Home Ardeth II (Autorin: Bianca M. Gerlich)

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Auch in Ägypten verblasste die Erinnerung an Ardeth nicht. Leslie bekam Besuch von Dr. Porter, der ihm alles über das Peru-Abenteuer berichtete und ihm die vier Artefakte überreichte. Leslie schüttelte vor Erstaunen mit dem Kopf. Nach dem Bericht erkundigte er sich, ob es Ardeth gut ginge. Mr Porter bejahte und berichete, dass er ihn nach Mendoza gebracht hatte. Mr Porter erwähnte nichts von Ardeths Familie, da Ardeth selbst kaum etwas davon erwähnt hatte und Mr Porter davon ausging, dass Leslie sowieso Bescheid wusste.
Leslie weilte zwar jetzt öfter in Kairo, durfte aber nach wie vor das Land nicht verlassen. Ardjun ließ ihn von zwei Medjai überwachen. Auch musste Leslie oft in den Süden reisen. Sein Sohn Ismail hatte vor zwei Jahren seine Initiation gehabt und ein halbes Jahr später Lady Fatima Fajum geheiratet, die zweitälteste Tochter von Lord Fajum aus dem 11. Stamm. Lord Ardjun Bay hatte sich zwar eher eine Verbindung zum Hause Meranmose gewünscht, dort hatte mittlerweile der junge Gatyreth das Amt seines Vaters übernommen. Gatyreth Meranmose flossen viele Sympathien zu und Ardjun hatte gehofft, die Meranmoses so mehr an sich zu binden. Ardjun spürte, dass die Anführer der Stämme ihm selbst nicht mehr so gewogen waren, seit er Ardeth fortgejagt hatte. Die meisten fürchteten Ismail Bay als Nachfolger, der unter dem Einfluss seiner Mutter stand. Sie hatte auf eine Verbindung mit Fatima bestanden, denn Fatima war als zweite Tochter nicht zur Kriegerin ausgebildet worden. Ihre ältere Schwester Sephina hatte diese Ausbildung in Stamm 10 gemacht, da es im elften Stamm nicht die Möglichkeit dazu gab und auch in Stamm 12 die Ausbildung auf Drängen Nefrars bereits eingestellt worden war. Lord Fajum bemühte sich zwar, den elften Stamm zu liberalisieren, doch nach der jahrhundertealten Herrschaft der Gazurs war es nicht einfach, die Menschen dort zum Undenken zu bewegen. Zuviel war mittlerweile Tradition geworden. Er selbst war damals nach den Unruhen der 1880er Jahren von Lord Ardeth Bay eingesetzt worden und musste Lady Shirin Gazur heiraten, damit der elfte Stamm nicht seines Adels beraubt wurde. Shirin war ebenfalls keine Kriegerin, die einzige aller Anführer-Ehefrauen. Sie verteidigte die streng islamischen Traditionen des elften Stammes wie eine Löwin und war mit Lady Nefrar Bay eng befreundet. So hatten sich die beiden Matronen auf eine Ehe mit dem künftigen amtierenden Lord Ismail Bay und Fatima Fajum geeinigt. Lady Nefrar befand, dass Fatima wunderbar geeignet wäre. Auch Nefrar war keine Kriegerin und sie wünschte sich keine Schwiegertochter, die auf sie herabblicken konnte, wie es ihrer Meinung die stolzen Kriegerinnen nun einmal taten. Es störte sie auch nicht, dass Fatima bei der Eheschließung erst 14 Jahre alt war. Das allein schon war ein halber Skandal, den Ardjun zu spüren bekam, indem zur Hochzeit die Anführer der Südstämme nicht erschienen. Eine 14Jährige, die nicht die tradtionelle Ausbildung einer Lady Bay erhalten hatte, sollte einmal Erste Dame werden! Dazu waren einige sehr brüskiert, die sich eine Verbindung zu den Bays gewünscht hatten. Immerhin wurde Fatima gleich schwanger. Doch als sie eine Tochter zur Welt brachte, war die Enttäuschung groß, und Ismail verprügelte sie am gleichen Tag, ebenso ein gutes Jahr später, als die 16Jährige ihre zweite Tochter zur Welt brachte. Als sie Anfang 1920, als Ardeth gerade in Peru war, ihre dritte Tochter zur Welt brachte, war die Verzweiflung bei den Bays groß. Ardjun hätte Fatima am liebsten davongejagt, von Ismail geschieden, was möglich gewesen wäre bei einem Bay-Erben. Doch er wollte auch nicht den elften Stamm brüskieren, da Tyrun Fajum einer seiner noch wenigen Getreuen war. Er brauchte den fast 20 Jahre jüngeren Lord nur daran zu erinnern, dass er von seinem Vater Ardeth Bay eingesetzt worden war und dass Ardjun sein drittes Kind - eine außergewöhnliche Tatsache, denn für einen Bay-Erben wäre eine erstgeborene Tochter gerade gut genug gewesen - als zukünftige Lady Bay ausgewählt hatte. Ardjun ließ Nefrar zu sich rufen. Sie war als Mutter des zukünftigen Anführers und in Ermangelung einer aktuellen Gattin Ardjuns die amtierende Lady Bay und war selig, dass ihre Widersacherin Leyrah ihr das Feld so einfach überlassen hatte. Wahrscheinlich wäre Nefrar niemals Erste Dame geworden, wenn Leyrah nach Ardeths Verbannung im 12. Stamm geblieben wäre. Leyrah hatte zwar nunmehr offiziell keinen Anspruch, da sowohl Lyleth als auch Ardeth niemals ein amtierender Lord Bay geworden waren, aber sie war anerkannt, hatte die Aufgabe jahrelang zur Zufriedenheit erledigt und galt als eine ruhmreiche Kriegerin. Nefrar konnte nun ihren großen Plan, die Missionierung der Medjai-Gesellschaft, in die Tat umsetzen und beeinflusste nach wie vor ihren Sohn, der sich mit solchen Ambitionen natürlich keine Freunde machte. Schon oft genug waren Mutter und Sohn in ihrer arroganten Art angeeckt. Ardjun war es leid, die beiden zurechtzuweisen. Er sehnte sich nach dem Ende seiner Amtszeit, aber seine Generäle baten ihn, sein Amt nicht an Ismail zu übergeben, sondern noch zu warten. Er sei doch noch rüstig genug, erklärten sie ihm, die Ismails Regiment fürchteten. Ardjun fühlte sich geschmeichelt, doch die Zahl der Kritiker an der derzeit amtierenden Familie Bay wuchs.
„Ardeth haben sie fortgejagt, Leyrah hat sich bequemerweise in den Tempel zurückgezogen und Leslie darf nicht ran“, schimpfte Nefer Meranmose, die sich wegen eines frischen Vorfalls gegenüber ihrem Mann ereiferte, und fügte hinzu: „Und der Rest ist unfähig!“
„Beruhige dich, mein Schatz“, redete Gatyreth auf sie ein und betrachtete mit Sorge die Striemen im Gesicht seiner Gattin, die wutschnaubend in ihr gemeinsames großes Zelt gekommen war, gleich nach ihrer Rückkehr vom Isis-Tempel. „Was ist denn passiert?“
Sie stratzte zum Tisch, goss sich einen Becher Wein ein und stürzte ihn herunter. „Und wo hast du Lady Bay gelassen?“
„Ich weiß nicht, wo sie ist. Hol sie der Teufel!“
Nefer konnte sehr impulsiv werden, doch so hatte Gatyreth sie noch nie auf Nefrar Bay schimpfen gehört. Nefer hatte seit ihrer Ehe ihr ausgelassenes Temperament etwas im Zaum.
„Ich bin noch im Stamm meiner Eltern gewesen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten im Tempel.“
„Was ist denn vorgefallen?“ Gatyreth goss sich auch einen Becher Rotwein ein.
„Sie hat Leyrah dazu gezwungen, sich vor ihr zu verneigen! Stell dir das mal vor!“
Lady Leyrah Bay besaß ein sehr hohes Ansehen, doch rechtlich stand sie nun unter ihrer Schwägerin. Doch selbst Leyrah wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass ihre Schwägerin die Verneigung von ihr fordern würde. Sie hatte Nefrar mit Entsetzen angeschaut, weil sie vor allen Priesterinnen und Kriegerinnen lautstark diese Ehrenbezeugung verlangt hatte. Es war schlechthin unhöflich und grob verletzend, das von der großen Leyrah, die so viel Heldendienst ihrem Volk erwiesen hatte, zu fordern. Und so hatte Lady Meranmose, die Lady Nefrar Bay von ihrem Besuch beim 5. Stamm bis zum Tempel mit einer Ehrengarde begleitet hatte, entsetzt „Aber Lady Bay“ gerufen, was wiederum Nefrar auf die Palme gebracht hatte. Nefrar gefiel es, Macht über die ihrer Meinung nach arroganten adligen Damen auszuüben. Und sie ließ Lady Nefer Meranmose, amtierende Erste Dame des 5. Stammes, niederknien und schlug sie mit ihrer Reitgerte mehrmals ins Gesicht. Gatyreth fand keine Worte dafür, als seine Gattin ihm davon, immer noch aufgebracht, berichtete. Er schüttelte nur mit dem Kopf, während Nefer einen Wortschwall wüster Beschimpfungen auf Nefrar niederprasseln ließ.
„Und Leyrah, was hat sie daraufhin gemacht?“, wollte Gatyreth dann doch wissen.
„Sie hat meiner Bestrafung zugeschaut, dann hat sie Nefrar einen sonderbaren lang anhaltenden Blick zu geworfen und ist schließlich auf ihre Knie gesunken. Ich schwöre dir, Gaty, Nefrar hat sie mindestens drei Minuten so belassen. Ich durfte auch nicht aufstehen. Schließlich hat sie mich angeschnauzt, ich solle aus ihren Augen gehen, und da bin ich weggegangen, zum ersten Stamm geritten. Ich glaube, ich hätte ihr sonst die Augen ausgekratzt!“
Gatyreth fand es ebenso ungeheuerlich, dass Nefrar eine Erste Dame so blamabel gezüchtigt hatte. Die Striemen gingen quer über die Wangen und damit quer über ihre vielen Tätowierungen, die im 1. Stamm üblich waren, sodass jeder es sehen konnte. Nicht einmal einen Diener würde man so schlagen, geschweige denn einen Krieger. Er streichelte vorsichtig seiner Frau übers Gesicht. „Es geht schon wieder weg, mein Schatz!“, versuchte er zu trösten.
„Es kann ruhig jeder sehen, dass wir eine völlig unfähige Königin haben!“
Es dauerte lange, bis Nefer sich beruhigt hatte. Sie bat ihren Gatten, sich für Leslie als Bay-Nachfolger einzusetzen, doch das war aussichtslos. Leslie war nicht initiiert und weder er noch sein Vater verspürten den Wunsch, dass er dessen Nachfolger werden würde. So recht konnte sich das niemand vorstellen, doch für Gatyreth und viele andere wäre Leslie das wesentlich kleinere Übel gewesen. Als er mit anderen Süd-Anführern darüber sprach, die sich ebenfalls über dies und das zu beschweren hatten, waren sie der Meinung, dass Gatyreth am besten dazu geeignet wäre, die 12 Medjai-Stämme anzuführen, doch Gatyreth wollte davon nichts wissen.
„Niemals werde ich der Familie meines besten Freundes Schaden zufügen wollen“, erklärte er später seiner Frau. Doch Nefer befand:
„Wenn Ardeth wüsste, was seine Familie derzeit anstellt, würde er es auch für gut heißen, dass du der Anführer werden würdest, Gaty.“
„Ich wünschte, er wäre hier“, brachte Gatyreth zum wer weiß, wievielten Male in den letzten Jahren hervor.
Doch nur zwei Menschen innerhalb der Medjai-Gesellschaft wussten, dass Ardeth überhaupt noch am Leben war, und beide behielten es für sich: Leslie und Leyrah. Letztere lebte nun schon über vier Jahre im Tempel. Sie hatte ihr Kriegergewand abgelegt und trug ein einfaches weißes Tempelgewand. Wie viele Frauen und Männer hatten sie hier besucht und inständig gebeten, zum 12. Stamm zurückzukehren und als Lady Bay zu wirken! Sie erzählten ihr, wie alles drunter und drüber ging. Ardjun würde Ausgrabungen erlauben, einige Medjai würden helfen müssen, Nefrar wolle neue Sitten einführen und Ismail drohte, die Medjai später in den Untergrundskampf gegen verbliebene Briten und Britenfreunde zu ziehen. Ismail war gegen den König, da er ihm zu westlich eingestellt war. Es würde also ein Bürgerkrieg werden. Ardjun schob dem einen Riegel vor, aber was, wenn Ardjun abdanken oder sterben würde? Doch nichts, keine noch so große Unheilmeldung bewog Leyrah, den Tempel zu verlassen. Sie erklärte, ihr sei zu großes Leid angetan worden. Sie wolle bis ans Ende ihres Lebens ihren Sohn hier beweinen. Natürlich wusste sie, dass er noch lebte und so spielte sie auf Zeit. Es war Taktik, im Tempel zu bleiben. Gewiss, sie hätte ein paar Dinge richten können, aber genau das wollte sie nicht. Sie wollte, dass die Medjai sich im Zorn gegen Ardjun erhoben, sie wollte, dass er abgesetzt werden würde. Und eines Tages würde vielleicht ihr Sohn zurückkehren und sein Amt antreten können, wenn es keinen Ardjun mehr gab, der ihn zum Tode verurteilen konnte. Und nun bekam sie auch noch Besuch von Leslie, der ihr von Mr Porter berichtete. Sie war sehr stolz, als sie hörte, was ihr Sohn in Peru getan hatte, und sehr glücklich, dass es ihm gut ging.

In der Tat waren in Argentinien alle sehr glücklich. Emilia kam aufgeregt eines Sonntags nach Hause und erklärte, ihre Eltern würden sie hier zu Weihnachten besuchen. Gabriel war doppelt froh, denn seine Großeltern wollten bereits zu seinem 5. Geburtstag im November hier sein und dann bis zum neuen Jahr bleiben. Gern räumte er sein Zimmer, das seine Mutter mit Francisca bezog, da ihr und Ardeths Schlafzimmer als Gästezimmer für ihre Eltern fungieren sollte. Ardeth hatte sich bereit erklärt, im Tierstall zu schlafen und Gabriel hatte sich solidarisch erklärt. Es war für ihn ein großes Abenteuer, die Nächte zusammen mit seinem Vater bei den Pferden und Ziegen zu verbringen.
Gabriel wurde zu seinem Geburtstag reich beschenkt. Anna und Hermann Leyden hatten ihm eine Eisenbahn mit vielen Waggons mitgebracht, die sie im Freien aufgebaut hatten. Natürlich waren beide zunächst etwas überrascht, wie klein die Farm war, auf der ihre Tochter lebte. Anna hatte sich dezent bei ihrer Tochter erkundigt, ob es ihr auch wirklich an nichts fehle. Doch als das ältere Ehepaar sah, wie sehr Ardeth und Emilia zusammenhielten und wie herzlich sie miteinander umgingen, waren sie bestärkt, dass die beiden den richtigen Weg gewählt hatten. Auch mit Senor Gomez verstanden sie sich prima. Von Nina berichteten sie, dass sie Ende Mai ihr erstes Kind erwarten würde.
„Unser drittes Enkelkind!“, sprach Anna gerührt, während sie die dreijährige Francisca auf dem Schoß liebkoste.
„Ihr seid lange nicht in Buenos Aires gewesen“, erinnerte Hermann, „warum nutzt ihr nicht die Gelegenheit und besucht uns zur Geburt von Ninas Kind? Sie wird es auch gleich taufen lassen.“
„O fein“, begeisterete sich Emilia, „ich würde so gern wieder in die Großstadt kommen!“
Ardeth hatte zwar keine guten Erinnerungen an ihren letzten Aufenthalt, doch stimmte Emilia zu.
„Dann könnt ihr doch auch gleich Gabriel in Buenos Aires lassen“, schlug Anna vor und Hermann Leyden rutschte auf seinem Stuhl auf der Veranda hin und her, als wäre ihm auf einmal unbequem. Gabriel guckte seine Großmutter mit großen Augen an.
„Gabriel? Wieso?“, wollte Emilia wissen.
„In einem Jahr wird er sechs Jahre alt. Es wird Zeit, dass er eine ordentliche Schulbildung erhält. Erinnerst du dich nicht, Kind, was dein Schwager dir in Buenos Aires geraten hatte? Schick Gabriel auf ein Internat! Er wird die beste Schulbildung erhalten!“
Da Emilia nicht antwortete, sondern überlegte, meinte Ardeth: „Nein, Gabriel kann auch hier zur Schule gehen.“ Gabriel atmete hörbar auf.
„In San Juan, mein lieber Schwiegersohn?“, meinte Hermann abwertend.
„Er könnte gar nicht jeden Tag nach San Juan fahren, Ardeth“, fügte Emilia hinzu. „Es ist viel zu weit weg. So gesehen ist es vielleicht keine schlechte Idee, wenn Gabriel in Buenos Aires ein gutes Internat besuchen wird.“
„Und macht euch keine Gedanken wegen des Geldes. Wir bezahlen die Schulausbildung von Gabriel sehr gern“, sprach Anna gönnerisch und tätschelte Franziska. „Es gibt da ein Internat in der Nähe unseres Domizils, ein streng katholisches. Das wäre doch wirklich fantastisch für ihn!“
Gabriel wollte nicht in ein Internat gesteckt werden und schon gar nicht in ein katholisches. Er mochte die Bibelstunde am Sonntag nicht gerade sehr gern. Der Pfarrer behandelte ihn von oben herab, fand er. Er warf seinem Vater einen flehenden Blick zu.
„Gabriel ist viel zu jung, um ihn so weit weg zu schicken“, befand Ardeth und Gabriel nickte eifrig. „Ich möchte, dass er in der Familie bleibt.“
„Aber denk doch an seine Zukunft, Ardeth!“, insistierte Hermann. „Mit einer guten Schulbildung hätte er viel bessere Chancen. Er könnte auch diese Militärschule besuchen, von der Don Rafael gesprochen hat. Und ihr könntet übrigens zu ihm ziehen. Erinnert ihr euch? Er hatte es euch doch angeboten.“
Das war so ungefähr das letzte, was Emilia und Ardeth wollten.
„Ja, das ist eine gute Idee, Hermännchen!“, stimmte Anna freudig zu. Die Aussicht, all ihre Lieben um sich herum versammelt zu sehen, freute sie sehr. Nur Senor Gomez schaute traurig drein.
„Nein“, antworteten Ardeth und Emilia simultan, und letztere beendete den Satz: „Wir wollen lieber hier wohnen bleiben.“
„Aber was habt ihr denn hier? Hier gibt es doch nichts! Ihr lebt hier so armselig auf dieser Farm und in Buenos Aires hättet ihr ganz andere Möglichkeiten!“, sagte Anna leidenschaftlich.
„Und denk an die Kultur, Emmy! Ich verstehe nicht, wie du so lange ohne Konzerthaus aushalten kannst.“ Das war typisch für ihren Vater: sie mit der Musik ködern zu wollen.
Ardeth überließ es Emilia zu antworten. Er wollte nicht über Emilia bestimmen.
„Ja, du hast ja recht, was die Musik anbelangt. Aber ich kann euch doch oft in Buenos Aires besuchen. Wir haben ja jetzt mehr Geld als noch vor zwei Jahren. Wird im Mai nicht die neue Opern-Saison eröffnet? Dann lass uns ins Teatro Colon gehen, Papa!“
Er nickte und verstand die Absage sehr wohl.
„Wir sind hier sehr glücklich, Paps“, fügte sie hinzu. „Außerdem sollte Ardeth nicht in so einer großen Stadt leben müssen. Sie könnten ihn dort finden.“
„Du bist doch nun schon fast sechs Jahre fort, wer sollte dich jetzt noch suchen, geschweige denn finden?“, wandte sich Hermann an Ardeth.
„Man kann nie wissen. Es ist besser, vorerst hierzubleiben. Und Gabriel können Emilia und ich erziehen. Schreiben und lesen kann er sowieso schon.“
„Oh“, gab Anna erstaunt von sich. „Wirklich?“
„Ja“, erwiderte Gabriel, um zu demonstrieren, dass er hier alles bequem lernen konnte, „ich kann auch schon ein bisschen Arabisch und sogar Hieroglyphen schreiben!“
Hermann bekam glänzende Augen. „Sag mal, Ardeth, kannst du mir nicht auch noch mehr von dieser Schrift beibringen?“ Ardeth hatte ihm bereits seinerzeit in Buenos Aires einiges gezeigt.
„Wenn du möchtest, gern!“, antwortete Ardeth, der erleichtert war, dass das Thema Internat damit erst mal vom Tisch war.
Am Abend lagen Gabriel und Ardeth eng aneinander gekuschelt auf ihren Decken im Heu. Bere, die älteste Ziege, hatte sich daneben gelegt.
„Danke, Papa, dass ich nicht ins Internat muss!“ Die Worte kamen Gabriel von Herzen. Ardeth streichelte über seinen Kopf.
„Vielleicht haben deine Großeltern aber gar nicht so Unrecht. Du hättest bessere Chancen, wenn du eine Schule besuchen würdest. Ich denke, du solltest nach Buenos Aires gehen, wenn du etwas älter bist. So in vier Jahren vielleicht. Bis dahin kannst du von deiner Mutter und mir lernen. Vielleicht gibt es ja eine Prüfung, die du ablegen musst, um zur höheren Schule zu gehen. Ich werde mal deinen Großvater fragen. Er kann sich dann erkundigen und uns im Mai alles erzählen. Was denkst du?“
„Ich weiß nicht...“
„Du bist dann ja schon älter. Und du könntest bei deinen Großeltern wohnen, würdest die Schule nur tagsüber besuchen.“
„Und ihr?“
„Mal sehen, was die Zukunft bringt, Gabriel. Aber falls wir immer noch hier leben, kommen wir dich oft besuchen. Allein schon wegen Mama. Sie besucht doch so gern das Theater.“
„Wo bleibt sie eigentlich? Sie kommt doch sonst jeden Abend hierher!“
Ardeth musste schmunzeln. Emilia hatte noch keinen Abend ausgelassen, um sie beide im Stall zu besuchen und um zu schauen, ob es ihnen dort auch gut gehe. Dann legte sie sich für gewöhnlich eine Weile zu ihnen, sprach mit ihnen über den Tag und sang zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied.
„Siehst du die Laterne? Da kommt sie schon!“, erwiderte Ardeth, und kurz darauf betrat Emilia in ihrem weißen langen Nachthemd die Scheune.
„Na, wie geht es euch? Ihr guckt ja so verschwörerisch!“
„Wir müssen dir was erzählen, Emmy! Komm, leg dich zu uns!“
Emilia streichelte der alten Ziege über den Kopf, reichte ihr einen Keks, gab die anderen ihren beiden Männern, die sich dankbar über das Betthupferl hermachten und legte sich neben Gabriel, der sich nun in der Mitte seiner Eltern befand und sich dort sehr geborgen fühlte. Ardeth erzählte, wie er sich Gabriels Ausbildung vorstellte und Emilia war beruhigt, denn ihre Eltern waren nicht sehr froh darüber gewesen, dass Gabriel nicht das Internat besuchen sollte.
„Wir müssen jetzt aber deinen Großeltern zeigen, wie gut du hier lernen kannst, ja?“, sagte sie zu ihrem Sohn.
Gabriel sah seine Mutter fragend an.
„Du wirst ab morgen auf der Veranda sitzen und Aufgaben erledigen, okay?“
Gabriel nickte. Über seinen Kopf hinweg lächelten sich Ardeth und Emilia an.
Gabriel war damit sehr einverstanden und erledigte all seine Aufgaben. Oftmals saß sein Großvater daneben und paukte die Hieroglyphenschrift.
Als einmal Emilia ihnen Gläser mit köstlichem Limonensaft brachte, meinte sie lachend zu Ardeth, der die Aufgaben rechts und links überwachte:
„Wie ein richtiger Lehrer, Ardeth!“
Die Zeit mit den Großeltern verging schnell. Zu Weihnachten saßen sie draußen auf der Veranda an einem festlich gedeckten Tisch. Die Frauen hatte das Festessen lange vorbereitet. Die Leydens sangen auf Deutsch Weihnachtslieder. Senor Gomez standen die Tränen in den Augen vor Rührung. Gabriel las aus der Bibel die Weihnachtsgeschichte vor. Herr Leyden erkundigte sich bei Ardeth, ob ihm Jesus bekannt sei.
„Jesus? Natürlich, Hermann.“
Und Gabriel fühlte sich beflügelt zu erzählen, was er von seinem Vater erfahren hatte.
„Jesus' Eltern sind doch nach Ägypten geflohen. Sie haben dort Vorfahren von Papa getroffen. Sie haben in Alexandria gelebt und...“
„Ähm, Gabriel“, unterbrach ihn Ardeth, „vielleicht nicht heute Abend.“
Doch die Leydens sahen ihn bereits mit geöffnetem Mund an, während Senor Gomez still in sich hineinlachte, denn er war ja einiges von Ardeth gewohnt.
„Wirklich wahr?“, fragte Hermann nach, der ja von der Übersee-Reise her wusste, dass Ardeth auf eine lange Familiengenealogie zurückblicken konnte.
„Ja“, meinte Ardeth und war sich nicht sicher, ob er mehr erzählen sollte. Er warf Emilia einen unsicheren Blick zu.
„Erzähle!“, forderte ihn Hermann auf.
Und Ardeth berichtete sehr kurz die Geschichte von Jesus in Alexandria, der dort mit den mystischen Lehren der alten Ägypter vertraut gemacht worden ist.
„Und dieser Kharethamun Bay und er sind Freunde gewesen?“
Ardeth nickte und Gabriel verkündete stolz:
„Kharethamun ist der 48. Bay gewesen. In Papas Familie.“
Anna Leyden schaute den Jungen erstaunt an Blick, und der fühlte sich bemüßigt ihr zu erklären, dass sein Vater ihm die Reihenfolge immerhin schon bis 60 beigebracht hatte. Emilia warf Ardeth einen fragenden Blick zu, und der fühlte sich verpflichtet, ihr zu erklären, dass er Gabriel so die Geschichte beibringen würde. Das wäre einfacher. Doch Emilia ahnte, dass Ardeth so fest in seiner Tradition lebte, sein Familienerbe wenigstens verbal weiterzureichen, dass er gar nicht anders konnte. Und Gabriel hing ja sowieso an seinen Lippen.
„Die Römer waren ja nicht nur in Isreal gewesen, sondern auch in Ägypten. Sie waren die Besatzungsmacht. So hatte man einige Medjai nach Norden geschickt, um nachzuschauen, was die Römer da so treiben.“
„Alexandria war damals der politische Hauptsitz“, fügte Ardeth hinzu.
Anna und Hermann staunten über Gabriel. Der Junge war erst 5 und wusste sich bereits gut auszudrücken. Emilia fing die Blicke ihre Eltern auf und meinte, dass eine Erklärung nötig sei.
„Gabriel verbringt viel Zeit mit seinem Vater auf den Feldern.“
„Und Senor Gomez erzählt ihm viel über die Geschichte Argentiniens und Spaniens“, rechtfertigte sich nun Ardeth, dessen Erziehung ganz und gar nicht einseitig war, denn Gabriel konnte früh lesen, schreiben, rechnen, und wusste sich rudimentär in Englisch und Arabisch auszudrücken. Am meisten liebte er aber die Reitstunden. „Er ist sehr wissbegierig.“
„Gabriel sollte später auf jeden Fall zur Universität gehen“, meinte Hermann Leyden. Dann sah er Ardeth an. „Soso, der 48. Bay kannte also Jesus von Nazareth. Gibt es noch mehr solcher Familiengeheimnisse?“
„Ja, es gibt viele, Hermann“, erwiderte Ardeth, „aber wenn ich die alle erzähle, ist Ostern und die Kinder kommen nicht mehr zum Auspacken ihrer Weihnachtsgeschenke.“
Sie lachten und Franziska stieß ihren Bruder in Erwartung der bunten Pakete an. Noch nie hatten sich so viele Päckchen unter der Araucana-Tanne, die rechts neben der Veranda stand, angehäuft.
Die Leydens bedauerten, als ihre schöne Zeit bei Emilia und Ardeth zu Ende ging. Sie freuten sich jedoch auf ein baldiges Wiedersehen.

