Home Ardeth II (Autorin: Bianca M. Gerlich)

EXIL

Drei ganze Tage waren sie unterwegs. Zweimal rasteten sie für wenige Stunden in der Nacht. Ardeth lag die ganze Zeit quer über das Kamel gebunden, die Handgelenke an den Fußgelenken gefesselt. Sie nahmen ihn nicht ab, noch nicht einmal in der Nacht. Wahrscheinlich trauen sie sich nicht, mich zu berühren, dachte er bitter. Er galt für alle Medjai fortan als vogelfrei und gewiss scheuten sich die drei Wächter vor einer Berührung. Sie sollten die letzten sein, die ihn lebend sehen durften. Jeder andere Medjai-Krieger war dazu verpflichtet, ihn sofort zu töten – falls er überhaupt die Torturen in der Wüste überleben würde. Er glaubte nicht daran. In den letzten drei Tagen hatten sie ihm nichts zu trinken oder essen gegeben. Seine Lippen waren aufgesprungen, sein Gaumen lechzte nach einem Schluck Wasser. Aber sein Großvater hatte den drei Wachen verboten, ihm irgend etwas zu geben. Er war zum Sterben verurteilt. Da, wo sie ihn hinbringen würden, gab es keine Brunnen oder andere Wasserstellen. Er würde in ein, spätestens zwei Tagen jämmerlich zugrunde gehen. Wenn ihm die Wachen wirklich etwas zu trinken gäben, würden sie sein Leiden nur verlängern. Vielleicht war es besser so, dachte er, bar jeder Hoffnung.
Die drei Medjai waren bestimmt wütend auf ihn. Doch was hatte er eigentlich getan? Er hatte sich gegen seinen Großvater gestellt und ihn vor versammelter Festgesellschaft blamiert. Es war zu früh für ein Aufbegehren, für ein Aufbrechen von Traditionen. Hätte er nur ausgehalten, hätte er ihr Spiel mitgespielt, dann hätte er eines Tages vielleicht etwas ändern können. Er machte sich Vorwürfe, zu vorschnell gehandelt zu haben. Aber hätte er in der Heiratspolitik nachgegeben, hätte er sich dann je wieder ruhigen Gewissens im Spiegel anschauen können? Nein, er hatte einfach nicht anders handeln können. Und damit war er als Anführer, der er ja einmal werden sollte, nicht geeignet. Ein Anführer musste diplomatisch sein können. Er war mit der Wahrheit, so wie er sie empfand, im wahrscheinlich ungeeignetsten Moment hervorgesprudelt. Aber hätte es einen anderen Moment gegeben? Hatte er nicht schon zu lange mitgespielt? Gewiss, er hätte vor gut einem Jahr auf seinem Wunsch bestehen müssen, Farani zu heiraten. Da waren sie jedoch beide vernünftig gewesen, hatten verzichtet, weil sie wussten, Leyrah und Ardjun würden es nie gestatten. Oh, hätten sie doch einfach beide vor vollendete Tatsachen gestellt! Seine Mutter und sein Vater hatten es doch nicht anders getan! Vor wenigen Momenten hatte er noch gedacht, er wäre nicht diplomatisch genug vorgegangen, doch nun fand er seine besonnene Handlungsweise von damals viel zu angepasst. Ich mache immer alles im falschen Moment, dachte er. Arme Farani! Was musste sie leiden!
Kaum ein Geräusch seiner drei Begleiter war in den letzten Tagen zu ihm gedrungen, auch abends am Lagerfeuer sprachen sie nicht. Vielleicht waren sie ja nicht einfach nur wütend, sondern auch bedrückt. Was sollte jetzt aus den Medjai werden? Ein ältlicher Ardjun an der Spitze, dessen Nachfolger sein Cousin Ismail werden sollte. Ismail war nicht allzu beliebt bei den meisten Medjai, da er die fundamentalistischen Überzeugungen seiner Mutter teilte. Es ist wie im alten Ägypten, dachte Ardeth sarkastisch. Familienpolitik! Ein Haufen berechtigter Thronprätendenten mit der entsprechend ambitionierten Verwandtschaft dahinter. Auch seine Mutter passte in dieses Schema. Er wusste, dass sie ihn mehr als alles andere liebte, doch in ihrem Bemühen, alles richtig mit ihm zu machen, hatte sie Opfer von anderen verlangt.
Er fühlte sich so elendig in dieser Lage auf dem Kamel. So hatten sie ihn vor aller Augen abgeführt. Er hatte sie noch nicht mal sehen können, wie sie ihn vorwurfsvoll oder traurig hintergeschaut haben. Das war vielleicht auch besser so. Er hatte sie alle enttäuscht. Er hätte weinen können, so verzweifelt war er. Doch er durfte kein Wasser vergießen. Die Wüste würde es ihn bitter bereuen lassen. Dann fragte er sich, worauf er noch hoffte. Die „Tote Wüste“, wohin man ihn bringen würde, trug zu Recht ihren unheilvollen Namen! Eine Träne fiel zu Boden...
Nach weiteren endlosen Stunden hielten sie an. Jetzt mussten sie ihn berühren, denn sie waren am Ziel ihrer Reise. Sie durchtrennten die Fesseln und hievten ihn zu Boden. Ardeth konnte sich kaum rühren. Drei Tage in der gleichen Position hatten ihre Spuren hinterlassen. Sein Nacken schmerzte von einem kräftigen Sonnenbrand. Er konnte den Kopf kaum neigen. So hörte er, wie die drei sogleich wieder aufstiegen, um zurückzureiten. Sie sprachen kein Wort. Wie erbost mussten sie sein! Er schaffte es gerade noch, den Kopf zu heben, um ihnen einen letzten Blick zuzuwerfen – und er sah Mitgefühl in ihren Augen. Sie hatten Mitleid mit ihm. Sie waren betrübt, daher keine Worte. Es war ihnen auch nicht gestattet, ihn anzusprechen. Er musste Luft für sie sein, so lautete ihre Weisung. Merkwürdig, alle drei schauten zu ihm hinab, bevor sie endgültig ihre Kamele wendeten und einer sprach: „Allah schütze Euch!“ Die beiden anderen wiederholten diese Worte, dann nickten sie ihm zu und ritten bedrückt von dannen. Ardeth sah ihnen sehr lange hinterher. Oh, wie gern wäre er mit ihnen zurückgeritten! Es gab für ihn doch gar kein anderes Leben. Er hatte doch immer nur unter seinen Leuten gelebt und sich wohlgefühlt. Anderes Leben! Es gab kein anderes Leben. Es war nur heiß auf dem Wüstenboden, er musste sich so schnell wie möglich erheben, und das fiel ihm sehr schwer. Nur mühselig raffte er sich auf und ließ sich so viel Zeit, wie dafür nötig war, aber nicht mehr. Im Norden musste es doch einen Pfad geben, aber der war wahrscheinlich zu weit entfernt. Das würde er nicht schaffen. Wenn nicht ein Wunder passieren würde, würde er in diesem Teil der Wüste sterben. Er überlegte für einen Moment, ob er sich nicht einfach fallen lassen und auf seinen Tod warten sollte. Was hatte er für einen Sinn, sich durch die Wüste zu schleppen, um dann doch nur zu sterben? Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, und so ging er langsam los. Zum Glück hatten sie ihm seine Stiefel dagelassen, die er anziehen konnte. Sein nackten Sohlen mussten so nicht den glühend heißen Sand berühren. Er stapfte, so lange er konnte. Es wurde dunkel. Am besten würde es sein, in der kühlen Nacht zu wandern, so lange wie möglich. Nach Mitternacht sank er erschöpft zusammen. Er wusste, er musste sich ausruhen und in der Morgendämmerung weitergehen. Die würde nicht lange dauern, dann würde die Sonne wieder unbarmherzig herniederbrennen. Irgendwie schaffte er es tatsächlich, sich vier Stunden später zu erheben. Er sah sich um, doch nirgendwo ein Hinweis auf Wasser. Bei Allah, er hatte so einen großen Durst. Er konnte noch nicht einmal seine aufgesprungenen Lippen befeuchten, so trocken war sein Mund. Lange würde er ohne Wasser nicht mehr aushalten können. Er zog seinen Schesch übers Gesicht, so dass nur noch die Augen in der bangen Suche nach Wasser herausguckten. So schleppte er sich stundenlang voran, doch gegen Mittag brach er zusammen. Er lag einfach nur noch da im heißen Sand. Die Beine versagten ihm den Dienst. Er krümmte sich zusammen, um nicht so eine große Fläche zu berühren, verbarg seinen Kopf ganz in seinen Tüchern und wollte die größte Mittagshitze verstreichen lassen. Sein Blut schien zu kochen, so heiß war es. Seine Gedanken waren benebelt, er fühlte sich völlig erledigt. Woher sollte er nur die Kraft nehmen, um später wieder aufzustehen? Ach, liegen bleiben und auf einen schnellen Tod hoffen!
Doch Stunden später erhob er sich mühsam und stolperte weiter, immer langsamer werdend. Nirgendwo ein Lebenszeichen, kein Strauch, der davon zeugte, dass es irgendwo Wasser gab.
Er war selbst zu schwach zum Beten, konzentrierte sich darauf, einen Schritt vor den anderen zu sezten. Das fiel ihm unendlich schwer, und immer wieder wollte er sich einfach nur fallen lassen, doch er war noch nicht bereit, sich ganz aufzugeben. So lange noch ein Fünkchen Kraft in ihm war, so lange hatte er auch noch Hoffnung! Die zweite Nacht brach an. Er schaffte es diesmal nicht bis Mitternacht, sondern sackte vorher in den nun erkalteten Sand. Wie mittags rollte er sich eng zusammen, dieses Mal, um nicht der Kälte ausgeliefert zu sein. Viel zu spät erhob sich von seinem armseligen Nachtlager. Die Sonne stand schon am Horizont. Doch er schaffte es, sich aufzuraffen und weitere Stunden zu gehen. Längst hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht. Die Strahlen schienen sich auf ihn zu konzentrieren. Es war so grell und gleißend, dass er kaum zu sehen vermochte. So stolperte er halb blind vor sich hin, ganz benommen, zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig, denn sonst hätte er gerastet. Das erwies sich als fatal, denn zwei Stunden später sackte er abermals zusammen, um dieses Mal nicht wieder aufstehen zu können. Er hatte einfach keine Kraft mehr. Sein Körper war wie ausgezerrt. Er wusste, es würde sein Ende werden. Inshallah, so möge es sein, er ergab sich seinem Schicksal. Er vernahm eine Weile später, ohne zu wissen, wieviel Zeit vergangen war, Geschrei am Himmel. Er schaffte es nicht, den Blick zum Himmel zu heben, seine Augen waren matt zugefallen und warteten auf die ersehnte Erlösung. Sie würde bald kommen, das wusste er, als er das Gekreische der Vögel vernahm, die nur auf seinen Tod warteten, um sich dann auf ihn zu stürzen. Als erstes würden sie die weichen Augen auspicken. Ardeth hatte immer davon geträumt, sich eines Tages einen Falken zu zähmen, er liebte Tiere über alles. Auf einmal fiel ihm seine Ziege Bagi ein. Er hatte sich nach der langen Zeit in Kairo sehr auf ein Wiedersehen mit ihr und allen Bekannten und Freunden im 12. Stamm gefreut. Nie mehr würde er sie sehen! Das Gekreische nahm zu, andere Vögel waren aufmerksam geworden. Er hatte Angst, furchtbare Angst zu sterben, und doch wartete er darauf. Niemand war hier, stand ihm bei, er war allein. Allah ließ ihn im Stich, bestrafte ihn – so wie sein Großvater es vorgesehen hatte. Vielleicht sind sie mir im Jenseits gnädig... doch auch darauf wagte er sich kaum Hoffnung zu machen. Er sollte ja eigentlich als Medjai auch im Jenseits die Unterwelt bewachen, auf dass nichts Böses aus ihr entweiche. Jetzt war er kein Medjai mehr, waren seine letzten Gedanken, dann vernahm er nichts mehr. Es war aus. Die letzte Kraft war aus ihm gewichen.

Doch auch Allah hat seine Engelsschar um sich gesammelt und schickt wohl ab und zu einen zu den Menschen, um sie zu behüten. Ardeth hatte einen guten Schutzengel, der ihn in diesem Moment nicht im Stich ließ.

„Bruder Immanuel, wie weit ist es noch bis zum Kloster?“
„Das fragst du mich immer wieder, Bruder Josephus, und immer wieder kann ich dir nur antworten, dich in Geduld zu üben, denn der Weg ist noch weit.“
„Aber wie weit, Bruder Immanuel? Wie lange noch?“
Bruder Immanuel seufzte. Der jüngere Josephus war manchmal ein Quälgeist. Nun hatte er seinetwegen schon extra eine Abkürzung genommen, die nicht ganz ungefährlich war, da dieses das Territorium eines gefürchteten Beduinenstammes war. Immanuel hatte abgewogen zwischen dieser Gefahr und den ewigen Quengeleien von Bruder Josephus. Innerlich bat er den Herrn um Geduld mit dem jüngeren Bruder, doch manchmal konnte er ihn zur Weißglut treiben, so antwortete er gereizt:
„Was hast du eigentlich im Kloster zu verpassen, Bruder?“
„Ich sehne mich nach einem guten Bad, Bruder Immanuel. Diese Wüste mit all ihrem Sand ist mir nicht geheuer. Ach, wäre ich doch nach Alexandria gegangen!“
„Dafür muss man noch länger die Wüste durchqueren, Bruder Josephus. Und nach Alexandria kommen auch nur auserwählte Mönche, solche, die sich ganz Gott anvertrauen können und geduldig sind vor dem Herrn.“
Das war ein Seitenhieb auf Josephus' Nörgeleien. Prompt wurde dieser auch still, aber nicht allzu lange. Zwei Minuten später wollte er wissen:
„Und du bist sicher, dass wir hier nicht überfallen werden, Bruder Immanuel?“
„Bruder Josephus, ich habe doch gerade von Gottvertrauen gesprochen. Außerdem tun diese Beduinen Mönchen nichts zuleide. Sagt man.“
„Sicher? Ich möchte nicht von ihnen versklavt werden.“
„Bruder Josephus, sie würden dich ganz schnell wieder freilassen, glaube mir.“
Josephus war etwas beleidigt und stapfte eine Weile schweigend neben dem anderen Mönch her. Beide führten einen Esel am Seil. Doch Josephus war nicht nachtragend oder lange beleidigt, vor allem nicht, wenn es um seine eigenen Interessen ging.
„Könnten wir nicht endlich eine Pause machen? Wir gehen schon stundenlang.“
Wieder seufzte Immanuel.
„Wir gehen erst seit drei Stunden. Die Sonne hat noch nicht ihren höchsten Stand erreicht. Dann erst machen wir Mittagspause, das weißt du doch, Bruder. Und außerdem willst du doch schnell zum Kloster. Das geht nicht, wenn wir ständig Pause machen.“
„Es ist so heiß, Bruder...“
„Es nennt sich ja auch Wüste.“
„Können wir nicht wenigstens auf den Eseln reiten?“
„Nein, die Esel müssen schon unser ganzes Wasser, unseren Proviant und unsere neuen Bücher schleppen. Bei Gott, dem Allmächtigen, Bruder Josephus, jetzt reiß dich mal zusammen! Es kann doch nicht sein, dass...“
Immanuel war so richtig in Fahrt gekommen und wollte gerade Josephus die Meinung sagen, als sein Wortschwall unterbrochen wurde. Seine Aufmerksamkeit galt einer kleinen mit Steinen übersähten Erhebung zur linken Seite. Josephus folgte seinem Blick.
„Was ist, Bruder? Was hast du?“
„Siehst du nicht die Vögel?“
Josephus warf einen weiteren Blick nach links, doch sah nichts. „Welche Vögel?“
„Da ganz hinten!“
Josephus kniff die Auen zusammen und erkannte in vielleicht drei Meilen Entfernung winzige Punkte am Himmel.
„Du hast aber gute Augen, Bruder Immanuel!“, staunte er und ging weiter, während Immanuel stehen blieb.
„Was ist, Bruder?“
„Wo so viele Vögel kreisen, muss etwas ein, Bruder Josephus. Wir sollten nachsehen.“
Josephus wollten einen Einwand erheben, dass es zu viel Zeit kosten würde, aber dann sann er nach und meinte:
„Ja, ein gerade verendetes Tier gibt einen guten Braten heute Mittag!“
Ihm lief das Wasser im Munde zusammen und er setzte sich sogar eher als sein Bruder in Bewegung. Sie gingen über die Erhebung und erkannten nun, dass etwas Dunkles auf dem Boden lag.
„Ein verirrter Esel?“, mutmaßte Bruder Josephus, der meinte, einen Esel mit dunklem Fell vor sich zu haben.
„Nein, ich glaube eher, ein Mensch.“
Josephus blieb stehen. Zunächst war er enttäuscht. Kein Braten heute Mittag. Aber die Enttäuschung machte sofort einer gewissen Angst Platz.
„Es könnte ein Räuber sein! Halt ein, Bruder, geh nicht weiter!“
„Ach Unsinn, er braucht unsere Hilfe. Und was gibt’s denn hier schon zu rauben? Sand?“
„Er könnte sich tot stellen, damit wir uns nähern und dann hat er leichtes Spiel...“
„Bruder Josephus!“, Immanuel drehte sich zu dem Zurückgebliebenen um. „Deine Fantasie geht mit dir durch! Von uns gibt es doch nichts zu holen! Räuber lesen keine Bücher. Und jetzt komm endlich!“
„Ich weiß nicht recht, Bruder Immanuel“, zögerte Josephus, doch trottete dann hinterher. Er hatte Mühe, den anderen Mönch einzuholen, der seinen Schritt beschleunigt hatte.
Immanuel hatte sich schon zu dem ohnmächtig gewordenen Ardeth hinabgebeugt, als Josephus endlich ankam.
„Hoffentlich kommen wir nicht zu spät!“, meinte er betroffen und versuchte, den Puls zu erfühlen.
„Ist das nicht einer von diesen Beduinen? Zieh mal sein Tuch aus dem Gesicht!“
„Josephus!“, tadelte Immanuel, der gerade andere Sorgen hatte. „Ich fühle kaum seinen Pulsschlag. Aber ich glaube, es ist noch etwas Leben in ihm. Aber nicht viel... Beeilung, Josephus! Bau unseren Sonnenschutz auf. Los, schnell! Aber gibt mir zuerst den Schlauch mit dem Wasser!“
Josephus tat wie geheißen, während Immanuel vorsichtig die aufgesprungenen Lippen von Ardeth befeuchtete, ihm aber noch kein Wasser einflößte. Er machte ihm auch die Schläfen feucht und den Puls. Als er ihm dabei das Tuch ganz vom Gesicht zog, warf ihm Josephus kurz einen Blick zu und schüttelte verärgert mit dem Kopf.
„Seine Kameraden werden kommen und uns töten!“
Immanuel hörte gar nicht auf den anderen Mönch, er war damit beschäftigt, Ardeth zu versorgen. Als Bruder Josephus endlich den Sonnenschutz aufgebaut hatte – ein Tuch, das an vier Pfosten befestigt war, an zwei Seiten zu Boden hinunterfiel und gerade mal den beiden Mönchen Platz bot -, fasste Immanuel Ardeth unter den Achseln und forderte Josephus auf, ihn an den Beinen zu tragen. So hievten sie ihn unter die Plane. Immanuel kniete sich daneben und versorgte ihn nun langsam mit Wasser. Erst befeuchtete er wiederum nur die Lippen, dann nahm er ein Tuch, tränkte es ihn Wasser und steckte es in Ardeths Mund. Er umwickelte seine Unterarme und Waden mit weiteren feuchten Tüchern, während Josephus die Zeit nutzte und das Mittagsmahl hervorholte. So saßen sie mehrere lange Stunden dort. Josephus warf immer wieder einen bangen Blick um sich, er befürchtete, dass jeden Moment Scharen von Beduinenkriegern über sie herfallen würden. Schließlich wagte Immanuel, Ardeth einen Schluck Wasser einzuflößeln. Er hielt seinen Kopf in seinen Armen, damit das Wasser die Speiseröhre hinablaufen konnte. Seine andere Hand hielt ein feuchtes Tuch, das er auf Ardeths Stirn presste. Das fließende Wasser bewirkte, dass Ardeth eine Regung von sich gab. Er bewegte leicht seinen Kopf und schmeckte mit den Lippen dem Geschmack des Wassers nach. Immanuel strahlte über das ganze Gesicht.
„Ja“, frohlockte er, „er hat es überstanden. Er wird wieder zu sich kommen.“
Josephus wollte einwenden: „Und dann über uns herfallen“, aber er verkniff sich die Bemerkung. Auch er hielt den fremden Mann für zu schwach, um sie zu bedrohen. Außerdem schien er keine Waffen zu tragen. Doch er wollte ihn lieber heute als morgen los sein.
„Fein, dann können wir ihn ja jetzt hier lassen, ihm einen Schlauch Wasser geben und uns verabschieden.“
Immanuel sah Josephus verärgert kann. „Manchmal kannst du mich richtig wütend machen, Bruder! Wir können den Armen doch nicht hier seinem Schicksal überlassen. Er ist viel zu schwach. Er kann ja noch nicht einmal aufstehen. Wir werden ihn ins Kloster mitnehmen und dort versorgen, bis er wieder zu Kräften gekommen ist.“
„Diesen Beduinen mit ins Kloster nehmen!“, rief Josephus entgeistert. „Aber Bruder Immanuel, das ist doch nicht dein Ernst!“
Immanuel unterbrach seinen Bruder einfach: „Er wird uns schon nicht alle darniedermetzeln! Im Gegenteil, er wird uns dankbar sein. Und jetzt höre auf, dich so aufzuführen. Hier benötigt ein Bedürftiger unsere Hilfe! Willst du sie ihm verweigern, Bruder Josephus?“
Josephus, in seine Schranken gewiesen, schwieg.
„Wir werden jetzt bis zum Abend hierbleiben und ihn versorgen. Dann geht es weiter.“
Josephus musste sich wohl oder übel fügen. Er legte sich hin und schlief eine Runde. Am Abend hievten sie Ardeth auf einen Esel, banden ihn fest, damit er nicht hinabfiel. Bruder Josephus blieb nichts anderes übrig, als einen Teil des Gepäcks nun selbst tragen zu müssen. Natürlich blieb auch das nicht ohne Kommentar seinerseits. Doch Immanuel begann eine lange Litanei zu beten und Josephus musste zwangsläufig mitbeten.
„Da du ja heute Nachmittag geschlafen hast, können wir nun die Nacht durchmarschieren“, meinte Immanuel nach dem langen Gebet.
So pausierten sie erst wieder kurz am nächsten Morgen, um zu frühstücken, dann aber umso länger unter Mittag. Ardeth wurde wieder in den Schatten gelegt und versorgt, während Josephus völlig erschöpft einschlief. Während Immanuel ihm vorsichtig Wasser einflößte, öffnete Ardeth zum ersten Mal die Augen und lächelte seinen „Engel“ an. Er wusste, er war nicht tot, denn das war nicht der Himmel, sondern ein Mönch in der Wüste, in der er sich immer noch befand. Allah hatte ein Urteil über ihn gefällt. Sogleich schloss Ardeth die Augen wieder, denn er war völlig erschöpft. Immanuel aber sprach ein Dankgebet.

In der Nacht erreichten sie endlich das koptische Kloster. Ardeth wurde in eine Zelle gebracht und versorgt, während Josephus ein erfrischendes Bad nahm. Der Abt hatte keine Bedenken gehabt, Ardeth aufzunehmen und lobte sogar den Einsatz der beiden Mönche, sich des armen fast Verdursteten angenommen und sein Leben gerettet zu haben. Immanuel ruhte sich nun auch aus, aber versorgte Ardeth in den nächsten Tagen auch weiterhin. Manchmal kamen andere Mönche, um sich den merkwürdigen Fremden anzuschauen. Sie hatten ihn entkleidet und alle seine Tätowierungen gesehen. Sein Gewand hatten sie gereinigt und über einen Stuhl gehängt.
„Er ist nun schon zwei Tage hier und kommt einfach nicht zu sich“, kommentierte Immanuel leicht verzweifelt. Bruder Anastasius stand hinter ihm.
„Nur Gott weiß, was ihm wiederfahren ist, Bruder.“
„Ja, sein Körper ist sehr schwach, aber ich finde, er sieht so traurig aus. Vielleicht hat er keine Lebenskraft mehr.“
„Hm“, überlegte Anastasius, „er ist nicht überfallen worden, denn er hat keine Verletzungen. Ich möchte mal wissen, warum er da so allein und halb verdurstet in der Wüste war.“
„Er scheint noch jung zu sein.“
„Sollten wir seinen Leuten nicht eine Nachricht zukommen lassen, dass er hier ist und sie ihn abholen können? Vielleicht machen sie sich Sorgen um ihn.“
„Wir wissen nicht, wo wir sie finden können. Ach, Bruder Anastasius, ich hoffe, dass er bald zu sich kommt, gesund wird und selbst nach Hause gehen kann. Einige Mönche haben auch Angst vor diesen Beduinen.“
„Warum trägt er alle diese altägyptischen Zeichen? Er ist doch ein Moslem, nicht wahr?“
„Naja, wir sind hier in Ägypten, Bruder. Und gerade in ländlichen Gebieten haben die Menschen viel von ihren alten Sitten behalten, obwohl sie alle den Propheten Mohammed verehren. Vielleicht geht es diesen Wüstenbewohnern genauso.“
„Ich wüsste zu gern, was diese Zeichen bedeuten. Ob er es uns sagen wird?“
„Ich schätze, das weiß der junge Mann hier selbst auch nicht. Es wird eine alte Tradition bei seinem Volk sein. Ich fürchte, da müssen wir einen Ägyptologen fragen, und den haben wir gerade nicht zur Hand.“
„Ich werde ein Blatt Papier holen und diese Zeichen in seinem Gesicht abmalen. Wer weiß? Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit und ich treffe mal einen Ägyptologen.“
Immanuel lächelte still in sich hinein. Er war amüsiert über den Wissensdurst des jungen Mönchs Anastasius. Es dauerte auch nicht lange, bis der zurückkehrte und sich dran machte, Ardeths Hieroglyphen abzumalen.
„Wenn du sowieso eine Weile hierbleibst, dann kann ich ja mal gehen und nach dem Vieh sehen.“
So verabschiedete sich Immanuel und ließ den jungen Mönch und Ardeth allein.
Als Anastasius sämtliche Gesichtstätowierungen abgezeichnet hatte, zog er das Laken zur Seite, um die Tätowierungen an den Armen sehen zu können. In diesem Moment wurde Ardeth wach, bewegte seinen Kopf und öffnete langsam die Augen. Er sah Anastasius an, der nicht wusste, was er manchen sollte.
„Ähm... guten Morgen...“, meinte er verlegen auf Arabisch und hoffte, dass der Beduine der Sprache mächtig war. Leider erwiderte Ardeth nichts, also versuchte Anastasius es auf Koptisch. Ardeth lächelte leicht bei diesen Worten. Sie klangen dem Altägyptischen sehr ähnlich.
„Guten Morgen“, erwiderte er, aber auf Arabisch. Anastasius war erleichtert.
„Durst?“, wollte er wissen.
Ardeth nickte und stützte sich mit den Armen auf, während Anastasius einen Becher mit Wasser füllte und ihm reichte. Als Ardeth den Becher zurückreichte, fiel sein Blick auf das Blatt Papier, das nun auf dem Bett lag. Anastasius war es sichtlich unangenehm. Er nahm schnell das Blatt an sich und brabbelte eine Entschuldigung vor sich hin. Er sei so neugierig und interessiere sich für die alte Schrift und wollte jemanden fragen, was die Zeichen bedeuten. Ardeth lächelte immer noch, er nahm es dem jungen Mann nicht übel, dass er seine Zeichen heimlich abgemalt hatte. Noch vor 150 Jahren hätte kein Medjai einem Fremden erzählt, was da auf der Stirn und am Körper geschrieben stand, aber seit Champollion die Hieroglyphen entziffert hatte, war es kein Geheimnis mehr.
„Da steht Unterwelt auf meiner Stirn geschrieben“, erzählte er dem verblüfften Mönchen.
„Du kannst Hieroglyphen lesen?“, fragte er nach, weil er es nicht glauben konnte. Beduinen galten im Allgemeinen als nicht besonders gelehrt.
„Ja“, bestätigte er.
Anastasius fühlte sich mutig genug, die Gelegenheit zu ergreifen.
„Ich habe vor kurzem eine Scherbe in der Wüste gefunden. Da stehen so merkwürdige Zeichen drauf. Kann ich sie dir vielleicht einmal zeigen? Vielleicht kannst du sie ja lesen?“
„In Ordnung.“
„Warte!“
Und schon war Anastasius zur Tür hinaus und vergaß vor lauter Begeisterung den Gast zu fragen, ob er Hunger oder einen anderen Wunsch hatte . Es dauerte auch nicht lange, da war er auch schon zurück. Ardeth hatte sich inzwischen aufgesetzt und lehnte mit dem Rücken an der Wand, an der die Kopfseite seines Bettes stand. Er hatte sich umgesehen und festgestellt, dass er sich in einem sehr kleinen und spartanisch eingerichtetem Raum befand.
„Das hier ist ein koptisches Kloster, nicht wahr?“, fragte er Anastasius.
„Ja, stimmt“, erwiderte der junge Mann schnell und reichte Ardeth die Scherbe, die recht klein war.
„Ah“, meinte Ardeth“, „diese Schrift ist eine Vereinfachung der Hieroglyphen. Die Wissenschaftler bezeichnen sie als hieratisch.“
„Und kannst du es lesen?“
„Es ist eine Übung von Schülern. Sie haben diese Scherben verwendet, um nicht das kostbare Papyrus für ihre Schreibversuche zu verschwenden. Zerbrochene Krugscherben wurden häufig stattdessen genommen. Das hier scheint ein Gedicht zu sein. Da steht: Wenn Hapi gnädig ist und das Wasser das Land fluten lässt, wächst der Ammer – so wie meine Liebe zu dir beständig wächst. Lass unsere Liebe Früchte tragen. Sei du das Land, in das ich meinen Samen pflanzen darf.“
Der Mönch wurde leicht rot.
„Der Schüler hat es vielleicht für seine Freundin geschrieben“, meinte Ardeth. „Es ist ja nicht sehr anspruchsvoll. Der Schüler scheint noch sehr jung gewesen zu sein.“
Er reichte Anastasius die Scherbe zurück, der sich nun fast scheute, die Scherbe zu nehmen. Eins wollte er aber noch wissen.
„Wer ist denn wohl Hapi? Der Vater der Jungen, der so verliebt ist? Oder der Vater der Freundin?“
„Nein, Hapi ist die Nilgottheit.“
„Achso!“
Sein Wissensdurst fürs erste befriedigt, fiel Anastasius ein, dass er vielleicht dem Abt und Immanuel Bescheid geben sollte, dass der Fremde erwacht ist. Er verabschiedete sich schnell von Ardeth, nahm seine Scherbe aber mit, denn kein anderer Mönch sollte von dem etwas erotischen Gedicht erfahren, und traf Immanuel im Hof, der sichtlich erfreut war und sogleich zu Ardeth eilte. Der erkannte in ihm seinen Lebensretter und bedankte sich von Herzen.
„Sie haben mir mein Leben gerettet“, sprach er ihn förmlich an, „und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken kann. Ich besitze ja nichts, außer, was ich am Leib trage.“
„Es war selbstverständlich und meine Christenpflicht“, wehrte Immanuel ab. Anastasius war mitgekommen und stand nun etwas beschämt an der Tür. Der Fremde sprach so förmlich und er hatte ihn zuvor gedutzt. Nun trat auch der Abt ein und stieß dabei gegen Anastasius. Er sah den jungen Mönch verwundert an, der schnell den Kopf senkte und sich davonmachte, um wieder an seine Arbeit zu gehen.
„Wie geht es ihm?“, wandte sich das Abt an Immanuel.
„Gut, denke ich.“ Und er stellte Ardeth den Abt als den Obersten des Klosters vor. Der Abt nickte streng und fragte dann Ardeth direkt: „Und wer bist du?“
Nun war es Immanuel etwas peinlich, dass der Abt Ardeth duzte, aber der ließ sich nichts anmerken und beantworte höflich die Frage:
„Mein Name ist Ardeth Bay. Ich bin ein Bedja-Beduine und...“ Sollte er die Wahrheit sagen oder eine Geschichte erfinden, dass er sich verirrt habe? „...und ich bin aus unserem Stamm ausgestoßen worden. Ich sollte in der Wüste sterben.“
Der Abt sah Immanuel ernst an. Hatten sie sich Ärger eingehandelt, indem sie dem Fremden geholfen haben?
„Und wenn deine Leute feststellen, dass du nicht tot bist?“, hakte der Abt nach.
„Es war ein Gottesurteil. Sie haben mich in der Wüste ausgesetzt. So wie es aussieht, bin ich dank Allahs Hilfe und natürlich der Ihrer beiden Mönche am Leben.“
Immanuel wuchs um zehn Zentimeter in die Höhe. Der Abt ließ sich nicht beirren und fuhr fort:
„Dann kannst du ja unbehelligt nach Hause kehren, nicht wahr?“
„Nein, leider nicht. Mein... unser Anführer hat mich, sollte ich überleben, für vogelfrei erklärt.“
„Und wenn sie dich hier finden, droht uns dann Gefahr? Werden sie sich rächen? Du solltest ja offensichtlich sterben für irgendwelche Missetaten, die du begangen hast.“ Es gefiel dem Abt ganz und gar nicht, einen Verbrecher aufgenommen zu haben, denn wofür sonst sollte man eine so harte Strafe erhalten, wenn nicht für ein Verbrechen?
„Sie brauchen sich nicht zu sorgen. Auch wenn meine Leute wissen, dass ich hier bin oder hier war, werden sie Ihnen nichts zuleide tun.“ Er neigte traurig den Kopf. Durch diese Diskussion war ihm seine ganze traurige Geschichte wieder ins Bewusstsein gerufen worden und Immanuel ahnte inzwischen, warum die Lebenskraft dieses jungen Mannes so lange erlahmt gewesen war. Ardeth schluckte, dann sah er den Abt entschlossen an.
„Wenn Sie wünschen, werde ich sofort das Kloster verlassen.“
„Nein, das geht nicht!“, intervenierte Immanuel. „Sie sind noch viel zu schwach!“
Der Abt überlegte eine Weile, dann entschied er: „Ja, Bruder Immanuel hat recht. Du musst erst wieder richtig zu Kräften kommen. In der Zwischenzeit werde ich für deine Seele beten.“ Er verließ die Zelle.
Bruder Immanuel sah ihn verwundert hinterher. Dann drehte er sich zu Ardeth um.
„Bitte sehen Sie es ihm nach. Er hat wohl, wie viele von uns, ein wenig Furcht vor...nunja... den Beduinen dieser Wüste.“
„Ich versichere Ihnen, sie werden Ihnen nichts tun.“
„Und es tut mir leid, dass er Sie so... von oben herab behandelt hat.“
„Ich habe schon gemerkt, dass die Mönche mich nicht einordnen können.“ Ardeth dachte an den jungen Anastasius und lächelte. Dann wurde er wieder ernst. „Ich werde morgen das Kloster verlassen, dann werde ich stark genug sein.“
„Morgen schon? Aber das ist viel zu früh!“
„Ich sollte so schnell wie möglich diese Gegend verlassen.“
Immanuel bedauerte diese Entscheidung. Er versorgte Ardeth mit Nahrung und Wasser und wäre gern in seiner Zelle geblieben, doch der Abt ließ ihn zu sich rufen. Ardeth ahnte den Grund. Vermutlich war der Abt sehr beruhigt, als er von Ardeths Entscheidung hörte. Ein anderer Mönch, den Ardeth zuvor noch nicht gesehen hatte, brachte ihm am Abend zu essen und trinken, dann fiel er in einen langen Schlaf, denn er war noch sehr erschöpft.
Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Das Frühstück wurde Ardeth bereits vor der Morgendämmerung gebracht. Er zog gleich nach dem Mahl sein Gewand an und schnallte den Gürtel sehr eng. Bruder Immanuel kam zu ihm, sichtlich traurig.
„Sie hätten noch Ruhe gebraucht!“, warf er Ardeth besorgt vor.
„Nein, ich fühle mich wirklich stark genug“, lächelte Ardeth ihn an. „Ich weiß, dass ich mein Leben in erster Linie Ihnen zu verdanken habe, und dafür möchte ich Ihnen noch einmal herzlich danken.“
Er nahm den überraschten Mönch in seine Arme und drückte ihn herzlich. Immanuel musste aufpassen, dass ihm die Tränen nicht über die Wangen laufen würden.
„Und versichern Sie Ihrem Vorgesetzten, dass Ihnen hier nichts geschehen wird. Man sucht nicht nach mir.“
„Ähm... ich möchte ja nicht neugierig erscheinen, aber... warum hat man Sie eigentlich bestraft?“
„Ich habe nicht gehorcht“, erwiderte Ardeth schlicht und der Mönch schaute ihn verwundert an.
„Das ist alles?“ Die Frage klang nicht nach Verhör, sondern nach Verwunderung über die Strenge der Strafe.
„Ich bin ein Krieger, Bruder Immanuel. Meine Stärke sollte in meiner Loyalität liegen. Krieger, die nicht gehorchen können, werden normalerweise hingerichtet. Und eigentlich sollte das auch zunächst mit mir geschehen, bis es jemand verhindert hat und die Strafe in ein Gottesurteil umgewandelt worden ist. Daher bin ich auch ausgestoßen worden. Ich bin... meines Volkes nicht mehr würdig.“
„Wissen Sie, Sie machen mir nicht den Eindruck, als ob Sie wirklich Schuld an allem sind.“
Ardeth sah ihn verwundert an, und der Mönch fügte hinzu:
„Sie wirken sehr, sehr unschuldig und ... sehr rein im Herzen.“
Ardeth senkte den Blick. „Und doch“, murmelte er betrübt, „habe ich großes Unrecht getan. Sie überschätzen mich, Bruder Immanuel. Ich habe die Strafe verdient, mehr noch. Ich habe mein Volk schmählich im Stich gelassen.“
„Verzeihen Sie, aber Sie wirken noch sehr jung. Man hätte Ihnen aufgrund Ihrer Jugend verzeihen können, Sie anders bestrafen können, wenn es schon sein muss. Aber so eine unbarmherzige Strafe! Weiß man in Ihrem Volk nicht, dass die Jugend manchmal vorschnell Dinge tut, vorschnell Worte sagt? Aber ich habe ja kein Recht zu urteilen, ich kenne Ihre Geflogenheiten nicht.“
Ardeth wusste nicht so recht, was er auf diesen Gefühlsausbruch erwidern sollte. Natürlich konnte Immanuel die Tragweite von Ardeths Handlung nicht ermessen.
„Bruder Immanuel“, sprach er, „ich wäre der nächste Anführer meines Volkes geworden und hatte somit Vorbildfunktion. Ich hätte das, was ich getan habe, vorher gut überdenken sollen, bevor ich bewusst ungehorsam geworden bin. Die Todesstrafe wäre nur angemessen gewesen.“
Bruder Immanuel öffnete erstaunt den Mund, sprach aber nicht. Er hatte eine Ahnung, dass dieser mysteriöse Beduinenstamm sehr viele Menschen umfasste.
„Verzeihen Sie, Bruder Immanuel“, nutzte Ardeth das vorübergehende Schweigen des Mönchs, „ich muss jetzt gehen, bevor es zu heiß wird. Ich habe einen langen Weg vor mir.“
„Selbstverständlich“, brachte Immanuel immer noch irritiert hervor. Während er Ardeth nach draußen in den Hof begleitete, wollte er aber wissen: „Wohin werden Sie denn nun gehen?“
„Ich muss das Land verlassen. Das geht am besten im Norden. Ich werde den Nil flussabwärts reisen. Vielleicht werde ich jemanden in Kairo um Hilfe bitten, denn ich besitze kein Geld.“
„Wir haben etwas für Sie, junger Mann. Vielleicht hilft es ein bisschen weiter.“
Er ließ sich von einem Novizen einen kleinen Sack und einen Schlauch aus Ziegenleder reichen.
„Hier ist Proviant drin, Ardeth. Und hiermit“, er reichte ihm drei Münzen, „kommen Sie vielleicht leichter nach Kairo. Es ist wirklich nicht viel. Leider können wir Ihnen nicht mehr geben.“
Ardeth hatte mitbekommen, dass die Mönche in Armut lebten und wusste, dass es wirklich viel Geld für sie war.
„Ich danke Ihnen sehr dafür, Bruder Immanuel, Ihnen allen hier! Ich werde versuchen, es Ihnen zurückgeben zu lassen.“
„Nein, es ist ein Geschenk!“
Inzwischen waren sie am Tor angekommen. Hier standen vier Mönche, darunter auch Josephus und Anastasius. Ardeth umarmte die beiden herzlich, verabschiedete sich und entfernte sich vom Kloster.

