"Zur
Rettung selbst ich auserkoren, in Irrnis wild verloren"
(Autorin: Bianca M. Gerlich)
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ARDETH BAY - JUGEND (Teil
2)
In dem letzten Monat vor seiner Initiation hatte Ardeth keine
Verpflichtungen mehr. Er sollte in diesen Wochen in sich gehen,
um für seine Aufgabe bereit zu sein. Da Sahin bereits initiiert
war, bewohnte Ardeth das Zelt allein und saß oft schweigend
darin, um alles zu überdenken. Eines Tages trat sein Onkel
Namdun zu ihm, der Bruder seiner Mutter. Ardeth erhob sich und
neigte zur Begrüßung ehrfürchtig den Kopf. Da Ardeth sehr eng
mit Farani Setlata befreundet war, glaubte er, sein Onkel käme
auf eine eventuelle Heirat zu sprechen. Farani war gerade von
ihrer Zeit im Isis-Tempel zurückgekehrt und hatte ihm
anvertraut, dass die Hathor-Novizinnen sie in die Geheimnisse der
körperlichen Liebe eingewiesen hätten und wie sie ihren Ehemann
glücklich machen könnte. Da hatte Ardeth ihr von seinen
Erfahrungen berichtet und beide hatten erlaubte Zärtlichkeiten
ausgetauscht und sich ausgemalt, wie ihre Ehe später einmal
aussehen würde. Bei offiziellen Anlässen saßen die beiden
immer nebeneinander. Doch Namdun wollte etwas anderes, wie Ardeth
bald bemerkte.
Ich bin hier in Vertretung deines Vaters, mein lieber
Neffe. Eigentlich wäre es die Aufgabe deines anderen Onkels,
doch er weilt noch nicht bei uns und ich glaube, er hätte nichts
dagegen, wenn ich seine Aufgabe übernehme.
Onkel Namdun machte es spannend.
Außerdem hat mich meine Schwester darum gebeten. Ardeth,
sattle dein Pferd. Wir werden ausreiten.
Ardeth kam der Bitte unverzüglich nach. Wenn ältere Krieger
Auszubildenden etwas sagten, dann kam das einem Befehl gleich.
Ardeth ritt auch nicht an Namduns Seite, sondern etwas hinter
ihm, als sie sich in die Wüste begaben. Sie mochten vielleicht
zwei Stunden geritten sein in eine Richtung, die als die
unerlaubte allen Medjai-Kindern bekannt war. Hierher
durften nur die erwachsenen Krieger reiten. Ardeths Spannung
wuchs von Minute zu Minute. Sie ritten auf einer weiten Ebene,
die rechts und links von Gebirgszügen begrenzt wurde. In der
Ferne zeichnete sich ein Vulkankrater ab, vor und in ihm befanden
sich Tempelreste. Noch ein verborgener Tempel, dachte Ardeth.
Sein Onkel sprach kein Wort, auch nicht, als sie in der
Abenddämmerung durch die Tore, die den Eingang bildeten, ritten.
Ardeth sah sich um und erblickte das typische Bild eines
verfallenen Tempels. Obelisken lagen umgestürzt und
auseinandergebrochen am Boden, Säulenhallen zeichneten sich ab,
die Hauptgebäude schienen ineinandergestürtzt. Und doch wirkte
der Tempel auf unheimliche Weise sehr lebendig. Ardeth hätte
sich gern erkundigt, wem der Tempel geweiht war und was es mit
dieser Stätte auf sich hatte, doch er durfte als Auszubildender
nicht das erste Wort an einen erwachsenen Krieger richten, also
schwieg er. Irgendwann würde sein Onkel ihm schon hiervon
erzählen. Doch Namdun ritt mit ihm an eine Seite des Tempel,
saß ab und hieß Ardeth, dasgleiche zu tun.
Du wirst diese Nacht in diesem Tempel verbringen, mein
lieber Neffe. Allein. Morgen Früh werde ich dich holen. Folge
mir!
Ardeth sah seinen Onkel verdutzt an. Was sollte das werden?
Sollte er hier meditieren? Sein Onkel ließ ihm keine Zeit zum
Nachdenken. Er hatte eine Fackel entzündet und ging voran.
Ardeth besah sich die Wände, so gut er sie erkennen konnte. Sie
wirkten grob, an einigen Stellen waren Schriftzeichen, doch an
vielen Stellen schienen sie ausgemeißelt worden zu sein. Nach
einigen Gängen und Abzweigungen gelangten sie zu einer Tür, die
verschlossen war. Namdun Setlata bediente einen verborgenen
Mechanismus und die Tür sprang auf.
Hier hinein, Ardeth. Die Tür wird sich wieder schließen.
Hab keine Furcht!
Ardeth trat in den Saal, während sein Onkel draußen blieb. Die
Tür schlug zu und Ardeth blieb allein im Dunkeln. Nicht einmal
die Fackel hatte sein Onkel ihm mitgegeben. Ardeths Herz pochte
laut. Es war unheimlich im Dunkeln, allein... er begann, die
Wände abzutasten. Der Raum war ziemlich klein und sehr uneben,
an den Wänden und auf dem Boden. An einer Stelle konnte er eine
Art Kasten fühlen. Wo wa er hier nur gelandet, fragte er sich
immer wieder. Schließlich kam er auf die Idee, dass diese Nacht
eine Art Mutprobe darstellte. Immerhin hatte sein Onkel ihn
ermahnt, keine Angst zu haben. Er sollte bestimmt mit der
Dunkelheit konfrontiert werden. Die Luft war schlecht in dem
Raum, es roch nach Moder. Ardeth ließ sich nieder. Er konnte an
seiner Situation sowieso nichts ändern, er war ja hier
eingeschlossen. Schauer jagten ihm über den Rücken. Er
tröstete sich damit, dass es ja nur einige Stunden sein würden,
die er durchhalten musste. Doch warum hatte sein Onkel
hierhergebracht und nicht sein Meister? Das war alles sehr
merkwürdig. Er zog seine Beine an den Körper und legte seinen
Kopf auf die Knie. Hier drin war es sehr warm, doch ihm
fröstelte. Er musste einfach nur versuchen einzuschlafen, dann
würde die Zeit viel schneller vorbei sein. Also legte er sich
auf den Boden, natürlich erst, nachdem er den Boden sorgfältig
abgetastet hatte. Er legte sich auf die Seite und zog die Beine
an. Ihm gruselte noch immer. Er wusste nicht, wie lange er da
gelegen hatte, als er auf einmal eine merkwürdige Stimme
vernahm. Sie klang verzerrt, so als würde ihr Ton durch
sämtliche Räume dieses Tempels hallen, bevor er bei ihm ankam.
Mit einem Ruck saß er aufrecht. Schauder jagten ihm den Rücken
herunter. Er spürte große Angst in sich aufsteigen. Was war
das? Da! Wieder erklang die Stimme hallend und verzerrt. Sie
sprach mehrere Silben... doch Ardeth verstand kein Wort. Er saß
wie versteinert da und zitterte. Wenn doch nur schon Morgen wär!
Die Stimme wurde zunehmend lauter. Wer auch immer da sprach, er
schien zu ihm sprechen zu wollen. War derjenige wütend, weil er
keine Antwort bekam? Fast schien es so. Aber wer sollte hier im
Dunkeln zu ihm sprechen? Ardeth kam die flüchtige Idee, dass es
sein Onkel sei, der ihm Angst einjagen wollte. Aber er verwarf
diese Idee wieder. So etwas Lächerliches würde kein erwachsener
Medjai-Krieger machen. Diese Stimme war real. Ardeth fasste sich
ein Herz und antwortete:
Wer ruft da?
Und die Stimme antwortete ihm, doch wieder verstand er kein Wort.
Ich verstehe dich nicht!
Die Stimme wurde noch lauter, fast wütend.
Sprich doch bitte deutlicher, Fremder. Ich kann dich
wirklich nicht verstehen! Wer bist du?
Und jetzt vernahm er ganz deutlich, wie die Stimme ihm
antwortete:
Imhotep!
Und es jagten ihm eisige Schauer durch den Körper bei dieser
Antwort. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht. Der Unterkiefer
gehorchte Ardeth nicht mehr. Am liebsten hätte er gerufen:
Onkel Namdun! Hol mich hier bitte raus, mach schnell!
Aber er konnte keinen Laut formulieren, er war wie gelähmt.
Wieder hörte er diese unheimliche Stimme, die wie aus einer
anderen Welt ihren Namen ihm mitteilte.
Imhotep! Imhotep!
Verdammt, was konnte er tun? Diese Stimme klang so grausam und
doch auch irgendwie verzweifelt. Ardeth rang sich zu einer
erneuten Frage durch:
Was... was willst du, Imhotep?
War es ein heiseres Lachen, das jetzt erschallte? Oder ein
Röcheln? Ardeth lauschte intensiv, ob er etwas vernahm. Da, das
Wesen namens Imhotep sprach... und er konnte es verstehen. Ganz
deutlich vernahm Ardeth seine Worte:
Hol mich hier raus!
Das Wesen hatte jedes einzelne Wort betont. Ardeth fiel auf, dass
dieser Imhotep Alt-Ägyptisch sprach. Moment, Imhotep? Natürlich
wusste Ardeth, wer dieser Mann war. Aber wieso wollte er hier
raus? Und wieso war er überhaupt hier, so weit südlich? Imhotep
lag doch nahe des Tempels begraben, in dem er jahrelang Dienste
geleistet hatte, und das war das Sonnenheiligtum von Heliopolis
im Norden von Kemet. Die Archäologen suchten seine Grabesstätte
in der Nähe von der Stufenpyramide von Sakkara, deren Bau sie
ihm zuschrieben. Und dieser Mann sprach zu ihm jetzt aus dem
Jenseits?
Hol mich hier raus!, insistierte die Stimme drohend.
Wie?, fragte Ardeth. Wie soll ich das machen?
Wie kann ich dir helfen?
Wieder erklang dieser komische Laut, von dem Ardeth nicht wusste,
ob es Lachen, Weinen oder Keuchen sein sollte. Es dauerte dieses
Mal sehr lange, bis die Stimme namens Imhotep sich zum Antworten
entschied.
Öffne meinen Sarg!
Ardeth glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er sollte einen Sarg
öffnen? Hatte er das wirklich verstanden oder spielte ihm sein
Gehör einen Streich? Noch vor einigen Tagen hatten seine
Kameraden eine Gruselgeschichte über eine Sargöffnung erzählt.
Vielleicht bildete er sich hier in der Dunkelheit alles nur ein?
Er versuchte, sich völlig andere Gedanken zu machen, um dieser
Halluzination zu entfliehen. Die jungen Hathor-Priesterinnen
kamen ihm in den Sinn.
Öffne meinen Sarg!
Verdammt... vielleicht musste er sich etwas anderes vorstellen.
Er dachte an sein Pferd, das draußen auf ihn warten und wollte
es in Gedanken rufen...
Öffne meinen Sarg!
Es hatte keinen Sinn. Die Stimme existierte real. Sie war keine
Einbildung, keine Fantasie, keine Halluzination. Ardeth wusste,
er war vollkommen wach. Die Stimme war da. Auf einmal wurde ihm
ganz heiß. Ihm fiel ein, dass er vorhin eine Art Kasten ertastet
hatte. Was, wenn das der Sarg war?
Wo... wo ist dein Sarg?, brachte er vor Angst
schlotternd hervor.
Hier! Hier!
Verdammt... verdammt... Ardeth spürte die große Wut, die in
dieser Stimme lag, doch da war noch etwas anderes. Verzweiflung.
Und Ardeth bekam Mitleid. Langsam erhob er sich und ging
vorsichtig zu der Stelle. Er konnte den Kasten ganz genau
fühlen, doch nur das untere Stück, denn er war zu klein für
den riesigen Kasten. Die Wände waren ganz glatt und man konnte
keinen Spalt spüren. Inzwischen schnaufte die Stimme weiter, als
könne sie es nicht erwarten, bis der Junge endlich den Sarg
öffnen würde.
Ich finde keine Öffnung... das ist ein merkwürdiger
Sarg...
Er sprach wie zu sich selbst, die Stimme erwiderte nichts.
Wie soll ich das Ding öffnen?
Ardeth bemühte sich, den ganzen Kasten abzutasten. Er stellte
sich auf seine Zehenspitzen, aber immer noch nicht reichte er an
den oberen Deckel, sondern ertastete nur glatte Seiten.
Wenn ich nur nicht so klein wäre...
Da kam ihm eine Idee. Vielleicht gab es in dieser Kammer ja einen
größeren Stein, auf den er sich stellen konnte. Er tastete den
Boden ab und fand tatsächlich einen etwas größeren Stein. Er
suchte weiter und fand noch ein paar Brocken, stapelte sie, so
gut er es im Dunkeln vermochte, vor dem Sarg und stieg dann
hinauf. Er hatte vielleicht einen halben Meter gewonnen.
Hoffentlich falle ich nicht herunter, dachte er, denn die glatten
Seiten des Sargs boten keinen Halt. Irgendetwas war sehr
merkwürdig hier. Dieses Mal konnte er eine Kante fühlen, doch
statt auf den Deckel des Sargs seine Hand zu legen, glitt diese
an einer äußeren Wölbung nach oben. Merwüdig... was war das?
Er tastete weiter, so weit seine Hand reichen konnte. Diese
Wölbung stammte von einer Figur. Ardeth stieg hinab und stapelte
seine Steine an einer Ecke des Sargs, stieg wieder hinauf und
fühlte es jetzt ganz deutlich: Zehen, Ritzen... Es handelte sich
um eine Tatze. Die Figur über ihm musste gigantisch sein, wenn
er schon ihren Fuß nicht richtig erfassen konnte. Der Sarg ruhte
also in dem Sockel dieser riesigen Tierstatue. Ardeth überlegte,
was das zu bedeuten hatte, denn er hatte noch nie von einem Sarg
gehört, der so angebracht war. Jetzt fiel ihm auch ein, was ihm
so merkwürdig vorgekommen war. Die Seiten des Sargs waren glatt.
Er hatte keine Inschriften gefühlt, weder Reliefs noch
Vertiefungen. Auf Imhoteps Sarg hätten doch seine Titel stehen
müssen. Er war doch schließlich einer der berühmtesten
Ägypter des Altertums gewesen.
Die Stimme wurde wieder lauter in ihrem Gebrabbel. Ardeth fühlte
auf einmal keine Angst mehr, sondern Ärger, dass ihm nicht
gleich aufgefallen war, was hier nicht stimmte.
Dein Sarg ist sehr merkwürdig, sprach er. Du
kannst nicht Imhotep sein!
Ein wütendes Geheul erklang und befahl ihm:
Hol mich hier raus!
Aber wie denn? Dein Sarg bildet den Sockel dieser Figur.
Ich kann ihn nicht öffnen.
Ardeth war froh, dass er ihn nicht öffnen konnte, denn er wollte
es auch gar nicht. Nicht, solange er nicht wusste, wen er da
überhaupt vor sich hatte und was das ganze sollte.
Während die Stimme wieder wütend aufheulte, fragte Ardeth laut:
Wer bist du? Wer bist du?
Imhotep! Imhotep!
Das steht aber nicht an deinem Sarg. Und da sollte es
stehen!
Unbeschreiblich wurde das Geheul der Stimme. Es konnte einem in
Mark und Bein fahren, aber Ardeth blieb merkwürdig ruhig und
gefasst. Wenn ihm die Stimme bislang kein Leid zugefügt hatte,
würde sie es auch in Zukunft nicht tun können.
Mein Sarg ist...
Erstarb die Stimme? Ein heiseres Krächzen folgte dem halben
Satz. Doch nach einer Weile sprach sie weiter:
...da drin... hol ihn da raus! Raus!
Dein Sarg ist also in der Figur? Hm... Ardeth
überlegte. Und wie soll ich hier im Dunkeln deinen Sarg da
herausholen?
Wieder brachte die Stimme laute, unverständliche Laute von sich.
Und wenn ich dich da heraushole, sprach Ardeth weiter
und überlegte gleichzeitig laut, dann bist du doch tot.
Vermutlich eine Mumie. Was hast du davon? Was soll das alles
überhaupt?
Ich lebe... lebe, schrie die Stimme. Weck mich
auf!
Ardeth verstand die Worte, aber nicht den Sinn.
Was?, fragte er leise und zweifelnd nach, weil er der
Stimme nicht folgen konnte.
Erwecke mich! Erwecke mich! Du kannst das!
Äh..., zögerte Ardeth. Nein, kann ich
nicht!
Das Buch! Finde es!
Das Buch? Welches Buch? Moment mal... Buch? Ihm fiel seine Zeit
im Tempel der Isis ein. Die Bücher mit den Sprüchen. Bei Allah!
Das hier..eine Einrichtung der außerirdischen Wesen? Aber wer
war Imhotep? Die Ägypter haben ihn als Gott verehrt, und doch
soll er ein Mensch gewesen sein. Vielleicht war er doch ein
Außerirdischer. Und man hat ihn hier vergessen. Vielleicht
konnte er sehr alt werden und wartete seitdem auf seine
Befreiung. In Ardeths Hirn wälzten sich die wildesten Gedanken.
Und Verzweiflung. Was sollte er tun?
Wo ist das Buch?, fragte er.
Hier!, schrie die Stimme abermals. Hier!
Hier!
Ardeth fluchte innerlich, dass ihm sein Onkel keine Fackel da
gelassen hatte. Wie sollte er denn alles im Dunkeln finden? Erst
den Sarg, dann die Steine, jetzt das Buch... Sein Onkel... sein
Onkel hatte ihn hier eingesperrt. Warum hat er das getan? Es
musste sich um eine Prüfung handeln. Er sollte etwas ganz
Bestimmtes tun oder auch nicht tun. Sein Onkel hatte ihm
nicht gesagt, dass er etwas tun sollte. Er sollte nur keine Angst
haben. Ardeth war sehr verwirrt. Er hatte keine Ahnung, wer da zu
ihm sprach. Er war ratlos, was er nun tun sollte. Er tastete die
Wände ab, ob er etwas wie ein Buch finden würde oder etwas zum
Schlagen, um den Sarg aus der Statue zu holen.
Ich finde kein Buch!, sagte er nach einer Weile in
ziemlich vorwurfsvollem Tonfall.
Finde es! Finde es!
Nein, ich kann und will es nicht finden! Ardeth hatte
einen Entschluss gefasst.
Finde es!
Hör auf! Hör auf damit! Ich werde nicht aus diesem Buch
vorlesen, also brauch ich es auch gar nicht erst zu finden. Ich
will auch gar nicht wissen, wo es ist. Verstehst du? Verstehst
du?, schrie Ardeth, mittlerweile auch wütend.
Finde es! Lies den Spruch! Befreie mich!, rief die
Stimme unaufhörlich und finster.
Lass mich! Ich lese es nicht. Ich darf es nicht lesen.
Niemand darf es lesen.
Du musst! Du musst!, drängte ihn die Stimme.
Nein!
Auf einmal wurde es ganz still. Ardeth hegte die trügerische
Hoffnung, dass die Stimme es aufgegeben hätte, in ihn zu dringen
mit ihrer Bitte. Er lauschte in die unheilkündende Stille. Es
waren keine zwei Minuten vergangen, da erhob sich ein Sandsturm.
Der Sand und Staub, der auf dem Boden lag, wirbelte auf, über
ihn hinweg, wieder und wieder... Ardeth stürtzte auf die Knie
und krümmte sich zusammen, barg den Kopf in seinen Armen. Der
Sand peitschte über ihn hinweg, er schien ihn schütteln zu
wollen. Die Stimme klang jetzt noch verzerrter, noch wütender,
grausiger in ihrem Gejohle. Ardeth zitterte am ganzen Körper. Ob
er doch tun musste, was die Stimme verlangte? Würde sie ihn
sonst töten? Alles, was er an Anweisung erhalten hatte, war doch
nur, keine Angst zu haben.
Ich habe keine Angst, ich habe keine Angst, sprach er
zitternd vor sich her, den Kopf nach unten geneigt, damit ihm der
Sand nicht ins Gesicht peitschte. Was sollte er nur tun? Er
versuchte, ganz ruhig zu werden. Die Angst durfte ihn nicht
übermannen. Keine Angst, dachte er, keine Angst haben... Dann
hob er den Kopf ein wenig an und sprach mit ruhiger Stimme in das
Getöse, denn er wusste, dass der Spukende ihn hören würde,
egal wie laut oder leise er sprach.
Ich werde dich nicht befreien. Ich werde deinen Sarg nicht
öffnen und ich werde nicht aus dem Buch vorlesen. Also lass mich
in Frieden!
Mit einem Mal war der sonderbare Sandsturm vorbei und es
herrschte wieder Totenstille. Wie ein Echo hallte ein letztes Mal
die Stimme, und es war keine Drohung, sondern eine Tatsache, das
wusste Ardeth sofort, als er die Worte vernahm:
Ich werde dich dein ganzes Leben nicht in Frieden
lassen!
Ardeth setzte sich hin und atmete auf. Die Stimme meldete sich
nicht mehr. Der Spuk schien vorbei zu sein. Er wusste, es war
kein Spuk gewesen, sondern sehr real, bedrohlich real. Das Wesen,
das da zu ihm gesprochen hatte, wirkte unbeschreiblich böse und
Ardeth war jetzt froh, dass er sich nicht dazu hatte hinreißen
lassen, ihm zu helfen, wenn er es denn überhaupt gekonnt hätte.
Doch es war merkwürdig. Tief in seinem Herzens verspürte er
auch Mitleid. Er robbte zur nächst liegenden Wand, lehnte sich
an und sah in die Dunkelheit. Bewegungslos verharrte er den Rest
der Nacht, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Tür sich öffnete... aber als
sie sich öffnete, starrte Ardeth nach wie vor nach vorn
wie in eine Dunkelheit, in der er sowieso nichts sehen würde.
Namdun Setlata erschrak. Ardeth war sehr bleich im Gesicht
geworden. Er schien kaum zu atmen.
Ardeth?, sprach er seinen Neffen vorsichtig an,
während er sich in die Hocke setzte und ihn vorsichtig am Arm
berührte. Ardeth zuckte zusammen und sah seinen Onkel mit
schreckensgeweiteten Augen an. Sein Onkel sah ihn fragend an.
Doch Ardeth erblickte die Fackel, die Namdun hielt, und ganz
gegen seine höflichen Gewohnheiten schnappte er sie sich und
trat dahin, wo der Sarg sich befinden sollte. Er erleuchtete die
ganze Wand und sah den unteren Teil einer Statue.
Anubis!, flüsterte er ehrfurchtsvoll. Der
Mumifizierer!
Namdun trat neben ihn. Doch Ardeth beachtete ihn gar nicht,
sondern tastete den Kasten ab, von dem der nächtliche Besucher
behauptet hatte, er würde seinen Sarg enthalten. Doch Ardeth
entdeckte nirgendwo Schriftzeichen, der Kasten sah so aus, als
würde er zum unteren Teil der Statue gehören, sie stützen,
damit sie nicht umfiel. Doch die Statue konnte nicht umfallen, da
ihr oberer Teil aus der Kammer ragte.
Ist oben noch eine Kammer?, erkundigte sich Ardeth
und sah starr nach oben.
Nein, der obere Teil von Anubis steht ihm Freien.
Das hier ist ein Sarg, richtig?
Namdun erschauderte. Woher wusste Ardeth das? Der suchte weiter
akribisch die Wand ab und entdeckte eine Unregelmäßigkeit und
tastete einen Spalt ab, der weit unten ins Gestein ragte. Ardeth
fuhr mit dem Finger entlang. Der Spalt maß weniger als einen
Meter Länge.
Eine Truhe, konstatierte er. Dann fielen ihm die
Worte des Besuchers ein. Hier ist also das Buch versteckt,
richtig?
Namdun blieb der Mund offen stehen. War es möglich, dass ein
Medjai Ardeth bereits das Verbotene erzählt hatte? Nein... das
konnte Namdun nicht glauben. Und doch woher wusste Ardeth
von dem Sarg und dem Buch? Er sah seinen Neffen fragend an.
Ardeth saß immer noch in der Hocke vor dem Stück Wand, hinter
dem seiner Meinung das Buch versteckt war. Er sah zu seinem Onkel
hoch.
Onkel Namdun, wer ist Imhotep?
Namdun starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und taumelte
zwei Schritte rückwärts. Ungläubig schüttelte er mit dem
Kopf.
Woher weißt du...?
Ardeth erhob sich, sehr irritiert durch die Reaktion seines
Onkels.
Er hat zu mir gesprochen. Heute Nacht. Er wollte, dass ich
ihn befreie, weil er da drin eingesperrt ist! Ardeth
deutete mit seinem Finger auf den unsichtbaren Sarg.
Was?, stammelte Namdun entsetzt und ungläubig.
Was?
Onkel, wer ist dieser Imhotep?
Sch! Nicht seinen Namen nennen!, bedeutete ihm Namdun
mit seinen Händen wedelnd.
Namdun schien sehr durcheinander zu sein, befand Ardeth und
schwieg erst mal, bis sich sein Onkel wieder gefangen hatte. Der
warf einen bangen Blick auf die Statue, bevor er sagte:
Komm heraus hier! Er nahm Ardeth die Fackel ab und
ging voran.
Ardeth gehorchte und folgte Namdun, der ihn durch einige Gänge
schleuste, bis er vor einer Wand hielt und sie beleuchtete. Es
handelte sich um ein Relief mit zwei Priestern.
Lies!, raunte er Ardeth zu und wies auf den Anfang
der Hieroglyophen, die zwischen den beiden Figuren zu sehen
waren.
Laut?, fragte Ardeth unsicher nach.
Es passiert nichts, wenn du sie laut liest. Es gibt einen
Spruch, mit dem man die Priester erwecken kann, aber es ist nicht
dieser hier.
Ardeth sah seinen Onkel sehr zweifelnd an. Priester
wiedererwecken? Aber gut, nach der heutigen Nacht wollte er nicht
darüber debattieren. Er wandte sich der Inschrift zu.
Der die zwölf Tore nicht durchschreitet... der auf ewig
Verfluchte... der, der nicht genannt werden darf... bannt die
Diener seiner Seele in den Untod.
Ardeth betrachtete die Priester. Er schüttelte bejahend mit dem
Kopf. Das waren die erwähnten Diener. Ihr Herr...war...
Imhotep!
Sch! Wieder wedelte Namdun entsetzt mit den Händen
und deutete mit der Fackel auf die Inschrift.
Ardeth beachtete ihn gar nicht, sondern sah in die Richtung des
Ganges, aus der sie gekommen waren.
Bei Allah, was ist hier passiert?
Nicht hier reden! Auf diesem Ort lastet ein furchtbarer
Fluch! Bevor Namdun fortfahren konnte, fragte Ardeth:
Der Homdai?
Sch!, wedelte Namdun, doch sichtlich durcheinander
meinte er dann: Ja...aber woher weißt du vom Homdai?
Aber Onkel Namdun! Ich war doch schon im Tempel! Die
Priesterin hat davon erzählt.
Achja...achja...
Ardeth hatte seinen stets beherrschten Onkel noch nie so nervös
erlebt.
Also wurde der Homdai über diesen... diesen...,
Ardeth zögerte, den Namen auszusprechen, sonst riskierte er
wieder ein aufgeregtes Wedeln seines Onkel, na, du weißt
schon, verhängt.
Ja. Aber lass uns jetzt bitte gehen!
Ein Medjai-Krieger bat einen Schüler? Ohne weiter zu fragen,
folgte er Namdun Setlata aus dem Tempel.
Die helle Sonne blendete den Jüngling. Sein Onkel hatte sich
schon auf sein Pferd geschwungen, während Ardeth noch an seinen
Tüchern nestelte, um seinen Kopf vor der Sonne zu schützen.
Beeil dich!
Ardeth kam der fast flehenden Aufforderung nach, und während sie
das Areal verließen, sah er sich noch genau um. Er erkannte in
einiger Entfernung auch den oberen Teil der Anubis-Statue.
Unheimlich starrten deren Schakalaugen in die Ferne. Als sie
durch die Eingangstore geritten waren, gewahrte Ardeth zu seiner
Rechten hoch oben auf den Felsen in der Ferne Medjai-Krieger, die
auf ihren Pferden Wacht hielten. In der Mitte der zehn Krieger
war das nicht sein Großvater? Er war versucht,
hinaufzuwinken, doch unterließ es. Namdun führte ihn weit weg
vom Tempel. Er war schon längst außer Sicht, als er stoppte und
vom Pferd stieg. Er breitete ein Sonnensegel vor, unter das er
sich mit Ardeth setzte. Er reichte Ardeth mitgebrachtes
Fladenbrot. Sie aßen schweigend. Onkel Namdun schien sichtlich
erschrocken.
