"Zur
Rettung selbst ich auserkoren, in Irrnis wild verloren"
(Autorin: Bianca M. Gerlich)
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ARDETH BAY - JUGEND (Teil
1)
Ardeth war vier Jahre alt, als sein Cousin Ismail ein halbes Jahr
nach seiner Geburt dem 12. Stamm gezeigt wurde. Leslie, Nefrar
und ihre beiden Kinder hatten die anstrengende Reise auf sich
genommen, weil Ardjun es wünschte, dass Ismail allen Medjai
gezeigt werden würde, so stolz war er auf den weiteren
Stammhalter. Nefrars Eltern klopften ihrer Tochter zufrieden auf
die Schulter, als sie ihnen ihren Sohn zeigte. Sie hatte ihre
Pflicht erfüllt und den Bays einen möglichen Erben geboren.
Bevor das große Fest in zwei Tagen stattfinden sollte, zu dem
Ardjun die Stammesanführer und ihre Familien eingeladen hatte,
saß die Familie in Ardjuns großem Zelt zusammen. Da waren nicht
nur seine engsten Familienmitglieder, also seine Söhne Leslie
und Lyleth, seine beiden Schwiegertöchter Nefrar und Leyrah und
seine drei Enkel, sondern auch Nefrars Eltern und Geschwister
sowie Leyrahs Vater Arianda und ihr Bruder Namun und seine
Verlobte. Man hatte seit langem beschlossen, dass ihre Hochzeit
ebenfalls in zwei Tagen gefeiert werden würde, da die
Stammesanführer vor Ort waren und die Setlatas die
zweitvornehmste Familie der Medjai waren, Namuns Schwester zudem
mit dem zukünftigen Anführer der Medjai verheiratet war. Ardjun
war sehr zufrieden, als er seine nunmehr recht große Familie
überblickte. Das hatte er nicht zu träumen gewagt. Freude
erfüllte ihn, als er zu seinen drei Enkelkindern hinübersah, um
die sich Ardeths Amme Nerys kümmerte, damit die Erwachsenen in
aller Ruhe das Prozedere des übernächsten Tages besprechen
konnten.
Nefrar war sehr stolz, als sie auf der Tribüne zusammen mit
Leslie Ardjun ihren kleinen Sohn Ismail überreichte, der ihn
damit anerkannte. Sie war aber auch sehr froh, als das Fest
vorüber war, denn gleichsam wie Leslie fiel es ihr nicht leicht
zu repräsentieren. Sie war zufrieden, wenn sie sich alle Namen
der Anführer, ihrer Frauen und Kinder richtig gemerkt hatte und
keinen Fauxpas in irgendeiner Weise beging. Leyrah stand ihr aber
den ganzen Tag über helfend zur Seite.
Ich danke dir, Leyrah, sagte sie vollen Herzens zu
ihrer Schwägerin, als sie am kommenden Morgen mit ihren Kindern
vor Lyleths und Leyrahs Zelt, dem sogenannten Horus-Zelt, saßen,
sich von dem Fest erholten und einfach nur den Kindern beim
Spielen zusahen. Ohne dich hätte ich den gestrigen Tag
nicht überstanden.
Leyrah lächelte sie an. Das Leben in Kairo ist ein anderes
als hier, nicht wahr?
Nefrar nickte bestätigend.
Bist du dort glücklich, Nefrar?
Ja, liebe Leyrah. Erst habe ich meine Eltern und Freunde
sehr vermisst, aber ich habe neue Freunde gewonnen. Leslie
wünscht, dass ich ihn oft zu irgendwelchen Anlässen begleite.
Er hat versucht, mir Englisch beizubringen. Ein bisschen kann ich
es schon. Stell dir vor, Leyrah, ich habe sogar ein westliches
Kostüm gekauft, so eine Bluse mit einem langen Rock, damit ich
zur Gesellschaft passe.
Nefrar kicherte verschwörerisch und Leyrah bemerkte den Glanz in
den Augen ihrer Schwägerin. Offensichtlich bekam ihr das
Stadtleben gut.
Leslie und ich gehen auch oft in die Bazare. Du kannst dir
das gar nicht vorstellen: diese Farben, die Gerüche, diese
Auswahl, diese vielen Menschen! Leyrah, wenn du mal wieder nach
Kairo kommst, dann gehen wir zusammen dorthin.
Ja, gern, Nefrar. Und während Leyrah das sprach,
dachte sie, dass es richtig gewesen war, Leslie und Nefrar in
Kairo leben zu lassen.
Ismail, der neben ihnen im Schatten lag, während Ardeth sich mit
der kleinen Tanith beschäftigte, fing auf einmal an zu brüllen,
sodass Nefrar ihn auf den Arm nahm und sachte hin und her wog.
Er hat wohl Hunger, meinte sie und machte ihre Brust
frei. Kaum sah die fast zweijährige Tanith das, kam sie auch zu
ihrer Mutter, um an ihrer Brust zu nuckeln. Doch Nefrar stieß
sie weg.
Seit sie gesehen hat, wie ich Ismail stille, ist sie auf
die törichte Idee gekommen, auch etwas abkriegen zu wollen.
Dabei hatte ich sie so gut entwöhnt. Ich weiß nicht, was mit
diesem Mädchen los ist. Das geht doch nicht!, schimpfte
Nefrar, während Tanith weinte. Leyrah breitete die Arme aus und
wandte sich an das Mädchen.
Komm, Tanith, komm in meine Arme, meine Kleine! Für
einen Augenblick wurde Taniths Aufmerksamkeit durch ihre Tante
gefesselt, aber diese war ihr mit ihren Tätowierungen im Gesicht
unheimlich. Tanith wandte sich wieder ab und weinte noch mehr.
Ach, ich werde mit diesem Kind nicht mehr fertig!,
murrte Nefrar, während sie Ismail über den Rücken streichelte.
Sie ist so eifersüchtig, seit Ismail geboren ist.
Ardeth hielt Tanith eines seiner vielen Holzpferde hin. Es
handelte sich um die sogenannten Bay-Pferde. Sobald
einem Anführer ein Erbe geboren wurde, machte er sich
eigenhändig daran, ihm ein Pferd zu schnitzen. Auf diese Art und
Weise waren über 100 Pferde zusammengekommen, die von den Bays
sorgsam in einer großen Truhe aufbewahrt wurden. Diese Pferde
sollten nicht nur zum Spielen dienen, sondern auch zur Erinnerung
an die Vorväter. Für ein Bay-Kind, egal ob Sohn oder Tochter,
dienten diese Pferde auch als Gedächtnisstütze, wenn sie im
Alter von drei Jahren ihre lange Genealogie lernen mussten.
Ardeth hatte Tanith das hellbraune Pferd, das Lyleth ihm
geschenkt hatte, gereicht. Sie griff nach dem Pferd, betastete
das blanke Holz und ihr Weinen wurde schwächer. Als Ardeth ihr
weitere Tiere anreichte und sie diese gemeinsam in einem Areal
arrangierten, war Tanith so abgelenkt, dass sie alles Weinen
vergas.
Leyrah sah zufrieden, wie die beiden Kinder miteinander spielten,
und wandte sich wieder ihrer Schwägerin zu.
Ich weiß, dass Lyleth und ich daran Schuld sind, dass du
Tanith nicht lange genug stillen konntest.
Nefrar wollte dazu etwas sagen, doch Leyrah ließ sie nicht zu
Wort kommen.
Nefrar, du hast jetzt einen Sohn geboren und wir sind alle
so froh darüber. Natürlich erwartet Ardjun weitere Söhne, aber
du kannst dir jetzt wirklich Zeit lassen.
Ja, ich habe Leslie schon zu verstehen gegeben, dass er
sich jetzt zurückhalten muss. Sie kicherte und stieß
Leyrah von der Seite an. Ich werde meinen Ismail so lange
stillen wie es nur geht!
Ismail nuckelte zufrieden an seiner Mutter Brust, während Ardeth
und Tanith ein Stück weiter gezogen waren, um in aller Ruhe
spielen zu können. Leyrah bemerkte, wie ihr Sohn ab und zu zu
dem Zelt hinüberschaute, wo sein Freund Karun wohnte, mit dem er
normalerweise spielte, aber er harrte tapfer bei seiner zwei
Jahre jüngeren Cousine aus.
Mittags, als Nefrar sich mit ihren beiden Kindern in ihr
ehemaliges Zelt, das aber noch frei stand und sonst als
Gästezelt für hohe Gäste diente, zurückgezogen hatte, weil es
zu heiß geworden war, sprach Leyrah ihren Sohn auf Tanith an.
Hat das Spielen mit deiner Cousine Spaß gemacht?
Ja, Mama. Ardeth nickte bestätigend, und Leyrah
amüsierte sich insgeheim darüber. Sie wusste, dass er lieber
mit seinen Freunden durch den Ort getollt wäre.
Tanith hat dir leid getan, nicht wahr?
Ardeth schaute zu Boden, dann erwiderte er leise: Ja,
Mama.
Leyrah streichelte ihrem Sohn sanft über den Kopf. Er hatte die
Fähigkeit zum Mitleiden, das war gut, befand sie und nickte
zufrieden.
Mama?
Ja, mein Sohn?
Darf ich heute Nachmittag mit Karun spielen?
Nein, Ardeth, das geht leider nicht. Leyrah tat die
Antwort fast schon weh. Ihr Sohn hatte bereits mit vier Jahren
Pflichten, die sie ihm abverlangen musste. Du wirst heute
Nachmittag mit Tureth, dem Sohn von Lord Fajum, mit Gatyreth, dem
Sohn von Lord Meranmose und mit Per'Agun, dem Sohn von Lord
Gharan spielen. Sie sind etwa in deinem Alter. Wenn du einmal
erwachsen sein wirst, dann wirst du viel mit ihnen zu tun haben.
Also vertrag dich gut mit ihnen heute Nachmittag. Du bist hier zu
Hause, sie sind Gäste, also lasse ihnen in allem den Vortritt.
Sie sollen sich hier wohl fühlen.
Ja, Mama.
Gut, dann gehen wir diese Sprösslinge mal durch, mein
Sohn. Nehmen wir den Sohn von Lord Gharan. Was weißt du über
ihn?
Seine Eltern sind Lord Haras und Lady Marasith Gharan, die
eine Tochter aus dem Haus Kanarnya ist. Ihr erster Sohn,
PerAgun, ist ein halbes Jahr älter als ich. Er hat zwei
ältere Schwestern, Sanchi, die 9 Jahre alt ist, und Fatma, die 7
Jahre alt ist. Ardeth holte tief Luft und sah seine Mutter
fragend an, die keine Anstalten machte, ihn zu unterbrechen.
Möchtest du auch, dass ich die Familiengeschichte des
Gharan-Clans aufsage?
Ja, Ardeth.
Sie bemerkte, wie er leicht aufseufzte, aber dann die Genealogie
aufsagte jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, seit die
Gharan-Familie die Anführer stellte. Dann und wann verbesserte
sie ihn, aber Leyrah gab sich nicht eher zufrieden, bis ihr
vierjähriger Sohn die Geschichte der Gharan-Familie erzählt
hatte. Erschöpft sah er sie danach an, denn es war sehr heiß
geworden und längst Zeit für den Mittagsschlaf.
Mama?, fragte er etwas schüchtern. Wozu muss
ich das eigentlich alles wissen?
Das habe ich dir schon einmal gesagt, mein Sohn, und ich
möchte mich nicht wiederholen müssen, erwiderte sie
leicht tadelnd. Sie sah ihn ernst an und er wusste, dass sie
darauf wartete, dass er seine Frage selbst beantworten würde.
Weil ich alles über unser Volk wissen muss?
Leyrah sagte daraufhin nichts, sondern sah ihn mit ernstem Blick
an. Schnell korrigierte Ardeth sich und formulierte die Frage als
Aussage.
Ich muss alles über unser Volk wissen, weil ich eines
Tages sein Anführer sein werde.
Siehst du, Ardeth, wieso fragst du mich, wenn du die
Antwort schon kennst? Überdenke vorher deine Fragen!
Ja, Mama.
Und noch eins: Ein guter Anführer protzt nicht mit seinem
Wissen. Und auch du wirst heute Nachmittag PerAgun
gegenüber keine Vorträge über seine Familiengeschichte machen,
nur um dich in den Vordergrund zu spielen, klar?
Ja, Mama.
Nerys wird euch beaufsichtigen, und wenn ich höre, dass du
unbescheiden warst, werde ich dich bestrafen lassen,
verstanden?
Ja, Mama.
Ein guter Anführer ist bescheiden und gibt nicht mit
seinem Wissen an, hörst du?
Jetzt wiederholst du dich, Mama.
Leyrah wollte darauf eine Zurechtweisung erwidern, öffnete aber
nur den Mund und sah ihn überrascht an. Ein Lächeln umspielte
ihre Augen. Ihr Sohn hatte mehr verstanden als sie gedacht hatte.
Jetzt geh ins Bett und halte deinen Mittagsschlaf! Ich
werde dich in zwei Stunden wecken und dann gehen wir die
Familiengeschichte der Meranmose und Fajum durch.
Ja, Mama.
Brav trat Ardeth in das Horus-Zelt und Leyrah ahnte, dass er,
bevor er einschlief, in Gedanken die Familiengeschichten
daherbetete, um nachher keinen Fehler zu machen. Sie war eine
strenge Lehrerin und Nerys ebenso.
Ardeth war fünf Jahre alt und hatte schon viel lernen müssen.