Der Weg zum Nil war weit, und Ardeth hoffte, keinen Medjai unterwegs zu treffen. Auf dem Weg nach Osten musste er durch das Stammesterritorium vom 2. oder 3. Stamm. So wanderte er hauptsächlich in der Nacht und verbarg sich am Tag, rastete an Stellen, die Schutz boten.
Er hatte Glück und erreichte unbemerkt das Ufer des Nils. Wahrscheinlich dachten seine Leute, dass er tot wäre. Mit Sicherheit suchten sie nicht nach ihm, das war sein Vorteil. Er bat einen Fischer, der nilaufwärts fuhr, ihn mitzunehmen. Sie erreichten den ersten Katarakt und den neuen Staudamm von Süden her. Hier ging Ardeth an Land. Er schlich sich nachts in den Ort Aswan und mietete sich für sein Geld eine Feluke samt Kapitän, der ihn nach Kairo brachte. Seinen Schlauch hatte er an einem Brunnen mit Wasser gefüllt. Sein Proviant würde nicht ganz reichen, aber er hatte kein Geld mehr. Der Kapitän, der natürlich ein gutes Geschäft mit dem unbedarften Ardeth gemacht hatte, hatte aber Mitleid und besorgte für sie beide zwischendurch Brot und Datteln. So erreichten sie nach knapp drei Wochen Kairo. Ardeth hatte längst einen Plan gemacht, wie es hier für ihn weitergehen würde. In Memphis waren Medjai stationiert und er musste sich heimlich durch die Stadt bewegen, aber er wollte unbedingt seinen Onkel Leslie treffen. Dieser war nicht initiiert und damit auch nicht verpflichtet, ihn zu töten, davon mal abgesehen, dass sich Leslie sowieso darüber hinweggesetzt hätte. Außerdem verfügte Leslie über das Geld, das seine Mutter ihm zukommen ließ. Er konnte Ardeth also helfen, außer Landes zu reisen. Und außerdem hatte Ardeth eine ganz leise und bange Hoffnung, dass Ardjun ihm inzwischen vergeben hätte und Leslie ihm die freudige Mitteilung überbringen würde, dass er zurückkehren dürfte. Unterwegs hatte Ardeth viel nachgedacht, auch darüber, dass nun Ismail der Anführer der Medjai werden würde, ein Gedanke, der Ardjun immer zuwider gewesen war. Vielleicht hatte der alte Mann sich ja inzwischen besonnen...
Es gab nur ein Problem: Auch die Villa von Leslie wurde von Medjai bewacht. So legte sich Ardeth vor dem Eingang zur Bibliothek des Museums auf Lauer, Leslies Arbeitsplatz, wenn er im Museum zu tun hatte. Nach zwei Tagen – Ardeth hatte schon entsetzlichen Hunger – entstieg Leslie einer Limosine. Er trug einen westlichen Anzug, die Haare waren inzwischen nicht mehr ganz so lang, aber reichten noch bis auf die Schultern und waren aber sehr gepflegt. Unter dem Arm hatte er eine Art Aktenkoffer geklemmt. Leslie hatte also einen offiziellen Termin, denn ansonsten trug er keinen Anzug, sondern lief sehr lässig amerikanisch herum, wobei ein brauner Stetson-Hut nicht fehlen durfte. Ardeth eilte zu ihm hin, noch bevor er das Gebäude erreichen konnte.
Leslie, dem der Anblick von Medjai-Krieger nichts Ungewohntes war, runzelte dennoch die Stirn, denn warum stürzte einer der Krieger so auf ihn zu? War etwas geschehen? Musste ein Schwarzmarkthändler dingfest gemacht werden? Das passte ihm heute gar nicht, dachte er, als der Medjai ihn erreicht hatte. Doch als dieser sein Gesichtstuch lüftete, stieß Leslie völlig überrascht hervor:
„Ardeth! Du lebst!“
Er ließ vor Schreck und Freude seinen Koffer fallen und umarmte seinen Neffen unter Tränen. Leslie wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Er hatte nach der Nachricht über Ardeths Bestrafung seinen Vater einmal mehr verflucht.
„Ardeth! Ardeth!“, gab er immer wieder von Freude überwältigt von sich.
Doch Ardeth war auf diesen Moment vorbereitet, wenn auch er gerührt war von der Wiedersehensfreude.
„Onkel Leslie, nicht hier! Lass uns irgendwo heimlich treffen! Schnell, nenne mir einen Ort, damit ich wieder untertauchen kann, bevor mich jemand sieht!“
„Ja, ja“, stammelte und überlegte Leslie zugleich, „einen Ort... hm, ich werde heute Mittag abgeholt. Hast du die Limosine gesehen, mit der ich gekommen bin?“
„Ja.“
„Gut, mit dem gleichen Auto hole ich dich ab. Sei um zehn nach zwölf Uhr auf der Rückseite des Museums. Da steht so ein großer Baum. Dort hält das Auto, du musst dann sofort hinten einsteigen. Alles klar?“
Ardeth nickte und verschwand. Leslie sah ihm hinterher und ihm fiel trotz Ardeths weiten Gewandes auf, wie mager Ardeth geworden war. Er schüttelte voller Unverständnis über seinen Vater mit dem Kopf und betrat das Gebäude.

Ardeth tauchte für die nächsten Stunden am benachbarten Nilufer unter. Sein Onkel hatte ihn nicht einfach ins Museum mitnehmen können. Das bedeutete, dass Ardjun nicht nachgegeben hatte. Aber bald würde er mehr erfahren. Er wartete bereits seit einer halben Stunde verborgen hinter dem Baum, als endlich die Limosine angefahren kam und er schnell zur Straße schritt und hinten einstieg. Dort saß bereits sein Onkel. In dem Auto befand sich nur noch der Fahrer. Er war zwar kein Medjai, aber da er durchaus Verbindungen zu ihnen haben konnte – er war nun mal der Privatchauffeur von Lord Leslie Manson Bay – blieb Ardeth verhüllt und sprach nicht. Leslie verstand und teilte Ardeths Bedenken.
„Mr Raschid, fahren Sie uns zur Großen Pyramide.“
Der Fahrer würde denken, Leslie hätte dort eine Mission zu erfüllen, wie so oft, wenn er mit diesen Wüstenkriegern unterwegs war. Ardeth vertraute auf den Plan seines Onkels, denn Leslie war ein kluger Mann, der auch viel in Kairos Unterwelt unterwegs sein musste, um alte Artefakte wieder zu beschaffen. Er wusste, dass sein Onkel mehrere Identitäten hatte. Offiziell war Leslie im Museum angestellt und verkehrte in höheren Kreisen, bei britischen Offizieren und europäischen und amerikanischen Gesandten. Auch stand er immer noch in Kontakt mit der Universität in Boston, wo er einst studiert hatte. Er galt als Gelehrter, der von gewissen Kreisen hofiert wurde, zumal er auch Kontakt zur ägyptischen Elite pflegte. Für die Bays war er eigentlich ein Glücksfall, auch wenn er nicht den traditonellen Weg eines Bay-Erbens gegangen war. Daher legte sein Vater Wert darauf, dass Leslie im Lande blieb, gerade jetzt in Kriegszeiten, in denen man zwischen die britischen und türkischen Fronten geraten könnte, seit die Briten vor einem Jahr verkündet hatte, dass Ägypten ihr Protektorat sei, das Land aber eigentlich immer noch nominell dem Osmanischen Reich angehörte, das jedoch seinem Untergang geweiht war. Kurzum, Leslie war ein vielseitig versierter Mann, der mit Intelligenz auch diese Situation würde lösen können. Vor der Cheops-Pyramide stiegen sie aus. Leslie erklärte dem Fahrer, er würde seine Dienste heute vermutlich nicht mehr benötigen und gab ihm frei. Ardeth sah sich ängstlich um, ob irgendwelche Medjai in der Nähe waren, doch er konnte keine in schwarz gekleidete Gestalten unter den Touristen, Verkäufer und Wachmannschaften ausmachen. Schon hatte Leslie ein Taxi herangewinkt. Sie stiegen ein und Leslie nannte ein neues Ziel. Die Limosine war schon nicht mehr zu sehen. Sie fuhren in den Teil, wo die europäische Oberschicht wohnte. Villa stand an Villa, stets mit gepflegten Gärten davor.
„Warum sind so viele Soldaten hier?“, erkundigte sich Ardeth, der früher schon in diesem Viertel gewesen war und sich über die Anwesenheit so vieler bewaffneter britischer Offiziere wunderte.
„Der britische Geheimdienst hat erfahren, dass die Deutschen versuchen, die Ägypter zum Aufstand zu bewegen. Sie stacheln sie damit auf, sie würden jahrelang von den Briten unterdrückt worden sein und sollen sich gemeinsam mit den Türken gegen die Briten und die anderen Mächte der Entente erheben. Nun fürchten die Briten, dass einige fundamentalistische Gruppierungen zum Aufstand gegen die Briten blasen.“
„Und die Briten bleiben hier wohnen?“
„Ja, die meisten wissen nichts von der Bedrohung. Sie denken, die Wachen seien hier wegen des Krieges allgemein stationiert, um Präsenz zu zeigen. Den meisten ist noch nicht mal aufgefallen, dass es mehr sind als sonst. Es haben nicht alle deinen geübten Krieger-Blick, mein Junge“, scherzte Leslie, der jeder ernsten Situation etwas Lustiges abzugewinnen versuchte.
„Dieser Krieg tobt also immer noch in Europa?“
„Ja, vor kurzem hat es eine große Schlacht in Frankreich gegeben. Die Deutschen sind sehr gut bewaffnet. Wären sie nicht in Belgien eingefallen, hätten die Briten sich neutral halten können.“
„Dann wären viele ägyptische Soldaten vermutlich nach Konstantinopel abkommandiert worden. Und der Vize-König hätte wieder ein begehrliches Auge auf unsere Krieger geworfen.“
Leslie sah Ardeth erstaunt an: „Sag bloß, dir gefällt dieses britische Protektorat?“
„Im Ernst, Onkel Leslie, wir haben doch dieses Protektorat de facto schon seit nunmehr 30 Jahren. Da hat sich doch nichts geändert. Und solange nicht wieder dieser türkische Sultan unsere Soldaten einsetzt, ist es mir lieber. Außerdem – vielleicht wird sich bald etwas ändern, wer weiß? Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte.“
„Ha, zu schade, dass der Khedive nun leider nicht die Gelegenheit hat, mir dir darüber zu diskutieren! Ich bin mir sicher, er würde deinen Rat schätzen. Du wärst ein Lord Bay geworden, wie es lange keinen gab!“
Und damit waren sie beim Thema. Aber Ardeth wollte nicht unbedingt im Taxi mit seinem Onkel über die verfahrene Situation sprechen. Leslie stellte mit Erstaunen fest, dass Ardeth immer noch an der politischen Situation seines Landes interessiert war, obwohl eigentlich andere Probleme für ihn im Vordergrund stehen mussten. Er saß hier heruntergekommen und halb verhungert neben ihm, verbannt und verstoßen, und sprach doch über Ägyptens, nicht seine Zukunft. In diesem Moment fuhr das Taxi durch einen großen gemauerten Rundbogen, die Einfahrt zu einer großen Villa. Der Taxifahrer hielt kurz, gab der Wache am Eingang Auskunft über den Fahrgast und durfte passieren. Ardeth erkannte die Villa des amerikanischen Botschafters. Sie stiegen aus und betraten die Halle. Ein Diener im Livree wies sie zu einem gepolsterten Sofa, sah allerdings mit Unbehagen Ardeth hinterher. Leslie erkundigte sich nach dem Botschafter, der zum Glück zu Hause war. Es dauerte nicht lang und er begrüßte sie in der Empfangshalle. Er umarmte Leslie herzlich. Sie waren gute Freunde.
„Marcus“, meinte Leslie nach der Begrüßung, „darf ich dir meinen Neffen Ardeth vorstellen?“
„Ardeth Bay?“ Der Botschafter warf einen neugierigen Blick Ardeth zu. Er hatte bereits von ihm gehört. „Dem designierten Erben von Ägyptens Süden?“
Er schüttelte Ardeth herzlich die Hände und musterte ihn weiterhin von oben bis unten.
„Was ist denn mit Ihnen geschehen? Hat man Sie überfallen?“
„Nein, Marcus“, erwiderte Leslie anstelle von Ardeth. „Er ist auf der Flucht vor seinen Verwandten. Aber nicht vor mir! Und ich benötige mal wieder deine Hilfe!“
„Wie? Flucht vor seinen Verwandten?“
„Vor Lord Ardjun Bay, meinem sehr verehrten Vater, der ihn verbannt hat.“
Der Botschafter sah von Leslie zu Ardeth und wieder zurück. „Mein Güte!“, brachte er hervor. „Wieso weiß unser Geheimdienst noch nichts davon?“
„Weil der Geheimdienst der Bedja besser ist“, neckte ihn Leslie und wurde dann wieder ernst. „Kann er vorerst für eine Weile bei dir bleiben? Er muss sich versteckt halten, sonst machen sie ihn einen Kopf kürzer.“ Dann sah er Ardeth an und meinte: „T'schuldigung.“
Ardeth kannte die saloppe Art seines Onkels. Eigentlich liebte er sie und er nahm es ihm nicht krumm, so über ihn zu sprechen.
„Alles, was du willst, Leslie!“, erklärte sich der Botschafter einverstanden. „Hm, der junge Mann möchte sich sicherlich ausruhen und etwas essen. Wollen wir zusammen speisen? Ist ja Mittagszeit und ich lasse mal ein kleines Lunch auftragen. Währenddessen kann er sich frisch machen. In Ordnung?“
Ardeth hatte während der ganzen Zeit noch nichts gesagt, bedankte sich jetzt aber für die Hilfe. Der Botschafter rief einen Diener, der Ardeth zu einem Gästezimmer bringen sollte. Leslie ging Ardeth hinterher und meinte zu seinem Freund: „Ich muss noch mit ihm reden, habe ihn auch gerade erst getroffen und bin heilfroh, dass er noch lebt. Marcus, ich erzähle dir die ganze Geschichte nachher!“
„Freu mich schon drauf!“, rief er den beiden hinterher.

Als der Diener die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, waren sie endlich allein. Leslie umarmte seinen Neffen abermals.
„Dass du lebst!“, sprach er gerührt.
Ardeth war unfähig, etwas zu erwidern. Leslie löste die Umarmung und sah ihn an. Ardeths Gesicht sprach Bände: Sein Blick war tieftraurig, er neigte den Kopf nach unten. Leslie ahnte, dass Ardeth sich selbst die Schuld an allem gab.
„Ich bin so froh, dass du lebst! So froh, Ardeth! Mein Gott, wie hast du es geschafft? Du wurdest doch in der Wüste ausgesetzt.“
„Mönche haben mich gerade noch rechtzeitig gefunden und gepflegt.“ Ardeth setzte sich auf einen der drei Stühle, die um einen Tisch mit elegant geschwungenen Holzbeinen gestellt waren. „Ich bin nilabwärts mit einer Feluke hierher nach Kairo gekommen. Ich... ich wusste nicht, an wen ich mich wenden konnte... verzeih, dass ich dich da mit hineingezogen habe...“
„Ardeth!“, sprach Leslie vorwurfs- und gleichzeitig liebevoll. „Ich werde dir immer helfen! Du ahnst ja nicht, wie wütend ich auf meinen Vater war, als ich gehört habe, was er dir angetan hat!“
Sichtlich immer noch wütend ließ sich Leslie auf einen anderen Stuhl fallen. In dem Moment ging die Tür auf und eine ägyptische Hausangestellte brachte eine leere große Schüssel, darin stand ein Krug mit Wasser. Ein Handtuch hing ihr über den rechten Arm. Sie stellte alles auf den Tisch. Ardeth und Leslie schwiegen, in Gedanken versunken, aber Leslie bedankte sich bei ihr, als sie sich anschickte, den Raum zu verlassen. Ardeth starrte auf den Krug und wagte nicht, Leslie anzuschauen, als er ihn leise und bangend fragte:
„Und... Ardjun? Hat er mir vielleicht... in der Zwischenzeit... also... hat er mir vielleicht vergeben?“
„Nein, Ardeth“, antwortete Leslie ebenso leise. „Tut mir leid.“
Ardeth zitterte der Unterkiefer. Er schluchzte tief, riss sich aber zusammen und fragte leise:
„Und wenn ich eine Weile warte, würde sich sein Zorn dann vielleicht legen?“
Er sah Leslie bangend an. Der musste nun seinerseits schlucken, bevor er antworten konnte.
„Nein, Ardeth. Du musst außer Land gehen. Es ist viel zu gefährlich für dich. Gut, niemand weiß, dass du noch lebst, aber jetzt bist du eine Weile in Kairo gewesen, mit mir zusammen, und wer weiß, vielleicht hat uns doch jemand beobachtet. Ich traue meinem Vater durchaus zu, dass er mich beschatten lässt, denn er weiß, dass du bei mir Hilfe suchen würdest, wenn du das Gottesurteil überlebt haben solltest. Nun, immerhin können sie deinen Leichnam nicht gefunden haben. Ardeth, wir sollten nichts riskieren. Dein Großvater ist immer noch sehr wütend auf dich. Und er hat einen unbeschreiblichen Dickkopf. Ich will dich nicht auch noch mit meinen Problemen belasten, aber auch ich habe seinen Willen zu spüren bekommen.“
„Du?“, fragte Ardeth erstaunt nach. Leslie galt als einziger relativ immun gegenüber Ardjun.
„Ja“, stockte Leslie etwas, und Ardeth ahnte, dass es ihm sehr zu Herzen ging. „Vor drei Wochen habe ich die Nachricht erhalten, dass der Mann meiner Mutter und mein Halbbruder bei einem Autounfall verunglückt sind.“
„Mathew?“ Ardeth war sichtlich betroffen.
„Ja, sie sind zu schnell gefahren. Mathew saß am Steuer und das Auto ist eine Böschung hinunter gesaust. Sie waren sofort tot.“
„Und Claire?“
„Sie ist untröstlich, Ardeth. Ich habe mit ihr telefoniert. Sie hat nur geweint. Ich wollte per Flugzeug zu ihr, egal wie schwierig es in diesen Kriegszeiten gewesen wäre! Ich habe Ardjun benachrichtigt. Er ... nunja ... er hat es mir verweigert.“
„Was?“
„Ich darf nicht ausreisen, Ardeth.“
„Aber Onkel Leslie! Warum?“
Leslie zögerte. Ardeth sah ihm an, dass es ihm schwer fiel.
„Hat es etwas mit mir zu tun?“
„Ach Ardeth, es ist immer das gleiche... ja, natürlich hat es auch mit dir zu tun. Du warst sein Erbe. Jetzt ist es Ismail. Ardjun hat ihn sich gleich vorgenommen. Überwacht seine Erziehung nun höchstpersönlich. Und hat mich zum 12. Stamm befohlen. Zu Nefrar. Und nun rate mal, wozu!“
Ardeth sah seinen Onkel mit Unglauben an. Der nickte vielsagend.
„Ja, richtig, Ardeth, wir sollen uns anstrengen, um noch einen Sohn zu bekommen. Und Ismail wird sofort bei seiner Initiation verheiratet werden. Ardjun ist Angst und Bange um die Nachkommenschaft.“
Ardeth stützte seinen Kopf mit seinen Händen ab und vergrub das Gesicht in ihnen.
„Es tut mir so leid“, murmelte er. Hätte er sich nicht geweigert, Nefer zur Frau zu nehmen, könnte Ismail heiraten, wann er wollte und sein Onkel nach Amerika reisen... Er fühlte sich so schuldig.
„Du hast Glück, dass ich noch hier bin. Ardjun hat längst eine Eskorte geschickt, die mich nach Süden geleiten soll. Ich habe mich damit ausgeredet, dass ich hier noch vieles zu erledigen hätte. Weißt du, wenn ich erst im 12. Stamm sein werde, wird er mich nicht eher fortlassen, bis er das Gewünschte hat. Also zögere ich den Moment der Abreise immer wieder hinaus, und diese Eskorte traut sich nicht so recht, mich zu drängen. Naja, ich kann auch nicht weg, bevor ich nicht das mit meinem Erbe in Maine organisiert habe. Das war dein Glück, denn so können wir deine Abreise organisieren.“
„Onkel Leslie“, fuhr Ardeth auf, „und wenn ich zu Ardjun gehe, mich auf die Knie werfe und ihn um Verzeihung bitte? Ihm verspreche, alles zu tun, was er wünscht und jede Strafe auf mich nehme?“
Leslie schüttelte mit dem Kopf.
„Er wird dir niemals vergeben, Ardeth. Er ist ... ein richtiger Despot geworden. Niemand soll deinen Namen jemals mehr nennen.“ Leslie lachte auf einmal. „Du rangierst gleich hinter Imhotep, mein lieber Neffe.“ Galgenhumor, aber selbst Ardeth musste leicht lächeln. Doch wurde schlagartig wieder ernst.
„Inshallah, den habe ich ja ganz vergessen!“
„Also Ardeth!“, tadelte Leslie ihn gespielt.
„Was ist mit dieser Prophezeiung? Ich meine, wie hat meine Mutter reagiert?“ Und er fügte betroffen hinzu: „Wie geht es ihr eigentlich?“
„Deine Mutter hat sich gleich, nachdem man dich weggebracht hat, in den Isis-Tempel zurückgezogen. Sie will den Rest ihrer Tage dort betend verbringen.“
„Meine Mutter ist nicht in den 12. Stamm zurückgekehrt? Aber... wer regiert denn jetzt dort?“
„Ardjun.“
Ardeth warf Leslie einen unheilvollen Blick zu. Er fühlte sich immer elendiger, das alles verursacht zu haben.
„Onkel Leslie, ich muss einfach zurück zu Ardjun! Ich kann mit der Schuld nicht leben, euch alle ins Unglück gestürzt zu haben. Ich muss ihn dazu bringen, mir zu...“
„Nein“, unterbrach ihn Leslie. „Vergiss es, Ardeth! Es ist nicht mehr rückgängig zu machen. Du weißt das! Du würdest sofort von ihm oder einem anderen getötet werden, denn durch seinen Spruch müssen sie es sogar tun. Es würde niemanden nützen! Aber, Ardeth, höre: Du wirst jetzt weggehen, ins Ausland. Und wir warten ab. Vielleicht brauchen wir dich hier noch einmal. Stell dir mal vor, Ardjun stirbt und hat wirklich keinen Erben... Es kann immer etwas passieren, auch mit Ismail. Vielleicht aber wird Ismail der nächste Anführer, vielleicht vergibt er dir und du darfst zurückkehren, wenn du das dann noch möchtest. Man weiß nie, was die Zukunft bringen wird. Deshalb darfst du dich jetzt nicht wegwerfen, und das würdest du, wenn du jetzt zu Ardjun gehen würdest.“
Ardeth hatte ihn traurig angeschaut. Er wäre so gern aktiv geworden. Doch Leslie hatte recht. Er musste abwarten, vor allem musste er fliehen.
„Ich habe schwere Schuld auf mich geladen, Onkel Leslie. Ich habe mein Volk und meine Familie enttäuscht, euch Unrecht und Leid zugefügt. Es ist wohl gerecht, dass ich lange Zeit mit diesem schlechten Gewissen leben muss, mit der Schuld und der Gewissheit, der Aufgabe meines Lebens ferngeblieben zu sein und versagt zu haben.“
Leslie wollte etwas erwidern, doch Ardeth wehrte ab.
„Es ist so, wie ich es sage, Onkel Leslie. Ich bin kein Medjai mehr. Ich werde mir das nie verzeihen und bin zu Recht der Gnade und Verzeihung anderer ausgeliefert. Auch dir habe Unrecht zugefügt. Du kannst nun nicht zu deiner trauernden Mutter, die deiner Hilfe und deines Trostes gerade jetzt bedarf.“
„Ardeth“, gelang es Leslie ihn zu unterbrechen, weil er eine kurze Pause einzulegen schien, „ich bin dir nicht böse. Ich kann sogar verstehen, was du getan hast. Du bist jung und wolltest die Medjai-Welt ändern. Das schlug fehl. Mein Gott, ich habe doch dich und Gatyreth hier erlebt, eure Freundschaft. Ich hätte auch nicht die Auserwählte des Freundes heiraten wollen. Es war alles eine unglückliche Fügung der Dinge. Wir können es nicht mehr ändern, wir müssen jetzt nach vorn schauen. Ich werde Marcus bitten, mir zu helfen, damit du fliehen kannst.“
„Wohin soll ich gehen? Vielleicht zu deiner Mutter?“
„Nein, glaub mir, dort würde Ardjun dich früher oder später finden. Du musst an einen für ihn unbekannten Ort gehen. Ich werde mich mit Marcus darüber unterhalten. Aber eine gute Nachricht kann ich dir doch bringen: Gatyreth und Nefer dürfen nun heiraten.“
Ardeth lächelte, doch ahnte, dass Gatyreth auch nicht sehr wohl dabei sein musste. Dann fiel ihm noch etwas ein.
„Und hast du vielleicht auch Nachricht von Farani?“
„Farani? Nein, leider nicht. Ich weiß auch nicht mehr, als dass sie im 11. Stamm lebt. Ach, Ardeth, das ist auch so eine Sauerei. Ich wünschte wirklich, du würdest unser Anführer werden...“ Ardeth bemerkte, dass Leslie wirklich „unser“ gesagt hatte, sonst sprach er immer von „euer“. „...denn ich habe Angst, dass auch Ismail unfähig sein wird, zumal er jetzt so unter dem Einfluss von Ardjun steht. Ach, Ismail kann sich fürchterlich einschleimen, und Ardjun ist dafür im Moment bestimmt gut empfänglich. Aber Ismail ist nicht aufrichtig und verfolgt seine eigenen Interessen. Ist vielleicht ganz gut, wenn ich ein Auge drauf haben kann.“
An der Tür klopfte es. Der Diener trat ein und bat zu Tisch. Ardeth machte sich schnell frisch, dann speisten sie mit dem Botschafter und seiner Frau, die Ardeth merkwürdige Blicke zuwarf. Sein Englisch und seine guten Tischmanieren machten allerdings sein befremdlichen Aussehen wieder wett.
Nach dem Essen zogen sich die drei Männer ins Herrenzimmer zurück, wo Leslie und Marcus eine dicke Zigarre und einen Likör zu sich nahmen. Der Botschafter lobte Ardeth, angesichts seiner Jugend sich von solchen Lastern fernzuhalten. Sie besprachen die Lage. Der Botschafter wusste, welche Schiffe in nächster Zeit auslaufen würden. Ein Flug war aufgrund der Kristensituation in Europa ausgeschlossen. Doch der Botschafter erwähnte, dass viele Menschen auswandern würden. Mehrere Überseedampfer würden Südeuropa mit dem Ziel Südamerika verlassen. Das war Leslie sehr recht, denn er wollte Ardeth nicht in Nordamerika wissen, da er befürchtete, dass Ardjun ihn dort finden würde. Ardeth erkundigte sich, ob er nicht lieber in Europa oder Nordafrika bleiben sollte.
„In Europa wird der Krieg noch lange toben, mein junger Freund!“, erwiderte der Botschafter. „Und die Kolonien in Nordafrika werden genauso betroffen sein, da sie allesamt europäischen Ländern angehören.“
„Südamerika ist unabhängig, das ist perfekt“, kommentierte Leslie. „Und die meisten Länder dort nehmen Einwanderer auf. Es ist ein großer Kontinent, du kannst dort gut untertauchen.“
Sie beschlossen, dass Ardeth ein Schiff nach Genua nehmen sollte und von dort ein großes Schiff nach Südamerika. Nun mussten sie ihm noch einen Pass besorgen.
„Little John macht das schon!“, meinte Marcus unbesorgt.
„Little John?“, fragte Ardeth nach.
„Der Sekretär des britischen High Commisioners. Wir nennen ihn gern „Little“, weil er gut 20 Zentimeter kleiner ist als ich“, antwortete Marcus. „Ich werde ihm heute noch einen Besuch abstatten. Das Schiff nach Genua verlässt schließlich schon morgen Früh den Hafen.“
„Morgen Früh schon?“ Ardeth wurde ganz anders.
„Je früher, desto besser, mein lieber Neffe“, meinte Leslie und berührte ihn tröstend an der Schulter.
„Dann sollten wir hier nicht lange herumsitzen. Passt auf: Ich werde mich um den ganzen offziellen Krams kümmern, denn wenn du das machst, Leslie, fällt es deinem Vater doch noch auf. Sie sollten unter einem anderen Namen reisen. Ein schöner ägyptischer Name. Wie wärs mit Mohammed Garadh? Sie sind ein reicher Kaufmann, der in Südamerika neu anfangen will. Na?“
Ardeth nickte unbehaglich.
„Aber ein westlich orientierter. Das ist im Moment angesagt in der ägyptischen Elite. Also Anzug und Fes, mein junger Freund. Und das Zeug da sollten Sie sowieso nicht tragen. Hm, und wenn ich es recht bedenke, sollten Sie etwas Schminke auflegen. Sie sind sonst allzu auffällig.“
Ardeth sah ihn schon die ganze Zeit sehr gequält an.
„Keine Sorge“, meinte Leslie, „wir werden das schon machen. Ich werde nachher etwas Passendes einkaufen gehen. Und du kannst ja einen tief in die Stirn gezogen Turban tragen, das passt auch. Und später in der Pampa oder wo auch immer kannst du herumlaufen wie du willst.“
„Gentlemen tragen durchaus auch Handschuhe“, komplettierte Marcus seinen Vorschlag.
„Ja, und einen Gehstock mit einem Brillanten“, fügte Leslie scherzhaft hinzu. „Los, Marcus, sieh zu, dass du Land gewinnst. Ich werde das meinige tun, und du, Ardeth, gehst auf dein Zimmer und nimmst ein erfrischendes Bad!“
„Ich werde einen Diener schicken, der Ihnen das Bad richten wird und Ihr Gewand reinigen lassen wird.“
Somit trennten sich die Wege der drei Männer, bis sie sich am Abend wieder beim Dinner trafen. Ardeth sah deutlich ausgeruhter und gepflegter als am Mittag aus. Er trug einen dunkelblauen Kaftan, den ihn ein Diener gebracht hatte. Leslie hatte es gerade so zum Abendessen geschafft. Marcus berichtete, dass er den Pass gleich bekommen hatte. Er selbst hatte ein Empfehlungsschreiben dazugefügt.
„Für die Einreise in Südamerika“, meinte er. „Damit die dort wissen, dass Sie reich sind und somit helfen wollen, das Land aufzubauen.“
Dann hatte er die Schiffspassagen besorgt.
„Wie ich schon sagte, erst mal geht’s nach Genua. Dort müssen Sie zwei Tage warten, bis es weitergeht nach Buenos Aires.“
„Buenos was?“
„Aires. Stadt der guten Lüfte. Hauptstadt von Argentinien. Großes Land.“
„Wunderbar!“, kommentierte Leslie. „Du musst unterwegs aber Spanisch lernen.“
„Die zwei Tage in Genua verbringen Sie im Hotel Grande. Sie müssen nur ein Taxi dorthin nehmen.“
„Du bekommst von mir ausreichend Geld mit. Das machen wir nachher auf dem Zimmer. Du wirst in Genua im Hotel bleiben. Und reise bitte immer im Anzug und geschminkt.“
Ardeth nickte. Er wusste selbst, dass der Geheimdienst der Medjai auch im Ausland funktionierte.

Nach dem Abendessen begleitete Leslie Ardeth auf das Zimmer. Sie packten seinen Koffer. Außer seinem eigenen Gewand wanderten noch zwei Anzüge und mehrere Kleidungsstücke, die Leslie besorgt hatte, hinein, außerdem sollte er später den Kaftan hinzulegen. Ein dritter Anzug lag zum Anziehen bereit. Leslie reichte ihm eine Geldbörse.
„Wenn du in Buenos Aires bist, halte dich da bitte nicht allzu lang auf. Reise gleich in das Landesinnere und bleibe in der ersten Zeit verborgen. Keine Großstädte! Keine Menschenansammlungen!“
Ardeth packte die Börse in den Koffer.
„Morgen trägst du sie besser bei dir am Körper. Mit diesen Papieren hier.“
Leslie gab ihm seinen Pass und die Tickets.
„Es sind Erste-Klasse-Tickets. Sie werden dich wie einen Prinzen behandeln. Jaja, ich weiß, dass du keinen Wert darauf legst. Aber du kannst die Mahlzeiten in der Kabine zu dir nehmen und wirst nicht behelligt. Natürlich kannst du deine Kabine auch verlassen, aber bitte nur geschminkt. Gib dem Kabinensteward ein dickes Trinkgeld am Anfang. Und dann musst du den reichen ägyptischen Kaufmann spielen. Denk dir eine gute Geschichte aus.“
Ardeth nahm die Tickets und legte auch sie in den Koffer. Er schaute sich seinen Pass an.
„Wir haben dich älter gemacht, mein lieber Neffe“, kommentierte Leslie. „In manchen Ländern würdest du noch als minderjährig gelten. Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass du um vier Jahre gealtert bist. Achja, und noch was! Hier!“
Er reichte ihm spanisch-englisches Wörterbuch.
„Es wird dir nicht allzu schwer fallen, die Sprache zu lernen. Sie ist dicht mit Latein verwandt und funktioniert so ähnlich wie Französisch.“ Ardeth nahm das Buch und betrachtete es eine Weile.
„Danke, Onkel Leslie. Du hast so viel für mich getan. Ich weiß nicht, wie ich es ohne dich hätte schaffen können.“ Ardeth umarmte ihn.
„Ardeth“, meinte Leslie danach, „ich kann dich morgen nicht zum Schiff begleiten. Es wäre zu auffällig. Marcus wird dir ein Taxi rufen und dich hinbringen lassen. Ich werde dir jetzt Lebewohl sagen müssen.“
Ardeth nickte.
„Onkel Leslie, ich habe noch eine Bitte. Wenn du nun zurückkehrst zum 12. Stamm, dann versuche bitte meine Mutter zu benachrichtigen, dass ich noch lebe. Dann wird es ihr besser gehen.“
„Hm, das wird schwierig werden... aber es wird mir gelingen, keine Sorge!“
„Aber kein anderer sollte es wissen.“
„Ja, natürlich.“
„Ich wünsche euch allen, dass es euch immer gut gehen möge! Allah möge euch behüten!“
„Gott möge auch dich behüten, mein lieber Neffe! Ich weiß, du wirst es schaffen! Weißt du, Ardeth, bau dir ein neues Leben auf! In der neuen Welt hast du die Chance dazu!“
„Vielleicht! Aber ich werde euch nie vergessen!“
„Ich weiß, das hier war dein Leben.“
„Ja, Onkel Leslie, aber ich habe es mir selbst zuzuschreiben, dass es vorbei ist. Sei nicht traurig, sorge dich nicht, mir wird es gut gehen. Ich sorge mich eher um euch und um die Zukunft der Medjai. Um die Zukunft Ägyptens, um die Zukunft der Welt...“ Ardeth war dabei immer leiser geworden.
„Das sind jetzt die Sorgen anderer, Ardeth. Das Schicksal hat dir einen anderen Weg bestimmt.“
Ardeth nickte.
„So, und jetzt zeige ich dir, wie man sich schminkt.“
„Woher weißt du denn das, Onkel Leslie?“
„Habe ich mir in der Parfumerie zeigen lassen, mein lieber Neffe.“
Und Leslie schminkte Ardeth die Wangen hell. Dann probierten sie den einen Anzug an, den Ardeth morgen tragen sollte. Ardeth setzte den Turban auf, zog die Handschuhe über und nahm – den Spazierstock. Leslie richtete die Krawatte, die mit einem Edelstein besetzt war. Die Lackschuhe drückten furchtbar. Ardeth fühlte sich so gar nicht wohl in dem Aufzug.
„Du wirst die Schuhe noch einlaufen“, meinte Leslie, der ansonsten sehr zufrieden war. „Perfekt!“
Ardeth sah in den Spiegel und musste schluckte. Leslie wusste, dass Ardeth nur für das Ziel gelebt hatte, Medjai zu sein, und ahnte, wie traurig es in Ardeths Herzen aussehen musste.
„Du musst diese Maskerade nur aufrecht erhalten, wenn du unter die Leute gehst.“
Es war ein schwacher Trost. Medjai würde Ardeth nie mehr werden.
„Ardeth, schau nur nach vorne! Das wird dir helfen!“
Ardeth nickte. Er wollte seinen Onkel nicht weiter in Verlegenheit bringen und ihn mit seinen Gefühlen belasten. Also riss er sich zusammen.
„Ja, du hast recht, Onkel Leslie. Ich danke dir noch einmal von Herzen für alles, was du getan hast! Achja, und mir fällt noch etwas ein, etwas Wichtiges.“
„Lass hören!“
„Da gibt es ein koptisches Kloster auf der Höhe des 2. Stammes in der westlichen Wüste. Kannst du ihnen Geld zukommen lassen? Sie sind arm und haben mir doch soviel gegeben, dass ich mir eine Feluke mieten konnte.“
„Ja, wenn ich im Süden bin, werde ich das sicher einrichten können. Ich werde sie von dir grüßen.“
„Ja, es war vor allem der Mönch namens Immanuel, der mich gerettet hat.“
„Gut, Ardeth. Nun muss ich aber gehen. Die sorgen sich sonst um mich zu Hause. Und werden argwöhnisch. Lebe wohl, mein lieber Neffe!“
„Lebe wohl, Onkel Leslie!“
Sie drückten sich lange. Leslie verließ das Zimmer unter Tränen, und auch Ardeth bekam feuchte Wangen. Sie würden sich vermutlich nie mehr wieder sehen. Als er in den Spiegel schaute, waren seine Tätowierungen teilweise sichtbar geworden. Er konnte nicht verleugnen, was er im Grunde seines Herzens war.

„Entschuldigen Sie, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“
Aus seiner Lektüre gerissen, dem Wörterbuch, starrte Ardeth geradezu einer jungen Dame ins Gesicht. Über Wochen hatte er in seiner Kabine gehockt, während der gesamten Überfahrt nach Genua, danach im Hotelzimmer und auch auf diesem Schiff vermied er in der ersten Woche jeglichen Kontakt. Doch dann hatte es ihn nicht mehr drinnen gehalten, er musste an die frische Luft. In der letzten Nacht hatte das Schiff sehr geschaukelt. Es war zwar riesengroß, so ein großes Schiff hatte Ardeth noch nie zuvor gesehen, aber sie waren mittlerweile auf dem Atlantik und da wehten zuweilen heftige Winde. Nun hatte er sich erstmals nach draußen getraut, sich vollständig gemäß den Anweisungen seines Onkel verkleidet und sich schüchtern auf eine Bank in einer Ecke gesetzt, damit er bloß nicht allzu sehr auffiel. Und nun sprach ihn doch jemand an. Er war sehr irritiert. Was sollte er der jungen Frau antworten?
„Äh... ja....“, stammelte er, sichtlich verlegen. Und doch blieb sein Blick an dem ihrigen haften. Ihr Blick... Sie bedankte sich artig und setzte sich. Ihr Englisch hatte einen merkwürdigen Akzent. Sie hatte ihn kurz angelächelt und kramte soeben in ihrer Tasche, die sie bei sich trug. Ardeth schaute sie immer noch an. Dann wurde ihm bewusst, dass es nicht schicklich war, ein Mädchen so anzustarren und er schaute verlegen in sein Wörterbuch. Aber er las kein einziges Wort. Er überlegte kurz, ob er die Flucht ergreifen sollte, aber erstens wäre es unhöflich gewesen, zweitens wollte er in seinem Innersten gar nicht weg. Sie hatte auch ein Buch herausgeholt. Ihr Blick fiel auf sein Buch.
„Oh“, meinte sie, „Sie lernen Spanisch?“
„Ähm...ja...“ Er war in seinem ganzen Leben noch nie so verlegen gewesen. Aber da sie ihn angesprochen hatte, konnte er sie wieder anschauen. Ganz intensiv ruhten seine sanften Augen auf ihren Augen. Da wurde sie still. Keiner sagte mehr etwas. Ihre Augen sprachen.

Ardeth lag auf dem breiten Bett in seiner Luxuskabine. Ihm war merkwürdig zumute. Wochenlang hatte er sich mit Selbstvorwürfen geplagt, weil er sich an allem schuld fühlte, war so betrübt gewesen, weil er seine Heimat verlassen musste, und jetzt? Ihm ging dieses Mädchen nicht mehr aus dem Kopf.
„Emilia“, sagte er leise und wiederholte den Namen mindestens zehn Mal.
So wurde sie gerufen, nachdem die beiden jungen Menschen scheinbare Ewigkeiten auf der Bank schweigend gesessen hatten. Eine andere Mädchenstimme hatte „Emilia“ gerufen, sie war verlegen aufgestanden, hatte Ardeth angelächelt, bevor sie sich umwandte und ging. Wie oft hatte er diese Szene in seinen Gedanken sich wieder vor Augen gerufen! So lag er und war unfähig einzuschlafen. Oh, er musste einfach an den Ort des Geschehens zurückkehren. Es war längst dunkel draußen, sicher war es schon tiefe Nacht. Vom Gang drangen keine Geräusche mehr zu ihm herein. Niemand würde mehr an Deck sein. Ardeth behielt seine schwarze Hose und das Hemd an, was er unter seinem Kriegergewand zu tragen pflegte. Er fühlte sich darin am wohlsten und trug es in der Kabine. Er war ja bislang nur einmal in der vergangenen Woche vor die Tür gegangen und hatte sich nur zu diesem Zweck in diesen schrecklichen Anzug quälen müssen. Heute Nacht musste er nicht den reichen Kaufmann mimen. Er nahm den schwarzen Schesch und wickelte sich das Tuch um den Kopf. Wenn ihm wider Erwarten doch jemand über den Weg laufen würde, würde er sich eben schnell verschleiern. Er wollte sich jetzt nicht schminken, er wollte so schnell wie möglich zu dem Ort gehen, wo er Emilia getroffen hatte.
Als er an Deck trat, sah er über sich ein prachtvolles Sternenzelt. Wie wunderschön! Er trat an die Reling, stützte sich mit den Händen ab und schaute erfurchtsvoll nach oben. Oder verzaubert? Beides... Wie lange hatte er die Sterne nicht mehr betrachtet? Das letzte Mal in der Feluke, als er sie zu fragen schien, wohin ihn sein trauriger Weg führen würde. Nein, er wollte jetzt keine traurige Erinnerungen herbeirufen, er wollte nur zu dem Ort, wo er Emilia getroffen hatte. Leicht war sein Schritt und er lächelte. Emilia! Oh, wie sie ihn angeschaut hatte! Alles lag in ihrem Blick! Die ganze Welt! Er breitete die Arme aus und schien zu dem Ort zu fliegen! Noch um die Ecke, dann würde er sich auf der Bank niederlassen und die ganze Nacht dort an Emilia denken! Er wollte heute nicht schlafen. Er konnte heute auch nicht schlafen!
Doch auf einmal blieb er abrupt stehen: Die Bank war besetzt! Es sah eine Gestalt dort sitzen und trat enttäuscht einen Schritt zurück und zog sein Tuch vor das Gesicht, prüfte, ob es tief genug in die Stirn gezogen war. Er war ganz durcheinander. Er wollte doch nur hier allein sein und an Emilia denken dürfen. Ihren Duft einatmen, den sie am Nachmittag hinterlassen hatte. Er lugte vorsichtig um die Ecke, ob die Gestalt noch da war. Sie war zierlich und trug ein Kleid. Eine Frau also. Eine Frau? Ardeth stockte der Atem. Sein Herz schlug ganz laut, so dass er seine Hand zum Herzen führte, damit es sich beruhigte. Ihm wurde im ganzen Körper heiß. Meine Güte, es war Emilia, die da saß!

