Home "Zur Rettung selbst ich auserkoren, in Irrnis wild verloren" (Autorin: Bianca M. Gerlich)

ARDETH BAY - JUGEND (Teil 2)


In dem letzten Monat vor seiner Initiation hatte Ardeth keine Verpflichtungen mehr. Er sollte in diesen Wochen in sich gehen, um für seine Aufgabe bereit zu sein. Da Sahin bereits initiiert war, bewohnte Ardeth das Zelt allein und saß oft schweigend darin, um alles zu überdenken. Eines Tages trat sein Onkel Namdun zu ihm, der Bruder seiner Mutter. Ardeth erhob sich und neigte zur Begrüßung ehrfürchtig den Kopf. Da Ardeth sehr eng mit Farani Setlata befreundet war, glaubte er, sein Onkel käme auf eine eventuelle Heirat zu sprechen. Farani war gerade von ihrer Zeit im Isis-Tempel zurückgekehrt und hatte ihm anvertraut, dass die Hathor-Novizinnen sie in die Geheimnisse der körperlichen Liebe eingewiesen hätten und wie sie ihren Ehemann glücklich machen könnte. Da hatte Ardeth ihr von seinen Erfahrungen berichtet und beide hatten erlaubte Zärtlichkeiten ausgetauscht und sich ausgemalt, wie ihre Ehe später einmal aussehen würde. Bei offiziellen Anlässen saßen die beiden immer nebeneinander. Doch Namdun wollte etwas anderes, wie Ardeth bald bemerkte.
„Ich bin hier in Vertretung deines Vaters, mein lieber Neffe. Eigentlich wäre es die Aufgabe deines anderen Onkels, doch er weilt noch nicht bei uns und ich glaube, er hätte nichts dagegen, wenn ich seine Aufgabe übernehme.“
Onkel Namdun machte es spannend.
„Außerdem hat mich meine Schwester darum gebeten. Ardeth, sattle dein Pferd. Wir werden ausreiten.“
Ardeth kam der Bitte unverzüglich nach. Wenn ältere Krieger Auszubildenden etwas sagten, dann kam das einem Befehl gleich. Ardeth ritt auch nicht an Namduns Seite, sondern etwas hinter ihm, als sie sich in die Wüste begaben. Sie mochten vielleicht zwei Stunden geritten sein in eine Richtung, die als die „unerlaubte“ allen Medjai-Kindern bekannt war. Hierher durften nur die erwachsenen Krieger reiten. Ardeths Spannung wuchs von Minute zu Minute. Sie ritten auf einer weiten Ebene, die rechts und links von Gebirgszügen begrenzt wurde. In der Ferne zeichnete sich ein Vulkankrater ab, vor und in ihm befanden sich Tempelreste. Noch ein verborgener Tempel, dachte Ardeth. Sein Onkel sprach kein Wort, auch nicht, als sie in der Abenddämmerung durch die Tore, die den Eingang bildeten, ritten. Ardeth sah sich um und erblickte das typische Bild eines verfallenen Tempels. Obelisken lagen umgestürzt und auseinandergebrochen am Boden, Säulenhallen zeichneten sich ab, die Hauptgebäude schienen ineinandergestürtzt. Und doch wirkte der Tempel auf unheimliche Weise sehr lebendig. Ardeth hätte sich gern erkundigt, wem der Tempel geweiht war und was es mit dieser Stätte auf sich hatte, doch er durfte als Auszubildender nicht das erste Wort an einen erwachsenen Krieger richten, also schwieg er. Irgendwann würde sein Onkel ihm schon hiervon erzählen. Doch Namdun ritt mit ihm an eine Seite des Tempel, saß ab und hieß Ardeth, dasgleiche zu tun.
„Du wirst diese Nacht in diesem Tempel verbringen, mein lieber Neffe. Allein. Morgen Früh werde ich dich holen. Folge mir!“
Ardeth sah seinen Onkel verdutzt an. Was sollte das werden? Sollte er hier meditieren? Sein Onkel ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Er hatte eine Fackel entzündet und ging voran. Ardeth besah sich die Wände, so gut er sie erkennen konnte. Sie wirkten grob, an einigen Stellen waren Schriftzeichen, doch an vielen Stellen schienen sie ausgemeißelt worden zu sein. Nach einigen Gängen und Abzweigungen gelangten sie zu einer Tür, die verschlossen war. Namdun Setlata bediente einen verborgenen Mechanismus und die Tür sprang auf.
„Hier hinein, Ardeth. Die Tür wird sich wieder schließen. Hab keine Furcht!“
Ardeth trat in den Saal, während sein Onkel draußen blieb. Die Tür schlug zu und Ardeth blieb allein im Dunkeln. Nicht einmal die Fackel hatte sein Onkel ihm mitgegeben. Ardeths Herz pochte laut. Es war unheimlich im Dunkeln, allein... er begann, die Wände abzutasten. Der Raum war ziemlich klein und sehr uneben, an den Wänden und auf dem Boden. An einer Stelle konnte er eine Art Kasten fühlen. Wo wa er hier nur gelandet, fragte er sich immer wieder. Schließlich kam er auf die Idee, dass diese Nacht eine Art Mutprobe darstellte. Immerhin hatte sein Onkel ihn ermahnt, keine Angst zu haben. Er sollte bestimmt mit der Dunkelheit konfrontiert werden. Die Luft war schlecht in dem Raum, es roch nach Moder. Ardeth ließ sich nieder. Er konnte an seiner Situation sowieso nichts ändern, er war ja hier eingeschlossen. Schauer jagten ihm über den Rücken. Er tröstete sich damit, dass es ja nur einige Stunden sein würden, die er durchhalten musste. Doch warum hatte sein Onkel hierhergebracht und nicht sein Meister? Das war alles sehr merkwürdig. Er zog seine Beine an den Körper und legte seinen Kopf auf die Knie. Hier drin war es sehr warm, doch ihm fröstelte. Er musste einfach nur versuchen einzuschlafen, dann würde die Zeit viel schneller vorbei sein. Also legte er sich auf den Boden, natürlich erst, nachdem er den Boden sorgfältig abgetastet hatte. Er legte sich auf die Seite und zog die Beine an. Ihm gruselte noch immer. Er wusste nicht, wie lange er da gelegen hatte, als er auf einmal eine merkwürdige Stimme vernahm. Sie klang verzerrt, so als würde ihr Ton durch sämtliche Räume dieses Tempels hallen, bevor er bei ihm ankam. Mit einem Ruck saß er aufrecht. Schauder jagten ihm den Rücken herunter. Er spürte große Angst in sich aufsteigen. Was war das? Da! Wieder erklang die Stimme hallend und verzerrt. Sie sprach mehrere Silben... doch Ardeth verstand kein Wort. Er saß wie versteinert da und zitterte. Wenn doch nur schon Morgen wär! Die Stimme wurde zunehmend lauter. Wer auch immer da sprach, er schien zu ihm sprechen zu wollen. War derjenige wütend, weil er keine Antwort bekam? Fast schien es so. Aber wer sollte hier im Dunkeln zu ihm sprechen? Ardeth kam die flüchtige Idee, dass es sein Onkel sei, der ihm Angst einjagen wollte. Aber er verwarf diese Idee wieder. So etwas Lächerliches würde kein erwachsener Medjai-Krieger machen. Diese Stimme war real. Ardeth fasste sich ein Herz und antwortete:
„Wer ruft da?“
Und die Stimme antwortete ihm, doch wieder verstand er kein Wort.
„Ich verstehe dich nicht!“
Die Stimme wurde noch lauter, fast wütend.
„Sprich doch bitte deutlicher, Fremder. Ich kann dich wirklich nicht verstehen! Wer bist du?“
Und jetzt vernahm er ganz deutlich, wie die Stimme ihm antwortete:
„Imhotep!“
Und es jagten ihm eisige Schauer durch den Körper bei dieser Antwort. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Der Unterkiefer gehorchte Ardeth nicht mehr. Am liebsten hätte er gerufen: „Onkel Namdun! Hol mich hier bitte raus, mach schnell!“ Aber er konnte keinen Laut formulieren, er war wie gelähmt. Wieder hörte er diese unheimliche Stimme, die wie aus einer anderen Welt ihren Namen ihm mitteilte.
„Imhotep! Imhotep!“
Verdammt, was konnte er tun? Diese Stimme klang so grausam und doch – auch irgendwie verzweifelt. Ardeth rang sich zu einer erneuten Frage durch:
„Was... was willst du, Imhotep?“
War es ein heiseres Lachen, das jetzt erschallte? Oder ein Röcheln? Ardeth lauschte intensiv, ob er etwas vernahm. Da, das Wesen namens Imhotep sprach... und er konnte es verstehen. Ganz deutlich vernahm Ardeth seine Worte:
„Hol mich hier raus!“
Das Wesen hatte jedes einzelne Wort betont. Ardeth fiel auf, dass dieser Imhotep Alt-Ägyptisch sprach. Moment, Imhotep? Natürlich wusste Ardeth, wer dieser Mann war. Aber wieso wollte er hier raus? Und wieso war er überhaupt hier, so weit südlich? Imhotep lag doch nahe des Tempels begraben, in dem er jahrelang Dienste geleistet hatte, und das war das Sonnenheiligtum von Heliopolis im Norden von Kemet. Die Archäologen suchten seine Grabesstätte in der Nähe von der Stufenpyramide von Sakkara, deren Bau sie ihm zuschrieben. Und dieser Mann sprach zu ihm jetzt aus dem Jenseits?
„Hol mich hier raus!“, insistierte die Stimme drohend.
„Wie?“, fragte Ardeth. „Wie soll ich das machen? Wie kann ich dir helfen?“
Wieder erklang dieser komische Laut, von dem Ardeth nicht wusste, ob es Lachen, Weinen oder Keuchen sein sollte. Es dauerte dieses Mal sehr lange, bis die Stimme namens Imhotep sich zum Antworten entschied.
„Öffne meinen Sarg!“
Ardeth glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er sollte einen Sarg öffnen? Hatte er das wirklich verstanden oder spielte ihm sein Gehör einen Streich? Noch vor einigen Tagen hatten seine Kameraden eine Gruselgeschichte über eine Sargöffnung erzählt. Vielleicht bildete er sich hier in der Dunkelheit alles nur ein? Er versuchte, sich völlig andere Gedanken zu machen, um dieser Halluzination zu entfliehen. Die jungen Hathor-Priesterinnen kamen ihm in den Sinn.
„Öffne meinen Sarg!“
Verdammt... vielleicht musste er sich etwas anderes vorstellen. Er dachte an sein Pferd, das draußen auf ihn warten und wollte es in Gedanken rufen...
„Öffne meinen Sarg!“
Es hatte keinen Sinn. Die Stimme existierte real. Sie war keine Einbildung, keine Fantasie, keine Halluzination. Ardeth wusste, er war vollkommen wach. Die Stimme war da. Auf einmal wurde ihm ganz heiß. Ihm fiel ein, dass er vorhin eine Art Kasten ertastet hatte. Was, wenn das der Sarg war?
„Wo... wo ist dein Sarg?“, brachte er vor Angst schlotternd hervor.
„Hier! Hier!“
Verdammt... verdammt... Ardeth spürte die große Wut, die in dieser Stimme lag, doch da war noch etwas anderes. Verzweiflung. Und Ardeth bekam Mitleid. Langsam erhob er sich und ging vorsichtig zu der Stelle. Er konnte den Kasten ganz genau fühlen, doch nur das untere Stück, denn er war zu klein für den riesigen Kasten. Die Wände waren ganz glatt und man konnte keinen Spalt spüren. Inzwischen schnaufte die Stimme weiter, als könne sie es nicht erwarten, bis der Junge endlich den Sarg öffnen würde.
„Ich finde keine Öffnung... das ist ein merkwürdiger Sarg...“
Er sprach wie zu sich selbst, die Stimme erwiderte nichts.
„Wie soll ich das Ding öffnen?“
Ardeth bemühte sich, den ganzen Kasten abzutasten. Er stellte sich auf seine Zehenspitzen, aber immer noch nicht reichte er an den oberen Deckel, sondern ertastete nur glatte Seiten.
„Wenn ich nur nicht so klein wäre...“
Da kam ihm eine Idee. Vielleicht gab es in dieser Kammer ja einen größeren Stein, auf den er sich stellen konnte. Er tastete den Boden ab und fand tatsächlich einen etwas größeren Stein. Er suchte weiter und fand noch ein paar Brocken, stapelte sie, so gut er es im Dunkeln vermochte, vor dem Sarg und stieg dann hinauf. Er hatte vielleicht einen halben Meter gewonnen. Hoffentlich falle ich nicht herunter, dachte er, denn die glatten Seiten des Sargs boten keinen Halt. Irgendetwas war sehr merkwürdig hier. Dieses Mal konnte er eine Kante fühlen, doch statt auf den Deckel des Sargs seine Hand zu legen, glitt diese an einer äußeren Wölbung nach oben. Merwüdig... was war das? Er tastete weiter, so weit seine Hand reichen konnte. Diese Wölbung stammte von einer Figur. Ardeth stieg hinab und stapelte seine Steine an einer Ecke des Sargs, stieg wieder hinauf und fühlte es jetzt ganz deutlich: Zehen, Ritzen... Es handelte sich um eine Tatze. Die Figur über ihm musste gigantisch sein, wenn er schon ihren Fuß nicht richtig erfassen konnte. Der Sarg ruhte also in dem Sockel dieser riesigen Tierstatue. Ardeth überlegte, was das zu bedeuten hatte, denn er hatte noch nie von einem Sarg gehört, der so angebracht war. Jetzt fiel ihm auch ein, was ihm so merkwürdig vorgekommen war. Die Seiten des Sargs waren glatt. Er hatte keine Inschriften gefühlt, weder Reliefs noch Vertiefungen. Auf Imhoteps Sarg hätten doch seine Titel stehen müssen. Er war doch schließlich einer der berühmtesten Ägypter des Altertums gewesen.
Die Stimme wurde wieder lauter in ihrem Gebrabbel. Ardeth fühlte auf einmal keine Angst mehr, sondern Ärger, dass ihm nicht gleich aufgefallen war, was hier nicht stimmte.
„Dein Sarg ist sehr merkwürdig“, sprach er. „Du kannst nicht Imhotep sein!“
Ein wütendes Geheul erklang und befahl ihm:
„Hol mich hier raus!“
„Aber wie denn? Dein Sarg bildet den Sockel dieser Figur. Ich kann ihn nicht öffnen.“
Ardeth war froh, dass er ihn nicht öffnen konnte, denn er wollte es auch gar nicht. Nicht, solange er nicht wusste, wen er da überhaupt vor sich hatte und was das ganze sollte.
Während die Stimme wieder wütend aufheulte, fragte Ardeth laut:
„Wer bist du? Wer bist du?“
„Imhotep! Imhotep!“
„Das steht aber nicht an deinem Sarg. Und da sollte es stehen!“
Unbeschreiblich wurde das Geheul der Stimme. Es konnte einem in Mark und Bein fahren, aber Ardeth blieb merkwürdig ruhig und gefasst. Wenn ihm die Stimme bislang kein Leid zugefügt hatte, würde sie es auch in Zukunft nicht tun können.
„Mein Sarg ist...“
Erstarb die Stimme? Ein heiseres Krächzen folgte dem halben Satz. Doch nach einer Weile sprach sie weiter:
„...da drin... hol ihn da raus! Raus!“
„Dein Sarg ist also in der Figur? Hm...“ Ardeth überlegte. „Und wie soll ich hier im Dunkeln deinen Sarg da herausholen?“
Wieder brachte die Stimme laute, unverständliche Laute von sich.
„Und wenn ich dich da heraushole“, sprach Ardeth weiter und überlegte gleichzeitig laut, „dann bist du doch tot. Vermutlich eine Mumie. Was hast du davon? Was soll das alles überhaupt?“
„Ich lebe... lebe“, schrie die Stimme. „Weck mich auf!“
Ardeth verstand die Worte, aber nicht den Sinn.
„Was?“, fragte er leise und zweifelnd nach, weil er der Stimme nicht folgen konnte.
„Erwecke mich! Erwecke mich! Du kannst das!“
„Äh...“, zögerte Ardeth. „Nein, kann ich nicht!“
„Das Buch! Finde es!“
Das Buch? Welches Buch? Moment mal... Buch? Ihm fiel seine Zeit im Tempel der Isis ein. Die Bücher mit den Sprüchen. Bei Allah! Das hier..eine Einrichtung der außerirdischen Wesen? Aber wer war Imhotep? Die Ägypter haben ihn als Gott verehrt, und doch soll er ein Mensch gewesen sein. Vielleicht war er doch ein Außerirdischer. Und man hat ihn hier vergessen. Vielleicht konnte er sehr alt werden und wartete seitdem auf seine Befreiung. In Ardeths Hirn wälzten sich die wildesten Gedanken. Und Verzweiflung. Was sollte er tun?
„Wo ist das Buch?“, fragte er.
„Hier!“, schrie die Stimme abermals. „Hier! Hier!“
Ardeth fluchte innerlich, dass ihm sein Onkel keine Fackel da gelassen hatte. Wie sollte er denn alles im Dunkeln finden? Erst den Sarg, dann die Steine, jetzt das Buch... Sein Onkel... sein Onkel hatte ihn hier eingesperrt. Warum hat er das getan? Es musste sich um eine Prüfung handeln. Er sollte etwas ganz Bestimmtes tun – oder auch nicht tun. Sein Onkel hatte ihm nicht gesagt, dass er etwas tun sollte. Er sollte nur keine Angst haben. Ardeth war sehr verwirrt. Er hatte keine Ahnung, wer da zu ihm sprach. Er war ratlos, was er nun tun sollte. Er tastete die Wände ab, ob er etwas wie ein Buch finden würde oder etwas zum Schlagen, um den Sarg aus der Statue zu holen.
„Ich finde kein Buch!“, sagte er nach einer Weile in ziemlich vorwurfsvollem Tonfall.
„Finde es! Finde es!“
„Nein, ich kann und will es nicht finden!“ Ardeth hatte einen Entschluss gefasst.
„Finde es!“
„Hör auf! Hör auf damit! Ich werde nicht aus diesem Buch vorlesen, also brauch ich es auch gar nicht erst zu finden. Ich will auch gar nicht wissen, wo es ist. Verstehst du? Verstehst du?“, schrie Ardeth, mittlerweile auch wütend.
„Finde es! Lies den Spruch! Befreie mich!“, rief die Stimme unaufhörlich und finster.
„Lass mich! Ich lese es nicht. Ich darf es nicht lesen. Niemand darf es lesen.“
„Du musst! Du musst!“, drängte ihn die Stimme.
„Nein!“
Auf einmal wurde es ganz still. Ardeth hegte die trügerische Hoffnung, dass die Stimme es aufgegeben hätte, in ihn zu dringen mit ihrer Bitte. Er lauschte in die unheilkündende Stille. Es waren keine zwei Minuten vergangen, da erhob sich ein Sandsturm. Der Sand und Staub, der auf dem Boden lag, wirbelte auf, über ihn hinweg, wieder und wieder... Ardeth stürtzte auf die Knie und krümmte sich zusammen, barg den Kopf in seinen Armen. Der Sand peitschte über ihn hinweg, er schien ihn schütteln zu wollen. Die Stimme klang jetzt noch verzerrter, noch wütender, grausiger in ihrem Gejohle. Ardeth zitterte am ganzen Körper. Ob er doch tun musste, was die Stimme verlangte? Würde sie ihn sonst töten? Alles, was er an Anweisung erhalten hatte, war doch nur, keine Angst zu haben.
„Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst“, sprach er zitternd vor sich her, den Kopf nach unten geneigt, damit ihm der Sand nicht ins Gesicht peitschte. Was sollte er nur tun? Er versuchte, ganz ruhig zu werden. Die Angst durfte ihn nicht übermannen. Keine Angst, dachte er, keine Angst haben... Dann hob er den Kopf ein wenig an und sprach mit ruhiger Stimme in das Getöse, denn er wusste, dass der Spukende ihn hören würde, egal wie laut oder leise er sprach.
„Ich werde dich nicht befreien. Ich werde deinen Sarg nicht öffnen und ich werde nicht aus dem Buch vorlesen. Also lass mich in Frieden!“
Mit einem Mal war der sonderbare Sandsturm vorbei und es herrschte wieder Totenstille. Wie ein Echo hallte ein letztes Mal die Stimme, und es war keine Drohung, sondern eine Tatsache, das wusste Ardeth sofort, als er die Worte vernahm:
„Ich werde dich dein ganzes Leben nicht in Frieden lassen!“
Ardeth setzte sich hin und atmete auf. Die Stimme meldete sich nicht mehr. Der Spuk schien vorbei zu sein. Er wusste, es war kein Spuk gewesen, sondern sehr real, bedrohlich real. Das Wesen, das da zu ihm gesprochen hatte, wirkte unbeschreiblich böse und Ardeth war jetzt froh, dass er sich nicht dazu hatte hinreißen lassen, ihm zu helfen, wenn er es denn überhaupt gekonnt hätte. Doch es war merkwürdig. Tief in seinem Herzens verspürte er auch Mitleid. Er robbte zur nächst liegenden Wand, lehnte sich an und sah in die Dunkelheit. Bewegungslos verharrte er den Rest der Nacht, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Tür sich öffnete... aber als sie sich öffnete, starrte Ardeth nach wie vor nach vorn – wie in eine Dunkelheit, in der er sowieso nichts sehen würde.
Namdun Setlata erschrak. Ardeth war sehr bleich im Gesicht geworden. Er schien kaum zu atmen.
„Ardeth?“, sprach er seinen Neffen vorsichtig an, während er sich in die Hocke setzte und ihn vorsichtig am Arm berührte. Ardeth zuckte zusammen und sah seinen Onkel mit schreckensgeweiteten Augen an. Sein Onkel sah ihn fragend an. Doch Ardeth erblickte die Fackel, die Namdun hielt, und ganz gegen seine höflichen Gewohnheiten schnappte er sie sich und trat dahin, wo der Sarg sich befinden sollte. Er erleuchtete die ganze Wand und sah den unteren Teil einer Statue.
„Anubis!“, flüsterte er ehrfurchtsvoll. „Der Mumifizierer!“
Namdun trat neben ihn. Doch Ardeth beachtete ihn gar nicht, sondern tastete den Kasten ab, von dem der nächtliche Besucher behauptet hatte, er würde seinen Sarg enthalten. Doch Ardeth entdeckte nirgendwo Schriftzeichen, der Kasten sah so aus, als würde er zum unteren Teil der Statue gehören, sie stützen, damit sie nicht umfiel. Doch die Statue konnte nicht umfallen, da ihr oberer Teil aus der Kammer ragte.
„Ist oben noch eine Kammer?“, erkundigte sich Ardeth und sah starr nach oben.
„Nein, der obere Teil von Anubis steht ihm Freien.“
„Das hier ist ein Sarg, richtig?“
Namdun erschauderte. Woher wusste Ardeth das? Der suchte weiter akribisch die Wand ab und entdeckte eine Unregelmäßigkeit und tastete einen Spalt ab, der weit unten ins Gestein ragte. Ardeth fuhr mit dem Finger entlang. Der Spalt maß weniger als einen Meter Länge.
„Eine Truhe“, konstatierte er. Dann fielen ihm die Worte des Besuchers ein. „Hier ist also das Buch versteckt, richtig?“
Namdun blieb der Mund offen stehen. War es möglich, dass ein Medjai Ardeth bereits das Verbotene erzählt hatte? Nein... das konnte Namdun nicht glauben. Und doch – woher wusste Ardeth von dem Sarg und dem Buch? Er sah seinen Neffen fragend an.
Ardeth saß immer noch in der Hocke vor dem Stück Wand, hinter dem seiner Meinung das Buch versteckt war. Er sah zu seinem Onkel hoch.
„Onkel Namdun, wer ist Imhotep?“
Namdun starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und taumelte zwei Schritte rückwärts. Ungläubig schüttelte er mit dem Kopf.
„Woher weißt du...?“
Ardeth erhob sich, sehr irritiert durch die Reaktion seines Onkels.
„Er hat zu mir gesprochen. Heute Nacht. Er wollte, dass ich ihn befreie, weil er da drin eingesperrt ist!“ Ardeth deutete mit seinem Finger auf den unsichtbaren Sarg.
„Was?“, stammelte Namdun entsetzt und ungläubig. „Was?“
„Onkel, wer ist dieser Imhotep?“
„Sch! Nicht seinen Namen nennen!“, bedeutete ihm Namdun mit seinen Händen wedelnd.
Namdun schien sehr durcheinander zu sein, befand Ardeth und schwieg erst mal, bis sich sein Onkel wieder gefangen hatte. Der warf einen bangen Blick auf die Statue, bevor er sagte:
„Komm heraus hier!“ Er nahm Ardeth die Fackel ab und ging voran.
Ardeth gehorchte und folgte Namdun, der ihn durch einige Gänge schleuste, bis er vor einer Wand hielt und sie beleuchtete. Es handelte sich um ein Relief mit zwei Priestern.
„Lies!“, raunte er Ardeth zu und wies auf den Anfang der Hieroglyophen, die zwischen den beiden Figuren zu sehen waren.
„Laut?“, fragte Ardeth unsicher nach.
„Es passiert nichts, wenn du sie laut liest. Es gibt einen Spruch, mit dem man die Priester erwecken kann, aber es ist nicht dieser hier.“
Ardeth sah seinen Onkel sehr zweifelnd an. Priester wiedererwecken? Aber gut, nach der heutigen Nacht wollte er nicht darüber debattieren. Er wandte sich der Inschrift zu.
„Der die zwölf Tore nicht durchschreitet... der auf ewig Verfluchte... der, der nicht genannt werden darf... bannt die Diener seiner Seele in den Untod.“
Ardeth betrachtete die Priester. Er schüttelte bejahend mit dem Kopf. Das waren die erwähnten Diener. Ihr Herr...war...
„Imhotep!“
„Sch!“ Wieder wedelte Namdun entsetzt mit den Händen und deutete mit der Fackel auf die Inschrift.
Ardeth beachtete ihn gar nicht, sondern sah in die Richtung des Ganges, aus der sie gekommen waren.
„Bei Allah, was ist hier passiert?“
„Nicht hier reden! Auf diesem Ort lastet ein furchtbarer Fluch!“ Bevor Namdun fortfahren konnte, fragte Ardeth:
„Der Homdai?“
„Sch!“, wedelte Namdun, doch sichtlich durcheinander meinte er dann: „Ja...aber woher weißt du vom Homdai?“
„Aber Onkel Namdun! Ich war doch schon im Tempel! Die Priesterin hat davon erzählt.“
„Achja...achja...“
Ardeth hatte seinen stets beherrschten Onkel noch nie so nervös erlebt.
„Also wurde der Homdai über diesen... diesen...“, Ardeth zögerte, den Namen auszusprechen, sonst riskierte er wieder ein aufgeregtes Wedeln seines Onkel, „na, du weißt schon, verhängt.“
„Ja. Aber lass uns jetzt bitte gehen!“
Ein Medjai-Krieger bat einen Schüler? Ohne weiter zu fragen, folgte er Namdun Setlata aus dem Tempel.
Die helle Sonne blendete den Jüngling. Sein Onkel hatte sich schon auf sein Pferd geschwungen, während Ardeth noch an seinen Tüchern nestelte, um seinen Kopf vor der Sonne zu schützen.
„Beeil dich!“
Ardeth kam der fast flehenden Aufforderung nach, und während sie das Areal verließen, sah er sich noch genau um. Er erkannte in einiger Entfernung auch den oberen Teil der Anubis-Statue. Unheimlich starrten deren Schakalaugen in die Ferne. Als sie durch die Eingangstore geritten waren, gewahrte Ardeth zu seiner Rechten hoch oben auf den Felsen in der Ferne Medjai-Krieger, die auf ihren Pferden Wacht hielten. In der Mitte der zehn Krieger – war das nicht sein Großvater? Er war versucht, hinaufzuwinken, doch unterließ es. Namdun führte ihn weit weg vom Tempel. Er war schon längst außer Sicht, als er stoppte und vom Pferd stieg. Er breitete ein Sonnensegel vor, unter das er sich mit Ardeth setzte. Er reichte Ardeth mitgebrachtes Fladenbrot. Sie aßen schweigend. Onkel Namdun schien sichtlich erschrocken.
„Ardeth, du bist sicher, dass der, der nicht genannt werden darf, zu dir gesprochen hat?“
„Ja. Seine Stimme klang unheimlich verzerrt. Er forderte mich auf, ihm zu helfen, sagte, er sei in einem Sarg in der Kammer eingeschlossen. Ich soll den Sarg öffnen und dann aus einem Buch vorlesen.“
„Bei Allah!“ Namdun grauste bei dem Gedanken, Ardeth hätte es getan.
„Als ich mich weigerte, ließ er... du wirst es nicht glauben... also, er ließ einen Sandsturm über mich hinwegsausen...ich weiß, es klingt verrückt... ein Sandsturm in einem geschlossenen Raum...“
„Ich glaube dir“, kürzte Namdun jeden Erklärungsversuch von Ardeth ab.
„Ein Sandsturm erhebt sich dort häufig. Das macht er. Er, der nicht genannt werden darf.“
„Weil er so wütend und verzweifelt ist, nicht wahr?“
„Verzweifelt?“ Namdun schenkte seinem Neffen einen kritisierenden Blick. „Nein, er ist böse. Nichts weiter als böse. Sonst wäre er auch nicht mit dem Homdai belegt worden. Dieser Fluch ist nur für die allerübelsten Frevler bestimmt gewesen.“
„Ich wusste nicht, dass der Homdai überhaupt jemals ausgesprochen worden ist.“
„Das darf auch nicht bekannt werden, denn damit kann viel Unheil angerichtet werden, Ardeth. Böses gesellt sich zu Bösem. Böse Menschen könnten versuchen, den, der nicht genannt werden darf, zu erwecken und für sich zu nutzen. Freilich irren sie, denn der, der nicht genannt werden darf, würde sie nutzen und nicht umgekehrt. Er würde die Welt unterjochen. Er wäre die Plage aller Lebenden und nichts könnte uns mehr vor ihm bewahren, wenn er als Untoter über die Erde wandelte.“
„Untot?“
„Er kann nicht sterben und darf nicht leben.“
„Ach, deshalb ist er so verzweifelt. Vielleicht möchte er endlich sterben.“
„Er ist verflucht, weder im Diesseits noch im Jenseits zu weilen. Überall würde er nur großes Unheil anrichten. In ein paar Wochen wirst du die heiligen Schriftzeichen auf deiner Stirn empfangen, die „Unterwelt“ bedeuten. Du wirst nicht nur diese Welt, sondern auch die jenseitige Welt vor dem, der nicht genannt werden darf, behüten. Das ist deine wichtigste Aufgabe, mein Neffe. Bevor der, der nicht genannt werden darf, seine böse Tat beging, trugen deine Vorfahren andere Zeichen auf ihrer Stirn. Die Wichtigkeit dieser Aufgabe, an deren Ursprung sie beteiligt waren, ließ sie ihre heiligen Zeichen künftig ändern.“
„Die Medjai waren an dieser Homdai-Geschichte beteiligt?“
„Ja, Ardeth. Ich erzähle dir, was damals geschah. Es war zu Zeiten eines großen und wohl verehrten gerechten Pharaos, Seti der Erste, Vater des Großen Pharaoh, der Kemet Wohlstand und Heil brachte, er möge ewig leben und sein Name sei unauslöschlich!“
Tatsächlich betete Namun die ganzen Titelage dieses Pharaos und ebenso die Litanei auf Seti I. berunter, bevor er weitersprach. Ardeth hatte seinen Onkel noch nie so formal erlebt, was das ägyptische Altertum anbelangte.
„Der Pharaoh hatte eine Frau aus dem Volk erwählt, die er zu einer seiner Hauptfrauen in seinem Harem machen wollte. Eine große, ja eine zu große Ehre für eine einfache Frau! Doch die Verworfene, bewusst ihrer unaussprechlich großen Schönheit, mit der sie Macht über Pharaoh erlangt hatte, war unersättlich. Sie gab sich dem Oberpriester des Amun hin, der willig ihrer Verführung erlag und glaubte, sie zu lieben. Diese Frau vergaß alle Ehre, alle Dankbarkeit, alles Pflichtgefühl gegenüber ihrem Herrn. Pharaoh entdeckte die Freveltat. Anstatt für ihren Verrat zu büßen...“
Namdun zögerte und sah zu Boden, noch sichtlich betroffen über die Tat, als wäre sie erst gestern geschehen und nicht vor über 3000 Jahren, dann fuhr er fort:
„ ... ermorderte sie gemeinsam mit dem heuchelnden Oberpriester, der, der nicht genannt werden darf, Pharaoh...“
Namdun pausierte, als müsste er das Erzählte erst einmal selbst verarbeiten.
„Hinterrücks mit Gift?“, wollte Ardeth wissen, der nicht glauben konnte, dass jemand einfach so den streng behüteten Pharaoh ermordet hat.
„Nein, mit gemeiner Waffengewalt. Sie stießen ihm ihre Schwerter und Messer in den Leib, bis er sterbend zusammenbrach. Das letzte, was Pharaoh sah, waren die Gesichter der Personen, denen er am meisten vertraut hatte, und die ihn so schmählich hintergangen hatten. Es geschah im Palast in Waset. Die Verruchte, sie hieß Angsanamun, hatte den, der nicht genannt werden darf, in ihre Privatgemächer gelassen.“
„Und dann kam Pharaoh dazu?“
Namdun nickte, sichtlich niedergeschlagen.
„Und wo waren seine Leibwächter?“
„Ähm...“
Auf einmal fiel Ardeth siedend heiß ein, dass jedermann in den zwölf Medjai-Orten stolz darauf war, dass ihre Vorfahren unter anderem die Leibwächter der Pharaonen waren.
„Es geschah im Harem. Da hatten die Leibwächter...die Medjai normalerweise keinen Zutritt. Als sie von der Tochter des Pharaos gerufen worden, war es zu spät. Ihr Herr war tot, der Oberpriester auf der Flucht. Und... die Verräterin gab zu, ihn ermordet zu haben. Vor ihren Augen entleibte sie sich mit dem gleichen Messer, mit dem sie zuvor Pharaohs irdisches Leben genommen hatte. Alle waren ratlos und verwirrt. Der Sohn und Erbe Pharaos weilte in Memphis. Man musste Boten aussenden und ihn zurückrufen. Der geheiligte Leichnam Pharaos wurde einbalsamiert. Der Körper der Verworfenen wurde in einer Krypta verschlossen, ohne Namensnennung, doch haltbar gemacht, damit der Sohn bei seiner Rückkehr entscheiden konnte, in welcher Weise der Körper der Mörderin geschändet werden sollte. Doch es geschahen entsetzliche Dinge.“
Wieder legte Namdun eine dramatische Pause ein.
„Der Oberpriester stahl den Körper der Verräterin und brachte ihn...unvorstellbar...nach Hamunaptra!“ Starr blickte Namdun in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sein Entsetzen war so groß, dass er nicht weitersprechen konnte. Ardeth schüttelte seinen Kopf.
„Aber Hamunaptra ist doch nur eine Legende! Hamunaptra gibt es doch nicht wirklich.“
Nun traf Ardeth dergleiche entsetzte Blick, der vorher Hamunaptra reserviert gewesen war.
„Ardeth! Du warst heute Nacht höchstpersönlich in Hamunaptra oder dem, was von der Stadt übrig ist.“
Ardeth stand der Mund offen.
„Die Stadt der Toten wird sie genannt – zu Recht! Die frühen Pharaonen begruben hier ihre Söhne, das liebste, was ihnen zu Lebzeiten genommen worden war. Und ihr Gold. Sie verbargen es und nur wenige kannten den Weg nach Hamunaptra. Wir kannten ihn immer und hüteten Pharaohs heiligen Ort – den dritten und heimlichsten. Der, der zwischen Leben und Tod steht. Der erste heilige Ort war der Totentempel, den Pharaoh zu Lebzeiten bauen ließ; der zweite war der Jenseits-Tempel in Abydos und der dritte – Hamunaptra! Ungekannt, ungenannt für jedes weltliches Ohr. Doch natürlich wusste der Oberpriester davon und er wusste, dass er nur hier den Ritus vollziehen konnte, um seine Geliebte aus der Unterwelt zurückzuholen.“
„Was?“
„Ja, Ardeth. Mithilfe des Buches wollte er den Ritus vollziehen und seine schändlichen Priester sollten ihm dabei helfen. Es wäre ihm auch fast gelungen, wenn nicht die Medjai gerade noch rechtzeitig gekommen wären, das Ritual unterbrachen und Angsanamun auf immer in die Unterwelt schickten. Sie hatten sich sofort an die Fersen des Oberpriesters geheftet, als der die Tote gestohlen hatte.“
„Und dann?“
„Aufrechte Priester und die Medjai berieten sich. Der neue Oberpriester kannte nur eine Strafe für das Vergehen.“
„Der Homdai?“
„Ja. Später bestätigte der Große Pharaoh das Urteil. Die verräterischen Priester wurde bei lebendigem Leibe mumifiziert. Sie teilen das Schicksal ihres unredlichen Herren. Du kennst dich mit altägyptischen Flüchen aus, Ardeth. Du erkennst jetzt die Tragweite dessen, was damals geschehen ist.“
Ardeth nickte und Namdun sprach weiter:
„Die Medjai haben damals geschworen, den, der nicht genannt werden darf, für immer zu bewachen, damit niemand ihn befreien kann. Nur die Medjai wissen, wo er begraben ist.“
„Und das Buch.“
„Und das Buch. Es ruht im Schrein der Gefäße, die die Organe der Frevlerin Angsanamun bergen. Das Buch, der Schrein und der Sarg sind verschlossen.“
Namdun sprach den letzten Satz zögernd. „Wir haben vor vielen hundert Jahren den Schlüssel verloren...“
„Was?“
„Ardeth, ich erzähle dir die Geschichte ein andernmal. Heute ist etwas anderes wichtiger. Jeder, der ein Medjai-Krieger werden möchte, muss den heiligen Eid ablegen, diese Stätte unter Einsatz seines Lebens zu verteidigen und aufzupassen, dass der, der nicht genannt werden darf, nicht erweckt werden wird. Diejenigen, die Kommandanten werden, verbringen eine Nacht in Hamunaptra, um sich den Ängsten in der Dunkelheit und der Enge zu stellen, an einem Ort, der einem unaufhörlich Schauer über den Rücken jagt. Doch noch nie habe ich gehört, dass der, der nicht genannt werden darf, zu einem der unsrigen gesprochen hat.“
Namdun sah Ardeth grübelnd an.
„Wir werden mit deiner Mutter darüber sprechen müssen. Sie muss dir sowieso noch etwas Wichtiges mitteilen. Vielleicht hat das miteinander zu tun...“
Namdun dachte wieder nach und Ardeth wagte nicht, ihn zu stören. Er war selbst noch versunken in die Geschichte, die ihm sein Onkel gerade erzählt hatte.
„Ardeth“, sprach ihn dieser nach einer Weile weihevoll an und unterbrach Ardeths düstere Gedanken. „Du weißt jetzt, warum es so wichtig ist, dass wir Medjai hier in der Abgeschiedenheit die Aufgabe unserer Vorfahren fortführen. Bist du bereit, dich dieser Aufgabe zu stellen? Bist du bereit, diese Kreatur dein ganzes Leben lang zu bewachen, koste es, was es wolle?“
„Ja, Onkel Namdun. Ich bin bereit.“
„Dann mögest du ein guter Medjai-Krieger sein!“

