Ardeth
II (Autorin: Bianca M. Gerlich)
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EXIL
Drei ganze Tage waren sie unterwegs. Zweimal rasteten sie für
wenige Stunden in der Nacht. Ardeth lag die ganze Zeit quer über
das Kamel gebunden, die Handgelenke an den Fußgelenken
gefesselt. Sie nahmen ihn nicht ab, noch nicht einmal in der
Nacht. Wahrscheinlich trauen sie sich nicht, mich zu berühren,
dachte er bitter. Er galt für alle Medjai fortan als vogelfrei
und gewiss scheuten sich die drei Wächter vor einer Berührung.
Sie sollten die letzten sein, die ihn lebend sehen durften. Jeder
andere Medjai-Krieger war dazu verpflichtet, ihn sofort zu töten
falls er überhaupt die Torturen in der Wüste überleben
würde. Er glaubte nicht daran. In den letzten drei Tagen hatten
sie ihm nichts zu trinken oder essen gegeben. Seine Lippen waren
aufgesprungen, sein Gaumen lechzte nach einem Schluck Wasser.
Aber sein Großvater hatte den drei Wachen verboten, ihm irgend
etwas zu geben. Er war zum Sterben verurteilt. Da, wo sie ihn
hinbringen würden, gab es keine Brunnen oder andere
Wasserstellen. Er würde in ein, spätestens zwei Tagen
jämmerlich zugrunde gehen. Wenn ihm die Wachen wirklich etwas zu
trinken gäben, würden sie sein Leiden nur verlängern.
Vielleicht war es besser so, dachte er, bar jeder Hoffnung.
Die drei Medjai waren bestimmt wütend auf ihn. Doch was hatte er
eigentlich getan? Er hatte sich gegen seinen Großvater gestellt
und ihn vor versammelter Festgesellschaft blamiert. Es war zu
früh für ein Aufbegehren, für ein Aufbrechen von Traditionen.
Hätte er nur ausgehalten, hätte er ihr Spiel mitgespielt, dann
hätte er eines Tages vielleicht etwas ändern können. Er machte
sich Vorwürfe, zu vorschnell gehandelt zu haben. Aber hätte er
in der Heiratspolitik nachgegeben, hätte er sich dann je wieder
ruhigen Gewissens im Spiegel anschauen können? Nein, er hatte
einfach nicht anders handeln können. Und damit war er als
Anführer, der er ja einmal werden sollte, nicht geeignet. Ein
Anführer musste diplomatisch sein können. Er war mit der
Wahrheit, so wie er sie empfand, im wahrscheinlich ungeeignetsten
Moment hervorgesprudelt. Aber hätte es einen anderen Moment
gegeben? Hatte er nicht schon zu lange mitgespielt? Gewiss, er
hätte vor gut einem Jahr auf seinem Wunsch bestehen müssen,
Farani zu heiraten. Da waren sie jedoch beide vernünftig
gewesen, hatten verzichtet, weil sie wussten, Leyrah und Ardjun
würden es nie gestatten. Oh, hätten sie doch einfach beide vor
vollendete Tatsachen gestellt! Seine Mutter und sein Vater hatten
es doch nicht anders getan! Vor wenigen Momenten hatte er noch
gedacht, er wäre nicht diplomatisch genug vorgegangen, doch nun
fand er seine besonnene Handlungsweise von damals viel zu
angepasst. Ich mache immer alles im falschen Moment, dachte er.
Arme Farani! Was musste sie leiden!
Kaum ein Geräusch seiner drei Begleiter war in den letzten Tagen
zu ihm gedrungen, auch abends am Lagerfeuer sprachen sie nicht.
Vielleicht waren sie ja nicht einfach nur wütend, sondern auch
bedrückt. Was sollte jetzt aus den Medjai werden? Ein ältlicher
Ardjun an der Spitze, dessen Nachfolger sein Cousin Ismail werden
sollte. Ismail war nicht allzu beliebt bei den meisten Medjai, da
er die fundamentalistischen Überzeugungen seiner Mutter teilte.
Es ist wie im alten Ägypten, dachte Ardeth sarkastisch.
Familienpolitik! Ein Haufen berechtigter Thronprätendenten mit
der entsprechend ambitionierten Verwandtschaft dahinter. Auch
seine Mutter passte in dieses Schema. Er wusste, dass sie ihn
mehr als alles andere liebte, doch in ihrem Bemühen, alles
richtig mit ihm zu machen, hatte sie Opfer von anderen verlangt.
Er fühlte sich so elendig in dieser Lage auf dem Kamel. So
hatten sie ihn vor aller Augen abgeführt. Er hatte sie noch
nicht mal sehen können, wie sie ihn vorwurfsvoll oder traurig
hintergeschaut haben. Das war vielleicht auch besser so. Er hatte
sie alle enttäuscht. Er hätte weinen können, so verzweifelt
war er. Doch er durfte kein Wasser vergießen. Die Wüste würde
es ihn bitter bereuen lassen. Dann fragte er sich, worauf er noch
hoffte. Die Tote Wüste, wohin man ihn bringen
würde, trug zu Recht ihren unheilvollen Namen! Eine Träne fiel
zu Boden...
Nach weiteren endlosen Stunden hielten sie an. Jetzt mussten sie
ihn berühren, denn sie waren am Ziel ihrer Reise. Sie
durchtrennten die Fesseln und hievten ihn zu Boden. Ardeth konnte
sich kaum rühren. Drei Tage in der gleichen Position hatten ihre
Spuren hinterlassen. Sein Nacken schmerzte von einem kräftigen
Sonnenbrand. Er konnte den Kopf kaum neigen. So hörte er, wie
die drei sogleich wieder aufstiegen, um zurückzureiten. Sie
sprachen kein Wort. Wie erbost mussten sie sein! Er schaffte es
gerade noch, den Kopf zu heben, um ihnen einen letzten Blick
zuzuwerfen und er sah Mitgefühl in ihren Augen. Sie
hatten Mitleid mit ihm. Sie waren betrübt, daher keine Worte. Es
war ihnen auch nicht gestattet, ihn anzusprechen. Er musste Luft
für sie sein, so lautete ihre Weisung. Merkwürdig, alle drei
schauten zu ihm hinab, bevor sie endgültig ihre Kamele wendeten
und einer sprach: Allah schütze Euch! Die beiden
anderen wiederholten diese Worte, dann nickten sie ihm zu und
ritten bedrückt von dannen. Ardeth sah ihnen sehr lange
hinterher. Oh, wie gern wäre er mit ihnen zurückgeritten! Es
gab für ihn doch gar kein anderes Leben. Er hatte doch immer nur
unter seinen Leuten gelebt und sich wohlgefühlt. Anderes Leben!
Es gab kein anderes Leben. Es war nur heiß auf dem Wüstenboden,
er musste sich so schnell wie möglich erheben, und das fiel ihm
sehr schwer. Nur mühselig raffte er sich auf und ließ sich so
viel Zeit, wie dafür nötig war, aber nicht mehr. Im Norden
musste es doch einen Pfad geben, aber der war wahrscheinlich zu
weit entfernt. Das würde er nicht schaffen. Wenn nicht ein
Wunder passieren würde, würde er in diesem Teil der Wüste
sterben. Er überlegte für einen Moment, ob er sich nicht
einfach fallen lassen und auf seinen Tod warten sollte. Was hatte
er für einen Sinn, sich durch die Wüste zu schleppen, um dann
doch nur zu sterben? Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, und so
ging er langsam los. Zum Glück hatten sie ihm seine Stiefel
dagelassen, die er anziehen konnte. Sein nackten Sohlen mussten
so nicht den glühend heißen Sand berühren. Er stapfte, so
lange er konnte. Es wurde dunkel. Am besten würde es sein, in
der kühlen Nacht zu wandern, so lange wie möglich. Nach
Mitternacht sank er erschöpft zusammen. Er wusste, er musste
sich ausruhen und in der Morgendämmerung weitergehen. Die würde
nicht lange dauern, dann würde die Sonne wieder unbarmherzig
herniederbrennen. Irgendwie schaffte er es tatsächlich, sich
vier Stunden später zu erheben. Er sah sich um, doch nirgendwo
ein Hinweis auf Wasser. Bei Allah, er hatte so einen großen
Durst. Er konnte noch nicht einmal seine aufgesprungenen Lippen
befeuchten, so trocken war sein Mund. Lange würde er ohne Wasser
nicht mehr aushalten können. Er zog seinen Schesch übers
Gesicht, so dass nur noch die Augen in der bangen Suche nach
Wasser herausguckten. So schleppte er sich stundenlang voran,
doch gegen Mittag brach er zusammen. Er lag einfach nur noch da
im heißen Sand. Die Beine versagten ihm den Dienst. Er krümmte
sich zusammen, um nicht so eine große Fläche zu berühren,
verbarg seinen Kopf ganz in seinen Tüchern und wollte die
größte Mittagshitze verstreichen lassen. Sein Blut schien zu
kochen, so heiß war es. Seine Gedanken waren benebelt, er
fühlte sich völlig erledigt. Woher sollte er nur die Kraft
nehmen, um später wieder aufzustehen? Ach, liegen bleiben und
auf einen schnellen Tod hoffen!
Doch Stunden später erhob er sich mühsam und stolperte weiter,
immer langsamer werdend. Nirgendwo ein Lebenszeichen, kein
Strauch, der davon zeugte, dass es irgendwo Wasser gab.
Er war selbst zu schwach zum Beten, konzentrierte sich darauf,
einen Schritt vor den anderen zu sezten. Das fiel ihm unendlich
schwer, und immer wieder wollte er sich einfach nur fallen
lassen, doch er war noch nicht bereit, sich ganz aufzugeben. So
lange noch ein Fünkchen Kraft in ihm war, so lange hatte er auch
noch Hoffnung! Die zweite Nacht brach an. Er schaffte es diesmal
nicht bis Mitternacht, sondern sackte vorher in den nun
erkalteten Sand. Wie mittags rollte er sich eng zusammen, dieses
Mal, um nicht der Kälte ausgeliefert zu sein. Viel zu spät
erhob sich von seinem armseligen Nachtlager. Die Sonne stand
schon am Horizont. Doch er schaffte es, sich aufzuraffen und
weitere Stunden zu gehen. Längst hatte die Sonne ihren höchsten
Stand erreicht. Die Strahlen schienen sich auf ihn zu
konzentrieren. Es war so grell und gleißend, dass er kaum zu
sehen vermochte. So stolperte er halb blind vor sich hin, ganz
benommen, zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig, denn
sonst hätte er gerastet. Das erwies sich als fatal, denn zwei
Stunden später sackte er abermals zusammen, um dieses Mal nicht
wieder aufstehen zu können. Er hatte einfach keine Kraft mehr.
Sein Körper war wie ausgezerrt. Er wusste, es würde sein Ende
werden. Inshallah, so möge es sein, er ergab sich seinem
Schicksal. Er vernahm eine Weile später, ohne zu wissen, wieviel
Zeit vergangen war, Geschrei am Himmel. Er schaffte es nicht, den
Blick zum Himmel zu heben, seine Augen waren matt zugefallen und
warteten auf die ersehnte Erlösung. Sie würde bald kommen, das
wusste er, als er das Gekreische der Vögel vernahm, die nur auf
seinen Tod warteten, um sich dann auf ihn zu stürzen. Als erstes
würden sie die weichen Augen auspicken. Ardeth hatte immer davon
geträumt, sich eines Tages einen Falken zu zähmen, er liebte
Tiere über alles. Auf einmal fiel ihm seine Ziege Bagi ein. Er
hatte sich nach der langen Zeit in Kairo sehr auf ein Wiedersehen
mit ihr und allen Bekannten und Freunden im 12. Stamm gefreut.
Nie mehr würde er sie sehen! Das Gekreische nahm zu, andere
Vögel waren aufmerksam geworden. Er hatte Angst, furchtbare
Angst zu sterben, und doch wartete er darauf. Niemand war hier,
stand ihm bei, er war allein. Allah ließ ihn im Stich, bestrafte
ihn so wie sein Großvater es vorgesehen hatte. Vielleicht
sind sie mir im Jenseits gnädig... doch auch darauf wagte er
sich kaum Hoffnung zu machen. Er sollte ja eigentlich als Medjai
auch im Jenseits die Unterwelt bewachen, auf dass nichts Böses
aus ihr entweiche. Jetzt war er kein Medjai mehr, waren seine
letzten Gedanken, dann vernahm er nichts mehr. Es war aus. Die
letzte Kraft war aus ihm gewichen.
Doch auch Allah hat seine Engelsschar um sich gesammelt und
schickt wohl ab und zu einen zu den Menschen, um sie zu behüten.
Ardeth hatte einen guten Schutzengel, der ihn in diesem Moment
nicht im Stich ließ.
Bruder Immanuel, wie weit ist es noch bis zum
Kloster?
Das fragst du mich immer wieder, Bruder Josephus, und immer
wieder kann ich dir nur antworten, dich in Geduld zu üben, denn
der Weg ist noch weit.
Aber wie weit, Bruder Immanuel? Wie lange noch?
Bruder Immanuel seufzte. Der jüngere Josephus war manchmal ein
Quälgeist. Nun hatte er seinetwegen schon extra eine Abkürzung
genommen, die nicht ganz ungefährlich war, da dieses das
Territorium eines gefürchteten Beduinenstammes war. Immanuel
hatte abgewogen zwischen dieser Gefahr und den ewigen Quengeleien
von Bruder Josephus. Innerlich bat er den Herrn um Geduld mit dem
jüngeren Bruder, doch manchmal konnte er ihn zur Weißglut
treiben, so antwortete er gereizt:
Was hast du eigentlich im Kloster zu verpassen,
Bruder?
Ich sehne mich nach einem guten Bad, Bruder Immanuel. Diese
Wüste mit all ihrem Sand ist mir nicht geheuer. Ach, wäre ich
doch nach Alexandria gegangen!
Dafür muss man noch länger die Wüste durchqueren, Bruder
Josephus. Und nach Alexandria kommen auch nur auserwählte
Mönche, solche, die sich ganz Gott anvertrauen können und
geduldig sind vor dem Herrn.
Das war ein Seitenhieb auf Josephus' Nörgeleien. Prompt wurde
dieser auch still, aber nicht allzu lange. Zwei Minuten später
wollte er wissen:
Und du bist sicher, dass wir hier nicht überfallen werden,
Bruder Immanuel?
Bruder Josephus, ich habe doch gerade von Gottvertrauen
gesprochen. Außerdem tun diese Beduinen Mönchen nichts zuleide.
Sagt man.
Sicher? Ich möchte nicht von ihnen versklavt werden.
Bruder Josephus, sie würden dich ganz schnell wieder
freilassen, glaube mir.
Josephus war etwas beleidigt und stapfte eine Weile schweigend
neben dem anderen Mönch her. Beide führten einen Esel am Seil.
Doch Josephus war nicht nachtragend oder lange beleidigt, vor
allem nicht, wenn es um seine eigenen Interessen ging.
Könnten wir nicht endlich eine Pause machen? Wir gehen
schon stundenlang.
Wieder seufzte Immanuel.
Wir gehen erst seit drei Stunden. Die Sonne hat noch nicht
ihren höchsten Stand erreicht. Dann erst machen wir
Mittagspause, das weißt du doch, Bruder. Und außerdem willst du
doch schnell zum Kloster. Das geht nicht, wenn wir ständig Pause
machen.
Es ist so heiß, Bruder...
Es nennt sich ja auch Wüste.
Können wir nicht wenigstens auf den Eseln reiten?
Nein, die Esel müssen schon unser ganzes Wasser, unseren
Proviant und unsere neuen Bücher schleppen. Bei Gott, dem
Allmächtigen, Bruder Josephus, jetzt reiß dich mal zusammen! Es
kann doch nicht sein, dass...
Immanuel war so richtig in Fahrt gekommen und wollte gerade
Josephus die Meinung sagen, als sein Wortschwall unterbrochen
wurde. Seine Aufmerksamkeit galt einer kleinen mit Steinen
übersähten Erhebung zur linken Seite. Josephus folgte seinem
Blick.
Was ist, Bruder? Was hast du?
Siehst du nicht die Vögel?
Josephus warf einen weiteren Blick nach links, doch sah nichts.
Welche Vögel?
Da ganz hinten!
Josephus kniff die Auen zusammen und erkannte in vielleicht drei
Meilen Entfernung winzige Punkte am Himmel.
Du hast aber gute Augen, Bruder Immanuel!, staunte er
und ging weiter, während Immanuel stehen blieb.
Was ist, Bruder?
Wo so viele Vögel kreisen, muss etwas ein, Bruder
Josephus. Wir sollten nachsehen.
Josephus wollten einen Einwand erheben, dass es zu viel Zeit
kosten würde, aber dann sann er nach und meinte:
Ja, ein gerade verendetes Tier gibt einen guten Braten
heute Mittag!
Ihm lief das Wasser im Munde zusammen und er setzte sich sogar
eher als sein Bruder in Bewegung. Sie gingen über die Erhebung
und erkannten nun, dass etwas Dunkles auf dem Boden lag.
Ein verirrter Esel?, mutmaßte Bruder Josephus, der
meinte, einen Esel mit dunklem Fell vor sich zu haben.
Nein, ich glaube eher, ein Mensch.
Josephus blieb stehen. Zunächst war er enttäuscht. Kein Braten
heute Mittag. Aber die Enttäuschung machte sofort einer gewissen
Angst Platz.
Es könnte ein Räuber sein! Halt ein, Bruder, geh nicht
weiter!
Ach Unsinn, er braucht unsere Hilfe. Und was gibts
denn hier schon zu rauben? Sand?
Er könnte sich tot stellen, damit wir uns nähern und dann
hat er leichtes Spiel...
Bruder Josephus!, Immanuel drehte sich zu dem
Zurückgebliebenen um. Deine Fantasie geht mit dir durch!
Von uns gibt es doch nichts zu holen! Räuber lesen keine
Bücher. Und jetzt komm endlich!
Ich weiß nicht recht, Bruder Immanuel, zögerte
Josephus, doch trottete dann hinterher. Er hatte Mühe, den
anderen Mönch einzuholen, der seinen Schritt beschleunigt hatte.
Immanuel hatte sich schon zu dem ohnmächtig gewordenen Ardeth
hinabgebeugt, als Josephus endlich ankam.
Hoffentlich kommen wir nicht zu spät!, meinte er
betroffen und versuchte, den Puls zu erfühlen.
Ist das nicht einer von diesen Beduinen? Zieh mal sein Tuch
aus dem Gesicht!
Josephus!, tadelte Immanuel, der gerade andere Sorgen
hatte. Ich fühle kaum seinen Pulsschlag. Aber ich glaube,
es ist noch etwas Leben in ihm. Aber nicht viel... Beeilung,
Josephus! Bau unseren Sonnenschutz auf. Los, schnell! Aber gibt
mir zuerst den Schlauch mit dem Wasser!
Josephus tat wie geheißen, während Immanuel vorsichtig die
aufgesprungenen Lippen von Ardeth befeuchtete, ihm aber noch kein
Wasser einflößte. Er machte ihm auch die Schläfen feucht und
den Puls. Als er ihm dabei das Tuch ganz vom Gesicht zog, warf
ihm Josephus kurz einen Blick zu und schüttelte verärgert mit
dem Kopf.
Seine Kameraden werden kommen und uns töten!
Immanuel hörte gar nicht auf den anderen Mönch, er war damit
beschäftigt, Ardeth zu versorgen. Als Bruder Josephus endlich
den Sonnenschutz aufgebaut hatte ein Tuch, das an vier
Pfosten befestigt war, an zwei Seiten zu Boden hinunterfiel und
gerade mal den beiden Mönchen Platz bot -, fasste Immanuel
Ardeth unter den Achseln und forderte Josephus auf, ihn an den
Beinen zu tragen. So hievten sie ihn unter die Plane. Immanuel
kniete sich daneben und versorgte ihn nun langsam mit Wasser.
Erst befeuchtete er wiederum nur die Lippen, dann nahm er ein
Tuch, tränkte es ihn Wasser und steckte es in Ardeths Mund. Er
umwickelte seine Unterarme und Waden mit weiteren feuchten
Tüchern, während Josephus die Zeit nutzte und das Mittagsmahl
hervorholte. So saßen sie mehrere lange Stunden dort. Josephus
warf immer wieder einen bangen Blick um sich, er befürchtete,
dass jeden Moment Scharen von Beduinenkriegern über sie
herfallen würden. Schließlich wagte Immanuel, Ardeth einen
Schluck Wasser einzuflößeln. Er hielt seinen Kopf in seinen
Armen, damit das Wasser die Speiseröhre hinablaufen konnte.
Seine andere Hand hielt ein feuchtes Tuch, das er auf Ardeths
Stirn presste. Das fließende Wasser bewirkte, dass Ardeth eine
Regung von sich gab. Er bewegte leicht seinen Kopf und schmeckte
mit den Lippen dem Geschmack des Wassers nach. Immanuel strahlte
über das ganze Gesicht.
Ja, frohlockte er, er hat es überstanden. Er
wird wieder zu sich kommen.
Josephus wollte einwenden: Und dann über uns
herfallen, aber er verkniff sich die Bemerkung. Auch er
hielt den fremden Mann für zu schwach, um sie zu bedrohen.
Außerdem schien er keine Waffen zu tragen. Doch er wollte ihn
lieber heute als morgen los sein.
Fein, dann können wir ihn ja jetzt hier lassen, ihm einen
Schlauch Wasser geben und uns verabschieden.
Immanuel sah Josephus verärgert kann. Manchmal kannst du
mich richtig wütend machen, Bruder! Wir können den Armen doch
nicht hier seinem Schicksal überlassen. Er ist viel zu schwach.
Er kann ja noch nicht einmal aufstehen. Wir werden ihn ins
Kloster mitnehmen und dort versorgen, bis er wieder zu Kräften
gekommen ist.
Diesen Beduinen mit ins Kloster nehmen!, rief
Josephus entgeistert. Aber Bruder Immanuel, das ist doch
nicht dein Ernst!
Immanuel unterbrach seinen Bruder einfach: Er wird uns
schon nicht alle darniedermetzeln! Im Gegenteil, er wird uns
dankbar sein. Und jetzt höre auf, dich so aufzuführen. Hier
benötigt ein Bedürftiger unsere Hilfe! Willst du sie ihm
verweigern, Bruder Josephus?
Josephus, in seine Schranken gewiesen, schwieg.
Wir werden jetzt bis zum Abend hierbleiben und ihn
versorgen. Dann geht es weiter.
Josephus musste sich wohl oder übel fügen. Er legte sich hin
und schlief eine Runde. Am Abend hievten sie Ardeth auf einen
Esel, banden ihn fest, damit er nicht hinabfiel. Bruder Josephus
blieb nichts anderes übrig, als einen Teil des Gepäcks nun
selbst tragen zu müssen. Natürlich blieb auch das nicht ohne
Kommentar seinerseits. Doch Immanuel begann eine lange Litanei zu
beten und Josephus musste zwangsläufig mitbeten.
Da du ja heute Nachmittag geschlafen hast, können wir nun
die Nacht durchmarschieren, meinte Immanuel nach dem langen
Gebet.
So pausierten sie erst wieder kurz am nächsten Morgen, um zu
frühstücken, dann aber umso länger unter Mittag. Ardeth wurde
wieder in den Schatten gelegt und versorgt, während Josephus
völlig erschöpft einschlief. Während Immanuel ihm vorsichtig
Wasser einflößte, öffnete Ardeth zum ersten Mal die Augen und
lächelte seinen Engel an. Er wusste, er war nicht
tot, denn das war nicht der Himmel, sondern ein Mönch in der
Wüste, in der er sich immer noch befand. Allah hatte ein Urteil
über ihn gefällt. Sogleich schloss Ardeth die Augen wieder,
denn er war völlig erschöpft. Immanuel aber sprach ein
Dankgebet.
In der Nacht erreichten sie endlich das koptische Kloster. Ardeth
wurde in eine Zelle gebracht und versorgt, während Josephus ein
erfrischendes Bad nahm. Der Abt hatte keine Bedenken gehabt,
Ardeth aufzunehmen und lobte sogar den Einsatz der beiden
Mönche, sich des armen fast Verdursteten angenommen und sein
Leben gerettet zu haben. Immanuel ruhte sich nun auch aus, aber
versorgte Ardeth in den nächsten Tagen auch weiterhin. Manchmal
kamen andere Mönche, um sich den merkwürdigen Fremden
anzuschauen. Sie hatten ihn entkleidet und alle seine
Tätowierungen gesehen. Sein Gewand hatten sie gereinigt und
über einen Stuhl gehängt.
Er ist nun schon zwei Tage hier und kommt einfach nicht zu
sich, kommentierte Immanuel leicht verzweifelt. Bruder
Anastasius stand hinter ihm.
Nur Gott weiß, was ihm wiederfahren ist, Bruder.
Ja, sein Körper ist sehr schwach, aber ich finde, er sieht
so traurig aus. Vielleicht hat er keine Lebenskraft mehr.
Hm, überlegte Anastasius, er ist nicht
überfallen worden, denn er hat keine Verletzungen. Ich möchte
mal wissen, warum er da so allein und halb verdurstet in der
Wüste war.
Er scheint noch jung zu sein.
Sollten wir seinen Leuten nicht eine Nachricht zukommen
lassen, dass er hier ist und sie ihn abholen können? Vielleicht
machen sie sich Sorgen um ihn.
Wir wissen nicht, wo wir sie finden können. Ach, Bruder
Anastasius, ich hoffe, dass er bald zu sich kommt, gesund wird
und selbst nach Hause gehen kann. Einige Mönche haben auch Angst
vor diesen Beduinen.
Warum trägt er alle diese altägyptischen Zeichen? Er ist
doch ein Moslem, nicht wahr?
Naja, wir sind hier in Ägypten, Bruder. Und gerade in
ländlichen Gebieten haben die Menschen viel von ihren alten
Sitten behalten, obwohl sie alle den Propheten Mohammed verehren.
Vielleicht geht es diesen Wüstenbewohnern genauso.
Ich wüsste zu gern, was diese Zeichen bedeuten. Ob er es
uns sagen wird?
Ich schätze, das weiß der junge Mann hier selbst auch
nicht. Es wird eine alte Tradition bei seinem Volk sein. Ich
fürchte, da müssen wir einen Ägyptologen fragen, und den haben
wir gerade nicht zur Hand.
Ich werde ein Blatt Papier holen und diese Zeichen in
seinem Gesicht abmalen. Wer weiß? Vielleicht ergibt sich ja die
Gelegenheit und ich treffe mal einen Ägyptologen.
Immanuel lächelte still in sich hinein. Er war amüsiert über
den Wissensdurst des jungen Mönchs Anastasius. Es dauerte auch
nicht lange, bis der zurückkehrte und sich dran machte, Ardeths
Hieroglyphen abzumalen.
Wenn du sowieso eine Weile hierbleibst, dann kann ich ja
mal gehen und nach dem Vieh sehen.
So verabschiedete sich Immanuel und ließ den jungen Mönch und
Ardeth allein.
Als Anastasius sämtliche Gesichtstätowierungen abgezeichnet
hatte, zog er das Laken zur Seite, um die Tätowierungen an den
Armen sehen zu können. In diesem Moment wurde Ardeth wach,
bewegte seinen Kopf und öffnete langsam die Augen. Er sah
Anastasius an, der nicht wusste, was er manchen sollte.
Ähm... guten Morgen..., meinte er verlegen auf
Arabisch und hoffte, dass der Beduine der Sprache mächtig war.
Leider erwiderte Ardeth nichts, also versuchte Anastasius es auf
Koptisch. Ardeth lächelte leicht bei diesen Worten. Sie klangen
dem Altägyptischen sehr ähnlich.
Guten Morgen, erwiderte er, aber auf Arabisch.
Anastasius war erleichtert.
Durst?, wollte er wissen.
Ardeth nickte und stützte sich mit den Armen auf, während
Anastasius einen Becher mit Wasser füllte und ihm reichte. Als
Ardeth den Becher zurückreichte, fiel sein Blick auf das Blatt
Papier, das nun auf dem Bett lag. Anastasius war es sichtlich
unangenehm. Er nahm schnell das Blatt an sich und brabbelte eine
Entschuldigung vor sich hin. Er sei so neugierig und interessiere
sich für die alte Schrift und wollte jemanden fragen, was die
Zeichen bedeuten. Ardeth lächelte immer noch, er nahm es dem
jungen Mann nicht übel, dass er seine Zeichen heimlich abgemalt
hatte. Noch vor 150 Jahren hätte kein Medjai einem Fremden
erzählt, was da auf der Stirn und am Körper geschrieben stand,
aber seit Champollion die Hieroglyphen entziffert hatte, war es
kein Geheimnis mehr.
Da steht Unterwelt auf meiner Stirn geschrieben,
erzählte er dem verblüfften Mönchen.
Du kannst Hieroglyphen lesen?, fragte er nach, weil
er es nicht glauben konnte. Beduinen galten im Allgemeinen als
nicht besonders gelehrt.
Ja, bestätigte er.
Anastasius fühlte sich mutig genug, die Gelegenheit zu
ergreifen.
Ich habe vor kurzem eine Scherbe in der Wüste gefunden. Da
stehen so merkwürdige Zeichen drauf. Kann ich sie dir vielleicht
einmal zeigen? Vielleicht kannst du sie ja lesen?
In Ordnung.
Warte!
Und schon war Anastasius zur Tür hinaus und vergaß vor lauter
Begeisterung den Gast zu fragen, ob er Hunger oder einen anderen
Wunsch hatte . Es dauerte auch nicht lange, da war er auch schon
zurück. Ardeth hatte sich inzwischen aufgesetzt und lehnte mit
dem Rücken an der Wand, an der die Kopfseite seines Bettes
stand. Er hatte sich umgesehen und festgestellt, dass er sich in
einem sehr kleinen und spartanisch eingerichtetem Raum befand.
Das hier ist ein koptisches Kloster, nicht wahr?,
fragte er Anastasius.
Ja, stimmt, erwiderte der junge Mann schnell und
reichte Ardeth die Scherbe, die recht klein war.
Ah, meinte Ardeth, diese Schrift ist eine
Vereinfachung der Hieroglyphen. Die Wissenschaftler bezeichnen
sie als hieratisch.
Und kannst du es lesen?
Es ist eine Übung von Schülern. Sie haben diese Scherben
verwendet, um nicht das kostbare Papyrus für ihre
Schreibversuche zu verschwenden. Zerbrochene Krugscherben wurden
häufig stattdessen genommen. Das hier scheint ein Gedicht zu
sein. Da steht: Wenn Hapi gnädig ist und das Wasser das Land
fluten lässt, wächst der Ammer so wie meine Liebe zu dir
beständig wächst. Lass unsere Liebe Früchte tragen. Sei du das
Land, in das ich meinen Samen pflanzen darf.
Der Mönch wurde leicht rot.
Der Schüler hat es vielleicht für seine Freundin
geschrieben, meinte Ardeth. Es ist ja nicht sehr
anspruchsvoll. Der Schüler scheint noch sehr jung gewesen zu
sein.
Er reichte Anastasius die Scherbe zurück, der sich nun fast
scheute, die Scherbe zu nehmen. Eins wollte er aber noch wissen.
Wer ist denn wohl Hapi? Der Vater der Jungen, der so
verliebt ist? Oder der Vater der Freundin?
Nein, Hapi ist die Nilgottheit.
Achso!
Sein Wissensdurst fürs erste befriedigt, fiel Anastasius ein,
dass er vielleicht dem Abt und Immanuel Bescheid geben sollte,
dass der Fremde erwacht ist. Er verabschiedete sich schnell von
Ardeth, nahm seine Scherbe aber mit, denn kein anderer Mönch
sollte von dem etwas erotischen Gedicht erfahren, und traf
Immanuel im Hof, der sichtlich erfreut war und sogleich zu Ardeth
eilte. Der erkannte in ihm seinen Lebensretter und bedankte sich
von Herzen.
Sie haben mir mein Leben gerettet, sprach er ihn
förmlich an, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken
kann. Ich besitze ja nichts, außer, was ich am Leib trage.
Es war selbstverständlich und meine Christenpflicht,
wehrte Immanuel ab. Anastasius war mitgekommen und stand nun
etwas beschämt an der Tür. Der Fremde sprach so förmlich und
er hatte ihn zuvor gedutzt. Nun trat auch der Abt ein und stieß
dabei gegen Anastasius. Er sah den jungen Mönch verwundert an,
der schnell den Kopf senkte und sich davonmachte, um wieder an
seine Arbeit zu gehen.
Wie geht es ihm?, wandte sich das Abt an Immanuel.
Gut, denke ich. Und er stellte Ardeth den Abt als den
Obersten des Klosters vor. Der Abt nickte streng und fragte dann
Ardeth direkt: Und wer bist du?
Nun war es Immanuel etwas peinlich, dass der Abt Ardeth duzte,
aber der ließ sich nichts anmerken und beantworte höflich die
Frage:
Mein Name ist Ardeth Bay. Ich bin ein Bedja-Beduine
und... Sollte er die Wahrheit sagen oder eine Geschichte
erfinden, dass er sich verirrt habe? ...und ich bin aus
unserem Stamm ausgestoßen worden. Ich sollte in der Wüste
sterben.
Der Abt sah Immanuel ernst an. Hatten sie sich Ärger
eingehandelt, indem sie dem Fremden geholfen haben?
Und wenn deine Leute feststellen, dass du nicht tot
bist?, hakte der Abt nach.
Es war ein Gottesurteil. Sie haben mich in der Wüste
ausgesetzt. So wie es aussieht, bin ich dank Allahs Hilfe und
natürlich der Ihrer beiden Mönche am Leben.
Immanuel wuchs um zehn Zentimeter in die Höhe. Der Abt ließ
sich nicht beirren und fuhr fort:
Dann kannst du ja unbehelligt nach Hause kehren, nicht
wahr?
Nein, leider nicht. Mein... unser Anführer hat mich,
sollte ich überleben, für vogelfrei erklärt.
Und wenn sie dich hier finden, droht uns dann Gefahr?
Werden sie sich rächen? Du solltest ja offensichtlich sterben
für irgendwelche Missetaten, die du begangen hast. Es
gefiel dem Abt ganz und gar nicht, einen Verbrecher aufgenommen
zu haben, denn wofür sonst sollte man eine so harte Strafe
erhalten, wenn nicht für ein Verbrechen?
Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Auch wenn meine Leute
wissen, dass ich hier bin oder hier war, werden sie Ihnen nichts
zuleide tun. Er neigte traurig den Kopf. Durch diese
Diskussion war ihm seine ganze traurige Geschichte wieder ins
Bewusstsein gerufen worden und Immanuel ahnte inzwischen, warum
die Lebenskraft dieses jungen Mannes so lange erlahmt gewesen
war. Ardeth schluckte, dann sah er den Abt entschlossen an.
Wenn Sie wünschen, werde ich sofort das Kloster
verlassen.
Nein, das geht nicht!, intervenierte Immanuel.
Sie sind noch viel zu schwach!
Der Abt überlegte eine Weile, dann entschied er: Ja,
Bruder Immanuel hat recht. Du musst erst wieder richtig zu
Kräften kommen. In der Zwischenzeit werde ich für deine Seele
beten. Er verließ die Zelle.
Bruder Immanuel sah ihn verwundert hinterher. Dann drehte er sich
zu Ardeth um.
Bitte sehen Sie es ihm nach. Er hat wohl, wie viele von
uns, ein wenig Furcht vor...nunja... den Beduinen dieser
Wüste.
Ich versichere Ihnen, sie werden Ihnen nichts tun.
Und es tut mir leid, dass er Sie so... von oben herab
behandelt hat.
Ich habe schon gemerkt, dass die Mönche mich nicht
einordnen können. Ardeth dachte an den jungen Anastasius
und lächelte. Dann wurde er wieder ernst. Ich werde morgen
das Kloster verlassen, dann werde ich stark genug sein.
Morgen schon? Aber das ist viel zu früh!
Ich sollte so schnell wie möglich diese Gegend
verlassen.
Immanuel bedauerte diese Entscheidung. Er versorgte Ardeth mit
Nahrung und Wasser und wäre gern in seiner Zelle geblieben, doch
der Abt ließ ihn zu sich rufen. Ardeth ahnte den Grund.
Vermutlich war der Abt sehr beruhigt, als er von Ardeths
Entscheidung hörte. Ein anderer Mönch, den Ardeth zuvor noch
nicht gesehen hatte, brachte ihm am Abend zu essen und trinken,
dann fiel er in einen langen Schlaf, denn er war noch sehr
erschöpft.
Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Das Frühstück
wurde Ardeth bereits vor der Morgendämmerung gebracht. Er zog
gleich nach dem Mahl sein Gewand an und schnallte den Gürtel
sehr eng. Bruder Immanuel kam zu ihm, sichtlich traurig.
Sie hätten noch Ruhe gebraucht!, warf er Ardeth
besorgt vor.
Nein, ich fühle mich wirklich stark genug, lächelte
Ardeth ihn an. Ich weiß, dass ich mein Leben in erster
Linie Ihnen zu verdanken habe, und dafür möchte ich Ihnen noch
einmal herzlich danken.
Er nahm den überraschten Mönch in seine Arme und drückte ihn
herzlich. Immanuel musste aufpassen, dass ihm die Tränen nicht
über die Wangen laufen würden.
Und versichern Sie Ihrem Vorgesetzten, dass Ihnen hier
nichts geschehen wird. Man sucht nicht nach mir.
Ähm... ich möchte ja nicht neugierig erscheinen, aber...
warum hat man Sie eigentlich bestraft?
Ich habe nicht gehorcht, erwiderte Ardeth schlicht
und der Mönch schaute ihn verwundert an.
Das ist alles? Die Frage klang nicht nach Verhör,
sondern nach Verwunderung über die Strenge der Strafe.
Ich bin ein Krieger, Bruder Immanuel. Meine Stärke sollte
in meiner Loyalität liegen. Krieger, die nicht gehorchen
können, werden normalerweise hingerichtet. Und eigentlich sollte
das auch zunächst mit mir geschehen, bis es jemand verhindert
hat und die Strafe in ein Gottesurteil umgewandelt worden ist.
Daher bin ich auch ausgestoßen worden. Ich bin... meines Volkes
nicht mehr würdig.
Wissen Sie, Sie machen mir nicht den Eindruck, als ob Sie
wirklich Schuld an allem sind.
Ardeth sah ihn verwundert an, und der Mönch fügte hinzu:
Sie wirken sehr, sehr unschuldig und ... sehr rein im
Herzen.
Ardeth senkte den Blick. Und doch, murmelte er
betrübt, habe ich großes Unrecht getan. Sie
überschätzen mich, Bruder Immanuel. Ich habe die Strafe
verdient, mehr noch. Ich habe mein Volk schmählich im Stich
gelassen.
Verzeihen Sie, aber Sie wirken noch sehr jung. Man hätte
Ihnen aufgrund Ihrer Jugend verzeihen können, Sie anders
bestrafen können, wenn es schon sein muss. Aber so eine
unbarmherzige Strafe! Weiß man in Ihrem Volk nicht, dass die
Jugend manchmal vorschnell Dinge tut, vorschnell Worte sagt? Aber
ich habe ja kein Recht zu urteilen, ich kenne Ihre Geflogenheiten
nicht.
Ardeth wusste nicht so recht, was er auf diesen Gefühlsausbruch
erwidern sollte. Natürlich konnte Immanuel die Tragweite von
Ardeths Handlung nicht ermessen.
Bruder Immanuel, sprach er, ich wäre der
nächste Anführer meines Volkes geworden und hatte somit
Vorbildfunktion. Ich hätte das, was ich getan habe, vorher gut
überdenken sollen, bevor ich bewusst ungehorsam geworden bin.
Die Todesstrafe wäre nur angemessen gewesen.
Bruder Immanuel öffnete erstaunt den Mund, sprach aber nicht. Er
hatte eine Ahnung, dass dieser mysteriöse Beduinenstamm sehr
viele Menschen umfasste.
Verzeihen Sie, Bruder Immanuel, nutzte Ardeth das
vorübergehende Schweigen des Mönchs, ich muss jetzt
gehen, bevor es zu heiß wird. Ich habe einen langen Weg vor
mir.
Selbstverständlich, brachte Immanuel immer noch
irritiert hervor. Während er Ardeth nach draußen in den Hof
begleitete, wollte er aber wissen: Wohin werden Sie denn
nun gehen?
Ich muss das Land verlassen. Das geht am besten im Norden.
Ich werde den Nil flussabwärts reisen. Vielleicht werde ich
jemanden in Kairo um Hilfe bitten, denn ich besitze kein
Geld.
Wir haben etwas für Sie, junger Mann. Vielleicht hilft es
ein bisschen weiter.
Er ließ sich von einem Novizen einen kleinen Sack und einen
Schlauch aus Ziegenleder reichen.
Hier ist Proviant drin, Ardeth. Und hiermit, er
reichte ihm drei Münzen, kommen Sie vielleicht leichter
nach Kairo. Es ist wirklich nicht viel. Leider können wir Ihnen
nicht mehr geben.
Ardeth hatte mitbekommen, dass die Mönche in Armut lebten und
wusste, dass es wirklich viel Geld für sie war.
Ich danke Ihnen sehr dafür, Bruder Immanuel, Ihnen allen
hier! Ich werde versuchen, es Ihnen zurückgeben zu lassen.
Nein, es ist ein Geschenk!
Inzwischen waren sie am Tor angekommen. Hier standen vier
Mönche, darunter auch Josephus und Anastasius. Ardeth umarmte
die beiden herzlich, verabschiedete sich und entfernte sich vom
Kloster.
Der Weg zum Nil war weit, und Ardeth hoffte, keinen Medjai
unterwegs zu treffen. Auf dem Weg nach Osten musste er durch das
Stammesterritorium vom 2. oder 3. Stamm. So wanderte er
hauptsächlich in der Nacht und verbarg sich am Tag, rastete an
Stellen, die Schutz boten.
Er hatte Glück und erreichte unbemerkt das Ufer des Nils.