Bislang hatte er die meiste Zeit im Horus-Zelt oder in dessen
unmittelbarer Nähe verbracht, nur das Re-Zelt seines Großvaters
betrat er nicht, da er gehörigen Respekt vor Ardjun hatte. Wenn
Nerys ihm nicht die Familien- und Stammesgeschichte nahe legte,
ihm das Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte, spielte er mit
seinen Freunden und wagte sich manchmal sogar bis ins
Anubis-Viertel, wo die Krieger ihre Ausbildung machten und
unverheiratete Krieger wohnten. Hierhin wurden auch die Pferde
und Kamele gebracht und Ardeth schaute sich gern diese Reittiere
an. Einmal hatte er sich in ihren Stall geschlichen, war aber
bald entdeckt und angeherrscht worden, dass er hier nichts
verloren habe. Einer der Jungen, die gerade ihre Ausbildung
begonnen hatten, wurde beauftragt, ihn zu seinem Heimatzelt
zurückzubringen. Nerys war wütend auf ihn, weil es ihm
untersagt war, das Anubis-Viertel zu betreten, und sie
beschränkte sich nicht darauf, ihn zu tadeln. Ardeth wagte sich
von nun an nicht mehr in das verbotene Viertel, sondern setzte
sich zu Füßen der großen Tribüne, die seitlich vor dem
großen Re-Zelt aufgestellt war, und sah zu, wie die Krieger und
Versorgungstruppen auf der langen Passage in den Ort
hineinritten, bevor sie sich zu ihrem Zielort begaben. Sein Vater
hatte ihn dort schon ein paar Mal sitzen und sehnsüchtig zu den
Pferden schauen sehen. Als er sich am Abend zu seiner Frau und
Ardeth setzte, meinte er:
Ich habe morgen meinen freien Tag. Magst du mit mir ein
wenig ausreiten, mein Sohn?
Ardeth sah ihn mit glühenden Augen an. Noch nie hatte sein Vater
ihn mitgenommen! Einmal hatte er ihn kurz auf ein Pferd gesetzt,
nur so zum Spaß, und er war damals mächtig stolz gewesen.
Leyrah sah Lyleth ein bisschen ärgerlich an.
Er ist noch zu jung dafür, Lyleth!
Um mit mir auf meinem Pferd ein bisschen auszureiten? Was
soll denn passieren? Ich halte ihn doch fest.
Ardeth wagte nicht dazwischenzureden, bis sich seine Eltern
geeinigt hatten, doch sie konnten an seinen Augen sehen, wie sehr
er sich darüber freute. Lyleth fuhr ihm über den Kopf.
Wir reiten ganz früh los und nehmen uns Picknick
mit.
Aber doch wohl nicht ohne Eskorte!, wandte Leyrah
ein.
Wir bleiben im Medjai-Gebiet. Da benötigen wir doch keine
Eskorte!
Leyrah gingen die Argumente aus und schließlich stimmte sie zu,
dass Vater und Sohn am nächsten Tag den Ausritt machten.
Ardeth konnte vor lauter Aufregung kaum schlafen. Am morgigen Tag
würde er das erste Mal mit seinem Vater hinaus in die Wüste
reiten. Wie das wohl sein würde? Und er würde seinen Vater
einen Tag für sich ganz allein haben. Das war auch noch nie der
Fall gewesen! Glücklich schlief er ein.
Als sie am Morgen losritten, war es noch dunkel. Doch Ardeth war
viel zu aufgeregt, um noch müde zu sein. Er wollte alles ganz
genau sehen. Schweigend ritten Vater und Sohn in den
Sonnenaufgang. Bald spürte Ardeth die unendliche Weite um sich
herum, freilich in der Ferne begrenzt durch Hügelketten. Aber
all diese Farben! Diese Wärme, die das kalte dunkle Land bei
aufgehender Sonne umfing! Keiner wagte zu sprechen. Lyleth
drückte seinen Sohn fest an sich und Ardeth fühlte sich geliebt
und geborgen.
Nach zwei Stunden hielten sie, versorgten das Pferd und
frühstückten.
Erst das Pferd, dann wir, erklärte Lyleth,
denn wir sind von ihm abhängig. Zärtlich fuhr
Ardeth dem braunen Pferd seines Vaters über den Hals.
Danke fürs Tragen, raunte er ihm zu, aber sein Vater
hatte es gehört und wandte sich lächelnd ab, aber froh, dass
sein Sohn dafür sensibilisiert war.
Ardeth hatte mächtig Hunger. Mit vollen Wangen fragte er seinen
Vater, ob er bei seinen Ausritten mit den Kriegern auch so
frühstücken würde, und so kam Lyleth nicht umhin, ihm von
seinen täglichen Ritten zu erzählen. Gespannt lauschte Ardeth
seinen Berichten.
Ich wünschte, ich wäre schon groß und könnte mit dir
mitreiten, Papa!
Eines Tages werden wir zusammen ausreiten.
Ardeth sah ihn scharf an. Wirklich?
Lyleth nickte und streckte sich auf seiner Matte aus. Es tat gut,
die Glieder zu strecken.
Warum reitet dein Vater nicht mit dir aus, Papa?
Lyleth setzte sich langsam wieder auf. Er ist unser
Anführer und hat keine Zeit dafür.
Siehst du, Papa, so wird das später sicherlich auch mit
uns sein.
Nein, Ardeth, ich werde stolz sein, wenn du mich dann
begleiten wirst. Als ich in deinem Alter war, habe ich mich mit
meinem Großvater viel besser verstanden als mit meinem Vater und
ich bin letztendlich auch bei ihm aufgewachsen. Würde er jetzt
noch leben, würde er mit mir zur Wache reiten.
Hat Großvater Ardjun dich nicht lieb?
Doch, bestimmt, Ardeth, aber... die Lebensumstände haben
ihn hart werden lassen.
Du, Papa, ich musste ziemlich viel über unsere Familie
lernen...
Deine Mutter und Lady Nerys sind bestimmt strenge
Erzieherinnen, hm?
Ja, sind sie. Aber was ich dich fragen wollte... Mama hat
wenig von meiner Oma berichtet. Ich weiß über meine Urururoma
mehr als über deine Mutter, Papa! Was ist mit ihr? Warum lebt
sie in Amerika? Sie müsste doch eigentlich Lady Bay sein.
Ja, richtig, aber sie ist Irländerin und wohnt lieber im
Grünen. Dein Onkel Leslie lebt doch auch lieber in Kairo, weil
er woanders aufgewachsen ist. Das müssen wir schon
akzeptieren.
Aber Amerika soll sehr weit weg sein, und ich würde sie
gern mal kennenlernen.
Vielleicht besucht sie mal deinen Onkel in Kairo, dann
fahren wir auch hin.
Ich kann mir eine Stadt gar nicht vorstellen, Papa. Wohnen
die Menschen da wirklich in festen Häusern? Wie sieht das
aus?
Oje, mir steht ein ganzer Tag Fragen bevor!, scherzte
Lyleth. Ich werde dich bald mal mit nach Waset nehmen. Dann
kannst du feste Häuser bewundern und noch viel mehr!
Wieder du und ich?
Ja, und natürlich eine Eskorte.
Ardeth frohlockte innerlich. Sein Vater war dabei, ihm die große
weite Welt zu zeigen. Er nahm ihn ernst und erklärte ihm alles,
was er wollte. Ihm konnte er die Fragen stellen, die er sich zu
Hause nicht traute zu stellen. Er lachte ihn nicht aus oder
bestrafte ihn gar. Sie ritten weiter, ruhten unter Mittag unter
einer Plane aus, die Lyleth aufgestellt hatte, Seite an Seite.
Ardeth war selig. Das Leuchten in den Kinderaugen veranlassten
Lyleth, von nun an öfter solche Ausritte mit seinem Sohn zu
unternehmen. Bald schloss sich Leyrah ihnen an und sie erlebten
wunderbare Tage. An diesen Tagen fühlten sich auch Leyrah und
Lyleth wie befreit, und nicht selten erzählte Lyleth eine
Geschichte auf Drängen von Ardeth, wenn sie abends vor dem
Lagerfeuer zusammen saßen. Es waren wahre Geschichten, die mit
den Medjai und den Bays zu tun hatten. Manchmal hatten sie mit
einer Frage zu tun, die Ardeth seinem Vater im Laufe des Tages
gestellt hatte. Einmal wollte er zum Beispiel wissen, warum sie
so weit weg von allen anderen Menschen lebten, und Lyleth hatte
ihm daraufhin abends die Geschichte von Winamun erzählt und wie
die Medjai damals vor den Christen in die Wüste fliehen mussten.
Ardeth fiel es dadurch leichter, Familiengeschichte zu lernen.
Sein Vater übte auch, sobald es seine Zeit erlaubte, das Reiten
mit ihm, damit er bald allein ein Pferd reiten konnte. Leyrah
hatte zuerst ihre Zweifel, doch als sie sah, wie natürlich der
Junge mit einem Pferd umgehen konnte, ließ sie die beiden
gewähren. Lyleth hatte zwar nicht viel Zeit, aber die, die er
entbehren konnte, gehörte seiner Familie. So erlebten Lyleth,
Leyrah und Ardeth harmonische Jahre.
Als Ardeth 6 Jahre alt, durfte er das erste Mal mit in die Stadt.
Sein Vater hatte etwas in Luxor zu erledigen und wollte seinem
Sohn bei der Gelegenheit den Karnak-Tempel zeigen. Dieses Mal
durfte Ardeth nicht sein eigenes kleines Pferd reiten, da er
sonst den Trupp nur aufgehalten hätte. Also saß er vor seinem
Vater und war glücklich, wenn er die Zügel halten durfte. Er
empfand es als großes Abenteuer, als er nachts beim Lagerfeuer
bei seinem Vater schlafen konnte. Lyleth hüllte ihn mit dicken
Decken ein, damit er nicht fror.
Am nächsten Tag erreichten sie den Nil und setzten hinüber, um
nach Luxor zu gelangen, das Lyleth gemäß seinem alten Namen
Waset nannte. Als sie an Bord der Fähre standen, wies Lyleth auf
den Fluss und meinte feierlich zu seinem Sohn:
Das ist Hapi. Ihm verdanken alle Ägypter ihr Leben. Sei
stets ehrfürchtig, mein Sohn!
Ardeth nickte, und sein Vater wies auf einen Punkt auf der
Westseite des Ufers, von der sie sich entfernten:
Siehst du das Massiv dort drüben, mein Sohn?
Ja, Vater. Ist dort die Wohnstatt der Toten?
Ja, dort ist Westen, das Land, in das alle Toten gehen. Wir
fahren nach Osten und wie du sehen kannst, pulsiert dort das
Leben. Hier haben die Pharaonen ihren Göttern zu Ehren mächtige
Tempel errichten lassen.
Tief verschleiert ritten sie auf der Ostseite am Nil entlang und
Ardeth bemerkte, dass sein Vater und die anderen Krieger die
gesamte Zeit, in der sie in der Stadt weilten, ihr Gesicht nicht
zeigten. Die Menschen begegneten ihnen mit Respekt und nicht
selten schienen sie geradewegs vor den fünf Männern
auszuweichen. Nach einer Weile hielten sie an und sprangen von
den Pferden. Es waren wenige Schritte zum Uferrand, wo einige
Schiffe vor Anker lagen und ein geschäftiges Treiben herrschten.
Waren wurden verladen, Passagiere stiegen ein und aus, Käufer
priesen ihre Waren an, Esel trugen Körbe mit verschiedenem
Gemüse. Ardeth schauten aufgeregt all dem zu. Seine
Aufmerksamkeit wurde auf eine hellhäutige, sehr dicke Frau zu
seiner Rechten gelenkt, deren Kleid so weit ausladend war, dass
sie damit den Boden fegte. Sie wedelte sich mit einem Fächer
Luft zu. Ihr Gesicht war ziemlich rot und sie schwitzte.
Lyleth legte seinem Sohn die Hände auf die Schultern und drehte
ihn so um, sodass er geradewegs auf die Tempelanlage von Luxor
schauen konnte. Noch beim Drehen schaute Ardeth interessiert der
dicken Frau hinterher, die inzwischen hinter ihnen
vorübergegangen war. Er sah, wie eine einheimische Frau hinter
ihr ging und ihr einen Sonnenschirm hielt. Als sein Vater sich
räusperte, schaute er schnell in die Richtung, in die sein Vater
ihn gerichtet hatte. Dort lag halb im Sand verschüttet ein
Tempel. Einige Säulen ragte gut sichtbar heraus, ebenso einige
Figuren.
Die Zeit und die Wüste sorgten dafür, dass viele Tempel
heute nicht mehr sichtbar sind und das ist gut so, denn so sind
sie verborgen vor der Gier der Menschen. Dieser Tempel uns
gegenüber wird aber eines Tages wieder vollständig ausgegraben
sein, dessen bin ich mir sicher. Komm, mein Sohn!
Lyleth führte Ardeth über die breite Straße. Auf der anderen
Seite warteten die vier Krieger, die auch Lyleths Pferd hielten.
Bei ihnen standen drei Männer, die nach Landestracht lange
Kaftane trugen. Sie unterhielten sich rege miteinander.
Schau, das ist der große Pharaoh Ramses II.! Lyleth
wies auf die Kolossalstatue, die aus dem Sand ragte. Schau
dich hier um, aber entfern dich nicht zu weit! Ich werde mich mit
diesen Männern dort unterhalten. Ich rufe dich, wenn wir
gehen.