Namdun und Ardeth ritten nach einer Stunde Pause heim. Beide schwiegen und dachten über die Ereignisse der vergangenen Nacht nach. Als Namdun seiner Schwester von Ardeths Begegnung mit dem Unnennbaren berichtete, sah sie Ardeth, der dem Gespräch beiwohnte, ebenso entsetzt an wie zuvor sein Onkel. Ardeth musste ihr alles ganz genau erzählen.
„Er weiß, dass der gekommen ist, der sich ihm erfolgreich in den Weg stellen wird! Er wollte dich korrumpieren, mein Sohn! Dem Schicksal ein Schnäppchen schlagen! Oder es gleich drauf ankommen lassen!“
„Wovon sprichst du, Ma?“
„Mein Sohn“, begann sie und wirkte nun genauso förmlich wie zuvor Namdun, „es gab eine Weissagung, die dich betrifft. Die oberste Priesterin der Isis teilte sie mir bei deiner Geburt mit. Sie lautet: 'Wenn das Kind des Südens einem Sohn das Leben schenken wird, dann wird dieser sich dem Unnennbaren stellen müssen.' Das Kind des Südens bin ich, die ich Enkelin des Fürsten Sandokan bin. Diese Voraussage bezog sich vermutlich auf einen Erben der Familie, die seit Tausenden von Jahren die Aufgabe der Medjai überwacht. Du wirst der 128. Erbe aus dieser Familie werden. Wir müssen jetzt alle sehr wachsam sein, denn zu deinen Lebzeiten wird die Freveltat begangen werden – der, der nicht genannt werden darf, wird unter uns wandeln und du wirst gegen ihn antreten müssen.“
Ardeth blickte sie erschrocken an und stammelte: „Ich...?“
„Ja, und es wird noch viel mehr zu deiner Zeit passieren.“ Leyrah trat ganz dicht zu ihrem Sohn, legte ihm beide Hände auf die Schultern und sagte sehr ernst:
„Du bist derjenige, der diese Welt vor ihrer Versklavung und ihrem Untergang bewahren muss.“
Ardeth atmete schwer durch.
„In vier Wochen wirst du deinen Eid abgelegt und die heiligen Zeichen empfangen haben. Dann gilt das Ziel deines Lebens nur dieser Aufgabe. Hast du verstanden, wie wichtig es in deinem Fall ist, dass du nicht versagst?“
Ardeth sah sie ernst an, ihm war schwindelig, doch er wankte nicht. Er war froh, dass sie ihn an den Schultern geradezu festhielt. Er nickte benommen.
„Deine Lehrer haben nur gut über dich gesprochen. Du besitzt die Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
„Und...und so ein Orakel kann sich nicht irren?“, formulierte Ardeth vorsichtig.
„Doch, ein Orakel kann durchaus irren. Eine Voraussage kann falsch verstanden worden sein. Es ist aber ziemlich unwahrscheinlich. Es gab schon einige Voraussagen und sie alle haben gestimmt. Vergiss nicht, dass hier auf unserem Boden alles noch so wirksam ist wie es damals war, als es niedergelegt worden ist. Alles ist seit langer Zeit so vorherbestimmt. Manches können wir beeinflussen.“
Ardeth nickte verunsichert.
„Ich werde mit dir in den folgenden Wochen unsere heiligen Sprüche durchgehen. Du musst jeden verstehen, jedes Detail in dieser Welt erkennen, wenn es dir einen Weg weist. Und du musst sehr stark sein, mein Sohn.“
Leyrah nahm sich in den folgenden Wochen viel Zeit für Ardeth, der nun eine Ahnung bekam, wofür er all die letzten Jahre trainiert und gelernt hatte. Alles ergab einen Sinn. Trotz der für ihn zunächst so erschreckenden Neuigkeit mit der Weissagung und dem unheilvollen Erlebnis in Hamunaptra sah er freudig seiner Initiation entgegen.

Eine Woche vor dem großen Fest füllte sich der Ort des 12. Stammes. Als erster traf Onkel Leslie aus Kairo ein, der seine Familie froh in die Arme schloss. Er staunte, wie groß seine Kinder geworden waren und war erleichtert, dass Ismail sich inzwischen an das Leben im Anubis-Quartier gewöhnt hatte. Ardeth bat Leslie, den er sehr gern mochte, sein Pate zu werden, der ihm während der Zeremonie zur Seite stehen sollte. Eigentlich war es ungewöhnlich, dass ein Mann, der nicht die heiligen Zeichen trug, diese Aufgabe übernahm, doch da Leslie ein Bay war, machte Ardjun eine Ausnahme und erlaubte es. Leslie war sehr stolz darauf.
Dann trafen die Stammesanführer mit ihren Familie ein. Wie Leyrah vorausgesagt hatte, durfte Ardeths Initiation keine reine Familienangelegenheit bleiben, sondern ein öffentliches Ereignis. So hatten die einzelnen Anführer ein zahlreiches Gefolge dabei, Vertreter aus allen Bereichen ihrer Stämme. Es wurde sehr eng im 12. Stamm.
Ardeths 16. Geburtstag bedeutete auch, dass er fortan als Erwachsener galt. Die Stammesanführer spekulierten darauf, dass Leyrah bald eine Braut für ihren Sohn wählen würde und waren darauf bedacht, die heiratsfähigen Töchter gut zu präsentieren. Nach Ardeths Geburt waren zahlreiche Stammesanführerehefrauen schwanger geworden, doch nicht jeder Familie war es vergönnt, eine Tochter zur Welt zu bringen. Immerhin waren drei Mädchen in Ardeths Alter, d. h. ungefähr ein Jahr jünger und zwei weitere waren zwei Jahre jünger als er. Diese fünf jungen Damen hatte auch Leyrah in die engere Wahl gezogen und begutachtete jede von ihnen ganz genau. Natürlich gab es noch andere Mädchen mit gutem Stammbaum, die ebenfalls in Betracht kamen, und auch sie waren mit ihren Familien anwesend. Ardeth musste zusammen mit seinem Großvater, seinem Onkel Leslie, dessen Frau und seiner Mutter die Ankömmlinge begrüßen, und Leyrah unterließ es nicht, ihm vorher zu sagen, auf welches Mädchen er achten und besonders begrüßen sollte.
Schließlich entschied sich Leyrah für die Tochter von Lord Mahu aus dem 1. Stamm und teilte es Ardeth mit.
„Heute Abend wird das große Bankett stattfinden, da alle Anführer eingetroffen sind. Du wirst Nefer zu Tisch führen, mein Sohn. Aber vorher komm noch in das Zelt von Lord und Lady Mahu, sie wollen mit dir sprechen“, forderte Leyrah ihren Sohn abschließend auf und verließ sein Zelt, das er zur Zeit allein bewohnte, weil Sahin vor ihm initiiert worden war.
Es war für Ardeth nicht einfach, da ihn eine sehr intensive Freundschaft mit Farani Setlata verband. Sie war ja das jüngste Kind von Leyrahs Onkel Wirianda. Ardeth und Farani waren sich schon immer sehr zugetan gewesen. Leyrah hatte Ardeth klar gemacht, dass er Farani, obwohl sie aus einer sehr guten Familie entstammte, nicht zur Ehefrau nehmen konnte. Farani war eine Setlata, und da Leyrah selbst aus der Familie Setlata stammte, konnte man so eine Verbindung nicht so schnell hintereinander eingehen, zumal Farani auch noch aus dem gleichen Stamm wie Ardeth kam.
Ardeth saß nach dem Gespräch mit der Mutter niedergeschlagen auf seiner Bettkante, als ausgerechnet Farani eintrat. Sie lächelte ihn vielwissend an und setzte sich zu ihm.
„Ich habe deine Mutter aus deinem Zelt kommen sehen.“
Ardeth sagte nichts, sondern sah traurig zu Boden. Wie sollte er es Farani auch sagen können?
„Sie hat dir bestimmt schon eine Braut ausgesucht, nicht wahr?“
Ardeth sah Farani erschrocken an.
„Ach Ardi, deine Initiation ist doch die Gelegenheit, eine künftige Verbindung zu verkünden. Mach dir nichts vor, du bist der einzige Erbe, naja, von Ismail mal abgesehen, aber der taugt ja nicht so viel... Jedenfalls hat es deine Mutter eilig, Großmutter zu werden. Du Armer musst bestimmt viele Kinder zeugen.“ Farani versuchte zu lachen, doch es war ihr schon nicht gelungen, mit ihrem Gerede darüber hinwegzutäuschen, dass sie traurig war.
„Farani...“, brachte Ardeth mit belegter Stimme hervor. „Es... es tut mir so leid...ich hatte gedacht, wir beide könnten... aber...“
„Es ist schon gut, Ardi, ich weiß Bescheid. Mein Vater hat mir gesprochen. Noch eine Verbindung zwischen den Clans der Setlata und Bay kommt für deine Mutter nicht in Frage.“
Ardeth nickte. Genau das hatte seine Mutter ihm ja auch schon gesagt. Eine Weile saßen die beiden Jugendlichen schweigend da und hingen ihren Gedanken nach, bis Farani das Schweigen brach:
„Wer ist es denn?“
„Nefer.“
„Nefer...“, wiederholte Farani. „Der 1. Stamm.“ Sie nickte. „Kluge Wahl. Weiß sie schon davon?“
„Weiß ich nicht. Ich muss gleich zu ihren Eltern gehen.“ Ardeth wirkte sehr traurig. „Farani, ich hatte wirklich gehofft, meine Mutter würde unserer Verbindung zustimmen. Es tut mir so unendlich leid...“
„Ardi, schon gut“, versuchte sie ihn zu trösten, „du und ich, wir wissen, wie das hier läuft. Wir haben keine Wahl. Es hätte uns schon früher klar sein müssen, dass wir uns keine Hoffnung zu machen brauchen.“
„Und wenn ich noch einmal mit meiner Mutter rede?“
„Nein, Ardi, das hat keinen Sinn. Ich... ich habe auch ein wenig Angst davor, dass sie mich dann wegschickt oder so. Mein Vater hat mich gewarnt. Deine Mutter hat mit ihm gesprochen. Nein, Ardi, wir müssen aufeinander verzichten“, meinte sie tapfer und bemühte sich, eine feste Stimme zu behalten.
Ardeth nickte. Farani hatte recht. Es hatte keinen Sinn.
„Aber bitte, lass uns gute Freunde bleiben!“
„Ja, Farani, gute Freunde, für immer!“
Sie drückten ihre Unterarme aufeinander und hielten sich fest die Hände. Noch einmal schauten sie sich tief in die Augen. Farani hätte sich in Ardeths braune Augen verlieren können, sie schluckte tapfer den Kloß im Hals herunter und sprach, bevor sie schwach werden würde: „Und jetzt geh! Die Mahus lässt man nicht warten!“

Tatsächlich besahen sich Lord und Lady Mahu ihren zukünftigen Schwiegersohn sehr genau. Bevor sich die Anführer der zwölf Stämme mit ihren Frauen und Kindern zum großen festlichen Bankett am späten Abend zusammensetzten und eventuelle Verlöbnisse bekannt gegeben wurden, trafen sich Lord und Lady Mahu in ihrem Zelt mit Ardjun und Leyrah Bay, Ardeth und Nefer waren auch anwesend, aber zum Schweigen verurteilt. Die Erwachsenen verhandelten über ihre Zukunft über ihre Köpfe hinweg, und zwar derart offen, dass es den beiden jungen Menschen die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Beide Seiten legten dar, dass sie den größeren Anteil an Ansehen mit in diese Ehe einbringen würden: die Bays als die führende Familie überhaupt, die Mahus dagegen mit dem Anspruch auf die älteste Familie, die jedoch nicht so weit zurück nachweisbar war wie die Bay-Familie, was dem Mahu-Clan arg zu schaffen machte. Zu einer Verbindung der beiden Familien war es auch eher selten in der Geschichte der Medjai gekommen, da beide Stämme in Konkurrenzstellung standen. Tatsächlich saßen die Anführer des ersten und zwölften Stammes in der Mitte nebeneinander, wenn sich alle Anführer trafen. Stamm 1 meinte, der eigentliche Bewahrer der alten Kultur zu sein, während Stamm 12 die tatsächliche Führungsrolle innehatte, ein Anspruch, der von Stamm 1 immer wieder in Frage gestellt worden war. In Stamm 1 wurde streng auf das Einhalten der alten ägyptischen Werte und Regeln geachtet, auch waren seine Krieger intensiver tätowiert als die der anderen Stämme, gerade im Gesicht. Im ersten Stamm wurde die letzte Priesterschaft ausgebildet, da sie den letzten Isis-Tempel bewachten, was wiederum ein Kritikpunkt der Nordstämme war, die stärker islamisiert waren als die liberaleren Südstämme. Stamm 12 wurde vom ersten Stamm oft dafür kritisiert, dass die Medjai ihr Fähnlein nach dem Winde richten würden. Leyrahs hatte bewusst eine Verbindung mit dem Hause Mahu gewählt, um diesen Differenzen beizukommen, was nicht so einfach wie gedacht war.
„Ardeth könnte zum Zeichen der Verbundenheit mit unserem Stamm sein Gesicht so vollständig tätowieren lassen wie es bei uns üblich ist“, regte Lord Mahu an, in dessen Gesicht kaum noch helle Haut sichtbar war.
Ardeth schaute leicht erschrocken auf bei den Worten.
„Wir schätzen die Traditionen, die im 1. Stamm so vortrefflich aufrecht erhalten werden, aber ich denke, es wäre besser, wenn der künftige Anführer der Medjai so aussieht wie die Majorität seiner Medjai-Krieger“, wandte Ardjun diplomatisch ein und Ardeth atmete innerlich auf. Er schaute zu Nefer und fand es augenblicklich schade, dass ihr schönes Gesicht einst so aussehen sollte wie das ihrer Eltern.
„Vielleicht sollten wir im Gegenteil darüber nachdenken, ob es nicht das Beste wäre, wenn Nefer die Tätowierungen so wie ihr Ehemann erhält“, gab Leyrah zu bedenken, die damit ein Gegenargument zu Lord Mahu schuf, um wieder für Gleichgewicht der Argumente zu sorgen. „Nein, nein“, widersprach sogleich Lady Mahu, „Nefer sollte schon die Identität des 1. Stammes deutlich zum Ausdruck bringen.“
So ging es hin und her, und schließlich wurde geklärt, dass beide Seiten gleiches Gewicht hatten, und in einer Art Ehevorvertrag festgelegt, welche Rechten und Pflichten ehelicher Art die Eheleute hatten, wieviele Kinder Nefer zur Welt bringen sollte, wie lange ihre Stillzeiten dauern würden und solche Dinge. Ardeth und Nefer sahen sich ab und an verstohlen an, sie saßen sich ja gegenüber. Beide ahnten, dass ihr jeweiliges Gegenüber sich eine Ehe ganz anders vorstellt hatte. Für Romantik war hier kein Platz. Der Höhepunkt der Peinlichkeit für Nefer war, als die beiden Ladies mit ihr hinter einem Trennvorhang verschwanden, der das persönliche Gemach von Lady Mahu und ihrer Tochter von dem offiziellen Empfangsraum abgrenzte. Nefer musste sich entkleiden und wurde von Leyrah begutachet. Sie befand ihre Hüften für breit genug, um Kinder zu gebären und war auch sonst mit Nefers körperlichen Eigenschaften zufrieden.
„Und ist sie folgsam? Eine gute Kriegerin? Achtet sie die Älteren?“, wollte Leyrah, während sie das Mädchen abtastete, von Lady Mahu wissen, die alles bejahte und versichterte, dass Nefer ihrem Ehemann in allen Bereichen gehorchen wird. Das Mädchen wäre am liebsten während der ganzen Prozedur vor Scham im Boden versunken. Ardeth erging es nicht viel besser. Er musste vor den beiden Männern seine Fähigkeit beweisen, dass er den Samen für zukünftige Erben liefern konnte. Als alle sechs Familienmitglieder wieder vereint waren, getrauten sich die beiden jungen Leute überhaupt nicht mehr, einander anzuschauen, als ihre körperlichen Eigenschaften mit so zweideutigen Sprüchen wie „Der Apis-Stier hat guten Samen“ und „Die Hüften von Hathor sind breit, sie wartet auf den Schaft des starken Stieres“ für gut offen dargelegt wurden. Sie wünschten sich so schnell wie möglich aus diesem Zelt. Zum Abschluss dieser zähen Verhandlungen wurde geklärt, dass Nefer erst noch ihre Ausbildung in Kairo absolvieren sollte. Selbst dann würde man noch neun Monate warten, die sie auf Leyrahs ausdrücklichen Wunsch unter Aufsicht der Oberpriesterin im Tempel der Isis verbringen sollte, um sich auf ihre künftige Aufgabe vorzubereiten. Da Nefer aus dem ersten Stamm kam, der für die Sicherheit des Tempels zuständig war, befürworteten ihre Eltern Leyrahs Anliegen. Es sollte auch ausgeschlossen werden, dass eine Schwangerschaft durch einen anderen Mann vorlag. Ardeth und Nefer sollten also nicht vor dreieinhalb Jahren heiraten. Man würde sich nach Nefers Zeit in Kairo noch einmal zusammenfinden und diesen Vorvertrag bestätigen, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommen würde. Am Abend sollte Ardeth Nefer zu Tisch führen, ein sichtbares Zeichen für alle Anwesenden, dass beide vergeben waren. Ihre Verlobung sollte allerdings erst mit Nefers 16. Geburtstag bekannt gegeben werden, also in knapp einem Jahr. Weder Ardeth noch Nefer legten Wert darauf, miteinander mehr Zeit zu verbringen als nötig.