Wahrscheinlich dachten seine Leute, dass er tot wäre. Mit
Sicherheit suchten sie nicht nach ihm, das war sein Vorteil. Er
bat einen Fischer, der nilaufwärts fuhr, ihn mitzunehmen. Sie
erreichten den ersten Katarakt und den neuen Staudamm von Süden
her. Hier ging Ardeth an Land. Er schlich sich nachts in den Ort
Aswan und mietete sich für sein Geld eine Feluke samt Kapitän,
der ihn nach Kairo brachte. Seinen Schlauch hatte er an einem
Brunnen mit Wasser gefüllt. Sein Proviant würde nicht ganz
reichen, aber er hatte kein Geld mehr. Der Kapitän, der
natürlich ein gutes Geschäft mit dem unbedarften Ardeth gemacht
hatte, hatte aber Mitleid und besorgte für sie beide
zwischendurch Brot und Datteln. So erreichten sie nach knapp drei
Wochen Kairo. Ardeth hatte längst einen Plan gemacht, wie es
hier für ihn weitergehen würde. In Memphis waren Medjai
stationiert und er musste sich heimlich durch die Stadt bewegen,
aber er wollte unbedingt seinen Onkel Leslie treffen. Dieser war
nicht initiiert und damit auch nicht verpflichtet, ihn zu töten,
davon mal abgesehen, dass sich Leslie sowieso darüber
hinweggesetzt hätte. Außerdem verfügte Leslie über das Geld,
das seine Mutter ihm zukommen ließ. Er konnte Ardeth also
helfen, außer Landes zu reisen. Und außerdem hatte Ardeth eine
ganz leise und bange Hoffnung, dass Ardjun ihm inzwischen
vergeben hätte und Leslie ihm die freudige Mitteilung
überbringen würde, dass er zurückkehren dürfte. Unterwegs
hatte Ardeth viel nachgedacht, auch darüber, dass nun Ismail der
Anführer der Medjai werden würde, ein Gedanke, der Ardjun immer
zuwider gewesen war. Vielleicht hatte der alte Mann sich ja
inzwischen besonnen...
Es gab nur ein Problem: Auch die Villa von Leslie wurde von
Medjai bewacht. So legte sich Ardeth vor dem Eingang zur
Bibliothek des Museums auf Lauer, Leslies Arbeitsplatz, wenn er
im Museum zu tun hatte. Nach zwei Tagen Ardeth hatte schon
entsetzlichen Hunger entstieg Leslie einer Limosine. Er
trug einen westlichen Anzug, die Haare waren inzwischen nicht
mehr ganz so lang, aber reichten noch bis auf die Schultern und
waren aber sehr gepflegt. Unter dem Arm hatte er eine Art
Aktenkoffer geklemmt. Leslie hatte also einen offiziellen Termin,
denn ansonsten trug er keinen Anzug, sondern lief sehr lässig
amerikanisch herum, wobei ein brauner Stetson-Hut nicht fehlen
durfte. Ardeth eilte zu ihm hin, noch bevor er das Gebäude
erreichen konnte.
Leslie, dem der Anblick von Medjai-Krieger nichts Ungewohntes
war, runzelte dennoch die Stirn, denn warum stürzte einer der
Krieger so auf ihn zu? War etwas geschehen? Musste ein
Schwarzmarkthändler dingfest gemacht werden? Das passte ihm
heute gar nicht, dachte er, als der Medjai ihn erreicht hatte.
Doch als dieser sein Gesichtstuch lüftete, stieß Leslie völlig
überrascht hervor:
Ardeth! Du lebst!
Er ließ vor Schreck und Freude seinen Koffer fallen und umarmte
seinen Neffen unter Tränen. Leslie wollte ihn gar nicht mehr
loslassen. Er hatte nach der Nachricht über Ardeths Bestrafung
seinen Vater einmal mehr verflucht.
Ardeth! Ardeth!, gab er immer wieder von Freude
überwältigt von sich.
Doch Ardeth war auf diesen Moment vorbereitet, wenn auch er
gerührt war von der Wiedersehensfreude.
Onkel Leslie, nicht hier! Lass uns irgendwo heimlich
treffen! Schnell, nenne mir einen Ort, damit ich wieder
untertauchen kann, bevor mich jemand sieht!
Ja, ja, stammelte und überlegte Leslie zugleich,
einen Ort... hm, ich werde heute Mittag abgeholt. Hast du
die Limosine gesehen, mit der ich gekommen bin?
Ja.
Gut, mit dem gleichen Auto hole ich dich ab. Sei um zehn
nach zwölf Uhr auf der Rückseite des Museums. Da steht so ein
großer Baum. Dort hält das Auto, du musst dann sofort hinten
einsteigen. Alles klar?
Ardeth nickte und verschwand. Leslie sah ihm hinterher und ihm
fiel trotz Ardeths weiten Gewandes auf, wie mager Ardeth geworden
war. Er schüttelte voller Unverständnis über seinen Vater mit
dem Kopf und betrat das Gebäude.
Ardeth tauchte für die nächsten Stunden am benachbarten Nilufer
unter. Sein Onkel hatte ihn nicht einfach ins Museum mitnehmen
können. Das bedeutete, dass Ardjun nicht nachgegeben hatte. Aber
bald würde er mehr erfahren. Er wartete bereits seit einer
halben Stunde verborgen hinter dem Baum, als endlich die Limosine
angefahren kam und er schnell zur Straße schritt und hinten
einstieg. Dort saß bereits sein Onkel. In dem Auto befand sich
nur noch der Fahrer. Er war zwar kein Medjai, aber da er durchaus
Verbindungen zu ihnen haben konnte er war nun mal der
Privatchauffeur von Lord Leslie Manson Bay blieb Ardeth
verhüllt und sprach nicht. Leslie verstand und teilte Ardeths
Bedenken.
Mr Raschid, fahren Sie uns zur Großen Pyramide.
Der Fahrer würde denken, Leslie hätte dort eine Mission zu
erfüllen, wie so oft, wenn er mit diesen Wüstenkriegern
unterwegs war. Ardeth vertraute auf den Plan seines Onkels, denn
Leslie war ein kluger Mann, der auch viel in Kairos Unterwelt
unterwegs sein musste, um alte Artefakte wieder zu beschaffen. Er
wusste, dass sein Onkel mehrere Identitäten hatte. Offiziell war
Leslie im Museum angestellt und verkehrte in höheren Kreisen,
bei britischen Offizieren und europäischen und amerikanischen
Gesandten. Auch stand er immer noch in Kontakt mit der
Universität in Boston, wo er einst studiert hatte. Er galt als
Gelehrter, der von gewissen Kreisen hofiert wurde, zumal er auch
Kontakt zur ägyptischen Elite pflegte. Für die Bays war er
eigentlich ein Glücksfall, auch wenn er nicht den traditonellen
Weg eines Bay-Erbens gegangen war. Daher legte sein Vater Wert
darauf, dass Leslie im Lande blieb, gerade jetzt in Kriegszeiten,
in denen man zwischen die britischen und türkischen Fronten
geraten könnte, seit die Briten vor einem Jahr verkündet hatte,
dass Ägypten ihr Protektorat sei, das Land aber eigentlich immer
noch nominell dem Osmanischen Reich angehörte, das jedoch seinem
Untergang geweiht war. Kurzum, Leslie war ein vielseitig
versierter Mann, der mit Intelligenz auch diese Situation würde
lösen können. Vor der Cheops-Pyramide stiegen sie aus. Leslie
erklärte dem Fahrer, er würde seine Dienste heute vermutlich
nicht mehr benötigen und gab ihm frei. Ardeth sah sich
ängstlich um, ob irgendwelche Medjai in der Nähe waren, doch er
konnte keine in schwarz gekleidete Gestalten unter den Touristen,
Verkäufer und Wachmannschaften ausmachen. Schon hatte Leslie ein
Taxi herangewinkt. Sie stiegen ein und Leslie nannte ein neues
Ziel. Die Limosine war schon nicht mehr zu sehen. Sie fuhren in
den Teil, wo die europäische Oberschicht wohnte. Villa stand an
Villa, stets mit gepflegten Gärten davor.
Warum sind so viele Soldaten hier?, erkundigte sich
Ardeth, der früher schon in diesem Viertel gewesen war und sich
über die Anwesenheit so vieler bewaffneter britischer Offiziere
wunderte.
Der britische Geheimdienst hat erfahren, dass die Deutschen
versuchen, die Ägypter zum Aufstand zu bewegen. Sie stacheln sie
damit auf, sie würden jahrelang von den Briten unterdrückt
worden sein und sollen sich gemeinsam mit den Türken gegen die
Briten und die anderen Mächte der Entente erheben. Nun fürchten
die Briten, dass einige fundamentalistische Gruppierungen zum
Aufstand gegen die Briten blasen.
Und die Briten bleiben hier wohnen?
Ja, die meisten wissen nichts von der Bedrohung. Sie
denken, die Wachen seien hier wegen des Krieges allgemein
stationiert, um Präsenz zu zeigen. Den meisten ist noch nicht
mal aufgefallen, dass es mehr sind als sonst. Es haben nicht alle
deinen geübten Krieger-Blick, mein Junge, scherzte Leslie,
der jeder ernsten Situation etwas Lustiges abzugewinnen
versuchte.
Dieser Krieg tobt also immer noch in Europa?
Ja, vor kurzem hat es eine große Schlacht in Frankreich
gegeben. Die Deutschen sind sehr gut bewaffnet. Wären sie nicht
in Belgien eingefallen, hätten die Briten sich neutral halten
können.
Dann wären viele ägyptische Soldaten vermutlich nach
Konstantinopel abkommandiert worden. Und der Vize-König hätte
wieder ein begehrliches Auge auf unsere Krieger geworfen.
Leslie sah Ardeth erstaunt an: Sag bloß, dir gefällt
dieses britische Protektorat?
Im Ernst, Onkel Leslie, wir haben doch dieses Protektorat
de facto schon seit nunmehr 30 Jahren. Da hat sich doch nichts
geändert. Und solange nicht wieder dieser türkische Sultan
unsere Soldaten einsetzt, ist es mir lieber. Außerdem
vielleicht wird sich bald etwas ändern, wer weiß? Wenn zwei
sich streiten, freut sich der dritte.
Ha, zu schade, dass der Khedive nun leider nicht die
Gelegenheit hat, mir dir darüber zu diskutieren! Ich bin mir
sicher, er würde deinen Rat schätzen. Du wärst ein Lord Bay
geworden, wie es lange keinen gab!
Und damit waren sie beim Thema. Aber Ardeth wollte nicht
unbedingt im Taxi mit seinem Onkel über die verfahrene Situation
sprechen. Leslie stellte mit Erstaunen fest, dass Ardeth immer
noch an der politischen Situation seines Landes interessiert war,
obwohl eigentlich andere Probleme für ihn im Vordergrund stehen
mussten. Er saß hier heruntergekommen und halb verhungert neben
ihm, verbannt und verstoßen, und sprach doch über Ägyptens,
nicht seine Zukunft. In diesem Moment fuhr das Taxi durch einen
großen gemauerten Rundbogen, die Einfahrt zu einer großen
Villa. Der Taxifahrer hielt kurz, gab der Wache am Eingang
Auskunft über den Fahrgast und durfte passieren. Ardeth erkannte
die Villa des amerikanischen Botschafters. Sie stiegen aus und
betraten die Halle. Ein Diener im Livree wies sie zu einem
gepolsterten Sofa, sah allerdings mit Unbehagen Ardeth hinterher.
Leslie erkundigte sich nach dem Botschafter, der zum Glück zu
Hause war. Es dauerte nicht lang und er begrüßte sie in der
Empfangshalle. Er umarmte Leslie herzlich. Sie waren gute
Freunde.
Marcus, meinte Leslie nach der Begrüßung,
darf ich dir meinen Neffen Ardeth vorstellen?
Ardeth Bay? Der Botschafter warf einen neugierigen
Blick Ardeth zu. Er hatte bereits von ihm gehört. Dem
designierten Erben von Ägyptens Süden?
Er schüttelte Ardeth herzlich die Hände und musterte ihn
weiterhin von oben bis unten.
Was ist denn mit Ihnen geschehen? Hat man Sie
überfallen?
Nein, Marcus, erwiderte Leslie anstelle von Ardeth.
Er ist auf der Flucht vor seinen Verwandten. Aber nicht vor
mir! Und ich benötige mal wieder deine Hilfe!
Wie? Flucht vor seinen Verwandten?
Vor Lord Ardjun Bay, meinem sehr verehrten Vater, der ihn
verbannt hat.
Der Botschafter sah von Leslie zu Ardeth und wieder zurück.
Mein Güte!, brachte er hervor. Wieso weiß
unser Geheimdienst noch nichts davon?
Weil der Geheimdienst der Bedja besser ist, neckte
ihn Leslie und wurde dann wieder ernst. Kann er vorerst
für eine Weile bei dir bleiben? Er muss sich versteckt halten,
sonst machen sie ihn einen Kopf kürzer. Dann sah er Ardeth
an und meinte: T'schuldigung.
Ardeth kannte die saloppe Art seines Onkels. Eigentlich liebte er
sie und er nahm es ihm nicht krumm, so über ihn zu sprechen.
Alles, was du willst, Leslie!, erklärte sich der
Botschafter einverstanden. Hm, der junge Mann möchte sich
sicherlich ausruhen und etwas essen. Wollen wir zusammen speisen?
Ist ja Mittagszeit und ich lasse mal ein kleines Lunch auftragen.
Währenddessen kann er sich frisch machen. In Ordnung?
Ardeth hatte während der ganzen Zeit noch nichts gesagt,
bedankte sich jetzt aber für die Hilfe. Der Botschafter rief
einen Diener, der Ardeth zu einem Gästezimmer bringen sollte.
Leslie ging Ardeth hinterher und meinte zu seinem Freund:
Ich muss noch mit ihm reden, habe ihn auch gerade erst
getroffen und bin heilfroh, dass er noch lebt. Marcus, ich
erzähle dir die ganze Geschichte nachher!
Freu mich schon drauf!, rief er den beiden hinterher.
Als der Diener die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, waren sie
endlich allein. Leslie umarmte seinen Neffen abermals.
Dass du lebst!, sprach er gerührt.
Ardeth war unfähig, etwas zu erwidern. Leslie löste die
Umarmung und sah ihn an. Ardeths Gesicht sprach Bände: Sein
Blick war tieftraurig, er neigte den Kopf nach unten. Leslie
ahnte, dass Ardeth sich selbst die Schuld an allem gab.
Ich bin so froh, dass du lebst! So froh, Ardeth! Mein Gott,
wie hast du es geschafft? Du wurdest doch in der Wüste
ausgesetzt.
Mönche haben mich gerade noch rechtzeitig gefunden und
gepflegt. Ardeth setzte sich auf einen der drei Stühle,
die um einen Tisch mit elegant geschwungenen Holzbeinen gestellt
waren. Ich bin nilabwärts mit einer Feluke hierher nach
Kairo gekommen. Ich... ich wusste nicht, an wen ich mich wenden
konnte... verzeih, dass ich dich da mit hineingezogen
habe...
Ardeth!, sprach Leslie vorwurfs- und gleichzeitig
liebevoll. Ich werde dir immer helfen! Du ahnst ja nicht,
wie wütend ich auf meinen Vater war, als ich gehört habe, was
er dir angetan hat!
Sichtlich immer noch wütend ließ sich Leslie auf einen anderen
Stuhl fallen. In dem Moment ging die Tür auf und eine
ägyptische Hausangestellte brachte eine leere große Schüssel,
darin stand ein Krug mit Wasser. Ein Handtuch hing ihr über den
rechten Arm. Sie stellte alles auf den Tisch. Ardeth und Leslie
schwiegen, in Gedanken versunken, aber Leslie bedankte sich bei
ihr, als sie sich anschickte, den Raum zu verlassen. Ardeth
starrte auf den Krug und wagte nicht, Leslie anzuschauen, als er
ihn leise und bangend fragte:
Und... Ardjun? Hat er mir vielleicht... in der
Zwischenzeit... also... hat er mir vielleicht vergeben?
Nein, Ardeth, antwortete Leslie ebenso leise.
Tut mir leid.
Ardeth zitterte der Unterkiefer. Er schluchzte tief, riss sich
aber zusammen und fragte leise:
Und wenn ich eine Weile warte, würde sich sein Zorn dann
vielleicht legen?
Er sah Leslie bangend an. Der musste nun seinerseits schlucken,
bevor er antworten konnte.
Nein, Ardeth. Du musst außer Land gehen. Es ist viel zu
gefährlich für dich. Gut, niemand weiß, dass du noch lebst,
aber jetzt bist du eine Weile in Kairo gewesen, mit mir zusammen,
und wer weiß, vielleicht hat uns doch jemand beobachtet. Ich
traue meinem Vater durchaus zu, dass er mich beschatten lässt,
denn er weiß, dass du bei mir Hilfe suchen würdest, wenn du das
Gottesurteil überlebt haben solltest. Nun, immerhin können sie
deinen Leichnam nicht gefunden haben. Ardeth, wir sollten nichts
riskieren. Dein Großvater ist immer noch sehr wütend auf dich.
Und er hat einen unbeschreiblichen Dickkopf. Ich will dich nicht
auch noch mit meinen Problemen belasten, aber auch ich habe
seinen Willen zu spüren bekommen.
Du?, fragte Ardeth erstaunt nach. Leslie galt als
einziger relativ immun gegenüber Ardjun.
Ja, stockte Leslie etwas, und Ardeth ahnte, dass es
ihm sehr zu Herzen ging. Vor drei Wochen habe ich die
Nachricht erhalten, dass der Mann meiner Mutter und mein
Halbbruder bei einem Autounfall verunglückt sind.
Mathew? Ardeth war sichtlich betroffen.
Ja, sie sind zu schnell gefahren. Mathew saß am Steuer und
das Auto ist eine Böschung hinunter gesaust. Sie waren sofort
tot.
Und Claire?
Sie ist untröstlich, Ardeth. Ich habe mit ihr telefoniert.
Sie hat nur geweint. Ich wollte per Flugzeug zu ihr, egal wie
schwierig es in diesen Kriegszeiten gewesen wäre! Ich habe
Ardjun benachrichtigt. Er ... nunja ... er hat es mir
verweigert.
Was?
Ich darf nicht ausreisen, Ardeth.
Aber Onkel Leslie! Warum?
Leslie zögerte. Ardeth sah ihm an, dass es ihm schwer fiel.
Hat es etwas mit mir zu tun?
Ach Ardeth, es ist immer das gleiche... ja, natürlich hat
es auch mit dir zu tun. Du warst sein Erbe. Jetzt ist es Ismail.
Ardjun hat ihn sich gleich vorgenommen. Überwacht seine
Erziehung nun höchstpersönlich. Und hat mich zum 12. Stamm
befohlen. Zu Nefrar. Und nun rate mal, wozu!
Ardeth sah seinen Onkel mit Unglauben an. Der nickte vielsagend.
Ja, richtig, Ardeth, wir sollen uns anstrengen, um noch
einen Sohn zu bekommen. Und Ismail wird sofort bei seiner
Initiation verheiratet werden. Ardjun ist Angst und Bange um die
Nachkommenschaft.
Ardeth stützte seinen Kopf mit seinen Händen ab und vergrub das
Gesicht in ihnen.
Es tut mir so leid, murmelte er. Hätte er sich nicht
geweigert, Nefer zur Frau zu nehmen, könnte Ismail heiraten,
wann er wollte und sein Onkel nach Amerika reisen... Er fühlte
sich so schuldig.
Du hast Glück, dass ich noch hier bin. Ardjun hat längst
eine Eskorte geschickt, die mich nach Süden geleiten soll. Ich
habe mich damit ausgeredet, dass ich hier noch vieles zu
erledigen hätte. Weißt du, wenn ich erst im 12. Stamm sein
werde, wird er mich nicht eher fortlassen, bis er das Gewünschte
hat. Also zögere ich den Moment der Abreise immer wieder hinaus,
und diese Eskorte traut sich nicht so recht, mich zu drängen.
Naja, ich kann auch nicht weg, bevor ich nicht das mit meinem
Erbe in Maine organisiert habe. Das war dein Glück, denn so
können wir deine Abreise organisieren.
Onkel Leslie, fuhr Ardeth auf, und wenn ich zu
Ardjun gehe, mich auf die Knie werfe und ihn um Verzeihung bitte?
Ihm verspreche, alles zu tun, was er wünscht und jede Strafe auf
mich nehme?
Leslie schüttelte mit dem Kopf.
Er wird dir niemals vergeben, Ardeth. Er ist ... ein
richtiger Despot geworden. Niemand soll deinen Namen jemals mehr
nennen. Leslie lachte auf einmal. Du rangierst gleich
hinter Imhotep, mein lieber Neffe. Galgenhumor, aber selbst
Ardeth musste leicht lächeln. Doch wurde schlagartig wieder
ernst.
Inshallah, den habe ich ja ganz vergessen!
Also Ardeth!, tadelte Leslie ihn gespielt.
Was ist mit dieser Prophezeiung? Ich meine, wie hat meine
Mutter reagiert? Und er fügte betroffen hinzu: Wie
geht es ihr eigentlich?
Deine Mutter hat sich gleich, nachdem man dich weggebracht
hat, in den Isis-Tempel zurückgezogen. Sie will den Rest ihrer
Tage dort betend verbringen.
Meine Mutter ist nicht in den 12. Stamm zurückgekehrt?
Aber... wer regiert denn jetzt dort?
Ardjun.
Ardeth warf Leslie einen unheilvollen Blick zu. Er fühlte sich
immer elendiger, das alles verursacht zu haben.
Onkel Leslie, ich muss einfach zurück zu Ardjun! Ich kann
mit der Schuld nicht leben, euch alle ins Unglück gestürzt zu
haben. Ich muss ihn dazu bringen, mir zu...
Nein, unterbrach ihn Leslie. Vergiss es,
Ardeth! Es ist nicht mehr rückgängig zu machen. Du weißt das!
Du würdest sofort von ihm oder einem anderen getötet werden,
denn durch seinen Spruch müssen sie es sogar tun. Es würde
niemanden nützen! Aber, Ardeth, höre: Du wirst jetzt weggehen,
ins Ausland. Und wir warten ab. Vielleicht brauchen wir dich hier
noch einmal. Stell dir mal vor, Ardjun stirbt und hat wirklich
keinen Erben... Es kann immer etwas passieren, auch mit Ismail.
Vielleicht aber wird Ismail der nächste Anführer, vielleicht
vergibt er dir und du darfst zurückkehren, wenn du das dann noch
möchtest. Man weiß nie, was die Zukunft bringen wird. Deshalb
darfst du dich jetzt nicht wegwerfen, und das würdest du, wenn
du jetzt zu Ardjun gehen würdest.
Ardeth hatte ihn traurig angeschaut. Er wäre so gern aktiv
geworden. Doch Leslie hatte recht. Er musste abwarten, vor allem
musste er fliehen.
Ich habe schwere Schuld auf mich geladen, Onkel Leslie. Ich
habe mein Volk und meine Familie enttäuscht, euch Unrecht und
Leid zugefügt. Es ist wohl gerecht, dass ich lange Zeit mit
diesem schlechten Gewissen leben muss, mit der Schuld und der
Gewissheit, der Aufgabe meines Lebens ferngeblieben zu sein und
versagt zu haben.
Leslie wollte etwas erwidern, doch Ardeth wehrte ab.
Es ist so, wie ich es sage, Onkel Leslie. Ich bin kein
Medjai mehr. Ich werde mir das nie verzeihen und bin zu Recht der
Gnade und Verzeihung anderer ausgeliefert. Auch dir habe Unrecht
zugefügt. Du kannst nun nicht zu deiner trauernden Mutter, die
deiner Hilfe und deines Trostes gerade jetzt bedarf.
Ardeth, gelang es Leslie ihn zu unterbrechen, weil er
eine kurze Pause einzulegen schien, ich bin dir nicht
böse. Ich kann sogar verstehen, was du getan hast. Du bist jung
und wolltest die Medjai-Welt ändern. Das schlug fehl. Mein Gott,
ich habe doch dich und Gatyreth hier erlebt, eure Freundschaft.
Ich hätte auch nicht die Auserwählte des Freundes heiraten
wollen. Es war alles eine unglückliche Fügung der Dinge. Wir
können es nicht mehr ändern, wir müssen jetzt nach vorn
schauen. Ich werde Marcus bitten, mir zu helfen, damit du fliehen
kannst.
Wohin soll ich gehen? Vielleicht zu deiner Mutter?
Nein, glaub mir, dort würde Ardjun dich früher oder
später finden. Du musst an einen für ihn unbekannten Ort gehen.
Ich werde mich mit Marcus darüber unterhalten. Aber eine gute
Nachricht kann ich dir doch bringen: Gatyreth und Nefer dürfen
nun heiraten.
Ardeth lächelte, doch ahnte, dass Gatyreth auch nicht sehr wohl
dabei sein musste. Dann fiel ihm noch etwas ein.
Und hast du vielleicht auch Nachricht von Farani?
Farani? Nein, leider nicht. Ich weiß auch nicht mehr, als
dass sie im 11. Stamm lebt. Ach, Ardeth, das ist auch so eine
Sauerei. Ich wünschte wirklich, du würdest unser Anführer
werden... Ardeth bemerkte, dass Leslie wirklich
unser gesagt hatte, sonst sprach er immer von
euer. ...denn ich habe Angst, dass auch Ismail
unfähig sein wird, zumal er jetzt so unter dem Einfluss von
Ardjun steht. Ach, Ismail kann sich fürchterlich einschleimen,
und Ardjun ist dafür im Moment bestimmt gut empfänglich. Aber
Ismail ist nicht aufrichtig und verfolgt seine eigenen
Interessen. Ist vielleicht ganz gut, wenn ich ein Auge drauf
haben kann.
An der Tür klopfte es. Der Diener trat ein und bat zu Tisch.
Ardeth machte sich schnell frisch, dann speisten sie mit dem
Botschafter und seiner Frau, die Ardeth merkwürdige Blicke
zuwarf. Sein Englisch und seine guten Tischmanieren machten
allerdings sein befremdlichen Aussehen wieder wett.
Nach dem Essen zogen sich die drei Männer ins Herrenzimmer
zurück, wo Leslie und Marcus eine dicke Zigarre und einen Likör
zu sich nahmen. Der Botschafter lobte Ardeth, angesichts seiner
Jugend sich von solchen Lastern fernzuhalten. Sie besprachen die
Lage. Der Botschafter wusste, welche Schiffe in nächster Zeit
auslaufen würden. Ein Flug war aufgrund der Kristensituation in
Europa ausgeschlossen. Doch der Botschafter erwähnte, dass viele
Menschen auswandern würden. Mehrere Überseedampfer würden
Südeuropa mit dem Ziel Südamerika verlassen. Das war Leslie
sehr recht, denn er wollte Ardeth nicht in Nordamerika wissen, da
er befürchtete, dass Ardjun ihn dort finden würde. Ardeth
erkundigte sich, ob er nicht lieber in Europa oder Nordafrika
bleiben sollte.
In Europa wird der Krieg noch lange toben, mein junger
Freund!, erwiderte der Botschafter. Und die Kolonien
in Nordafrika werden genauso betroffen sein, da sie allesamt
europäischen Ländern angehören.
Südamerika ist unabhängig, das ist perfekt,
kommentierte Leslie. Und die meisten Länder dort nehmen
Einwanderer auf. Es ist ein großer Kontinent, du kannst dort gut
untertauchen.
Sie beschlossen, dass Ardeth ein Schiff nach Genua nehmen sollte
und von dort ein großes Schiff nach Südamerika. Nun mussten sie
ihm noch einen Pass besorgen.
Little John macht das schon!, meinte Marcus
unbesorgt.
Little John?, fragte Ardeth nach.
Der Sekretär des britischen High Commisioners. Wir nennen
ihn gern Little, weil er gut 20 Zentimeter kleiner
ist als ich, antwortete Marcus. Ich werde ihm heute
noch einen Besuch abstatten. Das Schiff nach Genua verlässt
schließlich schon morgen Früh den Hafen.
Morgen Früh schon? Ardeth wurde ganz anders.
Je früher, desto besser, mein lieber Neffe, meinte
Leslie und berührte ihn tröstend an der Schulter.
Dann sollten wir hier nicht lange herumsitzen. Passt auf:
Ich werde mich um den ganzen offziellen Krams kümmern, denn wenn
du das machst, Leslie, fällt es deinem Vater doch noch auf. Sie
sollten unter einem anderen Namen reisen. Ein schöner
ägyptischer Name. Wie wärs mit Mohammed Garadh? Sie sind ein
reicher Kaufmann, der in Südamerika neu anfangen will. Na?
Ardeth nickte unbehaglich.
Aber ein westlich orientierter. Das ist im Moment angesagt
in der ägyptischen Elite. Also Anzug und Fes, mein junger
Freund. Und das Zeug da sollten Sie sowieso nicht tragen. Hm, und
wenn ich es recht bedenke, sollten Sie etwas Schminke auflegen.
Sie sind sonst allzu auffällig.
Ardeth sah ihn schon die ganze Zeit sehr gequält an.
Keine Sorge, meinte Leslie, wir werden das
schon machen. Ich werde nachher etwas Passendes einkaufen gehen.
Und du kannst ja einen tief in die Stirn gezogen Turban tragen,
das passt auch. Und später in der Pampa oder wo auch immer
kannst du herumlaufen wie du willst.
Gentlemen tragen durchaus auch Handschuhe,
komplettierte Marcus seinen Vorschlag.
Ja, und einen Gehstock mit einem Brillanten, fügte
Leslie scherzhaft hinzu. Los, Marcus, sieh zu, dass du Land
gewinnst. Ich werde das meinige tun, und du, Ardeth, gehst auf
dein Zimmer und nimmst ein erfrischendes Bad!
Ich werde einen Diener schicken, der Ihnen das Bad richten
wird und Ihr Gewand reinigen lassen wird.
Somit trennten sich die Wege der drei Männer, bis sie sich am
Abend wieder beim Dinner trafen. Ardeth sah deutlich ausgeruhter
und gepflegter als am Mittag aus. Er trug einen dunkelblauen
Kaftan, den ihn ein Diener gebracht hatte. Leslie hatte es gerade
so zum Abendessen geschafft. Marcus berichtete, dass er den Pass
gleich bekommen hatte. Er selbst hatte ein Empfehlungsschreiben
dazugefügt.
Für die Einreise in Südamerika, meinte er.
Damit die dort wissen, dass Sie reich sind und somit helfen
wollen, das Land aufzubauen.
Dann hatte er die Schiffspassagen besorgt.
Wie ich schon sagte, erst mal gehts nach Genua. Dort
müssen Sie zwei Tage warten, bis es weitergeht nach Buenos
Aires.
Buenos was?
Aires. Stadt der guten Lüfte. Hauptstadt von Argentinien.
Großes Land.
Wunderbar!, kommentierte Leslie. Du musst
unterwegs aber Spanisch lernen.
Die zwei Tage in Genua verbringen Sie im Hotel Grande. Sie
müssen nur ein Taxi dorthin nehmen.
Du bekommst von mir ausreichend Geld mit. Das machen wir
nachher auf dem Zimmer. Du wirst in Genua im Hotel bleiben. Und
reise bitte immer im Anzug und geschminkt.
Ardeth nickte. Er wusste selbst, dass der Geheimdienst der Medjai
auch im Ausland funktionierte.
Nach dem Abendessen begleitete Leslie Ardeth auf das Zimmer. Sie
packten seinen Koffer. Außer seinem eigenen Gewand wanderten
noch zwei Anzüge und mehrere Kleidungsstücke, die Leslie
besorgt hatte, hinein, außerdem sollte er später den Kaftan
hinzulegen. Ein dritter Anzug lag zum Anziehen bereit. Leslie
reichte ihm eine Geldbörse.
Wenn du in Buenos Aires bist, halte dich da bitte nicht
allzu lang auf. Reise gleich in das Landesinnere und bleibe in
der ersten Zeit verborgen. Keine Großstädte! Keine
Menschenansammlungen!
Ardeth packte die Börse in den Koffer.
Morgen trägst du sie besser bei dir am Körper. Mit diesen
Papieren hier.
Leslie gab ihm seinen Pass und die Tickets.
Es sind Erste-Klasse-Tickets. Sie werden dich wie einen
Prinzen behandeln. Jaja, ich weiß, dass du keinen Wert darauf
legst. Aber du kannst die Mahlzeiten in der Kabine zu dir nehmen
und wirst nicht behelligt. Natürlich kannst du deine Kabine auch
verlassen, aber bitte nur geschminkt. Gib dem Kabinensteward ein
dickes Trinkgeld am Anfang. Und dann musst du den reichen
ägyptischen Kaufmann spielen. Denk dir eine gute Geschichte
aus.
Ardeth nahm die Tickets und legte auch sie in den Koffer. Er
schaute sich seinen Pass an.
Wir haben dich älter gemacht, mein lieber Neffe,
kommentierte Leslie. In manchen Ländern würdest du noch
als minderjährig gelten. Ich hoffe, es macht dir nichts aus,
dass du um vier Jahre gealtert bist. Achja, und noch was!
Hier!
Er reichte ihm spanisch-englisches Wörterbuch.
Es wird dir nicht allzu schwer fallen, die Sprache zu
lernen. Sie ist dicht mit Latein verwandt und funktioniert so
ähnlich wie Französisch. Ardeth nahm das Buch und
betrachtete es eine Weile.
Danke, Onkel Leslie. Du hast so viel für mich getan. Ich
weiß nicht, wie ich es ohne dich hätte schaffen können.
Ardeth umarmte ihn.
Ardeth, meinte Leslie danach, ich kann dich
morgen nicht zum Schiff begleiten. Es wäre zu auffällig. Marcus
wird dir ein Taxi rufen und dich hinbringen lassen. Ich werde dir
jetzt Lebewohl sagen müssen.
Ardeth nickte.
Onkel Leslie, ich habe noch eine Bitte. Wenn du nun
zurückkehrst zum 12. Stamm, dann versuche bitte meine Mutter zu
benachrichtigen, dass ich noch lebe. Dann wird es ihr besser
gehen.
Hm, das wird schwierig werden... aber es wird mir gelingen,
keine Sorge!
Aber kein anderer sollte es wissen.
Ja, natürlich.
Ich wünsche euch allen, dass es euch immer gut gehen
möge! Allah möge euch behüten!
Gott möge auch dich behüten, mein lieber Neffe! Ich
weiß, du wirst es schaffen! Weißt du, Ardeth, bau dir ein neues
Leben auf! In der neuen Welt hast du die Chance dazu!
Vielleicht! Aber ich werde euch nie vergessen!
Ich weiß, das hier war dein Leben.
Ja, Onkel Leslie, aber ich habe es mir selbst
zuzuschreiben, dass es vorbei ist. Sei nicht traurig, sorge dich
nicht, mir wird es gut gehen. Ich sorge mich eher um euch und um
die Zukunft der Medjai. Um die Zukunft Ägyptens, um die Zukunft
der Welt... Ardeth war dabei immer leiser geworden.
Das sind jetzt die Sorgen anderer, Ardeth. Das Schicksal
hat dir einen anderen Weg bestimmt.
Ardeth nickte.
So, und jetzt zeige ich dir, wie man sich schminkt.
Woher weißt du denn das, Onkel Leslie?
Habe ich mir in der Parfumerie zeigen lassen, mein lieber
Neffe.
Und Leslie schminkte Ardeth die Wangen hell. Dann probierten sie
den einen Anzug an, den Ardeth morgen tragen sollte. Ardeth
setzte den Turban auf, zog die Handschuhe über und nahm
den Spazierstock. Leslie richtete die Krawatte, die mit einem
Edelstein besetzt war. Die Lackschuhe drückten furchtbar. Ardeth
fühlte sich so gar nicht wohl in dem Aufzug.
Du wirst die Schuhe noch einlaufen, meinte Leslie,
der ansonsten sehr zufrieden war. Perfekt!
Ardeth sah in den Spiegel und musste schluckte. Leslie wusste,
dass Ardeth nur für das Ziel gelebt hatte, Medjai zu sein, und
ahnte, wie traurig es in Ardeths Herzen aussehen musste.
Du musst diese Maskerade nur aufrecht erhalten, wenn du
unter die Leute gehst.
Es war ein schwacher Trost. Medjai würde Ardeth nie mehr werden.
Ardeth, schau nur nach vorne! Das wird dir helfen!
Ardeth nickte. Er wollte seinen Onkel nicht weiter in
Verlegenheit bringen und ihn mit seinen Gefühlen belasten. Also
riss er sich zusammen.
Ja, du hast recht, Onkel Leslie. Ich danke dir noch einmal
von Herzen für alles, was du getan hast! Achja, und mir fällt
noch etwas ein, etwas Wichtiges.
Lass hören!
Da gibt es ein koptisches Kloster auf der Höhe des 2.
Stammes in der westlichen Wüste. Kannst du ihnen Geld zukommen
lassen? Sie sind arm und haben mir doch soviel gegeben, dass ich
mir eine Feluke mieten konnte.
Ja, wenn ich im Süden bin, werde ich das sicher einrichten
können. Ich werde sie von dir grüßen.
Ja, es war vor allem der Mönch namens Immanuel, der mich
gerettet hat.
Gut, Ardeth. Nun muss ich aber gehen. Die sorgen sich sonst
um mich zu Hause. Und werden argwöhnisch. Lebe wohl, mein lieber
Neffe!
Lebe wohl, Onkel Leslie!
Sie drückten sich lange. Leslie verließ das Zimmer unter
Tränen, und auch Ardeth bekam feuchte Wangen. Sie würden sich
vermutlich nie mehr wieder sehen. Als er in den Spiegel schaute,
waren seine Tätowierungen teilweise sichtbar geworden. Er konnte
nicht verleugnen, was er im Grunde seines Herzens war.
Entschuldigen Sie, ist der Platz neben Ihnen noch
frei?
Aus seiner Lektüre gerissen, dem Wörterbuch, starrte Ardeth
geradezu einer jungen Dame ins Gesicht. Über Wochen hatte er in
seiner Kabine gehockt, während der gesamten Überfahrt nach
Genua, danach im Hotelzimmer und auch auf diesem Schiff vermied
er in der ersten Woche jeglichen Kontakt. Doch dann hatte es ihn
nicht mehr drinnen gehalten, er musste an die frische Luft. In
der letzten Nacht hatte das Schiff sehr geschaukelt. Es war zwar
riesengroß, so ein großes Schiff hatte Ardeth noch nie zuvor
gesehen, aber sie waren mittlerweile auf dem Atlantik und da
wehten zuweilen heftige Winde. Nun hatte er sich erstmals nach
draußen getraut, sich vollständig gemäß den Anweisungen
seines Onkel verkleidet und sich schüchtern auf eine Bank in
einer Ecke gesetzt, damit er bloß nicht allzu sehr auffiel. Und
nun sprach ihn doch jemand an. Er war sehr irritiert. Was sollte
er der jungen Frau antworten?
Äh... ja...., stammelte er, sichtlich verlegen. Und
doch blieb sein Blick an dem ihrigen haften. Ihr Blick... Sie
bedankte sich artig und setzte sich. Ihr Englisch hatte einen
merkwürdigen Akzent. Sie hatte ihn kurz angelächelt und kramte
soeben in ihrer Tasche, die sie bei sich trug. Ardeth schaute sie
immer noch an. Dann wurde ihm bewusst, dass es nicht schicklich
war, ein Mädchen so anzustarren und er schaute verlegen in sein
Wörterbuch. Aber er las kein einziges Wort. Er überlegte kurz,
ob er die Flucht ergreifen sollte, aber erstens wäre es
unhöflich gewesen, zweitens wollte er in seinem Innersten gar
nicht weg. Sie hatte auch ein Buch herausgeholt. Ihr Blick fiel
auf sein Buch.
Oh, meinte sie, Sie lernen Spanisch?
Ähm...ja... Er war in seinem ganzen Leben noch nie
so verlegen gewesen. Aber da sie ihn angesprochen hatte, konnte
er sie wieder anschauen. Ganz intensiv ruhten seine sanften Augen
auf ihren Augen. Da wurde sie still. Keiner sagte mehr etwas.
Ihre Augen sprachen.
Ardeth lag auf dem breiten Bett in seiner Luxuskabine. Ihm war
merkwürdig zumute. Wochenlang hatte er sich mit Selbstvorwürfen
geplagt, weil er sich an allem schuld fühlte, war so betrübt
gewesen, weil er seine Heimat verlassen musste, und jetzt? Ihm
ging dieses Mädchen nicht mehr aus dem Kopf.
Emilia, sagte er leise und wiederholte den Namen
mindestens zehn Mal.
So wurde sie gerufen, nachdem die beiden jungen Menschen
scheinbare Ewigkeiten auf der Bank schweigend gesessen hatten.
Eine andere Mädchenstimme hatte Emilia gerufen, sie
war verlegen aufgestanden, hatte Ardeth angelächelt, bevor sie
sich umwandte und ging. Wie oft hatte er diese Szene in seinen
Gedanken sich wieder vor Augen gerufen! So lag er und war
unfähig einzuschlafen. Oh, er musste einfach an den Ort des
Geschehens zurückkehren. Es war längst dunkel draußen, sicher
war es schon tiefe Nacht. Vom Gang drangen keine Geräusche mehr
zu ihm herein. Niemand würde mehr an Deck sein. Ardeth behielt
seine schwarze Hose und das Hemd an, was er unter seinem
Kriegergewand zu tragen pflegte. Er fühlte sich darin am
wohlsten und trug es in der Kabine. Er war ja bislang nur einmal
in der vergangenen Woche vor die Tür gegangen und hatte sich nur
zu diesem Zweck in diesen schrecklichen Anzug quälen müssen.
Heute Nacht musste er nicht den reichen Kaufmann mimen. Er nahm
den schwarzen Schesch und wickelte sich das Tuch um den Kopf.
Wenn ihm wider Erwarten doch jemand über den Weg laufen würde,
würde er sich eben schnell verschleiern. Er wollte sich jetzt
nicht schminken, er wollte so schnell wie möglich zu dem Ort
gehen, wo er Emilia getroffen hatte.
Als er an Deck trat, sah er über sich ein prachtvolles
Sternenzelt. Wie wunderschön! Er trat an die Reling, stützte
sich mit den Händen ab und schaute erfurchtsvoll nach oben. Oder
verzaubert? Beides... Wie lange hatte er die Sterne nicht mehr
betrachtet? Das letzte Mal in der Feluke, als er sie zu fragen
schien, wohin ihn sein trauriger Weg führen würde. Nein, er
wollte jetzt keine traurige Erinnerungen herbeirufen, er wollte
nur zu dem Ort, wo er Emilia getroffen hatte. Leicht war sein
Schritt und er lächelte. Emilia! Oh, wie sie ihn angeschaut
hatte! Alles lag in ihrem Blick! Die ganze Welt! Er breitete die
Arme aus und schien zu dem Ort zu fliegen! Noch um die Ecke, dann
würde er sich auf der Bank niederlassen und die ganze Nacht dort
an Emilia denken! Er wollte heute nicht schlafen. Er konnte heute
auch nicht schlafen!
Doch auf einmal blieb er abrupt stehen: Die Bank war besetzt! Es
sah eine Gestalt dort sitzen und trat enttäuscht einen Schritt
zurück und zog sein Tuch vor das Gesicht, prüfte, ob es tief
genug in die Stirn gezogen war. Er war ganz durcheinander. Er
wollte doch nur hier allein sein und an Emilia denken dürfen.
