollen, nachdem er die Brücke besichtigen
durfte. Nein, eine Wahl würde ihr Sohn nicht haben. Immerhin war
Ardeth sowieso Gabriels großes Vorbild und er liebte seinen
Vater abgöttisch. Das würde es ihm erleichtern.
Ardeth nahm sie in den Arm. Wir schaffen das schon,
Emmy.
Drei Tage später war es soweit. Das Schiff sollte in Alexandria
anlegen. Die Koffer waren gepackt. Emilia hatte sie bereit
gestellt, damit der Kabinenboy sie beim Anlegen nach draußen
tragen konnte. Während sie sich im abgetrennten Waschraum noch
frisierte, um auch ja gut vor Ardeths Leuten dazustehen, zog sich
Ardeth im Schlafraum um. Die Kinder tollten ein letztes Mal über
das Schiff. Emilia hatte ihr elegantes blaues zweiteiliges
Kostüm angezogen und einen passenden Hut auf ihre kunstvolle
Frisur gesetzt. Es fehlten nur noch die Handschuhe. Als sie zu
Ardeth trat, stand er in seinem schwarzen Gewand vor ihr. Sie
wusste, sie würde ihn von jetzt an immer so sehen und seufzte
leicht.
Als sie in die Halle traten, in der ihre Personalien kontrolliert
wurden, sahen sie schon von weitem weitere Krieger, die auf sie
warteten. Emilia konnte spüren, wie sehr Ardeth das Herz pochte.
Er schickte unaufhörlich und leise Stoßgebete zum Himmel, sie
mögen ihn nicht vor Emilia demütigen. Jetzt wo sie in Ägypten
waren, hatte er Angst davor, was passieren würde. Doch auf
einmal hellte sich seine Miene auf. Stand da nicht inmitten der
Krieger ein westlich gekleideter Gentleman? Ja, das war sein
Onkel! Aufgeregt stieß er Emilia an.
Dort, schau, das ist Onkel Leslie!
Und kaum war er durch die Kontrolle, stürmte er auf seinen Onkel
zu und die beiden fielen sich in die Arme. Emilia war mit den
Kindern gefolgt und die anwesenden fünf Medjai-Krieger wussten
nicht, wo sie zuerst hinschauen sollten. Auch Leslie warf der
jungen Frau mit den Kindern schon beim Umarmen einen Blick zu.
Sie lösten die Umarmung.
Onkel Leslie, dass du hier bist! Ardeth hatte ihn
wirklich nicht hier erwartet.
Das ist selbstverständlich, mein lieber Ardeth! Meine
Güte, bist du erwachsen geworden!, bestaunte er ihn.
Ardeth war in der Tat noch ein Stück gewachsen und der Bart tat
sein Übriges.
Und du hast Frau und Kinder!, staunte Leslie.
Achja! Ardeth hatte sich so über das Wiedersehen mit
seinem Onkel gefreut, dass er alles andere vergessen hatte.
Das ist Emilia, mein Frau, und unsere Kinder: Gabriel und
Francisca.
Leslie hauchte einen Handkuss auf Emilias rechte Hand und gab den
beiden Kindern die Hand, die sich beim Anblick der fünf Krieger
an ihre Mutter gedrückt hatten.
Du hast eine Familie!, staunte Leslie abermals.
Davon hat mir der gute Dr. Porter gar nichts erzählt. Na,
da werden sie aber alle staunen!
Ardeth nickte den Kriegern höflich zur Begrüßung zu, die
ebenso erstaunt waren wie Leslie. Er war froh, dass sein Onkel
dabei war.
Ah, die Koffer, Onkel Leslie! Wir müssen noch die Koffer
holen. Sie sollen da hinten in der Halle bereit stehen.
So holten sie die vier großen Kabinenkoffer und Leslie scherzte,
ob sich Ardeth endlich eine vernünftige Garderobe zugelegt
hätte. Dann fuhren sie zum Bahnhof, wo sie zwei Abteile im Zug
belegten: eins für die Krieger, eins für Familie Bay. Leslie
erklärte ihnen, dass sie sofort nach Luxor fahren würden.
Kein Halt in Kairo?, fragte Emilia enttäuscht.
Ich habe ihr von deiner Prachtvilla erzählt,
erklärte Ardeth. Hast du sie noch?
Ja, warum denn nicht? Mein einziges Domizil, wo ich Ruhe
finde, das weißt du doch! So etwas gebe ich doch nicht auf.
Keine Sorge, Emilia, du wirst sie sicherlich auch bald sehen und
bist dort immer willkommen.
Ardeth wurde ernst. Lebt meine Mutter noch?
Und wie sie lebt! Sie hat veranlasst, dass man dich
zurückholt. Leslie warf Emilia einen Blick zu. Ihr
habt in Südamerika ein gutes Leben geführt?
Beide nickten und Leslie war klar, dass sie lieber dort geblieben
wären.
Es tut mir leid, Ardeth, aber hier geht alles drunter und
drüber. Da sah sich deine Mutter gezwungen zu verraten, dass du
noch lebst.
Ist schon gut, Onkel Leslie. Was ist denn eigentlich mit
Ismail?
Du kennst ihn doch. Er hat sich nicht verändert. Im
Gegenteil, es ist noch schlimmer geworden. Ich erkenne ihn oft
gar nicht wieder. Er ist so ganz anders als die beiden Mädchen.
Nefrar hat ihn fest im Griff. Jedenfalls wollten ihn die anderen
absolut nicht als Anführer dulden.
Kann mir gar nicht vorstellen, dass sich dein Vater hat
erweichen lassen.
Gezwungermaßen, Ardeth. Du ahnst nicht, was hier los
war.
Ardeth nickte, sein Onkel würde ihm alles auf der Fahrt
erzählen.
Was wird mich erwarten? Ich meine, weißt du, was er mit
mir vor hat? Er wird mich doch sicherlich noch bestrafen
wollen...
Ich habe keine Ahnung, was Ardjun genau plant. Ich bin
damals gleich abgereist, als sie beschlossen haben, dich
zurückzuholen, damit du unser Anführer werden wirst. Kann sein,
dass du es gleich wirst, kann sein, dass sich Ardjun diese
Blöße nicht geben mag. Die anderen Lords würden, denke ich,
allem nachgeben und zustimmen. Immerhin haben sie ja jetzt eine
Perspektive. Ich habe wirklich keine Ahnung, was sie in den
letzten fünf Wochen alles so ausgetüftelt haben. Du kennst die
Medjai und ihre Anführer ja...
Onkel Leslie, passt du bitte auf Emilia auf, falls Ardjun
mich zu irgendetwas verurteilt?
Du meinst zum Beispiel, 5 Jahre Steinbruch?
Onkel Leslie! Ja, so war Leslie Manson. Immer noch
einen Witz auf Lager. Erschrecke Emmy doch nicht so!
Ja, ich passe auf. Sie kann dann in den fünf Jahren in
meiner Prachtvilla wohnen. Falls mein sehr verehrter Herr Vater
es natürlich erlaubt... Er sah Ardeth ernst an.
Du bist zurückgekommen, obwohl du mit einer Bestrafung
rechnest? Meine Güte, Hut ab!
Ardeth senkte sein Haupt. Ich bin sehr froh, dass mir
vergeben wird. Aber wir beide kennen Ardjun sehr gut. Er hat nie
verschmerzt, dass sein Vater ihn für ein Jahr lang eingesperrt
und von seiner großen Liebe getrennt hat. Was er mir auch antun
wird, ich werde mich nicht von Emilia trennen, Onkel
Leslie.
Ich glaube nicht, dass er dich für längere Zeit
einsperren wird, dazu braucht er dich zu sehr. Wenn, dann wird er
so was wie die 40fache anwenden oder so...
Emilia sah Leslie und Ardeth an, die offensichtlich beide
wussten, was das war.
Was ist die 40fache?, fragte sie beunruhigt, als
keiner der beiden weitersprach.
Die 40fache Vergebung, begann Leslie zu erklären,
ist eine Bestrafung, bei der der Delinquent nach jeden
Schlag mit einem elastischen Rohrstock auf den Rücken um
Vergebung bitten muss.
Das ist ja barbarisch!, schimpfte Emilia.
Ja, so sind sie..., witzelte Leslie. Aber keine
Sorge, Emmy, dein Ardeth würde das ohne mit der Wimper zu zucken
überstehen, so wie ich ihn kenne.
Ardeth drückte Emilia und fügte hinzu: Das wäre wirklich
nicht so schlimm, Emmy.
Um vom Thema abzulenken und weil es ihm schon die ganze Zeit auf
den Lippen lag, fragte Ardeth seinen Onkel: Sag mal, Onkel
Leslie, wie geht es deiner Mutter eigentlich? Hast du sie
inzwischen besucht?
Nein, leider nicht, Ardeth. Mein Vater hat es nicht
erlaubt, ich habe Ausreiseverbot. Aber sie hat sich nach dem Tod
ihres Mannes und Sohnes wieder erholt. Ich habe ihr von Kairo aus
versucht zu helfen. Wir haben viel telefoniert. Als sie erfahren
hat, was mit dir geschehen ist, hat sie mir abgeraten,
irgendetwas zu unternehmen, was Ardjun verboten hat.
Arme Claire... Es tut mir so leid, Onkel Leslie.
Mein Vater hat viel in den letzten sieben Jahren dazu
getan, unbeliebt zu werden. Früher hat deine Mutter immer die
heißen Kartoffel für ihn aus dem Feuer geholt, aber sie hatte
sich in den sieben Jahren in den Isis-Tempel
zurückgezogen.
Meine Mutter hat nicht regiert? Ardeth fiel aus allen
Wolken. Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie nach ihrer
Trauer aus dem Tempel zurückgekehrt ist. Sie kann doch gar nicht
ohne... ich meine...
Ja, ich weiß, was du meinst. Es hat uns alle sehr
gewundert. Was auch immer in Stamm 12 geschehen ist, sie hat nie
eingegriffen, und es sind merkwürdige Dinge passiert.
Leslie berichtete von den zwei Ehefrauen Ismails, von dem von
Ardjun erteilten Befehl, Grabungsaktivitäten der Briten zu
gestatten, von Artefakten und Kulturgütern, die Ardjun an den
König und an die Europäer verscherbelt hat, und zuletzt von
Howard Carter. Ardeth hörte zu, aber schüttelte unaufhörlich
mit dem Kopf.
Später berichteten Emilia und er von der Zeit in Südamerika,
von Emilias Eltern und der Farm. Auch das Abenteuer in Peru kam
nicht zu kurz. Leslie erzählte von dem kurzen Besuch von Dr.
Porter, der ihm die vier Artefakte gegeben hatte. Die Zeit im Zug
verging schnell.
In Stamm 12 waren mittlerweile alle Lords mit ihren Familien und
großem Gefolge eingetroffen. Der Ort platzte aus allen Nähten.
Die unverheirateten Krieger räumten ihre Zelte für Familie,
Notquartiere wurden aufgestellt und der elfte Stamm half bei der
Versorgung. Alle waren gut gelaunt. Noch zwei Tage!
In Luxor ließ es sich Ardeth nicht nehmen, seiner Familie den
Karnak-Tempel zu zeigen. Er war froh, dass sie von hier zum 12.
Stamm reisen würden und nicht von Abydos aus wie sonst..
Ach, wenn mein Vater nur hier sein könnte!, meinte
Emilia und bestaunte die Säulenhalle in Karnak. Gabriel
erklärte Francisca, wer der Mann war, dessen Statue in dem
ersten Vorhof aufgebaut war, und Ardeth erinnerte sich daran, wie
er und sein Vater auf der gegenüberliegenden Mauer gesessen
hatten. Sein Vater hatte ihn ermahnt, nicht weiter zu gehen. Doch
dessen Bruder Leslie war da anderer Meinung gewesen und auch
Ardeth hatte keine Probleme, dort hinein zu gehen. Nach der
Besichtigung überquerten sie per Fähre den Nil. Dann ging es
mit der Karawane weiter. Eine Nacht schliefen sie in der Wüste
sehr zu Gabriels Freude, bevor sie am nächsten Tag den
12. Stamm erreichen sollten. Am Rande der Anhöhe, von der man
den tief unten liegenden Ort gut überblicken konnte, hielten sie
an, zwangsläufig, da hier Wachen standen, die nur Medjai
passieren ließen. Ardeth blickte erstaunt hinab. Der Ort platzte
schier aus allen Nähten. Der Weg zur Tribüne war gesäumt von
Tausenden, die alle erwartungsfroh nach oben starrten.
Onkel Leslie, was ist denn hier los?, fragte Ardeth
überrascht. Dass die vielen Menschen seinetwegen gekommen waren,
wollte ihm nicht in den Kopf.
Leslie hatte der Wache gerade versichert, dass Emilia und die
Kinder dazu gehörten, und sah auch hinab, ebenfalls etwas
überrascht. Ein Pfiff entfuhr ihm von den Lippen.
Schätze, sie sind deinetwegen da, mein lieber Neffe.
Ardeth senkte den Kopf. Waren die Medjai so sensationslustig?
Wollten sie alle hautnah miterleben, wie Ardjun ihn zum zweiten
Mal verurteilte? Oder sollte es noch einen anderen Grund geben?
Er lenkte sein Pferd neben das von Emilia und reichte ihr die
Hand.
Also wie verabredet, mein Schatz. Halte dich an Leslie,
ja?
Sie nickte und warf ihm einen angsterfüllten Blick zu. Nachdem
Gabriel von Ardeths zu Leslies Pferd gewechselt war, ritten sie
weiter hinab in den Ort. Ardeth nahm schon von oben wahr,
wie voll die Tribüne war. Sogar alle Fürsten waren gekommen.
Ihm wurde ganz mulmig zumute.
Auf der Tribüne herrschte helle Aufregung, als der Trupp
angekündigt wurde, noch bevor er auf der hohen Klippe erschien.
Die letzten nahmen eilig ihre Posten ein. Ardjun und Leyrah
saßen als erste dort. Und als man dann endlich weit oben
Bewegung ausmachen konnte, grinste Gatyreth seine Frau, die neben
ihm saß, wie ein Honigkuchenpferd an.
Da ist er! Da ist Ardeth! Er ist tatsächlich
gekommen!, rief er aufgeregt.
Ardeth ritt dem Trupp voran, danach folgten nebeneinander eine
Wache, Leslie mit Gabriel, Emilia mit Francisca und noch eine
Wache, danach weitere vier Wachen nebeneinander. Natürlich
warfen die Fürsten neugiere Blicke der Frau und den Kindern zu
und Leyrah, die mit Ardjun in der Mitte des Fürstenhalbkreises
thronte, kräuselte die Stirn.
Ardeth schaute scheu nach links und rechts. Die Menschen standen
Spalier. Sie lächelten ihn an. Wenigstens waren sie ihm nicht
böse gesonnen, dachte er. Emilia sah sich verwundert die vielen
Menschen an. Die meisten Männer sahen so aus wie Ardeth,
tätowiert und im schwarzen Gewand. Die Frauen aber hatten ihre
festlichsten Gewänder angelegt, und die waren recht farbenfroh,
wie Emilia feststellte. Sie fühlte sich auf einmal in ihrem
typisch europäischen blauen Reiterkostüm etwas deplaziert.
Gabriel machte auch ganz große Augen. Sein Onkel Don Rafael
hatte Ardeths Heimat ja immer als Beduinendorf mit drei Zelten
und fünf Ziegen verspottet, wogegen sich Ardeth nie gewehrt
hatte. Aber dieser Ort hier war einfach gigantisch. Er war nur
von oben zu übersehen und außer teilweise sehr großen Zelten,
die bunt geschmückt waren, gab es auch feste Stallungen und
Magazine, große Gärten, Sportanlagen und vieles mehr. Francisca
klammerte sich einfach nur fest an ihre Mutter, sie hatte etwas
Angst vor den vielen Menschen. Leslie bemerkte Erleichterung auf
der Miene seines Vaters und wusste in dem Moment, dass alles gut
werden würde.
Nachdem die neun Pferde durchgeritten waren, schloss die Menge
den Durchlass, um das Geschehen auf der Tribüne frontal
anzuschauen. Ardeth stoppte sein Pferd etwa 50 Meter davor.
Sofort hielten auch die acht Reiter hinter ihm an, aber blieben
im Gegensatz zu ihm auf den Pferden sitzen. Ardeth stieg ab,
übergab seine Zügel einem herbeigeeilten Knaben und bedankte
sich. Das Pferd wurde weggeführt. Ardeth musste nun die letzten
Meter ganz allein gehen. Das Herz pochte ihm laut. Er wagte kaum
zur Tribüne hoch zu schauen. Doch als er in drei Metern
Entfernung vor der ersten der Stufen, die hinauf führten,
anhielt, sah er geradewegs Ardjun fest in Augen für einen
Moment, dann kniete er sich langsam nieder, auf beide Knie und
neigte das Haupt sehr tief.
Leyrah atmete auf. Ardeth unterwarf sich seinem Großvater. Der
lächelte milde und machte die Handbewegung, die Ardeth bedeuten
sollte, aufzustehen. Doch der hielt den Kopf bewusst geneigt und
blieb in der demütigen Haltung, um Vergebung zu erflehen. Sein
Großvater sollte ihn persönlich von den Knien heben müssen.
Ardjun war etwas durcheinander. Er erhob sich und sprach seinen
Enkel direkt an: Ardeth, erhebe dich!
Doch Ardeth blieb beharrlich auf den Knien. Ein Raunen ging durch
die Menge. Ardjun drehte sich um und warf Leyrah einen fragenden
Blick zu. Die hatte die kluge Geste ihres Sohnes verstanden. Sie
gab ihrem Schwiegervater per Wink zu verstehen, dass er hinab
gehen sollte, was der dann auch tat. Für Ardeth wurden die
Sekunden zu Ewigkeiten, bis er endlich die Hände seines
Großvaters an seinen Schultern spürte. Sacht zog er ihn hoch,
sah ihm in die Augen und umarmte ihn herzlich. Ardeth wusste
nicht so recht, wie ihm geschah. Mit so viel Freundlichkeit hatte
er nicht gerechnet. Unter Jubel nahm ihn sein Großvater bei der
Hand und führte ihn die Stufen zur Tribüne hinauf. Leslie
lächelte Emilia zu. Der Großvater hatte dem Enkel vergeben.