Er gab seinem Sohn einen freundschaftlichen Klaps auf den
Rücken. Während Lyleth sich zu den Männern gesellte, um etwas
mit ihnen zu besprechen, ging Ardeth dicht an die Statue heran
und bestaunte sie. An den Tempelwänden waren auch Zeichnungen,
die er sich genau besah und so weit um die Außenmauern
herumging, wie er nur kam. Sein Vater und die anderen waren schon
ein ziemliches Stück entfernt, doch er konnte sie noch gut
sehen, da sie ein Stück vor dem Tempel standen, sodass dieser
sie nicht verdeckte, während Ardeth an der Außenmauer
entlangspazierte. Auch an diesem Tempel herrschte hektisches
Treiben. Pferde- und Eselskarren fuhren an ihm vorbei. Ardeth
besah sich ganz genau die Häuser und staunte über den Steinweg
zu seinen Füßen. Hier schien alles in Form gegossen zu sein,
überdies roch es ganz anders als im Ort der Medjai. Ardeth sah,
wie Frauen auf den Häusern ihre Wäsche zum Trocknen legten, wie
Hunde im Schatten der Häuser lagen und wie ein Kunde mit einem
Verkäufer lautstark um nachgemachte Figuren der Ramses-Statue
feilschte. All das geschah gegenüber. Ein Stück weiter spielten
drei Jungen mit einem Ball. Sie warfen ihn sich gegenseitig zu
und waren dabei sehr laut. Ardeths Interesse war geweckt, er
beobachtete sie eine Weile und kapierte, dass es darauf ankam,
mit dem Ball einen bestimmten Punkt an der Hauswand zu treffen.
Die Jungen trugen ziemlich schmutzige helle Galabijas und sahen
eher ärmlich aus. Ardeth trat zu ihnen hin.
Darf ich mitspielen?, fragte er sie freundlich.
Die drei Jungen hörten sofort auf zu spielen und umzingelten
ihn, während sie ihn von oben bis unten geringschätzig
betrachteten. Sie waren etwas älter und größer als Ardeth.
Iiiih!, rief einer von ihnen. Schaut mal, wen
wir hier haben!
Oh, was für schöne Perlen! Wie ein Mädchen!,
spottete der zweite und wies mit dem Finger auf Ardeths Kette,
die seine Tante für ihn angefertigt hatte und die ihn wie ein
Amulett vor dem Bösen schützen sollte. Die anderen fielen in
sein hämisches Gelächter ein. Ardeth sah sie irritiert an, er
wusste nicht, was er sagen noch tun sollte.
Uh, und wie der stinkt!, rief der dritte und hielt
sich die Hand vor die Nase. Nach Ziege und Kamel! Iiiiih,
ein Ziegenhirt! Ein Beduine!
Der erste stieß Ardeth an, sodass er hinfiel.
Verzieh dich, Beduinenbalg! Wir wollen mit dir nichts zu
tun haben!
Bevor die beiden anderen über ihn herfallen konnten, war Ardeth
wieder aufgestanden. Doch derjenige, der ihn beschimpft hatte,
zog ihm sein Tuch vom Kopf, sodass seine langen lockigen Haare
über die Schulter fielen.
Ha, ich sags ja, ein Mädchen!
Mach, dass du zurückkommst zu deinen Ziegen! Die warten
sicher schon auf dich!
Sie lachten höhnisch auf und machten obszöne Bewegungen. Ardeth
blickte sie immer noch verständnislos an. Eine laute Stimme
ließ sie alle sich in die Richtung umdrehen, wo Lyleth stand.
Ardeth!, rief er von der Stelle zu, wo er mit seinen
Kriegern und den drei anderen Männern stand. Ardeth wusste, dass
er zurückgehen sollte und hoffte, dass die drei Jungen ihn in
Frieden gehen lassen würden. Doch die waren auf einmal ganz
still geworden und starrten zu Lyleth und den anderen hinüber,
die schon wieder im Gespräch vertieft waren. Dann blickten sie
ebenso erschrocken Ardeth an. Der eine ließ Ardeths Tuch fallen
und alle drei rannten ohne ein weiteres Wort zu verlieren davon.
Ardeth sah ihnen ebenso verdattert hinterher, wie er das ganze
Gehöhne über sich hatte ergehen lassen. Er hob sein Tuch auf,
wickelte es schnell um seinen Kopf, klopfte den Staub aus seinem
Gewand und kehrte zu seinem Vater zurück.
Ah, da bist du ja!, begrüßte er ihn, umfasste seine
Schultern und sagte zu den drei Fremden: Das ist mein Sohn
Ardeth!
Die drei verneigten sich und begrüßten ihn mit Lord
Bay.
Erst danach sprach Lyleth weiter: Ardeth, das sind unsere
Agenten hier in Waset: Herr Fayed, Herr Hamuda und Herr
Al-Fashir. Wieder verneigten sich die drei, als ihr Name
von Lyleth genannt wurde. Ardeth erwiderte jeweils die
Verneigung, indem er auch seinen Kopf neigte, aber er sagte
nichts, zum einen, weil ihn seine Mutter gelehrt hatte, dass ein
Kind in Anwesenheit erwachsener Männer nur gefragt sprechen
dürfe, zum anderen war er auch noch sehr verwirrt durch das
Ereignis mit den drei Jungen. Wir werden heute Nacht im
Haus von Herrn Hamuda übernachten. Morgen zeige ich dir den
großen Tempel von Karnak.
Mit diesen Worten hievte Lyleth seinen Sohn auf sein Pferd, auch
die anderen stiegen auf und ritten zum Anwesen von Herrn Hamuda,
der am Rande der Stadt wohnte.
Ardeth bestaunte das riesige Anwesen. Sie ritten durch zwei hohe
Eingangsmauern in einen Hof. Dort saßen sie ab und ihre Pferde
wurden von eifrigen Händen in Stallungen geführt und versorgt.
Die fünf Medjai und Ardeth wurden von Herrn Hamuda in eine
große Halle geleitet und bewirtet. Es war angenehm kühl. Ardeth
sprach kein Wort, er besah sich die Halle ganz genau. Herr Hamuda
grinste Lyleth an, der inzwischen seine Verschleierung abgenommen
hatte, dann rief er seinen Sohn, der zwei Jahre älter als Ardeth
war.
Mohammed, wies er ihn an. Zeige dem jungen Lord
Bay das Anwesen, danach könnt ihr, wenn ihr wollt, im Garten
bleiben.
Mohammed verneigte sich tief vor Ardeth, der sich ebenfalls
verneigte und Mohammed brav folgte. Ardeth begeisterte sich für
alles in diesem Haus, vor allem aber über das kleine
Wasserbecken im Garten. Mohammed wahrte Distanz, indem er ihn die
ganze Zeit förmlich mit Lord Bay ansprach und sich bemühte,
Ardeth gegenüber sehr höflich zu sein.
Mohammed, du brauchst mich nicht mit 'Lord' anzureden, ich
bin doch noch ein Kind, erklärte ihm Ardeth, dem die
förmliche Anrede ungewohnt war. In seinem Stamm war es üblich,
die adligen Kinder erst im Alter von 16 Jahren mit ihrem Titel
anzureden.
Aber wie soll ich Euch denn nennen?
Ich heiße Ardeth, und bitte sag auch 'du' zu mir,
ja?
Ja, Ardeth, erwiderte Mohammed, immer noch sehr
untertänigst. Wer weiß, was ihm sein Vater vorher alles
eingeschärft hatte.
Sag mal, Mohammed, rieche ich nach Ziege und Kamel?,
erkundigte sich Ardeth, während sie am Beckenrand saßen.
Mohammed war etwas irritiert über diese Frage und wusste er
nicht, was und ob er überhaupt antworten sollte.
Ganz ehrlich, Mohammed!, insistierte Ardeth.
Nein, Ardeth, eher nach Pferd!
Ardeth war zufrieden. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte,
nach Ziege oder Kamel zu riechen, aber so wusste er, dass die
Jungen beim Tempel ihn einfach nur verhöhnen wollten.
Die Leute in der Stadt mögen keine Beduinen, nicht
wahr?
Ähm, die Leute hier halten Beduinen für rückständig.
Außerdem glauben sie, dass die Beduinen unehrlich sind und sie
beklauen würden.
Beklauen?, fragte Ardeth entsetzt nach.
Naja, die Menschen brauchen doch immer jemanden, dem sie
die Schuld geben können. In Wirklichkeit beklauen die
Stadthändler die Beduinen, weil sie sie regelrecht übers Ohr
hauen. Die Beduinen haben nicht die Erfahrung in den
Handelsdingen und ziehen oft den Kürzeren. Daher verhöhnen die
Stadtmenschen sie als dumm. Sag mal, Ardeth, warum fragst du
eigentlich danach?
Ardeth hatte die ganze Zeit betreten zu Boden geschaut. Die noch
am Vormittag beim Einritt in die Stadt so faszinierende Welt
begann sich für ihn in einen dunklen Moloch an Vorurteilen zu
wandeln. Ertappt sah er bei Mohammeds Frage auf.
Ach, da bei dem Tempel heute waren drei Jungen, sie waren
etwas älter als ich, und, na ja, sie beschimpften mich als...
Beduinen.
Jetzt konnte Mohammed auch die Fragen nach dem Kamel- und
Ziegengeruch nachvollziehen.
Das liegt an deinem besticktem Gewand, Ardeth.
Mohammed wies auf die unzähligen bunten Muster, die auf dessen
dunkles Gewand gestickt waren. So etwas tragen die Jungen
hier in der Stadt nicht, sondern eher einfache Kleidung. Daran
haben sie erkannt, dass du nicht in der Stadt zu Hause bist. War
dein Vater denn nicht in der Nähe?
Nein, er unterhielt sich mit deinem Vater und zwei anderen
Männern ein Stück weiter entfernt. Aber... ja, das war
merkwürdig... mein Vater rief mich, und sobald die Jungen ihn
sahen, liefen sie angsterfüllt davon. Warum verachten sie
Beduinen, aber fliehen dann vor ihnen?
Aber Ardeth, ihr... ihr seid doch gar keine Beduinen!
Nicht?
Mohammed war ehrlich entsetzt über Ardeths Naivität. Der setzte
prompt hinzu:
Wir leben doch aber in der Wüste.
Ja, das stimmt, aber dein Stamm ist sesshaft. Wirkliche
Beduinen ziehen umher.
Ardeth überlegte. Nein, umgezogen waren sie noch nie.
Wenn wir keine Beduinen sind, was sind wir denn dann?
Ähm, Mohammed war etwas überfordert mit Ardeths
kindlichem Wissensdrang. Ihr seid Wüstenmenschen...
Wüstenkrieger...
Ich dachte, Wüstenmenschen sind Beduinen...
Ardeth war ratlos, Mohammed war es nicht minder und deshalb sehr
froh, als ein Diener nach den beiden rief. Sie wurden zu Tisch
gerufen. Ardeth ließ das Thema nicht mehr los. Durch die Stadt
war er angeregt worden, über sich und andere Menschen
nachzudenken. Bislang war für ihn alles eindimensional gewesen.
Er getraute sich nicht, bei Tisch eine Frage zu stellen, aber als
er mit seinem Vater später allein war, erzählte er ihm von
seiner Begegnung mit den drei Jungen und von dem Gespräch mit
Mohammed. Er stellte auch Lyleth die Fragen, was sie denn seien.
Und der antwortete:
Ägypter.
Papa!
Medjai.
Ardeth sah ihn erwartungsvoll an, denn ganz zufrieden war er mit
dieser Antwort nicht.
Aber für alle anderen sind wir die Bedja und damit
gehören wir einem Beduinenstamm an.
Aha, also doch! Ardeth war zufrieden, er hatte sich
also in seinem Selbstverständnis nicht geirrt. Sein Vater musste
schmunzeln, wurde dann aber sehr ernst und fügte hinzu:
Beduine zu sein ist nichts, wofür man sich schämen muss.
Im Gegenteil, Ardeth! Unsere Lebensart ist in vielen Dingen viel
ehrlicher, vor allem aber ruhiger, wie du heute gemerkt haben
wirst.
Warum ziehen wir denn dann nicht umher wie andere Beduinen
auch?
Wir haben eine Aufgabe, die uns zum Bleiben zwingt. Schon
seit sehr langer Zeit. Ich habe dir doch schon die Geschichte von
Winamun erzählt. Erinnere dich daran! Wir waren Pharaos
Leibwächter und bewachten die Stätten der Toten, und das machen
wir auch noch heute.
Warum?
Damit niemand etwas den Gräbern entwendet, was nicht
entwendet werden darf.
Warum darf es nicht entwendet werden?
Mit einigen Dingen kann man viel Böses anstellen. Ardeth,
jetzt frag nicht weiter. Ich werde dir davon später mehr
erzählen. Was aber wichtig ist: Du darfst anderen Menschen
nichts davon erzählen! Sie dürfen nicht wissen, dass wir Medjai
sind, dass wir Grabstätten bewachen und so weiter. Wenn du
gefragt wirst, wer oder was du bist, dann bist du für alle, die
nicht von unserem Volke stammen, ein Bedja-Beduine. Klar?
Ardeth nickte und bestätigte: Klar. Aber keine drei
Sekunden später wollte er wissen, was ein Bedja-Beduine sei.
Lyleth seufzte leicht, legte seine Stirn in Falten, aber gab dann
bereitwillig seinem neugierigen Sohn Auskunft.