Ardeth, du bist sicher, dass der, der nicht genannt werden
darf, zu dir gesprochen hat?
Ja. Seine Stimme klang unheimlich verzerrt. Er forderte
mich auf, ihm zu helfen, sagte, er sei in einem Sarg in der
Kammer eingeschlossen. Ich soll den Sarg öffnen und dann aus
einem Buch vorlesen.
Bei Allah! Namdun grauste bei dem Gedanken, Ardeth
hätte es getan.
Als ich mich weigerte, ließ er... du wirst es nicht
glauben... also, er ließ einen Sandsturm über mich
hinwegsausen...ich weiß, es klingt verrückt... ein Sandsturm in
einem geschlossenen Raum...
Ich glaube dir, kürzte Namdun jeden
Erklärungsversuch von Ardeth ab.
Ein Sandsturm erhebt sich dort häufig. Das macht er. Er,
der nicht genannt werden darf.
Weil er so wütend und verzweifelt ist, nicht wahr?
Verzweifelt? Namdun schenkte seinem Neffen einen
kritisierenden Blick. Nein, er ist böse. Nichts weiter als
böse. Sonst wäre er auch nicht mit dem Homdai belegt worden.
Dieser Fluch ist nur für die allerübelsten Frevler bestimmt
gewesen.
Ich wusste nicht, dass der Homdai überhaupt jemals
ausgesprochen worden ist.
Das darf auch nicht bekannt werden, denn damit kann viel
Unheil angerichtet werden, Ardeth. Böses gesellt sich zu Bösem.
Böse Menschen könnten versuchen, den, der nicht genannt werden
darf, zu erwecken und für sich zu nutzen. Freilich irren sie,
denn der, der nicht genannt werden darf, würde sie nutzen und
nicht umgekehrt. Er würde die Welt unterjochen. Er wäre die
Plage aller Lebenden und nichts könnte uns mehr vor ihm
bewahren, wenn er als Untoter über die Erde wandelte.
Untot?
Er kann nicht sterben und darf nicht leben.
Ach, deshalb ist er so verzweifelt. Vielleicht möchte er
endlich sterben.
Er ist verflucht, weder im Diesseits noch im Jenseits zu
weilen. Überall würde er nur großes Unheil anrichten. In ein
paar Wochen wirst du die heiligen Schriftzeichen auf deiner Stirn
empfangen, die Unterwelt bedeuten. Du wirst nicht nur
diese Welt, sondern auch die jenseitige Welt vor dem, der nicht
genannt werden darf, behüten. Das ist deine wichtigste Aufgabe,
mein Neffe. Bevor der, der nicht genannt werden darf, seine böse
Tat beging, trugen deine Vorfahren andere Zeichen auf ihrer
Stirn. Die Wichtigkeit dieser Aufgabe, an deren Ursprung sie
beteiligt waren, ließ sie ihre heiligen Zeichen künftig
ändern.
Die Medjai waren an dieser Homdai-Geschichte
beteiligt?
Ja, Ardeth. Ich erzähle dir, was damals geschah. Es war zu
Zeiten eines großen und wohl verehrten gerechten Pharaos, Seti
der Erste, Vater des Großen Pharaoh, der Kemet Wohlstand und
Heil brachte, er möge ewig leben und sein Name sei
unauslöschlich!
Tatsächlich betete Namun die ganzen Titelage dieses Pharaos und
ebenso die Litanei auf Seti I. berunter, bevor er weitersprach.
Ardeth hatte seinen Onkel noch nie so formal erlebt, was das
ägyptische Altertum anbelangte.
Der Pharaoh hatte eine Frau aus dem Volk erwählt, die er
zu einer seiner Hauptfrauen in seinem Harem machen wollte. Eine
große, ja eine zu große Ehre für eine einfache Frau! Doch die
Verworfene, bewusst ihrer unaussprechlich großen Schönheit, mit
der sie Macht über Pharaoh erlangt hatte, war unersättlich. Sie
gab sich dem Oberpriester des Amun hin, der willig ihrer
Verführung erlag und glaubte, sie zu lieben. Diese Frau vergaß
alle Ehre, alle Dankbarkeit, alles Pflichtgefühl gegenüber
ihrem Herrn. Pharaoh entdeckte die Freveltat. Anstatt für ihren
Verrat zu büßen...
Namdun zögerte und sah zu Boden, noch sichtlich betroffen über
die Tat, als wäre sie erst gestern geschehen und nicht vor über
3000 Jahren, dann fuhr er fort:
... ermorderte sie gemeinsam mit dem heuchelnden
Oberpriester, der, der nicht genannt werden darf,
Pharaoh...
Namdun pausierte, als müsste er das Erzählte erst einmal selbst
verarbeiten.
Hinterrücks mit Gift?, wollte Ardeth wissen, der
nicht glauben konnte, dass jemand einfach so den streng
behüteten Pharaoh ermordet hat.
Nein, mit gemeiner Waffengewalt. Sie stießen ihm ihre
Schwerter und Messer in den Leib, bis er sterbend zusammenbrach.
Das letzte, was Pharaoh sah, waren die Gesichter der Personen,
denen er am meisten vertraut hatte, und die ihn so schmählich
hintergangen hatten. Es geschah im Palast in Waset. Die
Verruchte, sie hieß Angsanamun, hatte den, der nicht genannt
werden darf, in ihre Privatgemächer gelassen.
Und dann kam Pharaoh dazu?
Namdun nickte, sichtlich niedergeschlagen.
Und wo waren seine Leibwächter?
Ähm...
Auf einmal fiel Ardeth siedend heiß ein, dass jedermann in den
zwölf Medjai-Orten stolz darauf war, dass ihre Vorfahren unter
anderem die Leibwächter der Pharaonen waren.
Es geschah im Harem. Da hatten die Leibwächter...die
Medjai normalerweise keinen Zutritt. Als sie von der Tochter des
Pharaos gerufen worden, war es zu spät. Ihr Herr war tot, der
Oberpriester auf der Flucht. Und... die Verräterin gab zu, ihn
ermordet zu haben. Vor ihren Augen entleibte sie sich mit dem
gleichen Messer, mit dem sie zuvor Pharaohs irdisches Leben
genommen hatte. Alle waren ratlos und verwirrt. Der Sohn und Erbe
Pharaos weilte in Memphis. Man musste Boten aussenden und ihn
zurückrufen. Der geheiligte Leichnam Pharaos wurde
einbalsamiert. Der Körper der Verworfenen wurde in einer Krypta
verschlossen, ohne Namensnennung, doch haltbar gemacht, damit der
Sohn bei seiner Rückkehr entscheiden konnte, in welcher Weise
der Körper der Mörderin geschändet werden sollte. Doch es
geschahen entsetzliche Dinge.
Wieder legte Namdun eine dramatische Pause ein.
Der Oberpriester stahl den Körper der Verräterin und
brachte ihn...unvorstellbar...nach Hamunaptra! Starr
blickte Namdun in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Sein
Entsetzen war so groß, dass er nicht weitersprechen konnte.
Ardeth schüttelte seinen Kopf.
Aber Hamunaptra ist doch nur eine Legende! Hamunaptra gibt
es doch nicht wirklich.
Nun traf Ardeth dergleiche entsetzte Blick, der vorher Hamunaptra
reserviert gewesen war.
Ardeth! Du warst heute Nacht höchstpersönlich in
Hamunaptra oder dem, was von der Stadt übrig ist.
Ardeth stand der Mund offen.
Die Stadt der Toten wird sie genannt zu Recht! Die
frühen Pharaonen begruben hier ihre Söhne, das liebste, was
ihnen zu Lebzeiten genommen worden war. Und ihr Gold. Sie
verbargen es und nur wenige kannten den Weg nach Hamunaptra. Wir
kannten ihn immer und hüteten Pharaohs heiligen Ort den
dritten und heimlichsten. Der, der zwischen Leben und Tod steht.
Der erste heilige Ort war der Totentempel, den Pharaoh zu
Lebzeiten bauen ließ; der zweite war der Jenseits-Tempel in
Abydos und der dritte Hamunaptra! Ungekannt, ungenannt
für jedes weltliches Ohr. Doch natürlich wusste der
Oberpriester davon und er wusste, dass er nur hier den Ritus
vollziehen konnte, um seine Geliebte aus der Unterwelt
zurückzuholen.
Was?
Ja, Ardeth. Mithilfe des Buches wollte er den Ritus
vollziehen und seine schändlichen Priester sollten ihm dabei
helfen. Es wäre ihm auch fast gelungen, wenn nicht die Medjai
gerade noch rechtzeitig gekommen wären, das Ritual unterbrachen
und Angsanamun auf immer in die Unterwelt schickten. Sie hatten
sich sofort an die Fersen des Oberpriesters geheftet, als der die
Tote gestohlen hatte.
Und dann?
Aufrechte Priester und die Medjai berieten sich. Der neue
Oberpriester kannte nur eine Strafe für das Vergehen.
Der Homdai?
Ja. Später bestätigte der Große Pharaoh das Urteil. Die
verräterischen Priester wurde bei lebendigem Leibe mumifiziert.
Sie teilen das Schicksal ihres unredlichen Herren. Du kennst dich
mit altägyptischen Flüchen aus, Ardeth. Du erkennst jetzt die
Tragweite dessen, was damals geschehen ist.
Ardeth nickte und Namdun sprach weiter:
Die Medjai haben damals geschworen, den, der nicht genannt
werden darf, für immer zu bewachen, damit niemand ihn befreien
kann. Nur die Medjai wissen, wo er begraben ist.
Und das Buch.
Und das Buch. Es ruht im Schrein der Gefäße, die die
Organe der Frevlerin Angsanamun bergen. Das Buch, der Schrein und
der Sarg sind verschlossen.
Namdun sprach den letzten Satz zögernd. Wir haben vor
vielen hundert Jahren den Schlüssel verloren...
Was?
Ardeth, ich erzähle dir die Geschichte ein andernmal.
Heute ist etwas anderes wichtiger. Jeder, der ein Medjai-Krieger
werden möchte, muss den heiligen Eid ablegen, diese Stätte
unter Einsatz seines Lebens zu verteidigen und aufzupassen, dass
der, der nicht genannt werden darf, nicht erweckt werden wird.
Diejenigen, die Kommandanten werden, verbringen eine Nacht in
Hamunaptra, um sich den Ängsten in der Dunkelheit und der Enge
zu stellen, an einem Ort, der einem unaufhörlich Schauer über
den Rücken jagt. Doch noch nie habe ich gehört, dass der, der
nicht genannt werden darf, zu einem der unsrigen gesprochen
hat.
Namdun sah Ardeth grübelnd an.
Wir werden mit deiner Mutter darüber sprechen müssen. Sie
muss dir sowieso noch etwas Wichtiges mitteilen. Vielleicht hat
das miteinander zu tun...
Namdun dachte wieder nach und Ardeth wagte nicht, ihn zu stören.
Er war selbst noch versunken in die Geschichte, die ihm sein
Onkel gerade erzählt hatte.
Ardeth, sprach ihn dieser nach einer Weile weihevoll
an und unterbrach Ardeths düstere Gedanken. Du weißt
jetzt, warum es so wichtig ist, dass wir Medjai hier in der
Abgeschiedenheit die Aufgabe unserer Vorfahren fortführen. Bist
du bereit, dich dieser Aufgabe zu stellen? Bist du bereit, diese
Kreatur dein ganzes Leben lang zu bewachen, koste es, was es
wolle?
Ja, Onkel Namdun. Ich bin bereit.
Dann mögest du ein guter Medjai-Krieger sein!
Namdun und Ardeth ritten nach einer Stunde Pause heim. Beide
schwiegen und dachten über die Ereignisse der vergangenen Nacht
nach. Als Namdun seiner Schwester von Ardeths Begegnung mit dem
Unnennbaren berichtete, sah sie Ardeth, der dem Gespräch
beiwohnte, ebenso entsetzt an wie zuvor sein Onkel. Ardeth musste
ihr alles ganz genau erzählen.
Er weiß, dass der gekommen ist, der sich ihm erfolgreich
in den Weg stellen wird! Er wollte dich korrumpieren, mein Sohn!
Dem Schicksal ein Schnäppchen schlagen! Oder es gleich drauf
ankommen lassen!
Wovon sprichst du, Ma?
Mein Sohn, begann sie und wirkte nun genauso
förmlich wie zuvor Namdun, es gab eine Weissagung, die
dich betrifft. Die oberste Priesterin der Isis teilte sie mir bei
deiner Geburt mit. Sie lautet: 'Wenn das Kind des Südens einem
Sohn das Leben schenken wird, dann wird dieser sich dem
Unnennbaren stellen müssen.' Das Kind des Südens bin ich, die
ich Enkelin des Fürsten Sandokan bin. Diese Voraussage bezog
sich vermutlich auf einen Erben der Familie, die seit Tausenden
von Jahren die Aufgabe der Medjai überwacht. Du wirst der 128.
Erbe aus dieser Familie werden. Wir müssen jetzt alle sehr
wachsam sein, denn zu deinen Lebzeiten wird die Freveltat
begangen werden der, der nicht genannt werden darf, wird
unter uns wandeln und du wirst gegen ihn antreten müssen.
Ardeth blickte sie erschrocken an und stammelte:
Ich...?
Ja, und es wird noch viel mehr zu deiner Zeit
passieren. Leyrah trat ganz dicht zu ihrem Sohn, legte ihm
beide Hände auf die Schultern und sagte sehr ernst:
Du bist derjenige, der diese Welt vor ihrer Versklavung und
ihrem Untergang bewahren muss.
Ardeth atmete schwer durch.
In vier Wochen wirst du deinen Eid abgelegt und die
heiligen Zeichen empfangen haben. Dann gilt das Ziel deines
Lebens nur dieser Aufgabe. Hast du verstanden, wie wichtig es in
deinem Fall ist, dass du nicht versagst?
Ardeth sah sie ernst an, ihm war schwindelig, doch er wankte
nicht. Er war froh, dass sie ihn an den Schultern geradezu
festhielt. Er nickte benommen.
Deine Lehrer haben nur gut über dich gesprochen. Du
besitzt die Weisheit, die richtigen Entscheidungen zu
treffen.
Und...und so ein Orakel kann sich nicht irren?,
formulierte Ardeth vorsichtig.
Doch, ein Orakel kann durchaus irren. Eine Voraussage kann
falsch verstanden worden sein. Es ist aber ziemlich
unwahrscheinlich. Es gab schon einige Voraussagen und sie alle
haben gestimmt. Vergiss nicht, dass hier auf unserem Boden alles
noch so wirksam ist wie es damals war, als es niedergelegt worden
ist. Alles ist seit langer Zeit so vorherbestimmt. Manches
können wir beeinflussen.
Ardeth nickte verunsichert.
Ich werde mit dir in den folgenden Wochen unsere heiligen
Sprüche durchgehen. Du musst jeden verstehen, jedes Detail in
dieser Welt erkennen, wenn es dir einen Weg weist. Und du musst
sehr stark sein, mein Sohn.
Leyrah nahm sich in den folgenden Wochen viel Zeit für Ardeth,
der nun eine Ahnung bekam, wofür er all die letzten Jahre
trainiert und gelernt hatte. Alles ergab einen Sinn. Trotz der
für ihn zunächst so erschreckenden Neuigkeit mit der Weissagung
und dem unheilvollen Erlebnis in Hamunaptra sah er freudig seiner
Initiation entgegen.
Eine Woche vor dem großen Fest füllte sich der Ort des 12.
Stammes. Als erster traf Onkel Leslie aus Kairo ein, der seine
Familie froh in die Arme schloss. Er staunte, wie groß seine
Kinder geworden waren und war erleichtert, dass Ismail sich
inzwischen an das Leben im Anubis-Quartier gewöhnt hatte. Ardeth
bat Leslie, den er sehr gern mochte, sein Pate zu werden, der ihm
während der Zeremonie zur Seite stehen sollte. Eigentlich war es
ungewöhnlich, dass ein Mann, der nicht die heiligen Zeichen
trug, diese Aufgabe übernahm, doch da Leslie ein Bay war, machte
Ardjun eine Ausnahme und erlaubte es. Leslie war sehr stolz
darauf.
Dann trafen die Stammesanführer mit ihren Familie ein. Wie
Leyrah vorausgesagt hatte, durfte Ardeths Initiation keine reine
Familienangelegenheit bleiben, sondern ein öffentliches
Ereignis. So hatten die einzelnen Anführer ein zahlreiches
Gefolge dabei, Vertreter aus allen Bereichen ihrer Stämme. Es
wurde sehr eng im 12. Stamm.
Ardeths 16. Geburtstag bedeutete auch, dass er fortan als
Erwachsener galt. Die Stammesanführer spekulierten darauf, dass
Leyrah bald eine Braut für ihren Sohn wählen würde und waren
darauf bedacht, die heiratsfähigen Töchter gut zu
präsentieren. Nach Ardeths Geburt waren zahlreiche
Stammesanführerehefrauen schwanger geworden, doch nicht jeder
Familie war es vergönnt, eine Tochter zur Welt zu bringen.
Immerhin waren drei Mädchen in Ardeths Alter, d. h. ungefähr
ein Jahr jünger und zwei weitere waren zwei Jahre jünger als
er. Diese fünf jungen Damen hatte auch Leyrah in die engere Wahl
gezogen und begutachtete jede von ihnen ganz genau. Natürlich
gab es noch andere Mädchen mit gutem Stammbaum, die ebenfalls in
Betracht kamen, und auch sie waren mit ihren Familien anwesend.
Ardeth musste zusammen mit seinem Großvater, seinem Onkel
Leslie, dessen Frau und seiner Mutter die Ankömmlinge
begrüßen, und Leyrah unterließ es nicht, ihm vorher zu sagen,
auf welches Mädchen er achten und besonders begrüßen sollte.
Schließlich entschied sich Leyrah für die Tochter von Lord Mahu
aus dem 1. Stamm und teilte es Ardeth mit.
Heute Abend wird das große Bankett stattfinden, da alle
Anführer eingetroffen sind. Du wirst Nefer zu Tisch führen,
mein Sohn. Aber vorher komm noch in das Zelt von Lord und Lady
Mahu, sie wollen mit dir sprechen, forderte Leyrah ihren
Sohn abschließend auf und verließ sein Zelt, das er zur Zeit
allein bewohnte, weil Sahin vor ihm initiiert worden war.
Es war für Ardeth nicht einfach, da ihn eine sehr intensive
Freundschaft mit Farani Setlata verband. Sie war ja das jüngste
Kind von Leyrahs Onkel Wirianda. Ardeth und Farani waren sich
schon immer sehr zugetan gewesen. Leyrah hatte Ardeth klar
gemacht, dass er Farani, obwohl sie aus einer sehr guten Familie
entstammte, nicht zur Ehefrau nehmen konnte. Farani war eine
Setlata, und da Leyrah selbst aus der Familie Setlata stammte,
konnte man so eine Verbindung nicht so schnell hintereinander
eingehen, zumal Farani auch noch aus dem gleichen Stamm wie
Ardeth kam.
Ardeth saß nach dem Gespräch mit der Mutter niedergeschlagen
auf seiner Bettkante, als ausgerechnet Farani eintrat. Sie
lächelte ihn vielwissend an und setzte sich zu ihm.
Ich habe deine Mutter aus deinem Zelt kommen sehen.
Ardeth sagte nichts, sondern sah traurig zu Boden. Wie sollte er
es Farani auch sagen können?
Sie hat dir bestimmt schon eine Braut ausgesucht, nicht
wahr?
Ardeth sah Farani erschrocken an.
Ach Ardi, deine Initiation ist doch die Gelegenheit, eine
künftige Verbindung zu verkünden. Mach dir nichts vor, du bist
der einzige Erbe, naja, von Ismail mal abgesehen, aber der taugt
ja nicht so viel... Jedenfalls hat es deine Mutter eilig,
Großmutter zu werden. Du Armer musst bestimmt viele Kinder
zeugen. Farani versuchte zu lachen, doch es war ihr schon
nicht gelungen, mit ihrem Gerede darüber hinwegzutäuschen, dass
sie traurig war.
Farani..., brachte Ardeth mit belegter Stimme hervor.
Es... es tut mir so leid...ich hatte gedacht, wir beide
könnten... aber...
Es ist schon gut, Ardi, ich weiß Bescheid. Mein Vater hat
mir gesprochen. Noch eine Verbindung zwischen den Clans der
Setlata und Bay kommt für deine Mutter nicht in Frage.
Ardeth nickte. Genau das hatte seine Mutter ihm ja auch schon
gesagt. Eine Weile saßen die beiden Jugendlichen schweigend da
und hingen ihren Gedanken nach, bis Farani das Schweigen brach:
Wer ist es denn?
Nefer.
Nefer..., wiederholte Farani. Der 1.
Stamm. Sie nickte. Kluge Wahl. Weiß sie schon
davon?
Weiß ich nicht. Ich muss gleich zu ihren Eltern
gehen. Ardeth wirkte sehr traurig. Farani, ich hatte
wirklich gehofft, meine Mutter würde unserer Verbindung
zustimmen. Es tut mir so unendlich leid...
Ardi, schon gut, versuchte sie ihn zu trösten,
du und ich, wir wissen, wie das hier läuft. Wir haben
keine Wahl. Es hätte uns schon früher klar sein müssen, dass
wir uns keine Hoffnung zu machen brauchen.
Und wenn ich noch einmal mit meiner Mutter rede?
Nein, Ardi, das hat keinen Sinn. Ich... ich habe auch ein
wenig Angst davor, dass sie mich dann wegschickt oder so. Mein
Vater hat mich gewarnt. Deine Mutter hat mit ihm gesprochen.
Nein, Ardi, wir müssen aufeinander verzichten, meinte sie
tapfer und bemühte sich, eine feste Stimme zu behalten.
Ardeth nickte. Farani hatte recht. Es hatte keinen Sinn.
Aber bitte, lass uns gute Freunde bleiben!
Ja, Farani, gute Freunde, für immer!
Sie drückten ihre Unterarme aufeinander und hielten sich fest
die Hände. Noch einmal schauten sie sich tief in die Augen.
Farani hätte sich in Ardeths braune Augen verlieren können, sie
schluckte tapfer den Kloß im Hals herunter und sprach, bevor sie
schwach werden würde: Und jetzt geh! Die Mahus lässt man
nicht warten!
Tatsächlich besahen sich Lord und Lady Mahu ihren zukünftigen
Schwiegersohn sehr genau. Bevor sich die Anführer der zwölf
Stämme mit ihren Frauen und Kindern zum großen festlichen
Bankett am späten Abend zusammensetzten und eventuelle
Verlöbnisse bekannt gegeben wurden, trafen sich Lord und Lady
Mahu in ihrem Zelt mit Ardjun und Leyrah Bay, Ardeth und Nefer
waren auch anwesend, aber zum Schweigen verurteilt. Die
Erwachsenen verhandelten über ihre Zukunft über ihre Köpfe
hinweg, und zwar derart offen, dass es den beiden jungen Menschen
die Schamesröte ins Gesicht trieb.
Beide Seiten legten dar, dass sie den größeren Anteil an
Ansehen mit in diese Ehe einbringen würden: die Bays als die
führende Familie überhaupt, die Mahus dagegen mit dem Anspruch
auf die älteste Familie, die jedoch nicht so weit zurück
nachweisbar war wie die Bay-Familie, was dem Mahu-Clan arg zu
schaffen machte. Zu einer Verbindung der beiden Familien war es
auch eher selten in der Geschichte der Medjai gekommen, da beide
Stämme in Konkurrenzstellung standen. Tatsächlich saßen die
Anführer des ersten und zwölften Stammes in der Mitte
nebeneinander, wenn sich alle Anführer trafen. Stamm 1 meinte,
der eigentliche Bewahrer der alten Kultur zu sein, während Stamm
12 die tatsächliche Führungsrolle innehatte, ein Anspruch, der
von Stamm 1 immer wieder in Frage gestellt worden war. In Stamm 1
wurde streng auf das Einhalten der alten ägyptischen Werte und
Regeln geachtet, auch waren seine Krieger intensiver tätowiert
als die der anderen Stämme, gerade im Gesicht. Im ersten Stamm
wurde die letzte Priesterschaft ausgebildet, da sie den letzten
Isis-Tempel bewachten, was wiederum ein Kritikpunkt der
Nordstämme war, die stärker islamisiert waren als die
liberaleren Südstämme. Stamm 12 wurde vom ersten Stamm oft
dafür kritisiert, dass die Medjai ihr Fähnlein nach dem Winde
richten würden. Leyrahs hatte bewusst eine Verbindung mit dem
Hause Mahu gewählt, um diesen Differenzen beizukommen, was nicht
so einfach wie gedacht war.
Ardeth könnte zum Zeichen der Verbundenheit mit unserem
Stamm sein Gesicht so vollständig tätowieren lassen wie es bei
uns üblich ist, regte Lord Mahu an, in dessen Gesicht kaum
noch helle Haut sichtbar war.
Ardeth schaute leicht erschrocken auf bei den Worten.
Wir schätzen die Traditionen, die im 1. Stamm so
vortrefflich aufrecht erhalten werden, aber ich denke, es wäre
besser, wenn der künftige Anführer der Medjai so aussieht wie
die Majorität seiner Medjai-Krieger, wandte Ardjun
diplomatisch ein und Ardeth atmete innerlich auf. Er schaute zu
Nefer und fand es augenblicklich schade, dass ihr schönes
Gesicht einst so aussehen sollte wie das ihrer Eltern.
Vielleicht sollten wir im Gegenteil darüber nachdenken, ob
es nicht das Beste wäre, wenn Nefer die Tätowierungen so wie
ihr Ehemann erhält, gab Leyrah zu bedenken, die damit ein
Gegenargument zu Lord Mahu schuf, um wieder für Gleichgewicht
der Argumente zu sorgen. Nein, nein, widersprach
sogleich Lady Mahu, Nefer sollte schon die Identität des
1. Stammes deutlich zum Ausdruck bringen.
So ging es hin und her, und schließlich wurde geklärt, dass
beide Seiten gleiches Gewicht hatten, und in einer Art
Ehevorvertrag festgelegt, welche Rechten und Pflichten ehelicher
Art die Eheleute hatten, wieviele Kinder Nefer zur Welt bringen
sollte, wie lange ihre Stillzeiten dauern würden und solche
Dinge. Ardeth und Nefer sahen sich ab und an verstohlen an, sie
saßen sich ja gegenüber. Beide ahnten, dass ihr jeweiliges
Gegenüber sich eine Ehe ganz anders vorstellt hatte. Für
Romantik war hier kein Platz. Der Höhepunkt der Peinlichkeit
für Nefer war, als die beiden Ladies mit ihr hinter einem
Trennvorhang verschwanden, der das persönliche Gemach von Lady
Mahu und ihrer Tochter von dem offiziellen Empfangsraum
abgrenzte. Nefer musste sich entkleiden und wurde von Leyrah
begutachet. Sie befand ihre Hüften für breit genug, um Kinder
zu gebären und war auch sonst mit Nefers körperlichen
Eigenschaften zufrieden.
Und ist sie folgsam? Eine gute Kriegerin? Achtet sie die
Älteren?, wollte Leyrah, während sie das Mädchen
abtastete, von Lady Mahu wissen, die alles bejahte und
versichterte, dass Nefer ihrem Ehemann in allen Bereichen
gehorchen wird. Das Mädchen wäre am liebsten während der
ganzen Prozedur vor Scham im Boden versunken. Ardeth erging es
nicht viel besser. Er musste vor den beiden Männern seine
Fähigkeit beweisen, dass er den Samen für zukünftige Erben
liefern konnte. Als alle sechs Familienmitglieder wieder vereint
waren, getrauten sich die beiden jungen Leute überhaupt nicht
mehr, einander anzuschauen, als ihre körperlichen Eigenschaften
mit so zweideutigen Sprüchen wie Der Apis-Stier hat guten
Samen und Die Hüften von Hathor sind breit, sie
wartet auf den Schaft des starken Stieres für gut offen
dargelegt wurden. Sie wünschten sich so schnell wie möglich aus
diesem Zelt. Zum Abschluss dieser zähen Verhandlungen wurde
geklärt, dass Nefer erst noch ihre Ausbildung in Kairo
absolvieren sollte. Selbst dann würde man noch neun Monate
warten, die sie auf Leyrahs ausdrücklichen Wunsch unter Aufsicht
der Oberpriesterin im Tempel der Isis verbringen sollte, um sich
auf ihre künftige Aufgabe vorzubereiten. Da Nefer aus dem ersten
Stamm kam, der für die Sicherheit des Tempels zuständig war,
befürworteten ihre Eltern Leyrahs Anliegen. Es sollte auch
ausgeschlossen werden, dass eine Schwangerschaft durch einen
anderen Mann vorlag. Ardeth und Nefer sollten also nicht vor
dreieinhalb Jahren heiraten. Man würde sich nach Nefers Zeit in
Kairo noch einmal zusammenfinden und diesen Vorvertrag
bestätigen, wenn nichts Gravierendes dazwischen kommen würde.