Ihren Duft einatmen, den sie am Nachmittag hinterlassen hatte. Er
lugte vorsichtig um die Ecke, ob die Gestalt noch da war. Sie war
zierlich und trug ein Kleid. Eine Frau also. Eine Frau? Ardeth
stockte der Atem. Sein Herz schlug ganz laut, so dass er seine
Hand zum Herzen führte, damit es sich beruhigte. Ihm wurde im
ganzen Körper heiß. Meine Güte, es war Emilia, die da saß!
Auch Emilia hatte nicht schlafen können. Am späten Nachmittag
war sie von ihrer jüngeren Schwester Nina zum Essen gerufen
worden. Seitdem sie auf der Bank neben dem Fremden gesessen
hatte, ging er ihr nicht aus dem Kopf. Dabei hatten sie sich doch
gar nicht unterhalten, sondern nur angestarrt. Immer wieder hatte
sie sich die Szene vor Augen gerufen. Er saß dort mit seinem
Wörterbuch. Also lernte er Spanisch. Also fuhr er auch nach
Südamerika, so wie sie! Wo sollte er auch sonst auf diesem
Schiff hinfahren? Aber er sah so anders aus. Er hatte einen
blauen Turban getragen, tief ins Gesicht gezogen. Ein Orientale.
Aber was für ein Blick! Als wollte er in ihre Seele damit
schauen. So ein ernster und zugleich melancholischer Blick! Sie
sehnte sich danach, ihn wiederzutreffen. Doch zunächst musste
sie sich umkleiden und dann in den eleganten Speisesaal zum
Dinner gehen. Als sie vor dem Kleiderschrank, den sie mit ihrer
Schwester teilte, stand, wusste sie nicht, was sie anziehen
sollte, wusste sie nicht, was sie hier überhaupt tat. Sie rief
auf einmal halblaut: Oh ich kann dich jetzt verstehen,
Gretchen!
Ihre Schwester Nina schaute fragend zu ihrer Schwester. Was
hast du gesagt?
Och nichts...
Du bist auf einmal so merkwürdig.
Ich, ähm, ich musste an das Gretchen aus dem Faust denken.
Das ist alles.
Sonderbar..., meinte ihre Schwester, die vier Jahre
jünger war als Emilia.
Nebenan lag die Kabine ihrer Eltern, eine Zwischentür trennte
die beiden Räume, doch jeder Raum besaß auch eine Tür zum Gang
hin. Die Tür war halb angelehnt. Auch nebenan kleideten sich die
Eltern zum Essen.
Seid ihr fertig?, rief die Mutter.
Ich ja, antwortete Nina laut, doch Emmy zitiert
lieber Faust, oder besser gesagt Gretchen...
Emilia schnitt der Schwester eine Grimasse.
Oh, Faust!, sagte der Vater mit tiefer lauter Stimme,
in der sichtliche Begeisterung lag. Zu allem Überfluss fing er
mit seinem Bass zu singen an: Meine Ruh ist hin, mein Herz
ist schwer, ich finde, ich finde sie nimmermehr...
Papa!, protestierte Emilia von nebenan. Das waren
genau die Worte, die ihren Gefühlszustand im Moment beschrieben.
Sie fühlte sich irgendwie ertappt und wollte doch nicht ertappt
werden. Sie beeilte sich, ein formelles Kleid anzuziehen. Nach
dem Dinner würde sie ganz schnell wieder zu der Bank
zurückkehren, das nahm sie sich vor. Doch ihr Vater wollte mit
ihnen eine Runde Karten spielen, und so blieb ihr nichts anderes
übrig, als den Abend mit ihrer Familie zu verbringen.
Sie lag wach. Starrte an die Decke. Gegenüber schlief Nina
längst einen seligen Schlaf. Sie lag auf dem Rücken und
schnarchte. Doch das störte Emilia nicht, die mit ihren Gedanken
ganz woanders war.
Wo ich ihn nicht hab, ist mir das Grab..., murmelte
sie Gretchen zitierend, seine hoher Gang, sein edle
Gestalt, seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt... Sie
hielt inne. Seine Augen Gewalt! Seine Augen hatten sie
verzaubert! Ach, sie konnte nicht hier in dieser engen Kabine
bleiben. Sie musste wieder zu dem Ort, wo sie ihn getroffen
hatte, wohin sie schon den ganzen Abend wollte. Sie musste es
heimlich tun, niemand sollte es mitbekommen. So schlich sie leise
nach draußen, hatte sich ein einfaches Kleid angezogen und einen
Schal gegen den Wind umgebunden. Sie ging sofort zu der Bank,
doch setzte sich nicht gleich, denn der Ort war viel zu kostbar,
als sich gleich hinzusetzen. So stellte sie sich an die Reling
und betrachtete die Sterne. Endlich war sie allein, endlich
konnte sie frei singen. So ertönte in der Nacht ungehört
Gretchens Lied. Immer euphorischer steigerte sie die Worte
Goethes zur dramatischen Melodie Schuberts: Und küssen
ihn, so wie ich wollt, an seinen Küssen vergehen wollt! An
seinen Küssen vergehen sollt! Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist
schwer...
Nach drei Durchgängen war sie heiser. Ziemlich weit unter ihr
klatschte jemand Beifall. Es musste wohl ein Matrose sein, der
noch arbeitete. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Doch
sie wollte nicht weggehen. Jetzt war sie bereit, sich auf die
Bank zu setzen. Sie strich langsam über das polierte Holz.
Streichelte die Bank. Ob sie ihn je wiedersehen würde? Gewiss,
beruhigte sie sich, er reist ja auf dem gleichen Schiff. Doch sie
hatte ihn noch nie zuvor gesehen, und sie waren doch schon eine
Woche an Bord. Er war auch nie im Speisesaal gewesen. Ob er nur
eine Erscheinung gewesen war? Doch Emilia war nicht
unrealistisch. Ihr kam in den Sinn, dass er vielleicht ein
Dritte-Klasse-Passagier gewesen war, der sich nach oben verirrt
hatte. Das mag der Grund gewesen sein, warum sie ihn noch nie
gesehen hatte. Also müsste sie sich morgen zur dritten Klasse
hinunterschleichen. Sie nahm sich fest vor, den Fremden
wiederzusehen, auch wenn ihr dann vermutlich das Herz
stehenbleiben würde.
Das Herz blieb ihr nicht stehen, als es laut seitlich hinter ihr
polterte und sie den Fremden sah, der seinen Kabinenschlüssel
aufhob und verlegen zu ihr hinüberschaute. Eigentlich hatte
Ardeth zurückweichen wollen, denn er traute sich nicht zu Emilia
hin. Doch dafür war es jetzt zu spät. Er stand wie angewurzelt
da und schien den Atem anzuhalten. Sie war aufgesprungen, weil
sie sich zunächst erschrocken hatte. So standen sie sich
gegenüber in ca. vier Meter Entfernung. Er wirkte noch viel
fremder als am Nachmittag, denn er trug den Anzug nicht mehr und
hatte ein Tuch vor den Mund gezogen. Nur die Augen waren frei und
schauten sie genauso an wie am Nachmittag. Seiner Augen Gewalt!
Ardeth war gar nicht bewusst, dass er ganz anders auf sie wirkte
als vorher. Auch er schaute sie an und wusste nicht, was er
machen, sagen sollte.
Schließlich brachte er ein Guten Abend über die
Lippen. Sogleich fiel ihm ein, wie albern das war, denn es war
tiefste Nacht. Unsinnigerweise erwiederte sie diesen Gruß.
Emilia fiel ein, dass es sich eigentlich nicht schickte, wenn ein
Mädchen in ihrem Alter hier allein war. Sie versuchte diesen
Umstand zu entschuldigen, indem sie stotternd hervorbrachte, dass
sie glaubte, am Nachmittag ihr Buch hier vergessen zu haben und
jetzt danach suchte. Kaum hatte sie es gesagt, ärgerte sie sich,
denn es war ja ganz unsinnig, mitten in der Nacht danach zu
suchen. Was musste der Fremde jetzt von ihr denken? Der war
allerdings auch nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Doch er gab sich einen Ruck und trat schließlich zu ihr hin,
und, unglaublich, tat so, als wolle er ihr beim Suchen helfen.
Mitten in der Nacht! Nach ein paar Minuten gemeinsamen Suchens
meinte sie:
Ist wohl doch nicht hier. Und da sie jetzt keinen
Grund mehr anbringen konnte, hierzubleiben, wollte sie sich
verabschieden, denn, soviel wusste sie, es gehörte sich einfach
nicht, dass sie hier allein mit dem Fremden mitten in der Nacht
zusammen war. Dann geh ich mal. Gute Nacht!
Ardeth stand neben ihr und erwiederte: Ja... Mehr
brachte er nicht heraus, bis sie sich langsam zum Gehen
anschickte. Da rief er: Nein! Und Emilia drehte sich
um. Ja? Nein?
Nein, bitte gehen Sie nicht!
Emilia sah ihn an, ihr Blick suchte den seinen. Ihr Mund erbebte.
Ardeth zögerte nicht länger. Er nahm seinen Schleier ab, zog
sie an sich und küsste sie lange und intensiv.
Emila!, rief Nina und zog ihr die Bettdecke über den
Kopf. Emilia!
Immer, wenn sie Emilia statt Emmy sagte, hatte sie etwas zu
beanstanden.
Es gibt Frühstück! Du hast noch nicht mal die
Morgentoilette gemacht!
Emilia rieb sich müde die Augen. Sie musste erst mal wach
werden.
Meine Güte, seit wann verschläfst du denn? Los, steh
schon auf, du Murmeltier!
Emilia streckte sich und lächelte zufrieden. Und küssen ihn,
soviel ich wollt, an seinen Küssen vergehen wollt!
In den nächsten Tagen trafen sie sich regelmäßig auf der Bank.
Sie gaben vor, Spanisch zu lernen, was sie auch taten. Und in den
Nächten trafen sie sich heimlich. Nicht jede Nacht, denn es
wäre wohl aufgefallen. Emilia hatte erfahren, dass der Fremde
Ardeth Bay hieß, sich aber Mohammed Garadh nannte. Dass er
tagsüber Schminke und Handschuhe trug, weil er nicht wollte,
dass jemand seine Tätowierungen sah. Nachts fuhr sie mit dem
Finger auf den mysteriösen Zeichen entlang. Er hatte ihr seine
Geschichte anvertraut. Jedenfalls eine Kurzform davon, denn die
Zeit war viel zu kostbar, als sie mit solchen traurigen
Geschichten zu vertun. Er hatte erfahren, dass sie Emilia Leyden
hieß und mit ihrer Familie nach Argentinien auswanderte. Ihr
Vater war Deutscher, ihre Mutter Italienerin. Sie hatte noch eine
Schwester, Nina. Ihr Onkel, der Bruder ihres Vaters, war in
Argentinien ein reicher Mann geworden, ein Industrieller, der sie
nun zu sich rief, damit sie der Kriegssituation in Europa
entgingen. Er hatte auch die teuren Schiffspassagen bezahlt. Sie
war eine wohlerzogene junge Dame, die auch Französisch gelernt
hatte. So unterhielten sie sich teilweise auf Englisch, teilweise
auf Französisch, je nachdem, wo ihnen die Worte eher einfielen.
Sie versuchten auch, am Tag Dialoge auf Spanisch zu führen, denn
das war ja die Sprache, die beide lernen wollten. Nach sechs
Tagen verabredeten sie sich wieder für eine nächtliche Sitzung
auf ihrer Bank.
Mitternacht war vorbei, als sie sich trafen und küssten. Es war
die dritte Nacht, die sie hier verbrachten. Beiden war klar, dass
sie füreinander bestimmt waren. Keiner der beiden hatte Zweifel
an der eigenen Liebe oder der Liebe des anderen. So war es für
Emilia nicht verwunderlich, als Ardeth sie fragte, ob sie seine
Frau werden wolle, auch wenn sie sich keine Woche lang kannten.
Sie bejahte. Doch Ardeth gab ihr zu bedenken, dass er zwar im
Exil leben müsste, aber in seine Heimat zurückgerufen werden
könnte, was zwar unwahrscheinlich war, aber wenn es geschehen
würde, verpflichtete sein Eid ihn dazu. Emilia versicherte, ihm
überall hin zu folgen. In dieser Nacht dachte sie nicht an ihre
Eltern. Für sie stand glasklar vor Augen, dass sie Ardeths Frau
werden würde. Es gab keine Zweifel.
Am Nachmittag des nächsten Tages umarmten sie sich wie ein altes
Paar. Emilia bat Ardeth darum, an dem Abend mit zum Dinner in den
Speisesaal zu kommen anstatt in seiner Kabine zu speisen. Es
wäre Zeit, ihn ihren Eltern vorzustellen. Längst wunderten sich
Schwester und Mutter über ihr Benehmen. Ihre Mutter hatte jeden
jungen Mann beim Essen gemustert, ob er verstohlen Blicke zu
Emilia hinüberwarf. Es gab einige, doch keiner schien der Mutter
wirklich verdächtig. Sie befragte ihre Tochter, doch sie gab
sich am Anfang zögelich. Doch nach Ardeths Heiratsantrag fühlte
sich Emilia bestärkt. Sie erklärte, sie werde ihnen bald einen
Mann vorstellen.
Ich habe den Ober schon gebeten, einen weiteren Stuhl heute
Abend an unseren Tisch zu stellen.
Ardeth fühlte sich etwas unwohl dabei, doch Emilia hatte recht:
Sie mussten jetzt Nägel mit Köpfen machen. Sie konnten sich
nicht weiter heimlich treffen. Sie fühlten sich bereits wie ein
Paar.
Mein Vater wird dich ausfragen, sei darauf
vorbereitet.
Wird er einen Fremden akzeptieren?
Ich weiß nicht. Ich hoffe es. Eigentlich ist er sehr
weltoffen.
Wir sitzen in aller Öffentlichkeit. Ich kann ihm nur
erzählen, dass ich Mohammed Garadh bin.
Deinen richtigen Namen kannst du ihm in Argentinien sagen,
wenn wir das Schiff längst verlassen haben. Er muss Verständnis
dafür haben. Wichtig ist jetzt, dass er einverstanden mit der
Heirat ist. Ich möchte, dass der Kapitän uns noch auf dem
Schiff traut.
Emilia war sehr resolut. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt
hatte, dann gab es nur noch dieses Ziel für sie. Aber Ardeth
drängte auch das Verlangen, sie zu seiner Frau zu machen.
In den letzten Tagen hatte er sich merkwürdig frei gefühlt. Zum
ersten Mal war ihm bewusst geworden, dass ihn nun nicht mehr sein
Amt, seine Familie, seine Geschichte einschränkte, die Last der
Verantwortung ihn drückte. Nein, er war frei und konnte tun und
lassen, was er wollte. Er hatte viele Wochen um sein Schicksal
geweint, seiner Heimat nachgetrauert, doch nun stand für ihn
fest, dass es einen Neuanfang geben würde: mit Emilia an seiner
Seite. Wie seltsam, eben war noch jegliche Lebenskraft in ihm
erloschen und nun war alles so schön!
Vergiss nicht, 19 Uhr. Sei pünktlich! Mein Vater legt Wert
auf Pünktlichkeit!, riss Emilia ihn aus seinen Gedanken.
Er nickte. Sie gab ihm einen Kuss zum Abschied und zwei ältere
Damen schauten etwas pikiert zu ihnen hinüber und tuschelten
sogleich.
Ardeth war ziemlich nervös. Er kannte die Familie von Emilia
nicht. Emilia hatte angeraten, sich auf Französisch zu
unterhalten. Er hatte sich viel Mühe beim Ankleiden gegeben, ja
sogar den Schiffssteward gerufen, um ihm beim Krawattebinden zu
helfen. Der Steward freute sich, dass Ardeth endlich einmal im
Saal essen würde und sich nicht mehr in seiner Kabine verkroch.
Überpünktlich betrat er den Speisesaal, wo auch schon eine sehr
nervöse Emilia wartete. Doch von ihrer Familie fehlte noch jede
Spur.
Sie kommen gleich, begrüßte sie Ardeth. Ich
bin vorausgeeilt. Hier, das ist unser Tisch. Halte meiner Mutter
den Stuhl hin, ja? Und gib ihr einen Handkuss.
Handkuss?
Hast du noch nie einen Handkuss gegeben? Nein? Dann lass es
lieber.
Emilia wollte keine Peinlichkeiten riskieren. In dem Moment
betraten die Eltern und Nina den Saal. Der Vater blieb zunächst
stehen und warf einen sehr ungläubigen Blick in Richtung von
Ardeth, während seine Frau und Nina weitergingen und mit großen
Augen den fremden Mann anstarrten.
Emilia nahm Ardeths Hand in die ihre und drückte sie. Sie machte
sich und Ardeth Mut.
Ihr Vater eilte hinterher und kam gleichzeitig mit seiner Frau
und Tochter am Tisch an.
Darf ich euch Herrn Mohammed Garadh vorstellen? Er würde
heute gern an unserem Tisch speisen. Mohammed, das sind meine
Eltern, Herr und Frau Leyden, und meine Schwester Nina.
Brav reichten sie einander die Hände. Aber Emilia konnte an den
Gesichtern ihrer Eltern ablesen, dass sie keineswegs entzückt
waren.
Ich bin erfreut, Sie endlich kennenzulernen!, sprach
Ardeth höflich.
Wie kommt es, dass wir Sie hier noch nie gesehen haben?
Reisen Sie nicht erster Klasse?
Aber Hermann!, tadelte seine Frau, der es
offensichtlich peinlich war, dass ihr Mann gleich mit der Tür
ins Haus fiel, noch bevor sie sich gesetzt hatten. In der
Zwischenzeit kam ein Ober dem verdatterten Ardeth zuvor und schob
Frau Leyden den Stuhl zurecht. Sie setzten sich, während Ardeth
antwortete: Doch, ich reise erster Klasse. Mir war nicht
sehr wohl bei dem Seegang. Daher war ich gezwungen, eine Art
Diät auf der Kabine zu mir zu nehmen.
Achja, der Seegang! Der hat mir auch zu schaffen
gemacht, sprach Emilias Mutter schnell.
Der Ober reichte die Menu-Karten. Man war mit dem Auswählen
beschäftigt. Emilias Vater kostete dann den Wein, den er für
alle bestellte.
Sie trinken doch hoffentlich Wein?
Durchaus, Herr Leyden.
Ah, ich dachte schon, Sie wären einer von diesen
Muselmanen, die nie Alkohol trinken.
Ardeth wusste, dass der Abend fürchterlich werden würde.
Vorurteile waren nur sehr schwer zu beseitigen. Verlegen schaute
auf die Tischplatte, während Emilia das Wort ergriff:
Papa, Ar...Mohammed ist ein Musel...ähm, ein Moslem.
Oh, brachte Herr Leyden etwas überrascht hervor.
Ich trinke aber durchaus Wein, beteuerte Ardeth noch
einmal, um die Situation zu retten.
Und Sie essen auch Schweinefleisch?, wollte nun die
Mutter wissen. Wissen Sie, ich habe gerade vor wenigen
Tagen hier an Bord eine Frau kennengelernt, die mir interessante
Dinge über die Unterschiede der verschiedenen Religionen
berichtet hat. Die Juden und die Moslems, sagte sie mir, würden
kein Schweinefleisch essen. Die Moslems würden nämlich glauben,
alle Juden seien Schweine, und die Juden würden...
Anna, unterbrach sie ihr Mann.
Ich kann Ihnen versichern, dass ich kein Schweinefleisch
esse, meinte Ardeth und blieb beherrscht höflich, wie
Emilia zufrieden feststellte. Ich esse nämlich überhaupt
kein Fleisch.
Kein Fleisch?, fragte der Vater nach.
Nein, seit meinem 10. Lebensjahr nicht mehr.
Und warum?
Sicher aus religiösen Gründen!, warf Anna Leyden
ein.
Nein, ich sollte meine Lieblingsziege schlachten, und da
wurde mir bewusst, dass das Fleisch, das ich bislang gegessen
hatte, von unseren lieben Tieren stammte.
Lieblingsziege?, wiederholte Emilias Vater mit einem
merkwürdigen Tonfall. Sie haben Ziegen gehütet?
Äh...ja.
Aber Sie reisen erster Klasse, ja?
Es war ein schreckliches Verhör.
Ja. Mehr brachte Ardeth nicht hervor.
Haben Sie denn noch etwas anderes als Ziegenhüten
gelernt?
Der Ober trug inzwischen die Vorspeise auf und lauschte amüsiert
dem Gespräch.
Ja. Ich habe einige Sprachen gelernt. Vom
Kriegerdasein wollte er erst einmal nichts erwähnen.
Achja, achja. Sie sprechen ein ganz akzeptables
Französisch.
Emila fand, dass Ardeths Französisch viel besser war als das
ihres Vaters, aber sie wollte das jetzt lieber nicht anbringen.
Wozu haben Sie als Ziegenhirte Französisch gelernt?
Emilia seufzte. Ihr Vater konnte manchmal sehr direkt sein. Sie
ahnte aber, dass er das machte, um Ardeth zu testen, ob er die
Ruhe behielt. Er wollte seinen wahren Charakter erforschen und
natürlich alles über ihn herausfinden. Ardeth wusste nun gar
nicht, inwieweit Emilias Eltern von ihren Heiratsplänen wussten.
Er beschloss, erst mal brav die Konversation fortzuführen.
Ich habe natürlich nur in meiner Kindheit Ziegen gehütet.
Später habe ich dann bei meinem Vater gelernt. Er war ein
Kaufmann. Leider ist er verstorben. Aber er hat mir ein Vermögen
vererbt. Daher kann ich jetzt auch erster Klasse reisen.
Hermann zog die Augenbrauen hoch.
Und Sie hoffen, als Araber Ihr Glück in Südamerika zu
machen? Ist das nicht ein bisschen... ungewöhnlich?
Papa, Ar...Mohammed ist kein Araber, sondern
Ägypter.
Ahso. Wie interessant! Darüber müssen wir gleich
sprechen, das ist ja sehr interessant.
Anna seufzte auf. Sie ahnte, was kommen würde. Ihr Mann
verschluckte geradezu jede Zeitungsnachricht über alte Funde in
Ägypten, hatte in Deutschland sie von einer Ausstellung zur
nächsten geschleift, in der so fürchterliche Dinge wie Mumien
gezeigt wurden. Tatsächlich legte Hermann auf einmal keinen Wert
mehr auf die Beantwortung seiner ursprünglichen Frage, sondern
sprach, kauend, gleich weiter:
Ich hoffe, Sie interessieren sich auch ein wenig für Ihre
eigene Kultur!
Ardeth wusste nicht so ganz, was Herr Leyden damit meinte, daher
wiederholte er: Meine eigene Kultur?
Naja, als Ziegenhirte oder Kaufmann haben Sie sicherlich
nicht allzu viel von der überaus interessanten Geschichte
Ägyptens mitbekommen. Emilias Vater machte sich keine
Hoffnungen auf einen interessanten Gesprächspartner. Doch wollte
er wissen: Aber vielleicht haben Sie schon die Pyramiden
gesehen?
Welche Pyramide meinen Sie?
Herr Leyden seufzte auf. Ardeths Nachfrage klang für ihn, als
wüsste der junge Mann nicht, wovon er überhaupt sprach. Dabei
hatte Ardeth wissen wollen, welche spezielle Pyramide ihm
vorschwebte, denn es gab ja an die 100 davon.
Ach, ich schreibe es Ihrer Jugend zu, dass Sie davon keine
Ahnung haben! Ein Ägypter, der die Pyramiden nicht kennt!
Ardeth war etwas irritiert und wollte etwas erwidern, doch Emilia
stieß ihm gegen das Schienbein, und er wusste nun gar nicht,
woran er war. Schon sprach ihr Vater weiter.
Dann kommen wir mal auf meine alte Frage zurück. Was
wollen Sie in Amerika?
Ich gehe nach Südamerika, um dort mein Glück zu machen.
Meine Verwandten wollten mich nach dem Tod meines Vaters
unrechtmäßig enterben. Man empfahl mir, vorsichtshalber das
Land zu verlassen. Südamerika schien mir interessant.
Der Ober räumte die Teller ab, bevor er die Hauptmahlzeit
brachte. Eine peinliche Stille entstand. Emilias Vater hatte
offensichtlich genug gehört. Er sah nicht sehr zufrieden aus.
Emilia sank der Mut. Sie nahmen schweigend das Hauptgericht ein.
Emilias Mutter fühlte sich bemüßigt, etwas zum Besten zu
geben: Wie haben Sie meine Tochter eigentlich
kennengelernt?
Wir lernen zusammen Spanisch, antwortete Ardeth.
Das heißt, Ihre Tochter bringt es mir bei. Sie kann die
Sprache ja schon sehr gut sprechen.
Davon wusste ich ja gar nichts, Emmy, ich meine, dass du
Spanisch lernst, oder besser: lehrst.
Es wäre schön gewesen, wenn du uns davon erzählt
hättest, Emilia, tadelte sie ihr Vater, sodass sie
verlegen auf die Tischdecke schaute. Du kannst doch nicht
einfach mit einem wildfremden Mann Spanisch lernen. Dann
wandte er sich an Ardeth: Es tut mir leid, wenn meine
Tochter Sie belästigt haben sollte. Ich versichere Ihnen, das
wird nie wieder vorkommen.
Ardeth verstand die Welt nicht mehr, aber sah von der Seite, dass
Emilia Tränen in den Augenwinkeln blitzten. Ihr Vater würde ihr
den Umgang mit Ardeth verbieten!
Der Ober servierte den Hauptgang. Das gab Ardeth Zeit zum
Überlegen. Er fasste sich ein Herz. Diese Komödie musste ein
Ende haben. Wenn er eins in den letzten Monaten gelernt hatte,
dann, dass er die Dinge gleich richtig stellen musste. Kaum hatte
sich der Ober entfernt, sprach er ernst:
Herr Leyden, Frau Leyden, Emilia und ich kennen uns schon
sehr gut. Wir haben beschlossen, unser Leben miteinander zu
verbringen. Ich bitte Sie hiermit um die Hand Ihrer Tochter! Ich
versichere Ihnen, ich werde gut auf sie aufpassen.
Emilias Mutter ließ die Gabel fallen. Nina blieb der Mund offen.
Herr Leyden starrte Ardeth an, als käme er vom Mond. Und Emilia
schaute Ardeth bewundernd an. Als erste fand Emilias Mutter ihre
Sprache wieder: Sie wollen sie ... heiraten?
Ja, erwiderte Emilia, die ihr Selbstbewusstsein
wiedererlangt hatte, und ich ihn!
Die Speisenden an den Nachbartischen waren längst aufmerksam
geworden. Emilias Vater traute sich nicht die Antwort zu geben,
die ihm auf der Zunge lag. Am liebsten hätte er mit der Faust
auf den Tisch gedonnert und Ardeth angeschrien. Doch Emilia und
Ardeth warteten gar keine Antwort ab. Verliebt schauten sie sich
an und sahen nur sich. Ihre Hand ruhte in seiner. Ein
entzückendes Bild! Anna war sehr gerührt und legte nun
ihrerseits ihre Hand auf die ihres Mannes und sah ihn mit großen
Augen an. Da bemerkte er, was vor sich ging. Auch sein Herz ging
aus dem Leim, denn er war im Grunde genommen ein sehr
empfindsamer Mensch. Doch er musste noch einiges klären, bevor
er sein Einverständnis gab. Er räusperte sich, um auf sich
aufmerksam zu machen, doch Ardeth und Emilia ließen sich nicht
stören.
Entschuldigen Sie, junger Mann, tatsächlich wandte
sich ihm Ardeth mit lächelndem Gesicht zu.
Gott, ist er schön, dachte Emilias Mutter.
Wir müssen da noch einiges vorher klären. Emilia ist noch
sehr jung. Sind Sie denn alt genug für eine Ehe, die ja immerhin
Verantwortungsbewusstsein umfasst, gerade als Ehemann?
Ich bin erwachsen, Herr Leyden, falls Sie das meinen. 21
Jahre alt.
Emilia stammt aus einer ehrenwerten Familie. Was ist mit
ihrer? Ich hoffe, es sind alles aufrechte Menschen.
Ja, das kann ich Ihnen versichern, Herr Leyden.
Sie sind doch in ordentlicher Ehe gezeugt worden?
Natürlich.
Und Ihr Vater hatte mehrere Frauen?
Nein, nur eine Ehefrau.
Wobei wir bei der Religion sind: Emilia bleibt
katholisch!
Das steht ihr frei.
Sie werden mit ihr in Südamerika leben. Argentinien ist
ein katholisches Land. Die Kinder, die Gott ihnen schenken wird,
sollten katholisch erzogen werden.
Ja, das wäre vernünftig.
Emilia glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Ihr Vater
schien einverstanden!
Sie werden Emilia immer gut behandeln? Sie werden keine
zweite oder dritte Frau nehmen?
Nein, ich werde nur Emilia heiraten. Und ich werde sie
immer in Ehren halten.
Er wandte sich seiner Tochter zu: Du bist dir sicher, dass
du einen Orientalen heiraten möchtest? Du weißt nicht, was auf
dich zukommt! Er kommt aus einer völlig anderen Kultur!
Doch, Papa, ich weiß es. Ich kenne Ar...Mohammed sehr
genau. Er ist der liebste Mensch, den du dir vorstellen kannst.
Er würde mir nie ein Leid zufügen.
Hm, ich weiß nicht recht... Das geht mir ja eigentlich
alles zu schnell, überlegte der Vater. Ich muss erst
darüber nachdenken.
Ja, das kann ich verstehen, Herr Leyden. Wir möchten Sie
auch nicht drängen. Ich bitte Sie nur, mich nicht von vornherein
abzulehnen, weil ich kein Europäer bin.
Hm, machte Emilias Vater. Es geht mir ja nur um
Emilias Wohl. Wissen Sie, Emilia ist ein sehr gebildetes Mädchen
mit einem hohen kulturellen Anspruch. Es wurmt mich, dass sie
sich ausgerechnet einen Mann ausgesucht hat, der ihr in der
Hinsicht nichts bieten kann.
Woher willst du das wissen, Papa?, fragte Emilia.
Nunja, der junge Mann weiß ja noch offensichtlich noch
nicht einmal, dass in seinem Heimatland die berühmten Pyramiden
stehen. Meinst du, er hat schon einmal was von der Kultur des
Abendlandes, geschweige denn von Goethe und Schiller
gehört?
Ardeth dankte im Stillen seiner Mutter im Nachhinein sehr, dass
sie ihn mit den wichtigen Schriften dieser Welt vertraut gemacht
hatte.
Ich bin zwar nicht in Europa aufgewachsen und kann
sicherlich lange nicht mit Emilias Wissenstand mithalten, doch
ich freue mich darauf, mit ihr über die berühmten Gelehrten des
Abendlandes reden zu können. Seien es die alten Griechen und
Römer, von denen Sie meinen, sie begründeten die Basis Ihrer
Kultur, oder die vielen Dichter und Denker der letzten 200 Jahre,
die Europa so geprägt haben.
Papa, Ardeth ist sehr gebildet und ...
Ardeth?
Ich meinte Mohammed, ich nenne ihn halt immer Ardeth, weil
das etwas bedeutet, was, das ist ja jetzt egal. Jedenfalls
spricht er sogar Latein.
Du meinst, er kann Latein lesen, erwiderte Hermann
lässig, der aber sehr beeindruckt war, es aber nicht zeigen
wollte.
Nein, er kann es sogar sprechen, und zwar so, wie die
Römer es gesprochen haben.
Woher will Herr Garadh wissen, wie die Römer gesprochen
haben? Sie sind doch schon längst tot.
Seine Vorfahren haben es ihm überliefert. Die Römer waren
in Ägypten, da haben es seine Vorfahren gehört und
behalten.
Herr Leyden schaute seine Tochter an, als hätte sie ihm einen
Bären aufgebunden. Ardeth hielt es für angebracht, das Thema zu
wechseln, bevor es hier ins Detail ging. Sie saßen immerhin noch
im Speisesaal und waren längst in den Mittelpunkt der übrigen
Passagiere gerückt.
Jedenfalls, sagte Ardeth schnell, kenne ich
auch die berühmten Pyramiden. Ich habe sieben davon von innen
gesehen.
Emilias Vater starrte ihn an, als käme er immer noch vom Mond
und stieß dann ungläubig, aber fasziniert, hervor:
Sieben?!
Und Ardeth zählte die Namen der Pyramiden in der richtigen
chronologischen Reihenfolge der Erbauung auf. Die Augen von
Emilias Vater wurden immer größer und glänzender. Der Ober
deckte während Ardeth Vortrag die Teller ab und erkundigte sich
dann, was die Herrschaften zum Dessert zu trinken wünschten.
Alle bestellten Kaffee.
Ich gebe zu, ich habe Sie unterschätzt, junger Mann.
Emilia wusste, sie hatten gewonnen. Bildung war der
ausschlaggebende Faktor bei ihrem Vater. Geld zählte nicht so
sehr für ihn. Er freute sich auf anregende Gespräche mit dem
Fremden. Mit seinem zukünftigen Schwiegersohn.
Ich denke, ich kann euch schon heute Abend meinen Segen
geben. Was meinst du, Annerl?
Seine Frau war etwas durcheinander. Das ging doch ziemlich
schnell.
Nunja, er hat gute Tischmanieren..., war alles, was
sie verlegen dazu sagen konnte.
Das heißt ja?, fragte Emilia ganz aufgeregt, und
ihre Mutter nickte. Emilia fiel Ardeth um den Hals, während die
anderen Gäste applaudierten.
Noch in derselben Nacht trafen sich Ardeth und Emilia bei ihrer
Bank. Sie lagen lange einander in den Armen.
Ich hätte nicht gedacht, dass er gleich ja sagen
würde, meinte Emilia erleichtert. Ich hatte schon
Angst, er würde dich ablehnen. Du warst sehr mutig, als du ihn
einfach so gefragt hast. Mir war in dem Moment ganz anders.
Sie sah Ardeth ganz verliebt an. Wie gern würde ich
endlich durch dein Haar streichen so wie du meines mit deinen
Fingern gerade durchkämmst.
Bald, mein Stern, habe ein bisschen Geduld!
Warum trägst du immer ein Tuch oder einen Turban?
Sie sah ihn neckend an. Gib zu, du hast schon eine
Halbglatze! Hu, wie mag das aussehen! Seitlich luken da dunkle
Locken hervor, und obendrauf ist nichts!
Ardeth musste selbst lachen bei dieser Vorstellung. Nein,
ich trage das Tuch, damit nicht alle meine Stirntätowierung
sehen. Und ich habe keine Lust, sie auch noch zu überschminken.
So ist es einfacher.
Aber wir sind hier allein! Nimm das dumme Tuch ab! Ich will
sie sehen!
Wir sind hier nicht immer allein. Wie oft kam schon ein
Matrose hier vorbei? Oder jemand, der nicht schlafen kann?
Wir könnten in deine Kabine gehen!
In meine Kabine? Und was würden wohl deine Eltern dazu
sagen? Dein Vater hat mir gerade erst einen Vortrag über
katholische Sittsamkeit gehalten.
Tatsächlich hatte Herr Leyden sich Ardeth nach dem Essen noch
einmal vorgenommen, allein in der Kabine der Leydens, aber er war
nicht allzu streng mit ihm, sondern eher neugierig, was Ägypten
anbelangte. Und so hatten sie einen sehr anregenden Abend, der
erst endete, als Frau Leyden endlich schlafen wollte. Nina hatte
inzwischen nebenan Emilia befragt, dann hatten sie versucht, das
Gespräch nebenan zu erlauschen, bis ihre Mutter ihr Zimmer
betrat und mit Emilia über Ardeth und die Ehe sprechen wollte.
Sie hatte ihre Tochter nie so entschlossen erlebt.
Ja, meine Mutter hat mir auch ins Gewissen geredet. Sie hat
merkwürdige Vorurteile über Moslems. Das kommt wahrscheinlich
von ihrem Gespräch mit dieser älteren Frau aus Mailand, die
hier an Bord ist. Sie meint, du dürftest mich schlagen und ich
müsste mich verschleiern und so...
Da hat sie nicht so unrecht, neckte sie Ardeth in
Revanche für die Halbglatze, doch an Emilia war seine Intention
vorbeigegangen. Sie trat ernst einen Schritt zurück.
Verzeih, begriff Ardeth sofort die Situation,
das war nicht ernst gemeint. Niemals würde ich dich
schlagen, Emilia! Und zieh an, was dich glücklich macht!
Emilia wurde nachdenklich. Dann sagte sie leise: Es ist
fast wie bei Ortrud.
Bei wem?
Ortrud. Aus Lohengrin.
Ardeth verstand rein gar nichts und sah Emilia fragend an.
Ach, wie soll ich das so schnell erklären? Lohengrin ist
ein edler Ritter. So wie du eben.
Was? Ich bin doch kein Ritter...
Doch, bist du. Schau dich doch mal an. Deine Haltung! Ich
habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden wie dich
kennengelernt oder geschweige denn gesehen. Du wirkst wie ein...
wie ein König eben... nein, noch viel besser. Warst du schon mal
in Rom?
Ardeth konnte Emilias Gedankensprüngen nicht ganz folgen. Er
schüttelte mit dem Kopf.
Ich war dort als Kind. Da gibt es viele Engel. Du weißt
aber, was ein Engel ist?
Ja, auch im Islam gibt es Engel.
Dann kennst du sicherlich den Erzengel Gabriel?
Ja, der hat ja Mohammed angeblich den Koran gebracht.
Und Maria die Botschaft, dass sie schwanger vom Heiligen
Geist ist. Naja, dieser Engel steht dort als Skulptur.
Wunderschön, in weiß gemeißelt. In einer Hand das Schwert,
hoch erhoben, den erhabenen Blick in die Ferne gerichtet, in
Harnisch, und zu seinen Füßen die Bösen, besiegt von ihm.
Weißt du, so kommst du mir vor! Naja, und ein bisschen auch wie
der Schwanenritter Lohengrin, aber der ist ja auch von Gott
gesandt worden wie der Engel Gabriel.
Ardeth war leicht verwirrt. Und wer ist jetzt Ortrud?
Emila sprach hellauf begeistert weiter: Ortrud ist eine
böse Frau. Sie missgönnt der Herzogin Elsa, dass sie Lohengrin
geheiratet hat. Weißt du, Elsa und Lohengrin sind ein Traumpaar.
Er hat ihr in höchster Not geholfen, aber sie darf niemals
wissen, wie sein Name ist und woher er kommt. Emilia stieß
Ardeth von Seite an. Ein bisschen so wie bei dir, nur dass
es genau andersherum ist: Nur ich darf wissen, wer du wirklich
bist. Sie kam wieder zum Thema zurück und bemerkte nicht,
wie Ardeths Blick sich ein wenig mit Wehmut füllte. Wenn
Elsa ihn fragen würde, müsste er sie verlassen. Und Ortrud
redet immer wieder auf sie ein, sie soll ihn fragen, er könnte
ein Verbrecher sein und so. Sie weckt den Zweifel in Elsa. Dabei
ist Lohengrin absolut erhaben. Doch Ortruds Taktik geht auf: Elsa
fragt schließlich. Und Lohengrin muss gehen. Ach, Ardeth,
jedesmal, wenn ich diese Oper gesehen habe, dann habe ich mich so
über Elsa geärgert. Sie liebt ihren Lohengrin doch, warum also
vertraut sie ihm nicht?
Ach, das ist eine Oper?
Ja, von Wagner. Weißt du, als wir noch in Deutschland
waren, haben wir in der Nähe von Bayreuth gewohnt, in einem
himmlischen kleinen Ort im Fichtelgebirge. Wir waren jedes Jahr
bei den Festspielen.
Ardeth sagten weder Bayreuth, noch Fichtelgebirge, noch
Festspiele etwas. Aber er ließ die gerade so begeisterte Emilia
weitersprechen.
Schade, dass wir dort weggehen mussten. Ich war damals 15
Jahre alt. Ich durfte schon zweimal mit in die Oper. Sie
sah Ardeth erwartungsvoll an. Da bemerkte sie, dass er nicht so
ganz folgen konnte. Ardeth, weißt du eigentlich, was eine
Oper ist?
Ja, weiß ich, wir haben in Kairo ein Opernhaus. Und
da war sie wieder, die Erinnerung an seine Familie, speziell an
Ardjun und Claire. Ich war aber noch nie drin
gewesen.
Du warst noch nie in der Oper?
Ardeth musste sich vorkommen, als hätte er etwas Entscheidendes
in seinem Leben verpasst.
Ohje, armer Paps... das ist sein Lieblingsthema, die Musik.
Aber naja, er interessiert sich eigentlich für alles. Aber sei
gewarnt: Er wird dir viel darüber erzählen.
Noch mehr als eben Emilia? Ardeth sah sich langen Abenden
ausgesetzt. Vor allem hatte er nicht ganz verstanden, warum
Emilia den Vergleich mit Ortrud angeführt hatte.
Sag mal, Emilia, warum hast du das von dieser bösen Frau
eigentlich erzählt?
Ortrud? Emilia überlegte kurz. Achja, wegen
meiner Mutter. Sie sagt mir doch auch ständig, ich soll mich vor
dir hüten. Und ich war vorhin wirklich drauf und dran, dir
deinen Spaß zu glauben, nur weil meine Mutter vorher so geredet
hatte. Emilia versuchte sich daran zu erinnern, worum es in
dem Gespräch vor ihrer Bemerkung eigentlich ging, da fiel ihr
wieder ein, dass sie Ardeth eigentlich gern ganz gesehen hätte,
und zwar am liebsten allein in seiner Kabine. Sie sah ihn
prüfend an. Er verdaute noch den Fluss an Informationen.
Du hast auf der Stirn auch so eine Tätowierung? Sie
wies auf seine rechte Wange.
Er nickte.
Warum macht man das in deinem Volk?
Ich habe diese Zeichen nicht nur im Gesicht, sondern auf
dem ganzen Oberkörper.
Emilia sah Ardeth mit großen Augen an, doch der sprach ruhig
weiter: Sie bedeuten, dass wir die Wächter Ägyptens sind.
Wir sind eigentlich das Eigentum des Großen Hauses, das heißt
des Pharaohs, der gerecht und im Einklang mit den Göttern
Ägpyten regiert.
Emilia schaute ungefähr so wie Ardeth zuvor beim Thema
Lohengrin. Ihre Ehe versprach, sehr spannend zu werden.
Der Pharaoh repräsentiert auf Erden Horus, in der Ewigkeit
Osiris und er muss dafür sorgen, dass die Maat eingehalten wird.
Somit erstreckt sich auch unsere Aufgabe auf die Ordnung im
Diesseits und im Jenseits.