Lady Leyrah Bay hielt Hof. Zu ihr waren die Damen Nefer Meranmose, ihre Mutter Lady Mahu und ihre Schwiegermutter, Lady Meranmose senior, gekommen. Höchst aufgeregt sprachen sie auf Leyrah an. Anlass war eine Antrag von Lord Ismail Bay aus dem 12. Stamm, der eine Ehe mit der 18jährigen Karan Meranmose wünschte, dem dritten Kind der Meranmoses, Gatyreths jüngere Schwester.
„Unmöglich ist das!“, befanden die Damen einhellig.
Nun hatte Ismail ja eine Frau, aber diese hatte ihm soeben das vierte Töchterchen geschenkt. Kein Erbe in Sicht! Nach islamischen Recht konnte er sich weitere Ehefrauen nehmen, sofern die erste damit einverstanden war, doch bei den Medjai war es gänzlich unüblich, mehr als eine Ehefrau zu haben. Die einzige Möglichkeit, die auch nur einem Bay-Erben gewährt wurde, wäre, sich von der ersten Frau zu scheiden und eine andere zu heiraten, vorausgesetzt, die Ehe bliebe kinderlos oder die Frau bringt mindestens drei Mädchen, aber keinen Knaben zu Welt. Die Linie der Bays musste erhalten bleiben, daher diese Ausnahme, die sonst niemandem gewährt wurde. Eine Scheidung war in Adelskreisen nicht üblich. Die Geradlinigkeit der Prestige-Genealogien, die in vielen Familien 2000 Jahre und älter waren, hatten vor allen Verwirrungen Vorrang. Heiratspolitik war unter den Medjai ein höchst kompliziertes Thema. Und nun schickte sich ausgerechnet der Bay-Erbe an, die Tradition zu brechen und Unmögliches zu verlangen. Leyrah lächelte in sich hinein. Nein, die Medjai auseinanderbringen würde Ismails Vorhaben nicht. Dazu waren sie ihrer Aufgabe in der Wüste viel zu sehr verpflichtet. Aber es würde Zwist säen, es würde Ismail in Ungunst bringen. Deshalb sah sich Leyrah auch nicht veranlasst, in den 12. Stamm zu reisen und ihren Schwiegervater zu warnen, diesem Schritt zuzustimmen. Sie ahnte, dass sich Nefrar durchgesetzt hatte. Sie ahnte auch das Motiv.
„Eine Kriegerin einem gewöhnlichen Mädchen zu unterstellen!“, schimpfte da auch schon Nefer.
Fatima Bay war zwar kein gewöhnliches Mädchen als Tochter von Lord Fajum, doch nicht traditionell ausgebildet worden. Die regierende Lady Bay würde also erstmalig keine Kriegerin sein, und die zweite Frau Ismails hätte sich der ersten, eigentlich nicht für würdig erachteteten, zu fügen.
„Ich werde mich weigern, mein Kind diesem ...“ Die ältere Lady Meranmose wagte nicht, Ismail zu beleidigen. Zu sehr waren die Medjai dem Gehorsam gegenüber den Bays auch innerlich verpflichtet. „... Lord Ismail Bay zur Frau zu geben!“
„Das könnt Ihr nicht“, entgegnete Leyrah. „Es wäre ein zu großer Affront. Ich schätze, mein Schwiegervater hat sich bereits einverstanden erklärt?“
„Natürlich hat er das“, meinte Lady Mahu. „Er möchte endlich Erben sehen! Ich verstehe nur nicht, warum er diese Fatima nicht zu ihren Eltern zurückschickt.“
Leyrah wusste, warum. Ismail wollte sich durchsetzen und die Medjai-Gesellschaft nach seinen Vorstellungen reformieren. Wenn er erst einmal Lord Bay sein würde, dann hätte er freies Spiel. Leyrah wusste, dass es sehr gefährlich war abzuwarten, denn wenn ihr Schwiegervater jetzt sterben würde, hätte sie verloren. Sie wusste, es gab nur eine Möglichkeit, die Medjai in Aufruhr zu bringen, und das war, wenn ihre Aufgabe durch einen unfähigen Lord Bay bedroht war. Ismail würde bei seiner Thronbesteigung nicht zögern, Leyrah zu eliminieren, das wusste sie. So blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Schwiegervater in Diskredit zu bringen. Aber jetzt noch nicht. Erst einmal mussten die in Stamm 12 verbliebenen Bays selbst an dem Stuhl sägen, auf dem sie saßen. Im Moment taten sie es zu Leyrahs Zufriedenheit. Gut, es tat ihr um die junge Karan leid, der sicherlich schwere Zeiten bevorstanden, und für einen Moment fiel ihr das Los der unglücklichen Farani Setlata ein, das sie zu verantworten hatte. Wieviel Schuld musste sie noch auf sich laden? Doch für Leyrah gab es nur ein Ziel, nämlich das Wohl der Medjai und die Fähigkeit, ihre Aufgabe weiter wahrnehmen zu können. Sie hoffte, dass früher oder später etwas geschehen würde, was dazu führte, Lord Ardjun Bay nicht länger als Anführer zu dulden. Wenn nicht, musste sie nachhelfen, was ihr allerdings widerstrebte. Wen oder was opfern, um ihrem Ziel nahe zu kommen? Sie dachte Tag und Nacht darüber nach. Die drei Damen schickte sie jedenfalls ratlos nach Hause, ihnen erklärend, dass sie auch nichts tun könne und durch den Fall ihres Sohnes kein Gehör mehr bei Ardjun hatte. Sie stellte sich selbst als Opfer dar. Sicher, sie hätte Ardjun durchaus noch beeinflussen können und wusste, dass er inbrünstig hoffte, dass sie zurückkehren würde. Sie zurückzubefehlen wäre für ihn aber zu blamabel gewesen. Leyrah hoffte, dass sie das Spiel mit der Zeit gewinnen würde.
Der Protest der Medjai-Damen verhallte. Nefrar setzte sich durch und führte ihrem Sohn eine zweite Frau zu.
„Es ist wie zu den unglückseligen Zeiten von Sethnemeth und Amunparseth!“, schimpften die Medjai, aber fügten sich brav dem Befehl von Ardjun Bay.

In Buenos Aires hatte Nina mit den Launen ihres Ehemanns zu kämpfen, wie ihrer Schwester schnell ersichtlich wurde. Sie hatte bereits entbunden, als die Garadhs in der Großstadt eintrafen. Don Rafael war Vater eines Mädchens. Emilia und Ardeth besuchten die junge Familie nur in Begleitung der Leydens, denn beide hatten unangenehme Erinnerungen an ihren letzten Aufenthalt und wussten nicht so recht, wie sie sich gegenüber Don Rafael verhalten sollten. Doch Don Rafael spielte wie immer den Überlegenen.
„Oh, Senor Garadh Bay“, begrüßte er Ardeth, der sich nichts anmerken ließ, denn diese Begrüßung verriet, dass sein Schwiegervater ein wenig zu viel geplaudert haben musste. Tatsächlich hatte es Don Rafael gegenüber Hermann Leyden niemals unterlassen, geringschätzig über Ardeth zu reden, und irgendwann war diesem der Geduldsfaden gerissen und er hatte darauf verwiesen, dass der „Beduine“ auf eine lange Familiengeschichte zurückschauen konnte. Don Rafael hatte die Demütigung nicht vergessen, die Ardeth ihm beigefügt hatte. Außerdem war er neidisch, denn Emilia hatte einen Sohn geboren. Er warf einen lüsternen Seitenblick auf Emilia, der ganz ungenehm zumute war. „Senora Leyden de Garadh Bay, meine liebe Emilia“, er gab ihr einen Handkuss und schielte dabei offensichtlich in ihren Ausschnitt. Sie würde keine einzige Sekunde mit ihm allein sein wollen. Danach besuchten sie Nina in ihrem Schlafzimmer. Don Rafael hatte kein Verlangen, dabei zu sein und entschuldigte sich mit einer Ausrede.
Nina lag noch zu Bette. Sie war sehr blass, aber freute sich riesig über den Besuch ihrer Schwester. Ardeth spielte mit dem Baby, während Anna ihrer Tochter feuchte Tücher auf die Stirn legte. Hermann hatte sich auf einem bequemen Sessel niedergelassen, auf seinem Schoß saß mal wieder die anhängliche Francisca. Gabriel stand bei seiner Tante, die ihn wehmütig anschaute.
„Rafael hat sich so sehr einen Sohn gewünscht“, jammerte sie.
„Aber mein Kind“, besänftige sie die Mutter, „beim nächsten Mal. Ihr seid doch noch so jung. Gott wird euch noch viele Kinder schenken.“
Emilia sah Nina an, dass sie sehr unglücklich sein musste, und es lag bestimmt nicht nur daran, dass sie nur einer Tochter das Leben geschenkt hatte. Nina betonte ihr gegenüber einmal zu oft, wie glücklich sie an der Seite Don Rafaels sei und wie sehr sie es genoss, im Rampenlicht der adligen Kreise zu stehen. Emilia ahnte, dass der Preis für all diesen Luxus sehr hoch sein musste. Sie wusste nicht, ob sie es wagen sollte, mit Nina darüber zu sprechen, ob sie die Fassade einreißen sollte, die Nina so verzweifelt aufrecht zu halten versuchte. Was konnte Emilia denn schon ausrichten? Sie würde bald wieder zurück nach San Juan fahren. Es tat Emilia in der Seele weh, ihre Schwester so vor sich zu sehen. Doch sie hoffte, dass das Kind ihr Trost sein würde. Und wer weiß? Vielleicht würde sie ja in Don Rafaels Achtung steigen, wenn sie einem Sohn das Leben schenken würde. Sie sah zu Ardeth herüber, dessen lange Haare Ziel des Babys geworden waren, das danach griff und sich soeben darin festgekrallt hatte. Wie gut sie es mit ihm hatte! Ihr Lebensstandard war zwar im Gegensatz zu Ninas geradezu primitiv, aber sie waren glücklich.
Doch Emilia genoss auch den Luxus der Tage in Buenos Aires. Natürlich luden ihre Eltern sie und Ardeth ständig in irgendwelche schicken Cafès ein, in denen das neue Modegetränk Schokolade serviert wurde. Eines Tages kam Hermann Leyden aufgeregt nach Hause und wedelte mit vier Billets. Er hatte Opernkarten für das Teatro Colón erstanden. Seine Augen glänzten vor Freude, als er verkündete, sie würden den „Parsifal“ spielen. Emilia und Anna waren sofort Feuer und Flamme.
„Und jetzt ratet mal, wer die Titelrolle singt!“ Er ließ ihnen keine Zeit zum Raten. „Walter Kirchhoff!“
„Nein!“, riefen die beiden Frauen aufgeregt. Sie schienen den Sänger gut zu kennen. Ardeth beobachtete das Verhalten der beiden amüsiert.
„Doch!“, sprach Hermann. „Genau der! Wie in Bayreuth vor 8 Jahren.“
Ein kurzes Schweigen entstand. Sie gedachte des Besuches ihrer letzten Festspiele in Deutschland und hatten alle drei sichtbar Heimweh. Hermann war aber viel zu glücklich, als jetzt zu trauern.
„Und alle anderen Sänger kommen auch aus Deutschland! Der Dirigent auch! Und sie singen natürlich in Deutsch.“
Er erzählte ihnen alle Einzelheiten. Emilia rief mittendrin:
„Ich habe ja gar nichts anzuziehen!“ Und Ardeth warf ihr einen fragenden Blick zu, was sie damit wohl meinte. Hermann erklärte, sie solle sich am nächsten Tag etwas Schönes in der Stadt aussuchen und Emilia war sehr glücklich.
Spät am Nachmittag kehrten die Frauen zurück. Emilia hatte auch für Ardeth etwas Passendes gekauft, der ihre aufgeregten Vorbereitungen vergnüglich zur Kenntnis nahm. Er musste den schwarzen Anzug gleich anprobieren und fühlte sich wie immer etwas beengt darin. Gabriel und Francisca hatten Spielzeug erhalten und waren damit vollauf beschäftigt.
Am nächsten Tag war es soweit. Die Oper sollte recht früh beginnen, da sie länger dauern würde. Hermann hatte Ardeth eine spanische Übersetzung besorgt, die sich dieser aufmerksam durchgelesen und festgestellt hatte, dass er diesen Gamuret, Vater von Parsifal, aus seiner eigenen Familiengeschichte kannte. Aber er behielt es für sich. Jetzt war keine Zeit für lange Familiengschichten.
Emilia hatte sich ein schwarzes langes und zweifelsohne sehr elegantes Kleid gekauft und Ardeth fiel auf, dass auch Hermann und Anna schwarz trugen. An dem Abend stellte er auch noch andere Parallelen zu seinem fernen Zuhause fest. „Parsifal“ wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis.

In Ägypten spitzte sich die Lage immer mehr zu. Nun äußerten mehrere Anführer laut Kritik an Ardjuns Vorgehensweise. Die Südstämme überlegten, ob sie nicht einen neuen Anführer wählen sollten. Leisteten sie zunächst nur indirekt Widerstand gegenüber Ardjun und Ismail, indem sie sich zu Treffen entschuldigen ließen, gingen sie nun zu aktiver Kritik über. Sie forderten ihn auf, seine Wahl des Erben zu bedenken, sie sagten ihm offen, dass sie Ismail für unfähig hielten und dass sie nicht bereit waren, das Erbe der Medjai durch jemanden wie Ismail zu gefährden. Einige ältere Anführer gaben jedoch zu bedenken, dass in der Geschichte der Medjai nicht immer kompetente Anführer am Werk waren und dass man auch das überleben würde. Doch Ismail war ihnen allen zu fanatisch und Ardjun wurde von manchen als Speichellecker des Königs verspottet. Würde er noch fähig sein, ihre Unabhängigkeit zu wahren?
Als es am 22. November 1922 zur Öffnung des Grabes von Tutenchmun durch Howard Carter kam, hatte Ardjun völlig verspielt. Sie wollten ihn zur Abdankung zwingen. Nun war der große Moment von Leyrah gekommen. Sie reiste nach Norden – zum 12. Stamm.

Ardeth hatte in San Juan an einem Rodeo teilgenommen. Er war bereits mehrmals mit Emilia in die Stadt gefahren, hatte seine Zurückhaltung abgelegt, worüber Emilia sehr glücklich war. Als er sah, wie die Rancheros von den Pferden purzelten, stand er mit leuchtenden Augen vor der Koppel. Ein Gaucho sprach ihn an, ob er sich trauen würde. Es gab sogar ein Preisgeld. Ardeth gewann es, tätschelte das Pferd und hatte sich im Handumdrehen die Anerkennung der Anwesenden gesichert.
„Sie könnten San Juan bei dem großen Rodeo in Mendoza vertreten“, baten ihn die Gauchos. Emilia fand das zu gefährlich. Sie hatte Angst, er könnte vom Pferd fallen, woraufhin Ardeth ihr versicherte, er hätte auch ganz gut Reiten gelernt.
„Ja, das weiß ich doch, aber Rodeo ist etwas anderes!“
Doch auch Senor Gomez fand die Idee mit dem Rodeo gut, denn er hatte sich schon oft Gedanken gemacht, ob die Bewohner dieser Region jemals Ardeth akzeptieren würde. Nun bot sich doch eine prima Gelegenheit. Also vertrat Ardeth San Juan im Rodeo und – gewann. Die Freude war überschwänglich, Gabriel war sehr stolz auf seinen Papa. Endlich einmal konnte er mit ihm in der Kinderbibel-Stunde angeben.
So besuchte Ardeth nun regelmäßig die Stadt, unternahm mit Emilia und den Kindern auch Ausflüge in die Natur, wenn es die Zeit erlaubte und führte ein rundum zufriedenes Leben. Nur manchmal musste er an „Parsifal“ denken und die Erinnerung an die Prophezeiung kam ihm wieder.
Einmal hatte er einen Alptraum und erwachte schweißgebadet. Er stand auf und ging zum Fenster, sah zu den Sternen. In seinem Traum hatte er die Gräber der Könige im Großen Ort gesehen.
Tags darauf erreichte sie ein großes Paket aus Buenos Aires, gefüllt mit Geburtstagsgeschenken für Gabriel und einer sehr aktuellen Zeitung.
„Nein! Das darf doch nicht wahr sein!“, rief Ardeth laut und alle, die auf der Veranda um das Paket herum versammelt waren, schauten zu ihm herüber. Er hielt die Zeitung, auf deren Titelseite die Überschrift prangte „Sensationsfund in Ägypten“ und darunter „Das Grab des Tutenchamun entdeckt“. Senor Gomez stand links neben Ardeth und schielte hinüber. Ardeth setzte sich und las den Artikel, während Emilia zu ihm hintrat und die Hand auf seine Schulter legte. Maria brachte die in Papier verpackten Geschenke fort und meinte zu Gabriel: „In drei Tagen, mein Junge! So lange wirst du wohl noch warten können.“
Ardeth brauchte eine Weile, um etwas sagen zu können. In der Zwischenzeit lasen auch Senor Gomez und Emilia den Artikel. Sie wunderten sich, warum Ardeth so aufgebracht wirkte.
„Hier steht, dass die gefundenen Schätze ins Museum gebracht werden sollen“, meinte Emilia und versuchte das Gespräch zu suchen. „Das ist doch gut, nicht wahr?“
„Das Grab hätte nie gefunden werden dürfen“, murmelte Ardeth, der den Kopf inzwischen mit seinen Händen stützte. „Es liegt ein Fluch auf ihm.“
Emilia und Senor Gomez sahen sich einander vielsagend an.
„Niemand wusste von seiner Lage, es war gut verborgen. Jemand muss den Ort verraten haben.“
Ardeth wusste, dass es nur ein Medjai verraten haben konnte. Seine Gedanken überschlugen sich. Und schließlich gelangten sie zu dem Punkt, an dem er sich fragte, was wohl passieren mochte, wenn sie auch noch Hamunaptra verraten würden.

Im 12. Stamm eskalierte die Situation. Ardjun wurde von den anderen herbeigeeilten Anführern beschuldigt, die Lage des Grabes von Tutenchamun verraten zu haben. Wüst beschimpften sie ihn, ob er denn wisse, was er damit angerichtet hätte. Ardjun versuchte sich zu verteidigen, er hätte die Lage nicht verraten.
„Ihr habt es wegen des Königs getan!“, rief Lord Rasid. „Um ihm zu gefallen!“
„Es ist das beste, dass Ägypten seinen Nutzen aus diesen Dingen zieht“, sagte Ismail und heizte die Gemüter erst so richtig auf.
„Niemand wird Euch je folgen, Ismail Bay!“, wies ihn Lord Tirana zurecht und unterließ bewusst die Anrede „Lord“.
„Ich bin der kommende Lord Bay“, schrie ihn Ismail wütend an, „und Ihr werdet Euch noch alle wundern!“
„Niemals!“, erwiderte Lord Tirana. „Niemals werden wir Euch folgen! Und wenn Euer Großvater uns nicht sofort zusagt, dass Ihr nicht der nächste Anführer werdet, dann werden wir ihn zwingen!“
„Wie könnt Ihr es wagen...!“, rief Ardjun dazwischen.
Der Streit setzte sich fort, bis Ardjun in seiner Ohnmächtigkeit in sein Re-Zelt flüchtete, während die anwesenden Lords über einen würdigen Nachfolger berieten. Sie schlugen Gatyreth vor, der aber abwehrte, bis Lord Wyreth, der eigentlich als getreuer Bay-Verfechter galt, ihm erklärte, sein Freund Ardeth hätte es auch so gewollt. Gatyreth würde nichts anderes übrig bleiben, als sich dem Votum der Fürsten zu fügen. Ihm war nicht wohl dabei.
Im Re-Zelt wartete Leyrah, deren Ankunft Ardjun wegen der Diskussion mit den Fürsten nicht mitbekommen hatte. Zwei Leibwächterinnen standen ihr zur Seite, eine rechts, eine links. Überrascht sah er sie an: „Leyrah, was machst du denn hier?“ Er war immer noch aufgeregt wegen des Streites.
Leyrah blieb sitzen. Als amtierende Lady Bay musste sie sich nicht vor Ardjun verneigen. Nefrar hatte gegen sie keine Chance.
„Ich bin gekommen, um die Bays zu retten.“
„Du!“, rief er aus. Wollte sie jetzt regieren?
„Ja, ich, die Mutter des künftigen Anführers der Medjai.“
Ardjun sah sie an, als sei sie von Sinnen. „Was redest du für einen Unsinn?“
„Lady Meranmose“, sprach sie eine der Leibwächterinnen anstelle von Ardjun an, „bitte ruft Lord Leslie Bay zu uns!“
Sukar Meranmose, die ältere, noch unverheiratete Schwester von Gatyreth, verließ das Zelt. Erst nach dem Befehl wandte sich Leyrah Ardjun zu:
„Deine Tage sind vorbei und Ismail wird niemals amtierender Lord Bay werden. Das weißt du sehr wohl, Schwiegervater. Es gibt nur einen Weg, dass unser Clan im Amt bleibt. Du rufst Ardeth zurück, vergibst ihm und ernennst ihn sofort zu deinem Nachfolger.“
„Ardeth? Wieso? Der ist doch tot...“, stotterte Ardjun sehr irritiert.
„Nein, Ardeth lebt.“ Sie wirkte dabei sehr überlegen.
Leslie betrat das Zelt und freute sich sichtlich, als er Leyrah sah, zumal sie wieder im Kriegergewand vor ihm saß. Sie war also doch noch gekommen, um zu helfen.
„Leyrah, ich freue mich so!“
Jetzt erhob sich die Angesprochene und umarmte Leslie herzlich. „Ich auch, mein lieber Schwager, ich auch!“
Ardjun sah von einem zum anderen und wusste nicht, was er machen sollte.
„Leslie, erzähle deinem Vater von Ardeth!“, forderte sie ihn auf. Sie wollte keine Zeit verlieren. Leslie sah sie unsicher an, aber sie nickte ermutigend. So erzählte Leslie, dass Ardeth die Strafe überlebt hatte und nun in Argentinien lebte, wohin er geflohen war. Er berichtete auch, dass er von Ardeth ungefährem Aufenthaltsort und seinem Decknamen wusste.
„Kurzum, wir können ihn sicherlich leicht ausfindig machen, Vater. Und wenn du mich fragst, solltest du den aufgebrachten Lords da draußen ganz schnell erzählen, dass du bereit bist, um Ardeths Willen zurückzutreten.“
„Ardeth lebt...“, war alles, was Ardjun dazu sagen konnte. Er musste sich erst einmal selbst davon überzeugen. Von draußen drang Tumult. Ein Zeltwächter trat ein.
„Herr, Eure Anwesenheit wird von den Fürsten gewünscht!“, richtete er Ardjun aus und wirkte sehr unglücklich, dass er diese Botschaft überbringen musste. Ardjun sah in irritiert an. Was machen?
„Sagt Ihnen, Lord und Lady Bay kämen gleich“, antwortete Leyrah für Ardjun. „Und ruft Lord Ismail Bay und Lady Nefrar Bay, auch sie sollen anwesend sein.“
Der Wächter trat hinaus und wusste, dass jetzt große Entscheidungen anstanden.
Leslie und Leyrah blickten auf Ardjun. Der sah zu Boden, die Gedanken kreisten in seinem Kopf: Ardeth lebt, Ardeth zurückholen, Ardeth vergeben. Schließlich sah er die beiden an und nickte stumm. Gemeinsam traten sie vor die Lords, die sich unter einem breiten Baldachin versammelt hatten. Alle elf waren gekommen und unterhielten sich aufgeregt. Als sie Leyrah gewahr wurden, wurden sie schlagartig still. Ardjun war nun beherrscht. Er hatte Leyrahs linke Hand ergriffen und hob sie etwas an, als er verkündete:
„Lady Bay!“ Damit war klar, dass sie fortan wieder die Erste Dame sein würde. Sofort gingen die Lords in die Knie, erleichtert, dass die große Kriegerin zurückgekehrt war. Doch manch einer fragte sich, ob Ardjun ihnen mit diesem Schachzug nicht Sand in die Augen streuen wollte. Nefrar war zornesrot geworden und stand, bis sie ein zwingender Blick von Leyrah traf. Auch sie ging in die Knie und stieß ihren Sohn an, dasgleiche zu tun. Als alle sich wieder erhoben hatten, begann Ardjun ohne Umschweife:
„Dies ist ein freudiger Tag, meine Lords, denn ich habe soeben erfahren, dass mein Enkel, Lord Ardeth Bay, noch am Leben ist. Gepriesen sei Allah, der Allmächtige, der im Gottesurteil gesprochen hat.“
Fünf Sekunden war es totenstill, dann redete alle durcheinander, während Gatyreth die Tränen von den Wangen zu laufen begannen. Als die Lords sich einigermaßen beruhigt hatten, forderte sie Ardjun mit einer Geste auf, ihm weiter zuzuhören.
„Allah hat gesprochen und ich werde ihm gehorchen. Ich vergebe hiermit meinem Enkel. Er ist nicht mehr vogelfrei und kein Medjai soll jemals Hand an ihn legen dürfen.“
Die Lords nickten im Einverständnis. Gatyreth weinte immer noch, und Ismail, der die Diskussion der letzten Stunden mitbekommen hatte, fragte sich, ob er das tat, weil Gatyreth jetzt nicht der Anführer werden würde. Ismail selbst fühlte sich sehr gedemütigt. Niemand traute ihm das Amt zu.
„Ich wünsche, dass mein Enkel Ardeth aus seinem Exil zurückkehrt und ich wünsche ausdrücklich, dass er, wenn er Vergebung von mir erlangt hat, mein Nachfolger wird, nämlich der amtierende Lord Bay, Anführer aller Medjai!“
Lauter Jubel brandete auf. Leyrah lächelte freudig, Leslie drückte sie an sich und raunte ihr zu:
„Nun wird alles wieder gut.“