Am Abend sollte Ardeth Nefer zu Tisch führen, ein sichtbares
Zeichen für alle Anwesenden, dass beide vergeben waren. Ihre
Verlobung sollte allerdings erst mit Nefers 16. Geburtstag
bekannt gegeben werden, also in knapp einem Jahr. Weder Ardeth
noch Nefer legten Wert darauf, miteinander mehr Zeit zu
verbringen als nötig.
Für Ardeth wurden es sehr anstrengende Tage. Jeder Lord wollte
Ardeth persönlich sprechen, um sich ein Bild von Ardjuns
Nachfolger zu machen. Ardeth verrichtete Dienste für die hohen
Familien, die testeten, ob er eingebildet war, wie seine
charakterlichen Eigenschaften waren und welche Bereitschaft er
mitbrachte. Noch wenige Tagen verblieben ihnen, ihn als Kind zu
behandeln und anzusprechen. Ardeth blieb stets höflich, tat
alles sofort, was man von ihm wollte und fand dadurch keine freie
Minute. Es kam ihm so vor, als müsste er von einem zum anderen
Tag erwachsen werden. Mit einem Schlag war all seine
Unbekümmertheit dahin. Im Hinterkopf war ihm zudem die
Geschichte dessen, der nicht genannt werden darf, gegenwärtig,
die Weissagung, seine künftigen Aufgaben, dann seine arrangierte
Heirat und schließlich die Angst vor dem Hohen Ritual der
Eintätowierung, das bald stattfinden sollte. All diese Dinge
ließen das Lächeln aus dem Gesicht des nunmehr jungen Mannes
schwinden. Er wünschte sich inbrünstig, frei davon zu sein,
leben zu können, wie er es wollte, mit seiner vertrauten
Freundin Farani an seiner Seite, deren Eigenschaften er schätzen
gelernt hatte. Er machte sich auch Vorwürfe, sich näher mit ihr
eingelassen und ihr so Hoffnung gemacht zu haben zu haben, aber
vor einem Jahr waren beide noch der Meinung, sie wäre eine
adäquate Braut als Setlata. Es waren Tagträume... frustriert
saß Ardeth drei Tage vor seiner Initiation auf dem Teppich in
seinem Zelt. Für heute Abend hatte ihn niemand zu sich rufen
lassen. Also hatte er sich ins Anubis-Quartier verkrochen, um
eine Weile allein sein zu können. Er legte den Kopf in seine
Hände und atmete tief durch.
Nach einer Weile raschelte es. Die Vorhänge am Eingang wurden
auseinandergeschoben, aber sehr vorsichtig.
Ardeth?
Es war Sahins Stimme.
Komm herein!, forderte Ardeth ihn auf und freute
sich, das Gesicht eines wirklichen Freundes zu sehen.
Ich dachte, du schläfst vielleicht...
Nein, ich denke nach...
Sahin nickte und setzte sich dazu. Er ahnte, was Ardeth
durchmachen würde. Die Initiation allein reichte ja schon aus,
um einen jungen Menschen ins Grübeln verfallen zu lassen, aber
Ardeths letzten Tage mussten furchtbar ausgefüllt gewesen sein.
Ich habe dich tagelang nicht gesehen. Ist es sehr
anstrengend?
Ardeth nickte stumm.
Stimmt es, dass du Nefer heiraten wirst?
Wieder nickte Ardeth, fast schon teilnahmslos, als würde ihn das
Thema nichts weiter angehen.
Okay, ich höre schon auf mit meinen dummen Fragen. Aber
nur unter einer Bedingung.
Ardeth schaute seinem Freund irritiert ins Gesicht und sah zu
seiner Verwunderung ein verschmitztes Grinsen.
Du kommst mit mir!
Jetzt?
Ja, jetzt. Sahin erhob sich und zog Ardeth mit hoch.
Der ließ alles willig mit sich geschehen. Und erzähl mir
nicht, du seist müde oder so. Ausruhen kannst du dich in ein
paar Tagen noch genug!
Sahin amüsierte sich insgeheim über Ardeths bangen Blick, den
ihm dieser daraufhin zuwarf. Er führte den Freund quer durch das
Anubis-Quartier bis hin zu einem der Essensausgabe-Zelte. Als sie
eintraten, erblickte Ardeth ungefähr vier Dutzend junge
Menschen, teilweise schon fertige Medjai-Krieger, aber die
meisten Schüler in der dritten Ausbildungsphase so wie Ardeth
selbst. Sie hatten sich im Kreis aufgestellt und brüllten
Überraschung!. Sahin sah Ardeth erwartungsvoll an.
Alle seine Freunde hatten sich hier versammelt, die meisten
hielten Gläser und Becher in den Händen und wirkten bereits
leicht angeheitert. An einer Seite waren jede Menge Speisen
aufgebaut. Das Zelt war dekoriert worden, recht bunt und
einfallsreich. Bevor Ardeth auch nur den Mund aufmachen konnte,
erklangen Trommeln und die Krieger schlossen ihren Kreis um
Ardeth herum. Sie tanzten ausgelassen, ergriffen ihn und
wirbelten ihn mit umher. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie zur
Ruhe kamen. Aber das Tanzen, Lachen, Scherzen, Essen, Trinken und
einfach nur Ausgelassensein dauerte bis zur Morgendämmerung. Die
jungen Leute hatten sich alle Mühe gegeben, um Ardeth eine
wunderbare Abschiedsparty zu geben. Hier war er einer von ihnen
und konnte sich so benehmen, wie er wollte. Er hatte diese Nacht
wirklich in vollen Zügen genossen. Jeder seiner Kameraden
bedauerte, ihn jetzt hier zu verlieren. Allen war klar, dass er
in ein paar Tagen einen anderen Status haben würde. Und wenn er
erst einmal aus Kairo zurückkehren würde, würde er bald der
Lord Bay werden. Die meisten seiner Kameraden konnten sich das
nicht vorstellen, da er wie selbstverständlich in ihre
Gemeinschaft eingebunden gewesen war. Sie gaben ihm aufrichtig
all ihre guten Wünsche für seine Zukunft mit auf den Weg.
Wie anders wurde die offizielle Geburtstagsfeier! Ardeth musste
sich streng nach dem Protokoll verhalten. Bei seiner Initiation
waren alle Anführer anwesend. Zunächst musste er auf der
Tribüne öffentlich seinen Eid ablegen, während die Anführer
mit ihren Ehefrauen die erhobenen Plätze eingenommen hatten.
Ardeth trug dabei den altägyptischen Schurz, der seinen
Unterkörper nur bis dicht über die Knie verdeckte. Er kniete in
Richtung des Volkes, als sein Onkel Leslie ihn befragte, ob er
für alle Zeiten den Medjai dienen würde. Ardeth bejahte die
lange Formel, woraufhin ihn Leslie ins Zelt der Tätowiererin
begleitete. Die Stammesfürsten folgten mit ihren Damen. Während
draußen das Volk feierte, sahen sie zu, wie Ardeths Rücken
tätowiert wurde. Leslie hatte ihm zuvor einen Trank gegen die
Schmerzen gegeben und Ardeth bemühte sich, keinen Mucks von sich
geben, was ihm auch gelang. In den folgenden drei Tagen war
Leslie die ganze Zeit in diesem Zelt anwesend. Die Anführer
feierten draußen mit dem Volk. Ab und zu schauten sie bei Ardeth
vorbei, ebenso wie seine Mutter und die anderen Verwandten.
Ardeth wurde am zweiten Tag an den Armen tätowiert, am dritten
Tag an der Brust und am vierten Tag schließlich im Gesicht.
Jedes Mal wurden die Stellen mit Salben versorgt und
einbandagiert.
Die zwölf Anführer nutzten diese Tage, um sich zusammenzusetzen
und die Zukunft der Medjai zu besprechen. Weiterhin ausgedehnte
Grabungen der Briten erschwerten ihre Lage. Ardjun ermahnte sie
alle, sich nicht einzumischen. Der erste Weltkrieg wirkte sich
zudem auf Ägypten aus und Ardjun hoffte, dass die Briten nicht
auf die Idee kamen, die Medjai zum Wehrdienst zu verpflichten,
falls der Krieg sich auf die Kolonialterritorien ausdehnte. Er
wollte engen Kontakt zum Vize-König halten, was ihm allerdings
die Kritik seiner Anführerkollegen einbrachte, die diesen Mann
gar nicht schätzten, da er wahllos Ägyptens Altertümer zu
seinem eigenen Vorteil und Reichtum veräußerte. Die Fronten
zwischen einigen Medjai-Anführern verhärteten sich und Leyrah
erinnerte sich an die Zeiten von Ardjuns Vater, in denen es zu
offenen Auseinandersetzungen gekommen war. Damals musste Lord
Ardeth Bay einige Anführer stürzen, um wieder Ruhe
herzustellen. Sie appellierte an die Anführer, dass es dazu nie
wieder kommen dürfte. Die Anführer hörten auf ihre Mahnung,
sie hatten Respekt vor dieser charismatischen Frau. Leise
erkundigte sich Lord Wenchyn, der Anführer des achten Stammes,
der Ardeth stets ein väterlicher Freund gewesen war, danach,
wann denn Ardeth bewusst an die Führung der zwölf Stämme
eingewöhnt werden würde. Ardjun zeigte sich ein wenig pikiert
und meinte, er erfreue sich noch bester Gesundheit, aber er werde
den Jungen nach seiner Rückkehr aus Kairo anleiten. Leyrah
schwieg und sah mit ernster Miene in die Runde. Die Anführer
hatten in den letzten Tagen Ardeth sehr genau beobachtet und ihn
als fähig befunden. Er zeigte zumindest noch nicht den Ardjun so
eigenen Starrsinn. Auch Ismail hatten sie unter die Lupe
genommen. Viele hatten untereinander die Situation im Hause Bay
besprochen und befunden, dass Ardeth ein außergewöhnliches
Juwel war. Ismail befanden sie als bemüht, aber weniger als
Anführer geeignet. Sie vermissten klare Stellungnahmen und
meinten, ein gewisses störrisches Wesen an ihm zu bemerken. Noch
immer flüchtete sich der Junge gern zu seiner Mutter.
Ardeth konnte sich in den folgenden Tagen kaum vor lauter
Besuchern ausruhen. Es kamen nicht nur die Stammesanführer mit
ihren Familien, sondern alle möglichen Leute aus dem zwölften
Stamm. Sie wollten ihm gratulieren und brachten ihm allerlei
Geschenke, um ihm seinen Zustand zu erleichtern. Im Horus-Zelt,
in dem er sich erholte, türmten sich Berge von Süßigkeiten,
Tüchern, Amuletten, geschnitzten Figuren, Pferde- und
Kamelschmuck und so weiter. Ardeth kannte jeden mit Namen, der in
das Zelt trat. Die Menschen bedankten sich häufig für Dienste,
die Ardeth ihnen vor langer Zeit erwiesen hatte, was ihn sehr
rührte. Alle, egal ob die Anführer oder die Leute aus seinem
Stamm, sprachen ihn nun als 'Lord Bay' an. Seine Mutter, die
ihren Sohn gut kannte, hatte ihm vorher eingeschärft, dass er
niemandem gestatten dürfe, ihn mit Ardeth anzusprechen oder ihn
zu duzen, noch nicht einmal seinem Freund Sahin. Ardeth fiel es
ziemlich schwer, sich daran zu gewöhnen. Er wollte keine Kluft
zwischen den Menschen und sich erschaffen und musste sich doch an
das Protokoll halten. Nur innerhalb der Familie war die vertraute
Anrede erlaubt, aber Ardjun und Leyrah gegenüber bei Anwesenheit
anderer wiederum nicht. Der winkte allerdings seinen Enkel auf
dessen Lager zurück, als der sich vor ihm auf die Knie werfen
wollte.
Nein, nein, mein Enkel, sprach er nachsichtig,
bleibe nur liegen! Erst, wenn du dich von deinem Lager
endgültig erhoben hast... wie geht es dir?
Gut, Großvater, log Ardeth. Sein Körper hatte 16
Tätowierungen erhalten, die meisten Stellen waren sehr gereizt.
Ardjun grinste vielwissend.
Ja, mein Enkel, mir ging es damals auch gut. Weißt du, ich
bin sehr stolz auf dich!
Ardeth war auch ziemlich stolz auf sich, weil er glaubte, dass er
die Prozedur klaglos überstanden hatte. Das Winseln, das ihm ab
und zu während der vier Tage über die Lippen gekommen war,
hatte er gnädigerweise selbst ignoriert oder vergessen. Aber
sein Großvater meinte etwas anderes.
Normalerweise, fuhr dieser fort, reisen die
Anführer der elf geladenen Stämme nach der erfolgten Initiation
des Nachfolger des Anführers ab, sobald die vier Tage
verstrichen sind.
Ardeth fiel auf einmal selbst auf, dass sich noch niemand bei ihm
verabschiedet hatte.
Aber sie wollen bleiben. Deinetwegen! Weißt du, sie haben
dich alle so ins Herz geschlossen, dass sie beschlossen haben,
allesamt zu bleiben, bis du dich erhoben hast und dich ihnen
zeigst. Na?
Sie warten auf mich?, fragte Ardeth unsicher und
beschämt nach.
Ja! Du hast sie schon geeint in ihrem Anliegen! Also,
Ardeth, dir gelingt jetzt schon, was mir in all den Jahren nur
schwerlich gelungen ist. Deshalb bin ich sehr stolz auf
dich!
Ardeth meinte, dass sein Großvater sehr aufrichtig war. Da war
kein Neid in seiner Stimme. Seine wunden Stellen schmerzten auf
einmal weniger.
Richte ihnen bitte aus, dass ich mich beeilen werde!
Davon bin ich überzeugt, mein junger Lord Bay.
Ardjun küsste ihm die Stirn und verließ das Zelt. Ardeth war
mehr als verwundert. Sein Großvater hatte ihn zwar inzwischen
respektiert, aber das vertraute Benehmen der letzten Tage war
geradezu gespenstisch.
Danke, Großvater, stammelte er, als Ardjun ins Freie
trat.
Die Tätowiererin schaute jeden Tag nach ihrem Patienten. Eine
Woche nach der Gesichtstätowierung entfernte sie ihm auch die
letzten Bandagen. Sie gab ihrer Begleitung, einem jungen
Mädchen, das sie anlernte, einen Wink. Das Mädchen verließ das
Zelt und kehrte eine Weile später mit Leslie zurück. Leslie war
als Pate für alles zuständig.
Lord Bay, begrüßte ihn die Tätowiererin,
Euer Schützling ist genesen. Ich gebe ihn frei.
Na, da haben wir's ja mal wieder geschafft, Ardeth,
flachste Leslie, der die Dinge sehr lustig anging, was Ardeth
besonders an ihm mochte. Er freute sich schon sehr auf die Zeit
in Kairo, in der viel mit seinem Onkel zusammen sein konnte.
Gut, du wartest hier, während ich mal die Familie
zusammentrommeln werde.
Leslie huschte aus dem Zelt, während sich Ardeth bei der Frau
und ihrer Helferin bedankte. Keine zwanzig Minuten später kehrte
Leslie zurück und trug das schwarze Gewand, das für Ardeth
bestimmt war, über der Schulter.
So, dann wollen wir mal!, grinste er Ardeth an.
Los, komm hierher!
Ardeth streckte die Glieder und erhob sich dann.
Tja, Ferien vorbei, kommentierte Leslie. Ab
heute beginnt der Ernst des Lebens! Tut mir ja leid für dich,
Ardi. Ardeth grinste seinen Onkel an, der an dem Gewand
nestelte und überlegte, wie er es seinem Neffen nun anlegen
müsse, denn das war ja seine Aufgabe in dieser Prozedur. Zum
Glück waren sie allein.
Soll ich?, fragte Ardeth vorsichtig nach.
Leslie schaute mit gekräuselter Stirn seinen Neffen an.
Das wär doch gelacht, wenn ich das nicht hinkriege!
Gedulde dich! Das kann dauern!
Ardeth stand kurz vorm Lachanfall. Leslie sah ihn gespielt
verärgert an.
Hast du dich eigentlich schon im Spiegel betrachtet? Nein?
Na, dann schau dich mal an! Du hast dich doch etwas verändert,
mein lieber Neffe! Fast schubste er ihn vor den Spiegel,
der an einer Seite des Zeltes stand.
Ardeth wurde still. Bislang hatte er die Gesichtstätowierungen
nur gefühlt, aber noch nicht gesehen, zumal er bis vor einer
halben Stunde noch teilweise bandagiert gewesen war. Leslie
schaute zu ihm hin, weil Ardeth auf einmal verstummt war. Das
Lachen war aus seinem Gesicht verschwunden. Leslie trat hinter
ihn und fasste ihn an beide Schultern. Er ahnte, wie seinem
Neffen zumute sein musste. Er war nun nicht mehr der junge
Ardeth, der Schüler, der so manch Narrenfreiheit hatte, sondern
erwachsen und trug darüber hinaus sehr viel Verantwortung. Die
Menschen seines Volkes erwarteten viel von ihm.
Alles Gute für deine Zukunft, mein Neffe!,
flüsterte Leslie einfühlsam. Du wirst es schaffen, das
weiß ich!
Ardeth nickte. Er wirkte sehr ernst. Nach einer Weile drehte er
sich zu Leslie um.
Wir wollen sie nicht länger warten lassen, Onkel
Leslie, meinte er und in seinem Gesicht erschien diese für
ihn so typische Entschlossenheit. Gemeinsam schafften sie es,
dass schwarze Kriegergewand anzulegen. Leslie reichte ihm die
beiden Schwerter und Ardeth wickelte zum Schluss den hohen
Turban. Leslie bemerkte, wie Ardeth leicht seufzte, als er durch
die Zeltvorhänge nach draußen trat.
Seine Familie wartete in einiger Entfernung, doch Ardeth
traute seinen Augen nicht standen neben seiner Familie die
Stammesanführer mit ihren Familien und dahinter bestimmt fast
der ganze 12. Stamm versammelt. Sie schlugen in die Hände und
bekundeten ihren Beifall durch Hochrufe. Ardeth war es peinlich.
Scheu sah er nach rechts und links, doch ging weiter auf seinen
Großvater zu. Kurz vor ihm fiel er auf die Knie, und nachdem
Ardjun ihn hochgewinkt hatt, umarmte er seinen Enkel.
Jetzt bist du ein Medjai-Krieger, mein Enkelsohn! Mach uns
stolz!
Ardeth nickte, während Leyrah auf ihn zutrat, ihn umarmte, ihn
segnete und in Folge alle Verwandten, dann die
Stammesanführer, ihre Familien und Ardeths Freunde sowie die
meisten der Stammesbewohner. Es wurde ein langer Tag und Ardeth
harrte geduldig und freundlich aus. Er war gerührt, dass die
Menschen so einen großen Anteil an ihm nahmen.
Am Abend verabschiedete er die elf Stammesanführer, die während
der Nachtkühle reiten wollten. Leslie blieb noch ein paar
Wochen, denn er wollte gemeinsam mit Ardeth nach Kairo
zurückkehren.
Ardeth sollte ungefähr ein Jahr in Kairo und teilweise auch in
Alexandria alte Schriften studieren. In einer geheimen Bibliothek
lagerten uralte Schriften der ägyptischen Antike. Räume, zu
denen nur Medjai Zutritt hatten, enthielten alte Sprüche,
verrieten Geheimnisse und zeichneten die Geschichte sehr
umfassend auf. Einst lagerten die vielen Rollen im Süden,
verteilt an verschiedenen Orten. Nachdem einige unwiderbringlich
verschwunden waren, wollte man sie besser bewachen können. Sie
lagerten nun in mehreren Gewölben der Bibliothek, in einer
Erweiterung der Museumsbibliothek und unzugänglich für Besucher
und Wissenschaftler. Teilweise handelte es sich um Wissen, von
dem Ardeth schon mündlich erfahren hatte. Aber die
Stammesanführerkinder sollten hier ihr Wissen vertiefen, damit
sie gewappnet für ihre zukünftigen Aufgaben waren. Es war kein
angenehmes Lernen, denn der Raum wurde nur spärlich beleuchtet.
Ardeth traf auf die meisten Jugendlichen, mit denen er schon im
Isis-Tempel gedient hatte. Sie halfen sich gegenseitig, denn
manche Schrift war schwierig zu entziffern. Bei seiner Ankunft
traf er auf Usimare Kanarnya, dem Sohn des Anführers des 4.
Stammes, Beniwar Rasid, der Nichte des Anführers des 6. Stammes,
Chiaranche Fajum, die Nichte des Anführers Harun Mendoalus des
10. Stammes, deren Mutter Haruns Schwester war und in den
Prestige-Clan Fajum eingeheiratet hatte, Sitre Wenchyn, ein Enkel
des Anführers des 8. Stammes, der Ardeth oft väterlich beraten
hat, Per'Agun Gharan, Sohn des Anführers des 9. Stammes, und
Gatyreth Meranmose, der Sohn des Anführers des 5. Stammes. Die
fünf Jungen teilten sich ein Zimmer in dem Anwesen der Medjai in
Memphis, ebenso wie die beiden Mädchen. Es war ein beständiges
Kommen und Gehen, da nicht nur die Kinder der jeweiligen
Anführer für ein Jahr hierher kamen, sondern auch die Kinder
der möglichen Nachfolger, also der Geschwister des Anführers,
seiner Neffen und Nichten, seiner Tanten und Onkel und seiner
eigenen Kinder. Auch die Mädchen wurden hierhergeschickt.
Natürlich waren hier auch viele Krieger stationiert, wenn auch
nur für einen gewissen Zeitraum, der sehr unterschiedlich sein
konnte. Einige Krieger wohnten sogar in Kairo, hatten eine
Familie hier gegründet und bewohnten ein eigenes Haus. Das war
aber eher die Ausnahme und meistens dann der Fall, wenn die
Auserwählte aus Kairo stammte und nicht von ihrer Familie
fortziehen wollte, jedenfalls nicht in die weit entfernte und
entsagungsreiche Wüste. Auch kamen viele 14jährigen
Jugendlichen hierher, um das Leben fern des Heimatstammes
kennenzulernen. Sie leisteten vor allem Dienste, kümmerten sich
um die Pferde, das Anwesen, mussten zu bestimmten Zeiten anwesend
sein, um auf sie zurückgreifen zu können, aber durften auch
Kairo entdecken, wovon sie reichlich Gebrauch machten. Allerdings
mussten sie allen Anwesenden gehorchen, sobald die ihnen etwas
auftrugen, auch den sieben Anführerkindern, die ja als
erwachsene Krieger galten. Außerdem lebten in dem Haus noch
einige Frauen, die kochen, wuschen und für das Haus zuständig
waren. Eine von ihnen war so etwas wie die Oberin von allen. Alle
nannten sie Om Giza, sie hatte schon lange in diesem Haus gelebt
und wollte nicht in die Wüste zurückkehren. Viele Mädchen
wollten gern in Kairo eine Weile leben und dienten daher in
diesem Haus oder auch bei Leslie und in anderen Häusern, die von
Medjai bewohnt wurden, auch in jenen von den nicht-tätowierten
Medjai. Dort wurden einige junge Frauen zu Spioninnen
ausgebildet, die sich an gewisse Europäer heranpirschen sollten,
um diese auszuhorchen, was sie in Ägypten planten, entweder als
Hausangestellte oder Geliebte. Sie mussten ziemlich gut Englisch
und Französisch sprechen, um das Gesprochene mitzubekommen, was
für sie von Wichtigkeit war. Es waren nicht viele Mädchen zu
diesem Job bereit, doch einige drängten sich dahin, sei es aus
Interesse, aus besonderer Berufung zu einer Aufgabe, die
unbeliebt war, oder aus enttäuschter Liebe. Sie waren für ihren
Stamm äußerst wertvoll und galten nicht als unrein oder
ausgestoßen, sondern konnten, sobald sie die Aufgabe nicht mehr
wahrnehmen wollten, ins Stammesleben ohne Probleme zurückkehren.
Im Haus der Medjai lebte auch jene Frau, die Leyrah einst im
Fremdenlegionärslager kennengelernt hatte. Fatimah hatte
zunächst in Leslies Haushalt gelebt, war aber zwischenzeitlich
ins Haus in Memphis gewechselt. Sie hatte von Anfang an ein
besonders herzliches Verhältnis zu Ardeth. Auch andere Mädchen,
die aus misslichen Lagen gerettet worden waren, lebten hier. Den
Oberbefehl über alle hatte der oberste anwesende Kommandant,
egal aus welchem Stamm er kam. Zurzeit war das Secha Korlan aus
dem 7. Stamm. Natürlich hatte er nicht so viel zu sagen wie Om
Giza, die in ihrer Autorität, was das Anwesen anbelangte,
unbestritten war. Die sieben Studierenden waren überdies dem
Kurator des Museums verwantwortlich, der ihnen die Bibliothek
gezeigt und erläutert hatte und erwartete, dass sie sich
innerhalb ihres Jahres gewissenhaft durch die Bestände arbeiten
würden.
Ardeth wurde für die mühselige Arbeit entlohnt, indem er
manchmal abends Leslies Villa genoss. Ardeth hatte nicht die
Annehmlichkeiten des Badeteiches vergessen. Mit seinem Onkel
spielte er Karten und besprach sich. Leslie war immer gut
gelaunt. Er berichtete Ardeth von seiner Arbeit und der Neffe
hörte aufmerksam und interessiert zu. Leslie arbeitete zwar als
Ägyptologe im Museum, aber war vor allem dafür zuständig,
echte Antiquitäten auf dem Schwarzmarkt auszumachen und
zurückzuholen. Leslie konnte dabei auf die Hilfe der in Kairo
lebenden Medjai zurückgreifen, auch auf die der ausspionierenden
Mädchen. Oft musste Leslie in andere Städte reisen, manchmal
auch nach Europa, um eine Spur zu verfolgen. Es gab viel für
Leslie zu tun, denn Schwarzmarkthandel mit ägyptischen
Antiquitäten war eine weit verbreitete Sache, aber Leslie liebte
seinen Job.
So lernte Ardeth in Kairo das komplexe Netz der Medjai kennen.
Auch der Kurator war einer von ihnen. Und dennoch schafften es
die Medjai nicht, den Abtransport ägyptischer Schätze zu
verhindern. Die Briten bestimmten über ihr Land und der
regierende Vize-König war eine ihrer Majonetten. Ardjun hatte
kaum Einfluss auf den Briten-Günstling. So bemühten sich die
Medjai beinahe vergeblich auf allzu vielen Baustellen. Oftmals
trugen Grabungsteams vor ihren Augen Dinge davon, um deren
Bedeutung nur die Medjai wussten.
Gatyreth war der älteste der sechs Studiereenden, er würde bald
nach Hause zurückkehren. Ardeth hatte sich sehr auf ein
Wiedersehen gefreut, denn er hatte sich stets prima mit Gatyreth
verstanden und erinnerte sich besonders gern an die schöne Zeit
im 5. Stamm zur Zeit der Wettkämpfe vor einigen Jahren. Gatyreth
war bei Ardeths Initiation nicht anwesend gewesen, weil er zu der
Zeit schon in Kairo weilte. Ardeth registrierte sehr bald, dass
sich Gatyreth ihm gegenüber sehr merkwürdig verhielt, fast, als
würde er ihn ablehnen. Während die anderen ihm nachträglich zu
seiner Initiation gratuliert hatten, verlor Gatyreth kein Wort
darüber. Von Anfang bemühte er sich darum, Ardeth aus dem Weg
zu gehen, und wenn Ardeth ihn ansprach, wies er ihn beinahe
schroff ab. Ardeth war neu hier und wollte nicht gleich
unangenehm auffallen, indem er Gatyreth etwas erwiderte, was zum
Streit hätte führen können, denn er spürte, dass der junge
Mann darauf aus war. Er wollte auch nicht hinter seinem Rüclenn
Usimare oder Sitre befragen. Also versuchte auch Ardeth Gatyreth
zunächst aus dem Weg zu gehen. Es bekümmerte den jungen Ardeth
allerdings, da es keine gute Ausgangsbasis für eine
zwangsläufig spätere Zusammenarbeit war und weil er nicht
wusste, warum sich Gatyreth überhaupt so verhielt. Ardeth
überlegte, ob Gatyreth vielleicht beleidigt sein könnte, dass
die Familie Bay statt Gatyreths Schwester Syukar eine andere Frau
als Ehefrau für Ardeth vorgezogen hatte. Nach zwei Wochen
schweigsamer Feindschaft beschloss er, Gatyreth darauf
anzusprechen, sobald er ihn irgendwo allein antraf, um ihn nicht
zu kompromitieren. Ardeth ahnte nicht, in welche Wunde er da
stechen würde. Er traf ihn im Schlafraum an, schloss die Tür
und ergriff das Wort.