Ardeth?
Er sah sie lächelnd an und verstand, dass er sie genauso
überforderte wie sie zuvor ihn. Doch Emilia hatte genau
zugehört und ihr was aufgefallen, dass Ardeth in der Gegenwart
sprach.
Ardeth, du redest so, als würde es noch Pharaonen
geben.
Ardeth war etwas irritiert. Das war ihm gar nicht bewusst
gewesen.
Ihr tragt diese Zeichen also... in Erinnerung an die
Pharaonen?
Wir tragen sie seit dem sogenannten Neuen Reich, eine der
wichtigsten Zeiten in Ägypten, und es kann sein, dass es sogar
schon davor war. Emilia, ich werde sie dir bald zeigen. Aber
nicht heute Nacht. Wir müssen vernünftig sein. Deine Eltern
waren gerade sehr großherzig, indem sie unserer Ehe zugestimmt
haben. Nun dürfen wir sie nicht enttäuschen. Ich habe mit
deinem Vater besprochen, dass wir schon in fünf Tagen heiraten,
wenn der Kapitän einverstanden ist, den wir morgen fragen
werden.
Und das sagst du mir erst jetzt? Ich werde in 5 Tagen
heiraten? O Gott!
Sie schlug die Hände aufgeregt vor ihr Gesicht.
Falls der Kapitän...
Jaja, ich hab's verstanden, Ardeth! Aber was soll denn hier
auf dem Atlantik dazwischenkommen? O Gott, was ziehe ich denn
an?
Ardeth seufzte. Das blaue Kleid heute Abend stand dir sehr
gut.
Ach, Ardeth, ich heirate natürlich in weiß. Und du musst
schwarz anziehen.
Nichts Neues für Ardeth.
O Gott, ich bin ja so aufgeregt.
Ardeth lächelte. In seinem Stamm waren die Frauen bei Hochzeiten
auch immer so aufgeregt.
Kannst du dich denn noch fünf Tage gedulden mit deiner
Neugier?, neckte er sie.
Nein!, zwinkerte sie ihm und riss ihm sein schwarzes
Tuch vom Kopf. Oh! Das sieht ja ganz anders aus als auf den
Wangen! Und was für ein schönes Haar du hast!
Ardeth seufzte, nahm ihr das Tuch aus ihrer rechten Hand und
wickelte es sich wieder um.
Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. Er spürte, wie ihm ganz
anders wurde bei dieser engen Umschlungenheit. Doch Ardeth hatte
gelernt, sich zu beherrschen. Er nahm sie mit den Händen bei den
Schultern, rückte sie ein wenig von sich weg und meinte:
Wir sollten jetzt schlafen gehen, Emilia, sonst werden wir
morgen totmüde sein. Außerdem solltest du nicht so lange deiner
Kabine fern bleiben. Und wir sollten uns vor unserer Hochzeit
hier nicht mehr nachts treffen.
Ardeth, protestierte Emilia, denn die nächtlichen
Treffen hier waren so romantisch.
Nein, es ist besser, wir verzichten darauf. Sei jetzt ein
wenig vernünftig, Emilia. Lass uns nichts aufs Spiel
setzen.
Ardeth hatte in seinem Leben schon einiges erlebt und wollte
jetzt keine Fehler machen. Emilia schmollte leicht, doch dann gab
sie nach, aber sehr ungern.
Wenn du es so möchtest...
Er lächelte sie sehr lieb an. Dann küsste er sie auf die Stirn
und sie trennten sich nach diesem ereignisreichen Tag.
Die nächsten Tage wurde besonders für Emilia sehr hektisch. Sie
war sehr aufgeregt. Ihre Mutter und Schwester trugen das ihre
dazu bei. Der Kapitän hatte sich einverstanden erklärt und
Brautvater und Bräutigam darauf aufmerksam gemacht, dass sie die
Ehe in Argentinien bei einem Standesamt eintragen lassen
müssten. Die Zeremonie sollte im kleinen Kreis stattfinden,
anschließend würde man im Saal speisen und tanzen. Emilia
sollte danach in Ardeths Kabine übersiedeln. Am Tage der
Hochzeit durfte Ardeth die Braut vorher nicht sehen, also blieb
er auf seiner Kabine. Sein Schwiegervater in spe kam zu ihm. Seit
er in den vielen Gesprächen, die die beiden jenseits der
Aufregung der Frauen führen konnten, erfahren hatte, dass Ardeth
von den Pharaonen abstammte, war er seinem zukünftigen
Schwiegersohn noch mehr zugetan. Er hatte mit ihm beim
Bordjuwelier die Ringe besorgt und über die Zukunft des jungen
Paares mit Ardeth gesprochen, der ihm zu verstehen gegeben hatte,
dass er mit Emilia landeinwärts ziehen müsste. Er konnte nicht
in Buenos Aires bleiben. Wovon sie leben sollten, wusste Ardeth
auch noch nicht. Sie würden wohl eine kleine Farm erwerben
wollen. Natürlich hatte Herr Leyden wissen wollen, warum Ardeth
sich eigentlich vor seiner eigenen Familie verborgen halten
musste, und Ardeth erzählte ihm von der geplatzten Verlobung. Er
bemerkte, wie Herrmann Leyden aufatmete, denn er hatte schon
Sorge, dass Ardeth ein Verbrechen begangen hatte. Ardeth sagte
ihm auch ehrlich, dass das Geld von seinem Onkel stammte und er
nicht wüsste, ob er immer genügend zur Verfügung haben würde.
Außerdem konnte er sich sein ganzes Leben nicht auf seinen Onkel
verlassen. Er würde vermutlich nicht so reich bleiben wie er es
im Moment war. Ardeth hatte es auch Emilia gesagt, die ihm
versicherte, dass es ihr nichts ausmachte würde, weniger reich
zu sein. Herr Leyden war davon überzeugt, dass Ardeth ein sehr
verantwortungsvoller Mensch war, dem er ruhigen Gewissens seine
Tochter anvertrauen konnte. So war er am Tag der Hochzeit auch
zuversichtlich. Die Aussicht auf ein gutes Glas Wein es
sollte den besten geben, der an Bord war steigerte seine
gute Laune deutlich.
Nun, mein lieber Schwiegersohn, sprach er, als er
eintrat, bereit? Und klopfte Ardeth auf die Schulter,
der sich soeben in seinen schwarzen Anzug gekleidet hatte und die
weißen Handschuhe überzog. Er hatte den blauen Turban gewählt,
der etwas übertrieben orientalisch wirkte. Sowohl der Turban als
auch die Krawatte waren mit Brillanten versehen. Ardeth nickte.
Hast du auch die Ringe eingesteckt?
Ardeth prüfte den Inhalt seiner Jackettasche und nickte.
Aufgeregt, mein Junge?
Ein wenig, Herr Leyden. Es ist meine erste Hochzeit.
Und hoffentlich deine letzte!, lachte der ältere und
tätschelte Ardeth verschwörerisch die Schulter, als er
weitersprach: Ich wünsche mir viele Enkelkinder!
Keine Sorge, Herr Leyden, Emilia und ich werden daran
arbeiten.
Der Vater nickte und warf dem großen Bett einen eindeutigen
Blick zu. Meine Frau hat darauf geachtet, dass Emilia eine
gute katholische Erziehung zuteil geworden ist. Sie weiß nicht,
was auf sie zukommen wird...
Ardeth sah Herr Leyden etwas verwundert an, besann sich aber
sofort auf eine artige Antwort:
Sie können mir vertrauen, Herr Leyden. Ich werde mit
Emilia sehr behutsam sein.
Herr Leyden schien beruhigt. Ja, dann werde ich jetzt mal
zu meiner Tochter gehen. Ich werde sie dir nachher zuführen und
dir ihre Hand reichen, also anvertrauen. Du wartest beim
Kapitän.
Ardeth nickte und erwiderte: Ich danke Ihnen, dass Sie
bereit sind, mir ihre Tochter anzuvertrauen.
Ach, Ardeth, wenn du in weniger als einer Stunde mein
Schwiegersohn sein wirst, dann wirst du mich hoffentlich
duzen!
Natürlich, Schwiegervater!
Herr Leyden klopfte ihm noch einmal ermutigend auf die Schulter
und verließ die Kabine.
Er war sehr stolz, als er wenig später seine schöne Tochter am
Arm führte. Sie trug ein elegantes weißes Kleid, das Puffärmel
hatte und mit Rüschen versehen war. Auf dem Kopf trug sie einen
Blumenkranz aus weißen Blumen, darüber war ein langer Schleier
gelegt worden, der ihr bis zur Brust reichte und hinten ein Meter
auf dem Boden schleifte. Sie trug den Schmuck ihrer Mutter, die
ihr diesen anlässlich ihrer Hochzeit geschenkt hatte. In dem
kleinen Andachtsraum befanden sich außer dem Kapitän und Ardeth
Emilias Mutter und Schwester, zwei mit den Leydens gut bekannte
Ehepaare, die sie hier an Bord kennengelernt hatten, mit ihren
insgesamt sechs Kindern und ein Musikant, der auf der Geige
Melodien spielte. Im Moment des Eintretens des Brautvaters und
Emilias spielte er Treulich geführt von Richard
Wagner. Emilia hatte Ardeth erzählt, dass sie sich das Stück
besonders gewünscht hatte, da es aus Lohengrin
stammt. Er achtete aber weniger auf die feierliche Musik, sondern
sah ergriffen auf seine Braut und musste Tränen der Rührung
unterdrücken. Er würde jetzt heiraten, in einem westlichen
Anzug, auf einem Schiff auf dem Atlantik, eine Europäerin mit
mittelblonden Haaren eine Situation, die sich niemand in
seiner Familie vor gerade mal zwei Monaten hatte auch nur
vorstellen können. Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! Was sie
zu Hause aus diesem Anlass für ein Brimborium gemacht hätten!
Tausende wären vorübergehend im 12. Stamm zu Besuch gewesen.
Seine Hochzeit dort wäre die anstrengendste Episode in seinem
Leben geworden. Auch wenn er dieser Aussicht nicht nachtrauerte,
wünschte er sich doch, dass wenigstens seine Mutter und sein
Onkel hier wären. Er schickte einen sehr lieben Gedanken zu
seiner Mutter und wusste, er würde sie erreichen.
Im fernen Ägypten wusste Leyrah, die sich in den Isis-Tempel in
der Nähe des 1. Stammes zurückgezogen hatte, in diesem Moment,
dass ihr Sohn noch lebte. Sie war gerade dabei, den Altarstein
mit Blumen zu schmücken, als sie auf einmal eine Hand zum Herzen
führte. Die Oberpriesterin warf ihr einen fragenden Blick zu.
Er lebt noch! Ich spüre es ganz deutlich!,
flüsterte Leyrah.
Und nur wenige Tage darauf erhielt sie persönlich die Nachricht
von Leslie, dem es endlich gelungen war, sie an diesem
abgelegenem Ort zu besuchen.
Herrmann Leyden war inzwischen vorn angekommen und überreichte
Ardeth seine Tochter. Der Kapitän erzählte etwas von ehelicher
Treue, und dass auch mal Stürme wie auf See kämen, die es zu
überstehen gelte, verglich den Ehemann mit dem Steuermann, der
das Schiff zu steuern wüsste, und ersuchte die Braut, dass sie
sich ihrem Ehemann anvertrauen sollte. Schließlich fragte er die
beiden nacheinander, erst Ardeth, dann Emilia, nach ihrem
Einverständnis. Sie steckten sich die Ringe an und der Kapitän
schaute sich interessiert Ardeths tätowierte Hände an. Ardeth
durfte nun Emilias Schleier heben und sie küssen. Der Schleier
wurde von Emilias Mutter nun hinten festgesteckt, so dass er
über dem längeren Schleierteil hinunterfiel. Die
Frischvermählten sowie ihre beiden Treuzeugen unterschrieben
noch eine Urkunde, die der Kapitän dann dem Bräutigam
überreichte. Die Anwesenden nahmen die beiden in die Arme und
gratulierten recht herzlich. Die Brauteltern weinten seit
dem Trauversprechen. Auch Nina konnte nicht an sich halten,
ebenso Emilia, deren Schminke schon verlaufen war. Herr Leyden
überreichte Ardeth ergriffen ein Geschenk, ein Erbstück, wie er
ihm zuraunte. Es handelte sich um eine sehr alte Taschenuhr mit
Kette. Sie ließen sich, unter den Gratulationen anderer
Passagiere, an dem festlich gedeckten Tisch im Saal nieder. Man
hatte den Platz des Paares besonders geschmückt. Ardeth hielt
Emilia den Stuhl hin und sie grinste ihn an. Als er sich neben
sie gesetzt hatte, raunte er ihr zu, wie wunderschön sie doch
sei! Emilia war eine sehr stolze Braut. Nach dem Essen wurde
getanzt. Ardeth stolperte mehr oder weniger zu den
Walzerklängen, Emilia führte ihn. Ebenso tat es später Anna
Leyden, die er ebenfalls zum Tanz auffordern musste. Je mehr Wein
floss, desto leichter fiel es Ardeth zu tanzen. Am späten Abend
waren Anna und Nina auf einmal verschwunden. Sie bereiteten das
Hochzeitszimmer vor. Ardeth hatte ihnen seinen Schlüssel
aushändigen müssen. Dann holte Nina ihre Schwester ab, die nun
von Mutter und Schwester von dem kunstvollen Brautkleid befreit
wurde. Ihre Mutter überreichte ihr ein Nachthemd, das
merkwürdigerweise ein Loch in der Mitte hatte und das sie
anziehen musste. Emilia blieb mit ihren Ängsten vor dieser Nacht
allein, als ihre Verwandten die Kabine verließen. Herr Leyden
und der andere Trauzeuge begleiteten Ardeth bis zu seiner Kabine
und wünschten ihm mit vielsagender Geste Erfolg. Als er in seine
Kabine eintrat, erblickte er eine verängstigte Emilia, die mit
zusammengekniffenden Beinen auf der Bettkante saß und den Blick
gesenkt hatte. Da wusste Ardeth, dass er eine Menge
Aufklärungsarbeit vor sich hatte. Er ging zum Kleiderschrank, wo
Anna und Nina liebevoll Emilias Garderobe eingeräumt hatten und
holte das blaue Kleid hervor, das ihm an Emilia so gefiel. Er
reichte es ihr, die immer noch nicht wagte, ihren Ehemann
anzuschauen. Doch als sie sah, was er ihr gegeben hatte, sah sie
ihn irritiert an.
Ardeth stand vor ihr und lächelte sie an. Zieh das bitte
an! Ich möchte mit dir in ungefähr einer Stunde zu unserer Bank
draußen gehen.
Emilia bekam ganz große Augen und brachte schließlich ein
Warum? hervor.
Weil dann hoffentlich deinen Eltern vor unserer Kabinentür
langweilig geworden ist, flüsterte er. Und weil ich
heute Nacht an dem Ort sein möchte, wo wir uns kennengelernt
haben. Tust du mir den Gefallen?
Sie nickte und hielt das Kleid verlegen vor ihren Körper. In
seiner Anwesenheit würde sie sich nicht umziehen. Ardeth
verstand die Geste. Er lächelte sie wieder an, denn er wollte
ihr Vertrauen erwecken, nickte und ging noch einmal zum
Kleiderschrank, holte nun sein schwarzes Hemd und die Hose heraus
und verschwand im angrenzenden Badezimmer.
Als er vorsichtig in die Kabine zurückkehrte, war auch Emilia
umgezogen. Das merkwürdige Nachthemd hatte sie unter einem
Kissen versteckt. Ardeth hatte sich die Schminke abgewaschen und
trug die Haare offen. Emilia warf ihm einen bewundernden Blick
zu. Dazu war sein schwarzes Hemd weit geöffnet und gab den Blick
auf seine Brusttätowierungn frei, nämlich zwei breite
Hieroglyphen-Bänder. Er sah so ganz anders aus als noch kurz
zuvor. Ardeth holte aus einer Schublade ein Kartenspiel hervor,
das sein Schwiegervater einmal mitgebracht hatte, als er den
hektischen Vorbereitungen der Frauen entgehen wollte. Emilia
starrte irritiert auf das Spiel. Ardeth aber hatte einen guten
Grund. Er wollte, dass die Lauscher an der Tür Geräusche
vernahmen und endlich zum Schlafen gehen würden. So brachte er
Emilia mit dem Kartenspielen zum Lachen und zum künstlichen
Empörtsein, wenn sie am Verlieren war. Sie neckten sich, und
nach sieben Runden bedeutete Ardeth Emilia, leise zu sein. Er hob
den Kopf und lauschte.
Hörst du? Sie gehen weg!
Du hast aber ein gutes Gehör! Sie kicherte, denn
auch sie hatte reichlich Sekt und Wein genossen und war
inzwischen gar nicht mehr ängstlich, denn das Spielen hatte ihre
Anspannung genommen.
Wir warten noch eine kleine Weile, dann gehen wir hinaus.
Hast du ein Cape? Draußen ist es windig. Tatsächlich
schaukelte das Schiff ziemlich.
Emilia erhob sich und ging zum Kleiderschrank.
Oh, meine Mutter hat ja schon alles eingeräumt. Sie
griff ein dunkelblaues Cape und hielt inne. Ardeth? Ist das
deine ganze Kleidung? Die linke Seite des Kleiderschranks
war im Gegensatz zur rechten dürftig besetzt. Ardeth antwortete
nicht gleich, weil er nicht wusste, was er dazu sagen sollte.
Und was ist das hier? Sie griff nach seinem schwarzen
Kriegergewand, das dominierend zwischen den Anzügen hing und
fast den ganzen Platz einnahm.
Das ist alles, was ich bis vor zwei Monaten zum Anziehen
hatte, erwiderte Ardeth.
Ein Kleid? Ein schwarzes Kleid?
Ardeth schüttelte mit dem Kopf, nahm sein Kriegergewand aus dem
Schrank und zog es sich über, und Emilia sah, dass er Hemd und
Hosen darunter anbehielt. Ist gut bei Wind,
rechtfertigte er sich und nahm den Gürtel aus einem Schrankfach.
Dann nahm er sein schwarzes Tuch und wickelte es um seinen Kopf.
Emilia sah ihm staunend zu. Ardeth beachtete ihre verwunderten
Blicke gar nicht, sondern ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig
und vergewisserte sich, dass es ruhig war auf dem Gang. Es war
bestimmt schon 2 Uhr nachts. Er winkte sie heran. Dann schlichen
sie zu ihrer Bank und setzten sich, wobei Ardeth Emilia ganz eng
in den Arm nahm, denn der Wind zerrte fürchterlich an ihnen.
Emilia schmiegte sich eng an.
Vor gerade mal zehn Tagen sind wir uns hier begegnet und
jetzt sind wir schon Mann und Frau, raunte sie. Und
jetzt dürfen wir uns ganz offiziell in den Armen liegen.
Sie blieben eine ganze Weile so sitzen, sprachen aber nicht, weil
der Wind zu laut pfiff, aber schauten über das wogende Meer. Sie
hingen ihren Gedanken nach. Ardeth wunderte sich, wie sich sein
Leben geändert hatte. Nun war er mit einer Euroäerin
verheiratet und auf dem Weg in die Neue Welt, er, der 128.
Bay-Erbe. Er war glücklich, Emilia geheiratet zu haben, doch
noch immer quälte ihn das schlechte Gewissen, seine Heimat im
Stich gelassen zu haben. Ihm fielen Farani und Leslie ein, die
seinetwegen einiges zu erdulden hatten. Aber er konnte ja nichts
daran ändern. Er musste nach vorn schauen, nicht zurück. Emilia
bibberte inzwischen etwas.
Wir sollten wieder reingehen, meinte er sehr laut, um
das Getöse zu übertönen.
Sie standen auf, Emilia hielt sich an Ardeth fest, da es sehr
schaukelte, und sie wankten mehr oder weniger zur Kabine zurück.
Dort angekommen, schüttelten sie sich.
Wir machen es uns jetzt hier gemütlich, meinte
Ardeth und entzündete eine Öllampe. Zuerst nehmen wir ein
heißes Bad und dann kuscheln wir uns unter die Decke!
Emilia sah ihn mit großen Augen an. Da war sie wieder, diese
Furcht vor dieser Nacht. Jetzt würde er sie zu seiner Frau
machen! Sie hatte solche Angst davor, denn weder ihre Mutter, die
ihr nur streng nahe gelegt hatte, ihrem Ehemann in allem zu
gehorchen, noch Nina, die Schauergeschichten zur Hochzeitsnacht
erzählen konnte, hatten dazu beigetragen, dass Emilia mit Freude
ihren Mann empfangen würde. Sie warf einen Blick zu dem Kissen,
unter dem das merkwürdige Nachthemd lag.
Ja, wie du wünschst, antwortete sie, und Ardeth
spürte ihre Verunsicherung. Das Wort wünschst
hätte man auch mit befiehlst ersetzen können, denn
ihr Kopf war sittsam nach unten geneigt. Er trat zu ihr hin und
hob ihr Kinn an.
Wenn du nicht heiß baden willst, dann musst du es nicht.
Aber ich befürchte, du wirst dir eine Erkältung zuziehen. Und
nach dem Baden solltest du dich in die Bettdecke einhüllen,
damit dein Körper warm bleibt. Und weißt du was? Ich werde dich
mit einer Salbe einmassieren, dann wird es dir gleich viel besser
gehen. Und du brauchst keine Angst vor mir zu haben, denn erstens
werde ich mit dir heute Nacht nicht die Ehe vollziehen, denn wir
haben viel zu viel Alkohol getrunken, um heute ein Kind zu
zeugen, Ardeth registrierte, dass Emilia ihn anschaute, als
ob er Märchen erzählte, zweitens, kann ich dir
versichern, dass es morgen Nacht sehr schön werden wird. Du
solltest dich sehr auf diese Nacht freuen. Emilias Blick
änderte sich kein bisschen. Ardeth seufzte leicht und meinte
dann aufgenzwinkernd: Aber dennoch wird es Zeit, dass ich
sehe, was ich geheiratet habe, und andersherum auch.
Er ging um sie herum und öffnete ihr das Kleid, was gar nicht so
einfach war. Tatsächlich hatte sie sich nichts unten drunter
gezogen, weil sie vorhin von panischer Angst erfüllt gewesen
war, dass er zu früh aus dem Badezimmer zurückkehren und sie
nackt sehen würde. Das erklärte auch, weshalb sie noch keinen
Blick in den Kleiderschrank geworfen hatte, bevor sie ihr Cape
herausgeholt hatte. Ardeth wusste, dass er sich beherrschen
musste. So atmete er tief durch und wartete eine Weile, bevor er
sein Gewand und seine anderen Sachen ablegte. Sie stand nackend
vor ihm, als er sich wieder vor sie stellte, und hatte den Blick
gesenkt, versuchte sogar, mit den Armen ihre Brüste zu
verbergen. Er nahm sie sanft bei der Hand und zog sie mit sich
ins Badezimmer. Dort ließ er Wasser in die Wanne laufen, das vom
Maschinenraum in die Luxuskabinen gepumpt wurde. Es gab ständig
heißes Wasser, da der Dampfkessel das Schiff am Laufen hielt. Er
warf einige der Blütenblätter hinein, die an der Seite bereit
standen. Emilia stand daneben und warf heimliche Blicke auf seine
Körpermitte. Sie hatte bislang noch keinen nackten Mann gesehen.
Was hast du da?, getraute sie sich fragen. Ardeth
stand ihr immer noch abgewandt, weil er weiterhin das Wasser
pumpte.
Ich habe dir doch erzählt, dass ich auch am Oberkörper
überall tätowiert bin, antwortete er, der ein ganz
anderes Umgehen zwischen den Geschlechtern gewohnt war und sich
nicht vorstellen konnte, dass Emilia überhaupt nicht wusste, wie
ein Mann aussah.
Ja, nein, stotterte sie. Das meine ich nicht,
sondern den Schwanz... Sie dachte noch, wie ein Tier, nur
an der falsche Stelle, doch mochte das nicht laut sagen. Und als
Ardeth sich umdrehte und sie mit einem sehr merkwürdigen Blick
bedachte, wurde sie sehr verlegen. Ha...haben das alle
Männer? Ardeth war für ein ganz kleine Weile versucht zu
antworten: Nein, nur ich!, aber dann wäre sie wohl
schreiend davongelaufen. Außerdem musste er jetzt sehr
vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen.
Ja, alle, antwortete er und bemühte sich, ihr ins
Gesicht zu schauen, um bloß nicht ihren Körper zu sehen, denn
er musste sich nach wie vor sehr, sehr beherrschen. Er hatte sich
bereits im Geiste Hunderte an heranstürmenden Anubis-Kriegern
vorgestellt, die er besiegen musste, bloß um an etwas anderes zu
denken als an Emilias Körper. Bislang funktionierte das ja noch.
Auf einmal fiel Emilia ein, dass ihre vorwitzige Schwester etwas
von einem Stachel erzählt hatte, mit dem sie der Ehemann ganz
fürchterlich stechen würde in der Hochzeitsnacht. Nina war
inzwischen mit anderen, aufgeklärteren Mädchen an
Bord zusammengetroffen. Und gerade, seitdem sie wusste und
erzählte, dass ihre Schwester heiraten würde, saß sie oft mit
diesen Mädchen kichernd beieinander.
Oder ist das der Stachel?, fragte Emilia nach und
Entsetzen lag in ihrer Stimme.
Ardeth war auf einmal heilfroh, bei den Medjai in Ägypten
aufgewachsen zu sein. Er holte erst mal tief Luft. Das Wasser war
inzwischen eingelaufen.
Komm, das Wasser ist fertig. Leider passt nur einer in die
Wanne. Du zuerst! Und während du badest, setze ich mich daneben
und erzähle dir etwas über Männer und Frauen.
Er reichte ihr die Hand, damit sie sicher in die Wanne steigen
konnte. Dann seifte er ihr den Rücken ein und wusch sie mit dem
Schwamm, während er sich überlegte, wie er sie aufklären
könnte...
Am nächsten Vormittag erwarteten ihre Mutter und Schwester
Emilia voll Ungeduld. Eine etwas verschlafene junge Ehefrau
erzählte ihnen auf Ardeths Anraten, dass sie eine schöne
Hochzeitsnacht gehabt hätte. Ihre Mutter warf ihr zwar bei dem
Wort schön einen prüfenden Blick zu, aber sagte
nichts. Als Nina kurz fortgegangen war, erkundigte sie sich aber
bei ihrer Tochter, ob sie auch schön brav das Nachthemd getragen
hätte, worauf Emilia sie anlog. Anna erklärte ihr eindringlich,
sie müsse es immer tragen, wenn sie bei ihrem Mann läge. Emilia
war froh, dass Nina so schnell wieder kam.
In der nächsten Nacht warfen Emilia und Ardeth das Nachthemd aus
dem Bullauge und Emilia meinte, sie werde ihre Schwester noch vor
Ende dieser Reise ein wenig aufklären. Tatsächlich dauerte
diese Reise noch einige Wochen, und es wurde die schönste Zeit
im Leben von Emilia und Ardeth Bay.
In Buenos Aires empfing Hermann Leydens Bruder die Familie. Er
hieß Rudolph, war verheiratet, und hatte drei Kinder. Als ihm
Ardeth als Ehemann von Emilia vorgestellt wurde, warf er dem
jungen Mann einen kritischen Blick zu, doch es war
selbstverständlich, dass das junge Paar vorübergehend auch bei
ihm wohnen konnte. Die Villa von Rudolph Leyden lag am Rande der
Stadt und war sehr idyllisch. Er hatte in Argentinien Reichtum
erworben und leitete mit einem Partner eine große Firma. Sein
Bruder sollte ihm nun helfen. Rudolph bedauerte, als Ardeth und
Emilia nur zwei Tage später aufbrachen, verstand aber die Eile.
Ardeth war inzwischen mit Hermann beim Standesamt gewesen und
hatte zwei Fahrkarten nach Còrdoba erworben, von wo aus er mit
Pferden weiterreisen wollte. Da seine finanziellen Reserven sich
mittlerweile dem Ende neigten, hatte ihm sein Schwiegervater
einiges zugesteckt. Herr Leyden machte sich Sorgen um die Zukunft
der jungen Eheleute und nahm Ardeth das Versprechen ab, nach
Buenos Aires zurückzukehren, bevor sie hungern müssten. Beim
Abschied auf dem Bahnhof ahnten alle, dass es lange dauern
würde, bis man sich wiedersehen würde. Emilias Eltern
bedauerten das sehr, zumal Emilia vermutlich bereits schwanger
war. Wie gern würden sie ihren Enkel sehen! Sie baten das junge
Paar eindringlich, sich so oft wie möglich zu melden, doch
Ardeth meldete Bedenken an. Er wollte zunächst einmal seine
Spuren verwischen. Es würde also lange dauern, bis sie wieder
Kontakt aufnehmen konnten und dann würden sie sich an
Emilias Onkel wenden.
Emilia wurde schnell klar, dass die märchenhafte Zeit auf dem
Schiff zu Ende gegangen war. Die Reise ins Landesinnere wurde
anstrengend. In Córdoba blieben sie nur zwei Nächte, bis Ardeth
all das gekauft hatte, was sie benötigten: drei Pferde, ein Zelt
und Proviant. Emilia konnte zudem nicht reiten. Ardeth hatte sie
bereits in Buenos Aires gebeten, einen Großteil ihrer Kleidung
dort zu lassen, da sie nicht so viel transportieren konnten.
Emilia hatte grenzenloses Vertrauen zu Ardeth, doch fürchtete
sie sich vor der Weiterreise.
Sie lernte zwangsläufig reiten. In Buenos Aires war sie mit
ihrer Mutter, Tante und deren Sohn, der drei Jahre älter als
Emilia war, einkaufen gewesen. Ihre Tante hatte ihr ein schmuckes
enganliegendes Reitkostüm ausgesucht, doch ihr Cousin, der
Ardeth inzwischen kennengelernt hatte, schätzte die Lage richtig
ein und bestand auf weite, bequeme Reitkleidung. Das kam ihr
jetzt zugute und da niemand sie so sehen konnte, war es ihr auch
irgendwann egal. Ardeth musste viele Pausen mit ihr machen. Er
hatte halt keine Kriegerin geheiratet und musste Rücksicht
nehmen. Aber sie hatten zunächst auch keine Eile. Die Reise war
anstrengend, aber Emilia gewöhnte sich daran. Nachts lag sie in
Ardeths starken Armen und hatte keine Angst, wenn auch noch so
merkwürdige Geräusche an ihr Ohr drangen. Tagsüber ritten sie
in Richtung Westen. Sie hielten sich südwärts, als sie an ein
Gebirge stießen, doch ritten wieder westwärts, als es flacher
wurde. Zum Glück fanden sie immer genug Frischwasser. Sie
badeten in sehr kalten Flüssen und wärmten sich nachts am
Feuer, denn es wurde immer kälter, und besonders die Nächte
waren schon sehr klamm. Wenn die beiden gewusst hätten, dass der
Winter hier so streng sein würde, hätten sie sich mehr beeilt,
eine feste Unterkunft zu finden. Doch sie hatten beide keine
rechte Ahnung von dem Wetter hier. Im Westen zeichneten sich
bereits die Anden ab. Emilia und Ardeth staunten über die
schneebedeckten Gipfel, die sie erkennen konnten. Emilia
ruinierte ihr dunkelblaues feingewebtes Cape, das sie sich fest
um die Schulter gezogen hatte, denn es regnete und windete oft.
Ardeth hatte längst sein schwarzes Gewand angezogen. Seit drei
Monaten waren sie nun schon unterwegs. Ihr Proviant war sehr
geschrumpft. Unterwegs hatten sie immer wieder Kräuter und Obst
gesammelt. Ihre Ernährung war recht einseitig und Emilia sehnte
sich sehr in die Zivilisation zurück. Sie war erschöpft, ihre
Schwangerschaft war längst erkennbar. Ardeth fing an, sich
Sorgen zu machen. Einmal kamen sie an einer Ansammlung von
Gebäuden an, und da Ardeth ungeschminkt war und sich sein Tuch
tief ins Gesicht zog, blickten ihnen die Bewohner recht finster
entgegen. Ein Hotel gab es hier nicht, doch einen kleinen Laden.
Sie kauften Lebensmittel ein und zogen weiter. Emilia bereute es
Tage später, nicht dort geblieben zu sein. Sie hatten zunächst
einen gigantischen Canyon durchquert, dessen Bergwände sich wie
eine Kathedrale auftürmten und wo überall wundersame Figuren
aus dem Stein geformt waren. Ardeth und Emilia bestaunten das
Wunder der Natur. Da die Anden sehr nah waren, hielten sie sich
südwärts. Ein furchtbarer Schneesturm zog auf, und Ardeth
beeilte sich, das Zelt aufzubauen, damit Emilia sich in
Sicherheit bringen konnte, doch das Zelt hielt dem Wind nicht
stand. Weit und breit gab es keinen Wald oder etwas zum
Unterstellen. Ardeth stellte schnell die drei Pferde aneinander,
wobei er die trächtige Stute in die Mitte nahm. Dann legte er
Decken und die Zeltplane über sie. Emilia musste unter ihre
Bäuche krabbeln, bekam eine Decke und sollte sich einwickeln,
während sich Ardeth vor die Pferde stellte und sie fest am
Zügel hielt, damit sie stehenblieben. So verbrachten sie den
stundenlang andauernden Schneesturm. Emilia fror erbärmlich,
aber wagte sich nicht zu beschweren, da Ardeth im Schneesturm
stand, während sie sich immerhin unter den schützenden
Pferdeleibern befand. Als der Sturm sich etwas legte, baute
Ardeth das Zelt auf, entzündete ein Feuer und versuchte die
Pferde trocken zu reiben. Er selbst war völlig durchnässt.
Emilia wärmt sich am Feuer, wobei sie am Rücken fror, während
es am Bauch viel zu heiß wurde. Sie hatten keine Decke mehr, die
nicht feucht war. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich
während der Nacht nackend unter einer klammen Decken
aneinanderzuschmiegen.
Die nächsten Tage wurde immer kälter. Zu allem Überfluss
kündigte sich bei der Stute die Geburt an. Ardeth hatte sie
extra ausgesucht, um Nachwuchs zu bekommen, denn ihre Geldmittel
waren sehr begrenzt. Er hatte allerdings gehofft, sie würden
sich längst irgendwo niedergelassen haben. Doch nun stand die
Niederkunft der Stute dicht bevor und am Himmel zogen wieder
dunkle Wolken auf. Ein neuer Schneesturm kündigte sich an.
Ardeth warf der Stute besorgte Blicke zu. Eine Fohlen im
Schneesturm zu bekommen, würde fatal sein. In der Ferne sah er
einen Wald, den sie unbedingt erreichen mussten. Emilia murrte,
sie sollten doch besser jetzt das Zelt aufstellen, bevor es
schneien würde. Doch Ardeth wollte nicht im Freien campieren,
sondern suchte Schutz. Er trieb sie zur Eile an, so erreichten
sie bald den Wald.
Noch weiter?, fragte sie erschöpft, als er nicht
Halt machte, sondern weiter in den Wald hinein ritt.
Ja, besser, wir sind von Wald umgeben. Er wird uns Schutz
geben.
Es ging bergauf und Ardeth gefiel nicht, dass es nur ein lichter
Wald war. Viel Schutz bot er nicht gerade. Also ritt er weiter.
Sie kamen sie auf eine Anhöhe. Von hier konnte man gut hinab
sehen. Der Wald wurde tatsächlich dichter. Es hatte inzwischen
angefangen zu schneien. Dicke Flocken schränkten die Sicht ein.
Hinter dem Wald in ungefähr 200 Meter Entfernung gab es wieder
eine Lichtung. Und... stand da nicht ein Gebäude? Sogar mehrere?
Siehst du das dort unten?, fragte er Emilia.
Sie konnte kaum etwas sehen, denn sie hatte sich ein Tuch tief
ins Gesicht gezogen.
Lass uns dort hinreiten.
Noch weiter?, ächzte sie.
Ja, erwiderte er knapp und sah besorgt auf die Stute,
die laut aufwieherte.
So erreichten sie das Gehöft, das aus einem Haus und zwei
Schuppen bestand. Ardeth zögerte nicht, sondern stieß eine der
Schuppentüren auf. Sie führten die Pferde hinein, schlossen die
Tür, um den Schneesturm draußen zu lassen, und freuten sich,
als sie jede Menge Stroh sahen, aber auch zwei Pferde, die sie
mit großen Augen anschauten. Im hinteren Teil vernahm Ardeth
Ziegengemecker und musste trotz ihrer ernsten Lage lächeln.
Emilia, kümmere dich um die beiden Pferde!
Während Ardeth die werdende Mutter versorgte und trockenrieb,
musste Emilia die anderen Pferde entladen und hielt sich dabei
die Leibesmitte. Ardeth warf ihr besorgte Blicke zu. Er ließ die
Stute, die sich erschöpft hingelegt hatte, kurz allein, ging zu
Emilia und führte sie zu der Stute.
Bleib du bei ihr und beruhige sie!
Dann entlud er die Pferde zu Ende, machte ein kleines Feuer und
stellte ihren Kochtopf darüber, in den er Wasser goss. Er nahm
einige Lappen und brachte sie zu der Stute.
Es ist gleich soweit.
Er kramte hastig einen Becher aus dem Gepäck und gab zerriebene
Kräuter hinein, goss es mit dem heißen Wasser auf und reichte
das Gebräu Emilia, während er das restliche Wasser in eine
Schüssel goss und zur trächtigen Stute ging. Während die
andere Pferden sich dicht bei ihnen am Heu labten, schlürfte
Emilia langsam wohltuenden Tee und Ardeth half der Stute
tatkräftig bei ihrer Geburt. Schließlich lag das Fohlen nass
auf dem Stroh, und Ardeth saß erschöpft, aber glücklich
daneben. Er setzte sich zu Emilia und sie betrachteten gerührt
das Pferdekind, das gerade von seiner Mutter angestupst wurde. Es
war ein schönes Bild, das sich dem alten Mann Juanes Gomez bot,
als er, angelockt vom Feuerschein in seiner Scheune, mit
erhobenem Gewehr eintrat.
Es war Weihnachten. Sie saßen an diesem sommerlichen Abend auf
der Veranda. Emilia hatte Limonensaft zubereitet, während Maria,
eine Indigena, ihre Maisküchlein gebacken hatte, die alle so
gern aßen. Gabriel griff tüchtig zu. Er war vor einem Monat
drei Jahre alt geworden.
Ganz der Vater!, meinte Emilia lachelnd. Immer
nur Süßes!
Ardeth knabberte auch gerade an einer der süßen Maiskugeln
herum und schaute, ertappt bei seiner Leidenschaft, etwas
schuldig zu Emilia, was Maria und ihren Mann Julio zum Lachen
brachte.
Heute ist doch Weihnachten, sprach Juanes im
großväterlich entschuldigendem Ton.
Juanes wirkte wirklich wie ein Großvater. Sein Haar war bereits
grau, sein Gesicht voller Falten, seine Haltung gebeugt. Er
zählte 60 Jahre, hatte aber sein Leben in diesem Teil des Landes
verbracht, hart gearbeitet, und das hatte ihn vorzeitig altern
lassen. Seine Farm war eher klein und er hatte sie jahrelang mit
Hilfe von einigen einheimischen Indios bewirtschaftet, deren
Padrón er war. Einst war er aus Spanien gekommen und hatte sich
Glück und Reichtum erhofft. Er war weder in den Genuss des einen
noch des anderen gekommen und hatte eher schroff über seine
bediensteten Indios geherrscht, so wie es auf den Estancias
Argentiniens üblich war. So hatte er unter ihnen auch keine
Freunde gewonnen, und die Besitzer anderer Estancias wohnten viel
zu weit entfernt, als Freundschaften aufzubauen. Auch eine
standesgemäße Frau hatte es für Juanes Gomez nie gegeben. Er
wäre wohl vereinsamt und mit verhärtetem Herzen gestorben, wenn
nicht eines Abends im Winter vor drei Jahren Emilia und Ardeth in
sein Leben getreten wären. Zunächst hatte er beim Anblick von
Ardeths Gesicht im diffusen Licht im Pferdestall geglaubt, er
hätte einen der geflohenen Indios aus dem Süden vor sich, denen
immer noch von reichen Rancheros der Garaus gemacht wurde. Doch
dann hatte er Emilia gesehen, die ihn ängstlich anschaute und
sich an Ardeth festgeklammert hatte. Sein Blick war zu dem jungen
Mann zurückgewandert und er erkannte, dass er sich getäuscht
hatte: Wer auch immer Ardeth war, er war jedenfalls kein Indio.
Juanes hatte ein Herz für Pferde, er hatte sich vor einigen
Jahren selbst von seinem mühsam Ersparten zwei Pferde gekauft.
Und als er das Fohlen erblickte, ging sein Herz aus dem Leim.
Sein Blick fiel wieder zurück auf Ardeth, der der Stute
offensichtlich bei der Geburt geholfen hatte. Und er bat die
beiden jungen Menschen in sein Haus und gewährte ihnen
Unterkunft. Seit jenem Tag hatte sich sein Leben geändert.
Ardeth und Emilia blieben nicht nur den Winter über, sondern
hatten hier ihr neues Zuhause gefunden. Sie halfen Juanes, oder
besser seinen Indios, die Farm zum Erblühen zu bringen. Sie war
zwar nur klein, aber sie konnte die Menschen, die hier lebten,
ernähren. Julio war der Vorsteher der insgesamt fünf
Einheimischen, die hier lebten und arbeiteten. Sie bauten Gemüse
an, das am Sonntagnachmittag auf dem Markt bei San Juan verkauft
wurde. Im Winter boten sie eingekochtes Gemüse und Marmelade an
oder lebten von den Reserven. San Juan war die nächstgrößere
Stadt und weit entfernt von Juanes' eher kleinen Farm. Die
Indigenos fuhren einnmal in der Woche mit dem wackligen Karren
dorthin: um morgens den Gottesdienst zu besuchen und nachmittags
auf dem Sonntagsmarkt ihre Produkte zu verkaufen. Juanes war seit
Jahren der Kirche ferngeblieben, aber als Emilia den Wunsch
äußerte, auch zur Kirche gehen zu wollen, begleitete er die
junge Frau. Ardeth wollte der Stadt lieber fern bleiben. So wurde
es zur Gewohnheit, dass am Sonntag Juanes, Emilia, Julio und
Maria nach San Juan fuhren und dafür sehr zeitig aufbrechen
mussten, während Ardeth zu Hause die Tiere versorgte und
ungesehen von Emilia und den anderen sportliche Übungen,
die er aus seiner Ausblidungszeit her kannte, machte, um nicht
ganz außer Form zu geraten.