Auch Emilia hatte nicht schlafen können. Am späten Nachmittag war sie von ihrer jüngeren Schwester Nina zum Essen gerufen worden. Seitdem sie auf der Bank neben dem Fremden gesessen hatte, ging er ihr nicht aus dem Kopf. Dabei hatten sie sich doch gar nicht unterhalten, sondern nur angestarrt. Immer wieder hatte sie sich die Szene vor Augen gerufen. Er saß dort mit seinem Wörterbuch. Also lernte er Spanisch. Also fuhr er auch nach Südamerika, so wie sie! Wo sollte er auch sonst auf diesem Schiff hinfahren? Aber er sah so anders aus. Er hatte einen blauen Turban getragen, tief ins Gesicht gezogen. Ein Orientale. Aber was für ein Blick! Als wollte er in ihre Seele damit schauen. So ein ernster und zugleich melancholischer Blick! Sie sehnte sich danach, ihn wiederzutreffen. Doch zunächst musste sie sich umkleiden und dann in den eleganten Speisesaal zum Dinner gehen. Als sie vor dem Kleiderschrank, den sie mit ihrer Schwester teilte, stand, wusste sie nicht, was sie anziehen sollte, wusste sie nicht, was sie hier überhaupt tat. Sie rief auf einmal halblaut: „Oh ich kann dich jetzt verstehen, Gretchen!“
Ihre Schwester Nina schaute fragend zu ihrer Schwester. „Was hast du gesagt?“
„Och nichts...“
„Du bist auf einmal so merkwürdig.“
„Ich, ähm, ich musste an das Gretchen aus dem Faust denken. Das ist alles.“
„Sonderbar...“, meinte ihre Schwester, die vier Jahre jünger war als Emilia.
Nebenan lag die Kabine ihrer Eltern, eine Zwischentür trennte die beiden Räume, doch jeder Raum besaß auch eine Tür zum Gang hin. Die Tür war halb angelehnt. Auch nebenan kleideten sich die Eltern zum Essen.
„Seid ihr fertig?“, rief die Mutter.
„Ich ja“, antwortete Nina laut, „doch Emmy zitiert lieber Faust, oder besser gesagt Gretchen...“
Emilia schnitt der Schwester eine Grimasse.
„Oh, Faust!“, sagte der Vater mit tiefer lauter Stimme, in der sichtliche Begeisterung lag. Zu allem Überfluss fing er mit seinem Bass zu singen an: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde, ich finde sie nimmermehr...“
„Papa!“, protestierte Emilia von nebenan. Das waren genau die Worte, die ihren Gefühlszustand im Moment beschrieben. Sie fühlte sich irgendwie ertappt und wollte doch nicht ertappt werden. Sie beeilte sich, ein formelles Kleid anzuziehen. Nach dem Dinner würde sie ganz schnell wieder zu der Bank zurückkehren, das nahm sie sich vor. Doch ihr Vater wollte mit ihnen eine Runde Karten spielen, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als den Abend mit ihrer Familie zu verbringen.
Sie lag wach. Starrte an die Decke. Gegenüber schlief Nina längst einen seligen Schlaf. Sie lag auf dem Rücken und schnarchte. Doch das störte Emilia nicht, die mit ihren Gedanken ganz woanders war.
„Wo ich ihn nicht hab, ist mir das Grab...“, murmelte sie Gretchen zitierend, „seine hoher Gang, sein edle Gestalt, seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt...“ Sie hielt inne. Seine Augen Gewalt! Seine Augen hatten sie verzaubert! Ach, sie konnte nicht hier in dieser engen Kabine bleiben. Sie musste wieder zu dem Ort, wo sie ihn getroffen hatte, wohin sie schon den ganzen Abend wollte. Sie musste es heimlich tun, niemand sollte es mitbekommen. So schlich sie leise nach draußen, hatte sich ein einfaches Kleid angezogen und einen Schal gegen den Wind umgebunden. Sie ging sofort zu der Bank, doch setzte sich nicht gleich, denn der Ort war viel zu kostbar, als sich gleich hinzusetzen. So stellte sie sich an die Reling und betrachtete die Sterne. Endlich war sie allein, endlich konnte sie frei singen. So ertönte in der Nacht ungehört Gretchens Lied. Immer euphorischer steigerte sie die Worte Goethes zur dramatischen Melodie Schuberts: „Und küssen ihn, so wie ich wollt, an seinen Küssen vergehen wollt! An seinen Küssen vergehen sollt! Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer...“
Nach drei Durchgängen war sie heiser. Ziemlich weit unter ihr klatschte jemand Beifall. Es musste wohl ein Matrose sein, der noch arbeitete. Erschrocken wich sie einen Schritt zurück. Doch sie wollte nicht weggehen. Jetzt war sie bereit, sich auf die Bank zu setzen. Sie strich langsam über das polierte Holz. Streichelte die Bank. Ob sie ihn je wiedersehen würde? Gewiss, beruhigte sie sich, er reist ja auf dem gleichen Schiff. Doch sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen, und sie waren doch schon eine Woche an Bord. Er war auch nie im Speisesaal gewesen. Ob er nur eine Erscheinung gewesen war? Doch Emilia war nicht unrealistisch. Ihr kam in den Sinn, dass er vielleicht ein Dritte-Klasse-Passagier gewesen war, der sich nach oben verirrt hatte. Das mag der Grund gewesen sein, warum sie ihn noch nie gesehen hatte. Also müsste sie sich morgen zur dritten Klasse hinunterschleichen. Sie nahm sich fest vor, den Fremden wiederzusehen, auch wenn ihr dann vermutlich das Herz stehenbleiben würde.

Das Herz blieb ihr nicht stehen, als es laut seitlich hinter ihr polterte und sie den Fremden sah, der seinen Kabinenschlüssel aufhob und verlegen zu ihr hinüberschaute. Eigentlich hatte Ardeth zurückweichen wollen, denn er traute sich nicht zu Emilia hin. Doch dafür war es jetzt zu spät. Er stand wie angewurzelt da und schien den Atem anzuhalten. Sie war aufgesprungen, weil sie sich zunächst erschrocken hatte. So standen sie sich gegenüber in ca. vier Meter Entfernung. Er wirkte noch viel fremder als am Nachmittag, denn er trug den Anzug nicht mehr und hatte ein Tuch vor den Mund gezogen. Nur die Augen waren frei und schauten sie genauso an wie am Nachmittag. Seiner Augen Gewalt! Ardeth war gar nicht bewusst, dass er ganz anders auf sie wirkte als vorher. Auch er schaute sie an und wusste nicht, was er machen, sagen sollte.
Schließlich brachte er ein „Guten Abend“ über die Lippen. Sogleich fiel ihm ein, wie albern das war, denn es war tiefste Nacht. Unsinnigerweise erwiederte sie diesen Gruß. Emilia fiel ein, dass es sich eigentlich nicht schickte, wenn ein Mädchen in ihrem Alter hier allein war. Sie versuchte diesen Umstand zu entschuldigen, indem sie stotternd hervorbrachte, dass sie glaubte, am Nachmittag ihr Buch hier vergessen zu haben und jetzt danach suchte. Kaum hatte sie es gesagt, ärgerte sie sich, denn es war ja ganz unsinnig, mitten in der Nacht danach zu suchen. Was musste der Fremde jetzt von ihr denken? Der war allerdings auch nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch er gab sich einen Ruck und trat schließlich zu ihr hin, und, unglaublich, tat so, als wolle er ihr beim Suchen helfen. Mitten in der Nacht! Nach ein paar Minuten gemeinsamen Suchens meinte sie:
„Ist wohl doch nicht hier.“ Und da sie jetzt keinen Grund mehr anbringen konnte, hierzubleiben, wollte sie sich verabschieden, denn, soviel wusste sie, es gehörte sich einfach nicht, dass sie hier allein mit dem Fremden mitten in der Nacht zusammen war. „Dann geh ich mal. Gute Nacht!“
Ardeth stand neben ihr und erwiederte: „Ja...“ Mehr brachte er nicht heraus, bis sie sich langsam zum Gehen anschickte. Da rief er: „Nein!“ Und Emilia drehte sich um. Ja? Nein?
„Nein, bitte gehen Sie nicht!“
Emilia sah ihn an, ihr Blick suchte den seinen. Ihr Mund erbebte. Ardeth zögerte nicht länger. Er nahm seinen Schleier ab, zog sie an sich und küsste sie lange und intensiv.

„Emila!“, rief Nina und zog ihr die Bettdecke über den Kopf. „Emilia!“
Immer, wenn sie Emilia statt Emmy sagte, hatte sie etwas zu beanstanden.
„Es gibt Frühstück! Du hast noch nicht mal die Morgentoilette gemacht!“
Emilia rieb sich müde die Augen. Sie musste erst mal wach werden.
„Meine Güte, seit wann verschläfst du denn? Los, steh schon auf, du Murmeltier!“
Emilia streckte sich und lächelte zufrieden. Und küssen ihn, soviel ich wollt, an seinen Küssen vergehen wollt!

In den nächsten Tagen trafen sie sich regelmäßig auf der Bank. Sie gaben vor, Spanisch zu lernen, was sie auch taten. Und in den Nächten trafen sie sich heimlich. Nicht jede Nacht, denn es wäre wohl aufgefallen. Emilia hatte erfahren, dass der Fremde Ardeth Bay hieß, sich aber Mohammed Garadh nannte. Dass er tagsüber Schminke und Handschuhe trug, weil er nicht wollte, dass jemand seine Tätowierungen sah. Nachts fuhr sie mit dem Finger auf den mysteriösen Zeichen entlang. Er hatte ihr seine Geschichte anvertraut. Jedenfalls eine Kurzform davon, denn die Zeit war viel zu kostbar, als sie mit solchen traurigen Geschichten zu vertun. Er hatte erfahren, dass sie Emilia Leyden hieß und mit ihrer Familie nach Argentinien auswanderte. Ihr Vater war Deutscher, ihre Mutter Italienerin. Sie hatte noch eine Schwester, Nina. Ihr Onkel, der Bruder ihres Vaters, war in Argentinien ein reicher Mann geworden, ein Industrieller, der sie nun zu sich rief, damit sie der Kriegssituation in Europa entgingen. Er hatte auch die teuren Schiffspassagen bezahlt. Sie war eine wohlerzogene junge Dame, die auch Französisch gelernt hatte. So unterhielten sie sich teilweise auf Englisch, teilweise auf Französisch, je nachdem, wo ihnen die Worte eher einfielen. Sie versuchten auch, am Tag Dialoge auf Spanisch zu führen, denn das war ja die Sprache, die beide lernen wollten. Nach sechs Tagen verabredeten sie sich wieder für eine nächtliche Sitzung auf ihrer Bank.
Mitternacht war vorbei, als sie sich trafen und küssten. Es war die dritte Nacht, die sie hier verbrachten. Beiden war klar, dass sie füreinander bestimmt waren. Keiner der beiden hatte Zweifel an der eigenen Liebe oder der Liebe des anderen. So war es für Emilia nicht verwunderlich, als Ardeth sie fragte, ob sie seine Frau werden wolle, auch wenn sie sich keine Woche lang kannten. Sie bejahte. Doch Ardeth gab ihr zu bedenken, dass er zwar im Exil leben müsste, aber in seine Heimat zurückgerufen werden könnte, was zwar unwahrscheinlich war, aber wenn es geschehen würde, verpflichtete sein Eid ihn dazu. Emilia versicherte, ihm überall hin zu folgen. In dieser Nacht dachte sie nicht an ihre Eltern. Für sie stand glasklar vor Augen, dass sie Ardeths Frau werden würde. Es gab keine Zweifel.

Am Nachmittag des nächsten Tages umarmten sie sich wie ein altes Paar. Emilia bat Ardeth darum, an dem Abend mit zum Dinner in den Speisesaal zu kommen anstatt in seiner Kabine zu speisen. Es wäre Zeit, ihn ihren Eltern vorzustellen. Längst wunderten sich Schwester und Mutter über ihr Benehmen. Ihre Mutter hatte jeden jungen Mann beim Essen gemustert, ob er verstohlen Blicke zu Emilia hinüberwarf. Es gab einige, doch keiner schien der Mutter wirklich verdächtig. Sie befragte ihre Tochter, doch sie gab sich am Anfang zögelich. Doch nach Ardeths Heiratsantrag fühlte sich Emilia bestärkt. Sie erklärte, sie werde ihnen bald einen Mann vorstellen.
„Ich habe den Ober schon gebeten, einen weiteren Stuhl heute Abend an unseren Tisch zu stellen.“
Ardeth fühlte sich etwas unwohl dabei, doch Emilia hatte recht: Sie mussten jetzt Nägel mit Köpfen machen. Sie konnten sich nicht weiter heimlich treffen. Sie fühlten sich bereits wie ein Paar.
„Mein Vater wird dich ausfragen, sei darauf vorbereitet.“
„Wird er einen Fremden akzeptieren?“
„Ich weiß nicht. Ich hoffe es. Eigentlich ist er sehr weltoffen.“
„Wir sitzen in aller Öffentlichkeit. Ich kann ihm nur erzählen, dass ich Mohammed Garadh bin.“
„Deinen richtigen Namen kannst du ihm in Argentinien sagen, wenn wir das Schiff längst verlassen haben. Er muss Verständnis dafür haben. Wichtig ist jetzt, dass er einverstanden mit der Heirat ist. Ich möchte, dass der Kapitän uns noch auf dem Schiff traut.“
Emilia war sehr resolut. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab es nur noch dieses Ziel für sie. Aber Ardeth drängte auch das Verlangen, sie zu seiner Frau zu machen.
In den letzten Tagen hatte er sich merkwürdig frei gefühlt. Zum ersten Mal war ihm bewusst geworden, dass ihn nun nicht mehr sein Amt, seine Familie, seine Geschichte einschränkte, die Last der Verantwortung ihn drückte. Nein, er war frei und konnte tun und lassen, was er wollte. Er hatte viele Wochen um sein Schicksal geweint, seiner Heimat nachgetrauert, doch nun stand für ihn fest, dass es einen Neuanfang geben würde: mit Emilia an seiner Seite. Wie seltsam, eben war noch jegliche Lebenskraft in ihm erloschen und nun war alles so schön!
„Vergiss nicht, 19 Uhr. Sei pünktlich! Mein Vater legt Wert auf Pünktlichkeit!“, riss Emilia ihn aus seinen Gedanken.
Er nickte. Sie gab ihm einen Kuss zum Abschied und zwei ältere Damen schauten etwas pikiert zu ihnen hinüber und tuschelten sogleich.

Ardeth war ziemlich nervös. Er kannte die Familie von Emilia nicht. Emilia hatte angeraten, sich auf Französisch zu unterhalten. Er hatte sich viel Mühe beim Ankleiden gegeben, ja sogar den Schiffssteward gerufen, um ihm beim Krawattebinden zu helfen. Der Steward freute sich, dass Ardeth endlich einmal im Saal essen würde und sich nicht mehr in seiner Kabine verkroch.
Überpünktlich betrat er den Speisesaal, wo auch schon eine sehr nervöse Emilia wartete. Doch von ihrer Familie fehlte noch jede Spur.
„Sie kommen gleich“, begrüßte sie Ardeth. „Ich bin vorausgeeilt. Hier, das ist unser Tisch. Halte meiner Mutter den Stuhl hin, ja? Und gib ihr einen Handkuss.“
„Handkuss?“
„Hast du noch nie einen Handkuss gegeben? Nein? Dann lass es lieber.“
Emilia wollte keine Peinlichkeiten riskieren. In dem Moment betraten die Eltern und Nina den Saal. Der Vater blieb zunächst stehen und warf einen sehr ungläubigen Blick in Richtung von Ardeth, während seine Frau und Nina weitergingen und mit großen Augen den fremden Mann anstarrten.
Emilia nahm Ardeths Hand in die ihre und drückte sie. Sie machte sich und Ardeth Mut.
Ihr Vater eilte hinterher und kam gleichzeitig mit seiner Frau und Tochter am Tisch an.
„Darf ich euch Herrn Mohammed Garadh vorstellen? Er würde heute gern an unserem Tisch speisen. Mohammed, das sind meine Eltern, Herr und Frau Leyden, und meine Schwester Nina.“
Brav reichten sie einander die Hände. Aber Emilia konnte an den Gesichtern ihrer Eltern ablesen, dass sie keineswegs entzückt waren.
„Ich bin erfreut, Sie endlich kennenzulernen!“, sprach Ardeth höflich.
„Wie kommt es, dass wir Sie hier noch nie gesehen haben? Reisen Sie nicht erster Klasse?“
„Aber Hermann!“, tadelte seine Frau, der es offensichtlich peinlich war, dass ihr Mann gleich mit der Tür ins Haus fiel, noch bevor sie sich gesetzt hatten. In der Zwischenzeit kam ein Ober dem verdatterten Ardeth zuvor und schob Frau Leyden den Stuhl zurecht. Sie setzten sich, während Ardeth antwortete: „Doch, ich reise erster Klasse. Mir war nicht sehr wohl bei dem Seegang. Daher war ich gezwungen, eine Art Diät auf der Kabine zu mir zu nehmen.“
„Achja, der Seegang! Der hat mir auch zu schaffen gemacht“, sprach Emilias Mutter schnell.
Der Ober reichte die Menu-Karten. Man war mit dem Auswählen beschäftigt. Emilias Vater kostete dann den Wein, den er für alle bestellte.
„Sie trinken doch hoffentlich Wein?“
„Durchaus, Herr Leyden.“
„Ah, ich dachte schon, Sie wären einer von diesen Muselmanen, die nie Alkohol trinken.“
Ardeth wusste, dass der Abend fürchterlich werden würde. Vorurteile waren nur sehr schwer zu beseitigen. Verlegen schaute auf die Tischplatte, während Emilia das Wort ergriff:
„Papa, Ar...Mohammed ist ein Musel...ähm, ein Moslem.“
„Oh“, brachte Herr Leyden etwas überrascht hervor.
„Ich trinke aber durchaus Wein“, beteuerte Ardeth noch einmal, um die Situation zu retten.
„Und Sie essen auch Schweinefleisch?“, wollte nun die Mutter wissen. „Wissen Sie, ich habe gerade vor wenigen Tagen hier an Bord eine Frau kennengelernt, die mir interessante Dinge über die Unterschiede der verschiedenen Religionen berichtet hat. Die Juden und die Moslems, sagte sie mir, würden kein Schweinefleisch essen. Die Moslems würden nämlich glauben, alle Juden seien Schweine, und die Juden würden...“
„Anna“, unterbrach sie ihr Mann.
„Ich kann Ihnen versichern, dass ich kein Schweinefleisch esse“, meinte Ardeth und blieb beherrscht höflich, wie Emilia zufrieden feststellte. „Ich esse nämlich überhaupt kein Fleisch.“
„Kein Fleisch?“, fragte der Vater nach.
„Nein, seit meinem 10. Lebensjahr nicht mehr.“
„Und warum?“
„Sicher aus religiösen Gründen!“, warf Anna Leyden ein.
„Nein, ich sollte meine Lieblingsziege schlachten, und da wurde mir bewusst, dass das Fleisch, das ich bislang gegessen hatte, von unseren lieben Tieren stammte.“
„Lieblingsziege?“, wiederholte Emilias Vater mit einem merkwürdigen Tonfall. „Sie haben Ziegen gehütet?“
„Äh...ja.“
„Aber Sie reisen erster Klasse, ja?“
Es war ein schreckliches Verhör.
„Ja.“ Mehr brachte Ardeth nicht hervor.
„Haben Sie denn noch etwas anderes als Ziegenhüten gelernt?“
Der Ober trug inzwischen die Vorspeise auf und lauschte amüsiert dem Gespräch.
„Ja. Ich habe einige Sprachen gelernt.“ Vom Kriegerdasein wollte er erst einmal nichts erwähnen.
„Achja, achja. Sie sprechen ein ganz akzeptables Französisch.“
Emila fand, dass Ardeths Französisch viel besser war als das ihres Vaters, aber sie wollte das jetzt lieber nicht anbringen.
„Wozu haben Sie als Ziegenhirte Französisch gelernt?“
Emilia seufzte. Ihr Vater konnte manchmal sehr direkt sein. Sie ahnte aber, dass er das machte, um Ardeth zu testen, ob er die Ruhe behielt. Er wollte seinen wahren Charakter erforschen und natürlich alles über ihn herausfinden. Ardeth wusste nun gar nicht, inwieweit Emilias Eltern von ihren Heiratsplänen wussten. Er beschloss, erst mal brav die Konversation fortzuführen.
„Ich habe natürlich nur in meiner Kindheit Ziegen gehütet. Später habe ich dann bei meinem Vater gelernt. Er war ein Kaufmann. Leider ist er verstorben. Aber er hat mir ein Vermögen vererbt. Daher kann ich jetzt auch erster Klasse reisen.“
Hermann zog die Augenbrauen hoch.
„Und Sie hoffen, als Araber Ihr Glück in Südamerika zu machen? Ist das nicht ein bisschen... ungewöhnlich?“
„Papa, Ar...Mohammed ist kein Araber, sondern Ägypter.“
„Ahso. Wie interessant! Darüber müssen wir gleich sprechen, das ist ja sehr interessant.“
Anna seufzte auf. Sie ahnte, was kommen würde. Ihr Mann verschluckte geradezu jede Zeitungsnachricht über alte Funde in Ägypten, hatte in Deutschland sie von einer Ausstellung zur nächsten geschleift, in der so fürchterliche Dinge wie Mumien gezeigt wurden. Tatsächlich legte Hermann auf einmal keinen Wert mehr auf die Beantwortung seiner ursprünglichen Frage, sondern sprach, kauend, gleich weiter:
„Ich hoffe, Sie interessieren sich auch ein wenig für Ihre eigene Kultur!“
Ardeth wusste nicht so ganz, was Herr Leyden damit meinte, daher wiederholte er: „Meine eigene Kultur?“
„Naja, als Ziegenhirte oder Kaufmann haben Sie sicherlich nicht allzu viel von der überaus interessanten Geschichte Ägyptens mitbekommen.“ Emilias Vater machte sich keine Hoffnungen auf einen interessanten Gesprächspartner. Doch wollte er wissen: „Aber vielleicht haben Sie schon die Pyramiden gesehen?“
„Welche Pyramide meinen Sie?“
Herr Leyden seufzte auf. Ardeths Nachfrage klang für ihn, als wüsste der junge Mann nicht, wovon er überhaupt sprach. Dabei hatte Ardeth wissen wollen, welche spezielle Pyramide ihm vorschwebte, denn es gab ja an die 100 davon.
„Ach, ich schreibe es Ihrer Jugend zu, dass Sie davon keine Ahnung haben! Ein Ägypter, der die Pyramiden nicht kennt!“
Ardeth war etwas irritiert und wollte etwas erwidern, doch Emilia stieß ihm gegen das Schienbein, und er wusste nun gar nicht, woran er war. Schon sprach ihr Vater weiter.
„Dann kommen wir mal auf meine alte Frage zurück. Was wollen Sie in Amerika?“
„Ich gehe nach Südamerika, um dort mein Glück zu machen. Meine Verwandten wollten mich nach dem Tod meines Vaters unrechtmäßig enterben. Man empfahl mir, vorsichtshalber das Land zu verlassen. Südamerika schien mir interessant.“
Der Ober räumte die Teller ab, bevor er die Hauptmahlzeit brachte. Eine peinliche Stille entstand. Emilias Vater hatte offensichtlich genug gehört. Er sah nicht sehr zufrieden aus. Emilia sank der Mut. Sie nahmen schweigend das Hauptgericht ein. Emilias Mutter fühlte sich bemüßigt, etwas zum Besten zu geben: „Wie haben Sie meine Tochter eigentlich kennengelernt?“
„Wir lernen zusammen Spanisch“, antwortete Ardeth. „Das heißt, Ihre Tochter bringt es mir bei. Sie kann die Sprache ja schon sehr gut sprechen.“
„Davon wusste ich ja gar nichts, Emmy, ich meine, dass du Spanisch lernst, oder besser: lehrst.“
„Es wäre schön gewesen, wenn du uns davon erzählt hättest, Emilia“, tadelte sie ihr Vater, sodass sie verlegen auf die Tischdecke schaute. „Du kannst doch nicht einfach mit einem wildfremden Mann Spanisch lernen.“ Dann wandte er sich an Ardeth: „Es tut mir leid, wenn meine Tochter Sie belästigt haben sollte. Ich versichere Ihnen, das wird nie wieder vorkommen.“
Ardeth verstand die Welt nicht mehr, aber sah von der Seite, dass Emilia Tränen in den Augenwinkeln blitzten. Ihr Vater würde ihr den Umgang mit Ardeth verbieten!
Der Ober servierte den Hauptgang. Das gab Ardeth Zeit zum Überlegen. Er fasste sich ein Herz. Diese Komödie musste ein Ende haben. Wenn er eins in den letzten Monaten gelernt hatte, dann, dass er die Dinge gleich richtig stellen musste. Kaum hatte sich der Ober entfernt, sprach er ernst:
„Herr Leyden, Frau Leyden, Emilia und ich kennen uns schon sehr gut. Wir haben beschlossen, unser Leben miteinander zu verbringen. Ich bitte Sie hiermit um die Hand Ihrer Tochter! Ich
versichere Ihnen, ich werde gut auf sie aufpassen.“
Emilias Mutter ließ die Gabel fallen. Nina blieb der Mund offen. Herr Leyden starrte Ardeth an, als käme er vom Mond. Und Emilia schaute Ardeth bewundernd an. Als erste fand Emilias Mutter ihre Sprache wieder: „Sie wollen sie ... heiraten?“
„Ja“, erwiderte Emilia, die ihr Selbstbewusstsein wiedererlangt hatte, „und ich ihn!“
Die Speisenden an den Nachbartischen waren längst aufmerksam geworden. Emilias Vater traute sich nicht die Antwort zu geben, die ihm auf der Zunge lag. Am liebsten hätte er mit der Faust auf den Tisch gedonnert und Ardeth angeschrien. Doch Emilia und Ardeth warteten gar keine Antwort ab. Verliebt schauten sie sich an und sahen nur sich. Ihre Hand ruhte in seiner. Ein entzückendes Bild! Anna war sehr gerührt und legte nun ihrerseits ihre Hand auf die ihres Mannes und sah ihn mit großen Augen an. Da bemerkte er, was vor sich ging. Auch sein Herz ging aus dem Leim, denn er war im Grunde genommen ein sehr empfindsamer Mensch. Doch er musste noch einiges klären, bevor er sein Einverständnis gab. Er räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen, doch Ardeth und Emilia ließen sich nicht stören.
„Entschuldigen Sie, junger Mann“, tatsächlich wandte sich ihm Ardeth mit lächelndem Gesicht zu.
Gott, ist er schön, dachte Emilias Mutter.
„Wir müssen da noch einiges vorher klären. Emilia ist noch sehr jung. Sind Sie denn alt genug für eine Ehe, die ja immerhin Verantwortungsbewusstsein umfasst, gerade als Ehemann?“
„Ich bin erwachsen, Herr Leyden, falls Sie das meinen. 21 Jahre alt.“
„Emilia stammt aus einer ehrenwerten Familie. Was ist mit ihrer? Ich hoffe, es sind alles aufrechte Menschen.“
„Ja, das kann ich Ihnen versichern, Herr Leyden.“
„Sie sind doch in ordentlicher Ehe gezeugt worden?“
„Natürlich.“
„Und Ihr Vater hatte mehrere Frauen?“
„Nein, nur eine Ehefrau.“
„Wobei wir bei der Religion sind: Emilia bleibt katholisch!“
„Das steht ihr frei.“
„Sie werden mit ihr in Südamerika leben. Argentinien ist ein katholisches Land. Die Kinder, die Gott ihnen schenken wird, sollten katholisch erzogen werden.“
„Ja, das wäre vernünftig.“
Emilia glaubte ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. Ihr Vater schien einverstanden!
„Sie werden Emilia immer gut behandeln? Sie werden keine zweite oder dritte Frau nehmen?“
„Nein, ich werde nur Emilia heiraten. Und ich werde sie immer in Ehren halten.“
Er wandte sich seiner Tochter zu: „Du bist dir sicher, dass du einen Orientalen heiraten möchtest? Du weißt nicht, was auf dich zukommt! Er kommt aus einer völlig anderen Kultur!“
„Doch, Papa, ich weiß es. Ich kenne Ar...Mohammed sehr genau. Er ist der liebste Mensch, den du dir vorstellen kannst. Er würde mir nie ein Leid zufügen.“
„Hm, ich weiß nicht recht... Das geht mir ja eigentlich alles zu schnell“, überlegte der Vater. „Ich muss erst darüber nachdenken.“
„Ja, das kann ich verstehen, Herr Leyden. Wir möchten Sie auch nicht drängen. Ich bitte Sie nur, mich nicht von vornherein abzulehnen, weil ich kein Europäer bin.“
„Hm“, machte Emilias Vater. „Es geht mir ja nur um Emilias Wohl. Wissen Sie, Emilia ist ein sehr gebildetes Mädchen mit einem hohen kulturellen Anspruch. Es wurmt mich, dass sie sich ausgerechnet einen Mann ausgesucht hat, der ihr in der Hinsicht nichts bieten kann.“
„Woher willst du das wissen, Papa?“, fragte Emilia.
„Nunja, der junge Mann weiß ja noch offensichtlich noch nicht einmal, dass in seinem Heimatland die berühmten Pyramiden stehen. Meinst du, er hat schon einmal was von der Kultur des Abendlandes, geschweige denn von Goethe und Schiller gehört?“
Ardeth dankte im Stillen seiner Mutter im Nachhinein sehr, dass sie ihn mit den wichtigen Schriften dieser Welt vertraut gemacht hatte.
„Ich bin zwar nicht in Europa aufgewachsen und kann sicherlich lange nicht mit Emilias Wissenstand mithalten, doch ich freue mich darauf, mit ihr über die berühmten Gelehrten des Abendlandes reden zu können. Seien es die alten Griechen und Römer, von denen Sie meinen, sie begründeten die Basis Ihrer Kultur, oder die vielen Dichter und Denker der letzten 200 Jahre, die Europa so geprägt haben.“
„Papa, Ardeth ist sehr gebildet und ...“
„Ardeth?“
„Ich meinte Mohammed, ich nenne ihn halt immer Ardeth, weil das etwas bedeutet, was, das ist ja jetzt egal. Jedenfalls spricht er sogar Latein.“
„Du meinst, er kann Latein lesen“, erwiderte Hermann lässig, der aber sehr beeindruckt war, es aber nicht zeigen wollte.
„Nein, er kann es sogar sprechen, und zwar so, wie die Römer es gesprochen haben.“
„Woher will Herr Garadh wissen, wie die Römer gesprochen haben? Sie sind doch schon längst tot.“
„Seine Vorfahren haben es ihm überliefert. Die Römer waren in Ägypten, da haben es seine Vorfahren gehört und behalten.“
Herr Leyden schaute seine Tochter an, als hätte sie ihm einen Bären aufgebunden. Ardeth hielt es für angebracht, das Thema zu wechseln, bevor es hier ins Detail ging. Sie saßen immerhin noch im Speisesaal und waren längst in den Mittelpunkt der übrigen Passagiere gerückt.
„Jedenfalls“, sagte Ardeth schnell, „kenne ich auch die berühmten Pyramiden. Ich habe sieben davon von innen gesehen.“
Emilias Vater starrte ihn an, als käme er immer noch vom Mond und stieß dann ungläubig, aber fasziniert, hervor: „Sieben?!“
Und Ardeth zählte die Namen der Pyramiden in der richtigen chronologischen Reihenfolge der Erbauung auf. Die Augen von Emilias Vater wurden immer größer und glänzender. Der Ober deckte während Ardeth Vortrag die Teller ab und erkundigte sich dann, was die Herrschaften zum Dessert zu trinken wünschten. Alle bestellten Kaffee.
„Ich gebe zu, ich habe Sie unterschätzt, junger Mann.“
Emilia wusste, sie hatten gewonnen. Bildung war der ausschlaggebende Faktor bei ihrem Vater. Geld zählte nicht so sehr für ihn. Er freute sich auf anregende Gespräche mit dem Fremden. Mit seinem zukünftigen Schwiegersohn.
„Ich denke, ich kann euch schon heute Abend meinen Segen geben. Was meinst du, Annerl?“
Seine Frau war etwas durcheinander. Das ging doch ziemlich schnell.
„Nunja, er hat gute Tischmanieren...“, war alles, was sie verlegen dazu sagen konnte.
„Das heißt ja?“, fragte Emilia ganz aufgeregt, und ihre Mutter nickte. Emilia fiel Ardeth um den Hals, während die anderen Gäste applaudierten.

Noch in derselben Nacht trafen sich Ardeth und Emilia bei ihrer Bank. Sie lagen lange einander in den Armen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass er gleich ja sagen würde“, meinte Emilia erleichtert. „Ich hatte schon Angst, er würde dich ablehnen. Du warst sehr mutig, als du ihn einfach so gefragt hast. Mir war in dem Moment ganz anders.“
Sie sah Ardeth ganz verliebt an. „Wie gern würde ich endlich durch dein Haar streichen so wie du meines mit deinen Fingern gerade durchkämmst.“
„Bald, mein Stern, habe ein bisschen Geduld!“
„Warum trägst du immer ein Tuch oder einen Turban?“ Sie sah ihn neckend an. „Gib zu, du hast schon eine Halbglatze! Hu, wie mag das aussehen! Seitlich luken da dunkle Locken hervor, und obendrauf ist nichts!“
Ardeth musste selbst lachen bei dieser Vorstellung. „Nein, ich trage das Tuch, damit nicht alle meine Stirntätowierung sehen. Und ich habe keine Lust, sie auch noch zu überschminken. So ist es einfacher.“
„Aber wir sind hier allein! Nimm das dumme Tuch ab! Ich will sie sehen!“
„Wir sind hier nicht immer allein. Wie oft kam schon ein Matrose hier vorbei? Oder jemand, der nicht schlafen kann?“
„Wir könnten in deine Kabine gehen!“
„In meine Kabine? Und was würden wohl deine Eltern dazu sagen? Dein Vater hat mir gerade erst einen Vortrag über katholische Sittsamkeit gehalten.“
Tatsächlich hatte Herr Leyden sich Ardeth nach dem Essen noch einmal vorgenommen, allein in der Kabine der Leydens, aber er war nicht allzu streng mit ihm, sondern eher neugierig, was Ägypten anbelangte. Und so hatten sie einen sehr anregenden Abend, der erst endete, als Frau Leyden endlich schlafen wollte. Nina hatte inzwischen nebenan Emilia befragt, dann hatten sie versucht, das Gespräch nebenan zu erlauschen, bis ihre Mutter ihr Zimmer betrat und mit Emilia über Ardeth und die Ehe sprechen wollte. Sie hatte ihre Tochter nie so entschlossen erlebt.
„Ja, meine Mutter hat mir auch ins Gewissen geredet. Sie hat merkwürdige Vorurteile über Moslems. Das kommt wahrscheinlich von ihrem Gespräch mit dieser älteren Frau aus Mailand, die hier an Bord ist. Sie meint, du dürftest mich schlagen und ich müsste mich verschleiern und so...“
„Da hat sie nicht so unrecht“, neckte sie Ardeth in Revanche für die Halbglatze, doch an Emilia war seine Intention vorbeigegangen. Sie trat ernst einen Schritt zurück.
„Verzeih“, begriff Ardeth sofort die Situation, „das war nicht ernst gemeint. Niemals würde ich dich schlagen, Emilia! Und zieh an, was dich glücklich macht!“
Emilia wurde nachdenklich. Dann sagte sie leise: „Es ist fast wie bei Ortrud.“
„Bei wem?“
„Ortrud. Aus Lohengrin.“
Ardeth verstand rein gar nichts und sah Emilia fragend an.
„Ach, wie soll ich das so schnell erklären? Lohengrin ist ein edler Ritter. So wie du eben.“
„Was? Ich bin doch kein Ritter...“
„Doch, bist du. Schau dich doch mal an. Deine Haltung! Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden wie dich kennengelernt oder geschweige denn gesehen. Du wirkst wie ein... wie ein König eben... nein, noch viel besser. Warst du schon mal in Rom?“
Ardeth konnte Emilias Gedankensprüngen nicht ganz folgen. Er schüttelte mit dem Kopf.
„Ich war dort als Kind. Da gibt es viele Engel. Du weißt aber, was ein Engel ist?“
„Ja, auch im Islam gibt es Engel.“
„Dann kennst du sicherlich den Erzengel Gabriel?“
„Ja, der hat ja Mohammed angeblich den Koran gebracht.“
„Und Maria die Botschaft, dass sie schwanger vom Heiligen Geist ist. Naja, dieser Engel steht dort als Skulptur. Wunderschön, in weiß gemeißelt. In einer Hand das Schwert, hoch erhoben, den erhabenen Blick in die Ferne gerichtet, in Harnisch, und zu seinen Füßen die Bösen, besiegt von ihm. Weißt du, so kommst du mir vor! Naja, und ein bisschen auch wie der Schwanenritter Lohengrin, aber der ist ja auch von Gott gesandt worden wie der Engel Gabriel.“
Ardeth war leicht verwirrt. „Und wer ist jetzt Ortrud?“
Emila sprach hellauf begeistert weiter: „Ortrud ist eine böse Frau. Sie missgönnt der Herzogin Elsa, dass sie Lohengrin geheiratet hat. Weißt du, Elsa und Lohengrin sind ein Traumpaar. Er hat ihr in höchster Not geholfen, aber sie darf niemals wissen, wie sein Name ist und woher er kommt.“ Emilia stieß Ardeth von Seite an. „Ein bisschen so wie bei dir, nur dass es genau andersherum ist: Nur ich darf wissen, wer du wirklich bist.“ Sie kam wieder zum Thema zurück und bemerkte nicht, wie Ardeths Blick sich ein wenig mit Wehmut füllte. „Wenn Elsa ihn fragen würde, müsste er sie verlassen. Und Ortrud redet immer wieder auf sie ein, sie soll ihn fragen, er könnte ein Verbrecher sein und so. Sie weckt den Zweifel in Elsa. Dabei ist Lohengrin absolut erhaben. Doch Ortruds Taktik geht auf: Elsa fragt schließlich. Und Lohengrin muss gehen. Ach, Ardeth, jedesmal, wenn ich diese Oper gesehen habe, dann habe ich mich so über Elsa geärgert. Sie liebt ihren Lohengrin doch, warum also vertraut sie ihm nicht?“
„Ach, das ist eine Oper?“
„Ja, von Wagner. Weißt du, als wir noch in Deutschland waren, haben wir in der Nähe von Bayreuth gewohnt, in einem himmlischen kleinen Ort im Fichtelgebirge. Wir waren jedes Jahr bei den Festspielen.“
Ardeth sagten weder Bayreuth, noch Fichtelgebirge, noch Festspiele etwas. Aber er ließ die gerade so begeisterte Emilia weitersprechen.
„Schade, dass wir dort weggehen mussten. Ich war damals 15 Jahre alt. Ich durfte schon zweimal mit in die Oper.“ Sie sah Ardeth erwartungsvoll an. Da bemerkte sie, dass er nicht so ganz folgen konnte. „Ardeth, weißt du eigentlich, was eine Oper ist?“
„Ja, weiß ich, wir haben in Kairo ein Opernhaus.“ Und da war sie wieder, die Erinnerung an seine Familie, speziell an Ardjun und Claire. „Ich war aber noch nie drin gewesen.“
„Du warst noch nie in der Oper?“
Ardeth musste sich vorkommen, als hätte er etwas Entscheidendes in seinem Leben verpasst.
„Ohje, armer Paps... das ist sein Lieblingsthema, die Musik. Aber naja, er interessiert sich eigentlich für alles. Aber sei gewarnt: Er wird dir viel darüber erzählen.“
Noch mehr als eben Emilia? Ardeth sah sich langen Abenden ausgesetzt. Vor allem hatte er nicht ganz verstanden, warum Emilia den Vergleich mit Ortrud angeführt hatte.
„Sag mal, Emilia, warum hast du das von dieser bösen Frau eigentlich erzählt?“
„Ortrud?“ Emilia überlegte kurz. „Achja, wegen meiner Mutter. Sie sagt mir doch auch ständig, ich soll mich vor dir hüten. Und ich war vorhin wirklich drauf und dran, dir deinen Spaß zu glauben, nur weil meine Mutter vorher so geredet hatte.“ Emilia versuchte sich daran zu erinnern, worum es in dem Gespräch vor ihrer Bemerkung eigentlich ging, da fiel ihr wieder ein, dass sie Ardeth eigentlich gern ganz gesehen hätte, und zwar am liebsten allein in seiner Kabine. Sie sah ihn prüfend an. Er verdaute noch den Fluss an Informationen.
„Du hast auf der Stirn auch so eine Tätowierung?“ Sie wies auf seine rechte Wange.
Er nickte.
„Warum macht man das in deinem Volk?“
„Ich habe diese Zeichen nicht nur im Gesicht, sondern auf dem ganzen Oberkörper.“
Emilia sah Ardeth mit großen Augen an, doch der sprach ruhig weiter: „Sie bedeuten, dass wir die Wächter Ägyptens sind. Wir sind eigentlich das Eigentum des Großen Hauses, das heißt des Pharaohs, der gerecht und im Einklang mit den Göttern Ägpyten regiert.“
Emilia schaute ungefähr so wie Ardeth zuvor beim Thema Lohengrin. Ihre Ehe versprach, sehr spannend zu werden.
„Der Pharaoh repräsentiert auf Erden Horus, in der Ewigkeit Osiris und er muss dafür sorgen, dass die Maat eingehalten wird. Somit erstreckt sich auch unsere Aufgabe auf die Ordnung im Diesseits und im Jenseits.“
„Ardeth?“
Er sah sie lächelnd an und verstand, dass er sie genauso überforderte wie sie zuvor ihn. Doch Emilia hatte genau zugehört und ihr was aufgefallen, dass Ardeth in der Gegenwart sprach.
„Ardeth, du redest so, als würde es noch Pharaonen geben.“
Ardeth war etwas irritiert. Das war ihm gar nicht bewusst gewesen.
„Ihr tragt diese Zeichen also... in Erinnerung an die Pharaonen?“
„Wir tragen sie seit dem sogenannten Neuen Reich, eine der wichtigsten Zeiten in Ägypten, und es kann sein, dass es sogar schon davor war. Emilia, ich werde sie dir bald zeigen. Aber nicht heute Nacht. Wir müssen vernünftig sein. Deine Eltern waren gerade sehr großherzig, indem sie unserer Ehe zugestimmt haben. Nun dürfen wir sie nicht enttäuschen. Ich habe mit deinem Vater besprochen, dass wir schon in fünf Tagen heiraten, wenn der Kapitän einverstanden ist, den wir morgen fragen werden.“
„Und das sagst du mir erst jetzt? Ich werde in 5 Tagen heiraten? O Gott!“
Sie schlug die Hände aufgeregt vor ihr Gesicht.
„Falls der Kapitän...“
„Jaja, ich hab's verstanden, Ardeth! Aber was soll denn hier auf dem Atlantik dazwischenkommen? O Gott, was ziehe ich denn an?“
Ardeth seufzte. „Das blaue Kleid heute Abend stand dir sehr gut.“
„Ach, Ardeth, ich heirate natürlich in weiß. Und du musst schwarz anziehen.“
Nichts Neues für Ardeth.
„O Gott, ich bin ja so aufgeregt.“
Ardeth lächelte. In seinem Stamm waren die Frauen bei Hochzeiten auch immer so aufgeregt.
„Kannst du dich denn noch fünf Tage gedulden mit deiner Neugier?“, neckte er sie.
„Nein!“, zwinkerte sie ihm und riss ihm sein schwarzes Tuch vom Kopf. „Oh! Das sieht ja ganz anders aus als auf den Wangen! Und was für ein schönes Haar du hast!“
Ardeth seufzte, nahm ihr das Tuch aus ihrer rechten Hand und wickelte es sich wieder um.
Sie schmiegte sich ganz dicht an ihn. Er spürte, wie ihm ganz anders wurde bei dieser engen Umschlungenheit. Doch Ardeth hatte gelernt, sich zu beherrschen. Er nahm sie mit den Händen bei den Schultern, rückte sie ein wenig von sich weg und meinte: „Wir sollten jetzt schlafen gehen, Emilia, sonst werden wir morgen totmüde sein. Außerdem solltest du nicht so lange deiner Kabine fern bleiben. Und wir sollten uns vor unserer Hochzeit hier nicht mehr nachts treffen.“
„Ardeth“, protestierte Emilia, denn die nächtlichen Treffen hier waren so romantisch.
„Nein, es ist besser, wir verzichten darauf. Sei jetzt ein wenig vernünftig, Emilia. Lass uns nichts aufs Spiel setzen.“
Ardeth hatte in seinem Leben schon einiges erlebt und wollte jetzt keine Fehler machen. Emilia schmollte leicht, doch dann gab sie nach, aber sehr ungern.
„Wenn du es so möchtest...“
Er lächelte sie sehr lieb an. Dann küsste er sie auf die Stirn und sie trennten sich nach diesem ereignisreichen Tag.