Lord Meranmose, ich bitte Euch auf ein Wort. Seit zwei
Wochen geht Ihr mir aus dem Weg, und dabei schien es mir, als ich
Euch vor meiner Initiation im Tempel traf, dass Ihr mir gewogen
gewesen seid.
Gatyreth funktelte ihn böse an, aber erwiderte nichts. Er wandte
Ardeth den Rücken zu und fuhr fort, seine Waffen zu ordnen.
Da Ihr mich damals nicht abgelehnt habt so wie heute, muss
sich in der Zwischenzeit etwas ereignet haben, wovon ich aber
leider nichts weiß. Bitte sagt mir, was mein Vergehen ist.
Immer noch schwieg Gatyreth. Ardeth konnte seine unterdrückte
Wut förmlich spüren. Es knisterte nur so im Raum. Aber er
wollte jetzt nicht aufgeben.
Wenn es daran liegen sollte, dass Eure Schwester nicht
meine Gemahlin werden wird, so bedaure ich das sehr. Es ist eine
Entscheidung, die außerhalb meines Einflusses stand. Ich hoffe,
Ihr fühlt Euch nicht persönlich beleidigt, weil...
Ardeth konnte nicht weiter sprechen, denn Gatyreth hatte sich
ruckartig umgedreht und war weiß vor Wut, die jetzt aus ihm
hervorbarst, als er fast schreiend erwiderte:
Bildet Euch bloß nichts ein, Lord Bay!
Alle Verachtung dieser Welt lag in dem Namen Bay. Es war für
Ardeth wie eine Ohrfeige.
Ihr seid kein Deut besser als Euer verdammter Clan! Ich
will mit Euresgleichen nichts zu tun haben, habt Ihr das nicht
verstanden? Also lasst mich einfach in Ruhe!
Er rauschte an Ardeth vorbei und schlug die Tür hinter sich zu.
Ardeth blieb wie angewurzelt stehen. Was war das denn gewesen?
Was hatte er um alles in der Welt Gatyreth getan? Ob er wirklich
wegen Syukar beleidigt war? Ardeth spürte, dass er ihn geradezu
verachtete. Doch was konnte er tun? Ihn noch einmal ansprechen?
Fast fürchtete sich Ardeth davor. Er setzte sich auf sein Bett
und war immer noch platt vor Verwunderung. Er konnte doch nicht
zulassen, dass Gatyreth ihn von vornherein ablehnte. Er wusste,
er musste das unbedingt klären, doch er wollte erst einmal
abwarten, bis Gatyreth sich beruhigt hatte. Vielleicht würde er
ja vernünftig werden und von sich aus das Gespräch mit ihm
suchen. Doch das geschah nicht. Ardeth beobachtete ihn insgeheim
und bemerkte, dass Gatyreth große Mengen Alkohol konsumierte.
Alkohol war unter den Medjai kein verbotenes Getränk, denn der
Weinanbau und das Bierbrauen war immer schon Bestandteil ihrer
alten Kultur gewesen. Von den Kriegern wurde aber erwartet, dass
sie dienstbereit waren und so sprachen sie dem Alkohol nicht im
Übermaß zu, es sei denn, sie hatten einen freien Tag. In den
nördlichen Stämmen gab es jedoch Stimmen gegen den Alkohol, da
der Prophet den Konsum dieses teuflichen Getränkes
untersagt hätte. Der Süden belächelte seine Brüder im Norden
deswegen. Diese kleinen Differenzen zwischen den Stämmen wurden
jedoch nicht offen ausgetragen und die Anführer und Kommandanten
bemühten sich, keinen offenen Streit deswegen aufkommen zu
lassen. Gewisse Eigenheiten einiger Stämme wurden
stillschweigend akzeptiert.
Eines Abends, als sich die meisten Bewohner des Anwesens in der
großen unteren Halle befanden, wo das Essen auf einem langen
Tisch aufgetragen war und jeder sich bedienen konnte, bemerkte
Ardeth, wie Gatyreth mehrere Gläser Wein leerte und warf ihm
einen besorgten Blick zu, den Gatyreth auffing. Er saß mit
seinem Freund Usimare in einer der Ecken auf einem Teppich
zusammen und rauchte Wasserpfeife, während Ardeth mit Sitre und
zwei Jungen aus Sitres Stamm ein Würfelspiel spielte. Gatyreth
funkelte Ardeth wütend an, der schnell den Blick auf das
Würfelspiel richtete, wissend, dass Gatyreth in seinem
angetrunkenen Zustand eher wütend auf Mitleidsblicke reagieren
würde. Gatyreth war aber kampflustig. So laut, dass jeder im
Saal es hören konnte, sagte er zu Usimare:
Schau mal, Usimare, die Bays aus dem Norden beneiden uns um
unsere Trinkfestigkeit. Ihnen ist es ja nicht gestattet...
Und er lachte auch noch zum Überfluss.
Usimare war diese Bemerkung peinlich und er tat so, als hätte er
sie nicht gehört, doch alle anderen im Saal sahen erstaunt in
Gatyreths Richtung. Zum Entsetzen aller fuhr der fort:
Wie brav sie doch sind! Welch vorbildhaftes
Verhalten! Er grölte vor Lachen.
Usimare konnte nicht mehr so tun, als würde ihn das alles nichts
angehen. Verlegen schaute er in Ardeths Richtung. Eher leise
sprach er auf Gatyreth ein:
Lord Bay trinkt auch Wein, Gatyreth. Also hör schon
auf!
Usimare nahm in Kauf, dass er gerade einen Protokollsbruch
begang, indem er seinen Freund vor allen dutzte und nicht
förmlich ansprach, aber erstens war der Kommandant nicht
anwesend und zweitens wusste er, dass sein Freund das jetzt mit
Sicherheit ins Lächerliche ziehen würde, wenn er ihn nicht
vertraut ansprach. Doch Gatyreth war nicht auf Versöhnung mit
irgendjemandem aus. Er war reichlich angetrunken und erhob sich
fast schwankend. In Ardeth Richtung wankend, rief er ihm zu:
So, der Lord Bay ist also trinkfest! Los, kommt und beweist
es uns, Lord Bay!
Er war vor Ardeth und den anderen angekommen, während alle
Anwesenden im Saal zu ihnen herüber starrten. Ardeth wurde ganz
anders zumute. Jetzt musste er beweisen, dass er mit der
Situation umgehen konnte. Bloß wie ging man mit einem
Betrunkenen um?
Steht auf, wenn Ihr ein Mann seid! Messt Euch mit mir! Ich
wette, Ihr liegt eher unterm Tisch als ich, Lord Bay!
Jedes Mal sprach er dieses Lord Bay mit tiefster
Verachtung aus, was jeder im Saal registrierte. Ardeth schossen
die Gedanken durch den Kopf. Was sollte er tun? Autorität
herauskehren? Andere um Hilfe bitten? Gar nicht reagieren? Er
entschied sich, einfach sitzen zu bleiben und erwiderte ruhig:
Lord Meranmose, ich möchte mich nicht mit Euch messen. Ihr
seid mir gegenüber im Vorteil...
Gatyreth schaute ihn verdutzt an, was Ardeth ausnutzte, um
weiterzusprechen.
Wie sollte ich denn aufholen, was Ihr schon getrunken habt?
Das schaffe ich nie... aber vielen Dank für das Angebot. Eines
Tages werde ich darauf zurückkommen.
Ardeth hatte es ohne Ironie gesprochen, es klang ehrlich und
verblüffte Gatyreth so sehr, dass ihm keine Erwiderung einfiel.
Usimare war inzwischen hinter seinen Freund getreten, zog ihn
sanft mit sich fort und raunte Ardeth leise ein
Entschuldigung! zu. Gatyreth ließ Usimare gewähren
und verzog sich schmollend an seine Wasserpfeife. Irgendwann
werde ich dich erwischen, drohte er in Gedanken Ardeth, der sich
wieder dem Würfelspiel zuwandte und nicht die Blicke der
Anwesenden registrierte, die sich bewundernd auf ihn gerichtet
hatten. Er war noch viel zu beschäftigt, den Schock zu
verarbeiten, doch er sah, wie ihm Sitre anerkennend zunickte.
Niemand verlor ein Wort über diesen peinlichen Zwischenfall. Man
schrieb Gatyreths ausfallendes Benehmen seinem Alkoholkonsum zu
und ging davon aus, dass er sich später bei Ardeth entschuldigt
hätte. Doch natürlich hatte er das nicht. Ardeth kam nach wie
vor nicht dahinter, was Gatyreth zu brachte, sich so zu benehmen.
Er konnte es sich nicht vorstellen, dass es beleidigte
Familienehre war, denn seine Familie war ja nicht wirklich
beleidigt worden. Und doch hatte es etwas mit der Familie oder
ihrem Anspruch zu tun, so wie er jedes Mal das Lord
Bay betonte. Ardeth ging ihm aus dem Weg und vertagte das
Problem auf später. Doch Gatyreth wollte es nicht vertagen. Er
bemühte sich mit kleinen Gesten, Ardeth seine Abneigung zu
demonstrieren. Mal schlug er ihm die Tür vor der Nase zu, mal
nahm er das Buch, in dem Ardeth gerade gelesen hatte, weg, um es
selbst zu lesen, und immer wieder ließ er Sticheleien verlautbar
werden. Ardeth versuchte es erfolgreich, ihn zu ignorieren, was
Gatyreth noch mehr ärgerte. Und so kam es eines Tages zu einem
erneuten Zwischenfall.
Wieder waren viele Personen in dem Saal versammelt. Om Giza hatte
gerade das Essen bereitgestellt und einige drängten sich an den
langen Tisch, um sich von den unzähligen Speisen zu nehmen, auch
Ardeth, der sich seinen Teller mit Fladenbrot und Süßspeisen
vollpackte. Om Giza und Fatimah schüttelten gespielt tadelnd mit
dem Kopf wegen der Süßspeisen und Ardeth meinte grinsend:
Ich muss doch ausnutzen, dass Mutti nicht in der Nähe
ist.
Mit diesen Worten wandte er sich um und lief prompt mit seinem
Teller in Gatyreth herein, sodass der Teller nach unten fiel und
sich alles auf dem Boden ergoss. Ardeth wusste in diesem Moment,
dass Gatyreth es darauf angelegt hatte und war ziemlich
ärgerlich über diese erneute Drangsalierung. Gatyreth goss noch
Öl ins Feuer, indem er ihn anfauchte:
Pass doch, wo du hintrittst, Bay! Du bist doch zu
blöd!
Ardeth bemühte sich um Fassung, obwohl er sichtlich verärgert
war, und zwar so, dass es in Gatyreths Augen zufrieden
aufblitzte. Jetzt hatte er es geschafft und Ardeth provoziert.
Doch als der sagte:
Warum stellt Ihr Euch mir immer in den Weg, Lord
Meranmose?, da verlor Gatyreth die Beherrschung. Genau das
war es, was er Ardeth vorwarf: dass er sich ihm und seiner
großen Liebe in den Weg gestellt hatte. Er schrie:
Ich stelle mich Euch in den Weg?! Ihr, Ihr seid es doch,
der alles für sich beansprucht! Der sich immer anderen in den
Weg stellt!
Alle sahen entsetzt auf Gatyreth. Längst hatte sich ein Kreis um
die beiden jungen Lords gebildet. Gatyreth gab Ardeth keine
Gelegenheit, irgendetwas zu sagen.
Typisch Bay! Alles wollen sie haben! Ihr seid alle so ...
widerlich...., und er schubste Ardeth, so dass er an den
Tischrand gedrückt wurde. Er war vielzu perplex, um irgendetwas
sagen zu können.
Gatyreth, hör auf!, riefen Sitre und Usimare, alle
Etikette vergessend. Gatyreth war so in Fahrt geraten, dass ihn
nichts mehr stoppen konnte.
Alles wollt ihr Hurensöhne haben...
Lord Meranmose!, protestierte Ardeth, und genau das
war zuviel, dieses beherrschte Lord Meranmose in
einer Situation, wo Gatyreth wusste, er hatte es verdient, sich
von Ardeth dafür eine zu fangen. Unbeherrscht, wütend und
voller Empörung schlug er Ardeth ins Gesicht, so dass dieser
taumelnd nach hinten auf den Tisch fiel und in den Speisen
landete.
Gatyreth, kreischten Sitre, Usimare und die beiden
Mädchen jetzt im Verein, und zwei Krieger packten ihn von
hinten, damit er nicht weiter auf Ardeth einschlagen konnte, der
sich inzwischen erhoben hatte.
Was ist hier los?, donnerte eine Stimme von hinten.
In der Tür stand der Kommandant und sah mit großer Verblüffung
auf das Durcheinander, was sich ihm bot. Die Krieger öffneten
sofort den Kreis und bildeten fast eine Art Spalier für Secha
Korlan, der wütend auf die Szene am Tisch blickte. Er hasste
Uneinigkeiten bei seinen Leuten. Er maß Ardeth mit einem
wütenden Blick, denn von ihm tropften Speisereste herab. Den
gleichen Blick warf er Gatyreth zu, der der Verursacher gewesen
sein musste, da zwei Krieger ihn hielten.
Lassen Sie ihn los!, befahl er ihnen. Nur ungern
taten sie das, aber hofften, dass Gatyreth jetzt im Angesicht des
Kommandanten friedlich sein würde. Tatsächlich war der gerade
aus seiner Wutverranntheit erwacht und sah, was er angerichtet
hatte. Doch es tat ihm keineswegs leid.
Lord Bay, Lord Meranmose, nun, meine Herren?
Beide schwiegen. Ardeth, weil er wartete, dass Gatyreth dazu
etwas zu sagen hatte, und Gatyreth, weil er wütend auf Ardeth
war. Der Kommandant war keiner der Sorte, die lange auf eine
Antwort warteten, wenn er sie verlangte. Er schüttelte
missbilligend mit dem Kopf.
Also ein Streit. Ein Streit unter Lords, die Vorbilder sein
sollten für Ihre Krieger.
Er machte eine Pause, um den beiden Kontrahenten Gelegenheit zu
geben, etwas dazu zu sagen, doch Ardeth hatte schuldig den Kopf
gesenkt, während Gatyreth Ardeth zornesrot anstarrte. Kommandant
Korlan registrierte beider Verhalten. Er hatte längst
mitbekommen, dass Ardeth eher ein Friedensengel war. Da man
Gatyreth festgehalten hatte, musste man ihn vor irgendetwas
zurückgehalten haben. Vielleicht war gar kein Streit entbrannt,
sondern nur ein Angriff von Seiten Gatyreths und Ardeth schämte
sich, Stellung zu nehmen.
Lord Meranmose, sehe ich das richtig, dass Ihr für Lord
Bays beklagenswerten Zustand verantwortlich seid?, fragte
ihn der Kommandant mit vorwurfsvollem Tonfall.
Gatyreth, über das Wort beklagenswert sichtlich
erfreut, erwiderte fast stolz: Ja, Sir.
Dürfte ich erfahren, weshalb Ihr Lord Bay in diesen
Zustand versetzt habt?
Gatyreth sah ihn überrascht an. Mit einer Rechtfertigung hatte
er nicht gerechnet. Er behauptete schnell zu seiner
Entschuldigung.
Er hat mich beleidigt.
Ein Raunen ging durch den Saal. Ardeth sah immer noch auf den
Fußboden und unterdrückte den Wunsch, Gatyreth vorwurfsvoll
anzustarren. Wenn Gatyreth jetzt alle Schuld zugewiesen bekam,
bestraft werden würde und er, Ardeth, unschuldig aus der Sache
hervorgehen würde, dann wusste er, hatte er es sich mit Gatyreth
ein für allemal verdorben. Die Anklage, dass er ihn beleidigt
haben sollte, hatte nicht nach einer erneuten Provokation
geklungen, sondern nach einer Hilflosigkeit. Ardeth wusste, was
jetzt kam, aber er wartete, bis der Kommandant sich an ihn wenden
würde, und erst danach würde er wieder aufschauen.
Lord Bay, stimmt es, dass Ihr Lord Meranmose beleidigt
habt?
Ardeth sah auf und dem Kommandanten ins Gesicht. Mit irgendetwas
musste er Gatyreth beleidigt haben, das stand fest, denn
ansonsten hätte er sich in den letzten Wochen nicht so ihm
gegenüber verhalten.
Ja, Kommandant, ich habe ihn beleidigt.
Wieder ging ein Raunen durch den Saal. Nur Sitre, der die
Weißheit seines Großvaters geerbt hatte, nickte zu Ardeths
Entschluss. Ausgerechnet er stand neben Ardeth, denn er hatte ihm
aufgeholfen, als er so unsanft auf dem Tisch gelandet war. So
bemerkte Kommandant Korlan sein Nicken.
So, kommentierte der Kommandant. Immerhin hatte er
hier zwei Lords vor sich. Er sammelte sich eine Weile, um zu
überlegen, was er mit den beiden Streithähnen machen sollte.
Zwangsläufig hatten sie eine Bestrafung verdient. Eine offen
ausgetragene Uneinigkeit durfte unter Medjai-Kriegern einfach
nicht geschehen, geschweige denn unter Lords. Er musste diese
beiden Heißsporne empfindlich betrafen, damit sich das nicht
wiederholen würde; außerdem musste die Strafe öffentlich, d.
h. für alle sichtbar vonstatten gehen, da die beiden sich in
aller Öffentlichkeit gestritten hatten. Der Kommandant wandte
sich an die beiden Krieger, die immer noch auf Anschlag hinter
Lord Meranmose standen, der inzwischen seinen Kopf beschämt zu
Boden geneigt hatte, um zu verdauen, was Ardeth da eingestanden
hatte.
Bringen Sie diese beiden Streitenden in den Hof. Sie sollen
sich entkleiden. Dann sollen sie je dreißig Schläge auf die
Fußsohlen erhalten und auf dem Boden einen Tag und eine Nacht
liegen bleiben, um darüber nachzudenken, wie sie sich hier
verhalten haben.
Beide jungen Lords sahen betreten zu Boden. Eine klassische
Bastonade! Das war eine peinliche Bestrafung. Sie ließen sich
widerstandslos abführen. Om Giza ging ihnen hinterher, um
Ardeths beschmutztes Gewand in Empfang zu nehmen. Sie schüttelte
ungläubig mit dem Kopf, dass Ardeth eine Tat eingestanden hatte,
die er nicht begangen hatte. Sie stellte sich vor ihn, als er
sein Gewand auszog und fragte ihn leise:
Was sollte das? Seid Ihr erpicht darauf, bestraft zu
werden? Warum habt Ihr nicht die Wahrheit gesagt?
Aber ich habe sie gesagt. Irgendwann muss ich Lord
Meranmose so sehr beleidigt haben, dass er mit mir böse wurde.
Ich hoffe, er sagt mir in den nächsten 24 Stunden, was das
gewesen ist. Ardeth hatte es bewusst so laut gesagt, dass
Gatyreth es hören musste. Der schaute erstaunt zu Ardeth und
nickte ihm zu. Ardeth lächelte ihm dankbar zu. Jetzt wusste er,
dass er alles richtig gemacht hatte. Sollten sie ihn doch
bestrafen! Das war es wert, wenn er nur endlich erfuhr, was los
ist, und vielleicht die Gelegenheit erhielt, sich mit Gatyreth
ein für allemal auszusöhnen. Om Giza nickte wissend und
anerkennend und ging mit beiden Gewändern fort.
Die beiden jungen Männer ertrugen die Schläge, ohne einen Laut
von sich zu geben, so wie sie es in ihrer Ausbildung gelernt
hatten. Sie benötigten hinterher allerdings eine Weile, bevor
sie sich endlich aussprechen konnten. Ihre Lage zudem sehr
unangenehm, denn sie lagen beide bäuchlings auf dem Boden des
Hofes, die Füße allerdings auf einem Schemel erhoben. So
mussten sie ausharren, bis man ihnen am Abend des nächsten Tages
gestatten würde aufzustehen. Diesen Hof überquerten viele
Medjai, weil man erstens hier entlang gehen musste, um vom Haus
zu den Ställen zu gelangen. Auch die Pferde wurden über den Hof
am Haus vorbei zum Haupteingangstor geführt, wenn sie benötigt
wurden. Ebenso lagen einige Schlafquartiere im hinteren Bereich.
Außerdem befand sich hier ein Brunnen und die Waschnische. Es
war gar nicht so leicht, sich ungestört miteinander unterhalten
zu können. Wenigstens hatten die meisten Vorübergehenden
Erbarmen und sprachen die zwei Bestraften nicht an, denn es war
nicht gerade ehrenhaft, derart bestraft zu werden und auch noch
auf dem Boden so lange liegen zu müssen. Ardeth hatte sein Kinn
auf seine Hände gestützt und warf schließlich Gatyreth einen
Blick zu. Der schien zu schlafen, hatte seinen Kopf auf seine
Unterarme gelegt, aber in Richtung von Ardeth. Auf einmal schlug
er seine Augen auf und sah Ardeth an. Eine ganze Weile sahen sie
sich in die Augen. Mittlerweile war es zwar dunkel geworden, aber
sie konnten sich wunderbar erkennen, da sie ziemlich dicht
beieinander lagen.
Danke, Ardeth, murmelte Gatyreth.
Ardeth stützte seinen Kopf auf seinen linken Arm, so dass er den
rechts von ihm liegenden Gatyreth besser ansehen konnte.
Sagst du mir nun endlich, was eigentlich los ist?,
fragte er ihn offen heraus.
Gatyreth nickte, ächzte dann leicht und stützte seinerseits
seinen Kopf auf seinen rechten Arm.
Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Ich wollte es
eigentlich nicht sagen. Ich möchte nicht, dass Nefer darunter
leiden muss.
Nefer?
Nefer Mahu war die für Ardeth auserkorene Braut. Was hatte sie
damit zu tun?
Versprich mir erst, dass du sie nicht darunter leiden
lassen wirst!
Ich weiß ehrlich nicht, was du meinst, Gatyreth. Ich soll
Lady Mahu heiraten und...
So langsam dämmerte es Ardeth. Gatyreth wusste etwas von Nefer,
das sie kompromittieren würde, wahrscheinlich handelte es sich
um ein Liebesverhältnis zu einem anderen. Gatyreth sah ihn sehr
ernst an, also beeilte er sich zu erwidern:
Ja, ich verspreche dir, ich werde sie nicht darunter leiden
lassen, was immer es auch sei!
Gatyreth nickte zufrieden. Dennoch fiel es ihm immer noch nicht
leicht, darüber zu sprechen.
Also... Nefer und ich... wir wollten eigentlich...
heiraten...
Ardeth verstand, doch wollte er nichts sagen, bevor Gatyreth
nicht zu Ende gesprochen hatte.
Wir lieben uns, verstehst du, Ardeth? Wir hatten unseren
Eltern noch nichts gesagt, wir wollten sie überraschen. Alles
schien perfekt. Sie war so oft bei uns zu Besuch. Wir hatten
gedacht, unsere Eltern würden es sofort befürworten, ja, sie
hätten es selbst so eingefädelt. Wir waren so glücklich... wir
hatten uns gefunden und passten wunderbar zusammen: Sie, die
Tochter von Lord Mahu, und ich, Gatyreth Meranmose. Sobald ich
von meinen Studien zurückkehren würde, wollte ich mit meinen
Eltern darüber sprechen, noch bevor Nefers Eltern anlässlich
ihrer Initiation mit anderen Plänen aufwarten konnten.
Gatyreths Stimme wurde brüchig, als er fortfuhr.
Und dann... teilte meine Schwester Syukar mir in einem
Brief mit, dass sie nicht deine Braut werden würde, sondern
Nefer... für mich brach eine Welt zusammen. Nefer hatte sich
noch nicht einmal getraut, es mir mitzuteilen. Syukar war ihr
zuvor gekommen. Wie sehr musste Nefer darunter gelitten
haben!
In Gatyreths Augen blitzten Tränen auf. Wie sehr musste er das
Mädchen lieben! Ardeth tat es in der Seele weh.
Es tut mir so leid, Gatyreth..., flüsterte er
betroffen.
Es gab nur einen, der mir Nefer streitig machen konnte, und
das bist ausgerechnet du!
Da war er wieder, dieser insgeheime Vorwurf. Aber Ardeth konnte
ihn jetzt verstehen.
Oh, ich habe mir tausend Vorwürfe gemacht, dass ich nicht
bei meiner Initiation um ihre Hand bei ihren Eltern angehalten
habe. Weißt du, sie waren sogar da! Alle Anführer der
Südstämme waren da, auch Nefer. Süße Nefer!
Er weinte hemmungslos.
Doch was hätte es genützt? Ernsthaft, selbst wenn dein
Großvater später Nefers Eltern mitgeteilt hätte, sie wäre
eine passende Braut für dich, dann hätten sie das gegebene
Versprechen rückgängig gemacht... und das ist es, was mich so
wütend macht! Was hätte ich tun können? Sobald du im Spiel
bist, haben wir alle verloren!
Ardeth glaubte zwar nicht, dass Nefers Eltern ein gegebenes
Versprechen rückgängig gemacht hätten, geschweige denn, dass
sein Großvater oder seine Mutter überhaupt in Erwägung gezogen
hätten, um Nefer anzufragen, wenn sie von dem Bündnis zwischen
den Mahus und Meranmoses gewusst hätten, aber es half jetzt gar
nichts, das zu äußern.
Weißt du überhaupt, was du für eine Rolle spielst? Als
du zur Welt gekommen bist, haben sich alle Anführerpaare um eine
Tochter bemüht. Alle haben jahrelang vor eurer Tür gescharrt
und ihre Töchter bereitgehalten, auch meine Schwester. Nefer ist
ebenso ein Produkt des Hintergedankens, einmal deine Frau, Lady
Bay, zu werden. Und jetzt haben sie es erreicht.
Wie trotzig und wütend diese Worte immer noch waren! Und
verdammt, Gatyreth hatte Recht, dachte Ardeth und korrigierte
seine vorigen Gedanken über die Unwahrscheinlichkeit eines Bruch
des möglichen Versprechens den Meranmoses gegenüber.
Nefer wird nicht Lady Meranmose werden, sondern Lady
Bay, war der Abschluss der resignierten Rede von Gatyreth,
gefolgt von einem Schluchzen.
Gatyreth..., Ardeth wusste nicht, wie er ihn trösten
konnte. Es tut mir so leid...
Er wartete eine Weile, bis Gatyreth halbwegs ansprechbar war.
Inzwischen ging eines der Mädchen über den Hof. Gatyreth
verbarg seinen Kopf in seinen Armen. Als es verschwunden war,
fuhr Ardeth fort:
Ich weiß, dass meine Mutter zu meiner Initiation sich
fünf Mädchen angeschaut hat, Syukar und Nefer eingeschlossen.
Ich hatte keinen Einfluss auf ihre Auswahl. Sie hat auch mich vor
vollendete Tatsachen gestellt. Ich musste Nefer zu Tisch führen.
Sie war sehr schüchtern, dachte ich damals, aber jetzt weiß
ich, dass sie in Wirklichkeit traurig war. Sie hat sich mir
natürlich nicht anvertraut. Ich weiß auch nicht, ob ich
irgendetwas hätte unternehmen können, aber glaub mir, ich
hätte es zumindest versucht!
Gatyreth warf Ardeth einen immer noch mit Wut gemischten Blick
zu.
Gatyreth, ich hatte selbst gehofft, jemand anders heiraten
zu können, und auch ich war fast sicher, es würde gelingen,
denn es war keine geringere als Farani Setlata.
Gatyreth horchte auf.
Ich habe meine Mutter gebeten, sie möge uns ein Paar
werden lassen. Aber wir hatten keine Chance. Meine Mutter hatte
bereits entschieden.
Ardeth...
Gatyreth, wenn du möchtest, spreche ich noch einmal mit
meiner Mutter und bitte sie um eine andere Braut, egal, welche
sie wählt. Nur befürchte ich, dass sie erstens nicht darauf
eingehen wird und zweitens dass sie vielleicht deine Eltern
bitten wird, dich möglichst schnell mit einer anderen zu
vermählen.