Der Name Bedja leitet sich von dem Wort Medjai her, es ist
sehr ähnlich, mein Sohn. Wir benutzen es als Namen seit vielen
Hunderten an Jahren, um niemanden sagen zu müssen, dass wir die
Nachfahren der Leibwächter der Pharaonen sind. Es gibt auch
Bedja-Beduinen, die umherziehen und sich mit Menschen im Süden
vereint haben. Es gibt viele Bedja-Stammesgemeinschaften. Wir
gelten offiziell als eine davon. Da wir in der Wüste leben, ist
es ein leichtes, uns als Beduinen wahrzunehmen, allerdings haben
wir nicht viel mit ihnen zu tun oder gemeinsam.
Fürs erste war Ardeth mit der Antwort zufrieden, wenn diese
Antwort auch letztendlich noch mehr Fragen aufwarf. Lyleth wies
ihn an, jetzt zu schlafen, da man am nächsten Morgen zeitig nach
Karnak reiten wolle. Vor lauter Aufregung dauerte es eine Weile,
bevor Ardeth einschlafen konnte.
Als er am nächsten Morgen geweckt wurde, war Ardeth sehr müde.
Doch der Sonnenaufgang, den er allein mit seinem Vater in Karnak
erlebte, entschädigte ihn für das frühe Aufstehen. Sie saßen
auf einer Mauer und sahen, wie die Sonne sich langsam hinter dem
Tempel erhob. Noch waren keine Menschen hier. Ein verschlafener
Wächter hielt ehrfurchtsvoll Abstand, war ihm doch bewusst, dass
ein wahrer Wächter der alten Pharaonen anwesend war. Lange war
Lyleth still und Ardeth wagte auch kein Wort zu sagen. Dieser
heilige Ort mit seinen imposanten Überresten überwältigte ihn.
Sie saßen im ersten Vorhof. Als die Sonne schon gut zu sehen
war, meinte Lyleth andächtig:
Re grüßt seinen Tempel, den heiligen Bezirk des in
Vergessenheit geratenen Amun.
Er machte eine Armbewegung in Richtung Sonne, als wollte er den
Gruß erwidern. Seine Augen glänzten und Ardeth wagte weiterhin
kein Wort. Auch der Wächter, der sich immer noch in
respektvoller Entfernung befand, wagte nicht, Lyleth direkt
anzuschauen, sondern hielt den Kopf geneigt.
Ich will dir, mein Sohn, von diesem Tempel erzählen, bevor
die Menschen hierher kommen und seine Wunder bestaunen
werden.
So berichtete Lyleth über die verschiedenen Gottheiten, die hier
Verehrung fanden, wies Ardeth per Hand die entsprechenden Nischen
und kleinen Hallen, die ihnen geweiht waren. Die drei Tempel des
Amun, der Mut und des Chon lagen ihnen direkt gegenüber. Er
erzählte von den unzähligen Pharaonen, die hier jeder ein Teil
zum Bau des Tempels beitrugen, pries Amenophis III., Sethos I.
und Ramses II. Ob Lyleth von Göttern oder Pharaonen sprach,
immer war Hochachtung in seiner Stimme zu vernehmen. Ardeth
hörte seinem Vater aufmerksam zu, auch wenn ihm vieles schon
durch seine Mutter bekannt war. Dann wies er auf eine große
Statue.
Dort gegenüber, ist das Ramses der Große?
Geh und finde es heraus, mein Sohn!, wies ihn Lyleth
an. Aber gehe nicht weiter!
Ardeth wollte gerade gehen, wandte sich aber verdutzt zu seinem
Vater um. Warum nicht?
Wir befinden uns hier in der großen Vorhalle, mein Sohn.
Bis hierhin durften die Leibwächter des Pharaoh ihrem Herrn
folgen, aber seine Schritte durch jene Tür dort lenken durfte er
nur im Gefolge der Amun-Priester. Wir wollen als Nachfahren der
Leibwächter diese Sitte achten und den Tempel, und sei er noch
so verfallen, nicht entweihen.
Ardeth nickte, er hatte verstanden. Langsam ging er zur
Ramses-Statue und bestaunte sie. Sein Vater trat ihm zur Seite.
Ja, es handelt sich um Ramses II, meinte Ardeth.
Und die Frau zwischen seinen Beinen stellt Nefertari
dar.
Während Lyleth bejahte, merkte er, wie eine Gruppe von sieben
Menschen den Tempel betrat. Es handelte sich um Franzosen, wie er
an ihrer Sprache merkte. Sie hatten Werkzeug dabei. Traurig ließ
er seinen Blick schweifen.
Was machen sie hier mit den Schaufeln und Hacken?,
wollte Ardeth wissen.
Sie graben. Sie suchen nach weiteren Statuen und anderen
Dingen. Vieles davon bringen sie weg, entweder in ein Museum hier
oder in ihre Heimat.
Warum tun sie es?
Weil sie diese Dinge interessant finden und andere Menschen
sie bestaunen sollen.
Aber sie gehen weiter in den Tempel hinein als sie
dürfen!, protestierte Ardeth, als er die sieben Menschen
in der großen Säulenhalle verschwinden sah.
Für viele Menschen sind Orte wie dieser interessant, weil
sie meinen, die Geschichte besser nachvollziehen zu können oder
weil sie hoffen, Schätze zu finden. Wir können sie nicht daran
hindern, hier zu graben. Diese Tempel liegen zu nahe am Nil, sie
sind leicht zu entdecken und leider auch auszubeuten. Die
Einheimischen, die hier leben, helfen ihnen oft dabei. Was
sollten sie dagegen auch tun können? Aber, Ardeth, es gibt
andere Orte, die weiter entfernt liegen, und wir versuchen, sie
so lange wie möglich zu schützen.
Ardeth warf den Franzosen einen langen neugierigen Blick
hinterher. Die unzähligen hohen Säulen hätte er sich auch gern
aus der Nähe angeschaut.
Dennoch dürfen wir diese Orte nicht entweihen und einfach
so in ihnen herumlaufen wie es diese Menschen tun.
Ardeth senkte schnell den Blick. Sein Vater umfasste ihm sanft
die Schultern und zog ihn mit sich nach draußen. Er erklärte
ihm, dass sich hier einstmals ein Wasserbecken befunden hatte und
zeigte ihm den Lauf der Kanäle.
Sie werden noch viel finden, wenn sie hier graben,
meinte er mit Bedauern in der Stimme. Bald erreichten sie zu
Pferd das Nilufer.
Dort drüben, mein Sohn, liegen die Gräber der Pharaonen,
die wir so lange bewacht haben. Doch vor Grabräubern waren sie
wohl nie sicher. Vor fast hundert Jahren begannen dann die
Europäer, sie systematisch auszugraben. Sie fanden die
herrlichen Anlagen, aber keine Grabbeilagen. Wir haben uns von
dort zurückgezogen und vermögen nurmehr aus der Ferne zu
beobachten, was dort geschieht. Selten können wir Einhalt
gebieten. Es ist traurig, dass sie vor kurzem auch die letzte
Ruhestätte vieler Pharaonen gestört haben und ihre heiligen
Mumien weggebracht haben. Wir haben wieder einmal versagt. Aber
es gibt dort noch Grabstellen, die unversehrt sind. Wir hoffen,
dass sie es für immer bleiben werden. Wir werden dafür tun, was
in unserer Macht steht.
Es klang wie eine Drohung, aber mit Bedacht ausgesprochen, wie es
Lyleth zu eigen war. Und es war ein Vermächtnis an seinen Sohn.
Schauen wir uns die Gräber an?
Nein, mein Sohn. Später, wenn du deine Ausbildung begonnen
haben wirst, wirst du dort drüben eine Weile leben. Dann wirst
du alles kennenlernen und ich werde dir erzählen, welche Gräber
dort noch verborgen sind. So es dir möglich sein wird, wirst du
als Medjai die Wohnstatt der Toten mit deinem Leben schützen
wie es deine Vorfahren getan haben.
Lyleth wandte sein Pferd um und sie ritten zurück zum Haus. Noch
am Abend setzten sie über den Nil und ritten heimwärts und
Ardeth hatte eine Menge zu Hause seinen Freunden zu erzählen.
Ardeth empfand die Stadt als sehr aufregend, war aber froh, als
sie wieder den 12. Stamm der Medjai erreicht hatten. Hier fühlte
er sich geborgen. Selbst auf den entfernten Weidegründen der
Ziegen fühlte er sich sicher. Er war oft mit anderen Kindern und
halb-erwachsenen Mädchen dort und passte auf die Tiere auf.
Jedes kannte er mit Namen. Er war sehr umsichtig und half, wo es
nötig war. Die Erwachsenen hatten ihre Freude an seiner
Offenherzigkeit und Hilfsbereitschaft, zugleich an seiner
bescheidenen Art. Er kannte die meisten Kinder aus dem Ort und
scheute sich nicht, bei ihnen zu Hause einzukehren und mit
anzupacken. Er zog sich auch gern still zurück und galt manchen
Leuten schon als Tagträumer. Darüber vergaß er zuweilen seine
Pflichten, die ihm Lady Nerys aufgetragen hatte. Er hatte so viel
zu lernen. Lady Nerys ließ ihm aber keine Nachlässigkeiten
durchgehen und bestrafte ihn, wenn er wieder einmal seine
Aufgaben nicht erledigt hatte. Sobald Leyrah das mitbekam, sah
sie ihren Sohn tadelnd an.
Wann wirst du endlich lernen, dass du ernsthaftig sein
muss, mein Sohn?
Lyleth war der Meinung, dass Ardeth solange wie möglich
unbeschwert leben sollte, und wenn er mit seiner Frau allein war,
versuchte er sie sanft darauf hinzuweisen.
Er wird in drei Jahren zehn, dann beginnt der Ernst des
Lebens. Solange sollten wir ihm eine fröhliche Kindheit gönnen.
Meinst du nicht auch?
Leyrah war ungehalten darüber. Natürlich gönnte sie ihrem Sohn
eine unbeschwerte Kindheit! Aber sie fand, dass Ardeth manchmal
ein wenig zu verträumt war.
Hat er sich bei dir etwa beschwert?, wollte sie
wissen.
Nein, das würde er nie tun. Das weißt du auch, Leyrah.
Aber ich bin doch nicht blind. Ich habe die Striemen auf seinem
Rücken gesehen und ihn gefragt.
Leyrah sah Lyleth mit funkelnden Augen an. Doch er nahm ihr den
Wind aus den Segeln.
Beruhige dich, mein Stern! Er hat sich weder über dich
noch über Lady Nerys beschwert. Er hat sich selbst die Schuld
daran gegeben und meinte, er hätte die Schläge verdient, weil
er die englischen Sätze nicht auswendig konnte, die Lady Nerys
ihm am Morgen aufgetragen hatte. Und er hat mir versichert, er
werde sich künftig mehr bemühen.
Leyrah war zufrieden, doch Lyleth nicht. Selten wagte er etwas
gegen seine Frau oder überhaupt gegen irgendjemanden zu sagen.
Er war der Friede in Person. Aber sein Sohn tat ihm leid. So
sprach er beherzt weiter:
Leyrah, mein Stern, er ist doch erst sieben! Gewiss muss er
seine Aufgaben erledigen, aber sein Fehlverhalten sollte nicht so
schwer bestraft werden.
Mein lieber Lyleth, gewiss tut es auch mir leid, das kannst
du mir glauben. Doch Ardeth muss verstehen, dass er seine
Pflichten unbedingt und unverzüglich wahrzunehmen hat, mehr als
jeder andere hier im Ort. Ihm droht nichts, wenn er gewissenhaft
seinen Aufgaben nachkommt. Wenn er allerdings lieber auf der
Weide mit den anderen herumtobt anstatt zu lernen, dann ist er
selbst Schuld, wenn er bestraft wird. Der beste Lehrmeister ist
immer noch der Stock, Lyleth.
Lyleth atmete tief durch. Wie oft hatte er selbst in seiner
Kindheit diesen alten ägyptischen Lehrsatz zu hören und fühlen
bekommen!
Dann lasst ihn doch nicht mehr auf die Weide gehen, bevor
er nicht das gelernt hat, was ihr wollt. Und nicht alle
ägyptischen Weisheiten sind gut gewesen!
Leyrah sah ihren Mann irritiert an. Hatte sie ihn jemals so
aufgeregt erlebt?
Lyleth, sprach sie ernst, Ardeth ist nicht
irgendein Junge. Er wird nach dir der Anführer der Medjai
werden. Er muss sich in vielen Fremdsprachen fließend
unterhalten können. In nur drei Jahren beginnt seine
Kriegerausbildung, dann muss er Arabisch, Englisch und
Französisch beherrschen. Lyleth, war dein Vater je zögerlich in
deiner Kindheit? Und ist es dir nicht zugute gekommen, dass er
ein strenger Vater war?
Lyleth erinnerte sich gar nicht gern an die Methoden seines
Vaters. Aber er hatte seinerzeit Schutz bei seinem Großvater
gefunden, der das ärgste von ihm ferngehalten hatte.
Ja, du hast Recht, lenkte er ein. Ich habe
wirklich nicht gut Englisch und Französisch gelernt, es fällt
mir schwer, in diesen Sprachen zu sprechen. Und ich bin froh,
dass Leslie so gut die Sprache Kemets gelernt hat, weil
wir...
Lyleth war ins Stocken geraten. Leslie! Natürlich! Das war die
Idee! Wieso war er nicht eher darauf gekommen? Ardeth liebte
seinen Onkel geradezu abgöttisch und war jedes Mal aus dem
Häuschen, wenn er sie im Süden besuchen kam, was selten genug
der Fall war.