Die nächsten Tage wurde besonders für Emilia sehr hektisch. Sie war sehr aufgeregt. Ihre Mutter und Schwester trugen das ihre dazu bei. Der Kapitän hatte sich einverstanden erklärt und Brautvater und Bräutigam darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Ehe in Argentinien bei einem Standesamt eintragen lassen müssten. Die Zeremonie sollte im kleinen Kreis stattfinden, anschließend würde man im Saal speisen und tanzen. Emilia sollte danach in Ardeths Kabine übersiedeln. Am Tage der Hochzeit durfte Ardeth die Braut vorher nicht sehen, also blieb er auf seiner Kabine. Sein Schwiegervater in spe kam zu ihm. Seit er in den vielen Gesprächen, die die beiden jenseits der Aufregung der Frauen führen konnten, erfahren hatte, dass Ardeth von den Pharaonen abstammte, war er seinem zukünftigen Schwiegersohn noch mehr zugetan. Er hatte mit ihm beim Bordjuwelier die Ringe besorgt und über die Zukunft des jungen Paares mit Ardeth gesprochen, der ihm zu verstehen gegeben hatte, dass er mit Emilia landeinwärts ziehen müsste. Er konnte nicht in Buenos Aires bleiben. Wovon sie leben sollten, wusste Ardeth auch noch nicht. Sie würden wohl eine kleine Farm erwerben wollen. Natürlich hatte Herr Leyden wissen wollen, warum Ardeth sich eigentlich vor seiner eigenen Familie verborgen halten musste, und Ardeth erzählte ihm von der geplatzten Verlobung. Er bemerkte, wie Herrmann Leyden aufatmete, denn er hatte schon Sorge, dass Ardeth ein Verbrechen begangen hatte. Ardeth sagte ihm auch ehrlich, dass das Geld von seinem Onkel stammte und er nicht wüsste, ob er immer genügend zur Verfügung haben würde. Außerdem konnte er sich sein ganzes Leben nicht auf seinen Onkel verlassen. Er würde vermutlich nicht so reich bleiben wie er es im Moment war. Ardeth hatte es auch Emilia gesagt, die ihm versicherte, dass es ihr nichts ausmachte würde, weniger reich zu sein. Herr Leyden war davon überzeugt, dass Ardeth ein sehr verantwortungsvoller Mensch war, dem er ruhigen Gewissens seine Tochter anvertrauen konnte. So war er am Tag der Hochzeit auch zuversichtlich. Die Aussicht auf ein gutes Glas Wein – es sollte den besten geben, der an Bord war – steigerte seine gute Laune deutlich.
„Nun, mein lieber Schwiegersohn“, sprach er, als er eintrat, „bereit?“ Und klopfte Ardeth auf die Schulter, der sich soeben in seinen schwarzen Anzug gekleidet hatte und die weißen Handschuhe überzog. Er hatte den blauen Turban gewählt, der etwas übertrieben orientalisch wirkte. Sowohl der Turban als auch die Krawatte waren mit Brillanten versehen. Ardeth nickte.
„Hast du auch die Ringe eingesteckt?“
Ardeth prüfte den Inhalt seiner Jackettasche und nickte.
„Aufgeregt, mein Junge?“
„Ein wenig, Herr Leyden. Es ist meine erste Hochzeit.“
„Und hoffentlich deine letzte!“, lachte der ältere und tätschelte Ardeth verschwörerisch die Schulter, als er weitersprach: „Ich wünsche mir viele Enkelkinder!“
„Keine Sorge, Herr Leyden, Emilia und ich werden daran arbeiten.“
Der Vater nickte und warf dem großen Bett einen eindeutigen Blick zu. „Meine Frau hat darauf geachtet, dass Emilia eine gute katholische Erziehung zuteil geworden ist. Sie weiß nicht, was auf sie zukommen wird...“
Ardeth sah Herr Leyden etwas verwundert an, besann sich aber sofort auf eine artige Antwort:
„Sie können mir vertrauen, Herr Leyden. Ich werde mit Emilia sehr behutsam sein.“
Herr Leyden schien beruhigt. „Ja, dann werde ich jetzt mal zu meiner Tochter gehen. Ich werde sie dir nachher zuführen und dir ihre Hand reichen, also anvertrauen. Du wartest beim Kapitän.“
Ardeth nickte und erwiderte: „Ich danke Ihnen, dass Sie bereit sind, mir ihre Tochter anzuvertrauen.“
„Ach, Ardeth, wenn du in weniger als einer Stunde mein Schwiegersohn sein wirst, dann wirst du mich hoffentlich duzen!“
„Natürlich, Schwiegervater!“
Herr Leyden klopfte ihm noch einmal ermutigend auf die Schulter und verließ die Kabine.
Er war sehr stolz, als er wenig später seine schöne Tochter am Arm führte. Sie trug ein elegantes weißes Kleid, das Puffärmel hatte und mit Rüschen versehen war. Auf dem Kopf trug sie einen Blumenkranz aus weißen Blumen, darüber war ein langer Schleier gelegt worden, der ihr bis zur Brust reichte und hinten ein Meter auf dem Boden schleifte. Sie trug den Schmuck ihrer Mutter, die ihr diesen anlässlich ihrer Hochzeit geschenkt hatte. In dem kleinen Andachtsraum befanden sich außer dem Kapitän und Ardeth Emilias Mutter und Schwester, zwei mit den Leydens gut bekannte Ehepaare, die sie hier an Bord kennengelernt hatten, mit ihren insgesamt sechs Kindern und ein Musikant, der auf der Geige Melodien spielte. Im Moment des Eintretens des Brautvaters und Emilias spielte er „Treulich geführt“ von Richard Wagner. Emilia hatte Ardeth erzählt, dass sie sich das Stück besonders gewünscht hatte, da es aus „Lohengrin“ stammt. Er achtete aber weniger auf die feierliche Musik, sondern sah ergriffen auf seine Braut und musste Tränen der Rührung unterdrücken. Er würde jetzt heiraten, in einem westlichen Anzug, auf einem Schiff auf dem Atlantik, eine Europäerin mit mittelblonden Haaren – eine Situation, die sich niemand in seiner Familie vor gerade mal zwei Monaten hatte auch nur vorstellen können. Wenn sie ihn jetzt so sehen könnten! Was sie zu Hause aus diesem Anlass für ein Brimborium gemacht hätten! Tausende wären vorübergehend im 12. Stamm zu Besuch gewesen. Seine Hochzeit dort wäre die anstrengendste Episode in seinem Leben geworden. Auch wenn er dieser Aussicht nicht nachtrauerte, wünschte er sich doch, dass wenigstens seine Mutter und sein Onkel hier wären. Er schickte einen sehr lieben Gedanken zu seiner Mutter und wusste, er würde sie erreichen.

Im fernen Ägypten wusste Leyrah, die sich in den Isis-Tempel in der Nähe des 1. Stammes zurückgezogen hatte, in diesem Moment, dass ihr Sohn noch lebte. Sie war gerade dabei, den Altarstein mit Blumen zu schmücken, als sie auf einmal eine Hand zum Herzen führte. Die Oberpriesterin warf ihr einen fragenden Blick zu.
„Er lebt noch! Ich spüre es ganz deutlich!“, flüsterte Leyrah.
Und nur wenige Tage darauf erhielt sie persönlich die Nachricht von Leslie, dem es endlich gelungen war, sie an diesem abgelegenem Ort zu besuchen.

Herrmann Leyden war inzwischen vorn angekommen und überreichte Ardeth seine Tochter. Der Kapitän erzählte etwas von ehelicher Treue, und dass auch mal Stürme wie auf See kämen, die es zu überstehen gelte, verglich den Ehemann mit dem Steuermann, der das Schiff zu steuern wüsste, und ersuchte die Braut, dass sie sich ihrem Ehemann anvertrauen sollte. Schließlich fragte er die beiden nacheinander, erst Ardeth, dann Emilia, nach ihrem Einverständnis. Sie steckten sich die Ringe an und der Kapitän schaute sich interessiert Ardeths tätowierte Hände an. Ardeth durfte nun Emilias Schleier heben und sie küssen. Der Schleier wurde von Emilias Mutter nun hinten festgesteckt, so dass er über dem längeren Schleierteil hinunterfiel. Die Frischvermählten sowie ihre beiden Treuzeugen unterschrieben noch eine Urkunde, die der Kapitän dann dem Bräutigam überreichte. Die Anwesenden nahmen die beiden in die Arme und gratulierten recht herzlich. Die Brauteltern weinten – seit dem Trauversprechen. Auch Nina konnte nicht an sich halten, ebenso Emilia, deren Schminke schon verlaufen war. Herr Leyden überreichte Ardeth ergriffen ein Geschenk, ein Erbstück, wie er ihm zuraunte. Es handelte sich um eine sehr alte Taschenuhr mit Kette. Sie ließen sich, unter den Gratulationen anderer Passagiere, an dem festlich gedeckten Tisch im Saal nieder. Man hatte den Platz des Paares besonders geschmückt. Ardeth hielt Emilia den Stuhl hin und sie grinste ihn an. Als er sich neben sie gesetzt hatte, raunte er ihr zu, wie wunderschön sie doch sei! Emilia war eine sehr stolze Braut. Nach dem Essen wurde getanzt. Ardeth stolperte mehr oder weniger zu den Walzerklängen, Emilia führte ihn. Ebenso tat es später Anna Leyden, die er ebenfalls zum Tanz auffordern musste. Je mehr Wein floss, desto leichter fiel es Ardeth zu tanzen. Am späten Abend waren Anna und Nina auf einmal verschwunden. Sie bereiteten das Hochzeitszimmer vor. Ardeth hatte ihnen seinen Schlüssel aushändigen müssen. Dann holte Nina ihre Schwester ab, die nun von Mutter und Schwester von dem kunstvollen Brautkleid befreit wurde. Ihre Mutter überreichte ihr ein Nachthemd, das merkwürdigerweise ein Loch in der Mitte hatte und das sie anziehen musste. Emilia blieb mit ihren Ängsten vor dieser Nacht allein, als ihre Verwandten die Kabine verließen. Herr Leyden und der andere Trauzeuge begleiteten Ardeth bis zu seiner Kabine und wünschten ihm mit vielsagender Geste Erfolg. Als er in seine Kabine eintrat, erblickte er eine verängstigte Emilia, die mit zusammengekniffenden Beinen auf der Bettkante saß und den Blick gesenkt hatte. Da wusste Ardeth, dass er eine Menge Aufklärungsarbeit vor sich hatte. Er ging zum Kleiderschrank, wo Anna und Nina liebevoll Emilias Garderobe eingeräumt hatten und holte das blaue Kleid hervor, das ihm an Emilia so gefiel. Er reichte es ihr, die immer noch nicht wagte, ihren Ehemann anzuschauen. Doch als sie sah, was er ihr gegeben hatte, sah sie ihn irritiert an.
Ardeth stand vor ihr und lächelte sie an. „Zieh das bitte an! Ich möchte mit dir in ungefähr einer Stunde zu unserer Bank draußen gehen.“
Emilia bekam ganz große Augen und brachte schließlich ein „Warum?“ hervor.
„Weil dann hoffentlich deinen Eltern vor unserer Kabinentür langweilig geworden ist“, flüsterte er. „Und weil ich heute Nacht an dem Ort sein möchte, wo wir uns kennengelernt haben. Tust du mir den Gefallen?“
Sie nickte und hielt das Kleid verlegen vor ihren Körper. In seiner Anwesenheit würde sie sich nicht umziehen. Ardeth verstand die Geste. Er lächelte sie wieder an, denn er wollte ihr Vertrauen erwecken, nickte und ging noch einmal zum Kleiderschrank, holte nun sein schwarzes Hemd und die Hose heraus und verschwand im angrenzenden Badezimmer.
Als er vorsichtig in die Kabine zurückkehrte, war auch Emilia umgezogen. Das merkwürdige Nachthemd hatte sie unter einem Kissen versteckt. Ardeth hatte sich die Schminke abgewaschen und trug die Haare offen. Emilia warf ihm einen bewundernden Blick zu. Dazu war sein schwarzes Hemd weit geöffnet und gab den Blick auf seine Brusttätowierungn frei, nämlich zwei breite Hieroglyphen-Bänder. Er sah so ganz anders aus als noch kurz zuvor. Ardeth holte aus einer Schublade ein Kartenspiel hervor, das sein Schwiegervater einmal mitgebracht hatte, als er den hektischen Vorbereitungen der Frauen entgehen wollte. Emilia starrte irritiert auf das Spiel. Ardeth aber hatte einen guten Grund. Er wollte, dass die Lauscher an der Tür Geräusche vernahmen und endlich zum Schlafen gehen würden. So brachte er Emilia mit dem Kartenspielen zum Lachen und zum künstlichen Empörtsein, wenn sie am Verlieren war. Sie neckten sich, und nach sieben Runden bedeutete Ardeth Emilia, leise zu sein. Er hob den Kopf und lauschte.
„Hörst du? Sie gehen weg!“
„Du hast aber ein gutes Gehör!“ Sie kicherte, denn auch sie hatte reichlich Sekt und Wein genossen und war inzwischen gar nicht mehr ängstlich, denn das Spielen hatte ihre Anspannung genommen.
„Wir warten noch eine kleine Weile, dann gehen wir hinaus. Hast du ein Cape? Draußen ist es windig.“ Tatsächlich schaukelte das Schiff ziemlich.
Emilia erhob sich und ging zum Kleiderschrank.
„Oh, meine Mutter hat ja schon alles eingeräumt.“ Sie griff ein dunkelblaues Cape und hielt inne. „Ardeth? Ist das deine ganze Kleidung?“ Die linke Seite des Kleiderschranks war im Gegensatz zur rechten dürftig besetzt. Ardeth antwortete nicht gleich, weil er nicht wusste, was er dazu sagen sollte.
„Und was ist das hier?“ Sie griff nach seinem schwarzen Kriegergewand, das dominierend zwischen den Anzügen hing und fast den ganzen Platz einnahm.
„Das ist alles, was ich bis vor zwei Monaten zum Anziehen hatte“, erwiderte Ardeth.
„Ein Kleid? Ein schwarzes Kleid?“
Ardeth schüttelte mit dem Kopf, nahm sein Kriegergewand aus dem Schrank und zog es sich über, und Emilia sah, dass er Hemd und Hosen darunter anbehielt. „Ist gut bei Wind“, rechtfertigte er sich und nahm den Gürtel aus einem Schrankfach. Dann nahm er sein schwarzes Tuch und wickelte es um seinen Kopf. Emilia sah ihm staunend zu. Ardeth beachtete ihre verwunderten Blicke gar nicht, sondern ging zur Tür, öffnete sie vorsichtig und vergewisserte sich, dass es ruhig war auf dem Gang. Es war bestimmt schon 2 Uhr nachts. Er winkte sie heran. Dann schlichen sie zu ihrer Bank und setzten sich, wobei Ardeth Emilia ganz eng in den Arm nahm, denn der Wind zerrte fürchterlich an ihnen. Emilia schmiegte sich eng an.
„Vor gerade mal zehn Tagen sind wir uns hier begegnet und jetzt sind wir schon Mann und Frau“, raunte sie. „Und jetzt dürfen wir uns ganz offiziell in den Armen liegen.“
Sie blieben eine ganze Weile so sitzen, sprachen aber nicht, weil der Wind zu laut pfiff, aber schauten über das wogende Meer. Sie hingen ihren Gedanken nach. Ardeth wunderte sich, wie sich sein Leben geändert hatte. Nun war er mit einer Euroäerin verheiratet und auf dem Weg in die Neue Welt, er, der 128. Bay-Erbe. Er war glücklich, Emilia geheiratet zu haben, doch noch immer quälte ihn das schlechte Gewissen, seine Heimat im Stich gelassen zu haben. Ihm fielen Farani und Leslie ein, die seinetwegen einiges zu erdulden hatten. Aber er konnte ja nichts daran ändern. Er musste nach vorn schauen, nicht zurück. Emilia bibberte inzwischen etwas.
„Wir sollten wieder reingehen“, meinte er sehr laut, um das Getöse zu übertönen.
Sie standen auf, Emilia hielt sich an Ardeth fest, da es sehr schaukelte, und sie wankten mehr oder weniger zur Kabine zurück. Dort angekommen, schüttelten sie sich.
„Wir machen es uns jetzt hier gemütlich“, meinte Ardeth und entzündete eine Öllampe. „Zuerst nehmen wir ein heißes Bad und dann kuscheln wir uns unter die Decke!“
Emilia sah ihn mit großen Augen an. Da war sie wieder, diese Furcht vor dieser Nacht. Jetzt würde er sie zu seiner Frau machen! Sie hatte solche Angst davor, denn weder ihre Mutter, die ihr nur streng nahe gelegt hatte, ihrem Ehemann in allem zu gehorchen, noch Nina, die Schauergeschichten zur Hochzeitsnacht erzählen konnte, hatten dazu beigetragen, dass Emilia mit Freude ihren Mann empfangen würde. Sie warf einen Blick zu dem Kissen, unter dem das merkwürdige Nachthemd lag.
„Ja, wie du wünschst“, antwortete sie, und Ardeth spürte ihre Verunsicherung. Das Wort „wünschst“ hätte man auch mit „befiehlst“ ersetzen können, denn ihr Kopf war sittsam nach unten geneigt. Er trat zu ihr hin und hob ihr Kinn an.
„Wenn du nicht heiß baden willst, dann musst du es nicht. Aber ich befürchte, du wirst dir eine Erkältung zuziehen. Und nach dem Baden solltest du dich in die Bettdecke einhüllen, damit dein Körper warm bleibt. Und weißt du was? Ich werde dich mit einer Salbe einmassieren, dann wird es dir gleich viel besser gehen. Und du brauchst keine Angst vor mir zu haben, denn erstens werde ich mit dir heute Nacht nicht die Ehe vollziehen, denn wir haben viel zu viel Alkohol getrunken, um heute ein Kind zu zeugen“, Ardeth registrierte, dass Emilia ihn anschaute, als ob er Märchen erzählte, „zweitens, kann ich dir versichern, dass es morgen Nacht sehr schön werden wird. Du solltest dich sehr auf diese Nacht freuen.“ Emilias Blick änderte sich kein bisschen. Ardeth seufzte leicht und meinte dann aufgenzwinkernd: „Aber dennoch wird es Zeit, dass ich sehe, was ich geheiratet habe, und andersherum auch.“
Er ging um sie herum und öffnete ihr das Kleid, was gar nicht so einfach war. Tatsächlich hatte sie sich nichts unten drunter gezogen, weil sie vorhin von panischer Angst erfüllt gewesen war, dass er zu früh aus dem Badezimmer zurückkehren und sie nackt sehen würde. Das erklärte auch, weshalb sie noch keinen Blick in den Kleiderschrank geworfen hatte, bevor sie ihr Cape herausgeholt hatte. Ardeth wusste, dass er sich beherrschen musste. So atmete er tief durch und wartete eine Weile, bevor er sein Gewand und seine anderen Sachen ablegte. Sie stand nackend vor ihm, als er sich wieder vor sie stellte, und hatte den Blick gesenkt, versuchte sogar, mit den Armen ihre Brüste zu verbergen. Er nahm sie sanft bei der Hand und zog sie mit sich ins Badezimmer. Dort ließ er Wasser in die Wanne laufen, das vom Maschinenraum in die Luxuskabinen gepumpt wurde. Es gab ständig heißes Wasser, da der Dampfkessel das Schiff am Laufen hielt. Er warf einige der Blütenblätter hinein, die an der Seite bereit standen. Emilia stand daneben und warf heimliche Blicke auf seine Körpermitte. Sie hatte bislang noch keinen nackten Mann gesehen.
„Was hast du da?“, getraute sie sich fragen. Ardeth stand ihr immer noch abgewandt, weil er weiterhin das Wasser pumpte.
„Ich habe dir doch erzählt, dass ich auch am Oberkörper überall tätowiert bin“, antwortete er, der ein ganz anderes Umgehen zwischen den Geschlechtern gewohnt war und sich nicht vorstellen konnte, dass Emilia überhaupt nicht wusste, wie ein Mann aussah.
„Ja, nein“, stotterte sie. „Das meine ich nicht, sondern den Schwanz...“ Sie dachte noch, wie ein Tier, nur an der falsche Stelle, doch mochte das nicht laut sagen. Und als Ardeth sich umdrehte und sie mit einem sehr merkwürdigen Blick bedachte, wurde sie sehr verlegen. „Ha...haben das alle Männer?“ Ardeth war für ein ganz kleine Weile versucht zu antworten: „Nein, nur ich!“, aber dann wäre sie wohl schreiend davongelaufen. Außerdem musste er jetzt sehr vorsichtig sein, um sie nicht zu verletzen.
„Ja, alle“, antwortete er und bemühte sich, ihr ins Gesicht zu schauen, um bloß nicht ihren Körper zu sehen, denn er musste sich nach wie vor sehr, sehr beherrschen. Er hatte sich bereits im Geiste Hunderte an heranstürmenden Anubis-Kriegern vorgestellt, die er besiegen musste, bloß um an etwas anderes zu denken als an Emilias Körper. Bislang funktionierte das ja noch. Auf einmal fiel Emilia ein, dass ihre vorwitzige Schwester etwas von einem Stachel erzählt hatte, mit dem sie der Ehemann ganz fürchterlich stechen würde in der Hochzeitsnacht. Nina war inzwischen mit anderen, „aufgeklärteren“ Mädchen an Bord zusammengetroffen. Und gerade, seitdem sie wusste und erzählte, dass ihre Schwester heiraten würde, saß sie oft mit diesen Mädchen kichernd beieinander.
„Oder ist das der Stachel?“, fragte Emilia nach und Entsetzen lag in ihrer Stimme.
Ardeth war auf einmal heilfroh, bei den Medjai in Ägypten aufgewachsen zu sein. Er holte erst mal tief Luft. Das Wasser war inzwischen eingelaufen.
„Komm, das Wasser ist fertig. Leider passt nur einer in die Wanne. Du zuerst! Und während du badest, setze ich mich daneben und erzähle dir etwas über Männer und Frauen.“
Er reichte ihr die Hand, damit sie sicher in die Wanne steigen konnte. Dann seifte er ihr den Rücken ein und wusch sie mit dem Schwamm, während er sich überlegte, wie er sie aufklären könnte...

Am nächsten Vormittag erwarteten ihre Mutter und Schwester Emilia voll Ungeduld. Eine etwas verschlafene junge Ehefrau erzählte ihnen auf Ardeths Anraten, dass sie eine schöne Hochzeitsnacht gehabt hätte. Ihre Mutter warf ihr zwar bei dem Wort „schön“ einen prüfenden Blick zu, aber sagte nichts. Als Nina kurz fortgegangen war, erkundigte sie sich aber bei ihrer Tochter, ob sie auch schön brav das Nachthemd getragen hätte, worauf Emilia sie anlog. Anna erklärte ihr eindringlich, sie müsse es immer tragen, wenn sie bei ihrem Mann läge. Emilia war froh, dass Nina so schnell wieder kam.
In der nächsten Nacht warfen Emilia und Ardeth das Nachthemd aus dem Bullauge und Emilia meinte, sie werde ihre Schwester noch vor Ende dieser Reise ein wenig aufklären. Tatsächlich dauerte diese Reise noch einige Wochen, und es wurde die schönste Zeit im Leben von Emilia und Ardeth Bay.

In Buenos Aires empfing Hermann Leydens Bruder die Familie. Er hieß Rudolph, war verheiratet, und hatte drei Kinder. Als ihm Ardeth als Ehemann von Emilia vorgestellt wurde, warf er dem jungen Mann einen kritischen Blick zu, doch es war selbstverständlich, dass das junge Paar vorübergehend auch bei ihm wohnen konnte. Die Villa von Rudolph Leyden lag am Rande der Stadt und war sehr idyllisch. Er hatte in Argentinien Reichtum erworben und leitete mit einem Partner eine große Firma. Sein Bruder sollte ihm nun helfen. Rudolph bedauerte, als Ardeth und Emilia nur zwei Tage später aufbrachen, verstand aber die Eile. Ardeth war inzwischen mit Hermann beim Standesamt gewesen und hatte zwei Fahrkarten nach Còrdoba erworben, von wo aus er mit Pferden weiterreisen wollte. Da seine finanziellen Reserven sich mittlerweile dem Ende neigten, hatte ihm sein Schwiegervater einiges zugesteckt. Herr Leyden machte sich Sorgen um die Zukunft der jungen Eheleute und nahm Ardeth das Versprechen ab, nach Buenos Aires zurückzukehren, bevor sie hungern müssten. Beim Abschied auf dem Bahnhof ahnten alle, dass es lange dauern würde, bis man sich wiedersehen würde. Emilias Eltern bedauerten das sehr, zumal Emilia vermutlich bereits schwanger war. Wie gern würden sie ihren Enkel sehen! Sie baten das junge Paar eindringlich, sich so oft wie möglich zu melden, doch Ardeth meldete Bedenken an. Er wollte zunächst einmal seine Spuren verwischen. Es würde also lange dauern, bis sie wieder Kontakt aufnehmen konnten – und dann würden sie sich an Emilias Onkel wenden.

Emilia wurde schnell klar, dass die märchenhafte Zeit auf dem Schiff zu Ende gegangen war. Die Reise ins Landesinnere wurde anstrengend. In Córdoba blieben sie nur zwei Nächte, bis Ardeth all das gekauft hatte, was sie benötigten: drei Pferde, ein Zelt und Proviant. Emilia konnte zudem nicht reiten. Ardeth hatte sie bereits in Buenos Aires gebeten, einen Großteil ihrer Kleidung dort zu lassen, da sie nicht so viel transportieren konnten. Emilia hatte grenzenloses Vertrauen zu Ardeth, doch fürchtete sie sich vor der Weiterreise.
Sie lernte zwangsläufig reiten. In Buenos Aires war sie mit ihrer Mutter, Tante und deren Sohn, der drei Jahre älter als Emilia war, einkaufen gewesen. Ihre Tante hatte ihr ein schmuckes enganliegendes Reitkostüm ausgesucht, doch ihr Cousin, der Ardeth inzwischen kennengelernt hatte, schätzte die Lage richtig ein und bestand auf weite, bequeme Reitkleidung. Das kam ihr jetzt zugute und da niemand sie so sehen konnte, war es ihr auch irgendwann egal. Ardeth musste viele Pausen mit ihr machen. Er hatte halt keine Kriegerin geheiratet und musste Rücksicht nehmen. Aber sie hatten zunächst auch keine Eile. Die Reise war anstrengend, aber Emilia gewöhnte sich daran. Nachts lag sie in Ardeths starken Armen und hatte keine Angst, wenn auch noch so merkwürdige Geräusche an ihr Ohr drangen. Tagsüber ritten sie in Richtung Westen. Sie hielten sich südwärts, als sie an ein Gebirge stießen, doch ritten wieder westwärts, als es flacher wurde. Zum Glück fanden sie immer genug Frischwasser. Sie badeten in sehr kalten Flüssen und wärmten sich nachts am Feuer, denn es wurde immer kälter, und besonders die Nächte waren schon sehr klamm. Wenn die beiden gewusst hätten, dass der Winter hier so streng sein würde, hätten sie sich mehr beeilt, eine feste Unterkunft zu finden. Doch sie hatten beide keine rechte Ahnung von dem Wetter hier. Im Westen zeichneten sich bereits die Anden ab. Emilia und Ardeth staunten über die schneebedeckten Gipfel, die sie erkennen konnten. Emilia ruinierte ihr dunkelblaues feingewebtes Cape, das sie sich fest um die Schulter gezogen hatte, denn es regnete und windete oft. Ardeth hatte längst sein schwarzes Gewand angezogen. Seit drei Monaten waren sie nun schon unterwegs. Ihr Proviant war sehr geschrumpft. Unterwegs hatten sie immer wieder Kräuter und Obst gesammelt. Ihre Ernährung war recht einseitig und Emilia sehnte sich sehr in die Zivilisation zurück. Sie war erschöpft, ihre Schwangerschaft war längst erkennbar. Ardeth fing an, sich Sorgen zu machen. Einmal kamen sie an einer Ansammlung von Gebäuden an, und da Ardeth ungeschminkt war und sich sein Tuch tief ins Gesicht zog, blickten ihnen die Bewohner recht finster entgegen. Ein Hotel gab es hier nicht, doch einen kleinen Laden. Sie kauften Lebensmittel ein und zogen weiter. Emilia bereute es Tage später, nicht dort geblieben zu sein. Sie hatten zunächst einen gigantischen Canyon durchquert, dessen Bergwände sich wie eine Kathedrale auftürmten und wo überall wundersame Figuren aus dem Stein geformt waren. Ardeth und Emilia bestaunten das Wunder der Natur. Da die Anden sehr nah waren, hielten sie sich südwärts. Ein furchtbarer Schneesturm zog auf, und Ardeth beeilte sich, das Zelt aufzubauen, damit Emilia sich in Sicherheit bringen konnte, doch das Zelt hielt dem Wind nicht stand. Weit und breit gab es keinen Wald oder etwas zum Unterstellen. Ardeth stellte schnell die drei Pferde aneinander, wobei er die trächtige Stute in die Mitte nahm. Dann legte er Decken und die Zeltplane über sie. Emilia musste unter ihre Bäuche krabbeln, bekam eine Decke und sollte sich einwickeln, während sich Ardeth vor die Pferde stellte und sie fest am Zügel hielt, damit sie stehenblieben. So verbrachten sie den stundenlang andauernden Schneesturm. Emilia fror erbärmlich, aber wagte sich nicht zu beschweren, da Ardeth im Schneesturm stand, während sie sich immerhin unter den schützenden Pferdeleibern befand. Als der Sturm sich etwas legte, baute Ardeth das Zelt auf, entzündete ein Feuer und versuchte die Pferde trocken zu reiben. Er selbst war völlig durchnässt. Emilia wärmt sich am Feuer, wobei sie am Rücken fror, während es am Bauch viel zu heiß wurde. Sie hatten keine Decke mehr, die nicht feucht war. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich während der Nacht nackend unter einer klammen Decken aneinanderzuschmiegen.
Die nächsten Tage wurde immer kälter. Zu allem Überfluss kündigte sich bei der Stute die Geburt an. Ardeth hatte sie extra ausgesucht, um Nachwuchs zu bekommen, denn ihre Geldmittel waren sehr begrenzt. Er hatte allerdings gehofft, sie würden sich längst irgendwo niedergelassen haben. Doch nun stand die Niederkunft der Stute dicht bevor und am Himmel zogen wieder dunkle Wolken auf. Ein neuer Schneesturm kündigte sich an. Ardeth warf der Stute besorgte Blicke zu. Eine Fohlen im Schneesturm zu bekommen, würde fatal sein. In der Ferne sah er einen Wald, den sie unbedingt erreichen mussten. Emilia murrte, sie sollten doch besser jetzt das Zelt aufstellen, bevor es schneien würde. Doch Ardeth wollte nicht im Freien campieren, sondern suchte Schutz. Er trieb sie zur Eile an, so erreichten sie bald den Wald.
„Noch weiter?“, fragte sie erschöpft, als er nicht Halt machte, sondern weiter in den Wald hinein ritt.
„Ja, besser, wir sind von Wald umgeben. Er wird uns Schutz geben.“
Es ging bergauf und Ardeth gefiel nicht, dass es nur ein lichter Wald war. Viel Schutz bot er nicht gerade. Also ritt er weiter. Sie kamen sie auf eine Anhöhe. Von hier konnte man gut hinab sehen. Der Wald wurde tatsächlich dichter. Es hatte inzwischen angefangen zu schneien. Dicke Flocken schränkten die Sicht ein. Hinter dem Wald in ungefähr 200 Meter Entfernung gab es wieder eine Lichtung. Und... stand da nicht ein Gebäude? Sogar mehrere?
„Siehst du das dort unten?“, fragte er Emilia.
Sie konnte kaum etwas sehen, denn sie hatte sich ein Tuch tief ins Gesicht gezogen.
„Lass uns dort hinreiten.“
„Noch weiter?“, ächzte sie.
„Ja“, erwiderte er knapp und sah besorgt auf die Stute, die laut aufwieherte.
So erreichten sie das Gehöft, das aus einem Haus und zwei Schuppen bestand. Ardeth zögerte nicht, sondern stieß eine der Schuppentüren auf. Sie führten die Pferde hinein, schlossen die Tür, um den Schneesturm draußen zu lassen, und freuten sich, als sie jede Menge Stroh sahen, aber auch zwei Pferde, die sie mit großen Augen anschauten. Im hinteren Teil vernahm Ardeth Ziegengemecker und musste trotz ihrer ernsten Lage lächeln.
„Emilia, kümmere dich um die beiden Pferde!“
Während Ardeth die werdende Mutter versorgte und trockenrieb, musste Emilia die anderen Pferde entladen und hielt sich dabei die Leibesmitte. Ardeth warf ihr besorgte Blicke zu. Er ließ die Stute, die sich erschöpft hingelegt hatte, kurz allein, ging zu Emilia und führte sie zu der Stute.
„Bleib du bei ihr und beruhige sie!“
Dann entlud er die Pferde zu Ende, machte ein kleines Feuer und stellte ihren Kochtopf darüber, in den er Wasser goss. Er nahm einige Lappen und brachte sie zu der Stute.
„Es ist gleich soweit.“
Er kramte hastig einen Becher aus dem Gepäck und gab zerriebene Kräuter hinein, goss es mit dem heißen Wasser auf und reichte das Gebräu Emilia, während er das restliche Wasser in eine Schüssel goss und zur trächtigen Stute ging. Während die andere Pferden sich dicht bei ihnen am Heu labten, schlürfte Emilia langsam wohltuenden Tee und Ardeth half der Stute tatkräftig bei ihrer Geburt. Schließlich lag das Fohlen nass auf dem Stroh, und Ardeth saß erschöpft, aber glücklich daneben. Er setzte sich zu Emilia und sie betrachteten gerührt das Pferdekind, das gerade von seiner Mutter angestupst wurde. Es war ein schönes Bild, das sich dem alten Mann Juanes Gomez bot, als er, angelockt vom Feuerschein in seiner Scheune, mit erhobenem Gewehr eintrat.