Doch Emilia schaute Leslie gar nicht an, weil sie viel zu
überwältigt von den vielen Menschen um sie herum war. Ardjun
wies die Menge per Hand an zu schweigen, während Ardeth zu
seiner Linken stand und nicht so recht wusste, wie er sich
verhalten sollte. Er hatte sein Haupt demütig geneigt und sah zu
Boden, als Ardjun sprach: Mein Enkel ist zurückgekehrt,
ich bin sehr froh darüber. Ich vergebe ihm hiermit ausdrücklich
alles, was er getan hat.
Wieder brandete lauthals Zustimmung auf. Ardeth sah kurz in die
Menschenmenge und senkte dann wieder den Kopf. Jetzt würde
Ardjun die Bedingung nennen, die Ardeth erfüllen müsste, um
wieder aufgenommen zu werden. Er atmete tief durch. Ardjun
wartete ab, bis sich der Geräuschpegel gesenkt hatte. Als er
dann anfing zu sprechen, wurde es ganz still. Jeder wollte
mitkriegen, was er jetzt sagen würde, ob er sein Wort halten
würde, dass er den Fürsten gegeben hatte. Ardjun ergriff Ardeth
rechte Hand und hielt sie nach oben.
Und mit diesen Worten danke ich ab und übergebe an meinen
Enkel Ardeth. Er sei ab diesem Augenblick der neue Anführer der
Medjai! In drei Tagen werden wir ein offizielles Fest aus diesem
Anlass feiern, doch schon ab diesem Moment ist er euer
Herr.
Ardeth sah immer noch zu Boden. Hatte er richtig verstanden? Nach
drei Schrecksekunden warf er seinem Großvater unter dem rechten
Arm hindurch einen verwunderten Blick zu. Was hatte er gesagt?
Ardjun lächelte hoheitsvoll in die Menge, deren Jubel sich zu
steigern schien. Hinter Ardeth erhoben sich die Fürsten und
gingen dann auf die Knie, und als die Menge das sah, imitierten
sie ihre Anführer. Nur Leyrah, Ardjun, Ardeth und die inzwischen
von den Pferden gestiegenen Leslie, Emilia und die Kinder
standen. Mit dem Niederknien war es schlagartig still geworden.
Ardjun hatte den Arm gesenkt und Ardeth Hand losgelassen. Er sah
seinen Enkel erwartungsvoll an. Ardeth war wie betäubt. Was
sollte er jetzt tun? Als es so still geworden war und alle auf
den Knien vor ihm lagen, realisierte er, was Ardjun soeben getan
hatte. In seinem Kopf herrschte ein völliges Durcheinander.
Zaghaft hob er leicht die rechte Hand. Darauf hatten alle
ungeduldig gewartet, sie sprangen auf die Beine und sofort wurde
es wieder laut. Leyrah war inzwischen von hinten zu ihrem Sohn
getreten und beide umarmten sich herzlich. Der Mutter liefen die
Tränen vor Rührung über das Gesicht. Leslie hatte inzwischen
Emilia an die Hand genommen, die nicht so ganz verstand, was das
alles sollte. Gabriel ging auf der anderen Seite von Leslie und
Francisca war an Emilias Hand. Die vier bewegten sich soeben die
Stufen hinauf auf Ardjun und Ardeth zu. Er wollte sie vorstellen,
als Emilia vor Ardjun wie zuvor abgesprochen auf die Knie fiel.
Leslie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ardeth half
Emilia nach oben und lächelte sie an. Er würde ihr später
alles erklären.
Mutter, Großvater, das ist Emilia meine Frau, und unsere
Kinder Gabriel und Francisca.
Leyrah bedachte Emilia mit einem leicht verärgerten Blick. Somit
waren ihre schönen Plänen durchkreuzt. Ardeth war schon
verheiratet! Ardjun hingegen lächelte Emilia an und begrüßte
sie herzlich. Es war, als ob ihm soeben eine große, vielleicht
zu große Bürde von den Schultern genommen worden war. Jetzt war
er frei von aller Verantwortung, und es war ihm relativ egal, wen
Ardeth geheiratet hatte. Dass Ardeth ausgerechnet mit einer
Europäerin an seiner Seite zurückkehrte, verband ihn sogar mit
ihm, denn auch er hatte einst eine Europäerin geliebt. Emilia
ging auch vor Leyrah auf die Knie, und die elf Fürsten und ihre
Frauen sahen sich vielsagend lächelnd an. Ardeth hob sie zum
zweiten Mal schnell nach oben und sprach auf Spanisch:
Du bist jetzt Lady Bay. Ich erklär es dir später.
Emilia sah ihn fragend an, doch schon wurde sie von Leyrah, die
sich scheinbar schnell mit ihrer neuen Schwiegertochter
abgefunden hatte, in die Arme geschlossen und Ardeth wusste, dass
das Eis gebrochen war. Leyrah nahm den schlichten goldenen
Stirnreif ab, den sie heute angelegt hatte, und drückte ihn
Emilia auf die Stirn, die nicht so recht wusste, was das
bedeutete. Ardeth nahm die linke Hand seiner Frau in seine rechte
und wandte sich den elf Fürstenpaaren zu.
Mylords, Myladies, Lady Emilia Bay!
Emilia hatte den altägyptischen Dialekt auf dem Weg von Amerika
nach Europa und dann weiter nach Afrika mit Ardeth und den
Kindern studiert, aber sie musste noch viel lernen. Jedoch diese
Worte verstand sie und verstand den Inhalt doch wiederum nicht.
Als die elf Fürstenpaare Ardeths indirekter Aufforderung
nachkamen, indem sie nun auch vor ihrer neuen Fürstin
niederknieten, verstand Emilia die Welt nicht mehr. Ardeth raunte
ihr zu:
Winke sie hoch!
Das tat Emilia dann auch. Ardeth wiederholte die Zeremonie vor
dem Volk. Dann sprach Ardeth laut:
Ich freue mich, dass ich wieder in meiner Heimat bin. Lasst
uns daher heute Abend gemeinsam ein Fest feiern, tanzen und
fröhlich sein.
Die Leute lachten, klatschten laut, ließen Ardeth und Emilia
hochleben und redeten wild durcheinander. Ardjun zupfte Ardeth
ungeduldig am Ärmel. Er sollte endlich die Fürsten persönlich
begrüßen, wie es sich gehörte. Während Leyrah und Leslie mit
den Kindern zur Seite zu den anderen Familienmitgliedern traten,
begaben sich Ardeth und Emilia, zunächst noch von Ardjun
geleitet, zur Mitte, wo traditionell das Fürstenpaar des ersten
Stammes genau neben dem Paar von Stamm 12 saß. Ardeth nickte den
beiden höflich zu, was sie erwiderten, dann sprach er:
Ich freue mich, Lord und Lady Mahu, Euch heute persönlich
hier begrüßen zu können! Der Weg vom ersten Stamm hierher ist
der weiteste, daher bin ich doppelt froh. Und ich möchte mich
hiermit bei Euch für alles, was ich Euch vor sieben Jahren
angetan habe, entschuldigen. Es stand mir nicht zu, dass hohe
Haus der Mahu zu beleidigen, indem ich seine Tochter zurückwies.
Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen und ich werde alles tun, was
Ihr von mir verlangt, um vergessen zu machen, was ich Euch einst
angetan habe.
Mein lieber Lord Bay, sprach Lord Mahu und lächelte
väterlich. Es ist bereits vergeben und vergessen. Wir
wollen nicht mehr darüber sprechen und es soll Euch auch nicht
belasten. Wir bitten Euch, lasst uns Freunde sein! Wir sind sehr
froh über Eure Rückkehr!
Die beiden Männer umarmten sich. Dann gingen Ardeth und Emilia
weiter und standen vor dem Fürstenpaar des zweiten Stammes, den
Setlata-Baruts. Hier wiederholte sich die Begrüßungsformel,
natürlich bis auf die Entschuldigung. Ardeth war sehr höflich
und hatte keine fünf Minuten gebraucht, um sich hier wieder
einzufinden. Emilia stand dekorativ, aber völlig perplex,
daneben. Die Meranmoses waren an fünfter Stelle dran und
Gatyreth fieberte dem entgegen. Als Ardeth endlich vor ihm stand,
konnte er nicht an sich halten. Die beiden Freunde fielen
einander spontan um den Hals, Gatyreth schluchzte abermals,
Ardeth konnte kaum fassen, dass Gatyreth bereits Lord des 5.
Stammes geworden war und beide versicherten sich gegenseitig, wie
sehr sie sich über ihr Wiedersehen freuten. Entgegen dem
Protokoll duzten sie sich. Ardeth umarmte auch Nefer,
entschuldigte sich bei ihr ebenso wie bei ihren Eltern zuvor.
Doch Nefer hatte nichts zu entschuldigen, denn sie verdankte ihm,
dass sie ihre Jugendliebe Gatyreth hatte heiraten dürfen. Emilia
ermüdete diese Prozedur sichtlich, die erst nach der Begrüßung
aller elf Paare beendet war, doch es stand noch die Begrüßung
der restlichen Familie aus, die etwas unterhalb der Tribüne
standen und warteten. Dorthin führte Ardeth seine Frau.
Emilia, unsere Familie, sprach er auf Spanisch.
Das ist Tante Nefrar, Leslie Frau. Seiner Tante, die
sehr ernst schien, stellte er Emilia vor. Sowohl Nefrar als auch
Fatima waren völlig verschleiert, während Karan noch nicht
einmal anwesend sein durfte, da es ihr Ismail verboten hatte.
Doch die beiden Töchter Leslies hatten sich durchgesetzt. Tanith
war bereits ein Jahr nach Ardeths Verbannung zur Kriegerin
geworden und hatte sich standhaft gegen ihre Mutter behauptet,
war unverheiratet geblieben und trug natürlich stolz ihre
Kriegerkleidung. Ardeth bemerkte, wie Nefrar sichtlich erfreut
über Emilias Anwesenheit war. Nun hatte auch Ardeth eine Lady
Bay in den 12. Stamm geführt, die keine Kriegerin war.
Schadenfroh lächelte sie Leyrah zu. Am meisten freute sich die
Jüngste, nämlich Amira, die sehr an Ardeth gehangen hatte. Sie
war noch in der Ausbildung und war extra zu diesem Anlass aus dem
Tempel der Isis zurückgekehrt. Sie umarmte Ardeth, kaum dass er
Emilia seine Cousine vorgestellt hatte und nahm ebenso herzlich
Emilia in die Arme. Nur Ismail schien sehr verdrossen und Ardeth
kannte den Grund. Auch Leyrahs Eltern, also Ardeths Großeltern,
waren anwesend und begrüßten beide herzlich. Das alles musste
für Emilia überwältigend sein, so viele neue Gesichter und
Eindrücke. Ardeth bat seine Familie daher darum, sich mit seiner
Frau und Kindern zurückziehen zu dürfen. Die Reise hätte sie
sehr ermüdet. Wenn er es bis hierhin nicht wirklich verstanden
hatte, dass er von jetzt an der amtierende Lord sein würde,
begriff er es nun, da Leyrah ihn und seine Familie zum Re-Zelt
führte.
Und wo wohnt Großvater?, fragte er mit großen
Augen.
Dort drüben, wie es sich gehört, mein lieber Sohn!
Sie einigten sich noch darauf, mit der ganzen Familie nachher vor
dem Re-Zelt Tee zu trinken, dann konnten sie sich endlich in das
große Zelt zurückziehen. Es stand im Zentrum des Ortes und war
im Vergleich zu anderen Zelten riesengroß, denn seine vordere
Hälfte diente auch zur Versammlung und Beratungen, sozusagen das
Arbeitszimmer. Zur Front hin konnte man das Zelt ganz öffnen und
auch teilweise zur Seite, denn der Wind sorgte dann für eine
gute Luft und Frische in dem Zelt. Auch der hintere Teil, der
genauso groß war wie die vordere Hälfte, hatte Vorrichtungen,
die die Luftzirkulation erlaubten. Das Zelt war über und über
mit dicken Teppichen ausgelegt und auch vor dem Zelt lagen viele,
so dass man sich auch hier treffen und Tee trinken konnte. Auch
der vordere Teil war mit Planen als Sonnenschutz überspannt. Die
Zeltwände waren innen und außen bunt verziert, sie zeigten
überall die Sonnenscheibe, Symbol für Re. Es war sehr alt,
wurde aber in Stand gehalten. Ardeth kannte sehr wohl den großen
Versammlungsraum, der aber durch Vorhänge vom hinteren Teil
abgetrennt war, sobald vorn öffentliche Versammlungen oder
Familienbesprechungen abgehalten wurden. Der hintere Teil war
ausschließlich als Privatsphäre gedacht und mit einem großen
Bett, vielen Truhen, bequemen Polstern auf den Teppichen und auch
einem Tisch und Stühlen ausgestattet. Ardeth war eher selten
dort hinten gewesen. Vor dem Zelt standen stets zwei Wachen und
ein Diener befand sich in Rufweite. Dieser brachte nun das viele
Gepäck von Emilia und den Kindern in den hinteren Teil, zog die
Vorhänge zu, die beide Hälften teilten, und zog sich dann
zurück. Endlich waren sie allein. Ardeth setzte sich mit einem
Stoßseufzer auf die Bettkante. Er sah zum Ausgang und
schüttelte mit dem Kopf, dann besah er sich die Ausmaße des
Zeltes und schüttelte wieder mit dem Kopf. Emilia setzte sich
neben ihn, während die Kinder das große Zelt erkundeten und
soeben im vorderen Bereich waren. Auf einem niedrigen Tisch
standen eine Schüssel und eine Kanne mit frischem Wasser,
Tücher lagen daneben. Ein weiterer schlanker Krug enthielt
Trinkwasser, ein Becher stand daneben. Ardeths Blick fiel auf
diesen einen Becher. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er
mit einer Familie heimkehren würde, er hatte wohl den zunächst
entsetzten Blick seiner Mutter vernommen. Auch standen hier keine
Kinderbetten. Nun, er würde später veranlassen, dass man für
Gabriel und Francisca separate Bereiche schaffen würde. Groß
genug war das Re-Zelt ja allemal. Er stand auf und ging zu dem
Tisch, erfrischte sein Gesicht mit Wasser, um erst einmal einen
klaren Kopf zu bekommen. Emilia sah ihm zu. Er reichte ihr den
Becher mit Trinkwasser, den sie dankbar entgegen nahm.
Was ist denn nun eigentlich?, fragte sie, denn sie
konnte alles nicht so recht einordnen.
Ardeth erzählte ihr, dass sein Großvater soeben abgedankt und
ihn zum Anführer gemacht hatte. Emilia war sehr erleichtert,
dass Ardeth weder bestraft noch sie getrennt werden würden.
Ich hatte gehofft, er würde mir vergeben, mich nicht
bestrafen, aber noch eine Weile im Amt bleiben. Ich habe wirklich
so gar nicht damit gerechnet, dass er sofort abdankt. Nun haben
wir beide keine Zeit, um uns an all das hier zu gewöhnen.
Du meinst, du hast keine Zeit, mich an das alles hier zu
gewöhnen, verbesserte Emilia.
Ja, ich werde nicht viel Zeit haben, bedauerte Ardeth
und setzte sich wieder zu seiner Frau.
Ardeth, warum hat mir deine Mutter diesen Reif hier
aufgedrückt? Emilia nahm ihn ab und betrachtete ihn.
Weil du jetzt die Erste Dame bist. Sie nicht mehr.
Aber... ich weiß doch gar nicht, was ich machen
soll.
Keine Sorge, Emmy, du wirst Beraterinnen zur Seite
bekommen. Ardeth betrachtete sie und überlegte. Ich
habe mich sehr über meine Mutter gewundert. Ich meine, dass sie
dich so gleich akzeptiert und dir den Reif gegeben hat. Du bist
immerhin keine Kriegerin.
Kriegerin?
Ja, so wie meine Mutter oder meine Cousine Tanith.
Aber deine Tante ist doch auch keine Kriegerin, oder?
Nein, und das war der Familie immer ein Dorn im Auge. Aber
Leslie zu Liebe haben sie es damals geduldig. Weißt du, eine
Lady Bay sollte immer eine Kriegerin sein.
Dann werden sie mich nicht akzeptieren?
Das haben sie doch schon. Wir werden sehen, wie es läuft,
Emmy. Gefällt es dir denn hier?
Also, ich habe einerseits mit ein paar vereinzelten Zelten
und Ziegenhirten gerechnet...
Ardeth musste lachen. Don Rafael hatte ganze Arbeit geleistet,
nicht nur bei seinem Sohn.
...andererseits aber auch mit mindestens einer Pyramide!
Stattdessen sitze ich nun in so einem Zelt mit diffusem Licht...
nein, wie unbefriedigend!, schimpfte sie gespielt.
Ardeth musste noch lauter lachen.
Ich werde dir die Pyramiden eines Tages zeigen,
versicherte er ihr. Und wenn es dir hier zu eng wird, dann
kannst du je eine Zeitlang bei Onkel Leslie wohnen.
Nunja, zu eng ist es ja gerade nicht. Meine Güte, und dass
hier so viele Menschen sein würden, hätte ich nicht
gedacht.
Normalerweise sind es nicht so viele. Sie sind aus den
anderen Stämmen hierher gekommen.
Sie hatten sich inzwischen auf dem Bett ausgestreckt. Emilia
hatte ihre Reitjacke und Stiefel ausgezogen. Gabriel kam mit
Francisca hereingestürmt.
Schlafen wir auch in dem großen Bett?, wollte er
wissen und hüpfte schwungvoll hinauf, während Francisca eher
gemächlich hinaufkletterte.
Nein, ihr bekommt nachher extra Betten, erklärte
Ardeth.
Seid ihr müde, Kinder?, fragte Emilia.
Nein, versicherten beide, da sie viel zu aufgeregt
waren.
Aber wir sind etwas müde..., meinte sie.
Würdet ihr uns eine Weile schlafen lassen?
Ihr könnt ruhig nach draußen gehen und auch die nähere
Umgebung anschauen. Und Onkel Leslie ist ja auch da. Er sitzt
bestimmt vor dem zweiten Zelt links von uns. Das hat eine Katze
vorn aufgemalt.
Wir dürfen rausgehen?, wollte sich Gabriel
vergewissern.
Ja, aber verlauft euch nicht. Und pass auf deine Schwester
auf!
Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen. Gabriel nahm
Francisca an die Hand und lief mit ihr hinaus, die neue Welt zu
erkundigen, während Ardeth und Emilia es sich im Bett bequem
machten und wirklich eine Runde schliefen, müde wie sie waren.
Sie wussten, es würde noch ein langer Abend werden, außerdem
hatte Ardeth in den Nächten zuvor kaum Schlaf vor Sorge
gefunden.
Zwei Stunden später erwachte Ardeth und vernahm Geräusche von
nebenan, aus dem vorderen Teil. Dort wurde der Tee vorbereitet.
Er glitt vorsichtig aus dem Bett, um Emilia nicht zu stören. Die
Teppiche verschluckten seine Schritte. Als er in den vorderen
Teil kam, waren dort einige Diener beschäftigt, die Tafel zu
bereiten unter den wachsamen Augen von Leyrah, die sehr
erfreut war, ihn endlich wach zu sehen.
Mein Sohn!, begrüßte sie ihn, kam auf ihn zu und
drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ardeth bedeutete ihr,
leise zu sprechen. Er wollte Emilia nicht unnötig wecken.
Lass uns hinaus gehen!, flüsterte er.
Dort erklärte Leyrah: In einer halben Stunde wird sich die
Familie hier treffen. Ich muss vorher noch mit dir reden, aber in
meinem Zelt. Komm, mein Sohn!
Und wenn Emmy erwacht? Er wollte seine Frau nicht so
allein lassen. Sie kannte sich hier ja gar nicht aus. Und
wo sind eigentlich die Kinder?
Leslie und Amira sind ganz vernarrt in sie. Sie sind,
glaube ich, bei den Pferden oder Ziegen.
Leben eigentlich Bagi und Nachtwind noch?
Ja. Ardeth, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun.
Ardeth warf einen bedauernden Blick in Richtung des alten
Ziegengeheges neben dem Horus-Zelt, wo er seine Bagi aufgezogen
hatte. Leyrah war dem Blick ihres Sohnes gefolgt.
Bagi ist nicht hier. Aber ich werde veranlassen, dass man
sie hierher holt. Und zu deiner Frau... ich habe schon eine
Dienerin ausgewählt, die sich um deine Frau kümmern soll. Ich
werde sie sofort rufen lassen, dann kann sie deiner Frau
erzählen, dass du bei mir bist, und sie kann ihr beim Umziehen
und Waschen helfen, denn wahrscheinlich möchte deine Frau gern
frisch zum Tee erscheinen. Und für heute Abend muss sie ja auch
passend hergerichtet werden. Also, ich lasse mal gleich Lady
Besantan rufen.
Schon winkte Leyrah den Diener herbei, der in drei Schritt
Entfernung stand und gab entsprechende Anweisungen Bagi und Lady
Besantan betreffend. Sie erklärte dem Diener genau, wie sich
Lady Besantan verhalten sollte, nämlich vor dem Schlafgemach
wartend, bis sie Geräusche vernahm und sich dann bemerkbar
machend. Ardeth war zwar nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass
er seine Frau allein lassen würde, aber wusste, dass eine Lady
Französisch und Englisch sprach und sie sich so miteinander
verständigen konnten. Außerdem würde er ja nicht lange
wegbleiben. So folgte er seiner Mutter ins Isis-Zelt. Dabei warf
er dem Horus-Zelt noch einen flüchtigen Blick zu, in dem seine
Eltern und er einst gewohnt hatten. Dort schliefen jetzt Ismail
und seine Familie, in Erwartung der Nachfolge. Das Isis-Zelt war
eher klein, denn es war für eine oder höchstens zwei Personen
gedacht, nämlich den Eltern des Anführers. Man ging davon aus,
dass nur noch die Mutter lebte, weil der Sohn durch den Tod des
Vaters der nächste Anführer sein würde. Leyrah reichte ihrem
Sohn einen Becher Wasser.
Du bist groß geworden, schau, wie dein Gewand dir zu kurz
geworden ist! Sie ging einmal um Ardeth herum, dessen altes
Gewand durch seine Flucht nach Kairo und sein Abenteuer in Peru
sehr gelitten hatte. Wir werden dir ein neues machen
lassen.
Ardeth merkte, seine Mutter hatte bereits alles wie früher im
Griff. Ihm kam es auf einmal so vor, als wäre er nie weggewesen.
Ich kann dir nicht sagen, wie froh und erleichtert wir alle
sind, dass du zurückgekehrt bist. Du ahnst nicht, was sich hier
abgespielt hat. Doch über die politischen Gegebenheiten werden
wir morgen reden. Du wirst dich ab morgen mit den Anführern
beraten. Nach dem Morgengebet werde ich dich in detaillierte
Kenntnis setzen, und bereits nach dem Frühstück gibt es eine
erste Versammlung mit allen. Heute müssen wir uns um familiäre
Probleme kümmern.
Probleme?
Ja, massive Probleme. Wenn sich Ismail auch nur ein wenig
eingefügt hätte, glaube mir, nie hätte die Chance bestanden,
dich zurückzuholen.
Ardeth bemerkte den zufriedenen Tonfall seiner Mutter über das
Versagen seines Cousins, aber wollte es nicht kommentieren.
Ismail steht nach wie vor unter dem Einfluss seiner Mutter.
Er wollte hier alles reformieren, teilweise hat er schon damit
begonnen. Du hast sicherlich gesehen, dass seine Frau ganz
verschleiert war.
Ja, habe ich. Wer steckte denn unter dem Schleier?
Fatima Fajum aus dem 11. Stamm. Deine Tante hatte auf
dieser Verbindung bestanden, naja, und in ihrer Eigenschaft als
Erste Dame hat sie sich durchgesetzt.
Tante Nefrar war Erste Dame?, stellte Ardeth fast
amüsiert fest und bemühte sich ganz schnell um eine ernste
Miene, als er den sauren Ausdruck auf dem Gesicht seiner Mutter
sah. Er hätte gern noch gefragt, warum sie das zugelassen
hätte, aber verkniff es sich.
Ja. Ismail hat sich redliche Mühe gegeben, einen
Thronfolger zu zeugen, doch er hat versagt. Seine Frau schenkte
vier Mädchen das Leben.
Vier Kinder?, Ardeth konnte es nicht glauben. Er war
doch nur sieben Jahre weg. Aber... das geht doch gar
nicht... die Stillzeiten sind doch allein schon immer zwei
Jahre...
Die Mädchen wurden Fatima gleich nach der Geburt
weggenommen. Eine Dienerin hat mir erzählt, Ismail habe seine
Frau halb zu Tode geprügelt wegen der Mädchen. Er ahnte wohl,
dass sein Anspruch auf die Nachfolge nur durch Söhne untermauert
werden könnte. Nefrar wusste das auch, und dann kam sie auf eine
Idee. Sie wollten hier alles reformieren. Ismail sollte als
reicher Mann mit vier Ehefrauen ausgestattet werden.
Ardeth sah sie erstaunt an, bevor er hervorbrachte: Aber
das geht doch nicht!
Im Islam geht das schon, mein lieber Sohn!
Ardeth schüttelte mit dem Kopf. Stammesrecht geht vor den
Islam!
Das hat er abschaffen wollen. Nefrar hat das Stammesrecht
geradezu als Frevel betrachtet.
Und Ardjun hat da mitgespielt?
Ardjun war alles recht. Er ist ein verbitterter alter Mann,
der wahrscheinlich sein Volk genauso tyrannisieren wollte wie
sich selbst.
Ardeth war überrascht über die Kälte in der Stimme seiner
Mutter. Er nickte nur.
Also, fuhr sie fort, hat Nefrar eine zweite
Ehefrau ausgemacht und sich durchgesetzt.
Ja, das hat mir Leslie bereits erzählt. Die Schwester
meines Freundes Gatyreth, nicht wahr?
Ja, das fand Nefrar ganz passend. Eine Demütigung. Sie hat
die Kriegerinnenausbildung hier übrigens abgeschafft. Deine
Cousine Amira ist in den fünften Stamm gewechselt, um sie
beenden zu können. Das hat ihr Leslie ermöglicht.
Ardeth atmete tief durch. Da kam einiges auf ihn zu. Jetzt wurde
ihm klar, warum seine Mutter ihn so dringend vor dem Familientee
sprechen wollte. Er musste schon jetzt eine Entscheidung treffen:
Ismails Machenschaften anerkennen oder nicht... Das würde kein
netter Teenachmittag werden.
Gibt es noch mehr Überraschungen?
Ismail betreffend? Nein. Mit Karan hat er noch keine
Kinder. Ich glaube, sie weiß es einzufädeln, keine zu bekommen.
Sie ist sehr unglücklich. Ich musste bei meiner Ankunft darauf
bestehen, sie zu sehen, denn sie darf das Zelt nicht
verlassen.
Ardeth wunderte sich sehr, dass Gatyreth überhaupt mitgespielt
hatte, aber er kannte auch die Ergebenheit der Medjai, die mit
ihrer Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Anführer bis an die
äußerste Schmerzgrenze gehen konnten. Auch Karan hatte ja ihren
Kriegerinneneid geleistet.
Gut, Mutter, wir werden das alles gleich klären. Ich geh
mal lieber zu Emmy zurück und bereite sie ein wenig vor.
Achja, deine Frau. Wir müssen uns auch noch darüber
unterhalten. Nach dem Tee setzten wir drei uns mal zusammen,
ja?
Ardeth nickte und verließ das Isis-Zelt.
Vor dem Re-Zelt trug er dem Diener auf, nach dem Tee zwei
Kinderbetten in das Privatquartier zu stellen. Er erfuhr, dass
Lady Besantan bereits bei Emilia war. Vorsichtig betrat er das
Schlafgemach und sah, dass Emilia einen weiten Kaftan angelegt
bekommen hatte und dass Lady Besantan eine Dienerin anwies,
Emilia die Haare mit Öl einzureiben und kräftig zu massieren.
Eine andere Dienerin stand daneben und hielt eine Box mit
Schminkutensilien bereit.
Alles in Ordnung?, fragte Ardeth seine Frau.
Ja, schon, erwiderte sie in Spanisch. ich
wollte deine Mutter und dich nicht stören. Außerdem bestand
diese Frau hier darauf, dass ich mich von zwei Mädchen waschen
ließ. Sie wies auf eine ein Meter breite Schüssel.
Da musste ich mich reinstellen und dann haben sie Wasser
über mich gegossen und mich überall abgerieben. Kann ich das
denn nicht allein machen?
Ardeth lächelte sie an. Es ist eine Ehre, die dir erwiesen
wird: das kostbare Wasser, was sie über dich ausschütten und
der Dienst an dir. Also, du kannst dich auch gern allein mit Sand
waschen, wenn dir das lieber ist...
Ardeth!, empörte sie sich, und die drei Frauen sahen
entsetzt auf. Mit Sand!
Ja, das ist hier so üblich. Das mit dem Wasser ist
wirklich eine große Ehre. Sie machen es auch nicht jeden Tag.
Heute aber sollst du schön aussehen.
Emilia sah etwas irritiert an dem weiten hellblauen, reich
bestickten Kaftan herunter.
Du fühlst dich nicht sehr wohl darin?
Naja, doch, es geht, es ist nur ungewohnt.
Du sollst nachher bequem sitzen können beim Tee. Heute
Abend werden sie dir etwas anderes geben.
Und kann ich nicht einfach meine Kleider anziehen? Ich habe
das schöne Abendkleid dabei...
Wenn du möchtest... du musst es nur Lady Besantan sagen.
Sie ist jetzt deine persönliche Zofe.
Achso..., Emilia fühlte sich gar nicht so wohl mit
den vielen Dienerinnen. Wo sind denn eigentlich die
Kinder?
Onkel Leslie bringt sie gleich zum Tee mit. Emmy, die
Familie kommt jetzt zu uns. Es ist eher ein offizielles
Teetrinken, und ich bin jetzt auch das Oberhaupt unseres
Clans.
Ich dachte, es wäre immer der älteste Mann, also dein
Großvater.
Nein, in diesem Fall nicht. Jeder Anführer eines Stammes
ist zugleich das Oberhaupt seines Familienclans, denn niemand
darf ihm Befehle erteilen. Leider muss ich gleich meinen Cousin
in seine Schranken weisen. Wundere dich nicht zu sehr über
meinen Ton, aber es geht nicht anders.
Muss ich irgendetwas beachten?
Hm, eigentlich nur, dass du jetzt das weibliche Oberhaupt
der Familie bist. Ich bitte dich einfach darum, dich mit allem zu
identifizieren, was ich tun und sagen werde, ja? Ich weiß, dass
du unserer Sprache noch nicht so mächtig bist. Lady Besantan
wird dir meine Worte ins Englische übersetzen.
Ardeth bat Lady Besantan darum. Sie war eine verwitwete
Kriegerin, deren Kinder bereits groß waren und nicht mehr bei
ihr lebten. Ardeth argwöhnte, seine Mutter habe sie ausgesucht,
damit sie ein wachsames Auge auf Emilia werfen konnte.
Ardeth und Emilia empfingen die Familie: Ardjun, Leyrah, Leslie
und Nefrar, Ismail und Fatima, Tanith, Amira und Arianda sowie
Walgyn Setlata. Gabriel und Francisca liefen freudig zu ihren
Eltern und Leyrah hatte bereits für eine Kinderfrau gesorgt: die
Ehefrau von Wiriandas ältestem Sohn.
Lady Neni Setlata, stellte sie die 30jährige Frau
ihrer Schwiegertochter vor. Sie wird sich um Gabriel und
Francisca kümmern und sich jetzt mit ihnen zurückziehen.
Emilia sah etwas konsterniert aus, doch fügte sich den
Anweisungen ihrer Schwiegermutter. Am liebsten aber hätte sie
ihre Kinder beim Teetrinken dabei gehabt. Ardeth bemerkte es,
beugte sich zu seinen Kindern und erklärte ihnen liebevoll:
Ihr seid noch zu jung, um hier anwesend zu sein. Geht nur
mit Lady Neni, sie spielt sicherlich auch mit euch. Das ist doch
viel spannender als Teetrinken mit den Erwachsenen.
Brav zogen die Kinder mit Lady Setlata davon, der Emilia mit
gemischten Gefühlen hinterher sah. Seit sie hier war, hatte sie
fast nur mit diesen Frauen zu tun gehabt, Frauen, die so gewandet
und tätowiert waren wie ihr Ehemann. Nur die beiden Mädchen,
die sie gewaschen hatten, hatten weiße Trägergewänder
angehabt. Sie schienen aber noch sehr jung zu sein und gehorchten
Lady Besantan sofort. Immerhin hatten die beiden jungen Mädchen
sie mehrmals angelächelt, während Lady Besantan eher sehr ernst
und matronenhaft wirkte. Sie trug auch einen Stock bei sich und
Emilia hatte sich gefragt, zu welchem Gebrauch sie diesen dabei
hatte. Nun sah sie auch bei Lady Setlata so einen Stock und war
sichtlich beunruhigt wegen ihrer Kinder.
Ardeth, flüsterte sie, darf Lady Setlata die
Kinder schlagen?
Ja, darf sie, erwiderte er und drückte ihr die Hand,
wird sie aber nicht, keine Sorge.
Emilia atmete tief durch. Diese Welt war ihr so fremd, und nun
stand sie vor den zehn engsten Familienmitgliedern, von denen ihr
nur Leslie vertraut war. Immerhin hatte sie ihn sofort ihn ihr
Herz geschlossen. Alle setzten sich, als Ardeth sich niederließ.
Sie saßen im Kreis, Ardeth und Emilia direkt vorm Zelt, die
anderen ringsherum. Ardeth saß rechts von Emilia, rechts neben
ihm saß Ardjun, dann Leyrah, ihr Vater Arianda, ihr Großvater
Walgyn, und links von Emilia saßen erst Leslie, dann Nefrar,
Ismail, Fatima, Tanith und Amira, die wiederum rechts von Walgyn
Setlata saß. Vier Diener standen ihnen zu Seite und gossen den
Tee ein, reichten Gebäck. Emilia hatte mittlerweile einen
Bärenhunger und griff nach einem großen Keks. Sie bemerkte, wie
sie sie alle anschauten und niemand rührte die Tassen noch das
Gebäck an. Irgendetwas hatte sie falsch gemacht. Sie sah Ardeth
an, der ihr zulächelte und dann laut sagte:
Ich begrüße meine Frau Emilia noch einmal in meiner
Heimat und wünsche ihr alles Gute. Mögen ihre Schritte hier
leicht sein und ihr Leben fröhlich! Mögt ihr, liebe Verwandte,
alles dazu beitragen, dass es ihr hier gefallen wird. Ich bitte
euch sehr um Verständnis, denn Emilia stammt aus einer völlig
anderen Welt und ist mit unseren Sitten nicht vertraut. Nach und
nach wird sie vieles kennenlernen, so auch unsere Sprache. Doch
heute wird ihr Lady Besantan zur Seite sitzen und ihr auf
Englisch erklären, über was wir sprechen. Doch bevor wir
sprechen, bitte ich Euch, Euch zu stärken! Mit einer
Handbewegung forderte er sie auf zu trinken und zu essen. Lady
Besantan hatte sich inzwischen links hinter Emilia gesetzt.
Emilia beobachtete, wie auch Ardeth ziemlich viele Kekse aß. Da
fielen ihr die Kinder ein und sie wandte sich halblaut an Leslie:
Haben die Kinder denn schon etwas zu essen bekommen?
Keine Sorge, Emilia. Neni versorgt sie gerade. Sie hat
selbst drei Kinder. Sie ist die Frau eines Cousins von
Leyrah.
Emilia fragte sich, ob sie hier alle miteinander verwandt wären.
Wahrscheinlich kannte hier jeder jeden. Sie bemerkte, wie Ardeth
sich mit Arianda unterhielt. Also konnte sie Leslie weiter
befragen.
Und warum sind sie alle so gekleidet wie Ardeth?
Du meinst die Frauen? Leslie warf Lady Besantan einen
Seitenblick zu, die ihre Unterhaltung mitbekam, aber sehr
distanziert tat. Sie sind alle ausgebildete Kriegerinnen.
Das ist in diesen Kreisen so. Deine Schwiegermutter würde es nie
dulden, dass eine gewöhnliche Frau deine Kinder erzieht. Es ist
eigentlich ganz einfach, Emilia. Die adlige Frauen wirst du immer
daran erkennen, dass sie Kriegerinnen sind. Keine wird je ihr
Kriegergewand ablegen, auch wenn sie längst andere Aufgaben
wahrnimmt.