Für Ardeth wurden es sehr anstrengende Tage. Jeder Lord wollte Ardeth persönlich sprechen, um sich ein Bild von Ardjuns Nachfolger zu machen. Ardeth verrichtete Dienste für die hohen Familien, die testeten, ob er eingebildet war, wie seine charakterlichen Eigenschaften waren und welche Bereitschaft er mitbrachte. Noch wenige Tagen verblieben ihnen, ihn als Kind zu behandeln und anzusprechen. Ardeth blieb stets höflich, tat alles sofort, was man von ihm wollte und fand dadurch keine freie Minute. Es kam ihm so vor, als müsste er von einem zum anderen Tag erwachsen werden. Mit einem Schlag war all seine Unbekümmertheit dahin. Im Hinterkopf war ihm zudem die Geschichte dessen, der nicht genannt werden darf, gegenwärtig, die Weissagung, seine künftigen Aufgaben, dann seine arrangierte Heirat und schließlich die Angst vor dem Hohen Ritual der Eintätowierung, das bald stattfinden sollte. All diese Dinge ließen das Lächeln aus dem Gesicht des nunmehr jungen Mannes schwinden. Er wünschte sich inbrünstig, frei davon zu sein, leben zu können, wie er es wollte, mit seiner vertrauten Freundin Farani an seiner Seite, deren Eigenschaften er schätzen gelernt hatte. Er machte sich auch Vorwürfe, sich näher mit ihr eingelassen und ihr so Hoffnung gemacht zu haben zu haben, aber vor einem Jahr waren beide noch der Meinung, sie wäre eine adäquate Braut als Setlata. Es waren Tagträume... frustriert saß Ardeth drei Tage vor seiner Initiation auf dem Teppich in seinem Zelt. Für heute Abend hatte ihn niemand zu sich rufen lassen. Also hatte er sich ins Anubis-Quartier verkrochen, um eine Weile allein sein zu können. Er legte den Kopf in seine Hände und atmete tief durch.
Nach einer Weile raschelte es. Die Vorhänge am Eingang wurden auseinandergeschoben, aber sehr vorsichtig.
„Ardeth?“
Es war Sahins Stimme.
„Komm herein!“, forderte Ardeth ihn auf und freute sich, das Gesicht eines wirklichen Freundes zu sehen.
„Ich dachte, du schläfst vielleicht...“
„Nein, ich denke nach...“
Sahin nickte und setzte sich dazu. Er ahnte, was Ardeth durchmachen würde. Die Initiation allein reichte ja schon aus, um einen jungen Menschen ins Grübeln verfallen zu lassen, aber Ardeths letzten Tage mussten furchtbar ausgefüllt gewesen sein.
„Ich habe dich tagelang nicht gesehen. Ist es sehr anstrengend?“
Ardeth nickte stumm.
„Stimmt es, dass du Nefer heiraten wirst?“
Wieder nickte Ardeth, fast schon teilnahmslos, als würde ihn das Thema nichts weiter angehen.
„Okay, ich höre schon auf mit meinen dummen Fragen. Aber nur unter einer Bedingung.“
Ardeth schaute seinem Freund irritiert ins Gesicht und sah zu seiner Verwunderung ein verschmitztes Grinsen.
„Du kommst mit mir!“
„Jetzt?“
„Ja, jetzt.“ Sahin erhob sich und zog Ardeth mit hoch. Der ließ alles willig mit sich geschehen. „Und erzähl mir nicht, du seist müde oder so. Ausruhen kannst du dich in ein paar Tagen noch genug!“
Sahin amüsierte sich insgeheim über Ardeths bangen Blick, den ihm dieser daraufhin zuwarf. Er führte den Freund quer durch das Anubis-Quartier bis hin zu einem der Essensausgabe-Zelte. Als sie eintraten, erblickte Ardeth ungefähr vier Dutzend junge Menschen, teilweise schon fertige Medjai-Krieger, aber die meisten Schüler in der dritten Ausbildungsphase so wie Ardeth selbst. Sie hatten sich im Kreis aufgestellt und brüllten „Überraschung!“. Sahin sah Ardeth erwartungsvoll an. Alle seine Freunde hatten sich hier versammelt, die meisten hielten Gläser und Becher in den Händen und wirkten bereits leicht angeheitert. An einer Seite waren jede Menge Speisen aufgebaut. Das Zelt war dekoriert worden, recht bunt und einfallsreich. Bevor Ardeth auch nur den Mund aufmachen konnte, erklangen Trommeln und die Krieger schlossen ihren Kreis um Ardeth herum. Sie tanzten ausgelassen, ergriffen ihn und wirbelten ihn mit umher. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zur Ruhe kamen. Aber das Tanzen, Lachen, Scherzen, Essen, Trinken und einfach nur Ausgelassensein dauerte bis zur Morgendämmerung. Die jungen Leute hatten sich alle Mühe gegeben, um Ardeth eine wunderbare Abschiedsparty zu geben. Hier war er einer von ihnen und konnte sich so benehmen, wie er wollte. Er hatte diese Nacht wirklich in vollen Zügen genossen. Jeder seiner Kameraden bedauerte, ihn jetzt hier zu verlieren. Allen war klar, dass er in ein paar Tagen einen anderen Status haben würde. Und wenn er erst einmal aus Kairo zurückkehren würde, würde er bald der Lord Bay werden. Die meisten seiner Kameraden konnten sich das nicht vorstellen, da er wie selbstverständlich in ihre Gemeinschaft eingebunden gewesen war. Sie gaben ihm aufrichtig all ihre guten Wünsche für seine Zukunft mit auf den Weg.

Wie anders wurde die offizielle Geburtstagsfeier! Ardeth musste sich streng nach dem Protokoll verhalten. Bei seiner Initiation waren alle Anführer anwesend. Zunächst musste er auf der Tribüne öffentlich seinen Eid ablegen, während die Anführer mit ihren Ehefrauen die erhobenen Plätze eingenommen hatten. Ardeth trug dabei den altägyptischen Schurz, der seinen Unterkörper nur bis dicht über die Knie verdeckte. Er kniete in Richtung des Volkes, als sein Onkel Leslie ihn befragte, ob er für alle Zeiten den Medjai dienen würde. Ardeth bejahte die lange Formel, woraufhin ihn Leslie ins Zelt der Tätowiererin begleitete. Die Stammesfürsten folgten mit ihren Damen. Während draußen das Volk feierte, sahen sie zu, wie Ardeths Rücken tätowiert wurde. Leslie hatte ihm zuvor einen Trank gegen die Schmerzen gegeben und Ardeth bemühte sich, keinen Mucks von sich geben, was ihm auch gelang. In den folgenden drei Tagen war Leslie die ganze Zeit in diesem Zelt anwesend. Die Anführer feierten draußen mit dem Volk. Ab und zu schauten sie bei Ardeth vorbei, ebenso wie seine Mutter und die anderen Verwandten. Ardeth wurde am zweiten Tag an den Armen tätowiert, am dritten Tag an der Brust und am vierten Tag schließlich im Gesicht. Jedes Mal wurden die Stellen mit Salben versorgt und einbandagiert.
Die zwölf Anführer nutzten diese Tage, um sich zusammenzusetzen und die Zukunft der Medjai zu besprechen. Weiterhin ausgedehnte Grabungen der Briten erschwerten ihre Lage. Ardjun ermahnte sie alle, sich nicht einzumischen. Der erste Weltkrieg wirkte sich zudem auf Ägypten aus und Ardjun hoffte, dass die Briten nicht auf die Idee kamen, die Medjai zum Wehrdienst zu verpflichten, falls der Krieg sich auf die Kolonialterritorien ausdehnte. Er wollte engen Kontakt zum Vize-König halten, was ihm allerdings die Kritik seiner Anführerkollegen einbrachte, die diesen Mann gar nicht schätzten, da er wahllos Ägyptens Altertümer zu seinem eigenen Vorteil und Reichtum veräußerte. Die Fronten zwischen einigen Medjai-Anführern verhärteten sich und Leyrah erinnerte sich an die Zeiten von Ardjuns Vater, in denen es zu offenen Auseinandersetzungen gekommen war. Damals musste Lord Ardeth Bay einige Anführer stürzen, um wieder Ruhe herzustellen. Sie appellierte an die Anführer, dass es dazu nie wieder kommen dürfte. Die Anführer hörten auf ihre Mahnung, sie hatten Respekt vor dieser charismatischen Frau. Leise erkundigte sich Lord Wenchyn, der Anführer des achten Stammes, der Ardeth stets ein väterlicher Freund gewesen war, danach, wann denn Ardeth bewusst an die Führung der zwölf Stämme eingewöhnt werden würde. Ardjun zeigte sich ein wenig pikiert und meinte, er erfreue sich noch bester Gesundheit, aber er werde den Jungen nach seiner Rückkehr aus Kairo anleiten. Leyrah schwieg und sah mit ernster Miene in die Runde. Die Anführer hatten in den letzten Tagen Ardeth sehr genau beobachtet und ihn als fähig befunden. Er zeigte zumindest noch nicht den Ardjun so eigenen Starrsinn. Auch Ismail hatten sie unter die Lupe genommen. Viele hatten untereinander die Situation im Hause Bay besprochen und befunden, dass Ardeth ein außergewöhnliches Juwel war. Ismail befanden sie als bemüht, aber weniger als Anführer geeignet. Sie vermissten klare Stellungnahmen und meinten, ein gewisses störrisches Wesen an ihm zu bemerken. Noch immer flüchtete sich der Junge gern zu seiner Mutter.
Ardeth konnte sich in den folgenden Tagen kaum vor lauter Besuchern ausruhen. Es kamen nicht nur die Stammesanführer mit ihren Familien, sondern alle möglichen Leute aus dem zwölften Stamm. Sie wollten ihm gratulieren und brachten ihm allerlei Geschenke, um ihm seinen Zustand zu erleichtern. Im Horus-Zelt, in dem er sich erholte, türmten sich Berge von Süßigkeiten, Tüchern, Amuletten, geschnitzten Figuren, Pferde- und Kamelschmuck und so weiter. Ardeth kannte jeden mit Namen, der in das Zelt trat. Die Menschen bedankten sich häufig für Dienste, die Ardeth ihnen vor langer Zeit erwiesen hatte, was ihn sehr rührte. Alle, egal ob die Anführer oder die Leute aus seinem Stamm, sprachen ihn nun als 'Lord Bay' an. Seine Mutter, die ihren Sohn gut kannte, hatte ihm vorher eingeschärft, dass er niemandem gestatten dürfe, ihn mit Ardeth anzusprechen oder ihn zu duzen, noch nicht einmal seinem Freund Sahin. Ardeth fiel es ziemlich schwer, sich daran zu gewöhnen. Er wollte keine Kluft zwischen den Menschen und sich erschaffen und musste sich doch an das Protokoll halten. Nur innerhalb der Familie war die vertraute Anrede erlaubt, aber Ardjun und Leyrah gegenüber bei Anwesenheit anderer wiederum nicht. Der winkte allerdings seinen Enkel auf dessen Lager zurück, als der sich vor ihm auf die Knie werfen wollte.
„Nein, nein, mein Enkel“, sprach er nachsichtig, „bleibe nur liegen! Erst, wenn du dich von deinem Lager endgültig erhoben hast... wie geht es dir?“
„Gut, Großvater“, log Ardeth. Sein Körper hatte 16 Tätowierungen erhalten, die meisten Stellen waren sehr gereizt. Ardjun grinste vielwissend.
„Ja, mein Enkel, mir ging es damals auch gut. Weißt du, ich bin sehr stolz auf dich!“
Ardeth war auch ziemlich stolz auf sich, weil er glaubte, dass er die Prozedur klaglos überstanden hatte. Das Winseln, das ihm ab und zu während der vier Tage über die Lippen gekommen war, hatte er gnädigerweise selbst ignoriert oder vergessen. Aber sein Großvater meinte etwas anderes.
„Normalerweise“, fuhr dieser fort, „reisen die Anführer der elf geladenen Stämme nach der erfolgten Initiation des Nachfolger des Anführers ab, sobald die vier Tage verstrichen sind.“
Ardeth fiel auf einmal selbst auf, dass sich noch niemand bei ihm verabschiedet hatte.
„Aber sie wollen bleiben. Deinetwegen! Weißt du, sie haben dich alle so ins Herz geschlossen, dass sie beschlossen haben, allesamt zu bleiben, bis du dich erhoben hast und dich ihnen zeigst. Na?“
„Sie warten auf mich?“, fragte Ardeth unsicher und beschämt nach.
„Ja! Du hast sie schon geeint in ihrem Anliegen! Also, Ardeth, dir gelingt jetzt schon, was mir in all den Jahren nur schwerlich gelungen ist. Deshalb bin ich sehr stolz auf dich!“
Ardeth meinte, dass sein Großvater sehr aufrichtig war. Da war kein Neid in seiner Stimme. Seine wunden Stellen schmerzten auf einmal weniger.
„Richte ihnen bitte aus, dass ich mich beeilen werde!“
„Davon bin ich überzeugt, mein junger Lord Bay.“
Ardjun küsste ihm die Stirn und verließ das Zelt. Ardeth war mehr als verwundert. Sein Großvater hatte ihn zwar inzwischen respektiert, aber das vertraute Benehmen der letzten Tage war geradezu gespenstisch.
„Danke, Großvater“, stammelte er, als Ardjun ins Freie trat.

Die Tätowiererin schaute jeden Tag nach ihrem Patienten. Eine Woche nach der Gesichtstätowierung entfernte sie ihm auch die letzten Bandagen. Sie gab ihrer Begleitung, einem jungen Mädchen, das sie anlernte, einen Wink. Das Mädchen verließ das Zelt und kehrte eine Weile später mit Leslie zurück. Leslie war als Pate für alles zuständig.
„Lord Bay“, begrüßte ihn die Tätowiererin, „Euer Schützling ist genesen. Ich gebe ihn frei.“
„Na, da haben wir's ja mal wieder geschafft, Ardeth“, flachste Leslie, der die Dinge sehr lustig anging, was Ardeth besonders an ihm mochte. Er freute sich schon sehr auf die Zeit in Kairo, in der viel mit seinem Onkel zusammen sein konnte. „Gut, du wartest hier, während ich mal die Familie zusammentrommeln werde.“
Leslie huschte aus dem Zelt, während sich Ardeth bei der Frau und ihrer Helferin bedankte. Keine zwanzig Minuten später kehrte Leslie zurück und trug das schwarze Gewand, das für Ardeth bestimmt war, über der Schulter.
„So, dann wollen wir mal!“, grinste er Ardeth an. „Los, komm hierher!“
Ardeth streckte die Glieder und erhob sich dann.
„Tja, Ferien vorbei“, kommentierte Leslie. „Ab heute beginnt der Ernst des Lebens! Tut mir ja leid für dich, Ardi.“ Ardeth grinste seinen Onkel an, der an dem Gewand nestelte und überlegte, wie er es seinem Neffen nun anlegen müsse, denn das war ja seine Aufgabe in dieser Prozedur. Zum Glück waren sie allein.
„Soll ich?“, fragte Ardeth vorsichtig nach.
Leslie schaute mit gekräuselter Stirn seinen Neffen an.
„Das wär doch gelacht, wenn ich das nicht hinkriege! Gedulde dich! Das kann dauern!“
Ardeth stand kurz vorm Lachanfall. Leslie sah ihn gespielt verärgert an.
„Hast du dich eigentlich schon im Spiegel betrachtet? Nein? Na, dann schau dich mal an! Du hast dich doch etwas verändert, mein lieber Neffe!“ Fast schubste er ihn vor den Spiegel, der an einer Seite des Zeltes stand.
Ardeth wurde still. Bislang hatte er die Gesichtstätowierungen nur gefühlt, aber noch nicht gesehen, zumal er bis vor einer halben Stunde noch teilweise bandagiert gewesen war. Leslie schaute zu ihm hin, weil Ardeth auf einmal verstummt war. Das Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden. Leslie trat hinter ihn und fasste ihn an beide Schultern. Er ahnte, wie seinem Neffen zumute sein musste. Er war nun nicht mehr der junge Ardeth, der Schüler, der so manch Narrenfreiheit hatte, sondern erwachsen und trug darüber hinaus sehr viel Verantwortung. Die Menschen seines Volkes erwarteten viel von ihm.
„Alles Gute für deine Zukunft, mein Neffe!“, flüsterte Leslie einfühlsam. „Du wirst es schaffen, das weiß ich!“
Ardeth nickte. Er wirkte sehr ernst. Nach einer Weile drehte er sich zu Leslie um.
„Wir wollen sie nicht länger warten lassen, Onkel Leslie“, meinte er und in seinem Gesicht erschien diese für ihn so typische Entschlossenheit. Gemeinsam schafften sie es, dass schwarze Kriegergewand anzulegen. Leslie reichte ihm die beiden Schwerter und Ardeth wickelte zum Schluss den hohen Turban. Leslie bemerkte, wie Ardeth leicht seufzte, als er durch die Zeltvorhänge nach draußen trat.
Seine Familie wartete in einiger Entfernung, doch – Ardeth traute seinen Augen nicht – standen neben seiner Familie die Stammesanführer mit ihren Familien und dahinter bestimmt fast der ganze 12. Stamm versammelt. Sie schlugen in die Hände und bekundeten ihren Beifall durch Hochrufe. Ardeth war es peinlich. Scheu sah er nach rechts und links, doch ging weiter auf seinen Großvater zu. Kurz vor ihm fiel er auf die Knie, und nachdem Ardjun ihn hochgewinkt hatt, umarmte er seinen Enkel.
„Jetzt bist du ein Medjai-Krieger, mein Enkelsohn! Mach uns stolz!“
Ardeth nickte, während Leyrah auf ihn zutrat, ihn umarmte, ihn segnete – und in Folge alle Verwandten, dann die Stammesanführer, ihre Familien und Ardeths Freunde sowie die meisten der Stammesbewohner. Es wurde ein langer Tag und Ardeth harrte geduldig und freundlich aus. Er war gerührt, dass die Menschen so einen großen Anteil an ihm nahmen.
Am Abend verabschiedete er die elf Stammesanführer, die während der Nachtkühle reiten wollten. Leslie blieb noch ein paar Wochen, denn er wollte gemeinsam mit Ardeth nach Kairo zurückkehren.

Ardeth sollte ungefähr ein Jahr in Kairo und teilweise auch in Alexandria alte Schriften studieren. In einer geheimen Bibliothek lagerten uralte Schriften der ägyptischen Antike. Räume, zu denen nur Medjai Zutritt hatten, enthielten alte Sprüche, verrieten Geheimnisse und zeichneten die Geschichte sehr umfassend auf. Einst lagerten die vielen Rollen im Süden, verteilt an verschiedenen Orten. Nachdem einige unwiderbringlich verschwunden waren, wollte man sie besser bewachen können. Sie lagerten nun in mehreren Gewölben der Bibliothek, in einer Erweiterung der Museumsbibliothek und unzugänglich für Besucher und Wissenschaftler. Teilweise handelte es sich um Wissen, von dem Ardeth schon mündlich erfahren hatte. Aber die Stammesanführerkinder sollten hier ihr Wissen vertiefen, damit sie gewappnet für ihre zukünftigen Aufgaben waren. Es war kein angenehmes Lernen, denn der Raum wurde nur spärlich beleuchtet. Ardeth traf auf die meisten Jugendlichen, mit denen er schon im Isis-Tempel gedient hatte. Sie halfen sich gegenseitig, denn manche Schrift war schwierig zu entziffern. Bei seiner Ankunft traf er auf Usimare Kanarnya, dem Sohn des Anführers des 4. Stammes, Beniwar Rasid, der Nichte des Anführers des 6. Stammes, Chiaranche Fajum, die Nichte des Anführers Harun Mendoalus des 10. Stammes, deren Mutter Haruns Schwester war und in den Prestige-Clan Fajum eingeheiratet hatte, Sitre Wenchyn, ein Enkel des Anführers des 8. Stammes, der Ardeth oft väterlich beraten hat, Per'Agun Gharan, Sohn des Anführers des 9. Stammes, und Gatyreth Meranmose, der Sohn des Anführers des 5. Stammes. Die fünf Jungen teilten sich ein Zimmer in dem Anwesen der Medjai in Memphis, ebenso wie die beiden Mädchen. Es war ein beständiges Kommen und Gehen, da nicht nur die Kinder der jeweiligen Anführer für ein Jahr hierher kamen, sondern auch die Kinder der möglichen Nachfolger, also der Geschwister des Anführers, seiner Neffen und Nichten, seiner Tanten und Onkel und seiner eigenen Kinder. Auch die Mädchen wurden hierhergeschickt. Natürlich waren hier auch viele Krieger stationiert, wenn auch nur für einen gewissen Zeitraum, der sehr unterschiedlich sein konnte. Einige Krieger wohnten sogar in Kairo, hatten eine Familie hier gegründet und bewohnten ein eigenes Haus. Das war aber eher die Ausnahme und meistens dann der Fall, wenn die Auserwählte aus Kairo stammte und nicht von ihrer Familie fortziehen wollte, jedenfalls nicht in die weit entfernte und entsagungsreiche Wüste. Auch kamen viele 14jährigen Jugendlichen hierher, um das Leben fern des Heimatstammes kennenzulernen. Sie leisteten vor allem Dienste, kümmerten sich um die Pferde, das Anwesen, mussten zu bestimmten Zeiten anwesend sein, um auf sie zurückgreifen zu können, aber durften auch Kairo entdecken, wovon sie reichlich Gebrauch machten. Allerdings mussten sie allen Anwesenden gehorchen, sobald die ihnen etwas auftrugen, auch den sieben Anführerkindern, die ja als erwachsene Krieger galten. Außerdem lebten in dem Haus noch einige Frauen, die kochen, wuschen und für das Haus zuständig waren. Eine von ihnen war so etwas wie die Oberin von allen. Alle nannten sie Om Giza, sie hatte schon lange in diesem Haus gelebt und wollte nicht in die Wüste zurückkehren. Viele Mädchen wollten gern in Kairo eine Weile leben und dienten daher in diesem Haus oder auch bei Leslie und in anderen Häusern, die von Medjai bewohnt wurden, auch in jenen von den nicht-tätowierten Medjai. Dort wurden einige junge Frauen zu Spioninnen ausgebildet, die sich an gewisse Europäer heranpirschen sollten, um diese auszuhorchen, was sie in Ägypten planten, entweder als Hausangestellte oder Geliebte. Sie mussten ziemlich gut Englisch und Französisch sprechen, um das Gesprochene mitzubekommen, was für sie von Wichtigkeit war. Es waren nicht viele Mädchen zu diesem Job bereit, doch einige drängten sich dahin, sei es aus Interesse, aus besonderer Berufung zu einer Aufgabe, die unbeliebt war, oder aus enttäuschter Liebe. Sie waren für ihren Stamm äußerst wertvoll und galten nicht als unrein oder ausgestoßen, sondern konnten, sobald sie die Aufgabe nicht mehr wahrnehmen wollten, ins Stammesleben ohne Probleme zurückkehren.
Im Haus der Medjai lebte auch jene Frau, die Leyrah einst im Fremdenlegionärslager kennengelernt hatte. Fatimah hatte zunächst in Leslies Haushalt gelebt, war aber zwischenzeitlich ins Haus in Memphis gewechselt. Sie hatte von Anfang an ein besonders herzliches Verhältnis zu Ardeth. Auch andere Mädchen, die aus misslichen Lagen gerettet worden waren, lebten hier. Den Oberbefehl über alle hatte der oberste anwesende Kommandant, egal aus welchem Stamm er kam. Zurzeit war das Secha Korlan aus dem 7. Stamm. Natürlich hatte er nicht so viel zu sagen wie Om Giza, die in ihrer Autorität, was das Anwesen anbelangte, unbestritten war. Die sieben Studierenden waren überdies dem Kurator des Museums verwantwortlich, der ihnen die Bibliothek gezeigt und erläutert hatte und erwartete, dass sie sich innerhalb ihres Jahres gewissenhaft durch die Bestände arbeiten würden.
Ardeth wurde für die mühselige Arbeit entlohnt, indem er manchmal abends Leslies Villa genoss. Ardeth hatte nicht die Annehmlichkeiten des Badeteiches vergessen. Mit seinem Onkel spielte er Karten und besprach sich. Leslie war immer gut gelaunt. Er berichtete Ardeth von seiner Arbeit und der Neffe hörte aufmerksam und interessiert zu. Leslie arbeitete zwar als Ägyptologe im Museum, aber war vor allem dafür zuständig, echte Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt auszumachen und zurückzuholen. Leslie konnte dabei auf die Hilfe der in Kairo lebenden Medjai zurückgreifen, auch auf die der ausspionierenden Mädchen. Oft musste Leslie in andere Städte reisen, manchmal auch nach Europa, um eine Spur zu verfolgen. Es gab viel für Leslie zu tun, denn Schwarzmarkthandel mit ägyptischen Antiquitäten war eine weit verbreitete Sache, aber Leslie liebte seinen Job.
So lernte Ardeth in Kairo das komplexe Netz der Medjai kennen. Auch der Kurator war einer von ihnen. Und dennoch schafften es die Medjai nicht, den Abtransport ägyptischer Schätze zu verhindern. Die Briten bestimmten über ihr Land und der regierende Vize-König war eine ihrer Majonetten. Ardjun hatte kaum Einfluss auf den Briten-Günstling. So bemühten sich die Medjai beinahe vergeblich auf allzu vielen Baustellen. Oftmals trugen Grabungsteams vor ihren Augen Dinge davon, um deren Bedeutung nur die Medjai wussten.