Auf der Farm begannen die Ernteaktivitäten. Gabriel half eifrig mit seinen sechs Jahren. Auch Francisca saß bei ihrer Mutter im Beet und zupfte Unkraut. Ein Schmetterling erregte die Aufmerksamkeit des Kindes. Emilia lächelte ihre Tochter an. Niemals hätte sie gedacht, dass es ihr hier im Hinterland so gefallen würde. Ihr Hände waren schmutzig, Ninas mit Sicherheit nicht, aber das war ihr egal. Sie hatte einen liebevollen Mann, wunderbare Kinder und war inzwischen gesellschaftlich angesehen. Zwei Tage in der Woche war sie unterwegs, um Kinder auf anderen Farmen in Fremdsprachen und Musik zu unterrichten. Gabriel durfte sie dabei begleiten. Seit Ardeth das Rodeo in Mendoza gewonnen hatte, war er bei den Bewohnern der Gegend angesehen. Jeden Sonntag verkauften sie ihr Gemüse auf dem Markt und Ardeth war fast immer mit dabei. Doch zur Erntezeit ging das nicht immer. So blieb er am zweiten Adventssonntag zu Hause und freute sich auf ein gemeinsames Abendessen mit der Familie. Er hatte den Tisch auf der Veranda gedeckt, trällerte ein Lied und beeilte sich, denn jeden Moment musste der Pferdewagen mit der Familie, Senor Gomez, Julio, Maria und ihren beiden Kindern auf den Hof rollen. Vorher musste er aber noch das Wasser bei den Tieren erneuern. Als er der alten Ziege dabei über den Kopf streichelte, fiel ihm auf einmal Bagi ein, die er als Kind so gern gehabt und die er vorm Schlachten gerettet hatte. Ob sie noch leben würde? Und Nachtwind, sein Pferd? Wer es jetzt wohl reiten würde? Es war ein wunderbares Pferd gewesen! Da wieherte es... ah, der Pferdewagen! Schnell verließ er den Stall, um seine Familie zu begrüßen. Francisca und Gabriel liefen auf ihn zu und fielen ihm in die Arme. Jedes Kind trug eine Kerze.
„Zweiter Advent, Papa, sie sollen beim Essen angezündet werden!“, erklärte Gabriel, der sich sehr über seine schöne rote Kerze freute.
„Dona Maria hat sie ihnen geschenkt“, erklärte Emilia lachend und nahm ihren gebogenen Hut vom Kopf. „Ah, ist das heute vielleicht warm!“
Julio spannte die Pferde aus und ließ ihnen freien Lauf. Sie kamen zurück, wenn Ardeth nach ihnen pfiff. Doch bevor sie davontobten, näherten sie sich Ardeth, der bereits zwei dicke Möhren bereit hielt. Jedes Mal, wenn sie wiederkamen, bekamen sie eine leckere Möhre von ihm, manchmal auch einen Keks.
„Zu Weihnachten gibt’s wieder Keks“, erklärte er ihnen, streichelte sie, umfasste Emilias Hüfte und ging mit seiner Familie und Senor Gomez zur Veranda. Maria, Julio und Pablo würden folgen, wenn Maria ihre kleine Tochter ins Bett gebracht und Julio den Wagen entladen haben würde.
Gabriel und Francisca erzählten gerade von Johannes dem Täufer, von dem sie in der Bibelstunde gehört hatten, als das Indio-Ehepaar dazukam und sich setzte. Julio musste lachen, denn in der Advents- und Weihnachtszeit waren die Kinder besonders aufgeregt. Gabriel wurde nicht müde zu betonen, dass es ein Erzengel gleichen Namens war, der Maria die frohe Botschaft gebracht hatte. Er war sehr stolz auf diesem Umstand. Maria und Emilia holten das Essen, das Ardeth vorbereitet hatte und wie jedes Mal foppte ihn Emilia mit der ironischen Frage: „Oh, kein Maisbrei?“
Und ritualmäßig erwiderte Ardeth: „Nein, nur zum Frühstück!“
Sie ließen es sich schmecken und scherzten, Emilia und Senor Gomez übertrafen sich im Tratsch über die Bewohner San Juans, insbesondere über einige Gottesdienstbesucher, Maria schüttelte schüchtern mit dem Kopf, die Kinder waren froh, mit den Erwachsenen am Tisch zu sitzen und angenommen zu sein, denn sie bezogen sie mit in ihre Gespräche ein. Auf einmal schlug sich Julio vor den Kopf und rief: „Ah, junger Padron, das habe ich ja ganz vergessen!“ Er kraselte in seiner Hosentasche. „Senor Forester hat mir heute Morgen vorm Gottesdienst ein Telegramm für Sie gegeben.“ Er suchte noch immer.
„Davon hast du uns ja gar nichts gesagt“, meinte Emilia fast vorwurfsvoll.
„Ah, Senora, ich hatte es völlig vergessen. Ich musste mich doch beeilen, dass ich den Gottesdienst noch rechtzeitig erreiche und da Sie schon in Ihrer Reihe saßen, konnte ich es Ihnen nicht mehr geben. Und hinterher hatte ich es völlig vergessen.“ Er reichte den kleinen Umschlag Ardeth.
„Es ist aus Ägypten, meinte Senor Forester.“
Ardeth warf einen unheilvollen Blick auf das Telegramm, ohne es zu öffnen und die anderen starrten ihn.
„Aus Ägypten?“, fragte Emilia sehr leise.
Ardeth sah sich den Umschlag an. Er nickte. „Von Onkel Leslie.“
In den ganzen sieben Jahren hatte er nicht ein einziges Mal Kontakt zu ihm oder jemand anderem gehabt. Emilia dachte sofort daran, dass Ardeths Onkel ihm den Tod seiner Mutter oder seines Großvaters mitteilen wollte. Oder ging es um diese merkwürdigen Artefakte aus Peru? Woher kannte er eigentlich die Adresse?
„Hast du ihm mal geschrieben?“, fragte sie.
„Nein“, erwiderte er tonlos und öffnete den kleinen Umschlag. Niemand sprach, da sie ahnten, dass es keine gute Nachricht sein konnte. Ardeth würde ihnen sicherlich gleich mitteilen, wer verstorben war. Doch der sah wie versteinert auf den Zettel, der ihm aus den Händen glitt.
„Ardeth?“, fragte Emilia immer noch leise. „Was... was ist? Ist etwas mit deiner Mutter?“
Er schüttelte langsam mit dem Kopf und sah versteinert auf die Stelle, wo zuvor sich der Zettel befunden hatte.
„Ich soll zurück“, brachte er hervor und in seiner Stimme lag Unverständnis.
„Zurück? Wie zurück?“, entfuhr es Emilia aufgeregt. „Aber das geht doch nicht. Sie werden dich töten, wenn du zurück gehst!“
„Nein, werden sie nicht.“ Er starrte immer noch auf die gleiche Stelle. „Mein Großvater wird mir...“ Er unterbrach sich selbst, weil er es nicht glauben konnte. „...vergeben.“ Jetzt sah er Emilia an.
Senor Gomez nickte gefällig mit dem Kopf. Er kannte die Geschichte von Ardjun und Ardeth.
„Er ist alt“, kommentierte der Senor, der auch schon ziemlich alt war, „und er wird bald vor seinen Schöpfer gerufen. Da will er reinen Tisch machen.“
Die Sache mit dem Grab des Tutenchamun war immer noch Ardeths Hinterkopf.
„Ich glaube, er kann nicht anders.“
„Ardeth“, sprach Emilia, „was bedeutet das jetzt noch für dich? Du bist jetzt hier.“
Er atmete schwer durch, bevor er antwortete. „Dadurch, dass er mir vergeben hat, kann er mich nach Hause befehlen, Emilia. Und genau das hat er getan.“
„Er hat... er befiehlt...du sollst nach Ägypten zurück?“, entfuhr es ihr entsetzt, die langsam begriff, warum Ardeth so merkwürdig reagiert hatte.
„Ja, und zwar sofort. Eine Passage ist in Buenos Aires hinterlegt.“
„Aber Ardeth!“, entfuhr es Emilia.
Allgemeine Verwirrung herrschte am Tisch. Jeder, der Ardeth kannte, wusste, dass er es absolut ernst meinte.
„Was werden Sie tun, Senor?“, fragte Julio und Furcht lag in seiner Stimme, Ardeth könnte sie wirklich verlassen.
Ardeth sah ihn traurig an, denn ihm war der Tonfall nicht entgangen. „Ich habe leider keine andere Wahl, Julio. Ich muss gehorchen. Einstmals habe ich einen Eid geleistet.“
In Emilias Augen standen Tränen. „Nein, nein, Ardeth! Du darfst nicht gehen! Sag, dass du nicht gehen wirst. Du bleibst bei uns, bei deiner Familie... bitte!“
Senor Gomez, dessen Leben durch den Einzug der jungen Familie vor fast sieben Jahren wieder lebenswert geworden war, blieb ruhig. Einer mussten einen klaren Kopf behalten.
„Ardeth, was würden deine Leute in Ägypten tun, wenn du dich weigerst?“, wollte er wissen.
„Sie würden unweigerlich kommen, mich holen oder mich...“ Er sah auf die Kinder und sprach nicht weiter. Die Erwachsenen wussten sowieso, welches Verb am Ende des Satzes fehlte.
„Entschuldigt“, sprach er weiter, „aber ich möchte mit meiner Frau allein darüber sprechen.“ Er stand auf, die anderen nickten und Emilia folgte ihm ins gemeinsame Schlafzimmer im ersten Stock. Sie setzten sich auf die Bettkante.
„Emilia, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr kommt mir in den Sinn, dass mein Großvater dazu gezwungen worden ist. Mein Onkel muss erwähnt haben, dass ich noch lebe, und die anderen fordern meine Rückkehr, damit nicht mein Cousin, sondern ich der nächste Lord Bay werde.“
„Was?“
„Mein Großvater würde mir niemals freiwillig vergeben, er muss sehr arg in Bedrängnis sein.“
„Schöne Familie!“, schimpfte Emilia.
„Ja, es ist etwas kompliziert, aber...“ Wie sagen, worum er sie bitten wollte? „...aber ich würde mich so sehr freuen, wenn du mich begleiten würdest.“
„Ich soll...?“ Sie sah ihn an. „Nein! Nein, Ardeth, das ist nicht dein Ernst!“
Er sah sie durchdringend und flehend an.
„Nein, ich will nicht nach Ägypten. Ich will nicht in die Wüste. Ich will hier mit dir leben!“
„Emmy, ich habe keine andere Wahl. Ich muss zurückkehren.“
„Du könntest dich verstecken. Lass uns irgendwohin gehen, wo sie uns nicht finden. Ardeth, ich habe Angst vor deinen Leuten! Was du mir da so alles erzählt hast!“
„Bitte sag nicht gleich nein! Bitte überleg es dir erst einmal. Emmy, ich kann nicht so einfach hierher zurückkehren, wenn ich erst einmal dort bin. Sicherlich werde ich erst mal bestraft, aber später werde ich dann Lord Bay werden und kann nicht einfach mein Land verlassen.“
„Wie, du wirst bestraft?“, entfuhr es Emilia entsetzt. Das wurde ja immer schöner!
„Mein Großvater wird mir vergeben, aber er wird meine Strafe nicht einfach so aufheben. Er wird sie umwandeln in etwas anderes, um sein Gesicht zu wahren.“
„Ach, so wie man ihn mal ein Jahr eingesperrt hat? Nein, Ardeth, du gehst auf keinen Fall zurück! Ich lasse das nicht zu!“
„Ich habe keine Ahnung, was er machen wird. Oder was die anderen Fürsten fordern. Immerhin habe ich mich geweigert, eine Fürstentochter zu heiraten.“
„Warum wollen sie dann überhaupt, dass du zurückkommst? Um dich endlich richtig bestrafen zu können?“
„Wahrscheinlich wollen sie meinen Cousin nicht als Lord Bay haben. Vielleicht hat er schon Kinder, Söhne, aber es dauert sicherlich zu lange, bis sie soweit sind. Da bin ich dann das kleinere Übel.“ Auf einmal fiel Ardeth etwas ein. „Du, Emilia... das ist noch etwas...“
Sie sah ihn an, und ein wütendes Funkeln lag mittlerweile in ihren Augen, das sich auf seine Leute in Ägypten bezog.
„Die Medjai haben ein wirklich gut funktionierendes Kommunikationsnetz weltweit. Wenn sie erfahren, dass ich einen Sohn habe, werden sie fordern, dass er in Ägypten aufwächst.“
„Was?“, entfuhr es ihr einmal mehr. „Gabriel soll...“ Ihr fehlten die Worte. Sie schüttelte verständnislos mit dem Kopf. Eben noch war ihre Welt heil gewesen und jetzt...
„Wie stellst du dir das denn vor, mit uns in der Wüste?“, fragte sie gereizt. „Ich kenne dein Volk und seine Sitten doch gar nicht. Alles, was ich weiß, ist, dass es merkwürdige Dinge da in der Wüste gibt und dass man sich besser nicht mit euch anlegen soll. Deine Leute sind mir unheimlich, Ardeth, ich will da nicht leben müssen. Dein eigener Großvater will dich erst töten, dann verjagt er dich, und schließlich ruft er dich wieder zurück, um dich dann doch noch zu bestrafen. Das ist alles so unvorstellbar.“
Ardeth unterbrach sie nicht. Sein Mut schwand. Emilia würde nicht mitkommen wollen. Er schluckte und wartete, bis seine Kehle wieder frei war.
„Gut, Emilia, wenn du nicht mitkommen möchtest, will ich dich auch nicht dazu zwingen. Ich muss allerdings bald abreisen, möglichst noch in den nächsten Tagen. Sage mir einfach bis morgen, ob du hier bei Senor Gomez leben möchtest oder bei deinen Eltern in Buenos Aires.“
Er stand auf und verließ den Raum. Emilia blieb ratlos zurück. Sie war entsetzt, dass Ardeth noch nicht einmal erwogen hatte, selbst hierzubleiben oder eine andere Lösung zu finden. Sie überlegte hin und her und machte Ardeth am Abend Vorwürfe, wieso er nicht einfach „nein“ sagen konnte und ob denn die Sache in Ägypten wichtiger sei als ihr Leben hier. Auch die Kinder waren betrübt. Sie spürten, dass ihre Eltern sich wohlmöglich trennen würden, und weil es so plötzlich kam, war es umso schlimmer für sie. Senor Gomez selbst war sehr betrübt, dass Ardeth fort gehen würde, doch er nahm sich Emilia zur Seite und erklärte ihr, dass Ardeth zu seinem Eid wohl stehen müsse. Er ermunterte sie selbstlos, mit Ardeth zugehen.
„Nein, Senor Gomez“, erwiderte sie, „ich kann nicht! Ich muss an meine Kinder denken. Sie sollen schließlich religiös erzogen werden. Was würden meine Eltern sagen, wenn ich die Kinder an einen Ort bringen würde, wo es keine Kirchen gibt? Gabriel hat ja bald seine Erstkommunion!“
„Ich weiß, liebe Emilia, dass dir die Kirche sehr wichtig ist. Ich habe ja selbst unsere Sonntagsausflüge nach San Juan in die Kirche genossen. Und gerade, weil du so kirchlich eingestellt bist, solltest du mit Ardeth gehen.“
Emilia sah ihn verärgert an, doch der Senor sprach gleich weiter:
„Schau, in der Bibel steht, dass du deinem Mann folgen sollst. Du sollst ihm zur Seite stehen, in guten wie in schlechten Tagen. Das habt ihr einander versprochen. Wenn dein Mann nun wünscht, dass du mit ihm gehen sollst, dann musst du das als gläubige Katholikin auch tun, auch wenn es nicht leicht wird.“
Emilia war rot geworden. Senor Gomez hatte ihr noch nie eine Moralpredigt gehalten. Doch auch sie erinnerte sich an die Worte der Sonntagspredigt. Der Gehorsam der Frau gegenüber ihrem Mann war eines der Lieblingsthemen des alten Pfarrers.
„Ardeth konnte übrigens in all den sieben Jahren keine Moschee besuchen. Hat er sich jemals darüber beschwert? Und kannst du nicht zu Gott beten, auch wenn keine Kirche vorhanden ist?“
„Und die Kinder?“, erwiderte sie, fast schon patzig. „Nein, Senor Gomez, sie werden dort nicht in Gottes Sinne aufwachsen können. Ich kann das nicht zulassen.“
Damit war für sie das Thema erledigt, zumindest gegenüber Senor Gomez. Vor sich selbst hatte sie durchaus ein schlechtes Gewissen, Ardeth allein gehen zu lassen. Doch sie redete sich ein, es wäre für die Kinder das Beste. Schließlich teilte sie Ardeth mit, dass sie bei ihren Eltern wohnen wolle. Gabriel konnte so wenigstens eine gute Schule besuchen. Ardeth wollte sie nicht noch einmal darauf hinweisen, dass Ardjun möglicherweise Spione auf ihn angesetzt hatte, die leicht herausfinden konnten, dass Ardeth einen Sohn hatte, der dann zwangsläufig nach Ägypten geholt werden würde. Ardeth wusste, dass er keinen Einfluss darauf haben würde, wenn es sich Ardjun erst einmal in den Kopf gesetzt hätte. Er selbst nahm sich vor, über seine Familie zu schweigen, denn er wollte ihnen nicht noch mehr weh tun. Das würde schwierig werden, denn man würde ihn zu Hause bestimmt gleich verheiraten wollen. Jetzt galt es, alles auf der Farm zu organisieren. Julio und er holten die Indios zu sich, die schon so oft ausgeholfen hatten. Sie würden fortan auf der Farm leben. Julio und Maria sollten zu Senor Gomez ins Haus ziehen und die Farm führen. Sie alle waren sehr traurig, denn ihr fröhliches Leben mit Ardeth und Emilia fand ein jähes Ende. Ardeth schenkte Julio seine vielen Anzüge und seine Kleidung, die er nun nicht mehr benötigen würde. Einzig eine Hose, Hemd und Weste behielt er als Reisekleidung. Er wollte Emilia nicht zumuten, mit ihm in dem Kriegergewand nach Buenos Aires zu fahren. Auch die Tiere sollten auf der Farm verbleiben. Gabriel meinte zwar, die Pferde und Ziegen auch in Buenos Aires versorgen zu können, doch Ardeth erklärte ihm, dass die Tiere es hier besser hätten, zumal sie ja auch Pablo ans Herz gewachsen waren. Pablo erhielt das Spielzeug von Gabriel. Nur sein Holzpferd, das ihm sein Vater geschnitzt hatte, und einen Fußball nahm er mit.

Beim Abschied von der Farm weinten Senor Gomez, Maria, Pablo und die anderen bittere Tränen. Emilia versicherte ihnen, dass sie ihnen schreiben würde, und vielleicht könnte sie sie ja mal mit ihren Eltern besuchen kommen. Julio begleitete die Familie zum Bahnhof in San Juan. Vor der Abreise sendete Ardeth noch ein Fax nach Kairo, in dem er ankündigte, wann er dort ankommen würde. In der Zeit sprach Julio auf Emilia ein, sie solle Ardeth nach Ägypten begleiten. Es würden bestimmt schwierige Aufgaben auf ihn zukommen und er würde ihre Fürsorge, ihre Hilfe und ihre Liebe dort dringend benötigen. Sie könne ihn doch nicht so im Stich lassen. Emilia erwiderte, sie würde zuvordererst an die Kinder denken und daher in Buenos Aires bleiben wollen. Julio meinte, die Kinder wären am glücklichsten in der Familie und bevor Emilia antworten konnte, kam Ardeth zurück und führte sie auf den Bahnsteig. Dort wünschte Julio ihnen alles Gute, zweifelsohne auch mit Tränen in den Augen. Er drückte Ardeth und ermahnte ihn, bei allem, was er tun würde, gut auf sich aufzupassen. Julio ahnte, dass auf Ardeth in Ägypten ganz andere Aufgaben zukommen würden, aber er war zuversichtlich, denn er hatte ihn in Peru erlebt.
So reisten Ardeth, Emilia, Gabriel und Francisca gemeinsam nach Buenos Aires. Die Kinder liefen durch den Zug, doch die beiden Erwachsenen sahen schweigend aus dem Fenster. In den letzten Tagen hatten sie kaum miteinander geredet, und wenn, dann hatte es Vorwürfe von Emilias Seite gehagelt. Die Landschaft, die sie so gut kennengelernt hatten, zog an ihnen vorbei. Erinnerungen an vergangene Tage stiegen in beiden hoch: Wie sie sich durch die Winterlandschaft kämpfen mussten und dann die Farm von Senor Gomez fanden. Sieben Jahre hatten sie zusammengebracht.
„Das verflixte 7. Jahr...“, murmelte Emilia und Ardeth sah sie irritiert an.
„Och nichts“, meinte sie daraufhin und sah wieder aus dem Fenster. Sie schwiegen. Einmal musste Emilia zur Toilette. Auf dem Gang traf sie Gabriel.
„Wo ist deine Schwester, junger Mann?“, herrschte sie ihn an, denn ihre Nerven lagen blank.
„Auf der Toilette da“, erwiderte er und wies auf die Tür in der Ecke. „Ich warte auf sie.“
Emilia strich ihm über den Kopf – quasi zur Entschuldigung.
„Mama“, meinte Gabriel und nahm all seinen Mut zusammen. „Bitte lass uns doch mit Papa gehen! Ich will nicht, dass er weg geht, aber wenn er es doch muss, dann könnten wir doch mitgehen. Bitte, Mama!“
„Ach Gabriel, davon verstehst du noch nichts.“
„Aber Mama, wir könnten es doch wenigstens mal versuchen. Vielleicht ist es dort gar nicht so schlimm, wie du es dir vorstellst. Und falls doch, können wir doch immer noch nach Buenos Aires zurück.“
Emilia sah ihren Sohn an. Vielleicht hatte er recht, vielleicht musste sie dem Leben dort einfach eine Chance geben. Doch wenn man sie nicht zurückkehren ließ? Ihr waren diese Leute dort unheimlich. Sie musste erst drüber nachdenken. Ihr fielen die Worte von Senor Gomez und Julio ein. Würde sie ihren Mann im Stich lassen können? Was verlangte ihr Eheeid von ihr? Musste sie ihn nicht genauso einhalten wie Ardeth seinen Eid, der ihn nun nach Ägypten zurück zwang?
Emilia grübelte, bis sie glaubte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die Kinder schliefen längst auf den Sitzen und Ardeth hielt Francisca liebevoll im Arm. Was für ein schönes Bild!
„Hör mal, Ardeth“, begann sie, „wenn ich versuchsweise mitkäme, könnte ich dann nach Argentinien zurückkehren, wenn es mir dort nicht gefällt?“
Ardeth sah sie überrascht an. „Du würdest...“ Er schluckte den Rest gerührt herunter und überlegte.
„Ich will ehrlich sein, Emilia. Es könnte sein, dass euch, vor allem aber Gabriel, mein Großvater nicht gehen lassen würde. Aber da sie mich ja ausdrücklich zurückbefohlen haben, gehe ich davon aus, dass ich eines Tages ihr Anführer sein werde, und dann würde ich dich natürlich zurückkehren lassen, wenn du es wolltest, und auch Gabriel.“
Emilia überlegte und fragte dann: „Dein Großvater ist an Gabriel gelegen?“
„Weil er ein Bay ist. Ein Erbe. Ich wollte es dir nicht noch einmal sagen, aber ich glaube, er würde dich, Francisca und Gabriel sowieso ausfindig machen und zumindest Gabriel nach Ägypten holen. Falls du nicht mitkommen solltest, würde ich nicht sagen, dass ich eine Familie habe, aber sehr wahrscheinlich würde ich in eine Ehe gezwungen werden, wenn ich behaupte, ich sei unverheiratet. Was soll ich dann tun? Ich müsste heiraten, um mich nicht verdächtig zu machen. Emmy, es mag jetzt vielleicht niederträchtig klingen, aber wenn du die Scheidung möchtest, dann willige ich sofort ein. Alles so wie du es möchtest.“
„Ardeth! Niemals werde ich mich von dir scheiden lassen! Erinnerst du dich noch, wie wir uns versprochen haben, immer zusammenzubleiben?“ Sie hielt inne. Was hatte sie da gesagt? Sie schluchzte laut auf. „Ich möchte mit dir immer zusammenbleiben. Aber bitte, hilf mir, ich habe so eine Angst vor deinem Volk. Und wenn ich eines Tages nicht mehr kann, völlig verzweifelt bin, dann musst du mich gehen lassen, ja?“
Ardeth konnte vor Freude nichts sagen, er setzte sich neben Emilia und nahm sie in die Arme, sie hatten soeben beschlossen, gemeinsam nach Ägypten zu fahren. Als Gabriel und Francisca davon erfuhren, freuten sie sich über alle Maßen. Nichs war so schlimm für sie als die Vorstellung, dass ihre Eltern sich trennen würden.

In Buenos Aires standen sie unangekündigt vor der Tür der Leydens, die zunächst angenehm überrascht waren. Sie hatten noch zwei Nächte, bevor das Schiff sie über den Atlantik in Richtung Osten bringen würde. Als Emilias Eltern davon erfuhren, waren sie sehr traurig. Nina besuchte sie noch schnell und gab sich gegenüber Emilia entsetzt.
„In die Wüste? Zu Beduinen? In ein Zelt? Inmitten von Ziegen? Und das mutet dir dein Ardeth zu?“
Nina fühlte sich auf einmal sehr glücklich in ihrer Ehe. Ihr Mann betrog sie offenkundig und war nicht gerade zart besaitet, aber wenigstens führte sie ansonsten ein Leben in Luxus.
„Ich kann jederzeit nach Kairo. Oder auch Luxor. Dort haben Ardeths Leute Häuser. Und in Kairo gibt es sogar eine Oper“, tröstete Emilia ihre Angehörigen.
Anna bedauerte sehr, dass sie ihre beiden Enkel nicht aufwachsen sehen konnte.
„Komm uns besuchen, Kind!“, baten sie ihre Tochter.
Und Emilia versprach es.
„Pass auf meine Tochter auf!“, ermahnte Hermann Ardeth und er versprach es.
Er hatte seinem Schwiegervater nicht erzählt, was es für Konsequenzen haben würde, wenn er nicht nach Ägypten heimkehren würde. Emilia und er hatten alles in einem besseren Licht dargestellt, um ihre Eltern nicht zu beunruhigen.
„Ich schreibe euch, ganz bestimmt, und Papa, du wolltest doch immer die Pyramiden sehen, also müsst ihr uns mal besuchen kommen!“
Hermann bekam ganz große Augen. „Ja, ja, das werden wir tun! Und dann schauen wir auch in Italien und Deutschland vorbei. Was meinst du, Schatz?“
Anna fand die Idee gut. Reich genug waren sie ja nun.
Ardeth überließ in den letzten Tagen Emilia ihren Eltern und ihrer Schwester. Doch die Stunde des Abschieds kam schnell. Da Anna um das Wohl ihrer Tochter besorgt war, hatten die beiden ausführlich eingekauft, so dass Emilia drei große Reisekoffer und einen weiteren für die Kinder an Bord schleppte. Ardeth hatte sein Kriegergewand in einem davon verstaut.
Emilia, Ardeth und die Kinder winkten von der Reling Emilias Eltern zu, als das Schiff sich aus dem Hafen entfernte. Die neue Welt lag nun hinter ihnen.

Leslie war nach Kairo gereist, um dort alle Formalitäten zu erledigen. Das Schiff aus Genua sollte in Alexandria einlaufen, dort würde er Ardeth mit einer Eskorte abholen und mit ihm sogleich per Eisenbahn nach Luxor fahren. Alle waren in heller Aufregung, am meisten aber, so schien es, Gatyreth. Er hatte nach der schicksalsträchtigen Versammlung nur noch Ardeths Antworttelegramm abgewartet und war dann sofort in den 5. Stamm geeilt, um Nefer die gute Nachricht zu überbringen.
„Stell dir vor, in nur fünf Wochen wird Ardeth hier sein!“, erklärte er immer wieder voll Begeisterung.
„Hat Lord Bay denn zugegeben, dass er das Königsgrab verraten hat?“
„Nein, er hat es abgestritten. Ich vermute, es war Ismail.“
„Ismail? Das wäre doch dumm von ihm! So lädt er doch die Briten geradezu ein, sich noch länger und intensiver hier umzusehen“, warf Nefer ein.
„Hm, du könntest recht haben. Auf der anderen Seite war ihm ja daran gelegen, so schnell wie möglich Lord Bay zu werden. Er hätte es vielleicht sogar geschafft.“
„Nein, niemals, mein Gemahl. Du wärest dann nämlich unser Anführer geworden.“ Sie sah ihn prüfend an, ob sie ein Zeichen des Bedauerns bemerkte, doch Gatyreth erklärte ihr mit der Offenherzigkeit eines Kindes: „Ich wäre es nur sehr, sehr ungern geworden. Es steht den Bays zu. Ich hätte mich gerade Ardeth gegenüber treulos gefühlt. Doch er lebt, und das war die schönste Nachricht in meinem Leben!“
Ja, er meinte es ehrlich. Nefer musste lachen, denn ihr fiel ein:
„Und ich wäre fast zum zweiten Mal in meinem Leben die Erste Dame geworden! Also so was!“
Gatyreth musste auch lachen, dann meinte er: „Wer es wohl jetzt werden wird?“
„Sicher hat Leyrah schon wieder eine umfassende Planung diesbezüglich“, sagte Nefer. „Und wenn dann in fünf Wochen alle im 12. Stamm versammelt sind, wird sie sicherlich gleich die Verlobung verkünden.“
Nefer und Gatyreth sahen sich an und lachten. Alles würde so werden wie früher.