Aha... und ich?
Naja, du bist keine ausgebildete Kriegerin und darfst es
daher nicht tragen. Aber sie werden dich in andere tolle
Gewänder kleiden, glaube mir. Er wedelte vielsagend mit
der Hand. Sie haben hier noch richtig alte Gewänder. Na,
du wirst sehen, was ich meine, wenn mal eine Hochzeit stattfinden
wird. Es wird sehr interessant für dich werden und dir
gefallen.
Ardeth stellte seine Teetasse zurück auf den kleinen Teller und
die anderen imitierten ihn sofort. Emilia bemerkte, dass es ein
Zeichen war für sie alle, Ardeth jetzt ihre Aufmerksamkeit zu
schenken und auch sie redete nicht mehr mit Leslie weiter und
stellte ihre Tasse zurück. Lady Besantan nahm es hinter ihr
erleichtert zur Kenntnis.
Ich freue mich, Euch alle wohlbehalten wiederzusehen! Ich
habe bereits erfahren, dass nicht nur ich unsere Familie
vergrößert habe, Ardeth nickte huldvoll in Emilias
Richtung, die dieses leichte Kopfnicken erwiderte, sehr zur
Belustigung von Leslie, der aber erfreut war, dass Emilia sich
anzupassen versuchte, sondern auch mein Cousin
Ismail.
Es herrschte gebannte Stille, denn jetzt würde Ardeth eine
Entscheidung treffen. Würde er dulden, was sein Cousin getan
hatte? Ismail schaute Ardeth herausfordernd an, während er
weitersprach:
Ich bin allerdings mehr als verwundert, dass du gleich zwei
Frauen gewählt hast, Ismail. Das ist doch richtig, oder? Denn
ich sehe hier nur eine Frau in unserer Runde.
Ich habe nach Allahs Gebot zwei Frauen gewählt. Diese hier
ist die erste und hat ihre Erlaubnis erteilt. Es ist alles nach
islamischen Recht geschehen. Du wirst dich doch nicht dagegen
beschweren wollen, mein lieber Cousin?
Fatima war ebenso vollständig verschleiert wie ihre
Schwiegermutter. Sie hatte mit dem Kopf bestätigend genickt,
dann ihn wieder geneigt. Ardeth hatte keine Ambition auf eine
längere religionsgeschichtliche und -rechtliche Diskussion.
Erst einmal gratuliere ich dir zu deiner erfolgten
Initiation, zu der ich leider abwesend gewesen bin, mein lieber
Cousin. Da ich nicht die Freude hatte, deinen Schwur zu hören,
würdest du ihn bitte für mich jetzt wiederholen?
Ismail sah ihn auffahrend an. Er wusste, worauf Ardeth
hinauswollte.
Das wird nicht nötig sein, lieber Cousin, sprach er,
da ich...
Was nötig ist, unterbrach ihn Ardeth und sah ihm
sehr ernst in die Augen, entscheide ich, Ismail. Und jetzt
wiederhole deinen Eid!
Ismails Unterlippe bebte. In diesem Moment hatte er verloren.
Leise fing er zu sprechen an und wurde sofort von Ardeth
unterbrochen, der ihn aufforderte, lauter und mit Stolz in der
Stimme zu sprechen. Emilia sah verwundert zu Ardeth. So
autoritär kannte sie ihn gar nicht. Ismail sprach laut die
Worte, die Lady Besantan Emilia leise übersetzte.
Er wiederholt seinen Eid, flüsterte sie, mit
dem er versprochen hat, seiner Aufgabe als Medjai alles
unterzuordnen, in den Tod dafür zu gehen, sie im Diesseits wie
im Jenseits zu erfüllen. Das war eine grobe
Zusammenfassung des langen Textes, nach dessen Beendigung Ardeth
Ismail anschaute.
Halte deinen Eid stets in Ehren, Ismail!
Du hast dich auch nicht daran gehalten, Ardeth!
Alle sahen Ismail erschrocken an und bis auf Nefrar waren alle
geschockt. Wie konnte er es wagen? Doch Ardeth erwiderte ihm
ruhig: Ich habe dafür gebüßt und Allah hat für mich
entschieden, Ismail. Doch du musst den Fehler, den du an unserem
althergebrachten Stammes- und Pharaonenrecht begangen hast, nun
wieder gutmachen. Er wandte sich an einen der vier Diener
und befahl ihm, Lady Karan Bay herzuholen. Ismail war
kreidebleich geworden und sah wütend zu Ardeth hinüber. Doch
der ließ sich gar nicht beirren und sprach weiter, als der
Diener fortgegangen war.
Tante Nefrar, Lady Fatima Bay, ich muss Euch beiden sagen,
dass es nicht der Sitte des 12. Stammes noch der der Familie Bay
entspricht, derart gekleidet vor uns zu sitzen. Bitte lüftet
euren Gesichtschleier!"
Fatima sah ihren Ehemann von der Seite schüchtern an und wartete
auf sein Einverständnis. Zornig nickte er, woraufhin sie ihren
Augenschleier entfernte. Ihre Schwiegermutter tat es ihr gleich.
Nun möchte ich mich an meinen Großvater Ardjun wenden,
dem jahrelang die Frau verweigert blieb, die er einst geliebt
hatte.
Alle starrten Ardeth an. Was bezweckte er damit?
Ich selbst habe eine europäische Frau gewählt, die nun
Lady Bay geworden ist. Ich bin sicher, sie wird sich schnell hier
einleben und anpassen. Daher bin ich unendlich traurig, dass
meinem Großvater diese Erfahrung vom Schicksal verweigert worden
ist. Ich entsende ihn hiermit nach Maine, um dort meine
Großmutter Claire zu treffen und sich mit ihr auszusprechen und
bitte meinen Onkel Leslie, seinen Vater auf diesem Weg zu
begleiten.
Ein Raunen ging durch die Zuhörer, auch die Diener hatten ihre
Tätigkeiten eingestellt. Ardjun starrte Ardeth fassungslos an.
Nur Leslie sprach spontan, glücklich lächelnd:
Ardeth! Das ist eine fantastische Idee!
Ardjun sah zu Boden, seine Hände zitterten. Er sollte Claire
wiedersehen? Was sollte er davon halten? Er überdachte kurz, was
geschehen würde, wenn er sich nun weigerte. Ach, er wusste
nicht, was er tun sollte. Von hier für eine Weile fortzugehen,
kam ihm eigentlich gar nicht so ungelegen.
Darf ich zurückkehren, wenn ich mich mit ihr getroffen
habe?, fragte er und alle staunten über seine
Untertänigkeit. Der Mann, der jahrelang geherrscht und dabei
keinen Widerstand geduldet hatte, gab nach. Leyrah lächelte
ihren Sohn an. Ja, sie hatte es immer gewusst, dass er ein guter
Anführer sein würde.
Natürlich, Großvater. Wie Leslie steht es dir frei, dort
zu bleiben oder zurückkehren.
Der Diener näherte sich mit Lady Karan Bay, die ebenfalls wie
Ismails erste Frau völlig verschleiert war. Sie ging sofort auf
die Knie, dort beließ Ardeth sie.
Lady Karan Meranmose, sprach er sie an und wählte
bewusst den Namen ihres Clans, Ihr nehmt zu Unrecht den
Posten einer Lady Bay ein. Ihr habt gegen das Stammesrecht
verstoßen. Er wusste, er war hart zu ihr, denn sie war
gezwungen worden. Er musste jedoch damit fortfahren, denn er
ahnte, dass seine Worte eine Erlösung für sie bedeuten würden.
Habt Ihr die Ehe mit meinem Cousin Lord Ismail Bay
vollzogen?
Ja, Lord Bay, erwiderte sie mit sehr leiser und
beschämter Stimme.
Ist daraus bereits eine Frucht entstanden?
Emilia sah nach erfolgter Übersetzung entsetzt zu Ardeth. Wie
konnte er denn so etwas Intimes fragen?
Nein, Lord Bay.
Ihr seid eigentlich eine Kriegerin, Lady Karan, nehme ich
an?
Ja, Lord Bay.
Somit habt Ihr zu verhindern gewusst, dass Ihr schwanger
werdet?
Ja, Lord Bay.
Ismail warf Karan einen wütenden Blick zu.
Gut, ich entnehme Euren Worten, dass Ihr beschämt darüber
seid, die Tradition Eures Volkes gebrochen zu haben. Ich
verstehe, dass Ihr dazu gewungen worden seid. Doch Ihr habt mit
dieser Ehe als Zweitfrau Euer Anrecht auf eine ordentliche Ehe in
unserem Volk vertan, Lady Karan Meranmose.
Emilia hätte Ardeth am liebsten in die Seite geboxt. Wie konnte
er denn so hart mit dem armen Mädchen umspringen, dessen Nase
fast am Boden klebte vor Beschämung?
Wisset, Lady Karan Meranmose, dass Eure Ehe als Zweitfrau
mit Lord Ismail Bay ungültig ist.
Ismail bedachte Ardeth mit einem wütenden Blick, der sich nun
ihm zuwandte:.
Ismail, betrachte deine Ehe mit Lady Karan Meranmose als
geschieden. Aus Rücksicht auf deine religiösen Gefühle gebe
ich dir jetzt die Gelegenheit, dich nach islamischem Recht von
deiner Zweitfrau zu scheiden.
Ardeth hatte Ismail damit deutlich fühlen lassen, dass das
Stammesrecht vor das islamische ging. Dennoch erhob sich Ismail,
blickte verächtlich auf die immer noch knieende Karan nieder und
sprach dreimal, dass er sich von ihr scheide, dann setzte er
sich.
Lady Karan Meranmose, fuhr Ardeth danach fort,
Ihr habt kein Recht auf den Titel einer Lady Bay. Ihr
werdet Euch ohne Verzug in die Obhut Eures Bruders, Lord
Meranmose, begeben, der über Euch urteilen mag. Ich untersage
Euch jedoch, jemals wieder zu heiraten. Solltet Ihr doch
schwanger geworden sein, erhält das Kind kein Recht und wird
stets unfrei bleiben. Und nun geht und kleidet Euch, wie es einer
Kriegerin zukommt!
Ardeth winkte sie hoch und sie verschwand augenblicklich, eher
froh als betrübt. Nachdem sie sich entfernt hatte, wandte sich
Ardeth an die erste Frau von Ismail:
Lady Fatima Bay, Ihr stammt aus dem 11. Stamm aus einer
hoch angesehenen Familie, dem Clan der Fajums. Sicherlich seid
Ihr eine sehr gute Partie für meine Familie, auch wenn Ihr keine
Kriegerin seid.
Bei diesen Worten sahen alle zu Emilia, die sich auf einmal sehr
unbehaglich fühlte. Auch Ardeth bemerkte die Blicke, fuhr aber
unbeeindruckt fort.
Ich habe vernommen, dass Ihr Ismail vier Töchter geschenkt
habt und das in der kurzen Zeit, in der Ihr mit ihm
verheiratet seid. Sagt mir, ist es im 11. Stamm nicht Sitte,
gewisse Stillzeiten einzuhalten?
Fatima senkte beschämt den Kopf und sprach sehr leise: Es
gibt diese Sitte im 11. Stamm, Lord Bay.
Ardeth nickte und sah Ismail fragend an. Warum hast du
nicht darauf geachtet, Ismail, und dich von deiner Frau
ferngehalten?
Ganz einfach: Ich wollte einen männlichen Erben
haben. Seine Worte waren immer noch trotzig.
Auch als Abkömmling der ersten Familie unseres Volkes hast
du nicht das Recht, mit dieser Sitte zu brechen. Deine Frau hat
ihre Fruchtbarkeit erwiesen. Sie ist es auch nicht, die du dafür
verantwortlich machen kannst, dass du keinen Sohn hast. Du weißt
sehr wohl, dass es am Samen des Mannes liegt, welch Geschlecht
das Kind erhält.
Ismail wollte etwas erwidern, aber seine Mutter stieß ihn an.
Sie hatte verstanden, dass sie mit Ardeth kein leichtes Spiel
haben würden. Doch Ardeth fiel eine Entscheidung in diesem Fall
nicht leicht. Er wandte sich wieder an Fatima.
Lady Fatima, teilt uns bitte mit, ob Ihr zur Zeit schwanger
seid!
Fatima nickte und warf Ismail einen scheuen Seitenblick zu.
Ismail, es ist vor allem deine Entscheidung gewesen, mit
unserem Stammesrecht zu brechen, indem du zwei Frauen zur Ehe
genommen hast. Du hättest dich sehr wohl von Lady Fatima
scheiden lassen können nach der Geburt deiner dritten Tochter.
Stattdessen hast du einen unerlaubten Weg gewählt, du hast dich
an deiner ersten Frau vergangen, indem du die Stillzeiten nicht
eingehalten hast und du hast eine Kriegerin gedemütigt, indem du
sie in deinem Zelt wie deine Gefangene gehalten hast. Es reicht
schon ein Vergehen aus, um dich schwer zu bestrafen. Da du dich
in Sachen Ehe als unfähig erwiesen hast, muss ich dir leider ein
Leben mit einer Ehefrau verweigern. Du wirst dein Leben in
völliger Keuschheit verbringen.
Alle starrten Ardeth an. Er wollte einem Bay die Möglichkeit
für einen Erben nehmen?
Allah ist dir vielleicht gnädig, indem das fünfte Kind
von Lady Fatima ein Sohn werden wird. Lady Fatima wird sich
fortan der Erziehung ihrer Kinder widmen. Ich verbiete dir jeden
Kontakt zu ihr und auch Lady Fatima untersage ich hiermit jeden
Kontakt zu dir. Eine standesgemäße Gouvernante wird ihr zur
Hand gehen und bei ihr leben.
Lady Fatima sah erstaunt zu Ardeth hinüber, der sie gerade vom
Joch, das sie jahrelang zu tragen hatte, befreit hatte, doch
Ismail war zornesrot geworden. Nefrar hielt den Arm ihres Sohnes,
damit er nichts Unbedachtes tat, doch auch sie war sehr
aufgebracht über Ardeths Entscheidung.
Verzeih, Ardeth, mein Neffe, sprach sie, aber
ist diese Strafe nicht allzu hart? Du würdest deiner eigenen
Familie die Möglichkeit zu weiteren Erben nehmen.
Ja, ganz recht, liebe Tante. Ich werde an die Fürsten
appellieren, dass sie einen geeigneteren Anführer aus ihrer
Mitte wählen sollen, wenn je ein Bay-Erbe unfähig sein sollte,
denn wäre dein Sohn der nächste Anführer geworden, gäbe es
vermutlich in wenigen Jahren keine Medjai mehr. Ismail hätte
eigentlich für seinen offensichtlichen und trotzigen Bruch mit
dem Stammesrecht eine weitaus schlimmere Strafe verdient, so
erhält er immerhin die Gelegenheit, sich doch noch zu bewähren.
Ich werde in den nächsten Tagen mit den Meistern beraten, wie
wir gewährleisten können, dass aus Ismail doch noch ein guter
Medjai-Krieger werden wird.
Aber Ardeth, er ist doch bereits ein Krieger!,
protestierte Nefrar.
Hör auf, Nefrar!, mischte sich Leslie ein, bevor
Ardeth antworten konnte. Ardeth hat doch Recht mit dem, was
er sagt. Sei froh, dass unser Sohn so milde davon gekommen ist!
Sei still jetzt!
Tatsächlich hielt Nefrar den Mund. Ardeth wartete eine Weile, ob
weiterer Widerspruch kommen würde, aber niemand sagte etwas.
Ich möchte zum Abschluss Euch alle daran erinnern, dass
Ihr Mitglieder der Familie Bay seid und natürlich der Familie
Setlata. Er nickte seinem Ur- und Großvater zu.
Verhaltet Euch dementsprechend und mehrt die Ehre und das
Ansehen dieser Clans. Denkt daran, dass Ihr dem Volk dort
verantwortlich seid und dass Ihr alles dafür tun müsst, der
Aufgabe der Medjai zu dienen!
Er beendete damit die offizielle Familienbesprechung. Doch
Leslie, dessen Herz sehr leicht war, weil Ardeth ihm gerade das
Wiedersehen mit seiner Mutter ermöglicht hatte, ergriff noch
einmal das Wort und sagte laut:
Als Zwillingsbruder deines Vaters, der heute sehr stolz auf
dich gewesen wäre, möchte ich im Namen der Familie sagen, dass
wir alle sehr glücklich sind, dass du wieder hier bist und für
Recht und Ordnung sorgen wirst. Wir erkennen deine Entscheidungen
an, werden stets hinter dir stehen und dir gehorchen, mein lieber
Neffe! Wir hoffen, dass sich deine Frau und deine Kinder und
natürlich du hier wohlfühlen mögt und werden alles tun, um
Euch in dem schweren Amt zu unterstützen.
Leslies beide Töchter klatschten laut Applaus und alle fielen
ein, auch zu Emilias Verwunderung Nefar und Ismail.
Vermutlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als gute Miene zum
bösen Spiel zu machen. Inzwischen war allerdings auch den beiden
klar geworden, dass Ismail sehr glimpflich davongekommen war.
Ardeth bedankte sich, dann tranken sie noch Tee und Leslie
drückte Ardeth noch einmal persönlich und sehr
überschwänglich seinen Dank aus.
Claire wird Augen machen!, sprach er begeistert und
sah zu seinem Vater hinüber, der stumm zu Boden sah. Vermutlich
hatte er jetzt schon Angst vor einem Wiedersehen. Leyrah stand
auf und neigte sich zu Ardeth und Emilia.
Kind, sprach sie auf Französisch, womit sie Emilia
meinte, wir müssen für deine Garderobe heute Abend
sorgen. Du wirst wunderbar aussehen. Komm! Sie nahm Emilias
linke Hand in ihre rechte, während Ardeth ihr aufmunternd
zunickte. Nehmt auch Fatima mit!, meinte er.
So folgten Fatima und Lady Besantan den Frauen. Amira und Tanith
sahen sich vielsagend an, sie hatten solche Garderobenprobleme
nicht am Hals. Da fiel Tanith ein, das sie ja noch einen Auftrag
zu erledigen hatte. Sie lebte inzwischen im Anubis-Lager des 12.
Stammes, in dem Leyrah wieder die Kriegerinnenabteilung eröffnet
hatte, nachdem sie für drei Jahre lang nicht existiert hatte.