Das ist es!, rief er und Leyrah sah ihn überrascht
an. Leslie! Mein Bruder Leslie! Hör mal, Leyrah, wir
schicken Ardeth für ein paar Monate nach Kairo zu Leslie.
Englisch ist seine Muttersprache, er wird der perfekte Lehrer
für Ardeth sein! Na, was sagst du?
Leyrah war insgeheim etwas entsetzt. Kairo war so fern. So groß.
So bedrohlich. Ihr Gesicht sprach Bände. Alles, was ihr aber
einfiel, war: Und Französisch?
Leslie spricht auch Französisch! Aber wir können ja noch
einen Lehrer dafür engagieren.
Ich weiß nicht, Lyleth...
Du hast Recht, Leyrah, Ardeth wird diese Sprache mehr denn
je benötigen. Er sollte sie vernünftig lernen. Oh, ich trenne
mich auch ungern von unserem Sohn, aber weißt du was? Wir werden
ihn gemeinsam aus Kairo abholen. Und ich habe noch eine
Idee! Lyleth war gar nicht mehr zu bremsen. Wir
werden Leslie und seine Familie mit nach Süden nehmen und
gemeinsam eine Urlaubsreise ans Rote Meer machen! Du weißt doch,
wie sehr Leslie das Meer liebt! Das wird wunderschön
werden!
Leyrah hatte sich schon manchmal gefragt, ob Lyleth nicht als
einfacher Familienvater viel besser aufgehoben wäre denn als
Anführer der Medjai, der er nach seinem Vater werden würde.
Ob Ardjun damit einverstanden sein wird?, sinnierte
sie und wusste nicht, ob sie sich wünschen sollte, dass er es
nicht wäre.
Lyleth verzog in der Tat ein wenig sein Gesicht. Ardjun hatte er
noch nicht auf seiner Rechnung gehabt.
Ach was, wischte er alle finsteren Gedanken fort,
ich rede mit ihm! Und danach rede ich gleich mit Ardeth! Er
wird begeistert sein.
Auf jeden Fall wird Lady Nerys mit ihm reisen und seine
Fortschritte kontrollieren. Und wenn er nicht lernt, wird sie ihn
weiterhin bestrafen müssen.
Leyrah traute ihrem Schwager nicht so richtig über den Weg, was
Ernsthaftigkeit anbelangte. Sobald Leslie hier im Ort zu Besuch
war, war Ardeth wie ausgewechselt und tobte stundenlang mit
seinem Onkel herum, alles Pflichten vergessend. Am liebsten
würde sie ihren Sohn begleiten, aber sie hatte viele Pflichten
zu erledigen, da Ardjun nicht verheiratet war und Leyrah die
Rolle der First Lady der Medjai ausfüllte.
Ja, sie mag ihn begleiten, und natürlich ein Dutzend
Leibwächter, wenn du es wünscht!
Als Lyleth am folgenden Abend mit seinem Vater sprach, hatte
Ardjun keine Einwände. Wie so oft, interessierte ihn seine
eigene Familie nur am Rande. Er hatte aber selbst im Norden
einiges zu erledigen und wollte Ardeth auf dem Hinweg begleiten.
Das beruhigte Leyrah. Ardeth freute sich sehr, auch wenn darüber
traurig war, seine Ziegen allein lassen zu müssen. Lady Nerys'
Tochter Karishi und Farani, eine Verwandte mütterlichseits,
versprachen, sich gut um sie zu kümmern, und er versprach, ihnen
etwas Schönes aus der fernen Stadt mitzubringen. Seine Mutter
ermahnte ihn eindringlich, den Erwachsenen Gehorsam zu leisten,
alles zu tun, was seine Amme von ihm wünschte, bescheiden und
höflich zu sein, sich nicht in den Vordergrund zu spielen und
vor allem auf der Reise dem Großvater den nötigen Respekt zu
zollen.
Warum fallen eigentlich alle vor Großvater auf die
Knie?, erkundigte sich Ardeth, der selten genug mit seinem
Großvater zu tun hatte und es immer befremdlich fand, wenn er
selbst vor seinem Großvater knien musste. Andere Kinder knieten
nicht vor ihrem Großvater, sondern ließen sich umarmen. Ardjun
hatte Ardeth noch nie umarmt.
Dein Großvater ist der Anführer aller Medjai, und solange
kein Pharaoh da ist, vertritt er ihn. Daher zollen ihm alle
Respekt.
Großvater vertritt den Pharaoh?, fragte Ardeth
ungläubig und mit großen Augen nach.
Der Pharaoh hat einst für die Einhaltung der Maat gesorgt.
Er hat uns Medjai damit beauftragt, für Gesetz, Ordnung und
Sicherheit zu sorgen. Wir haben stellvertretend für ihn
gehandelt. Das tun wir noch immer, und der Anführer der Medjai
muss dafür garantieren, dass es dabei bleibt. Die anderen Medjai
verehren ihn daher anstelle des Pharaohs.
Ardeth hatte das zwar immer noch nicht ganz verstanden, aber
wollte nicht weiter nachfragen. Er hatte schon sehr oft zu hören
bekommen, dass er einmal der Anführer der Medjai werden würde,
aber er wollte eigentlich kein Pharaoh sein. Wenn er das aber
jetzt seiner Mutter offenbaren würde, würde sie ihn vielleicht
wieder bestrafen. Er nahm sich vor, später einmal mit seinem
Vater darüber zu sprechen, denn er war ja genau so betroffen wie
er selbst. Leyrah sah die Zweifel in Ardeths Gesicht. Ihr Sohn
war für Ziegen, Pferde und Kamele zu begeistern, aber nicht für
die spezielle Geschichte der Medjai, und das ärgerte Leyrah ein
wenig. Daher sagte sie mit Nachdruck:
Ardeth, du weißt, dass Pharaoh nichts anderes heißt als
Großes Haus.
Ardeth nickte.
Das bedeutet, dass er aus einem großen Haus stammt, und
damit ist nicht unbedingt der Palast gemeint, in dem er gelebt
hat, sondern seine Familie, insbesondere seine göttliche
Herkunft.
Du meinst die Geschichte, dass die Frau eines Pharaohs sich
mit einem Gott vereint hat und den Thronerben gezeugt hat,
ja?
Ja, genau, Ardeth.
Ardeth sah sie intensiv fragend an und Leyrah ahnte, dass sein
Gehirn darüber brütete, ob Lyleth oder ein Gott sein Vater sei.
Zum Glück wagte er die Frage nicht zu stellen.
Deine Familie ist mit den Pharaohnen verwandt, und du,
Ardeth, stammst aus einem großen Haus. Deine Familie ist viele
hundert Jahre alt, die älteste nachvollziehbare der Welt. Daher
stehst du für die Einheit und das Bestehen der Medjai, und das
solltest du nie vergessen. Handle danach! Lerne! Versäume nie
deine Pflichten! Du hast die Pflicht, deinem Volk zu
dienen.
Ardeth nickte und senkte den Kopf, die Litanei seiner Mutter
abwartetnd. Dann sprach er: Ich verspreche dir, eifrig zu
lernen.
Gut so, mein Sohn! Leyrah legte ihm eine Hand auf die
Schulter und lächelte. Zu deinem 8. Geburtstag holen wir
dich ab, feiern mit deinem Onkel Weihnachten und reisen dann alle
zum Roten Meer, um Urlaub zu machen.
Ardeth hatte sie längst wieder angeschaut und lächelte
glücklich. Leyrah liebte dieses Lächeln. Sie liebte ihren Sohn.
Und genau wie er freute sie sich auf die gemeinsame Zeit. Sie
wusste, er würde höflich, bescheiden und eifrig sein.
Und ich verspreche dir, Ardeth, dass ich ein Auge auf deine
Ziegen haben werde.
Ardeth drückte seine Mutter herzlich. Sie fuhr ihm mit der Hand
über seine dunkle Mähne.
Ungefähr acht Monate verbrachte Ardeth in Kairo. Die Zeit
verging wie im Flug. Gewiss, er hatte viel zu lernen und Lady
Nerys achtete streng darauf, aber sie hatte sich nicht zu
beklagen, denn im Haushalt von Leslie wurde viel Englisch
gesprochen. Ardeth lernte die Sprache sehr schnell. Mit
Französisch plagte er sich mehr, bis Leslie einen Lehrer aus den
akademischen Kreisen, in denen er verkehrte, gefunden hatte, der
das Kind auch gleich ins Lateinische und Alt-Griechische
einführte. Der Lehrer fand, dass Ardeth ein guter Schüler und
für sein Alter schon sehr weit war. Er lobte ihn gegenüber
Leslie sehr. Dieser war zwar tagsüber oft in der Bibliothek des
vor wenigen Jahren neu errichteten Museums beschäftigt, empfing
aber auch durchaus Gäste in seinem eher westlich eingerichteten
Haushalt. Lady Nerys war sehr froh, dass Leslies Ehefrau aus dem
12. Stamm kam, so hatte sie jemanden zum Unterhalten. Sie war
zwar im Gegensatz zu Nefrar eine Kriegerin, aber der Status von
Leslies Frau war der einer Lady Bay, sodass sich beide im Umgang
miteinander geehrt fühlten.
Wenn Leslie Zeit hatte und er nahm sie sich oft in den
acht Monaten und es Lady Nerys erlaubte, unternahm er
etwas mit seinem Neffen. Er liebte ihn wie einen Sohn und war
begeistert von Ardeths Aufgewecktheit. Er zeigte ihm die
Großstadt und auch die Umgebung. Dabei hatte Leslie nicht die
Scheu, die Lyleth an den Tag legte, wenn es um alte Tempel und
Artefakte ging. Er nahm Ardeth diese Dinge wissenschaftlich
auseinander und Ardeth genoss es, das alles mit seinem Onkel zu
entdecken. Wenn sie allein unterwegs waren, fühlten sie sich
vollkommen frei. Mit Onkel Leslie konnte man die verrücktesten
Dinge unternehmen. Ardeth blieb zwar immer höflich, aber fühlte
sich ungehemmt. Zwischen Onkel und Neffen entstand ein inniges
Vertrauensverhältnis. Sie wurden zu Komplizen, da Leslie Ardeth
mit in die inneren Tempelanlagen nahm und ihn darum bat, davon
nichts zu erzählen. Ardeth hielt sich daran, wohl wissend, dass
seine Ausflüge mit seinem Onkel vorbei sein würden, wenn Lady
Nerys davon erfuhr. Leslie nahm Ardeth auch mit ins Museum und
ließ ihn sich dort selbst umschauen, während er sich in seinem
Arbeitszimmer mit einigen Kollegen besprach. Nachdem vier Stunden
vergangen waren, wunderte sich Leslie, wo Ardeth denn bliebe, und
er ging ihn im Museum suchen. Er staunte nicht schlecht, als der
kleine Ardeth einem britischen Ehepaar, das entzückt dem
kleinen Ägypter lauschte, den Saal mit Artefakten
aus dem Mittleren Reich erläuterte. Im Garten von Leslies Villa
gab es ein Wasserbecken, in dem Leslie jeden Tag seine Runden
schwamm. Es hatte nicht lange gedauert, bis auch Ardeth jeden Tag
darin planschte. Leslie brachte ihm das Schwimmen bei so wie er
es seinem eigenen Sohn, der inzwischen vier Jahre alt war,
beigebracht hatte. Ardeth achtete darauf, sich in der Villa auch
seinem Cousin zu widmen, damit dieser nicht eifersüchtig auf
Leslies Zuneigung Ardeth gegenüber wurde. Auch die sechsjährige
Tanith war oft dabei. Leslie vergötterte seine Tochter. Je mehr
Nefrar ihren Sohn vorzog, desto mehr meinte Leslie es bei seiner
Tochter ausgleichen zu müssen. Tanith hielt sich viel an Ardeth
und ließ sich alles von dem fernen 12. Stamm berichten. Wie
schön es dort sein musste! Ihre Mutter sah die die Vertrautheit
zwischen Ardeth und ihrer Tochter gar nicht gern.
Nefrar fühlte sich sehr wohl in Kairo, aber mit der Zeit war
ihre anfängliche Begeisterung den Kreisen gegenüber, in denen
Leslie verkehrte, ihrer Ablehnung gewichen. Nefrar hatte an
Gewicht zugelegt und war auf dem besten Wege, eine Matrone zu
werden. Sie verkehrte am liebsten mit den Damen der einheimischen
Elite und war beeindruckt von Haushalten, in denen es streng
islamisch zuging. So einen Haushalt wünschte auch sie sich, um
bei ihren angeblichen Freundinnen mithalten zu können. Diese
sprachen oft von der drohenden Verwestlichung ihrer Sitten und
warfen Nefrar, die mit einem US-Amerikaner verheiratet war,
vielsagende Blicke zu. Umso mehr wandelte Nefrar ihr Leben. Nur
ganz in Schwarz verhüllt betrat sie die Straße und trug sogar
Handschuhe. Leslie witzelte manchmal, dass er dann ja auch im
Süden bei den Medjai hätte bleiben können. Doch Nefrar
erwiderte eisig, das sei doch etwas anderes. Ihre Kinder nahm sie
auch häufig mit, um mit Ismail anzugeben. Tanith, obwohl erst
sechs Jahre jung, musste sich dann verhüllen wie ihre Mutter.