„Es ist wie früher!“, schwärmte Emilia, als sie mit Ardeth Hand in Hand auf dem Deck entlang spazierte. „Siehst du diese Bank? Sieht sie nicht so aus wie jene damals, auf der wir uns kennengelernt haben? Wieviel Zeit ist seitdem vergangen!“
Sie genossen die Tage auf See. Gabriel und Francisca bestaunten das große Meer. Einmal sahen sie Wale und waren ganz aufgeregt. Gabriel durfte sogar auf die Brücke und war hellauf begeistert. Emilia wünschte sich, dass diese Fahrt niemals vorbeigehen würde. Hier hatte sie ihren Ardeth noch ganz für sich. Das würde sich bald ändern. In der Tat drängte er darauf, dass seine Familie seine Sprache lernen würde. Und als er Emilia auf der Bank die ersten Sätze in Alt-Ägyptisch beibrachte, meinte sie wiederum schwärmerisch:
„Wie damals! Nur, dass es damals Spanisch war!“

Das Schiff legte in Genua an, sehr zum Entzücken von Emilia. Doch sie hatten nicht viel Zeit, um sich die alte Heimat von Emilias Mutter anzuschauen. Am nächsten Morgen legte das Schiff in Richtung Alexandria ab.
„Ich bin gespannt, was uns in Ägypten erwartet“, meinte Emilia, als sie eines Abends an der Reling standen, um den Sonnenuntergang zu bewundern.
„Ich auch...“, gab Ardeth zu.
„Und wenn sie dich einsperren?“, fragte Emilia besorgt.
„Dann wird sich Onkel Leslie um dich kümmern. Die erste Zeit wird mit Sicherheit nicht einfach werden, Emmy.“
„Du denkst wirklich, dass sie dich zu einer Strafe verurteilen?“
„Ja“, Ardeth nickte. „Du kennst meinen Großvater nicht.“
„Naja, aus deinen Geschichten zur Genüge.“ Es klang nicht sehr hoffnungsfroh.
„Er wird mich sicherlich mit den Räten des 12. Stammes empfangen und gleich verurteilen zu irgendetwas. Übrigens, solange er mir nicht persönlich vor Zeugen vergeben hat, so lange gelte ich als... naja... vorgelfrei und könnte so behandelt werden.“
„Wie behandelt?“
„Vielleicht führen sie mich in Fesseln heim.“
„Aber Ardeth!“, gab Emilia entsetzt von sich.
„Ich will nur, dass du auf alles vorbereitet bist, Emmy. Vielleicht sind sie ja nett zu mir, weil ich später offensichtlich der nächste Lord Bay werden soll. Aber was auch immer Ardjun befiehlt, daran müssen sich die Krieger halten. Und ich auch.“
„Du könntest ja wieder rebellieren und verbannt werden, dann können wir nach Argentinien zurückkehren.“
„Prima Idee! Ich glaube aber nicht, dass sich Ardjun ein zweites Mal zu einem Gottesurteil hinreißen lassen würde. Und ehrlich gesagt, ich habe auch keine Lust auf ein weiteres Gottesurteil. Mir hat das erste schon gereicht. Wer weiß, was ihm diesmal einfallen würde! Vielleicht eine gefüllte Schlangengrube!“
Emilia musste zwar lachen, aber kam nicht umhin zu bemerken, dass Ardeth ihr seine Heimat gerade nicht schmackhaft machte.
„Werden sie mich überhaupt akzeptieren? Ich erinnere mich an die Geschichte von deinem Großvater und dieser Claire. Das ging doch auch nicht so ohne Weiteres.“
„Keine Ahnung. Ich hoffe es. Du hast mir immerhin zwei Kinder geschenkt, nicht zu vergessen Gabriel als Bay-Erben.“
Es war Emilia schon ein paar Mal durch den Kopf gegangen, dass Gabriels Zukunft mit ihrer Reise nach Ägypten besiegelt war. Dabei hatte er auf der Fahrt erklärt, er würde auch gern Kapitän werden wollen, nachdem er die Brücke besichtigen durfte. Nein, eine Wahl würde ihr Sohn nicht haben. Immerhin war Ardeth sowieso Gabriels großes Vorbild und er liebte seinen Vater abgöttisch. Das würde es ihm erleichtern.
Ardeth nahm sie in den Arm. „Wir schaffen das schon, Emmy.“

Drei Tage später war es soweit. Das Schiff sollte in Alexandria anlegen. Die Koffer waren gepackt. Emilia hatte sie bereit gestellt, damit der Kabinenboy sie beim Anlegen nach draußen tragen konnte. Während sie sich im abgetrennten Waschraum noch frisierte, um auch ja gut vor Ardeths Leuten dazustehen, zog sich Ardeth im Schlafraum um. Die Kinder tollten ein letztes Mal über das Schiff. Emilia hatte ihr elegantes blaues zweiteiliges Kostüm angezogen und einen passenden Hut auf ihre kunstvolle Frisur gesetzt. Es fehlten nur noch die Handschuhe. Als sie zu Ardeth trat, stand er in seinem schwarzen Gewand vor ihr. Sie wusste, sie würde ihn von jetzt an immer so sehen und seufzte leicht.
Als sie in die Halle traten, in der ihre Personalien kontrolliert wurden, sahen sie schon von weitem weitere Krieger, die auf sie warteten. Emilia konnte spüren, wie sehr Ardeth das Herz pochte. Er schickte unaufhörlich und leise Stoßgebete zum Himmel, sie mögen ihn nicht vor Emilia demütigen. Jetzt wo sie in Ägypten waren, hatte er Angst davor, was passieren würde. Doch auf einmal hellte sich seine Miene auf. Stand da nicht inmitten der Krieger ein westlich gekleideter Gentleman? Ja, das war sein Onkel! Aufgeregt stieß er Emilia an.
„Dort, schau, das ist Onkel Leslie!“
Und kaum war er durch die Kontrolle, stürmte er auf seinen Onkel zu und die beiden fielen sich in die Arme. Emilia war mit den Kindern gefolgt und die anwesenden fünf Medjai-Krieger wussten nicht, wo sie zuerst hinschauen sollten. Auch Leslie warf der jungen Frau mit den Kindern schon beim Umarmen einen Blick zu. Sie lösten die Umarmung.
„Onkel Leslie, dass du hier bist!“ Ardeth hatte ihn wirklich nicht hier erwartet.
„Das ist selbstverständlich, mein lieber Ardeth! Meine Güte, bist du erwachsen geworden!“, bestaunte er ihn. Ardeth war in der Tat noch ein Stück gewachsen und der Bart tat sein Übriges.
„Und du hast Frau und Kinder!“, staunte Leslie.
„Achja!“ Ardeth hatte sich so über das Wiedersehen mit seinem Onkel gefreut, dass er alles andere vergessen hatte. „Das ist Emilia, mein Frau, und unsere Kinder: Gabriel und Francisca.“
Leslie hauchte einen Handkuss auf Emilias rechte Hand und gab den beiden Kindern die Hand, die sich beim Anblick der fünf Krieger an ihre Mutter gedrückt hatten.
„Du hast eine Familie!“, staunte Leslie abermals. „Davon hat mir der gute Dr. Porter gar nichts erzählt. Na, da werden sie aber alle staunen!“
Ardeth nickte den Kriegern höflich zur Begrüßung zu, die ebenso erstaunt waren wie Leslie. Er war froh, dass sein Onkel dabei war.
„Ah, die Koffer, Onkel Leslie! Wir müssen noch die Koffer holen. Sie sollen da hinten in der Halle bereit stehen.“
So holten sie die vier großen Kabinenkoffer und Leslie scherzte, ob sich Ardeth endlich eine vernünftige Garderobe zugelegt hätte. Dann fuhren sie zum Bahnhof, wo sie zwei Abteile im Zug belegten: eins für die Krieger, eins für Familie Bay. Leslie erklärte ihnen, dass sie sofort nach Luxor fahren würden.
„Kein Halt in Kairo?“, fragte Emilia enttäuscht.
„Ich habe ihr von deiner Prachtvilla erzählt“, erklärte Ardeth. „Hast du sie noch?“
„Ja, warum denn nicht? Mein einziges Domizil, wo ich Ruhe finde, das weißt du doch! So etwas gebe ich doch nicht auf. Keine Sorge, Emilia, du wirst sie sicherlich auch bald sehen und bist dort immer willkommen.“
Ardeth wurde ernst. „Lebt meine Mutter noch?“
„Und wie sie lebt! Sie hat veranlasst, dass man dich zurückholt.“ Leslie warf Emilia einen Blick zu. „Ihr habt in Südamerika ein gutes Leben geführt?“
Beide nickten und Leslie war klar, dass sie lieber dort geblieben wären.
„Es tut mir leid, Ardeth, aber hier geht alles drunter und drüber. Da sah sich deine Mutter gezwungen zu verraten, dass du noch lebst.“
„Ist schon gut, Onkel Leslie. Was ist denn eigentlich mit Ismail?“
„Du kennst ihn doch. Er hat sich nicht verändert. Im Gegenteil, es ist noch schlimmer geworden. Ich erkenne ihn oft gar nicht wieder. Er ist so ganz anders als die beiden Mädchen. Nefrar hat ihn fest im Griff. Jedenfalls wollten ihn die anderen absolut nicht als Anführer dulden.“
„Kann mir gar nicht vorstellen, dass sich dein Vater hat erweichen lassen.“
„Gezwungermaßen, Ardeth. Du ahnst nicht, was hier los war.“
Ardeth nickte, sein Onkel würde ihm alles auf der Fahrt erzählen.
„Was wird mich erwarten? Ich meine, weißt du, was er mit mir vor hat? Er wird mich doch sicherlich noch bestrafen wollen...“
„Ich habe keine Ahnung, was Ardjun genau plant. Ich bin damals gleich abgereist, als sie beschlossen haben, dich zurückzuholen, damit du unser Anführer werden wirst. Kann sein, dass du es gleich wirst, kann sein, dass sich Ardjun diese Blöße nicht geben mag. Die anderen Lords würden, denke ich, allem nachgeben und zustimmen. Immerhin haben sie ja jetzt eine Perspektive. Ich habe wirklich keine Ahnung, was sie in den letzten fünf Wochen alles so ausgetüftelt haben. Du kennst die Medjai und ihre Anführer ja...“
„Onkel Leslie, passt du bitte auf Emilia auf, falls Ardjun mich zu irgendetwas verurteilt?“
„Du meinst zum Beispiel, 5 Jahre Steinbruch?“
„Onkel Leslie!“ Ja, so war Leslie Manson. Immer noch einen Witz auf Lager. „Erschrecke Emmy doch nicht so!“
„Ja, ich passe auf. Sie kann dann in den fünf Jahren in meiner Prachtvilla wohnen. Falls mein sehr verehrter Herr Vater es natürlich erlaubt...“ Er sah Ardeth ernst an.
„Du bist zurückgekommen, obwohl du mit einer Bestrafung rechnest? Meine Güte, Hut ab!“
Ardeth senkte sein Haupt. „Ich bin sehr froh, dass mir vergeben wird. Aber wir beide kennen Ardjun sehr gut. Er hat nie verschmerzt, dass sein Vater ihn für ein Jahr lang eingesperrt und von seiner großen Liebe getrennt hat. Was er mir auch antun wird, ich werde mich nicht von Emilia trennen, Onkel Leslie.“
„Ich glaube nicht, dass er dich für längere Zeit einsperren wird, dazu braucht er dich zu sehr. Wenn, dann wird er so was wie die 40fache anwenden oder so...“
Emilia sah Leslie und Ardeth an, die offensichtlich beide wussten, was das war.
„Was ist die 40fache?“, fragte sie beunruhigt, als keiner der beiden weitersprach.
„Die 40fache Vergebung“, begann Leslie zu erklären, „ist eine Bestrafung, bei der der Delinquent nach jeden Schlag mit einem elastischen Rohrstock auf den Rücken um Vergebung bitten muss.“
„Das ist ja barbarisch!“, schimpfte Emilia.
„Ja, so sind sie...“, witzelte Leslie. „Aber keine Sorge, Emmy, dein Ardeth würde das ohne mit der Wimper zu zucken überstehen, so wie ich ihn kenne.“
Ardeth drückte Emilia und fügte hinzu: „Das wäre wirklich nicht so schlimm, Emmy.“
Um vom Thema abzulenken und weil es ihm schon die ganze Zeit auf den Lippen lag, fragte Ardeth seinen Onkel: „Sag mal, Onkel Leslie, wie geht es deiner Mutter eigentlich? Hast du sie inzwischen besucht?“
„Nein, leider nicht, Ardeth. Mein Vater hat es nicht erlaubt, ich habe Ausreiseverbot. Aber sie hat sich nach dem Tod ihres Mannes und Sohnes wieder erholt. Ich habe ihr von Kairo aus versucht zu helfen. Wir haben viel telefoniert. Als sie erfahren hat, was mit dir geschehen ist, hat sie mir abgeraten, irgendetwas zu unternehmen, was Ardjun verboten hat.“
„Arme Claire... Es tut mir so leid, Onkel Leslie.“
„Mein Vater hat viel in den letzten sieben Jahren dazu getan, unbeliebt zu werden. Früher hat deine Mutter immer die heißen Kartoffel für ihn aus dem Feuer geholt, aber sie hatte sich in den sieben Jahren in den Isis-Tempel zurückgezogen.“
„Meine Mutter hat nicht regiert?“ Ardeth fiel aus allen Wolken. „Ich habe mir immer vorgestellt, dass sie nach ihrer Trauer aus dem Tempel zurückgekehrt ist. Sie kann doch gar nicht ohne... ich meine...“
„Ja, ich weiß, was du meinst. Es hat uns alle sehr gewundert. Was auch immer in Stamm 12 geschehen ist, sie hat nie eingegriffen, und es sind merkwürdige Dinge passiert.“
Leslie berichtete von den zwei Ehefrauen Ismails, von dem von Ardjun erteilten Befehl, Grabungsaktivitäten der Briten zu gestatten, von Artefakten und Kulturgütern, die Ardjun an den König und an die Europäer verscherbelt hat, und zuletzt von Howard Carter. Ardeth hörte zu, aber schüttelte unaufhörlich mit dem Kopf.
Später berichteten Emilia und er von der Zeit in Südamerika, von Emilias Eltern und der Farm. Auch das Abenteuer in Peru kam nicht zu kurz. Leslie erzählte von dem kurzen Besuch von Dr. Porter, der ihm die vier Artefakte gegeben hatte. Die Zeit im Zug verging schnell.

In Stamm 12 waren mittlerweile alle Lords mit ihren Familien und großem Gefolge eingetroffen. Der Ort platzte aus allen Nähten. Die unverheirateten Krieger räumten ihre Zelte für Familie, Notquartiere wurden aufgestellt und der elfte Stamm half bei der Versorgung. Alle waren gut gelaunt. Noch zwei Tage!

In Luxor ließ es sich Ardeth nicht nehmen, seiner Familie den Karnak-Tempel zu zeigen. Er war froh, dass sie von hier zum 12. Stamm reisen würden und nicht von Abydos aus wie sonst..
„Ach, wenn mein Vater nur hier sein könnte!“, meinte Emilia und bestaunte die Säulenhalle in Karnak. Gabriel erklärte Francisca, wer der Mann war, dessen Statue in dem ersten Vorhof aufgebaut war, und Ardeth erinnerte sich daran, wie er und sein Vater auf der gegenüberliegenden Mauer gesessen hatten. Sein Vater hatte ihn ermahnt, nicht weiter zu gehen. Doch dessen Bruder Leslie war da anderer Meinung gewesen und auch Ardeth hatte keine Probleme, dort hinein zu gehen. Nach der Besichtigung überquerten sie per Fähre den Nil. Dann ging es mit der Karawane weiter. Eine Nacht schliefen sie in der Wüste – sehr zu Gabriels Freude, bevor sie am nächsten Tag den 12. Stamm erreichen sollten. Am Rande der Anhöhe, von der man den tief unten liegenden Ort gut überblicken konnte, hielten sie an, zwangsläufig, da hier Wachen standen, die nur Medjai passieren ließen. Ardeth blickte erstaunt hinab. Der Ort platzte schier aus allen Nähten. Der Weg zur Tribüne war gesäumt von Tausenden, die alle erwartungsfroh nach oben starrten.
„Onkel Leslie, was ist denn hier los?“, fragte Ardeth überrascht. Dass die vielen Menschen seinetwegen gekommen waren, wollte ihm nicht in den Kopf.
Leslie hatte der Wache gerade versichert, dass Emilia und die Kinder dazu gehörten, und sah auch hinab, ebenfalls etwas überrascht. Ein Pfiff entfuhr ihm von den Lippen.
„Schätze, sie sind deinetwegen da, mein lieber Neffe.“
Ardeth senkte den Kopf. Waren die Medjai so sensationslustig? Wollten sie alle hautnah miterleben, wie Ardjun ihn zum zweiten Mal verurteilte? Oder sollte es noch einen anderen Grund geben? Er lenkte sein Pferd neben das von Emilia und reichte ihr die Hand.
„Also wie verabredet, mein Schatz. Halte dich an Leslie, ja?“
Sie nickte und warf ihm einen angsterfüllten Blick zu. Nachdem Gabriel von Ardeths zu Leslies Pferd gewechselt war, ritten sie weiter – hinab in den Ort. Ardeth nahm schon von oben wahr, wie voll die Tribüne war. Sogar alle Fürsten waren gekommen. Ihm wurde ganz mulmig zumute.

Auf der Tribüne herrschte helle Aufregung, als der Trupp angekündigt wurde, noch bevor er auf der hohen Klippe erschien. Die letzten nahmen eilig ihre Posten ein. Ardjun und Leyrah saßen als erste dort. Und als man dann endlich weit oben Bewegung ausmachen konnte, grinste Gatyreth seine Frau, die neben ihm saß, wie ein Honigkuchenpferd an.
„Da ist er! Da ist Ardeth! Er ist tatsächlich gekommen!“, rief er aufgeregt.
Ardeth ritt dem Trupp voran, danach folgten nebeneinander eine Wache, Leslie mit Gabriel, Emilia mit Francisca und noch eine Wache, danach weitere vier Wachen nebeneinander. Natürlich warfen die Fürsten neugiere Blicke der Frau und den Kindern zu und Leyrah, die mit Ardjun in der Mitte des Fürstenhalbkreises thronte, kräuselte die Stirn.
Ardeth schaute scheu nach links und rechts. Die Menschen standen Spalier. Sie lächelten ihn an. Wenigstens waren sie ihm nicht böse gesonnen, dachte er. Emilia sah sich verwundert die vielen Menschen an. Die meisten Männer sahen so aus wie Ardeth, tätowiert und im schwarzen Gewand. Die Frauen aber hatten ihre festlichsten Gewänder angelegt, und die waren recht farbenfroh, wie Emilia feststellte. Sie fühlte sich auf einmal in ihrem typisch europäischen blauen Reiterkostüm etwas deplaziert. Gabriel machte auch ganz große Augen. Sein Onkel Don Rafael hatte Ardeths Heimat ja immer als Beduinendorf mit drei Zelten und fünf Ziegen verspottet, wogegen sich Ardeth nie gewehrt hatte. Aber dieser Ort hier war einfach gigantisch. Er war nur von oben zu übersehen und außer teilweise sehr großen Zelten, die bunt geschmückt waren, gab es auch feste Stallungen und Magazine, große Gärten, Sportanlagen und vieles mehr. Francisca klammerte sich einfach nur fest an ihre Mutter, sie hatte etwas Angst vor den vielen Menschen. Leslie bemerkte Erleichterung auf der Miene seines Vaters und wusste in dem Moment, dass alles gut werden würde.
Nachdem die neun Pferde durchgeritten waren, schloss die Menge den Durchlass, um das Geschehen auf der Tribüne frontal anzuschauen. Ardeth stoppte sein Pferd etwa 50 Meter davor. Sofort hielten auch die acht Reiter hinter ihm an, aber blieben im Gegensatz zu ihm auf den Pferden sitzen. Ardeth stieg ab, übergab seine Zügel einem herbeigeeilten Knaben und bedankte sich. Das Pferd wurde weggeführt. Ardeth musste nun die letzten Meter ganz allein gehen. Das Herz pochte ihm laut. Er wagte kaum zur Tribüne hoch zu schauen. Doch als er in drei Metern Entfernung vor der ersten der Stufen, die hinauf führten, anhielt, sah er geradewegs Ardjun fest in Augen – für einen Moment, dann kniete er sich langsam nieder, auf beide Knie und neigte das Haupt sehr tief.
Leyrah atmete auf. Ardeth unterwarf sich seinem Großvater. Der lächelte milde und machte die Handbewegung, die Ardeth bedeuten sollte, aufzustehen. Doch der hielt den Kopf bewusst geneigt und blieb in der demütigen Haltung, um Vergebung zu erflehen. Sein Großvater sollte ihn persönlich von den Knien heben müssen. Ardjun war etwas durcheinander. Er erhob sich und sprach seinen Enkel direkt an: „Ardeth, erhebe dich!“
Doch Ardeth blieb beharrlich auf den Knien. Ein Raunen ging durch die Menge. Ardjun drehte sich um und warf Leyrah einen fragenden Blick zu. Die hatte die kluge Geste ihres Sohnes verstanden. Sie gab ihrem Schwiegervater per Wink zu verstehen, dass er hinab gehen sollte, was der dann auch tat. Für Ardeth wurden die Sekunden zu Ewigkeiten, bis er endlich die Hände seines Großvaters an seinen Schultern spürte. Sacht zog er ihn hoch, sah ihm in die Augen und umarmte ihn herzlich. Ardeth wusste nicht so recht, wie ihm geschah. Mit so viel Freundlichkeit hatte er nicht gerechnet. Unter Jubel nahm ihn sein Großvater bei der Hand und führte ihn die Stufen zur Tribüne hinauf. Leslie lächelte Emilia zu. Der Großvater hatte dem Enkel vergeben. Doch Emilia schaute Leslie gar nicht an, weil sie viel zu überwältigt von den vielen Menschen um sie herum war. Ardjun wies die Menge per Hand an zu schweigen, während Ardeth zu seiner Linken stand und nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte. Er hatte sein Haupt demütig geneigt und sah zu Boden, als Ardjun sprach: „Mein Enkel ist zurückgekehrt, ich bin sehr froh darüber. Ich vergebe ihm hiermit ausdrücklich alles, was er getan hat.“
Wieder brandete lauthals Zustimmung auf. Ardeth sah kurz in die Menschenmenge und senkte dann wieder den Kopf. Jetzt würde Ardjun die Bedingung nennen, die Ardeth erfüllen müsste, um wieder aufgenommen zu werden. Er atmete tief durch. Ardjun wartete ab, bis sich der Geräuschpegel gesenkt hatte. Als er dann anfing zu sprechen, wurde es ganz still. Jeder wollte mitkriegen, was er jetzt sagen würde, ob er sein Wort halten würde, dass er den Fürsten gegeben hatte. Ardjun ergriff Ardeth rechte Hand und hielt sie nach oben.
„Und mit diesen Worten danke ich ab und übergebe an meinen Enkel Ardeth. Er sei ab diesem Augenblick der neue Anführer der Medjai! In drei Tagen werden wir ein offizielles Fest aus diesem Anlass feiern, doch schon ab diesem Moment ist er euer Herr.“
Ardeth sah immer noch zu Boden. Hatte er richtig verstanden? Nach drei Schrecksekunden warf er seinem Großvater unter dem rechten Arm hindurch einen verwunderten Blick zu. Was hatte er gesagt? Ardjun lächelte hoheitsvoll in die Menge, deren Jubel sich zu steigern schien. Hinter Ardeth erhoben sich die Fürsten und gingen dann auf die Knie, und als die Menge das sah, imitierten sie ihre Anführer. Nur Leyrah, Ardjun, Ardeth und die inzwischen von den Pferden gestiegenen Leslie, Emilia und die Kinder standen. Mit dem Niederknien war es schlagartig still geworden. Ardjun hatte den Arm gesenkt und Ardeth Hand losgelassen. Er sah seinen Enkel erwartungsvoll an. Ardeth war wie betäubt. Was sollte er jetzt tun? Als es so still geworden war und alle auf den Knien vor ihm lagen, realisierte er, was Ardjun soeben getan hatte. In seinem Kopf herrschte ein völliges Durcheinander. Zaghaft hob er leicht die rechte Hand. Darauf hatten alle ungeduldig gewartet, sie sprangen auf die Beine und sofort wurde es wieder laut. Leyrah war inzwischen von hinten zu ihrem Sohn getreten und beide umarmten sich herzlich. Der Mutter liefen die Tränen vor Rührung über das Gesicht. Leslie hatte inzwischen Emilia an die Hand genommen, die nicht so ganz verstand, was das alles sollte. Gabriel ging auf der anderen Seite von Leslie und Francisca war an Emilias Hand. Die vier bewegten sich soeben die Stufen hinauf auf Ardjun und Ardeth zu. Er wollte sie vorstellen, als Emilia vor Ardjun wie zuvor abgesprochen auf die Knie fiel. Leslie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ardeth half Emilia nach oben und lächelte sie an. Er würde ihr später alles erklären.
„Mutter, Großvater, das ist Emilia meine Frau, und unsere Kinder Gabriel und Francisca.“
Leyrah bedachte Emilia mit einem leicht verärgerten Blick. Somit waren ihre schönen Plänen durchkreuzt. Ardeth war schon verheiratet! Ardjun hingegen lächelte Emilia an und begrüßte sie herzlich. Es war, als ob ihm soeben eine große, vielleicht zu große Bürde von den Schultern genommen worden war. Jetzt war er frei von aller Verantwortung, und es war ihm relativ egal, wen Ardeth geheiratet hatte. Dass Ardeth ausgerechnet mit einer Europäerin an seiner Seite zurückkehrte, verband ihn sogar mit ihm, denn auch er hatte einst eine Europäerin geliebt. Emilia ging auch vor Leyrah auf die Knie, und die elf Fürsten und ihre Frauen sahen sich vielsagend lächelnd an. Ardeth hob sie zum zweiten Mal schnell nach oben und sprach auf Spanisch:
„Du bist jetzt Lady Bay. Ich erklär es dir später.“ Emilia sah ihn fragend an, doch schon wurde sie von Leyrah, die sich scheinbar schnell mit ihrer neuen Schwiegertochter abgefunden hatte, in die Arme geschlossen und Ardeth wusste, dass das Eis gebrochen war. Leyrah nahm den schlichten goldenen Stirnreif ab, den sie heute angelegt hatte, und drückte ihn Emilia auf die Stirn, die nicht so recht wusste, was das bedeutete. Ardeth nahm die linke Hand seiner Frau in seine rechte und wandte sich den elf Fürstenpaaren zu.
„Mylords, Myladies, Lady Emilia Bay!“
Emilia hatte den altägyptischen Dialekt auf dem Weg von Amerika nach Europa und dann weiter nach Afrika mit Ardeth und den Kindern studiert, aber sie musste noch viel lernen. Jedoch diese Worte verstand sie und verstand den Inhalt doch wiederum nicht. Als die elf Fürstenpaare Ardeths indirekter Aufforderung nachkamen, indem sie nun auch vor ihrer neuen Fürstin niederknieten, verstand Emilia die Welt nicht mehr. Ardeth raunte ihr zu:
„Winke sie hoch!“
Das tat Emilia dann auch. Ardeth wiederholte die Zeremonie vor dem Volk. Dann sprach Ardeth laut:
„Ich freue mich, dass ich wieder in meiner Heimat bin. Lasst uns daher heute Abend gemeinsam ein Fest feiern, tanzen und fröhlich sein.“
Die Leute lachten, klatschten laut, ließen Ardeth und Emilia hochleben und redeten wild durcheinander. Ardjun zupfte Ardeth ungeduldig am Ärmel. Er sollte endlich die Fürsten persönlich begrüßen, wie es sich gehörte. Während Leyrah und Leslie mit den Kindern zur Seite zu den anderen Familienmitgliedern traten, begaben sich Ardeth und Emilia, zunächst noch von Ardjun geleitet, zur Mitte, wo traditionell das Fürstenpaar des ersten Stammes genau neben dem Paar von Stamm 12 saß. Ardeth nickte den beiden höflich zu, was sie erwiderten, dann sprach er:
„Ich freue mich, Lord und Lady Mahu, Euch heute persönlich hier begrüßen zu können! Der Weg vom ersten Stamm hierher ist der weiteste, daher bin ich doppelt froh. Und ich möchte mich hiermit bei Euch für alles, was ich Euch vor sieben Jahren angetan habe, entschuldigen. Es stand mir nicht zu, dass hohe Haus der Mahu zu beleidigen, indem ich seine Tochter zurückwies. Ich hoffe, Ihr könnt mir verzeihen und ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt, um vergessen zu machen, was ich Euch einst angetan habe.“
„Mein lieber Lord Bay“, sprach Lord Mahu und lächelte väterlich. „Es ist bereits vergeben und vergessen. Wir wollen nicht mehr darüber sprechen und es soll Euch auch nicht belasten. Wir bitten Euch, lasst uns Freunde sein! Wir sind sehr froh über Eure Rückkehr!“
Die beiden Männer umarmten sich. Dann gingen Ardeth und Emilia weiter und standen vor dem Fürstenpaar des zweiten Stammes, den Setlata-Baruts. Hier wiederholte sich die Begrüßungsformel, natürlich bis auf die Entschuldigung. Ardeth war sehr höflich und hatte keine fünf Minuten gebraucht, um sich hier wieder einzufinden. Emilia stand dekorativ, aber völlig perplex, daneben. Die Meranmoses waren an fünfter Stelle dran und Gatyreth fieberte dem entgegen. Als Ardeth endlich vor ihm stand, konnte er nicht an sich halten. Die beiden Freunde fielen einander spontan um den Hals, Gatyreth schluchzte abermals, Ardeth konnte kaum fassen, dass Gatyreth bereits Lord des 5. Stammes geworden war und beide versicherten sich gegenseitig, wie sehr sie sich über ihr Wiedersehen freuten. Entgegen dem Protokoll duzten sie sich. Ardeth umarmte auch Nefer, entschuldigte sich bei ihr ebenso wie bei ihren Eltern zuvor. Doch Nefer hatte nichts zu entschuldigen, denn sie verdankte ihm, dass sie ihre Jugendliebe Gatyreth hatte heiraten dürfen. Emilia ermüdete diese Prozedur sichtlich, die erst nach der Begrüßung aller elf Paare beendet war, doch es stand noch die Begrüßung der restlichen Familie aus, die etwas unterhalb der Tribüne standen und warteten. Dorthin führte Ardeth seine Frau.
„Emilia, unsere Familie“, sprach er auf Spanisch. „Das ist Tante Nefrar, Leslie Frau.“ Seiner Tante, die sehr ernst schien, stellte er Emilia vor. Sowohl Nefrar als auch Fatima waren völlig verschleiert, während Karan noch nicht einmal anwesend sein durfte, da es ihr Ismail verboten hatte. Doch die beiden Töchter Leslies hatten sich durchgesetzt. Tanith war bereits ein Jahr nach Ardeths Verbannung zur Kriegerin geworden und hatte sich standhaft gegen ihre Mutter behauptet, war unverheiratet geblieben und trug natürlich stolz ihre Kriegerkleidung. Ardeth bemerkte, wie Nefrar sichtlich erfreut über Emilias Anwesenheit war. Nun hatte auch Ardeth eine Lady Bay in den 12. Stamm geführt, die keine Kriegerin war. Schadenfroh lächelte sie Leyrah zu. Am meisten freute sich die Jüngste, nämlich Amira, die sehr an Ardeth gehangen hatte. Sie war noch in der Ausbildung und war extra zu diesem Anlass aus dem Tempel der Isis zurückgekehrt. Sie umarmte Ardeth, kaum dass er Emilia seine Cousine vorgestellt hatte und nahm ebenso herzlich Emilia in die Arme. Nur Ismail schien sehr verdrossen und Ardeth kannte den Grund. Auch Leyrahs Eltern, also Ardeths Großeltern, waren anwesend und begrüßten beide herzlich. Das alles musste für Emilia überwältigend sein, so viele neue Gesichter und Eindrücke. Ardeth bat seine Familie daher darum, sich mit seiner Frau und Kindern zurückziehen zu dürfen. Die Reise hätte sie sehr ermüdet. Wenn er es bis hierhin nicht wirklich verstanden hatte, dass er von jetzt an der amtierende Lord sein würde, begriff er es nun, da Leyrah ihn und seine Familie zum Re-Zelt führte.
„Und wo wohnt Großvater?“, fragte er mit großen Augen.
„Dort drüben, wie es sich gehört, mein lieber Sohn!“
Sie einigten sich noch darauf, mit der ganzen Familie nachher vor dem Re-Zelt Tee zu trinken, dann konnten sie sich endlich in das große Zelt zurückziehen. Es stand im Zentrum des Ortes und war im Vergleich zu anderen Zelten riesengroß, denn seine vordere Hälfte diente auch zur Versammlung und Beratungen, sozusagen das Arbeitszimmer. Zur Front hin konnte man das Zelt ganz öffnen und auch teilweise zur Seite, denn der Wind sorgte dann für eine gute Luft und Frische in dem Zelt. Auch der hintere Teil, der genauso groß war wie die vordere Hälfte, hatte Vorrichtungen, die die Luftzirkulation erlaubten. Das Zelt war über und über mit dicken Teppichen ausgelegt und auch vor dem Zelt lagen viele, so dass man sich auch hier treffen und Tee trinken konnte. Auch der vordere Teil war mit Planen als Sonnenschutz überspannt. Die Zeltwände waren innen und außen bunt verziert, sie zeigten überall die Sonnenscheibe, Symbol für Re. Es war sehr alt, wurde aber in Stand gehalten. Ardeth kannte sehr wohl den großen Versammlungsraum, der aber durch Vorhänge vom hinteren Teil abgetrennt war, sobald vorn öffentliche Versammlungen oder Familienbesprechungen abgehalten wurden. Der hintere Teil war ausschließlich als Privatsphäre gedacht und mit einem großen Bett, vielen Truhen, bequemen Polstern auf den Teppichen und auch einem Tisch und Stühlen ausgestattet. Ardeth war eher selten dort hinten gewesen. Vor dem Zelt standen stets zwei Wachen und ein Diener befand sich in Rufweite. Dieser brachte nun das viele Gepäck von Emilia und den Kindern in den hinteren Teil, zog die Vorhänge zu, die beide Hälften teilten, und zog sich dann zurück. Endlich waren sie allein. Ardeth setzte sich mit einem Stoßseufzer auf die Bettkante. Er sah zum Ausgang und schüttelte mit dem Kopf, dann besah er sich die Ausmaße des Zeltes und schüttelte wieder mit dem Kopf. Emilia setzte sich neben ihn, während die Kinder das große Zelt erkundeten und soeben im vorderen Bereich waren. Auf einem niedrigen Tisch standen eine Schüssel und eine Kanne mit frischem Wasser, Tücher lagen daneben. Ein weiterer schlanker Krug enthielt Trinkwasser, ein Becher stand daneben. Ardeths Blick fiel auf diesen einen Becher. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass er mit einer Familie heimkehren würde, er hatte wohl den zunächst entsetzten Blick seiner Mutter vernommen. Auch standen hier keine Kinderbetten. Nun, er würde später veranlassen, dass man für Gabriel und Francisca separate Bereiche schaffen würde. Groß genug war das Re-Zelt ja allemal. Er stand auf und ging zu dem Tisch, erfrischte sein Gesicht mit Wasser, um erst einmal einen klaren Kopf zu bekommen. Emilia sah ihm zu. Er reichte ihr den Becher mit Trinkwasser, den sie dankbar entgegen nahm.
„Was ist denn nun eigentlich?“, fragte sie, denn sie konnte alles nicht so recht einordnen.
Ardeth erzählte ihr, dass sein Großvater soeben abgedankt und ihn zum Anführer gemacht hatte. Emilia war sehr erleichtert, dass Ardeth weder bestraft noch sie getrennt werden würden.
„Ich hatte gehofft, er würde mir vergeben, mich nicht bestrafen, aber noch eine Weile im Amt bleiben. Ich habe wirklich so gar nicht damit gerechnet, dass er sofort abdankt. Nun haben wir beide keine Zeit, um uns an all das hier zu gewöhnen.“
„Du meinst, du hast keine Zeit, mich an das alles hier zu gewöhnen“, verbesserte Emilia.
„Ja, ich werde nicht viel Zeit haben“, bedauerte Ardeth und setzte sich wieder zu seiner Frau.
„Ardeth, warum hat mir deine Mutter diesen Reif hier aufgedrückt?“ Emilia nahm ihn ab und betrachtete ihn.
„Weil du jetzt die Erste Dame bist. Sie nicht mehr.“
„Aber... ich weiß doch gar nicht, was ich machen soll.“
„Keine Sorge, Emmy, du wirst Beraterinnen zur Seite bekommen.“ Ardeth betrachtete sie und überlegte. „Ich habe mich sehr über meine Mutter gewundert. Ich meine, dass sie dich so gleich akzeptiert und dir den Reif gegeben hat. Du bist immerhin keine Kriegerin.“
„Kriegerin?“
„Ja, so wie meine Mutter oder meine Cousine Tanith.“
„Aber deine Tante ist doch auch keine Kriegerin, oder?“
„Nein, und das war der Familie immer ein Dorn im Auge. Aber Leslie zu Liebe haben sie es damals geduldig. Weißt du, eine Lady Bay sollte immer eine Kriegerin sein.“
„Dann werden sie mich nicht akzeptieren?“
„Das haben sie doch schon. Wir werden sehen, wie es läuft, Emmy. Gefällt es dir denn hier?“
„Also, ich habe einerseits mit ein paar vereinzelten Zelten und Ziegenhirten gerechnet...“
Ardeth musste lachen. Don Rafael hatte ganze Arbeit geleistet, nicht nur bei seinem Sohn.
„...andererseits aber auch mit mindestens einer Pyramide! Stattdessen sitze ich nun in so einem Zelt mit diffusem Licht... nein, wie unbefriedigend!“, schimpfte sie gespielt.
Ardeth musste noch lauter lachen.
„Ich werde dir die Pyramiden eines Tages zeigen“, versicherte er ihr. „Und wenn es dir hier zu eng wird, dann kannst du je eine Zeitlang bei Onkel Leslie wohnen.“
„Nunja, zu eng ist es ja gerade nicht. Meine Güte, und dass hier so viele Menschen sein würden, hätte ich nicht gedacht.“
„Normalerweise sind es nicht so viele. Sie sind aus den anderen Stämmen hierher gekommen.“
Sie hatten sich inzwischen auf dem Bett ausgestreckt. Emilia hatte ihre Reitjacke und Stiefel ausgezogen. Gabriel kam mit Francisca hereingestürmt.
„Schlafen wir auch in dem großen Bett?“, wollte er wissen und hüpfte schwungvoll hinauf, während Francisca eher gemächlich hinaufkletterte.
„Nein, ihr bekommt nachher extra Betten“, erklärte Ardeth.
„Seid ihr müde, Kinder?“, fragte Emilia.
„Nein“, versicherten beide, da sie viel zu aufgeregt waren.
„Aber wir sind etwas müde...“, meinte sie. „Würdet ihr uns eine Weile schlafen lassen?“
„Ihr könnt ruhig nach draußen gehen und auch die nähere Umgebung anschauen. Und Onkel Leslie ist ja auch da. Er sitzt bestimmt vor dem zweiten Zelt links von uns. Das hat eine Katze vorn aufgemalt.“
„Wir dürfen rausgehen?“, wollte sich Gabriel vergewissern.
„Ja, aber verlauft euch nicht. Und pass auf deine Schwester auf!“
Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen. Gabriel nahm Francisca an die Hand und lief mit ihr hinaus, die neue Welt zu erkundigen, während Ardeth und Emilia es sich im Bett bequem machten und wirklich eine Runde schliefen, müde wie sie waren. Sie wussten, es würde noch ein langer Abend werden, außerdem hatte Ardeth in den Nächten zuvor kaum Schlaf vor Sorge gefunden.