Kurz vor dem Familientee hatte ihr der Gewandverwalter
mitgeteilt, sie mögen ihrem Cousin mitteilen, er solle ins
Anubis-Lager kommen, um sich ein neues Kriegergewand verpassen
lassen. Ardeth beschloss, mit ihr gleich hinüber zu gehen. Er
staunte, wie groß seine Cousine geworden war. Tanith brachte aus
vollem Herzen zum Ausdruck, wie froh sie war, dass Ardeth wieder
daheim war. Bis auf die Missetäter wissen jetzt alle, dass
alles wieder gut werden wird!, jubelte sie.
Jetzt übertreibe mal nicht, Tanith! Dein Bruder ist
bestimmt sehr wütend auf mich.
Er gehört ja auch zu den Missetätern!, meinte sie
augenzwinkernd.
Sag mal, du bist doch schon 22. Warum hast du noch nicht
geheiratet?
Dann hätte ich doch die Einwilligung von Großvater
benötigt und der hat nur getan, was Mutter ihm gesagt hat. Sie
wollte mich übrigens mit so einem Typen in Kairo verheiraten, da
hätte ich dann Hausmütterchen spielen und Kinder hüten
müssen. Und mich so schlagen lassen müssen wie Fatima
wohlmöglich! Nein, nein! Da habe ich mich zu Gatyreth
geflüchtet und seine Frau gebeten, bei ihr Leibwächterin sein
zu dürfen. Da hat sich selbst Nefrar nicht an mich rangetraut.
Vor Gatyreth hatten sie immerhin ein wenig Respekt.
Warum lebst du dann hier im Anubis-Lager und nicht im Zelt
von Lady Meranmose?
Sie hat mich aus dem Dienst entlassen, als Leyrah
zurückgekehrt ist. Ich sollte helfen, dass Kriegerinnen-Lager
hier zu eröffnen. Ich unterrichte jetzt die
Anfängerinnen.
Du willst eine Meisterin werden?
Das wäre toll! Doch ich würde auch gern heiraten. Ich
weiß nur noch nicht, wen. Sie wurde auf einmal sehr ernst.
Du wirst mir einen Mann aussuchen, nicht wahr?
Tanith, ich bin gerade erst vor ein paar Stunden angekommen
und musste heute schon so viel entscheiden. Ich mag jetzt einfach
nicht mehr! Er stieß sie herzlich an und sie lachten sich
an.
Und während Ardeth sich vermessen ließ, musste auch Emilia
diese Prozedur über sich ergehen lassen. Sie hatte eigentlich
ein eigenes Kleid anziehen wollen, doch traute sich nun nicht
mehr. Leyrah hatte ein eng anliegendes weißes Trägerkleid
ausgewählt, das genauso aussah wie die Gewänder auf den
Bildnissen des Alten Ägyptens. Sie bekam einen goldenen breiten
Gürtel, ein breites Halscollier und je zwei breite Arm- und
Fußreifen. Ihre mittelblonden Haare wurde aufwändig frisiert
und mit Goldbändern und Perlen versehen. Dann wurde sie
geschminkt, während ein Mädchen ihr die Füße massierte, die
Nägel schnitt und pflegte. Vor ihr standen zwei goldene
Sandalen, zum Glück waren sie flach, befand Emilia, die hier
wirklich nicht mit Stöckelschuhen durch den Sand staksen wollte.
Zum Schluss gab es noch eine Maniküre. Pünktlich zum Abendessen
war Emilia fertig. Ardeth staunte nicht schlecht, als er sie aus
dem Re-Zelt abholte. Er hatte sich inzwischen mit Gatyreth
getroffen und sich ausgiebig mit ihm unterhalten. Gatyreth zeigte
sich aber auch beschämt, dass er zugelassen hatte, seine
Schwester mit Ismail zu verheiraten. Doch Lord Ardjun Bay hatte
es damals befohlen. Ardeth meinte, sie müssen in Zukunft eher
handeln und dürften sich so etwas nicht gefallen lassen, auch
nicht von einem Lord Bay. Gatyreth versprach daraufhin, ihn im
Auge zu behalten. Seine Schwester sollte mit ihm zum 5. Stamm
zurückkehren und dort als Kriegerin leben dürfen, aber erst,
nachdem sie neun Monate im Isis-Tempel als Dienerin verbracht
hatte zur Gewährleistung, dass sie nicht schwanger war.
Gatyreth berichtete Ardeth von dem Martyrium, dem Ismail seine
zweite Frau unterworfen hatte.
Du musst gut auf deinen Cousin aufpassen, er ist fanatisch,
Ardeth. Wir wissen auch noch nicht, ob er es war, der die Lage
des Grabes von Pharaoh Tutenchamun verraten hat.
Falls sich das herausstellen würde, müsste ich ihn
hinrichten lassen. Ich werde ihn verhören lassen müssen.
Beide schwiegen eine Weile, denn sie wussten, dass
Medjai-Verhöre mit Folter verbunden waren. Ardeth sprach weiter:
Wenn er unschuldig ist, werde ich ihn für eine Weile zum
ersten Stamm schicken. Dort soll er als gewöhnlicher Krieger
dienen. Sie werden ihn dort in seine Schranken weisen und er kann
sich nicht bei mir oder seiner Mutter beschweren. Was meinst
du?
Gatyreth fand, dass das eine gute Idee war. Sie hofften, dass sie
später Zeit fanden, sich ausführlicher unterhalten zu können,
doch nun stand das offizielle Begrüßungsbankett an. Draußen
waren viele Stände und Plätze hergerichtet worden, um ein
großes Fest zu feiern. Überall wurde getanzt, gegessen, es gab
Vorführungen, Kunststücke, Schaukämpfe und es wurde viel
gelacht. Auf der Tribüne hatte man eine große ovale Runde
hergerichtet mit über 50 Plätzen. Hier saßen die 12
Stammesfürsten mit ihren Frauen und einigen Familienmitgliedern.
Als Ardeth Emilia zu ihrem Platz führte, flüsterte er ihr zu,
dass es ihrem Vater gefallen hätte, sie in diesem Kleid zu
sehen. Emilia bedachte ihn mit einem melancholischen Blick. Ihre
Familie kam ihr auf einmal sehr weit entfernt vor. An diesem
Abend wurde ihr klar, dass sie ab jetzt Repräsentationspflichten
hatte mehr noch als ihre Schwester Nina. Ein ganz neues
Leben begann.
Am folgenden Tag musste Ardeth früh aufstehen. Er traf sich mit
den anderen 11 Anführern und bat sie, ihm ganz offen darzulegen,
was sich alles ereignet hatte. Danach wollte er allein sein und
über alles nachdenken.
Emilia wurde inzwischen von Lady Besantan unterrichtet. Sie
sollte am folgenden Tag alles verstehen, was gesprochen wurde und
auch ihren eigenen Text fehlerfrei dahersagen können. Gabriel
und Francisca verbrachten ihre Zeit mit einer Gouvernante, die
ihnen den Ort zeigte. Spielen durften sie auch und Gabriel
führte einige Kinder ins Fußballspielen ein.
Im 12. Stamm wurde es unterdessen immer voller. Möglichst alle
Medjai wollten am kommenden Tag anwesend sein, wenn Ardeths
offizieller Amtsantritt begangen wurde. Es wurde unerträglich
voll. Alle mussten zusammenrücken. Es fehlte niemand mehr, der
Rang und Namen hatte, und viele der einfachen Krieger und ihre
Frauen waren mitgekommen.
Währenddessen musste Ardeth bereits Entscheidungen treffen, die
er am nächsten Tag offiziell verlauten lassen sollte. Ein Kurs
für die Zukunft musste gefunden werden. Er zog sich zu seiner
Ziege Bagi zurück, die ihm sofort entgegenkam, kaum dass sie ihn
sah. Hier fand er ein wenig Ruhe.
Später besuchte er dann seinen alten Freund Sahin aus
Ausbildungstagen, den er einst gebeten hatte, sein Vize zu
werden. Doch er war mittlerweile ein normaler Krieger geworden
und getraute sich nicht so recht. Zuviel Zeit war seiner Meinung
nach vergangen. Ardeth nahm sich vor, ihn langsam in den Rängen
aufsteigen zu lassen, damit er sich daran gewöhnen konnte. Wenn
er partout nicht wollte, sollte Sahin seinen Frieden haben.
Natürlich machte er sich viele Gedanken über die Zukunft von
Emilia. Die Blicke beim Familientee waren ihm nicht entgangen. Er
musste Familienrecht sprechen und doch war seine Frau selbst
keine Kriegerin. Aber was konnte er daran ändern? Er überlegte
hin und her, um eine Lösung zu finden. Dann ging er zu seinem
alten Meister ins Anubis-Lager.
Meister, sprach er ihn an und neige sein Haupt,
während der Meister auf die Knie ging, denn er hatte seinen
Herrn an diesem Tag noch nicht gesehen. Erheben Sie sich,
ich muss mit Ihnen reden. Ich brauche Ihren Rat.
Lord Bay, bitte setzt Euch!
Sie ließen sich vor seinem Zelt nieder. Der Meister reichte ihm
ein Glas Wasser mit einem Blatt Minze darin. Ardeth bedankte sich
und kam gleich zur Sache:
Meister, es geht um den Status meiner Frau. Wäre es
theoretisch möglich, sie einen Teil der Kriegerinnenausbildung
machen zu lassen, um sie in Stand und Würden zu bringen oder
zumindest, um sie einzuweihen? Sie sollte ein wenig Ahnung von
all dem bekommen, was hier geschieht. Ich weiß natürlich nicht,
ob sie dazu bereit wäre, aber bevor ich ihr den Vorschlag
unterbreite, würde ich gern wissen, ob es machbar wäre. Zum
einen ist da meine Frau, zum anderen würde ich gern sehen, dass
Lady Farani ihre abschließen könnte, der ja nur wenige Wochen
gefehlt hatten seinerzeit.
Der Meister hatte Ardeth in Ruhe ausreden lassen. Er überlegte
eine Weile, bevor er erwiderte:
Was Lady Farani betrifft, könnte sie natürlich ihre
Ausbildung vollenden. Wahrscheinlich würden in ihrem Fall drei
Monate reichen, um sie wieder auf den Stand zu bringen. Lady
Bay... das ist ein etwas schwierigerer Fall, befürchte ich. Doch
ich verstehe Euren Wunsch, mehr noch, ich weiß, dass es zu unser
aller Gutem wäre, wenn sich Lady Bay nachträglich einer solchen
Unterweisung unterwerfen würde. Man könnte sie vermutlich
verkürzen und die ersten vier Jahre auf eins oder zwei
verkürzen. Ich werde die anderen Meister konsultieren, aber
denke, dass Lady Bay es in drei Jahren schaffen könnte. Nur gebe
ich zu bedenken, dass ihr Status der einer Auszubildenden wäre.
Das müsste Euch ganz und gar klar sein, Lord Bay.
Ja, ich verstehe, und ich denke, dass das zu aktzeptieren
wäre. Ich habe inzwischen erfahren, dass die Ausbildung der
Kriegerinnen für drei Jahre ausgesetzt worden ist und erst
kürzlich wieder durch meine Mutter in Gang gebracht worden ist.
Es muss also zwangsläufig andere Mädchen geben, die an einer
Ausbildung gehindert worden sind und auch jene, die abbrechen
mussten. Haben von den letzteren viele ihre Ausbildung in anderen
Stämmen fortsetzen können?
Bis auf drei Mädchen sind die Auszubildenden in andere
Stämme gegangen. Sie sind aber inzwischen zurückgekehrt, das
geschah auf Wunsch Eurer Mutter.
Und gab es Mädchen, die in den letzten drei Jahren ihre
Ausbildung in anderen Stämmen begonnen haben?
Nur sehr wenige, Lord Bay. Mit Verlaub, Eure Tante Lady
Nefrar Bay hat Wert darauf gelegt, dass die Mädchen
hierbleiben.
Wenn die Betroffenen wünschen, Ihre Ausbildung zu machen,
dann sollten sie die Gelegenheit bekommen. Vielleicht könnte man
ihre Zeit ebenfalls verkürzen, so dass die meisten mit 16 ihre
Initiation erhalten könnten.
Das ist eine gute Idee. Man könnten einen Sonderjahrgang
einrichten, und in diesem könnte dann auch Lady Bay
dienen.
Wollen Sie die anderen fragen, möglichst noch heute,
Meister?
Der Meister versicherte ihm das und nun musste Ardeth eigentlich
nur noch Emilia überzeugen. Er fragte sich, ob er ihr das
wirklich zumuten durfte.
Doch vorher musste er noch einige der Befehlshaber im 12. Stamm
treffen. Sie offenbarten ihm eine katastrophale Versorgung an
Ausrüstung und Tieren. Seit den Tagen von Lord Ardeth Bay,
seinem Großvater, waren keine neuen Waffen erworben worden. Die
Finanzen wurden ihm dargelegt und Ardeth saß zwei Stunden mit
dem Schreiber jener Bücher zusammen. Sie stellten fest, dass
viele Geldmittel nach Kairo geflossen waren, an den König und an
einige Imane. Auch war vieles für üppige Lebensmittel und
Luxusgüter ausgegeben worden. Ardeth legte seufzend den Kopf in
die Hände. Immerhin bekamen sie von sehr reichen Leuten Geld, um
ihre Aufgabe wahrzunehmen und nicht, um in Saus und Braus zu
leben. Als er herausfand, dass Ismail sich eine prächtige
Stadtvilla in Luxor gekauft hatte, ließ er ihn zu sich rufen und
zeigte ihm die Stelle in dem Buch. Ismail warf dem Buchhalter
einen wütenden Blick zu und Ardeth war in dem Moment froh, dass
die Schreiber so gewissenhaft waren. Sein Cousin konnte es nicht
abstreiten.
Wer wohnt dort jetzt?, fragte Ardeth streng.
Ich habe dort einen Verwalter, der auf das Anwesen
aufpasst. Es ist immerhin ein Repräsentationsgebäude, Cousin.
Ich habe dort Gäste empfangen.
Was für Gäste?
Staatsgäste.
Genauer, Ismail!
Na schön. Ich habe dort islamische Würdenträger
versammelt, die mir Ratschläge erteilt haben, wie ich mein
zukünftiges Amt ausüben kann.
Ismail, du solltest eigentlich in deiner Ausbildung hier
gelernt haben, wie du dein Amt, welches auch immer, ausführen
kannst. Anscheinend ist dir das nicht gelungen.
Ismail sah Ardeth wütend an. Wie konnte er ihn nur so tadeln?
Ardeth, weißt du eigentlich, was in Kairo vorgeht? Du hast
ja keine Ahnung! Die Briten spielen sich immer noch als Herren
auf und es wird Zeit, dass aus diesem Land ein Gottesstaat wird!
Ich sehe mich jedenfalls als Krieger Gottes.
Ich auch, Ismail, ich auch. Aber wenn Allah längst einen
anderen Namen erhalten hat, dann werden meine Nachfahren immer
noch Krieger Gottes sein. Zum Wohl der ganzen Welt und nicht zum
Wohle einer einzigen Gemeinschaft dieser Welt. Hast du den
Unterschied noch nicht begriffen?
Niemals wird Allahs Name gelöscht werden!,
entgegnete Ismail so laut, dass der Buchhalter zusammenzuckte.
Darum geht es hier nicht, Ismail, Ardeth blieb ruhig,
aber schüttelte mit dem Kopf über Ismails Fanatismus, der sich
in seiner Lautstärke und dem verbissenem Gesicht offenbarte.
Für Ismail wäre es besser gewesen, er wäre aus der
Medjai-Gesellschaft freiwillig ausgeschieden, als er es gekonnt
hätte, doch Ardeth war klar, dass jemand mit Namen Bay
eigentlich keine Chance dazu hatte. Ismail tat ihm leid. Doch
nach dem vollzogenem Eid konnte er ihn nicht aus dem Dienst
entlassen.
Ismail, du hast deinen Eid geleistet, sprach er nach
einer Weile, du musst dazu stehen. Versuch, dich zu
arrangieren! Vergiss deine Brüder in Kairo, die dich nur
aufwiegeln! Du weißt doch, dass wir uns niemals einmischen
werden. Sobald wir das tun würden, hätten wir verloren und
würden aufhören zu existieren. Und dann? Wer schützt dann die
Wüste und ihre Geheimnisse?
Hör auf, an irgendwelche merkwürdigen Überlieferungen zu
glauben. Der, der nicht genannt werden darf! Ardeth, ich bitte
dich! Beschäftige dich lieber mit den aktuellen Problemen, wenn
du Verantwortungsbewusstsein hast!
Ardeth bedachte ihn mit einem sonderbaren Blick. Waren sie
nicht mit dir in Hamunaptra?
Doch, natürlich, ein paar Tage vor meiner
Initiation.
Und... du hast dort nichts gespürt?
Bitte, Ardeth! Was soll ich denn zwischen ein paar
eingestürzten Trümmern spüren? Soll ich vor den Ruinen vor
Ehrfurcht erschaudern?
Ardeth fuhr es immer noch kalt über den Rücken, wenn er an jene
Nacht dachte, in der er allein in der unterirdischen Kammer zu
Füßen der Anubis-Statue verbringen musste. Wahrscheinlich war
Ismail völlig unempfänglich dafür.
Also ist das ganze für dich eine belanglose Geschichte,
ja? Es klang nicht einmal kritisierend, sondern nur
feststellend, so dass Ismail keine Bedenken hatte zu antworten:
Ja, natürlich. Überdies frage ich mich, ob es nur eine
Legitimation unserer Alten war, sich hier zu verkriechen und
Gelder einzuheimsen. Einige Leichtgläubige gibt es ja
immer.
Ardeth war jetzt klar, warum die anderen Anführer sich so
vehement dagegen zu Wehr gesetzt hatten, Ismail als Anführer
anzuerkennen. Wahrscheinlich hatte er mit seiner Meinung auch
ihnen gegenüber nicht hinter dem Berg gehalten. Zu allem
Überfluss fügte Ismail hinzu:
Na, und dir haben sie den Kopf mit dieser Prophezeiung
gründlich gewaschen, Ardeth.
Die Prophezeiung! Ardeth war sie schon auf dem Weg von
Südamerika hierher ständig durch den Kopf gegangen. Jetzt war
er wieder hier und es war also möglich, dass sie sich erfüllte.