Im November 1916 kam Emilias Kind zur Welt: ein Sohn, den sie
Gabriel nannten. Emilia fand, dass er Ardeth von Anfang an sehr
ähnlich sah, denn er war leicht gebräunt und hatte bei seiner
Geburt bereits flaumiges Haar. Also schlug sie den Namen des
Engels vor, mit dem sie Ardeth einst verglichen hatte. Ardeth war
so ziemlich mit allem einverstanden, was Emilia tat. Im Stillen
dachte er daran, wie sie sich in seiner Heimat über einen
Bay-Erben gefreut hätten. Sein erstes Kind war ein Sohn
geworden. Die Feiern hätten dort kein Ende mehr genommen. Nicht,
dass er eine große Feier vermisste, aber ihn überkam doch
Heimweh. Er versuchte es, vor Emilia zu verbergen, doch sie
spürte, dass er sich oft nach Hause zurücksehnte, etwa wenn er
abends auf der Veranda stand und den Sternenhimmel betrachtete.
Wie oft hatte er ihn ihr erklärt: wo welche Sternbilder zu
finden waren, wie sie hießen, was sie bedeuten... er hatte ihr
von Sirius erzählt und sie hatte mit großem Unverständnis die
Geschichte der fernen Besucher aus dem Weltall von ihm erfahren
und die Geschichte als Fantasie verspottet. Er hatte damals
nichts gesagt, denn er wollte ihre Gefühle nicht verletzen.
Emilia fand mit der Zeit heraus, dass es unheimliche Seiten an
Ardeth gab, an denen sie besser nicht rühren wollte. Er hatte
irgendein tiefes Wissen in sich, das aber ihrer Meinung nicht
hier in diese neue Welt gehörte. Sie sollte sich täuschen, wie
sich nur wenige Jahre später herausstellen würde. Auch Ardeth
bemerkte, dass Emilia ihre Welt vermisste, die früher aus einem
intensiven kulturellem Leben bestanden haben musste. Er erinnerte
sich, wie sie auf dem Schiff mit ihrem Vater begeistert musiziert
hatte. Er hatte auf dem Klavier gespielt, das in einem Salon
gestanden hatte, und sie hatte hinreißende Lieder und Arien dazu
gesungen. Sie selbst konnte auch ganz manierlich spielen. Sie
hatte ihm auch viel von Opern- und Konzertbesuchen erzählt. Das
alles gab es hier draußen nicht. Sie besaßen nicht mal ein
Instrument. Emilia sang Gabriel oft Lieder vor. Ardeth liebte
ihre schöne Stimme, aber hatte ein schlechtes Gewissen, denn sie
musste seinetwegen so weit entfernt von Buenos Aires oder
auch nur San Juan leben. Er wusste, dass sie sich aus
diesem Grunde so auf den Sonntag freute. In der Kirche stand eine
Orgel und die Gemeinde sang Lieder. Sie war unter Menschen, die
ihre Kultur teilten.
Nun wohnten sie seit über drei Jahren im Haus von Senor Gomez.
Der alte Mann betrachtete sich selbst als Großvater von dem
kleinen Gabriel, der bereits ein Schwesterchen namens Francisca
hatte, das aber zu dieser späten Stunde in einer Wiege schlief.
Er hatte den Jungen zu Weihnachten großzügig beschenkt, der,
außer einem kleinen Holzpferd, das ihm sein Vater geschnitzt
hatte, kaum Spielzeug besaß. Emilia schimpfte zwar etwas, aber
Juanes meinte, Gabriel wäre alt genug für Spielzeug. Als Juanes
auch den kleinen Pablo beschenkte, konnten sich Julio und Maria
gar nicht genug bedanken. Aus dem knorrigen alten Mann, der sie
früher sogar geschlagen hatte, war ein liebevoller Padrón
geworden. Julio war daher Ardeth und Emilia sehr zugetan, denn er
wusste, dass er es diesem außergewöhnlichen Paar zu verdanken
hatte, dass Friede und Harmonie auf dieser Farm herrschten. Julio
verband eine tiefe Freundschaft zu Ardeth, der ihn niemals als
Untergebenen behandelt hatte ebensowenig wie die anderen
Indigenos, die sich jedoch nach wie vor nicht in die traute
Gemeinschaft des Padróns und des Verwalters, als der Ardeth hier
galt, und seiner Frau wagten. Sie sahen eher mit ehrfürchtiger
Bewunderung zu dem Fremden und seiner Frau auf. Pablo und Gabriel
zogen sich in eine Ecke der Veranda zurück, um mit ihren neuen
Spielsachen zu spielen. Die Eltern ließen sie gewähren, es war
Weihnachten und noch dazu ein lauer Abend. Sollten die Kinder so
lange aufbleiben dürfen, wie sie wollten! Es dauerte aber nicht
lange, da gähnten beide so oft, dass die Mütter sich erbarmten:
Emilia brachte ihren Sohn nach oben ins Herrenhaus, wo sie mit
Ardeth lebte, und Maria legte ihren Sohn in dem Holzschuppen
schlafen, den sie mit den anderen Indigenos bewohnte. Dann
kehrten sie auf die Veranda zurück. Als Emilia nach Maria
eintraf, blieb sie verwundert stehen. Auf dem Tisch lag etwas
Großes, das in Papier eingewickelt war. Alle sahen sie
erwartungsvoll an.
Ist das für mich?, fragte sie überflüssigerweise.
Ja, meine liebe Emilia, erklärte Juanes, es
ist mein Dank an dich, dass du es all die Jahre mit mir altem
Mann hier ausgehalten und meine Launen ertragen hast!
Aber Senor Gomez! Das ist doch nun wirklich nicht nötig
gewesen!, protestierte Emilia. Und niemals musste ich
Ihre Launen ertragen! Sie sind doch gar nicht launisch!
Oh doch, mein Kind, ich weiß schon, dass ich manchmal
unausstehlich sein kann. Doch nun Schluss mit dem Gerede! Pack es
endlich aus, ich will sehen, ob du dich darüber freust!
Emilia warf Ardeth einen Blick zu, als ob sie sich bei ihm
vergewissern würde, es auch wirklich annehmen zu dürfen. Er
lächelte aufmunternd zu. Was blieb ihr anderes übrig, als das
Geschenk anzunehmen? Außerdem war sie mittlerweile sehr
neugierig geworden, denn es war wirklich sehr groß. Sie ließ
sich Zeit mit dem Auswickeln, denn sie wollte das schöne Papier
aufbewahren. Als sie erkannte, um was es sich handelte, standen
ihr Tränen in den Augen. Senor Gomez hatte ihr einen ihrer
größten Wünsche erfüllt: Es handelte sich um ein Harmonium,
ein Tasteninstrument. Emilia entfuhr ein leiser Aufschrei.
Senor Gomez!
Der lächelte stolz wie ein Honigkuchenpferd. Er hatte ins
Schwarze getroffen. Sie fiel ihm in die Arme.
Das ist ja wunderbar! Doch gleich warf sie Ardeth
einen fragenden Blick zu, ob sie das Geschenk auch annehmen
dürfe, und meinte: Das war doch viel zu teuer, Senor
Gomez. Sie können mir doch nicht so ein kostbares Geschenk
machen!
Ach, Kind, ich seh doch immer den Glanz in den Augen, wenn
die Orgel spielt. Und ich finde, dein Gesang hat so ein
Instrument verdient, so schön, wie du immer singst! Er
hatte ihren Blick zu Ardeth gesehen. Und ich habe es mit
Ardeth abgesprochen. Er hat mir erlaubt, dass ich dir das
Harmonium kaufe. So, und nun musst du uns etwas vorspielen! Oder
kannst du es etwa nicht?
Doch, doch, natürlich!, rief sie überglücklich.
Etwas, das zum heutigen Tag passt.
Sie spielte Stille Nacht und es rollten ihr die
Tränen nur so über die Wangen, denn es erinnerte sie an ferne,
glückliche Weihnachten in Deutschland. Sie wischte sich die
Tränen schnell ab und spielte etwas Fröhliches. Es wurde ein
langer Abend.
So lebten Ardeth und Emilia schon über drei Jahre zurückgezogen
auf der Farm. Emilia hatte ihren Eltern von der Geburt von
Gabriel und Francisca geschrieben, und gern hätten die Eltern
ihre Enkel gesehen, doch der Weg war zu weit. Sie waren jedoch
zufrieden, dass es der jungen Familie offenbar gut ging. Mit
keinem Wort beklagte sich Emilia, auch wenn sie sehr einfach
leben musste, was ihr nicht immer leicht fiel. Auch die Arbeit in
den Gemüsebeeten war nicht ihre Sache. Oft beschaute sie sich
ihre Hände, die früher stets so zart und gepflegt waren. Das
Harmonium hatte ihr großes Freude bereitet, doch erinnerte sie
auch daran, was für ein gutes Leben sie einmal geführt hatte.
Sie nahm sich vor, eines Tages mit Ardeth darüber zu sprechen,
denn sie wollte, dass ihre Kinder in einem kulturellen Umfeld
aufwachsen sollten. Gabriel nahm sie nun jeden Sonntag mit zur
Kirche. Es gab dort eine Kinderstunde, während die Erwachsenen
dem Gottesdienst beiwohnten. Gabriel sollte andere Kinder und vor
allem religiöse Inhalte erfahren. Emilia hatte selbst eine
katholische Erziehung genossen und wollte, dass ihre Kinder
ebenfalls so erzogen wurden. Ardeth war einverstanden damit, denn
sie lebten in einem katholischen Land. Doch auch er trug zu
Gabriels Erziehung bei. Wenn sie wochentags auf den Feldern
arbeiteten, war Gabriel oft in seiner Nähe. So konnte Ardeth ihm
ein wenig Englisch und Arabisch beibringen, ihm Dinge erklären.
Und auch in seiner eher spärlichen Freizeit nahm sich der Vater
seines Sohnes an. Er war ein sehr liebevoller Vater und Gabriel
war ihm mehr zugetan als seiner etwas strengeren Mutter. Eines
Abends es war kurz vor dem Abendessen, zu dem sich Juanes,
Julia, Maria, Emilia, Ardeth und die beiden Jungen versammelten
saßen Ardeth und Gabriel zusammen auf der Veranda, denn
es war mittlerweile Hochsommer und sehr heiß, und Ardeth wollte
Gabriel ein bisschen Rechnen beibringen. Gabriel sah seinen Vater
schon eine ganze Weile intensiv an, als der ihm geduldig zum
zweiten Mal das kleine Einmaleins aufsagte. Ardeth war gerade bei
5 x 6, als Gabriel ihn unvermittelt fragte: Papa, warum
hast du eigentlich diese Zeichen im Gesicht?
Gabriel hatte in seinem Leben außer seinem Vater noch Juanes und
die Indios gesehen, die ihm aber von seiner frühsten Kindheit an
vertraut waren. Durch die Ausflüge nach San Juan hatte er
inzwischen andere Väter gesehen. Doch keiner von ihnen ähnelte
im Geringsten seinem Vater. Gabriel hatte angefangen, darüber
nachzudenken. Er ließ seinen etwas verdutzten Vater keine Zeit
für eine Antwort, sondern fragte weiter: Und kommst du
deshalb nicht mit in die Kirche?
Ardeth überlegte kurz, denn zweifelsohne würde Gabriel anderen
Jungen berichten wollen, warum er immer ohne Vater nach San Juan
kam.
Gabriel, ich habe eine andere Religion. Deine Mutter, du
und deine Schwester und alle anderen Menschen hier sind
katholisch, daher gehen sie auch in die Kirche. Ich bete zu Hause
auch zu Gott, aber... Das war nicht so leicht zu
erklären. Aber ich bete anders und... Das kam Ardeth
ziemlich albern vor und entsprach nicht der liberalen Erziehung,
die er genossen hat. Nein, er musste ehrlich zu seinem Sohn sein.
Ich gehe nicht in die Kirche, weil die anderen Menschen
nicht möchten, dass jemand, der nicht katholisch ist, dort
hingeht. Das ist ein Grund. Aber der Hauptgrund ist ein anderer.
Und ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst, Gabriel.
Gabriel schätzte seinen Vater so sehr, weil er ihn wie einen
Erwachsenen behandelte.
Ich musste meine Heimat verlassen, mein Sohn, und die
Wahrheit ist, dass ich mich hier verborgen halten muss. Niemand
darf in meiner Heimat erfahren, dass ich jetzt hier lebe. Schau,
deine Großeltern leben in einer sehr großen Stadt...
Buenos Aires!, warf der Junge wissend ein.
Ja, genau, und deine Mutter möchte auch so gern in dieser
Stadt leben. Aber das geht nicht, denn dort sind zu viele
Menschen. Und da ich so auffällig bin, könnte mich jemand
erkennen, der aus meiner Heimat stammt. Daher leben wir hier, so
weit weg von Buenos Aires. Und schau, auch San Juan ist eine
Stadt, dort sind viele Menschen. Daher komme ich am Sonntag nie
mit.
Ardeth konnte sehen, wie es hinter Gabriels Stirn zu arbeiten
begann.
Aber Papa, du hast mir erzählt, dass deine Heimat so weit
weg ist. Hinter dem großen Ozean, hast du gesagt. Deshalb
könnte ich auch nie meine andere Oma sehen. Wie sollen denn die
Menschen aus deiner Heimat hierherkommen können?
Mit einem großen Schiff. Oder einem Flugzeug. Ich bin mir
sicher, dass einige auch hier auf dem Kontinent sind.
Gabriel senkte den Kopf, als hätte er etwas angestellt.
Du, Papa, sprach er zögerlich, ich habe etwas
Schlimmes getan.
Was has du denn getan, mein Sohn?
Ich habe Carlos erzählt, dass du aus Ägypten bist.
Das hat Mutti doch auch schon erzählt, das geht schon in
Ordnung, Gabriel.
Naja, und dass du eben diese Zeichen im Gesicht
trägst.
Ardeth fuhr seinem Sohn liebevoll mit Hand übers Haar. Du
wusstest ja nichts davon, Gabriel. Hast du es noch jemand anderem
erzählt?
Nein, Papa, ganz bestimmt nicht. Soll ich Carlos am
nächsten Sonntag erzählen, ich hätte mir das nur
ausgedacht?
Das wäre vielleicht ganz gut, sonst denken seine Eltern,
ich sei ein Indio.
Papa, warum mögen die Leute keine Indios? Pablo ist doch
total nett.
Sie mögen die Indios schon, nur halten sich die Europäer,
die hierher gekommen sind, für etwas Besseres. Sie kleiden sich
anders und finden, dass ihre Kultur überlegen ist. Naja, und um
ehrlich zu sein, sie beuten die Indios auch ganz schön aus,
nehmen ihnen ihr Land weg und lassen sie für sich
arbeiten.
Aber das machen Mama und du doch auch!
Nein, Gabriel, unsere Indios leben hier mit uns. Sie
können gehen, wann sie wollen.
Darauf hatte sich Ardeth längst mit Juanes verständigt. Auch
hatten sie vor zwei Jahren das Holzhaus renoviert und richtig
stabil und hübsch hergerichtet. Es wirkte fast wie ein zweites
Herrenhaus.
Sie wissen aber nicht, wohin sie gehen könnten. Hier bei
uns sind sie geschützt, außerdem haben sie hier genug zu essen.
Wir helfen uns gegenseitig.
Warum sollen die Leute dann nicht denken, du seist ein
Indio?
Deine Mutter ist Deutsch-Italienierin. Sie passt zu den
Leuten hier ganz gut. Vielleicht würden die Leute auf sie
hinabschauen, wenn man denken würde, sie wäre die Frau eines
Indios. Denn die Leute möchten nicht, dass die beiden Rassen
sich mischen.
Er hatte sich mit Emilia darauf verständigt, dass sie in San
Juan erzählen konnte, sie sei mit einem Ägypter verheiratet.
Das war zwar nicht von Vorteil, aber zu Beginn hatte niemand an
eine nachteilige gesellschaftliche Stellung gedacht. Mittlerweile
fiel es Emilia nicht leicht, dass sie niemals mit ihrem Mann
gesehen wurde. Wenn dann einer der seltenen Besuche kam,
verhüllte sich Ardeth und verstärkte den befremdlichen
Eindruck, den die Leute von ihm sowieso schon hatten. Bei der
Beichte hatte sich der Pfarrer sogar schon nach ihrer Ehe
erkundigt. Nun würde auch Gabriel in den Sog der Vorurteile
gezogen werden.
Gabriel, sag deinen Freunden einfach, wenn sie danach
fragen, dein Vater sei Ägypter. Erzähle ihnen, dass ich nicht
katholisch bin. Dann wundern sie sich nicht mehr, dass ich nicht
mit in die Kirche komme. Und erzähle möglichst wenig.
Gabriel nickte. Er hatte aber seine Frage nicht vergessen.
Und was bedeuten die Zeichen denn nun?
Ardeth erklärte ihm, dass er auf der Stirn Hieroglyphen trug,
die Unterwelt bedeuteten und auf den Wangen die
Barken, die nach Westen, ins Totenreich, führten. Es hätte
damit zu tun, dass er als Jugendlicher die Aufgabe erhalten
hatte, die Lebenden und die Toten vor dem Bösen zu beschützen.
Die meisten Jugendlichen würden beim Eintritt ins
Erwachsenenalter diese Zeichen erhalten. Sie sollen sie stets an
ihre Aufgabe erinnern. Ardeth wunderte sich, dass Gabriel sich
alles ruhig anhörte und zu verstehen versuchte. Weil Gabriel
sehr wissbegierig war, malte Ardeth einige Hieroglyphen auf und
erklärte sie ihm, bis Emilia die beiden stirnrunzelnd unterbrach
und zum Abendessen rief.
In den folgenden Tagen ließ Gabriel sich immer mehr Hieroglyphen
erklären und zeichnete sie nach. Emilia bemerkte, dass Ardeth
glücklich war, seinem Sohn von seiner Heimat erzählen zu
können. Ihr Leben auf der Farm war friedlich, doch Emilia
wünschte sich, dass sie in der Gesellschaft Anerkennung finden
würde, auch hinsichtlich der Zukunft ihrer Kinder.
Die Lage besserte sich etwas, als man Emilia bat, als Erzieherin
auf einer großen Estancia tätig zu werden. Senora Juarez, die
auf dieser Estancia lebte, hatte sie gefragt, ob sie nicht ihre
Kinder unterrichten möchte: in Englisch, Französisch und
Klavierunterricht. Sie hatte zwei Kinder im Alter von fünf und
sieben Jahren, und als sie sich mit Emilia nach dem
Sonntagsgottesdienst unterhalten und erfahren hatte, dass Emilia
Fremdsprachen und das Klavier beherrschte, hatte sie ihr den
Vorschlag gemacht. Die Estancia lag in nur 20 Meilen Entfernung.
Ardeth hatte keine Einwände, und so fuhr Emilia dreimal die
Woche zu der Estancia, wurde Gouvernante und musste keine
Feldarbeit mehr ertragen. Sie brachte Geld nach Hause, das die
Familie gut gebrauchen konnte. Und sie wurde zufriedener, auch
wenn sie dort wie höheres Dienstpersonal behandelt wurde.
Ein paar Wochen später es war im Januar 1920
brachte Juanes Gomez eine Zeitung aus San Juan mit. Er tat es
eigentlich immer, aber dieses Mal stand eine Nachricht aus
Ägypten drin, und da er wusste, wie sehr Ardeth an seiner alten
Heimat hing, freute er sich, ihm eine gute Nachricht bringen zu
können. Er überreichte ihm das Blatt mit einem vielsagenden
Blick.
Lies mal Seite 3, forderte er ihn auf und grinste. Er
freute sich ebenso wie Emilia auf Ardeths Gesichtsausdruck.
So las Ardeth, dass Ägypten am 19. Dezember 1919 seine
Unabhängigkeit erklärt und König Fu'ad I. seine Untertanen zum
Widerstand gegen die Briten aufgerufen hatte.
Tja, das sind die Auswirkungen des Krieges! Die Briten
haben ihn zwar gewonnen, aber nun verlieren sie ihre
Kolonien, kommentierte Juanes. Ich sehe es als Chance
an. Stell dir vor, endlich ist dein Land frei, und das nicht nur
von den Briten, sondern auch gleich von den Osmanen.
Ardeth sah ihn an und nickte, doch er wusste nicht so recht, ob
er sich freuen sollte oder nicht. Ein unabhängiges Ägpyten? Mit
einem König an der Spitze? Was bedeutete das für die Medjai?
Wie mochten Ardjun oder Ismail reagieren?
Ardeth kannte König Fu'ad recht gut, denn er war bislang der
Vizekönig gewesen. Auch er hatte für keinen effektiven Schutz
sorgen können, als die Briten und Franzosen über die
Altertümer herfielen. Und nun, da er sich von den britischen
Besatzern losgesagt hatte? Würde er Ägyptens Reichtümer
nutzen, um seine eigene Macht zu festigen? Würde er das Volk
ausbeuten? Ardeth wurde zunehmend unruhig, je mehr er darüber
nachsann.
Freut es dich gar nicht, Ardeth, dass deine Heimat ihre
Souveränität wiedererlangt hat?, fragte ihn Emilia, die
ihn genauso erwartungsvoll anschaute wie Juanes.
Was ist Souveränität, Papa?, wollte Gabriel wissen.
Souveränität ist, wenn ein Land eigenständig ist und
nicht von einem anderen Land beherrscht wird. Gabriels
Frage war noch am einfachsten zu beantworten. Doch Gabriel ließ
nicht locker, denn er verstand es nicht so ganz. Sein Vater hatte
ihm bislang ja auch nur vom alten Ägypten erzählt und er wandte
das auf die Gegenwart an.
Du hast doch aber gesagt, Ägypten sei das mächtigste Land
dank seines Pharaohs?
Das war früher, Gabriel. Vor vielen vielen Jahren...
Dann wandte er sich an Juanes:
Ich danke Ihnen sehr, Senor, dass Sie mir diese Zeitung
mitgebracht haben. Ich freue mich in der Tat über diese
Nachricht, die mit der Hoffnung verbunden ist, dass sich dort
etwas ändern wird.
Es klang fast wie das Schlussplädoyer eines Politikers. Emilia
und Senor Gomez sahen Ardeth verwundert an. Freude klang anders.
Das Essen ist fertig, sprach Ardeth unbeirrt weiter.
Jeden Sonntagabend kochte er für die Familie, die aus San Juan
heimkehrte.
Man aß also und Ardeth ließ sich berichten, was es in San Juan
Neues gäbe.
Später - Senor Gomez hatte sich längst zurückgezogen
saßen Ardeth und Emilia allein auf der Veranda und genossen die
kühle Nachtbrise. Ardeth blickte zum Sternenhimmel. Emilia
betrachtete ihn eine Weile, dann sprach sie:
Du hast Heimweh, nicht wahr?
Er sah sie ernst an. Du nicht?
Sie überlegte eine Weile. Doch, manchmal schon. Ich sehne
mich dann aber eher nach Konzerten, nach der Oper, guten
Büchereien und solche Dinge. Naja, und natürlich nach dem
schönen Fichtelgebirge und dem blauen Himmel über Italien! Doch
ich sage mir, eines Tages werden wir Buenos Aires einen Besuch
abstatten und dann kann ich mir einige meiner Wünsche erfüllen.
Papa schreibt ja regelmäßig vom Teatro Colòn. Sie
lächelte. Aber... meine Heimat, das bist jetzt du
und natürlich sind es unsere Kinder.
Ardeth lächelte sie liebevoll an. Ja, meine Heimat ist
jetzt auch hier.
Aber du denkst oft an Ägypten.
Er nickte.
Warum sprichst du nicht darüber? Erzähl mir, wie war
deine Kindheit? Wie sieht es in deiner Heimat aus?
Ich erzähle nicht davon, weil es mich an meine Schuld
erinnert.
Ach Ardeth, du machst dir immer noch Selbstvorwürfe? Die
ganze Sache ist doch schon so lange her! Sicherlich hat sich in
deiner Heimat alles geregelt. Und jetzt ist sie sogar
unabhängig! Das ist doch wunderbar!
Er nickte, doch in seinen Augen lag kein Glanz.
Ardeth, wie willst du wirklich glücklich werden, wenn dir
deine Vergangenheit so zu schaffen macht?
Es ist ja nur manchmal, Emmy. Heute zum Beispiel wegen der
Nachricht. Und außerdem ist es nicht nur die Vergangenheit, die
mir zu schaffen macht...
Sondern? Sie wurde hellhörig. Was verheimlichte er
ihr?
Emmy, ich sehe doch, dass du hier nicht glücklich bist. Du
warst ein ganz anderes Leben gewohnt. Und nun musst du hier Mais
pflanzen, hast kaum Kontakt zu anderen Menschen und kannst keine
schönen Kleider zur Oper tragen... Du hast dir ein anderes Leben
erträumt. Nur meinetwegen leben wir hier, so weit weg von einer
Großstadt.
Ja, Ardeth, manchmal sehne ich mich nach der Großstadt.
Aber ich habe vorhin ja gesagt, dass ich Hoffnung habe, eines
Tages Buenos Aires zu besuchen. Also mach dir nicht so viele
Gedanken um mich. Ich bin da glücklich, wo du bist. Und ich
möchte, dass du glücklich bist! Mach dir bitte auch nicht so
viele Gedanken um deine Heimat oder deine Schuld wem auch
immer gegenüber. Dein Großvater hätte dir damals auch entgegen
kommen können, ich finde, er trägt einen Großteil der Schuld
selbst, und ich wusste, worauf ich mich einlassen würde, als ich
dich geheiratet habe. Du musst dir endlich selbst vergeben
können, Ardeth!
Es... geht nicht nur darum, Emmy...
Ardeth, was auch immer dich bedrückt, teile es doch
endlich mit mir! Ich bin deine Frau!
Ardeth schluckte, bevor er sprach: Nun gut, du sollst es
erfahren. Er holte tief Luft und schaute zu den Sternen.
Ich habe einen Eid geleistet, eine Aufgabe zu erfüllen. Es
ist eine sehr wichtige Aufgabe, Emmy. Versagen könnte zum
Untergang der Welt führen.
Emilia sah ihn mit großen Augen an.
Meinen Eltern wurde geweissagt, ich sei es, der sich der
bösen Kreatur gegenüberstellen und es besiegen müsste.
Der bösen Kreatur?
Ja, dem Untoten. Denn wenn er wiedererweckt wird, muss er
seinen Fluch vollziehen und alle Menschen versklaven, die Welt
unterjochen. Das Böse wird herrschen.
Ardeth schwieg, Emilia sagte nichts dazu. Sie versuchte
nachzuvollziehen, wovon Ardeth sprach.
Ich kann nur hoffen, dass die Weissagung sich geirrt hat.
Es wäre allerdings das erste Mal.
Ar...Ardeth?
Er sah sie an, und zwar so ernst, dass in seiner Miene kein
Zweifel lag, dass er von der Richtigkeit des Gesagten überzeugt
war.
Was ist das für eine schreckliche Geschichte?
Vor mehr als 3000 Jahren hat der Hohepriester zu Theben den
Pharaoh Sethos I mit dessen zukünftiger Frau betrogen. Als sie
entdeckt wurden, nahm sich die Ungetreue das Leben. Der
Hohepriester floh. Da er wusste, wie man ihr das Leben
wiedergeben konnte, raubte er ihren Leib und brachte sie nach
Hamunaptra, dem Heiligen Ort, wo die toten Söhne der Pharaonen
ruhten und der ganze Reichtum des Landes verwahrt lag. Der
Hohepriester, dessen Name nicht mehr genannt werden darf, denn er
wurde auf ewig verflucht, wusste, dass hier auch die Bücher des
Lebens und des Todes aufbewahrt wurden, mit deren Hilfe er seine
Geliebte wiedererwecken wollte. Doch die Wächter der Heiligen
Stätten, meine Vorfahren, die Medjai, kamen gerade noch
rechtzeitig, um die heilige Zeremonie zu verhindern. Der
Hohepriester wurde von dem Rat der anderen Priester zum Homdai
verurteilt, denn er hatte die schwerste Sünde begangen, nämlich
Hamunaptra geschändet und das Buch der Toten benutzt. Der Homdai
ist die schwerste aller ägyptischen Bestrafungen. Der
Schändliche wurde nicht nur in diesem Leben verurteilt, sondern
auch für das nächste, und somit kann er nicht leben noch
sterben. Er muss ewige Qualen erleiden.
Der Ärmste..., warf Emlia ein und Ardeth bedachte
sie mit einem sonderbaren Blick. Aber sie folgte der Geschichte
aufmerksam, daher fragte sie gleich: Dann ist er der
Untote?
Ja, und der Homdai ist eine Strafe, die auch die Lebenden
mit der Pflicht belegte, auf ihn aufzupassen, denn er kann
wiedererweckt werden, und das zu vermeiden, halten wir seit über
3000 Jahren Wache.
Da liegt also ein Hohepriester an einem Ort in Ägypten
begraben, und das seit mehr als 3000 Jahren, und du sollst da
Wache halten?
In Emilias Worten lag Zweifel.
Ja, erwiderte Ardeth. Wir passen darauf auf,
dass niemand den, der nicht genannt werden darf, ausgräbt.
Vielleicht ist er ja gar nicht mehr da...ich meine, nach
3000 Jahren ist da vielleicht nicht mehr viel übrig, was man
ausgraben könnte, und ...ähm...
Emilia, er ist da. Man kann seine Präsenz spüren. Der
Fluch besteht in Ewigkeit.
Emilia wollte nicht so recht daran glauben. Sie bemerkte aber,
dass es Ardeth damit sehr ernst war.
Aber da sind doch sicher jetzt viele andere, die auf ihn
aufpassen können.
Ja, natürlich, aber mir wurde geweissagt, er würde in
meiner Zeit erwachen. Er ist noch nie in den letzten 3000 Jahren
wiedererweckt worden.
Sie verstand nun, was Ardeth beschäftigte, nur ganz
nachvollziehen konnte sie es nicht.
Aber die anderen passen doch auf ihn auf. Sie können ihn
doch sicher so bekämpfen wie du? Ich meine, musst denn unbedingt
du es sein, der ihn bekämpfen wird?
Ich weiß es nicht, Emmy. Die Weissagung lautete, ich
müsse mich ihm entgegenstellen.
Emilia überlegte eine ganze Weile, denn sie wollte die Gefühle
ihres Mannes nicht verletzen.
Ardeth, du bist jetzt hier in Amerika. Das hat das
Schicksal so gewollt. Du musst es akzeptieren.
Ja, seufzte er.
Du, sag mal, dein Großvater hat doch auch von dieser
Weissagung gewusst, nicht wahr?
Ja, hat er.
Dann war es ganz schön dumm von ihm, dich wegzuschicken.
Dann ist es jetzt sein Problem!
Emmy, es ist unser aller Problem, fürchte ich.
Du kannst doch aber nicht zurückkehren!
Nein, aber du verstehst jetzt, warum ich mir Sorgen
mache?
Ja, Ardeth, auch wenn es mir schwerfällt, das alles ...
ähm... zu glauben, was du mir erzählt hast. Ich meine,
vielleicht ist es eine Legende, und...
Nein, unterbrach sie Ardeth, es ist keine
Legende. Und der Untote ist nicht der einzige, auf den wir
aufpassen. Emilia, ich weiß, dass es schwierig ist, das zu
verstehen. Ich hätte dir eigentlich auch gar nichts davon
erzählen dürfen, doch erstens bin ich ausgestoßen, zweitens
bist du meine Frau, die ich jetzt darum bitte, dieses Geheimnis
mit mir zu teilen.
Sie nickte. Ardeth sah sie von der Seite an. Er ahnte, dass
Emilia ihm diese ganze Sache nicht glaubte. Wenn sie die
Geschichte nicht ernst nahm, dann hätte sie vielleicht auch
keine Gewissensbisse, sie weiterzuerzählen.
Versprichst du es mir?, insistierte er.
Ja, ich verspreche es dir, antwortete Emilia, die
diese merkwürdige Geschichte wirklich nicht glauben konnte. Sie
bemerkte aber, wie ernst es Ardeth war, doch sah sie ihn als
Opfer folkloristischer Legendenbildung. Aber konnten soviele
Menschen so einen Unsinn glauben?
Ardeth, wieviel Leute passen denn eigentlich auf diesen...
Untoten auf?
Wir haben ungefähr 10 000 Krieger und...
10 000?, fuhr sie entsetzt dazwischen. Und sie
sind alle überzeugt davon, dass dieser... Untote da begraben
liegt in Hamu...
...naptra. Ja, sind sie.
Sie seufzte. Sie war an der Grenze ihrer Begreiflichkeit
angekommen.
Nunja, so sind es immerhin genügend, die an deiner Stelle
aufpassen können, versuchte sie ein gutes Fazit zu ziehen.
Er nickte und zog eine bedeutungsschwere Miene. Ich hoffe
es.
Ardeth blickte Emilia an. Ich weiß, dass es dir sehr
schwer fällt, das alles zu verstehen. Daher habe ich dir nie
zuvor davon erzählt.
Emilia konnte sich mit dieser Geschichte wirklich nicht
anfreunden und sie beschloss, möglichst nicht mehr davon
sprechen zu müssen. Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass
sie nur drei Monate später, als sie vermeintlich glücklich in
der Hauptstadt weilte, anders darüber denken würde.
Alles fing damit an, dass nur wenige Tage nach diesem Gespräch
ein scheinbar steinalter Indio auf der Gomez-Farm auftauchte, vor
dem alle hier beschätigten Indios großen Respekt hatten.
Ardeth, Emilia, Gabriel und Pablo standen gerade bei den frisch
zur Welt gekommenden Zicklein im Strohstall, als Pablos Vater
Julio aufgeregt hereinkam.
Junger Padron, junger Padron, kommen Sie schnell!
Ardeth sah Emilia an und schnell folgten sie Julio, ebenso die
beiden Jungen. Julio führte sie in die Mitte des Hofes, wo die
anderen Indios um den Alten herum standen. Der hatte eine Art
Hellebarde, auf die er sich fast zu stützen schien. Vermutlich
wäre er sonst umgefallen.
Das ist Macubama, und er ist von sehr, sehr weit gekommen,
um dich zu finden, junger Padron!
Emilia schaute sehr erschrocken. Ob der Alte aus Ägypten
gekommen war? Sie krallte ihre rechte Hand in Ardeths schwarzen
Hemdärmel. Doch Ardeth schien gar nicht ängstlich, sondern eher
verwundert. Macubama hatte seine durchdringenden Augen auf Ardeth
gerichtet. Er musterte ihn.
Bist du es, der die Schwingen des Urus trägt?
Alle Indios sahen erfürchtig zu Ardeth, der sich allerdings
keinen Reim auf diese Frage machen konnte. Er überlegte kurz,
doch ihm fiel nichts dazu ein. Gabriel und Pablo musterten den
alten Mann, der sehr bunt angezogen war. Ein großer, aus
Lama-Wolle gewebter Poncho bedeckte ihn fast ganz, sodass die
unteren Fransen Boden berührten.
Nein, ich kenne die Schwingen des Urus nicht,
erwiderte Ardeth kopfschüttelnd.
Der alte Mann musterte sein Gesicht, dann den Rest seines
Körpers. Dann krächzte er:
Du kennst die Schwingen des Urus nicht und doch trägst du
sie! Er deutete auf Ardeths rechte Hand, die Gabriels linke
umfasste. Ardeth ließ seinen Sohn los und betrachtete seine
Handrückentätowierung.
Ist es das, wovon du sprichst?
Ja, aber deine beiden Flügel müssten ganz damit
gezeichnet sein.
Flügel?, erkundigte sich Emilia, deren Unbehagen
sich langsam regte.
Ardeth ahnte, wovon der Mann sprach, denn schließlich trug er
diese Tätowierung mehrfach an beiden Armen. Er zog den rechten
Ärmel nach oben. Der alte Indio nickte befriedigt.
Du bist es!
Emilia beschlich wieder die Angst, der alte Mann käme doch aus
Ägypten. Doch auch Ardeth schien keine Ahnung zu haben. Der
Indio nickte zufrieden und sprach: Du bist einer von Urus'
Wächtern. Ich bin lange gewandert, um dir zu sagen, dass du dich
auf den Weg machen musst. Urus' rechter Flügel ist verschwunden.
Du musst ihn uns zurückbringen, sonst wird großes Unglück
geschehen. Ich erwarte dich in der Geheimen Stadt am Alten
Berg.
Er wandte sich um und wankte von dannen. Sämtliche Indios
blieben stehen und sahen ihm nach. Da traute sich auch Ardeth
nicht, ihm hinterzugehen und ihn zu befragen. Er hatte keine
Ahnung, wovon der alte Indio gesprochen hatte. Ein Seitenblick zu
Julio sagte ihm, dass er vielleicht mehr wusste. Emilia sprach
als erste wieder.
Was sollte das? Wovon spricht er? Und warum geht er
weg?
Er kehrt zurück in sein Land, antwortete Julio.
Nach Peru.
Peru? Emilia sah ihn entsetzt an. Das ist weit.
Und er ist so alt.
Die Indios sind schon immer gut zu Fuß gewesen. Die Berge
sind ihre Heimat, Senora, und die Berge sorgen dafür, dass die
Indios gesund bleiben.
Er benutzt den alten Inka-Pfad, nicht wahr?,
erkundigte sich Ardeth.
Inka-Pfad?, fragte Emilia nach, die etwas verwundert
war, dass Ardeth sich wohl ein bisschen auskannte. Ardeth hatte
sich schon oft mit Julio über die Indios, ihre Vorfahren und die
Konquistadoren unterhalten. Julio hatte ihm sogar schon Reste von
Ruinen gezeigt, die sich in der Nähe befanden.
Der Inka-Pfad ist eine sehr alte Straße. Die Inka haben
viele tausend Kilometer Straße angelegt. Von Süden nach Norden
zieht sich eine, die allein 6000 Kilometer umfasst. Daher waren,
sind sie wohl so gut zu Fuß. Auf dieser langen Straße wird er
seine Heimat erreichen. Aber was wollte er von mir? Ich habe es
nicht verstanden.
Du sollst helfen, etwas zu finden, was verloren gegangen
ist, junger Padron.
Warum ausgerechnet Ardeth?, fragte Emilia aufgeregt.
Ardeth sah Emilia etwas verwundert an, denn etwas zu finden, was
verloren gegangen ist, klang für ihn gar nicht so abwegig.
Julio antwortete: Weil er diese Zeichen trägt. Die
Schwingen des Urus.
Das muss eine Verwechselung sein, Julio, sprach
Emilia weiter, Ardeth hat die Tätowierungen in Ägypten
erhalten. Sie haben nichts mit Peru zu tun. Sie ähneln diesen
Urus-Schwingen sicherlich
nur.
Ardeth sah dem alten Indio nach und schüttelte verwundert seinen
Kopf. Er ist den ganzen Weg hierher gekommen, um sich davon
zu überzeugen, dass ich diese Zeichen trage? Woher wusste er
davon?
Macubama ist ein sehr weiser Mann, einer von denen, die zu
den Ahnen sprechen. Was er dir gesagt hat, wird bestimmt
eintreffen. Du wirst ihn wiedersehen. Dann magst du ihn alles
fragen, was du willst, Senor.
Und du weißt nichts darüber?
Ich weiß nur sehr wenig, Senor.
Julio, du lässt dir doch sonst nicht die Würmer aus der
Nase ziehen, meinte Emilia ungeduldig.
Ach Senora, ich weiß wirklich nicht viel.
Wer ist Urus?, fragte Ardeth.
Urus ist ein Vogel.
Emilia atmete tief durch vor Ungeduld. Bei all dem Gerede von
Schwingen und Flügel wäre sie da auch selbst drauf gekommen.
Und was ist an einem Vogel so wichtig?
Moment, redete Ardeth dazwischen, dem gerade eine
Idee gekommen war, was für ein Vogel?
Die Betonung lag auf dem Wörtchen was. Und er fragte
nach: Ein Condor etwa?
Nein, Senor, ein Falke.
Ardeth schaute ihn mit großen Augen an. Horus! Natürlich!
Urus ist gleichzusezten mit Horus!
Horus, der Falkengott?, fragte Gabriel, der
aufmerksam zugehört hatte.
Ein ägyptischer Gott? In Peru?, fragte Emilia, die
Horus kannte, da ihr Vater sie ja als Kind mit ins Museum in
Berlin genommen hatte.
Ja, er ist der... Ardeth hielt inne, ihm war mehr
dazu eingefallen. Ja, jetzt verstehe ich. Urus' Wächter!
Natürlich! Wir sind die Wächter der Pharaonen, wir bewachen die
Lebenden und die Toten. Und die Pharaonen sind die Stellvertreter
des letzten Gottes, der auf Erden weilte, nämlich Horus. Sie
sehen sich in ihrer Erdenzeit als Horus-Vertreter an. Und wir
sind ihre Wächter. Horus' Wächter. Macubama hat recht: Ich bin
ein Horus-Wächter, sozusagen.
Emilia störte es etwas, dass Gabriel zuhörte.
Ardeth, hör mal...
Doch der ließ sich nicht beirren und fragte sich: Woher
weiß Macubama das alles? Dann wandte er sich an Julio:
Weißt du, was Urus' rechter Flügel ist? Eine Inschrift?
Ein Bild? Eine Figur vielleicht?
Nein, Senor, ich weiß es nicht, bedauerte Julio.
Habe ich das richtig verstanden, dass du diesen Flügel
wiederbeschaffen sollst?, fragte Emilia nach. Und du
weißt noch nicht einmal, um was es sich dabei handelt? Warum hat
dir der alte Mann das nicht verraten?
Er wird wohl gedacht haben, dass ich weiß, wovon er
spricht.
Und wo sollst du ihn suchen?
Gute Frage...
Und was passiert, wenn du ihn nicht finden und
zurückbringen wirst?
Ardeth zuckte mit den Schultern, während Julio sehr bedenklich
dreinblickte.
So ein Unsinn!, schimpfte Emilia schließlich.
Komm, Maria, sagte sie fast im Befehlston, lass
uns das Mittagessen herrichten!
Maria blieb nichts anderes übrig als der jungen Senora zu
folgen, während Julio ein wenig indigniert schien. Da auch die
anderen Indios wieder ihren Pflichten nachgehen mussten, blieben
Julio und Ardeth allein zurück.
Es ist Vorhersehung, junger Padron, dass Sie aus dem fernen
Ägypten zu uns gekommen sind. Nehmen Sie die Worte des Macubama
ernst!
Ja, das tue ich, Julio, nur weiß ich nicht, was ich machen
soll.
Sie werden es sicher bald wissen.
Weißt du, wo der Ort liegt, zu dem Macubama
zurückkehrt?
Es gibt eine Stadt, die nie gefunden werden sollte. Sie
nennt sich Machu Picchu, das bedeutet Alter Berg.