Zwei Stunden später erwachte Ardeth und vernahm Geräusche von nebenan, aus dem vorderen Teil. Dort wurde der Tee vorbereitet. Er glitt vorsichtig aus dem Bett, um Emilia nicht zu stören. Die Teppiche verschluckten seine Schritte. Als er in den vorderen Teil kam, waren dort einige Diener beschäftigt, die Tafel zu bereiten – unter den wachsamen Augen von Leyrah, die sehr erfreut war, ihn endlich wach zu sehen.
„Mein Sohn!“, begrüßte sie ihn, kam auf ihn zu und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ardeth bedeutete ihr, leise zu sprechen. Er wollte Emilia nicht unnötig wecken.
„Lass uns hinaus gehen!“, flüsterte er.
Dort erklärte Leyrah: „In einer halben Stunde wird sich die Familie hier treffen. Ich muss vorher noch mit dir reden, aber in meinem Zelt. Komm, mein Sohn!“
„Und wenn Emmy erwacht?“ Er wollte seine Frau nicht so allein lassen. Sie kannte sich hier ja gar nicht aus. „Und wo sind eigentlich die Kinder?“
„Leslie und Amira sind ganz vernarrt in sie. Sie sind, glaube ich, bei den Pferden oder Ziegen.“
„Leben eigentlich Bagi und Nachtwind noch?“
„Ja. Ardeth, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun.“
Ardeth warf einen bedauernden Blick in Richtung des alten Ziegengeheges neben dem Horus-Zelt, wo er seine Bagi aufgezogen hatte. Leyrah war dem Blick ihres Sohnes gefolgt.
„Bagi ist nicht hier. Aber ich werde veranlassen, dass man sie hierher holt. Und zu deiner Frau... ich habe schon eine Dienerin ausgewählt, die sich um deine Frau kümmern soll. Ich werde sie sofort rufen lassen, dann kann sie deiner Frau erzählen, dass du bei mir bist, und sie kann ihr beim Umziehen und Waschen helfen, denn wahrscheinlich möchte deine Frau gern frisch zum Tee erscheinen. Und für heute Abend muss sie ja auch passend hergerichtet werden. Also, ich lasse mal gleich Lady Besantan rufen.“
Schon winkte Leyrah den Diener herbei, der in drei Schritt Entfernung stand und gab entsprechende Anweisungen Bagi und Lady Besantan betreffend. Sie erklärte dem Diener genau, wie sich Lady Besantan verhalten sollte, nämlich vor dem Schlafgemach wartend, bis sie Geräusche vernahm und sich dann bemerkbar machend. Ardeth war zwar nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass er seine Frau allein lassen würde, aber wusste, dass eine Lady Französisch und Englisch sprach und sie sich so miteinander verständigen konnten. Außerdem würde er ja nicht lange wegbleiben. So folgte er seiner Mutter ins Isis-Zelt. Dabei warf er dem Horus-Zelt noch einen flüchtigen Blick zu, in dem seine Eltern und er einst gewohnt hatten. Dort schliefen jetzt Ismail und seine Familie, in Erwartung der Nachfolge. Das Isis-Zelt war eher klein, denn es war für eine oder höchstens zwei Personen gedacht, nämlich den Eltern des Anführers. Man ging davon aus, dass nur noch die Mutter lebte, weil der Sohn durch den Tod des Vaters der nächste Anführer sein würde. Leyrah reichte ihrem Sohn einen Becher Wasser.
„Du bist groß geworden, schau, wie dein Gewand dir zu kurz geworden ist!“ Sie ging einmal um Ardeth herum, dessen altes Gewand durch seine Flucht nach Kairo und sein Abenteuer in Peru sehr gelitten hatte. „Wir werden dir ein neues machen lassen.“
Ardeth merkte, seine Mutter hatte bereits alles wie früher im Griff. Ihm kam es auf einmal so vor, als wäre er nie weggewesen.
„Ich kann dir nicht sagen, wie froh und erleichtert wir alle sind, dass du zurückgekehrt bist. Du ahnst nicht, was sich hier abgespielt hat. Doch über die politischen Gegebenheiten werden wir morgen reden. Du wirst dich ab morgen mit den Anführern beraten. Nach dem Morgengebet werde ich dich in detaillierte Kenntnis setzen, und bereits nach dem Frühstück gibt es eine erste Versammlung mit allen. Heute müssen wir uns um familiäre Probleme kümmern.“
„Probleme?“
„Ja, massive Probleme. Wenn sich Ismail auch nur ein wenig eingefügt hätte, glaube mir, nie hätte die Chance bestanden, dich zurückzuholen.“
Ardeth bemerkte den zufriedenen Tonfall seiner Mutter über das Versagen seines Cousins, aber wollte es nicht kommentieren.
„Ismail steht nach wie vor unter dem Einfluss seiner Mutter. Er wollte hier alles reformieren, teilweise hat er schon damit begonnen. Du hast sicherlich gesehen, dass seine Frau ganz verschleiert war.“
„Ja, habe ich. Wer steckte denn unter dem Schleier?“
„Fatima Fajum aus dem 11. Stamm. Deine Tante hatte auf dieser Verbindung bestanden, naja, und in ihrer Eigenschaft als Erste Dame hat sie sich durchgesetzt.“
„Tante Nefrar war Erste Dame?“, stellte Ardeth fast amüsiert fest und bemühte sich ganz schnell um eine ernste Miene, als er den sauren Ausdruck auf dem Gesicht seiner Mutter sah. Er hätte gern noch gefragt, warum sie das zugelassen hätte, aber verkniff es sich.
„Ja. Ismail hat sich redliche Mühe gegeben, einen Thronfolger zu zeugen, doch er hat versagt. Seine Frau schenkte vier Mädchen das Leben.“
„Vier Kinder?“, Ardeth konnte es nicht glauben. Er war doch nur sieben Jahre weg. „Aber... das geht doch gar nicht... die Stillzeiten sind doch allein schon immer zwei Jahre...“
„Die Mädchen wurden Fatima gleich nach der Geburt weggenommen. Eine Dienerin hat mir erzählt, Ismail habe seine Frau halb zu Tode geprügelt wegen der Mädchen. Er ahnte wohl, dass sein Anspruch auf die Nachfolge nur durch Söhne untermauert werden könnte. Nefrar wusste das auch, und dann kam sie auf eine Idee. Sie wollten hier alles reformieren. Ismail sollte als reicher Mann mit vier Ehefrauen ausgestattet werden.“
Ardeth sah sie erstaunt an, bevor er hervorbrachte: „Aber das geht doch nicht!“
„Im Islam geht das schon, mein lieber Sohn!“
Ardeth schüttelte mit dem Kopf. „Stammesrecht geht vor den Islam!“
„Das hat er abschaffen wollen. Nefrar hat das Stammesrecht geradezu als Frevel betrachtet.“
„Und Ardjun hat da mitgespielt?“
„Ardjun war alles recht. Er ist ein verbitterter alter Mann, der wahrscheinlich sein Volk genauso tyrannisieren wollte wie sich selbst.“
Ardeth war überrascht über die Kälte in der Stimme seiner Mutter. Er nickte nur.
„Also“, fuhr sie fort, „hat Nefrar eine zweite Ehefrau ausgemacht und sich durchgesetzt.“
„Ja, das hat mir Leslie bereits erzählt. Die Schwester meines Freundes Gatyreth, nicht wahr?“
„Ja, das fand Nefrar ganz passend. Eine Demütigung. Sie hat die Kriegerinnenausbildung hier übrigens abgeschafft. Deine Cousine Amira ist in den fünften Stamm gewechselt, um sie beenden zu können. Das hat ihr Leslie ermöglicht.“
Ardeth atmete tief durch. Da kam einiges auf ihn zu. Jetzt wurde ihm klar, warum seine Mutter ihn so dringend vor dem Familientee sprechen wollte. Er musste schon jetzt eine Entscheidung treffen: Ismails Machenschaften anerkennen oder nicht... Das würde kein netter Teenachmittag werden.
„Gibt es noch mehr Überraschungen?“
„Ismail betreffend? Nein. Mit Karan hat er noch keine Kinder. Ich glaube, sie weiß es einzufädeln, keine zu bekommen. Sie ist sehr unglücklich. Ich musste bei meiner Ankunft darauf bestehen, sie zu sehen, denn sie darf das Zelt nicht verlassen.“
Ardeth wunderte sich sehr, dass Gatyreth überhaupt mitgespielt hatte, aber er kannte auch die Ergebenheit der Medjai, die mit ihrer Unterwürfigkeit gegenüber ihrem Anführer bis an die äußerste Schmerzgrenze gehen konnten. Auch Karan hatte ja ihren Kriegerinneneid geleistet.
„Gut, Mutter, wir werden das alles gleich klären. Ich geh mal lieber zu Emmy zurück und bereite sie ein wenig vor.“
„Achja, deine Frau. Wir müssen uns auch noch darüber unterhalten. Nach dem Tee setzten wir drei uns mal zusammen, ja?“
Ardeth nickte und verließ das Isis-Zelt.

Vor dem Re-Zelt trug er dem Diener auf, nach dem Tee zwei Kinderbetten in das Privatquartier zu stellen. Er erfuhr, dass Lady Besantan bereits bei Emilia war. Vorsichtig betrat er das Schlafgemach und sah, dass Emilia einen weiten Kaftan angelegt bekommen hatte und dass Lady Besantan eine Dienerin anwies, Emilia die Haare mit Öl einzureiben und kräftig zu massieren. Eine andere Dienerin stand daneben und hielt eine Box mit Schminkutensilien bereit.
„Alles in Ordnung?“, fragte Ardeth seine Frau.
„Ja, schon“, erwiderte sie in Spanisch. „ich wollte deine Mutter und dich nicht stören. Außerdem bestand diese Frau hier darauf, dass ich mich von zwei Mädchen waschen ließ.“ Sie wies auf eine ein Meter breite Schüssel. „Da musste ich mich reinstellen und dann haben sie Wasser über mich gegossen und mich überall abgerieben. Kann ich das denn nicht allein machen?“
Ardeth lächelte sie an. „Es ist eine Ehre, die dir erwiesen wird: das kostbare Wasser, was sie über dich ausschütten und der Dienst an dir. Also, du kannst dich auch gern allein mit Sand waschen, wenn dir das lieber ist...“
„Ardeth!“, empörte sie sich, und die drei Frauen sahen entsetzt auf. „Mit Sand!“
„Ja, das ist hier so üblich. Das mit dem Wasser ist wirklich eine große Ehre. Sie machen es auch nicht jeden Tag. Heute aber sollst du schön aussehen.“
Emilia sah etwas irritiert an dem weiten hellblauen, reich bestickten Kaftan herunter.
„Du fühlst dich nicht sehr wohl darin?“
„Naja, doch, es geht, es ist nur ungewohnt.“
„Du sollst nachher bequem sitzen können beim Tee. Heute Abend werden sie dir etwas anderes geben.“
„Und kann ich nicht einfach meine Kleider anziehen? Ich habe das schöne Abendkleid dabei...“
„Wenn du möchtest... du musst es nur Lady Besantan sagen. Sie ist jetzt deine persönliche Zofe.“
„Achso...“, Emilia fühlte sich gar nicht so wohl mit den vielen Dienerinnen. „Wo sind denn eigentlich die Kinder?“
„Onkel Leslie bringt sie gleich zum Tee mit. Emmy, die Familie kommt jetzt zu uns. Es ist eher ein offizielles Teetrinken, und ich bin jetzt auch das Oberhaupt unseres Clans.“
„Ich dachte, es wäre immer der älteste Mann, also dein Großvater.“
„Nein, in diesem Fall nicht. Jeder Anführer eines Stammes ist zugleich das Oberhaupt seines Familienclans, denn niemand darf ihm Befehle erteilen. Leider muss ich gleich meinen Cousin in seine Schranken weisen. Wundere dich nicht zu sehr über meinen Ton, aber es geht nicht anders.“
„Muss ich irgendetwas beachten?“
„Hm, eigentlich nur, dass du jetzt das weibliche Oberhaupt der Familie bist. Ich bitte dich einfach darum, dich mit allem zu identifizieren, was ich tun und sagen werde, ja? Ich weiß, dass du unserer Sprache noch nicht so mächtig bist. Lady Besantan wird dir meine Worte ins Englische übersetzen.“
Ardeth bat Lady Besantan darum. Sie war eine verwitwete Kriegerin, deren Kinder bereits groß waren und nicht mehr bei ihr lebten. Ardeth argwöhnte, seine Mutter habe sie ausgesucht, damit sie ein wachsames Auge auf Emilia werfen konnte.