Die Priesterin hatte ihm schon vielsagende Blicke zugeworfen. Er
schluckte den Kloß hinunter.
Ismail, ich war auch in Hamunaptra und... er war da. Ich
habe ihn nicht nur gespürt, er hat mit mir gesprochen, mich
aufgefordert, ihn zu befreien. Ich wusste damals ja nicht, wer es
war, bis man es mir hinterher gesagt hatte. Es war die
schrecklichste Nacht meines Lebens. Ich hatte noch nie so viel
Angst gehabt.
Ismail sah ihn ungläubig an. Vielleicht hast du dir da was
eingebildet. Immerhin wusstest du ja vorher, dass der Ort als,
naja, gruselig, bekannt ist. Und übrigens, nicht nur du oder die
Leute hier wissen das. Selbst in Kairo erzählt man von dem
verwunschenden Hamunaptra mit seinen herrlichen Schätzen! Die
Briten rüsten übrigens Teams aus, die es suchen sollen. Im
Krieg hatten die Deutschen eine Gruppe hergeschickt, um nach den
Schätzen zu suchen. Und die Fremdenlegionäre sind auch daran
interessiert.
Ardeth hatte ihn entsetzt angeschaut. Das waren ja schöne
Aussichten für seine zukünftige Aufgabe, der Bewachung
Hamunaptras. Ihm kam ein schrecklicher Verdacht.
Woher wissen die Leute in Kairo und anderswo davon?
Ardeth, es kursieren seit Jahrhunderten Gerüchte!
Aber so massiv, wie du es schilderst, sind sie noch nie auf
die Suche nach Hamunaptra gegangen. Ismail, hast du es
verraten?
Wenn Ismail es zugeben würde, müsste er ihn zwangsläufig
hinrichten lassen. Das wusste auch Ismail, der an seinem Leben
hing, und so log er. Nein, habe ich nicht, sagte er
schnell und Ardeth sah ihn zweifelnd und traurig zugleich an.
Und wie war es mit der Entdeckung von Tutenchamuns
Grab?
Damit habe ich nichts zu tun, erwiderte Ismail
vehement.
Ich werde dich verhören lassen müssen, Ismail.
Ismail wurde kreidebleich, als Ardeth nach den Wachen rief und
ihnen den Befehl erteilte, Ismail gründlich und ohne Achtung auf
seine Person zu verhören, ob er die Lage des Grabes verraten
hatte.
Das kannst du nicht tun, rief er hilflos, als ihn die
beiden Wachen an den Oberarmen packten. Ardeth erwiderte nichts
und sah ihm seufzend hinterher. Er fühlte sich sehr müde. Doch
es musste hier weitergehen.
Ich werde dieses Anwesen in Augenschein nehmen.
Wahrscheinlich werden wir es verkaufen. Wenn ich unsere Finanzen
so sehe, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig. Die Leute
werden es nicht mögen, wenn sie in Zukunft den Gürtel etwas
enger schnallen müssen, aber ich glaube, wir haben keine Wahl,
wenn wir unsere Glaubwürdigkeit vor unseren Mäzenen nicht
verlieren wollen. Schaffen Sie es, mir bis heute Abend einen
Bericht vorzulegen, in Zusammenarbeit mit dem Waffenmeister,
wieviel wir für eine umfassende Modernisierung der Waffen
aufwenden müssten?
Natürlich, Lord Bay, wir werden unser Möglichstes
tun.
Ich danke Ihnen. Er verließ das Zelt und begab sich
zu dem obersten General, der gleichzeitig als sein Vize im
Anubis-Lager fungierte. Ardeth wollte wissen, inwiefern
Hamunaptra schon bedroht gewesen war und erhielt die Bestätigung
von Ismails Aussage. Tatsächlich waren einige Teams bis hierhin
vorgedrungen, doch sie sind tatenlos wieder von dannen gezogen
oder von den Medjai gezwungen worden. Das hatte jedoch Ärger mit
Kairo zur Folge gehabt. Ausgrabungsteams sollten nicht belästigt
werden.
Nunja, morgen Nacht werde ich die Stätte ja mit eigenen
Augen wiedersehen, sprach Ardeth zum Abschluss und spielte
auf den Brauch an, dass er nach seinem offiziellen Antritt mit
den anderen 11 Fürsten eine Nacht dort Wache schieben würde.
Emilia stand inmitten des Vorraums auf einem kleinen Podest,
während zwei Mädchen ihr am Kleid zupften. Es war dunkelblau
und hatte lange fächerförmige und plissierte Ärmel. Das Kleid
war im oberen Teil über und über mit Silberfäden bestickt. Auf
dem Rock prangte vorn eine riesige Stickerei in Form eines
Ankh-Kreuzes. Leyrah begutachtete ihre Schwiegertochter, die sie
zum Abendessen mit der Familie und den Fürsten ausgestattet
hatte und war zufrieden. Sie ließ eine Schatulle bringen und
entnahm gerade ein großes, aber eher schlichtes Silbercollier,
als Ardeth eintrat und seine Frau bestaunte.
Nun, wie gefällt sie dir?, fragte Leyrah lächelnd
und übergab das Collier einem Mädchen, das es Emilia anlegte.
Sie sieht, wie immer, wunderschön aus.
Dein neues Gewand ist auch fertig. Es liegt hinten auf dem
Bett. Du warst nicht da zur Anprobe, also probiere es jetzt
an.
Wird schon passen, Mutter. Ich würde gern noch mit Emilia
sprechen, bevor wir zum Abendessen gehen. Wann seid ihr
fertig?
Sobald du dein Gewand anprobiert hast. Leyrah ließ
sich nicht beirren und Ardeth zog sich ergeben in das
Schlafgemach zurück. Er sah, dass sich die Kinder schon ihr
eigenes Reich geschaffen hatten, abgetrennt durch Vorhänge, die
aber auseinandergezogen waren, so dass er ihre
Kinderzimmer einsehen konnte. Er vermutete, dass die
Kinder mit Lady Setlata unterwegs waren.
Passt es?, rief Leyrah keine drei Minuten später.
Ja, passt, rief er zurück und ging aber hinüber, um
sie zufriedenzustellen. Leyrah begutachtete ihren Sohn,
streichelte ihm die Wange und meinte:
Du hättest heute mit einigen Leuten sprechen sollen.
Ich habe heute mit vielen Leuten gesprochen,
lächelte er sie an, des Tadels bewusst. Sei unbesorgt, ich
werde nachholen, was ich heute versäumt habe. Dann nahm er
Emilias Hand und zog sie nach hinten, wo er sie erst einmal in
den Arm nahm. Endlich allein mit ihr! Er hatte sich den ganzen
Tag danach gesehnt und sich manches Mal nach der Ruhe auf der
Farm zurückgewünscht.
Wie war dein Tag?, fragte er sie und setzte sich aufs
Bett. Emilia setzte sich daneben.
Anstrengend. Ich vermute, deiner auch?
Er nickte.
Ja, ich kann sehen, wie dich die Last bedrückt. Du musst
hier vieles ändern, nicht wahr?
Naja, ändern... eher wieder zurechtrücken. Vor allem die
Finanzen. Dann die Sache mit Ismail. Naja, und... Er sah
sie an. Emilia, ich habe dir doch mal von Hamunaptra
erzählt und dem, der nicht genannt werden darf.
Ja, ich erinnere mich an diese seltsame Story. Emilia
hatte sie nie geglaubt, aber als Ardeth aus Peru zurückkehrte,
kam ihr doch der Verdacht, dass mehr dran war als sie gedacht
hatte.
Eigentlich hätte ich sie dir nicht erzählen dürfen, denn
es dürfen nur eingeweihte Krieger davon erfahren, verstehst
du?
Sie nickte, und er fuhr fort: Ich habe gedacht, ich würde
hier nie mehr herkommen und ich wollte dir meine Welt
verständlicher machen. Also bitte ich dich, den anderen nicht zu
sagen, dass ich dir davon erzählt habe. Allerdings solltest du
als Lady Bay über diese wichtigen Dinge informiert sein und
daher...
Er zögerte. Was er von ihr verlangen würde, war zuviel, das
wusste er.
Du musst mir helfen, meinen Fehler wieder
gutzumachen.
Und wie?
Indem du Kriegerin wirst. Puh, es war heraus. Emilia
sah ihn ungläubig an. Hatte er das ernst gemeint?
Was?, fragte sie leise nach.
Du könntest eine verkürzte Ausbildung absolvieren. Ich
habe den Meister schon gefragt. Und du wärst ja nicht allein. Da
sind andere Frauen und Mädchen, die ebenfalls...
Halt mal, Ardeth, unterbrach ihn Emilia, du
willst mir nicht allen Ernstes erzählen, ich soll eine Kriegerin
werden, oder?
Ardeth wusste, es würde sehr schwer werden. Leise gab er ein
eher gequältes Doch von sich.
Als er ihr entsetztes Gesicht sah, fuhr er fort: Du sollst
ja nicht wirklich später kämpfen, sondern einfach nur in das
alles eingeführt werden. Verstehen, worum es geht.
Ich müsste aber lernen, mit Waffen umzugehen, nicht
wahr?
Ja, schon...
Nein, das will ich nicht, Ardeth. Tu mir das nicht
an!
Ardeth nickte. Er forderte wirklich zu viel. Gut, Emilia,
du hast Recht. Ich darf das nicht von dir verlangen. Aber ich
wollte es wenigstens versuchen. Du hast ja sicherlich gemerkt,
dass alle hochgestellten Frauen hier automatisch Kriegerinnen
sind. Wäre ich hiergeblieben, hätte ich niemals eine andere
Frau heiraten dürfen. Und nun habe ich eben nach einer
Möglichkeit gesucht, dich so gut wie möglich zu integrieren.
Ich dachte, eine dreijährige Ausbildung wäre... nunja...
zumutbar...
Zumutbar? Drei Jahre Ausbildung? Ardeth, ich bin eine
erwachsene Frau! Ich dachte, ich soll dir hier möglichst viele
Söhne gebären. So etwas sagte jedenfalls deine Mutter zu
mir.
Hat sie? Naja, wenn du eine Kriegerin wärst, könntest du
jedenfalls darüber selbst bestimmen.
Wie? Sonst nicht? Emilia wirkte entsetzt. Wer
bestimmt denn dann über mich? Du? Deine Mutter? Dein
Stamm?
Emmy..., beruhigte sie Ardeth, indem er seine Hand
auf ihr Bein legte. Nein, natürlich bestimmst du über
dich. Doch wenn du eben nur meine Frau sein solltest, also keine
Kriegerin, meine ich damit, dann würde man dir zwangsläufig
erwarten, dass du dich auf das Kinderkriegen konzentriest und
die, ähm, Aufgaben, die dir sonst als Lady Bay obliegen würden,
an andere Damen delegierst, weil du ja keine Ahnung hättest,
worum es geht. Eigentlich wäre dir auch der Zutritt ins
Anubis-Lager verwehrt...
Ardeth wollte sie bei ihrem Stolz packen, der ihr ja zu Eigen
war, und er sah am Funkeln in ihren Augen, dass es funktioniert
hatte. Ich fügte noch so nebenbei hinzu:
Du wärst eben nur die Mutter deiner Kinder, die allerdings
sowieso Gouvernanten haben.
Mit anderen Worten, ich wäre überflüssig?,
sprudelte es aus Emilia schrill hervor.
Nein, das wollte ich damit nicht sagen... Hoffentlich
merkte sie nicht, dass er mit ihr spielte. Tatsächlich war sie
viel zu aufgebracht.
Ah, ich dürfte also Kinder zur Welt bringen, die andere
erziehen? Und wieviele?
Du hast ja mitgekriegt, dass es Stillzeiten gibt. Nach
jedem Kind darf ich zwei Jahre keinen Verkehr mit dir
haben.
Was? Und das sagst du mir jetzt erst? Wieso nicht in
Südamerika? Dann wären wir dort geblieben! Es klang
weniger hart als die Worte beinhalteten.
Naja, als Kriegerin lernt man Methoden, die Empfängnis zu
verhindern. Vielleicht können die Frauen es dir ja auch so
zeigen. Natürlich würde man es ihr auch so zeigen, aber
das musste er ihr ja nicht auf die Nase binden. Das war ein ganz
schmaler Grat, auf dem er wandelte und er wagte gar nicht daran
zu denken, wenn sie es herausfinden würde. Ach, manchmal
heiligte der Zweck die Mittel. Nun, man würde von uns
regelmäßig Nachwuchs erwarten, also mindestens jedes drittes
Jahr.
Und was würde ich ansonsten hier tun?
Die Kinder stillen. Ardeth hatte schon ein ganz
schlechtes Gewissen.
Und sonst nichts? Sie klang sehr entsetzt.
Ähm, natürlich würdest du bei offiziellen Anlässen wie
heute und morgen neben mir sitzen. Und hin und wieder die Damen
empfangen.
Damen?
Ja, die Ehefrauen der Generäle und der anderen adligen
Männer.
Alles Kriegerinnen, nicht wahr?
Ja. Es klappte!
Emilia seufzte, überlegte und meinte dann: Was müsste ich
denn alles machen in den drei Jahren?
Ardeth musste ein triumphierendes Lächeln ganz stark
unterdrücken. Du würdest erst einmal richtig reiten
lernen, dann würde man dir das Kämpfen mit verschiedenen Waffen
und auch ohne beibringen. Du lernst einen Haufen Texte, wie man
meditiert, sich konzentriert, Dinge erduldet, wie man seine Kraft
einteilt und du lernst alle Geheimnisse der Medjai kennen. Es
wäre auch eine gute Möglichkeit, alle Bereiche dieses Ortes und
anderer kennenzulernen. Ein umfassender Einblick. Das wäre doch
geradzu ideal.
Sie sah ihn skeptisch an. Du würdest das gern wollen,
nicht wahr?
Du wärest dann eine vollwertige Lady Bay. Ich möchte,
dass du dich ganz und gar dazugehörig fühlst, denn es soll dir
ja hier gefallen. Er sah sie eindringlich an, ihm lag ihr
Wohl zuvordererst am Herzen, das konnte sie spüren. Und
wenn es dir nicht gefällt, kannst du jederzeit aufhören, du
kannst nach Kairo oder Luxor ziehen, du kannst zu deinen Eltern
zurück. Ich will dich zu nichts zwingen, und siehst du, das ist
jetzt der Vorteil, dass sie mich so schnell zu ihrem Anführer
gemacht haben. Ich kann darüber bestimmen, wir müssen nicht
irgendwem gehorchen.
Tatsächlich beruhigte Emilia dieses Aussicht ganz ungemein. Sie
wusste ja nicht, was auf sie zukam und hatte sich selbst schon
gefragt, ob es ihr hier je gefallen würde.
Emilia, du müsstest dich deiner Meisterin unterwerfen. Du
hättest zunächst über andere keine Verantwortung, die du
hättest, wenn du gleich als Lady Bay fungieren würdest. Du
darfst dir keine Fehler erlauben in der Position. Daher hättest
du einen regelrechten Beraterstab zur Seite. Ich glaube, es wäre
einfacher für dich, wenn du erst einmal drei Jahren lernen
würdest, wie alles funktioniert. Naja, normalerweise wären es
sogar sechs Jahre. In deinem Fall würde man es verkürzen, du
müsstest dich sehr anstrengen und könntest mich und die Kinder
nur an den freien Tagen aufsuchen. Ich will dir nichts
verschweigen. Es ist auch manchmal sehr hart in der Ausbildung.
Wenn du nicht gehorchst, dürfen sie dich bestrafen, auch
schlagen. Aber ich weiß, dass du sehr ehrgeizig bist und mit den
anderen mithalten würdest. Viele Mädchen sind in den letzten
Jahren daran gehindert worden, auch sie wären in dieser
Ausnahmesituation. Du wärest also noch nicht einmal ein
Sonderfall.
Emilia nickte.
Weißt du, ich werde Tanith bitten, dir von der Ausbildung
zu berichten. Sie kennt die Meisterinnen und was auf dich
zukommen wird. Dann überschläfst du die ganze Angelegenheit.
Ich bitte dich nur, mit morgen vor der Zeremonie zu sagen, ob du
möchtest oder nicht, damit ich es gleich mit in meine Rede
einbauen kann.
Es wäre besser für dich, wenn ich es machen würde?
Ja, natürlich wäre es besser für mich, für uns, für
unsere Familie. Und auch Gabriel und Francisca werden eine
Ausbildung machen müssen, du wärest dann auch deinen Kinder
eine Hilfe.
Und ebenbürtig, fügte Emilia in Gedanken hinzu.
Ardeth, ich kann wirklich jederzeit abbrechen und
gehen?
Ja, Emilia. Wir werden in jedem Fall eine gute Lösung
finden. Hör mal, ich möchte, dass du glücklich wirst. Ich
weiß, du wärst lieber in Südamerika geblieben.
Weißt du, wenn ich so sehe, wie sehr sie sich hier
darüber freuen, dass du zurückgekehrt bist und wie schnell du
in deine Position gefunden hast, so als wärest du nie
weggewesen, glaube ich, dass es richtig war, hierherzukommen. Ich
bin deine Frau, Ardeth. Ich bin dir gern gefolgt, und wenn du
willst, dann werde ich es versuchen und eben eine Kriegerin
werden.
Ardeth sah sie tief gerührt an.
Was hat mir das Schicksal für eine Frau geschenkt!
Sie umarmten sich fest.
Wir werden es schaffen, Emmy!, murmelte Ardeth und
liebkoste ihr Haar. Als sie die Umarmung gelöst hatten,
streichelte sie ihm zärtlich übers Gesicht.
Sag mal, Ardeth, werde ich dann auch so tätowiert wie ihr
alle hier und muss ich dann auch so herumlaufen?
Sie hatte einen merkwürdigen Tonfall dabei, wunderte sich
Ardeth. Es klang gar nicht so entsetzt.
Äh... ja, schon. Dann bist du ja erwachs... ich meine, du
bist dann fertig mit der Ausbildung.
Wunderbar! Dann muss ich nicht ständig in so eine Anprobe
wie gestern und heute.
Ardeth musste lachen. Emilia war schon einmalig.
Morgen stecken sie mich übrigens in so ein scharzes langes
Kleid mit aufgestickten Zeichen. Deine Mutter hatte es schon
anprobieren lassen. Es wird gerade geändert.