Es war Weihnachten. Sie saßen an diesem sommerlichen Abend auf der Veranda. Emilia hatte Limonensaft zubereitet, während Maria, eine Indigena, ihre Maisküchlein gebacken hatte, die alle so gern aßen. Gabriel griff tüchtig zu. Er war vor einem Monat drei Jahre alt geworden.
„Ganz der Vater!“, meinte Emilia lachelnd. „Immer nur Süßes!“
Ardeth knabberte auch gerade an einer der süßen Maiskugeln herum und schaute, ertappt bei seiner Leidenschaft, etwas schuldig zu Emilia, was Maria und ihren Mann Julio zum Lachen brachte.
„Heute ist doch Weihnachten“, sprach Juanes im großväterlich entschuldigendem Ton.
Juanes wirkte wirklich wie ein Großvater. Sein Haar war bereits grau, sein Gesicht voller Falten, seine Haltung gebeugt. Er zählte 60 Jahre, hatte aber sein Leben in diesem Teil des Landes verbracht, hart gearbeitet, und das hatte ihn vorzeitig altern lassen. Seine Farm war eher klein und er hatte sie jahrelang mit Hilfe von einigen einheimischen Indios bewirtschaftet, deren Padrón er war. Einst war er aus Spanien gekommen und hatte sich Glück und Reichtum erhofft. Er war weder in den Genuss des einen noch des anderen gekommen und hatte eher schroff über seine bediensteten Indios geherrscht, so wie es auf den Estancias Argentiniens üblich war. So hatte er unter ihnen auch keine Freunde gewonnen, und die Besitzer anderer Estancias wohnten viel zu weit entfernt, als Freundschaften aufzubauen. Auch eine standesgemäße Frau hatte es für Juanes Gomez nie gegeben. Er wäre wohl vereinsamt und mit verhärtetem Herzen gestorben, wenn nicht eines Abends im Winter vor drei Jahren Emilia und Ardeth in sein Leben getreten wären. Zunächst hatte er beim Anblick von Ardeths Gesicht im diffusen Licht im Pferdestall geglaubt, er hätte einen der geflohenen Indios aus dem Süden vor sich, denen immer noch von reichen Rancheros der Garaus gemacht wurde. Doch dann hatte er Emilia gesehen, die ihn ängstlich anschaute und sich an Ardeth festgeklammert hatte. Sein Blick war zu dem jungen Mann zurückgewandert und er erkannte, dass er sich getäuscht hatte: Wer auch immer Ardeth war, er war jedenfalls kein Indio. Juanes hatte ein Herz für Pferde, er hatte sich vor einigen Jahren selbst von seinem mühsam Ersparten zwei Pferde gekauft. Und als er das Fohlen erblickte, ging sein Herz aus dem Leim. Sein Blick fiel wieder zurück auf Ardeth, der der Stute offensichtlich bei der Geburt geholfen hatte. Und er bat die beiden jungen Menschen in sein Haus und gewährte ihnen Unterkunft. Seit jenem Tag hatte sich sein Leben geändert. Ardeth und Emilia blieben nicht nur den Winter über, sondern hatten hier ihr neues Zuhause gefunden. Sie halfen Juanes, oder besser seinen Indios, die Farm zum Erblühen zu bringen. Sie war zwar nur klein, aber sie konnte die Menschen, die hier lebten, ernähren. Julio war der Vorsteher der insgesamt fünf Einheimischen, die hier lebten und arbeiteten. Sie bauten Gemüse an, das am Sonntagnachmittag auf dem Markt bei San Juan verkauft wurde. Im Winter boten sie eingekochtes Gemüse und Marmelade an oder lebten von den Reserven. San Juan war die nächstgrößere Stadt und weit entfernt von Juanes' eher kleinen Farm. Die Indigenos fuhren einnmal in der Woche mit dem wackligen Karren dorthin: um morgens den Gottesdienst zu besuchen und nachmittags auf dem Sonntagsmarkt ihre Produkte zu verkaufen. Juanes war seit Jahren der Kirche ferngeblieben, aber als Emilia den Wunsch äußerte, auch zur Kirche gehen zu wollen, begleitete er die junge Frau. Ardeth wollte der Stadt lieber fern bleiben. So wurde es zur Gewohnheit, dass am Sonntag Juanes, Emilia, Julio und Maria nach San Juan fuhren und dafür sehr zeitig aufbrechen mussten, während Ardeth zu Hause die Tiere versorgte und – ungesehen von Emilia und den anderen – sportliche Übungen, die er aus seiner Ausblidungszeit her kannte, machte, um nicht ganz außer Form zu geraten.
Im November 1916 kam Emilias Kind zur Welt: ein Sohn, den sie Gabriel nannten. Emilia fand, dass er Ardeth von Anfang an sehr ähnlich sah, denn er war leicht gebräunt und hatte bei seiner Geburt bereits flaumiges Haar. Also schlug sie den Namen des Engels vor, mit dem sie Ardeth einst verglichen hatte. Ardeth war so ziemlich mit allem einverstanden, was Emilia tat. Im Stillen dachte er daran, wie sie sich in seiner Heimat über einen Bay-Erben gefreut hätten. Sein erstes Kind war ein Sohn geworden. Die Feiern hätten dort kein Ende mehr genommen. Nicht, dass er eine große Feier vermisste, aber ihn überkam doch Heimweh. Er versuchte es, vor Emilia zu verbergen, doch sie spürte, dass er sich oft nach Hause zurücksehnte, etwa wenn er abends auf der Veranda stand und den Sternenhimmel betrachtete. Wie oft hatte er ihn ihr erklärt: wo welche Sternbilder zu finden waren, wie sie hießen, was sie bedeuten... er hatte ihr von Sirius erzählt und sie hatte mit großem Unverständnis die Geschichte der fernen Besucher aus dem Weltall von ihm erfahren und die Geschichte als Fantasie verspottet. Er hatte damals nichts gesagt, denn er wollte ihre Gefühle nicht verletzen. Emilia fand mit der Zeit heraus, dass es unheimliche Seiten an Ardeth gab, an denen sie besser nicht rühren wollte. Er hatte irgendein tiefes Wissen in sich, das aber ihrer Meinung nicht hier in diese neue Welt gehörte. Sie sollte sich täuschen, wie sich nur wenige Jahre später herausstellen würde. Auch Ardeth bemerkte, dass Emilia ihre Welt vermisste, die früher aus einem intensiven kulturellem Leben bestanden haben musste. Er erinnerte sich, wie sie auf dem Schiff mit ihrem Vater begeistert musiziert hatte. Er hatte auf dem Klavier gespielt, das in einem Salon gestanden hatte, und sie hatte hinreißende Lieder und Arien dazu gesungen. Sie selbst konnte auch ganz manierlich spielen. Sie hatte ihm auch viel von Opern- und Konzertbesuchen erzählt. Das alles gab es hier draußen nicht. Sie besaßen nicht mal ein Instrument. Emilia sang Gabriel oft Lieder vor. Ardeth liebte ihre schöne Stimme, aber hatte ein schlechtes Gewissen, denn sie musste seinetwegen so weit entfernt von Buenos Aires – oder auch nur San Juan – leben. Er wusste, dass sie sich aus diesem Grunde so auf den Sonntag freute. In der Kirche stand eine Orgel und die Gemeinde sang Lieder. Sie war unter Menschen, die ihre Kultur teilten.
Nun wohnten sie seit über drei Jahren im Haus von Senor Gomez. Der alte Mann betrachtete sich selbst als Großvater von dem kleinen Gabriel, der bereits ein Schwesterchen namens Francisca hatte, das aber zu dieser späten Stunde in einer Wiege schlief. Er hatte den Jungen zu Weihnachten großzügig beschenkt, der, außer einem kleinen Holzpferd, das ihm sein Vater geschnitzt hatte, kaum Spielzeug besaß. Emilia schimpfte zwar etwas, aber Juanes meinte, Gabriel wäre alt genug für Spielzeug. Als Juanes auch den kleinen Pablo beschenkte, konnten sich Julio und Maria gar nicht genug bedanken. Aus dem knorrigen alten Mann, der sie früher sogar geschlagen hatte, war ein liebevoller Padrón geworden. Julio war daher Ardeth und Emilia sehr zugetan, denn er wusste, dass er es diesem außergewöhnlichen Paar zu verdanken hatte, dass Friede und Harmonie auf dieser Farm herrschten. Julio verband eine tiefe Freundschaft zu Ardeth, der ihn niemals als Untergebenen behandelt hatte – ebensowenig wie die anderen Indigenos, die sich jedoch nach wie vor nicht in die traute Gemeinschaft des Padróns und des Verwalters, als der Ardeth hier galt, und seiner Frau wagten. Sie sahen eher mit ehrfürchtiger Bewunderung zu dem Fremden und seiner Frau auf. Pablo und Gabriel zogen sich in eine Ecke der Veranda zurück, um mit ihren neuen Spielsachen zu spielen. Die Eltern ließen sie gewähren, es war Weihnachten und noch dazu ein lauer Abend. Sollten die Kinder so lange aufbleiben dürfen, wie sie wollten! Es dauerte aber nicht lange, da gähnten beide so oft, dass die Mütter sich erbarmten: Emilia brachte ihren Sohn nach oben ins Herrenhaus, wo sie mit Ardeth lebte, und Maria legte ihren Sohn in dem Holzschuppen schlafen, den sie mit den anderen Indigenos bewohnte. Dann kehrten sie auf die Veranda zurück. Als Emilia nach Maria eintraf, blieb sie verwundert stehen. Auf dem Tisch lag etwas Großes, das in Papier eingewickelt war. Alle sahen sie erwartungsvoll an.
„Ist das für mich?“, fragte sie überflüssigerweise.
„Ja, meine liebe Emilia“, erklärte Juanes, „es ist mein Dank an dich, dass du es all die Jahre mit mir altem Mann hier ausgehalten und meine Launen ertragen hast!“
„Aber Senor Gomez! Das ist doch nun wirklich nicht nötig gewesen!“, protestierte Emilia. „Und niemals musste ich Ihre Launen ertragen! Sie sind doch gar nicht launisch!“
„Oh doch, mein Kind, ich weiß schon, dass ich manchmal unausstehlich sein kann. Doch nun Schluss mit dem Gerede! Pack es endlich aus, ich will sehen, ob du dich darüber freust!“
Emilia warf Ardeth einen Blick zu, als ob sie sich bei ihm vergewissern würde, es auch wirklich annehmen zu dürfen. Er lächelte aufmunternd zu. Was blieb ihr anderes übrig, als das Geschenk anzunehmen? Außerdem war sie mittlerweile sehr neugierig geworden, denn es war wirklich sehr groß. Sie ließ sich Zeit mit dem Auswickeln, denn sie wollte das schöne Papier aufbewahren. Als sie erkannte, um was es sich handelte, standen ihr Tränen in den Augen. Senor Gomez hatte ihr einen ihrer größten Wünsche erfüllt: Es handelte sich um ein Harmonium, ein Tasteninstrument. Emilia entfuhr ein leiser Aufschrei.
„Senor Gomez!“
Der lächelte stolz wie ein Honigkuchenpferd. Er hatte ins Schwarze getroffen. Sie fiel ihm in die Arme.
„Das ist ja wunderbar!“ Doch gleich warf sie Ardeth einen fragenden Blick zu, ob sie das Geschenk auch annehmen dürfe, und meinte: „Das war doch viel zu teuer, Senor Gomez. Sie können mir doch nicht so ein kostbares Geschenk machen!“
„Ach, Kind, ich seh doch immer den Glanz in den Augen, wenn die Orgel spielt. Und ich finde, dein Gesang hat so ein Instrument verdient, so schön, wie du immer singst!“ Er hatte ihren Blick zu Ardeth gesehen. „Und ich habe es mit Ardeth abgesprochen. Er hat mir erlaubt, dass ich dir das Harmonium kaufe. So, und nun musst du uns etwas vorspielen! Oder kannst du es etwa nicht?“
„Doch, doch, natürlich!“, rief sie überglücklich. „Etwas, das zum heutigen Tag passt.“
Sie spielte „Stille Nacht“ und es rollten ihr die Tränen nur so über die Wangen, denn es erinnerte sie an ferne, glückliche Weihnachten in Deutschland. Sie wischte sich die Tränen schnell ab und spielte etwas Fröhliches. Es wurde ein langer Abend.

So lebten Ardeth und Emilia schon über drei Jahre zurückgezogen auf der Farm. Emilia hatte ihren Eltern von der Geburt von Gabriel und Francisca geschrieben, und gern hätten die Eltern ihre Enkel gesehen, doch der Weg war zu weit. Sie waren jedoch zufrieden, dass es der jungen Familie offenbar gut ging. Mit keinem Wort beklagte sich Emilia, auch wenn sie sehr einfach leben musste, was ihr nicht immer leicht fiel. Auch die Arbeit in den Gemüsebeeten war nicht ihre Sache. Oft beschaute sie sich ihre Hände, die früher stets so zart und gepflegt waren. Das Harmonium hatte ihr großes Freude bereitet, doch erinnerte sie auch daran, was für ein gutes Leben sie einmal geführt hatte. Sie nahm sich vor, eines Tages mit Ardeth darüber zu sprechen, denn sie wollte, dass ihre Kinder in einem kulturellen Umfeld aufwachsen sollten. Gabriel nahm sie nun jeden Sonntag mit zur Kirche. Es gab dort eine Kinderstunde, während die Erwachsenen dem Gottesdienst beiwohnten. Gabriel sollte andere Kinder und vor allem religiöse Inhalte erfahren. Emilia hatte selbst eine katholische Erziehung genossen und wollte, dass ihre Kinder ebenfalls so erzogen wurden. Ardeth war einverstanden damit, denn sie lebten in einem katholischen Land. Doch auch er trug zu Gabriels Erziehung bei. Wenn sie wochentags auf den Feldern arbeiteten, war Gabriel oft in seiner Nähe. So konnte Ardeth ihm ein wenig Englisch und Arabisch beibringen, ihm Dinge erklären. Und auch in seiner eher spärlichen Freizeit nahm sich der Vater seines Sohnes an. Er war ein sehr liebevoller Vater und Gabriel war ihm mehr zugetan als seiner etwas strengeren Mutter. Eines Abends – es war kurz vor dem Abendessen, zu dem sich Juanes, Julia, Maria, Emilia, Ardeth und die beiden Jungen versammelten – saßen Ardeth und Gabriel zusammen auf der Veranda, denn es war mittlerweile Hochsommer und sehr heiß, und Ardeth wollte Gabriel ein bisschen Rechnen beibringen. Gabriel sah seinen Vater schon eine ganze Weile intensiv an, als der ihm geduldig zum zweiten Mal das kleine Einmaleins aufsagte. Ardeth war gerade bei 5 x 6, als Gabriel ihn unvermittelt fragte: „Papa, warum hast du eigentlich diese Zeichen im Gesicht?“
Gabriel hatte in seinem Leben außer seinem Vater noch Juanes und die Indios gesehen, die ihm aber von seiner frühsten Kindheit an vertraut waren. Durch die Ausflüge nach San Juan hatte er inzwischen andere Väter gesehen. Doch keiner von ihnen ähnelte im Geringsten seinem Vater. Gabriel hatte angefangen, darüber nachzudenken. Er ließ seinen etwas verdutzten Vater keine Zeit für eine Antwort, sondern fragte weiter: „Und kommst du deshalb nicht mit in die Kirche?“
Ardeth überlegte kurz, denn zweifelsohne würde Gabriel anderen Jungen berichten wollen, warum er immer ohne Vater nach San Juan kam.
„Gabriel, ich habe eine andere Religion. Deine Mutter, du und deine Schwester und alle anderen Menschen hier sind katholisch, daher gehen sie auch in die Kirche. Ich bete zu Hause – auch zu Gott, aber...“ Das war nicht so leicht zu erklären. „Aber ich bete anders und...“ Das kam Ardeth ziemlich albern vor und entsprach nicht der liberalen Erziehung, die er genossen hat. Nein, er musste ehrlich zu seinem Sohn sein. „Ich gehe nicht in die Kirche, weil die anderen Menschen nicht möchten, dass jemand, der nicht katholisch ist, dort hingeht. Das ist ein Grund. Aber der Hauptgrund ist ein anderer. Und ich möchte, dass du mir jetzt gut zuhörst, Gabriel.“
Gabriel schätzte seinen Vater so sehr, weil er ihn wie einen Erwachsenen behandelte.
„Ich musste meine Heimat verlassen, mein Sohn, und die Wahrheit ist, dass ich mich hier verborgen halten muss. Niemand darf in meiner Heimat erfahren, dass ich jetzt hier lebe. Schau, deine Großeltern leben in einer sehr großen Stadt...“
„Buenos Aires!“, warf der Junge wissend ein.
„Ja, genau, und deine Mutter möchte auch so gern in dieser Stadt leben. Aber das geht nicht, denn dort sind zu viele Menschen. Und da ich so auffällig bin, könnte mich jemand erkennen, der aus meiner Heimat stammt. Daher leben wir hier, so weit weg von Buenos Aires. Und schau, auch San Juan ist eine Stadt, dort sind viele Menschen. Daher komme ich am Sonntag nie mit.“
Ardeth konnte sehen, wie es hinter Gabriels Stirn zu arbeiten begann.
„Aber Papa, du hast mir erzählt, dass deine Heimat so weit weg ist. Hinter dem großen Ozean, hast du gesagt. Deshalb könnte ich auch nie meine andere Oma sehen. Wie sollen denn die Menschen aus deiner Heimat hierherkommen können?“
„Mit einem großen Schiff. Oder einem Flugzeug. Ich bin mir sicher, dass einige auch hier auf dem Kontinent sind.“
Gabriel senkte den Kopf, als hätte er etwas angestellt.
„Du, Papa“, sprach er zögerlich, „ich habe etwas Schlimmes getan.“
„Was has du denn getan, mein Sohn?“
„Ich habe Carlos erzählt, dass du aus Ägypten bist.“
„Das hat Mutti doch auch schon erzählt, das geht schon in Ordnung, Gabriel.“
„Naja, und dass du eben diese Zeichen im Gesicht trägst.“
Ardeth fuhr seinem Sohn liebevoll mit Hand übers Haar. „Du wusstest ja nichts davon, Gabriel. Hast du es noch jemand anderem erzählt?“
„Nein, Papa, ganz bestimmt nicht. Soll ich Carlos am nächsten Sonntag erzählen, ich hätte mir das nur ausgedacht?“
„Das wäre vielleicht ganz gut, sonst denken seine Eltern, ich sei ein Indio.“
„Papa, warum mögen die Leute keine Indios? Pablo ist doch total nett.“
„Sie mögen die Indios schon, nur halten sich die Europäer, die hierher gekommen sind, für etwas Besseres. Sie kleiden sich anders und finden, dass ihre Kultur überlegen ist. Naja, und um ehrlich zu sein, sie beuten die Indios auch ganz schön aus, nehmen ihnen ihr Land weg und lassen sie für sich arbeiten.“
„Aber das machen Mama und du doch auch!“
„Nein, Gabriel, unsere Indios leben hier mit uns. Sie können gehen, wann sie wollen.“
Darauf hatte sich Ardeth längst mit Juanes verständigt. Auch hatten sie vor zwei Jahren das Holzhaus renoviert und richtig stabil und hübsch hergerichtet. Es wirkte fast wie ein zweites Herrenhaus.
„Sie wissen aber nicht, wohin sie gehen könnten. Hier bei uns sind sie geschützt, außerdem haben sie hier genug zu essen. Wir helfen uns gegenseitig.“
„Warum sollen die Leute dann nicht denken, du seist ein Indio?“
„Deine Mutter ist Deutsch-Italienierin. Sie passt zu den Leuten hier ganz gut. Vielleicht würden die Leute auf sie hinabschauen, wenn man denken würde, sie wäre die Frau eines Indios. Denn die Leute möchten nicht, dass die beiden Rassen sich mischen.“
Er hatte sich mit Emilia darauf verständigt, dass sie in San Juan erzählen konnte, sie sei mit einem Ägypter verheiratet. Das war zwar nicht von Vorteil, aber zu Beginn hatte niemand an eine nachteilige gesellschaftliche Stellung gedacht. Mittlerweile fiel es Emilia nicht leicht, dass sie niemals mit ihrem Mann gesehen wurde. Wenn dann einer der seltenen Besuche kam, verhüllte sich Ardeth und verstärkte den befremdlichen Eindruck, den die Leute von ihm sowieso schon hatten. Bei der Beichte hatte sich der Pfarrer sogar schon nach ihrer Ehe erkundigt. Nun würde auch Gabriel in den Sog der Vorurteile gezogen werden.
„Gabriel, sag deinen Freunden einfach, wenn sie danach fragen, dein Vater sei Ägypter. Erzähle ihnen, dass ich nicht katholisch bin. Dann wundern sie sich nicht mehr, dass ich nicht mit in die Kirche komme. Und erzähle möglichst wenig.“
Gabriel nickte. Er hatte aber seine Frage nicht vergessen. „Und was bedeuten die Zeichen denn nun?“
Ardeth erklärte ihm, dass er auf der Stirn Hieroglyphen trug, die „Unterwelt“ bedeuteten und auf den Wangen die Barken, die nach Westen, ins Totenreich, führten. Es hätte damit zu tun, dass er als Jugendlicher die Aufgabe erhalten hatte, die Lebenden und die Toten vor dem Bösen zu beschützen. Die meisten Jugendlichen würden beim Eintritt ins Erwachsenenalter diese Zeichen erhalten. Sie sollen sie stets an ihre Aufgabe erinnern. Ardeth wunderte sich, dass Gabriel sich alles ruhig anhörte und zu verstehen versuchte. Weil Gabriel sehr wissbegierig war, malte Ardeth einige Hieroglyphen auf und erklärte sie ihm, bis Emilia die beiden stirnrunzelnd unterbrach und zum Abendessen rief.
In den folgenden Tagen ließ Gabriel sich immer mehr Hieroglyphen erklären und zeichnete sie nach. Emilia bemerkte, dass Ardeth glücklich war, seinem Sohn von seiner Heimat erzählen zu können. Ihr Leben auf der Farm war friedlich, doch Emilia wünschte sich, dass sie in der Gesellschaft Anerkennung finden würde, auch hinsichtlich der Zukunft ihrer Kinder.
Die Lage besserte sich etwas, als man Emilia bat, als Erzieherin auf einer großen Estancia tätig zu werden. Senora Juarez, die auf dieser Estancia lebte, hatte sie gefragt, ob sie nicht ihre Kinder unterrichten möchte: in Englisch, Französisch und Klavierunterricht. Sie hatte zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren, und als sie sich mit Emilia nach dem Sonntagsgottesdienst unterhalten und erfahren hatte, dass Emilia Fremdsprachen und das Klavier beherrschte, hatte sie ihr den Vorschlag gemacht. Die Estancia lag in nur 20 Meilen Entfernung. Ardeth hatte keine Einwände, und so fuhr Emilia dreimal die Woche zu der Estancia, wurde Gouvernante und musste keine Feldarbeit mehr ertragen. Sie brachte Geld nach Hause, das die Familie gut gebrauchen konnte. Und sie wurde zufriedener, auch wenn sie dort wie höheres Dienstpersonal behandelt wurde.

Ein paar Wochen später – es war im Januar 1920 – brachte Juanes Gomez eine Zeitung aus San Juan mit. Er tat es eigentlich immer, aber dieses Mal stand eine Nachricht aus Ägypten drin, und da er wusste, wie sehr Ardeth an seiner alten Heimat hing, freute er sich, ihm eine gute Nachricht bringen zu können. Er überreichte ihm das Blatt mit einem vielsagenden Blick.
„Lies mal Seite 3“, forderte er ihn auf und grinste. Er freute sich ebenso wie Emilia auf Ardeths Gesichtsausdruck.
So las Ardeth, dass Ägypten am 19. Dezember 1919 seine Unabhängigkeit erklärt und König Fu'ad I. seine Untertanen zum Widerstand gegen die Briten aufgerufen hatte.
„Tja, das sind die Auswirkungen des Krieges! Die Briten haben ihn zwar gewonnen, aber nun verlieren sie ihre Kolonien“, kommentierte Juanes. „Ich sehe es als Chance an. Stell dir vor, endlich ist dein Land frei, und das nicht nur von den Briten, sondern auch gleich von den Osmanen.“
Ardeth sah ihn an und nickte, doch er wusste nicht so recht, ob er sich freuen sollte oder nicht. Ein unabhängiges Ägpyten? Mit einem König an der Spitze? Was bedeutete das für die Medjai? Wie mochten Ardjun oder Ismail reagieren?
Ardeth kannte König Fu'ad recht gut, denn er war bislang der Vizekönig gewesen. Auch er hatte für keinen effektiven Schutz sorgen können, als die Briten und Franzosen über die Altertümer herfielen. Und nun, da er sich von den britischen Besatzern losgesagt hatte? Würde er Ägyptens Reichtümer nutzen, um seine eigene Macht zu festigen? Würde er das Volk ausbeuten? Ardeth wurde zunehmend unruhig, je mehr er darüber nachsann.
„Freut es dich gar nicht, Ardeth, dass deine Heimat ihre Souveränität wiedererlangt hat?“, fragte ihn Emilia, die ihn genauso erwartungsvoll anschaute wie Juanes.
„Was ist Souveränität, Papa?“, wollte Gabriel wissen.
„Souveränität ist, wenn ein Land eigenständig ist und nicht von einem anderen Land beherrscht wird.“ Gabriels Frage war noch am einfachsten zu beantworten. Doch Gabriel ließ nicht locker, denn er verstand es nicht so ganz. Sein Vater hatte ihm bislang ja auch nur vom alten Ägypten erzählt und er wandte das auf die Gegenwart an.
„Du hast doch aber gesagt, Ägypten sei das mächtigste Land dank seines Pharaohs?“
„Das war früher, Gabriel. Vor vielen vielen Jahren...“ Dann wandte er sich an Juanes:
„Ich danke Ihnen sehr, Senor, dass Sie mir diese Zeitung mitgebracht haben. Ich freue mich in der Tat über diese Nachricht, die mit der Hoffnung verbunden ist, dass sich dort etwas ändern wird.“
Es klang fast wie das Schlussplädoyer eines Politikers. Emilia und Senor Gomez sahen Ardeth verwundert an. Freude klang anders.
„Das Essen ist fertig“, sprach Ardeth unbeirrt weiter. Jeden Sonntagabend kochte er für die Familie, die aus San Juan heimkehrte.
Man aß also und Ardeth ließ sich berichten, was es in San Juan Neues gäbe.

Später - Senor Gomez hatte sich längst zurückgezogen – saßen Ardeth und Emilia allein auf der Veranda und genossen die kühle Nachtbrise. Ardeth blickte zum Sternenhimmel. Emilia betrachtete ihn eine Weile, dann sprach sie:
„Du hast Heimweh, nicht wahr?“
Er sah sie ernst an. „Du nicht?“
Sie überlegte eine Weile. „Doch, manchmal schon. Ich sehne mich dann aber eher nach Konzerten, nach der Oper, guten Büchereien und solche Dinge. Naja, und natürlich nach dem schönen Fichtelgebirge und dem blauen Himmel über Italien! Doch ich sage mir, eines Tages werden wir Buenos Aires einen Besuch abstatten und dann kann ich mir einige meiner Wünsche erfüllen. Papa schreibt ja regelmäßig vom Teatro Colòn.“ Sie lächelte. „Aber... meine Heimat, das bist jetzt du – und natürlich sind es unsere Kinder.“
Ardeth lächelte sie liebevoll an. „Ja, meine Heimat ist jetzt auch hier.“
„Aber du denkst oft an Ägypten.“
Er nickte.
„Warum sprichst du nicht darüber? Erzähl mir, wie war deine Kindheit? Wie sieht es in deiner Heimat aus?“
„Ich erzähle nicht davon, weil es mich an meine Schuld erinnert.“
„Ach Ardeth, du machst dir immer noch Selbstvorwürfe? Die ganze Sache ist doch schon so lange her! Sicherlich hat sich in deiner Heimat alles geregelt. Und jetzt ist sie sogar unabhängig! Das ist doch wunderbar!“
Er nickte, doch in seinen Augen lag kein Glanz.
„Ardeth, wie willst du wirklich glücklich werden, wenn dir deine Vergangenheit so zu schaffen macht?“
„Es ist ja nur manchmal, Emmy. Heute zum Beispiel wegen der Nachricht. Und außerdem ist es nicht nur die Vergangenheit, die mir zu schaffen macht...“
„Sondern?“ Sie wurde hellhörig. Was verheimlichte er ihr?
„Emmy, ich sehe doch, dass du hier nicht glücklich bist. Du warst ein ganz anderes Leben gewohnt. Und nun musst du hier Mais pflanzen, hast kaum Kontakt zu anderen Menschen und kannst keine schönen Kleider zur Oper tragen... Du hast dir ein anderes Leben erträumt. Nur meinetwegen leben wir hier, so weit weg von einer Großstadt.“
„Ja, Ardeth, manchmal sehne ich mich nach der Großstadt. Aber ich habe vorhin ja gesagt, dass ich Hoffnung habe, eines Tages Buenos Aires zu besuchen. Also mach dir nicht so viele Gedanken um mich. Ich bin da glücklich, wo du bist. Und ich möchte, dass du glücklich bist! Mach dir bitte auch nicht so viele Gedanken um deine Heimat oder deine Schuld – wem auch immer gegenüber. Dein Großvater hätte dir damals auch entgegen kommen können, ich finde, er trägt einen Großteil der Schuld selbst, und ich wusste, worauf ich mich einlassen würde, als ich dich geheiratet habe. Du musst dir endlich selbst vergeben können, Ardeth!“
„Es... geht nicht nur darum, Emmy...“
„Ardeth, was auch immer dich bedrückt, teile es doch endlich mit mir! Ich bin deine Frau!“
Ardeth schluckte, bevor er sprach: „Nun gut, du sollst es erfahren.“ Er holte tief Luft und schaute zu den Sternen. „Ich habe einen Eid geleistet, eine Aufgabe zu erfüllen. Es ist eine sehr wichtige Aufgabe, Emmy. Versagen könnte zum Untergang der Welt führen.“
Emilia sah ihn mit großen Augen an.
„Meinen Eltern wurde geweissagt, ich sei es, der sich der bösen Kreatur gegenüberstellen und es besiegen müsste.“
„Der bösen Kreatur?“
„Ja, dem Untoten. Denn wenn er wiedererweckt wird, muss er seinen Fluch vollziehen und alle Menschen versklaven, die Welt unterjochen. Das Böse wird herrschen.“
Ardeth schwieg, Emilia sagte nichts dazu. Sie versuchte nachzuvollziehen, wovon Ardeth sprach.
„Ich kann nur hoffen, dass die Weissagung sich geirrt hat. Es wäre allerdings das erste Mal.“
„Ar...Ardeth?“
Er sah sie an, und zwar so ernst, dass in seiner Miene kein Zweifel lag, dass er von der Richtigkeit des Gesagten überzeugt war.
„Was ist das für eine schreckliche Geschichte?“
„Vor mehr als 3000 Jahren hat der Hohepriester zu Theben den Pharaoh Sethos I mit dessen zukünftiger Frau betrogen. Als sie entdeckt wurden, nahm sich die Ungetreue das Leben. Der Hohepriester floh. Da er wusste, wie man ihr das Leben wiedergeben konnte, raubte er ihren Leib und brachte sie nach Hamunaptra, dem Heiligen Ort, wo die toten Söhne der Pharaonen ruhten und der ganze Reichtum des Landes verwahrt lag. Der Hohepriester, dessen Name nicht mehr genannt werden darf, denn er wurde auf ewig verflucht, wusste, dass hier auch die Bücher des Lebens und des Todes aufbewahrt wurden, mit deren Hilfe er seine Geliebte wiedererwecken wollte. Doch die Wächter der Heiligen Stätten, meine Vorfahren, die Medjai, kamen gerade noch rechtzeitig, um die heilige Zeremonie zu verhindern. Der Hohepriester wurde von dem Rat der anderen Priester zum Homdai verurteilt, denn er hatte die schwerste Sünde begangen, nämlich Hamunaptra geschändet und das Buch der Toten benutzt. Der Homdai ist die schwerste aller ägyptischen Bestrafungen. Der Schändliche wurde nicht nur in diesem Leben verurteilt, sondern auch für das nächste, und somit kann er nicht leben noch sterben. Er muss ewige Qualen erleiden.“
„Der Ärmste...“, warf Emlia ein und Ardeth bedachte sie mit einem sonderbaren Blick. Aber sie folgte der Geschichte aufmerksam, daher fragte sie gleich: „Dann ist er der Untote?“
„Ja, und der Homdai ist eine Strafe, die auch die Lebenden mit der Pflicht belegte, auf ihn aufzupassen, denn er kann wiedererweckt werden, und das zu vermeiden, halten wir seit über 3000 Jahren Wache.“
„Da liegt also ein Hohepriester an einem Ort in Ägypten begraben, und das seit mehr als 3000 Jahren, und du sollst da Wache halten?“
In Emilias Worten lag Zweifel.
„Ja“, erwiderte Ardeth. „Wir passen darauf auf, dass niemand den, der nicht genannt werden darf, ausgräbt.“
„Vielleicht ist er ja gar nicht mehr da...ich meine, nach 3000 Jahren ist da vielleicht nicht mehr viel übrig, was man ausgraben könnte, und ...ähm...“
„Emilia, er ist da. Man kann seine Präsenz spüren. Der Fluch besteht in Ewigkeit.“
Emilia wollte nicht so recht daran glauben. Sie bemerkte aber, dass es Ardeth damit sehr ernst war.
„Aber da sind doch sicher jetzt viele andere, die auf ihn aufpassen können.“
„Ja, natürlich, aber mir wurde geweissagt, er würde in meiner Zeit erwachen. Er ist noch nie in den letzten 3000 Jahren wiedererweckt worden.“
Sie verstand nun, was Ardeth beschäftigte, nur ganz nachvollziehen konnte sie es nicht.
„Aber die anderen passen doch auf ihn auf. Sie können ihn doch sicher so bekämpfen wie du? Ich meine, musst denn unbedingt du es sein, der ihn bekämpfen wird?“
„Ich weiß es nicht, Emmy. Die Weissagung lautete, ich müsse mich ihm entgegenstellen.“
Emilia überlegte eine ganze Weile, denn sie wollte die Gefühle ihres Mannes nicht verletzen.
„Ardeth, du bist jetzt hier in Amerika. Das hat das Schicksal so gewollt. Du musst es akzeptieren.“
„Ja“, seufzte er.
„Du, sag mal, dein Großvater hat doch auch von dieser Weissagung gewusst, nicht wahr?“
„Ja, hat er.“
„Dann war es ganz schön dumm von ihm, dich wegzuschicken. Dann ist es jetzt sein Problem!“
„Emmy, es ist unser aller Problem, fürchte ich.“
„Du kannst doch aber nicht zurückkehren!“
„Nein, aber du verstehst jetzt, warum ich mir Sorgen mache?“
„Ja, Ardeth, auch wenn es mir schwerfällt, das alles ... ähm... zu glauben, was du mir erzählt hast. Ich meine, vielleicht ist es eine Legende, und...“
„Nein“, unterbrach sie Ardeth, „es ist keine Legende. Und der Untote ist nicht der einzige, auf den wir aufpassen. Emilia, ich weiß, dass es schwierig ist, das zu verstehen. Ich hätte dir eigentlich auch gar nichts davon erzählen dürfen, doch erstens bin ich ausgestoßen, zweitens bist du meine Frau, die ich jetzt darum bitte, dieses Geheimnis mit mir zu teilen.“
Sie nickte. Ardeth sah sie von der Seite an. Er ahnte, dass Emilia ihm diese ganze Sache nicht glaubte. Wenn sie die Geschichte nicht ernst nahm, dann hätte sie vielleicht auch keine Gewissensbisse, sie weiterzuerzählen.
„Versprichst du es mir?“, insistierte er.
„Ja, ich verspreche es dir“, antwortete Emilia, die diese merkwürdige Geschichte wirklich nicht glauben konnte. Sie bemerkte aber, wie ernst es Ardeth war, doch sah sie ihn als Opfer folkloristischer Legendenbildung. Aber konnten soviele Menschen so einen Unsinn glauben?
„Ardeth, wieviel Leute passen denn eigentlich auf diesen... Untoten auf?“
„Wir haben ungefähr 10 000 Krieger und...“
„10 000?“, fuhr sie entsetzt dazwischen. „Und sie sind alle überzeugt davon, dass dieser... Untote da begraben liegt in Hamu...“
„...naptra. Ja, sind sie.“
Sie seufzte. Sie war an der Grenze ihrer Begreiflichkeit angekommen.
„Nunja, so sind es immerhin genügend, die an deiner Stelle aufpassen können“, versuchte sie ein gutes Fazit zu ziehen.
Er nickte und zog eine bedeutungsschwere Miene. „Ich hoffe es.“
Ardeth blickte Emilia an. „Ich weiß, dass es dir sehr schwer fällt, das alles zu verstehen. Daher habe ich dir nie zuvor davon erzählt.“
Emilia konnte sich mit dieser Geschichte wirklich nicht anfreunden und sie beschloss, möglichst nicht mehr davon sprechen zu müssen. Sie ahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie nur drei Monate später, als sie vermeintlich glücklich in der Hauptstadt weilte, anders darüber denken würde.

Alles fing damit an, dass nur wenige Tage nach diesem Gespräch ein scheinbar steinalter Indio auf der Gomez-Farm auftauchte, vor dem alle hier beschätigten Indios großen Respekt hatten. Ardeth, Emilia, Gabriel und Pablo standen gerade bei den frisch zur Welt gekommenden Zicklein im Strohstall, als Pablos Vater Julio aufgeregt hereinkam.
„Junger Padron, junger Padron, kommen Sie schnell!“
Ardeth sah Emilia an und schnell folgten sie Julio, ebenso die beiden Jungen. Julio führte sie in die Mitte des Hofes, wo die anderen Indios um den Alten herum standen. Der hatte eine Art Hellebarde, auf die er sich fast zu stützen schien. Vermutlich wäre er sonst umgefallen.
„Das ist Macubama, und er ist von sehr, sehr weit gekommen, um dich zu finden, junger Padron!“
Emilia schaute sehr erschrocken. Ob der Alte aus Ägypten gekommen war? Sie krallte ihre rechte Hand in Ardeths schwarzen Hemdärmel. Doch Ardeth schien gar nicht ängstlich, sondern eher verwundert. Macubama hatte seine durchdringenden Augen auf Ardeth gerichtet. Er musterte ihn.
„Bist du es, der die Schwingen des Urus trägt?“
Alle Indios sahen erfürchtig zu Ardeth, der sich allerdings keinen Reim auf diese Frage machen konnte. Er überlegte kurz, doch ihm fiel nichts dazu ein. Gabriel und Pablo musterten den alten Mann, der sehr bunt angezogen war. Ein großer, aus Lama-Wolle gewebter Poncho bedeckte ihn fast ganz, sodass die unteren Fransen Boden berührten.
„Nein, ich kenne die Schwingen des Urus nicht“, erwiderte Ardeth kopfschüttelnd.
Der alte Mann musterte sein Gesicht, dann den Rest seines Körpers. Dann krächzte er:
„Du kennst die Schwingen des Urus nicht und doch trägst du sie!“ Er deutete auf Ardeths rechte Hand, die Gabriels linke umfasste. Ardeth ließ seinen Sohn los und betrachtete seine Handrückentätowierung.
„Ist es das, wovon du sprichst?“
„Ja, aber deine beiden Flügel müssten ganz damit gezeichnet sein.“
„Flügel?“, erkundigte sich Emilia, deren Unbehagen sich langsam regte.
Ardeth ahnte, wovon der Mann sprach, denn schließlich trug er diese Tätowierung mehrfach an beiden Armen. Er zog den rechten Ärmel nach oben. Der alte Indio nickte befriedigt.
„Du bist es!“
Emilia beschlich wieder die Angst, der alte Mann käme doch aus Ägypten. Doch auch Ardeth schien keine Ahnung zu haben. Der Indio nickte zufrieden und sprach: „Du bist einer von Urus' Wächtern. Ich bin lange gewandert, um dir zu sagen, dass du dich auf den Weg machen musst. Urus' rechter Flügel ist verschwunden. Du musst ihn uns zurückbringen, sonst wird großes Unglück geschehen. Ich erwarte dich in der Geheimen Stadt am Alten Berg.“
Er wandte sich um und wankte von dannen. Sämtliche Indios blieben stehen und sahen ihm nach. Da traute sich auch Ardeth nicht, ihm hinterzugehen und ihn zu befragen. Er hatte keine Ahnung, wovon der alte Indio gesprochen hatte. Ein Seitenblick zu Julio sagte ihm, dass er vielleicht mehr wusste. Emilia sprach als erste wieder.
„Was sollte das? Wovon spricht er? Und warum geht er weg?“
„Er kehrt zurück in sein Land“, antwortete Julio. „Nach Peru.“
„Peru?“ Emilia sah ihn entsetzt an. „Das ist weit. Und er ist so alt.“
„Die Indios sind schon immer gut zu Fuß gewesen. Die Berge sind ihre Heimat, Senora, und die Berge sorgen dafür, dass die Indios gesund bleiben.“
„Er benutzt den alten Inka-Pfad, nicht wahr?“, erkundigte sich Ardeth.
„Inka-Pfad?“, fragte Emilia nach, die etwas verwundert war, dass Ardeth sich wohl ein bisschen auskannte. Ardeth hatte sich schon oft mit Julio über die Indios, ihre Vorfahren und die Konquistadoren unterhalten. Julio hatte ihm sogar schon Reste von Ruinen gezeigt, die sich in der Nähe befanden.
„Der Inka-Pfad ist eine sehr alte Straße. Die Inka haben viele tausend Kilometer Straße angelegt. Von Süden nach Norden zieht sich eine, die allein 6000 Kilometer umfasst. Daher waren, sind sie wohl so gut zu Fuß. Auf dieser langen Straße wird er seine Heimat erreichen. Aber was wollte er von mir? Ich habe es nicht verstanden.“
„Du sollst helfen, etwas zu finden, was verloren gegangen ist, junger Padron.“
„Warum ausgerechnet Ardeth?“, fragte Emilia aufgeregt.
Ardeth sah Emilia etwas verwundert an, denn etwas zu finden, was verloren gegangen ist, klang für ihn gar nicht so abwegig.
Julio antwortete: „Weil er diese Zeichen trägt. Die Schwingen des Urus.“
„Das muss eine Verwechselung sein, Julio“, sprach Emilia weiter, „Ardeth hat die Tätowierungen in Ägypten erhalten. Sie haben nichts mit Peru zu tun. Sie ähneln diesen Urus-Schwingen sicherlich
nur.“
Ardeth sah dem alten Indio nach und schüttelte verwundert seinen Kopf. „Er ist den ganzen Weg hierher gekommen, um sich davon zu überzeugen, dass ich diese Zeichen trage? Woher wusste er davon?“
„Macubama ist ein sehr weiser Mann, einer von denen, die zu den Ahnen sprechen. Was er dir gesagt hat, wird bestimmt eintreffen. Du wirst ihn wiedersehen. Dann magst du ihn alles fragen, was du willst, Senor.“
„Und du weißt nichts darüber?“
„Ich weiß nur sehr wenig, Senor.“
„Julio, du lässt dir doch sonst nicht die Würmer aus der Nase ziehen“, meinte Emilia ungeduldig.
„Ach Senora, ich weiß wirklich nicht viel.“
„Wer ist Urus?“, fragte Ardeth.
„Urus ist ein Vogel.“
Emilia atmete tief durch vor Ungeduld. Bei all dem Gerede von Schwingen und Flügel wäre sie da auch selbst drauf gekommen. „Und was ist an einem Vogel so wichtig?“
„Moment“, redete Ardeth dazwischen, dem gerade eine Idee gekommen war, „was für ein Vogel?“
Die Betonung lag auf dem Wörtchen „was“. Und er fragte nach: „Ein Condor etwa?“
„Nein, Senor, ein Falke.“
Ardeth schaute ihn mit großen Augen an. „Horus! Natürlich! Urus ist gleichzusezten mit Horus!“
„Horus, der Falkengott?“, fragte Gabriel, der aufmerksam zugehört hatte.
„Ein ägyptischer Gott? In Peru?“, fragte Emilia, die Horus kannte, da ihr Vater sie ja als Kind mit ins Museum in Berlin genommen hatte.
„Ja, er ist der...“ Ardeth hielt inne, ihm war mehr dazu eingefallen. „Ja, jetzt verstehe ich. Urus' Wächter! Natürlich! Wir sind die Wächter der Pharaonen, wir bewachen die Lebenden und die Toten. Und die Pharaonen sind die Stellvertreter des letzten Gottes, der auf Erden weilte, nämlich Horus. Sie sehen sich in ihrer Erdenzeit als Horus-Vertreter an. Und wir sind ihre Wächter. Horus' Wächter. Macubama hat recht: Ich bin ein Horus-Wächter, sozusagen.“
Emilia störte es etwas, dass Gabriel zuhörte.
„Ardeth, hör mal...“
Doch der ließ sich nicht beirren und fragte sich: „Woher weiß Macubama das alles?“ Dann wandte er sich an Julio: „Weißt du, was Urus' rechter Flügel ist? Eine Inschrift? Ein Bild? Eine Figur vielleicht?“
„Nein, Senor, ich weiß es nicht“, bedauerte Julio.
„Habe ich das richtig verstanden, dass du diesen Flügel wiederbeschaffen sollst?“, fragte Emilia nach. „Und du weißt noch nicht einmal, um was es sich dabei handelt? Warum hat dir der alte Mann das nicht verraten?“
„Er wird wohl gedacht haben, dass ich weiß, wovon er spricht.“
„Und wo sollst du ihn suchen?“
„Gute Frage...“
„Und was passiert, wenn du ihn nicht finden und zurückbringen wirst?“
Ardeth zuckte mit den Schultern, während Julio sehr bedenklich dreinblickte.
„So ein Unsinn!“, schimpfte Emilia schließlich. „Komm, Maria“, sagte sie fast im Befehlston, „lass uns das Mittagessen herrichten!“
Maria blieb nichts anderes übrig als der jungen Senora zu folgen, während Julio ein wenig indigniert schien. Da auch die anderen Indios wieder ihren Pflichten nachgehen mussten, blieben Julio und Ardeth allein zurück.
„Es ist Vorhersehung, junger Padron, dass Sie aus dem fernen Ägypten zu uns gekommen sind. Nehmen Sie die Worte des Macubama ernst!“
„Ja, das tue ich, Julio, nur weiß ich nicht, was ich machen soll.“
„Sie werden es sicher bald wissen.“
„Weißt du, wo der Ort liegt, zu dem Macubama zurückkehrt?“
„Es gibt eine Stadt, die nie gefunden werden sollte. Sie nennt sich Machu Picchu, das bedeutet „Alter Berg“. Doch leider wurde sie vor neun Jahren entdeckt und jetzt sind dort Ausgräber.“
„Ausgräber? Dann werden diese Ausgräber den Flügel des Urus entwendet haben. Was auch immer dieser Flügel ist. Auf jeden Fall wird es schwer werden, ihn zu finden. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das anstellen soll.“
Ardeth war in der Tat ratlos. Die Situation erinnerte ihn an Ägypten. Ausgräber, die sich mit bedeutungsvollen Artefakten auf und davon machten, ohne um ihre Bedeutung zu wissen! Da er nicht wusste, was Urus' rechter Flügel sein sollte, konnte er nicht gezielt danach suchen. Er war sich sicher, dass Macubama noch einmal wiederkommen würde, falls es nötig sein würde. Ardeth nahm sich vor, Augen und Ohren im Zusammenhang mit Machu Picchu und Peru offen zu halten, aber mehr konnte er beim besten Willen nicht tun. Es sollte jedoch nicht lange dauern...