Ardeth und Emilia empfingen die Familie: Ardjun, Leyrah, Leslie und Nefrar, Ismail und Fatima, Tanith, Amira und Arianda sowie Walgyn Setlata. Gabriel und Francisca liefen freudig zu ihren Eltern und Leyrah hatte bereits für eine Kinderfrau gesorgt: die Ehefrau von Wiriandas ältestem Sohn.
„Lady Neni Setlata“, stellte sie die 30jährige Frau ihrer Schwiegertochter vor. „Sie wird sich um Gabriel und Francisca kümmern und sich jetzt mit ihnen zurückziehen.“
Emilia sah etwas konsterniert aus, doch fügte sich den Anweisungen ihrer Schwiegermutter. Am liebsten aber hätte sie ihre Kinder beim Teetrinken dabei gehabt. Ardeth bemerkte es, beugte sich zu seinen Kindern und erklärte ihnen liebevoll:
„Ihr seid noch zu jung, um hier anwesend zu sein. Geht nur mit Lady Neni, sie spielt sicherlich auch mit euch. Das ist doch viel spannender als Teetrinken mit den Erwachsenen.“
Brav zogen die Kinder mit Lady Setlata davon, der Emilia mit gemischten Gefühlen hinterher sah. Seit sie hier war, hatte sie fast nur mit diesen Frauen zu tun gehabt, Frauen, die so gewandet und tätowiert waren wie ihr Ehemann. Nur die beiden Mädchen, die sie gewaschen hatten, hatten weiße Trägergewänder angehabt. Sie schienen aber noch sehr jung zu sein und gehorchten Lady Besantan sofort. Immerhin hatten die beiden jungen Mädchen sie mehrmals angelächelt, während Lady Besantan eher sehr ernst und matronenhaft wirkte. Sie trug auch einen Stock bei sich und Emilia hatte sich gefragt, zu welchem Gebrauch sie diesen dabei hatte. Nun sah sie auch bei Lady Setlata so einen Stock und war sichtlich beunruhigt wegen ihrer Kinder.
„Ardeth“, flüsterte sie, „darf Lady Setlata die Kinder schlagen?“
„Ja, darf sie“, erwiderte er und drückte ihr die Hand, „wird sie aber nicht, keine Sorge.“
Emilia atmete tief durch. Diese Welt war ihr so fremd, und nun stand sie vor den zehn engsten Familienmitgliedern, von denen ihr nur Leslie vertraut war. Immerhin hatte sie ihn sofort ihn ihr Herz geschlossen. Alle setzten sich, als Ardeth sich niederließ. Sie saßen im Kreis, Ardeth und Emilia direkt vorm Zelt, die anderen ringsherum. Ardeth saß rechts von Emilia, rechts neben ihm saß Ardjun, dann Leyrah, ihr Vater Arianda, ihr Großvater Walgyn, und links von Emilia saßen erst Leslie, dann Nefrar, Ismail, Fatima, Tanith und Amira, die wiederum rechts von Walgyn Setlata saß. Vier Diener standen ihnen zu Seite und gossen den Tee ein, reichten Gebäck. Emilia hatte mittlerweile einen Bärenhunger und griff nach einem großen Keks. Sie bemerkte, wie sie sie alle anschauten und niemand rührte die Tassen noch das Gebäck an. Irgendetwas hatte sie falsch gemacht. Sie sah Ardeth an, der ihr zulächelte und dann laut sagte:
„Ich begrüße meine Frau Emilia noch einmal in meiner Heimat und wünsche ihr alles Gute. Mögen ihre Schritte hier leicht sein und ihr Leben fröhlich! Mögt ihr, liebe Verwandte, alles dazu beitragen, dass es ihr hier gefallen wird. Ich bitte euch sehr um Verständnis, denn Emilia stammt aus einer völlig anderen Welt und ist mit unseren Sitten nicht vertraut. Nach und nach wird sie vieles kennenlernen, so auch unsere Sprache. Doch heute wird ihr Lady Besantan zur Seite sitzen und ihr auf Englisch erklären, über was wir sprechen. Doch bevor wir sprechen, bitte ich Euch, Euch zu stärken!“ Mit einer Handbewegung forderte er sie auf zu trinken und zu essen. Lady Besantan hatte sich inzwischen links hinter Emilia gesetzt.
Emilia beobachtete, wie auch Ardeth ziemlich viele Kekse aß. Da fielen ihr die Kinder ein und sie wandte sich halblaut an Leslie: „Haben die Kinder denn schon etwas zu essen bekommen?“
„Keine Sorge, Emilia. Neni versorgt sie gerade. Sie hat selbst drei Kinder. Sie ist die Frau eines Cousins von Leyrah.“
Emilia fragte sich, ob sie hier alle miteinander verwandt wären. Wahrscheinlich kannte hier jeder jeden. Sie bemerkte, wie Ardeth sich mit Arianda unterhielt. Also konnte sie Leslie weiter befragen.
„Und warum sind sie alle so gekleidet wie Ardeth?“
„Du meinst die Frauen?“ Leslie warf Lady Besantan einen Seitenblick zu, die ihre Unterhaltung mitbekam, aber sehr distanziert tat. „Sie sind alle ausgebildete Kriegerinnen. Das ist in diesen Kreisen so. Deine Schwiegermutter würde es nie dulden, dass eine gewöhnliche Frau deine Kinder erzieht. Es ist eigentlich ganz einfach, Emilia. Die adlige Frauen wirst du immer daran erkennen, dass sie Kriegerinnen sind. Keine wird je ihr Kriegergewand ablegen, auch wenn sie längst andere Aufgaben wahrnimmt.“
„Aha... und ich?“
„Naja, du bist keine ausgebildete Kriegerin und darfst es daher nicht tragen. Aber sie werden dich in andere tolle Gewänder kleiden, glaube mir.“ Er wedelte vielsagend mit der Hand. „Sie haben hier noch richtig alte Gewänder. Na, du wirst sehen, was ich meine, wenn mal eine Hochzeit stattfinden wird. Es wird sehr interessant für dich werden und dir gefallen.“
Ardeth stellte seine Teetasse zurück auf den kleinen Teller und die anderen imitierten ihn sofort. Emilia bemerkte, dass es ein Zeichen war für sie alle, Ardeth jetzt ihre Aufmerksamkeit zu schenken und auch sie redete nicht mehr mit Leslie weiter und stellte ihre Tasse zurück. Lady Besantan nahm es hinter ihr erleichtert zur Kenntnis.
„Ich freue mich, Euch alle wohlbehalten wiederzusehen! Ich habe bereits erfahren, dass nicht nur ich unsere Familie vergrößert habe“, Ardeth nickte huldvoll in Emilias Richtung, die dieses leichte Kopfnicken erwiderte, sehr zur Belustigung von Leslie, der aber erfreut war, dass Emilia sich anzupassen versuchte, „sondern auch mein Cousin Ismail.“
Es herrschte gebannte Stille, denn jetzt würde Ardeth eine Entscheidung treffen. Würde er dulden, was sein Cousin getan hatte? Ismail schaute Ardeth herausfordernd an, während er weitersprach:
„Ich bin allerdings mehr als verwundert, dass du gleich zwei Frauen gewählt hast, Ismail. Das ist doch richtig, oder? Denn ich sehe hier nur eine Frau in unserer Runde.“
„Ich habe nach Allahs Gebot zwei Frauen gewählt. Diese hier ist die erste und hat ihre Erlaubnis erteilt. Es ist alles nach islamischen Recht geschehen. Du wirst dich doch nicht dagegen beschweren wollen, mein lieber Cousin?“
Fatima war ebenso vollständig verschleiert wie ihre Schwiegermutter. Sie hatte mit dem Kopf bestätigend genickt, dann ihn wieder geneigt. Ardeth hatte keine Ambition auf eine längere religionsgeschichtliche und -rechtliche Diskussion.
„Erst einmal gratuliere ich dir zu deiner erfolgten Initiation, zu der ich leider abwesend gewesen bin, mein lieber Cousin. Da ich nicht die Freude hatte, deinen Schwur zu hören, würdest du ihn bitte für mich jetzt wiederholen?“
Ismail sah ihn auffahrend an. Er wusste, worauf Ardeth hinauswollte.
„Das wird nicht nötig sein, lieber Cousin“, sprach er, „da ich...
„Was nötig ist“, unterbrach ihn Ardeth und sah ihm sehr ernst in die Augen, „entscheide ich, Ismail. Und jetzt wiederhole deinen Eid!“
Ismails Unterlippe bebte. In diesem Moment hatte er verloren. Leise fing er zu sprechen an und wurde sofort von Ardeth unterbrochen, der ihn aufforderte, lauter und mit Stolz in der Stimme zu sprechen. Emilia sah verwundert zu Ardeth. So autoritär kannte sie ihn gar nicht. Ismail sprach laut die Worte, die Lady Besantan Emilia leise übersetzte.
„Er wiederholt seinen Eid“, flüsterte sie, „mit dem er versprochen hat, seiner Aufgabe als Medjai alles unterzuordnen, in den Tod dafür zu gehen, sie im Diesseits wie im Jenseits zu erfüllen.“ Das war eine grobe Zusammenfassung des langen Textes, nach dessen Beendigung Ardeth Ismail anschaute.
„Halte deinen Eid stets in Ehren, Ismail!“
„Du hast dich auch nicht daran gehalten, Ardeth!“
Alle sahen Ismail erschrocken an und bis auf Nefrar waren alle geschockt. Wie konnte er es wagen? Doch Ardeth erwiderte ihm ruhig: „Ich habe dafür gebüßt und Allah hat für mich entschieden, Ismail. Doch du musst den Fehler, den du an unserem althergebrachten Stammes- und Pharaonenrecht begangen hast, nun wieder gutmachen.“ Er wandte sich an einen der vier Diener und befahl ihm, Lady Karan Bay herzuholen. Ismail war kreidebleich geworden und sah wütend zu Ardeth hinüber. Doch der ließ sich gar nicht beirren und sprach weiter, als der Diener fortgegangen war.
„Tante Nefrar, Lady Fatima Bay, ich muss Euch beiden sagen, dass es nicht der Sitte des 12. Stammes noch der der Familie Bay entspricht, derart gekleidet vor uns zu sitzen. Bitte lüftet euren Gesichtschleier!"
Fatima sah ihren Ehemann von der Seite schüchtern an und wartete auf sein Einverständnis. Zornig nickte er, woraufhin sie ihren Augenschleier entfernte. Ihre Schwiegermutter tat es ihr gleich.
„Nun möchte ich mich an meinen Großvater Ardjun wenden, dem jahrelang die Frau verweigert blieb, die er einst geliebt hatte.“
Alle starrten Ardeth an. Was bezweckte er damit?
„Ich selbst habe eine europäische Frau gewählt, die nun Lady Bay geworden ist. Ich bin sicher, sie wird sich schnell hier einleben und anpassen. Daher bin ich unendlich traurig, dass meinem Großvater diese Erfahrung vom Schicksal verweigert worden ist. Ich entsende ihn hiermit nach Maine, um dort meine Großmutter Claire zu treffen und sich mit ihr auszusprechen und bitte meinen Onkel Leslie, seinen Vater auf diesem Weg zu begleiten.“
Ein Raunen ging durch die Zuhörer, auch die Diener hatten ihre Tätigkeiten eingestellt. Ardjun starrte Ardeth fassungslos an. Nur Leslie sprach spontan, glücklich lächelnd:
„Ardeth! Das ist eine fantastische Idee!“
Ardjun sah zu Boden, seine Hände zitterten. Er sollte Claire wiedersehen? Was sollte er davon halten? Er überdachte kurz, was geschehen würde, wenn er sich nun weigerte. Ach, er wusste nicht, was er tun sollte. Von hier für eine Weile fortzugehen, kam ihm eigentlich gar nicht so ungelegen.
„Darf ich zurückkehren, wenn ich mich mit ihr getroffen habe?“, fragte er und alle staunten über seine Untertänigkeit. Der Mann, der jahrelang geherrscht und dabei keinen Widerstand geduldet hatte, gab nach. Leyrah lächelte ihren Sohn an. Ja, sie hatte es immer gewusst, dass er ein guter Anführer sein würde.
„Natürlich, Großvater. Wie Leslie steht es dir frei, dort zu bleiben oder zurückkehren.“
Der Diener näherte sich mit Lady Karan Bay, die ebenfalls wie Ismails erste Frau völlig verschleiert war. Sie ging sofort auf die Knie, dort beließ Ardeth sie.
„Lady Karan Meranmose“, sprach er sie an und wählte bewusst den Namen ihres Clans, „Ihr nehmt zu Unrecht den Posten einer Lady Bay ein. Ihr habt gegen das Stammesrecht verstoßen.“ Er wusste, er war hart zu ihr, denn sie war gezwungen worden. Er musste jedoch damit fortfahren, denn er ahnte, dass seine Worte eine Erlösung für sie bedeuten würden. „Habt Ihr die Ehe mit meinem Cousin Lord Ismail Bay vollzogen?“
„Ja, Lord Bay“, erwiderte sie mit sehr leiser und beschämter Stimme.
„Ist daraus bereits eine Frucht entstanden?“
Emilia sah nach erfolgter Übersetzung entsetzt zu Ardeth. Wie konnte er denn so etwas Intimes fragen?
„Nein, Lord Bay.“
„Ihr seid eigentlich eine Kriegerin, Lady Karan, nehme ich an?“
„Ja, Lord Bay.“
„Somit habt Ihr zu verhindern gewusst, dass Ihr schwanger werdet?“
„Ja, Lord Bay.“
Ismail warf Karan einen wütenden Blick zu.
„Gut, ich entnehme Euren Worten, dass Ihr beschämt darüber seid, die Tradition Eures Volkes gebrochen zu haben. Ich verstehe, dass Ihr dazu gewungen worden seid. Doch Ihr habt mit dieser Ehe als Zweitfrau Euer Anrecht auf eine ordentliche Ehe in unserem Volk vertan, Lady Karan Meranmose.“
Emilia hätte Ardeth am liebsten in die Seite geboxt. Wie konnte er denn so hart mit dem armen Mädchen umspringen, dessen Nase fast am Boden klebte vor Beschämung?
„Wisset, Lady Karan Meranmose, dass Eure Ehe als Zweitfrau mit Lord Ismail Bay ungültig ist.“
Ismail bedachte Ardeth mit einem wütenden Blick, der sich nun ihm zuwandte:.
„Ismail, betrachte deine Ehe mit Lady Karan Meranmose als geschieden. Aus Rücksicht auf deine religiösen Gefühle gebe ich dir jetzt die Gelegenheit, dich nach islamischem Recht von deiner Zweitfrau zu scheiden.“
Ardeth hatte Ismail damit deutlich fühlen lassen, dass das Stammesrecht vor das islamische ging. Dennoch erhob sich Ismail, blickte verächtlich auf die immer noch knieende Karan nieder und sprach dreimal, dass er sich von ihr scheide, dann setzte er sich.
„Lady Karan Meranmose“, fuhr Ardeth danach fort, „Ihr habt kein Recht auf den Titel einer Lady Bay. Ihr werdet Euch ohne Verzug in die Obhut Eures Bruders, Lord Meranmose, begeben, der über Euch urteilen mag. Ich untersage Euch jedoch, jemals wieder zu heiraten. Solltet Ihr doch schwanger geworden sein, erhält das Kind kein Recht und wird stets unfrei bleiben. Und nun geht und kleidet Euch, wie es einer Kriegerin zukommt!“
Ardeth winkte sie hoch und sie verschwand augenblicklich, eher froh als betrübt. Nachdem sie sich entfernt hatte, wandte sich Ardeth an die erste Frau von Ismail:
„Lady Fatima Bay, Ihr stammt aus dem 11. Stamm aus einer hoch angesehenen Familie, dem Clan der Fajums. Sicherlich seid Ihr eine sehr gute Partie für meine Familie, auch wenn Ihr keine Kriegerin seid.“
Bei diesen Worten sahen alle zu Emilia, die sich auf einmal sehr unbehaglich fühlte. Auch Ardeth bemerkte die Blicke, fuhr aber unbeeindruckt fort.
„Ich habe vernommen, dass Ihr Ismail vier Töchter geschenkt habt – und das in der kurzen Zeit, in der Ihr mit ihm verheiratet seid. Sagt mir, ist es im 11. Stamm nicht Sitte, gewisse Stillzeiten einzuhalten?“
Fatima senkte beschämt den Kopf und sprach sehr leise: „Es gibt diese Sitte im 11. Stamm, Lord Bay.“
Ardeth nickte und sah Ismail fragend an. „Warum hast du nicht darauf geachtet, Ismail, und dich von deiner Frau ferngehalten?“
„Ganz einfach: Ich wollte einen männlichen Erben haben.“ Seine Worte waren immer noch trotzig.
„Auch als Abkömmling der ersten Familie unseres Volkes hast du nicht das Recht, mit dieser Sitte zu brechen. Deine Frau hat ihre Fruchtbarkeit erwiesen. Sie ist es auch nicht, die du dafür verantwortlich machen kannst, dass du keinen Sohn hast. Du weißt sehr wohl, dass es am Samen des Mannes liegt, welch Geschlecht das Kind erhält.“
Ismail wollte etwas erwidern, aber seine Mutter stieß ihn an. Sie hatte verstanden, dass sie mit Ardeth kein leichtes Spiel haben würden. Doch Ardeth fiel eine Entscheidung in diesem Fall nicht leicht. Er wandte sich wieder an Fatima.
„Lady Fatima, teilt uns bitte mit, ob Ihr zur Zeit schwanger seid!“
Fatima nickte und warf Ismail einen scheuen Seitenblick zu.
„Ismail, es ist vor allem deine Entscheidung gewesen, mit unserem Stammesrecht zu brechen, indem du zwei Frauen zur Ehe genommen hast. Du hättest dich sehr wohl von Lady Fatima scheiden lassen können nach der Geburt deiner dritten Tochter. Stattdessen hast du einen unerlaubten Weg gewählt, du hast dich an deiner ersten Frau vergangen, indem du die Stillzeiten nicht eingehalten hast und du hast eine Kriegerin gedemütigt, indem du sie in deinem Zelt wie deine Gefangene gehalten hast. Es reicht schon ein Vergehen aus, um dich schwer zu bestrafen. Da du dich in Sachen Ehe als unfähig erwiesen hast, muss ich dir leider ein Leben mit einer Ehefrau verweigern. Du wirst dein Leben in völliger Keuschheit verbringen.“
Alle starrten Ardeth an. Er wollte einem Bay die Möglichkeit für einen Erben nehmen?
„Allah ist dir vielleicht gnädig, indem das fünfte Kind von Lady Fatima ein Sohn werden wird. Lady Fatima wird sich fortan der Erziehung ihrer Kinder widmen. Ich verbiete dir jeden Kontakt zu ihr und auch Lady Fatima untersage ich hiermit jeden Kontakt zu dir. Eine standesgemäße Gouvernante wird ihr zur Hand gehen und bei ihr leben.“
Lady Fatima sah erstaunt zu Ardeth hinüber, der sie gerade vom Joch, das sie jahrelang zu tragen hatte, befreit hatte, doch Ismail war zornesrot geworden. Nefrar hielt den Arm ihres Sohnes, damit er nichts Unbedachtes tat, doch auch sie war sehr aufgebracht über Ardeths Entscheidung.
„Verzeih, Ardeth, mein Neffe“, sprach sie, „aber ist diese Strafe nicht allzu hart? Du würdest deiner eigenen Familie die Möglichkeit zu weiteren Erben nehmen.“
„Ja, ganz recht, liebe Tante. Ich werde an die Fürsten appellieren, dass sie einen geeigneteren Anführer aus ihrer Mitte wählen sollen, wenn je ein Bay-Erbe unfähig sein sollte, denn wäre dein Sohn der nächste Anführer geworden, gäbe es vermutlich in wenigen Jahren keine Medjai mehr. Ismail hätte eigentlich für seinen offensichtlichen und trotzigen Bruch mit dem Stammesrecht eine weitaus schlimmere Strafe verdient, so erhält er immerhin die Gelegenheit, sich doch noch zu bewähren. Ich werde in den nächsten Tagen mit den Meistern beraten, wie wir gewährleisten können, dass aus Ismail doch noch ein guter Medjai-Krieger werden wird.“
„Aber Ardeth, er ist doch bereits ein Krieger!“, protestierte Nefrar.
„Hör auf, Nefrar!“, mischte sich Leslie ein, bevor Ardeth antworten konnte. „Ardeth hat doch Recht mit dem, was er sagt. Sei froh, dass unser Sohn so milde davon gekommen ist! Sei still jetzt!“
Tatsächlich hielt Nefrar den Mund. Ardeth wartete eine Weile, ob weiterer Widerspruch kommen würde, aber niemand sagte etwas.
„Ich möchte zum Abschluss Euch alle daran erinnern, dass Ihr Mitglieder der Familie Bay seid und natürlich der Familie Setlata.“ Er nickte seinem Ur- und Großvater zu. „Verhaltet Euch dementsprechend und mehrt die Ehre und das Ansehen dieser Clans. Denkt daran, dass Ihr dem Volk dort verantwortlich seid und dass Ihr alles dafür tun müsst, der Aufgabe der Medjai zu dienen!“
Er beendete damit die offizielle Familienbesprechung. Doch Leslie, dessen Herz sehr leicht war, weil Ardeth ihm gerade das Wiedersehen mit seiner Mutter ermöglicht hatte, ergriff noch einmal das Wort und sagte laut:
„Als Zwillingsbruder deines Vaters, der heute sehr stolz auf dich gewesen wäre, möchte ich im Namen der Familie sagen, dass wir alle sehr glücklich sind, dass du wieder hier bist und für Recht und Ordnung sorgen wirst. Wir erkennen deine Entscheidungen an, werden stets hinter dir stehen und dir gehorchen, mein lieber Neffe! Wir hoffen, dass sich deine Frau und deine Kinder und natürlich du hier wohlfühlen mögt und werden alles tun, um Euch in dem schweren Amt zu unterstützen.“
Leslies beide Töchter klatschten laut Applaus und alle fielen ein, auch – zu Emilias Verwunderung – Nefar und Ismail. Vermutlich blieb ihnen nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Inzwischen war allerdings auch den beiden klar geworden, dass Ismail sehr glimpflich davongekommen war.
Ardeth bedankte sich, dann tranken sie noch Tee und Leslie drückte Ardeth noch einmal persönlich und sehr überschwänglich seinen Dank aus.
„Claire wird Augen machen!“, sprach er begeistert und sah zu seinem Vater hinüber, der stumm zu Boden sah. Vermutlich hatte er jetzt schon Angst vor einem Wiedersehen. Leyrah stand auf und neigte sich zu Ardeth und Emilia.
„Kind“, sprach sie auf Französisch, womit sie Emilia meinte, „wir müssen für deine Garderobe heute Abend sorgen. Du wirst wunderbar aussehen. Komm!“ Sie nahm Emilias linke Hand in ihre rechte, während Ardeth ihr aufmunternd zunickte. „Nehmt auch Fatima mit!“, meinte er.
So folgten Fatima und Lady Besantan den Frauen. Amira und Tanith sahen sich vielsagend an, sie hatten solche Garderobenprobleme nicht am Hals. Da fiel Tanith ein, das sie ja noch einen Auftrag zu erledigen hatte. Sie lebte inzwischen im Anubis-Lager des 12. Stammes, in dem Leyrah wieder die Kriegerinnenabteilung eröffnet hatte, nachdem sie für drei Jahre lang nicht existiert hatte. Kurz vor dem Familientee hatte ihr der Gewandverwalter mitgeteilt, sie mögen ihrem Cousin mitteilen, er solle ins Anubis-Lager kommen, um sich ein neues Kriegergewand verpassen lassen. Ardeth beschloss, mit ihr gleich hinüber zu gehen. Er staunte, wie groß seine Cousine geworden war. Tanith brachte aus vollem Herzen zum Ausdruck, wie froh sie war, dass Ardeth wieder daheim war. „Bis auf die Missetäter wissen jetzt alle, dass alles wieder gut werden wird!“, jubelte sie.
„Jetzt übertreibe mal nicht, Tanith! Dein Bruder ist bestimmt sehr wütend auf mich.“
„Er gehört ja auch zu den Missetätern!“, meinte sie augenzwinkernd.
„Sag mal, du bist doch schon 22. Warum hast du noch nicht geheiratet?“
„Dann hätte ich doch die Einwilligung von Großvater benötigt und der hat nur getan, was Mutter ihm gesagt hat. Sie wollte mich übrigens mit so einem Typen in Kairo verheiraten, da hätte ich dann Hausmütterchen spielen und Kinder hüten müssen. Und mich so schlagen lassen müssen wie Fatima wohlmöglich! Nein, nein! Da habe ich mich zu Gatyreth geflüchtet und seine Frau gebeten, bei ihr Leibwächterin sein zu dürfen. Da hat sich selbst Nefrar nicht an mich rangetraut. Vor Gatyreth hatten sie immerhin ein wenig Respekt.“
„Warum lebst du dann hier im Anubis-Lager und nicht im Zelt von Lady Meranmose?“
„Sie hat mich aus dem Dienst entlassen, als Leyrah zurückgekehrt ist. Ich sollte helfen, dass Kriegerinnen-Lager hier zu eröffnen. Ich unterrichte jetzt die Anfängerinnen.“
„Du willst eine Meisterin werden?“
„Das wäre toll! Doch ich würde auch gern heiraten. Ich weiß nur noch nicht, wen.“ Sie wurde auf einmal sehr ernst. „Du wirst mir einen Mann aussuchen, nicht wahr?“
„Tanith, ich bin gerade erst vor ein paar Stunden angekommen und musste heute schon so viel entscheiden. Ich mag jetzt einfach nicht mehr!“ Er stieß sie herzlich an und sie lachten sich an.
Und während Ardeth sich vermessen ließ, musste auch Emilia diese Prozedur über sich ergehen lassen. Sie hatte eigentlich ein eigenes Kleid anziehen wollen, doch traute sich nun nicht mehr. Leyrah hatte ein eng anliegendes weißes Trägerkleid ausgewählt, das genauso aussah wie die Gewänder auf den Bildnissen des Alten Ägyptens. Sie bekam einen goldenen breiten Gürtel, ein breites Halscollier und je zwei breite Arm- und Fußreifen. Ihre mittelblonden Haare wurde aufwändig frisiert und mit Goldbändern und Perlen versehen. Dann wurde sie geschminkt, während ein Mädchen ihr die Füße massierte, die Nägel schnitt und pflegte. Vor ihr standen zwei goldene Sandalen, zum Glück waren sie flach, befand Emilia, die hier wirklich nicht mit Stöckelschuhen durch den Sand staksen wollte. Zum Schluss gab es noch eine Maniküre. Pünktlich zum Abendessen war Emilia fertig. Ardeth staunte nicht schlecht, als er sie aus dem Re-Zelt abholte. Er hatte sich inzwischen mit Gatyreth getroffen und sich ausgiebig mit ihm unterhalten. Gatyreth zeigte sich aber auch beschämt, dass er zugelassen hatte, seine Schwester mit Ismail zu verheiraten. Doch Lord Ardjun Bay hatte es damals befohlen. Ardeth meinte, sie müssen in Zukunft eher handeln und dürften sich so etwas nicht gefallen lassen, auch nicht von einem Lord Bay. Gatyreth versprach daraufhin, ihn im Auge zu behalten. Seine Schwester sollte mit ihm zum 5. Stamm zurückkehren und dort als Kriegerin leben dürfen, aber erst, nachdem sie neun Monate im Isis-Tempel als Dienerin verbracht hatte – zur Gewährleistung, dass sie nicht schwanger war. Gatyreth berichtete Ardeth von dem Martyrium, dem Ismail seine zweite Frau unterworfen hatte.
„Du musst gut auf deinen Cousin aufpassen, er ist fanatisch, Ardeth. Wir wissen auch noch nicht, ob er es war, der die Lage des Grabes von Pharaoh Tutenchamun verraten hat.“
„Falls sich das herausstellen würde, müsste ich ihn hinrichten lassen. Ich werde ihn verhören lassen müssen.“ Beide schwiegen eine Weile, denn sie wussten, dass Medjai-Verhöre mit Folter verbunden waren. Ardeth sprach weiter: „Wenn er unschuldig ist, werde ich ihn für eine Weile zum ersten Stamm schicken. Dort soll er als gewöhnlicher Krieger dienen. Sie werden ihn dort in seine Schranken weisen und er kann sich nicht bei mir oder seiner Mutter beschweren. Was meinst du?“
Gatyreth fand, dass das eine gute Idee war. Sie hofften, dass sie später Zeit fanden, sich ausführlicher unterhalten zu können, doch nun stand das offizielle Begrüßungsbankett an. Draußen waren viele Stände und Plätze hergerichtet worden, um ein großes Fest zu feiern. Überall wurde getanzt, gegessen, es gab Vorführungen, Kunststücke, Schaukämpfe und es wurde viel gelacht. Auf der Tribüne hatte man eine große ovale Runde hergerichtet mit über 50 Plätzen. Hier saßen die 12 Stammesfürsten mit ihren Frauen und einigen Familienmitgliedern.
Als Ardeth Emilia zu ihrem Platz führte, flüsterte er ihr zu, dass es ihrem Vater gefallen hätte, sie in diesem Kleid zu sehen. Emilia bedachte ihn mit einem melancholischen Blick. Ihre Familie kam ihr auf einmal sehr weit entfernt vor. An diesem Abend wurde ihr klar, dass sie ab jetzt Repräsentationspflichten hatte – mehr noch als ihre Schwester Nina. Ein ganz neues Leben begann.