Meine Mutter wird staunen, wenn sie von deinem Entschluss
hört, freute sich Ardeth. Aber du solltest wirklich
eine Nacht darüber schlafen. Wir sagen es ihnen heute noch
nicht. Ihm kam eine Idee. Emmy, haben sie dir schon
deinen Text für morgen gegeben?
Ja, und ich habe ihn schon auswändig gelernt.
Braves Mädchen!, fuhr er ihr mit der Hand über den
Kopf. Dann füge doch hinzu, dass du wünscht, eine
Kriegerin zu werden, um damit unserem Volk richtig dienen zu
können.
Du bist der geborene Diplomat, weißt du das?, neckte
sie ihn.
Nefrar war entsetzt, als sie vernahm, dass ihr geliebter Sohn
verhört wurde. Sofort war sie zu Leslie gelaufen, damit er
Ardeth dazu bringen würde, das Verhör abzubrechen. Doch Leslie
tat nichts dergleichen, er wusste, dass es nötig war. Als Tanith
am Abend ihren Eltern mitteilte, dass das Verhör beendet und
Ismail gerade vor Ardeth gebracht wurde, eilten alle drei zum
Re-Zelt, wo Ismail bereits vor Ardeth auf dem Boden lag und sich
kaum zu rühren vermochte. Zwei Krieger standen neben rechts und
links neben ihm. Deutlich waren die Spuren der Folter an Ismail
zu erkennen. Nefrar wollte sich sofort zu ihm neigen, doch Leslie
hielt sie fest.
Er ist unschuldig, Lord Bay, sprach einer der
Krieger.
Ismail wimmerte wie ein kleines Kind vor Schmerzen. Ardeth
wusste, dass man nicht zimperlich mit ihm gewesen war und war
sich sicher, dass Ismail gestanden hätte, wenn er tatsächlich
die Lage des Grabes von Tutenchamun an die Briten verraten
hätte.
Ich bin froh, dass sich deine Unschuld erwiesen hat. Nun
wird dich niemand mehr verdächtigen, Ismail. Aber du solltest
nicht im 12. Stamm bleiben. Im 1. Stamm wirst du die Zeit und die
Gelegenheit erhalten, dich zu bewähren. Du wirst dort fortan als
Krieger dienen.
Als Krieger im 1. Stamm?, erwiderte Nefrar
auffahrend. Er ist ein Bay und sollte einer deiner
Generäle sein! Ismail war viel zu schwach, um Einwände zu
erheben.
Sein Verhalten rechtfertigt einen solchen Posten
nicht.
Ardeth hat recht. Es wird Zeit, dass er ein richtiger
Krieger wird", pflichtete Leslie Ardeth bei.
Aber er ist doch ein richtiger Krieger!, erwiderte
Nefrar ihrem Mann.
Nein, er ist ein trotziger Junge, der nicht begriffen hat,
was seine Aufgabe ist und seine Macht schamlos ausnutzt.
Daher wird er im 1. Stamm mit dem untersten Grad anfangen
und endlich lernen, was Unterordnung unter die Aufgabe der Medjai
bedeutet, meinte Ardeth. Dann wandte er sich an die beiden
Krieger: Lassen Sie seine Wunden versorgen! Morgen muss er
wieder auf den Beinen sein.
Ismail wurde zurück ins Anubis-Lager gebracht. Nefrar warf ihm
besorgte Blicke hinterher. Tanith beruhigte ihre Mutter und
wollte selbst nach ihrem Bruder schauen.
Abermals mussten Ardeth und Emilia früh morgens aufstehen.
Ardeth ging wieder zum Vorbeten. Dort traf er seinen Onkel
Wirianda, dessen Tochter Farani seinerzeit zwangsverheiratet
worden war, weil Leyrah befürchtet hatte, Farani und Ardeth
könnten ein Paar werden. Faranis Schicksal lastete schwer auf
Ardeths Seele. Er erkundigte sich bei Wirianda, wie es Farani
ginge. Die höfliche Antwort, die der Ältere gab, konnte nicht
über seine Besorgtheit hinwegtäuschen. Ardeth sah ihn
verständnisvoll an, umarmte ihn stumm und versprach ihm nichts,
denn er wusste nicht, ob er überhaupt helfen konnte. Doch er
nahm sich vor, darüber nachzudenken, was zu tun sei, um Farani
das Leben zu erleichtern.
Inzwischen wurde Emilia gewaschen, parfümiert und angekleidet.
Zwischendurch frühstückte sie mit ihren Kindern, die heute im
Zelt blieben und auch vorbereitet und angekleidet wurden. Emilia
ermahnte sie, sich bei Zeremonie zu benehmen und brav an Hand von
Großmutter Leyrah und Onkel Leslie zu bleiben. Leyrah kam
später zu Emilia und sah zu, wie sie angekleidet wurde. Emilia
trug ein enganliegendes scharzes Kleid mit langen engen Ärmeln,
das in der Mitte von einem goldenen, breiten Gürtel gehalten
wurde. Es war mit Goldfäden bestickt, die exakt die Zeichen an
den Stellen zeigten, wo die Medjai tätowiert waren. Sie bekam
eine hohe Tiara aufgedrückt, die sie stark an die Büste der
Nofretete erinnerte. Ihr Haar verschwand darunter. Dann legte man
ihr allen Schmuck an und drückte ihr ein goldenes Ankh-Kreuz in
die Hand, das sie halten sollte. Leyrah drückte ihr den schmalen
goldenen Reif auf die Stirn. Zum Schluss schlüpfte sie in die
goldenen Sandalen, die sie schon am ersten Tag getragen hatte.
Als sie gegen 9 Uhr fertig war, kam Ardeth ins Schlafgemach und
wickelte sich aus einem sehr langen blau-schwarzen Tuch auch eine
sehr hohe Tiara, die er mit einem Band so befestigte, das sie den
Tag über halten würde. Sie sah ihm staunend zu. Er zwinkerte
ihr zu, dann meinte er:
Wir werden jetzt da rausgehen und die Zeremonie über uns
ergehen lassen, dann werden aus allen Stämmen Gaben uns
dargebracht werden und die Fürsten ihren Huldigungseid sprechen.
Wir nehmen anschließend eine leichte Mahlzeit zu uns. Danach
ruhen wir, denn die Nacht wird lang werden. Nachmittags werden
wir uns Tänze und Vorführungen anschauen mit den anderen
Fürsten, es gibt ein großes Abendessen und danach werde ich mit
den anderen elf Anführern nach Hamunpatra reiten und bis zum
Morgen wachen. Du kannst so lange aufbleiben wie du willst und
feiern. Alles klar?
Ja doch, Ardeth, alles klar.
Kannst du deinen Text noch?
Ich bin ihn schon dreimal in Gedanken durchgegangen, sei
unbesorgt.
Er sah sie ernst an. Und hast du dich entschieden?
Ja, Ardeth. Ich werde die Ausbildung machen.
Er atmete erleichtert auf. Danke, Emmy, du machst mich sehr
glücklich.
Ich tu es für dich und dein Volk. Ich möchte, dass du
glücklich bist. Und auch ich habe mir vorgenommen, hier
glücklich zu werden. Ich möchte nicht herumgeschubst werden,
daher ist es besser, ich erarbeite mir meinen Rang so gut es eben
geht.
Er traute sich nicht, sie in der Aufmachung in den Arm zu nehmen,
so ergriff er ihre Hände und drückte sie fest. Lass uns
gehen!
Er führte sie zur Tribüne, wo bereits die elf Anführer mit
ihren Frauen zur Seite im Halbrund sitzend warteten. Sie erhoben
sich und setzten sich wieder, sobald Ardeth und Emilia in der
Mitte auf den erhöhten Sitzen Platz genommen hatten. Zu Ardeths
Rechten saßen die Paare des 1. bis 6. Stammes, zu Emilias Linken
die Paare des 11., 10., 9., 8. und 7. Stammes. Die
Familienmitglieder der Fürsten standen von vorn gesehen rechts
zur Seite. So standen auch Gabriel und Francisca bei ihrer
Großmutter Leyrah, daneben Ardjun, der etwas wehmütig auf den
Platz sah, den er so lange eingenommen hatte, Leslie und Familie
natürlich ohne Karan, die nun auf der anderen Seite bei
ihren Eltern stand. Die Setlatas waren nicht blutsverwandt, sie
standen daher vor der Tribüne, aber mit an vorderster Stelle.
Der große Platz war völlig überfüllt, Ardeth würde schreien
müssen, damit man ihn überhaupt würde hören können. Er stand
auf und ging an den Rand. Seine Legitimationsrede begann. Sie
bestand hauptsächlich auf der Auflistung all seiner männlichen
Vorfahren, angefangen bei Kanzler Bay aus der Zeit am Ende der
19. Dynastie. Gabriel sprach in Gedanken mit und kam bis 67,
Francisca langweilte sich sehr ihr Vater war der 128.! -
und zupfte an ihrem Kleid. Den beiden Töchtern Ismails, die
ebenfalls schon anwesend waren und sich an Hand ihrer Mutter
Fatima befanden, ging es nicht anders. Leyrah war stolz auf ihren
Sohn und sie musste an Lyleth denken. Wie gern hätte sie ihn
heute dabei gehabt! Leslie drückte sie herzlich, er wusste, was
ihr durch den Kopf ging. Nachdem Ardeth die lange Auflistung
beendet hatte, traten die alte Priesterin links neben ihn und der
älteste der Anführer, nämlich Lord Wenchyn, rechts neben ihn.
Sie legten ihre jeweils rechte Hand auf seine Schultern. Ardeth
gelobte, seinem Volk mit aller Kraft und Lauterheit dienen zu
wollen und es zu schützen gegen alle Bedrohungen und zu führen
auf dem Weg, den es in Verantwortung für seine Aufgabe gehen
musste. Als sie ihre Hände zurückzogen, trat Ardeth einen
Schritt vor, und Lord Wenchyn und die Priesterin sahen sich
irritiert an. Was hatte er vor? Er ging auf die Knie und neigte
seinen Kopf fast zu Boden vor dem Volk, das so zahlreich vor ihm
versammelt war. Es hatte zuvor die ganze Zeit Totenstille
geherrscht, damit man seine Worte hören konnte. Jetzt war es
Ergriffenheit, denn diese Geste gehörte nicht zum Protokoll.
Leyrah hatte Emilia vom Ablauf erzählt und auch sie war
verwundert, ebenso die Lords. Doch Emilia ergriff die
Gelegenheit. Sie wäre ja auch gleich an der Reihe gewesen, so
erhob sie sich, trat links neben Ardeth und kniete sich ebenso
hin, bangend, dass ihre Tiara halten würde. Sie tat es zum
Glück. Erst, als lauter Jubel aufbrandete, erhoben sie sich und
Ardeth nahm Emilias Hand und sah seine Frau gerührt an. Sie
warteten, bis es still wurde, dann trat Ardeth hinter Emilia,
während Lord Wenchyn und die Priesterin auch ihr die Hände auf
die Schultern legte. So sprach auch Emilia ihren Eid zum Wohle
und Schutz des Volkes, den sie brav auswendig gelernt hatte, und
sie fügte hinzu, dass es ihr innigster Wunsch wäre, eine
Kriegerin zu werden und sie daher sich der Ausbildung voller
Freude unterwerfen werde. Leyrah schlug vor Freude die Hände
vorm Gesicht zusammen und Leslie wunderte sich nur, wie Ardeth an
diese wunderbare Frau geraten war. Inzwischen war wieder lauter
Applaus aufgebrandet. Natürlich hatten sich die Leute schon
gefragt, wie das mit Lady Bay werden würde, die immerhin völlig
fremd hier war, und nun vernahmen sie, dass Emilia sich ganz
eingeben wollte und waren begeistert. Sie hatte im Nu ihre Herzen
gewonnen. Es dauerte sehr lange, bis Ardeth, Hand in Hand mit
Emilia, weitersprechen konnte. Er erklärte dem Volk
schließlich, dass nicht gerade sehr leichte Zeiten auf sie
zukommen würden. Er bat um Verständnis, dass sie fortan ein
bescheideneres Leben führen müssten, da es an Geldmitteln
fehlte. Dann versprach er, alles dafür zu tun, dass ihre Aufgabe
im Mittelpunkt stehen würde und auch für mehr Einigkeit unter
dem Stämmen zu sorgen. Am Ende erklärte Ardeth laut:
Ich möchte mit meinem Stamm anfangen und alle aus diesem
bitten, sich nicht mehr vor mir oder meiner Frau auf die Knie zu
werfen. Ich weiß, dass es in den Südstämmen längst nicht mehr
alltägliche Sitte ist und nur zu offiziellen Anlässen gemacht
wird. Das ist auch gut so und ausreichend. Bedenkt, dass wir
Medjai sind und keine Priester, keine Pharaonen. Ich bin nichts
weiter als ein Diener genau wie ihr. Ich bitte die
Anführer der Nord- und Mittelstämme hiermit, es mir gleich zu
tun. Er wandte sich kurz um und sah, wie die Angesprochenen
sofort nickten. Dann drehte er sich wieder der Masse zu.
Daher sollt ihr euch gleich vor Lady Bay und mir ein
letztes Mal verbeugen bis wir zum nächsten offiziellen
Anlass zusammenkommen. Er sah Einverständnis auf den
Gesichtern in der Menge. Der zwölfte Stamm, seit Jahrhunderten
Heimat des obersten Anführers, war für seine übertriebenen
Loyalitätsbezeugungen unter den Stämmen bekannt und jedermann,
der sich hierher begab, fürchtete einen Verstoß gegen das
Protokoll zu begehen. Ardeth bat um etwas längst Überfälliges
und sie waren damit sehr einverstanden. Schließlich nickte
Ardeth der Priesterin und Lord Wenchyn zu, die nun erklärten,
dass Ardeth in Übereinstimmung mit ihren Gesetzen und
Traditionen der eingesetzte Anführer aller Medjai wäre. Das war
das Zeichen, dass nun das Volk auf die Knie fiel, während sich
die Anführer und ihre Frauen von den Sitzen erhoben. Ihre
Familienangehörigen waren auch auf die Knie gegangen, natürlich
bis auf Leyrah und Ardjun. Ardeth wartete eine Weile, dann winkte
er alle mit den Worten Erhebet euch hoch und kehrte
mit Emilia auf ihren Platz zurück. Die Anführerpaare setzten
sich wieder. Eine Abordnung des 1. Stammes trat hervor. Lord und
Lady Mahu standen auf und traten vor. Sie gingen vor dem neuen
Anführerpaar auf die Knie und Lord Mahu sprach den Eid, dass er
und sein Volk allezeit Ardeth folgen wollen. Dieser formellen
Unterwerfung ließ er Geschenke folgen, zum Zeichen der
Loyalität. Sie waren in einer Truhe verpackt und wurde hinter
der Tribüne aufgestellt. Ardeth bedankte sich und wünschte sich
eine gute Zusammenarbeit mit dem ältesten aller Medjai-Stämme.
Es folgte eine Tanzdarbietung von Künstlern aus dem 1. Stamm,
die alle beklatschten, dann ging es mit der Loyalitätsbekundung
von Lord Setlata aus dem 2. Stamm weiter, der wiederum eine kurze
Dankesrede von Ardeth folgte, bevor wieder eine Darbietung
gezeigt wurde. Ardeth fand für jeden Stamm andere Worte und
erinnerte an seine spezielle Eigenschaft. Als Lord Wenchyn an die
Reihe kam, winkte er seinen Sohn und dessen Frau zu sich und
sprach feierlich, während er und seine Frau vor Ardeth und
Emilia niederknieten: Lord Bay, es ist mir eine ganz
besondere Ehre und übergroße Freude, heute vor Euch niederknien
zu dürfen. Eure Einsetzung heute war, so wie ich es mir beim Tod
Eures seligen Vaters vorgenommen hatte, die letzte Tat als Lord
des 8. Stammes. Nun lege ich die Geschicke meines Stammes in
jüngere Hände. Ich übergebe die Anführerschaft meinem Sohn
Kitran und seiner Frau, Lady Maatkare Wenchyn. Lord Bay, seid
allzeit gesegnet auf all Euren Wegen bei all Euren Taten!
Ardeth war sehr gerührt. Lord Wenchyn war immer ein väterlicher
Freund gewesen.
Ich danke Euch dafür, dass Ihr so lange und so gut als
Anführer des 8. Stamm gedient habt! Darüberhinaus danke ich
Euch sehr für alles, was Ihr für mich und meine Familie getan
habt, und es war wirklich über alle Maßen viel. Erhebt Euch,
Lord Wenchyn! Ardeth stand auf und umarmte ihn herzlich.
Dann begab sich das alte Ehepaar zu den anderen
Familienangehörigen, die gerührt zugesehen hatten. Lord Wenchyn
war eine Institution gewesen, galt als absolut objektiv und
verlässlich. Auch Gatyreth sah ihm traurigen Blickes hinterher,
aber wusste wie jeder, dass gerade Lord Wenchyn den Ruhestand
verdient hatte. Nun knieten sein Sohn und dessen Frau vor Ardeth
und sprachen den Treueeid auf das Haus Bay. Ungefähr zwei
Stunden dauerte die gesamte Zeremonie. Nach der Einlage von
Künstlern aus dem 11. Stamm, die sich sehr von denen des 1.
Stammes unterschied und tatsächlich die Diversität der Stämme
zum Ausdruck bringen sollte, konnte man sich endlich erheben und
das leichte Mahl unterhalb der Tribüne, unter Schatten
spendenden Planen, einnehmen.
Dein eigener Stamm muss nicht tanzen?, fragte Emilia
Ardeth flüsternd.
Nein. Tatsächlich gibt es ein lustiges Sprichwort, das
angewendet wird, wenn jemand sich erfolgreich vor einer Aufgabe
drückt. Sie sagen dann: Der 12. Stamm muss nie tanzen.
Emilia sah ihn nachvollziehend an. Es würde lange dauern, bis
sie diese Feinheiten alle verstehen würde. Nun ließ sie sich
erst einmal das Essen schmecken. Sie war froh, denn ihre Kinder
konnten zwischen ihr und Ardeth sitzen.
Der Tag lief wie vorgesehen weiter. Im Dunkeln brachen die zwölf
Anführer schließlich auf und ritten in die Wüste. Nach langer
Zeit kehrte Ardeth nach Hamunaptra zurück. Er blickte bangen
Herzens hinunter auf den alten Vulkankrater. Eines Tages würde
er sich dem Unnnennbaren stellen müssen.