Emilia war sehr aufgeregt, als sie am kommenden Sonntag aus San Juan zurückkehrte.
„Stell dir vor, ein Brief von meinen Eltern!“, jubelte sie, kaum dass sie vom Kutschbock stieg. Auch Gabriel sprang aufgeregt herbei, denn er war ja schon informiert.
„Eine Einladung! Nina heiratet!“
Sie umarmte Ardeth, denn sie schien längst beschlossen zu haben, nach Buenos Aires zu reisen.
„Wann denn, Emmy?“
„In drei Wochen!“
Es war Erntezeit und die diesjährige Ernte war sehr gut. Die Nachfrage nach Mais war gestiegen, da die meisten Bauern in der Gegend sich auf Wein spezialisiert hatten. Es kam also viel Arbeit auf sie alle zu. Ardeth warf Senor Gomez einen Blick zu, doch der lachte auch.
„Fahrt ihr ruhig“, meinte er, um Ardeths unausgesprochene Frage zu beantworten. „Ich habe mich schon mit Emilia darüber unterhalten. Und mit Julio. Julio wird andere Indios bitten, bei der Ernte zu helfen.“
„Ja, wir bezahlen sie von dem Geld, was ich bei den Juarez verdiene!“
„Ich bringe euch nach Mendoza, von dort aus nehmt ihr die Eisenbahn. Na, was meinst du, Ardeth?“
„Ich weiß nicht... ich werde hier gebraucht. Die Zicklein sind doch gerade erst geboren. Du könntest allein mit den Kindern zu deinen Eltern fahren...“
„O nein, Senor Garadh, das kommt gar nicht in Frage!“, schimpfte Juanes. „Du wirst doch deine junge Frau nicht schutzlos reisen lassen wollen! Bei all den Gauchos, die in diesem Land nur auf so eine schöne junge Frau warten! Also, ihr zwei reist nächsten Sonntag ab und kommt nach der Hochzeit wieder nach Hause. So lange fallt ihr gar nicht aus. Und das Geld für die Reise und die Indios, die euch vertreten, haben wir allemal. Außerdem wird es eine Spitzenernte! Und auf die Zicklein passen wir und Mutter Ziege schon auf.“
Sie hatten schon alles beschlossen, warum sich also weigern?
Emilia probierte noch am gleichen Abend ihre Kleider an, während sich Ardeth kein bisschen darauf freute, nach so langer Zeit den beengenden Anzug wieder tragen zu müssen.

Familie Leyden freute sich sehr, als sie am Bahnhof in Buenos Aires ihre Tochter in die Arme schlossen. Anna vergoss Freudentränen, als sie die beiden Kinder das erste Mal in ihrem Leben sah. Sie staunte, wie groß Gabriel schon geworden war. Die Aufregung war sehr groß. Ardeth und Emilia wohnten im Haus der Großeltern, wo auch noch die junge Braut wohnte.
„Ninetta, Ninetta!“, rief Emilia, als sie ihre Schwester ins Wohnzimmer eintreten sah und fiel ihr um den Hals.
„Emmy, Emmy, ja Emmy! Dass du kommen konntest! Das ist mein schönstes Hochzeitsgeschenk!“
Die Freude war übergroß, und stolz präsentierten die Brauteltern den Bräutigam.
Don Rafael war ein reicher Mann, der eine große Ranch in der Pampa besaß, aber in Buenos Aires lebte und in einer großen Villa förmlich residierte. Er war schlank, mittelgroß und wirkte sehr aristokratisch. Seine schwarzen glatten Haare trug er mittellang. Er war eine sehr gepflegte Erscheinung.
„Ich höre, Sie leben auf einer Farm im Weinbauland? Ist es ein Weingut?“
„Nein, wir pflanzen Gemüse“, antwortete Ardeth, der merkte, dass der Bräutigam nicht gerade erfreut über Emilia und ihn war.
„Gemüse“, wiederholte er tonlos, und Emilia beeilte sich zu sagen: „Mais! Der Maispreis ist dieses Jahr gut, wir hatten eine große Ernte.“
Sofort erkundigte sich Don Rafael nach der Größe und zog bei der Antwort die Augenbraue etwas verächtlich in die Höhe.
„Ihr müsst wissen, Rafael gehört zu einer der ältesten Familien dieses Landes! Alter Adel! Man kann sagen, seine Familie hat das Land aufgebaut“, berichtete Nina begeistert.
„Nana, meine Kleine, du übertreibst“, wandte Don Rafael großmännisch ein und Ardeth gefiel die Art nicht, wie er Nina behandelte. „Geh und hole mir meine Zigarren, ich habe sie drüben liegengelassen!“, trug er ihr auf und tatsächlich ging Nina sofort.
Herr Leyden hatte Ardeth bei Ninas Rede über die ältesten Familien vielsagend angeschaut, denn seinerzeit auf dem Schiff hatte Ardeth ihm ein wenig von seiner Genealogie erzählt, und Herr Leyden gab zu, keine Familie zu kennen, die so weit ihre Genealogie zurückverfolgen konnte. Doch Ardeth erwiderte nichts.
„Sie stammen aus Ägypten?“, fragte Don Rafael.
„Ja, Senor Ortiz.“
„Es ist bedauerlich, dass Ihre Farm so klein ist.“
„Es handelt sich gar nicht um meine Farm“, erwiderte Ardeth.
„Ach!“ Don Rafael schaute ihn fast vorwurfsvoll an.
„Und wovon ernähren Sie Emilia?“
„Von der Arbeit, die ich leiste“, ließ sich Ardeth nicht beirren.
„Auf einer Farm, die Ihnen noch nicht einmal gehört?“
Herrn Leyden war das Gespräch sichtlich unangenehm.
„Don Rafael, ich kann Ihnen versichern, dass mein Schwiegersohn gut für meine älteste Tochter sorgen kann“, nahm er Ardeth in Schutz.
„Hm“, machte er, während er die Zigarre ansog, die ihm Nina gereicht hatte. „Aber die Kinder sollten eine gute Schulbildung erhalten, zumindest der Junge. Er sollte in ein Internat hier in Buenos Aires gehen. Ich kenne ein gutes, strenges, wo die Jungen tüchtig gedrillt werden.“
„Aber... aber das wäre ja fantastisch!“, rief Emilia aus, noch bevor Ardeth irgendetwas antworten konnte. „Ein Internat in Buenos Aires! Warum sind wir noch nicht selbst darauf gekommen, Ardeth?“
„Ich will aber nicht in ein Internat!“, meinte Gabriel mit ängstlichem Blick.
Don Rafael bedachte ihn mit einem wütenden Blick. „Es wird dir guttun, mein Junge. Dort lernst du vor allem Disziplin, die du arg nötig hast, wie mir scheint.“ Er schaute wieder Ardeth an. „Das Internat ist bekannt dafür, dass spätere Offiziersanwärter der argentinischen Armee in ihm vorbereitet werden. Und glauben Sie mir, die Armee spielt in Argentinien eine wichtige Rolle!“
„Ich danke Ihnen für Ihren Ratschlag und weiß ihn zu schätzen, Don Rafael“, erwiderte Ardeth. „Ich habe selbst ein militärische Ausbildung genossen. Von daher denke ich, dass Gabriel diese nicht nötig haben wird. Emilia, er kann auch in San Juan zur Schule gehen.“
„San Juan? Wo soll das bitte schön liegen?“, machte sich Don Rafael lustig. „Aber interessant, interessant, was Sie da angemerkt haben! Hat Ägpyten denn ein Heer? Womit kämpft man bei Ihnen? Pfeil und Bogen?“
„Also Don Rafael!“, ereiferte sich Herr Leyden.
„Es war doch nur ein Spaß, mein lieber Schwiegervater in spe.“
„Mit Pfeil und Bogen kann ich auch umgehen, und wenn Sie eine Probe wollen, bitte schön. Aber wir können auch gern das Schwert kreuzen und ein Wettschießen veranstalten. Ein Maschinengewehr sollten wir vielleicht in dem schönen Garten des Leydens nicht gerade ausprobieren.“
„Ha, da sage ich nicht nein! Das erscheint mir reizvoller als Erdbeertorte und Kaffee!“
Er sprang auf, ganz der stolze Argentinier auf seine Haltung bedacht. Als Nina ihm folgen wollte, wies er sie zurecht: „Du bleibst hier drin, mein Täubchen. Waffen sind nichts für dich.“
Und sie gehorchte. Emilia wäre am liebsten aufgesprungen und hätte zugeschaut, doch erklärte sich mit ihrer Schwester, die sie inzwischen bedauerte, solidarisch. Sie aßen Kuchen und sprachen mit Anna von alten Zeiten, während Gabriel immerhin mit dem Großvater in den Garten hatte folgen dürfen. Er staunte nicht schlecht und war mächtig stolz, als sein Papa in allen Disziplinen den Sieg davontrug. Don Rafael war etwas pikiert.
„Eliteeinheit“, erklärte Ardeth knapp zu seiner Entschuldigung.
„Teufel noch mal!“, schimpfte Don Rafael, als sie wieder zu den Frauen gingen. „Warum baut dein Mann Mais in dieser hinterwäldlerischen Gegend an? Verstehe das einer, wer will!“
Emilia war sehr stolz auf Ardeth, doch wunderte sich etwas, denn von diesen Fähigkeiten hatte er ihr noch gar nicht berichtet.
„Was hälst du noch alles vor mir geheim?“, fragte sie ihn später, und er antwortete nur mit einem Schulterzucken.
Don Rafael hatte sie für den übernächsten Tag in seine Villa eingeladen, und als er gegangen war, schwärmte Nina vor, wieviel Dienstpersonal er beschäftigte. Emilia stellte besorgt fest, dass Nina nur darauf bedacht, eine Frau von Stellung zu werden. Doch die Ehe war beschlossene Sache und sie wollte daher nicht mit ihr darüber sprechen, ob sie so glücklich werden würde. Vielleicht war es ja für sie das größte Glück, reich und eine Frau von Welt zu werden.
„Und ich habe einen Beduinen geheiratet“, seufzte sie, als sie in Ardeths Armen lag, der sie irritiert anschaute. „Einen Mann aus der Wüste. Keinen Adligen mit langer Familiengeschichte! Hach, egal, ich bin so froh, dass ich dich geheiratet habe. Niemand macht mich so glücklich wie du, Ardeth Bay!“
Er musste lächeln, als er seinen Namen nach dieser Rede hörte. Wenn du wüsstest, Emilia, o wenn du wüsstest... Er schwieg, denn er hatte in ihren Armen Besseres zu tun.

Am nächsten Tag zogen Emilia und Nina zum Einkaufen los. Ein Chauffeur brachte sie direkt in die Innenstadt. Ardeth hatte immer noch Leslies Warnung im Ohr, sich nicht bei allzu großen Menschenansammlungen zu zeigen. So blieb er in der Villa. Emilia und Nina kamen mit großen Tüten und Schachteln zurück.
„Wir waren bei der Casa Rosada, Ardeth, du kannst dir nicht vorstellen, was das für ein schöner Platz dort ist. Dann waren wir im Dom und stell dir vor, wer dort aufgebahrt ist: der heilige Martin!“ Sie lachte und sprach sogleich weiter: „Nein, nein, nicht der aus Frankreich, doch der San Martin, der Südamerika von den Spaniern befreit hat. Der große Freiheitsheld! Und dann waren wir eine Schokolade trinken – in einem Café, du kannst dir nicht vorstellen, wie vornehm es dort war. Aber ich habe zuvor dieses Kostüm hier gekauft – gefällt es dir?“ Und sie dreht sich einmal im Kreis, um ihr neues hellblaues Kostüm, bestehend aus einem dreiviertellangen Rock und einer Art Jacke, vorzuführen, doch wartete Ardeths Urteil gar nicht ab. „Es ist hinreißend, und dieser zarte leichte Stoff erst! Jedenfalls habe ich es gleich anbehalten und so war ich perfekt gekleidet, als wir im Café waren.“
Emilia hätte noch stundenlang weitererzählen können, aber zu Ardeths Glück wurden sie zum Essen gerufen. Ardeth freute sich für Emilia, dass sie so einen schönen Tag gehabt hatte. Und als dann Herr Leyden freudig verkündete, dass er für alle fünf Konzertkarten besorgt hatte, war Emilias Tag perfekt. So saß Ardeth abends in einem neuen, sehr vornehmen und unbequemen Anzug in einer Konzerthalle und hörte Beethovens 7. Sinfonie. Für ihn und Herrn Leyden war die Musik der schönste Teil des Abends, für Nina das Flanieren in der Pause, für Anna die Gemeinschaft mit ihrer Familie und für Emilia war es alles zusammen.

Auch für den Besuch bei Don Rafael hatte Ardeth ein neues Kleidungsstück von Emilia zugewiesen bekommen. Er fand das alles sehr übertrieben, aber ließ die Prozedur mit sich geschehen. Die Villa war prachtvoll und die Dienstboten eifrig.
„Hier werde ich wohnen“, schwärmte Nina ihrer Schwester vor. „Ist es nicht einfach himmlisch?“
„Es ist wunderbar, Ninetta!“
„Du musst mich oft besuchen kommen.“
„Warum, meine Kleine?“, mischte sich Don Rafael ins Gespräch und wirkte wieder einmal sehr gönnerisch. „Ich habe gehört, dass Emilias Mann gut mit Pferden umgehen kann. Er könnte bei uns arbeiten und die beiden könnten in das Nebengebäude ziehen.“
„Oh, wie wunderbar! Was für eine großartige Idee!“, schwärmte Nina sogleich. „Dann hätte ich dich immer an meiner Seite, liebste Schwester.“
„Ja, das habe ich mir auch gedacht. Du wärst dann nicht so allein, wenn ich unterwegs wäre, mein kleiner Liebling.“
„Oh Rafael! Guter Rafael!“, bedankte sich Nina überschwänglich. „Die kleine Wohnung nebenan ist ideal für euch. Und ihr hättet ausgesorgt. Ihr müsstet nicht mehr Gemüse anbauen.“
Tatsächlich schaute Emilia Ardeth bittend an, doch der zog ein ernstes Gesicht. Hier in Buenos Aires leben? Unter den vielen Menschen? Nein, das gefiel ihm nicht. Was ihm auch nicht gefiel, waren die Blicke, mit denen Don Rafael Emilia bemaß.
„Nein, ich glaube, das wäre keine gute Idee“, antwortete Herr Leyden anstelle von Ardeth. „Es geht doch schließlich nicht, dass der eigene Schwager als Pferdeknecht arbeitet und eine Dienstwohnung bezieht.“
„Nun denn, er würde auch mehr als mein Leibwächter fungieren. Ich bin sehr von seinen Fähigkeiten überzeugt, lieber Herr Schwiegervater.“
Endlich hatte Ardeth seine Sprache wiedergefunden. „Ich danke Ihnen für Ihr großzügiges Angebot, Don Rafael, doch ich würde lieber bei San Juan leben wollen.“
Emilia sah ihn enttäuscht und auch leicht verstimmt an. Er hatte sie noch nicht einmal um ihre Meinung gefragt.
„Wie Sie meinen, Herr Garadh, doch falls Sie es sich eines Tages anders überlegen sollten, steht Ihnen meine Tür offen.“
Ardeth bedankte sich noch einmal und wünschte sich sehnlichst ins Haus von Senor Gomez zurück.

Nach dem gemeinsamen Abendessen zogen sich die Herren ins Herrenzimmer zurück. Don Rafael und Herr Leyden genossen eine Zigarre zu ihrem Sherry. Ardeth wäre ja lieber bei den Frauen geblieben, doch Don Rafael hatte unmissverständlich klar gemacht, dass es jetzt Zeit wäre, die Frauen ihren Unwichtigkeiten zu überlassen. Ardeth wunderte sich über seine Art offen zu zeigen, wie sehr er Frauenangelegenheiten verachtete. Zu allem Überfluss sagte er auch noch zu Ardeth:
„Ich freue mich, lieber Schwager in spe, dass du deine Frau so gut im Griff hast. Sie widerspricht dir nicht, wenn du eine Entscheidung triffst, und diskutiert auch nicht. Lieber Schwiegervater, das zeigt mir, wie gut du deine beiden Töchter erzogen hast und lässt mich hoffen, dass auch Nina immer folgsam sein wird.“
Herrn Leyden war diese Unterhaltung genauso unangenehm wie Ardeth, dem gerade klar wurde, dass er über Emilias Kopf hinweg bestimmt hatte, nicht in Buenos Aires zu bleiben.
„In einer guten katholischen Ehe bestimmt nur der Mann. Nun, er hat ja auch eine Rute!“
Er lachte anzüglich auf und Ardeth und Herr Leyden sahen sich vielsagend an. Er goss allen drei ein Glas Sherry ein.
„Nina wird dir eine gute Ehefrau sein, lieber Rafael“, bestätigte Herr Leyden. „Auf Nina!“
Sie tranken auf diesen Trinkspruch hin.
„Ja, sie kann sich glücklich schätzen, in meine Familie einzuheiraten. Wissen Sie, Senor Garadh, wir sind sehr reich. Und wir werden bald die politischen Geschicke dieses Landes mitbestimmen.“
Er fing tatsächlich an, die Reichtümer der Familie aufzuzählen. Während Herr Leyden beständig nickte, sah sich Ardeth in dem Raum um, der gleichzeitig eine Bibliothek war. Er fragte sich, ob Don Rafael all diese herrlichen Bücher gelesen hatte. Es standen auch einige Pokale hier, die Ardeth interessiert betrachtete. Don Rafael, der ständig darauf aus war, Ardeth beeindrucken zu wollen, fing diesen Blick auf und unterbrach seine Aufzählung:
„Den Pokal habe ich im letzten Jahr erhalten, als bester Polo-Turnierteilnehmer.“ Er stand auf, was Ardeth dazu bewog, auch aufzustehen, um näher an den Schrank zu gehen, auf dem der Pokal stand.
„Polo?“, fragte er nach. „Was ist das?“
„Mein lieber Schwager, ja haben Sie am Ende doch keine Ahnung von Pferden? Polo ist ein Pferdesport! Wer in Argentinien etwas auf sich hält, spielt natürlich Polo.“
Und er hatte den ersten Platz beim Polo gemacht. Was für ein Wunderknabe!
„Können Sie überhaupt reiten?“
„Ja, ich kann reiten“, erwiderte Ardeth.
„Na wunderbar, dann können wir ja gemeinsam...“
Weiter kam er nicht, da Ardeth ihn jäh unterbrach. „Was ist das?“, rief er und zeigte auf einen merkwürdigen Gegenstand. Er war 30 cm lang, aus einer Art Metall und hatte die Form von – seiner Handtätowierung. Genau die gleiche Form! Ardeth trug allerdings während der gesamten Zeit in Buenos Aires Handschuhe, sodass Don Rafael seine Aufregung nicht ganz nachvollziehen konnte.
„Oh, das ist etwas sehr Seltenes. Aber ich befürchte, dass Sie damit nichts anfangen können, da es sich um ein geschichtliches Artefakt handelt.“
Herr Leyden war es leid, dass Don Rafael Ardeth so herablassend behandelte: „Nun lass gut sein, mein lieber Don Rafael, Ardeth ist sehr wohl geschichtlich interessiert. Immerhin kommt er aus einem Land mit einer langen Geschichte!“
„Nun ja, das hier hat eher mit der Inka-Geschichte zu tun. Ich weiß nicht, ob ich Sie damit behelligen sollte. Neuerdings meint ja die Wissenschaft, auch der Inka-Geschichte etwas abgewinnen zu können. Nun, und da es wohl Mode zu werden scheint, habe ich mir, natürlich, eins der interessanteren Artefakte gesichert, nämlich eins aus Machu Picchu.“
Ardeth sah ihn wie vom Donner gerührt an. Alles war auf einmal klar! Vor ihm lag der rechte Flügel des Urus! Grabräuber hatten es ausgerechnet an Don Rafael verkauft. Ardeth hatte nur durch die Hochzeit mit Emilia diesen Don Rafael kennengelernt. Sein unfreiwilliges Exil in Südamerika bekam einen Sinn.
„Sie kennen Machu Picchu nicht?“, fragte Don Rafael überlegen. „Es handelt sich um die geheime Stadt der Inka, die kürzlich von einem amerikanischen Wissenschaftler entdeckt wurde, nämlich von Hiram Bingham. Die Stadt ist ja jetzt in aller Munde.“
Doch Ardeth hörte gar nicht so genau hin, er war mit ganz anderen Dingen gedanklich beschäftigt. Er musste dieses merkwürdige Artefakt zurückbringen. Doch Don Rafael würde es vemutlich nie verkaufen.
„Soso“, antwortete Herr Leyden an Ardeths Stelle, dem das Angeben seines Schwiegersohnes in spe missfiel. „Jaja, ich habe davon gehört. Interessant, interessant. Diese geheime Stadt soll hoch in den Bergen liegen.“
„Woher haben Sie das Artefakt, Don Rafael?“, erkundigte sich Ardeth ungeniert.
„Von einem Kunstexperten. Er meinte, es wäre ein außergewöhnliches Stück. Zudem weiß man nicht, woraus es besteht. Leider nicht aus Gold“, seufzte er. „Nun, eine Goldmaske der Inka würde sicherlich noch mehr hermachen, aber leider fand man kein Gold in Machu Picchu. Mein Kontaktmann hört sich gerade um, denn ich trage mich mit dem Gedanken, ein Museum, das den Name meiner Familie trägt, einzurichten. Indigene Geschichte gehört nun mal leider dazu. Das wird modern, obwohl ich mir nicht erklären kann, wieso.“
„Oh, ein Museum“, staunte Herr Leyden.
Der Abend brachte keine neuen Erkenntnisse, und Ardeth ließ das Thema lieber ruhen, um nicht allzu viel Aufmerksamkeit darauf zu verwenden. Er wusste, er musste das Artefakt an sich bringen. Bald würde in diesem Haus jede Menge Aufregung herrschen, die würde er ausnutzen. Vorerst erwähnte er Emilia gegenüber noch nichts davon. Auch sie war im Moment etwas unberechenbar.

Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Die Eltern von Don Rafael waren vom Landsitz angereist. Leute von Rang und mit Namen strömten herbei. Ninas Onkel war sehr stolz auf diese Verbindung, die er in die Wege geleitet hatte. Sicherlich war diese Verbindung für beide Seiten lukrativ. Als Don Rafael beim Bankett der ihm gegenüber sitzenden Emilia wieder einen zweideutigen Blick zuwarf, hatte Ardeth eine verwegene Idee. Er nahm nach dem Mahl Emilia zur Seite.
„Ich brauche deine Hilfe, Emmy“, begann er, und Emilia merkte, dass er ziemlich aufgeregt war. „Du erinnerst dich an den alten Indio, der uns von der Schwinge des Urus erzählt hat?“
Sie nickte und starrte Ardeth irritiert an. Was sollte das jetzt hier?
„Ardeth, nicht jetzt, lass uns wann anders...“
„Hör zu, Emmy, bitte lass mich ausreden. Die Schwinge des Urus befindet sich hier. Don Rafael hat sie in seinem Besitz.“
„Was?“, entfuhr es ihr.
„Ich habe sie erkannt, sie hat die gleiche Form wie meine Tätowierung. Es handelt sich um eine Figur, die er im Herrenzimmer aufbewahrt, in einem Glasschrank. Er würde sie mir nie geben, daher müssen wir ihn hereinlegen, denn ich will sie auch nicht klauen.“
Fassungslos schüttelte Emilia ihren Kopf. „Was hast du vor?“
Er räusperte sich kurz, denn jetzt würde es etwas brisant werden.
„Hör mal, Emmy, ich habe beobachtet, wie Don Rafael dich mit Blicken auszieht.“
„Aber Ardeth!“
„Du musst mir jetzt einen großen Gefallen tun: Du lockst ihn ins Herrenzimmer und tust so, als ob du ihn dort verführen wolltest...“
„Ardeth!“
„...und dann komme ich dazu und spiele den beleidigten Ehemann.“
Emilia stand der Mund offen.
„Ich werde andeuten, dass die Sache nur mit einem Duell geklärt werden kann.“
„Du willst dich duellieren?“
„Nein, will ich nicht. Vor allem will Don Rafael das nicht. Ich habe ihn doch neulich in allen Disziplinen besiegt. Ich werde den Berechnenden spielen und als Sühne die Figur von ihm fordern.“
„Das glaubt er dir nie!“
„Ist mir egal. Ich will die Figur oder ein Duell. Was meinst du, was er wählen wird?“
„Und... mal angenommen, er wählt das Duell?“
„Na, dann würde ich Ninetta einen großen Gefallen tun, oder?“
„Ardeth, du bist unmöglich!“
„Bitte, ich muss diese Figur haben, Emmy.“
Sie seufzte. Ein letzter Einwand noch.
„Ardeth, mein Schwager wird mich für allezeit für ein leichtes Mädchen halten! Ich finde das nicht gerade angenehm.“
„Sag mal, Emmy, was hältst du von Don Rafael? Erscheint er dir wie ein Ehrenmann?“
„Nein, das gerade nicht, Ardeth, aber er gehört doch zur Familie. Ich werde ihn öfter wiedersehen und dann wäre es mir sehr peinlich. Auch Nina gegenüber.“
„Nina wird es nie erfahren, und sei versichert, Don Rafael wird sie oft betrügen. Er ist derjenige, der nur allzu bereit ist. Und ich spüre, ehrlich gesagt, kein Verlangen, Don Rafael wiederzusehen.“
„Ach, Ardeth, mir ist nicht wohl bei dem Gedanken.“
„Ich weiß, dass ich viel von dir verlange. Bitte, Emmy...“
Ardeths Plan war ihr nicht geheuer. Aber sie hatte ihn nie so aufgeregt gesehen. Es schien ihm sehr wichtig zu sein. Daher nickte sie. Was blieb ihr auch anderes übrig? Ardeth käme sonst noch auf irgendeine andere verrückte Idee.
„Ich werde dich allerdings ein wenig hart anfahren müssen, weil du als meine Ehefrau ja im Begirff warst, mich zu betrügen...“
„Ist schon klar, Ardeth“, seufzte sie ergeben und sah ihn dann sehr skeptisch an. „Und wie weit soll ich denn gehen, damit du als gekränkter Ehemann dastehen wirst?“
„Äh...lass dich küssen und lass zu, dass er anfängt, dich zu entkleiden...“
„Ardeth!“
„Naja, das wird bei dem Kleid doch wohl eine Weile dauern...“
„Und wenn du nicht rechtzeitig dazu kommst?“, fragte sie bange.
„Keine Angst, ich komme ca. fünf Minuten, nachdem ihr in das Zimmer gegangen seid, dazu. Emmy, da hängt eine Uhr. Und ich habe ja auch eine.“ Er zog die Uhr hervor, die ihm einst Herr Leyden am Tag ihrer Hochzeit geschenkt hatte.
„Ich...ich weiß nicht, Ardeth...“
Er sah sie flehend an.
„Also gut. Ich mach's. Also, ich soll den Ehemann meiner Schwester am Tage ihrer Hochzeit verführen. Na prima! Was habe ich nur für einen verrückten Ehemann!“
„Irrtum, was hat Nina nur für einen schrecklichen Ehemann!“, verbesserte Ardeth sie.
„Ja, der Gedanke ist mir in letzter Zeit auch schon gekommen. Sie wird sich ihm ganz unterordnen müssen, egal, was er tut. Und wenn er sie betrügt, wird sie es dulden müssen.“ Vielleicht war es dieser Gedanke, der Emilia schlussendlich bewog, Don Rafael eins auszuwischen. „Ich tu's!“

Am späten Abend hatten viele Gäste schon sehr viel Wein getrunken, so auch Don Rafael. Emilia setzte sich zu ihm und tostete ihm zu.
„Auf die Brautnacht, mein lieber Schwager!“ Dabei zwinkerte sie mit den Augen und ließ beim Trinken etwas Wein in den tiefen Ausschnitt ihres Kleides laufen. Sie neigte ihren Kopf ganz kurz an den von Don Rafael und flüsterte: „Wenn du willst, leck den Wein ab!“
Dann stand sie auf und zog kokett von dannen. Ardeth sah, wie Don Rafael sich erhob und ihr folgte. In all dem Durcheinander, dem Tanzen und der Lautstärke war es niemandem sonst aufgefallen, stellte Ardeth beruhigt fest, denn er war Emilia schuldig, dass ihr Ruf nicht in Gefahr geriet. Er stellte sich in die Nähe des Herrenzimmers, in das Emilia und nach ihr Don Rafael verschwunden waren. Fünf Minuten...
Im Herrenzimmer war um diese Zeit niemand, denn gefeiert wurde im großen Saal. Emilia hatte Glück: Kein Liebespaar hatte sich hierhin verzogen. Sie lachte Don Rafael aufmuntert zu und lief dann um den großen Tisch, um sich erjagen zu lassen. Beim Laufen schaute sie zur Wanduhr. Noch vier Minuten. Don Rafael erwischte sie eher als von ihr geplant. Sie wollte ihn küssen, doch er ließ das erst gar nicht zu. Er packte sie hart, presste sie mit dem Rücken unsanft auf den Tisch und sprach erregt: „Jetzt werde ich dir's zeigen!“
„Oh, nicht so schnell, Rafael! Nicht so grob! Zerreiß mir nicht das Kleid, sonst merken es die anderen!“, bat sie und wand sich unter ihm, um Zeit zu gewinnen.
Ardeth sah auf die kostbare Uhr: noch drei Minuten.
„Oh, ein wunderbares Stück haben Sie da“, sprach ihn ein ihm nicht bekannter Mann an. „Darf ich mich vorstellen? Don Miguel Blanchez, ein Freund von Senor Leyden – dem Bruder Ihres Schwiegervaters.“
Ardeth starrte ihn fast entsetzt an. Wollte der Mann jetzt mit ihm etwa Konversation machen?
Währenddessen zog sich Rafael hastig die Hose aus. Er hob Emilias Rock hoch. Verdammt, dachte sie, er macht sich gar nicht die Mühe, mein Kleid auszuziehen. Verdammter Rohling! Tatsächlich hatte er ihren bauschigen Rock ihr über die Brust und das Gesicht geworfen, sodass sie kaum noch was sehen konnte. Er zog ihr die lange und gerüschte Hose herunter, bis sie nur noch ihre Dessous anhatte, die sie sich in der Stadt gekauft hatte, um Ardeth zu verführen. Er tätschelte mit den Händen über den Satinstoff und führte seine Finger hinunter, Emilia grob berührend. Emilia konnte sich nicht mal wehren, als er ihr das letzte Kleidungsstück hinunterriss und ihr die Beine auseinanderdrückte. Alles ging so schnell. Selbst der Blick zur Uhr gelang ihr nicht, denn die Wanduhr stand hinter ihr. O Gott, wie lange noch? Ihr wurde angst und bange. Sie war kurz davor, nach Ardeth zu rufen. Doch sie riss sich zusammen und wand sich unter Don Rafael, so gut sie konnte, um hinauszuzögern, was er gerade vollziehen wollte. Don Rafael sah sich gezwungen, seine Beute zu fixieren. Er schlug Emilia ins Gesicht, damit sie Ruhe geben würde, packte dann ihre Handgelenkte. Es gelang ihm schließlich beide mit einem eiseren Griff festzuhalten, sodass Emilia sich nicht mehr rühren konnte.
„Was hast du, Schätzchen“, ächzte er während der Anstrengung. Während dem Gerangel war Emilias Rock vom Gesicht gerutscht, er sah in ihre furchtgeweiteten Augen und grinste sehr feist. „Du wirst jetzt einen richtigen Mann zu spüren bekommen, und es wird dir gefallen.“
Draußen wurde auch Ardeth nervös. Zum allem Unglück war auch noch sein Schwiegervater dazu gekommen. Doch Ardeth hatte Glück im Unglück, denn er fragte nach Emilia, und Ardeth konnte mit der Ausrede verschwinden, sie suchen zu gehen, um mit ihr zu tanzen. Er sah auf die Uhr, die Zeit war gerade abgelaufen!
Die hilflose Emilia konnte Don Rafael an ihren Schenkeln bereits spüren, und schrie laut „Ar...“, als endlich die Tür aufflog und Emilias längsten fünf Minuten vorbei waren. Als Ardeth sah, was Don Rafael gerade tun wollte, stieß er ihn sofort beiseite, sodass er zu Boden ging und entsetzt auf den rechtmäßigen Ehemann seiner Beute starrte. Ardeth warf Emilia einen gespielt wütenden Blick zu. Sie zitterte am ganzen Leib, denn das wäre fast schief gegangen. Sie hatten den Grobian unterschätzt. Doch jetzt galt's, die Farce zu Ende zu spielen.
„Du Treulose! Los, zieh dich an!“, schimpfte er und warf ihr ihre lange Rüschenhose zu, die auf dem Tisch lag. „Wir zwei unterhalten uns nachher!“ Emilia strich schnell ihr langes Kleid nach unten. Sie war hochrot im Gesicht geworden.
Ardeth stellte sich vor Don Rafael hin. Dessen vermeintlich bestes Stück war durch den Schreck wieder geschrumpft.
„Darauf gibt es nur eine Antwort, du Hurensohn! Ich fordere ein Duell!“
Don Rafael sah ihn mit schreckensgeweiteten Augen an.
„Ein Duell?“, fragte er kleinlaut nach, und er wusste, er musste sich mit dem gehörnten Ehemann duellieren. So verlangte es die Ehre. Doch er würde verlieren. Und sein Leben war ihm wichtiger als die Ehre. Ardeth ließ ihn eine Weile zappeln und Emilia hatte schon Angst, Don Rafael würde darauf eingehen.
„Andererseits...“, sprach Ardeth zögerlich und bedachte Don Rafael mit einem eiskalten Gesichtsausdruck, „ist mir das verruchte Weib da nicht so viel Wert, dass ich mir einen schlechten Ruf zukommen lassen möchte. Wenn ich dich töte, würde jeder wissen, warum ich es tun musste. Meine Ehre wäre befleckt.“ Er grinste Don Rafael grausam an. „Du wirst niemanden sagen, dass du meine Frau auch nur berührt hast.“ Er trat mit seinem Schuh dicht zwischen die Beine von Don Rafael. „Sagst du es, du Hurensohn, werde ich...“ Er hob seinen Schuh über Don Rafaels Geschlecht und tat so, als wollte er den Fuß niederdrücken. Don Rafael schloss unter Winseln die Augen, doch Ardeth machte einen Zentimeter über dem Ziel einen Rückzieher. „Du weißt, was ich tun werde.“ Er warf Emilia einen vernichtenden Blick zu. „Mein Weib werde ich zum Schweigen bringen.“
„Ich werde nichts sagen, ganz bestimmt nicht“, winselte Don Rafael. „Ich werde schweigen!“
Auch Emilia warf sich auf die Knie und flehte um Erbarmen. Ardeth fand das etwas zu theatralisch. „Aber Strafe muss sein, Don Rafael, Strafe muss sein!“, sprach Ardeth zynisch weiter. Und während dieser Worte krümmte sich der stolze Abkömmling zusammen, denn er befürchtete irgendeine körperliche Züchtigung.
„Du wirst mir etwas geben, was dir viel Wert ist, damit du dich immer daran erinnerst, dass du den Mund zu halten hast. Warte mal, da kommt mir eine Idee! Diese komische Figur, die du mir neulich so stolz präsentiert hast, die, die du in deinem Museum ausstellen wirst.“ Er stieß Don Rafaels nackten Oberschenkel hart mit dem Fuß an, so dass der aufschrie. „Los, gib sie mir!“
Don Rafael ließ sich das nicht zweimal sagen. Sofort sprang er auf, halb nackend hastete er zum Schrank, holte hastig die Figur heraus und überreichte sie Ardeth. Der steckte sie ein, dann drückte er Don Rafael gegen die Wand, umfasste mit starkem Griff seinen Hals und drohte:
„Ein Wort, und du bist des Todes, du Wicht!“
Emilia erschrak vor Ardeths Gesichtsausdruck. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Mit seinen Feinden schien er unerbittlich zu sein.
„Ich werde nichts sagen, ich werde nichts...“
Ardeth wartete die zweite Versicherung gar nicht erst ab, sondern ergriff Emilias Handgelenk hart.
„Mach dich auf was gefasst!“
„Bitte nein, mein Gebieter!“, flehte sie.
Sowohl Ardeth auch als Emilia waren keine guten Schauspieler, doch Don Rafael war viel zu ängstlich, als es zu bemerken.
„Don Rafael, es tut uns außerordentlich leid, die Hochzeitsfeier jetzt schon verlassen zu müssen.“ Er zog Emilia hinter sich her, als er mit ihr durch einen Seitengang zum Hausausgang ging und ließ eine Kutsche rufen, die sie zum Haus von Emilias Eltern brachte.
Als sie endlich in der Kutsche saßen, atmeten beide auf.
„Also Ardeth...“, brachte Emilia hervor. Sie wusste nicht, was sie zu der ganzen Geschichte sagen sollte, außerdem fühlte sie sich tief gedemütigt. Sie hätte nicht gedacht, dass sich ein Mann ihrer so bemächtigen konnte und sie völlig hilflos sein würde. Ihr standen die Tränen in den Augen.
Ardeth nahm sie liebevoll in die Arme.
„Ist ja gut, ist ja gut“, sprach er leise wie zu einem verängstigten Kind.
„Es war so furchtbar! So erniedrigend!“, schluchzte sie. „Er ist sofort über mich hergefallen. Er war so gewalttätig. Er hat mich sogar geschlagen.“
„Es tut mir leid, Emmy...“, bedauerte Ardeth.
„Arme Nina, arme Nina“, murmelte Emilia immer wieder.
Ardeth nickte. Er hatte inzwischen mitbekommen, dass Nina verkuppelt worden war. Emilia hatte sich in den letzten Tagen von dem ganzen Glamour blenden lassen, sodass sie nun umso erschrockener war, was ihrer Schwester drohte.
„Kann man sie nicht warnen?“ Sie sah Ardeth bang an.
„Ich fürchte nicht, sie ist ja jetzt seine Frau.“
„Papa hat bestimmt nicht gewusst, was dieser Rafael für ein Rohling ist. Sonst hätte er es nie erlaubt. Nie! Wenn ich daran denke, dass ich drauf und dran war, in dieses Haus zu ziehen!“
Na, wenigstens das hatte sich erledigt. Inzwischen war Emilia mehr wütend als geschockt.
„Ich danke dir“, sagte Ardeth und drückte sie fest an sich. „Du warst sehr, sehr mutig heute! Ich bin so stolz auf dich, dass du das für mich getan hast. Ich weiß, dass ich dir Schreckliches zugemutet habe! Danke, Emilia!“
Sie streichelte seine Wange. Es war zwar keine gute Idee gewesen, sie als Köder zu benutzen, aber er war so lieb. Sie wusste jetzt durch Don Rafaels rüde Behandlung, was sie an ihm eigentlich hatte. Sie lächelte zurück.
„Es ist gut, dass wir gegangen sind. Ich habe keine Lust mehr auf diese blöde Hochzeit! Ich ... möchte lieber mit dir...“ Auf einmal fiel ihr etwas ein und ein Schrei entfuhr ihr.
„Was hast du, Emmy?“
„Meine Unterhose! O Gott, sie liegt noch im Herrenzimmer!“
Ardeth überlegte schnell, was das für Folgen haben könnte, doch Emilia jammerte weiter.
„So ein schönes Stück! Schwarzes Satin, extra für dich gekauft!“
„Für mich?“, Ardeth war ganz irritiert. Sollte er sie etwa anziehen?
Sie kniff ihn spielerisch in den Arm. „Ich war mit Nina Dessous für die Hochzeitsnacht kaufen.“
„Dess..?“
„Reizunterwäsche eben. Da habe ich mir auch etwas gekauft, um dir mehr zu gefallen. Und jetzt liegt das teure Stück in Don Rafaels Herrenzimmer“, schimpfte sie empört und schlug sich gleich daraufhin mit der Hand vor die Stirn: „O Gott, wenn Nina sie findet!“
„Ich glaube, Nina wird nicht unbedingt ins Herrenzimmer gehen. Hast du die Dess... die Hose noch irgendjemandem gezeigt?“
Sie sah ihn vorwurfsvoll an. „Nein!“
„Don Rafael wird sie schon wegwerfen, Emilia.“
„Oh, meine schönen Dessous! Sie waren so teuer!“
„Wir kaufen dir morgen neue. Dann geh ich mit dir einkaufen. Und dann verführst du mich morgen Abend damit. Einverstanden?“
„Nein, also, du kannst doch nicht...“
Sie kam nicht weiter in ihrem Protest. Emilia hatte sich nach der beinahe erfolgten Vergewaltigung wieder erholt und das wollte Ardeth ausnutzen. Er unterbrach sie mit einem Kuss.
„Männer wollen immer nur das eine!“, schmipfte sie danach gespielt weiter. Und Ardeth holte das Artefakt aus seinem Anzug hervor und erwiderte gedehnt: „Ja!“
„Ardeth, du bist unmöglich! Lass mal sehen!“
Sie nahm das merkwürdige Metallartefakt in ihre Hände und schüttelte ungläubig mit Kopf. Es sah wirklich so aus wie Ardeths Handtätowierungen.
„Wozu das wohl gut ist?“
„Es wird ein Gegenstück dazu geben. Die linke Schwinge wird hoffentlich noch an Ort und Stelle sein.“
„Hm, und was machst du jetzt mit diesem hier?“
„Ich werde es zurückbringen, nach Peru.“

So kam es, dass Ardeth sich nach der Erntezeit mit Julio auf den Weg machte. Die anderen Indios, die zuvor geholfen hatten, blieben auf der Farm und halfen Senor Gomez und Emilia. Julio hatte Ardeth gewarnt. Es würde Winter werden. Also zog er sich sein schwarzes Kriegergewand an, hängte sich sein selbst geschmiedetes Schwert, ein Gewehr und einen breiten Patronengürtel um und sah aus, als ob er in eine Schlacht ziehen würde, wie Emilia bei der Abreise erschrocken feststellte.
„Man weiß nie“, hatte er erwidert
Gabriel sah seinen Vater staunend an. So hatte er ihn noch nie gesehen. Am liebsten hätte der Kleine ihn begleitet.
Senor Gomez beruhigte Emilia, als sie Ardeth und Julio mit feuchten Augen hinterherblickte.
„Er kann gut auf sich aufpassen, Emilia. Du hast ja jetzt selbst gesehen, dass er eigentlich ein Krieger ist.“
Sie schüttelte mit dem Kopf und dachte daran, wie Ardeth in Buenos Aires keine Probleme gehabt hatte, Don Rafael zu besiegen und wie unerbittlich er war, als er ihn in dem Herrenzimmer bedroht hatte.
Ardeth drehte sich um, lachte und winkte ihr aufmunternd zu. Da sah sie, dass das seine Welt war. Nicht, dass er sich jemals beschwert hatte, Mais zu pflanzen oder hier zu leben, aber richtig authentisch wirkte er in diesem Moment.
„Ja, Senor Gomez, er ist ein richtiger Krieger.“

Ihre Reise dauerte Wochen und war sehr anstrengend. Sie durchquerten die Andentäler. Es wurde zunehmend kälter. Die alte Inka-Straße, die noch gut erkennbar war und von Chile nach Ecuador sich über 4000 Kilometer erstreckte, führte sie kontinuierlich nach Norden. Zum Glück wurden sie manchmal von einem Fuhrwerk mitgenommen. Julio brauchte sich nicht zu beklagen, denn Ardeth hatte keine Probleme, draußen zu übernachten und wusste zu improvisieren. Eher war es Ardeth, der Julio Unterstützung bereitete und Lebensmittel und Kräfte einzuteilen wusste. Je weiter sie nach Norden kamen, desto wärmer wurde es tagsüber. Sie mussten viele Tage durch die Atacama-Wüste reisen, die als trockenste der Welt gilt. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht aber waren gewaltig und Ardeth fühlte sich ein bisschen wie zu Hause. So kam es, dass er Julio viel über seine Heimat erzählte. Er erzählte ihm auch von Gott Horus und Julio wunderte sich, wieso Macubama und andere Indios ihn kannten, wenn auch unter dem Namen „Urus“.
„Es gibt zwei Möglichkeiten“, meinte Ardeth und erzählte von den fremden Wesen, die vor vielen tausend Jahren auf dieser Erde weilten und den Menschen vieles beibrachten.
„Sie könnten auch hier gelandet sein. Horus war der letzte, der hier war – laut unseren Überlieferungen jedenfalls.“
Es gab zwar auch in Südamerika Überlieferungen, die von Außerirdischen berichten, doch Julio waren diese nicht geläufig, sodass er Ardeths Erzählung eher keinen Glauben zu schenken bereit war. Die zweite Variante gefiel ihm besser.
„Vor über 4000 Jahren herrschte ein Handelsaustausch zwischen Ägypten und eurem Land. Es ist möglich, dass dadurch Glaubensinhalte nach Peru gelangt sind, vielleicht auch diese Artefakte.“
„Woher weißt du, was vor 4000 Jahren war?“ Irgendwie war auch Variante 2 unbegreiflich.
„Meine Vorfahren haben die Geschichte niedergeschrieben und weitergereicht.“
Julio erzählte indessen Ardeth alles, was er über sein Volk wusste. Als er von den Spaniern berichtete, die eines Tages in das Land kamen und alles Gold raubten, wurde er sehr traurig.
„Der König hatte alles Gold in einen Raum schaffen lassen. Bis zur Decke stapelte es sich. So hatte es der Spanier verlangt. Dafür sollte der König unbehelligt bleiben. Doch der Spanier brach sein Wort, mordete den König, nahm das Gold und unterdrückte die Indios. Wir sind seitdem ihre Sklaven.“
Auch Ardeth war nicht entgangen, wie die hellhäutige „Elite“ mit den angestammten Einheimischen umsprang.
„Doch man sagt, dass die Herrscher davor auch nicht besser waren. Sie haben die anderen Menschen unterdrückt und für sie arbeiten lassen. Es ist wohl immer das gleiche in dieser Welt. Daher, junger Padron, habe ich mich so für dich gefreut, dass dein Land frei ist.“
Ardeth lächelte ihn an. Julio war ein sehr netter Mensch.