Gatyreth war der älteste der sechs Studiereenden, er würde bald nach Hause zurückkehren. Ardeth hatte sich sehr auf ein Wiedersehen gefreut, denn er hatte sich stets prima mit Gatyreth verstanden und erinnerte sich besonders gern an die schöne Zeit im 5. Stamm zur Zeit der Wettkämpfe vor einigen Jahren. Gatyreth war bei Ardeths Initiation nicht anwesend gewesen, weil er zu der Zeit schon in Kairo weilte. Ardeth registrierte sehr bald, dass sich Gatyreth ihm gegenüber sehr merkwürdig verhielt, fast, als würde er ihn ablehnen. Während die anderen ihm nachträglich zu seiner Initiation gratuliert hatten, verlor Gatyreth kein Wort darüber. Von Anfang bemühte er sich darum, Ardeth aus dem Weg zu gehen, und wenn Ardeth ihn ansprach, wies er ihn beinahe schroff ab. Ardeth war neu hier und wollte nicht gleich unangenehm auffallen, indem er Gatyreth etwas erwiderte, was zum Streit hätte führen können, denn er spürte, dass der junge Mann darauf aus war. Er wollte auch nicht hinter seinem Rüclenn Usimare oder Sitre befragen. Also versuchte auch Ardeth Gatyreth zunächst aus dem Weg zu gehen. Es bekümmerte den jungen Ardeth allerdings, da es keine gute Ausgangsbasis für eine zwangsläufig spätere Zusammenarbeit war und weil er nicht wusste, warum sich Gatyreth überhaupt so verhielt. Ardeth überlegte, ob Gatyreth vielleicht beleidigt sein könnte, dass die Familie Bay statt Gatyreths Schwester Syukar eine andere Frau als Ehefrau für Ardeth vorgezogen hatte. Nach zwei Wochen schweigsamer Feindschaft beschloss er, Gatyreth darauf anzusprechen, sobald er ihn irgendwo allein antraf, um ihn nicht zu kompromitieren. Ardeth ahnte nicht, in welche Wunde er da stechen würde. Er traf ihn im Schlafraum an, schloss die Tür und ergriff das Wort.
„Lord Meranmose, ich bitte Euch auf ein Wort. Seit zwei Wochen geht Ihr mir aus dem Weg, und dabei schien es mir, als ich Euch vor meiner Initiation im Tempel traf, dass Ihr mir gewogen gewesen seid.“
Gatyreth funktelte ihn böse an, aber erwiderte nichts. Er wandte Ardeth den Rücken zu und fuhr fort, seine Waffen zu ordnen.
„Da Ihr mich damals nicht abgelehnt habt so wie heute, muss sich in der Zwischenzeit etwas ereignet haben, wovon ich aber leider nichts weiß. Bitte sagt mir, was mein Vergehen ist.“
Immer noch schwieg Gatyreth. Ardeth konnte seine unterdrückte Wut förmlich spüren. Es knisterte nur so im Raum. Aber er wollte jetzt nicht aufgeben.
„Wenn es daran liegen sollte, dass Eure Schwester nicht meine Gemahlin werden wird, so bedaure ich das sehr. Es ist eine Entscheidung, die außerhalb meines Einflusses stand. Ich hoffe, Ihr fühlt Euch nicht persönlich beleidigt, weil...“
Ardeth konnte nicht weiter sprechen, denn Gatyreth hatte sich ruckartig umgedreht und war weiß vor Wut, die jetzt aus ihm hervorbarst, als er fast schreiend erwiderte:
„Bildet Euch bloß nichts ein, Lord Bay!“
Alle Verachtung dieser Welt lag in dem Namen Bay. Es war für Ardeth wie eine Ohrfeige.
„Ihr seid kein Deut besser als Euer verdammter Clan! Ich will mit Euresgleichen nichts zu tun haben, habt Ihr das nicht verstanden? Also lasst mich einfach in Ruhe!“
Er rauschte an Ardeth vorbei und schlug die Tür hinter sich zu. Ardeth blieb wie angewurzelt stehen. Was war das denn gewesen? Was hatte er um alles in der Welt Gatyreth getan? Ob er wirklich wegen Syukar beleidigt war? Ardeth spürte, dass er ihn geradezu verachtete. Doch was konnte er tun? Ihn noch einmal ansprechen? Fast fürchtete sich Ardeth davor. Er setzte sich auf sein Bett und war immer noch platt vor Verwunderung. Er konnte doch nicht zulassen, dass Gatyreth ihn von vornherein ablehnte. Er wusste, er musste das unbedingt klären, doch er wollte erst einmal abwarten, bis Gatyreth sich beruhigt hatte. Vielleicht würde er ja vernünftig werden und von sich aus das Gespräch mit ihm suchen. Doch das geschah nicht. Ardeth beobachtete ihn insgeheim und bemerkte, dass Gatyreth große Mengen Alkohol konsumierte. Alkohol war unter den Medjai kein verbotenes Getränk, denn der Weinanbau und das Bierbrauen war immer schon Bestandteil ihrer alten Kultur gewesen. Von den Kriegern wurde aber erwartet, dass sie dienstbereit waren und so sprachen sie dem Alkohol nicht im Übermaß zu, es sei denn, sie hatten einen freien Tag. In den nördlichen Stämmen gab es jedoch Stimmen gegen den Alkohol, da der Prophet den Konsum dieses „teuflichen Getränkes“ untersagt hätte. Der Süden belächelte seine Brüder im Norden deswegen. Diese kleinen Differenzen zwischen den Stämmen wurden jedoch nicht offen ausgetragen und die Anführer und Kommandanten bemühten sich, keinen offenen Streit deswegen aufkommen zu lassen. Gewisse Eigenheiten einiger Stämme wurden stillschweigend akzeptiert.
Eines Abends, als sich die meisten Bewohner des Anwesens in der großen unteren Halle befanden, wo das Essen auf einem langen Tisch aufgetragen war und jeder sich bedienen konnte, bemerkte Ardeth, wie Gatyreth mehrere Gläser Wein leerte und warf ihm einen besorgten Blick zu, den Gatyreth auffing. Er saß mit seinem Freund Usimare in einer der Ecken auf einem Teppich zusammen und rauchte Wasserpfeife, während Ardeth mit Sitre und zwei Jungen aus Sitres Stamm ein Würfelspiel spielte. Gatyreth funkelte Ardeth wütend an, der schnell den Blick auf das Würfelspiel richtete, wissend, dass Gatyreth in seinem angetrunkenen Zustand eher wütend auf Mitleidsblicke reagieren würde. Gatyreth war aber kampflustig. So laut, dass jeder im Saal es hören konnte, sagte er zu Usimare:
„Schau mal, Usimare, die Bays aus dem Norden beneiden uns um unsere Trinkfestigkeit. Ihnen ist es ja nicht gestattet...“ Und er lachte auch noch zum Überfluss.
Usimare war diese Bemerkung peinlich und er tat so, als hätte er sie nicht gehört, doch alle anderen im Saal sahen erstaunt in Gatyreths Richtung. Zum Entsetzen aller fuhr der fort:
„Wie brav sie doch sind! Welch vorbildhaftes Verhalten!“ Er grölte vor Lachen.
Usimare konnte nicht mehr so tun, als würde ihn das alles nichts angehen. Verlegen schaute er in Ardeths Richtung. Eher leise sprach er auf Gatyreth ein:
„Lord Bay trinkt auch Wein, Gatyreth. Also hör schon auf!“
Usimare nahm in Kauf, dass er gerade einen Protokollsbruch begang, indem er seinen Freund vor allen dutzte und nicht förmlich ansprach, aber erstens war der Kommandant nicht anwesend und zweitens wusste er, dass sein Freund das jetzt mit Sicherheit ins Lächerliche ziehen würde, wenn er ihn nicht vertraut ansprach. Doch Gatyreth war nicht auf Versöhnung mit irgendjemandem aus. Er war reichlich angetrunken und erhob sich fast schwankend. In Ardeth Richtung wankend, rief er ihm zu:
„So, der Lord Bay ist also trinkfest! Los, kommt und beweist es uns, Lord Bay!“
Er war vor Ardeth und den anderen angekommen, während alle Anwesenden im Saal zu ihnen herüber starrten. Ardeth wurde ganz anders zumute. Jetzt musste er beweisen, dass er mit der Situation umgehen konnte. Bloß wie ging man mit einem Betrunkenen um?
„Steht auf, wenn Ihr ein Mann seid! Messt Euch mit mir! Ich wette, Ihr liegt eher unterm Tisch als ich, Lord Bay!“
Jedes Mal sprach er dieses „Lord Bay“ mit tiefster Verachtung aus, was jeder im Saal registrierte. Ardeth schossen die Gedanken durch den Kopf. Was sollte er tun? Autorität herauskehren? Andere um Hilfe bitten? Gar nicht reagieren? Er entschied sich, einfach sitzen zu bleiben und erwiderte ruhig:
„Lord Meranmose, ich möchte mich nicht mit Euch messen. Ihr seid mir gegenüber im Vorteil...“
Gatyreth schaute ihn verdutzt an, was Ardeth ausnutzte, um weiterzusprechen.
„Wie sollte ich denn aufholen, was Ihr schon getrunken habt? Das schaffe ich nie... aber vielen Dank für das Angebot. Eines Tages werde ich darauf zurückkommen.“
Ardeth hatte es ohne Ironie gesprochen, es klang ehrlich und verblüffte Gatyreth so sehr, dass ihm keine Erwiderung einfiel. Usimare war inzwischen hinter seinen Freund getreten, zog ihn sanft mit sich fort und raunte Ardeth leise ein „Entschuldigung!“ zu. Gatyreth ließ Usimare gewähren und verzog sich schmollend an seine Wasserpfeife. Irgendwann werde ich dich erwischen, drohte er in Gedanken Ardeth, der sich wieder dem Würfelspiel zuwandte und nicht die Blicke der Anwesenden registrierte, die sich bewundernd auf ihn gerichtet hatten. Er war noch viel zu beschäftigt, den Schock zu verarbeiten, doch er sah, wie ihm Sitre anerkennend zunickte.
Niemand verlor ein Wort über diesen peinlichen Zwischenfall. Man schrieb Gatyreths ausfallendes Benehmen seinem Alkoholkonsum zu und ging davon aus, dass er sich später bei Ardeth entschuldigt hätte. Doch natürlich hatte er das nicht. Ardeth kam nach wie vor nicht dahinter, was Gatyreth zu brachte, sich so zu benehmen. Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es beleidigte Familienehre war, denn seine Familie war ja nicht wirklich beleidigt worden. Und doch hatte es etwas mit der Familie oder ihrem Anspruch zu tun, so wie er jedes Mal das „Lord Bay“ betonte. Ardeth ging ihm aus dem Weg und vertagte das Problem auf später. Doch Gatyreth wollte es nicht vertagen. Er bemühte sich mit kleinen Gesten, Ardeth seine Abneigung zu demonstrieren. Mal schlug er ihm die Tür vor der Nase zu, mal nahm er das Buch, in dem Ardeth gerade gelesen hatte, weg, um es selbst zu lesen, und immer wieder ließ er Sticheleien verlautbar werden. Ardeth versuchte es erfolgreich, ihn zu ignorieren, was Gatyreth noch mehr ärgerte. Und so kam es eines Tages zu einem erneuten Zwischenfall.
Wieder waren viele Personen in dem Saal versammelt. Om Giza hatte gerade das Essen bereitgestellt und einige drängten sich an den langen Tisch, um sich von den unzähligen Speisen zu nehmen, auch Ardeth, der sich seinen Teller mit Fladenbrot und Süßspeisen vollpackte. Om Giza und Fatimah schüttelten gespielt tadelnd mit dem Kopf wegen der Süßspeisen und Ardeth meinte grinsend:
„Ich muss doch ausnutzen, dass Mutti nicht in der Nähe ist.“
Mit diesen Worten wandte er sich um und lief prompt mit seinem Teller in Gatyreth herein, sodass der Teller nach unten fiel und sich alles auf dem Boden ergoss. Ardeth wusste in diesem Moment, dass Gatyreth es darauf angelegt hatte und war ziemlich ärgerlich über diese erneute Drangsalierung. Gatyreth goss noch Öl ins Feuer, indem er ihn anfauchte:
„Pass doch, wo du hintrittst, Bay! Du bist doch zu blöd!“
Ardeth bemühte sich um Fassung, obwohl er sichtlich verärgert war, und zwar so, dass es in Gatyreths Augen zufrieden aufblitzte. Jetzt hatte er es geschafft und Ardeth provoziert. Doch als der sagte:
„Warum stellt Ihr Euch mir immer in den Weg, Lord Meranmose?“, da verlor Gatyreth die Beherrschung. Genau das war es, was er Ardeth vorwarf: dass er sich ihm und seiner großen Liebe in den Weg gestellt hatte. Er schrie:
„Ich stelle mich Euch in den Weg?! Ihr, Ihr seid es doch, der alles für sich beansprucht! Der sich immer anderen in den Weg stellt!“
Alle sahen entsetzt auf Gatyreth. Längst hatte sich ein Kreis um die beiden jungen Lords gebildet. Gatyreth gab Ardeth keine Gelegenheit, irgendetwas zu sagen.
„Typisch Bay! Alles wollen sie haben! Ihr seid alle so ... widerlich....“, und er schubste Ardeth, so dass er an den Tischrand gedrückt wurde. Er war vielzu perplex, um irgendetwas sagen zu können.
„Gatyreth, hör auf!“, riefen Sitre und Usimare, alle Etikette vergessend. Gatyreth war so in Fahrt geraten, dass ihn nichts mehr stoppen konnte.
„Alles wollt ihr Hurensöhne haben...“
„Lord Meranmose!“, protestierte Ardeth, und genau das war zuviel, dieses beherrschte „Lord Meranmose“ in einer Situation, wo Gatyreth wusste, er hatte es verdient, sich von Ardeth dafür eine zu fangen. Unbeherrscht, wütend und voller Empörung schlug er Ardeth ins Gesicht, so dass dieser taumelnd nach hinten auf den Tisch fiel und in den Speisen landete.
„Gatyreth“, kreischten Sitre, Usimare und die beiden Mädchen jetzt im Verein, und zwei Krieger packten ihn von hinten, damit er nicht weiter auf Ardeth einschlagen konnte, der sich inzwischen erhoben hatte.
„Was ist hier los?“, donnerte eine Stimme von hinten. In der Tür stand der Kommandant und sah mit großer Verblüffung auf das Durcheinander, was sich ihm bot. Die Krieger öffneten sofort den Kreis und bildeten fast eine Art Spalier für Secha Korlan, der wütend auf die Szene am Tisch blickte. Er hasste Uneinigkeiten bei seinen Leuten. Er maß Ardeth mit einem wütenden Blick, denn von ihm tropften Speisereste herab. Den gleichen Blick warf er Gatyreth zu, der der Verursacher gewesen sein musste, da zwei Krieger ihn hielten.
„Lassen Sie ihn los!“, befahl er ihnen. Nur ungern taten sie das, aber hofften, dass Gatyreth jetzt im Angesicht des Kommandanten friedlich sein würde. Tatsächlich war der gerade aus seiner Wutverranntheit erwacht und sah, was er angerichtet hatte. Doch es tat ihm keineswegs leid.
„Lord Bay, Lord Meranmose, nun, meine Herren?“
Beide schwiegen. Ardeth, weil er wartete, dass Gatyreth dazu etwas zu sagen hatte, und Gatyreth, weil er wütend auf Ardeth war. Der Kommandant war keiner der Sorte, die lange auf eine Antwort warteten, wenn er sie verlangte. Er schüttelte missbilligend mit dem Kopf.
„Also ein Streit. Ein Streit unter Lords, die Vorbilder sein sollten für Ihre Krieger.“
Er machte eine Pause, um den beiden Kontrahenten Gelegenheit zu geben, etwas dazu zu sagen, doch Ardeth hatte schuldig den Kopf gesenkt, während Gatyreth Ardeth zornesrot anstarrte. Kommandant Korlan registrierte beider Verhalten. Er hatte längst mitbekommen, dass Ardeth eher ein Friedensengel war. Da man Gatyreth festgehalten hatte, musste man ihn vor irgendetwas zurückgehalten haben. Vielleicht war gar kein Streit entbrannt, sondern nur ein Angriff von Seiten Gatyreths und Ardeth schämte sich, Stellung zu nehmen.
„Lord Meranmose, sehe ich das richtig, dass Ihr für Lord Bays beklagenswerten Zustand verantwortlich seid?“, fragte ihn der Kommandant mit vorwurfsvollem Tonfall.
Gatyreth, über das Wort „beklagenswert“ sichtlich erfreut, erwiderte fast stolz: „Ja, Sir.“
„Dürfte ich erfahren, weshalb Ihr Lord Bay in diesen Zustand versetzt habt?“
Gatyreth sah ihn überrascht an. Mit einer Rechtfertigung hatte er nicht gerechnet. Er behauptete schnell zu seiner Entschuldigung.
„Er hat mich beleidigt.“
Ein Raunen ging durch den Saal. Ardeth sah immer noch auf den Fußboden und unterdrückte den Wunsch, Gatyreth vorwurfsvoll anzustarren. Wenn Gatyreth jetzt alle Schuld zugewiesen bekam, bestraft werden würde und er, Ardeth, unschuldig aus der Sache hervorgehen würde, dann wusste er, hatte er es sich mit Gatyreth ein für allemal verdorben. Die Anklage, dass er ihn beleidigt haben sollte, hatte nicht nach einer erneuten Provokation geklungen, sondern nach einer Hilflosigkeit. Ardeth wusste, was jetzt kam, aber er wartete, bis der Kommandant sich an ihn wenden würde, und erst danach würde er wieder aufschauen.
„Lord Bay, stimmt es, dass Ihr Lord Meranmose beleidigt habt?“
Ardeth sah auf und dem Kommandanten ins Gesicht. Mit irgendetwas musste er Gatyreth beleidigt haben, das stand fest, denn ansonsten hätte er sich in den letzten Wochen nicht so ihm gegenüber verhalten.
„Ja, Kommandant, ich habe ihn beleidigt.“
Wieder ging ein Raunen durch den Saal. Nur Sitre, der die Weißheit seines Großvaters geerbt hatte, nickte zu Ardeths Entschluss. Ausgerechnet er stand neben Ardeth, denn er hatte ihm aufgeholfen, als er so unsanft auf dem Tisch gelandet war. So bemerkte Kommandant Korlan sein Nicken.
„So“, kommentierte der Kommandant. Immerhin hatte er hier zwei Lords vor sich. Er sammelte sich eine Weile, um zu überlegen, was er mit den beiden Streithähnen machen sollte. Zwangsläufig hatten sie eine Bestrafung verdient. Eine offen ausgetragene Uneinigkeit durfte unter Medjai-Kriegern einfach nicht geschehen, geschweige denn unter Lords. Er musste diese beiden Heißsporne empfindlich betrafen, damit sich das nicht wiederholen würde; außerdem musste die Strafe öffentlich, d. h. für alle sichtbar vonstatten gehen, da die beiden sich in aller Öffentlichkeit gestritten hatten. Der Kommandant wandte sich an die beiden Krieger, die immer noch auf Anschlag hinter Lord Meranmose standen, der inzwischen seinen Kopf beschämt zu Boden geneigt hatte, um zu verdauen, was Ardeth da eingestanden hatte.
„Bringen Sie diese beiden Streitenden in den Hof. Sie sollen sich entkleiden. Dann sollen sie je dreißig Schläge auf die Fußsohlen erhalten und auf dem Boden einen Tag und eine Nacht liegen bleiben, um darüber nachzudenken, wie sie sich hier verhalten haben.“
Beide jungen Lords sahen betreten zu Boden. Eine klassische Bastonade! Das war eine peinliche Bestrafung. Sie ließen sich widerstandslos abführen. Om Giza ging ihnen hinterher, um Ardeths beschmutztes Gewand in Empfang zu nehmen. Sie schüttelte ungläubig mit dem Kopf, dass Ardeth eine Tat eingestanden hatte, die er nicht begangen hatte. Sie stellte sich vor ihn, als er sein Gewand auszog und fragte ihn leise:
„Was sollte das? Seid Ihr erpicht darauf, bestraft zu werden? Warum habt Ihr nicht die Wahrheit gesagt?“
„Aber ich habe sie gesagt. Irgendwann muss ich Lord Meranmose so sehr beleidigt haben, dass er mit mir böse wurde. Ich hoffe, er sagt mir in den nächsten 24 Stunden, was das gewesen ist.“ Ardeth hatte es bewusst so laut gesagt, dass Gatyreth es hören musste. Der schaute erstaunt zu Ardeth und nickte ihm zu. Ardeth lächelte ihm dankbar zu. Jetzt wusste er, dass er alles richtig gemacht hatte. Sollten sie ihn doch bestrafen! Das war es wert, wenn er nur endlich erfuhr, was los ist, und vielleicht die Gelegenheit erhielt, sich mit Gatyreth ein für allemal auszusöhnen. Om Giza nickte wissend und anerkennend und ging mit beiden Gewändern fort.
Die beiden jungen Männer ertrugen die Schläge, ohne einen Laut von sich zu geben, so wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt hatten. Sie benötigten hinterher allerdings eine Weile, bevor sie sich endlich aussprechen konnten. Ihre Lage zudem sehr unangenehm, denn sie lagen beide bäuchlings auf dem Boden des Hofes, die Füße allerdings auf einem Schemel erhoben. So mussten sie ausharren, bis man ihnen am Abend des nächsten Tages gestatten würde aufzustehen. Diesen Hof überquerten viele Medjai, weil man erstens hier entlang gehen musste, um vom Haus zu den Ställen zu gelangen. Auch die Pferde wurden über den Hof am Haus vorbei zum Haupteingangstor geführt, wenn sie benötigt wurden. Ebenso lagen einige Schlafquartiere im hinteren Bereich. Außerdem befand sich hier ein Brunnen und die Waschnische. Es war gar nicht so leicht, sich ungestört miteinander unterhalten zu können. Wenigstens hatten die meisten Vorübergehenden Erbarmen und sprachen die zwei Bestraften nicht an, denn es war nicht gerade ehrenhaft, derart bestraft zu werden und auch noch auf dem Boden so lange liegen zu müssen. Ardeth hatte sein Kinn auf seine Hände gestützt und warf schließlich Gatyreth einen Blick zu. Der schien zu schlafen, hatte seinen Kopf auf seine Unterarme gelegt, aber in Richtung von Ardeth. Auf einmal schlug er seine Augen auf und sah Ardeth an. Eine ganze Weile sahen sie sich in die Augen. Mittlerweile war es zwar dunkel geworden, aber sie konnten sich wunderbar erkennen, da sie ziemlich dicht beieinander lagen.
„Danke, Ardeth“, murmelte Gatyreth.
Ardeth stützte seinen Kopf auf seinen linken Arm, so dass er den rechts von ihm liegenden Gatyreth besser ansehen konnte.
„Sagst du mir nun endlich, was eigentlich los ist?“, fragte er ihn offen heraus.
Gatyreth nickte, ächzte dann leicht und stützte seinerseits seinen Kopf auf seinen rechten Arm.
„Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Ich wollte es eigentlich nicht sagen. Ich möchte nicht, dass Nefer darunter leiden muss.“
„Nefer?“
Nefer Mahu war die für Ardeth auserkorene Braut. Was hatte sie damit zu tun?
„Versprich mir erst, dass du sie nicht darunter leiden lassen wirst!“
„Ich weiß ehrlich nicht, was du meinst, Gatyreth. Ich soll Lady Mahu heiraten und...“
So langsam dämmerte es Ardeth. Gatyreth wusste etwas von Nefer, das sie kompromittieren würde, wahrscheinlich handelte es sich um ein Liebesverhältnis zu einem anderen. Gatyreth sah ihn sehr ernst an, also beeilte er sich zu erwidern:
„Ja, ich verspreche dir, ich werde sie nicht darunter leiden lassen, was immer es auch sei!“
Gatyreth nickte zufrieden. Dennoch fiel es ihm immer noch nicht leicht, darüber zu sprechen.
„Also... Nefer und ich... wir wollten eigentlich... heiraten...“
Ardeth verstand, doch wollte er nichts sagen, bevor Gatyreth nicht zu Ende gesprochen hatte.
„Wir lieben uns, verstehst du, Ardeth? Wir hatten unseren Eltern noch nichts gesagt, wir wollten sie überraschen. Alles schien perfekt. Sie war so oft bei uns zu Besuch. Wir hatten gedacht, unsere Eltern würden es sofort befürworten, ja, sie hätten es selbst so eingefädelt. Wir waren so glücklich... wir hatten uns gefunden und passten wunderbar zusammen: Sie, die Tochter von Lord Mahu, und ich, Gatyreth Meranmose. Sobald ich von meinen Studien zurückkehren würde, wollte ich mit meinen Eltern darüber sprechen, noch bevor Nefers Eltern anlässlich ihrer Initiation mit anderen Plänen aufwarten konnten.“
Gatyreths Stimme wurde brüchig, als er fortfuhr.
„Und dann... teilte meine Schwester Syukar mir in einem Brief mit, dass sie nicht deine Braut werden würde, sondern Nefer... für mich brach eine Welt zusammen. Nefer hatte sich noch nicht einmal getraut, es mir mitzuteilen. Syukar war ihr zuvor gekommen. Wie sehr musste Nefer darunter gelitten haben!“
In Gatyreths Augen blitzten Tränen auf. Wie sehr musste er das Mädchen lieben! Ardeth tat es in der Seele weh.
„Es tut mir so leid, Gatyreth...“, flüsterte er betroffen.
„Es gab nur einen, der mir Nefer streitig machen konnte, und das bist ausgerechnet du!“
Da war er wieder, dieser insgeheime Vorwurf. Aber Ardeth konnte ihn jetzt verstehen.
„Oh, ich habe mir tausend Vorwürfe gemacht, dass ich nicht bei meiner Initiation um ihre Hand bei ihren Eltern angehalten habe. Weißt du, sie waren sogar da! Alle Anführer der Südstämme waren da, auch Nefer. Süße Nefer!“
Er weinte hemmungslos.
„Doch was hätte es genützt? Ernsthaft, selbst wenn dein Großvater später Nefers Eltern mitgeteilt hätte, sie wäre eine passende Braut für dich, dann hätten sie das gegebene Versprechen rückgängig gemacht... und das ist es, was mich so wütend macht! Was hätte ich tun können? Sobald du im Spiel bist, haben wir alle verloren!“
Ardeth glaubte zwar nicht, dass Nefers Eltern ein gegebenes Versprechen rückgängig gemacht hätten, geschweige denn, dass sein Großvater oder seine Mutter überhaupt in Erwägung gezogen hätten, um Nefer anzufragen, wenn sie von dem Bündnis zwischen den Mahus und Meranmoses gewusst hätten, aber es half jetzt gar nichts, das zu äußern.
„Weißt du überhaupt, was du für eine Rolle spielst? Als du zur Welt gekommen bist, haben sich alle Anführerpaare um eine Tochter bemüht. Alle haben jahrelang vor eurer Tür gescharrt und ihre Töchter bereitgehalten, auch meine Schwester. Nefer ist ebenso ein Produkt des Hintergedankens, einmal deine Frau, Lady Bay, zu werden. Und jetzt haben sie es erreicht.“
Wie trotzig und wütend diese Worte immer noch waren! Und verdammt, Gatyreth hatte Recht, dachte Ardeth und korrigierte seine vorigen Gedanken über die Unwahrscheinlichkeit eines Bruch des möglichen Versprechens den Meranmoses gegenüber.
„Nefer wird nicht Lady Meranmose werden, sondern Lady Bay“, war der Abschluss der resignierten Rede von Gatyreth, gefolgt von einem Schluchzen.
„Gatyreth...“, Ardeth wusste nicht, wie er ihn trösten konnte. „Es tut mir so leid...“
Er wartete eine Weile, bis Gatyreth halbwegs ansprechbar war. Inzwischen ging eines der Mädchen über den Hof. Gatyreth verbarg seinen Kopf in seinen Armen. Als es verschwunden war, fuhr Ardeth fort:
„Ich weiß, dass meine Mutter zu meiner Initiation sich fünf Mädchen angeschaut hat, Syukar und Nefer eingeschlossen. Ich hatte keinen Einfluss auf ihre Auswahl. Sie hat auch mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich musste Nefer zu Tisch führen. Sie war sehr schüchtern, dachte ich damals, aber jetzt weiß ich, dass sie in Wirklichkeit traurig war. Sie hat sich mir natürlich nicht anvertraut. Ich weiß auch nicht, ob ich irgendetwas hätte unternehmen können, aber glaub mir, ich hätte es zumindest versucht!“
Gatyreth warf Ardeth einen immer noch mit Wut gemischten Blick zu.
„Gatyreth, ich hatte selbst gehofft, jemand anders heiraten zu können, und auch ich war fast sicher, es würde gelingen, denn es war keine geringere als Farani Setlata.“
Gatyreth horchte auf.
„Ich habe meine Mutter gebeten, sie möge uns ein Paar werden lassen. Aber wir hatten keine Chance. Meine Mutter hatte bereits entschieden.“
„Ardeth...“
„Gatyreth, wenn du möchtest, spreche ich noch einmal mit meiner Mutter und bitte sie um eine andere Braut, egal, welche sie wählt. Nur befürchte ich, dass sie erstens nicht darauf eingehen wird und zweitens dass sie vielleicht deine Eltern bitten wird, dich möglichst schnell mit einer anderen zu vermählen.“
Er ließ Gatyreth ein bisschen Zeit, sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen, dann forderte er ihn auf:
„Sag mir, ob du das möchtest, dann werde ich es bei meiner Rückkehr tun.“
„Könntest du es denn sehr diskret erfragen und sie bitten, meine Eltern damit nicht zu behelligen, wenn sie deinem Plan nicht zustimmt?“
Gatyreth hatte inzwischen Vertrauen zu Ardeth gefasst.
„Ja, natürlich. Nur kann ich es nicht ausschließen, denn in diesen Dingen ist sie sehr... resolut. Das liegt an den Problemen, die es in letzter Zeit in unserem Clan gegeben hat. Sie fühlt sich dem Wohl der Bays absolut verpflichtet.“
„Ja“, gab Gatyreth jetzt lächelnd zu, „die eiserne Lady.“
„Gatyreth, wenn du möchtest, rede ich mit ihr, und ich werde mir alle erdenkliche Mühe geben, das verspreche ich dir. Alles andere liegt bei Allah!“
Gatyreth nickte. „Danke, Ardeth, hab tausendfach Dank!“
Nach einer Weile fügte er kleinlaut hinzu: „Und bitte, verzeih mein Benehmen! Ich war so von Wut geblendet... es tut mir leid...“
„Schon gut, Gatyreth. Ich bin echt froh, dass jetzt wieder alles zwischen uns beim Alten ist. Ich hoffe, es wird auch so sein, falls ich doch Nefer heiraten muss.“
Er warf Gatyreth einen letzten unsicheren Blick zu, aber wurde eines Besseren belehrt.
„Es wird so bleiben, Ardeth. Ich... also... ich muss sagen, du bist ganz anders als dein Großvater, oder zumindest, was man sich so von deinem Großvater erzählt. Ich bin froh, dass du Mitglied der Familie Bay bist und dass du... einmal unser Anführer werden wirst.“
Ardeth sah voller Erstaunen, wie Gatyreth seinen Kopf neigte. Er schluckte. Gatyreth hatte ihn verlegen gemacht. Als dieser ihn wieder ansah, zeigte sich ein unsicheres Grinsen auf Ardeths Gesicht.
„Gatyreth, noch ist es zum Glück nicht soweit... Freunde?“
„Freunde!“
Sie schlugen einander des anderen Hand und hielten sie eine Weile fest in der Hand.