Sie kehrten in den frühen Morgenstunden zurück. Danach ruhten
sich die Fürsten aus, doch noch am gleichen Tag war
Aufbruchstimmung. Zunächst reisten die Fürsten der Südstämme
gemeinsam ab. Später folgten die anderen und auch Leslie und
Ardjun reisten gen Kairo. Emilia gab Leslie einen ausführlichen
Brief für ihre Eltern mit, den er möglichst von Europa
abschicken sollte. Keine drei Tage später war der zwölfte Stamm
wieder auf seine normale Einwohnerzahl reduziert. Der Alltag
begann und Ardeth brachte eine aufgeregte Emilia ins
Anubis-Lager.
Liebe Eltern!
Vielen Dank für Euren Brief und Eure guten Wünschen zum neuen
Jahr! Ich musste auch gerade in der Weihnachtszeit viel an Euch
denken, daran, wie wir vor einem Jahr noch zusammen auf unserer
Farm gefeiert haben. Auch Ardeth hat sich daran mit Wehmut
erinnert und meinte, dass wir ja in drei Jahren uns alle in Kairo
zu Weihnachten treffen könnten. Sein Onkel hat dort eine große
Villa und feiert dort immer ein großes Weihnachtsfest. Bitte,
versucht doch, uns dann zu besuchen! Ich wäre dann vielleicht
mit meiner Ausbildung auch schon fertig, von der ich Euch schon
im letzten Brief angedeutet hatte. Seitdem sind einige Wochen
vergangen und ich kann Euch jetzt mehr darüber erzählen.
Es hat mich gefreut, dass Ihr meinen Brief schon so schnell
erhalten habt. Diesen hier werde ich gleich einem Kommandanten
mitgeben, der von Ardeth den Befehl erhalten hat, mit einem Trupp
nach Kairo aufzubrechen. Ich muss mich beeilen, denn er möchte
bald aufbrechen. Ich würde gern selbst mitreisen, aber ich darf
noch nicht, weil ich doch diese Ausbildung mache. Ardeth nimmt
mich manchmal mit, damit ich mal rauskomme. Neulich sind wir mit
Gabriel zu einem koptischen Kloster geritten. Dort hat sich
Ardeth bei seinen Lebensrettern bedankt Ihr erinnert Euch?
- und ihnen garantiert, dass sie seine Stammesländereien
jederezeit unbehelligt durchqueren könnten und er ihnen sogar,
wenn nötig, eine Eskorte schicken würde. Sie haben sich
natürlich über seinen Besuch gefreut und auch über mich, weil
ich eine Christin bin. Das ist übrigens kein Problem hier für
mich. Ich kann es bleiben und muss nicht konvertieren. Doch
Gabriel sollte es vielleicht tun, aber wir wollen ihn selbst
entscheiden lassen. Jedenfalls wird er leider nicht zur Kommunion
gehen können. Schade, ich hatte mich sehr auf das Fest gefreut.
Ich sehe ihn und auch Francisca nur sehr selten, da ich nur jeden
10. Tag frei habe. Dann kann ich zu Ardeth und den Kindern für
eine Nacht und einen Tag, und Ardeth nimmt sich dann immer Zeit
für uns, wenn er nicht fort ist. Im Moment ist er leider fort,
so dass ich endlich mal zum Briefeschreiben komme. Ich habe auch
einen an Senor Gomez geschrieben, bitte schickt ihn von Buenos
Aires aus weiter!
Es geht mir sehr gut. Die Ausbildung ist nicht einfach, vor
allem, weil ich ja nur drei Jahre habe. Normalerweise dauert es
doppelt so lang. Aber ich bin nicht allein und habe schon
Freundschaften geschlossen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was
ich alles lernen muss! Ich habe bestimmt schon fünf Kilo
abgenommen vom vielen Reiten und dem ganzen Sport. Aber macht
Euch keine Sorgen, ich schaffe es schon. Die anderen Mädchen
unterstützen mich und ich glaube, die Meisterin nimmt Rücksicht
auf mich. Nebenher muss ich ja auch noch die Sprache lernen, die
Gabriel übrigens schon perfekt sprechen kann. Es ist
unglaublich, wie gut er sich eingefügt hat. Am liebsten spielt
er aber mit den Jungen Fußball. Francisca lernt auch gut, nur
möchte sie oft zu mir, sodass Ardeth sie manchmal abends
während der Unterrichtsstunden in mein Zelt bringt, aber immer
in Begleitung der Gouvernante, damit ich nicht so abgelenkt
werde. Im Moment schlafen wir zu zehnt, aber nur ein halbes Jahr,
dann sind wir nur noch zu viert. Ihr fragt Euch sicherlich, warum
ich das alles auf mich nehme. Ich habe Euch ja schon im letzten
Brief geschrieben, dass es für die Leute hier wichtig ist und
ich damit wirklich dazugehöre. Es ist anstrengend, aber ich bin
auch froh, dass ich noch keine Verantwortung zu tragen habe. Ich
bekomme ja mit, was Ardeth alles zu machen hat. Er ist fast nur
unterwegs. Neulich war er in Kairo beim König. Könnt Ihr Euch
das vorstellen? In drei Jahren wird er mich zu ihm mitnehmen.
Dann muss ich auch so viel reisen wie er. Im Moment unterstützt
ihn seine Mutter, die das Amt ausübt, das ich eigentlich
übernehmen sollte. Von daher bin ich froh, dass ich genügend
Zeit habe, mich an alles zu gewöhnen. Ich habe viele Lehrer, die
sehr streng mit mir sind. Das soll aber normal sein, haben mir
die anderen Mädchen erzählt. Wenn man hier nicht seine
Pflichten tut oder ungehorsam ist, wird man bestraft. Ich bemühe
mich, alles richtig zu machen und gehorche, wenn man mir etwas
aufträgt. Die Frauen hier sind übrigens viel direkter als bei
uns und auch emanzipierter. Die Souffragetten würden staunen!
Wahrscheinlich täte auch Nina so eine Ausbildung gut! Hinterher
sind die Mädchen nämlich viel selbstbewusster. Wie geht es ihr?
Bitte grüßt sie recht herzlich von mir, Ardeth und den Kindern.
Sie soll mir auch mal einen Brief schreiben! Ich freue mich doch
über jede Zeile von Euch allen!
Ja, manchmal habe ich Heimweh nach unserer Farm in San Juan, als
es nur die Familie zu versorgen gab. Dort war alles sehr
übersichtlich. Ich hatte Ardeth und die Kinder für mich. Aber
inzwischen habe ich mich hier eingelebt und meine Welt ist im
Moment auch übersichtlich, denn ich habe einen festen Tagesplan.
Ich muss früh aufstehen, diesen Hirsebrei morgens essen, den
Ardeth uns manchmal zu Hause abends gemacht hat und den ich noch
nie wirklich mochte, dann müssen wir Wasser von weither holen.
Das ist praktisch die Muskelaufwärmung für die ganzen Übungen,
die dann folgen. Wir haben Reit- und Kampfunterricht. Danach
müssen wir uns ganz mit Sand abreiben und meditieren dann bis in
die Nachmittagstunden. Dann gibt es eine Pause, in der wir Tee
trinken können, bevor wir am späten Nachmittag für
verschiedene Dienste eingeteilt werden, die bis in den Abend
andauern. Gegen 8 Uhr abends gibt es dann die Hauptmahlzeit des
Tages, die anderen haben frei, aber ich werde dann von Lehrern
noch zwei weitere Stunden unterrichtet. Und so vergeht Tag um
Tag. Die schönste Zeit ist die Teestunde, in der wir uns über
alles Mögliche unterhalten können. Die Mädchen wollen wissen,
wie mein früheres Leben so war und wie ich Ardeth kennengelernt
habe. Sie sind sehr nett zu mir, sehr kameradschaftlich. Ich
komme mir vor, als ginge ich noch einmal zur Schule. Nun, so ist
es ja auch! Es ist eine völlig neue Welt, Ihr würdet staunen.
Was manchmal schwierig für mich ist, ist das Wetter. Es ist so
trocken hier und ich sehne mich nach einem guten Bad. Ardeth hat
mir versprochen, mich mal mit zum 5. Stamm zu nehmen, denn dort
gibt es einen See. Eigentlich wollte er heute mit mir und den
Kindern ausreiten und picknicken. Aber sie haben ihn gestern
gebeten, mit ihnen in die Wüste zu reiten, denn es sieht so aus,
als würde es zu Kampfhandlungen zwischen französischen
Fremdenlegionären und Tuareg-Kriegern auf unserem Stammesgebiet
kommen. Das hat er mir noch schnell erzählt, bevor er losmusste.
Ihr seht, hier ist immer etwas los. Aber keine Sorge, im Ort
leben wir in Frieden. Er ist wirklich gut bewacht und hier kommt
keiner ungebeten her.
Ich hoffe, Euch geht es gut! Schreibt mir bitte bald wieder! Seid
unbesorgt, Eure Briefe erreichen mich hier in der Wüste!
In Liebe,
Eure Emilia.
New York, Metropolitan Opera, 3.3.1923
Durch Mitleid wissend, der reine Tor.
Man hörte noch Frauenstimmen sowie einige Tenorstimmen, die ein
sehr sanftes Selig im Glauben anstimmten, dann
schloss sich der Vorhang sehr langsam und es war minutenlang
still. Auch Leslie und seine Mutter getrauten sich nicht zu
klatschen.
Kein Wunder, dass es Ardeth so gefallen hat!,
flüsterte Leslie leise, mehr zu sich selbst als seiner Mutter
zu. Es ist fantastisch!
Einige Leute aus der Reihe hatten sich bereits erhoben, denn es
war Pause.
Ja, es ist wunderschön. Ich habe so etwas noch nie
gehört, erwiderte Claire Manson, Leslies Mutter,
schließlich. Ganz anders als die anderen Opern, die ich
bislang gehört habe. Und sie fügte fast ein wenig traurig
hinzu: Naja, viel waren das allerdings noch nicht!
Das lässt sich ja nachholen, Mutter, zwinkerte
Leslie ihr zu, während er ihr beim Aufstehen half.
Genügend festliche Kleider besitzt du ja!
Claire musste lachen. Die meisten passen mir bestimmt nicht
mehr! Weißt du, wie lange es her ist, dass ich sie anlässlich
der festlichen Dinners in unserem Haus und anderswo getragen
habe? Patrick ist schon so lange tot. Meine Güte, Leslie, wo ist
nur die Zeit geblieben?
Das weiß ich nicht, äffte Leslie den jungen
Parsifal nach, der so stets seinem Onkel Gurnemanz auf die Fragen
nach seiner Herkunft geantwortet hatte. Und sogleich hatte er ein
nachdenkliches Runzeln auf seiner Stirn. Auch er hatte nicht
gewusst, wo er herkam und wer sein Vater war. Claire hatte es ihm
aus Sorge um sein Wohl verschwiegen genau wie Parsifals
Mutter Herzeleide. Wie bei Herzeleide hatte es aber auch bei
Claire nichts gebracht... Claire hatte seinen kurzen Anflug von
Nachdenklichkeit nicht bemerkt, sie musste über Leslies
Parsifal-Zitieren lachen. Ach, es war für sie einfach ein
himmlischer Abend! Erst hatte sie sich ja tagelang darüber
ausgelassen, dass der Weg nach New York viel zu weit sei, nur um
in die Oper zu gehen! Doch Leslie hatte nicht locker gelassen. Er
hatte alles organisiert: die Karten besorgt, die Zugfahrt, das
Hotel... er war sehr umsichtig. Sie war alt, allein und Leslie
war alles, was ihr geblieben war. Sie wollte nicht noch einmal
diese tristen Jahre des Alleinseins, die sie nach dem Tod ihres
Mannes Patrick durchleben musste, erleben, und hoffte, dass er
nun bei ihr wohnen bleiben würde.
Leslie, sprach sie gerührt, bitte, lass uns so
etwas öfter machen, ja?
Dann bist du mir also nicht mehr böse, dass ich dich nach
New York gezerrt habe?
Nein, Leslie, es war eine wunderbare Idee.
Weißt du, Mutter, es ist nur so... ich..., Leslie
druckste herum, er wusste nicht so ganz, wie er ihr sagen sollte,
was er auf dem Herzen hatte, doch Claire hatte es zuvor selbst
geahnt, also ersparte sie ihm die Schwierigkeit, nach den
richtigen Worten zu finden.
Du wirst wieder zurückkehren, nicht wahr?
Leslie sah sie traurig an und nickte.
Ja, ich habe viel zu erledigen. Meine Aufgaben liegen in
Ägypten. Du musst das verstehen, Mutter. Aber ein paar Monate
werde ich noch bleiben können, wenn du willst.
Claire nickte und wirkte nachdenklich.
Mutter, aber...ähm... ich habe da noch eine Überraschung
für dich...
Wieder druckste Leslie herum. Irritiert schaute Claire ihn an.
Soll ich etwa mitkommen?, brachte sie fast empört
hervor und nahm eine Antwort gleich vorweg. Nein, nein,
Leslie! Das geht nicht. Ich bin zu alt. Die Reise ist zu weit.
Und ich will nicht noch einmal nach Ägypten, außerdem werde ich
hier gebraucht, nein, nein, ich kann nicht mit, wirklich
nicht...
Während Claire einen halben Vortrag über ihre angeblichen
Gründe hielt, weswegen sie nicht gewillt war, Leslie zu
begleiten, flanierten Mutter und Sohn durch die Gänge der
Metropolitan Opera.
Leslie überlegte sich, wie er seine Mutter auf das kommende
Ereignis vorbereiten sollte und ihm war ganz mulmig zumute.
Ardeth hatte ja diese Idee gehabt, die auch Leslie zunächst gut
fand, doch nun war er sich nicht mehr sicher, ob die Idee
wirklich so gut gewesen sei. Daher hatte Leslie einen Plan
gemacht, denn das ganze musste gut überlegt und vorbereitet
sein, wenn es nicht zum Streit kommen sollte. Er hatte die Idee,
dass Claire und Ardjun sich unter den gleichen Umständen treffen
sollten wie bei ihrem ersten Mal, allerdings hatte er seinen
Vater einweihen müssen. Am Vormittag hatte sich Leslie bereits
mit ihm getroffen, der so lange in einem Hotelzimmer in New York
gelebt hatte, ihm die Opernkarte überreicht und zu überreden
versucht, etwas anzuziehen, womit er in die Oper gehen konnte.
Wider Erwarten hatte Ardjun, der seit ihrer Reise in einer
merkwürdig befreiten Stimmung war, nachgegeben und Leslie hatte
ihm eine schwarze Hose und ein gleichfarbiges Samtjacket gekauft.
Sie hatten sich für die 1. Pause im Foyer verabredet. Genau
dahin steuerte Leslie. Er hoffte, dass Claire nicht auf und davon
rennen würde, wenn sie Ardjun wiedersah.
Ich habe doch auch gar nicht gesagt, dass du mitkommen
sollst, obwohl das natürlich wirklich sehr schön
wäre..., erwiderte Leslie nach einer ganzen Weile und
Claire wunderte sich, dass er so verzögert geantwortet hatte und
irgendwie damit beschäftigt war, nach jemandem Ausschau zu
halten. Leslie wusste auf einmal, wie er sie ein wenig
vorbereiten konnte.
Naja, Mutter, ich hatte gehofft, du würdest mich dann in
die Oper in Kairo einladen.
Claire sah ihn verdutzt an und schwieg. Sie atmete hörbar durch,
antwortete aber nicht. Dass sie damals in jener Oper ihre große
Jugendliebe kennengelernt hatte, bewegte sie offenbar noch immer.
Hatte sie das jemals verwunden?
Aber gut, redete Leslie, fast guter Laune, weiter,
wenn du nicht nach Kairo mitkommst, um mir die Oper zu
zeigen, und ich nicht hier bleiben kann, muss dich wohl jemand
anders in die Oper begleiten.
Leslie hatte erblickt, wen er suchte und steuerte zielbewusst auf
ihn zu, während Claire gerade protestieren wollte: Wer
sollte mich denn schon be....
Das Wort begleiten blieb ihr im Halse stecken, denn
auch sie sah, wen Leslie sah, und blieb wie angewurzelt stehen.
Vor ihr stand Ardjun! Und Leslie erwiderte ihre Frage in
seiner gewohnten Trockenheit:
Ardjun zum Beispiel!, und grinste breit über beide
Wangen.
Claire und Ardjun starrten sich an, Claire zuerst erschrocken,
dann aber schließlich mit einer Weichheit, die Leslie aufatmen
und vermuten ließ, dass es damals in Kairo ein ähnlicher Blick
zwischen den beiden Liebenden gewesen sein musste.
Ardjun!
Claire...
Das Eis war binnen wenigen Sekunden gebrochen. Leslie konnte sein
Glück gar nicht fassen.
Es läutete zum zweiten Aufzug.
Wisst ihr was? Ich gehe jetzt mal auf den Platz von Ardjun
und überlass euch die vorderen Plätze, ja?
Leslie entfernte sich ein kleines Stückchen, dann drehte er sich
noch einmal um und sah, wie beide Hand in Hand in den
Zuschauerraum gingen. Leslie war nun guter Dinge, dass sie sich
mehr als zusammenraufen würden. Die Idee mit der Oper hatte
funktioniert. Hier schloss sich endlich der Kreis dieser
traurigen Episode der Familie Bay. Von nun an würde alles gut
werden.
Der Mann, neben den er sich setzte, schaute ihn verwundert an. Im
I. Akt hatte doch ein anderer Herr dort gesessen. Leslie fing den
Blick ein und stellte sich als dessen Sohn vor.
Ah, dann kommen Sie also auch aus Ägypten? Ach, ich hatte
schon so ein überaus interessantes Gespräch mit Ihrem Vater.
Wissen Sie, mein Sohn ist gerade dort, auf Abenteuer- und
Schatzsuche! Es soll ja ungeheure Mengen an verborgenen Schätzen
und Gräbern geben. Darf ich mich übrigens vorstellen? Ich bin
Mr. Henderson...
Gerade, als der überaus redefreudige Mr. Henderson seinen Namen
genannt hatte, wurde es dunkel und Leslie war ganz froh darüber.
Der II. Akt begann und der böse Klingsor würde nun den
Gralsrittern zu Leibe rücken.
(5. Juli 2008)
Fortsetzung
HIER "Epilog"