Nach langer Zeit erreichten sie das Inti Punku, das Sonnentor der Inka, und erhielten von hier einen ersten, aber atemberaubenden Überblick über Machu Picchu. Sie hatten auf dem Weg viele Inka-Stätten gesehen, aber diese übertraf alle. Die Ruinenstadt lag auf einem Bergsattel. Sie erkannten mehrere Terassen, darüber und daneben Gebäude, freie Plätze, Mauern, alles von höheren Bergen umgeben, aber doch wirkte die Stadt freistehend oder sogar fast freischwingend, weil sie so exponiert in der Höhe lag. Sie setzten sich auf die Stufen des Inti Punku und rasteten. In einem Ort im Urubamba-Tal hatte sich ein Einheimischer names Cato angeboten, sie zu führen.
„Wer hat diese Stadt hier oben angelegt?“, wollte Ardeth von ihm wissen, als sie bei Brot, Obst und Wasser saßen.
„Die letzten freien Indios, vor fast 500 Jahren, Senor. Sie erbauten die Stadt aus Schutz vor den Spaniern, die ja inzwischen in unserer Hauptstadt, in Cusco, eingedrungen waren. Sie hofften, dass die Spanier sie hier oben nicht finden würden.“
„Dann ist die Stadt aber sehr jung. Warum wurde sie überhaupt verlassen?“
„Sie hatten schließlich Angst, die Spanier würden sie auch hier entdecken.“
Vom Inti Punku hatten sie noch einen Fußmarsch von einer guten Stunde vor sich, denn er hatte mitbekommen, dass sowohl Julio als auch Ardeth gute Wanderer waren. Tatsächlich sah Ardeth auf der letzten Wegesstrecke unfertige Häuser und Höfe, die darauf deuteten, dass der Bau dieser Stadt nie wirklich beendet worden war. Schließlich passierten sie einen alten Wachturm, der auf einer Anhöhe stand. Dann befanden sie sich auf einmal über einer schräg abfallenden Terassenanlage.
„Das hier waren einst Felder, Senor“, erklärte Cato. „Die Indios haben sie angelegt. So konnten die Felder nicht den Berg herunterrutschen. Manchmal regnet es hier ganz schön stark.“
Ardeth erkannte auch Bewässerungsrinnen, die sich durch das ganze Gelände zogen. Hier musste ein kulturell weit entwickeltes Volk gelebt haben. Sie stiegen die hohe Treppe am Ende der Feldanlage in Terassenform hinab und hatten einen guten Überblick über die nun direkt vor ihnen liegende Stadt. Sie teilte sich merkwürdig in eine obere und untere Stadt. Dazwischen lag eine Art Ebene, fast wirkte sie wie ein Graben zwischen den beiden Hälften. Cato erklärte, dass oben die Herrschenden gelebt habe und unten das normale Volk.
Zurzeit waren keine Ausgräber vor Ort. So konnten sich Julio und Ardeth in Ruhe umschauen. Sie gingen an vielen Räumen, denen das Dach fehlte, da es aus Flechtmaterial früher gemacht worden war, vorbei. Ardeth bestaunte die kunstvollen Mauern, sah altarähnliche Steine, einen eigenartigen Rundbau und drei Fenster, die zur Ebene blickten. Cato konnte nicht erklären, um was es sich alles handelte, sein Wissen war erschöpft. Sie stiegen über einen Weg in die untere Stadthälfte. Auch hier waren viele Räume, die etwas kleiner waren als in dem anderen Teil, aber auch Freiflächen. Ardeth bestaunte immer wieder die Berge ringsherum. Es war ein herrliches Panorama.
„Welche Mühe, so eine Stadt in den Bergen zu bauen!“, bewunderte er die Baumeister.
Nach zwei Stunden rasteten sie in einem weiträumigen Gebäude, das merkwürdige Vertiefungen in seinem Hof aufwies. Sie waren nun in Machu Picchu angekommen, aber von dem alten Indio namens Macubama fehlte jede Spur. Auch Cato und die Bewohner des Ortes, von wo aus sie gestartet waren, wussten nichts über seinen Verbleib.
„Das hier ist eine außerordentliche Stadt“, meinte Ardeth zu Julio, „aber sie ist nicht sehr alt. Ich habe keinen Raum, keinen Hinweis gefunden, wohin wir die Schwinge des Urus bringen sollen.“
„Es gibt hier einige Löcher, die die Amerikaner gegraben haben. Sie haben dort ein paar Sachen und Mumien gefunden. Ich kann sie euch nachher zeigen“, meinte Cato.
Ardeth nickte. Doch auch die Besichtigung der Grabanlagen ergab keine neuen Erkenntnisse, denn sie waren nicht älter als die Stadt. Sie beschlossen, die Nacht hier zu verbringen und ein paar Tage zu warten, ob sich Macubama zeigen würde. Ardeth schaute sich die Stadt in diesen Tagen genauer an und bestaunte immer wieder, wie die Indios früherer Zeiten die Mauern zusammengefügt hatten. Am vierten Tag fing es an zu regnen, als Ardeth und Julio gerade allein in dem oberen Teil der Stadt weilten. Sie versuchten, Schutz zu finden, und das war gar nicht so leicht, weil ja keines der Häuser Dächer hatte. Die Türeingänge boten nur geringen Schutz. So krochen sie in eine Nische und stellten sich dicht aneinander.
„Das kann dauern, Senor“, rief Julio, um sich während des Krachens eines Donners verständlich zu machen. Ihr Zelt hatten sie im anderen Teil der Stadt aufgebaut. Es war einfach zu weit entfernt, um sich dorthin zu retten. Der Regen war so stark, dass sie binnen weniger Sekunden klatschnass sein würden. Außerdem bezweifelte Ardeth, ob das Zelt diesem Guss standhalten würde. Auf einmal drängte sich ein Lama in ihre Nische. Es hatte keine Angst vor den beiden, denn Menschen hatten ihm bislang nichts Böses getan. Außerdem betrachtete es wohl den Ort als sein Eigentum. Ardeth und Julio staunten, mit welchem Selbstverständnis sich das Tier zu ihnen drängte, und Julio wollte es verscheuchen, da die Nische schon für ihn und Ardeth zu eng war. Doch Ardeth hielt ihn ab.
„Lass es!“, verteidigte er die alten Rechte des Lamas und zwängte sich noch weiter an die rückwärtige Mauer, die durch den Druck auf einmal nachgab und wie eine Drehtür aufschwang. Das Lama sprang vor Schreck davon und Julio zur Seite, um nicht von der Wand umgeworfen zu werden. Ardeth wurde automatisch ins Innere gezogen und Julio beeilte sich, ihm zu folgen, bevor die Drehtür wieder zuschwang. So fanden die beiden sich im Finstern wieder. Sie mussten husten, denn das Drehen der Tür hatte Staub aufgewirbelt und die Luft war nicht gut. Als Julio einen Schritt nach vorn machen wollte, wäre er fast gestürzt, denn unter seinem Fuß war nur – Leere. Er schrie, während ihn Ardeth noch gerade so zu fassen bekam und ihn zurückzog auf den schmalen Streifen, auf dem sie standen. Es war stockfinster.
„Keinen Schritt!“, warnte ihn Ardeth und Julio nickte, doch dann wurde ihm klar, dass Ardeth ihn nicht sehen konnte, und so sagte er laut: „Ja, Senor“.
Ardeth bemerkte, dass Julio vor Angst schlotterte.
„Ganz ruhig, Julio“, tröstete er ihn. Er kramte sein Zündholz aus seiner tiefen Tasche und machte kurz Licht. Er konnte links und rechts Fackelträger erkennen. Darunter ging der schmale Streifen weiter, auf dem sie standen.
„Rühr dich nicht vom Fleck!“, warnte er Julio und tastete sich an der Wand zum linken Fackelträger. Es gelang Ardeth, die alte Fackel zu entzünden. Im Schein des Lichtes konnten sie endlich den Raum in Augenschein nehmen, in dem sie gelandet waren. Unter ihnen gähnte ein Abgrund. Wie tief er hinabging, konnten sie nicht erkennten, und Julio drehte sich der Magen um. Fast wäre er da hinunter gestürzt.
„Versuch, die Fackel neben dir aus dem Gestell zu lösen“, wies ihn Ardeth an. Es dauerte einen Moment, bis Julio seine Furcht überwand und sich im Schneckentempo zur Fackel bewegte. Tatsächlich gelang es ihm, sie hinauszuziehen. Er krallte sich mit der linken Hand in der Mauer hinter ihm fest und reichte die Fackel Ardeth mit der rechten.
„Ganz ruhig, Julio“, beruhigte ihn Ardeth. „Nicht nach unten schauen!“
Julio tastete, ob er die Drehtür bewegen konnte, wieder aufzuschwingen, doch er schaffte es nicht.
„Wir stecken hier fest, Senor“, sagte er und Ardeth bemerkte, wie die Panik in Julio aufstieg.
„Dann müssen wir einen anderen Weg hinaus finden. Es gibt immer einen zweiten Ausgang“, meinte er und ging nach links.
„Senor, wo wollen Sie hin?“, rief Julio.
„Hinab! Hier ist eine Wendeltreppe. Aber sei vorsichtig, sie ist sehr schmal! Halte dich dicht hinter mir. Ich leuchte uns. Du halte dich an der Mauer fest und guck nicht rechts hinunter!“
Julio blieb nichts anderes übrig, als Ardeth zu folgen. Zunächst leuchtete auch die befestigte Fackel von oben, aber bald musste er sich auf Ardeths Fackel verlassen, also sah Julio zu, dass er dicht hinter Ardeth blieb.
„Senor, Padron“, flüsterte er angsterfüllt, „wo gehen wir hin?“ Er trat auf etwas Weiches und gab einen Schrei von sich, während Ardeth zwangsläufig stehenblieb und sich umdrehte.
„Du bist auf mein Gewand getreten, Julio!“
„Ah Padron, habe ich mich erschreckt!“
Julio hielt sich nun mindestens auf drei Stufen Abstand, um Ardeth nicht zu Fall zu bringen. Nach 20 Minuten, für Julio allerdings gefühlten drei Stunden, waren sie unten angekommen. Ardeth leuchte den Schacht aus. Man konnte ganz weit oben die Fackel erkennen, die Ardeth angesteckt hatte.
„Sie haben einen Schacht in den Berg geschlagen.“
Es war allerdings kein Schacht wie die anderen Löcher, wo die Mumien und Bronzewaren entdeckt worden waren. Dieser hier war viel tiefer. Auf dem Boden lag auch nichts. Es musste irgendwo weitergehen. Ardeth vermutete, dass es sich um ein Königsgrab handelte, denn gleichsam wie in den Gräbern im Tal der Könige war wohl eine Falle eingebaut worden. Grabräuber würden in den Schacht stürzen, der zugleich Zugang zum Grab für die Wissenden sein musste. Es dauerte nicht lange und er fand den Durchgang, nach dem er Ausschau gehalten hatte, während sich Julio stets dicht hinter ihm hielt.
„Oh, eine Tür“, bemerkte Julio, während Ardeth schon dabei war, sie zu öffnen. Eine weiterer Gang lag vor ihnen. Ohne zu zögern betrat Ardeth den Gang, der sie noch 50 Meter weiterführte. Er wurde am Ende sehr eng und flach. Sie mussten sich bücken und Julio befürchtete, er würde sich soweit verengen, dass sie nicht mehr durchgelangen konnten. Ardeth bewegte indessen sehr vorsichtig vorwärts. Er vermutete weitere Fallen. Doch es gab keine Falle, sondern Steine, die hochaufgetürmt vor ihnen lagen und den Weg versperrten. Ardeth reichte Julio die Fackel und begann damit, die Steine wegzuräumen. Es war nicht einfach, sie dahin zu stapeln, wo sie nicht im Wege lagen, denn der Gang war bereits sehr schmal. Es dauerte ziemlich lange, bis sie endlich weitergehen konnten.
„Padron, der Gang neigt sich nach unten“, bemerkte Julio scharfsinnig.
„Still, Julio“, flüsterte Ardeth und deutete nach vorn. Doch Julio konnte nichts erkennen. Ardeth hatte einen Lichtschein gesehen. Dann war es wieder dunkel. Zwei Minuten später sah man wieder ein helles Licht – auch Julio.
„Was ist das, Padron?“
Ardeth hatte erst gedacht, es handele sich um eine Fackel, doch sie hatten bislang in Machu Picchu keine Menschenseele angetroffen. Wo sollten hier auf einmal Menschen herkommen? Es musste sich also um etwas anderes handeln und er hatte schon eine Ahnung, was es war, und schritt schnell darauf zu.
„Licht von draußen“, antwortete er und blieb wenige Minuten später unter einem Schacht stehen.
„Siehst du, da oben ist es offen, und wie mir scheint, wechseln sich im Moment Sonne und Regenwolken ab.“
„Dieser Schacht ist erst kürzlich gegraben, Senor. Schauen Sie, hier!“
Er deutete auf Werkzeug. Eine Strickleiter hing auch hinab. Julio atmete auf, denn er hatte schon befürchtet, keinen Ausgang zu finden.
„Sie haben recht gehabt, Senor. Es gibt immer einen zweiten Ausgang“, freute er sich.
„Ja, aber der hier wurde erst kürzlich angelegt. Und die Ausgräber werden wiederkommen“, sagte Ardeth mit Stirnrunzeln. Längst hatte er sich genau umgesehen. Der Schacht hatte einen Zugang in den Gang, den Ardeth und Julio heruntergekommen waren, aber noch einen zweiten – genau gegenüber. Der Schacht war also in den Gang hineingebohrt worden. Ardeth ging weiter und Julio folgte ihm. Doch es dauerte nicht lange, bis der Gang aufhörte. Sie standen vor einer nach außen gewölbten Mauer, an deren Seiten sich Erdhaufen bildeten. Eine Schaufel lag griffbereit daneben. Die Mauer war zwar deutlich bearbeitet, doch nicht durchbrochen worden. Ardeth sah sich um.
„Es ist nicht die Zugangsseite zu dem Raum, der sich dahinter verbirgt“, meinte er. „All die Gänge sind später angelegt worden, wahrscheinlich zu dem Zeitpunkt, als die Stadt oben errichtet worden ist.“
„Und dieser Raum? Was ist darin?“
„Das weiß ich nicht, Julio. Doch die Mauer hier ist sehr viel älter. Schau, was für ein festes Material verwendet worden ist. Außerdem ist sie merkwürdig gebogen, findest du nicht auch? Ich nehme an, diejenigen, die hier vor kurzem eingedrungen sind, werden wieder kommen, besser ausgerüstet natürlich, um die Mauer zu Fall zu bringen.“
„Die Mauer ist älter als Machu Picchu?“, fragte Julio ungläubig.
Ardeth nickte. „Hier unten ist etwas sehr Wichtiges vergraben. Die Stadt oben wurde verlassen, obwohl sie nicht richtig zu Ende gebaut war. Vielleicht sind die Bewohner geflohen.“
„Ja, vor den Spaniern.“
„Das ist doch unlogisch, Julio. Erst verstecken sie sich hier oben vor den Spaniern, dann flüchten sie vor ihnen, obwohl die Spanier damals hier niemals hingekommen sind?“
Julio sah ihn fragend an.
„Sie sind vor etwas anderem geflohen, und ich bin mir sicher, es hat mir der unterirdischen Anlage unter ihrer Stadt zu tun. Die Tunnel haben die Bewohner damals gegraben und sie sind dabei sicherlich auf etwas gestoßen.“
„Was ihnen Angst gemacht hat?“
„Möglich“, erwiderte Ardeth. „Wir müssten Macubama finden und fragen. Komm!“
Er ging zurück, kletterte die Strickleiter hoch und half Julio aus der Öffnung hinaussteigen, die nur spärlich mit Brettern abgedeckt war. Draußen schien mittlerweile die Sonne. Sie sahen sich um und Ardeth bemerkte, dass über dem unterirdischen Raum sich oben ein massives Gebäude befand. Er sah es sich genau an, ging dann wenige Schritte weiter und blieb vor einem merkwürdigen Stein stehen. Er sah zur Sonne, dann wieder auf den Stein und zu einigen der Gebäude hin.
„Sieht so aus, als hätten deine Vorfahren außerordentliche Kenntnisse über die Himmelsgestirne gehabt, Julio.“
Julio nickte stolz. Doch jeglicher Kommentar seinerseits wurde durch Catos Rufen zunichte gemacht. Laut rief dieser von unten den beiden, die in dem Viertel der Reichen standen, zu, dass sich jemand nähert. Ardeth und Julio gingen zu einem Platz, von wo aus sie die Anlage besser überblicken konnten. Doch konnten sie nicht um die Ecke schauen, während Cato von unten die sich Nähernden wohl gut erkennen konnte. Also beeilten sich Ardeth und Julio, in ihr Lager in der unteren Stadthälfte zu kommen. Von dort erkannten sie mehrere Hellhäutige und Indios, die inzwischen die ersten Gebäude von Machu Picchu erreicht hatten. Die Indios schleppten Zelte, Nahrung und Ausrüstung. Man konnte sie gut an den Ponchos und den merkwürdigen Zipfelmützen erkennen, während die Hellhäutigen Krempenhüte trugen. Julio und Ardeth sahen sich vielsagend an. Sie ahnten, was dieser Trupp hier vorhatte. Julio bemerkte einen weiteren Trupp, der in ca. 50 Meter Entfernung dem ersten folgte. Auch dieser Trupp bestand aus Indios und Weißen, doch in der Mitte ging ein gefesselter alter Mann.
„Macubama!“, meinte Julio. „Er ist ihr Gefangener!“
„Sie haben uns noch nicht entdeckt. Wir sollten uns verbergen“, meinte Ardeth.
So verlegten sie ihr Lager tiefer in die untere Stadt. Sie hatten Glück, denn die Ausgräber blieben in der anderen Hälfte. Dort wurden Planen über einige der Gebäude gespannt. Vermutlich nutzten sie diese als Lager. Sie postierten sogar Wachen an drei Stellen. Sofort machten sie sich an dem Loch zu schaffen, aus dem noch vor keiner Stunde Ardeth und Julio gestiegen waren. Mit Spitzhacken stiegen drei Männer hinunter. Ardeth konnte sehen, wie zwei der hellhäutigen Männer eine alte Karte herausholten und sie genau studierten. Dann begaben sie sich zu Macubama, den man inzwischen an einen Pfeiler gefesselt hatte. Sie redeten auf ihn ein, doch der alte Indio schien nichts zu sagen. Sie schlugen ihn ins Gesicht, doch es sah so aus, als wäre auch das zwecklos. Zwei Stunden später kamen die drei starken Männer aus dem Loch, gingen zu den beiden hin, die daraufhin laut fluchten.
„Ganz alte Mauern“, kommentierte Ardeth zufrieden.
„Sie haben standgehalten, Senor?“
Ardeth nickte. „Und mit Sprengstoff können sie es nicht versuchen, dann stürzt alles ein.“
Plötzlich beobachtete er etwas, das ihm nicht gefiel. Er hatte zunächst geplant, im Schutze der Nacht Macubama zu befreien, doch nun geriet der in unmittelbare Gefahr. Einer der beiden Leiter des Unternehmens griff nach einer Metallstange, deren Spitze glühend war, da sie im Feuer gelegen hatte. Damit näherte er sich Macubama.
„Senor!“, flüsterte Julio aufgeregt und auch Cato wurde sehr unruhig. Aber auch einige von den Indios, die die Fremden mitgebracht hatten, schauten mit finsteren Blicken hinüber.
„Wir werden sie ablenken. Julio, du verbirgst dich da hinten bei der großen Mauer! Cato, du nach weiter unten. Zögert nicht, eure Macheten zu verwenden! Lockt sie in einen Hinterhalt. Ich geh nach weiter oben. Ihr müsst schneller sein als sie.“
Die beiden sahen ihn entsetzt an, denn was Ardeth von ihnen verlangte, überforderte sie etwas. Doch es war zu spät, um dagegen zu insistieren, denn der war aus seinem Versteck getreten, auf eine Mauer gesprungen und rief mit lauter Stimme zu den Fremden hinüber:
„Ist es das, wonach ihr sucht?“
Dabei schwenkte er das Artefakt, das er von seinem Schwager erhalten hatte, in der Luft. Sofort blickten alle zu ihm, auch die Folterer.
„Dann kommt und holt es euch!“
Sie zogen ihre Schusswaffen hervor, doch bevor sie feuern konnten, war Ardeth von der Mauer gesprungen und hastete den Gang zur höher gelegenen Stadt entlang. Julio und Cato ließen sich nicht zweimal bitten und liefen auch davon, jeder in die ihm angewiesene Richtung. Die Hatz konnte beginnen. Nur Macubama lächelte vielsagend.
Die Verfolger waren innerhalb weniger Minuten an der Stelle, an der zuvor Ardeth noch gestanden hatte. Sie gingen sehr vorsichtig vor und hielten ihre Gewehre auf Anschlag. Ardeth beobachtete sie aus seinem Versteck und freute sich, denn dass sie die Gewehre so hielten, verriet, dass sie nicht gerade professionell vorgingen. Gewehre würden ihnen im Nahkampf nichts nützen, im Gegenteil. Auf diese Gelegenheit hatte Ardeth gewartet, nahm sein selbst gefertigtes Schwert und lauerte auf sein erstes Opfer. Keine drei Minuten später war es bei ihm und auch diesmal hatte Ardeth Glück. Sie hatten sich allesamt getrennt. Er konnte sie nacheinander erledigen. Kaum war der Mann in seiner Nähe, riss er sein Schwert hoch und schlug damit das Gewehr des Gegners weg. Der Gegner schaute ihn überrascht an, bis Ardeths Schwert ihn traf und er zusammensackte. Es war einer der hellhäutigen Männer gewesen. Doch Ardeth war klar, dass es zuviele waren und sie sich sicherlich nicht alle von ihm so leicht überwältigen lassen würden. Er musste Macubama befreien. Er vernahm Kampfesgetümmel zu seiner Rechten, also aus Catos Richtung. Hoffentlich stand der seinen Mann. Doch leider wurde Cato von zwei Indios besiegt und schrie laut auf. Alle Männer blickten zu den Lärmenden, was Ardeth ausnutzte und sich schnell der Stelle näherte, wo Macubama angebunden stand. Leider waren dort auch zwei Wachen verblieben. Jetzt musste Ardeth schnell handeln. Er legte sein Gewehr an und zielte. Der erste Schuss traf die erste Wache in der Brust, doch die zweite Wache ging daraufhin sofort in Deckung. Ardeth blieb nichts anderes übrig, als mit lautem Geschrei hervorzuspringen und zu hoffen, den Gegner damit zu beeindrucken, bis er ihn erreicht haben würde. Doch sein Gegner war reaktionsschnell und zielte auf Ardeth, doch verzog in der Aufregung. Der Schuss streifte Ardeth an der linken Schulter. Schon war er bei ihm und ließ sein Schwert niedersausen. Der Gegner wehrte den Schlag mit seinem Gewehr ab. Ardeth entglitt das Schwert. Beide rangelten, doch Ardeth schlug ihn schließlich k. o., eilte zu Macubama, schnitt die Fesseln durch und zog ihn hinter sich her, denn schon eilten zwei weitere Indios auf ihn zu. Macubama war alt und hatte zudem einiges erdulden müssen. Ardeth nahm ihn über die schmerzende linke Schulter und eilte davon. Schüsse fielen, doch das Zickzacklaufen verhinderte, dass sie getroffen wurden. Ardeth rannte, so schnell er konnte. Es war nicht leicht, denn der Weg stieg an und war teilweise sehr unwegsam. Er erreichte nach 20 Minuten den rettenden Wald oberhalb des Wachgebäudes von Machu Picchu und lief unentwegt weiter, hielt nur manchmal an, um zu Luft zu kommen. Er konnte die Verfolger hören. Doch das Glück war auf seiner Seite. Es wurde dunkel. Sie würden seine Spuren im Dunkeln verlieren. Er lief noch eine halbe Stunde, konnte selbst im Dunkel des Waldes und in der Dämmerung, die jetzt herrschte, kaum etwas sehen, dann verbarg er sich und den Alten unter Gestrüpp und bedeutete ihm, sich leise zu verhalten. Sie lauschten und es schienen Stunden zu vergehen. Ardeth versorgte inzwischen erst Macubamas Verletzungen und dann seine eigene Wunde, reichte dem Alten zu trinken. Als er sich sicher war, dass niemand ihnen hierher gefolgt war, erkundigte er sich bei Macubama nach den Verfolgern. Der erzählte ihm, dass vor einem halben Jahr ein amerikanischer Gräber einen sonderbaren Raum gefunden hätte. Er verkaufte die Sachen, die er dort gefunden hatte, und auch den Flügel, den Ardeth nun bei sich trug. Ein Stück gelangte zu einem Archäologen namens Dr. Porter, der sich sehr wunderte, da das Stück mit ägyptischen Hieroglyphen gezeichnet war. Er hoffte, die Entdeckung des Jahrhunderts machen zu können und ließ hier graben, auf der Suche nach weiteren Artefakten. Ein Manuskript, das er in Cuzco im Archiv von La Merced ausfindig gemacht hatte, erzählte von einem geheimnisvollen Raum unter dem alten Tempel. Daher ließ er graben, scheiterte aber an der Mauer. Ein Indio, der beim Graben half, berichtete ihm von Macubama, den sie fingen und und nun alles von ihm wissen wollten. Ardeth fiel während Macubamas Bericht auf, dass er viel redseliger war als noch auf der Farm bei San Juan. Dort hatte er in Rätseln gesprochen. Er schien irgendwie verändert. Ardeth schob das der Aufregung zu, die Macubama befallen hatte. Jetzt galt es aber, anderes zu klären.
„Macubama, weißt du, ob der Raum, in dem der Flügel gefunden wurde, jener ist, der sich dort unten beim Schacht befindet?“
„Woher weißt du, dass dort ein Raum ist?“
„Ich bin mit Julio über einen anderen Gang hinabgestiegen. Wir fanden die Mauer, an der sie sich zu schaffen machen.“
„Du sprichst von dem Raum unter dem alten Tempel.“
„Ja, es könnte ein Tempel sein, der darauf steht.“
„Nein, in dem Raum wurde der rechte Flügel des Urus nicht gefunden.“
„Und wo wurde der Flügel gefunden?“
„Unterhalb des Intihuatana.“
Ardeh sah ihn geduldig an. Eine Erklärung würde gleich folgen.
„Der große Stein, mit den die Indio früher die Sterne beobachtet haben.“
„Ah, ich weiß, was du meinst. Aber... der Boden dort schien mir unversehrt. Ich habe dort kein Loch gesehen.“
„Der Gräber ist auch nicht von oben eingestiegen, sondern von der Seite.“
Ardeth nickte und überlegte. „Zwischen dem alten Tempel und dem Intihuatana befindet sich so ein kleiner Stein. Er weist die Himmelsrichtungen, nicht wahr?“
Macubama sah ihn wie ein positiv überraschter Lehrer an, der über einen klugen Schüler staunt. Dann nickte er und meinte verschwörerisch: „Und nicht nur die.“
Ardeth verstand. „Macubama, wieviele Kammern gibt es?“
„Das weißt du selbst.“
Ardeth musste lachen. Sie saßen bedrängt von ihren Feinden im Dschungel und Macubama ließ ihn raten. Das war wieder jener Macubama, der gern in Rätseln sprach.
„Vier.“
Macubama nickte.
„Gibt es Verbindungsgänge?“
„Ja.“
„Warum sind die Gräber dann nicht von dem Raum mit dem rechten Flügel aus weitergegangen?“
„Sie haben sich der Möglichkeit beraubt, die Tür zum Gang zu öffnen.“
Ardeth zog den Flügel hervor.
„Der Bart eines Schlüssels“, erkannte er.
Macubama nickte. „Außerdem wissen sie nichts von einem Gang. Sie denken, es sind zwei separate Räume. Unterirdische Schatzkammern. Oder Gräber.“
„Aber es ist etwas ganz anderes, nicht wahr?“
„Ich kenne nur die Legende, die seit jeher von Eingeweihten weitergegeben wird. Du wirst möglicherweise mehr wissen als ich. Du bist ein Urus-Wächter.“
„Hast du den ersten Raum gesehen?“
„Ja.“
„Waren Zeichnungen oder Schriften an den Wänden?“
„Ja, merkwürdige Zeichnungen.“
„Ich würde sie gern sehen. Vielleicht weiß ich dann mehr.“
„Dann sollten wir hineingehen.“
Und schon sprang Macubama auf. Ardeth staunte über die Energie des alten Mannes.
„Ja, wir sollten keine Zeit verlieren. Hoffentlich hat es Julio geschafft zu entkommen.“
Sie erhoben sich und krochen aus dem Gebüsch.
„Aber vorsichtig!“, warnte Ardeth. „Sie werden Wachen aufgestellt haben.“
„Ich kenne Machu Picchu gut“, beruhigte ihn Macubama und Ardeth zweifelte nicht daran.