Ardeth war ebenfalls erleichtert, dass niemand den Kommandanten darüber informiert hatte, was an dem Abend wirklich passiert ist. Falls doch, dann ließ es sich der Kommandant nicht anmerken. Die meisten Bewohner registrierten mit Erstaunen, dass sich Ardeth und Gatyreth auf einmal wunderbar vertrugen. Sowohl Sitre als auch Usimare atmeten erleichtert auf, denn sie wollten nicht zwischen den Streithähnen stehen. Und bevor Gatyreth zu seinem Stamm zurückkehren würde, sollte noch ein weiteres Abenteuer die beiden jungen Lords miteinander verbinden.

Lady Leyrah Bay erhielt regelmäßig Nachrichten von ihrem Sohn. Natürlich ahnte Ardeth nur, dass sie ihn überwachen lassen würde, aber er wusste nicht, wie sehr sie bemüht war, an seinem Ruf und seiner Zukunft zu arbeiten. Sie besuchte ihre künftige Schwiegertochter und sprach viel mit ihr über die Aufgaben einer Ersten Dame. Die Schüchternheit des jungen Mädchens gefiel ihr, hatte sie doch angenommen, dass ein Mädchen aus dem 1. Stamm wesentlich selbstbewusster auftreten würde. Nefer hatte weder ihren Eltern noch Lady Bay etwas von ihrer Liebe zu Gatyreth gestanden. Nur ihre Freundinnen wussten, was das Mädchen durchstehen musste, aber niemand wagte, sie darauf anzusprechen. Nicht nur Nefer litt leise vor sich, sondern auch Farani. Sie hatte Ardeth noch nicht einmal nach seiner Initiation im Horus-Zelt besuchen dürfen, da Lady Bay es untersagt hatte. Nun stand in einiger Zeit ihre eigene Initiation an und Ardeth würde nicht aus Kairo zurückkommen. Sie hatte sich zwar mit Ardeth ausgesprochen und beide hatten schweren Herzens aufeinander verzichtet, doch nun, da Ardeth fort war, vermisste sie ihn und ihre gemeinsame Gespräche und Scherze sehr. Sie ahnte, dass Leyrah es niemals zulassen würde, dass sie eine Leibwächterin der zukünftigen Lady Bay werden würde, wie es eigentlich einer Setlata zukam. Als Leyrah sie persönlich sprechen wollte, schwante ihr nichts Gutes. Es sollte einer der schlimmsten Tage für Farani werden. Leyrah empfing sie kühl und vermied jeden Hinweis darauf, dass sie eigentlich verwandt waren.
„Farani, ich kann es nicht erlauben, dass du weiterhin im 12. Stamm sein wirst, wenn Ardeth zurückkehrt“, eröffnete ihr Leyrah unissverständlich. „Du weißt, wie die Männer sind. Ardeth muss ein Jahr lang auf Nefer warten und ich will nicht das Risiko eingehen, dass ihr beide miteinander verkehrt.“
„Aber Lady Bay...“, versuchte sich Farani zu verteidigen, aber sie wurde jäh unterbrochen.
„Schweig, Farani, und hör zu!“
Farani senkte traurig den Kopf und nickte ergeben.
„Ich möchte nicht, dass Ardeth dich jemals wieder zu Gesicht bekommen wird. Nicht vor und auch nicht während seiner Ehe mit Lady Nefer Mahu. Daher kommt es nicht in Frage, dass du eine Kriegerin werden wirst.“
Farani sah sie entsetzt an. Leyrah warf ihr daraufhin einen funkelndem und warnendem Blick zu, sodass Farani der Protest im Halse stecken blieb.
„Als Kriegerin würde Ardeth dich irgendwann zwangsläufig sehen, selbst wenn du Dienst beim Tempel machen solltest. Glaube mir, mein Kind, ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich sehe leider keine andere Möglichkeit, als dich so schnell wie möglich zu verheiraten.“
Faranis Unterkiefer zitterte. Ich darf keine Kriegerin werden, ging ihr immer wieder durch den Kopf. Sie hatte sich so sehr auf ihre Initiation gefreut.
„Eine Heirat ist etwas sehr Schönes. Du wirst Kinder haben und dich um sie kümmern. Und du wirst auch deinen Mann lieben lernen, glaube mir, mein Kind.“
Leyrah wartete eine Weile, auch ihr gefiel nicht, was sie nun sagen würde, doch der Zweck heiligte das Mittel.
„Ich habe dir auch schon einen Mann ausgesucht“, Leyrah atmete hörbar durch, „nämlich den Krieger Mahd Ali Gandar aus dem 11. Stamm.“
Faranis Blick war nun nicht nur mehr entsetzt, sondern geradezu panikerfüllt. Daher sollte sie keine Kriegerin werden! Im 11. Stamm gab es diesen Brauch seit langem nicht mehr und Frauen hatten dort sehr viel weniger Rechte als in den anderen Stämmen.
„Aus dem 11. Stamm?“, fragte sie beinahe schrill nach.
„Ja, ich habe bereits mit ihm und seinen Eltern gesprochen, und natürlich auch mit deinen Eltern. Es ist alles vereinbart. Du wirst zum 11. Stamm reisen und dort wird sogleich eure Hochzeit stattfinden.“
„Lady Bay!“, stieß Farani hervor.
„Farani, ich erwarte Gehorsam von dir. Du wirst deinen Eltern und mir gehorchen – so wie du nach deiner Ehe deinem Mann gehorchen wirst. Hast du mich verstanden?“
„Aber... ich will nicht in den 11. Stamm!“, insistierte Farani.
„Ich sehe leider keine andere Möglichkeit, dass du für Ardeth unerreichbar wirst“, klang es schon beinahe kaltherzig.
„Ich verspreche, ich werde ihm nie unter die Augen treten! Nur lasst mich nicht einen gewöhnlichen Mann aus dem 11. Stamm heiraten. Bitte, lasst mich Kriegerin werden, ich werde Ardeth meiden, ich werde...“
„Schweig, Kind!“, herrschte sie Leyrah an. „Du magst mir jetzt versprechen, was du willst, und vielleicht wirst du dich sogar daran halten. Aber Ardeth? Selbst eine Ehe mit einem standesgemäßen Mann aus dem 11. Stamm würde ihn irgendwann deinen Weg kreuzen lassen, das weißt du sehr wohl. Es gibt nur diesen einen Ausweg, damit Ardeth dich nicht begehren kann.“
„Ardeth wird das nie tun, wenn er es verspricht....“
„Mein Kind, ich kenne die Männer besser als du.“
„Aber anscheinend nicht Ardeth so gut wie ich!“, brachte Farani trotzig hervor. „Er würde so etwas nie...“
Leyrah unterbrach sie barsch: „Du vergisst dich, Farani! Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit er ein guter Anführer wird. Und dazu gehört auch, dass du einen Mann heiratest, der dafür sorgt, dass du meinem Sohn niemals mehr unter die Augen treten wirst. Ich habe bereits mit Herrn Gandar darüber gesprochen, er weiß Bescheid, und du wirst alles tun, was er oder seine Eltern von dir verlangen.“
Farani war bleich geworden. Sie ahnte, was das bedeutete. Vermutlich würde sie zeitweise eingesperrt werden.
„Hör zu, mein Kind, schenke deinem Mann viele Söhne und du wirst in seiner Achtung immer hoch stehen.“
Farani blickte ihre Verwandte verzweifelt an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
„Lady Bay, ich bitte Euch! Ich bin eine Setlata, ich sollte eine Kriegerin werden...“
„Nein, du wirst keine Kriegerin werden und du wirst auch nicht deine Initiation machen. Die normalen Frauen im 11. Stamm tragen die Zeichen nicht. Es wäre deinem künftigen Gatten nicht recht, wenn du sie hättest.“
Farani fiel vor ihr zu Boden.
„Bitte, Lady Bay, tut mir das nicht an! Ich gehe, wo immer ihr mich haben wollt, ich werde Ardeth nie wieder unter die Augen treten, nur verheiratet mich nicht mit einem Mann aus dem 11. Stamm! Bitte!“, schluchzte sie mehr als das sie sprach.
„Farani, steh auf! Es hat keinen Zweck. Die Entscheidung von Lord Bay und mir ist gefallen. Wir gehen nun zum Zelt deiner Eltern. Du wirst noch heute mit ihnen zum 11. Stamm reiten. Deine Eltern werden dich begleiten, um deine Hochzeit mit dir zu feiern.“
Farani blieb auf dem Boden und hatte Tränen in den Augen. „Bitte...“ Noch nicht einmal von ihren Freundinnen im Anubis-Lager durfte sie sich verabschieden.
Leyrah tat das Mädchen leid, aber das Wohl ihres Sohnes war ihr wichtiger. Sie war von der Richtigkeit ihrer Entscheidung überzeugt. Sie wollte unter keinen Umständen irgend etwas riskieren. Ihr Onkel Wirianda war zwar traurig über das Schicksal seiner Tochter, doch Lady Bay widersprach man nicht, auch er nicht.
Zwar versuchten er und seine Frau Farani auf dem Ritt zum 11. Stamm zu trösten, aber es gelang ihnen natürlich nicht. Farani hatte ihr dunkelblaues Gewand ablegen müssen und trug ein weites Frauengewand. Sie wagte nicht, ihren Kopf zu heben. Ihr war es, als ritte sie zu ihrer Hinrichtung. Sie erlebte ihre Hochzeit wie in Trance, den Beischlaf mit ihrem Mann als Erniedrigung. Sie schloss ihre Augen und dachte an Ardeth. Nie würde sie ihn wiedersehen. Als ihre Eltern nach ihrer Hochzeitsnacht abreisten, bestimmte ihre Schwiegermutter über die Fünfzehnjährige und erlaubte ihr nicht, das Zelt allein zu verlassen. Sie musste sich bis auf die Augen vollständig verhüllen und sich an das vollkommen andere Leben in diesem Stamm gewöhnen. Von weitem sah sie sehnsüchtig zu den Kriegern, mit denen sie als Frau nicht sprechen durfte. Farani verrichtete all die Dinge, die von ihr verlangt worden. Sie schleppte das Wasser herbei, nähte die Kleidung und bereitete das Essen zu. Ihren Ehemann sah sie selten, auch unterhielt er sich nicht mit ihr. Wenn seine Mutter sich über sie beschwerte, schlug er sie. Ihre Schwiegermutter war gar nicht glücklich darüber gewesen, dass ihr Sohn ein Mädchen aus dem 12. Stamm, noch dazu eine adlige und eine, die in der Kriegerausbildung gewesen ist, geheiratet hat. Faranis Heimweh war ihnen gleichgültig. Das Mädchen fühlte sich wie in einem Alptraum gefangen. Es dauerte nicht lange und sie wurde schwanger.

In Kairo ahnte Ardeth von alldem nichts. Leyrah hatte seine Briefe an Farani abgefangen und dafür gesorgt, dass ihm nichts berichtet wurde. Vielleicht hätte ihr Sohn versucht, die Heirat zu verhindern. Besser war, ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen. So konnte sich ihr Sohn auch voll und ganz auf seine Ausbildung konzentrieren. Diese führte ihn bald in sein erstes Abenteuer.

Sakkara war eine der alten Nekropolen, die ins Interesse der Europäer und Amerikaner gerückt waren. Dort erhob sich die angeblich älteste Pyramide der Welt, die Stufenpyramide von Pharaoh Joser. Neben ihr standen noch weitere Pyramiden. Unzählige Gräber von damals hochgestellten Persönlichkeiten umgaben die Bauten, und in ihrer Nähe lagerte eines der Geheimnisse des Altertums. Die Medjai wussten zwar von diesem Geheimnis, aber sie kannten nicht den genauen Ort, an dem es verwahrt war. Es hätte überall in Unterägypten sein können.
Als Ardeth eines Abends seinem Onkel einen Besuch abstattete, befand sich dieser gerade in einer Besprechung mit zwei weiteren Medjai. Sie saßen um Leslies Arbeitstisch, der in einer Nische im großen Wohnraum stand. Ihr Gespräch klang sehr aufgeregt und Ardeth wagte es kaum, sich den dreien zu nähern. Leslie sah ihn und forderte ihn auf, sich dazu zu setzen. Auf dem Tisch lag eine Ostraka mit merkwürdigen Zeichen darauf. Sie war vielleicht zwanzig mal vierzig Zentimeter groß. Ardeth bekam ganz große Augen.
„Bei Allah...! Diese Zeichen...?“
Leslie nickte mit düsterer Miene.
„Darf ich?“, fragte Ardeth und streckte seine Hand in Richtung Ostraka aus.
„Ja, natürlich, nur zu!“ Er wandte sich wieder den beiden Männern zu. „Sind Sie sicher, dass der Händler nicht mit den Ausgräbern unter einer Decke steckt?“
„Wir sind sicher, Lord Bay. Es handelt sich um Hassan bin Garad, und der ist schon seit Jahren Händler. Er kann es sich nicht leisten, mit den Grabräubern direkt gemeinsame Sache zu machen!“
Leslie seufzte ergeben, und Ardeth meinte, es wäre eine gute Gelegenheit für eine Bemerkung.
„Das ist eine Fälschung...“
„Ja, das wissen wir auch, Ardeth“, erwiderte Leslie. „Aber dieser Hassan hat es von einer Person bekommen, die es anhand einer Vorlage hergestellt haben muss. Und ich möchte wissen, wo die Vorlage ist! Kann man aus diesem Hassan nicht herauskriegen, wer der Verkäufer ist?“
Die beiden Medjai schüttelten fast simultan ihre Köpfe.
„Wir haben ihn schon befragt. Wir glauben, er hat noch nicht einmal eine Ahnung, um was es sich überhaupt handelt.“
„Hm, das kann man nie wissen. Vielleicht hat er sich nur verstellt. Dummheit vorgegeben.“
„Nein, Lord Bay. Er dachte, diese Zahlen hier wären der Name der Figur, neben der diese Zahlen stehen. Wir haben ihn in dem Glauben belassen.“
„Lassen Sie ihn bewachen?“
„Natürlich, Lord Bay.“
Ardeth streichelte liebevoll über die Zahlen. Leslie warf ihm einen kritischen Blick zu.
„Diese Formel ist mehr als 10 000 Jahre alt, Onkel Leslie“, sprach er bewundernd.
„Ja, Ardeth. Und wir können davon ausgehen, dass sie wirklich funktioniert. Nicht auszudenken, wenn einer diese Formel entziffern kann und mal eben damit herumexperimentiert.“
„Sie kommt... direkt von den Göttern!“ Fast blitzte eine Träne in Ardeths Augen auf.
„Ardeth...“ Leslie rief Ardeth mit kritischem Unterton zurück in die Wirklichkeit.
„Ich meine natürlich, von den Besuchern aus dem All.“
„Ja, und wir verstehen das wenigste von dem, was sie uns hinterlassen haben. Das hier ist eines der Dinge. Nicht auszudenken, dass jemand den Ort gefunden hat, an dem sie damals unser Genmaterial mit dem ihren veredelt haben.“
„Lord Bay, wir müssen davon ausgehen, dass man diesen Ort gefunden hat“, gab einer der Medjai zu bedenken.
Leslie schüttelte fast verzweifelt mit dem Kopf. „Dann hoffen wir, dass derjenige keine Ahnung hat, was er da vor sich hat.“
„Aber hätten wir nicht längst von einem sonderbaren Fund hören müssen? Diese Grabräuber posaunen doch gern heraus, wenn sie etwas Spektakuläres gefunden haben!“, meinte Ardeth.
Leslie sah ihn finster an und meinte leise: „Du hast Recht. Das kann nur bedeuten, dass sie den Fund bewusst geheim halten.“
Ardeth nahm ein Blatt Papier von Leslies Stapel, der sich unordentlich auf dem Schreibtisch auftürmte, und einen Stift. Er begann, die Ostraka abzuzeichnen.
„Veranlassen Sie, dass sich unsere Leute genau umhören und umsehen. Es muss doch herauszufinden sein, wo man diesen merkwürdigen Fund gemacht hat. Ich werde mich auch in westlichen Kreisen umhören.“
„Ja, Lord Bay. Sobald wir Neuigkeiten von Hassan bin Garad haben, werden wir Euch Bescheid sagen.“
Die beiden Medjai verließen Leslies Haus. Ardeth hatte seine Kopie beendet, faltete das Blatt zusammen und steckte es ein. Leslie schenkte sich eine Tasse Tee ein.
„Du auch eine?“
„Ja, danke, Onkel Leslie.“
Während Leslie ihm eine Tasse Tee reichte, erkundigte sich Ardeth:
„Der Legende nach befindet sich an diesem Ort die Halle der Schöpfung, nicht wahr?“
Leslie nickte.
„Dann könnte die originale Ostraka also aus der Halle der Schöpfung stammen.“
„Anzunehmen.“
„Ich glaube, diejenigen, die die Halle gefunden haben, wissen oder haben eine Ahnung davon, was sie gefunden haben. Sonst würden sie Originale verscherbeln und nicht mühsam Kopien anfertigen lassen. Sie wollen die Wände nicht beschädigen.“
„Hm...“
„Ich glaube auch nicht, dass diejenigen, die Ahnung haben, Kopien angefertigt haben. Es wird sich um irgend einen einheimischen Arbeiter handeln, der sich ein bisschen Geld dazu verdienen will. Einer mit geschickten und schnellen Händen.“
Leslie sah Ardeth an. „Worauf willst du hinaus?“
„Dass diejenigen, die die Halle gefunden haben, gezielt danach gesucht haben. Sie wollen diese Halle nutzen.“
„Ardeth!“, rief Leslie entsetzt. „Das wäre furchtbar!“
Ardeth nickte leicht, aber überlegte laut weiter: „Nur wozu brauchen sie das? Was wollen sie damit anfangen?“
„Einen sensationellen Fund vorstellen.“
„Möglich. Aber eher unwahrscheinlich. Mit dem Fund kann man ganz andere Dinge anfangen als irgendwelche Scherben in Museen ausstellen. Onkel Leslie, in Europa herrscht doch Krieg. Ich habe gehört, sie setzen Massenvernichtungswaffen ein und haben Panzer, Raketen und Bomben. Stell dir mal vor, eine dieser Formeln ermöglicht das Leben eines übermächtigen Wesens, eines Monsters mit überlegener Kraft. Was wäre das für eine Waffe!“
Leslie staunte Ardeth mit offenem Mund an.
„Du vermutest politische Motive hinter dieser Ausgrabung?“
„Wäre doch möglich. In dem Fall müsstest du dich auch umhören, ob es ein Team eines der kriegführenden Mächte hier gibt.“
„Aber die sind alle mehr oder weniger in den Krieg verstrickt.“
„Es war nur so eine Idee...“
„Du hast Recht, ich werde meine Ohren ganz weit auf machen. Wozu hast du eigentlich die Zeichnung angefertigt?“
„Vielleicht finde ich in der Bibliothek doch irgendetwas... was du noch nicht gefunden hast...“, neckte Ardeth seinen Onkel.
Ardeth war froh, dass sein sonst so gut gelaunter Onkel erstmals an diesem Abend ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte.
„Komm, lass uns essen!“, lud er ihn ein. „Wenn ich mich ärgere, krieg ich immer einen mächtigen Appetit!“

Ardeth zeigte seinen sechs Kameraden und Kameradinnen die Zeichnung in der Bibliothek am nächsten Tag und bat sie, gezielt nach Hinweisen zu suchen. Natürlich gab es Papyrusrollen mit dieser sehr alten Schrift, die keinem Ägyptologen je unter die Augen gekommen waren, aber es waren nur sehr wenige. Auch die Medjai konnten diesen Schrift nur bruchstückweise lesen. Ihr Wissen basierte in diesem Fall auf Hörensagen und die über Jahrtausende weitergegebene Information war wahrscheinlich nicht immer richtig tradiert worden.
„Man sagt, diese Schrift sei noch unter König Menkaure verwendet worden“, meinte Sitre.
„Ja, ich erinnere mich auch dunkel daran, davon gehört zu haben“, pflichtete Gatyreth bei. „Aber sie sollen damals schon nicht mehr gewusst haben, was das alles bedeutet.“
„Menkaure...“, überlegte Chiaranche. „Vielleicht handelt es sich um Ausgrabungen bei Giza.“
„Naja, dort wird ständig etwas ausgegraben. Schon möglich“, stimmte Per'Agun zu.
„Es kann aber auch woanders sein“, meinte Ardeth, „die im Alten Reich haben überall Grabstätten angelegt. Wenn es überhaupt damit etwas zu tun hat.“
Die sieben Medjai-Studierenden nahmen sich eine Rolle nach der anderen vor. Ihnen rauchten bald die Köpfe, aber da sie zusammenarbeiteten, gelang es ihnen, vieles zu entziffern, was bislang noch niemand zuvor entziffert hatte. Sie hielten alles in einem Notizbuch fest.
Zwei Tage lang füllte sich dieses Büchlein mit Informationen. Am Abend des zweiten Tages saßen Ardeth, Sitre und Gatyreth noch lang nach Schließung der öffentlichen Bibliothek zusammen, die anderen waren schon gegangen. Während Sitre und Gatyreth über einem weiteren der seltenen Papyri saßen, hatte sich Ardeth ein ganz normales Buch aus der öffentlichen Bücherei geholt.
„Texte aus dem Alten Reich“, zitierte Gatyreth den Titel, der auf dem Einband stand. „Was willst du denn damit?“
„Mal schauen. Es handelt sich um eine Sammlung an Texten, die man in diversen Unterlagen gefunden hat. Ich erinnerte mich daran, dass einige Ägyptologen diese Texte als Grundlage genommen haben, um das Leben zur damaligen Zeit zu schildern. Es handelt sich um Hinterlassenschaften von den einfachen Leuten.“
„Da wirst du nichts finden. Die hatten doch keine Ahnung vom Geheimwissen der Alten.“
„Mag sein, aber ihr bearbeitet da den letzten Papyrus, den es mit der alten Schrift gibt. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo ich noch suchen soll.“
Er schlug etwas resigniert das Buch auf und begann zu lesen, während die beiden anderen weiter zu übersetzen versuchten und notierten, was ihnen halbwegs brauchbar erschien. Nach einer weiteren Stunde streckte und reckte sich Gatyreth.
„Ich glaube, wir sollten auch langsam gehen. Heute finden wir eh nichs mehr... Wie spät ist es eigentlich?“
„Ich geh mal rauf und hol uns etwas zu trinken, dann sag ich dir, wie spät es ist“, erwiderte Sitre und stand auf. Als er an Ardeth vorbeiging, warf er einen Blick in den Wälzer, in dem Ardeth las.
„Oh, ein Bericht von einem Zahnarzt!“, meinte er neckend. „Genau das, was wir suchen.“
Doch Ardeth reagierte gar nicht auf die Neckerei, sondern wirkte intensiv vertieft.
„Hui, das muss wirklich spannend sein!“, schob Sitre hinterher.
„Wer weiß?“, erwiderte Gatyreth. „Vielleicht wird gerade ein Zahn gezogen.“
Und sehr zu ihrem Erstaunen rief Ardeth auf einmal laut:
„Das ist es!“
Sitre und Gatyreth sahen sich überrascht an. Und bevor einer der beiden sagen konnte, Ardeth solle sie nicht anführen, sprach er aufgeregt weiter:
„Hier! Der Hofzahnarzt von Pharaoh Joser. Er schreibt: Mein Grab soll in der Nähe meines Herrn sein, des allmächtigen Pharaos Joser, dem Horus und so weiter, also eben alle Titel. Und dann: Aber mein Wunsch ist es, nicht in der Nähe jener alten Kammer der Schöpfer beigesetzt zu werden, sodass ich ihrer Schrecken nicht gewahr werde.“
„Wow!“, gab Gatyreth von sich. „Kammer der Schöpfer!“
„Ja, das muss die Halle der Schöpfung sein!“, meinte auch Sitre. Beide hatten sich hinter Ardeth gestellt und starrten in das Buch.
„Wo ist er denn dann begraben worden?“
„Naja, er schreibt, er will in der Nähe von Joser begraben werden, aber nicht auf der Seite, wo die Schöpfungskammer liegt.“
„Und auf welcher Seite ist er dann begraben worden?“
„Was weiß ich, Sitre! Ist doch auch egal! Wichtig ist, dass die Kammer der Schöpfer in der Nähe von Josers Grab liegt.“
„Und das ist in Sakkara“, jubelten alle drei und klatschten ihre Handflächen aneinander.
„Sakkara, die Kultstätte des Alten Reiches. Passt hervorragend!“, fügte Sitre hinzu.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Gatyreth.
„Wir schauen nach, ob dort ein Grabungsteam zuwerke ist“, schlug Ardeth vor. „Gatyreth, wir zwei reiten hin. Sitre, du reitest zum Anwesen der Medjai und sagst Kommandant Korlan Bescheid. Er soll einen Trupp losschicken, falls wir Unterstützung benötigen.“
„Falls...“, wiederholte Gatyreth.
„Jawohl, Lord Bay“, antwortete Sitre gespielt brav. „Ich glaube, der Kommandant wird nicht davon erbaut sein, dass ihr nicht erst zum Anwesen kommt.“
„Ach, was soll uns schon passieren? Wir schauen doch nur, ob sich da was tut! Wenn ja, dann warten wir auf den Trupp. Bis dahin haben wir schon mal ausspioniert, auf welcher Seite sich da was tut. Ich glaube nicht, dass sie den Zahnarzt ausgegraben haben. Also, wir erwarten den Trupp beim Eingang zum Gelände der Joser-Pyramide. In der Ummauerung kann man sich gut in den alten Seitennischen verbergen und ebenso die Pferde.“
„Ihr unternehmt bitte nichts, bevor nicht der Trupp da ist. Sonst kriegen wir mächtig Ärger, Ardeth.“ Sitre war grundsätzlich eine Spur vorsichtiger als die anderen. „Hm, vielleicht sollte ich mit dir reiten, Ardeth, und Gatyreth verständigt Kommandant Korlan.“
„Nein, nein“, wehrten Ardeth und Gatyreth fast gleichzeitig ab. „Wir warten auf die anderen.“
Sitre warf den beiden noch einen letzten skeptischen Blick zu, bevor er verschwand. Auch Ardeth und Gatyreth verließen die Bibliothek, schlossen hinter sich zu und holten ihre beiden Pferde aus den Stallungen.