Einmal hatte sich Lady Nerys überreden lassen, zu so einem
Treffen zu folgen. Sie nahm sich etwas seltsam in ihrer schwarzen
Kriegergewandung gegenüber den wallenden Matronen aus, die sich
nur über Kinder, Küche und die rechte Pflichterfüllung einer
islamischen Ehefrau ausließen. Daher blieb sie fortan solchen
Treffen fern. Ihr vordem gutes Verhältnis zu Nefrar kühlte
merklich ab und sie verkehrte lieber im Haus der Medjai, wo
einige Krieger stationiert waren. Auch Leslie und Ardeth
statteten dem Medjai-Anwesen so oft wie möglich ihren Besuch ab.
Die Krieger freuten sich sehr über den Besuch Leslie und Ardeth
und bezogen auch das Kind mit in ihre Gesprächen, ihre Spiele
und auch ihre Aufgaben ein. Sie führten teilweise Gespräche wie
zwischen Erwachsenen. Doch leider lag das Anwesen in Memphis und
damit zu weit entfernt von Leslies Villa, als dass sie
regelmäßig hinfahren konnten.
Ardeth durfte auch mit seiner Großmutter Claire telegraphieren,
die sehr erfreut war, wie gut ihr Enkel Englisch beherrschte.
Ardeth wollte nicht glauben, dass es in Maine in Strömen
regnete. Beide baten sich gegenseitig sehr herzlich um einen
Besuch. Ardeth fragte seinen Onkel Löcher in den Bauch, der ihm
daraufhin viel von dem Leben in den USA und die unselige
Geschichte von Claire und Ardjun erzählte.
Eines Tages standen seine Eltern vor der Tür. Ardeth mochte gar
nicht glauben, dass seine Zeit in Kairo schon vorbei war, doch
tatsächlich waren fast acht Monate vergangen. Sie feierten
seinen achten Geburtstag und Lady Nerys lobte ihn, wie artig er
doch die ganze Zeit gewesen sei und wie gut er gelernt hätte.
Natürlich hörte Leyrah das sehr gern. Da Leslie in den USA
aufgewachsen und christlich erzogen worden war, wollte man eine
große Weihnachtsfeier geben. Leslie lud dazu einige westliche
Akademiker ein und es wurde ein lustiger Abend. Sie feierten
beinahe die ganze Nacht durch und mit verschlafenen Augen
schauten einige Erwachsene am nächsten Morgen zu, wie ihre
Kinder die Socken und die anderen Geschenke öffneten. Für
Ardeth war diese Sitte ganz neu und er war sehr aufgeregt. Die
Kinder der Gäste schliefen mit in seinem Zimmer und erzählten
die schönsten Weihnachtsgeschichten. Sie badeten am nächsten
Tag noch alle miteinander im Gartenteich. Ein Sohn eines
US-amerikanischen Forschers fragte Ardeth nach den merkwürdigen
Tätowierungen im Gesicht seiner Eltern, und Ardeth erklärte
stolz, dass sie das würde als Bedja-Beduinen kennzeichnen
würde. Er bekäme das in acht Jahren auch. Ismail warf Ardeth
ein paar verängstigte Blicke zu und fragte: Und ich?
Na du selbstverständlich auch, Ismail.
Aber seine Eltern haben doch gar keine
Tätowierungen, stellte eins der Kinder fest.
Äh, nein, das liegt ja daran, dass mein Onkel in den USA
aufgewachsen ist.
Ich will aber nicht gestochen werden, jammerten da
Ismail und Ardeth versuchte ihn zu trösten.
Ein paar Tage später brachen alle sieben Bays in Begleitung von
zwei Dutzend Medjai nach Osten auf. Es sollte zum Suez-Kanal
gehen, wo man ein großes Boot mieten wollte, um das Rote Meer
gen Süden entlang zu segeln, um dann irgendwo in Höhe der
Medjai-Gegend an Land zu gehen. Daher nahm man die Reittiere auch
mit an Bord. Die Mannschaft sollte das Boot zurück nach Suez
bringen, während die Medjai durch die Wüste nach Hause reiten
wollten. Die Tage auf See und später am Meer wurden für alle
wunderschön. Auch Nefrar legte ihre anfängliche Scheu ab. Hier
war sie wirklich nur unter Medjai, und kein fundamentalistischer
Zirkel konnte hier auf sie einwirken. Nur manchmal, wenn es ihr
gar zu locker zuging, erhob sie Einwände und wurde tatsächlich
von ihrer strengen Schwägerin unterstützt. Die beiden Frauen
bestanden darauf, dass Tanith nicht mit Leslie, Lyleth und Ardeth
loszog, was sie so gern getan hätte. Sie musste bei den Frauen
und Lady Nerys bleiben und durfte auch nicht immer baden. Ardeth
und Leslie versuchten Lyleth das Schwimmen beizubringen. Dem war
das Meer nicht geheuer, besonders die großen Krebse. Sie hatten
viel Spaß zusammen, und am Abend lauschten sie alle am Feuer
Leslies Geschichten aus dem Abendland. Die beiden Brüder
verstanden sich prima und tranken manchen Abend um die Wette.
Ah, Leslie, komm uns doch öfter im Süden besuchen!,
bat ihn Lyleth häufig.
Lyleth, glaub mir, in Kairo lebe ich frei und
glücklich!, erwiderte dann der Bruder und spielte auf die
strenge Oberaufsicht ihres Vaters an, der niemals mit Leslies
lockerem Lebenswandel einverstanden war. In Kairo verkehrte
Leslie durchaus in westlichen Kreisen, er hatte dort viele
Freunde und eine Arbeit, von der er immer geträumt hatte. Seine
Kenntnisse und Verbindungen halfen den Medjai, das wusste auch
Lyleth, von daher insistierte er nicht weiter. Er konnte sich
Leslie auch nicht im Kriegergewand vorstellen. Leslie war der
geborene Forscher, ein Akademiker, der mit Enthusiasmus tagelang
in Bibliotheken zubringen konnte und abends mit seinen Kollegen
bei mehreren Gläsern Gin gesellig beisammen saß. Dennoch
bestand sein Vater darauf, dass die Familie mehrere Wochen im
Jahr im 12. Stamm lebte, um sich nicht ganz ihrer Herkunft zu
entziehen. Sobald Ismail zehn Jahre werden würde, sollte er
seine Kriegerausbildung im 12. Stamm beginnen. Sollte Ardeth
ausfallen, so würde Ismail Anführer der Stämme werden. Doch
Ismail war erst vier, also hatte es damit noch ein wenig Zeit,
was seine Mutter unbändig tröstete.
Ach, jammerte sie eines Abends ihrer Schwägerin vor,
wenn Ismail eines Tages zurück in die Wüste muss, werde
ich ihm folgen. Ich kann meinen Sohn nicht allein lassen. Er ist
das kostbarste, was ich habe!
Leyrah war stets um Haltung bemüht und Gefühlsausbrüche jeder
Art waren ihr unliebsam.
Liebe Nefrar, es ist doch noch so lange hin. Er ist doch
noch ein Kind.
Einer Mutter bricht es das Herz, wenn sie ihr Kind
fortgeben muss.
Aber Nefrar, Kinder müssen die Chance erhalten, erwachsen
zu werden, ohne im Schatten ihrer Mutter zu stehen.
Aus dir spricht die Kriegerin, Leyrah! Einer Mutter
bedeuten ihre Kinder alles. Gewiss, sie muss ihrem Mann gehorsam
sein, aber lieben wird sie ihre Kinder.
Leyrah schüttelte etwas ungeduldig mit dem Kopf. Diese Reden von
Nefrar nervten sie manchmal ganz schön, doch sie wollte ihre
Schwägerin nicht vor den Kopf stoßen. Also schwieg sie
höflich.
Leyrah, ich muss dir etwas sagen.
Sie machte eine dramatische Pause.
Stell dir vor, Leyrah, ich bin schwanger!
Alles hätte Leyrah erwartet, nur das nicht.
Aber... aber das ist ja großartig!
So Allah will, werde ich in sieben Monaten einen weiteren
Sohn zur Welt bringen!
Ich gratuliere von Herzen, liebe Nefrar!
Jetzt verstehst du sicherlich, warum ich vorhin mich
darüber beklagte, dass mein Sohn fern von mir leben wird. Wie
soll ich ihm folgen, wenn ich einen anderen Sohn versorgen
muss?
Zieht doch einfach alle dann nach Süden, dachte Leyrah, sagte es
aber nicht, sondern stattdessen: Weiß es Leslie denn
schon?
Nein, nein, ich wollte es dir zuerst sagen, aber du hast
Recht. Ich werde ihm gleich die glückliche Nachricht sagen. Komm
nur mit, alle können es erfahren! Ich werde einen weiteren Sohn
gebären!
Natürlich freuten sich alle sehr, aber nur Leslie war es, der
seine Frau korrigierte und statt Sohn
Kind sagte. Und er sollte Recht behalten. Es wurde
kein Sohn. Gut ein halbes Jahr später brachte Nefrar ein
gesundes Mädchen in Kairo zur Welt. Sie nannten es Amira, doch
weder sah sich Ardjun veranlasst, nach Kairo zu reisen, um seine
neue Enkelin zu sehen, noch sah sich Nefrar veranlasst, ihre
zweite Tochter im Süden vorzuführen.
Leslie, Nefrar und ihre drei Kinder sollten erst wieder zu
Ardeths zehntem Geburtstag nach Süden reisen, denn dieser
Geburtstag stellte innerhalb der Medjai-Gesellschaft etwas ganz
Besonderes dar. Die Jungen und einige Mädchen begannen ihre
Kriegerlaufbahn. Es wurden zwar nicht alle Jungen ausschließlich
Krieger, viele ergriffen nach einer Grundausbildung den Beruf
ihres Vaters, aber der zehnte Geburtstag war für alle so etwas
wie der Beginn des Erwachsenenlebens. Man war nun für seine
Taten verantwortlich. Zu diesem Anlass gab es ein großes Fest
mit allen Verwandten. Ardjun hatte zu diesem wichtigen Anlass die
Anführer der nördlichen Stämme mit ihren Familien eingeladen.
Aus Ardeths Geburtstag wurde so ein halber Staatsakt. Und er
wurde ein Fiasko.
Selten wurde bei den Medjai Fleisch gegessen, da es kostbar war,
aber zu Festen wurde geschlachtet und alle freuten sich auf den
Gaumenschmaus. Nun war es üblich, dass aus Anlass des 10.
Geburtstagsfestes die Jungen das erste Mal aktiv an dem
Schlachtvorgang beteiligt wurden. Sie sollten die Schlagader am
Hals des Tieres nach Möglichkeit selbst durchtrennen oder
zumindest beiwohnen. Auch die Mädchen, die Kriegerinnen werden
wollten, sahen dem Schlachtvorgang zu. Ausgewählt wurden Tiere,
die die Familie hütete. Nerys ließ eine von den Ziegen
herbeiführen, die Ardeth bis vor wenigen Tagen noch gehütet
hatte, und sie hatte unglücklicherweise Bagi, Ardeths
Lieblingsziege, der er vor nicht mal zwei Jahren selbst auf die
Welt geholfen hatte, ausgewählt.
Führe sie dort hinten hin, Ardeth, gab sie ihm auf,
und Ardeth, arglos, tat wie geheißen. Er wunderte sich zwar
etwas, aber er brachte es mit seinem Onkel Leslie in Verbindung,
dem er ein paar Tage zuvor bei dessen Ankunft stolz seine fünf
Ziegen gezeigt hatte. Leslie hatte Interesse gezeigt, also musste
es irgendetwas mit ihm zu tun haben.
Der Platz, wo geschlachtet wurde, lag etwas abseits im Westen des
Ortes und Ardeth war wie alle Kinder diesem unheimlichen Ort
bislang fern geblieben. Als er nun dorthin trat, warteten dort
sein Großvater und die sechs Anführer der nördlichen und
mittleren Stämme, teilweise in Begleitung ihrer erwachsenen
Söhne. Sie mussten allesamt lächeln, als der 10jährige mit
seiner Ziege angetrottet kam. Ein paar Meter hinten ihm folgten
seine Eltern, die ihren Sohn zum Erwachsenwerden begleiten
sollten, ebenso Leslie und Lady Nerys, die mit dem heutigen Tag
aus ihrer Erzieherin-Rolle entlassen wurde. Alle stellten sich im
Kreis auf und die Ziege begann jämmerlich zu weinen. Ardeth
streichelte, immer noch ahnungslos, seine Bagi. Ardjun reichte
ihm das Schlachtemesser und erklärte ihm, was er tun müsse.
Doch Ardeth sah ihn und das Messer in seiner Hand ungläubig an.
Ardjun wies noch einmal an der Ziege auf die Stelle, die Ardeth
möglich schnell durchstoßen sollte, aber Ardeth regte sich
nicht, sondern starrte wie versteinert auf die Ziege. Leyrah und
Lyleth sahen sich fragend an und Leyrah flüsterte ihrem Mann zu:
Ich dachte, du hättest ihn darauf vorbereitet.
Lyleth schüttelte mit dem Kopf. Nein, ich dachte, du
hättest es getan...
Nun mach schon, mein Junge, wir wollen doch nicht den
ganzen Tag hier stehen. Die Frauen brauchen doch auch noch Zeit,
um die Ziege zuzubereiten. Sie warten dahinten schon, nun mach
schon, forderte ihn Ardjun etwas unwirsch auf. Es ist
ja sein erstes Mal, meinte er wie zur Entschuldigung zu den
Stammesanführern, die in aller Ruhe abwarteten.