Er ließ Gatyreth ein bisschen Zeit, sich diesen Gedanken durch
den Kopf gehen zu lassen, dann forderte er ihn auf:
Sag mir, ob du das möchtest, dann werde ich es bei meiner
Rückkehr tun.
Könntest du es denn sehr diskret erfragen und sie bitten,
meine Eltern damit nicht zu behelligen, wenn sie deinem Plan
nicht zustimmt?
Gatyreth hatte inzwischen Vertrauen zu Ardeth gefasst.
Ja, natürlich. Nur kann ich es nicht ausschließen, denn
in diesen Dingen ist sie sehr... resolut. Das liegt an den
Problemen, die es in letzter Zeit in unserem Clan gegeben hat.
Sie fühlt sich dem Wohl der Bays absolut verpflichtet.
Ja, gab Gatyreth jetzt lächelnd zu, die
eiserne Lady.
Gatyreth, wenn du möchtest, rede ich mit ihr, und ich
werde mir alle erdenkliche Mühe geben, das verspreche ich dir.
Alles andere liegt bei Allah!
Gatyreth nickte. Danke, Ardeth, hab tausendfach Dank!
Nach einer Weile fügte er kleinlaut hinzu: Und bitte,
verzeih mein Benehmen! Ich war so von Wut geblendet... es tut mir
leid...
Schon gut, Gatyreth. Ich bin echt froh, dass jetzt wieder
alles zwischen uns beim Alten ist. Ich hoffe, es wird auch so
sein, falls ich doch Nefer heiraten muss.
Er warf Gatyreth einen letzten unsicheren Blick zu, aber wurde
eines Besseren belehrt.
Es wird so bleiben, Ardeth. Ich... also... ich muss sagen,
du bist ganz anders als dein Großvater, oder zumindest, was man
sich so von deinem Großvater erzählt. Ich bin froh, dass du
Mitglied der Familie Bay bist und dass du... einmal unser
Anführer werden wirst.
Ardeth sah voller Erstaunen, wie Gatyreth seinen Kopf neigte. Er
schluckte. Gatyreth hatte ihn verlegen gemacht. Als dieser ihn
wieder ansah, zeigte sich ein unsicheres Grinsen auf Ardeths
Gesicht.
Gatyreth, noch ist es zum Glück nicht soweit...
Freunde?
Freunde!
Sie schlugen einander des anderen Hand und hielten sie eine Weile
fest in der Hand.
Ardeth war ebenfalls erleichtert, dass niemand den Kommandanten
darüber informiert hatte, was an dem Abend wirklich passiert
ist. Falls doch, dann ließ es sich der Kommandant nicht
anmerken. Die meisten Bewohner registrierten mit Erstaunen, dass
sich Ardeth und Gatyreth auf einmal wunderbar vertrugen. Sowohl
Sitre als auch Usimare atmeten erleichtert auf, denn sie wollten
nicht zwischen den Streithähnen stehen. Und bevor Gatyreth zu
seinem Stamm zurückkehren würde, sollte noch ein weiteres
Abenteuer die beiden jungen Lords miteinander verbinden.
Lady Leyrah Bay erhielt regelmäßig Nachrichten von ihrem Sohn.
Natürlich ahnte Ardeth nur, dass sie ihn überwachen lassen
würde, aber er wusste nicht, wie sehr sie bemüht war, an seinem
Ruf und seiner Zukunft zu arbeiten. Sie besuchte ihre künftige
Schwiegertochter und sprach viel mit ihr über die Aufgaben einer
Ersten Dame. Die Schüchternheit des jungen Mädchens gefiel ihr,
hatte sie doch angenommen, dass ein Mädchen aus dem 1. Stamm
wesentlich selbstbewusster auftreten würde. Nefer hatte weder
ihren Eltern noch Lady Bay etwas von ihrer Liebe zu Gatyreth
gestanden. Nur ihre Freundinnen wussten, was das Mädchen
durchstehen musste, aber niemand wagte, sie darauf anzusprechen.
Nicht nur Nefer litt leise vor sich, sondern auch Farani. Sie
hatte Ardeth noch nicht einmal nach seiner Initiation im
Horus-Zelt besuchen dürfen, da Lady Bay es untersagt hatte. Nun
stand in einiger Zeit ihre eigene Initiation an und Ardeth würde
nicht aus Kairo zurückkommen. Sie hatte sich zwar mit Ardeth
ausgesprochen und beide hatten schweren Herzens aufeinander
verzichtet, doch nun, da Ardeth fort war, vermisste sie ihn und
ihre gemeinsame Gespräche und Scherze sehr. Sie ahnte, dass
Leyrah es niemals zulassen würde, dass sie eine Leibwächterin
der zukünftigen Lady Bay werden würde, wie es eigentlich einer
Setlata zukam. Als Leyrah sie persönlich sprechen wollte,
schwante ihr nichts Gutes. Es sollte einer der schlimmsten Tage
für Farani werden. Leyrah empfing sie kühl und vermied jeden
Hinweis darauf, dass sie eigentlich verwandt waren.
Farani, ich kann es nicht erlauben, dass du weiterhin im
12. Stamm sein wirst, wenn Ardeth zurückkehrt, eröffnete
ihr Leyrah unissverständlich. Du weißt, wie die Männer
sind. Ardeth muss ein Jahr lang auf Nefer warten und ich will
nicht das Risiko eingehen, dass ihr beide miteinander
verkehrt.
Aber Lady Bay..., versuchte sich Farani zu
verteidigen, aber sie wurde jäh unterbrochen.
Schweig, Farani, und hör zu!
Farani senkte traurig den Kopf und nickte ergeben.
Ich möchte nicht, dass Ardeth dich jemals wieder zu
Gesicht bekommen wird. Nicht vor und auch nicht während seiner
Ehe mit Lady Nefer Mahu. Daher kommt es nicht in Frage, dass du
eine Kriegerin werden wirst.
Farani sah sie entsetzt an. Leyrah warf ihr daraufhin einen
funkelndem und warnendem Blick zu, sodass Farani der Protest im
Halse stecken blieb.
Als Kriegerin würde Ardeth dich irgendwann zwangsläufig
sehen, selbst wenn du Dienst beim Tempel machen solltest. Glaube
mir, mein Kind, ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich
sehe leider keine andere Möglichkeit, als dich so schnell wie
möglich zu verheiraten.
Faranis Unterkiefer zitterte. Ich darf keine Kriegerin werden,
ging ihr immer wieder durch den Kopf. Sie hatte sich so sehr auf
ihre Initiation gefreut.
Eine Heirat ist etwas sehr Schönes. Du wirst Kinder haben
und dich um sie kümmern. Und du wirst auch deinen Mann lieben
lernen, glaube mir, mein Kind.
Leyrah wartete eine Weile, auch ihr gefiel nicht, was sie nun
sagen würde, doch der Zweck heiligte das Mittel.
Ich habe dir auch schon einen Mann ausgesucht, Leyrah
atmete hörbar durch, nämlich den Krieger Mahd Ali Gandar
aus dem 11. Stamm.
Faranis Blick war nun nicht nur mehr entsetzt, sondern geradezu
panikerfüllt. Daher sollte sie keine Kriegerin werden! Im 11.
Stamm gab es diesen Brauch seit langem nicht mehr und Frauen
hatten dort sehr viel weniger Rechte als in den anderen Stämmen.
Aus dem 11. Stamm?, fragte sie beinahe schrill nach.
Ja, ich habe bereits mit ihm und seinen Eltern gesprochen,
und natürlich auch mit deinen Eltern. Es ist alles vereinbart.
Du wirst zum 11. Stamm reisen und dort wird sogleich eure
Hochzeit stattfinden.
Lady Bay!, stieß Farani hervor.
Farani, ich erwarte Gehorsam von dir. Du wirst deinen
Eltern und mir gehorchen so wie du nach deiner Ehe deinem
Mann gehorchen wirst. Hast du mich verstanden?
Aber... ich will nicht in den 11. Stamm!, insistierte
Farani.
Ich sehe leider keine andere Möglichkeit, dass du für
Ardeth unerreichbar wirst, klang es schon beinahe
kaltherzig.
Ich verspreche, ich werde ihm nie unter die Augen treten!
Nur lasst mich nicht einen gewöhnlichen Mann aus dem 11. Stamm
heiraten. Bitte, lasst mich Kriegerin werden, ich werde Ardeth
meiden, ich werde...
Schweig, Kind!, herrschte sie Leyrah an. Du
magst mir jetzt versprechen, was du willst, und vielleicht wirst
du dich sogar daran halten. Aber Ardeth? Selbst eine Ehe mit
einem standesgemäßen Mann aus dem 11. Stamm würde ihn
irgendwann deinen Weg kreuzen lassen, das weißt du sehr wohl. Es
gibt nur diesen einen Ausweg, damit Ardeth dich nicht begehren
kann.
Ardeth wird das nie tun, wenn er es verspricht....
Mein Kind, ich kenne die Männer besser als du.
Aber anscheinend nicht Ardeth so gut wie ich!,
brachte Farani trotzig hervor. Er würde so etwas
nie...
Leyrah unterbrach sie barsch: Du vergisst dich, Farani! Ich
werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit er ein guter
Anführer wird. Und dazu gehört auch, dass du einen Mann
heiratest, der dafür sorgt, dass du meinem Sohn niemals mehr
unter die Augen treten wirst. Ich habe bereits mit Herrn Gandar
darüber gesprochen, er weiß Bescheid, und du wirst alles tun,
was er oder seine Eltern von dir verlangen.
Farani war bleich geworden. Sie ahnte, was das bedeutete.
Vermutlich würde sie zeitweise eingesperrt werden.
Hör zu, mein Kind, schenke deinem Mann viele Söhne und du
wirst in seiner Achtung immer hoch stehen.
Farani blickte ihre Verwandte verzweifelt an. Das konnte doch
nicht ihr Ernst sein!
Lady Bay, ich bitte Euch! Ich bin eine Setlata, ich sollte
eine Kriegerin werden...
Nein, du wirst keine Kriegerin werden und du wirst auch
nicht deine Initiation machen. Die normalen Frauen im 11. Stamm
tragen die Zeichen nicht. Es wäre deinem künftigen Gatten nicht
recht, wenn du sie hättest.
Farani fiel vor ihr zu Boden.
Bitte, Lady Bay, tut mir das nicht an! Ich gehe, wo immer
ihr mich haben wollt, ich werde Ardeth nie wieder unter die Augen
treten, nur verheiratet mich nicht mit einem Mann aus dem 11.
Stamm! Bitte!, schluchzte sie mehr als das sie sprach.
Farani, steh auf! Es hat keinen Zweck. Die Entscheidung von
Lord Bay und mir ist gefallen. Wir gehen nun zum Zelt deiner
Eltern. Du wirst noch heute mit ihnen zum 11. Stamm reiten. Deine
Eltern werden dich begleiten, um deine Hochzeit mit dir zu
feiern.
Farani blieb auf dem Boden und hatte Tränen in den Augen.
Bitte... Noch nicht einmal von ihren Freundinnen im
Anubis-Lager durfte sie sich verabschieden.
Leyrah tat das Mädchen leid, aber das Wohl ihres Sohnes war ihr
wichtiger. Sie war von der Richtigkeit ihrer Entscheidung
überzeugt. Sie wollte unter keinen Umständen irgend etwas
riskieren. Ihr Onkel Wirianda war zwar traurig über das
Schicksal seiner Tochter, doch Lady Bay widersprach man nicht,
auch er nicht.
Zwar versuchten er und seine Frau Farani auf dem Ritt zum 11.
Stamm zu trösten, aber es gelang ihnen natürlich nicht. Farani
hatte ihr dunkelblaues Gewand ablegen müssen und trug ein weites
Frauengewand. Sie wagte nicht, ihren Kopf zu heben. Ihr war es,
als ritte sie zu ihrer Hinrichtung. Sie erlebte ihre Hochzeit wie
in Trance, den Beischlaf mit ihrem Mann als Erniedrigung. Sie
schloss ihre Augen und dachte an Ardeth. Nie würde sie ihn
wiedersehen. Als ihre Eltern nach ihrer Hochzeitsnacht abreisten,
bestimmte ihre Schwiegermutter über die Fünfzehnjährige und
erlaubte ihr nicht, das Zelt allein zu verlassen. Sie musste sich
bis auf die Augen vollständig verhüllen und sich an das
vollkommen andere Leben in diesem Stamm gewöhnen. Von weitem sah
sie sehnsüchtig zu den Kriegern, mit denen sie als Frau nicht
sprechen durfte. Farani verrichtete all die Dinge, die von ihr
verlangt worden. Sie schleppte das Wasser herbei, nähte die
Kleidung und bereitete das Essen zu. Ihren Ehemann sah sie
selten, auch unterhielt er sich nicht mit ihr. Wenn seine Mutter
sich über sie beschwerte, schlug er sie. Ihre Schwiegermutter
war gar nicht glücklich darüber gewesen, dass ihr Sohn ein
Mädchen aus dem 12. Stamm, noch dazu eine adlige und eine, die
in der Kriegerausbildung gewesen ist, geheiratet hat. Faranis
Heimweh war ihnen gleichgültig. Das Mädchen fühlte sich wie in
einem Alptraum gefangen. Es dauerte nicht lange und sie wurde
schwanger.
In Kairo ahnte Ardeth von alldem nichts. Leyrah hatte seine
Briefe an Farani abgefangen und dafür gesorgt, dass ihm nichts
berichtet wurde. Vielleicht hätte ihr Sohn versucht, die Heirat
zu verhindern. Besser war, ihn vor vollendete Tatsachen zu
stellen. So konnte sich ihr Sohn auch voll und ganz auf seine
Ausbildung konzentrieren. Diese führte ihn bald in sein erstes
Abenteuer.
Sakkara war eine der alten Nekropolen, die ins Interesse der
Europäer und Amerikaner gerückt waren. Dort erhob sich die
angeblich älteste Pyramide der Welt, die Stufenpyramide von
Pharaoh Joser. Neben ihr standen noch weitere Pyramiden.
Unzählige Gräber von damals hochgestellten Persönlichkeiten
umgaben die Bauten, und in ihrer Nähe lagerte eines der
Geheimnisse des Altertums. Die Medjai wussten zwar von diesem
Geheimnis, aber sie kannten nicht den genauen Ort, an dem es
verwahrt war. Es hätte überall in Unterägypten sein können.
Als Ardeth eines Abends seinem Onkel einen Besuch abstattete,
befand sich dieser gerade in einer Besprechung mit zwei weiteren
Medjai. Sie saßen um Leslies Arbeitstisch, der in einer Nische
im großen Wohnraum stand. Ihr Gespräch klang sehr aufgeregt und
Ardeth wagte es kaum, sich den dreien zu nähern. Leslie sah ihn
und forderte ihn auf, sich dazu zu setzen. Auf dem Tisch lag eine
Ostraka mit merkwürdigen Zeichen darauf. Sie war vielleicht
zwanzig mal vierzig Zentimeter groß. Ardeth bekam ganz große
Augen.
Bei Allah...! Diese Zeichen...?
Leslie nickte mit düsterer Miene.
Darf ich?, fragte Ardeth und streckte seine Hand in
Richtung Ostraka aus.
Ja, natürlich, nur zu! Er wandte sich wieder den
beiden Männern zu. Sind Sie sicher, dass der Händler
nicht mit den Ausgräbern unter einer Decke steckt?
Wir sind sicher, Lord Bay. Es handelt sich um Hassan bin
Garad, und der ist schon seit Jahren Händler. Er kann es sich
nicht leisten, mit den Grabräubern direkt gemeinsame Sache zu
machen!
Leslie seufzte ergeben, und Ardeth meinte, es wäre eine gute
Gelegenheit für eine Bemerkung.
Das ist eine Fälschung...
Ja, das wissen wir auch, Ardeth, erwiderte Leslie.
Aber dieser Hassan hat es von einer Person bekommen, die es
anhand einer Vorlage hergestellt haben muss. Und ich möchte
wissen, wo die Vorlage ist! Kann man aus diesem Hassan nicht
herauskriegen, wer der Verkäufer ist?
Die beiden Medjai schüttelten fast simultan ihre Köpfe.
Wir haben ihn schon befragt. Wir glauben, er hat noch nicht
einmal eine Ahnung, um was es sich überhaupt handelt.
Hm, das kann man nie wissen. Vielleicht hat er sich nur
verstellt. Dummheit vorgegeben.
Nein, Lord Bay. Er dachte, diese Zahlen hier wären der
Name der Figur, neben der diese Zahlen stehen. Wir haben ihn in
dem Glauben belassen.
Lassen Sie ihn bewachen?
Natürlich, Lord Bay.
Ardeth streichelte liebevoll über die Zahlen. Leslie warf ihm
einen kritischen Blick zu.
Diese Formel ist mehr als 10 000 Jahre alt, Onkel
Leslie, sprach er bewundernd.
Ja, Ardeth. Und wir können davon ausgehen, dass sie
wirklich funktioniert. Nicht auszudenken, wenn einer diese Formel
entziffern kann und mal eben damit herumexperimentiert.
Sie kommt... direkt von den Göttern! Fast blitzte
eine Träne in Ardeths Augen auf.
Ardeth... Leslie rief Ardeth mit kritischem Unterton
zurück in die Wirklichkeit.
Ich meine natürlich, von den Besuchern aus dem All.
Ja, und wir verstehen das wenigste von dem, was sie uns
hinterlassen haben. Das hier ist eines der Dinge. Nicht
auszudenken, dass jemand den Ort gefunden hat, an dem sie damals
unser Genmaterial mit dem ihren veredelt haben.
Lord Bay, wir müssen davon ausgehen, dass man diesen Ort
gefunden hat, gab einer der Medjai zu bedenken.
Leslie schüttelte fast verzweifelt mit dem Kopf. Dann
hoffen wir, dass derjenige keine Ahnung hat, was er da vor sich
hat.
Aber hätten wir nicht längst von einem sonderbaren Fund
hören müssen? Diese Grabräuber posaunen doch gern heraus, wenn
sie etwas Spektakuläres gefunden haben!, meinte Ardeth.
Leslie sah ihn finster an und meinte leise: Du hast Recht.
Das kann nur bedeuten, dass sie den Fund bewusst geheim
halten.
Ardeth nahm ein Blatt Papier von Leslies Stapel, der sich
unordentlich auf dem Schreibtisch auftürmte, und einen Stift. Er
begann, die Ostraka abzuzeichnen.
Veranlassen Sie, dass sich unsere Leute genau umhören und
umsehen. Es muss doch herauszufinden sein, wo man diesen
merkwürdigen Fund gemacht hat. Ich werde mich auch in westlichen
Kreisen umhören.
Ja, Lord Bay. Sobald wir Neuigkeiten von Hassan bin Garad
haben, werden wir Euch Bescheid sagen.
Die beiden Medjai verließen Leslies Haus. Ardeth hatte seine
Kopie beendet, faltete das Blatt zusammen und steckte es ein.
Leslie schenkte sich eine Tasse Tee ein.
Du auch eine?
Ja, danke, Onkel Leslie.
Während Leslie ihm eine Tasse Tee reichte, erkundigte sich
Ardeth:
Der Legende nach befindet sich an diesem Ort die Halle der
Schöpfung, nicht wahr?
Leslie nickte.
Dann könnte die originale Ostraka also aus der Halle der
Schöpfung stammen.
Anzunehmen.
Ich glaube, diejenigen, die die Halle gefunden haben,
wissen oder haben eine Ahnung davon, was sie gefunden haben.
Sonst würden sie Originale verscherbeln und nicht mühsam Kopien
anfertigen lassen. Sie wollen die Wände nicht
beschädigen.
Hm...
Ich glaube auch nicht, dass diejenigen, die Ahnung haben,
Kopien angefertigt haben. Es wird sich um irgend einen
einheimischen Arbeiter handeln, der sich ein bisschen Geld dazu
verdienen will. Einer mit geschickten und schnellen
Händen.
Leslie sah Ardeth an. Worauf willst du hinaus?
Dass diejenigen, die die Halle gefunden haben, gezielt
danach gesucht haben. Sie wollen diese Halle nutzen.
Ardeth!, rief Leslie entsetzt. Das wäre
furchtbar!
Ardeth nickte leicht, aber überlegte laut weiter: Nur wozu
brauchen sie das? Was wollen sie damit anfangen?
Einen sensationellen Fund vorstellen.
Möglich. Aber eher unwahrscheinlich. Mit dem Fund kann man
ganz andere Dinge anfangen als irgendwelche Scherben in Museen
ausstellen. Onkel Leslie, in Europa herrscht doch Krieg. Ich habe
gehört, sie setzen Massenvernichtungswaffen ein und haben
Panzer, Raketen und Bomben. Stell dir mal vor, eine dieser
Formeln ermöglicht das Leben eines übermächtigen Wesens, eines
Monsters mit überlegener Kraft. Was wäre das für eine
Waffe!
Leslie staunte Ardeth mit offenem Mund an.
Du vermutest politische Motive hinter dieser
Ausgrabung?
Wäre doch möglich. In dem Fall müsstest du dich auch
umhören, ob es ein Team eines der kriegführenden Mächte hier
gibt.
Aber die sind alle mehr oder weniger in den Krieg
verstrickt.
Es war nur so eine Idee...
Du hast Recht, ich werde meine Ohren ganz weit auf machen.
Wozu hast du eigentlich die Zeichnung angefertigt?
Vielleicht finde ich in der Bibliothek doch irgendetwas...
was du noch nicht gefunden hast..., neckte Ardeth seinen
Onkel.
Ardeth war froh, dass sein sonst so gut gelaunter Onkel erstmals
an diesem Abend ein Lächeln auf sein Gesicht zauberte.
Komm, lass uns essen!, lud er ihn ein. Wenn ich
mich ärgere, krieg ich immer einen mächtigen Appetit!
Ardeth zeigte seinen sechs Kameraden und Kameradinnen die
Zeichnung in der Bibliothek am nächsten Tag und bat sie, gezielt
nach Hinweisen zu suchen. Natürlich gab es Papyrusrollen mit
dieser sehr alten Schrift, die keinem Ägyptologen je unter die
Augen gekommen waren, aber es waren nur sehr wenige. Auch die
Medjai konnten diesen Schrift nur bruchstückweise lesen. Ihr
Wissen basierte in diesem Fall auf Hörensagen und die über
Jahrtausende weitergegebene Information war wahrscheinlich nicht
immer richtig tradiert worden.
Man sagt, diese Schrift sei noch unter König Menkaure
verwendet worden, meinte Sitre.
Ja, ich erinnere mich auch dunkel daran, davon gehört zu
haben, pflichtete Gatyreth bei. Aber sie sollen
damals schon nicht mehr gewusst haben, was das alles
bedeutet.
Menkaure..., überlegte Chiaranche. Vielleicht
handelt es sich um Ausgrabungen bei Giza.
Naja, dort wird ständig etwas ausgegraben. Schon
möglich, stimmte Per'Agun zu.
Es kann aber auch woanders sein, meinte Ardeth,
die im Alten Reich haben überall Grabstätten angelegt.
Wenn es überhaupt damit etwas zu tun hat.
Die sieben Medjai-Studierenden nahmen sich eine Rolle nach der
anderen vor. Ihnen rauchten bald die Köpfe, aber da sie
zusammenarbeiteten, gelang es ihnen, vieles zu entziffern, was
bislang noch niemand zuvor entziffert hatte. Sie hielten alles in
einem Notizbuch fest.
Zwei Tage lang füllte sich dieses Büchlein mit Informationen.
Am Abend des zweiten Tages saßen Ardeth, Sitre und Gatyreth noch
lang nach Schließung der öffentlichen Bibliothek zusammen, die
anderen waren schon gegangen. Während Sitre und Gatyreth über
einem weiteren der seltenen Papyri saßen, hatte sich Ardeth ein
ganz normales Buch aus der öffentlichen Bücherei geholt.
Texte aus dem Alten Reich, zitierte Gatyreth den
Titel, der auf dem Einband stand. Was willst du denn
damit?
Mal schauen. Es handelt sich um eine Sammlung an Texten,
die man in diversen Unterlagen gefunden hat. Ich erinnerte mich
daran, dass einige Ägyptologen diese Texte als Grundlage
genommen haben, um das Leben zur damaligen Zeit zu schildern. Es
handelt sich um Hinterlassenschaften von den einfachen
Leuten.
Da wirst du nichts finden. Die hatten doch keine Ahnung vom
Geheimwissen der Alten.
Mag sein, aber ihr bearbeitet da den letzten Papyrus, den
es mit der alten Schrift gibt. Und ich weiß ehrlich gesagt
nicht, wo ich noch suchen soll.
Er schlug etwas resigniert das Buch auf und begann zu lesen,
während die beiden anderen weiter zu übersetzen versuchten und
notierten, was ihnen halbwegs brauchbar erschien. Nach einer
weiteren Stunde streckte und reckte sich Gatyreth.
Ich glaube, wir sollten auch langsam gehen. Heute finden
wir eh nichs mehr... Wie spät ist es eigentlich?
Ich geh mal rauf und hol uns etwas zu trinken, dann sag ich
dir, wie spät es ist, erwiderte Sitre und stand auf. Als
er an Ardeth vorbeiging, warf er einen Blick in den Wälzer, in
dem Ardeth las.
Oh, ein Bericht von einem Zahnarzt!, meinte er
neckend. Genau das, was wir suchen.
Doch Ardeth reagierte gar nicht auf die Neckerei, sondern wirkte
intensiv vertieft.
Hui, das muss wirklich spannend sein!, schob Sitre
hinterher.
Wer weiß?, erwiderte Gatyreth. Vielleicht wird
gerade ein Zahn gezogen.
Und sehr zu ihrem Erstaunen rief Ardeth auf einmal laut:
Das ist es!
Sitre und Gatyreth sahen sich überrascht an. Und bevor einer der
beiden sagen konnte, Ardeth solle sie nicht anführen, sprach er
aufgeregt weiter:
Hier! Der Hofzahnarzt von Pharaoh Joser. Er schreibt: Mein
Grab soll in der Nähe meines Herrn sein, des allmächtigen
Pharaos Joser, dem Horus und so weiter, also eben alle Titel. Und
dann: Aber mein Wunsch ist es, nicht in der Nähe jener alten
Kammer der Schöpfer beigesetzt zu werden, sodass ich ihrer
Schrecken nicht gewahr werde.
Wow!, gab Gatyreth von sich. Kammer der
Schöpfer!
Ja, das muss die Halle der Schöpfung sein!, meinte
auch Sitre. Beide hatten sich hinter Ardeth gestellt und starrten
in das Buch.
Wo ist er denn dann begraben worden?
Naja, er schreibt, er will in der Nähe von Joser begraben
werden, aber nicht auf der Seite, wo die Schöpfungskammer
liegt.
Und auf welcher Seite ist er dann begraben worden?
Was weiß ich, Sitre! Ist doch auch egal! Wichtig ist, dass
die Kammer der Schöpfer in der Nähe von Josers Grab
liegt.
Und das ist in Sakkara, jubelten alle drei und
klatschten ihre Handflächen aneinander.
Sakkara, die Kultstätte des Alten Reiches. Passt
hervorragend!, fügte Sitre hinzu.
Was machen wir jetzt?, fragte Gatyreth.
Wir schauen nach, ob dort ein Grabungsteam zuwerke
ist, schlug Ardeth vor. Gatyreth, wir zwei reiten
hin. Sitre, du reitest zum Anwesen der Medjai und sagst
Kommandant Korlan Bescheid. Er soll einen Trupp losschicken,
falls wir Unterstützung benötigen.
Falls..., wiederholte Gatyreth.
Jawohl, Lord Bay, antwortete Sitre gespielt brav.
Ich glaube, der Kommandant wird nicht davon erbaut sein,
dass ihr nicht erst zum Anwesen kommt.
Ach, was soll uns schon passieren? Wir schauen doch nur, ob
sich da was tut! Wenn ja, dann warten wir auf den Trupp. Bis
dahin haben wir schon mal ausspioniert, auf welcher Seite sich da
was tut. Ich glaube nicht, dass sie den Zahnarzt ausgegraben
haben. Also, wir erwarten den Trupp beim Eingang zum Gelände der
Joser-Pyramide. In der Ummauerung kann man sich gut in den alten
Seitennischen verbergen und ebenso die Pferde.
Ihr unternehmt bitte nichts, bevor nicht der Trupp da ist.
Sonst kriegen wir mächtig Ärger, Ardeth. Sitre war
grundsätzlich eine Spur vorsichtiger als die anderen. Hm,
vielleicht sollte ich mit dir reiten, Ardeth, und Gatyreth
verständigt Kommandant Korlan.
Nein, nein, wehrten Ardeth und Gatyreth fast
gleichzeitig ab. Wir warten auf die anderen.