Es war kurz nach Mitternacht, als Gatyreth und Ardeth in Sakkara ankamen. Sie näherten sich der Stätte um die Joser-Pyramide mit der größtmöglichen Vorsicht. Es ging hügelanwärts in Richtung Eingang. Das ganze Gelände war einst von einer breiten Mauer umgeben gewesen. Durch einen Korridor erhielt man Zutritt, hier war es auch, wo die beiden jungen Männer die Pferde ließen. Sie schlichen zu Fuß weiter, doch die Stufenpyramide versperrte ihnen den Weg. Sie sahen weder davor noch an ihren Seiten Menschen.
„Hier ist nichts zu sehen“, meinte Gatyreth und spähte durch die recht dunkle Nacht.
„Man hört auch nichts“, fügte Ardeth hinzu.
„Lass uns erst mal zu den Mastabas von Mereruka, Kagemmi und Anchmahor gehen und uns dort umschauen. Da können wir wenigstens gut Deckung halten“, schlug Gatyreth vor.
Ardeth erklärte sich einverstanden und vorsichtig gingen sie an den Resten der Hebsed-Kapelle, an den Häusern des Nordens und des Südens vorbei, überquerten den Kultbezirk, wo es fast nur noch Sand und zerbröselte Steine gab und gingen weiter in Richtung Nordosten. Auf einmal hielt Gatyreth Ardeth am Ärmel fest und wies nach Nordwesten. Auch Ardeth sah, dass sich dort etwas bewegte. Sofort legten sie sich flach auf den Boden, um nicht entdeckt zu werden.
„Das müssen sie sein!“, flüsterte Gatyreth.
„Die befinden sich noch ein gutes Stück vor der Mastaba des Ti. Aber da ist doch nichts...“
„Und daneben, links meine ich... was ist das?“
„Auch eine Mastaba. Ptahhoteps. Aber mir ist nicht bekannt, dass dazwischen auch etwas ist.“
„Dann liegt da vielleicht die Schöpfungskammer.“
„Muss aber sehr tief in der Erde sein. Okay, lass uns näher ran robben.“
Nur mühselig kamen sie voran, aber konnten sich immerhin auf 50 Meter Entfernung unentdeckt nähern. Sie erkannten sechs einheimische Arbeiter an ihren Galebeas, ein weiterer Mann sprach etwas, das sie nicht verstanden, mit einem anderen. Sie deuteten auf einen Punkt, und Ardeth und Gatyreth konnten erkennen, dass es sich um den Eingang ins unterirdische Reich handeln musste. Dort stützten Balken einen Stollen ab.
„Einer von uns muss zurück und den anderen Bescheid sagen, wo die Ausgräber sind“, raunte Gatyreth Ardeth zu, der sich halb erhoben hatte, um die Stätte besser überblicken zu können.
„Ja...“, murmelte er, zuckte dann aber zusammen und legte sich rasch nieder. „Da kommt wer!“
Tatsächlich vernahm auch Gatyreth das Vibrieren des Bodens, so als ob mehrere Pferde angeritten kamen. Schon bald sahen sie, dass es sich um einen Wagen handelte, der von zwei Pferden gezogen wurde. Ein Kutscher und ein weiterer hellhäutiger Mann saßen auf dem Kutschbock. Auf der Ladefläche erkannten die beiden jungen Medjai mehrere Tiere, die aneinander gebunden waren, und zwei Jungen, vielleicht zwölf Jahre alt, die ebenfalls gefesselt und sogar geknebelt schienen. Ardeth und Gatyreth sahen sich fragend an. Sie hörten, wie der eine Europäer dem Kutscher auf Arabisch, aber mit einem starken Akzent, zurief, dass es lange gedauert hätte, bis sie gekommen wären und dass sie ihre Fracht endlich abladen sollen. Der Kutscher rief zwei Arbeiter zu Hilfe und trieb die Tiere und die beiden Jungen unter Stockhieben in den Stollen. Alle verschwanden nun darin. Nur die Pferde und die Kutsche wurden draußen zurückgelassen.
„Was soll das? Was haben die vor?“, fragte Gatyreth aufgeregt.
„Ich fürchte, sie machen Experimente.“
„Nein!“, rief Gatyreth entsetzt.
„Menschen und Tiere.“
„Das... das dürfen wir nicht zulassen. Ardeth, was sollen wir nur machen?“
Ardeth überlegte eine kurze Weile, dann sprach er: „Ich glaube, die anderen werden uns auch so finden, ohne dass einer von uns zurückgehen muss. Außerdem sehen sie ja hier die Pferde und die Kutsche. Aber wir sollten nachhelfen.“
Er erhob sich und näherte sich ganz unbedenklich dem Wagen.
„Ardeth, was soll das? Komm her! Wenn man dich sieht!“, schimpfte ihm Gatyreth besorgt hinterher.
„Mich wird keiner sehen. Alle sind sie da drin. Und ich wette, da geht es ganz tief hinein. Das ist viel zu spannend, als dass sich das einer von denen entgehen lassen will. Also komm jetzt und hilf mir!“
Gatyreth folgte ihm, nicht ohne aufzustöhnen. Währenddessen hatte Ardeth den Wagen erreicht, riss eine Latte locker, dann noch eine und noch eine, bis er fünf beisammen hatte. Die steckte er auf einem kleinen Hügel in den Sand, band sie fest mit einem der Seile, die lose auf der Ladeflächen lagen, und steckte ein Schwefelhölzchen an, mit dem er die Bretter anzündete. Gatyreth sah ihm verwundert zu und linste auch mal verstohlen zum Stollen herüber.
„So“, meinte Ardeth und löschte sein kleines Schwefelhölzchen, „das Signal dürften unsere Kameraden selbst von Josers Pyramide aus sehen. Und jetzt komm!“
„Ardeth? Du willst da nicht wirklich rein!“
„Doch, wir müssen das Experiment verhindern! Wir müssen sie solange aufhalten, bis unsere Kameraden kommen.“
„Ardeth, hältst du das für klug?“
„Hältst du es für klüger hier draußen zu warten und zu riskieren, dass uns demnächst ein paar Monster aus dem Stollen da entgegenkommen und uns aufessen?“ Und da Gatyreth ihn nur unschlüssig ansah, meinte er weiter: „Also halte deine Waffe bereit!“
Ardeth ging entschlossen auf den Eingang zu und Gatyreth blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
„Was... was sollen wir zwei denn gegen die unternehmen?“, fragte er gehetzt.
„Weiß ich auch noch nicht. Lass uns erst mal schauen, wo die sind und was die machen.“
Möglichst leise und vorsichtig schritten die beiden jungen Männer voran, wurden aber langsamer, je tiefer sie in den Stollen eindrangen. In unregelmäßigen Abständen waren kleine Fackeln an den Wänden befestigt, die den Stollen aber nur spärlich beleuchteten. Er war auch ziemlich flach, so dass auch die beiden jungen Männer sich bücken mussten. Häufig stolperten sie über lose Gesteinsbrocken auf dem Boden, und Ardeth stürzte sogar einmal zu Boden, da er voranging. Beide bemerkten, dass der Gang sich in die Tiefe neigte. Sie mussten schon viele Meter unterhalb der Erde sein. Die Luft war ziemlich stickig, und nur, weil der Stollen recht breit angelegt war, war es überhaupt möglich zu atmen. Nach vielleicht zwanzig Minuten vorsichtigem Fußmarsch erblickten die beiden in der Ferne einen hellen Punkt. Von nun an gingen sie ganz langsam, um sich nur nicht zu verraten. Als sie die letzte Fackel passiert hatten, gingen sie fast auf Zehenspitzen und unsagbar langsam voran. Zuletzt robbten sie über den unebenen Boden, um nicht gesehen zu werden. All ihre Vorsicht war jedoch unnötig, denn auf einmal ging es nicht mehr weiter, sondern senkrecht nach unten. Vorsichtig lugten sie über den Rand und blickten in eine weit geöffenete Halle, die hell erleuchtet war. In ihr standen zehn einheimische Arbeiter und vier hellhäutige Menschen, dazu die Tiere und die beiden Gefangenen. Die Wände waren bunt bemalt und über und über mit den alten Zeichen versehen. In der Mitte standen zwei große Altar ähnliche Tische, große Steine, aber sehr glatt geschliffen. An den Seiten befanden sich merkwürdige Truhen. Auf einigen von ihnen lagen Werkzeuge. Das merkwürdigste aber war eine Einrichtung, die zwischen den beiden großen Tischen stand: eine Art Ständer, in dem ein Gefäß gehalten wurde. Dieses hatte die Form eines Ankh-Kreuzes. Es war weder aus Glas noch aus Ton, sondern es schien aus irgendeinem Metall zu sein.
„Was ist das?“, flüsterte Gatyreth.
„Keine Ahnung.“ Ardeths Augen suchten die Wände ab. „Das sind Formeln.“
„Ja.“
Während die beiden Medjai sich den Raum anschauten, hatten drei Arbeiter einen der Gefangenen entkleidet und auf einen der Tische gelegt. Sie banden den Jungen fest, der immer noch geknebelt war.
„Es geht los“, stieß Gatyreth Ardeth an. „Wir müssen etwas unternehmen.“
„Noch einen Moment Geduld...“, bat sich Ardeth aus.
„Wonach suchst du?“
Ardeth ließ sich nicht beirren, während fünf Meter unter ihm eines der Tiere ausgewählt wurde. „Schon gefunden“, meinte er nach einer kurzen Weile. „Schau da drüben links. Da ist das Ankh angemalt. Und da steht eine Formel.“
Gatyreth besah sich die Zeichnung so aufmerksam, wie es ihm in dieser Situation möglich war. „Nein, das kann doch nicht sein“, meinte er empört, aber immer noch flüsternd.
„Und genau vor uns ist auch so eine Formel. Da taucht wieder das Ankh-Kreuz auf. Aber da geht es nicht um Affe und Ibis, sondern um Mensch und Hund.“
Auf dem zweiten Tisch wurde ein Hund befestigt.
„Ardeth! Wir müssen etwas unternehmen!“, sprach Gatyreth aufgeregt, aber dieses Mal so laut, dass zwei Arbeiter, die genau unter ihnen standen, aufmerksam wurden und nach oben schauten. Nun schien alles gleichzeitig zu geschehen: Die beiden Arbeiter schrieen auf, Ardeth und Gatyreth ließen sich mit Hilfe der Strickleiter, die neben ihnen baumelte, in Sekundenschnelle herabgleiten, Gatyreth zerschnitt die Strickleiter, um den Ausgräbern den Rückweg zu erschweren, Ardeth stürzte sich auf die seltsame Vorrichtung zwischen den Tischen und ergriff das metallartige Ankh, beide zogen ihre Schwerter und richteten sie gegen die Ausgräber. Das hielt zumindest die Arbeiter davon ab, sich auf die beiden Eindringlinge zu stürzen. Doch zwei von den Europäern zogen ihre Schusswaffen, ebenso Gatyreth, der eine Hand mehr frei hatte als Ardeth, und er zögerte nicht, auf die Menge zu schießen, während Ardeth nach einem Weg suchte. Er hatte vorher von oben gesehen, dass rechts in dem Raum eine Art Öffnung war. Dort versuchte er hinzugelangen, während Gatyreth ihnen den Weg freischoss. Die beiden Europäer getrauten sich nicht so recht zu schießen, sie hatten vermutlich Angst, das Ankh zu beschädigen, allein dadurch, dass Ardeth zu Boden stürzen könnte. Sie riefen ihren Arbeitern auf Arabisch zu, sie sollen die beiden lebendig fangen und auf das Ankh achtgeben, aber bevor die Arbeiter die Medjai erreichten, waren die beiden in den schmalen Gang eingedrungen und bahnten sich einen Weg. Zunächst wurde der noch von der Halle beleuchtet, wurde aber zunehmend dunkler, bis sich völlige Dunkelheit ausbreitete. Sie tasteten sich vorwärts. Beide wussten, die anderen konnten Fackeln von den Wänden zu Hilfe nehmen. Sie würden sie bald eingeholt haben. Ardeth hielt mit der Linken das Ankh fest in den Händen, während er mit der Rechten die Wände abtastete. Gatyreth entzündete im Gehen ein Schwefelhölzchen und beleuchtete für kurze Zeit ihren Weg. Es reichte, um wieder ein paar Meter Vorspung zu haben. Die Luft wurde zunehmend stickiger. Sie hörten hinter sich die Arbeiter.
„Ardeth, du musst das Ankh zerstören!“
„Dann sind wir auch tot. Nein, das Ankh ist unsere Lebensversicherung.“
„Aber Ardeth! Es ist wichtiger, das Ankh...“
Gatyreth kam nicht weiter, denn Ardeth unterbrach ihn barsch:
„Entzünde noch ein Hölzchen! Wir müssten uns irgendwie verbarrikadieren und mit denen verhandeln, bis die anderen kommen. Wir müssen Zeit gewinnen!“
Gatyreth tat wie gewünscht und entfachte drei Hölzchen hintereinander.
„Da!“, rief Ardeth. „Vor uns gabelt sich der Weg. Rechts oder links?“
„Äh...“
„Links. Vielleicht haben wir Glück und die gehen rechts. Rechts ist, glaub ich, breiter.“
„Und wenn links in eine Sackgasse führt?“
„Wenn... wenn...egal, komm jetzt!“
„Ich krieg gleich keine Luft mehr.“
„Dann halt den Mund und spar sie dir auf!“
Als die Arbeiter kamen, teilten sie sich auf. Je vier setzten zur Verfolgung links und rechts an, jeweils begleitet von einem Europäer mit Schusswaffe. Gatyreth, der hinter Ardeth ging, hörte es hinter ihnen rumoren.
„Mist...“, fluchte er.
„Licht!“, rief Ardeth, und Gatyreth beeilte sich, eins seiner letzten Hölzchen anzuzünden.
„Und wirf es nicht weg.“
„Sie werden es riechen.“
„Hier sind Seitennischen“, meinte Ardeth.
„Ja... da ist was drin, glaub ich...“
„Wir verstecken uns darin.“
„Die werden uns finden.“
„Was ist das eigentlich?“ Ardeth hielt an und betrat eine der Nischen. „Leuchte mal hier!“
Gatyreth hielt das Hölzchen hin. Sie sahen beide eine merkwürdige eingewickelte Gestalt.
„Eine Mumie...“, meinte Ardeth.
„Aber kein Mensch...“
Beide erschauterten, denn sie hatten den gleichen Gedanken. Es musste sich um ein Opfer der Genversuche handeln.
„Ardeth, sie kommen näher...“
„Lass sie uns niedersäbeln! Du gehst in die Nische gegenüber, ich bleibe hier, und sobald sie sich nähern, schlagen wir zu.“
„Es waren dort über ein Dutzend Personen...“
„Hast du ne bessere Idee?“
Gatyreth seufzte ergeben und begab sich in die gegenüberliegende Nische, nicht ohne sich zu gruseln beim Einblick einer weiteren merkwürdig deformierten Mumie. Sie lauschten angestrengt auf das Näherkommen ihrer Verfolger. Dann sahen sie flackerndes Licht, das von den Fackeln kam. Es näherte sich aber nur langsam. Anscheinend leuchteten die Verfolger die Nischen aus, um nicht böse von den beiden Eindringlingen überrascht zu werden. Ardeth fluchte innerlich. Er trat einen Schritt zurück, wie um sich vor dem Licht zu verbergen, das gleich nach ihm leuchten würde. Dabei berührte er mit dem Fuß die Mumie, die lieblos auf dem Boden lag. Eine Idee kam ihm und er beeilte sich, Gatyreth möglichst leise zuzuraunen, dass er die Mumie nehmen sollte, um die Arbeiter zu erschrecken. Dann nahm er leise die Mumie auf, die sich hinter ihm befand. Sie war halb so groß wie er selbst. Er hielt sie vor sich, nachdem er das Ankh vorsichtig abgelegt hatte. Er bemerkte, wie die Nische vor seiner abgeleuchtet wurde. Jetzt noch ein Schritt... die Fackel war schon halb zu sehen. Da sprang Ardeth mit lautem Geschrei aus seiner Nische und hielt die Mumie fest vor sich, sodass die Arbeiter nur die Mumie zu sehen bekamen und erschrocken zurückwichen. Gatyreth hatte leicht zeitversetzt das gleiche getan. Die zurückstürzenden Arbeiter hatten ihre Hinterleute umgerempelt, die zu Boden gingen, ebenso der Europäaer, der als letzter gefolgt war. Es war ein leichtes für die beiden Medjai, die vorderen Arbeiter niederzumetzeln. Dann sprangen sie über die ersten drei so getöteten hinüber und wollten sich auf die inzwischen wieder auf die Beine gekommenen Arbeiter stürzen, doch die waren mit Entsetzensschreien geflüchtet, nur der Europäer starrte die beiden Medjai entsetzt an, hatte jedoch keine Zeit, seine Schusswaffe auf sie zu richten. Gatyreth stieß ihm sein Schwert in den Leib.
„Die anderen?“, fragte Ardeth.
„Kommen so schnell nicht wieder. Oder sie holen Verstärkung, denn das hier waren längst nicht alle.“
„Die müssen sich geteilt haben. Aber jetzt haben wir ein wenig mehr Zeit...“
„...und eine Fackel“, ergänzte Gatyreth und hob die Fackel des ersten Arbeiters auf, die noch brannte. „Lass uns verschwinden!“
Sie ließen die Toten und die Mumien zurück und rannten durch den Korridor, der rechts und links Unmengen von Nischen und Mumien aufwies. Auch war die Luft nicht mehr ganz so stickig.
„Ich glaube, es geht nach oben....“
„Ja, der Weg steigt an“, stimmte Gatyreth zu.
Nach einer Viertelstunde, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkam, erblickte Ardeth, der immer noch voranschritt, eine Tür. Sie stand halbgeöffnet. Sie gingen hindurch und befanden sich in einem größeren Raum. Auch hier befanden sich Truhen und Tische.
„Das ist noch so ein Raum.“
„Aber zu anderen Zwecken.... hier wurden die Leichen mumifiziert“, meinte Gatyreth, während er sich umschaute. Er wies mit der Fackel an eine Wandzeichnung, die eindeutig war. Man konnte Menschen, Tiere und merkwürdige Zwitterwesen in Begleitung von Anubis sehen.
„Lass uns die Tür verbarrikadieren.“
Sie nahmen alle beweglichen Dinge, die sie finden konnten, und verbarrikadierten die Tür. Danach ließen sie sich erschöpft auf den Boden fallen und atmeten schwer. Die Anstrengungen der vergangenen Stunde forderten ihren Tribut. Sie waren völlig erschöpft. Gatyreth war zudem von einem Pistolenschuss gestreift worden, als er dem flüchtenden Ardeth den Rücken freigehalten hatten. Außerdem bluteten beide an Händen, Unterarmen und auch im Gesicht, da sie oft an die rauhen Felsen geschrammt waren. Beide grinsten sich vielsagend an, so als wären sie mit dem anderen und auch sich selbst sehr zufrieden gewesen, dann griffen sie zu ihrem Wasserbehälter. Gatyreth hatte gerade seinen ersten Schluck genommen, als er meinte:
„Sie werden versuchen, die Tür zu sprengen. Wir sollten hier schleunigst verschwinden.“
Ardeth nickte und sah besorgt zu der Barrikade.
„Ja, sie können ja auch nicht so ohne weiteres zurück. Hoffentlich sind inzwischen unsere Leute da.“ Er erhob sich und ging durch die Halle, während Gatyreth noch weitere Schlucke zu sich nahm. Er presste eine Hand gegen seine Wunde an dem rechten Oberarm.
„Gatyreth, hier!“, rief Ardeth. „Komm, und bring die Fackel mit!“
Gatyreth erhob sich, nahm die Fackel von der Vorrichtung an der Wand und trat zu Ardeth. Tatsächlich gab es eine weitere Tür. Sie lag der anderen so ziemlich gegenüber und auch sie war nicht geschlossen. Ardeth war bereits hindurch gegangen, aber wartete auf seinen Kameraden, denn er sah sich auf einmal einer Wand gegenüber – in weniger als zwei Meter Entfernung zu der Tür.
„Was ist das?“, wollte Gatyreth wissen.
„Weiß nicht... aber merkwürdig, dass die Tür nur zu so einem kleinen Raum führt.“
„Vielleicht haben sie hier Geräte aufbewahrt, fürs Mumifizieren, meine ich.“
„Kann sein.“ Ardeths Stimme klang enttäuscht. „Lass und im Saal noch mal suchen, vielleicht gibt es noch eine Tür.“
„Hoffentlich nach draußen und nicht in weitere Lagerungsräume.“
Sie gingen in den Saal zurück, aber so sehr sie auch die Wände absuchten, sie konnten keine weiteren Türen entdecken, nur Nischen. Inzwischen vernahmen sie, dass es jenseits ihrer Barriere laut wurde.
„Mist, sie sind da....“, kommentierte Ardeth überflüssigerweise.
„Was nun?“
„Hoffen wir, dass die Medjai ihnen auf den Fersen sind...“
Sie sahen sich ratlos an. Ardeth trat noch einmal in die kleine Kammer.
„Du willst dich doch nicht in dem kleinen Raum verstecken. Da finden sie uns sofort.“
Tatsächlich hatte Ardeth darüber nachgedacht, doch natürlich hatte Gatyreth recht. Sie konnten dem Gegner nur im offenen Kampf in der Halle gegenübertreten.
„Du musst endlich das Ankh zerstören. Es darf ihnen nicht in die Hände fallen.“
In Ardeth sträubte sich alles gegen diesen Gedanken. Gerade, als er resignierend zu Gatyreth zurückgehen wollte, um seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen, fiel ihm ein Luftzug auf, der von der Wand kam, die gegenüber zur Tür lag. Er untersuchte die Stelle und stieß auf eine Unebenheit, eine Art Spalt.
„Gatyreth, komm mal her!“, rief er aufgeregt. Er wartete nicht ab, bis sein Freund bei ihm war, sondern sprach weiter: „Das hier scheint die Rückseite einer Tür zu sein.“
„Also eine Tür!“, meinte Gatyreth und trat neben Ardeth.
„Nein, also, ich meine, ich weiß nicht. Das ist irgendwie merkwürdig. Leuchte mal hier!“
Gatyreth beleuchtete die Fläche und vor allem den Spalt, der sich wirklich türahnlich an der Wand entlangzog.
„Ich glaube, ich weiß, was das ist...“, sinnierte Ardeth und fühlte die Wand ab, wie um sich selbst zu vergewissern. „Eine Scheintür von hinten.“
„Ja, das könnte sein“, stimmte Gatyreth zu. „und wenn hier die Rückseite einer Scheintür ist, dann ist die Vorderseite ein Stück Wand eines Grabes.“
„Das bedeutet, auf der anderen Seite dieser Tür geht’s weiter.“
„Ardeth, wer immer das Grab hinter dieser Tür angelegt hat, er muss doch gewusst haben, dass hier so eine Halle ist.“
„Sehe ich auch so. Vielleicht ist das Grab auch nur eine Tarnung, um die Halle zu schützen.“
„Gut, aber was hilft uns das jetzt?“
„Naja, wenn das Grab bewusst als Schutz angelegt wurde, muss es einen Durchgang geben, um vom Grab in die Halle heimlich zu gelangen. Eine Art Mechanismus, der die Tür öffnet, und zwar von beiden Seiten.“
Gatyreth wartete keine Aufforderung von Ardeth ab. Sofort machten sich die beiden auf die Suche noch einem Hebel oder einer anderen Vorrichtung, um die Scheintür zu öffnen. Jeden Moment konnten die Grabräuber hier sein. Während Gatyreth akribisch die Wände absuchte, stellte sich Ardeth vor die Rückseite der Scheintür und überlegte.
„Etwas Unscheinbares... was ist unscheinbar?... unscheinbar...“
„Ardeth, schließ die Tür! Dann sehen sie uns nicht gleich, falls sie die Barriere sprengen.“
Ardeth warf der halb offen stehenden Tür einen bedenklichen Blick zu und überlegte sich, was wäre, wenn sie diese Tür nicht mehr von hinten und auch die Scheintür nicht öffnen könnten. Dann wären sie eingesperrt. Er wischte den Gedanken schnell beiseite, schließlich waren da ja immer noch die anderen Medjai, die sie finden konnten. Irgendwie, irgendwann jedenfalls. Also entschloss er sich, die Tür zu verschließen. Gatyreth war inzwischen der Verzweiflung nah. Durch nichts ließ sich die Tür öffnen.
„Wahrscheinlich muss man so etwas wie 'Sesam öffne dich' sagen, dann...“
Die Rückseite der Scheintür schwang kreischend in ihre Richtung auf. Gatyreth machte einen entsetzten Sprung nach hinten, erschrocken über die Wirkung seiner Worte. Dann aber bemerkte er Ardeths Grinsen.
„Es war die Tür, Gatyreth. Schließt du eine, öffnet sich die andere! Die sind miteinander verbunden.“
Gatyreth sah ihn leicht unzufrieden an, dann schlüpfte er als erster durch die geöffnete Scheintür, immer die Fackel haltend. Ardeth kam hinterher und zog am Griff der Vorderseite der Scheintür, womit er sie schloss. Sie hörten, wie die andere Tür sich wieder öffnete.
„Ist ja simpel“, kommentierte Gatyreth, immer noch ein wenig enttäuscht.
Sie sahen sich um, dann wandten sie sich der Schrift an der Scheintür zu.
„Aha, ein Priester“, meinte Gatyreth.
„Hm... diese Schriftzeichen, also, ich will ja nichts sagen, aber das ist doch höchstens 3000 Jahre alt. Das ist ein ziemlich neues Grab, auf keinen Fall so alt wie der Raum, in dem wir eben waren.“
„Überall Stiere...“, wunderte sich Gatyreth, dann kam ihm die Erleuchtung: „Du, das hier muss das Serapeum sein. Das liegt doch auch ziemlich nah an den Mastabas.“
„Ja, das passt. Es ist ziemlich spät angelegt worden. Das bedeutet aber...“
Ardeth wurde unterbrochen, denn sie hörten einen lauten Knall, gefolgt von weiteren lauten Geräuschen.
„Die haben tatsächlich die Tür gesprengt.“
„Hoffentlich schließen sie nicht die andere Tür...“
„Komm, lass uns verschwinden! Wenn das das Serapeum ist, gibt es hier viele Räume und mit Sicherheit einen anderen Ausgang!“
„Fragt sich, ob wir im neuen oder alten Teil sind“, meinte Ardeth.
„Wahrscheinlich im alten“, sagte Gatyreth, während der voranschritt und aus der Grabkammer heraus in einen Gang trat. Er folgte ihm. Es gab mehrere Kammern links und rechts, in jedem stand ein riesiger Sarkophag.
„Die heiligen Apis-Stiere“, befand Gatyreth. „Wir sind im neuen Teil.“
„Dann müssen wir durch einen langen Gang. Der Ausgang liegt im alten Teil.“
Sie hetzten durch den Gang. An einer Stelle kreuzte ein anderer Gang.
„Links, rechts, geradeaus?“
„Geradeaus, glaube ich.“
„Also gut“, gab sich Gatyreth einverstanden und schritt voran. Wieder kamen sie an Kammern mit gewaltigen Sarkophagen vorbei. So gelangten sie in den alten Teil des Serapeums. Auch hier gab es viele Grabkammern.
„Hier, das muss das Grab von Chaemweset sein, da in dem Sarkophag liegt er“, meinte Ardeth, als sie die Galerie fast vollständig durchlaufen hatten.
„Der Sohn von Ramses dem Großen?“
„Ja. Hier ist es wie in einem Labyrinth. Ich weiß auch nicht, wo der Ausgang ist, aber irgendwo hier muss er sein. Hätte ich doch den Plan besser studiert!“
„Also, Ardeth, alle Achtung, wie gut du ihn studiert hast! Du kennst dich ziemlich gut aus hier unten, obwohl du noch nie hier gewesen bist. Ich kann mir diese Pläne nicht so merken.“
Sie suchten weiter, und tatsächlich gelang es ihnen nach einer relativ kurzen Zeit, den Ausgang zu finden. Ein Gitter versperrte den Weg, aber es fiel Gatyreth leicht, das Schloss zu öffnen. Sie traten hinaus und sogen die kalte Nachtluft erleichtert ein.
„Das tut gut!“, meinte Gatyreth und man konnte ihm seine Erleichterung förmlich ansehen.
„Los, weiter geht's!“ Ardeth gönnte ihm keine Pause. „Wir müssen schnellstens unsere Leute erreichen. Ich hoffe, sie sind inzwischen gekommen.“
Sie wandten sich in Richtung des Eingangs zum Stollen, in den sie vor mehr als zwei Stunden geklettert waren. Er lag ca. 300 Meter entfernt von ihnen, aber sie konnten erkennen, dass die Medjai bereits da waren. Ihr Signal brannte zwar nicht mehr, aber dafür erkannten sie unzählige Fackeln und hörten Lärm.
„Ich glaube, wir müssen uns nicht ranschleichen.“
Schnellen Schrittes gingen sie über den Wüstensand und erreichten ihre Leute. Ein Dutzend Medjai-Krieger sahen sie verblüfft an, als wären die beiden Geister.
„Lord Bay! Lord Meranmose!“, gab einer von sich. „Aber...?“
Ardeth verzichtete auf eine Begrüßung und meinte kurzum: „Es ist möglich, dass der Feind durch den Eingang ins Serapeum entkommen kann. Wir sollten es bewachen. Am besten folgen mir zehn Krieger.“ Dann wandte er sich an Gatyreth, den er jetzt vor den anderen Medjai förmlich ansprechen musste: „Lord Meranmose, geht Ihr bitte in den Stollen und verständigt den Kommandanten über das, was wir erlebt haben.“
Gatyreth zeigte sein Einverständnis durch ein kurzes Nicken und begab sich sofort in den Stollen. Zehn Medjai folgten Ardeth und fragten nicht weiter nach. Jedem war bewusst, dass er einen guten Grund haben musste und sie vertrauten ihm. Tatsächlich aber tat sich am Eingang des Serapeums lange Zeit nichts. Ardeth fand so die Zeit, den anderen zehn zu berichten, was vorgefallen war. Es dauerte bald zwei Stunden, bis doch noch Leute auftauchten, aber zu ihrer großen Freude waren es ihre eigenen, die die Arbeiter und Europäer gefesselt mit sich führten. Auch Kommandant Korlan und Gatyreth waren unter den Medjai. Als Gatyreth zum Kommandanten gestoßen war, hatte er ihm alles berichtet und sie hatten sich schleunigst an die Verfolgung durch die gesprengte Tür begeben und dahinter alle Grabschänder in dem Raum vorgefunden. Diese wurden überwältigt, wobei drei von ihnen im Schusswechsel getötet wurden. Sie hatten den Türmechanismus nicht entdeckt und staunten nicht schlecht, als Gatyreth die Tür schloss, wodurch sich die Scheintür öffnete. Dann begaben sich alle durch das Serapeum nach draußen. Auch Sitre war dabei und umarmte nun Ardeth. Er hatte sich große Sorgen um seine beiden Freunde gemacht und war heilfroh, sie gesund vorzufinden. Der Kommandant bat die drei jungen Medjai, sich nun zum Haus der Medjai zurückzuziehen. Er ließ ihnen keine Möglichkeit, sich zu erkundigen, was mit den Gefangenen geschah, aber es war ihnen klar, dass sie nicht am Leben gelassen werden konnten. Sie wussten zuviel, und da den Medjai daran gelegen war, dass diese Wissen nicht in die Öffentlichkeit drang, um Böses damit zu erwirken, mussten sie die Übeltäter töten. Ardeth vermutete, sie würden zurück in den Tempel gebracht werden. Tatsächlich berichtete ihm einer der Medjai später, dass Kommandant Korlan genau das befohlen hatte und zudem den Eingangsbereich zum Stollen hatten zuschütten lassen. Den Griff an der Scheintür, den wahrscheinlich die wenigen Besucher, die bis in das Grab gelangt waren, bislang für schmückendes Beiwerk erachtet hatten, hatte er abschlagen lassen. Zur doppelten Vorsicht hatte er die Scheintür von der anderen Seite blockieren lassen, sodass sie nicht mehr geöffnet werden konnte. Die Medjai arbeiten noch drei weitere Nächte an der Verschüttung der Anlage und wachten am Tage unauffällig, aber aufmerksam darüber, dass sich kein Unbefugter näherte.
Im Haus der Medjai ließ Kommandant Korlan Ardeth, Sitre und Gatyreth antreten und ließ sich haarklein ihr Abenteuer berichten. Er wusste nicht, ob er sie schelten oder loben sollte. Er entschloss sich schließlich für letzteres, denn die drei galten immerhin als erwachsen und hatten durch ihr beherztes und schnelles Eingreifen Schlimmeres verhindern können. Ardeth hielt das Ankh in seinen Händen.
„Dieses Instrument hier dient dazu, die Gene zweier Lebewesen zu vereinigen.“
Er reichte es dem Kommandanten, der es mit Abscheu in den Händen wog.
„Es ist ein Meisterwerk“, sprach Ardeth weiter. „Immerhin wurden unsere menschlichen Gene dadurch veredelt. Wir dürfen es nicht vernichten. Vielmehr sollten wir es aufbewahren. Wer weiß? Vielleicht kommt eines Tages die Zeit, in der es von uns zurückgefordert werden wird.“
Der Kommandant sah Ardeth erschrocken an. Er wäre dafür gewesen, das Instrument in Form enes Ankh unbrauchbar zu machen.
„Das Ankh ist das Zeichen des Lebens! Wie passend für das Instrument“, staunte Sitre. „Sie haben damit neues Leben erschaffen.“
„Aber auf Kosten anderer Lebewesen“, kritiserte der Kommandant.
„Wer weiß schon, wie es funktioniert? Vielleicht konnten sie die anderen Lebewesen ja am Leben lassen.“
„Nein, glaub ich nicht“, wandte der stets realistisch denkende Gatyreth ein. „Da lagen Hunderte von Tiermumien, von denen man nicht wusste, was sie eigentlich sind. Das waren bestimmt Versuchsopfer.“
„Naja, vielleicht von den Leuten als Versuchstiere verwendet, die diese Formeln nur anwenden wollten so wie die Leute, die wir heute dingfest gemacht haben. Immerhin gibt es diesen Durchgang durch das Serapeum, und das ist kein alter Bau. Die den Durchgang angelegt haben, müssen von der Schöpfungskammer gewusst haben. Vielleicht haben sie auch Experimente dort gemacht.“
„Die misslungen sind“, gab der Kommandant nun von sich. „Also, dieses Ankh ist gefährlich. Es muss gut verborgen werden.“
„Es sollte nicht in der Nähe von Sakkara bleiben, Kommandant“, meinte Ardeth. „Lord Meranmose hat einen wesentlichen Anteil daran, dass es gefunden und den Frevelnden entrissen werden konnte, bevor sie es missbraucht haben. Ich möchte Lord Meranmose bitten, es bei seiner baldigen Abreise mit in den 5. Stamm zu nehmen, der dieses gefährliche Artefakt fortan hüten soll.“
Gatyreth wurde ganz rot vor Freude.
„Aber Ardeth...äh...Lord Bay...Ihr habt doch auch...“, stotterte er vor sich hin und konnte den Satz nicht beenden, da Ardeth ihm lächelnd das Wort abschnitt.
„Wir haben genug damit zu tun, auf Hamunaptra aufzupassen, das vor unserer Haustür liegt, Lord Meranmose. Wollt Ihr uns also die Ehre bereiten, das Ankh mit Euch zu nehmen und zu verwahren?“
Gatyreth blickte unsicher zum Kommandanten, den sie ja immerhin so ziemlich umgangen hatten, aber der schien das gar nicht übel zu nehmen, sondern lächelte ebenfalls.
„Es ist mir eine große Ehre, Lord Bay“, stimmte Gatyreth schließlich zu.