Doch leider wurde sie vor neun Jahren entdeckt und jetzt sind
dort Ausgräber.
Ausgräber? Dann werden diese Ausgräber den Flügel des
Urus entwendet haben. Was auch immer dieser Flügel ist. Auf
jeden Fall wird es schwer werden, ihn zu finden. Ich weiß
wirklich nicht, wie ich das anstellen soll.
Ardeth war in der Tat ratlos. Die Situation erinnerte ihn an
Ägypten. Ausgräber, die sich mit bedeutungsvollen Artefakten
auf und davon machten, ohne um ihre Bedeutung zu wissen! Da er
nicht wusste, was Urus' rechter Flügel sein sollte, konnte er
nicht gezielt danach suchen. Er war sich sicher, dass Macubama
noch einmal wiederkommen würde, falls es nötig sein würde.
Ardeth nahm sich vor, Augen und Ohren im Zusammenhang mit Machu
Picchu und Peru offen zu halten, aber mehr konnte er beim besten
Willen nicht tun. Es sollte jedoch nicht lange dauern...
Emilia war sehr aufgeregt, als sie am kommenden Sonntag aus San
Juan zurückkehrte.
Stell dir vor, ein Brief von meinen Eltern!, jubelte
sie, kaum dass sie vom Kutschbock stieg. Auch Gabriel sprang
aufgeregt herbei, denn er war ja schon informiert.
Eine Einladung! Nina heiratet!
Sie umarmte Ardeth, denn sie schien längst beschlossen zu haben,
nach Buenos Aires zu reisen.
Wann denn, Emmy?
In drei Wochen!
Es war Erntezeit und die diesjährige Ernte war sehr gut. Die
Nachfrage nach Mais war gestiegen, da die meisten Bauern in der
Gegend sich auf Wein spezialisiert hatten. Es kam also viel
Arbeit auf sie alle zu. Ardeth warf Senor Gomez einen Blick zu,
doch der lachte auch.
Fahrt ihr ruhig, meinte er, um Ardeths
unausgesprochene Frage zu beantworten. Ich habe mich schon
mit Emilia darüber unterhalten. Und mit Julio. Julio wird andere
Indios bitten, bei der Ernte zu helfen.
Ja, wir bezahlen sie von dem Geld, was ich bei den Juarez
verdiene!
Ich bringe euch nach Mendoza, von dort aus nehmt ihr die
Eisenbahn. Na, was meinst du, Ardeth?
Ich weiß nicht... ich werde hier gebraucht. Die Zicklein
sind doch gerade erst geboren. Du könntest allein mit den
Kindern zu deinen Eltern fahren...
O nein, Senor Garadh, das kommt gar nicht in Frage!,
schimpfte Juanes. Du wirst doch deine junge Frau nicht
schutzlos reisen lassen wollen! Bei all den Gauchos, die in
diesem Land nur auf so eine schöne junge Frau warten! Also, ihr
zwei reist nächsten Sonntag ab und kommt nach der Hochzeit
wieder nach Hause. So lange fallt ihr gar nicht aus. Und das Geld
für die Reise und die Indios, die euch vertreten, haben wir
allemal. Außerdem wird es eine Spitzenernte! Und auf die
Zicklein passen wir und Mutter Ziege schon auf.
Sie hatten schon alles beschlossen, warum sich also weigern?
Emilia probierte noch am gleichen Abend ihre Kleider an, während
sich Ardeth kein bisschen darauf freute, nach so langer Zeit den
beengenden Anzug wieder tragen zu müssen.
Familie Leyden freute sich sehr, als sie am Bahnhof in Buenos
Aires ihre Tochter in die Arme schlossen. Anna vergoss
Freudentränen, als sie die beiden Kinder das erste Mal in ihrem
Leben sah. Sie staunte, wie groß Gabriel schon geworden war. Die
Aufregung war sehr groß. Ardeth und Emilia wohnten im Haus der
Großeltern, wo auch noch die junge Braut wohnte.
Ninetta, Ninetta!, rief Emilia, als sie ihre
Schwester ins Wohnzimmer eintreten sah und fiel ihr um den Hals.
Emmy, Emmy, ja Emmy! Dass du kommen konntest! Das ist mein
schönstes Hochzeitsgeschenk!
Die Freude war übergroß, und stolz präsentierten die
Brauteltern den Bräutigam.
Don Rafael war ein reicher Mann, der eine große Ranch in der
Pampa besaß, aber in Buenos Aires lebte und in einer großen
Villa förmlich residierte. Er war schlank, mittelgroß und
wirkte sehr aristokratisch. Seine schwarzen glatten Haare trug er
mittellang. Er war eine sehr gepflegte Erscheinung.
Ich höre, Sie leben auf einer Farm im Weinbauland? Ist es
ein Weingut?
Nein, wir pflanzen Gemüse, antwortete Ardeth, der
merkte, dass der Bräutigam nicht gerade erfreut über Emilia und
ihn war.
Gemüse, wiederholte er tonlos, und Emilia beeilte
sich zu sagen: Mais! Der Maispreis ist dieses Jahr gut, wir
hatten eine große Ernte.
Sofort erkundigte sich Don Rafael nach der Größe und zog bei
der Antwort die Augenbraue etwas verächtlich in die Höhe.
Ihr müsst wissen, Rafael gehört zu einer der ältesten
Familien dieses Landes! Alter Adel! Man kann sagen, seine Familie
hat das Land aufgebaut, berichtete Nina begeistert.
Nana, meine Kleine, du übertreibst, wandte Don
Rafael großmännisch ein und Ardeth gefiel die Art nicht, wie er
Nina behandelte. Geh und hole mir meine Zigarren, ich habe
sie drüben liegengelassen!, trug er ihr auf und
tatsächlich ging Nina sofort.
Herr Leyden hatte Ardeth bei Ninas Rede über die ältesten
Familien vielsagend angeschaut, denn seinerzeit auf dem Schiff
hatte Ardeth ihm ein wenig von seiner Genealogie erzählt, und
Herr Leyden gab zu, keine Familie zu kennen, die so weit ihre
Genealogie zurückverfolgen konnte. Doch Ardeth erwiderte nichts.
Sie stammen aus Ägypten?, fragte Don Rafael.
Ja, Senor Ortiz.
Es ist bedauerlich, dass Ihre Farm so klein ist.
Es handelt sich gar nicht um meine Farm, erwiderte
Ardeth.
Ach! Don Rafael schaute ihn fast vorwurfsvoll an.
Und wovon ernähren Sie Emilia?
Von der Arbeit, die ich leiste, ließ sich Ardeth
nicht beirren.
Auf einer Farm, die Ihnen noch nicht einmal gehört?
Herrn Leyden war das Gespräch sichtlich unangenehm.
Don Rafael, ich kann Ihnen versichern, dass mein
Schwiegersohn gut für meine älteste Tochter sorgen kann,
nahm er Ardeth in Schutz.
Hm, machte er, während er die Zigarre ansog, die ihm
Nina gereicht hatte. Aber die Kinder sollten eine gute
Schulbildung erhalten, zumindest der Junge. Er sollte in ein
Internat hier in Buenos Aires gehen. Ich kenne ein gutes,
strenges, wo die Jungen tüchtig gedrillt werden.
Aber... aber das wäre ja fantastisch!, rief Emilia
aus, noch bevor Ardeth irgendetwas antworten konnte. Ein
Internat in Buenos Aires! Warum sind wir noch nicht selbst darauf
gekommen, Ardeth?
Ich will aber nicht in ein Internat!, meinte Gabriel
mit ängstlichem Blick.
Don Rafael bedachte ihn mit einem wütenden Blick. Es wird
dir guttun, mein Junge. Dort lernst du vor allem Disziplin, die
du arg nötig hast, wie mir scheint. Er schaute wieder
Ardeth an. Das Internat ist bekannt dafür, dass spätere
Offiziersanwärter der argentinischen Armee in ihm vorbereitet
werden. Und glauben Sie mir, die Armee spielt in Argentinien eine
wichtige Rolle!
Ich danke Ihnen für Ihren Ratschlag und weiß ihn zu
schätzen, Don Rafael, erwiderte Ardeth. Ich habe
selbst ein militärische Ausbildung genossen. Von daher denke
ich, dass Gabriel diese nicht nötig haben wird. Emilia, er kann
auch in San Juan zur Schule gehen.
San Juan? Wo soll das bitte schön liegen?, machte
sich Don Rafael lustig. Aber interessant, interessant, was
Sie da angemerkt haben! Hat Ägpyten denn ein Heer? Womit kämpft
man bei Ihnen? Pfeil und Bogen?
Also Don Rafael!, ereiferte sich Herr Leyden.
Es war doch nur ein Spaß, mein lieber Schwiegervater in
spe.
Mit Pfeil und Bogen kann ich auch umgehen, und wenn Sie
eine Probe wollen, bitte schön. Aber wir können auch gern das
Schwert kreuzen und ein Wettschießen veranstalten. Ein
Maschinengewehr sollten wir vielleicht in dem schönen Garten des
Leydens nicht gerade ausprobieren.
Ha, da sage ich nicht nein! Das erscheint mir reizvoller
als Erdbeertorte und Kaffee!
Er sprang auf, ganz der stolze Argentinier auf seine Haltung
bedacht. Als Nina ihm folgen wollte, wies er sie zurecht:
Du bleibst hier drin, mein Täubchen. Waffen sind nichts
für dich.
Und sie gehorchte. Emilia wäre am liebsten aufgesprungen und
hätte zugeschaut, doch erklärte sich mit ihrer Schwester, die
sie inzwischen bedauerte, solidarisch. Sie aßen Kuchen und
sprachen mit Anna von alten Zeiten, während Gabriel immerhin mit
dem Großvater in den Garten hatte folgen dürfen. Er staunte
nicht schlecht und war mächtig stolz, als sein Papa in allen
Disziplinen den Sieg davontrug. Don Rafael war etwas pikiert.
Eliteeinheit, erklärte Ardeth knapp zu seiner
Entschuldigung.
Teufel noch mal!, schimpfte Don Rafael, als sie
wieder zu den Frauen gingen. Warum baut dein Mann Mais in
dieser hinterwäldlerischen Gegend an? Verstehe das einer, wer
will!
Emilia war sehr stolz auf Ardeth, doch wunderte sich etwas, denn
von diesen Fähigkeiten hatte er ihr noch gar nicht berichtet.
Was hälst du noch alles vor mir geheim?, fragte sie
ihn später, und er antwortete nur mit einem Schulterzucken.
Don Rafael hatte sie für den übernächsten Tag in seine Villa
eingeladen, und als er gegangen war, schwärmte Nina vor, wieviel
Dienstpersonal er beschäftigte. Emilia stellte besorgt fest,
dass Nina nur darauf bedacht, eine Frau von Stellung zu werden.
Doch die Ehe war beschlossene Sache und sie wollte daher nicht
mit ihr darüber sprechen, ob sie so glücklich werden würde.
Vielleicht war es ja für sie das größte Glück, reich und eine
Frau von Welt zu werden.
Und ich habe einen Beduinen geheiratet, seufzte sie,
als sie in Ardeths Armen lag, der sie irritiert anschaute.
Einen Mann aus der Wüste. Keinen Adligen mit langer
Familiengeschichte! Hach, egal, ich bin so froh, dass ich dich
geheiratet habe. Niemand macht mich so glücklich wie du, Ardeth
Bay!
Er musste lächeln, als er seinen Namen nach dieser Rede hörte.
Wenn du wüsstest, Emilia, o wenn du wüsstest... Er schwieg,
denn er hatte in ihren Armen Besseres zu tun.
Am nächsten Tag zogen Emilia und Nina zum Einkaufen los. Ein
Chauffeur brachte sie direkt in die Innenstadt. Ardeth hatte
immer noch Leslies Warnung im Ohr, sich nicht bei allzu großen
Menschenansammlungen zu zeigen. So blieb er in der Villa. Emilia
und Nina kamen mit großen Tüten und Schachteln zurück.
Wir waren bei der Casa Rosada, Ardeth, du kannst dir nicht
vorstellen, was das für ein schöner Platz dort ist. Dann waren
wir im Dom und stell dir vor, wer dort aufgebahrt ist: der
heilige Martin! Sie lachte und sprach sogleich weiter:
Nein, nein, nicht der aus Frankreich, doch der San Martin,
der Südamerika von den Spaniern befreit hat. Der große
Freiheitsheld! Und dann waren wir eine Schokolade trinken
in einem Café, du kannst dir nicht vorstellen, wie vornehm es
dort war. Aber ich habe zuvor dieses Kostüm hier gekauft
gefällt es dir? Und sie dreht sich einmal im Kreis, um ihr
neues hellblaues Kostüm, bestehend aus einem dreiviertellangen
Rock und einer Art Jacke, vorzuführen, doch wartete Ardeths
Urteil gar nicht ab. Es ist hinreißend, und dieser zarte
leichte Stoff erst! Jedenfalls habe ich es gleich anbehalten und
so war ich perfekt gekleidet, als wir im Café waren.
Emilia hätte noch stundenlang weitererzählen können, aber zu
Ardeths Glück wurden sie zum Essen gerufen. Ardeth freute sich
für Emilia, dass sie so einen schönen Tag gehabt hatte. Und als
dann Herr Leyden freudig verkündete, dass er für alle fünf
Konzertkarten besorgt hatte, war Emilias Tag perfekt. So saß
Ardeth abends in einem neuen, sehr vornehmen und unbequemen Anzug
in einer Konzerthalle und hörte Beethovens 7. Sinfonie. Für ihn
und Herrn Leyden war die Musik der schönste Teil des Abends,
für Nina das Flanieren in der Pause, für Anna die Gemeinschaft
mit ihrer Familie und für Emilia war es alles zusammen.
Auch für den Besuch bei Don Rafael hatte Ardeth ein neues
Kleidungsstück von Emilia zugewiesen bekommen. Er fand das alles
sehr übertrieben, aber ließ die Prozedur mit sich geschehen.
Die Villa war prachtvoll und die Dienstboten eifrig.
Hier werde ich wohnen, schwärmte Nina ihrer
Schwester vor. Ist es nicht einfach himmlisch?
Es ist wunderbar, Ninetta!
Du musst mich oft besuchen kommen.
Warum, meine Kleine?, mischte sich Don Rafael ins
Gespräch und wirkte wieder einmal sehr gönnerisch. Ich
habe gehört, dass Emilias Mann gut mit Pferden umgehen kann. Er
könnte bei uns arbeiten und die beiden könnten in das
Nebengebäude ziehen.
Oh, wie wunderbar! Was für eine großartige Idee!,
schwärmte Nina sogleich. Dann hätte ich dich immer an
meiner Seite, liebste Schwester.
Ja, das habe ich mir auch gedacht. Du wärst dann nicht so
allein, wenn ich unterwegs wäre, mein kleiner Liebling.
Oh Rafael! Guter Rafael!, bedankte sich Nina
überschwänglich. Die kleine Wohnung nebenan ist ideal
für euch. Und ihr hättet ausgesorgt. Ihr müsstet nicht mehr
Gemüse anbauen.
Tatsächlich schaute Emilia Ardeth bittend an, doch der zog ein
ernstes Gesicht. Hier in Buenos Aires leben? Unter den vielen
Menschen? Nein, das gefiel ihm nicht. Was ihm auch nicht gefiel,
waren die Blicke, mit denen Don Rafael Emilia bemaß.
Nein, ich glaube, das wäre keine gute Idee,
antwortete Herr Leyden anstelle von Ardeth. Es geht doch
schließlich nicht, dass der eigene Schwager als Pferdeknecht
arbeitet und eine Dienstwohnung bezieht.
Nun denn, er würde auch mehr als mein Leibwächter
fungieren. Ich bin sehr von seinen Fähigkeiten überzeugt,
lieber Herr Schwiegervater.
Endlich hatte Ardeth seine Sprache wiedergefunden. Ich
danke Ihnen für Ihr großzügiges Angebot, Don Rafael, doch ich
würde lieber bei San Juan leben wollen.
Emilia sah ihn enttäuscht und auch leicht verstimmt an. Er hatte
sie noch nicht einmal um ihre Meinung gefragt.
Wie Sie meinen, Herr Garadh, doch falls Sie es sich eines
Tages anders überlegen sollten, steht Ihnen meine Tür
offen.
Ardeth bedankte sich noch einmal und wünschte sich sehnlichst
ins Haus von Senor Gomez zurück.
Nach dem gemeinsamen Abendessen zogen sich die Herren ins
Herrenzimmer zurück. Don Rafael und Herr Leyden genossen eine
Zigarre zu ihrem Sherry. Ardeth wäre ja lieber bei den Frauen
geblieben, doch Don Rafael hatte unmissverständlich klar
gemacht, dass es jetzt Zeit wäre, die Frauen ihren
Unwichtigkeiten zu überlassen. Ardeth wunderte sich über seine
Art offen zu zeigen, wie sehr er Frauenangelegenheiten
verachtete. Zu allem Überfluss sagte er auch noch zu Ardeth:
Ich freue mich, lieber Schwager in spe, dass du deine Frau
so gut im Griff hast. Sie widerspricht dir nicht, wenn du eine
Entscheidung triffst, und diskutiert auch nicht. Lieber
Schwiegervater, das zeigt mir, wie gut du deine beiden Töchter
erzogen hast und lässt mich hoffen, dass auch Nina immer folgsam
sein wird.
Herrn Leyden war diese Unterhaltung genauso unangenehm wie
Ardeth, dem gerade klar wurde, dass er über Emilias Kopf hinweg
bestimmt hatte, nicht in Buenos Aires zu bleiben.
In einer guten katholischen Ehe bestimmt nur der Mann. Nun,
er hat ja auch eine Rute!
Er lachte anzüglich auf und Ardeth und Herr Leyden sahen sich
vielsagend an. Er goss allen drei ein Glas Sherry ein.
Nina wird dir eine gute Ehefrau sein, lieber Rafael,
bestätigte Herr Leyden. Auf Nina!
Sie tranken auf diesen Trinkspruch hin.
Ja, sie kann sich glücklich schätzen, in meine Familie
einzuheiraten. Wissen Sie, Senor Garadh, wir sind sehr reich. Und
wir werden bald die politischen Geschicke dieses Landes
mitbestimmen.
Er fing tatsächlich an, die Reichtümer der Familie
aufzuzählen. Während Herr Leyden beständig nickte, sah sich
Ardeth in dem Raum um, der gleichzeitig eine Bibliothek war. Er
fragte sich, ob Don Rafael all diese herrlichen Bücher gelesen
hatte. Es standen auch einige Pokale hier, die Ardeth
interessiert betrachtete. Don Rafael, der ständig darauf aus
war, Ardeth beeindrucken zu wollen, fing diesen Blick auf und
unterbrach seine Aufzählung:
Den Pokal habe ich im letzten Jahr erhalten, als bester
Polo-Turnierteilnehmer. Er stand auf, was Ardeth dazu
bewog, auch aufzustehen, um näher an den Schrank zu gehen, auf
dem der Pokal stand.
Polo?, fragte er nach. Was ist das?
Mein lieber Schwager, ja haben Sie am Ende doch keine
Ahnung von Pferden? Polo ist ein Pferdesport! Wer in Argentinien
etwas auf sich hält, spielt natürlich Polo.
Und er hatte den ersten Platz beim Polo gemacht. Was für ein
Wunderknabe!
Können Sie überhaupt reiten?
Ja, ich kann reiten, erwiderte Ardeth.
Na wunderbar, dann können wir ja gemeinsam...
Weiter kam er nicht, da Ardeth ihn jäh unterbrach. Was ist
das?, rief er und zeigte auf einen merkwürdigen
Gegenstand. Er war 30 cm lang, aus einer Art Metall und hatte die
Form von seiner Handtätowierung. Genau die gleiche Form!
Ardeth trug allerdings während der gesamten Zeit in Buenos Aires
Handschuhe, sodass Don Rafael seine Aufregung nicht ganz
nachvollziehen konnte.
Oh, das ist etwas sehr Seltenes. Aber ich befürchte, dass
Sie damit nichts anfangen können, da es sich um ein
geschichtliches Artefakt handelt.
Herr Leyden war es leid, dass Don Rafael Ardeth so herablassend
behandelte: Nun lass gut sein, mein lieber Don Rafael,
Ardeth ist sehr wohl geschichtlich interessiert. Immerhin kommt
er aus einem Land mit einer langen Geschichte!
Nun ja, das hier hat eher mit der Inka-Geschichte zu tun.
Ich weiß nicht, ob ich Sie damit behelligen sollte. Neuerdings
meint ja die Wissenschaft, auch der Inka-Geschichte etwas
abgewinnen zu können. Nun, und da es wohl Mode zu werden
scheint, habe ich mir, natürlich, eins der interessanteren
Artefakte gesichert, nämlich eins aus Machu Picchu.
Ardeth sah ihn wie vom Donner gerührt an. Alles war auf einmal
klar! Vor ihm lag der rechte Flügel des Urus! Grabräuber hatten
es ausgerechnet an Don Rafael verkauft. Ardeth hatte nur durch
die Hochzeit mit Emilia diesen Don Rafael kennengelernt. Sein
unfreiwilliges Exil in Südamerika bekam einen Sinn.
Sie kennen Machu Picchu nicht?, fragte Don Rafael
überlegen. Es handelt sich um die geheime Stadt der Inka,
die kürzlich von einem amerikanischen Wissenschaftler entdeckt
wurde, nämlich von Hiram Bingham. Die Stadt ist ja jetzt in
aller Munde.
Doch Ardeth hörte gar nicht so genau hin, er war mit ganz
anderen Dingen gedanklich beschäftigt. Er musste dieses
merkwürdige Artefakt zurückbringen. Doch Don Rafael würde es
vemutlich nie verkaufen.
Soso, antwortete Herr Leyden an Ardeths Stelle, dem
das Angeben seines Schwiegersohnes in spe missfiel. Jaja,
ich habe davon gehört. Interessant, interessant. Diese geheime
Stadt soll hoch in den Bergen liegen.
Woher haben Sie das Artefakt, Don Rafael?, erkundigte
sich Ardeth ungeniert.
Von einem Kunstexperten. Er meinte, es wäre ein
außergewöhnliches Stück. Zudem weiß man nicht, woraus es
besteht. Leider nicht aus Gold, seufzte er. Nun, eine
Goldmaske der Inka würde sicherlich noch mehr hermachen, aber
leider fand man kein Gold in Machu Picchu. Mein Kontaktmann hört
sich gerade um, denn ich trage mich mit dem Gedanken, ein Museum,
das den Name meiner Familie trägt, einzurichten. Indigene
Geschichte gehört nun mal leider dazu. Das wird modern, obwohl
ich mir nicht erklären kann, wieso.
Oh, ein Museum, staunte Herr Leyden.
Der Abend brachte keine neuen Erkenntnisse, und Ardeth ließ das
Thema lieber ruhen, um nicht allzu viel Aufmerksamkeit darauf zu
verwenden. Er wusste, er musste das Artefakt an sich bringen.
Bald würde in diesem Haus jede Menge Aufregung herrschen, die
würde er ausnutzen. Vorerst erwähnte er Emilia gegenüber noch
nichts davon. Auch sie war im Moment etwas unberechenbar.
Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Die Eltern von Don Rafael
waren vom Landsitz angereist. Leute von Rang und mit Namen
strömten herbei. Ninas Onkel war sehr stolz auf diese
Verbindung, die er in die Wege geleitet hatte. Sicherlich war
diese Verbindung für beide Seiten lukrativ. Als Don Rafael beim
Bankett der ihm gegenüber sitzenden Emilia wieder einen
zweideutigen Blick zuwarf, hatte Ardeth eine verwegene Idee. Er
nahm nach dem Mahl Emilia zur Seite.
Ich brauche deine Hilfe, Emmy, begann er, und Emilia
merkte, dass er ziemlich aufgeregt war. Du erinnerst dich
an den alten Indio, der uns von der Schwinge des Urus erzählt
hat?
Sie nickte und starrte Ardeth irritiert an. Was sollte das jetzt
hier?
Ardeth, nicht jetzt, lass uns wann anders...
Hör zu, Emmy, bitte lass mich ausreden. Die Schwinge des
Urus befindet sich hier. Don Rafael hat sie in seinem
Besitz.
Was?, entfuhr es ihr.
Ich habe sie erkannt, sie hat die gleiche Form wie meine
Tätowierung. Es handelt sich um eine Figur, die er im
Herrenzimmer aufbewahrt, in einem Glasschrank. Er würde sie mir
nie geben, daher müssen wir ihn hereinlegen, denn ich will sie
auch nicht klauen.
Fassungslos schüttelte Emilia ihren Kopf. Was hast du
vor?
Er räusperte sich kurz, denn jetzt würde es etwas brisant
werden.
Hör mal, Emmy, ich habe beobachtet, wie Don Rafael dich
mit Blicken auszieht.
Aber Ardeth!
Du musst mir jetzt einen großen Gefallen tun: Du lockst
ihn ins Herrenzimmer und tust so, als ob du ihn dort verführen
wolltest...
Ardeth!
...und dann komme ich dazu und spiele den beleidigten
Ehemann.
Emilia stand der Mund offen.
Ich werde andeuten, dass die Sache nur mit einem Duell
geklärt werden kann.
Du willst dich duellieren?
Nein, will ich nicht. Vor allem will Don Rafael das nicht.
Ich habe ihn doch neulich in allen Disziplinen besiegt. Ich werde
den Berechnenden spielen und als Sühne die Figur von ihm
fordern.
Das glaubt er dir nie!
Ist mir egal. Ich will die Figur oder ein Duell. Was meinst
du, was er wählen wird?
Und... mal angenommen, er wählt das Duell?
Na, dann würde ich Ninetta einen großen Gefallen tun,
oder?
Ardeth, du bist unmöglich!
Bitte, ich muss diese Figur haben, Emmy.
Sie seufzte. Ein letzter Einwand noch.
Ardeth, mein Schwager wird mich für allezeit für ein
leichtes Mädchen halten! Ich finde das nicht gerade
angenehm.
Sag mal, Emmy, was hältst du von Don Rafael? Erscheint er
dir wie ein Ehrenmann?
Nein, das gerade nicht, Ardeth, aber er gehört doch zur
Familie. Ich werde ihn öfter wiedersehen und dann wäre es mir
sehr peinlich. Auch Nina gegenüber.
Nina wird es nie erfahren, und sei versichert, Don Rafael
wird sie oft betrügen. Er ist derjenige, der nur allzu bereit
ist. Und ich spüre, ehrlich gesagt, kein Verlangen, Don Rafael
wiederzusehen.
Ach, Ardeth, mir ist nicht wohl bei dem Gedanken.
Ich weiß, dass ich viel von dir verlange. Bitte,
Emmy...
Ardeths Plan war ihr nicht geheuer. Aber sie hatte ihn nie so
aufgeregt gesehen. Es schien ihm sehr wichtig zu sein. Daher
nickte sie. Was blieb ihr auch anderes übrig? Ardeth käme sonst
noch auf irgendeine andere verrückte Idee.
Ich werde dich allerdings ein wenig hart anfahren müssen,
weil du als meine Ehefrau ja im Begirff warst, mich zu
betrügen...
Ist schon klar, Ardeth, seufzte sie ergeben und sah
ihn dann sehr skeptisch an. Und wie weit soll ich denn
gehen, damit du als gekränkter Ehemann dastehen wirst?
Äh...lass dich küssen und lass zu, dass er anfängt, dich
zu entkleiden...
Ardeth!
Naja, das wird bei dem Kleid doch wohl eine Weile
dauern...
Und wenn du nicht rechtzeitig dazu kommst?, fragte
sie bange.
Keine Angst, ich komme ca. fünf Minuten, nachdem ihr in
das Zimmer gegangen seid, dazu. Emmy, da hängt eine Uhr. Und ich
habe ja auch eine. Er zog die Uhr hervor, die ihm einst
Herr Leyden am Tag ihrer Hochzeit geschenkt hatte.
Ich...ich weiß nicht, Ardeth...
Er sah sie flehend an.
Also gut. Ich mach's. Also, ich soll den Ehemann meiner
Schwester am Tage ihrer Hochzeit verführen. Na prima! Was habe
ich nur für einen verrückten Ehemann!
Irrtum, was hat Nina nur für einen schrecklichen
Ehemann!, verbesserte Ardeth sie.
Ja, der Gedanke ist mir in letzter Zeit auch schon
gekommen. Sie wird sich ihm ganz unterordnen müssen, egal, was
er tut. Und wenn er sie betrügt, wird sie es dulden
müssen. Vielleicht war es dieser Gedanke, der Emilia
schlussendlich bewog, Don Rafael eins auszuwischen. Ich
tu's!
Am späten Abend hatten viele Gäste schon sehr viel Wein
getrunken, so auch Don Rafael. Emilia setzte sich zu ihm und
tostete ihm zu.
Auf die Brautnacht, mein lieber Schwager! Dabei
zwinkerte sie mit den Augen und ließ beim Trinken etwas Wein in
den tiefen Ausschnitt ihres Kleides laufen. Sie neigte ihren Kopf
ganz kurz an den von Don Rafael und flüsterte: Wenn du
willst, leck den Wein ab!
Dann stand sie auf und zog kokett von dannen. Ardeth sah, wie Don
Rafael sich erhob und ihr folgte. In all dem Durcheinander, dem
Tanzen und der Lautstärke war es niemandem sonst aufgefallen,
stellte Ardeth beruhigt fest, denn er war Emilia schuldig, dass
ihr Ruf nicht in Gefahr geriet. Er stellte sich in die Nähe des
Herrenzimmers, in das Emilia und nach ihr Don Rafael verschwunden
waren. Fünf Minuten...
Im Herrenzimmer war um diese Zeit niemand, denn gefeiert wurde im
großen Saal. Emilia hatte Glück: Kein Liebespaar hatte sich
hierhin verzogen. Sie lachte Don Rafael aufmuntert zu und lief
dann um den großen Tisch, um sich erjagen zu lassen. Beim Laufen
schaute sie zur Wanduhr. Noch vier Minuten. Don Rafael erwischte
sie eher als von ihr geplant. Sie wollte ihn küssen, doch er
ließ das erst gar nicht zu. Er packte sie hart, presste sie mit
dem Rücken unsanft auf den Tisch und sprach erregt: Jetzt
werde ich dir's zeigen!
Oh, nicht so schnell, Rafael! Nicht so grob! Zerreiß mir
nicht das Kleid, sonst merken es die anderen!, bat sie und
wand sich unter ihm, um Zeit zu gewinnen.
Ardeth sah auf die kostbare Uhr: noch drei Minuten.
Oh, ein wunderbares Stück haben Sie da, sprach ihn
ein ihm nicht bekannter Mann an. Darf ich mich vorstellen?
Don Miguel Blanchez, ein Freund von Senor Leyden dem
Bruder Ihres Schwiegervaters.
Ardeth starrte ihn fast entsetzt an. Wollte der Mann jetzt mit
ihm etwa Konversation machen?
Währenddessen zog sich Rafael hastig die Hose aus. Er hob
Emilias Rock hoch. Verdammt, dachte sie, er macht sich gar nicht
die Mühe, mein Kleid auszuziehen. Verdammter Rohling!
Tatsächlich hatte er ihren bauschigen Rock ihr über die Brust
und das Gesicht geworfen, sodass sie kaum noch was sehen konnte.
Er zog ihr die lange und gerüschte Hose herunter, bis sie nur
noch ihre Dessous anhatte, die sie sich in der Stadt gekauft
hatte, um Ardeth zu verführen. Er tätschelte mit den Händen
über den Satinstoff und führte seine Finger hinunter, Emilia
grob berührend. Emilia konnte sich nicht mal wehren, als er ihr
das letzte Kleidungsstück hinunterriss und ihr die Beine
auseinanderdrückte. Alles ging so schnell. Selbst der Blick zur
Uhr gelang ihr nicht, denn die Wanduhr stand hinter ihr. O Gott,
wie lange noch? Ihr wurde angst und bange. Sie war kurz davor,
nach Ardeth zu rufen. Doch sie riss sich zusammen und wand sich
unter Don Rafael, so gut sie konnte, um hinauszuzögern, was er
gerade vollziehen wollte. Don Rafael sah sich gezwungen, seine
Beute zu fixieren. Er schlug Emilia ins Gesicht, damit sie Ruhe
geben würde, packte dann ihre Handgelenkte. Es gelang ihm
schließlich beide mit einem eiseren Griff festzuhalten, sodass
Emilia sich nicht mehr rühren konnte.
Was hast du, Schätzchen, ächzte er während der
Anstrengung. Während dem Gerangel war Emilias Rock vom Gesicht
gerutscht, er sah in ihre furchtgeweiteten Augen und grinste sehr
feist. Du wirst jetzt einen richtigen Mann zu spüren
bekommen, und es wird dir gefallen.
Draußen wurde auch Ardeth nervös. Zum allem Unglück war auch
noch sein Schwiegervater dazu gekommen. Doch Ardeth hatte Glück
im Unglück, denn er fragte nach Emilia, und Ardeth konnte mit
der Ausrede verschwinden, sie suchen zu gehen, um mit ihr zu
tanzen. Er sah auf die Uhr, die Zeit war gerade abgelaufen!
Die hilflose Emilia konnte Don Rafael an ihren Schenkeln bereits
spüren, und schrie laut Ar..., als endlich die Tür
aufflog und Emilias längsten fünf Minuten vorbei waren. Als
Ardeth sah, was Don Rafael gerade tun wollte, stieß er ihn
sofort beiseite, sodass er zu Boden ging und entsetzt auf den
rechtmäßigen Ehemann seiner Beute starrte. Ardeth warf Emilia
einen gespielt wütenden Blick zu. Sie zitterte am ganzen Leib,
denn das wäre fast schief gegangen. Sie hatten den Grobian
unterschätzt. Doch jetzt galt's, die Farce zu Ende zu spielen.
Du Treulose! Los, zieh dich an!, schimpfte er und
warf ihr ihre lange Rüschenhose zu, die auf dem Tisch lag.
Wir zwei unterhalten uns nachher! Emilia strich
schnell ihr langes Kleid nach unten. Sie war hochrot im Gesicht
geworden.
Ardeth stellte sich vor Don Rafael hin. Dessen vermeintlich
bestes Stück war durch den Schreck wieder geschrumpft.
Darauf gibt es nur eine Antwort, du Hurensohn! Ich fordere
ein Duell!
Don Rafael sah ihn mit schreckensgeweiteten Augen an.
Ein Duell?, fragte er kleinlaut nach, und er wusste,
er musste sich mit dem gehörnten Ehemann duellieren. So
verlangte es die Ehre. Doch er würde verlieren. Und sein Leben
war ihm wichtiger als die Ehre. Ardeth ließ ihn eine Weile
zappeln und Emilia hatte schon Angst, Don Rafael würde darauf
eingehen.
Andererseits..., sprach Ardeth zögerlich und
bedachte Don Rafael mit einem eiskalten Gesichtsausdruck,
ist mir das verruchte Weib da nicht so viel Wert, dass ich
mir einen schlechten Ruf zukommen lassen möchte. Wenn ich dich
töte, würde jeder wissen, warum ich es tun musste. Meine Ehre
wäre befleckt. Er grinste Don Rafael grausam an. Du
wirst niemanden sagen, dass du meine Frau auch nur berührt
hast. Er trat mit seinem Schuh dicht zwischen die Beine von
Don Rafael. Sagst du es, du Hurensohn, werde ich...
Er hob seinen Schuh über Don Rafaels Geschlecht und tat so, als
wollte er den Fuß niederdrücken. Don Rafael schloss unter
Winseln die Augen, doch Ardeth machte einen Zentimeter über dem
Ziel einen Rückzieher. Du weißt, was ich tun werde.
Er warf Emilia einen vernichtenden Blick zu. Mein Weib
werde ich zum Schweigen bringen.
Ich werde nichts sagen, ganz bestimmt nicht, winselte
Don Rafael. Ich werde schweigen!
Auch Emilia warf sich auf die Knie und flehte um Erbarmen. Ardeth
fand das etwas zu theatralisch. Aber Strafe muss sein, Don
Rafael, Strafe muss sein!, sprach Ardeth zynisch weiter.
Und während dieser Worte krümmte sich der stolze Abkömmling
zusammen, denn er befürchtete irgendeine körperliche
Züchtigung.
Du wirst mir etwas geben, was dir viel Wert ist, damit du
dich immer daran erinnerst, dass du den Mund zu halten hast.
Warte mal, da kommt mir eine Idee! Diese komische Figur, die du
mir neulich so stolz präsentiert hast, die, die du in deinem
Museum ausstellen wirst. Er stieß Don Rafaels nackten
Oberschenkel hart mit dem Fuß an, so dass der aufschrie.
Los, gib sie mir!
Don Rafael ließ sich das nicht zweimal sagen. Sofort sprang er
auf, halb nackend hastete er zum Schrank, holte hastig die Figur
heraus und überreichte sie Ardeth. Der steckte sie ein, dann
drückte er Don Rafael gegen die Wand, umfasste mit starkem Griff
seinen Hals und drohte:
Ein Wort, und du bist des Todes, du Wicht!
Emilia erschrak vor Ardeths Gesichtsausdruck. So hatte sie ihn
noch nie gesehen. Mit seinen Feinden schien er unerbittlich zu
sein.
Ich werde nichts sagen, ich werde nichts...
Ardeth wartete die zweite Versicherung gar nicht erst ab, sondern
ergriff Emilias Handgelenk hart.
Mach dich auf was gefasst!
Bitte nein, mein Gebieter!, flehte sie.
Sowohl Ardeth auch als Emilia waren keine guten Schauspieler,
doch Don Rafael war viel zu ängstlich, als es zu bemerken.
Don Rafael, es tut uns außerordentlich leid, die
Hochzeitsfeier jetzt schon verlassen zu müssen. Er zog
Emilia hinter sich her, als er mit ihr durch einen Seitengang zum
Hausausgang ging und ließ eine Kutsche rufen, die sie zum Haus
von Emilias Eltern brachte.
Als sie endlich in der Kutsche saßen, atmeten beide auf.
Also Ardeth..., brachte Emilia hervor. Sie wusste
nicht, was sie zu der ganzen Geschichte sagen sollte, außerdem
fühlte sie sich tief gedemütigt. Sie hätte nicht gedacht, dass
sich ein Mann ihrer so bemächtigen konnte und sie völlig
hilflos sein würde. Ihr standen die Tränen in den Augen.
Ardeth nahm sie liebevoll in die Arme.
Ist ja gut, ist ja gut, sprach er leise wie zu einem
verängstigten Kind.
Es war so furchtbar! So erniedrigend!, schluchzte
sie. Er ist sofort über mich hergefallen. Er war so
gewalttätig. Er hat mich sogar geschlagen.
Es tut mir leid, Emmy..., bedauerte Ardeth.
Arme Nina, arme Nina, murmelte Emilia immer wieder.
Ardeth nickte. Er hatte inzwischen mitbekommen, dass Nina
verkuppelt worden war. Emilia hatte sich in den letzten Tagen von
dem ganzen Glamour blenden lassen, sodass sie nun umso
erschrockener war, was ihrer Schwester drohte.
Kann man sie nicht warnen? Sie sah Ardeth bang an.
Ich fürchte nicht, sie ist ja jetzt seine Frau.
Papa hat bestimmt nicht gewusst, was dieser Rafael für ein
Rohling ist. Sonst hätte er es nie erlaubt. Nie! Wenn ich daran
denke, dass ich drauf und dran war, in dieses Haus zu
ziehen!
Na, wenigstens das hatte sich erledigt. Inzwischen war Emilia
mehr wütend als geschockt.
Ich danke dir, sagte Ardeth und drückte sie fest an
sich. Du warst sehr, sehr mutig heute! Ich bin so stolz auf
dich, dass du das für mich getan hast. Ich weiß, dass ich dir
Schreckliches zugemutet habe! Danke, Emilia!
Sie streichelte seine Wange. Es war zwar keine gute Idee gewesen,
sie als Köder zu benutzen, aber er war so lieb. Sie wusste jetzt
durch Don Rafaels rüde Behandlung, was sie an ihm eigentlich
hatte. Sie lächelte zurück.
Es ist gut, dass wir gegangen sind. Ich habe keine Lust
mehr auf diese blöde Hochzeit! Ich ... möchte lieber mit
dir... Auf einmal fiel ihr etwas ein und ein Schrei entfuhr
ihr.
Was hast du, Emmy?
Meine Unterhose! O Gott, sie liegt noch im
Herrenzimmer!
Ardeth überlegte schnell, was das für Folgen haben könnte,
doch Emilia jammerte weiter.
So ein schönes Stück! Schwarzes Satin, extra für dich
gekauft!
Für mich?, Ardeth war ganz irritiert. Sollte er sie
etwa anziehen?
Sie kniff ihn spielerisch in den Arm. Ich war mit Nina
Dessous für die Hochzeitsnacht kaufen.
Dess..?
Reizunterwäsche eben. Da habe ich mir auch etwas gekauft,
um dir mehr zu gefallen. Und jetzt liegt das teure Stück in Don
Rafaels Herrenzimmer, schimpfte sie empört und schlug sich
gleich daraufhin mit der Hand vor die Stirn: O Gott, wenn
Nina sie findet!
Ich glaube, Nina wird nicht unbedingt ins Herrenzimmer
gehen. Hast du die Dess... die Hose noch irgendjemandem
gezeigt?
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. Nein!
Don Rafael wird sie schon wegwerfen, Emilia.
Oh, meine schönen Dessous! Sie waren so teuer!
Wir kaufen dir morgen neue. Dann geh ich mit dir einkaufen.
Und dann verführst du mich morgen Abend damit.
Einverstanden?
Nein, also, du kannst doch nicht...
Sie kam nicht weiter in ihrem Protest. Emilia hatte sich nach der
beinahe erfolgten Vergewaltigung wieder erholt und das wollte
Ardeth ausnutzen. Er unterbrach sie mit einem Kuss.
Männer wollen immer nur das eine!, schmipfte sie
danach gespielt weiter. Und Ardeth holte das Artefakt aus seinem
Anzug hervor und erwiderte gedehnt: Ja!
Ardeth, du bist unmöglich! Lass mal sehen!
Sie nahm das merkwürdige Metallartefakt in ihre Hände und
schüttelte ungläubig mit Kopf. Es sah wirklich so aus wie
Ardeths Handtätowierungen.
Wozu das wohl gut ist?
Es wird ein Gegenstück dazu geben. Die linke Schwinge wird
hoffentlich noch an Ort und Stelle sein.
Hm, und was machst du jetzt mit diesem hier?
Ich werde es zurückbringen, nach Peru.