Sitre warf den beiden noch einen letzten skeptischen Blick zu,
bevor er verschwand. Auch Ardeth und Gatyreth verließen die
Bibliothek, schlossen hinter sich zu und holten ihre beiden
Pferde aus den Stallungen.
Es war kurz nach Mitternacht, als Gatyreth und Ardeth in Sakkara
ankamen. Sie näherten sich der Stätte um die Joser-Pyramide mit
der größtmöglichen Vorsicht. Es ging hügelanwärts in
Richtung Eingang. Das ganze Gelände war einst von einer breiten
Mauer umgeben gewesen. Durch einen Korridor erhielt man Zutritt,
hier war es auch, wo die beiden jungen Männer die Pferde
ließen. Sie schlichen zu Fuß weiter, doch die Stufenpyramide
versperrte ihnen den Weg. Sie sahen weder davor noch an ihren
Seiten Menschen.
Hier ist nichts zu sehen, meinte Gatyreth und spähte
durch die recht dunkle Nacht.
Man hört auch nichts, fügte Ardeth hinzu.
Lass uns erst mal zu den Mastabas von Mereruka, Kagemmi und
Anchmahor gehen und uns dort umschauen. Da können wir wenigstens
gut Deckung halten, schlug Gatyreth vor.
Ardeth erklärte sich einverstanden und vorsichtig gingen sie an
den Resten der Hebsed-Kapelle, an den Häusern des Nordens und
des Südens vorbei, überquerten den Kultbezirk, wo es fast nur
noch Sand und zerbröselte Steine gab und gingen weiter in
Richtung Nordosten. Auf einmal hielt Gatyreth Ardeth am Ärmel
fest und wies nach Nordwesten. Auch Ardeth sah, dass sich dort
etwas bewegte. Sofort legten sie sich flach auf den Boden, um
nicht entdeckt zu werden.
Das müssen sie sein!, flüsterte Gatyreth.
Die befinden sich noch ein gutes Stück vor der Mastaba des
Ti. Aber da ist doch nichts...
Und daneben, links meine ich... was ist das?
Auch eine Mastaba. Ptahhoteps. Aber mir ist nicht bekannt,
dass dazwischen auch etwas ist.
Dann liegt da vielleicht die Schöpfungskammer.
Muss aber sehr tief in der Erde sein. Okay, lass uns näher
ran robben.
Nur mühselig kamen sie voran, aber konnten sich immerhin auf 50
Meter Entfernung unentdeckt nähern. Sie erkannten sechs
einheimische Arbeiter an ihren Galebeas, ein weiterer Mann sprach
etwas, das sie nicht verstanden, mit einem anderen. Sie deuteten
auf einen Punkt, und Ardeth und Gatyreth konnten erkennen, dass
es sich um den Eingang ins unterirdische Reich handeln musste.
Dort stützten Balken einen Stollen ab.
Einer von uns muss zurück und den anderen Bescheid sagen,
wo die Ausgräber sind, raunte Gatyreth Ardeth zu, der sich
halb erhoben hatte, um die Stätte besser überblicken zu
können.
Ja..., murmelte er, zuckte dann aber zusammen und
legte sich rasch nieder. Da kommt wer!
Tatsächlich vernahm auch Gatyreth das Vibrieren des Bodens, so
als ob mehrere Pferde angeritten kamen. Schon bald sahen sie,
dass es sich um einen Wagen handelte, der von zwei Pferden
gezogen wurde. Ein Kutscher und ein weiterer hellhäutiger Mann
saßen auf dem Kutschbock. Auf der Ladefläche erkannten die
beiden jungen Medjai mehrere Tiere, die aneinander gebunden
waren, und zwei Jungen, vielleicht zwölf Jahre alt, die
ebenfalls gefesselt und sogar geknebelt schienen. Ardeth und
Gatyreth sahen sich fragend an. Sie hörten, wie der eine
Europäer dem Kutscher auf Arabisch, aber mit einem starken
Akzent, zurief, dass es lange gedauert hätte, bis sie gekommen
wären und dass sie ihre Fracht endlich abladen sollen. Der
Kutscher rief zwei Arbeiter zu Hilfe und trieb die Tiere und die
beiden Jungen unter Stockhieben in den Stollen. Alle verschwanden
nun darin. Nur die Pferde und die Kutsche wurden draußen
zurückgelassen.
Was soll das? Was haben die vor?, fragte Gatyreth
aufgeregt.
Ich fürchte, sie machen Experimente.
Nein!, rief Gatyreth entsetzt.
Menschen und Tiere.
Das... das dürfen wir nicht zulassen. Ardeth, was sollen
wir nur machen?
Ardeth überlegte eine kurze Weile, dann sprach er: Ich
glaube, die anderen werden uns auch so finden, ohne dass einer
von uns zurückgehen muss. Außerdem sehen sie ja hier die Pferde
und die Kutsche. Aber wir sollten nachhelfen.
Er erhob sich und näherte sich ganz unbedenklich dem Wagen.
Ardeth, was soll das? Komm her! Wenn man dich sieht!,
schimpfte ihm Gatyreth besorgt hinterher.
Mich wird keiner sehen. Alle sind sie da drin. Und ich
wette, da geht es ganz tief hinein. Das ist viel zu spannend, als
dass sich das einer von denen entgehen lassen will. Also komm
jetzt und hilf mir!
Gatyreth folgte ihm, nicht ohne aufzustöhnen. Währenddessen
hatte Ardeth den Wagen erreicht, riss eine Latte locker, dann
noch eine und noch eine, bis er fünf beisammen hatte. Die
steckte er auf einem kleinen Hügel in den Sand, band sie fest
mit einem der Seile, die lose auf der Ladeflächen lagen, und
steckte ein Schwefelhölzchen an, mit dem er die Bretter
anzündete. Gatyreth sah ihm verwundert zu und linste auch mal
verstohlen zum Stollen herüber.
So, meinte Ardeth und löschte sein kleines
Schwefelhölzchen, das Signal dürften unsere Kameraden
selbst von Josers Pyramide aus sehen. Und jetzt komm!
Ardeth? Du willst da nicht wirklich rein!
Doch, wir müssen das Experiment verhindern! Wir müssen
sie solange aufhalten, bis unsere Kameraden kommen.
Ardeth, hältst du das für klug?
Hältst du es für klüger hier draußen zu warten und zu
riskieren, dass uns demnächst ein paar Monster aus dem Stollen
da entgegenkommen und uns aufessen? Und da Gatyreth ihn nur
unschlüssig ansah, meinte er weiter: Also halte deine
Waffe bereit!
Ardeth ging entschlossen auf den Eingang zu und Gatyreth blieb
nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Was... was sollen wir zwei denn gegen die
unternehmen?, fragte er gehetzt.
Weiß ich auch noch nicht. Lass uns erst mal schauen, wo
die sind und was die machen.
Möglichst leise und vorsichtig schritten die beiden jungen
Männer voran, wurden aber langsamer, je tiefer sie in den
Stollen eindrangen. In unregelmäßigen Abständen waren kleine
Fackeln an den Wänden befestigt, die den Stollen aber nur
spärlich beleuchteten. Er war auch ziemlich flach, so dass auch
die beiden jungen Männer sich bücken mussten. Häufig
stolperten sie über lose Gesteinsbrocken auf dem Boden, und
Ardeth stürzte sogar einmal zu Boden, da er voranging. Beide
bemerkten, dass der Gang sich in die Tiefe neigte. Sie mussten
schon viele Meter unterhalb der Erde sein. Die Luft war ziemlich
stickig, und nur, weil der Stollen recht breit angelegt war, war
es überhaupt möglich zu atmen. Nach vielleicht zwanzig Minuten
vorsichtigem Fußmarsch erblickten die beiden in der Ferne einen
hellen Punkt. Von nun an gingen sie ganz langsam, um sich nur
nicht zu verraten. Als sie die letzte Fackel passiert hatten,
gingen sie fast auf Zehenspitzen und unsagbar langsam voran.
Zuletzt robbten sie über den unebenen Boden, um nicht gesehen zu
werden. All ihre Vorsicht war jedoch unnötig, denn auf einmal
ging es nicht mehr weiter, sondern senkrecht nach unten.
Vorsichtig lugten sie über den Rand und blickten in eine weit
geöffenete Halle, die hell erleuchtet war. In ihr standen zehn
einheimische Arbeiter und vier hellhäutige Menschen, dazu die
Tiere und die beiden Gefangenen. Die Wände waren bunt bemalt und
über und über mit den alten Zeichen versehen. In der Mitte
standen zwei große Altar ähnliche Tische, große Steine, aber
sehr glatt geschliffen. An den Seiten befanden sich merkwürdige
Truhen. Auf einigen von ihnen lagen Werkzeuge. Das merkwürdigste
aber war eine Einrichtung, die zwischen den beiden großen
Tischen stand: eine Art Ständer, in dem ein Gefäß gehalten
wurde. Dieses hatte die Form eines Ankh-Kreuzes. Es war weder aus
Glas noch aus Ton, sondern es schien aus irgendeinem Metall zu
sein.
Was ist das?, flüsterte Gatyreth.
Keine Ahnung. Ardeths Augen suchten die Wände ab.
Das sind Formeln.
Ja.
Während die beiden Medjai sich den Raum anschauten, hatten drei
Arbeiter einen der Gefangenen entkleidet und auf einen der Tische
gelegt. Sie banden den Jungen fest, der immer noch geknebelt war.
Es geht los, stieß Gatyreth Ardeth an. Wir
müssen etwas unternehmen.
Noch einen Moment Geduld..., bat sich Ardeth aus.
Wonach suchst du?
Ardeth ließ sich nicht beirren, während fünf Meter unter ihm
eines der Tiere ausgewählt wurde. Schon gefunden,
meinte er nach einer kurzen Weile. Schau da drüben links.
Da ist das Ankh angemalt. Und da steht eine Formel.
Gatyreth besah sich die Zeichnung so aufmerksam, wie es ihm in
dieser Situation möglich war. Nein, das kann doch nicht
sein, meinte er empört, aber immer noch flüsternd.
Und genau vor uns ist auch so eine Formel. Da taucht wieder
das Ankh-Kreuz auf. Aber da geht es nicht um Affe und Ibis,
sondern um Mensch und Hund.
Auf dem zweiten Tisch wurde ein Hund befestigt.
Ardeth! Wir müssen etwas unternehmen!, sprach
Gatyreth aufgeregt, aber dieses Mal so laut, dass zwei Arbeiter,
die genau unter ihnen standen, aufmerksam wurden und nach oben
schauten. Nun schien alles gleichzeitig zu geschehen: Die beiden
Arbeiter schrieen auf, Ardeth und Gatyreth ließen sich mit Hilfe
der Strickleiter, die neben ihnen baumelte, in Sekundenschnelle
herabgleiten, Gatyreth zerschnitt die Strickleiter, um den
Ausgräbern den Rückweg zu erschweren, Ardeth stürzte sich auf
die seltsame Vorrichtung zwischen den Tischen und ergriff das
metallartige Ankh, beide zogen ihre Schwerter und richteten sie
gegen die Ausgräber. Das hielt zumindest die Arbeiter davon ab,
sich auf die beiden Eindringlinge zu stürzen. Doch zwei von den
Europäern zogen ihre Schusswaffen, ebenso Gatyreth, der eine
Hand mehr frei hatte als Ardeth, und er zögerte nicht, auf die
Menge zu schießen, während Ardeth nach einem Weg suchte. Er
hatte vorher von oben gesehen, dass rechts in dem Raum eine Art
Öffnung war. Dort versuchte er hinzugelangen, während Gatyreth
ihnen den Weg freischoss. Die beiden Europäer getrauten sich
nicht so recht zu schießen, sie hatten vermutlich Angst, das
Ankh zu beschädigen, allein dadurch, dass Ardeth zu Boden
stürzen könnte. Sie riefen ihren Arbeitern auf Arabisch zu, sie
sollen die beiden lebendig fangen und auf das Ankh achtgeben,
aber bevor die Arbeiter die Medjai erreichten, waren die beiden
in den schmalen Gang eingedrungen und bahnten sich einen Weg.
Zunächst wurde der noch von der Halle beleuchtet, wurde aber
zunehmend dunkler, bis sich völlige Dunkelheit ausbreitete. Sie
tasteten sich vorwärts. Beide wussten, die anderen konnten
Fackeln von den Wänden zu Hilfe nehmen. Sie würden sie bald
eingeholt haben. Ardeth hielt mit der Linken das Ankh fest in den
Händen, während er mit der Rechten die Wände abtastete.
Gatyreth entzündete im Gehen ein Schwefelhölzchen und
beleuchtete für kurze Zeit ihren Weg. Es reichte, um wieder ein
paar Meter Vorspung zu haben. Die Luft wurde zunehmend stickiger.
Sie hörten hinter sich die Arbeiter.
Ardeth, du musst das Ankh zerstören!
Dann sind wir auch tot. Nein, das Ankh ist unsere
Lebensversicherung.
Aber Ardeth! Es ist wichtiger, das Ankh...
Gatyreth kam nicht weiter, denn Ardeth unterbrach ihn barsch:
Entzünde noch ein Hölzchen! Wir müssten uns irgendwie
verbarrikadieren und mit denen verhandeln, bis die anderen
kommen. Wir müssen Zeit gewinnen!
Gatyreth tat wie gewünscht und entfachte drei Hölzchen
hintereinander.
Da!, rief Ardeth. Vor uns gabelt sich der Weg.
Rechts oder links?
Äh...
Links. Vielleicht haben wir Glück und die gehen rechts.
Rechts ist, glaub ich, breiter.
Und wenn links in eine Sackgasse führt?
Wenn... wenn...egal, komm jetzt!
Ich krieg gleich keine Luft mehr.
Dann halt den Mund und spar sie dir auf!
Als die Arbeiter kamen, teilten sie sich auf. Je vier setzten zur
Verfolgung links und rechts an, jeweils begleitet von einem
Europäer mit Schusswaffe. Gatyreth, der hinter Ardeth ging,
hörte es hinter ihnen rumoren.
Mist..., fluchte er.
Licht!, rief Ardeth, und Gatyreth beeilte sich, eins
seiner letzten Hölzchen anzuzünden.
Und wirf es nicht weg.
Sie werden es riechen.
Hier sind Seitennischen, meinte Ardeth.
Ja... da ist was drin, glaub ich...
Wir verstecken uns darin.
Die werden uns finden.
Was ist das eigentlich? Ardeth hielt an und betrat
eine der Nischen. Leuchte mal hier!
Gatyreth hielt das Hölzchen hin. Sie sahen beide eine
merkwürdige eingewickelte Gestalt.
Eine Mumie..., meinte Ardeth.
Aber kein Mensch...
Beide erschauterten, denn sie hatten den gleichen Gedanken. Es
musste sich um ein Opfer der Genversuche handeln.
Ardeth, sie kommen näher...
Lass sie uns niedersäbeln! Du gehst in die Nische
gegenüber, ich bleibe hier, und sobald sie sich nähern,
schlagen wir zu.
Es waren dort über ein Dutzend Personen...
Hast du ne bessere Idee?
Gatyreth seufzte ergeben und begab sich in die gegenüberliegende
Nische, nicht ohne sich zu gruseln beim Einblick einer weiteren
merkwürdig deformierten Mumie. Sie lauschten angestrengt auf das
Näherkommen ihrer Verfolger. Dann sahen sie flackerndes Licht,
das von den Fackeln kam. Es näherte sich aber nur langsam.
Anscheinend leuchteten die Verfolger die Nischen aus, um nicht
böse von den beiden Eindringlingen überrascht zu werden. Ardeth
fluchte innerlich. Er trat einen Schritt zurück, wie um sich vor
dem Licht zu verbergen, das gleich nach ihm leuchten würde.
Dabei berührte er mit dem Fuß die Mumie, die lieblos auf dem
Boden lag. Eine Idee kam ihm und er beeilte sich, Gatyreth
möglichst leise zuzuraunen, dass er die Mumie nehmen sollte, um
die Arbeiter zu erschrecken. Dann nahm er leise die Mumie auf,
die sich hinter ihm befand. Sie war halb so groß wie er selbst.
Er hielt sie vor sich, nachdem er das Ankh vorsichtig abgelegt
hatte. Er bemerkte, wie die Nische vor seiner abgeleuchtet wurde.
Jetzt noch ein Schritt... die Fackel war schon halb zu sehen. Da
sprang Ardeth mit lautem Geschrei aus seiner Nische und hielt die
Mumie fest vor sich, sodass die Arbeiter nur die Mumie zu sehen
bekamen und erschrocken zurückwichen. Gatyreth hatte leicht
zeitversetzt das gleiche getan. Die zurückstürzenden Arbeiter
hatten ihre Hinterleute umgerempelt, die zu Boden gingen, ebenso
der Europäaer, der als letzter gefolgt war. Es war ein leichtes
für die beiden Medjai, die vorderen Arbeiter niederzumetzeln.
Dann sprangen sie über die ersten drei so getöteten hinüber
und wollten sich auf die inzwischen wieder auf die Beine
gekommenen Arbeiter stürzen, doch die waren mit
Entsetzensschreien geflüchtet, nur der Europäer starrte die
beiden Medjai entsetzt an, hatte jedoch keine Zeit, seine
Schusswaffe auf sie zu richten. Gatyreth stieß ihm sein Schwert
in den Leib.
Die anderen?, fragte Ardeth.
Kommen so schnell nicht wieder. Oder sie holen
Verstärkung, denn das hier waren längst nicht alle.
Die müssen sich geteilt haben. Aber jetzt haben wir ein
wenig mehr Zeit...
...und eine Fackel, ergänzte Gatyreth und hob die
Fackel des ersten Arbeiters auf, die noch brannte. Lass uns
verschwinden!
Sie ließen die Toten und die Mumien zurück und rannten durch
den Korridor, der rechts und links Unmengen von Nischen und
Mumien aufwies. Auch war die Luft nicht mehr ganz so stickig.
Ich glaube, es geht nach oben....
Ja, der Weg steigt an, stimmte Gatyreth zu.
Nach einer Viertelstunde, die ihnen wie eine Ewigkeit vorkam,
erblickte Ardeth, der immer noch voranschritt, eine Tür. Sie
stand halbgeöffnet. Sie gingen hindurch und befanden sich in
einem größeren Raum. Auch hier befanden sich Truhen und Tische.
Das ist noch so ein Raum.
Aber zu anderen Zwecken.... hier wurden die Leichen
mumifiziert, meinte Gatyreth, während er sich umschaute.
Er wies mit der Fackel an eine Wandzeichnung, die eindeutig war.
Man konnte Menschen, Tiere und merkwürdige Zwitterwesen in
Begleitung von Anubis sehen.
Lass uns die Tür verbarrikadieren.
Sie nahmen alle beweglichen Dinge, die sie finden konnten, und
verbarrikadierten die Tür. Danach ließen sie sich erschöpft
auf den Boden fallen und atmeten schwer. Die Anstrengungen der
vergangenen Stunde forderten ihren Tribut. Sie waren völlig
erschöpft. Gatyreth war zudem von einem Pistolenschuss gestreift
worden, als er dem flüchtenden Ardeth den Rücken freigehalten
hatten. Außerdem bluteten beide an Händen, Unterarmen und auch
im Gesicht, da sie oft an die rauhen Felsen geschrammt waren.
Beide grinsten sich vielsagend an, so als wären sie mit dem
anderen und auch sich selbst sehr zufrieden gewesen, dann griffen
sie zu ihrem Wasserbehälter. Gatyreth hatte gerade seinen ersten
Schluck genommen, als er meinte:
Sie werden versuchen, die Tür zu sprengen. Wir sollten
hier schleunigst verschwinden.
Ardeth nickte und sah besorgt zu der Barrikade.
Ja, sie können ja auch nicht so ohne weiteres zurück.
Hoffentlich sind inzwischen unsere Leute da. Er erhob sich
und ging durch die Halle, während Gatyreth noch weitere Schlucke
zu sich nahm. Er presste eine Hand gegen seine Wunde an dem
rechten Oberarm.
Gatyreth, hier!, rief Ardeth. Komm, und bring
die Fackel mit!
Gatyreth erhob sich, nahm die Fackel von der Vorrichtung an der
Wand und trat zu Ardeth. Tatsächlich gab es eine weitere Tür.
Sie lag der anderen so ziemlich gegenüber und auch sie war nicht
geschlossen. Ardeth war bereits hindurch gegangen, aber wartete
auf seinen Kameraden, denn er sah sich auf einmal einer Wand
gegenüber in weniger als zwei Meter Entfernung zu der
Tür.
Was ist das?, wollte Gatyreth wissen.
Weiß nicht... aber merkwürdig, dass die Tür nur zu so
einem kleinen Raum führt.
Vielleicht haben sie hier Geräte aufbewahrt, fürs
Mumifizieren, meine ich.
Kann sein. Ardeths Stimme klang enttäuscht.
Lass und im Saal noch mal suchen, vielleicht gibt es noch
eine Tür.
Hoffentlich nach draußen und nicht in weitere
Lagerungsräume.
Sie gingen in den Saal zurück, aber so sehr sie auch die Wände
absuchten, sie konnten keine weiteren Türen entdecken, nur
Nischen. Inzwischen vernahmen sie, dass es jenseits ihrer
Barriere laut wurde.
Mist, sie sind da...., kommentierte Ardeth
überflüssigerweise.
Was nun?
Hoffen wir, dass die Medjai ihnen auf den Fersen
sind...
Sie sahen sich ratlos an. Ardeth trat noch einmal in die kleine
Kammer.
Du willst dich doch nicht in dem kleinen Raum verstecken.
Da finden sie uns sofort.
Tatsächlich hatte Ardeth darüber nachgedacht, doch natürlich
hatte Gatyreth recht. Sie konnten dem Gegner nur im offenen Kampf
in der Halle gegenübertreten.
Du musst endlich das Ankh zerstören. Es darf ihnen nicht
in die Hände fallen.
In Ardeth sträubte sich alles gegen diesen Gedanken. Gerade, als
er resignierend zu Gatyreth zurückgehen wollte, um seinen
Vorschlag in die Tat umzusetzen, fiel ihm ein Luftzug auf, der
von der Wand kam, die gegenüber zur Tür lag. Er untersuchte die
Stelle und stieß auf eine Unebenheit, eine Art Spalt.
Gatyreth, komm mal her!, rief er aufgeregt. Er
wartete nicht ab, bis sein Freund bei ihm war, sondern sprach
weiter: Das hier scheint die Rückseite einer Tür zu
sein.
Also eine Tür!, meinte Gatyreth und trat neben
Ardeth.
Nein, also, ich meine, ich weiß nicht. Das ist irgendwie
merkwürdig. Leuchte mal hier!
Gatyreth beleuchtete die Fläche und vor allem den Spalt, der
sich wirklich türahnlich an der Wand entlangzog.
Ich glaube, ich weiß, was das ist..., sinnierte
Ardeth und fühlte die Wand ab, wie um sich selbst zu
vergewissern. Eine Scheintür von hinten.
Ja, das könnte sein, stimmte Gatyreth zu. und
wenn hier die Rückseite einer Scheintür ist, dann ist die
Vorderseite ein Stück Wand eines Grabes.
Das bedeutet, auf der anderen Seite dieser Tür gehts
weiter.
Ardeth, wer immer das Grab hinter dieser Tür angelegt hat,
er muss doch gewusst haben, dass hier so eine Halle ist.
Sehe ich auch so. Vielleicht ist das Grab auch nur eine
Tarnung, um die Halle zu schützen.
Gut, aber was hilft uns das jetzt?
Naja, wenn das Grab bewusst als Schutz angelegt wurde, muss
es einen Durchgang geben, um vom Grab in die Halle heimlich zu
gelangen. Eine Art Mechanismus, der die Tür öffnet, und zwar
von beiden Seiten.
Gatyreth wartete keine Aufforderung von Ardeth ab. Sofort machten
sich die beiden auf die Suche noch einem Hebel oder einer anderen
Vorrichtung, um die Scheintür zu öffnen. Jeden Moment konnten
die Grabräuber hier sein. Während Gatyreth akribisch die Wände
absuchte, stellte sich Ardeth vor die Rückseite der Scheintür
und überlegte.
Etwas Unscheinbares... was ist unscheinbar?...
unscheinbar...
Ardeth, schließ die Tür! Dann sehen sie uns nicht gleich,
falls sie die Barriere sprengen.
Ardeth warf der halb offen stehenden Tür einen bedenklichen
Blick zu und überlegte sich, was wäre, wenn sie diese Tür
nicht mehr von hinten und auch die Scheintür nicht öffnen
könnten. Dann wären sie eingesperrt. Er wischte den Gedanken
schnell beiseite, schließlich waren da ja immer noch die anderen
Medjai, die sie finden konnten. Irgendwie, irgendwann jedenfalls.
Also entschloss er sich, die Tür zu verschließen. Gatyreth war
inzwischen der Verzweiflung nah. Durch nichts ließ sich die Tür
öffnen.
Wahrscheinlich muss man so etwas wie 'Sesam öffne dich'
sagen, dann...
Die Rückseite der Scheintür schwang kreischend in ihre Richtung
auf. Gatyreth machte einen entsetzten Sprung nach hinten,
erschrocken über die Wirkung seiner Worte. Dann aber bemerkte er
Ardeths Grinsen.
Es war die Tür, Gatyreth. Schließt du eine, öffnet sich
die andere! Die sind miteinander verbunden.
Gatyreth sah ihn leicht unzufrieden an, dann schlüpfte er als
erster durch die geöffnete Scheintür, immer die Fackel haltend.
Ardeth kam hinterher und zog am Griff der Vorderseite der
Scheintür, womit er sie schloss. Sie hörten, wie die andere
Tür sich wieder öffnete.
Ist ja simpel, kommentierte Gatyreth, immer noch ein
wenig enttäuscht.
Sie sahen sich um, dann wandten sie sich der Schrift an der
Scheintür zu.
Aha, ein Priester, meinte Gatyreth.
Hm... diese Schriftzeichen, also, ich will ja nichts sagen,
aber das ist doch höchstens 3000 Jahre alt. Das ist ein ziemlich
neues Grab, auf keinen Fall so alt wie der Raum, in dem wir eben
waren.
Überall Stiere..., wunderte sich Gatyreth, dann kam
ihm die Erleuchtung: Du, das hier muss das Serapeum sein.
Das liegt doch auch ziemlich nah an den Mastabas.
Ja, das passt. Es ist ziemlich spät angelegt worden. Das
bedeutet aber...
Ardeth wurde unterbrochen, denn sie hörten einen lauten Knall,
gefolgt von weiteren lauten Geräuschen.
Die haben tatsächlich die Tür gesprengt.
Hoffentlich schließen sie nicht die andere Tür...
Komm, lass uns verschwinden! Wenn das das Serapeum ist,
gibt es hier viele Räume und mit Sicherheit einen anderen
Ausgang!
Fragt sich, ob wir im neuen oder alten Teil sind,
meinte Ardeth.
Wahrscheinlich im alten, sagte Gatyreth, während der
voranschritt und aus der Grabkammer heraus in einen Gang trat. Er
folgte ihm. Es gab mehrere Kammern links und rechts, in jedem
stand ein riesiger Sarkophag.
Die heiligen Apis-Stiere, befand Gatyreth. Wir
sind im neuen Teil.
Dann müssen wir durch einen langen Gang. Der Ausgang liegt
im alten Teil.
Sie hetzten durch den Gang. An einer Stelle kreuzte ein anderer
Gang.
Links, rechts, geradeaus?
Geradeaus, glaube ich.
Also gut, gab sich Gatyreth einverstanden und schritt
voran. Wieder kamen sie an Kammern mit gewaltigen Sarkophagen
vorbei. So gelangten sie in den alten Teil des Serapeums. Auch
hier gab es viele Grabkammern.
Hier, das muss das Grab von Chaemweset sein, da in dem
Sarkophag liegt er, meinte Ardeth, als sie die Galerie fast
vollständig durchlaufen hatten.
Der Sohn von Ramses dem Großen?
Ja. Hier ist es wie in einem Labyrinth. Ich weiß auch
nicht, wo der Ausgang ist, aber irgendwo hier muss er sein.
Hätte ich doch den Plan besser studiert!
Also, Ardeth, alle Achtung, wie gut du ihn studiert hast!
Du kennst dich ziemlich gut aus hier unten, obwohl du noch nie
hier gewesen bist. Ich kann mir diese Pläne nicht so
merken.
Sie suchten weiter, und tatsächlich gelang es ihnen nach einer
relativ kurzen Zeit, den Ausgang zu finden. Ein Gitter versperrte
den Weg, aber es fiel Gatyreth leicht, das Schloss zu öffnen.