Wie Ardeth erwartet hatte, befand sich beim Intihuatana ein Wachposten. Macubama setzte ein überlegenes Grinsen auf und zog Ardeth am Arm weiter. Dann stieg Macubama eine Stufe hinab und – war auf einmal verschwunden. Ardeth stieg verwundert auf jene Stufe und sah einen tiefen Abgrund unter sich. Wo war Macubama geblieben? Da berührte ihn etwas zur Linken. Ein Seil! Macubama hatte es zu ihm hinschwingen lassen und Ardeth verstand. Im Dunkeln konnte er erkennen, dass Macubama ca. 5 Meter unterhalb zur Linken stand. Es sah so aus, als stünde er im Erdreich drin. Ardeth war klar, dass dort der Eingang war. Gut verborgen am Felsen, unterhalb der Stadt Machu Picchu. Wie hatte der Gräber diesen Eingang nur finden können? Ardeth warf einen Blick nach oben. Die Wache musste auch diesen Eingang kennen und könnte jeden Moment über den Felsenrand einen Blick nach unten werfen. Er beeilte sich also, ergriff das Seil und schwang sich hinab. Macubama half ihm beim Einstieg in den kurzen Gang. Drei Meter weiter stand die Tür offen. Am Rahmen oberhalb erblickte Ardeth das Zeichen der Schwinge. Macubama war schon in dem Raum.
„Der Saal der rechten Schwinge des Urus!“, sprach Macubama feierlich, als Ardeth hineinkam. Sofort nahm er den merkwürdigen Saal in Augenschein. Er war wie ein Schlauch gebogen. In der Mitte stand ein Tisch. Unübersehbar war das der Altar, auf dem das Artefakt über all die Jahrhunderte geruht hatte. An der rechten oberen Wand standen merkwürdige Zeichen geschrieben, links dagegen waren Bilder gemalt. Ardeth schaute sich alles im Schein der kleinen Fackel an, die er entzündet hatte.
„Gib mir die Schwinge!“, forderte ihn Macubama auf.
Ardeth studierte gerade die Inschriften zur Rechten und schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Dann blickte er zu Macubama, der am Ende des schlauchartigen Raumes stand. Dort war eine Art Tür zu erkennen und daneben drei lange Löcher. Es war klar, dass man das Artefakt dort hineinstecken musste, um die Tür zu öffnen.
„Macubama, ich weiß nicht, ob wir das machen sollten. Hier steht eine Warnung.“
Macubama sah ihn fast erschrocken an. „Du kannst das lesen?“
Ardeth nickte und drehte sich um, um die Bilder zu betrachten. „Und das müssen deine Vorfahren vor langer Zeit angemalt haben, eine Huldigung an Horus. Schau: Sie bringen Gold und legen es zu Füßen des Altars.“ Er leuchte den Raum kurz aus. „Es hat hier gelegen, das Gold, das sie mitgenommen haben.“
„In der Legende heißt es, dass die heiligen Insignien des Urus hier ruhen müssen. Du hast die Schwinge zurückgebracht und deine Aufgabe erfüllt. Lege sie nun auf den Altar, wo sie hingehört.“
Etwas in Macubamas Tonfall gefiel Ardeth nicht. Er sah ihn irritiert an, zumal er sehr laut gesprochen hatte. Zu laut für ein Unterfangen, das auf keinen Fall entdeckt werden darf. Doch bevor Ardeth lange drüber nachdenken konnte, hörte er, wie sich oben die Wache regte und andere herbeirief. Man hatte sie gehört. Kein Wunder!
„Sie kommen!“, rief Macubama erschrocken. „Gib mir den Schlüssel!“
„Nein, Macubama, das dürfen wir nicht!“, brachte Ardeth hervor. „Sieh doch, da oben. Da steht, dass man die Türen auf keinen Fall öffnen darf.“
„Unsinn! In der Legende heißt es...“
Doch weiter kam er nicht, denn in dem Moment schwang sich einer der Wächter in den Schacht, ein zweiter folgte sofort. Da mussten mehrere Seile hängen, schloss Ardeth daraus und warf sich den Wächtern entgegen. Ein wilder Kampf entbrannte, aber es war viel zu eng, so dass sie schließlich miteinander rangen. Weitere Wächter folgten und auch die hellhäutigen Schatzsucher. Schließlich wurde Ardeth überwältigt, entwaffnet und zu Boden gedrückt, während Macubama an der Tür gedrängt stand und mit einer Pistolenmündung in Schach gehalten wurde.
„Sieh an, sieh an, wen haben wir da?“, meinte einer der hellhäutigen Gräber. Er sah wie ein typischer Abenteurer aus. Seine Kleidung war abgetragen, aber im Gürtel trug er alles, was er für so eine Expedition benötigte. Er tippte an seine Hutkrempe, grinste, holte dann mit dem Arm aus und schlug seine Faust Ardeth ins Gesicht, der zu Boden ging.
„Lassen Sie ihn, Mr. Smyne“, hielt ihn ein anderer ab, der eine dicke Brille trug und etwas moderater gekleidet war.
Smyne gab dem Indio, der Ardeth gehalten hatte, einen Wink und der zog den Überwältigten daraufhin auf die Füße. Ardeth gab kein Anzeichen von sich, dass er Schmerzen hatte, sondern sah die Ausgräber finster an. Blut floss aus seinem rechten Mundwinkel.
„Mr. Smyne!“, rief der mit der Brille. „Sehen Sie! Er trägt Hieroglyphen im Gesicht! Ich wusste doch, dass das hier mit dem alten Ägpten zu tun hat.“ Der Mann bekam ganz große Augen.
„Ja, Dr. Porter“, grinste der Cowboy, „er kann uns sicherlich mehr hierzu sagen, falls Sie das meinen!“ Er griff mit seiner Rechten an Ardeths Hals und drückte fest zu. „Jedenfalls mehr als dieser Indio-Greis!“ Dann stieß er Ardeth zurück, der dem Indio-Wächter in die Arme fiel. In der Zeit zog Mr. Smyne ein Messer hervor.
„Halt ihn gut fest, Alvarez!“, befahl er dem Indio. Ein zweiter Indio trat dazu und half seinem Kumpanen. Jeder fasste einen Arm von Ardeth, dem sich Mr. Smyne näherte und das Messer an die Kehle hielt. „Was hast du hier zu suchen?“
Wenn ich das mal wüsste, dachte Ardeth, doch beschloss, den Mund zu halten.
Mr. Smyne drückte die Spitze in Ardeths Haut, doch der schrie weder noch verzog er eine Miene.
„Bitte, Mr. Smyne“, insistierte Dr. Porter, der Ardeth schon tot sah.
„Klappe!“, gab der Angesprochene unfreundlich zurück und ließ Ardeth nicht aus den Augen. „Sprich, wenn dir dein Leben lieb ist!“ Das Blut floss bereits Ardeths Hals herunter.
„Er ist ein Wächter Urus!“, brachte da Macubama fast flehend hervor. „Er wird euch in den nächsten Raum führen!“
Der Mann mit der Brille legte eine Hand auf den Arm seines Kompagnon, der in der Tat von Ardeth abließ, ihm dann aber einen Schlag in die Magengrube versetzte, so dass er wieder zu Boden ging, und sich dann dem alten Indio zuwandte, immer noch das Messer drohend in der Hand.
„Was soll das, Alter? Los, mach den Mund auf! Meine Geduld mit dir ist am Ende!“
Macubama zögerte keine Sekunde, was Ardeth verwunderte. Hatte er nicht tagelang in den Händen seiner Entführer ausgehalten?
„Hier, hier!“ Macubama wies auf die drei Vertiefungen. „Er hat einen Schlüssel bei sich, der öffnet diese Tür!“
„Durchsucht ihn!“, befahl Mr. Smyne den beiden Indios.
Dr. Porter trat mit großen Augen an die Tür, während die Indios unsanft Ardeth durchsuchten und das Artefakt fanden.
„Ja, ja, das ist er!“, rief Macubama mit Begeisterung und Ardeth sah ihn verwundert an.
Mr. Smyne ergriff das Artefakt. „Das ist ja...?“
„Ja, Mr. Smyne, das ist das gesuchte Artefakt, das von Goldwyn nach Buenos Aires verscherbelt worden ist.“ Dr. Porter nahm es ihm ab, seine Augen glänzten. „Fantastisch! Sehen Sie sich dieses Material an! Fast möchte man meinen, es ist nicht von dieser Welt!“ Er näherte sich den drei Vertiefungen.
„Nein!“, rief Ardeth. „Sie dürfen das nicht tun! Sie dürfen die Tür nicht öffnen!“
Mr. Smyne holte aus und schlug ihn ein weiteres Mal, während Dr. Porter das Artefakt in die vorgesehene Vertiefung steckte. Sofort rastete es ein und die Tür ging wie von Geisterhand geschoben auf. Sie wurde einfach in die Wand gezogen – wie eine Schiebetür. Alle starrten hin, und Ardeth konnte sehen, wie Macubamas Augen glänzten.
„Licht, wir brauchen hier mehr Licht!“, befahl Mr. Smyne. Ein Indios mit einer Fackel trat zu ihm und leuchtete den Weg. Mr. Smyne winkte und alle folgten ihm. Die beiden Indios schleiften Ardeth unsanft mit sich mit. Ein langer gewundener Gang schloss sich dem Raum an. Da wurde Ardeth klar, dass die Räume in einem Kreis angelegt waren, die mit diesen merkwürdigen Röhren versehen waren. Was auch immer das hier war, er stufte es als sehr gefährlich ein. Ein Ring, hämmerte es in seinem Kopf. Was verbirgt ein Ring, ein Kreis? Und schon betraten sie einen weiteren Raum, der ebenfalls schlauchartig war. Dr. Porter sah sich interessiert um, doch Mr. Smyne hatte nur Augen für das Gold, das zur Rechten auf dem Boden, unterhalb der Bilder, lag, wie Ardeth feststellte. So musste es im ersten Raum auch gewesen sein. Und gegenüber wieder diese Inschriften, diese Warnung.
„Seht euch das an, seht euch das an!“, jubelte Mr. Smyne. „Ich wusste es! In dieser verdammten Stadt muss es doch auch Gold geben. Ich wusste es!“
„Es ist nicht das Gold der Inka“, gab Dr. Porter zu bedenken, der sich ebenso wie Ardeth die Zeichnungen angeschaut an. „Jedenfalls nicht der Inka, die Machu Picchu erbaut haben. Es ist viel älter, Mr. Smyne!“
„Mir egal!“ Smyne hob einige Goldsachen auf. Es waren Masken, wie man sie von den Inka her kannte, recht quadratisch und eigenartig gestaltet. Ardeth hatte bereits ein paar in den Büchern seines Schwiegervaters gesehen, doch irgendetwas war komisch an diesen Masken. Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, denn auf einmal wurde die nächste Tür am Ende des Raumes in die Wandvorrichtung gezogen. Unbemerkt hatte Macubama das Artefakt auf dem Altar an sich genommen und in die Vorrichtung gesteckt. Was es war, konnte nur erraten werden. Ardeth vermutete, dass es sich um den Schwanz des Horus handelte, denn über dem Türrahmen hatte dieses Zeichen geprangt.
„Was...!“, schimpfte Mr. Smyne irritiert, doch folgte schnell nach. Seine Gier nach Gold war geweckt. Hier musste es doch noch mehr geben! Dr. Porter sah ebenso besorgt auf die Hieroglyphen an der linken Wand wie Ardeth.
Schon wurde er unsanft weitergestoßen und alle folgten dem gebogenen Gang entlang zum dritten Raum. Ardeth wusste, es musste der Raum sein, auf dessen Wand er mit Julio gestoßen war. Sie traten ein und Dr. Porter gab kurz Anweisung, auf Macubama aufzupassen. Er wollte alles in Augenschein nehmen, bevor er zum Weitergehen gezwungen wurde. Ardeth merkte, wie dem Mann mit der Hornbrille langsam unheimlich wurde. Während sich Mr. Smyne an dem Gold ergötzte, nahm Dr. Porter das Artefakt in die Hände, das auf dem Altar lag: die linke Schwinge des Urus! Er sah Ardeth an und fragte ihn: „Was ist das? Was ist das hier alles?“ Angst lag in seiner Stimme.
„Bitte, Sie dürfen nicht weitergehen! Lesen Sie selbst!“ Er wies mit dem Kopf nach oben. Dr. Porter folgte Ardeths Blick. Eine Warnung an alle Menschen, nicht die Dinge zu benutzen, die sie vorfanden.
„Sonst wird euch der Böse besiegen“, las der Wissenschaftler.
„Wer... ist der Böse?“, fragte er Ardeth.
„Wollen Sie das wirklich herausfinden?“, erwiderte er.
„Papperlapapp!“, Mr. Smyne entriss seinem Kollegen das Artefakt. Es sah ja immerhin so aus wie der erste Flügel und so wusste er, wie er ihn einzusetzen hatte. Macubama sah mit Genugtuung zu, wie nun Mr. Smyne das Artefakt in die vorgesehene Öffnung drückte und die dritte Tür sich öffnete. Während sie alle beschleunigten Schrittes zum nächsten Raum hetzten, meinte Dr. Porter zu Ardeth, der neben ihm ging, aber immer von zwei Indios in Schach gehalten wurde: „Wir gehen im Kreis, nicht wahr?“
„Ja!“
„Etwas ist in dem Kreis, nicht wahr?“
„Ja.“
„Was ist es?“
„Ich weiß es nicht. Aber es könnte der Böse sein. Er will, dass wir das hier tun.“
„Unsinn, Unsinn!“, krähte Macubama aufgeregt. „Es ist das Grab des Urus!“ Seine Augen funkelten.
„Das Grab des...? Wer ist Urus?“, wollte Dr. Porter wissen.
„Horus“, erwiderte Ardeth knapp.
„Ho...?“ Dr. Porter war sichtlich irritiert. „Ein alt-ägyptischer Gott hier in Peru?“
Doch er verstand nun, warum sich an den Wänden einige Hieroglyphen befanden.
"Ich hatte Recht mit meiner Annahme...", murmelte er.
Schon betraten sie den vierten Raum.
„Es ist der letzte Raum“, raunte Ardeth Dr. Porter zu. Ihre Blicke wanderten sofort zum Altar, worauf der Kopf eines Falken lag. Macubama musste von zwei Indios mit Gewalt daran gehindert werden, das Artefakt in die Hand zu nehmen.
„Sehen Sie, Doktor! Waffen aus Gold! Das hat sich wirklich gelohnt!“, freute sich der Cowboy. „Ha, wenn das Harry noch erlebt hätte!“ Er warf Ardeth einen giftigen Blick zu, dann griff er zu einem Speer aus Gold und hielt ihn vor ihn hin, teuflisch grinsend. „Als Rache für meinem Bruder, den du auf dem Gewissen hast!“
Er wollte mit dem Speer zustoßen, doch Dr. Porter schlug so auf den Speer, dass die Spitze sich nach unten neigte.
„Nein, Mr. Smyne! Er könnte noch nützlich sein!“ Auch Macubama versuchte herbeizuspringen, um die Tat zu verhindern, doch die Indios hielten ihn fest. Als Ardeth ihn verwundert anschaute, sah er die geweiteten Augen des alten Indios und war sehr beunruhigt.
Mr. Smyne warf Ardeth einen vernichtenden Blick zu und versetzte ihm dann mit dem Speer einen Schlag von der Seite, sodass er abermals zu Boden ging, und drohte: „Warte ab, bis wir hier raus sind!“
Wenn wir hier je rauskommen, dachte Ardeth und rappelte sich wieder auf.
Dr. Porter studierte die Indio-Zeichnung. „Das ist Uku Pacha hier, die Unterwelt der Inka. Und der in der Mitte ist Supay, der Herr der Unterwelt. Ich verstehe es nicht. Auf einer Seite haben wir Inka-Mythologie und auf der anderen Seite ägyptische Hieroglyphen. Und das da oben kann ich nicht lesen.“ Ardeth war seinen Blicken gefolgt. „Da klaffen Jahrtausende zwischen!“, staunte Dr. Porter.
„Die Zeichen da oben kann ich auch nicht lesen, aber sie scheinen am ältesten zu sein. Die Hieroglyphen stammen aus der Zeit der großen Pharaonen. Wahrscheinlich haben sie die anderen Zeichen noch gekannt und sie in ihrer Sprache verständlich gemacht. Und links...“ Er warf den Indio-Malereien einen Blick zu. „Eine Interpretation in der Mythologie der Indios, nehme ich an. Denn drüben steht, dass man sich vor Seth hüten soll.“
„Seth, der Wüstengott? Der, der seinen Bruder getötet hat?“
Ardeth nickte und sah mit besorgtem Blick, wie Mr. Smyne zu dem letzten Artefakt gegriffen hatte.
„Sie müssen ihren Freund davon abhalten! Hier passiert ein Unglück, wenn...“
Zu spät! Mr. Smyne hatte das letzte Artefakt in die vorgesehene Öffnung gepresst. Die letzte Tür schwang auf. Doch dahinter kam ein weiterer Gang zum Vorschein. Er führte wieder zum ersten Raum, wie alle erkannten. Mr. Smyne war etwas enttäuscht, dass das nun alle Räume waren. Es hätte seiner Ansicht nach noch eine Weile mit goldgefüllten Räumen weitergehen können. Macubama schien sehr zufrieden. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein diabolisches Lächeln ab, und Ardeth war in dem Moment klar, dass er es genau so gewollt hatte. Auf einmal hörten sie ein Geräusch, ein Knirschen. Es kam von rechts, vom inneren Mauerring.
„Was ist das?“, fragte Mr. Smyne seinen Kameraden an. Der zuckte nur mit den Schultern, woraufhin er ein vorwurfsvolles „Sie sind doch hier der Gelehrte!“ erntete. Dr. Porter schaute Ardeth an, der sehr besorgt dreinschaute und dabei Macubama im Auge behielt. Was hatte der Alte nur vor? Jetzt hörte man ein Rauschen.
„Sand!“, kommentierte Ardeth, der das Prinzip aus ägyptischen Tempeln kannte. Er sah sich nervös um, aber der Ausgang war zum Glück direkt hinter ihnen. Falls hier alles zusammenstürzen sollte, konnten sie sich immerhin retten. Aber was hatte es mit den Warnungen vor dem Bösen auf sich? Wer weiß, was alles aus dem Grab des Horus kommen konnte?
Inzwischen waren weitere Indios und auch noch ein Amerikaner hereingekommen. Sie trugen Säcke, wohl, um das Gold abzutransportieren, blieben aber verdutzt stehen, als sie die unheimlichen Geräusche vernahmen.
„Was ist das?“, fragte der dazugekommene Amerikaner.
„Ich habe dir doch gesagt, du sollst oben bleiben, Joe!“, herrschte ihn Mr. Smyne an.
„Ich habe gehört, der Typ, der Harry auf dem Gewissen hat, ist hier unten, und da wollte ich dir die Rache nicht allein überlassen, Jerry!“ Er warf einen wütenden Blick auf Ardeth, doch hatte keine Gelegenheit, tätlich zu werden, da auf einmal ein lautes Schlürfen zu vernehmen war. Die Tür, die zum Gang zwischen der ersten und zweiten Kammer führte, bewegte sich. Doch sie ging nicht zu, sondern die ganze nach innen gewandte Einrichtung öffnete sich, höhlte sich praktisch wie von selbst aus. Es öffnete sich ein Gang. Gleiche Geräusche drangen von rechts und links.
„In den anderen Kammern geschieht das gleiche!“, erklärte Dr. Porter und warf wieder Ardeth einen fragenden Blick zu, während Macubama zufrieden feststellte:
„Das Grab offenbart sich uns!“
Ardeth ging instinktiv einen Schritt zurück. Seine ganze Medjai-Ausbildung warnte ihn, jetzt besser nicht hier zu sein. Göttergräber, deren Schlunde sich öffnen, sollte man meiden.
„Hokuspokus!“, spottete Jerry Smyne, und sein jüngerer Bruder Joe grinste, doch auch ihm war mehr als mulmig zumute.
Macubama indessen ging schnurstracks in den schmalen Gang, der zum Inneren des Kreises führte. Jerry Smyne witterte noch mehr Gold dort und folgte ihm, sein Bruder ebenso. Dr. Porter warf Ardeth einen fragenden Blick zu. Der atmete tief durch, bevor auch er in den Gang trat. Die beiden Indios, die ein wachsames Auge auf ihn haben sollten, waren mit der Situation überfordert und stolperten ihm hinterher, während Dr. Porter ganz dicht bei Ardeth blieb.
„Was passiert?“, fragte er hektisch, und Ardeth meinte: „Etwas, das nicht passieren sollte!“ Dann sah er ihn ernst an: „Sie müssen mir helfen, Dr. Porter. Wir dürfen das hier nicht zulassen.“
Dr. Porter nickte. „Ich versuche mein Mögliches.“
Der Gang führte genau ins Zentrum des Kreises, wo ein kleiner kreisrunder Raum mit insgesamt vier Zugangsöffnungen war. In der Mitte stand ein Sarkophag aus dem selben Metall wie die vier Artefakte. Er war völlig schmucklos, die rundgebogenen Wände waren kahl, keine Inschrift, kein Bild war zu sehen. Aber ein seltsames diffuses Licht herrschte in dieser Kammer. Macubamas Augen leuchteten vor Besessenheit. Die beiden Smynes betasteten den Sarkophag. Ardeth blieb an der Öffnung stehen und Dr. Porter hörte ihn auf Altägyptisch „Oh nein“ murmeln und sah ihn irritiert an.
„Wer wohl darin liegen mag?“, meinte Jerry und suchte den Sarkophag nach einer Möglichkeit ab, ihn zu öffnen. „Was meinen Sie, Doktor? Kann doch nur jemand von Wichtigkeit sein und ich wette, er trägt eine Menge Schmuck an den Knochen!“ Joe lachte hell auf, fast klang es hysterisch. Die beiden Indios wichen in zwei Öffnungen zurück.
„Der Sarkophag trägt keine Inschriften“, erklärte Dr. Porter, um die Frage seines Kompagnon zu beantworten. Ardeth wusste, was das bedeutete. Hier konnte nicht Horus ruhen, hier musste ein ganz anderer begraben liegen, der von Horus durch die ganze Ringanlage abgeschottet worden war. Macubama sprach mit leuchtenden Augen: „Holen Sie die Aretefakte!“ Er hatte die Öffnungen zu den vier Seiten gesehen, in die die vier Artefakte passen würden.
„Aber der Flügel ließ sich nicht rausziehen“, protestierte Jerry Smyne.
„Jetzt haben alle vier ihren Dienst getan. Und wir sind am Ziel.“
Mr. Smyne gab den beiden Indios einen Wink, die eigentlich auf Ardeth aufpassen sollten, aber das hatte inzwischen auch Mr. Smyne vergessen. Tatsächlich kehrten sie fünf Minuten später mit je zwei Teilen wieder. Ardeth sah ihnen unruhig entgegen.
„Wir dürfen diesen Sarkophag nicht öffnen!“, rief er und stürzte sich auf einen der beiden Indios, nahm ihm die beiden Teile ab und wollte aus dem Gang flüchten. Doch dort standen weitere Indios, die ihm den Weg versperrten. Gerade, als er sie hinwegstoßen wollte, hörte und spürte er einen Schuss, den Mr. Smyne abgefeuert hatte und ging zu Boden. Er war an der Seite getroffen. Ein Indio nahm ihm die Artefakte ab und brachte sie zu Mr. Smyne, der laut schrie:
„Schleift mir diesen Idioten her!“
Die Indios packten Ardeth unter den Achseln und brachten ihn in den runden Raum. Ardeth hielt sich die linke Seite, während er vor Mr. Smyne auf den Knien lag.
„Wir beenden das jetzt!“, sagte Jerry Smyne mit kalter Stimme und richtete seine Pistole auf Ardeths Kopf.
„Nein, nein!“, ging Macubama dazwischen. Und auch Dr. Porter stellte sich dazwischen.
„Er könnte noch nützlich sein, Mr. Smyne“, erklärte Dr. Porter und fügte ein „Glauben Sie mir!“ hinzu. Sein jüngerer Bruder war gerade dabei, dass letzte Teil – das Kopfstück – in den Sarkophag zu stecken.
„Nein!“, schrie Ardeth, „Sie dürfen den Sarkophag nicht öffnen!“ Er vergaß seine Schmerzen und sprang auf, woran ihn niemand hinderte, denn alle starrten wie gebannt auf den Sarkophag, der mit einem lauten Klicken aufsprang, sodass man das Oberteil abnehmen konnte.
„Los, Joe!“, forderte ihn sein älterer Bruder auf und sie hoben das Oberteil hinunter.
Macubama sprang sofort zum Kopfteil und riss die Totenmaske, die dort lag, hinab, setzte sie sich auf und stellte sich mit einem Satz auf den Altar, auf dem der Sarkphag ruhte, als wäre er 20 und kein Greis. Alle sahen ihn erschrocken an, als er mit lauter Stimme verkündete:
„Ich bin Setau! Seine Kraft ist jetzt meine Kraft!“
Dr. Porter war zu Ardeth getreten und stützte ihn. „Setau?“, fragte er ihn und Ardeth zuckte mit den Schultern. „Natürlich!“, rief Dr. Porter und klärte Ardeth auf: „Seth!“ Ardeth warf ihm einen Unheil verkündenden Blick zu, doch schon sprach Macubama mit einer sonderbaren Stimme weiter:
„Alle, die mir nicht gehorchen, werde ich ins Uku Pacha werfen! Ewige Qualen! Ewige Qualen!“ Er lachte hysterisch und es schien, als wäre er verrückt geworden. Selbst die Smynes waren starr vor Schrecken geworden. Jerry warf Dr. Porter einen fragenden, nein, eher bittenden Blick zu, jetzt irgendetwas zu unternehmen.
„Ha!“, brüllte Macubama-Setau. „Mit der Kraft meines Vernichters, meines Brudersohnes Urus, werde ich unbesiegbar werden und ein Fingerschnippen wird reichen, euch hinzurichten!“
Ardeths Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Was meinte Macubama? Wie wollte er die Kraft des Horus erlangen? Horus hatte Seth vernichtet, weil der zuvor seinen Vater getötet hatte. Die Teile von Osiris hatte er überall verstreut, und in der ägyptischen Mythologie hatte Isis die Teile wieder zusammengefügt. Sie hatten eben auch die vier Teile von Urus zusammengefügt. Es gelang Ardeth nicht dahinterzukommen, was Macubama im Sinn hatte. Doch der hatte schon durch die Augenöffnungen der Maske ihm einen glühenden Blick zugeworfen.
„Ich vernichte Urus und erlange ewige Macht!“
Und da wusste Ardeth, was Macubama im Sinn hatte und warum er sich die ganze Zeit eingesetzt hatte, dass er nicht von Mr. Smyne getötet wurde, ja, er hatte ihn überhaupt nach Peru gelockt, um ihn selbst zu töten. Im gleichen Moment, als Macubama brüllte, dass es ausreicht, Urus' Wächter und Stellvertreter zu töten, türmte Ardeth durch einen der vier Gänge. Dr. Porter schrie in dem Durcheinander: „Er darf den Ägypter nicht töten!“ Macubama war vom Altar gesprungen und heftete sich mit jugendlicher Kraft an Ardeths Fersen. Dr. Porter stieß die beiden Indios an, die zuvor Ardeth hergeschleift hatten, sodass sie gegen Macubama prallten, der sie aber mit scheinbar übermenschlicher Kraft davonstieß, sodass beide zu Boden gingen. Die beiden Smynes sahen dem allen überrascht zu.
„Verstehen Sie denn nicht?“, schrie Dr. Porter die beiden an. „Wenn es ihm gelingt, den Ägypter zu töten, dann wird er unbesiegbar! Ich wird uns alle vernichten!“ Sie stürzten alle durch den Gang, bis sie in den runden Außenkreis kamen. Die Smynes riefen den Indios zu, sie sollen den alten Indio aufhalten, um jeden Preis. Es herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Wohin war Ardeth gelaufen? Macubama war hingegen nicht zu überhören. Er lachte lauthals und kostete seinen Triumph aus. Dr. Porter warf einen Blick auf die Indio-Malereien im ersten Raum und schlug sich vor den Kopf: „Natürlich! Pariacaca ist eine Interpretation von Horus! Wieso bin ich nicht darauf gekommen?“
Ardeth rannte um sein Leben, mehr noch, um das Heil der Welt. Es war klar, was Seth im Schilde führte. Einst hatte er die Welt beherrscht, doch die sogenannten Götter hatten Horus als letzten Verwalter eingesetzt. Die ganzen Sagen und Legenden beruhten nur darauf, dass die beiden Verwandten eifersüchtig aufeinander waren. Jeder wollte die Herrschaft über diesen Planeten. Scheinbar war es Horus gelungen, seinen Onkel dingfest zu machen, und zwar hier in den Anden – in der Nähe dieser Abflugbasis Nazca. Das machte Sinn. Doch diese Erkenntnisse halfen ihm jetzt auch nicht. Er lief und lief, wohl bewusst, dass er immer im Kreis laufen würde. Macubama hatte dagegen die Kraft von Seth erhalten und baute darauf, dass Ardeth über kurz oder lang erlahmen würde, denn er war ja verletzt. Er japste bereits und hielt sich die linke Seite. Wie oft würde er durch diesen Kreis laufen können, bis er erlahmen und Seth über ihn herfallen würde? Er lief gerade durch die letzte Kammer mit den goldenen Waffen. Der Speer lag immer noch quer im Raum, so wie Mr. Smyne ihn hatte fallen lassen. Ardeth hob ihn auf. Besser als nichts! Und während er wieder in den ersten Raum lief, fiel sein Blick auf diesen Speer. Moment! Da war doch etwas! Wie ein Blitz durchschoss ihn die Erinnerung an den Tempel in Edfu. Im Außengang waren diese vielen Darstellungen von Horus, der mit einem Speer Seth tötete. Ja, vom Boot aus, hinter Horus stand die triumphierende Isis. Und unter dem Boot war Seth in Form eines Nilpferdes. Wie oft wurde das Motiv gezeigt? So oft, dass es quasi dem Betrachter eingehämmert wurde. Horus war der erhabene Gott, ebenso war seine Mutter in Menschengestalt, doch Seth war ein Nilpferd. Merkwürdig. Nilpferde standen für das Böse. Aber hier in Südamerika gab es keine Nilpferde.
Ardeth hörte den Tumult hinter sich, doch inzwischen auch vor ihm. Er lief an zwei Indios vorbei, die schlapp gemacht hatten und einfach stehen geblieben waren.
„In Deckung, er ist gefährlich!“, rief er ihnen zu und rannte weiter. Auf einmal fiel ihm ein, was ihn an den Indio-Masken im zweiten Raum verwundert hatte. Es waren Masken von Tieren, die in Ägypten vorkamen. Eine davon zeigte ein Nilpferd! Nilpferde gab es nicht in Südamerika. Ein Nilpferd! Die Maske! Er orientierte sich schnell. Der Ring war nur spärlich beleuchtet – durch einigen Fackelschein, der vor und hinter ihm von Personen mit Fackeln erzeugt wurde. Gerade erst war er durch den zweiten Raum gelaufen. Also noch einmal rum.
„Allah, lass Seth bitte nicht stehenbleiben und auf mich warten!“, bat er inbrünstig.
Er kam wieder an einem Indio vorbei und zog ihn am Hemd mit sich.
„Senor!“, protestierte der, und Ardeth rief ihm zu: „Sag dem Doktor, er soll die Nilpferdmaske in Saal 2 suchen und mir geben! Schnell!“ Dann ließ er ihn los, prompt fiel der Indio hin. Ardeth konnte spüren, wie sich der Abstand zwischen Macubama und ihm verkürzte. Er konnte kaum noch laufen. Schon war er wieder im zweiten Saal. Keine Zeit, anzuhalten und die Maske zu suchen! Verdammt, wo war Porter? Ardeth musste weiterrennen, er hörte das unheimliche Lachen und gleich darauf ein Poltern. Die Smynes hatten Macubama angegriffen, doch erfolglos. Immerhin hatte das den Abstand wieder erweitert. Ardeth rannte in einen der kleinen Gänge, die zum Sarkophag führten. Tatsächlich fand er hier Dr. Porter, der sich erschrocken verborgen hatte. Der Indio war bei ihm.
„Ich brauche die Maske, sofort!“, rief Ardeth. „Wir treffen uns hier!“ Er lief völlig außer Puste weiter. Dr. Porter zögerte nicht, rannte los durch den Gang, der in den zweiten Saal führte. Kurz vor Eintritt hielt er abrupt an, denn Macubama rauschte gerade vorbei. Das würde ihm genug Zeit geben, nach der Nilpferdmaske zu suchen. Er fragte sich, ob Ardeth das richtige meinte. Eine Indio-Nilpferdmaske? Doch nur wenige Minuten später hielt der Wissenschaftler das fragliche Stück staunend in der Hand. Viel Zeit, es zu untersuchen, blieb nicht. Er rannte zurück in den kleinen Gang, denn er hörte Getöse. Wahrscheinlich die Indios oder die Smynes, gefolgt von Macubama. Dr. Porter rannte zum Treffpunkt, kurze Zeit später traf hier Ardeth ein, der ihm die Maske aus der Hand riss und „Danke“ zurief, während er weiterhetzte, geradewegs auf den Raum mit dem Sarkophag zu. Dr. Porter folgte ihm, sich fragend, was Ardeth nur im Sinn hatte.
„Seth!“, brüllte Ardeth aus Leibeskräften und zog den Vokal in die Länge.
Bevor Macubama in den Raum trat, war Dr. Porter angekommen und von der anderen Seite die beiden blutüberströmten Smynes. Macubama warf einen triumphierenden Blick auf Ardeth, der auf dem Altar stand, in der Linken die Maske haltend, mit der Rechten den Speer hinterm Rücken verbergend.
„Jetzt hab ich dich!“, schrie Macubama-Seth und wollte ebenfalls auf den Altar zu springen, doch Ardeth schleuderte ihm die Nilpferdmaske entgegen.
„Da nimm das!“, schrie er und während Macubama die Nilpferdmaske mit Verwunderung auffing, schleuderte Ardeth den Speer mit all seiner verbleibenden Kraft hinterher.
„So besiegt Horus den Seth!“
Der Speer bohrte sich durch Macubamas Leib und trat am Rücken wieder heraus. Macubama und Ardeth kippten gleichzeitig um. Der erste durchbohrt und tot, der zweite völlig entkräftet auf den geöffneten Sarkophag.

Als Ardeth erwachte, lag er auf einer Bettstatt. Er blinzelte zur Seite. Eine junge Frau mit einer weißen Haube lächelte ihn an.
„Guten Morgen, Senor“, begrüßte sie ihn auf Spanisch. Dann verschwand sie, kehrte aber kurz darauf wieder, Dr. Porter im Schlepptau.
„Wie geht es Ihnen?“, erkundigte der sich, während Ardeth sich aufsetzte.
„Ich lebe noch“, sagte er vor sich hin, so als ob er sich selbst davon vergewissern musste.
„Ja, ich konnte die Smynes davon abhalten, Sie zu töten.“
„Äh...danke!“
„Sie haben eingesehen, dass sie Ihnen ihr Leben verdanken.“
Da Ardeth nichts erwiderte, sprach Dr. Porter weiter: „Sie haben auch eingesehen, dass es besser ist, da unten alles in Ruhe lassen.“
„Sie haben nicht mal Gold mitgenommen?“
„Nein, Sie haben sich nicht getraut. Wer weiß, wozu die Goldmasken fähig sind?“ Er lächelte Ardeth an.
„Die Wahrheit ist, dass Macubama ihnen übel mitgespielt hat, als diese wilde Verfolgungsjagd im Gange war. Sie haben seine unheimliche Macht zu spüren bekommen. Wissen Sie, die beiden kamen sich immer sehr stark vor. Und dann ist da ein Greis, tippt sie mit der Fingerspitze an und schon fallen sie. Außerdem hatten sie gar keine Zeit etwas mitzunehmen.“
„Hat Macubama sie sehr verletzt?“
„Er hat drei Indios getötet, Joe hat seinen rechten Arm eingebüßt und Jerry seinen Humor.“
„Und Sie selbst?“
„Ich habe mich im Gang verborgen, um Macubama aus dem Weg zu gehen. Ich schäme mich sehr dafür.“
„Sie haben die Maske gesucht und gefunden. Das war sehr mutig. Und Sie hatten die Brüder Smyne zuvor gewarnt. Ich danke Ihnen, Dr. Porter.“
Dr. Porter war wirklich beschämt.
„Was ist mit Julio geschehen?“, fragte Ardeth bangen Herzens. Er wollte seiner Frau nicht die Nachricht von dessen Tod überbringen müssen.
„Wir hatten ihn gefangengenommen, ihm aber nichts getan. Er ist hier. Soll ich ihn hereinbitten?“
Ardeth atmete erleichtert auf und nickte. Sofort begab sich Dr. Porter zur Tür und rief nach Julio, der sofort ins Zimmer stürmte.
„Padron! Ich bin ja so froh!“, begrüßte er ihn. „Oh, dass Sie das überlebt haben! Ich danke Gott! Ich habe all das Getöse gehört und hatte so eine Angst! Und dann hat man Sie blutüberströmt aus diesem Loch getragen. Ah, Padron!“
„Nana, du übertreibst, Julio!“, lachte Ardeth und fragte Dr. Porter: „Wo sind wir eigentlich hier?“
„In Aguas Calientes. Unweit von Machu Picchu.“
„Oh, ein wunderbarer Ort, Padron!“, schwärmte Julio sogleich. „Hier gibt es Schwefelquellen. Und ich habe jeden Tag für Sie zur Senora gebetet.“
„Tage?“, fragte Ardeth nach. „Wie lange bin ich denn schon hier?“
„Wir haben Sie in Machu Picchu notversorgt und dann hierher gebracht. Sie waren ja ohnmächtig. Seit zwei Tagen sind wir jetzt hier.“
„Und was ist mit Macubama und dem unterirdischen Gewölbe?“
„Macubama ist tot“, eröffnete ihm Dr. Porter, „Sie haben ihn getötet, Senor Garadh. Es geschahen merkwürdige Dinge danach. Die Totenmaske wurde förmlich in den Sarkophag gezogen und er schloss sich von allein. Die vier Artefakte fielen ab. Wir mussten uns beeilen, dort hinauszukommen, denn wir hörten wieder diesen Sand. Tatsächlich wurden die Türen geschlossen. Nur das Einstiegsloch existiert noch. Aber wir haben es verschüttet, die Seile entfernt und auch das andere Loch zugeschüttet. Doch etwas habe ich für Sie, Senor Garadh.“
Er holte einen blauen Sack, in den indianische Muster gewebt waren, hervor und reichte diesen Ardeth. Der brauchte ihn nicht zu öffnen, um zu wissen, welchen Inhalt er hatte. Es waren die vier Artefakte.
„Wenn ich eins gelernt habe in den letzten Tagen, dann, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, von denen ich nichts weiß mit all meinem Wissen, das ich auf der Universität erworben habe. Aber Sie wissen etwas mehr, ahne ich. Daher sollten Sie auf diese Dinge aufpassen und sie weit, weit weg bringen. Sie sind ja ...“ Er zögerte etwas, aber fuhr dann fort: „ein Horus-Wächter.“
Ardeth nahm den Sack an, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Werden die Smynes schweigen?“, fragte er.
„Ohja, glauben Sie mir. Die haben sich sehr erschrocken und wollen fortan ihr Geld mit Rinderzüchten in Texas verdienen. Sie wollen nichts mehr mit übernatürlichen Kräften zu tun haben.“
„Übernatürliche Kräfte, Senor?“, erkundigte sich Julio leise. „Stimmt das wirklich?“ Er machte vorsichtshalber das Kreuzzeichen.
Da Ardeth nicht wusste, was er ihm antworten sollte, erklärte Dr. Porter:
„Dein Padron hat sich mit den Göttern höchstpersönlich angelegt, Julio.“
Julio sah Ardeth an, als wäre er von allen guten Geistern verlassen.
„Nein, nein, Dr. Porter“, schwächte Ardeth die Antwort ab. „So kann man das nicht sagen. Horus und Seth sind keine Götter. Die Menschen haben sie nur für solche gehalten.“
„Horus und Seth?“, fragte Julio nach.
„Urus und, äh, Setau, meine ich, glaube ich zumindest“, erklärte Ardeth dem Indio.
„Naja, Setau ist nicht ganz richtig“, warf Dr. Porter ein. „Es ist eigentlich Supay. Hm, richtiger wäre noch Wallallu Qarwinchu. Das sind alles Inka-Gottheiten. Ich nehme an, es sind Geschichten, die sich anhand der Original-Geschichte gebildet haben.“
Ardeth nickte und erklärte Julio: „In Ägypten haben wir sie Seth und Horus genannt. Aber wer weiß, wie sie wirklich geheißen haben? Es ist ja alles schon so lange her.“
„Diese Götter sind heidnisch. Heidnische Erfindungen“, beruhigte sich Julio selbst.
„Wie gesagt, junger Freund“, klopfte ihm Dr. Porter auf die Schulter. „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich nicht erklären kann.“
„Julio, es gab oder gibt Wesen, die auf anderen Planeten wohnen. So weit weg, dass wir sie nicht besuchen können, denn wir haben das Wissen dazu nicht“, erklärte Ardeth, und Dr. Porter fragte sich, ob es klug war, Julio so etwas zu erzählen. „Sie aber wussten es und kamen hierher. Macubama hat mir von Nazca erzählt. Zeichen sind dort aufgemalt, die den Fremden den Weg zum Landen gewiesen haben. Eins davon soll dieses Zeichen hier gewesen sein.“ Er zeigte seinen Handrücken.
„Aber ja, natürlich!“, erkannte Dr. Porter. „Ihre Hände! Daher ist Macubama auf Sie gekommen. Ich habe mich schon gefragt, warum er Sie ausgewählt hat. Julio hat erzählt, sie kämen aus dem fernen Argentinien. Dabei kommen Sie aus Ägypten, nicht wahr?“
„Ja“, bestätigte Ardeth.
„Ich werde bald nach Ägypten gehen. Wissen Sie, ich bin Archäologe, aber kein gewöhnlicher.“
Ardeth lächelte ihn an, denn darauf war er schon von ganz allein gekommen. Aber er ließ den Wissenschaftler weitersprechen. „Ich vergleiche alles, was ich so auf Erden vorfinde, denn es gibt so viele Gemeinsamkeiten, dass es kein Zufall sein kann. Sehen Sie zum Beispiel die Pyramiden. Überall gibt es sie, und sie wurden zu einer Zeit errichtet, in der die Menschen doch noch gar nicht fähig dazu waren. Wie kommt das? Ich finde Ihre Erklärung mit den fremden Wesen sehr einleuchtend. Der Besuch in Peru war für mich sehr aufschlussreich.“
Julio sah während des Gesprächs erstaunt von einem zum anderen.
„Sie wollen bald nach Ägypten reisen?“, fragte Ardeth nach.
„Ja, Feldforschung sozusagen. Die Smynes hatten mich engagiert, weil sie von meiner Expedition vor einem halben Jahr gehört hatten und sich Reichtum versprochen hatten. Ich habe mich intensiv mit den Schriften von Hiram Bingham zu Machu Picchu befasst, daher war ich der richtige Mann dafür.“
„Bitte schreiben Sie nie darüber, was Sie hier gesehen haben“, bat ihn Ardeth.
„Nein, keine Sorge, das verspreche ich Ihnen. Aus Neugier würde man alles umgraben und diesen merkwürdigen Sarkophag ein weiteres Mal öffnen. Auch wenn ich glaube, dass es ohne diese Artefakte nicht gehen wird.“
„Möglich. In dem Sarkophag ist eine uns unbekannte Energiequelle verborgen. Wir sollten mit so etwas nicht herumspielen.“
„Keine Horus-Mumie?“, fragte Dr. Porter etwas enttäuscht nach.
„Nein, nur eine Hinterlassenschaft von Horus.“
„Macubama muss davon gewusst haben.“
„Nicht wirklich. Er hat einen Teil gewusst. Wahrscheinlich hat er wirklich geglaubt, er würde zu Seth werden. Er gehört zu denen, die Legenden glauben.“
„Und manche erweisen sich als wahr. Sagen Sie, wann war wohl Horus hier?“
„Es muss einige tausend Jahre her sein. Diese merkwürdige Schrift ganz oben muss aus dieser Epoche stammen. Die darunter stammt aus der Zeit der Großen Pharaonen, wahrscheinlich kurz nach der Wiedererrichtung des großägyptischen Reiches.“
„Sie meinen das Neue Reich?“
„Ja, das. Damals fanden regelmäßig Expeditionen nach Südamerika statt. Und dann muss jemand vor ungefähr 500 Jahren hier gewesen sein, so um das Gründungsjahr von Machu Picchu. Ich glaube, ich weiß auch, wer es war. Einer meiner Vorfahren ist nämlich nach Amerika geflohen, als man ihn zwingen wollte, zum Islam überzutreten. Wie dem auch sei, die Indios haben ihre Interpretation an die Wand gemalt, und aus der Zeit stammt wohl auch Macubamas Wissen.“
„Und das Gold?“
„Ist auf jeden Fall älter als 500 Jahre. Die Masken sehen ja sehr nach der Indio-Kunst aus. Nunja, sie bewohnen dieses Land ja auch nicht erst seit gestern.“
Dr. Porter nickte. „Sie wissen ziemlich viel und Sie scheinen noch so jung. Wer sind Sie eigentlich?“
Ardeth zögerte eine Weile.
„Ich heiße in Wirklichkeit Ardeth Bay und als ich noch in Ägypten lebte, hatte ich viel mit unserer alten Kultur zu tun. Hm, sagt Ihnen vielleicht der Name Leslie Manson etwas?“
„Ja, natürlich. Manson hat viel über Ägypten geschrieben, meist in den Schriften der Uni Boston.“
„Er ist mein Onkel. Und ich habe eine Bitte: Wenn Sie nach Kairo kommen, besuchen Sie ihn und grüßen Sie ihn von mir.“
„Oh, das wäre fantastisch! Was für eine Gelegenheit für mich! Sie ahnen ja nicht, welche Freude Sie mir mit diesem Kontakt bereiten.“
„Und geben Sie ihm diese vier Artefakte. Ich darf leider nicht mehr nach Ägypten zurückkehren, und ich denke, bei meinem Onkel wären sie am besten aufbewahrt. Er versteht sehr viel davon.“
Ardeth gab ihm den blauen Sack zurück. „Und bitte, sagen Sie in Ägypten niemandem außer meinem Onkel, dass Sie mich getroffen haben. Erwähnen Sie nie meinen Namen!“
„Meine Güte, das klingt ja so, als ob Sie Landesverrat begangen haben.“
„So ähnlich ist es auch.“
Ardeth erhob sich ganz.
„Sagen Sie, die Stätte in Machu Picchu: Sind Sie sicher, dass sie gut verbarrikadiert worden ist?“
„Ja, wir haben sie unkenntlich gemacht.“ Auch Julio nickte, denn er hatte natürlich geholfen.
„Dann wollen wir hoffen, dass sie niemals gefunden werden wird.“
„Es ist so schade um Macubama“, warf Julio ein. „Ich kann es nicht glauben, was er getan hat.“
„Er war besessen davon, Julio. Ich hatte ihn auch ganz anders eingeschätzt. Aber es war alles Mittel zum Zweck.“
„Nunja, er hatte nur die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und das waren Sie, Mr. Bay“, meinte Dr. Porter. „Ich fragte mich nur, wie der Sie ausmachen konnte.“
Ardeth warf einen vielsagenden Blick auf Julio und sprach: „Ihm muss jemand zugetragen haben, dass in Argentinien jemand mit diesen Zeichen herumrennt. Bei den Indios verbreiten sich Nachrichten sehr schnell. Und außerdem besaß er wirklich merkwürdige Fähigkeiten.“
„Senor“, wandte Julio ein. „Ich habe wirklich niemanden von Ihnen erzählt, denn Sie wollten es ja nie.“
Dr. Porter sah Ardeth fragend an, der ihm mitteilte, dass er sich verborgen halten müsse. Dann wandte er sich an Julio:
„Wir sollten gehen, Julio. Wir sind schon lange fort.“
Er ging zum Schemel, auf dem sein Gewand lag und bekleidete sich. Das Blut klebte noch an der Schulter und an der Seite.
„Dr. Porter, was sind wir den Einheimischen für Unterkunft und Essen schuldig?“
„Nichts“, winkte er ab. „Ich habe alles schon bezahlt, es ist nicht viel. Aber wollen Sie wirklich schon gehen? Sie sind verwundet, Mr. Bay.“
„Und Sie sollten die Schwefelquellen besuchen, Padron!“
Ardeth warf einen Blick auf seine Hüfte, wobei seine Sorge nicht der Wunde galt, sondern seinem Gewand, das heißt natürlich den Vorwürfen von Emilia.
„Kann das jemand waschen? Solange können wir, denke ich, noch warten.“

Dr. Porter erwies sich als sehr hilfreich. Er nahm beide mit nach Cuzco, wo sie einige Kirchen besichtigten. Julio bestaunte die riesigen Kathedralen mit den Bildern der Maler aus der Cuzco-Schule. Besonders das Bild mit dem Meerschweinchen auf dem Abendmahlstisch hatte es ihm angetan. Dr. Porter und Ardeth investierten die beiden verbleibenden Tage, um sich die Inka-Bauten in und um Cuzco anzuschauen. Endlich traf das Privatflugzeug von Dr. Porters neuen Auftraggeber ein, das ihn über Lima in die USA bringen sollte. Er überredete den Piloten, zunächst nach Süden zu fliegen und in Mendoza zu landen. Sie verabschiedeten sich herzlich voneinander. So waren Ardeth und Julio eher als erwartet zurück und mussten sich nicht durch den hohen Schnee, der auf den Andenpässen mittlerweile lag, kämpften.
Schon von weitem sah Maria sie kommen und rief laut nach Emilia. Die beiden Frauen stürmten den Männern entgegen, gefolgt von den Kindern. Sie waren so froh, hatten sie doch Tag und Nacht um ihre Lieben gebangt. Ardeth berichtete am Tisch, an dem sie sich hungrig niedergelassen hatten, was geschehen war, doch Emilia sah ihn skeptisch an. Was tischte er ihr nur für eine Geschichte auf? Aber als sie abends seine Narben sah, erschrak sie sehr. Er bekam abends nicht nur eine Massage, sondern auch Vorwürfe.

Nicht nur Emilia bemerkte, dass Ardeth zufriedener wirkte, seit er aus Peru zurückgekehrt war. Er schien mit seinem Schicksal ausgesöhnt, es hatte ihn geradewegs nach Südamerika geführt, um genau hier seine Aufgabe zu erledigen. Er liebte die Farm und den Frieden, der hier herrschte. Sie waren zwar nicht sehr reich, doch glücklich. Nur manchmal kam Ardeth mit Unbehagen die Erinnerung an die Prophezeiung hoch. Was würde in Ägypten geschehen, falls der Untote erwachen sollte?

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