Am folgenden Tag musste Ardeth früh aufstehen. Er traf sich mit den anderen 11 Anführern und bat sie, ihm ganz offen darzulegen, was sich alles ereignet hatte. Danach wollte er allein sein und über alles nachdenken.
Emilia wurde inzwischen von Lady Besantan unterrichtet. Sie sollte am folgenden Tag alles verstehen, was gesprochen wurde und auch ihren eigenen Text fehlerfrei dahersagen können. Gabriel und Francisca verbrachten ihre Zeit mit einer Gouvernante, die ihnen den Ort zeigte. Spielen durften sie auch und Gabriel führte einige Kinder ins Fußballspielen ein.
Im 12. Stamm wurde es unterdessen immer voller. Möglichst alle Medjai wollten am kommenden Tag anwesend sein, wenn Ardeths offizieller Amtsantritt begangen wurde. Es wurde unerträglich voll. Alle mussten zusammenrücken. Es fehlte niemand mehr, der Rang und Namen hatte, und viele der einfachen Krieger und ihre Frauen waren mitgekommen.
Währenddessen musste Ardeth bereits Entscheidungen treffen, die er am nächsten Tag offiziell verlauten lassen sollte. Ein Kurs für die Zukunft musste gefunden werden. Er zog sich zu seiner Ziege Bagi zurück, die ihm sofort entgegenkam, kaum dass sie ihn sah. Hier fand er ein wenig Ruhe.
Später besuchte er dann seinen alten Freund Sahin aus Ausbildungstagen, den er einst gebeten hatte, sein Vize zu werden. Doch er war mittlerweile ein normaler Krieger geworden und getraute sich nicht so recht. Zuviel Zeit war seiner Meinung nach vergangen. Ardeth nahm sich vor, ihn langsam in den Rängen aufsteigen zu lassen, damit er sich daran gewöhnen konnte. Wenn er partout nicht wollte, sollte Sahin seinen Frieden haben.
Natürlich machte er sich viele Gedanken über die Zukunft von Emilia. Die Blicke beim Familientee waren ihm nicht entgangen. Er musste Familienrecht sprechen und doch war seine Frau selbst keine Kriegerin. Aber was konnte er daran ändern? Er überlegte hin und her, um eine Lösung zu finden. Dann ging er zu seinem alten Meister ins Anubis-Lager.
„Meister“, sprach er ihn an und neige sein Haupt, während der Meister auf die Knie ging, denn er hatte seinen Herrn an diesem Tag noch nicht gesehen. „Erheben Sie sich, ich muss mit Ihnen reden. Ich brauche Ihren Rat.“
„Lord Bay, bitte setzt Euch!“
Sie ließen sich vor seinem Zelt nieder. Der Meister reichte ihm ein Glas Wasser mit einem Blatt Minze darin. Ardeth bedankte sich und kam gleich zur Sache:
„Meister, es geht um den Status meiner Frau. Wäre es theoretisch möglich, sie einen Teil der Kriegerinnenausbildung machen zu lassen, um sie in Stand und Würden zu bringen oder zumindest, um sie einzuweihen? Sie sollte ein wenig Ahnung von all dem bekommen, was hier geschieht. Ich weiß natürlich nicht, ob sie dazu bereit wäre, aber bevor ich ihr den Vorschlag unterbreite, würde ich gern wissen, ob es machbar wäre. Zum einen ist da meine Frau, zum anderen würde ich gern sehen, dass Lady Farani ihre abschließen könnte, der ja nur wenige Wochen gefehlt hatten seinerzeit.“
Der Meister hatte Ardeth in Ruhe ausreden lassen. Er überlegte eine Weile, bevor er erwiderte:
„Was Lady Farani betrifft, könnte sie natürlich ihre Ausbildung vollenden. Wahrscheinlich würden in ihrem Fall drei Monate reichen, um sie wieder auf den Stand zu bringen. Lady Bay... das ist ein etwas schwierigerer Fall, befürchte ich. Doch ich verstehe Euren Wunsch, mehr noch, ich weiß, dass es zu unser aller Gutem wäre, wenn sich Lady Bay nachträglich einer solchen Unterweisung unterwerfen würde. Man könnte sie vermutlich verkürzen und die ersten vier Jahre auf eins oder zwei verkürzen. Ich werde die anderen Meister konsultieren, aber denke, dass Lady Bay es in drei Jahren schaffen könnte. Nur gebe ich zu bedenken, dass ihr Status der einer Auszubildenden wäre. Das müsste Euch ganz und gar klar sein, Lord Bay.“
„Ja, ich verstehe, und ich denke, dass das zu aktzeptieren wäre. Ich habe inzwischen erfahren, dass die Ausbildung der Kriegerinnen für drei Jahre ausgesetzt worden ist und erst kürzlich wieder durch meine Mutter in Gang gebracht worden ist. Es muss also zwangsläufig andere Mädchen geben, die an einer Ausbildung gehindert worden sind und auch jene, die abbrechen mussten. Haben von den letzteren viele ihre Ausbildung in anderen Stämmen fortsetzen können?“
„Bis auf drei Mädchen sind die Auszubildenden in andere Stämme gegangen. Sie sind aber inzwischen zurückgekehrt, das geschah auf Wunsch Eurer Mutter.“
„Und gab es Mädchen, die in den letzten drei Jahren ihre Ausbildung in anderen Stämmen begonnen haben?“
„Nur sehr wenige, Lord Bay. Mit Verlaub, Eure Tante Lady Nefrar Bay hat Wert darauf gelegt, dass die Mädchen hierbleiben.“
„Wenn die Betroffenen wünschen, Ihre Ausbildung zu machen, dann sollten sie die Gelegenheit bekommen. Vielleicht könnte man ihre Zeit ebenfalls verkürzen, so dass die meisten mit 16 ihre Initiation erhalten könnten.“
„Das ist eine gute Idee. Man könnten einen Sonderjahrgang einrichten, und in diesem könnte dann auch Lady Bay dienen.“
„Wollen Sie die anderen fragen, möglichst noch heute, Meister?“
Der Meister versicherte ihm das und nun musste Ardeth eigentlich nur noch Emilia überzeugen. Er fragte sich, ob er ihr das wirklich zumuten durfte.
Doch vorher musste er noch einige der Befehlshaber im 12. Stamm treffen. Sie offenbarten ihm eine katastrophale Versorgung an Ausrüstung und Tieren. Seit den Tagen von Lord Ardeth Bay, seinem Großvater, waren keine neuen Waffen erworben worden. Die Finanzen wurden ihm dargelegt und Ardeth saß zwei Stunden mit dem Schreiber jener Bücher zusammen. Sie stellten fest, dass viele Geldmittel nach Kairo geflossen waren, an den König und an einige Imane. Auch war vieles für üppige Lebensmittel und Luxusgüter ausgegeben worden. Ardeth legte seufzend den Kopf in die Hände. Immerhin bekamen sie von sehr reichen Leuten Geld, um ihre Aufgabe wahrzunehmen und nicht, um in Saus und Braus zu leben. Als er herausfand, dass Ismail sich eine prächtige Stadtvilla in Luxor gekauft hatte, ließ er ihn zu sich rufen und zeigte ihm die Stelle in dem Buch. Ismail warf dem Buchhalter einen wütenden Blick zu und Ardeth war in dem Moment froh, dass die Schreiber so gewissenhaft waren. Sein Cousin konnte es nicht abstreiten.
„Wer wohnt dort jetzt?“, fragte Ardeth streng.
„Ich habe dort einen Verwalter, der auf das Anwesen aufpasst. Es ist immerhin ein Repräsentationsgebäude, Cousin. Ich habe dort Gäste empfangen.“
„Was für Gäste?“
„Staatsgäste.“
„Genauer, Ismail!“
„Na schön. Ich habe dort islamische Würdenträger versammelt, die mir Ratschläge erteilt haben, wie ich mein zukünftiges Amt ausüben kann.“
„Ismail, du solltest eigentlich in deiner Ausbildung hier gelernt haben, wie du dein Amt, welches auch immer, ausführen kannst. Anscheinend ist dir das nicht gelungen.“
Ismail sah Ardeth wütend an. Wie konnte er ihn nur so tadeln?
„Ardeth, weißt du eigentlich, was in Kairo vorgeht? Du hast ja keine Ahnung! Die Briten spielen sich immer noch als Herren auf und es wird Zeit, dass aus diesem Land ein Gottesstaat wird! Ich sehe mich jedenfalls als Krieger Gottes.“
„Ich auch, Ismail, ich auch. Aber wenn Allah längst einen anderen Namen erhalten hat, dann werden meine Nachfahren immer noch Krieger Gottes sein. Zum Wohl der ganzen Welt und nicht zum Wohle einer einzigen Gemeinschaft dieser Welt. Hast du den Unterschied noch nicht begriffen?“
„Niemals wird Allahs Name gelöscht werden!“, entgegnete Ismail so laut, dass der Buchhalter zusammenzuckte.
„Darum geht es hier nicht, Ismail“, Ardeth blieb ruhig, aber schüttelte mit dem Kopf über Ismails Fanatismus, der sich in seiner Lautstärke und dem verbissenem Gesicht offenbarte. Für Ismail wäre es besser gewesen, er wäre aus der Medjai-Gesellschaft freiwillig ausgeschieden, als er es gekonnt hätte, doch Ardeth war klar, dass jemand mit Namen Bay eigentlich keine Chance dazu hatte. Ismail tat ihm leid. Doch nach dem vollzogenem Eid konnte er ihn nicht aus dem Dienst entlassen.
„Ismail, du hast deinen Eid geleistet“, sprach er nach einer Weile, „du musst dazu stehen. Versuch, dich zu arrangieren! Vergiss deine Brüder in Kairo, die dich nur aufwiegeln! Du weißt doch, dass wir uns niemals einmischen werden. Sobald wir das tun würden, hätten wir verloren und würden aufhören zu existieren. Und dann? Wer schützt dann die Wüste und ihre Geheimnisse?“
„Hör auf, an irgendwelche merkwürdigen Überlieferungen zu glauben. Der, der nicht genannt werden darf! Ardeth, ich bitte dich! Beschäftige dich lieber mit den aktuellen Problemen, wenn du Verantwortungsbewusstsein hast!“
Ardeth bedachte ihn mit einem sonderbaren Blick. „Waren sie nicht mit dir in Hamunaptra?“
„Doch, natürlich, ein paar Tage vor meiner Initiation.“
„Und... du hast dort nichts gespürt?“
„Bitte, Ardeth! Was soll ich denn zwischen ein paar eingestürzten Trümmern spüren? Soll ich vor den Ruinen vor Ehrfurcht erschaudern?“
Ardeth fuhr es immer noch kalt über den Rücken, wenn er an jene Nacht dachte, in der er allein in der unterirdischen Kammer zu Füßen der Anubis-Statue verbringen musste. Wahrscheinlich war Ismail völlig unempfänglich dafür.
„Also ist das ganze für dich eine belanglose Geschichte, ja?“ Es klang nicht einmal kritisierend, sondern nur feststellend, so dass Ismail keine Bedenken hatte zu antworten:
„Ja, natürlich. Überdies frage ich mich, ob es nur eine Legitimation unserer Alten war, sich hier zu verkriechen und Gelder einzuheimsen. Einige Leichtgläubige gibt es ja immer.“
Ardeth war jetzt klar, warum die anderen Anführer sich so vehement dagegen zu Wehr gesetzt hatten, Ismail als Anführer anzuerkennen. Wahrscheinlich hatte er mit seiner Meinung auch ihnen gegenüber nicht hinter dem Berg gehalten. Zu allem Überfluss fügte Ismail hinzu:
„Na, und dir haben sie den Kopf mit dieser Prophezeiung gründlich gewaschen, Ardeth.“
Die Prophezeiung! Ardeth war sie schon auf dem Weg von Südamerika hierher ständig durch den Kopf gegangen. Jetzt war er wieder hier und es war also möglich, dass sie sich erfüllte. Die Priesterin hatte ihm schon vielsagende Blicke zugeworfen. Er schluckte den Kloß hinunter.
„Ismail, ich war auch in Hamunaptra und... er war da. Ich habe ihn nicht nur gespürt, er hat mit mir gesprochen, mich aufgefordert, ihn zu befreien. Ich wusste damals ja nicht, wer es war, bis man es mir hinterher gesagt hatte. Es war die schrecklichste Nacht meines Lebens. Ich hatte noch nie so viel Angst gehabt.“
Ismail sah ihn ungläubig an. „Vielleicht hast du dir da was eingebildet. Immerhin wusstest du ja vorher, dass der Ort als, naja, gruselig, bekannt ist. Und übrigens, nicht nur du oder die Leute hier wissen das. Selbst in Kairo erzählt man von dem verwunschenden Hamunaptra mit seinen herrlichen Schätzen! Die Briten rüsten übrigens Teams aus, die es suchen sollen. Im Krieg hatten die Deutschen eine Gruppe hergeschickt, um nach den Schätzen zu suchen. Und die Fremdenlegionäre sind auch daran interessiert.“
Ardeth hatte ihn entsetzt angeschaut. Das waren ja schöne Aussichten für seine zukünftige Aufgabe, der Bewachung Hamunaptras. Ihm kam ein schrecklicher Verdacht.
„Woher wissen die Leute in Kairo und anderswo davon?“
„Ardeth, es kursieren seit Jahrhunderten Gerüchte!“
„Aber so massiv, wie du es schilderst, sind sie noch nie auf die Suche nach Hamunaptra gegangen. Ismail, hast du es verraten?“
Wenn Ismail es zugeben würde, müsste er ihn zwangsläufig hinrichten lassen. Das wusste auch Ismail, der an seinem Leben hing, und so log er. „Nein, habe ich nicht“, sagte er schnell und Ardeth sah ihn zweifelnd und traurig zugleich an.
„Und wie war es mit der Entdeckung von Tutenchamuns Grab?“
„Damit habe ich nichts zu tun“, erwiderte Ismail vehement.
„Ich werde dich verhören lassen müssen, Ismail.“
Ismail wurde kreidebleich, als Ardeth nach den Wachen rief und ihnen den Befehl erteilte, Ismail gründlich und ohne Achtung auf seine Person zu verhören, ob er die Lage des Grabes verraten hatte.
„Das kannst du nicht tun“, rief er hilflos, als ihn die beiden Wachen an den Oberarmen packten. Ardeth erwiderte nichts und sah ihm seufzend hinterher. Er fühlte sich sehr müde. Doch es musste hier weitergehen.
„Ich werde dieses Anwesen in Augenschein nehmen. Wahrscheinlich werden wir es verkaufen. Wenn ich unsere Finanzen so sehe, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig. Die Leute werden es nicht mögen, wenn sie in Zukunft den Gürtel etwas enger schnallen müssen, aber ich glaube, wir haben keine Wahl, wenn wir unsere Glaubwürdigkeit vor unseren Mäzenen nicht verlieren wollen. Schaffen Sie es, mir bis heute Abend einen Bericht vorzulegen, in Zusammenarbeit mit dem Waffenmeister, wieviel wir für eine umfassende Modernisierung der Waffen aufwenden müssten?“
„Natürlich, Lord Bay, wir werden unser Möglichstes tun.“
„Ich danke Ihnen.“ Er verließ das Zelt und begab sich zu dem obersten General, der gleichzeitig als sein Vize im Anubis-Lager fungierte. Ardeth wollte wissen, inwiefern Hamunaptra schon bedroht gewesen war und erhielt die Bestätigung von Ismails Aussage. Tatsächlich waren einige Teams bis hierhin vorgedrungen, doch sie sind tatenlos wieder von dannen gezogen oder von den Medjai gezwungen worden. Das hatte jedoch Ärger mit Kairo zur Folge gehabt. Ausgrabungsteams sollten nicht belästigt werden.
„Nunja, morgen Nacht werde ich die Stätte ja mit eigenen Augen wiedersehen“, sprach Ardeth zum Abschluss und spielte auf den Brauch an, dass er nach seinem offiziellen Antritt mit den anderen 11 Fürsten eine Nacht dort Wache schieben würde.

Emilia stand inmitten des Vorraums auf einem kleinen Podest, während zwei Mädchen ihr am Kleid zupften. Es war dunkelblau und hatte lange fächerförmige und plissierte Ärmel. Das Kleid war im oberen Teil über und über mit Silberfäden bestickt. Auf dem Rock prangte vorn eine riesige Stickerei in Form eines Ankh-Kreuzes. Leyrah begutachtete ihre Schwiegertochter, die sie zum Abendessen mit der Familie und den Fürsten ausgestattet hatte und war zufrieden. Sie ließ eine Schatulle bringen und entnahm gerade ein großes, aber eher schlichtes Silbercollier, als Ardeth eintrat und seine Frau bestaunte.
„Nun, wie gefällt sie dir?“, fragte Leyrah lächelnd und übergab das Collier einem Mädchen, das es Emilia anlegte.
„Sie sieht, wie immer, wunderschön aus.“
„Dein neues Gewand ist auch fertig. Es liegt hinten auf dem Bett. Du warst nicht da zur Anprobe, also probiere es jetzt an.“
„Wird schon passen, Mutter. Ich würde gern noch mit Emilia sprechen, bevor wir zum Abendessen gehen. Wann seid ihr fertig?“
„Sobald du dein Gewand anprobiert hast.“ Leyrah ließ sich nicht beirren und Ardeth zog sich ergeben in das Schlafgemach zurück. Er sah, dass sich die Kinder schon ihr eigenes Reich geschaffen hatten, abgetrennt durch Vorhänge, die aber auseinandergezogen waren, so dass er ihre „Kinderzimmer“ einsehen konnte. Er vermutete, dass die Kinder mit Lady Setlata unterwegs waren.
„Passt es?“, rief Leyrah keine drei Minuten später.
„Ja, passt“, rief er zurück und ging aber hinüber, um sie zufriedenzustellen. Leyrah begutachtete ihren Sohn, streichelte ihm die Wange und meinte:
„Du hättest heute mit einigen Leuten sprechen sollen.“
„Ich habe heute mit vielen Leuten gesprochen“, lächelte er sie an, des Tadels bewusst. „Sei unbesorgt, ich werde nachholen, was ich heute versäumt habe.“ Dann nahm er Emilias Hand und zog sie nach hinten, wo er sie erst einmal in den Arm nahm. Endlich allein mit ihr! Er hatte sich den ganzen Tag danach gesehnt und sich manches Mal nach der Ruhe auf der Farm zurückgewünscht.
„Wie war dein Tag?“, fragte er sie und setzte sich aufs Bett. Emilia setzte sich daneben.
„Anstrengend. Ich vermute, deiner auch?“
Er nickte.
„Ja, ich kann sehen, wie dich die Last bedrückt. Du musst hier vieles ändern, nicht wahr?“
„Naja, ändern... eher wieder zurechtrücken. Vor allem die Finanzen. Dann die Sache mit Ismail. Naja, und...“ Er sah sie an. „Emilia, ich habe dir doch mal von Hamunaptra erzählt und dem, der nicht genannt werden darf.“
„Ja, ich erinnere mich an diese seltsame Story.“ Emilia hatte sie nie geglaubt, aber als Ardeth aus Peru zurückkehrte, kam ihr doch der Verdacht, dass mehr dran war als sie gedacht hatte.
„Eigentlich hätte ich sie dir nicht erzählen dürfen, denn es dürfen nur eingeweihte Krieger davon erfahren, verstehst du?“
Sie nickte, und er fuhr fort: „Ich habe gedacht, ich würde hier nie mehr herkommen und ich wollte dir meine Welt verständlicher machen. Also bitte ich dich, den anderen nicht zu sagen, dass ich dir davon erzählt habe. Allerdings solltest du als Lady Bay über diese wichtigen Dinge informiert sein und daher...“
Er zögerte. Was er von ihr verlangen würde, war zuviel, das wusste er.
„Du musst mir helfen, meinen Fehler wieder gutzumachen.“
„Und wie?“
„Indem du Kriegerin wirst.“ Puh, es war heraus. Emilia sah ihn ungläubig an. Hatte er das ernst gemeint?
„Was?“, fragte sie leise nach.
„Du könntest eine verkürzte Ausbildung absolvieren. Ich habe den Meister schon gefragt. Und du wärst ja nicht allein. Da sind andere Frauen und Mädchen, die ebenfalls...“
„Halt mal, Ardeth“, unterbrach ihn Emilia, „du willst mir nicht allen Ernstes erzählen, ich soll eine Kriegerin werden, oder?“
Ardeth wusste, es würde sehr schwer werden. Leise gab er ein eher gequältes „Doch“ von sich.
Als er ihr entsetztes Gesicht sah, fuhr er fort: „Du sollst ja nicht wirklich später kämpfen, sondern einfach nur in das alles eingeführt werden. Verstehen, worum es geht.“
„Ich müsste aber lernen, mit Waffen umzugehen, nicht wahr?“
„Ja, schon...“
„Nein, das will ich nicht, Ardeth. Tu mir das nicht an!“
Ardeth nickte. Er forderte wirklich zu viel. „Gut, Emilia, du hast Recht. Ich darf das nicht von dir verlangen. Aber ich wollte es wenigstens versuchen. Du hast ja sicherlich gemerkt, dass alle hochgestellten Frauen hier automatisch Kriegerinnen sind. Wäre ich hiergeblieben, hätte ich niemals eine andere Frau heiraten dürfen. Und nun habe ich eben nach einer Möglichkeit gesucht, dich so gut wie möglich zu integrieren. Ich dachte, eine dreijährige Ausbildung wäre... nunja... zumutbar...“
„Zumutbar? Drei Jahre Ausbildung? Ardeth, ich bin eine erwachsene Frau! Ich dachte, ich soll dir hier möglichst viele Söhne gebären. So etwas sagte jedenfalls deine Mutter zu mir.“
„Hat sie? Naja, wenn du eine Kriegerin wärst, könntest du jedenfalls darüber selbst bestimmen.“
„Wie? Sonst nicht?“ Emilia wirkte entsetzt. „Wer bestimmt denn dann über mich? Du? Deine Mutter? Dein Stamm?“
„Emmy...“, beruhigte sie Ardeth, indem er seine Hand auf ihr Bein legte. „Nein, natürlich bestimmst du über dich. Doch wenn du eben nur meine Frau sein solltest, also keine Kriegerin, meine ich damit, dann würde man dir zwangsläufig erwarten, dass du dich auf das Kinderkriegen konzentriest und die, ähm, Aufgaben, die dir sonst als Lady Bay obliegen würden, an andere Damen delegierst, weil du ja keine Ahnung hättest, worum es geht. Eigentlich wäre dir auch der Zutritt ins Anubis-Lager verwehrt...“
Ardeth wollte sie bei ihrem Stolz packen, der ihr ja zu Eigen war, und er sah am Funkeln in ihren Augen, dass es funktioniert hatte. Ich fügte noch so nebenbei hinzu:
„Du wärst eben nur die Mutter deiner Kinder, die allerdings sowieso Gouvernanten haben.“
„Mit anderen Worten, ich wäre überflüssig?“, sprudelte es aus Emilia schrill hervor.
„Nein, das wollte ich damit nicht sagen...“ Hoffentlich merkte sie nicht, dass er mit ihr spielte. Tatsächlich war sie viel zu aufgebracht.
„Ah, ich dürfte also Kinder zur Welt bringen, die andere erziehen? Und wieviele?“
„Du hast ja mitgekriegt, dass es Stillzeiten gibt. Nach jedem Kind darf ich zwei Jahre keinen Verkehr mit dir haben.“
„Was? Und das sagst du mir jetzt erst? Wieso nicht in Südamerika? Dann wären wir dort geblieben!“ Es klang weniger hart als die Worte beinhalteten.
„Naja, als Kriegerin lernt man Methoden, die Empfängnis zu verhindern. Vielleicht können die Frauen es dir ja auch so zeigen.“ Natürlich würde man es ihr auch so zeigen, aber das musste er ihr ja nicht auf die Nase binden. Das war ein ganz schmaler Grat, auf dem er wandelte und er wagte gar nicht daran zu denken, wenn sie es herausfinden würde. Ach, manchmal heiligte der Zweck die Mittel. „Nun, man würde von uns regelmäßig Nachwuchs erwarten, also mindestens jedes drittes Jahr.“
„Und was würde ich ansonsten hier tun?“
„Die Kinder stillen.“ Ardeth hatte schon ein ganz schlechtes Gewissen.
„Und sonst nichts?“ Sie klang sehr entsetzt.
„Ähm, natürlich würdest du bei offiziellen Anlässen wie heute und morgen neben mir sitzen. Und hin und wieder die Damen empfangen.“
„Damen?“
„Ja, die Ehefrauen der Generäle und der anderen adligen Männer.“
„Alles Kriegerinnen, nicht wahr?“
„Ja.“ Es klappte!
Emilia seufzte, überlegte und meinte dann: „Was müsste ich denn alles machen in den drei Jahren?“
Ardeth musste ein triumphierendes Lächeln ganz stark unterdrücken. „Du würdest erst einmal richtig reiten lernen, dann würde man dir das Kämpfen mit verschiedenen Waffen und auch ohne beibringen. Du lernst einen Haufen Texte, wie man meditiert, sich konzentriert, Dinge erduldet, wie man seine Kraft einteilt und du lernst alle Geheimnisse der Medjai kennen. Es wäre auch eine gute Möglichkeit, alle Bereiche dieses Ortes und anderer kennenzulernen. Ein umfassender Einblick. Das wäre doch geradzu ideal.“
Sie sah ihn skeptisch an. „Du würdest das gern wollen, nicht wahr?“
„Du wärest dann eine vollwertige Lady Bay. Ich möchte, dass du dich ganz und gar dazugehörig fühlst, denn es soll dir ja hier gefallen.“ Er sah sie eindringlich an, ihm lag ihr Wohl zuvordererst am Herzen, das konnte sie spüren. „Und wenn es dir nicht gefällt, kannst du jederzeit aufhören, du kannst nach Kairo oder Luxor ziehen, du kannst zu deinen Eltern zurück. Ich will dich zu nichts zwingen, und siehst du, das ist jetzt der Vorteil, dass sie mich so schnell zu ihrem Anführer gemacht haben. Ich kann darüber bestimmen, wir müssen nicht irgendwem gehorchen.“
Tatsächlich beruhigte Emilia dieses Aussicht ganz ungemein. Sie wusste ja nicht, was auf sie zukam und hatte sich selbst schon gefragt, ob es ihr hier je gefallen würde.
„Emilia, du müsstest dich deiner Meisterin unterwerfen. Du hättest zunächst über andere keine Verantwortung, die du hättest, wenn du gleich als Lady Bay fungieren würdest. Du darfst dir keine Fehler erlauben in der Position. Daher hättest du einen regelrechten Beraterstab zur Seite. Ich glaube, es wäre einfacher für dich, wenn du erst einmal drei Jahren lernen würdest, wie alles funktioniert. Naja, normalerweise wären es sogar sechs Jahre. In deinem Fall würde man es verkürzen, du müsstest dich sehr anstrengen und könntest mich und die Kinder nur an den freien Tagen aufsuchen. Ich will dir nichts verschweigen. Es ist auch manchmal sehr hart in der Ausbildung. Wenn du nicht gehorchst, dürfen sie dich bestrafen, auch schlagen. Aber ich weiß, dass du sehr ehrgeizig bist und mit den anderen mithalten würdest. Viele Mädchen sind in den letzten Jahren daran gehindert worden, auch sie wären in dieser Ausnahmesituation. Du wärest also noch nicht einmal ein Sonderfall.“
Emilia nickte.
„Weißt du, ich werde Tanith bitten, dir von der Ausbildung zu berichten. Sie kennt die Meisterinnen und was auf dich zukommen wird. Dann überschläfst du die ganze Angelegenheit. Ich bitte dich nur, mit morgen vor der Zeremonie zu sagen, ob du möchtest oder nicht, damit ich es gleich mit in meine Rede einbauen kann.“
„Es wäre besser für dich, wenn ich es machen würde?“
„Ja, natürlich wäre es besser für mich, für uns, für unsere Familie. Und auch Gabriel und Francisca werden eine Ausbildung machen müssen, du wärest dann auch deinen Kinder eine Hilfe.“
Und ebenbürtig, fügte Emilia in Gedanken hinzu.
„Ardeth, ich kann wirklich jederzeit abbrechen und gehen?“
„Ja, Emilia. Wir werden in jedem Fall eine gute Lösung finden. Hör mal, ich möchte, dass du glücklich wirst. Ich weiß, du wärst lieber in Südamerika geblieben.“
„Weißt du, wenn ich so sehe, wie sehr sie sich hier darüber freuen, dass du zurückgekehrt bist und wie schnell du in deine Position gefunden hast, so als wärest du nie weggewesen, glaube ich, dass es richtig war, hierherzukommen. Ich bin deine Frau, Ardeth. Ich bin dir gern gefolgt, und wenn du willst, dann werde ich es versuchen und eben eine Kriegerin werden.“
Ardeth sah sie tief gerührt an.
„Was hat mir das Schicksal für eine Frau geschenkt!“
Sie umarmten sich fest.
„Wir werden es schaffen, Emmy!“, murmelte Ardeth und liebkoste ihr Haar. Als sie die Umarmung gelöst hatten, streichelte sie ihm zärtlich übers Gesicht.
„Sag mal, Ardeth, werde ich dann auch so tätowiert wie ihr alle hier und muss ich dann auch so herumlaufen?“
Sie hatte einen merkwürdigen Tonfall dabei, wunderte sich Ardeth. Es klang gar nicht so entsetzt.
„Äh... ja, schon. Dann bist du ja erwachs... ich meine, du bist dann fertig mit der Ausbildung.“
„Wunderbar! Dann muss ich nicht ständig in so eine Anprobe wie gestern und heute.“
Ardeth musste lachen. Emilia war schon einmalig.
„Morgen stecken sie mich übrigens in so ein scharzes langes Kleid mit aufgestickten Zeichen. Deine Mutter hatte es schon anprobieren lassen. Es wird gerade geändert.“
„Meine Mutter wird staunen, wenn sie von deinem Entschluss hört“, freute sich Ardeth. „Aber du solltest wirklich eine Nacht darüber schlafen. Wir sagen es ihnen heute noch nicht.“ Ihm kam eine Idee. „Emmy, haben sie dir schon deinen Text für morgen gegeben?“
„Ja, und ich habe ihn schon auswändig gelernt.“
„Braves Mädchen!“, fuhr er ihr mit der Hand über den Kopf. „Dann füge doch hinzu, dass du wünscht, eine Kriegerin zu werden, um damit unserem Volk richtig dienen zu können.“
„Du bist der geborene Diplomat, weißt du das?“, neckte sie ihn.

Nefrar war entsetzt, als sie vernahm, dass ihr geliebter Sohn verhört wurde. Sofort war sie zu Leslie gelaufen, damit er Ardeth dazu bringen würde, das Verhör abzubrechen. Doch Leslie tat nichts dergleichen, er wusste, dass es nötig war. Als Tanith am Abend ihren Eltern mitteilte, dass das Verhör beendet und Ismail gerade vor Ardeth gebracht wurde, eilten alle drei zum Re-Zelt, wo Ismail bereits vor Ardeth auf dem Boden lag und sich kaum zu rühren vermochte. Zwei Krieger standen neben rechts und links neben ihm. Deutlich waren die Spuren der Folter an Ismail zu erkennen. Nefrar wollte sich sofort zu ihm neigen, doch Leslie hielt sie fest.
„Er ist unschuldig, Lord Bay“, sprach einer der Krieger.
Ismail wimmerte wie ein kleines Kind vor Schmerzen. Ardeth wusste, dass man nicht zimperlich mit ihm gewesen war und war sich sicher, dass Ismail gestanden hätte, wenn er tatsächlich die Lage des Grabes von Tutenchamun an die Briten verraten hätte.
„Ich bin froh, dass sich deine Unschuld erwiesen hat. Nun wird dich niemand mehr verdächtigen, Ismail. Aber du solltest nicht im 12. Stamm bleiben. Im 1. Stamm wirst du die Zeit und die Gelegenheit erhalten, dich zu bewähren. Du wirst dort fortan als Krieger dienen.“
„Als Krieger im 1. Stamm?“, erwiderte Nefrar auffahrend. „Er ist ein Bay und sollte einer deiner Generäle sein!“ Ismail war viel zu schwach, um Einwände zu erheben.
„Sein Verhalten rechtfertigt einen solchen Posten nicht.“
„Ardeth hat recht. Es wird Zeit, dass er ein richtiger Krieger wird", pflichtete Leslie Ardeth bei.
„Aber er ist doch ein richtiger Krieger!“, erwiderte Nefrar ihrem Mann.
„Nein, er ist ein trotziger Junge, der nicht begriffen hat, was seine Aufgabe ist und seine Macht schamlos ausnutzt.“
„Daher wird er im 1. Stamm mit dem untersten Grad anfangen und endlich lernen, was Unterordnung unter die Aufgabe der Medjai bedeutet“, meinte Ardeth. Dann wandte er sich an die beiden Krieger: „Lassen Sie seine Wunden versorgen! Morgen muss er wieder auf den Beinen sein.“
Ismail wurde zurück ins Anubis-Lager gebracht. Nefrar warf ihm besorgte Blicke hinterher. Tanith beruhigte ihre Mutter und wollte selbst nach ihrem Bruder schauen.

Abermals mussten Ardeth und Emilia früh morgens aufstehen. Ardeth ging wieder zum Vorbeten. Dort traf er seinen Onkel Wirianda, dessen Tochter Farani seinerzeit zwangsverheiratet worden war, weil Leyrah befürchtet hatte, Farani und Ardeth könnten ein Paar werden. Faranis Schicksal lastete schwer auf Ardeths Seele. Er erkundigte sich bei Wirianda, wie es Farani ginge. Die höfliche Antwort, die der Ältere gab, konnte nicht über seine Besorgtheit hinwegtäuschen. Ardeth sah ihn verständnisvoll an, umarmte ihn stumm und versprach ihm nichts, denn er wusste nicht, ob er überhaupt helfen konnte. Doch er nahm sich vor, darüber nachzudenken, was zu tun sei, um Farani das Leben zu erleichtern.