So kam es, dass Ardeth sich nach der Erntezeit mit Julio auf den
Weg machte. Die anderen Indios, die zuvor geholfen hatten,
blieben auf der Farm und halfen Senor Gomez und Emilia. Julio
hatte Ardeth gewarnt. Es würde Winter werden. Also zog er sich
sein schwarzes Kriegergewand an, hängte sich sein selbst
geschmiedetes Schwert, ein Gewehr und einen breiten
Patronengürtel um und sah aus, als ob er in eine Schlacht ziehen
würde, wie Emilia bei der Abreise erschrocken feststellte.
Man weiß nie, hatte er erwidert
Gabriel sah seinen Vater staunend an. So hatte er ihn noch nie
gesehen. Am liebsten hätte der Kleine ihn begleitet.
Senor Gomez beruhigte Emilia, als sie Ardeth und Julio mit
feuchten Augen hinterherblickte.
Er kann gut auf sich aufpassen, Emilia. Du hast ja jetzt
selbst gesehen, dass er eigentlich ein Krieger ist.
Sie schüttelte mit dem Kopf und dachte daran, wie Ardeth in
Buenos Aires keine Probleme gehabt hatte, Don Rafael zu besiegen
und wie unerbittlich er war, als er ihn in dem Herrenzimmer
bedroht hatte.
Ardeth drehte sich um, lachte und winkte ihr aufmunternd zu. Da
sah sie, dass das seine Welt war. Nicht, dass er sich jemals
beschwert hatte, Mais zu pflanzen oder hier zu leben, aber
richtig authentisch wirkte er in diesem Moment.
Ja, Senor Gomez, er ist ein richtiger Krieger.
Ihre Reise dauerte Wochen und war sehr anstrengend. Sie
durchquerten die Andentäler. Es wurde zunehmend kälter. Die
alte Inka-Straße, die noch gut erkennbar war und von Chile nach
Ecuador sich über 4000 Kilometer erstreckte, führte sie
kontinuierlich nach Norden. Zum Glück wurden sie manchmal von
einem Fuhrwerk mitgenommen. Julio brauchte sich nicht zu
beklagen, denn Ardeth hatte keine Probleme, draußen zu
übernachten und wusste zu improvisieren. Eher war es Ardeth, der
Julio Unterstützung bereitete und Lebensmittel und Kräfte
einzuteilen wusste. Je weiter sie nach Norden kamen, desto
wärmer wurde es tagsüber. Sie mussten viele Tage durch die
Atacama-Wüste reisen, die als trockenste der Welt gilt. Die
Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht aber waren gewaltig
und Ardeth fühlte sich ein bisschen wie zu Hause. So kam es,
dass er Julio viel über seine Heimat erzählte. Er erzählte ihm
auch von Gott Horus und Julio wunderte sich, wieso Macubama und
andere Indios ihn kannten, wenn auch unter dem Namen
Urus.
Es gibt zwei Möglichkeiten, meinte Ardeth und
erzählte von den fremden Wesen, die vor vielen tausend Jahren
auf dieser Erde weilten und den Menschen vieles beibrachten.
Sie könnten auch hier gelandet sein. Horus war der letzte,
der hier war laut unseren Überlieferungen
jedenfalls.
Es gab zwar auch in Südamerika Überlieferungen, die von
Außerirdischen berichten, doch Julio waren diese nicht
geläufig, sodass er Ardeths Erzählung eher keinen Glauben zu
schenken bereit war. Die zweite Variante gefiel ihm besser.
Vor über 4000 Jahren herrschte ein Handelsaustausch
zwischen Ägypten und eurem Land. Es ist möglich, dass dadurch
Glaubensinhalte nach Peru gelangt sind, vielleicht auch diese
Artefakte.
Woher weißt du, was vor 4000 Jahren war? Irgendwie
war auch Variante 2 unbegreiflich.
Meine Vorfahren haben die Geschichte niedergeschrieben und
weitergereicht.
Julio erzählte indessen Ardeth alles, was er über sein Volk
wusste. Als er von den Spaniern berichtete, die eines Tages in
das Land kamen und alles Gold raubten, wurde er sehr traurig.
Der König hatte alles Gold in einen Raum schaffen lassen.
Bis zur Decke stapelte es sich. So hatte es der Spanier verlangt.
Dafür sollte der König unbehelligt bleiben. Doch der Spanier
brach sein Wort, mordete den König, nahm das Gold und
unterdrückte die Indios. Wir sind seitdem ihre Sklaven.
Auch Ardeth war nicht entgangen, wie die hellhäutige
Elite mit den angestammten Einheimischen umsprang.
Doch man sagt, dass die Herrscher davor auch nicht besser
waren. Sie haben die anderen Menschen unterdrückt und für sie
arbeiten lassen. Es ist wohl immer das gleiche in dieser Welt.
Daher, junger Padron, habe ich mich so für dich gefreut, dass
dein Land frei ist.
Ardeth lächelte ihn an. Julio war ein sehr netter Mensch.
Nach langer Zeit erreichten sie das Inti Punku, das Sonnentor der
Inka, und erhielten von hier einen ersten, aber atemberaubenden
Überblick über Machu Picchu. Sie hatten auf dem Weg viele
Inka-Stätten gesehen, aber diese übertraf alle. Die Ruinenstadt
lag auf einem Bergsattel. Sie erkannten mehrere Terassen,
darüber und daneben Gebäude, freie Plätze, Mauern, alles von
höheren Bergen umgeben, aber doch wirkte die Stadt freistehend
oder sogar fast freischwingend, weil sie so exponiert in der
Höhe lag. Sie setzten sich auf die Stufen des Inti Punku und
rasteten. In einem Ort im Urubamba-Tal hatte sich ein
Einheimischer names Cato angeboten, sie zu führen.
Wer hat diese Stadt hier oben angelegt?, wollte
Ardeth von ihm wissen, als sie bei Brot, Obst und Wasser saßen.
Die letzten freien Indios, vor fast 500 Jahren, Senor. Sie
erbauten die Stadt aus Schutz vor den Spaniern, die ja inzwischen
in unserer Hauptstadt, in Cusco, eingedrungen waren. Sie hofften,
dass die Spanier sie hier oben nicht finden würden.
Dann ist die Stadt aber sehr jung. Warum wurde sie
überhaupt verlassen?
Sie hatten schließlich Angst, die Spanier würden sie auch
hier entdecken.
Vom Inti Punku hatten sie noch einen Fußmarsch von einer guten
Stunde vor sich, denn er hatte mitbekommen, dass sowohl Julio als
auch Ardeth gute Wanderer waren. Tatsächlich sah Ardeth auf der
letzten Wegesstrecke unfertige Häuser und Höfe, die darauf
deuteten, dass der Bau dieser Stadt nie wirklich beendet worden
war. Schließlich passierten sie einen alten Wachturm, der auf
einer Anhöhe stand. Dann befanden sie sich auf einmal über
einer schräg abfallenden Terassenanlage.
Das hier waren einst Felder, Senor, erklärte Cato.
Die Indios haben sie angelegt. So konnten die Felder nicht
den Berg herunterrutschen. Manchmal regnet es hier ganz schön
stark.
Ardeth erkannte auch Bewässerungsrinnen, die sich durch das
ganze Gelände zogen. Hier musste ein kulturell weit entwickeltes
Volk gelebt haben. Sie stiegen die hohe Treppe am Ende der
Feldanlage in Terassenform hinab und hatten einen guten
Überblick über die nun direkt vor ihnen liegende Stadt. Sie
teilte sich merkwürdig in eine obere und untere Stadt.
Dazwischen lag eine Art Ebene, fast wirkte sie wie ein Graben
zwischen den beiden Hälften. Cato erklärte, dass oben die
Herrschenden gelebt habe und unten das normale Volk.
Zurzeit waren keine Ausgräber vor Ort. So konnten sich Julio und
Ardeth in Ruhe umschauen. Sie gingen an vielen Räumen, denen das
Dach fehlte, da es aus Flechtmaterial früher gemacht worden war,
vorbei. Ardeth bestaunte die kunstvollen Mauern, sah
altarähnliche Steine, einen eigenartigen Rundbau und drei
Fenster, die zur Ebene blickten. Cato konnte nicht erklären, um
was es sich alles handelte, sein Wissen war erschöpft. Sie
stiegen über einen Weg in die untere Stadthälfte. Auch hier
waren viele Räume, die etwas kleiner waren als in dem anderen
Teil, aber auch Freiflächen. Ardeth bestaunte immer wieder die
Berge ringsherum. Es war ein herrliches Panorama.
Welche Mühe, so eine Stadt in den Bergen zu bauen!,
bewunderte er die Baumeister.
Nach zwei Stunden rasteten sie in einem weiträumigen Gebäude,
das merkwürdige Vertiefungen in seinem Hof aufwies. Sie waren
nun in Machu Picchu angekommen, aber von dem alten Indio namens
Macubama fehlte jede Spur. Auch Cato und die Bewohner des Ortes,
von wo aus sie gestartet waren, wussten nichts über seinen
Verbleib.
Das hier ist eine außerordentliche Stadt, meinte
Ardeth zu Julio, aber sie ist nicht sehr alt. Ich habe
keinen Raum, keinen Hinweis gefunden, wohin wir die Schwinge des
Urus bringen sollen.
Es gibt hier einige Löcher, die die Amerikaner gegraben
haben. Sie haben dort ein paar Sachen und Mumien gefunden. Ich
kann sie euch nachher zeigen, meinte Cato.
Ardeth nickte. Doch auch die Besichtigung der Grabanlagen ergab
keine neuen Erkenntnisse, denn sie waren nicht älter als die
Stadt. Sie beschlossen, die Nacht hier zu verbringen und ein paar
Tage zu warten, ob sich Macubama zeigen würde. Ardeth schaute
sich die Stadt in diesen Tagen genauer an und bestaunte immer
wieder, wie die Indios früherer Zeiten die Mauern
zusammengefügt hatten. Am vierten Tag fing es an zu regnen, als
Ardeth und Julio gerade allein in dem oberen Teil der Stadt
weilten. Sie versuchten, Schutz zu finden, und das war gar nicht
so leicht, weil ja keines der Häuser Dächer hatte. Die
Türeingänge boten nur geringen Schutz. So krochen sie in eine
Nische und stellten sich dicht aneinander.
Das kann dauern, Senor, rief Julio, um sich während
des Krachens eines Donners verständlich zu machen. Ihr Zelt
hatten sie im anderen Teil der Stadt aufgebaut. Es war einfach zu
weit entfernt, um sich dorthin zu retten. Der Regen war so stark,
dass sie binnen weniger Sekunden klatschnass sein würden.
Außerdem bezweifelte Ardeth, ob das Zelt diesem Guss standhalten
würde. Auf einmal drängte sich ein Lama in ihre Nische. Es
hatte keine Angst vor den beiden, denn Menschen hatten ihm
bislang nichts Böses getan. Außerdem betrachtete es wohl den
Ort als sein Eigentum. Ardeth und Julio staunten, mit welchem
Selbstverständnis sich das Tier zu ihnen drängte, und Julio
wollte es verscheuchen, da die Nische schon für ihn und Ardeth
zu eng war. Doch Ardeth hielt ihn ab.
Lass es!, verteidigte er die alten Rechte des Lamas
und zwängte sich noch weiter an die rückwärtige Mauer, die
durch den Druck auf einmal nachgab und wie eine Drehtür
aufschwang. Das Lama sprang vor Schreck davon und Julio zur
Seite, um nicht von der Wand umgeworfen zu werden. Ardeth wurde
automatisch ins Innere gezogen und Julio beeilte sich, ihm zu
folgen, bevor die Drehtür wieder zuschwang. So fanden die beiden
sich im Finstern wieder. Sie mussten husten, denn das Drehen der
Tür hatte Staub aufgewirbelt und die Luft war nicht gut. Als
Julio einen Schritt nach vorn machen wollte, wäre er fast
gestürzt, denn unter seinem Fuß war nur Leere. Er
schrie, während ihn Ardeth noch gerade so zu fassen bekam und
ihn zurückzog auf den schmalen Streifen, auf dem sie standen. Es
war stockfinster.
Keinen Schritt!, warnte ihn Ardeth und Julio nickte,
doch dann wurde ihm klar, dass Ardeth ihn nicht sehen konnte, und
so sagte er laut: Ja, Senor.
Ardeth bemerkte, dass Julio vor Angst schlotterte.
Ganz ruhig, Julio, tröstete er ihn. Er kramte sein
Zündholz aus seiner tiefen Tasche und machte kurz Licht. Er
konnte links und rechts Fackelträger erkennen. Darunter ging der
schmale Streifen weiter, auf dem sie standen.
Rühr dich nicht vom Fleck!, warnte er Julio und
tastete sich an der Wand zum linken Fackelträger. Es gelang
Ardeth, die alte Fackel zu entzünden. Im Schein des Lichtes
konnten sie endlich den Raum in Augenschein nehmen, in dem sie
gelandet waren. Unter ihnen gähnte ein Abgrund. Wie tief er
hinabging, konnten sie nicht erkennten, und Julio drehte sich der
Magen um. Fast wäre er da hinunter gestürzt.
Versuch, die Fackel neben dir aus dem Gestell zu
lösen, wies ihn Ardeth an. Es dauerte einen Moment, bis
Julio seine Furcht überwand und sich im Schneckentempo zur
Fackel bewegte. Tatsächlich gelang es ihm, sie hinauszuziehen.
Er krallte sich mit der linken Hand in der Mauer hinter ihm fest
und reichte die Fackel Ardeth mit der rechten.
Ganz ruhig, Julio, beruhigte ihn Ardeth. Nicht
nach unten schauen!
Julio tastete, ob er die Drehtür bewegen konnte, wieder
aufzuschwingen, doch er schaffte es nicht.
Wir stecken hier fest, Senor, sagte er und Ardeth
bemerkte, wie die Panik in Julio aufstieg.
Dann müssen wir einen anderen Weg hinaus finden. Es gibt
immer einen zweiten Ausgang, meinte er und ging nach links.
Senor, wo wollen Sie hin?, rief Julio.
Hinab! Hier ist eine Wendeltreppe. Aber sei vorsichtig, sie
ist sehr schmal! Halte dich dicht hinter mir. Ich leuchte uns. Du
halte dich an der Mauer fest und guck nicht rechts
hinunter!
Julio blieb nichts anderes übrig, als Ardeth zu folgen.
Zunächst leuchtete auch die befestigte Fackel von oben, aber
bald musste er sich auf Ardeths Fackel verlassen, also sah Julio
zu, dass er dicht hinter Ardeth blieb.
Senor, Padron, flüsterte er angsterfüllt, wo
gehen wir hin? Er trat auf etwas Weiches und gab einen
Schrei von sich, während Ardeth zwangsläufig stehenblieb und
sich umdrehte.
Du bist auf mein Gewand getreten, Julio!
Ah Padron, habe ich mich erschreckt!
Julio hielt sich nun mindestens auf drei Stufen Abstand, um
Ardeth nicht zu Fall zu bringen. Nach 20 Minuten, für Julio
allerdings gefühlten drei Stunden, waren sie unten angekommen.
Ardeth leuchte den Schacht aus. Man konnte ganz weit oben die
Fackel erkennen, die Ardeth angesteckt hatte.
Sie haben einen Schacht in den Berg geschlagen.
Es war allerdings kein Schacht wie die anderen Löcher, wo die
Mumien und Bronzewaren entdeckt worden waren. Dieser hier war
viel tiefer. Auf dem Boden lag auch nichts. Es musste irgendwo
weitergehen. Ardeth vermutete, dass es sich um ein Königsgrab
handelte, denn gleichsam wie in den Gräbern im Tal der Könige
war wohl eine Falle eingebaut worden. Grabräuber würden in den
Schacht stürzen, der zugleich Zugang zum Grab für die Wissenden
sein musste. Es dauerte nicht lange und er fand den Durchgang,
nach dem er Ausschau gehalten hatte, während sich Julio stets
dicht hinter ihm hielt.
Oh, eine Tür, bemerkte Julio, während Ardeth schon
dabei war, sie zu öffnen. Eine weiterer Gang lag vor ihnen. Ohne
zu zögern betrat Ardeth den Gang, der sie noch 50 Meter
weiterführte. Er wurde am Ende sehr eng und flach. Sie mussten
sich bücken und Julio befürchtete, er würde sich soweit
verengen, dass sie nicht mehr durchgelangen konnten. Ardeth
bewegte indessen sehr vorsichtig vorwärts. Er vermutete weitere
Fallen. Doch es gab keine Falle, sondern Steine, die
hochaufgetürmt vor ihnen lagen und den Weg versperrten. Ardeth
reichte Julio die Fackel und begann damit, die Steine
wegzuräumen. Es war nicht einfach, sie dahin zu stapeln, wo sie
nicht im Wege lagen, denn der Gang war bereits sehr schmal. Es
dauerte ziemlich lange, bis sie endlich weitergehen konnten.
Padron, der Gang neigt sich nach unten, bemerkte
Julio scharfsinnig.
Still, Julio, flüsterte Ardeth und deutete nach
vorn. Doch Julio konnte nichts erkennen. Ardeth hatte einen
Lichtschein gesehen. Dann war es wieder dunkel. Zwei Minuten
später sah man wieder ein helles Licht auch Julio.
Was ist das, Padron?
Ardeth hatte erst gedacht, es handele sich um eine Fackel, doch
sie hatten bislang in Machu Picchu keine Menschenseele
angetroffen. Wo sollten hier auf einmal Menschen herkommen? Es
musste sich also um etwas anderes handeln und er hatte schon eine
Ahnung, was es war, und schritt schnell darauf zu.
Licht von draußen, antwortete er und blieb wenige
Minuten später unter einem Schacht stehen.
Siehst du, da oben ist es offen, und wie mir scheint,
wechseln sich im Moment Sonne und Regenwolken ab.
Dieser Schacht ist erst kürzlich gegraben, Senor. Schauen
Sie, hier!
Er deutete auf Werkzeug. Eine Strickleiter hing auch hinab. Julio
atmete auf, denn er hatte schon befürchtet, keinen Ausgang zu
finden.
Sie haben recht gehabt, Senor. Es gibt immer einen zweiten
Ausgang, freute er sich.
Ja, aber der hier wurde erst kürzlich angelegt. Und die
Ausgräber werden wiederkommen, sagte Ardeth mit
Stirnrunzeln. Längst hatte er sich genau umgesehen. Der Schacht
hatte einen Zugang in den Gang, den Ardeth und Julio
heruntergekommen waren, aber noch einen zweiten genau
gegenüber. Der Schacht war also in den Gang hineingebohrt
worden. Ardeth ging weiter und Julio folgte ihm. Doch es dauerte
nicht lange, bis der Gang aufhörte. Sie standen vor einer nach
außen gewölbten Mauer, an deren Seiten sich Erdhaufen bildeten.
Eine Schaufel lag griffbereit daneben. Die Mauer war zwar
deutlich bearbeitet, doch nicht durchbrochen worden. Ardeth sah
sich um.
Es ist nicht die Zugangsseite zu dem Raum, der sich
dahinter verbirgt, meinte er. All die Gänge sind
später angelegt worden, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als die
Stadt oben errichtet worden ist.
Und dieser Raum? Was ist darin?
Das weiß ich nicht, Julio. Doch die Mauer hier ist sehr
viel älter. Schau, was für ein festes Material verwendet worden
ist. Außerdem ist sie merkwürdig gebogen, findest du nicht
auch? Ich nehme an, diejenigen, die hier vor kurzem eingedrungen
sind, werden wieder kommen, besser ausgerüstet natürlich, um
die Mauer zu Fall zu bringen.
Die Mauer ist älter als Machu Picchu?, fragte Julio
ungläubig.
Ardeth nickte. Hier unten ist etwas sehr Wichtiges
vergraben. Die Stadt oben wurde verlassen, obwohl sie nicht
richtig zu Ende gebaut war. Vielleicht sind die Bewohner
geflohen.
Ja, vor den Spaniern.
Das ist doch unlogisch, Julio. Erst verstecken sie sich
hier oben vor den Spaniern, dann flüchten sie vor ihnen, obwohl
die Spanier damals hier niemals hingekommen sind?
Julio sah ihn fragend an.
Sie sind vor etwas anderem geflohen, und ich bin mir
sicher, es hat mir der unterirdischen Anlage unter ihrer Stadt zu
tun. Die Tunnel haben die Bewohner damals gegraben und sie sind
dabei sicherlich auf etwas gestoßen.
Was ihnen Angst gemacht hat?
Möglich, erwiderte Ardeth. Wir müssten
Macubama finden und fragen. Komm!
Er ging zurück, kletterte die Strickleiter hoch und half Julio
aus der Öffnung hinaussteigen, die nur spärlich mit Brettern
abgedeckt war. Draußen schien mittlerweile die Sonne. Sie sahen
sich um und Ardeth bemerkte, dass über dem unterirdischen Raum
sich oben ein massives Gebäude befand. Er sah es sich genau an,
ging dann wenige Schritte weiter und blieb vor einem
merkwürdigen Stein stehen. Er sah zur Sonne, dann wieder auf den
Stein und zu einigen der Gebäude hin.
Sieht so aus, als hätten deine Vorfahren außerordentliche
Kenntnisse über die Himmelsgestirne gehabt, Julio.
Julio nickte stolz. Doch jeglicher Kommentar seinerseits wurde
durch Catos Rufen zunichte gemacht. Laut rief dieser von unten
den beiden, die in dem Viertel der Reichen standen, zu, dass sich
jemand nähert. Ardeth und Julio gingen zu einem Platz, von wo
aus sie die Anlage besser überblicken konnten. Doch konnten sie
nicht um die Ecke schauen, während Cato von unten die sich
Nähernden wohl gut erkennen konnte. Also beeilten sich Ardeth
und Julio, in ihr Lager in der unteren Stadthälfte zu kommen.
Von dort erkannten sie mehrere Hellhäutige und Indios, die
inzwischen die ersten Gebäude von Machu Picchu erreicht hatten.
Die Indios schleppten Zelte, Nahrung und Ausrüstung. Man konnte
sie gut an den Ponchos und den merkwürdigen Zipfelmützen
erkennen, während die Hellhäutigen Krempenhüte trugen. Julio
und Ardeth sahen sich vielsagend an. Sie ahnten, was dieser Trupp
hier vorhatte. Julio bemerkte einen weiteren Trupp, der in ca. 50
Meter Entfernung dem ersten folgte. Auch dieser Trupp bestand aus
Indios und Weißen, doch in der Mitte ging ein gefesselter alter
Mann.
Macubama!, meinte Julio. Er ist ihr
Gefangener!
Sie haben uns noch nicht entdeckt. Wir sollten uns
verbergen, meinte Ardeth.
So verlegten sie ihr Lager tiefer in die untere Stadt. Sie hatten
Glück, denn die Ausgräber blieben in der anderen Hälfte. Dort
wurden Planen über einige der Gebäude gespannt. Vermutlich
nutzten sie diese als Lager. Sie postierten sogar Wachen an drei
Stellen. Sofort machten sie sich an dem Loch zu schaffen, aus dem
noch vor keiner Stunde Ardeth und Julio gestiegen waren. Mit
Spitzhacken stiegen drei Männer hinunter. Ardeth konnte sehen,
wie zwei der hellhäutigen Männer eine alte Karte herausholten
und sie genau studierten. Dann begaben sie sich zu Macubama, den
man inzwischen an einen Pfeiler gefesselt hatte. Sie redeten auf
ihn ein, doch der alte Indio schien nichts zu sagen. Sie schlugen
ihn ins Gesicht, doch es sah so aus, als wäre auch das zwecklos.
Zwei Stunden später kamen die drei starken Männer aus dem Loch,
gingen zu den beiden hin, die daraufhin laut fluchten.
Ganz alte Mauern, kommentierte Ardeth zufrieden.
Sie haben standgehalten, Senor?
Ardeth nickte. Und mit Sprengstoff können sie es nicht
versuchen, dann stürzt alles ein.
Plötzlich beobachtete er etwas, das ihm nicht gefiel. Er hatte
zunächst geplant, im Schutze der Nacht Macubama zu befreien,
doch nun geriet der in unmittelbare Gefahr. Einer der beiden
Leiter des Unternehmens griff nach einer Metallstange, deren
Spitze glühend war, da sie im Feuer gelegen hatte. Damit
näherte er sich Macubama.
Senor!, flüsterte Julio aufgeregt und auch Cato
wurde sehr unruhig. Aber auch einige von den Indios, die die
Fremden mitgebracht hatten, schauten mit finsteren Blicken
hinüber.
Wir werden sie ablenken. Julio, du verbirgst dich da hinten
bei der großen Mauer! Cato, du nach weiter unten. Zögert nicht,
eure Macheten zu verwenden! Lockt sie in einen Hinterhalt. Ich
geh nach weiter oben. Ihr müsst schneller sein als sie.
Die beiden sahen ihn entsetzt an, denn was Ardeth von ihnen
verlangte, überforderte sie etwas. Doch es war zu spät, um
dagegen zu insistieren, denn der war aus seinem Versteck
getreten, auf eine Mauer gesprungen und rief mit lauter Stimme zu
den Fremden hinüber:
Ist es das, wonach ihr sucht?
Dabei schwenkte er das Artefakt, das er von seinem Schwager
erhalten hatte, in der Luft. Sofort blickten alle zu ihm, auch
die Folterer.
Dann kommt und holt es euch!
Sie zogen ihre Schusswaffen hervor, doch bevor sie feuern
konnten, war Ardeth von der Mauer gesprungen und hastete den Gang
zur höher gelegenen Stadt entlang. Julio und Cato ließen sich
nicht zweimal bitten und liefen auch davon, jeder in die ihm
angewiesene Richtung. Die Hatz konnte beginnen. Nur Macubama
lächelte vielsagend.
Die Verfolger waren innerhalb weniger Minuten an der Stelle, an
der zuvor Ardeth noch gestanden hatte. Sie gingen sehr vorsichtig
vor und hielten ihre Gewehre auf Anschlag. Ardeth beobachtete sie
aus seinem Versteck und freute sich, denn dass sie die Gewehre so
hielten, verriet, dass sie nicht gerade professionell vorgingen.
Gewehre würden ihnen im Nahkampf nichts nützen, im Gegenteil.
Auf diese Gelegenheit hatte Ardeth gewartet, nahm sein selbst
gefertigtes Schwert und lauerte auf sein erstes Opfer. Keine drei
Minuten später war es bei ihm und auch diesmal hatte Ardeth
Glück. Sie hatten sich allesamt getrennt. Er konnte sie
nacheinander erledigen. Kaum war der Mann in seiner Nähe, riss
er sein Schwert hoch und schlug damit das Gewehr des Gegners weg.
Der Gegner schaute ihn überrascht an, bis Ardeths Schwert ihn
traf und er zusammensackte. Es war einer der hellhäutigen
Männer gewesen. Doch Ardeth war klar, dass es zuviele waren und
sie sich sicherlich nicht alle von ihm so leicht überwältigen
lassen würden. Er musste Macubama befreien. Er vernahm
Kampfesgetümmel zu seiner Rechten, also aus Catos Richtung.
Hoffentlich stand der seinen Mann. Doch leider wurde Cato von
zwei Indios besiegt und schrie laut auf. Alle Männer blickten zu
den Lärmenden, was Ardeth ausnutzte und sich schnell der Stelle
näherte, wo Macubama angebunden stand. Leider waren dort auch
zwei Wachen verblieben. Jetzt musste Ardeth schnell handeln. Er
legte sein Gewehr an und zielte. Der erste Schuss traf die erste
Wache in der Brust, doch die zweite Wache ging daraufhin sofort
in Deckung. Ardeth blieb nichts anderes übrig, als mit lautem
Geschrei hervorzuspringen und zu hoffen, den Gegner damit zu
beeindrucken, bis er ihn erreicht haben würde. Doch sein Gegner
war reaktionsschnell und zielte auf Ardeth, doch verzog in der
Aufregung. Der Schuss streifte Ardeth an der linken Schulter.
Schon war er bei ihm und ließ sein Schwert niedersausen. Der
Gegner wehrte den Schlag mit seinem Gewehr ab. Ardeth entglitt
das Schwert. Beide rangelten, doch Ardeth schlug ihn schließlich
k. o., eilte zu Macubama, schnitt die Fesseln durch und zog ihn
hinter sich her, denn schon eilten zwei weitere Indios auf ihn
zu. Macubama war alt und hatte zudem einiges erdulden müssen.
Ardeth nahm ihn über die schmerzende linke Schulter und eilte
davon. Schüsse fielen, doch das Zickzacklaufen verhinderte, dass
sie getroffen wurden. Ardeth rannte, so schnell er konnte. Es war
nicht leicht, denn der Weg stieg an und war teilweise sehr
unwegsam. Er erreichte nach 20 Minuten den rettenden Wald
oberhalb des Wachgebäudes von Machu Picchu und lief unentwegt
weiter, hielt nur manchmal an, um zu Luft zu kommen. Er konnte
die Verfolger hören. Doch das Glück war auf seiner Seite. Es
wurde dunkel. Sie würden seine Spuren im Dunkeln verlieren. Er
lief noch eine halbe Stunde, konnte selbst im Dunkel des Waldes
und in der Dämmerung, die jetzt herrschte, kaum etwas sehen,
dann verbarg er sich und den Alten unter Gestrüpp und bedeutete
ihm, sich leise zu verhalten. Sie lauschten und es schienen
Stunden zu vergehen. Ardeth versorgte inzwischen erst Macubamas
Verletzungen und dann seine eigene Wunde, reichte dem Alten zu
trinken. Als er sich sicher war, dass niemand ihnen hierher
gefolgt war, erkundigte er sich bei Macubama nach den Verfolgern.
Der erzählte ihm, dass vor einem halben Jahr ein amerikanischer
Gräber einen sonderbaren Raum gefunden hätte. Er verkaufte die
Sachen, die er dort gefunden hatte, und auch den Flügel, den
Ardeth nun bei sich trug. Ein Stück gelangte zu einem
Archäologen namens Dr. Porter, der sich sehr wunderte, da das
Stück mit ägyptischen Hieroglyphen gezeichnet war. Er hoffte,
die Entdeckung des Jahrhunderts machen zu können und ließ hier
graben, auf der Suche nach weiteren Artefakten. Ein Manuskript,
das er in Cuzco im Archiv von La Merced ausfindig gemacht hatte,
erzählte von einem geheimnisvollen Raum unter dem alten Tempel.
Daher ließ er graben, scheiterte aber an der Mauer. Ein Indio,
der beim Graben half, berichtete ihm von Macubama, den sie fingen
und und nun alles von ihm wissen wollten. Ardeth fiel während
Macubamas Bericht auf, dass er viel redseliger war als noch auf
der Farm bei San Juan. Dort hatte er in Rätseln gesprochen. Er
schien irgendwie verändert. Ardeth schob das der Aufregung zu,
die Macubama befallen hatte. Jetzt galt es aber, anderes zu
klären.
Macubama, weißt du, ob der Raum, in dem der Flügel
gefunden wurde, jener ist, der sich dort unten beim Schacht
befindet?
Woher weißt du, dass dort ein Raum ist?
Ich bin mit Julio über einen anderen Gang hinabgestiegen.
Wir fanden die Mauer, an der sie sich zu schaffen machen.
Du sprichst von dem Raum unter dem alten Tempel.
Ja, es könnte ein Tempel sein, der darauf steht.
Nein, in dem Raum wurde der rechte Flügel des Urus nicht
gefunden.
Und wo wurde der Flügel gefunden?
Unterhalb des Intihuatana.
Ardeh sah ihn geduldig an. Eine Erklärung würde gleich folgen.
Der große Stein, mit den die Indio früher die Sterne
beobachtet haben.
Ah, ich weiß, was du meinst. Aber... der Boden dort schien
mir unversehrt. Ich habe dort kein Loch gesehen.
Der Gräber ist auch nicht von oben eingestiegen, sondern
von der Seite.
Ardeth nickte und überlegte. Zwischen dem alten Tempel und
dem Intihuatana befindet sich so ein kleiner Stein. Er weist die
Himmelsrichtungen, nicht wahr?
Macubama sah ihn wie ein positiv überraschter Lehrer an, der
über einen klugen Schüler staunt. Dann nickte er und meinte
verschwörerisch: Und nicht nur die.
Ardeth verstand. Macubama, wieviele Kammern gibt es?
Das weißt du selbst.
Ardeth musste lachen. Sie saßen bedrängt von ihren Feinden im
Dschungel und Macubama ließ ihn raten. Das war wieder jener
Macubama, der gern in Rätseln sprach.
Vier.
Macubama nickte.
Gibt es Verbindungsgänge?
Ja.
Warum sind die Gräber dann nicht von dem Raum mit dem
rechten Flügel aus weitergegangen?
Sie haben sich der Möglichkeit beraubt, die Tür zum Gang
zu öffnen.
Ardeth zog den Flügel hervor.
Der Bart eines Schlüssels, erkannte er.
Macubama nickte. Außerdem wissen sie nichts von einem
Gang. Sie denken, es sind zwei separate Räume. Unterirdische
Schatzkammern. Oder Gräber.
Aber es ist etwas ganz anderes, nicht wahr?
Ich kenne nur die Legende, die seit jeher von Eingeweihten
weitergegeben wird. Du wirst möglicherweise mehr wissen als ich.
Du bist ein Urus-Wächter.
Hast du den ersten Raum gesehen?
Ja.
Waren Zeichnungen oder Schriften an den Wänden?
Ja, merkwürdige Zeichnungen.
Ich würde sie gern sehen. Vielleicht weiß ich dann
mehr.
Dann sollten wir hineingehen.
Und schon sprang Macubama auf. Ardeth staunte über die Energie
des alten Mannes.
Ja, wir sollten keine Zeit verlieren. Hoffentlich hat es
Julio geschafft zu entkommen.
Sie erhoben sich und krochen aus dem Gebüsch.
Aber vorsichtig!, warnte Ardeth. Sie werden
Wachen aufgestellt haben.
Ich kenne Machu Picchu gut, beruhigte ihn Macubama
und Ardeth zweifelte nicht daran.
Wie Ardeth erwartet hatte, befand sich beim Intihuatana ein
Wachposten. Macubama setzte ein überlegenes Grinsen auf und zog
Ardeth am Arm weiter. Dann stieg Macubama eine Stufe hinab und
war auf einmal verschwunden. Ardeth stieg verwundert auf
jene Stufe und sah einen tiefen Abgrund unter sich. Wo war
Macubama geblieben? Da berührte ihn etwas zur Linken. Ein Seil!
Macubama hatte es zu ihm hinschwingen lassen und Ardeth verstand.
Im Dunkeln konnte er erkennen, dass Macubama ca. 5 Meter
unterhalb zur Linken stand. Es sah so aus, als stünde er im
Erdreich drin. Ardeth war klar, dass dort der Eingang war. Gut
verborgen am Felsen, unterhalb der Stadt Machu Picchu. Wie hatte
der Gräber diesen Eingang nur finden können? Ardeth warf einen
Blick nach oben. Die Wache musste auch diesen Eingang kennen und
könnte jeden Moment über den Felsenrand einen Blick nach unten
werfen. Er beeilte sich also, ergriff das Seil und schwang sich
hinab. Macubama half ihm beim Einstieg in den kurzen Gang. Drei
Meter weiter stand die Tür offen. Am Rahmen oberhalb erblickte
Ardeth das Zeichen der Schwinge. Macubama war schon in dem Raum.
Der Saal der rechten Schwinge des Urus!, sprach
Macubama feierlich, als Ardeth hineinkam. Sofort nahm er den
merkwürdigen Saal in Augenschein. Er war wie ein Schlauch
gebogen. In der Mitte stand ein Tisch. Unübersehbar war das der
Altar, auf dem das Artefakt über all die Jahrhunderte geruht
hatte. An der rechten oberen Wand standen merkwürdige Zeichen
geschrieben, links dagegen waren Bilder gemalt. Ardeth schaute
sich alles im Schein der kleinen Fackel an, die er entzündet
hatte.
Gib mir die Schwinge!, forderte ihn Macubama auf.
Ardeth studierte gerade die Inschriften zur Rechten und
schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Dann blickte er zu Macubama,
der am Ende des schlauchartigen Raumes stand. Dort war eine Art
Tür zu erkennen und daneben drei lange Löcher. Es war klar,
dass man das Artefakt dort hineinstecken musste, um die Tür zu
öffnen.
Macubama, ich weiß nicht, ob wir das machen sollten. Hier
steht eine Warnung.
Macubama sah ihn fast erschrocken an. Du kannst das
lesen?
Ardeth nickte und drehte sich um, um die Bilder zu betrachten.
Und das müssen deine Vorfahren vor langer Zeit angemalt
haben, eine Huldigung an Horus. Schau: Sie bringen Gold und legen
es zu Füßen des Altars. Er leuchte den Raum kurz aus.
Es hat hier gelegen, das Gold, das sie mitgenommen
haben.
In der Legende heißt es, dass die heiligen Insignien des
Urus hier ruhen müssen. Du hast die Schwinge zurückgebracht und
deine Aufgabe erfüllt. Lege sie nun auf den Altar, wo sie
hingehört.
Etwas in Macubamas Tonfall gefiel Ardeth nicht. Er sah ihn
irritiert an, zumal er sehr laut gesprochen hatte. Zu laut für
ein Unterfangen, das auf keinen Fall entdeckt werden darf. Doch
bevor Ardeth lange drüber nachdenken konnte, hörte er, wie sich
oben die Wache regte und andere herbeirief. Man hatte sie
gehört. Kein Wunder!
Sie kommen!, rief Macubama erschrocken. Gib mir
den Schlüssel!
Nein, Macubama, das dürfen wir nicht!, brachte
Ardeth hervor. Sieh doch, da oben. Da steht, dass man die
Türen auf keinen Fall öffnen darf.
Unsinn! In der Legende heißt es...
Doch weiter kam er nicht, denn in dem Moment schwang sich einer
der Wächter in den Schacht, ein zweiter folgte sofort. Da
mussten mehrere Seile hängen, schloss Ardeth daraus und warf
sich den Wächtern entgegen. Ein wilder Kampf entbrannte, aber es
war viel zu eng, so dass sie schließlich miteinander rangen.
Weitere Wächter folgten und auch die hellhäutigen Schatzsucher.
Schließlich wurde Ardeth überwältigt, entwaffnet und zu Boden
gedrückt, während Macubama an der Tür gedrängt stand und mit
einer Pistolenmündung in Schach gehalten wurde.
Sieh an, sieh an, wen haben wir da?, meinte einer der
hellhäutigen Gräber. Er sah wie ein typischer Abenteurer aus.
Seine Kleidung war abgetragen, aber im Gürtel trug er alles, was
er für so eine Expedition benötigte. Er tippte an seine
Hutkrempe, grinste, holte dann mit dem Arm aus und schlug seine
Faust Ardeth ins Gesicht, der zu Boden ging.
Lassen Sie ihn, Mr. Smyne, hielt ihn ein anderer ab,
der eine dicke Brille trug und etwas moderater gekleidet war.
Smyne gab dem Indio, der Ardeth gehalten hatte, einen Wink und
der zog den Überwältigten daraufhin auf die Füße. Ardeth gab
kein Anzeichen von sich, dass er Schmerzen hatte, sondern sah die
Ausgräber finster an. Blut floss aus seinem rechten Mundwinkel.
Mr. Smyne!, rief der mit der Brille. Sehen Sie!
Er trägt Hieroglyphen im Gesicht! Ich wusste doch, dass das hier
mit dem alten Ägpten zu tun hat. Der Mann bekam ganz
große Augen.
Ja, Dr. Porter, grinste der Cowboy, er kann uns
sicherlich mehr hierzu sagen, falls Sie das meinen! Er
griff mit seiner Rechten an Ardeths Hals und drückte fest zu.
Jedenfalls mehr als dieser Indio-Greis! Dann stieß
er Ardeth zurück, der dem Indio-Wächter in die Arme fiel. In
der Zeit zog Mr. Smyne ein Messer hervor.
Halt ihn gut fest, Alvarez!, befahl er dem Indio. Ein
zweiter Indio trat dazu und half seinem Kumpanen. Jeder fasste
einen Arm von Ardeth, dem sich Mr. Smyne näherte und das Messer
an die Kehle hielt. Was hast du hier zu suchen?
Wenn ich das mal wüsste, dachte Ardeth, doch beschloss, den Mund
zu halten.
Mr. Smyne drückte die Spitze in Ardeths Haut, doch der schrie
weder noch verzog er eine Miene.
Bitte, Mr. Smyne, insistierte Dr. Porter, der Ardeth
schon tot sah.
Klappe!, gab der Angesprochene unfreundlich zurück
und ließ Ardeth nicht aus den Augen. Sprich, wenn dir dein
Leben lieb ist! Das Blut floss bereits Ardeths Hals
herunter.
Er ist ein Wächter Urus!, brachte da Macubama fast
flehend hervor. Er wird euch in den nächsten Raum
führen!
Der Mann mit der Brille legte eine Hand auf den Arm seines
Kompagnon, der in der Tat von Ardeth abließ, ihm dann aber einen
Schlag in die Magengrube versetzte, so dass er wieder zu Boden
ging, und sich dann dem alten Indio zuwandte, immer noch das
Messer drohend in der Hand.
Was soll das, Alter? Los, mach den Mund auf! Meine Geduld
mit dir ist am Ende!
Macubama zögerte keine Sekunde, was Ardeth verwunderte. Hatte er
nicht tagelang in den Händen seiner Entführer ausgehalten?
Hier, hier! Macubama wies auf die drei Vertiefungen.
Er hat einen Schlüssel bei sich, der öffnet diese
Tür!
Durchsucht ihn!, befahl Mr. Smyne den beiden Indios.
Dr. Porter trat mit großen Augen an die Tür, während die
Indios unsanft Ardeth durchsuchten und das Artefakt fanden.
Ja, ja, das ist er!, rief Macubama mit Begeisterung
und Ardeth sah ihn verwundert an.
Mr. Smyne ergriff das Artefakt. Das ist ja...?
Ja, Mr. Smyne, das ist das gesuchte Artefakt, das von
Goldwyn nach Buenos Aires verscherbelt worden ist. Dr.
Porter nahm es ihm ab, seine Augen glänzten. Fantastisch!
Sehen Sie sich dieses Material an! Fast möchte man meinen, es
ist nicht von dieser Welt! Er näherte sich den drei
Vertiefungen.
Nein!, rief Ardeth. Sie dürfen das nicht tun!
Sie dürfen die Tür nicht öffnen!
Mr. Smyne holte aus und schlug ihn ein weiteres Mal, während Dr.
Porter das Artefakt in die vorgesehene Vertiefung steckte. Sofort
rastete es ein und die Tür ging wie von Geisterhand geschoben
auf. Sie wurde einfach in die Wand gezogen wie eine
Schiebetür. Alle starrten hin, und Ardeth konnte sehen, wie
Macubamas Augen glänzten.