Ardeth wurde bewusst, dass er Bagi töten sollte, damit sie
später von allen gegessen werden würde. Er legte seine freie
Hand auf ihre Stirn, verharrte so eine Weile, bis Bagi zu jammern
aufhörte. Lyleth schluckte trocken herunter. Er wusste, wie sehr
die Tiere seinem Sohn am Herzen lagen. Ardeth schien sich von dem
Tier zu verabschieden und sich gleichzeitig zu entschuldigen,
dass er es gleich töten würde. Doch Ardeth tat nichts
dergleichen. Mit seiner Linken griff er Bagis Strick, der ihr um
den Hals gebunden war, und mit der Rechten warf er das
Schlachtemesser zu Boden, sodass es im Sand stecken blieb. Er sah
seinem Großvater ins Gesicht. Sein Entschluss stand fest.
Nein, Großvater, ich kann die Ziege nicht töten. Ich
werde es nicht tun, und wenn es auch bedeuten sollte, dass ich
kein Krieger werden kann.
Keiner wagte ein Wort. Ardjuns Gesicht verfärbte sich.
Ardeth, du wirst diese Ziege jetzt töten!, presste
Ardjun zwischen den Zähnen hervor. Ardeth wurde Angst und Bange.
Er hatte bislang wenig mit seinem Großvater zu tun gehabt, und
wenn, dann trat jener nur als gestrenges Medjai-Oberhaupt auf und
achtete darauf, dass sein Enkel ihn in der Öffentlichkeit mit
Lord Bay ansprach. In der Rolle des Großvaters hatte sich Ardjun
äußerst selten seinem Enkel genähert und ein Lächeln hatte er
auch nie auf den Lippen. Ardeth hatte wie alle Furcht und großen
Respekt vor ihm. Der Junge wusste, dass Ardjun den kleinsten
Regelverstoß hart bestrafte. Aber jetzt durfte er nicht klein
beigeben.
Großvater, ich habe dieser Ziege geholfen, zur Welt zu
kommen, sie gepflegt und gehegt. Ich kann sie nicht töten und
dann meinen Geburtstag feiern.
Ardjun erhob seine rechte Hand zum Schlag, aber Ardeth duckte
sich nicht weg. Doch Leyrah kam dem Schlag zuvor, sie rief
schnell dazwischen:
Dann holen wir eben eine andere Ziege! Wir haben ja noch
mehr!
Ardjun ließ die Hand sinken, vielleicht war die Situation
gerettet.
So ein Unsinn! Ob diese Ziege oder eine andere...,
murmelte er, um sein Gesicht zu wahren. Doch Ardeth ließ sich
nicht umstimmen.
Nein, Mutter. Nicht diese, noch eine andere. Ich kann kein
wehrloses Geschöpf töten.
Einige Stammesanführer hatten ihren Blick auf Lyleth gerichtet,
darauf wartend, dass er seinen Sohn zurechtwies, doch der blieb
stumm, erinnerte sich an seinen eigenen 10. Geburtstag und wie
ungern er das Ritual vollzogen hatte. Er bewunderte insgeheim
Ardeth, wie er dort stand und seine Überzeugung gegen alle
vertrat, und das waren immerhin sechs Stammesanführer und sein
übermächtiger Großvater. In Ardeths Handlung schien auch kein
Trotz zu liegen, sondern einfach nur innere Überzeugung. So
prekär die Situation auch war, Lyleth lächelte leicht. Leyrah
hingegen versuchte die Situation zu retten.
Ardeth, sprach sie ernst. Du hast bislang gern
Fleisch gegessen. Was meinst du, wo es herkommt? Es wächst nicht
an den Bäumen! Andere haben Tiere geschlachtet, damit du Fleisch
essen konntest. Jetzt ist es an dir, anderen diesen unliebsamen
Dienst abzunehmen. Niemand schlachtet gern Tiere.
Das waren vernünftige Worte, befanden alle, die ihre Wirkung
gewiss nicht auf den unwissenden Knaben verfehlen würden. Doch
Ardeth erwiderte seiner Mutter:
Wenn niemand gern Tiere schlachtet, warum lassen wir es
dann nicht? Wir müssen doch kein Fleisch essen!
Ein Anführer, Lord Fajum vom elften und wohl reaktionärsten
Stamm, kreuzte die Arme vor der Brust und schüttelte vor
Unverständnis mit dem Kopf. Ardjun war es sichtlich unangenehm.
Doch Leyrah versuchte abermals ihren Sohn zu überzeugen.
Ardeth, wenn du keine Tiere schlachten kannst, hast du auch
kein Recht darauf, Fleisch zu essen!
Ardeth legte seine eine Hand auf Bagis Kopf und sprach mit klarer
Stimme:
Ich werde nie wieder Tierfleisch essen. Und niemals werde
ich Hand an ein unschuldiges, wehrloses Geschöpf legen.
Lyleth wusste, dass sein Sohn zu diesem Versprechen stehen
würde. Er wünschte sich, er hätte vor 18 Jahren ebenso
gehandelt. Doch Ardjun fühlte sich blamiert. Er schubste Ardeth
gewaltsam beiseite, sodass dieser zu Boden fiel, ergriff das Seil
der Ziege und hob das Messer auf.
Schau nur zu, du ungehorsamer Bengel! Lerne, was Tradition
in deinem Volk ist!
Ardeth sprang auf und warf sich zwischen Bagi und Ardjun. Mit
zitternder Stimme rief er:
Wenn du Bagi tötest, werde ich fortgehen,
Großvater!
Ardjun stief Ardeth abermals beiseite, doch dieses Mal war es
Lyleth, der ihn davon abhielt, die Ziege zu töten.
Nein, Vater, bitte tut es nicht!, mischte er sich
erstmals ein und in seinen Augen lag intensives Flehen. Er
wusste, dass sein Sohn seinen Worten Taten folgen lassen würde.
Das ist es nicht wert.
Ihre Blicke trafen sich und Ardjun verstand Lyleths Botschaft.
Doch wie stand er vor den anderen Anführern da? Er konnte doch
nicht einem 10jährigen Jungen nachgeben! Langsam ließ er das
Messer sinken. Wütend sah er zu Ardeth herab, der immer noch am
Boden lag.
Du kannst kein Blut sehen, du verwöhntes Balg, ja? Dann
sollst du es fühlen! Ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein und
du wirst vernünftig werden.
Raschid!, befahl Ardjun einen Leibwächter herbei,
der sofort zu ihm trat.
Peitschen Sie ihn, bis er endlich bereit ist, eine Ziege zu
schlachten!
Raschid sah ungläubig von Lord Bay zu dem kleinen Ardeth, der
seinen Großvater entsetzt anstarrte.
Tun Sie es!, herrschte Ardjun den immer noch
irritierten Medjai an.
Raschid trat zu Ardeth und zog ihn langsam hoch auf die Füße.
Nein, Großvater, bitte nicht!, flehte Ardeth.
Raschid zog ihn schnell mit sich, doch Ardeth drehte sich zu
seinen Eltern um und sah sie hilfesuchend an. Er hatte furchtbare
Angst. Leyrah war kreidebleich geworden und stand wie versteinert
da. Leslie war so entsetzt, dass er nichts sagen konnte. Er
schüttelte unentwegt fassungslos mit dem Kopf. Und Lyleth raunte
seinem Vater zu:
Er wird nicht bereit sein, ein Tier zu schlachten, Vater.
Wollt Ihr ihn vor aller Augen zu Tode peitschen lassen?
Leyrah verkrampfte bei diesen Worten ihre Hände im
Kriegergewand. Nerys berührte sie sachte am Oberarm und spürte
dabei, wie sehr sie zitterte.
Ardjun versuchte, sich selbst zu beruhigen. Die Gedanken schossen
ihm nur so durcheinander durch den Kopf. Er hatte sich in seiner
eigenen Autorität verrannt. Doch vor den anderen Anführern
musste er Haltung bewahren. Er wandte sich schließlich an sie:
Was fordert ihr, damit er seine Kriegerausbildung beginnen
kann?
Lyleth atmete auf, Ardjun war zum Einrenken bereit. Irritiert
sahen sich einige Anführer an. Was sollten sie fordern? Aus
einiger Entfernung hörte man das Klatschen der Peitsche. Leyrah
zuckte bei jedem Schlag zusammen. Zwei Anführer flüsterten sich
etwas zu. Die Schläge mehrten sich, noch immer antwortete
niemand auf Ardjuns Frage. Doch Lord Wenchyn, der Anführer des
8. Stammes, bei dem Lyleth und Ardeth vor einem Jahr für ein
paar Wochen zu Besuch gewesen waren und der seitdem eine hohe
Meinung von dem Jungen hatte, blickte ärgerlich von einem zum
anderen. Er konnte nicht länger dulden, was er hier erlebte. So
trat er einen Schritt vor und wandte sich ernst an Ardjun.
Lord Bay, ich bitte Euch mit allem Nachdruck, Eures Enkels
Bestrafung abzubrechen!
Ardjun funkelte Lord Wenchyn an, doch der fuhr mutig fort:
Ich verabscheue es, mich in die Angelegenheiten anderer zu
mischen, aber erstens habt Ihr gerade selbst darum gebeten, und
zweitens geht uns dieser Junge alle etwas an. Daher kann ich
nicht zulassen, dass Ihr ihn jetzt zu Tode peitschen lasst, denn
so wie ich ihn vor einem Jahr kennengelernt habe, wird er
standhalten. Und wenn er schwach werden sollte, was bei einem
Kind seines Alters nur allzu verständlich wäre, das Ihr wie
einen erwachsenen Mann bestrafen lasst, dann habt Ihr sein junges
Herz gebrochen. Das sei uns allen fern! Denn dieser Junge besitzt
einen aufrechten Charakter und einen starken Willen, dazu hat er
ein geradezu bewundernswertes Mitgefühl anderen gegenüber, und
wir sollten uns glücklich preisen können, wenn er eines Tages
unser aller Anführer werden wird. Seid stolz auf Euren Enkel!
Und macht dem dort endlich ein Ende! Er wies mit der Hand
zu dem öffentlichen Platz, wo Ardeth ausgepeitscht wurde. Dort
waren inzwischen viele Menschen zusammen gelaufen und sahen
kopfschüttelnd, bestürzt und unmutsbezeugend zu.
Der Junge schrie inzwischen laut vor Schmerzen. Leslie hielt es
nicht mehr aus. Wütend schrie er seinen Vater an, noch bevor der
auf Lord Wenchyns Forderung antworten konnte:
Hör sofort auf damit, Vater! Das ist ja barbarisch! Ein
Kind auszupeitschen!
Halt den Mund!, fuhr Ardjun seinen Sohn an, doch
Leslie ertrug es nicht länger, dass man seinen Neffen so
misshandelte.
Schluss jetzt!, rief er und rannte zu Ardeth
hinüber, stellte sich zwischen ihn und Raschid, der sehr froh
war, dass Leslie sich einmischte und ihm zustimmend zunickte,
aber so, dass Ardjun es nicht sehen konnte.
Lord Wenchyn hat Recht, pflichtete nun Lord Rasid vom
6. Stamm bei. Ihr wollt doch nicht Euren Enkel zu Tode
schinden, weil er eine Ziege nicht töten kann?
Man muss doch nicht unbedingt ein Tier töten können, um
seine Ausbildung zu beginnen, murmelte ein anderer
halblaut.
Der Anführer des 10. Stammes erhob seine Stimme: Erlasst
Eurem Enkel die harte Bestrafung und seht, wie er sich in Zukunft
bewährt! Selten sah ich soviel Mut und Entschlossenheit in einem
Kinde wie in Eurem Enkel! Wenn er richtig erzogen wird, dann wird
er für unsere Aufgabe bis in den Tod gehen!
Ein letztes Mal rang Ardjun mit sich, aber die anderen Anführer
hatten ihm die Hand gereicht, die nötig gewesen war, um seine
Entscheidung zu widerrufen.
Haltet ein!, gebot Ardjun endlich. Ich erlasse
die Strafe mit Eurem Einvernehmen, Mylords!
Die sechs anwesenden Lords nickten nur allzu schnell. Sie wollten
gewiss nicht an einer weiteren Tragödie im Hause Bay Schuld
sein. Raschid war erleichtert. Lyleth und Leyrah rannten zu ihrem
Sohn und brachten ihn mit Leslies und Nerys Hilfe in ihr
Horus-Zelt, wo Ardeth versorgt wurde. Bevor er in einen gnädigen
Schlaf sank, wandte er sein Gesicht seinem Vater zu und
flüsterte bange:
Bagi?
Lyleth lächelte: Wartet darauf, dass du schnell wieder
gesund wirst, um sich zu bedanken!
Doch Ardeth wollte scheinbar nicht schnell gesund werden. Seinen
äußerlichen Wunden heilten, aber seine innerlichen nicht. In
wenigen Minuten war die Unschuld seiner Kinderzeit vorbei
gewesen, er hatte sich der Willkür seines Großvaters
ausgeliefert gesehen und auch seine Eltern, die sonst immer
schützend zu ihm gestanden hatten, waren nicht eingeschritten.