Schon bald darauf verließ Gatyreth Kairo und den Freunden fiel die Trennung schwer. Der Kommandant nickte dem Trupp zufrieden hinterher. Aus den ehemals streitenden Jungen waren verantwortungsbewusste junge Lords geworden. Er dachte über Ardeths Anteil daran nach. Dieser junge Mann hatte eine starke Ausstrahlung und das Vermögen zu versöhnen. Er hatte selbst ihn im Handumdrehen von allem, was er wollte, überzeugen können. Ardeth strahlte Verantwortungsbewusstsein aus; wenn er etwas sagte, konnte man sich darauf verlassen. Dabei wirkte er sehr bescheiden. Kommandant Korlan war zuversichtlich, wenn er an die Zukunft der Medjai unter dem Oberkommando von Lord Ardeth Bay dachte.
So wie Kommadant Korlan erging es allen Medjai, die mit Ardeth zu tun hatten. Zunächst verhielten sich die meisten recht distanziert und scheu ihm gegenüber, war er doch Lord Bay. Doch dann lernten sie ihn kennen, bewunderten ihn, ja liebten ihn geradezu. Ardeth erfuhr bald eine aufrichtige Verehrung. Alle sahen mit Freuden dem Tag entgegen, wenn er der amtierende Lord Bay werden würde. So erging es den Medjai in Kairo, im 12. Stamm, aber auch überall anders, wo Ardeth im Laufe der Zeit hinkam, sei es in andere Städte oder in andere Stämme.

Ardeth konnte seine Studien, die ihn auch in andere Orte wie Alexandria führten, ohne weitere Vorkommnisse beenden. Allerdings stand zwei Monate, bevor er seine Studien beendete, stand der 16. Geburtstag und die Initiation seiner Braut Nefer Mahu an. Leyrah Bay hatte befohlen, dass Ardeth zu diesem Anlass zum 1. Stamm reisen sollte. Danach sollte er mit seiner Braut nach Kairo zurückkehren und seine Studien beenden, während Nefer mit den ihren begann.

Inzwischen hatte sich Gatyreth auch mit seinen Eltern, zu denen er großes Vertrauen hatte, besprochen und ihnen sein Problem dargelegt. Beide zeigten sich sehr betroffen.
„Hättest du uns nur eher dein Herz geöffnet, mein Junge“, bedauerte ihn sein Vater. „Wir hätten sofort alles in die Wege geleitet, doch nun ist es dafür zu spät.“
Und sie erklärten ihm, dass er unverzüglich nach Ardeths Rückkehr seinen Freund aufsuchen müsste, um ihm mitzuteilen, dass er – Gatyreth - auf Nefer verzichtet, denn ihrer Meinung nach durfte kein Schatten auf die Verbindung zwischen Ardeth und Nefer fallen.
„Du willst doch nicht, dass Ardeth mit dem Makel einer gelösten Heiratsverbindung sein schweres Amt antritt, oder? Wenn er dein Freund ist, dann musst du verzichten, dann musst du ihn in allem unterstützen, und bedeutet es auch für dich das größte Opfer!“, sprach Lord Meranmose und schaute seinen Sohn ernst an.
„Ardeth sollte sich nicht mit seiner Mutter oder gar seinem Großvater überwerfen! Das können wir nicht verantworten, mein Sohn“, fügte er hinzu.
Seine Mutter gab zu bedenken: „Dein Freund hatte sich auch erst Hoffnungen auf eine junge Kriegerin im 12. Stamm gemacht, auf eine Verwandte von Lady Bay. Er hatte sich seiner Mutter anvertraut, die daraufhin ihre eigene Verwandte einem Mann zur Frau gab, der dafür sorgen soll, dass sie dem jungen Lord Bay nie mehr unter die Augen tritt. Lady Farani Setlata musste sich fügen, ihre Kriegerin-Ausbildung abbrechen und die Frau von Mahd Ali Gandar werden, ein Krieger aus dem 11. Stamm. Sie ist übrigens bereits schwanger. Du ahnst vielleicht, was das für ein Mädchen bedeutet, das eigentlich als Kriegerin leben wollte.“
Gatyreth senkte seinen Kopf. Seine Mutter ließ eine Weile Zeit verstreichen, damit ihr Sohn darüber nachdenken konnte, bevor sie fortfuhr: „Wenn Lady Bay so über eine Verwandte verfügt hat, was meinst du, wird sie mit deiner Liebsten tun, wenn sie erfährt, dass sie eigentlich dich heiraten wollte?“
Gatyreth schaute entsetzt auf. So weit hatte er gar nicht gedacht.
„Wenn dein Freund nach Hause kommt, wird er erfahren, wie es seiner Jugendliebe ergangen ist und er wird sich auf immer schuldig fühlen, auch wenn er dafür nicht verantwortlich ist. Mute ihm und dir nicht zu, noch für einen weiteren Fall die Verantwortung zu tragen, indem ihr Lady Bay, Lord Bay und auch die Eltern von Nefer in dieses Geheimnis einweiht. Lady Bay würde Nefer rund um die Uhr bewachen lassen und ihr das Leben nicht leicht machen, glaube mir! Nicht eine Sekunde, mein Sohn, solltest du bezweifeln, dass Ardeth und Nefer ein Paar werden. Lady Bay hat es so beschlossen, und dabei wird es bleiben, also macht euch dreien das Leben nicht noch schwerer.“
„Ihr solltet versuchen, in Freundschaft miteinander verbunden zu sein, mein Sohn“, meinte der Vater besänftigend, der das gequälte Antlitz seines Sohnes sah.
Und Gatyreth fügte sich schweren Herzens. Als er erfuhr, dass Ardeth zur Initiation seiner Braut kommen würde, reiste er mit seinen Eltern auch zum 1. Stamm, um Ardeth abzupassen, bevor er mit seiner Mutter sprechen konnte.

Als Ardeth im 1. Stamm eintraf, waren seine Mutter und die Meranmoses bereits dort, ebenso wie zahlreiche Vertreter der anderen Fürstenfamilien, denn hier ging es immerhin um die Initiation der zukünftigen Lady Bay. Natürlich war es auch wieder eine Gelegenheit, Heiratskandidaten und -kandidatinnen zu sichten. Ardeth begrüßte zunächst seinen Großvater, der ihn vor allen wegen seines Einsatzes in Sakkara lobte, und seine Mutter, indem er vor beiden auf die Knie ging, dann seine zukünftigen Schwiegereltern ebenso wie die anderen Vertreter der Fürstenfamilien. Als er Gatyreth umarmte, raunte der ihm zu, dass er ihn unbedingt sprechen musste und er nicht mit Lady Bay über Nefer sprechen sollte. Ardeth sah ihn stirnrunzelnd an. Natürlich verlangte seine Mutter seine Anwesenheit bei der Familie der Braut, die ihrem Bräutigam den Tee reichte. Leyrah nahm hinterher ihren Sohn beiseite. Sie wollte ihn allein sprechen.

„Ardeth“, sprach sie ihn milde lächelnd an, „wir sind alle sehr stolz auf dich! Heute Abend wird dir und Gatyreth zu Ehren ein Festbankett stattfinden. Ihr seid die Helden von Sakkara, wir verdanken euch viel, und ich freue mich, dass du so couragiert gehandelt hast. Alle sind sehr beeindruckt!“
Ardeth senkte verlegen den Kopf.
„Am morgigen Tag wird deine Braut die heiligen Zeichen empfangen. Du wirst ihr Pate sein, so haben die Mahus und ich das ausgehandelt und sobald du sie morgen auf den Festplatz geführt haben wirst, werden wir eure Verlobung bekanntgeben. Nefer wird dir eine wunderbare Frau sein, glaube mir. Ich habe lange mit ihr gesprochen. Sie weiß genau, worauf es ankommt und sie wird dich glücklich machen. Ich bin sehr froh, dass sie meine Schwiegertochter werden wird. Sie ist auch gar nicht so... nun, wie soll ich sagen,... so selbstbewusst, wie die Mädchen der Südstämme nun mal zu sein pflegen. Ihre Eltern haben sie streng erzogen. Sie wird ihrem Volk eine gute Dienerin sein. Ich freue mich schon auf meine Enkel!“
Ardeth wirkte etwas verlegen, er wollte das Thema nicht vertiefen. Vor allem war es wichtig, Gatyreth zuvor zu sprechen, denn eigentlich wollten sie ja ihre Eltern davon überzeugen, dass Gatyreth Nefer heiraten sollte.
„Ja, schön, Mama, aber ich würde mich jetzt gern nach der langen Reise ausruhen, wenn du gestattest.“
„Aber ja, gehe nur, damit du für das Bankett ausgeruht sein wirst!“
Sie entließ ihn mit einem Kuss auf seine Stirn.

Ardeth suchte Gatyreth und fand ihn recht schnell, da er schon auf ihn gewartet hatte. Sie entfernten sich ein Stück von den Zelten der Fürstenfamilien, sodass sie ungestört waren. Gatyreth sah sehr traurig aus. Ardeth ahnte, dass er gescheitert war.
„Gatyreth, was ist nun?“
„Ardeth, Nefer wird deine Frau werden. Es gibt keine andere Lösung.“
„Aber du wolltest doch mit deinen Eltern sprechen, und ich werde dann mit meiner Mutter sprechen, und dann...“
„Nein, Ardeth, das darfst du auf keinen Fall. Ja, ich habe mit meinen Eltern gesprochen, und sie haben mir abgeraten. Lady Bay würde niemals ein gegebenes Wort zurücknehmen, meinen sie. Es wäre wie eine Beleidigung der Ehre der Mahus und ihrer Ehre.“
„Wir könnten es doch zumindest versuchen! Was haben wir schon zu verlieren?“
„Ach, Ardeth, wir zwei vielleicht nichts, aber denke mal an Nefer. Sie muss später mit deiner Mutter auskommen. Und wenn deine Mutter auch nur die leiseste Ahnung hat, dass Nefer in Wirklichkeit jemand anders liebt, wird sie sie schlecht behandeln.“
Ardeth sah ihn verunsichert an.
„Wenn deine Mutter erst einmal eine Sache beschlossen hat, dann ist da nichts mehr rückgängig zu machen. Das weißt du doch. Es hat keinen Sinn, wenn wir jetzt zu ihr und den Mahus gehen. Sie werden sich niemals erweichen lassen, denn es wäre in ihren Augen schandhaft.“
„Aber es ist ungerecht! Ich kann doch wirklich eine andere Frau heiraten. Nefers Schwester oder deine Schwester... es muss doch nicht Nefer sein! Es geht doch auch um mich. Ich müsste doch ein bisschen Mitbestimmungsrecht haben!“
„Ardeth, du weißt, wie es in unseren Kreisen zugeht. Ich danke dir von Herzen, dass du mir helfen wolltest, aber um Nefers Wohl müssen wir beide schweigen. Ich weiß, du wirst Nefer ein guter Ehemann sein. Behandle sie gut! Sie weiß nichts davon, dass ich dir von ihr und mir erzählt habe. Es wäre ihr peinlich, wenn sie wüsste, dass ihr Ehemann weiß, dass sie jemand anders liebt. Wirst du schweigen können?“
„Natürlich, Gatyreth! Ich werde ihr nichts davon sagen.“
Sie sahen sich eine Zeitlang ernst an. Ja, sie waren Freunde geworden, und die Sache würde ihre Freundschaft nur bestärken. Sie drückten sie die Unterarme aufeinander und gingen dann langsam in Richtung der Zelte, Gatyreth freilich mit feuchten Augen.

Der Abend wurde ein Schaulaufen für Gatyreth und Ardeth. Man feierte ihren Sieg in Sakkara und pries sich glücklich, zwei zukünftige Anführer mit diesen Fähigkeiten zu haben. Lord Meranmose war sichtlich stolz auf seinen Sohn. Es war auch für ihn das erste Mal nach der Rückkehr seines Sohnes, dass alle Stammesanführer zusammengekommen waren und den Eltern ihr Lob über diesen gelungenen Sohn aussprechen konnten. Die Damen versuchten Lady Meranmose auszuhorchen, ob sie denn schon eine der Töchter als Ehefrau von Gatyreth ausgewählt hatte, denn Ardeth war ja bereits vergeben. Doch Lady Meranmose hielt sich bedeckt. Sie wusste, was ihr Sohn zurzeit durchmachte und wollte ihn nicht durch eine auferlegte Hochzeit schmerzen. Er sollte sich erst einmal erholen. Sie hoffte, dass er irgendwann von selbst auf dieses Thema zu sprechen kam. Sie hatte sich vorgenommen, ihm sogar die Wahl zu überlassen.
Ardeth freute sich besonders über das Wiedersehen mit Lord Wenchyn, seinem fast väterlichem Freund und Berater. Der schlug mit der rechten Hand auf die Schulter des Jünglings, raunte „Dein Vater wäre sehr stolz auf dich gewesen, mein Sohn“ und schloss ihn in seine immer noch mächtigen Arme. Es war Ardeth sehr angenehm, von Lord Wenchyn weiterhin gedutzt zu werden, es schuf eine Vertrautheit zwischen ihnen, zumindest in diesem intimen Moment. Später und vor den anderen würde auch Lord Wenchyn ihn in aller Formalität ansprechen müssen, und sobald Ardeth Anführer aller Medjai werden würde, müsste auch der älteste aller Lords das Knie vor ihm beugen.
„Erlaube mir, dir mein höchstes Lob auszsprechen, junger Ardeth“, fuhr Lord Wenchyn fort. „Du bist ein ungewöhnlicher junger Mann. Deine Freundschaft zu dem jungen Lord Meranmose lässt uns alle hoffen, dass es dir gelingen wird, die zwölf Stämme der Medjai in Einheit zusammenzubringen.“
„Aber Lord Wenchyn, wir sind doch eine Einheit!“, protestierte Ardeth.
„Ja, so weit entfernt in Kairo mag das so wirken, mein junger Freund, doch schaust du hier hinter die Kulissen, dann wirst du manch Arges entdecken. Ich habe in meinem langen Leben viel Zwist und Streit unter den Anführern erleben müssen. Das heutige Beisammensein mag darüber hinwegtäuschen. Die Süd- und die Nordstämme haben zu lange in Isloation gelebt und ihre eigenen Traditionen ausgelebt, die sie nun verteidigen wollen. Dazwischen liegen wieder andere Stämme, die sich von beiden Seiten ausgenutzt sehen, so auch mein Stamm. Nimm zum Beispiel den Stamm von Lord Meranmose. All die Jahre hörte ich Klagen seinerseits, sein Stamm würde nur wegen der Nahrungsversorgung ausgenutzt. Da sie eine Oase besitzen würden, müsste ihnen viel mehr Mitspracherecht eingeräumt werden, man müsste auf sie und den 7. Stamm viel mehr hören. Doch inzwischen sind diese Klagen verstummt, seit Lord Meranmose dich kennengelernt hat und seit sein Sohn Gatyreth von dir begeistert aus Kairo zurückgekehrt ist und zudem sein Stamm Hüter des Ankh geworden ist. Glaube mir, mein junger Freund, mit dir wird der Friede unter den Stämmen einziehen, denn du wirst dich ganz in den Dienst der 12 Stämme stellen und keine Stimme ungehört lassen.“
Ardeth hatte beschämt den Kopf geneigt. Er wusste nicht, was er erwidern konnte. Lord Wenchyn lächelte väterlich.
„So ist recht, lass dir meine Worte bloß nicht zu Kopf steigen, junger Ardeth!“
Ardeth schaute ihn grinsend an.
„Lass dir lieber den Wein zu Kopf steigen und deine hübsche junge Braut! Nefer, die Schöne!“ Er warf einen Blick in Richtung der jungen Adeptin. „Was sehen meine alten Augen? Sie sieht bekümmert aus. Ich habe gehört, sie hat sich tapfer in ihrer Ausbildung bewährt. Furcht vor dem morgigen Tag vermag es wohl kaum zu sein. Mein junger Freund, du solltest zu deiner jungen Braut gehen und sie etwas aufzuheitern versuchen anstatt hier das Lob von alten Männern einzuheimsen!“
Ardeth hatte für einen Moment mit sehr ernstem Blick dagestanden, denn er wusste, was Nefer bewegte, doch er konnte noch nicht einmal Lord Wenchyn von seinen Sorgen berichten.
„Ich danke Euch vielmals, Lord Wenchyn, für Eure wohlgemeinten Worte – und mehr noch dafür, dass Ihr mir stets ein so guter Berater gewesen seid.“ Er neigte ehrerbietig sein Haupt, was Lord Wenchyn erwiderte.
„Lord Bay“, sprach er zum Abschied.
Ardeth gelang es allerdings nicht, bis zu der traurigen Nefer durchzudringen, denn Arint, der einzige Sohn von Lord Ghaleodan, fing ihn ab und führte ihn zu seinen Eltern, die von Ardeth wissen wollten, wo denn sein Großvater mütterlichseits sei, sie vermissten ihn doch sehr. Ardeth wusste, dass Lord Janir Ghaleodan und sein Großvater Arianda Setlata in ihrer Jugend die Leibwächter seines Urgroßvaters Lord Ardeth Bay gewesen waren und viele Abenteuer in fernen Ländern zusammen erlebt haben. Wahrscheinlich wollten sie diese nun auffrischen.
„Meine Mutter teilte mir mit, dass mein Großvater nicht mehr zu reiten vermag, daher sei er zu Hause geblieben.“
Natürlich war Lord Janir Ghaleodan enttäuscht.
„Jaja, das Alter...“, stammelte er. „Dann muss ich den alten Knaben wohl zu Hause aufsuchen.“ Seine Frau, Lady Binere Ghaleodan, die Tochter des durch Lord Ardeth Bay 1881 zum Tode verurteilten Lords Menmare Wyreth, stieß ihn an und sprach auf die Hochzeit von Ardeth und Nefer anspielend:
„Dafür wirst du in einem Jahr Gelegenheit bekommen, mein Gemahl.“ Wahrscheinlich hätte sie gern hinzugefügt: „Wenn du dann überhaupt noch reiten kannst“, doch sie verkniff sich eine derartige Bemerkung, denn sie war ganz eine Lady aus dem 3. Stamm, dem stolzen Shimalo-Stamm, die ein bisschen auf das in ihren Augen rüde Benehmen ihres Gatten aus dem Norden hinabsah. Ardeth nahm diese Unstimmigkeit zwischen den Eheleuten wahr. Er wusste, dass die Ehe zwischen Janir und Binere von seinem Urgroßvater befohlen worden war, und da Binere aus dem alten Geschlecht, das einst über den dritten Stamm geherrscht hat, stammte, sah sie sich offensichtlich als etwas Besseres an. Sie musste auch sehr unglücklich damals gewesen sein: ihr Vater als Verräter gebrandmarkt, sie selbst in eine unliebsame Ehe gezwungen. Lange Zeit hatte sie keinen Sohn bekommen. Erst nach drei Töchtern brachte sie Arint zur Welt, der nur ein Jahr älter als Ardeth war. Alles an diesem Abend erinnerte Ardeth daran, dass es nicht gut war, eine Ehe mit aller Gewalt zu arrangieren. Wie sollten sich die Stämme untereinander vertragen, wenn es noch nicht einmal die führenden Ehepaare vermochten, da sie zu diesen Ehen gezwungen worden waren? Wie würde Nefer sich ihm gegenüber benehmen?
„Na, immerhin geht’s Ariandas Bruder gut!“, meinte Lord Ghaleodan, Ardeth aus seinen finsteren Gedanken reißend, und wies auf Wirianda Setlata, der als Leibwächter Ardjuns mitgereist war. Ein Lächeln breitete sich auf Ardeths eben noch betrübtem Gesicht aus, denn er dachte an Farani. Was wohl aus ihr geworden war? Er verabschiedete sich förmlich von den Ghaleodans, die natürlich nicht versäumten, ihn mit echt gemeintem Lob zu überschütten, und steuerte auf seinen Großonkel zu.
„Großonkel!“, rief er freudig. „Ich habe dich heute noch gar nicht gesehen!“
„Aber ich dich, mein lieber Großneffe!“, sprach Wirianda und umarmte Ardeth. „Ich stand direkt hinter Lord Bay, als er dich begüßt hatte. Du hast mich wohl übersehen.“
„Das tut mir sehr leid, Großonkel.“
„Vergiss es, Ardeth, ich weiß, du musstest dort alle Anführer begrüßen. Gut siehst du aus, Ardeth, Kairo ist dir wirklich gut bekommen! Meinen Glückwunsch zu deinem ersten Erfolg! Ich habe immer zu deiner Mutter gesagt, dass du uns noch alle überraschen wirst. Und ich habe recht behalten!“
Warum redete sein Großonkel so viel? Ardeth kannte ihn eigentlich eher alles stillen Krieger, der ungern viel sprach.
„Also, Großonkel, so viel Lob aus deinem Munde! Das bin ich gar nicht gewohnt! Letztes Mal hast du mich eher mit tadelndem Blick empfangen.“
„Achja?“ Natürlich wusste Wirianda Setlata, warum er seinem Großneffen ernst gegenüber getreten war, denn eine Verbindung zwischen seiner Tochter und Ardeth stand außer Frage und es mochte Wirianda nicht gefallen, dass beide so viel Zeit miteinander verbracht haben. Ardeth schaute ihn fragend an. Irgend etwas stimmte hier nicht.
„Sag, ist Farani auch hier?“
Wirianda schwieg eine Weile. Natürlich wusste er, dass Ardeth sich irgendwann nach ihr erkundigen würde. Also hatte er noch nicht erfahren, was mit Farani geschehen war.
„Nein, Ardeth...“
„Schade! Ich dachte, sie würde vielleicht als Leibwächterin meine Mutter begleiten. Aber meiner Mutter fand sie bestimmt zu jung! Ach, Großonkel Wirianda, es tut mir so leid, dass ich zu ihrer Initiation nicht kommen durfte! Ich wäre so gern dabei gewesen. Farani hatte es sich so gewünscht. Hat sie mein Geschenk eigentlich pünktlich erhalten? Ich hatte es extra einen Monat eher losgeschickt.“
„Nein, Ardeth...“
Ardeth sah ihn verwundert an.
„Nein?“
„Nein. Sie ist nicht initiiert worden.“
„Was?“, entfuhr es Ardeth entrüstet. „Was hat sie getan?“
„Nichts, Ardeth. Nunja, eigentlich hatte sie sich nur in dich verliebt...“
„Was hat das denn damit zu tun?“
„Farani... meine Tochter...“ Ardeth bemerkte, wie Wirianda mit den Tränen kämpfte.
„Sprich doch, Großonkel! Was ist mit ihr?“ Irgendetwas Schlimmes musste passiert sein. Wirianda riss sich zusammen, als er antwortete:
„Deine Mutter hat sie verheiratet.“
„Meine Mutter? Mit wem?“
„Mit... mit Mahd Ali Gandar...“
„Kenn ich nicht.“
„Ein Krieger aus dem 11. Stamm.“
Ardeth sah ihn ungläubig an. Er brachte kein Wort heraus.
„Sie ist schwanger... ich glaube, es geht ihr gut.“
„Moment...“, Ardeth versuchte, wieder die Fassung zu erlangen. „Moment... meine Mutter hat veranlasst, dass sie keine Kriegerin geworden ist und diesen Mahd Ali Gandar aus dem 11. Stamm geheiratet hat? Ist das richtig?“
Wirianda nickte.
„Und du hast das nicht verhindert?“
„Ardeth, deine Mutter ist Lady Bay! Man darf sich ihr nicht widersetzen.“
Ardeth sah ihn immer noch mit ungläubigem Ausdruck an. Nein, er durfte seinem Großonkel keinen Vorwurf machen.
„Warum hat sie das getan?“, brachte er stattdessen leise hervor.
„Damit du Farani nie wieder siehst. Herr Gandar hat die Anweisung von Leyrah erhalten, dass er sie wegsperren soll, sobald du den 11. Stamm besuchst. Und sie selbst wird den Ort wohl nie mehr verlassen.“
Ardeth schnappte nach Luft. Ungeheure Wut auf seine Mutter stieg in ihm auf. Am liebsten wäre er zu ihr hingestürmt und hätte sie zur Rechenschaft gezogen. Er schluckte ein paar Mal, um sich einigermaßen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihm gegenüber stand immer noch ein Häufchen Elend namens Wirianda. Er umfasste seinen Großonkel bei den Schultern.
„Es tut mir so leid für dich. Es muss dir und Großtante Girha sehr wehgetan haben. Und es tut mir so leid, dass es praktisch meinetwegen geschah. Ich wäre Farani wirklich niemals zu nahe getreten, glaube mir. Ich hatte gehofft, Farani und ich könnten gute Freunde bleiben. Natürlich habe ich geahnt, dass meine Mutter es niemals erlauben würde, dass Farani zur Leibwächterin meiner Frau werden würde, aber dass sie so weit gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Es tut mir so unendlich leid...“
„Du trägst daran keine Schuld, Ardeth. Es ist nur, Farani... sie wollte so gern Kriegerin werden, sie war so stolz darauf und hatte sich sehr auf ihre Initiation gefreut. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie sie jemals glücklich werden soll. Vielleicht, wenn sie ihr Kind zur Welt bringt...“
Ardeth nahm seinen unglücklichen Großonkel fest in den Arm. Von ferne her beobachtete Leyrah die Szene, nicht ahnend, welche Konsequenzen das haben würde...