Licht, wir brauchen hier mehr Licht!, befahl Mr.
Smyne. Ein Indios mit einer Fackel trat zu ihm und leuchtete den
Weg. Mr. Smyne winkte und alle folgten ihm. Die beiden Indios
schleiften Ardeth unsanft mit sich mit. Ein langer gewundener
Gang schloss sich dem Raum an. Da wurde Ardeth klar, dass die
Räume in einem Kreis angelegt waren, die mit diesen
merkwürdigen Röhren versehen waren. Was auch immer das hier
war, er stufte es als sehr gefährlich ein. Ein Ring, hämmerte
es in seinem Kopf. Was verbirgt ein Ring, ein Kreis? Und schon
betraten sie einen weiteren Raum, der ebenfalls schlauchartig
war. Dr. Porter sah sich interessiert um, doch Mr. Smyne hatte
nur Augen für das Gold, das zur Rechten auf dem Boden, unterhalb
der Bilder, lag, wie Ardeth feststellte. So musste es im ersten
Raum auch gewesen sein. Und gegenüber wieder diese Inschriften,
diese Warnung.
Seht euch das an, seht euch das an!, jubelte Mr.
Smyne. Ich wusste es! In dieser verdammten Stadt muss es
doch auch Gold geben. Ich wusste es!
Es ist nicht das Gold der Inka, gab Dr. Porter zu
bedenken, der sich ebenso wie Ardeth die Zeichnungen angeschaut
an. Jedenfalls nicht der Inka, die Machu Picchu erbaut
haben. Es ist viel älter, Mr. Smyne!
Mir egal! Smyne hob einige Goldsachen auf. Es waren
Masken, wie man sie von den Inka her kannte, recht quadratisch
und eigenartig gestaltet. Ardeth hatte bereits ein paar in den
Büchern seines Schwiegervaters gesehen, doch irgendetwas war
komisch an diesen Masken. Er hatte keine Zeit, darüber
nachzudenken, denn auf einmal wurde die nächste Tür am Ende des
Raumes in die Wandvorrichtung gezogen. Unbemerkt hatte Macubama
das Artefakt auf dem Altar an sich genommen und in die
Vorrichtung gesteckt. Was es war, konnte nur erraten werden.
Ardeth vermutete, dass es sich um den Schwanz des Horus handelte,
denn über dem Türrahmen hatte dieses Zeichen geprangt.
Was...!, schimpfte Mr. Smyne irritiert, doch folgte
schnell nach. Seine Gier nach Gold war geweckt. Hier musste es
doch noch mehr geben! Dr. Porter sah ebenso besorgt auf die
Hieroglyphen an der linken Wand wie Ardeth.
Schon wurde er unsanft weitergestoßen und alle folgten dem
gebogenen Gang entlang zum dritten Raum. Ardeth wusste, es musste
der Raum sein, auf dessen Wand er mit Julio gestoßen war. Sie
traten ein und Dr. Porter gab kurz Anweisung, auf Macubama
aufzupassen. Er wollte alles in Augenschein nehmen, bevor er zum
Weitergehen gezwungen wurde. Ardeth merkte, wie dem Mann mit der
Hornbrille langsam unheimlich wurde. Während sich Mr. Smyne an
dem Gold ergötzte, nahm Dr. Porter das Artefakt in die Hände,
das auf dem Altar lag: die linke Schwinge des Urus! Er sah Ardeth
an und fragte ihn: Was ist das? Was ist das hier
alles? Angst lag in seiner Stimme.
Bitte, Sie dürfen nicht weitergehen! Lesen Sie
selbst! Er wies mit dem Kopf nach oben. Dr. Porter folgte
Ardeths Blick. Eine Warnung an alle Menschen, nicht die Dinge zu
benutzen, die sie vorfanden.
Sonst wird euch der Böse besiegen, las der
Wissenschaftler.
Wer... ist der Böse?, fragte er Ardeth.
Wollen Sie das wirklich herausfinden?, erwiderte er.
Papperlapapp!, Mr. Smyne entriss seinem Kollegen das
Artefakt. Es sah ja immerhin so aus wie der erste Flügel und so
wusste er, wie er ihn einzusetzen hatte. Macubama sah mit
Genugtuung zu, wie nun Mr. Smyne das Artefakt in die vorgesehene
Öffnung drückte und die dritte Tür sich öffnete. Während sie
alle beschleunigten Schrittes zum nächsten Raum hetzten, meinte
Dr. Porter zu Ardeth, der neben ihm ging, aber immer von zwei
Indios in Schach gehalten wurde: Wir gehen im Kreis, nicht
wahr?
Ja!
Etwas ist in dem Kreis, nicht wahr?
Ja.
Was ist es?
Ich weiß es nicht. Aber es könnte der Böse sein. Er
will, dass wir das hier tun.
Unsinn, Unsinn!, krähte Macubama aufgeregt. Es
ist das Grab des Urus! Seine Augen funkelten.
Das Grab des...? Wer ist Urus?, wollte Dr. Porter
wissen.
Horus, erwiderte Ardeth knapp.
Ho...? Dr. Porter war sichtlich irritiert. Ein
alt-ägyptischer Gott hier in Peru?
Doch er verstand nun, warum sich an den Wänden einige
Hieroglyphen befanden.
"Ich hatte Recht mit meiner Annahme...", murmelte er.
Schon betraten sie den vierten Raum.
Es ist der letzte Raum, raunte Ardeth Dr. Porter zu.
Ihre Blicke wanderten sofort zum Altar, worauf der Kopf eines
Falken lag. Macubama musste von zwei Indios mit Gewalt daran
gehindert werden, das Artefakt in die Hand zu nehmen.
Sehen Sie, Doktor! Waffen aus Gold! Das hat sich wirklich
gelohnt!, freute sich der Cowboy. Ha, wenn das Harry
noch erlebt hätte! Er warf Ardeth einen giftigen Blick zu,
dann griff er zu einem Speer aus Gold und hielt ihn vor ihn hin,
teuflisch grinsend. Als Rache für meinem Bruder, den du
auf dem Gewissen hast!
Er wollte mit dem Speer zustoßen, doch Dr. Porter schlug so auf
den Speer, dass die Spitze sich nach unten neigte.
Nein, Mr. Smyne! Er könnte noch nützlich sein! Auch
Macubama versuchte herbeizuspringen, um die Tat zu verhindern,
doch die Indios hielten ihn fest. Als Ardeth ihn verwundert
anschaute, sah er die geweiteten Augen des alten Indios und war
sehr beunruhigt.
Mr. Smyne warf Ardeth einen vernichtenden Blick zu und versetzte
ihm dann mit dem Speer einen Schlag von der Seite, sodass er
abermals zu Boden ging, und drohte: Warte ab, bis wir hier
raus sind!
Wenn wir hier je rauskommen, dachte Ardeth und rappelte sich
wieder auf.
Dr. Porter studierte die Indio-Zeichnung. Das ist Uku Pacha
hier, die Unterwelt der Inka. Und der in der Mitte ist Supay, der
Herr der Unterwelt. Ich verstehe es nicht. Auf einer Seite haben
wir Inka-Mythologie und auf der anderen Seite ägyptische
Hieroglyphen. Und das da oben kann ich nicht lesen. Ardeth
war seinen Blicken gefolgt. Da klaffen Jahrtausende
zwischen!, staunte Dr. Porter.
Die Zeichen da oben kann ich auch nicht lesen, aber sie
scheinen am ältesten zu sein. Die Hieroglyphen stammen aus der
Zeit der großen Pharaonen. Wahrscheinlich haben sie die anderen
Zeichen noch gekannt und sie in ihrer Sprache verständlich
gemacht. Und links... Er warf den Indio-Malereien einen
Blick zu. Eine Interpretation in der Mythologie der Indios,
nehme ich an. Denn drüben steht, dass man sich vor Seth hüten
soll.
Seth, der Wüstengott? Der, der seinen Bruder getötet
hat?
Ardeth nickte und sah mit besorgtem Blick, wie Mr. Smyne zu dem
letzten Artefakt gegriffen hatte.
Sie müssen ihren Freund davon abhalten! Hier passiert ein
Unglück, wenn...
Zu spät! Mr. Smyne hatte das letzte Artefakt in die vorgesehene
Öffnung gepresst. Die letzte Tür schwang auf. Doch dahinter kam
ein weiterer Gang zum Vorschein. Er führte wieder zum ersten
Raum, wie alle erkannten. Mr. Smyne war etwas enttäuscht, dass
das nun alle Räume waren. Es hätte seiner Ansicht nach noch
eine Weile mit goldgefüllten Räumen weitergehen können.
Macubama schien sehr zufrieden. Auf seinem Gesicht zeichnete sich
ein diabolisches Lächeln ab, und Ardeth war in dem Moment klar,
dass er es genau so gewollt hatte. Auf einmal hörten sie ein
Geräusch, ein Knirschen. Es kam von rechts, vom inneren
Mauerring.
Was ist das?, fragte Mr. Smyne seinen Kameraden an.
Der zuckte nur mit den Schultern, woraufhin er ein vorwurfsvolles
Sie sind doch hier der Gelehrte! erntete. Dr. Porter
schaute Ardeth an, der sehr besorgt dreinschaute und dabei
Macubama im Auge behielt. Was hatte der Alte nur vor? Jetzt
hörte man ein Rauschen.
Sand!, kommentierte Ardeth, der das Prinzip aus
ägyptischen Tempeln kannte. Er sah sich nervös um, aber der
Ausgang war zum Glück direkt hinter ihnen. Falls hier alles
zusammenstürzen sollte, konnten sie sich immerhin retten. Aber
was hatte es mit den Warnungen vor dem Bösen auf sich? Wer
weiß, was alles aus dem Grab des Horus kommen konnte?
Inzwischen waren weitere Indios und auch noch ein Amerikaner
hereingekommen. Sie trugen Säcke, wohl, um das Gold
abzutransportieren, blieben aber verdutzt stehen, als sie die
unheimlichen Geräusche vernahmen.
Was ist das?, fragte der dazugekommene Amerikaner.
Ich habe dir doch gesagt, du sollst oben bleiben,
Joe!, herrschte ihn Mr. Smyne an.
Ich habe gehört, der Typ, der Harry auf dem Gewissen hat,
ist hier unten, und da wollte ich dir die Rache nicht allein
überlassen, Jerry! Er warf einen wütenden Blick auf
Ardeth, doch hatte keine Gelegenheit, tätlich zu werden, da auf
einmal ein lautes Schlürfen zu vernehmen war. Die Tür, die zum
Gang zwischen der ersten und zweiten Kammer führte, bewegte
sich. Doch sie ging nicht zu, sondern die ganze nach innen
gewandte Einrichtung öffnete sich, höhlte sich praktisch wie
von selbst aus. Es öffnete sich ein Gang. Gleiche Geräusche
drangen von rechts und links.
In den anderen Kammern geschieht das gleiche!,
erklärte Dr. Porter und warf wieder Ardeth einen fragenden Blick
zu, während Macubama zufrieden feststellte:
Das Grab offenbart sich uns!
Ardeth ging instinktiv einen Schritt zurück. Seine ganze
Medjai-Ausbildung warnte ihn, jetzt besser nicht hier zu sein.
Göttergräber, deren Schlunde sich öffnen, sollte man meiden.
Hokuspokus!, spottete Jerry Smyne, und sein jüngerer
Bruder Joe grinste, doch auch ihm war mehr als mulmig zumute.
Macubama indessen ging schnurstracks in den schmalen Gang, der
zum Inneren des Kreises führte. Jerry Smyne witterte noch mehr
Gold dort und folgte ihm, sein Bruder ebenso. Dr. Porter warf
Ardeth einen fragenden Blick zu. Der atmete tief durch, bevor
auch er in den Gang trat. Die beiden Indios, die ein wachsames
Auge auf ihn haben sollten, waren mit der Situation überfordert
und stolperten ihm hinterher, während Dr. Porter ganz dicht bei
Ardeth blieb.
Was passiert?, fragte er hektisch, und Ardeth meinte:
Etwas, das nicht passieren sollte! Dann sah er ihn
ernst an: Sie müssen mir helfen, Dr. Porter. Wir dürfen
das hier nicht zulassen.
Dr. Porter nickte. Ich versuche mein Mögliches.
Der Gang führte genau ins Zentrum des Kreises, wo ein kleiner
kreisrunder Raum mit insgesamt vier Zugangsöffnungen war. In der
Mitte stand ein Sarkophag aus dem selben Metall wie die vier
Artefakte. Er war völlig schmucklos, die rundgebogenen Wände
waren kahl, keine Inschrift, kein Bild war zu sehen. Aber ein
seltsames diffuses Licht herrschte in dieser Kammer. Macubamas
Augen leuchteten vor Besessenheit. Die beiden Smynes betasteten
den Sarkophag. Ardeth blieb an der Öffnung stehen und Dr. Porter
hörte ihn auf Altägyptisch Oh nein murmeln und sah
ihn irritiert an.
Wer wohl darin liegen mag?, meinte Jerry und suchte
den Sarkophag nach einer Möglichkeit ab, ihn zu öffnen.
Was meinen Sie, Doktor? Kann doch nur jemand von
Wichtigkeit sein und ich wette, er trägt eine Menge Schmuck an
den Knochen! Joe lachte hell auf, fast klang es hysterisch.
Die beiden Indios wichen in zwei Öffnungen zurück.
Der Sarkophag trägt keine Inschriften, erklärte Dr.
Porter, um die Frage seines Kompagnon zu beantworten. Ardeth
wusste, was das bedeutete. Hier konnte nicht Horus ruhen, hier
musste ein ganz anderer begraben liegen, der von Horus durch die
ganze Ringanlage abgeschottet worden war. Macubama sprach mit
leuchtenden Augen: Holen Sie die Aretefakte! Er hatte
die Öffnungen zu den vier Seiten gesehen, in die die vier
Artefakte passen würden.
Aber der Flügel ließ sich nicht rausziehen,
protestierte Jerry Smyne.
Jetzt haben alle vier ihren Dienst getan. Und wir sind am
Ziel.
Mr. Smyne gab den beiden Indios einen Wink, die eigentlich auf
Ardeth aufpassen sollten, aber das hatte inzwischen auch Mr.
Smyne vergessen. Tatsächlich kehrten sie fünf Minuten später
mit je zwei Teilen wieder. Ardeth sah ihnen unruhig entgegen.
Wir dürfen diesen Sarkophag nicht öffnen!, rief er
und stürzte sich auf einen der beiden Indios, nahm ihm die
beiden Teile ab und wollte aus dem Gang flüchten. Doch dort
standen weitere Indios, die ihm den Weg versperrten. Gerade, als
er sie hinwegstoßen wollte, hörte und spürte er einen Schuss,
den Mr. Smyne abgefeuert hatte und ging zu Boden. Er war an der
Seite getroffen. Ein Indio nahm ihm die Artefakte ab und brachte
sie zu Mr. Smyne, der laut schrie:
Schleift mir diesen Idioten her!
Die Indios packten Ardeth unter den Achseln und brachten ihn in
den runden Raum. Ardeth hielt sich die linke Seite, während er
vor Mr. Smyne auf den Knien lag.
Wir beenden das jetzt!, sagte Jerry Smyne mit kalter
Stimme und richtete seine Pistole auf Ardeths Kopf.
Nein, nein!, ging Macubama dazwischen. Und auch Dr.
Porter stellte sich dazwischen.
Er könnte noch nützlich sein, Mr. Smyne, erklärte
Dr. Porter und fügte ein Glauben Sie mir! hinzu.
Sein jüngerer Bruder war gerade dabei, dass letzte Teil
das Kopfstück in den Sarkophag zu stecken.
Nein!, schrie Ardeth, Sie dürfen den Sarkophag
nicht öffnen! Er vergaß seine Schmerzen und sprang auf,
woran ihn niemand hinderte, denn alle starrten wie gebannt auf
den Sarkophag, der mit einem lauten Klicken aufsprang, sodass man
das Oberteil abnehmen konnte.
Los, Joe!, forderte ihn sein älterer Bruder auf und
sie hoben das Oberteil hinunter.
Macubama sprang sofort zum Kopfteil und riss die Totenmaske, die
dort lag, hinab, setzte sie sich auf und stellte sich mit einem
Satz auf den Altar, auf dem der Sarkphag ruhte, als wäre er 20
und kein Greis. Alle sahen ihn erschrocken an, als er mit lauter
Stimme verkündete:
Ich bin Setau! Seine Kraft ist jetzt meine Kraft!
Dr. Porter war zu Ardeth getreten und stützte ihn.
Setau?, fragte er ihn und Ardeth zuckte mit den
Schultern. Natürlich!, rief Dr. Porter und klärte
Ardeth auf: Seth! Ardeth warf ihm einen Unheil
verkündenden Blick zu, doch schon sprach Macubama mit einer
sonderbaren Stimme weiter:
Alle, die mir nicht gehorchen, werde ich ins Uku Pacha
werfen! Ewige Qualen! Ewige Qualen! Er lachte hysterisch
und es schien, als wäre er verrückt geworden. Selbst die Smynes
waren starr vor Schrecken geworden. Jerry warf Dr. Porter einen
fragenden, nein, eher bittenden Blick zu, jetzt irgendetwas zu
unternehmen.
Ha!, brüllte Macubama-Setau. Mit der Kraft
meines Vernichters, meines Brudersohnes Urus, werde ich
unbesiegbar werden und ein Fingerschnippen wird reichen, euch
hinzurichten!
Ardeths Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Was meinte Macubama? Wie
wollte er die Kraft des Horus erlangen? Horus hatte Seth
vernichtet, weil der zuvor seinen Vater getötet hatte. Die Teile
von Osiris hatte er überall verstreut, und in der ägyptischen
Mythologie hatte Isis die Teile wieder zusammengefügt. Sie
hatten eben auch die vier Teile von Urus zusammengefügt. Es
gelang Ardeth nicht dahinterzukommen, was Macubama im Sinn hatte.
Doch der hatte schon durch die Augenöffnungen der Maske ihm
einen glühenden Blick zugeworfen.
Ich vernichte Urus und erlange ewige Macht!
Und da wusste Ardeth, was Macubama im Sinn hatte und warum er
sich die ganze Zeit eingesetzt hatte, dass er nicht von Mr. Smyne
getötet wurde, ja, er hatte ihn überhaupt nach Peru gelockt, um
ihn selbst zu töten. Im gleichen Moment, als Macubama brüllte,
dass es ausreicht, Urus' Wächter und Stellvertreter zu töten,
türmte Ardeth durch einen der vier Gänge. Dr. Porter schrie in
dem Durcheinander: Er darf den Ägypter nicht töten!
Macubama war vom Altar gesprungen und heftete sich mit
jugendlicher Kraft an Ardeths Fersen. Dr. Porter stieß die
beiden Indios an, die zuvor Ardeth hergeschleift hatten, sodass
sie gegen Macubama prallten, der sie aber mit scheinbar
übermenschlicher Kraft davonstieß, sodass beide zu Boden
gingen. Die beiden Smynes sahen dem allen überrascht zu.
Verstehen Sie denn nicht?, schrie Dr. Porter die
beiden an. Wenn es ihm gelingt, den Ägypter zu töten,
dann wird er unbesiegbar! Ich wird uns alle vernichten! Sie
stürzten alle durch den Gang, bis sie in den runden Außenkreis
kamen. Die Smynes riefen den Indios zu, sie sollen den alten
Indio aufhalten, um jeden Preis. Es herrschte ein unglaubliches
Durcheinander. Wohin war Ardeth gelaufen? Macubama war hingegen
nicht zu überhören. Er lachte lauthals und kostete seinen
Triumph aus. Dr. Porter warf einen Blick auf die Indio-Malereien
im ersten Raum und schlug sich vor den Kopf: Natürlich!
Pariacaca ist eine Interpretation von Horus! Wieso bin ich nicht
darauf gekommen?
Ardeth rannte um sein Leben, mehr noch, um das Heil der Welt. Es
war klar, was Seth im Schilde führte. Einst hatte er die Welt
beherrscht, doch die sogenannten Götter hatten Horus als letzten
Verwalter eingesetzt. Die ganzen Sagen und Legenden beruhten nur
darauf, dass die beiden Verwandten eifersüchtig aufeinander
waren. Jeder wollte die Herrschaft über diesen Planeten.
Scheinbar war es Horus gelungen, seinen Onkel dingfest zu machen,
und zwar hier in den Anden in der Nähe dieser Abflugbasis
Nazca. Das machte Sinn. Doch diese Erkenntnisse halfen ihm jetzt
auch nicht. Er lief und lief, wohl bewusst, dass er immer im
Kreis laufen würde. Macubama hatte dagegen die Kraft von Seth
erhalten und baute darauf, dass Ardeth über kurz oder lang
erlahmen würde, denn er war ja verletzt. Er japste bereits und
hielt sich die linke Seite. Wie oft würde er durch diesen Kreis
laufen können, bis er erlahmen und Seth über ihn herfallen
würde? Er lief gerade durch die letzte Kammer mit den goldenen
Waffen. Der Speer lag immer noch quer im Raum, so wie Mr. Smyne
ihn hatte fallen lassen. Ardeth hob ihn auf. Besser als nichts!
Und während er wieder in den ersten Raum lief, fiel sein Blick
auf diesen Speer. Moment! Da war doch etwas! Wie ein Blitz
durchschoss ihn die Erinnerung an den Tempel in Edfu. Im
Außengang waren diese vielen Darstellungen von Horus, der mit
einem Speer Seth tötete. Ja, vom Boot aus, hinter Horus stand
die triumphierende Isis. Und unter dem Boot war Seth in Form
eines Nilpferdes. Wie oft wurde das Motiv gezeigt? So oft, dass
es quasi dem Betrachter eingehämmert wurde. Horus war der
erhabene Gott, ebenso war seine Mutter in Menschengestalt, doch
Seth war ein Nilpferd. Merkwürdig. Nilpferde standen für das
Böse. Aber hier in Südamerika gab es keine Nilpferde.
Ardeth hörte den Tumult hinter sich, doch inzwischen auch vor
ihm. Er lief an zwei Indios vorbei, die schlapp gemacht hatten
und einfach stehen geblieben waren.
In Deckung, er ist gefährlich!, rief er ihnen zu und
rannte weiter. Auf einmal fiel ihm ein, was ihn an den
Indio-Masken im zweiten Raum verwundert hatte. Es waren Masken
von Tieren, die in Ägypten vorkamen. Eine davon zeigte ein
Nilpferd! Nilpferde gab es nicht in Südamerika. Ein Nilpferd!
Die Maske! Er orientierte sich schnell. Der Ring war nur
spärlich beleuchtet durch einigen Fackelschein, der vor
und hinter ihm von Personen mit Fackeln erzeugt wurde. Gerade
erst war er durch den zweiten Raum gelaufen. Also noch einmal
rum.
Allah, lass Seth bitte nicht stehenbleiben und auf mich
warten!, bat er inbrünstig.
Er kam wieder an einem Indio vorbei und zog ihn am Hemd mit sich.
Senor!, protestierte der, und Ardeth rief ihm zu:
Sag dem Doktor, er soll die Nilpferdmaske in Saal 2 suchen
und mir geben! Schnell! Dann ließ er ihn los, prompt fiel
der Indio hin. Ardeth konnte spüren, wie sich der Abstand
zwischen Macubama und ihm verkürzte. Er konnte kaum noch laufen.
Schon war er wieder im zweiten Saal. Keine Zeit, anzuhalten und
die Maske zu suchen! Verdammt, wo war Porter? Ardeth musste
weiterrennen, er hörte das unheimliche Lachen und gleich darauf
ein Poltern. Die Smynes hatten Macubama angegriffen, doch
erfolglos. Immerhin hatte das den Abstand wieder erweitert.
Ardeth rannte in einen der kleinen Gänge, die zum Sarkophag
führten. Tatsächlich fand er hier Dr. Porter, der sich
erschrocken verborgen hatte. Der Indio war bei ihm.
Ich brauche die Maske, sofort!, rief Ardeth.
Wir treffen uns hier! Er lief völlig außer Puste
weiter. Dr. Porter zögerte nicht, rannte los durch den Gang, der
in den zweiten Saal führte. Kurz vor Eintritt hielt er abrupt
an, denn Macubama rauschte gerade vorbei. Das würde ihm genug
Zeit geben, nach der Nilpferdmaske zu suchen. Er fragte sich, ob
Ardeth das richtige meinte. Eine Indio-Nilpferdmaske? Doch nur
wenige Minuten später hielt der Wissenschaftler das fragliche
Stück staunend in der Hand. Viel Zeit, es zu untersuchen, blieb
nicht. Er rannte zurück in den kleinen Gang, denn er hörte
Getöse. Wahrscheinlich die Indios oder die Smynes, gefolgt von
Macubama. Dr. Porter rannte zum Treffpunkt, kurze Zeit später
traf hier Ardeth ein, der ihm die Maske aus der Hand riss und
Danke zurief, während er weiterhetzte, geradewegs
auf den Raum mit dem Sarkophag zu. Dr. Porter folgte ihm, sich
fragend, was Ardeth nur im Sinn hatte.
Seth!, brüllte Ardeth aus Leibeskräften und zog den
Vokal in die Länge.
Bevor Macubama in den Raum trat, war Dr. Porter angekommen und
von der anderen Seite die beiden blutüberströmten Smynes.
Macubama warf einen triumphierenden Blick auf Ardeth, der auf dem
Altar stand, in der Linken die Maske haltend, mit der Rechten den
Speer hinterm Rücken verbergend.
Jetzt hab ich dich!, schrie Macubama-Seth und wollte
ebenfalls auf den Altar zu springen, doch Ardeth schleuderte ihm
die Nilpferdmaske entgegen.
Da nimm das!, schrie er und während Macubama die
Nilpferdmaske mit Verwunderung auffing, schleuderte Ardeth den
Speer mit all seiner verbleibenden Kraft hinterher.
So besiegt Horus den Seth!
Der Speer bohrte sich durch Macubamas Leib und trat am Rücken
wieder heraus. Macubama und Ardeth kippten gleichzeitig um. Der
erste durchbohrt und tot, der zweite völlig entkräftet auf den
geöffneten Sarkophag.
Als Ardeth erwachte, lag er auf einer Bettstatt. Er blinzelte zur
Seite. Eine junge Frau mit einer weißen Haube lächelte ihn an.
Guten Morgen, Senor, begrüßte sie ihn auf Spanisch.
Dann verschwand sie, kehrte aber kurz darauf wieder, Dr. Porter
im Schlepptau.
Wie geht es Ihnen?, erkundigte der sich, während
Ardeth sich aufsetzte.
Ich lebe noch, sagte er vor sich hin, so als ob er
sich selbst davon vergewissern musste.
Ja, ich konnte die Smynes davon abhalten, Sie zu
töten.
Äh...danke!
Sie haben eingesehen, dass sie Ihnen ihr Leben
verdanken.
Da Ardeth nichts erwiderte, sprach Dr. Porter weiter: Sie
haben auch eingesehen, dass es besser ist, da unten alles in Ruhe
lassen.
Sie haben nicht mal Gold mitgenommen?
Nein, Sie haben sich nicht getraut. Wer weiß, wozu die
Goldmasken fähig sind? Er lächelte Ardeth an.
Die Wahrheit ist, dass Macubama ihnen übel mitgespielt
hat, als diese wilde Verfolgungsjagd im Gange war. Sie haben
seine unheimliche Macht zu spüren bekommen. Wissen Sie, die
beiden kamen sich immer sehr stark vor. Und dann ist da ein
Greis, tippt sie mit der Fingerspitze an und schon fallen sie.
Außerdem hatten sie gar keine Zeit etwas mitzunehmen.
Hat Macubama sie sehr verletzt?
Er hat drei Indios getötet, Joe hat seinen rechten Arm
eingebüßt und Jerry seinen Humor.
Und Sie selbst?
Ich habe mich im Gang verborgen, um Macubama aus dem Weg zu
gehen. Ich schäme mich sehr dafür.
Sie haben die Maske gesucht und gefunden. Das war sehr
mutig. Und Sie hatten die Brüder Smyne zuvor gewarnt. Ich danke
Ihnen, Dr. Porter.
Dr. Porter war wirklich beschämt.
Was ist mit Julio geschehen?, fragte Ardeth bangen
Herzens. Er wollte seiner Frau nicht die Nachricht von dessen Tod
überbringen müssen.
Wir hatten ihn gefangengenommen, ihm aber nichts getan. Er
ist hier. Soll ich ihn hereinbitten?
Ardeth atmete erleichtert auf und nickte. Sofort begab sich Dr.
Porter zur Tür und rief nach Julio, der sofort ins Zimmer
stürmte.
Padron! Ich bin ja so froh!, begrüßte er ihn.
Oh, dass Sie das überlebt haben! Ich danke Gott! Ich habe
all das Getöse gehört und hatte so eine Angst! Und dann hat man
Sie blutüberströmt aus diesem Loch getragen. Ah, Padron!
Nana, du übertreibst, Julio!, lachte Ardeth und
fragte Dr. Porter: Wo sind wir eigentlich hier?
In Aguas Calientes. Unweit von Machu Picchu.
Oh, ein wunderbarer Ort, Padron!, schwärmte Julio
sogleich. Hier gibt es Schwefelquellen. Und ich habe jeden
Tag für Sie zur Senora gebetet.
Tage?, fragte Ardeth nach. Wie lange bin ich
denn schon hier?
Wir haben Sie in Machu Picchu notversorgt und dann hierher
gebracht. Sie waren ja ohnmächtig. Seit zwei Tagen sind wir
jetzt hier.
Und was ist mit Macubama und dem unterirdischen
Gewölbe?
Macubama ist tot, eröffnete ihm Dr. Porter,
Sie haben ihn getötet, Senor Garadh. Es geschahen
merkwürdige Dinge danach. Die Totenmaske wurde förmlich in den
Sarkophag gezogen und er schloss sich von allein. Die vier
Artefakte fielen ab. Wir mussten uns beeilen, dort
hinauszukommen, denn wir hörten wieder diesen Sand. Tatsächlich
wurden die Türen geschlossen. Nur das Einstiegsloch existiert
noch. Aber wir haben es verschüttet, die Seile entfernt und auch
das andere Loch zugeschüttet. Doch etwas habe ich für Sie,
Senor Garadh.
Er holte einen blauen Sack, in den indianische Muster gewebt
waren, hervor und reichte diesen Ardeth. Der brauchte ihn nicht
zu öffnen, um zu wissen, welchen Inhalt er hatte. Es waren die
vier Artefakte.
Wenn ich eins gelernt habe in den letzten Tagen, dann, dass
es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, von denen ich nichts
weiß mit all meinem Wissen, das ich auf der Universität
erworben habe. Aber Sie wissen etwas mehr, ahne ich. Daher
sollten Sie auf diese Dinge aufpassen und sie weit, weit weg
bringen. Sie sind ja ... Er zögerte etwas, aber fuhr dann
fort: ein Horus-Wächter.
Ardeth nahm den Sack an, ohne mit der Wimper zu zucken.
Werden die Smynes schweigen?, fragte er.
Ohja, glauben Sie mir. Die haben sich sehr erschrocken und
wollen fortan ihr Geld mit Rinderzüchten in Texas verdienen. Sie
wollen nichts mehr mit übernatürlichen Kräften zu tun
haben.
Übernatürliche Kräfte, Senor?, erkundigte sich
Julio leise. Stimmt das wirklich? Er machte
vorsichtshalber das Kreuzzeichen.
Da Ardeth nicht wusste, was er ihm antworten sollte, erklärte
Dr. Porter:
Dein Padron hat sich mit den Göttern höchstpersönlich
angelegt, Julio.
Julio sah Ardeth an, als wäre er von allen guten Geistern
verlassen.
Nein, nein, Dr. Porter, schwächte Ardeth die Antwort
ab. So kann man das nicht sagen. Horus und Seth sind keine
Götter. Die Menschen haben sie nur für solche gehalten.
Horus und Seth?, fragte Julio nach.
Urus und, äh, Setau, meine ich, glaube ich
zumindest, erklärte Ardeth dem Indio.
Naja, Setau ist nicht ganz richtig, warf Dr. Porter
ein. Es ist eigentlich Supay. Hm, richtiger wäre noch
Wallallu Qarwinchu. Das sind alles Inka-Gottheiten. Ich nehme an,
es sind Geschichten, die sich anhand der Original-Geschichte
gebildet haben.
Ardeth nickte und erklärte Julio: In Ägypten haben wir
sie Seth und Horus genannt. Aber wer weiß, wie sie wirklich
geheißen haben? Es ist ja alles schon so lange her.
Diese Götter sind heidnisch. Heidnische Erfindungen,
beruhigte sich Julio selbst.
Wie gesagt, junger Freund, klopfte ihm Dr. Porter auf
die Schulter. Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die
man sich nicht erklären kann.
Julio, es gab oder gibt Wesen, die auf anderen Planeten
wohnen. So weit weg, dass wir sie nicht besuchen können, denn
wir haben das Wissen dazu nicht, erklärte Ardeth, und Dr.
Porter fragte sich, ob es klug war, Julio so etwas zu erzählen.
Sie aber wussten es und kamen hierher. Macubama hat mir von
Nazca erzählt. Zeichen sind dort aufgemalt, die den Fremden den
Weg zum Landen gewiesen haben. Eins davon soll dieses Zeichen
hier gewesen sein. Er zeigte seinen Handrücken.
Aber ja, natürlich!, erkannte Dr. Porter. Ihre
Hände! Daher ist Macubama auf Sie gekommen. Ich habe mich schon
gefragt, warum er Sie ausgewählt hat. Julio hat erzählt, sie
kämen aus dem fernen Argentinien. Dabei kommen Sie aus Ägypten,
nicht wahr?
Ja, bestätigte Ardeth.
Ich werde bald nach Ägypten gehen. Wissen Sie, ich bin
Archäologe, aber kein gewöhnlicher.
Ardeth lächelte ihn an, denn darauf war er schon von ganz allein
gekommen. Aber er ließ den Wissenschaftler weitersprechen.
Ich vergleiche alles, was ich so auf Erden vorfinde, denn
es gibt so viele Gemeinsamkeiten, dass es kein Zufall sein kann.
Sehen Sie zum Beispiel die Pyramiden. Überall gibt es sie, und
sie wurden zu einer Zeit errichtet, in der die Menschen doch noch
gar nicht fähig dazu waren. Wie kommt das? Ich finde Ihre
Erklärung mit den fremden Wesen sehr einleuchtend. Der Besuch in
Peru war für mich sehr aufschlussreich.
Julio sah während des Gesprächs erstaunt von einem zum anderen.
Sie wollen bald nach Ägypten reisen?, fragte Ardeth
nach.
Ja, Feldforschung sozusagen. Die Smynes hatten mich
engagiert, weil sie von meiner Expedition vor einem halben Jahr
gehört hatten und sich Reichtum versprochen hatten. Ich habe
mich intensiv mit den Schriften von Hiram Bingham zu Machu Picchu
befasst, daher war ich der richtige Mann dafür.
Bitte schreiben Sie nie darüber, was Sie hier gesehen
haben, bat ihn Ardeth.
Nein, keine Sorge, das verspreche ich Ihnen. Aus Neugier
würde man alles umgraben und diesen merkwürdigen Sarkophag ein
weiteres Mal öffnen. Auch wenn ich glaube, dass es ohne diese
Artefakte nicht gehen wird.
Möglich. In dem Sarkophag ist eine uns unbekannte
Energiequelle verborgen. Wir sollten mit so etwas nicht
herumspielen.
Keine Horus-Mumie?, fragte Dr. Porter etwas
enttäuscht nach.
Nein, nur eine Hinterlassenschaft von Horus.
Macubama muss davon gewusst haben.
Nicht wirklich. Er hat einen Teil gewusst. Wahrscheinlich
hat er wirklich geglaubt, er würde zu Seth werden. Er gehört zu
denen, die Legenden glauben.
Und manche erweisen sich als wahr. Sagen Sie, wann war wohl
Horus hier?
Es muss einige tausend Jahre her sein. Diese merkwürdige
Schrift ganz oben muss aus dieser Epoche stammen. Die darunter
stammt aus der Zeit der Großen Pharaonen, wahrscheinlich kurz
nach der Wiedererrichtung des großägyptischen Reiches.
Sie meinen das Neue Reich?
Ja, das. Damals fanden regelmäßig Expeditionen nach
Südamerika statt. Und dann muss jemand vor ungefähr 500 Jahren
hier gewesen sein, so um das Gründungsjahr von Machu Picchu. Ich
glaube, ich weiß auch, wer es war. Einer meiner Vorfahren ist
nämlich nach Amerika geflohen, als man ihn zwingen wollte, zum
Islam überzutreten. Wie dem auch sei, die Indios haben ihre
Interpretation an die Wand gemalt, und aus der Zeit stammt wohl
auch Macubamas Wissen.
Und das Gold?
Ist auf jeden Fall älter als 500 Jahre. Die Masken sehen
ja sehr nach der Indio-Kunst aus. Nunja, sie bewohnen dieses Land
ja auch nicht erst seit gestern.
Dr. Porter nickte. Sie wissen ziemlich viel und Sie
scheinen noch so jung. Wer sind Sie eigentlich?
Ardeth zögerte eine Weile.
Ich heiße in Wirklichkeit Ardeth Bay und als ich noch in
Ägypten lebte, hatte ich viel mit unserer alten Kultur zu tun.
Hm, sagt Ihnen vielleicht der Name Leslie Manson etwas?
Ja, natürlich. Manson hat viel über Ägypten geschrieben,
meist in den Schriften der Uni Boston.
Er ist mein Onkel. Und ich habe eine Bitte: Wenn Sie nach
Kairo kommen, besuchen Sie ihn und grüßen Sie ihn von
mir.
Oh, das wäre fantastisch! Was für eine Gelegenheit für
mich! Sie ahnen ja nicht, welche Freude Sie mir mit diesem
Kontakt bereiten.
Und geben Sie ihm diese vier Artefakte. Ich darf leider
nicht mehr nach Ägypten zurückkehren, und ich denke, bei meinem
Onkel wären sie am besten aufbewahrt. Er versteht sehr viel
davon.
Ardeth gab ihm den blauen Sack zurück. Und bitte, sagen
Sie in Ägypten niemandem außer meinem Onkel, dass Sie mich
getroffen haben. Erwähnen Sie nie meinen Namen!
Meine Güte, das klingt ja so, als ob Sie Landesverrat
begangen haben.
So ähnlich ist es auch.
Ardeth erhob sich ganz.
Sagen Sie, die Stätte in Machu Picchu: Sind Sie sicher,
dass sie gut verbarrikadiert worden ist?
Ja, wir haben sie unkenntlich gemacht. Auch Julio
nickte, denn er hatte natürlich geholfen.
Dann wollen wir hoffen, dass sie niemals gefunden werden
wird.
Es ist so schade um Macubama, warf Julio ein.
Ich kann es nicht glauben, was er getan hat.
Er war besessen davon, Julio. Ich hatte ihn auch ganz
anders eingeschätzt. Aber es war alles Mittel zum Zweck.
Nunja, er hatte nur die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und
das waren Sie, Mr. Bay, meinte Dr. Porter. Ich fragte
mich nur, wie der Sie ausmachen konnte.
Ardeth warf einen vielsagenden Blick auf Julio und sprach:
Ihm muss jemand zugetragen haben, dass in Argentinien
jemand mit diesen Zeichen herumrennt. Bei den Indios verbreiten
sich Nachrichten sehr schnell. Und außerdem besaß er wirklich
merkwürdige Fähigkeiten.
Senor, wandte Julio ein. Ich habe wirklich
niemanden von Ihnen erzählt, denn Sie wollten es ja nie.
Dr. Porter sah Ardeth fragend an, der ihm mitteilte, dass er sich
verborgen halten müsse. Dann wandte er sich an Julio:
Wir sollten gehen, Julio. Wir sind schon lange fort.
Er ging zum Schemel, auf dem sein Gewand lag und bekleidete sich.
Das Blut klebte noch an der Schulter und an der Seite.
Dr. Porter, was sind wir den Einheimischen für Unterkunft
und Essen schuldig?
Nichts, winkte er ab. Ich habe alles schon
bezahlt, es ist nicht viel. Aber wollen Sie wirklich schon gehen?
Sie sind verwundet, Mr. Bay.
Und Sie sollten die Schwefelquellen besuchen, Padron!
Ardeth warf einen Blick auf seine Hüfte, wobei seine Sorge nicht
der Wunde galt, sondern seinem Gewand, das heißt natürlich den
Vorwürfen von Emilia.
Kann das jemand waschen? Solange können wir, denke ich,
noch warten.
Dr. Porter erwies sich als sehr hilfreich. Er nahm beide mit nach
Cuzco, wo sie einige Kirchen besichtigten. Julio bestaunte die
riesigen Kathedralen mit den Bildern der Maler aus der
Cuzco-Schule. Besonders das Bild mit dem Meerschweinchen auf dem
Abendmahlstisch hatte es ihm angetan. Dr. Porter und Ardeth
investierten die beiden verbleibenden Tage, um sich die
Inka-Bauten in und um Cuzco anzuschauen. Endlich traf das
Privatflugzeug von Dr. Porters neuen Auftraggeber ein, das ihn
über Lima in die USA bringen sollte. Er überredete den Piloten,
zunächst nach Süden zu fliegen und in Mendoza zu landen. Sie
verabschiedeten sich herzlich voneinander. So waren Ardeth und
Julio eher als erwartet zurück und mussten sich nicht durch den
hohen Schnee, der auf den Andenpässen mittlerweile lag,
kämpften.
Schon von weitem sah Maria sie kommen und rief laut nach Emilia.
Die beiden Frauen stürmten den Männern entgegen, gefolgt von
den Kindern. Sie waren so froh, hatten sie doch Tag und Nacht um
ihre Lieben gebangt. Ardeth berichtete am Tisch, an dem sie sich
hungrig niedergelassen hatten, was geschehen war, doch Emilia sah
ihn skeptisch an. Was tischte er ihr nur für eine Geschichte
auf? Aber als sie abends seine Narben sah, erschrak sie sehr. Er
bekam abends nicht nur eine Massage, sondern auch Vorwürfe.
Nicht nur Emilia bemerkte, dass Ardeth zufriedener wirkte, seit
er aus Peru zurückgekehrt war. Er schien mit seinem Schicksal
ausgesöhnt, es hatte ihn geradewegs nach Südamerika geführt,
um genau hier seine Aufgabe zu erledigen. Er liebte die Farm und
den Frieden, der hier herrschte. Sie waren zwar nicht sehr reich,
doch glücklich. Nur manchmal kam Ardeth mit Unbehagen die
Erinnerung an die Prophezeiung hoch. Was würde in Ägypten
geschehen, falls der Untote erwachen sollte?
Fortsetzung
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