Sie traten hinaus und sogen die kalte Nachtluft erleichtert ein.
Das tut gut!, meinte Gatyreth und man konnte ihm
seine Erleichterung förmlich ansehen.
Los, weiter geht's! Ardeth gönnte ihm keine Pause.
Wir müssen schnellstens unsere Leute erreichen. Ich hoffe,
sie sind inzwischen gekommen.
Sie wandten sich in Richtung des Eingangs zum Stollen, in den sie
vor mehr als zwei Stunden geklettert waren. Er lag ca. 300 Meter
entfernt von ihnen, aber sie konnten erkennen, dass die Medjai
bereits da waren. Ihr Signal brannte zwar nicht mehr, aber dafür
erkannten sie unzählige Fackeln und hörten Lärm.
Ich glaube, wir müssen uns nicht ranschleichen.
Schnellen Schrittes gingen sie über den Wüstensand und
erreichten ihre Leute. Ein Dutzend Medjai-Krieger sahen sie
verblüfft an, als wären die beiden Geister.
Lord Bay! Lord Meranmose!, gab einer von sich.
Aber...?
Ardeth verzichtete auf eine Begrüßung und meinte kurzum:
Es ist möglich, dass der Feind durch den Eingang ins
Serapeum entkommen kann. Wir sollten es bewachen. Am besten
folgen mir zehn Krieger. Dann wandte er sich an Gatyreth,
den er jetzt vor den anderen Medjai förmlich ansprechen musste:
Lord Meranmose, geht Ihr bitte in den Stollen und
verständigt den Kommandanten über das, was wir erlebt
haben.
Gatyreth zeigte sein Einverständnis durch ein kurzes Nicken und
begab sich sofort in den Stollen. Zehn Medjai folgten Ardeth und
fragten nicht weiter nach. Jedem war bewusst, dass er einen guten
Grund haben musste und sie vertrauten ihm. Tatsächlich aber tat
sich am Eingang des Serapeums lange Zeit nichts. Ardeth fand so
die Zeit, den anderen zehn zu berichten, was vorgefallen war. Es
dauerte bald zwei Stunden, bis doch noch Leute auftauchten, aber
zu ihrer großen Freude waren es ihre eigenen, die die Arbeiter
und Europäer gefesselt mit sich führten. Auch Kommandant Korlan
und Gatyreth waren unter den Medjai. Als Gatyreth zum
Kommandanten gestoßen war, hatte er ihm alles berichtet und sie
hatten sich schleunigst an die Verfolgung durch die gesprengte
Tür begeben und dahinter alle Grabschänder in dem Raum
vorgefunden. Diese wurden überwältigt, wobei drei von ihnen im
Schusswechsel getötet wurden. Sie hatten den Türmechanismus
nicht entdeckt und staunten nicht schlecht, als Gatyreth die Tür
schloss, wodurch sich die Scheintür öffnete. Dann begaben sich
alle durch das Serapeum nach draußen. Auch Sitre war dabei und
umarmte nun Ardeth. Er hatte sich große Sorgen um seine beiden
Freunde gemacht und war heilfroh, sie gesund vorzufinden. Der
Kommandant bat die drei jungen Medjai, sich nun zum Haus der
Medjai zurückzuziehen. Er ließ ihnen keine Möglichkeit, sich
zu erkundigen, was mit den Gefangenen geschah, aber es war ihnen
klar, dass sie nicht am Leben gelassen werden konnten. Sie
wussten zuviel, und da den Medjai daran gelegen war, dass diese
Wissen nicht in die Öffentlichkeit drang, um Böses damit zu
erwirken, mussten sie die Übeltäter töten. Ardeth vermutete,
sie würden zurück in den Tempel gebracht werden. Tatsächlich
berichtete ihm einer der Medjai später, dass Kommandant Korlan
genau das befohlen hatte und zudem den Eingangsbereich zum
Stollen hatten zuschütten lassen. Den Griff an der Scheintür,
den wahrscheinlich die wenigen Besucher, die bis in das Grab
gelangt waren, bislang für schmückendes Beiwerk erachtet
hatten, hatte er abschlagen lassen. Zur doppelten Vorsicht hatte
er die Scheintür von der anderen Seite blockieren lassen, sodass
sie nicht mehr geöffnet werden konnte. Die Medjai arbeiten noch
drei weitere Nächte an der Verschüttung der Anlage und wachten
am Tage unauffällig, aber aufmerksam darüber, dass sich kein
Unbefugter näherte.
Im Haus der Medjai ließ Kommandant Korlan Ardeth, Sitre und
Gatyreth antreten und ließ sich haarklein ihr Abenteuer
berichten. Er wusste nicht, ob er sie schelten oder loben sollte.
Er entschloss sich schließlich für letzteres, denn die drei
galten immerhin als erwachsen und hatten durch ihr beherztes und
schnelles Eingreifen Schlimmeres verhindern können. Ardeth hielt
das Ankh in seinen Händen.
Dieses Instrument hier dient dazu, die Gene zweier
Lebewesen zu vereinigen.
Er reichte es dem Kommandanten, der es mit Abscheu in den Händen
wog.
Es ist ein Meisterwerk, sprach Ardeth weiter.
Immerhin wurden unsere menschlichen Gene dadurch veredelt.
Wir dürfen es nicht vernichten. Vielmehr sollten wir es
aufbewahren. Wer weiß? Vielleicht kommt eines Tages die Zeit, in
der es von uns zurückgefordert werden wird.
Der Kommandant sah Ardeth erschrocken an. Er wäre dafür
gewesen, das Instrument in Form enes Ankh unbrauchbar zu machen.
Das Ankh ist das Zeichen des Lebens! Wie passend für das
Instrument, staunte Sitre. Sie haben damit neues
Leben erschaffen.
Aber auf Kosten anderer Lebewesen, kritiserte der
Kommandant.
Wer weiß schon, wie es funktioniert? Vielleicht konnten
sie die anderen Lebewesen ja am Leben lassen.
Nein, glaub ich nicht, wandte der stets realistisch
denkende Gatyreth ein. Da lagen Hunderte von Tiermumien,
von denen man nicht wusste, was sie eigentlich sind. Das waren
bestimmt Versuchsopfer.
Naja, vielleicht von den Leuten als Versuchstiere
verwendet, die diese Formeln nur anwenden wollten so wie die
Leute, die wir heute dingfest gemacht haben. Immerhin gibt es
diesen Durchgang durch das Serapeum, und das ist kein alter Bau.
Die den Durchgang angelegt haben, müssen von der
Schöpfungskammer gewusst haben. Vielleicht haben sie auch
Experimente dort gemacht.
Die misslungen sind, gab der Kommandant nun von sich.
Also, dieses Ankh ist gefährlich. Es muss gut verborgen
werden.
Es sollte nicht in der Nähe von Sakkara bleiben,
Kommandant, meinte Ardeth. Lord Meranmose hat einen
wesentlichen Anteil daran, dass es gefunden und den Frevelnden
entrissen werden konnte, bevor sie es missbraucht haben. Ich
möchte Lord Meranmose bitten, es bei seiner baldigen Abreise mit
in den 5. Stamm zu nehmen, der dieses gefährliche Artefakt
fortan hüten soll.
Gatyreth wurde ganz rot vor Freude.
Aber Ardeth...äh...Lord Bay...Ihr habt doch auch...,
stotterte er vor sich hin und konnte den Satz nicht beenden, da
Ardeth ihm lächelnd das Wort abschnitt.
Wir haben genug damit zu tun, auf Hamunaptra aufzupassen,
das vor unserer Haustür liegt, Lord Meranmose. Wollt Ihr uns
also die Ehre bereiten, das Ankh mit Euch zu nehmen und zu
verwahren?
Gatyreth blickte unsicher zum Kommandanten, den sie ja immerhin
so ziemlich umgangen hatten, aber der schien das gar nicht übel
zu nehmen, sondern lächelte ebenfalls.
Es ist mir eine große Ehre, Lord Bay, stimmte
Gatyreth schließlich zu.
Schon bald darauf verließ Gatyreth Kairo und den Freunden fiel
die Trennung schwer. Der Kommandant nickte dem Trupp zufrieden
hinterher. Aus den ehemals streitenden Jungen waren
verantwortungsbewusste junge Lords geworden. Er dachte über
Ardeths Anteil daran nach. Dieser junge Mann hatte eine starke
Ausstrahlung und das Vermögen zu versöhnen. Er hatte selbst ihn
im Handumdrehen von allem, was er wollte, überzeugen können.
Ardeth strahlte Verantwortungsbewusstsein aus; wenn er etwas
sagte, konnte man sich darauf verlassen. Dabei wirkte er sehr
bescheiden. Kommandant Korlan war zuversichtlich, wenn er an die
Zukunft der Medjai unter dem Oberkommando von Lord Ardeth Bay
dachte.
So wie Kommadant Korlan erging es allen Medjai, die mit Ardeth zu
tun hatten. Zunächst verhielten sich die meisten recht
distanziert und scheu ihm gegenüber, war er doch Lord Bay. Doch
dann lernten sie ihn kennen, bewunderten ihn, ja liebten ihn
geradezu. Ardeth erfuhr bald eine aufrichtige Verehrung. Alle
sahen mit Freuden dem Tag entgegen, wenn er der amtierende Lord
Bay werden würde. So erging es den Medjai in Kairo, im 12.
Stamm, aber auch überall anders, wo Ardeth im Laufe der Zeit
hinkam, sei es in andere Städte oder in andere Stämme.
Ardeth konnte seine Studien, die ihn auch in andere Orte wie
Alexandria führten, ohne weitere Vorkommnisse beenden.
Allerdings stand zwei Monate, bevor er seine Studien beendete,
stand der 16. Geburtstag und die Initiation seiner Braut Nefer
Mahu an. Leyrah Bay hatte befohlen, dass Ardeth zu diesem Anlass
zum 1. Stamm reisen sollte. Danach sollte er mit seiner Braut
nach Kairo zurückkehren und seine Studien beenden, während
Nefer mit den ihren begann.
Inzwischen hatte sich Gatyreth auch mit seinen Eltern, zu denen
er großes Vertrauen hatte, besprochen und ihnen sein Problem
dargelegt. Beide zeigten sich sehr betroffen.
Hättest du uns nur eher dein Herz geöffnet, mein
Junge, bedauerte ihn sein Vater. Wir hätten sofort
alles in die Wege geleitet, doch nun ist es dafür zu
spät.
Und sie erklärten ihm, dass er unverzüglich nach Ardeths
Rückkehr seinen Freund aufsuchen müsste, um ihm mitzuteilen,
dass er Gatyreth - auf Nefer verzichtet, denn ihrer
Meinung nach durfte kein Schatten auf die Verbindung zwischen
Ardeth und Nefer fallen.
Du willst doch nicht, dass Ardeth mit dem Makel einer
gelösten Heiratsverbindung sein schweres Amt antritt, oder? Wenn
er dein Freund ist, dann musst du verzichten, dann musst du ihn
in allem unterstützen, und bedeutet es auch für dich das
größte Opfer!, sprach Lord Meranmose und schaute seinen
Sohn ernst an.
Ardeth sollte sich nicht mit seiner Mutter oder gar seinem
Großvater überwerfen! Das können wir nicht verantworten, mein
Sohn, fügte er hinzu.
Seine Mutter gab zu bedenken: Dein Freund hatte sich auch
erst Hoffnungen auf eine junge Kriegerin im 12. Stamm gemacht,
auf eine Verwandte von Lady Bay. Er hatte sich seiner Mutter
anvertraut, die daraufhin ihre eigene Verwandte einem Mann zur
Frau gab, der dafür sorgen soll, dass sie dem jungen Lord Bay
nie mehr unter die Augen tritt. Lady Farani Setlata musste sich
fügen, ihre Kriegerin-Ausbildung abbrechen und die Frau von Mahd
Ali Gandar werden, ein Krieger aus dem 11. Stamm. Sie ist
übrigens bereits schwanger. Du ahnst vielleicht, was das für
ein Mädchen bedeutet, das eigentlich als Kriegerin leben
wollte.
Gatyreth senkte seinen Kopf. Seine Mutter ließ eine Weile Zeit
verstreichen, damit ihr Sohn darüber nachdenken konnte, bevor
sie fortfuhr: Wenn Lady Bay so über eine Verwandte
verfügt hat, was meinst du, wird sie mit deiner Liebsten tun,
wenn sie erfährt, dass sie eigentlich dich heiraten
wollte?
Gatyreth schaute entsetzt auf. So weit hatte er gar nicht
gedacht.
Wenn dein Freund nach Hause kommt, wird er erfahren, wie es
seiner Jugendliebe ergangen ist und er wird sich auf immer
schuldig fühlen, auch wenn er dafür nicht verantwortlich ist.
Mute ihm und dir nicht zu, noch für einen weiteren Fall die
Verantwortung zu tragen, indem ihr Lady Bay, Lord Bay und auch
die Eltern von Nefer in dieses Geheimnis einweiht. Lady Bay
würde Nefer rund um die Uhr bewachen lassen und ihr das Leben
nicht leicht machen, glaube mir! Nicht eine Sekunde, mein Sohn,
solltest du bezweifeln, dass Ardeth und Nefer ein Paar werden.
Lady Bay hat es so beschlossen, und dabei wird es bleiben, also
macht euch dreien das Leben nicht noch schwerer.
Ihr solltet versuchen, in Freundschaft miteinander
verbunden zu sein, mein Sohn, meinte der Vater
besänftigend, der das gequälte Antlitz seines Sohnes sah.
Und Gatyreth fügte sich schweren Herzens. Als er erfuhr, dass
Ardeth zur Initiation seiner Braut kommen würde, reiste er mit
seinen Eltern auch zum 1. Stamm, um Ardeth abzupassen, bevor er
mit seiner Mutter sprechen konnte.
Als Ardeth im 1. Stamm eintraf, waren seine Mutter und die
Meranmoses bereits dort, ebenso wie zahlreiche Vertreter der
anderen Fürstenfamilien, denn hier ging es immerhin um die
Initiation der zukünftigen Lady Bay. Natürlich war es auch
wieder eine Gelegenheit, Heiratskandidaten und -kandidatinnen zu
sichten. Ardeth begrüßte zunächst seinen Großvater, der ihn
vor allen wegen seines Einsatzes in Sakkara lobte, und seine
Mutter, indem er vor beiden auf die Knie ging, dann seine
zukünftigen Schwiegereltern ebenso wie die anderen Vertreter der
Fürstenfamilien. Als er Gatyreth umarmte, raunte der ihm zu,
dass er ihn unbedingt sprechen musste und er nicht mit Lady Bay
über Nefer sprechen sollte. Ardeth sah ihn stirnrunzelnd an.
Natürlich verlangte seine Mutter seine Anwesenheit bei der
Familie der Braut, die ihrem Bräutigam den Tee reichte. Leyrah
nahm hinterher ihren Sohn beiseite. Sie wollte ihn allein
sprechen.
Ardeth, sprach sie ihn milde lächelnd an, wir
sind alle sehr stolz auf dich! Heute Abend wird dir und Gatyreth
zu Ehren ein Festbankett stattfinden. Ihr seid die Helden von
Sakkara, wir verdanken euch viel, und ich freue mich, dass du so
couragiert gehandelt hast. Alle sind sehr beeindruckt!
Ardeth senkte verlegen den Kopf.
Am morgigen Tag wird deine Braut die heiligen Zeichen
empfangen. Du wirst ihr Pate sein, so haben die Mahus und ich das
ausgehandelt und sobald du sie morgen auf den Festplatz geführt
haben wirst, werden wir eure Verlobung bekanntgeben. Nefer wird
dir eine wunderbare Frau sein, glaube mir. Ich habe lange mit ihr
gesprochen. Sie weiß genau, worauf es ankommt und sie wird dich
glücklich machen. Ich bin sehr froh, dass sie meine
Schwiegertochter werden wird. Sie ist auch gar nicht so... nun,
wie soll ich sagen,... so selbstbewusst, wie die Mädchen der
Südstämme nun mal zu sein pflegen. Ihre Eltern haben sie streng
erzogen. Sie wird ihrem Volk eine gute Dienerin sein. Ich freue
mich schon auf meine Enkel!
Ardeth wirkte etwas verlegen, er wollte das Thema nicht
vertiefen. Vor allem war es wichtig, Gatyreth zuvor zu sprechen,
denn eigentlich wollten sie ja ihre Eltern davon überzeugen,
dass Gatyreth Nefer heiraten sollte.
Ja, schön, Mama, aber ich würde mich jetzt gern nach der
langen Reise ausruhen, wenn du gestattest.
Aber ja, gehe nur, damit du für das Bankett ausgeruht sein
wirst!
Sie entließ ihn mit einem Kuss auf seine Stirn.
Ardeth suchte Gatyreth und fand ihn recht schnell, da er schon
auf ihn gewartet hatte. Sie entfernten sich ein Stück von den
Zelten der Fürstenfamilien, sodass sie ungestört waren.
Gatyreth sah sehr traurig aus. Ardeth ahnte, dass er gescheitert
war.
Gatyreth, was ist nun?
Ardeth, Nefer wird deine Frau werden. Es gibt keine andere
Lösung.
Aber du wolltest doch mit deinen Eltern sprechen, und ich
werde dann mit meiner Mutter sprechen, und dann...
Nein, Ardeth, das darfst du auf keinen Fall. Ja, ich habe
mit meinen Eltern gesprochen, und sie haben mir abgeraten. Lady
Bay würde niemals ein gegebenes Wort zurücknehmen, meinen sie.
Es wäre wie eine Beleidigung der Ehre der Mahus und ihrer
Ehre.
Wir könnten es doch zumindest versuchen! Was haben wir
schon zu verlieren?
Ach, Ardeth, wir zwei vielleicht nichts, aber denke mal an
Nefer. Sie muss später mit deiner Mutter auskommen. Und wenn
deine Mutter auch nur die leiseste Ahnung hat, dass Nefer in
Wirklichkeit jemand anders liebt, wird sie sie schlecht
behandeln.
Ardeth sah ihn verunsichert an.
Wenn deine Mutter erst einmal eine Sache beschlossen hat,
dann ist da nichts mehr rückgängig zu machen. Das weißt du
doch. Es hat keinen Sinn, wenn wir jetzt zu ihr und den Mahus
gehen. Sie werden sich niemals erweichen lassen, denn es wäre in
ihren Augen schandhaft.
Aber es ist ungerecht! Ich kann doch wirklich eine andere
Frau heiraten. Nefers Schwester oder deine Schwester... es muss
doch nicht Nefer sein! Es geht doch auch um mich. Ich müsste
doch ein bisschen Mitbestimmungsrecht haben!
Ardeth, du weißt, wie es in unseren Kreisen zugeht. Ich
danke dir von Herzen, dass du mir helfen wolltest, aber um Nefers
Wohl müssen wir beide schweigen. Ich weiß, du wirst Nefer ein
guter Ehemann sein. Behandle sie gut! Sie weiß nichts davon,
dass ich dir von ihr und mir erzählt habe. Es wäre ihr
peinlich, wenn sie wüsste, dass ihr Ehemann weiß, dass sie
jemand anders liebt. Wirst du schweigen können?
Natürlich, Gatyreth! Ich werde ihr nichts davon
sagen.
Sie sahen sich eine Zeitlang ernst an. Ja, sie waren Freunde
geworden, und die Sache würde ihre Freundschaft nur bestärken.
Sie drückten sie die Unterarme aufeinander und gingen dann
langsam in Richtung der Zelte, Gatyreth freilich mit feuchten
Augen.
Der Abend wurde ein Schaulaufen für Gatyreth und Ardeth. Man
feierte ihren Sieg in Sakkara und pries sich glücklich, zwei
zukünftige Anführer mit diesen Fähigkeiten zu haben. Lord
Meranmose war sichtlich stolz auf seinen Sohn. Es war auch für
ihn das erste Mal nach der Rückkehr seines Sohnes, dass alle
Stammesanführer zusammengekommen waren und den Eltern ihr Lob
über diesen gelungenen Sohn aussprechen konnten. Die Damen
versuchten Lady Meranmose auszuhorchen, ob sie denn schon eine
der Töchter als Ehefrau von Gatyreth ausgewählt hatte, denn
Ardeth war ja bereits vergeben. Doch Lady Meranmose hielt sich
bedeckt. Sie wusste, was ihr Sohn zurzeit durchmachte und wollte
ihn nicht durch eine auferlegte Hochzeit schmerzen. Er sollte
sich erst einmal erholen. Sie hoffte, dass er irgendwann von
selbst auf dieses Thema zu sprechen kam. Sie hatte sich
vorgenommen, ihm sogar die Wahl zu überlassen.
Ardeth freute sich besonders über das Wiedersehen mit Lord
Wenchyn, seinem fast väterlichem Freund und Berater. Der schlug
mit der rechten Hand auf die Schulter des Jünglings, raunte
Dein Vater wäre sehr stolz auf dich gewesen, mein
Sohn und schloss ihn in seine immer noch mächtigen Arme.
Es war Ardeth sehr angenehm, von Lord Wenchyn weiterhin gedutzt
zu werden, es schuf eine Vertrautheit zwischen ihnen, zumindest
in diesem intimen Moment. Später und vor den anderen würde auch
Lord Wenchyn ihn in aller Formalität ansprechen müssen, und
sobald Ardeth Anführer aller Medjai werden würde, müsste auch
der älteste aller Lords das Knie vor ihm beugen.
Erlaube mir, dir mein höchstes Lob auszsprechen, junger
Ardeth, fuhr Lord Wenchyn fort. Du bist ein
ungewöhnlicher junger Mann. Deine Freundschaft zu dem jungen
Lord Meranmose lässt uns alle hoffen, dass es dir gelingen wird,
die zwölf Stämme der Medjai in Einheit zusammenzubringen.
Aber Lord Wenchyn, wir sind doch eine Einheit!,
protestierte Ardeth.
Ja, so weit entfernt in Kairo mag das so wirken, mein
junger Freund, doch schaust du hier hinter die Kulissen, dann
wirst du manch Arges entdecken. Ich habe in meinem langen Leben
viel Zwist und Streit unter den Anführern erleben müssen. Das
heutige Beisammensein mag darüber hinwegtäuschen. Die Süd- und
die Nordstämme haben zu lange in Isloation gelebt und ihre
eigenen Traditionen ausgelebt, die sie nun verteidigen wollen.
Dazwischen liegen wieder andere Stämme, die sich von beiden
Seiten ausgenutzt sehen, so auch mein Stamm. Nimm zum Beispiel
den Stamm von Lord Meranmose. All die Jahre hörte ich Klagen
seinerseits, sein Stamm würde nur wegen der Nahrungsversorgung
ausgenutzt. Da sie eine Oase besitzen würden, müsste ihnen viel
mehr Mitspracherecht eingeräumt werden, man müsste auf sie und
den 7. Stamm viel mehr hören. Doch inzwischen sind diese Klagen
verstummt, seit Lord Meranmose dich kennengelernt hat und seit
sein Sohn Gatyreth von dir begeistert aus Kairo zurückgekehrt
ist und zudem sein Stamm Hüter des Ankh geworden ist. Glaube
mir, mein junger Freund, mit dir wird der Friede unter den
Stämmen einziehen, denn du wirst dich ganz in den Dienst der 12
Stämme stellen und keine Stimme ungehört lassen.
Ardeth hatte beschämt den Kopf geneigt. Er wusste nicht, was er
erwidern konnte. Lord Wenchyn lächelte väterlich.
So ist recht, lass dir meine Worte bloß nicht zu Kopf
steigen, junger Ardeth!
Ardeth schaute ihn grinsend an.
Lass dir lieber den Wein zu Kopf steigen und deine hübsche
junge Braut! Nefer, die Schöne! Er warf einen Blick in
Richtung der jungen Adeptin. Was sehen meine alten Augen?
Sie sieht bekümmert aus. Ich habe gehört, sie hat sich tapfer
in ihrer Ausbildung bewährt. Furcht vor dem morgigen Tag vermag
es wohl kaum zu sein. Mein junger Freund, du solltest zu deiner
jungen Braut gehen und sie etwas aufzuheitern versuchen anstatt
hier das Lob von alten Männern einzuheimsen!
Ardeth hatte für einen Moment mit sehr ernstem Blick
dagestanden, denn er wusste, was Nefer bewegte, doch er konnte
noch nicht einmal Lord Wenchyn von seinen Sorgen berichten.
Ich danke Euch vielmals, Lord Wenchyn, für Eure
wohlgemeinten Worte und mehr noch dafür, dass Ihr mir
stets ein so guter Berater gewesen seid. Er neigte
ehrerbietig sein Haupt, was Lord Wenchyn erwiderte.
Lord Bay, sprach er zum Abschied.
Ardeth gelang es allerdings nicht, bis zu der traurigen Nefer
durchzudringen, denn Arint, der einzige Sohn von Lord Ghaleodan,
fing ihn ab und führte ihn zu seinen Eltern, die von Ardeth
wissen wollten, wo denn sein Großvater mütterlichseits sei, sie
vermissten ihn doch sehr. Ardeth wusste, dass Lord Janir
Ghaleodan und sein Großvater Arianda Setlata in ihrer Jugend die
Leibwächter seines Urgroßvaters Lord Ardeth Bay gewesen waren
und viele Abenteuer in fernen Ländern zusammen erlebt haben.
Wahrscheinlich wollten sie diese nun auffrischen.
Meine Mutter teilte mir mit, dass mein Großvater nicht
mehr zu reiten vermag, daher sei er zu Hause geblieben.
Natürlich war Lord Janir Ghaleodan enttäuscht.
Jaja, das Alter..., stammelte er. Dann muss ich
den alten Knaben wohl zu Hause aufsuchen. Seine Frau, Lady
Binere Ghaleodan, die Tochter des durch Lord Ardeth Bay 1881 zum
Tode verurteilten Lords Menmare Wyreth, stieß ihn an und sprach
auf die Hochzeit von Ardeth und Nefer anspielend:
Dafür wirst du in einem Jahr Gelegenheit bekommen, mein
Gemahl. Wahrscheinlich hätte sie gern hinzugefügt:
Wenn du dann überhaupt noch reiten kannst, doch sie
verkniff sich eine derartige Bemerkung, denn sie war ganz eine
Lady aus dem 3. Stamm, dem stolzen Shimalo-Stamm, die ein
bisschen auf das in ihren Augen rüde Benehmen ihres Gatten aus
dem Norden hinabsah. Ardeth nahm diese Unstimmigkeit zwischen den
Eheleuten wahr. Er wusste, dass die Ehe zwischen Janir und Binere
von seinem Urgroßvater befohlen worden war, und da Binere aus
dem alten Geschlecht, das einst über den dritten Stamm
geherrscht hat, stammte, sah sie sich offensichtlich als etwas
Besseres an. Sie musste auch sehr unglücklich damals gewesen
sein: ihr Vater als Verräter gebrandmarkt, sie selbst in eine
unliebsame Ehe gezwungen. Lange Zeit hatte sie keinen Sohn
bekommen. Erst nach drei Töchtern brachte sie Arint zur Welt,
der nur ein Jahr älter als Ardeth war. Alles an diesem Abend
erinnerte Ardeth daran, dass es nicht gut war, eine Ehe mit aller
Gewalt zu arrangieren. Wie sollten sich die Stämme untereinander
vertragen, wenn es noch nicht einmal die führenden Ehepaare
vermochten, da sie zu diesen Ehen gezwungen worden waren? Wie
würde Nefer sich ihm gegenüber benehmen?
Na, immerhin gehts Ariandas Bruder gut!, meinte
Lord Ghaleodan, Ardeth aus seinen finsteren Gedanken reißend,
und wies auf Wirianda Setlata, der als Leibwächter Ardjuns
mitgereist war. Ein Lächeln breitete sich auf Ardeths eben noch
betrübtem Gesicht aus, denn er dachte an Farani. Was wohl aus
ihr geworden war? Er verabschiedete sich förmlich von den
Ghaleodans, die natürlich nicht versäumten, ihn mit echt
gemeintem Lob zu überschütten, und steuerte auf seinen
Großonkel zu.
Großonkel!, rief er freudig. Ich habe dich
heute noch gar nicht gesehen!
Aber ich dich, mein lieber Großneffe!, sprach
Wirianda und umarmte Ardeth. Ich stand direkt hinter Lord
Bay, als er dich begüßt hatte. Du hast mich wohl
übersehen.
Das tut mir sehr leid, Großonkel.
Vergiss es, Ardeth, ich weiß, du musstest dort alle
Anführer begrüßen. Gut siehst du aus, Ardeth, Kairo ist dir
wirklich gut bekommen! Meinen Glückwunsch zu deinem ersten
Erfolg! Ich habe immer zu deiner Mutter gesagt, dass du uns noch
alle überraschen wirst. Und ich habe recht behalten!