Inzwischen wurde Emilia gewaschen, parfümiert und angekleidet. Zwischendurch frühstückte sie mit ihren Kindern, die heute im Zelt blieben und auch vorbereitet und angekleidet wurden. Emilia ermahnte sie, sich bei Zeremonie zu benehmen und brav an Hand von Großmutter Leyrah und Onkel Leslie zu bleiben. Leyrah kam später zu Emilia und sah zu, wie sie angekleidet wurde. Emilia trug ein enganliegendes scharzes Kleid mit langen engen Ärmeln, das in der Mitte von einem goldenen, breiten Gürtel gehalten wurde. Es war mit Goldfäden bestickt, die exakt die Zeichen an den Stellen zeigten, wo die Medjai tätowiert waren. Sie bekam eine hohe Tiara aufgedrückt, die sie stark an die Büste der Nofretete erinnerte. Ihr Haar verschwand darunter. Dann legte man ihr allen Schmuck an und drückte ihr ein goldenes Ankh-Kreuz in die Hand, das sie halten sollte. Leyrah drückte ihr den schmalen goldenen Reif auf die Stirn. Zum Schluss schlüpfte sie in die goldenen Sandalen, die sie schon am ersten Tag getragen hatte.
Als sie gegen 9 Uhr fertig war, kam Ardeth ins Schlafgemach und wickelte sich aus einem sehr langen blau-schwarzen Tuch auch eine sehr hohe Tiara, die er mit einem Band so befestigte, das sie den Tag über halten würde. Sie sah ihm staunend zu. Er zwinkerte ihr zu, dann meinte er:
„Wir werden jetzt da rausgehen und die Zeremonie über uns ergehen lassen, dann werden aus allen Stämmen Gaben uns dargebracht werden und die Fürsten ihren Huldigungseid sprechen. Wir nehmen anschließend eine leichte Mahlzeit zu uns. Danach ruhen wir, denn die Nacht wird lang werden. Nachmittags werden wir uns Tänze und Vorführungen anschauen mit den anderen Fürsten, es gibt ein großes Abendessen und danach werde ich mit den anderen elf Anführern nach Hamunpatra reiten und bis zum Morgen wachen. Du kannst so lange aufbleiben wie du willst und feiern. Alles klar?“
„Ja doch, Ardeth, alles klar.“
„Kannst du deinen Text noch?“
„Ich bin ihn schon dreimal in Gedanken durchgegangen, sei unbesorgt.“
Er sah sie ernst an. „Und hast du dich entschieden?“
„Ja, Ardeth. Ich werde die Ausbildung machen.“
Er atmete erleichtert auf. „Danke, Emmy, du machst mich sehr glücklich.“
„Ich tu es für dich und dein Volk. Ich möchte, dass du glücklich bist. Und auch ich habe mir vorgenommen, hier glücklich zu werden. Ich möchte nicht herumgeschubst werden, daher ist es besser, ich erarbeite mir meinen Rang so gut es eben geht.“
Er traute sich nicht, sie in der Aufmachung in den Arm zu nehmen, so ergriff er ihre Hände und drückte sie fest. „Lass uns gehen!“
Er führte sie zur Tribüne, wo bereits die elf Anführer mit ihren Frauen zur Seite im Halbrund sitzend warteten. Sie erhoben sich und setzten sich wieder, sobald Ardeth und Emilia in der Mitte auf den erhöhten Sitzen Platz genommen hatten. Zu Ardeths Rechten saßen die Paare des 1. bis 6. Stammes, zu Emilias Linken die Paare des 11., 10., 9., 8. und 7. Stammes. Die Familienmitglieder der Fürsten standen von vorn gesehen rechts zur Seite. So standen auch Gabriel und Francisca bei ihrer Großmutter Leyrah, daneben Ardjun, der etwas wehmütig auf den Platz sah, den er so lange eingenommen hatte, Leslie und Familie – natürlich ohne Karan, die nun auf der anderen Seite bei ihren Eltern stand. Die Setlatas waren nicht blutsverwandt, sie standen daher vor der Tribüne, aber mit an vorderster Stelle. Der große Platz war völlig überfüllt, Ardeth würde schreien müssen, damit man ihn überhaupt würde hören können. Er stand auf und ging an den Rand. Seine Legitimationsrede begann. Sie bestand hauptsächlich auf der Auflistung all seiner männlichen Vorfahren, angefangen bei Kanzler Bay aus der Zeit am Ende der 19. Dynastie. Gabriel sprach in Gedanken mit und kam bis 67, Francisca langweilte sich sehr – ihr Vater war der 128.! - und zupfte an ihrem Kleid. Den beiden Töchtern Ismails, die ebenfalls schon anwesend waren und sich an Hand ihrer Mutter Fatima befanden, ging es nicht anders. Leyrah war stolz auf ihren Sohn und sie musste an Lyleth denken. Wie gern hätte sie ihn heute dabei gehabt! Leslie drückte sie herzlich, er wusste, was ihr durch den Kopf ging. Nachdem Ardeth die lange Auflistung beendet hatte, traten die alte Priesterin links neben ihn und der älteste der Anführer, nämlich Lord Wenchyn, rechts neben ihn. Sie legten ihre jeweils rechte Hand auf seine Schultern. Ardeth gelobte, seinem Volk mit aller Kraft und Lauterheit dienen zu wollen und es zu schützen gegen alle Bedrohungen und zu führen auf dem Weg, den es in Verantwortung für seine Aufgabe gehen musste. Als sie ihre Hände zurückzogen, trat Ardeth einen Schritt vor, und Lord Wenchyn und die Priesterin sahen sich irritiert an. Was hatte er vor? Er ging auf die Knie und neigte seinen Kopf fast zu Boden vor dem Volk, das so zahlreich vor ihm versammelt war. Es hatte zuvor die ganze Zeit Totenstille geherrscht, damit man seine Worte hören konnte. Jetzt war es Ergriffenheit, denn diese Geste gehörte nicht zum Protokoll. Leyrah hatte Emilia vom Ablauf erzählt und auch sie war verwundert, ebenso die Lords. Doch Emilia ergriff die Gelegenheit. Sie wäre ja auch gleich an der Reihe gewesen, so erhob sie sich, trat links neben Ardeth und kniete sich ebenso hin, bangend, dass ihre Tiara halten würde. Sie tat es zum Glück. Erst, als lauter Jubel aufbrandete, erhoben sie sich und Ardeth nahm Emilias Hand und sah seine Frau gerührt an. Sie warteten, bis es still wurde, dann trat Ardeth hinter Emilia, während Lord Wenchyn und die Priesterin auch ihr die Hände auf die Schultern legte. So sprach auch Emilia ihren Eid zum Wohle und Schutz des Volkes, den sie brav auswendig gelernt hatte, und sie fügte hinzu, dass es ihr innigster Wunsch wäre, eine Kriegerin zu werden und sie daher sich der Ausbildung voller Freude unterwerfen werde. Leyrah schlug vor Freude die Hände vorm Gesicht zusammen und Leslie wunderte sich nur, wie Ardeth an diese wunderbare Frau geraten war. Inzwischen war wieder lauter Applaus aufgebrandet. Natürlich hatten sich die Leute schon gefragt, wie das mit Lady Bay werden würde, die immerhin völlig fremd hier war, und nun vernahmen sie, dass Emilia sich ganz eingeben wollte und waren begeistert. Sie hatte im Nu ihre Herzen gewonnen. Es dauerte sehr lange, bis Ardeth, Hand in Hand mit Emilia, weitersprechen konnte. Er erklärte dem Volk schließlich, dass nicht gerade sehr leichte Zeiten auf sie zukommen würden. Er bat um Verständnis, dass sie fortan ein bescheideneres Leben führen müssten, da es an Geldmitteln fehlte. Dann versprach er, alles dafür zu tun, dass ihre Aufgabe im Mittelpunkt stehen würde und auch für mehr Einigkeit unter dem Stämmen zu sorgen. Am Ende erklärte Ardeth laut:
„Ich möchte mit meinem Stamm anfangen und alle aus diesem bitten, sich nicht mehr vor mir oder meiner Frau auf die Knie zu werfen. Ich weiß, dass es in den Südstämmen längst nicht mehr alltägliche Sitte ist und nur zu offiziellen Anlässen gemacht wird. Das ist auch gut so und ausreichend. Bedenkt, dass wir Medjai sind und keine Priester, keine Pharaonen. Ich bin nichts weiter als ein Diener – genau wie ihr. Ich bitte die Anführer der Nord- und Mittelstämme hiermit, es mir gleich zu tun.“ Er wandte sich kurz um und sah, wie die Angesprochenen sofort nickten. Dann drehte er sich wieder der Masse zu.
„Daher sollt ihr euch gleich vor Lady Bay und mir ein letztes Mal verbeugen – bis wir zum nächsten offiziellen Anlass zusammenkommen.“ Er sah Einverständnis auf den Gesichtern in der Menge. Der zwölfte Stamm, seit Jahrhunderten Heimat des obersten Anführers, war für seine übertriebenen Loyalitätsbezeugungen unter den Stämmen bekannt und jedermann, der sich hierher begab, fürchtete einen Verstoß gegen das Protokoll zu begehen. Ardeth bat um etwas längst Überfälliges und sie waren damit sehr einverstanden. Schließlich nickte Ardeth der Priesterin und Lord Wenchyn zu, die nun erklärten, dass Ardeth in Übereinstimmung mit ihren Gesetzen und Traditionen der eingesetzte Anführer aller Medjai wäre. Das war das Zeichen, dass nun das Volk auf die Knie fiel, während sich die Anführer und ihre Frauen von den Sitzen erhoben. Ihre Familienangehörigen waren auch auf die Knie gegangen, natürlich bis auf Leyrah und Ardjun. Ardeth wartete eine Weile, dann winkte er alle mit den Worten „Erhebet euch“ hoch und kehrte mit Emilia auf ihren Platz zurück. Die Anführerpaare setzten sich wieder. Eine Abordnung des 1. Stammes trat hervor. Lord und Lady Mahu standen auf und traten vor. Sie gingen vor dem neuen Anführerpaar auf die Knie und Lord Mahu sprach den Eid, dass er und sein Volk allezeit Ardeth folgen wollen. Dieser formellen Unterwerfung ließ er Geschenke folgen, zum Zeichen der Loyalität. Sie waren in einer Truhe verpackt und wurde hinter der Tribüne aufgestellt. Ardeth bedankte sich und wünschte sich eine gute Zusammenarbeit mit dem ältesten aller Medjai-Stämme. Es folgte eine Tanzdarbietung von Künstlern aus dem 1. Stamm, die alle beklatschten, dann ging es mit der Loyalitätsbekundung von Lord Setlata aus dem 2. Stamm weiter, der wiederum eine kurze Dankesrede von Ardeth folgte, bevor wieder eine Darbietung gezeigt wurde. Ardeth fand für jeden Stamm andere Worte und erinnerte an seine spezielle Eigenschaft. Als Lord Wenchyn an die Reihe kam, winkte er seinen Sohn und dessen Frau zu sich und sprach feierlich, während er und seine Frau vor Ardeth und Emilia niederknieten: „Lord Bay, es ist mir eine ganz besondere Ehre und übergroße Freude, heute vor Euch niederknien zu dürfen. Eure Einsetzung heute war, so wie ich es mir beim Tod Eures seligen Vaters vorgenommen hatte, die letzte Tat als Lord des 8. Stammes. Nun lege ich die Geschicke meines Stammes in jüngere Hände. Ich übergebe die Anführerschaft meinem Sohn Kitran und seiner Frau, Lady Maatkare Wenchyn. Lord Bay, seid allzeit gesegnet auf all Euren Wegen bei all Euren Taten!“ Ardeth war sehr gerührt. Lord Wenchyn war immer ein väterlicher Freund gewesen.
„Ich danke Euch dafür, dass Ihr so lange und so gut als Anführer des 8. Stamm gedient habt! Darüberhinaus danke ich Euch sehr für alles, was Ihr für mich und meine Familie getan habt, und es war wirklich über alle Maßen viel. Erhebt Euch, Lord Wenchyn!“ Ardeth stand auf und umarmte ihn herzlich. Dann begab sich das alte Ehepaar zu den anderen Familienangehörigen, die gerührt zugesehen hatten. Lord Wenchyn war eine Institution gewesen, galt als absolut objektiv und verlässlich. Auch Gatyreth sah ihm traurigen Blickes hinterher, aber wusste wie jeder, dass gerade Lord Wenchyn den Ruhestand verdient hatte. Nun knieten sein Sohn und dessen Frau vor Ardeth und sprachen den Treueeid auf das Haus Bay. Ungefähr zwei Stunden dauerte die gesamte Zeremonie. Nach der Einlage von Künstlern aus dem 11. Stamm, die sich sehr von denen des 1. Stammes unterschied und tatsächlich die Diversität der Stämme zum Ausdruck bringen sollte, konnte man sich endlich erheben und das leichte Mahl unterhalb der Tribüne, unter Schatten spendenden Planen, einnehmen.
„Dein eigener Stamm muss nicht tanzen?“, fragte Emilia Ardeth flüsternd.
„Nein. Tatsächlich gibt es ein lustiges Sprichwort, das angewendet wird, wenn jemand sich erfolgreich vor einer Aufgabe drückt. Sie sagen dann: Der 12. Stamm muss nie tanzen.“
Emilia sah ihn nachvollziehend an. Es würde lange dauern, bis sie diese Feinheiten alle verstehen würde. Nun ließ sie sich erst einmal das Essen schmecken. Sie war froh, denn ihre Kinder konnten zwischen ihr und Ardeth sitzen.
Der Tag lief wie vorgesehen weiter. Im Dunkeln brachen die zwölf Anführer schließlich auf und ritten in die Wüste. Nach langer Zeit kehrte Ardeth nach Hamunaptra zurück. Er blickte bangen Herzens hinunter auf den alten Vulkankrater. Eines Tages würde er sich dem Unnnennbaren stellen müssen.

Sie kehrten in den frühen Morgenstunden zurück. Danach ruhten sich die Fürsten aus, doch noch am gleichen Tag war Aufbruchstimmung. Zunächst reisten die Fürsten der Südstämme gemeinsam ab. Später folgten die anderen und auch Leslie und Ardjun reisten gen Kairo. Emilia gab Leslie einen ausführlichen Brief für ihre Eltern mit, den er möglichst von Europa abschicken sollte. Keine drei Tage später war der zwölfte Stamm wieder auf seine normale Einwohnerzahl reduziert. Der Alltag begann und Ardeth brachte eine aufgeregte Emilia ins Anubis-Lager.

„Liebe Eltern!
Vielen Dank für Euren Brief und Eure guten Wünschen zum neuen Jahr! Ich musste auch gerade in der Weihnachtszeit viel an Euch denken, daran, wie wir vor einem Jahr noch zusammen auf unserer Farm gefeiert haben. Auch Ardeth hat sich daran mit Wehmut erinnert und meinte, dass wir ja in drei Jahren uns alle in Kairo zu Weihnachten treffen könnten. Sein Onkel hat dort eine große Villa und feiert dort immer ein großes Weihnachtsfest. Bitte, versucht doch, uns dann zu besuchen! Ich wäre dann vielleicht mit meiner Ausbildung auch schon fertig, von der ich Euch schon im letzten Brief angedeutet hatte. Seitdem sind einige Wochen vergangen und ich kann Euch jetzt mehr darüber erzählen.
Es hat mich gefreut, dass Ihr meinen Brief schon so schnell erhalten habt. Diesen hier werde ich gleich einem Kommandanten mitgeben, der von Ardeth den Befehl erhalten hat, mit einem Trupp nach Kairo aufzubrechen. Ich muss mich beeilen, denn er möchte bald aufbrechen. Ich würde gern selbst mitreisen, aber ich darf noch nicht, weil ich doch diese Ausbildung mache. Ardeth nimmt mich manchmal mit, damit ich mal rauskomme. Neulich sind wir mit Gabriel zu einem koptischen Kloster geritten. Dort hat sich Ardeth bei seinen Lebensrettern bedankt – Ihr erinnert Euch? - und ihnen garantiert, dass sie seine Stammesländereien jederezeit unbehelligt durchqueren könnten und er ihnen sogar, wenn nötig, eine Eskorte schicken würde. Sie haben sich natürlich über seinen Besuch gefreut und auch über mich, weil ich eine Christin bin. Das ist übrigens kein Problem hier für mich. Ich kann es bleiben und muss nicht konvertieren. Doch Gabriel sollte es vielleicht tun, aber wir wollen ihn selbst entscheiden lassen. Jedenfalls wird er leider nicht zur Kommunion gehen können. Schade, ich hatte mich sehr auf das Fest gefreut. Ich sehe ihn und auch Francisca nur sehr selten, da ich nur jeden 10. Tag frei habe. Dann kann ich zu Ardeth und den Kindern für eine Nacht und einen Tag, und Ardeth nimmt sich dann immer Zeit für uns, wenn er nicht fort ist. Im Moment ist er leider fort, so dass ich endlich mal zum Briefeschreiben komme. Ich habe auch einen an Senor Gomez geschrieben, bitte schickt ihn von Buenos Aires aus weiter!
Es geht mir sehr gut. Die Ausbildung ist nicht einfach, vor allem, weil ich ja nur drei Jahre habe. Normalerweise dauert es doppelt so lang. Aber ich bin nicht allein und habe schon Freundschaften geschlossen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was ich alles lernen muss! Ich habe bestimmt schon fünf Kilo abgenommen vom vielen Reiten und dem ganzen Sport. Aber macht Euch keine Sorgen, ich schaffe es schon. Die anderen Mädchen unterstützen mich und ich glaube, die Meisterin nimmt Rücksicht auf mich. Nebenher muss ich ja auch noch die Sprache lernen, die Gabriel übrigens schon perfekt sprechen kann. Es ist unglaublich, wie gut er sich eingefügt hat. Am liebsten spielt er aber mit den Jungen Fußball. Francisca lernt auch gut, nur möchte sie oft zu mir, sodass Ardeth sie manchmal abends während der Unterrichtsstunden in mein Zelt bringt, aber immer in Begleitung der Gouvernante, damit ich nicht so abgelenkt werde. Im Moment schlafen wir zu zehnt, aber nur ein halbes Jahr, dann sind wir nur noch zu viert. Ihr fragt Euch sicherlich, warum ich das alles auf mich nehme. Ich habe Euch ja schon im letzten Brief geschrieben, dass es für die Leute hier wichtig ist und ich damit wirklich dazugehöre. Es ist anstrengend, aber ich bin auch froh, dass ich noch keine Verantwortung zu tragen habe. Ich bekomme ja mit, was Ardeth alles zu machen hat. Er ist fast nur unterwegs. Neulich war er in Kairo beim König. Könnt Ihr Euch das vorstellen? In drei Jahren wird er mich zu ihm mitnehmen. Dann muss ich auch so viel reisen wie er. Im Moment unterstützt ihn seine Mutter, die das Amt ausübt, das ich eigentlich übernehmen sollte. Von daher bin ich froh, dass ich genügend Zeit habe, mich an alles zu gewöhnen. Ich habe viele Lehrer, die sehr streng mit mir sind. Das soll aber normal sein, haben mir die anderen Mädchen erzählt. Wenn man hier nicht seine Pflichten tut oder ungehorsam ist, wird man bestraft. Ich bemühe mich, alles richtig zu machen und gehorche, wenn man mir etwas aufträgt. Die Frauen hier sind übrigens viel direkter als bei uns und auch emanzipierter. Die Souffragetten würden staunen! Wahrscheinlich täte auch Nina so eine Ausbildung gut! Hinterher sind die Mädchen nämlich viel selbstbewusster. Wie geht es ihr? Bitte grüßt sie recht herzlich von mir, Ardeth und den Kindern. Sie soll mir auch mal einen Brief schreiben! Ich freue mich doch über jede Zeile von Euch allen!
Ja, manchmal habe ich Heimweh nach unserer Farm in San Juan, als es nur die Familie zu versorgen gab. Dort war alles sehr übersichtlich. Ich hatte Ardeth und die Kinder für mich. Aber inzwischen habe ich mich hier eingelebt und meine Welt ist im Moment auch übersichtlich, denn ich habe einen festen Tagesplan. Ich muss früh aufstehen, diesen Hirsebrei morgens essen, den Ardeth uns manchmal zu Hause abends gemacht hat und den ich noch nie wirklich mochte, dann müssen wir Wasser von weither holen. Das ist praktisch die Muskelaufwärmung für die ganzen Übungen, die dann folgen. Wir haben Reit- und Kampfunterricht. Danach müssen wir uns ganz mit Sand abreiben und meditieren dann bis in die Nachmittagstunden. Dann gibt es eine Pause, in der wir Tee trinken können, bevor wir am späten Nachmittag für verschiedene Dienste eingeteilt werden, die bis in den Abend andauern. Gegen 8 Uhr abends gibt es dann die Hauptmahlzeit des Tages, die anderen haben frei, aber ich werde dann von Lehrern noch zwei weitere Stunden unterrichtet. Und so vergeht Tag um Tag. Die schönste Zeit ist die Teestunde, in der wir uns über alles Mögliche unterhalten können. Die Mädchen wollen wissen, wie mein früheres Leben so war und wie ich Ardeth kennengelernt habe. Sie sind sehr nett zu mir, sehr kameradschaftlich. Ich komme mir vor, als ginge ich noch einmal zur Schule. Nun, so ist es ja auch! Es ist eine völlig neue Welt, Ihr würdet staunen. Was manchmal schwierig für mich ist, ist das Wetter. Es ist so trocken hier und ich sehne mich nach einem guten Bad. Ardeth hat mir versprochen, mich mal mit zum 5. Stamm zu nehmen, denn dort gibt es einen See. Eigentlich wollte er heute mit mir und den Kindern ausreiten und picknicken. Aber sie haben ihn gestern gebeten, mit ihnen in die Wüste zu reiten, denn es sieht so aus, als würde es zu Kampfhandlungen zwischen französischen Fremdenlegionären und Tuareg-Kriegern auf unserem Stammesgebiet kommen. Das hat er mir noch schnell erzählt, bevor er losmusste. Ihr seht, hier ist immer etwas los. Aber keine Sorge, im Ort leben wir in Frieden. Er ist wirklich gut bewacht und hier kommt keiner ungebeten her.
Ich hoffe, Euch geht es gut! Schreibt mir bitte bald wieder! Seid unbesorgt, Eure Briefe erreichen mich hier in der Wüste!
In Liebe,
Eure Emilia.“

New York, Metropolitan Opera, 3.3.1923
“Durch Mitleid wissend, der reine Tor.”
Man hörte noch Frauenstimmen sowie einige Tenorstimmen, die ein sehr sanftes „Selig im Glauben“ anstimmten, dann schloss sich der Vorhang sehr langsam und es war minutenlang still. Auch Leslie und seine Mutter getrauten sich nicht zu klatschen.
„Kein Wunder, dass es Ardeth so gefallen hat!“, flüsterte Leslie leise, mehr zu sich selbst als seiner Mutter zu. „Es ist fantastisch!“
Einige Leute aus der Reihe hatten sich bereits erhoben, denn es war Pause.
„Ja, es ist wunderschön. Ich habe so etwas noch nie gehört“, erwiderte Claire Manson, Leslies Mutter, schließlich. „Ganz anders als die anderen Opern, die ich bislang gehört habe.“ Und sie fügte fast ein wenig traurig hinzu: „Naja, viel waren das allerdings noch nicht!“
„Das lässt sich ja nachholen, Mutter“, zwinkerte Leslie ihr zu, während er ihr beim Aufstehen half. „Genügend festliche Kleider besitzt du ja!“
Claire musste lachen. „Die meisten passen mir bestimmt nicht mehr! Weißt du, wie lange es her ist, dass ich sie anlässlich der festlichen Dinners in unserem Haus und anderswo getragen habe? Patrick ist schon so lange tot. Meine Güte, Leslie, wo ist nur die Zeit geblieben?“
„Das weiß ich nicht“, äffte Leslie den jungen Parsifal nach, der so stets seinem Onkel Gurnemanz auf die Fragen nach seiner Herkunft geantwortet hatte. Und sogleich hatte er ein nachdenkliches Runzeln auf seiner Stirn. Auch er hatte nicht gewusst, wo er herkam und wer sein Vater war. Claire hatte es ihm aus Sorge um sein Wohl verschwiegen – genau wie Parsifals Mutter Herzeleide. Wie bei Herzeleide hatte es aber auch bei Claire nichts gebracht... Claire hatte seinen kurzen Anflug von Nachdenklichkeit nicht bemerkt, sie musste über Leslies Parsifal-Zitieren lachen. Ach, es war für sie einfach ein himmlischer Abend! Erst hatte sie sich ja tagelang darüber ausgelassen, dass der Weg nach New York viel zu weit sei, nur um in die Oper zu gehen! Doch Leslie hatte nicht locker gelassen. Er hatte alles organisiert: die Karten besorgt, die Zugfahrt, das Hotel... er war sehr umsichtig. Sie war alt, allein und Leslie war alles, was ihr geblieben war. Sie wollte nicht noch einmal diese tristen Jahre des Alleinseins, die sie nach dem Tod ihres Mannes Patrick durchleben musste, erleben, und hoffte, dass er nun bei ihr wohnen bleiben würde.
„Leslie“, sprach sie gerührt, „bitte, lass uns so etwas öfter machen, ja?“
„Dann bist du mir also nicht mehr böse, dass ich dich nach New York gezerrt habe?“
„Nein, Leslie, es war eine wunderbare Idee.“
„Weißt du, Mutter, es ist nur so... ich...“, Leslie druckste herum, er wusste nicht so ganz, wie er ihr sagen sollte, was er auf dem Herzen hatte, doch Claire hatte es zuvor selbst geahnt, also ersparte sie ihm die Schwierigkeit, nach den richtigen Worten zu finden.
„Du wirst wieder zurückkehren, nicht wahr?“
Leslie sah sie traurig an und nickte.
„Ja, ich habe viel zu erledigen. Meine Aufgaben liegen in Ägypten. Du musst das verstehen, Mutter. Aber ein paar Monate werde ich noch bleiben können, wenn du willst.“
Claire nickte und wirkte nachdenklich.
„Mutter, aber...ähm... ich habe da noch eine Überraschung für dich...“
Wieder druckste Leslie herum. Irritiert schaute Claire ihn an. „Soll ich etwa mitkommen?“, brachte sie fast empört hervor und nahm eine Antwort gleich vorweg. „Nein, nein, Leslie! Das geht nicht. Ich bin zu alt. Die Reise ist zu weit. Und ich will nicht noch einmal nach Ägypten, außerdem werde ich hier gebraucht, nein, nein, ich kann nicht mit, wirklich nicht...“
Während Claire einen halben Vortrag über ihre angeblichen Gründe hielt, weswegen sie nicht gewillt war, Leslie zu begleiten, flanierten Mutter und Sohn durch die Gänge der Metropolitan Opera.
Leslie überlegte sich, wie er seine Mutter auf das kommende Ereignis vorbereiten sollte und ihm war ganz mulmig zumute. Ardeth hatte ja diese Idee gehabt, die auch Leslie zunächst gut fand, doch nun war er sich nicht mehr sicher, ob die Idee wirklich so gut gewesen sei. Daher hatte Leslie einen Plan gemacht, denn das ganze musste gut überlegt und vorbereitet sein, wenn es nicht zum Streit kommen sollte. Er hatte die Idee, dass Claire und Ardjun sich unter den gleichen Umständen treffen sollten wie bei ihrem ersten Mal, allerdings hatte er seinen Vater einweihen müssen. Am Vormittag hatte sich Leslie bereits mit ihm getroffen, der so lange in einem Hotelzimmer in New York gelebt hatte, ihm die Opernkarte überreicht und zu überreden versucht, etwas anzuziehen, womit er in die Oper gehen konnte. Wider Erwarten hatte Ardjun, der seit ihrer Reise in einer merkwürdig befreiten Stimmung war, nachgegeben und Leslie hatte ihm eine schwarze Hose und ein gleichfarbiges Samtjacket gekauft. Sie hatten sich für die 1. Pause im Foyer verabredet. Genau dahin steuerte Leslie. Er hoffte, dass Claire nicht auf und davon rennen würde, wenn sie Ardjun wiedersah.
„Ich habe doch auch gar nicht gesagt, dass du mitkommen sollst, obwohl das natürlich wirklich sehr schön wäre...“, erwiderte Leslie nach einer ganzen Weile und Claire wunderte sich, dass er so verzögert geantwortet hatte und irgendwie damit beschäftigt war, nach jemandem Ausschau zu halten. Leslie wusste auf einmal, wie er sie ein wenig vorbereiten konnte.
„Naja, Mutter, ich hatte gehofft, du würdest mich dann in die Oper in Kairo einladen.“
Claire sah ihn verdutzt an und schwieg. Sie atmete hörbar durch, antwortete aber nicht. Dass sie damals in jener Oper ihre große Jugendliebe kennengelernt hatte, bewegte sie offenbar noch immer. Hatte sie das jemals verwunden?
„Aber gut“, redete Leslie, fast guter Laune, weiter, „wenn du nicht nach Kairo mitkommst, um mir die Oper zu zeigen, und ich nicht hier bleiben kann, muss dich wohl jemand anders in die Oper begleiten.“
Leslie hatte erblickt, wen er suchte und steuerte zielbewusst auf ihn zu, während Claire gerade protestieren wollte: „Wer sollte mich denn schon be....“
Das Wort „begleiten“ blieb ihr im Halse stecken, denn auch sie sah, wen Leslie sah, und blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr stand – Ardjun! Und Leslie erwiderte ihre Frage in seiner gewohnten Trockenheit:
„Ardjun zum Beispiel!“, und grinste breit über beide Wangen.
Claire und Ardjun starrten sich an, Claire zuerst erschrocken, dann aber schließlich mit einer Weichheit, die Leslie aufatmen und vermuten ließ, dass es damals in Kairo ein ähnlicher Blick zwischen den beiden Liebenden gewesen sein musste.
„Ardjun!“
„Claire...“
Das Eis war binnen wenigen Sekunden gebrochen. Leslie konnte sein Glück gar nicht fassen.
Es läutete zum zweiten Aufzug.
„Wisst ihr was? Ich gehe jetzt mal auf den Platz von Ardjun und überlass euch die vorderen Plätze, ja?“
Leslie entfernte sich ein kleines Stückchen, dann drehte er sich noch einmal um und sah, wie beide Hand in Hand in den Zuschauerraum gingen. Leslie war nun guter Dinge, dass sie sich mehr als zusammenraufen würden. Die Idee mit der Oper hatte funktioniert. Hier schloss sich endlich der Kreis dieser traurigen Episode der Familie Bay. Von nun an würde alles gut werden.
Der Mann, neben den er sich setzte, schaute ihn verwundert an. Im I. Akt hatte doch ein anderer Herr dort gesessen. Leslie fing den Blick ein und stellte sich als dessen Sohn vor.
„Ah, dann kommen Sie also auch aus Ägypten? Ach, ich hatte schon so ein überaus interessantes Gespräch mit Ihrem Vater. Wissen Sie, mein Sohn ist gerade dort, auf Abenteuer- und Schatzsuche! Es soll ja ungeheure Mengen an verborgenen Schätzen und Gräbern geben. Darf ich mich übrigens vorstellen? Ich bin Mr. Henderson...“
Gerade, als der überaus redefreudige Mr. Henderson seinen Namen genannt hatte, wurde es dunkel und Leslie war ganz froh darüber. Der II. Akt begann und der böse Klingsor würde nun den Gralsrittern zu Leibe rücken.

(5. Juli 2008)

Fortsetzung HIER "Epilog"