Ardeth war erschüttert. Er konnte jetzt nicht zu den Lagerfeuern gehen und so tun, als wäre nichts passiert. So ging er zu den Ställen, sattelte sein treues Pferd und ritt in die Wüste, denn er wollte jetzt allein sein. Das Schicksal von Farani ging ihm immer wieder durch den Kopf. Gewiss, sie waren sehr eng miteinander befreundet gewesen und hatten auch gehofft, dass sie heiraten dürften. Doch als klar war, dass Leyrah gegen diese Verbindung war, hatten sich beide zurückgehalten, wohl wissend, wo ihre Verantwortung lag. Ardeth traute weder sich noch Farani etwas Unerlaubtes zu. Er dachte über seine Mutter nach. Wieso hatte sie das ihrer eigenen Verwandten angetan? Misstraute sie ihm und Farani so sehr? Er hätte sie gern dazu befragt, doch es machte keinen Sinn mehr, mit ihr darüber zu sprechen, denn es war geschehen. Er konnte Farani nicht mehr helfen. Er konnte ihr nur wünschen, dass sie sich ihrer neuen Situation so schnell wie möglich angepasst haben würde. Was auch immer ihr Vater sagen mochte, Ardeth fühlte sich für Faranis Schicksal verantwortlich. Er war letztendlich Schuld daran, dass sie keine Kriegerin werden durfte und in eine Ehe gezwungen worden war. Würde er nicht das Oberhaupt der Medjai werden, wäre Farani eine halbwegs freie Wahl geblieben. Meinetwegen, nur meinetwegen... kreiste es in seinen Gedanken, und es dauerte nicht lange, bis ihm Nefer einfiel. Die zweite Frau, die wegen ihm unglücklich werden würde. Und Gatyreth, sein Freund, noch dazu. Meinetwegen... nur seiner bloßen Existenz wegen... er hatte immer versucht, die Aufgaben, die auf ihn zukamen, so gut wie möglich anzunehmen und zu erfüllen. Selbst den Wünschen seiner fundamentalistischen Tante hatte er versucht nachzukommen. Ardeth hatte niemals an sich selbst gedacht, immer nur an die anderen, wie er sie glücklich machen konnte. Selbst seiner Ziege hatte er damals vor fast sieben Jahren nichts anhaben können. Warum musste nun ausgerechnet er für das Schicksal seiner Freunde – Farani und Gatyreth – und seiner zukünftigen Ehefrau Nefer verantwortlich sein? Was konnte er dagegen tun? Was musste er dagegen tun? Hatte nicht der weise Lord Wenchyn ihm gesagt, er hätte die Fähigkeit zu verbinden, zu einen? Wie konnte er einen, wenn er Ungerechtigkeit schuf? Wie konnte er zum Wohle der Stämme handeln, wenn er dieses Unglück selbst – allein durch seine Person – zu verantworten hatte? Wie konnte er das Wohl seines Volkes eigentlich jemand anders überlassen? Gewiss, er war der Sohn von Leyrah und der Enkel von Ardjun, und nach Clanrecht war er ihren Weisungen untertan. Doch wenn er eines Tages der Anführer werden würde, musste er allein Entscheidungen treffen können. Ardeth spürte, dass das Wohl seines Volkes auch und gerade mit dem persönlichen Wohl aller zu tun hatte. Sie konnte nur ihre schwere Aufgabe meistern, indem sie sich alle damit von Herzen identifizierten, so wie es ihm bislang gelungen war, so wie es auch Farani geplant hatte. Er musste ein Zeichen setzen. Er wollte sein Dasein in diesem Volk nicht weiter auf dem Unglück anderer aufbauen. Das war keine gute Basis. Er beschloss, Nefer nicht zu heiraten.

In der Morgendämmerung kam er zurück. Ein Stalljunge nahm sein Pferd entgegen und sprach ihn ehrfurchtsvoll an:
„Herr, man hat bereits nach Euch gefragt.“
Ardeth nickte. Er wusste, wer „man“ war.
„Danke, junger Freund, ich werde Lady Bay sofort aufsuchen.“

Leyrah war bereits wach und ließ sich von zwei Mädchen mit Öl einmassieren. Ardeth musste vor ihrem Zelt warten, bis sie bereit war, ihn zu empfangen. Sie hatte sich nur in ein langes Tuch gewickelt und trug noch nicht ihr schwarzes Gewand, denn sie wollte wissen, was ihr Sohn von ihr wollte und wo er die ganze Zeit gewesen ist. Als er eintrat, ging er auf die Knie.
„Mein Sohn, erhebe dich! Ich habe mir Sorgen gemacht“, tadelte sie ihn. „Wo warst du?“
„Mutter, ich bin ausgeritten und habe eine Entscheidung getroffen. Ich weiß, du wirst damit nicht einverstanden sein, aber ich bitte, sie für mein Wohl zu akzeptieren.“
Leyrah sah ihn ernst an. Ardeth wirkte sehr entschlossen.
„Es ist eine Entscheidung von großer Tragweite, aber sicherlich nicht, was das Wohl unserer Familie oder der von Lord Mahu anbelangt, sondern eher für die 12 Stämme der Medjai. Lady Bay, ich wünsche Nefer Mahu nicht zu ehelichen.“
Leyrah sah Ardeth an, sie brachte kein Wort hervor. Was sollte das denn jetzt bedeuten?
„Ich weiß, dass Nefer einen anderen jungen Mann liebt und sich einer Heirat mit ihm sicher wähnte und das berechtigterweise, denn dieser Auserkorene ist kein Geringerer als Lord Gatyreth Meranmose.“
Leyrah stand der Mund offen.
„Gatyreth hat mir in Kairo alles gestanden und mich gebeten, mit dir und mit den Mahus darüber zu sprechen. Doch gestern zog er seine Bitte zurück, da er sie inzwischen als ausweglos betrachtete und glaubte, du würdest Nefer nicht so freundlich aufnehmen, wenn du weißt, dass sie einen anderen Mann geliebt hat.“
„Ardeth, was ist das für eine fürchterliche Geschichte, die du da erzählst!“, fuhr Leyrah dazwischen. „Ich will nichts davon hören!“
„Du musst, denn ich habe nicht vor, Gatyreth und Nefer unglücklich zu machen. Ich werde Nefer nicht heiraten, sondern zurückstehen. Und ich werde auch zu den Mahus gehen und zu um Rücknahme des Vertrags bitten. Lord Mahu soll über mich verfügen, wie es ihm gefällt. Ich werde alles auf mich nehmen, was er verlangt. Aber vielleicht gibt es ja eine Lösung. Ich könnte Nefers Schwester, Merenhetep, heiraten. Dann gäbe es ein Band zwischen dem ersten und zwölften Stamm, so wie ihr es wünscht.“
„Dir gebührt die Erstgeborene eines Stammesanführers! Und Merenhetep ist viel zu jung! Sie ist über zwei Jahre jünger als ihre Schwester und es würde zu lange dauern, bis sie dir einen Sohn gebären würde. Du bist dir scheinbar nicht im Klaren darüber, dass du möglichst schnell einen Nachfolger brauchst, denn später, wenn dein Großvater nicht mehr unter uns weilen wird, wirst du keine Zeit mehr haben, dich um einen Sohn zu kümmern.“
Ardeth wollte sprechen, doch Leyrah hieß ihn mit einer Handbewegung zu schweigen.
„Nein, Ardeth, der Vertrag ist gültig, und es wäre eine infame Beleidigung, nicht zu ihm zu stehen. Du musst dich fügen. Ich... ich sichere dir zu, dass ich es Nefer nicht fühlen lassen werde... immerhin habe ich sie als ein wirklich geeignetes Mädchen kennengelernt. Es liegt an dir, sie glücklich zu machen. Aber mehr als diese Zusage kann ich für dich und deine verträumten romantischen Vorstellungen nicht tun. Und jetzt geh und lass mich allein. Ich bin noch nicht vollständig angekleidet und die Zeremonie wird gleich beginnen. Halte dich bereit!“
Ardeth sah sie traurig an. Es hatte wohl keinen Sinn. Er hatte gehofft, sie würde ein Wort für ihn einlegen. Nun musste er alle vor vollendete Tatsachen stellen, und er wusste, es würde schlimme Konsequenzen für ihn haben. Aber wenn er seine Selbstachtung erhalten wollte, musste er zu seinem Entschluss stehen. Langsam und mit hängenden Schultern verließ er Leyrahs Zelt. Leyrah winkte die beiden Mädchen, die still in einer Ecke abgewartet hatten, heran. Sie kleideten ihre Herrin an und legten ihr den golden Reif an, der sie als oberste Autorität neben Ardjun auswies. Ihr fiel Lyleth ein und wie er sie gewonnen hat. Lyleth hatte damals einen Weg gefunden, aber immerhin war dessen Großvater nur allzusehr damit einverstanden gewesen. Sie hatten sich geliebt. Leyrah hatte ein schlechtes Gewissen. Ihr Sohn war das liebste, was sie hatte, und doch musste sie ihn jetzt gegen seinen Willen zu dieser Ehe zwingen. Sie überlegte lange, doch befand sie, dass es keinen Ausweg gab. Irgendwann würden es ihr Ardeth und Nefer danken, denn durch diese Verbindung wähnte sie den Zusammenhalt zwischen den Nord- und Südstämmen sicher. Sie trat in dem Bewusstsein, alles politisch richtig zu machen, aus ihrem Zelt und begab sich zu dem Festplatz, wo bereits Nefers Eltern und alle anderen Lords und Ladys warteten, sowie viele andere Menschen aus dem 1. Stamm, die die Ehre hatten, der Initiation von Nefer Mahu, der künftigen Anführerin aller 12 Stämme, beizuwohnen. Auch Ardjun wartete bereits, an seiner Seite Lord Wenchyn. Neben Lord Mahu und seiner Familie standen die Meister und Meisterinnen, die Nefer jahrelang unterwiesen hatten. Sie würden bezeugen, dass sie der Einweihung würdig war. Auch Ardeth war hinzugetreten und zunächst waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als die allgemeine Aufmerksamkeit der First Lady galt, die mit großen Gefolge herüberkam, trat er schnell zu Gatyreth und raunte ihm zu:
„Mein Freund, was ich jetzt tun werde, das tue ich in erster Linie nicht für dich und Nefer, sondern für alle Medjai. Daher bitte ich dich, halte zu mir und sei einverstanden. Versuch mich nicht zum Gegenteil zu überreden!“
„Aber Ardeth...“, wandte Gatyreth ein, doch konnte sich nicht mehr nach den Plänen seines Freundes erkundigen, denn Lord Mahu wandte sich nun Ardeth zu. Gatyreth wurde sehr mulmig im Bauch.
„Lord Bay“, sprach Lord Mahu, Nefers Vater, „es ist soweit. Ihr könnt Euren Schützling holen.“
Da Ardeth als Pate von Nefer vorgesehen war, so wie damals Leslie ihm durch die anstrengenden Tage der schmerzvollen Initiation geholfen hatte, musste er Nefer abholen, hierher bringen, Zeuge ihres Eides werden und sie anschließend zur Tätowiererin bringen. Ardeth tat es leid um Nefers Ehrentag, doch es geschah auch zu ihrem Glück. Allerdings hatte Ardeth erleichtert vernommen, dass Lord Mahu Nefer als Ardeths „Schützling“ und nicht seine „Braut“ bezeichnet hatte. Damit war die Verlobung noch nicht offiziell verkündigt worden, was die Möglichkeit bot, dass alle das Gesicht wahren konnten, wenn sie nun sein Spiel mitspielen würden. Er trat hervor und sprach laut vernehmlich für alle:
„Lord Mahu, ich danke Euch und Eurer Familie für die mir aufgetragene Ehre, Eurer Tochter Nefer heute beizustehen. Doch kommt mir diese Ehre nicht zu. Ich bitte Lord Gatyreth Meranmose, ihren künftigen Ehemann, ihr heute und für immer beizustehen.“
Ardeth trat einen Schritt zurück, um Gatyreth den Vortritt zu lassen. Es war gespenstisch, so still war es geworden. Alle starrten auf Ardeth, auch Gatyreth, dessen mulmiges Gefühl ihn nicht getrogen hatte. Was hatte der junge Lord Bay da eben gesprochen? Sie glaubten ihren Ohren nicht zu trauen. Leyrah sah wütend zu Ardeth. Oh, sie hätte es ahnen können! Ardeth hatte sich nicht gefügt, er hatte sie alle vor ein böses Fait-accompli gestellt. Doch Ardjun fühlte sich zum Einschreiten aufgerufen. Er trat hervor und meinte verärgert:
„Ardeth, du sollst Nefers Ehemann werden. Also geh und hole das Mädchen! Wir wollen nicht unsere Gastgeber verärgern!“
Ardeth sah ihn fest an, aber so selbstsicher, wie er nun klingen musste, fühlte er sich ganz und gar nicht. Sein Großvater hatte gerade die Möglichkeit vergeben, dass alle aus dieser Geschichte halbwegs unbescholten herauszukommen würden. Sein Großvater würde ihn unausweichlich fürchterlich strafen müssen. Doch jetzt musste er zu seiner Enrscheidung stehen.
„Lord Gatyreth Meranmose ist derjenige, der Nefer seit Jahren aufrichtig liebt. Ich kann nicht die Frau heiraten, die mein Freund lange vor mir als seine Ehefrau gewünscht hat. Niemandem Glückes möchte ich im Wege stehen!“
Die Meranmoses schauten einander fragend an. Ihren Sohn hatten sie beeinflusst zurückzustehen, doch Ardeth traute sich, zu ihm zu stehen. Welch ein Mut! Auch Lady Mahu hatte den Kopf geneigt, insgeheim hatte sie verborgenen Wünsche ihrer Tochter spüren können, doch nie mit ihr darüber gesprochen. Nur Lord Mahu war puterrot angelaufen, ebenso wie Ardjun.
„Ardeth!“, sagte Ardjun schneidend und schnitt ihm das Wort ab, bevor Ardeth eine noch längere Ode auf die Liebe halten konnte. „Tu, was man dir sagt!“ Es war ihm sichtlich unangenehm, dass Ardeth vor allen Anwesenden derart widerspach und ihn blamierte. Ardjun fühlte sich an die Situation von vor sieben Jahren zurückversetzt, als Ardeth sich auch vor den Lords weigerte, eine Ziege zu schlachten. Auch damals hatte er es dem Jungen anbefohlen und er hatte sich geweigert. Gewiss, damals hatte er ihn hart bestraft, aber der Junge hatte seinen Willen durchgesetzt und keine Ziege schlachten müssen. Zwischenzeitlich hatte er den Jungen ins Herz geschlossen, doch nun kam alles wieder hoch. Diese Unbeugsamkeit! Die Wut stieg immer intensiver in Ardjun auf. Leyrah begann um ihren Sohn zu bangen. Sie wusste, dass Ardjun selbst einst für Ungehorsam im Zusammenhang mit einer Frau, Claire, aufs Härteste bestraft worden war: Ein Jahr lang hatte man ihn eingesperrt, allein, bei Wasser und Brot. Eingemauert in einer fernen Bastion mitten in der Wüste. Drohte Ardeth das gleiche Schicksal? Würde Ardjun sich rächen für das, was ihm sein Vater, der überdies auch den Namen Ardeth getragen hatte, angetan hatte? Ihre Augen sprachen flehend zu Ardeth, er möge sich fügen. Doch Ardeth blieb still. Was er sagen musste, war gesagt. Ardjun fixierte ihn drohend, so dass ihm angst und bange wurde. Auch Gatyreth und alle, die Ardjuns Blick sahen, fürchteten um den jungen Mann. Einerseits hatte er gerade den Wünschen seines Großvaters, seiner Mutter und der Mahus widersprochen, andererseits empfanden viele sein Verhalten als sehr couragiert. Dass Gatyreth Nefer liebte, hatten sie, bis auf einige Vertraute von Nefer, bislang nicht gewusst. Sie konnten sich vorstellen, dass es Ardeth unangenehm sein musste, die Frau, die sein Freund begehrte, zu heiraten. Doch warum hatte Ardeth nicht vor der Zeremonie mit seinem Großvater darüber gesprochen?
Ardjun ließ nur wenige Sekunde einer peinlichen Stille verstreichen, die er nicht ertragen wollte.
„Du wagst es, meinem Befehl nicht zu gehorchen und dem Ehevertrag nachzukommen?“
Ardeth sah ihn mit traurigem Blick an. Jetzt, jetzt kam dieser schreckliche Moment, den er liebend gern hatte vermeiden wollen. Links hinter Ardjun wurde er seiner Mutter gewahr, die in diesem Moment bedauerte, noch vor einer halben Stunde nicht mit Ardjun über Ardeths Anliegen gesprochen zu haben.
„Ja, Großvater. Ich werde Lady Nefer Mahu nicht ehelichen, sondern bitte meinen Freund Gatyreth, ihr im Leben beizustehen.“
Bewusst hatte er Ardjun mit Großvater angesprochen, doch der war nicht in der Stimmung für familiäre Bande oder die Möglichkeit, nach Clanrecht mit seinem aufsässigen Enkel zu verfahren. Nur das hätte Ardeth retten können, der in dem Fall nur mit einer harten Strafe hätte rechnen müssen. Nein, Ardjun war in diesem Moment nur Lord Bay, der einen Krieger für Befehlsverweigerung zu strafen hatte. Es gab nur eine Konsequenz dafür.
„Tritt hervor, Ardeth!“ Eiskalt waren seines Großvaters Augen bei diesem Befehl. Ardeth spürte kaum Gatyreths Hand an seinem Rücken. Alles hielt die Luft an, als Ardjun sprach, kaum dass Ardeth ihm auf zwei Meter gegenüberstand und wie ein armer Sünder mittlerweile wirkte.
„Auf die Knie!“
Ardeth tat wie geheißen und sah, wie sein Großvater sein Schwert aus der Scheide zog. Erschrocken starrte er ihn an. Die Todesstrafe! Gatyreth konnte nicht länger an sich halten. Er stürzte die zwei Schritte dazu und hielt eine Hand über Ardeth, flehend rufend: „Nein, Lord Bay, bitte nicht! Ich werde ja alles tun, was...“
„Zur Seite, Lord Meranmose!“, unterbrach ihn Ardjun wütend, und da Gatyreths Eltern fürchteten, Gatyreth wäre der nächste, der der Wut Ardjuns zum Opfer fallen würde, zogen sie ihn schnell beiseite.
„Die Strafe für groben Ungehorsam ist der Tod! Merkt Euch das, Lord Gatyreth!“, warnte er ihn, dann wandte er sich wieder seinem Enkel zu, der ihm einen flehenden Blick zuwarf, doch es war zwecklos. Ardjuns Augen blieben hart. Ardeth senkte den Kopf und zitterte dabei am ganzen Körper. Ardjun hob den Säbel, um mit ihm Ardeths Hals zu durchschlagen. Die Stammesanführer waren so erschrocken über diese schnelle Hinrichtung, dass sie kein Wort hervorbrachten. Leyrah hatte sich ins Gewand ihres Bruders Namdun Setlata gekrallt, laut ächzend. Was kann ich tun? Was kann ich tun? schoss es ihr durch den Kopf. Jeder Laut blieb ihr im Halse stecken, als sie das Schwert schon hoch erhoben sah. Alle fühlten sich wie in einem bösen Traum gefangen und niemand wagte, Ardjun zu widersprechen. Sie hätten alle zugeschaut, wie derjenige, den sie noch am Vorabend in höchsten Tönen gelobt hatten, dahingeschlachtet worden wäre, für immer für sie verloren, wenn nicht Lord Wenchyn sich ermannt hätte.
„Haltet ein“, rief er und hielt Ardjuns rechten Arm fest, damit dieser nicht auf Ardeth herniedersauste. „Ihr könnt nicht Euer eigen Fleisch und Blut töten, Ardjun!“ Ardjun sah ihn zuerst wütend an, doch langsam wich der harte Ausdruck einer Art Erleichterung.
„Überlasst das einem weiseren Richter als Ihr einer seid!“, sprach Lord Wenchyn weiter und blickte zum Himmel empor.
„Ja, Ihr habt Recht, Lord Wenchyn“, fasste sich nun Ardjun, „in seiner Weisheit möge Allah über diesen Verworfenen richten!“
Ardjun trat einen Schritt zurück. Ardeth hatte die Worte gehört, wagte aber nicht aufzuschauen. Er bebte immer noch am ganzen Körper. Ardjun winkte drei Krieger aus dem 12. Stamm herbei.
„Bringt ihn in die Wüste, da, wo kein Leben mehr ist und kein Wasser fließt. Drei Tage reitet. Setzt ihn dort aus, ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Wehr! Allah mag über sein unwertes Leben entscheiden!“
Ein Gottesurteil! Die Krieger traten langsam an Ardeth heran. Sie wollten ihn nicht mit Gewalt hochreißen. Langsam richtete Ardeth seinen Kopf empor und sein Blick fiel als erstes auf Gatyreth, dem die Tränen in den Augen standen. Er hätte ihn gern umarmt, doch als er sich langsam und immer noch bebend erhob, packten zwei Krieger seine Arme und nahmen ihm die Waffen ab.
„Merk dir dieses, Ungehorsamer!“, sprach Ardjun und sah immer noch wütend seinen Enkel an, der wie ein Häufchen Elend vor ihm stand, ganz blass geworden, die Augen beschämt nach unten geneigt. Sein Unterkiefer zitterte. Ardjuns Hand ruhte immer noch auf dem Knauf der Waffe, die er inzwischen in ihre Scheide gesteckt hatte, als er fortfuhr: „Allah möge sich vielleicht mit dir erbarmen, doch wir nicht. Solltest du es wagen, einem Medjai je wieder unter die Augen treten, wird er kraft meiner Worte gezwungen sein, dich ohne Verzug hinzurichten, denn du bist treulos und hast deinen Eid gebrochen. Sei hiermit verbannt aus unserem Land! Geh uns für immer aus den Augen!“ Er zeigte theatralisch mit seinem Arm in Richtung Wüste. Sogleich führten ihn die drei Krieger durch die immer noch entsetzte Menge ab. Sie legten ihn bäuchlings quer über ein Kamel, fesselten ihm die Fußgelenke und die Handgelenke und banden die Seile unter dem Bauch des Kamels zusammen, nahmen sein Tier in ihre Mitte und ritten in Richtung Westen davon. Währenddessen starrten die Menschen aus dem 1. Stamm sowie alle Lords hinterher. Es war für sie unfassbar, was sich da eben ereignet hatte. Der verheißungsvolle Erbe aus dem 12. Stamm, Ardeth Bay, war dem sicheren Tod überantwortet worden. Vielen standen wie Gatyreth die Tränen in den Augen. Nur Ardjun sah ihm mit selbstgerechtem Blick hinterher.
In dieser Erstarrung trat einer hervor, es war Lord Wenchyn, der väterliche Freund von Ardeth.
„Allah sei deiner Seele gnädig!“, sprach er und blickte seinem Schützling traurig hinterher. Alle Umstehenden, die es gehört hatten, wiederholten es.
Leyrah dagegen fiel bei diesen Worten ihrem Bruder ohnmächtig ihn die Arme.

Bianca Gerlich
29. März 2008

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