Warum redete sein Großonkel so viel? Ardeth kannte ihn
eigentlich eher alles stillen Krieger, der ungern viel sprach.
Also, Großonkel, so viel Lob aus deinem Munde! Das bin ich
gar nicht gewohnt! Letztes Mal hast du mich eher mit tadelndem
Blick empfangen.
Achja? Natürlich wusste Wirianda Setlata, warum er
seinem Großneffen ernst gegenüber getreten war, denn eine
Verbindung zwischen seiner Tochter und Ardeth stand außer Frage
und es mochte Wirianda nicht gefallen, dass beide so viel Zeit
miteinander verbracht haben. Ardeth schaute ihn fragend an.
Irgend etwas stimmte hier nicht.
Sag, ist Farani auch hier?
Wirianda schwieg eine Weile. Natürlich wusste er, dass Ardeth
sich irgendwann nach ihr erkundigen würde. Also hatte er noch
nicht erfahren, was mit Farani geschehen war.
Nein, Ardeth...
Schade! Ich dachte, sie würde vielleicht als
Leibwächterin meine Mutter begleiten. Aber meiner Mutter fand
sie bestimmt zu jung! Ach, Großonkel Wirianda, es tut mir so
leid, dass ich zu ihrer Initiation nicht kommen durfte! Ich wäre
so gern dabei gewesen. Farani hatte es sich so gewünscht. Hat
sie mein Geschenk eigentlich pünktlich erhalten? Ich hatte es
extra einen Monat eher losgeschickt.
Nein, Ardeth...
Ardeth sah ihn verwundert an.
Nein?
Nein. Sie ist nicht initiiert worden.
Was?, entfuhr es Ardeth entrüstet. Was hat sie
getan?
Nichts, Ardeth. Nunja, eigentlich hatte sie sich nur in
dich verliebt...
Was hat das denn damit zu tun?
Farani... meine Tochter... Ardeth bemerkte, wie
Wirianda mit den Tränen kämpfte.
Sprich doch, Großonkel! Was ist mit ihr? Irgendetwas
Schlimmes musste passiert sein. Wirianda riss sich zusammen, als
er antwortete:
Deine Mutter hat sie verheiratet.
Meine Mutter? Mit wem?
Mit... mit Mahd Ali Gandar...
Kenn ich nicht.
Ein Krieger aus dem 11. Stamm.
Ardeth sah ihn ungläubig an. Er brachte kein Wort heraus.
Sie ist schwanger... ich glaube, es geht ihr gut.
Moment..., Ardeth versuchte, wieder die Fassung zu
erlangen. Moment... meine Mutter hat veranlasst, dass sie
keine Kriegerin geworden ist und diesen Mahd Ali Gandar aus dem
11. Stamm geheiratet hat? Ist das richtig?
Wirianda nickte.
Und du hast das nicht verhindert?
Ardeth, deine Mutter ist Lady Bay! Man darf sich ihr nicht
widersetzen.
Ardeth sah ihn immer noch mit ungläubigem Ausdruck an. Nein, er
durfte seinem Großonkel keinen Vorwurf machen.
Warum hat sie das getan?, brachte er stattdessen
leise hervor.
Damit du Farani nie wieder siehst. Herr Gandar hat die
Anweisung von Leyrah erhalten, dass er sie wegsperren soll,
sobald du den 11. Stamm besuchst. Und sie selbst wird den Ort
wohl nie mehr verlassen.
Ardeth schnappte nach Luft. Ungeheure Wut auf seine Mutter stieg
in ihm auf. Am liebsten wäre er zu ihr hingestürmt und hätte
sie zur Rechenschaft gezogen. Er schluckte ein paar Mal, um sich
einigermaßen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ihm gegenüber
stand immer noch ein Häufchen Elend namens Wirianda. Er umfasste
seinen Großonkel bei den Schultern.
Es tut mir so leid für dich. Es muss dir und Großtante
Girha sehr wehgetan haben. Und es tut mir so leid, dass es
praktisch meinetwegen geschah. Ich wäre Farani wirklich niemals
zu nahe getreten, glaube mir. Ich hatte gehofft, Farani und ich
könnten gute Freunde bleiben. Natürlich habe ich geahnt, dass
meine Mutter es niemals erlauben würde, dass Farani zur
Leibwächterin meiner Frau werden würde, aber dass sie so weit
gehen würde, hätte ich nicht gedacht. Es tut mir so unendlich
leid...
Du trägst daran keine Schuld, Ardeth. Es ist nur,
Farani... sie wollte so gern Kriegerin werden, sie war so stolz
darauf und hatte sich sehr auf ihre Initiation gefreut. Ich kann
mir einfach nicht vorstellen, wie sie jemals glücklich werden
soll. Vielleicht, wenn sie ihr Kind zur Welt bringt...
Ardeth nahm seinen unglücklichen Großonkel fest in den Arm. Von
ferne her beobachtete Leyrah die Szene, nicht ahnend, welche
Konsequenzen das haben würde...
Ardeth war erschüttert. Er konnte jetzt nicht zu den Lagerfeuern
gehen und so tun, als wäre nichts passiert. So ging er zu den
Ställen, sattelte sein treues Pferd und ritt in die Wüste, denn
er wollte jetzt allein sein. Das Schicksal von Farani ging ihm
immer wieder durch den Kopf. Gewiss, sie waren sehr eng
miteinander befreundet gewesen und hatten auch gehofft, dass sie
heiraten dürften. Doch als klar war, dass Leyrah gegen diese
Verbindung war, hatten sich beide zurückgehalten, wohl wissend,
wo ihre Verantwortung lag. Ardeth traute weder sich noch Farani
etwas Unerlaubtes zu. Er dachte über seine Mutter nach. Wieso
hatte sie das ihrer eigenen Verwandten angetan? Misstraute sie
ihm und Farani so sehr? Er hätte sie gern dazu befragt, doch es
machte keinen Sinn mehr, mit ihr darüber zu sprechen, denn es
war geschehen. Er konnte Farani nicht mehr helfen. Er konnte ihr
nur wünschen, dass sie sich ihrer neuen Situation so schnell wie
möglich angepasst haben würde. Was auch immer ihr Vater sagen
mochte, Ardeth fühlte sich für Faranis Schicksal
verantwortlich. Er war letztendlich Schuld daran, dass sie keine
Kriegerin werden durfte und in eine Ehe gezwungen worden war.
Würde er nicht das Oberhaupt der Medjai werden, wäre Farani
eine halbwegs freie Wahl geblieben. Meinetwegen, nur
meinetwegen... kreiste es in seinen Gedanken, und es dauerte
nicht lange, bis ihm Nefer einfiel. Die zweite Frau, die wegen
ihm unglücklich werden würde. Und Gatyreth, sein Freund, noch
dazu. Meinetwegen... nur seiner bloßen Existenz wegen... er
hatte immer versucht, die Aufgaben, die auf ihn zukamen, so gut
wie möglich anzunehmen und zu erfüllen. Selbst den Wünschen
seiner fundamentalistischen Tante hatte er versucht nachzukommen.
Ardeth hatte niemals an sich selbst gedacht, immer nur an die
anderen, wie er sie glücklich machen konnte. Selbst seiner Ziege
hatte er damals vor fast sieben Jahren nichts anhaben können.
Warum musste nun ausgerechnet er für das Schicksal seiner
Freunde Farani und Gatyreth und seiner zukünftigen
Ehefrau Nefer verantwortlich sein? Was konnte er dagegen tun? Was
musste er dagegen tun? Hatte nicht der weise Lord Wenchyn ihm
gesagt, er hätte die Fähigkeit zu verbinden, zu einen? Wie
konnte er einen, wenn er Ungerechtigkeit schuf? Wie konnte er zum
Wohle der Stämme handeln, wenn er dieses Unglück selbst
allein durch seine Person zu verantworten hatte? Wie
konnte er das Wohl seines Volkes eigentlich jemand anders
überlassen? Gewiss, er war der Sohn von Leyrah und der Enkel von
Ardjun, und nach Clanrecht war er ihren Weisungen untertan. Doch
wenn er eines Tages der Anführer werden würde, musste er allein
Entscheidungen treffen können. Ardeth spürte, dass das Wohl
seines Volkes auch und gerade mit dem persönlichen Wohl aller zu
tun hatte. Sie konnte nur ihre schwere Aufgabe meistern, indem
sie sich alle damit von Herzen identifizierten, so wie es ihm
bislang gelungen war, so wie es auch Farani geplant hatte. Er
musste ein Zeichen setzen. Er wollte sein Dasein in diesem Volk
nicht weiter auf dem Unglück anderer aufbauen. Das war keine
gute Basis. Er beschloss, Nefer nicht zu heiraten.
In der Morgendämmerung kam er zurück. Ein Stalljunge nahm sein
Pferd entgegen und sprach ihn ehrfurchtsvoll an:
Herr, man hat bereits nach Euch gefragt.
Ardeth nickte. Er wusste, wer man war.
Danke, junger Freund, ich werde Lady Bay sofort
aufsuchen.
Leyrah war bereits wach und ließ sich von zwei Mädchen mit Öl
einmassieren. Ardeth musste vor ihrem Zelt warten, bis sie bereit
war, ihn zu empfangen. Sie hatte sich nur in ein langes Tuch
gewickelt und trug noch nicht ihr schwarzes Gewand, denn sie
wollte wissen, was ihr Sohn von ihr wollte und wo er die ganze
Zeit gewesen ist. Als er eintrat, ging er auf die Knie.
Mein Sohn, erhebe dich! Ich habe mir Sorgen gemacht,
tadelte sie ihn. Wo warst du?
Mutter, ich bin ausgeritten und habe eine Entscheidung
getroffen. Ich weiß, du wirst damit nicht einverstanden sein,
aber ich bitte, sie für mein Wohl zu akzeptieren.
Leyrah sah ihn ernst an. Ardeth wirkte sehr entschlossen.
Es ist eine Entscheidung von großer Tragweite, aber
sicherlich nicht, was das Wohl unserer Familie oder der von Lord
Mahu anbelangt, sondern eher für die 12 Stämme der Medjai. Lady
Bay, ich wünsche Nefer Mahu nicht zu ehelichen.
Leyrah sah Ardeth an, sie brachte kein Wort hervor. Was sollte
das denn jetzt bedeuten?
Ich weiß, dass Nefer einen anderen jungen Mann liebt und
sich einer Heirat mit ihm sicher wähnte und das
berechtigterweise, denn dieser Auserkorene ist kein Geringerer
als Lord Gatyreth Meranmose.
Leyrah stand der Mund offen.
Gatyreth hat mir in Kairo alles gestanden und mich gebeten,
mit dir und mit den Mahus darüber zu sprechen. Doch gestern zog
er seine Bitte zurück, da er sie inzwischen als ausweglos
betrachtete und glaubte, du würdest Nefer nicht so freundlich
aufnehmen, wenn du weißt, dass sie einen anderen Mann geliebt
hat.
Ardeth, was ist das für eine fürchterliche Geschichte,
die du da erzählst!, fuhr Leyrah dazwischen. Ich
will nichts davon hören!
Du musst, denn ich habe nicht vor, Gatyreth und Nefer
unglücklich zu machen. Ich werde Nefer nicht heiraten, sondern
zurückstehen. Und ich werde auch zu den Mahus gehen und zu um
Rücknahme des Vertrags bitten. Lord Mahu soll über mich
verfügen, wie es ihm gefällt. Ich werde alles auf mich nehmen,
was er verlangt. Aber vielleicht gibt es ja eine Lösung. Ich
könnte Nefers Schwester, Merenhetep, heiraten. Dann gäbe es ein
Band zwischen dem ersten und zwölften Stamm, so wie ihr es
wünscht.
Dir gebührt die Erstgeborene eines Stammesanführers! Und
Merenhetep ist viel zu jung! Sie ist über zwei Jahre jünger als
ihre Schwester und es würde zu lange dauern, bis sie dir einen
Sohn gebären würde. Du bist dir scheinbar nicht im Klaren
darüber, dass du möglichst schnell einen Nachfolger brauchst,
denn später, wenn dein Großvater nicht mehr unter uns weilen
wird, wirst du keine Zeit mehr haben, dich um einen Sohn zu
kümmern.
Ardeth wollte sprechen, doch Leyrah hieß ihn mit einer
Handbewegung zu schweigen.
Nein, Ardeth, der Vertrag ist gültig, und es wäre eine
infame Beleidigung, nicht zu ihm zu stehen. Du musst dich fügen.
Ich... ich sichere dir zu, dass ich es Nefer nicht fühlen lassen
werde... immerhin habe ich sie als ein wirklich geeignetes
Mädchen kennengelernt. Es liegt an dir, sie glücklich zu
machen. Aber mehr als diese Zusage kann ich für dich und deine
verträumten romantischen Vorstellungen nicht tun. Und jetzt geh
und lass mich allein. Ich bin noch nicht vollständig angekleidet
und die Zeremonie wird gleich beginnen. Halte dich bereit!
Ardeth sah sie traurig an. Es hatte wohl keinen Sinn. Er hatte
gehofft, sie würde ein Wort für ihn einlegen. Nun musste er
alle vor vollendete Tatsachen stellen, und er wusste, es würde
schlimme Konsequenzen für ihn haben. Aber wenn er seine
Selbstachtung erhalten wollte, musste er zu seinem Entschluss
stehen. Langsam und mit hängenden Schultern verließ er Leyrahs
Zelt. Leyrah winkte die beiden Mädchen, die still in einer Ecke
abgewartet hatten, heran. Sie kleideten ihre Herrin an und legten
ihr den golden Reif an, der sie als oberste Autorität neben
Ardjun auswies. Ihr fiel Lyleth ein und wie er sie gewonnen hat.
Lyleth hatte damals einen Weg gefunden, aber immerhin war dessen
Großvater nur allzusehr damit einverstanden gewesen. Sie hatten
sich geliebt. Leyrah hatte ein schlechtes Gewissen. Ihr Sohn war
das liebste, was sie hatte, und doch musste sie ihn jetzt gegen
seinen Willen zu dieser Ehe zwingen. Sie überlegte lange, doch
befand sie, dass es keinen Ausweg gab. Irgendwann würden es ihr
Ardeth und Nefer danken, denn durch diese Verbindung wähnte sie
den Zusammenhalt zwischen den Nord- und Südstämmen sicher. Sie
trat in dem Bewusstsein, alles politisch richtig zu machen, aus
ihrem Zelt und begab sich zu dem Festplatz, wo bereits Nefers
Eltern und alle anderen Lords und Ladys warteten, sowie viele
andere Menschen aus dem 1. Stamm, die die Ehre hatten, der
Initiation von Nefer Mahu, der künftigen Anführerin aller 12
Stämme, beizuwohnen. Auch Ardjun wartete bereits, an seiner
Seite Lord Wenchyn. Neben Lord Mahu und seiner Familie standen
die Meister und Meisterinnen, die Nefer jahrelang unterwiesen
hatten. Sie würden bezeugen, dass sie der Einweihung würdig
war. Auch Ardeth war hinzugetreten und zunächst waren alle Augen
auf ihn gerichtet. Als die allgemeine Aufmerksamkeit der First
Lady galt, die mit großen Gefolge herüberkam, trat er schnell
zu Gatyreth und raunte ihm zu:
Mein Freund, was ich jetzt tun werde, das tue ich in erster
Linie nicht für dich und Nefer, sondern für alle Medjai. Daher
bitte ich dich, halte zu mir und sei einverstanden. Versuch mich
nicht zum Gegenteil zu überreden!
Aber Ardeth..., wandte Gatyreth ein, doch konnte sich
nicht mehr nach den Plänen seines Freundes erkundigen, denn Lord
Mahu wandte sich nun Ardeth zu. Gatyreth wurde sehr mulmig im
Bauch.
Lord Bay, sprach Lord Mahu, Nefers Vater, es
ist soweit. Ihr könnt Euren Schützling holen.
Da Ardeth als Pate von Nefer vorgesehen war, so wie damals Leslie
ihm durch die anstrengenden Tage der schmerzvollen Initiation
geholfen hatte, musste er Nefer abholen, hierher bringen, Zeuge
ihres Eides werden und sie anschließend zur Tätowiererin
bringen. Ardeth tat es leid um Nefers Ehrentag, doch es geschah
auch zu ihrem Glück. Allerdings hatte Ardeth erleichtert
vernommen, dass Lord Mahu Nefer als Ardeths
Schützling und nicht seine Braut
bezeichnet hatte. Damit war die Verlobung noch nicht offiziell
verkündigt worden, was die Möglichkeit bot, dass alle das
Gesicht wahren konnten, wenn sie nun sein Spiel mitspielen
würden. Er trat hervor und sprach laut vernehmlich für alle:
Lord Mahu, ich danke Euch und Eurer Familie für die mir
aufgetragene Ehre, Eurer Tochter Nefer heute beizustehen. Doch
kommt mir diese Ehre nicht zu. Ich bitte Lord Gatyreth Meranmose,
ihren künftigen Ehemann, ihr heute und für immer
beizustehen.
Ardeth trat einen Schritt zurück, um Gatyreth den Vortritt zu
lassen. Es war gespenstisch, so still war es geworden. Alle
starrten auf Ardeth, auch Gatyreth, dessen mulmiges Gefühl ihn
nicht getrogen hatte. Was hatte der junge Lord Bay da eben
gesprochen? Sie glaubten ihren Ohren nicht zu trauen. Leyrah sah
wütend zu Ardeth. Oh, sie hätte es ahnen können! Ardeth hatte
sich nicht gefügt, er hatte sie alle vor ein böses
Fait-accompli gestellt. Doch Ardjun fühlte sich zum Einschreiten
aufgerufen. Er trat hervor und meinte verärgert:
Ardeth, du sollst Nefers Ehemann werden. Also geh und hole
das Mädchen! Wir wollen nicht unsere Gastgeber verärgern!
Ardeth sah ihn fest an, aber so selbstsicher, wie er nun klingen
musste, fühlte er sich ganz und gar nicht. Sein Großvater hatte
gerade die Möglichkeit vergeben, dass alle aus dieser Geschichte
halbwegs unbescholten herauszukommen würden. Sein Großvater
würde ihn unausweichlich fürchterlich strafen müssen. Doch
jetzt musste er zu seiner Enrscheidung stehen.
Lord Gatyreth Meranmose ist derjenige, der Nefer seit
Jahren aufrichtig liebt. Ich kann nicht die Frau heiraten, die
mein Freund lange vor mir als seine Ehefrau gewünscht hat.
Niemandem Glückes möchte ich im Wege stehen!
Die Meranmoses schauten einander fragend an. Ihren Sohn hatten
sie beeinflusst zurückzustehen, doch Ardeth traute sich, zu ihm
zu stehen. Welch ein Mut! Auch Lady Mahu hatte den Kopf geneigt,
insgeheim hatte sie verborgenen Wünsche ihrer Tochter spüren
können, doch nie mit ihr darüber gesprochen. Nur Lord Mahu war
puterrot angelaufen, ebenso wie Ardjun.
Ardeth!, sagte Ardjun schneidend und schnitt ihm das
Wort ab, bevor Ardeth eine noch längere Ode auf die Liebe halten
konnte. Tu, was man dir sagt! Es war ihm sichtlich
unangenehm, dass Ardeth vor allen Anwesenden derart widerspach
und ihn blamierte. Ardjun fühlte sich an die Situation von vor
sieben Jahren zurückversetzt, als Ardeth sich auch vor den Lords
weigerte, eine Ziege zu schlachten. Auch damals hatte er es dem
Jungen anbefohlen und er hatte sich geweigert. Gewiss, damals
hatte er ihn hart bestraft, aber der Junge hatte seinen Willen
durchgesetzt und keine Ziege schlachten müssen. Zwischenzeitlich
hatte er den Jungen ins Herz geschlossen, doch nun kam alles
wieder hoch. Diese Unbeugsamkeit! Die Wut stieg immer intensiver
in Ardjun auf. Leyrah begann um ihren Sohn zu bangen. Sie wusste,
dass Ardjun selbst einst für Ungehorsam im Zusammenhang mit
einer Frau, Claire, aufs Härteste bestraft worden war: Ein Jahr
lang hatte man ihn eingesperrt, allein, bei Wasser und Brot.
Eingemauert in einer fernen Bastion mitten in der Wüste. Drohte
Ardeth das gleiche Schicksal? Würde Ardjun sich rächen für
das, was ihm sein Vater, der überdies auch den Namen Ardeth
getragen hatte, angetan hatte? Ihre Augen sprachen flehend zu
Ardeth, er möge sich fügen. Doch Ardeth blieb still. Was er
sagen musste, war gesagt. Ardjun fixierte ihn drohend, so dass
ihm angst und bange wurde. Auch Gatyreth und alle, die Ardjuns
Blick sahen, fürchteten um den jungen Mann. Einerseits hatte er
gerade den Wünschen seines Großvaters, seiner Mutter und der
Mahus widersprochen, andererseits empfanden viele sein Verhalten
als sehr couragiert. Dass Gatyreth Nefer liebte, hatten sie, bis
auf einige Vertraute von Nefer, bislang nicht gewusst. Sie
konnten sich vorstellen, dass es Ardeth unangenehm sein musste,
die Frau, die sein Freund begehrte, zu heiraten. Doch warum hatte
Ardeth nicht vor der Zeremonie mit seinem Großvater darüber
gesprochen?
Ardjun ließ nur wenige Sekunde einer peinlichen Stille
verstreichen, die er nicht ertragen wollte.
Du wagst es, meinem Befehl nicht zu gehorchen und dem
Ehevertrag nachzukommen?
Ardeth sah ihn mit traurigem Blick an. Jetzt, jetzt kam dieser
schreckliche Moment, den er liebend gern hatte vermeiden wollen.
Links hinter Ardjun wurde er seiner Mutter gewahr, die in diesem
Moment bedauerte, noch vor einer halben Stunde nicht mit Ardjun
über Ardeths Anliegen gesprochen zu haben.
Ja, Großvater. Ich werde Lady Nefer Mahu nicht ehelichen,
sondern bitte meinen Freund Gatyreth, ihr im Leben
beizustehen.
Bewusst hatte er Ardjun mit Großvater angesprochen, doch der war
nicht in der Stimmung für familiäre Bande oder die
Möglichkeit, nach Clanrecht mit seinem aufsässigen Enkel zu
verfahren. Nur das hätte Ardeth retten können, der in dem Fall
nur mit einer harten Strafe hätte rechnen müssen. Nein, Ardjun
war in diesem Moment nur Lord Bay, der einen Krieger für
Befehlsverweigerung zu strafen hatte. Es gab nur eine Konsequenz
dafür.
Tritt hervor, Ardeth! Eiskalt waren seines
Großvaters Augen bei diesem Befehl. Ardeth spürte kaum
Gatyreths Hand an seinem Rücken. Alles hielt die Luft an, als
Ardjun sprach, kaum dass Ardeth ihm auf zwei Meter
gegenüberstand und wie ein armer Sünder mittlerweile wirkte.
Auf die Knie!
Ardeth tat wie geheißen und sah, wie sein Großvater sein
Schwert aus der Scheide zog. Erschrocken starrte er ihn an. Die
Todesstrafe! Gatyreth konnte nicht länger an sich halten. Er
stürzte die zwei Schritte dazu und hielt eine Hand über Ardeth,
flehend rufend: Nein, Lord Bay, bitte nicht! Ich werde ja
alles tun, was...
Zur Seite, Lord Meranmose!, unterbrach ihn Ardjun
wütend, und da Gatyreths Eltern fürchteten, Gatyreth wäre der
nächste, der der Wut Ardjuns zum Opfer fallen würde, zogen sie
ihn schnell beiseite.
Die Strafe für groben Ungehorsam ist der Tod! Merkt Euch
das, Lord Gatyreth!, warnte er ihn, dann wandte er sich
wieder seinem Enkel zu, der ihm einen flehenden Blick zuwarf,
doch es war zwecklos. Ardjuns Augen blieben hart. Ardeth senkte
den Kopf und zitterte dabei am ganzen Körper. Ardjun hob den
Säbel, um mit ihm Ardeths Hals zu durchschlagen. Die
Stammesanführer waren so erschrocken über diese schnelle
Hinrichtung, dass sie kein Wort hervorbrachten. Leyrah hatte sich
ins Gewand ihres Bruders Namdun Setlata gekrallt, laut ächzend.
Was kann ich tun? Was kann ich tun? schoss es ihr durch den Kopf.
Jeder Laut blieb ihr im Halse stecken, als sie das Schwert schon
hoch erhoben sah. Alle fühlten sich wie in einem bösen Traum
gefangen und niemand wagte, Ardjun zu widersprechen. Sie hätten
alle zugeschaut, wie derjenige, den sie noch am Vorabend in
höchsten Tönen gelobt hatten, dahingeschlachtet worden wäre,
für immer für sie verloren, wenn nicht Lord Wenchyn sich
ermannt hätte.
Haltet ein, rief er und hielt Ardjuns rechten Arm
fest, damit dieser nicht auf Ardeth herniedersauste. Ihr
könnt nicht Euer eigen Fleisch und Blut töten, Ardjun!
Ardjun sah ihn zuerst wütend an, doch langsam wich der harte
Ausdruck einer Art Erleichterung.
Überlasst das einem weiseren Richter als Ihr einer
seid!, sprach Lord Wenchyn weiter und blickte zum Himmel
empor.
Ja, Ihr habt Recht, Lord Wenchyn, fasste sich nun
Ardjun, in seiner Weisheit möge Allah über diesen
Verworfenen richten!
Ardjun trat einen Schritt zurück. Ardeth hatte die Worte
gehört, wagte aber nicht aufzuschauen. Er bebte immer noch am
ganzen Körper. Ardjun winkte drei Krieger aus dem 12. Stamm
herbei.
Bringt ihn in die Wüste, da, wo kein Leben mehr ist und
kein Wasser fließt. Drei Tage reitet. Setzt ihn dort aus, ohne
Nahrung, ohne Wasser, ohne Wehr! Allah mag über sein unwertes
Leben entscheiden!
Ein Gottesurteil! Die Krieger traten langsam an Ardeth heran. Sie
wollten ihn nicht mit Gewalt hochreißen. Langsam richtete Ardeth
seinen Kopf empor und sein Blick fiel als erstes auf Gatyreth,
dem die Tränen in den Augen standen. Er hätte ihn gern umarmt,
doch als er sich langsam und immer noch bebend erhob, packten
zwei Krieger seine Arme und nahmen ihm die Waffen ab.
Merk dir dieses, Ungehorsamer!, sprach Ardjun und sah
immer noch wütend seinen Enkel an, der wie ein Häufchen Elend
vor ihm stand, ganz blass geworden, die Augen beschämt nach
unten geneigt. Sein Unterkiefer zitterte. Ardjuns Hand ruhte
immer noch auf dem Knauf der Waffe, die er inzwischen in ihre
Scheide gesteckt hatte, als er fortfuhr: Allah möge sich
vielleicht mit dir erbarmen, doch wir nicht. Solltest du es
wagen, einem Medjai je wieder unter die Augen treten, wird er
kraft meiner Worte gezwungen sein, dich ohne Verzug hinzurichten,
denn du bist treulos und hast deinen Eid gebrochen. Sei hiermit
verbannt aus unserem Land! Geh uns für immer aus den
Augen! Er zeigte theatralisch mit seinem Arm in Richtung
Wüste. Sogleich führten ihn die drei Krieger durch die immer
noch entsetzte Menge ab. Sie legten ihn bäuchlings quer über
ein Kamel, fesselten ihm die Fußgelenke und die Handgelenke und
banden die Seile unter dem Bauch des Kamels zusammen, nahmen sein
Tier in ihre Mitte und ritten in Richtung Westen davon.
Währenddessen starrten die Menschen aus dem 1. Stamm sowie alle
Lords hinterher. Es war für sie unfassbar, was sich da eben
ereignet hatte. Der verheißungsvolle Erbe aus dem 12. Stamm,
Ardeth Bay, war dem sicheren Tod überantwortet worden. Vielen
standen wie Gatyreth die Tränen in den Augen. Nur Ardjun sah ihm
mit selbstgerechtem Blick hinterher.
In dieser Erstarrung trat einer hervor, es war Lord Wenchyn, der
väterliche Freund von Ardeth.
Allah sei deiner Seele gnädig!, sprach er und
blickte seinem Schützling traurig hinterher. Alle Umstehenden,
die es gehört hatten, wiederholten es.
Leyrah dagegen fiel bei diesen Worten ihrem Bruder ohnmächtig
ihn die Arme.
Bianca Gerlich
29. März 2008
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