Während er ausgepeitscht wurde, war seine Verzweiflung
übermächtig geworden. Es hatte ihn bleibend erschüttert und
jedes Lachen war aus dem sonst so frohen Gesicht des Kindes
verschwunden. Ardeth war lustlos geworden und sah sich nicht
motiviert, seine Ausbildung endlich zu beginnen. Außerdem litt
er darunter, in den Augen anderer für nicht würdig angesehen zu
werden. Er träumte davon, die Tiere des Stammes zu hüten und
fern von allem anderen bleiben zu dürfen. Doch seine Eltern
sprachen nach wie vor davon, dass er schnell genesen müsse, dann
könne er seine Ausbildung beginnen. Sein Großvater besuchte ihn
überhaupt nicht, doch darüber war Ardeth eher froh. Leslie kam
oft vorbei und versuchte Ardeth mit Scherzen aufzuheitern, doch
er lächelte nur gekünstelt, um seinen Onkel nicht vor den Kopf
zu stoßen. Lyleth ging Ardeths Wandel sehr zu Herzen. Manchmal
saß er lange Zeit an seinem Bett und streichelte seinen Sohn
sanft, der ihm abgewandt lag und sich nicht rühren mochte.
Lyleth weinte stumm.
Ich weiß, ich habe dir sehr weh getan, flüsterte er
einmal. Es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen
konnte, dass ich dir nicht geholfen habe... ich wünschte, ich
könnte es rückgängig machen... ach, Ardeth...
Doch Ardeth rührte sich nicht. Nicht, dass er seinem Vater nicht
verzeihen würde, nein, er war einfach zu verfangen in seiner
Traurigkeit, als dass er die Traurigkeit anderer wahrnehmen
konnte. Außerdem fühlte er sich nach wie vor seinem Großvater
ausgeliefert und er wusste, dass es seinem Vater auch nicht
anders erging, ja niemandem im Ort und in den anderen elf
Stämmen. Man konnte nichts dagegen tun. Aber er wollte kein
Krieger mehr werden, er wollte nicht Teil dieses Lebens werden.
Er hatte auch den Schmerz in Raschids Augen gesehen, als dieser
von Ardjun gezwungen wurde, ein Kind auszupeitschen.
Vater, erwiderte Ardeth leise und immer noch Lyleth
abgewandt, ich möchte kein Krieger werden. Ich möchte
Ziegenhirt werden.
Lyleth antwortete nicht, sondern fuhr seinem Sohn nur sanft über
das Haar. Er glaubte, dass Ardeth sich für nicht würdig hielt
und Minderwertigkeitskomplexe wegen der nicht geschlachteten
Ziege hatte. Lyleth war ein guter Vater, er fühlte, dass er
jetzt nicht insistieren sollte. Ardeth benötigte Zuspruch, keine
weitere Kritik.
Ich bin sehr stolz auf dich, mein Sohn!, meinte er
nach einer Weile bewegt. Du hast etwas getan, was ich auch
hätte tun sollen. Weißt du, ich habe damals die Ziege
geschlachtet, aber ich konnte keinen Bissen herunter kriegen und
ich habe heimlich geweint. Selbst mein Großvater, der sonst
immer für mich Verständnis gehabt hatte, meinte damals, das
gehört dazu und sei eine ehrenvolle Männersache. Du hast mir
gezeigt, dass ich damals mit meinen Gefühlen richtig lag, und
ich danke dir dafür, mein Sohn!
Ardeth drehte sich langsam zu seinem Vater um. Wie sah er doch
traurig aus, dachte Lyleth. Ardeth sagte kein Wort, sondern sah
seinen Vater nur an. Lyleth streichelte seine tränennassen
Wangen und musste selbst weinen, weil sein Sohn so hilflos und
traurig schien. Er nahm ihn in die Arme und Ardeth ließ es
geschehen.
Werde wieder gesund, mein Sohn!, flüsterte Lyleth
und es klang wie ein Gebet.
Der Anblick seines Sohnes brachte Lyleth dazu, selbst wie eine
Trauerweide herumzulaufen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er
sogar patzig gegenüber seinem Vater geworden, der das mit
Verwunderung zur Kenntnis nahm. Die meisten Lords waren wieder
abgereist, doch Lord Wenchyn war noch geblieben, ebenso Leslie
und Nefrar. Auch Leslie war tief betrübt über den Zustand
seines Neffen.
Lord Wenchyn war einer der ältesten Lords und hatte gut Ardjuns
Vater gekannt. Er hatte dessen Kampf gegen die Grabplünderer
noch gut im Gedächtnis. Im 19. Jahrhundert hatte sich viel für
die Medjai geändert, da Ägypten Ziel einer neuen, zunächst
sehr Schatzsuche- orientierten Altertumskunde geworden war. Die
Ägyptologie war entstanden und trug auch noch zu Beginn des 20.
Jahrhunderts den Geist der Pioniere, die glaubten, durch große
Funde zu Weltruhm zu erlangen. Lord Wenchyn sprach lange mit Lord
Ardjun Bay darüber und ritt oft mit ihm auf Wache. Sie
überlegten, wie sie der Situation Herr werden könnten. Da der
12. Stamm am nördlichsten lag, mahnte Lord Wenchyn dringlichst
an, dass Ardjun besonders wachsein sein möge und seinen
Nachfolger Ardeth auf die neue Zeit, die angebrochen war,
vorbereiten solle.
Nach drei Wochen wollte auch Lord Wenchyn mit seiner Familie
abreisen, doch er wollte vorher wenigstens Ardeth noch einmal
sehen. Er hatte eine hohe Meinung von ihm und war sehr angetan
von ihm seit dessen Besuch. Ardeth lag ihm am Herzen und er
wunderte sich, dass er ihn nicht mehr zu sehen bekam. Also sprach
er Lyleth an, der ihm gestand, dass Ardeth noch zu Bette lag und
keinen rechten Lebenswillen mehr besaß.
Er wünscht sich, Ziegenhirt zu werden, erzählte
Lyleth. Ich weiß nicht, wie ich das meinem Vater erklären
soll.
Darf ich mit Ardeth einmal sprechen?, bat ihn
daraufhin Lord Wenchyn. Und Lyleth bejahte.
Lord Wenchyn betrat bald darauf das Horus-Zelt und sagte laut:
Lord Bay?
Ardeth lag, wie meistens, auf dem Bauch. Er sah nicht, wer in das
Zelt gekommen war, und richtig auf die Stimme geachtet hatte er
auch nicht, weil es ihm egal war. Also antwortete er:
Ist nicht hier, denn er glaubte, man wollte seinen
Vater sprechen.
Doch, er liegt ja vor mir!, erwiderte Lord Wenchyn
und brachte Ardeth dazu, dass er sich umdrehte.
Lord Wenchyn!, rief Ardeth irritiert. Ihr seid
noch da?
Na, glaubst du, ich reise heim, ohne mich vorher von dir zu
verabschieden?
Ich... ich... konnte nicht aufstehen... daher... weiß ich
nicht, was draußen vor sich geht...
Ja, wer so lange im Bett faulenzt wie du, der kriegt nichts
mit.
Lord Wenchyn trat an Ardeths Bett heran und riss die leichte
Decke fort, die ihn halb bedeckt hatte.
So, jetzt auf, Ardeth! Wir wollen ausreiten!
Ausreiten?, fragte Ardeth ungläubig nach.
Hörst du schlecht? Lord Wenchyn suchte nach einem
passenden Gewand und fand das für Ardeth bestimmte
Kleidungsstück, das er in den ersten beiden Jahren seiner
Ausbildung tragen sollte. Er warf es dem Jungen zu und meinte:
Los, beeil dich. Ich lass schon mal die Pferde holen!
Damit verschwand er und ließ einen verdatterten Ardeth zurück.
Doch Ardeth erschien ein paar Minuten später in dem beigen
Gewand, bestieg widerstandslos das Pferd und ritt mit Lord
Wenchyn hinaus in die Wüste. Bald hatten sie einen
hervorragenden Blick auf den Ort, und Lord Wenchyn ließ
anhalten.
So, du willst also Ziegenhirt werden, begann er das
Gespräch. Nicht, dass ich was gegen Ziegenhirten hätte,
aber du weißt schon, dass man von dir anderes erwartet,
ja?
Ardeth sah matt auf den Ort herab und wusste nicht so recht, was
er antworten sollte.
Ich... ich kann nicht töten, Lord Wenchyn, stammelte
er nach einer Weile.
Ah ja, kommentierte Lord Wenchyn. Nun gut,
stellen wir uns einmal vor, von da hinten ziehen Hunderte von
feindlichen Kriegern herauf und überfallen euren Ort hier. Man
will deine beiden Cousinen töten, unschuldige Kinder. Was
würdest du tun? Zuschauen?
Nein, Lord Wenchyn....
Müsstest du aber, wenn du kein Krieger werden
willst.
Ardeth senkte beschämt den Kopf.
Ardeth, du weißt, dass es etwas anderes ist, einen Feind,
der dich oder deine Leute bedroht, zu töten als eine Ziege, die
ein wehrloses Geschöpf ist. Du weißt im Grunde deines Herzens
sehr wohl, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, denn
sonst hättest du dich an deinem Geburtstag nicht so beharrlich
geweigert, deine Ziege zu schlachten.
Ardeth sah ihn fragend an.
Glaubst du, dass die anderen nicht zwischen diesen beiden
Dingen unterscheiden können?
Ardeth schüttelte verneinend den Kopf.
Gut, es wäre auch dumm und vermessen zu denken, nur du
könntest den Unterschied erkennen. Also, wenn die anderen diese
Dinge so ziemlich genau so sehen wie du, dann brauchst du dich
vor ihnen überhaupt nicht zu verstecken. Dann kannst du ja
endlich selbstbewusst, wie ich dich ja eigentlich kennengelernt
habe, deine Ausbildung beginnen.
Ardeth wusste nicht, was er erwidern sollte. Lord Wenchyn hatte
auch nicht erwartet, dass Ardeth sofort umzustimmen wäre. Aber
er bemerkte, dass Ardeth ins Grübeln gekommen war und das war
gut so. Er fuhr fort:
Ardeth, du bist ein intelligenter Junge und ich weiß, dass
du dich um andere sorgst. Daher wirst du jetzt alles ausblenden,
was dich persönlich betrifft und bedrückt und nur an die
anderen denken. Die werden dich später brauchen, aber dazu musst
du diese Ausbildung machen. Glaube mir, ich weiß, dass du eine
sehr schmerzhafte Erfahrung gemacht hast, aber wenn du jetzt
daraus gestärkt hervorgehst, wenn es dir jetzt gelingt, diese
Erfahrung zu überwinden und sogar Nutzen aus ihr zu ziehen, dann
weiß ich, wirst du später alles meistern, was sich dir an
Problemen in den Weg stellen wird. Und da wird einiges
sein.
Aus ihr Nutzen ziehen? Welchen Nutzen denn?, wollte
Ardeth wissen.
Dass du zu deinen Ansichten gestanden und die Konsequenzen
auf dich genommen hast. Ardeth, du hast die Ziege nicht
schlachten können, weil sie dir am Herzen lag und du nicht
töten konntest, was du liebtest.
Ardeth nickte.
Ardeth, jeder, der ein bisschen Ehrgefühl und
Gerechtigkeitsempfinden in sich hat, hat dich dafür bewundert.
Ich will ehrlich sein, wir haben alle große Hoffnungen auf dich
gesetzt, denn es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Du willst uns
doch jetzt nicht enttäuschen?
Ardeth sah ihn lange an. Lord Wenchyn meinte es absolut ehrlich,
dessen war er sich sicher. Sein trauriger Ausdruck aber wollte
aber nicht weichen. Mehr und mehr wurde er sich der Bürde
bewusst, die auf ihm lastete. Er getraute sich nicht, sich ihr zu
stellen. Er zögerte.
Ardeth, redete ihm Lord Wenchyn ins Gewissen,
alle, die dich kennengelernt haben, reden nur gut über
dich. Sie lieben dich geradezu. Deinem Großvater gegenüber
zollen sie Respekt. Aber dich werden sie später alle liebend
verehren und für dich durch das Feuer gehen. Jetzt sage mir
nicht, sie hätten deine Liebe, dein Mitgefühl nicht
verdient!
Beschämt senkte Ardeth wieder den Blick und stammelte:
Doch, Lord Wenchyn...
Du wärest für deine Ziege in den Tod gegangen. Sag mir,
Ardeth, würdest du für dein Volk weniger tun?
Nein, Lord Wenchyn...
Dann schau hinab auf diesen Ort da vor uns! Und dann sage
mir, was du machen wirst!
Ardeth hob langsam den Blick und sah auf den Medjai-Ort vor sich.
Er hatte mittlerweile ein furchtbar schlechtes Gewissen.
Ja, Lord Wenchyn. Ich werde... ein Krieger werden.
Und jetzt sagst du es noch einmal mit Stolz!
Ardeth wiederholte die Worte mit lauter Stimme und sah mit festem
Blick hinab.
Und jetzt sagst du es noch einmal mit Freude! Etwas
Verschmitztes lag in Lord Wenchyns Stimme.
Ardeth sah ihn an und musste übers ganze Gesicht grinsen. Lord
Wenchyn atmete innerlich auf, er hatte es geschafft. Dieser Junge
konnte wieder lachen.
Ja, Lord Wenchyn, wiederholte Ardeth zum zweiten Mal,
fast unter Lachen, ich werde ein Krieger werden!
Gut so! Ardeth, ich weiß, wie gut du jetzt schon reiten
kannst! Los, wer zuerst da drüben bei der Wache ist!
Sie preschten los und Ardeth ritt sich sozusagen von der Seele,
was ihn die ganze Zeit bedrückt hatte. Noch am Abend trat er vor
seine Eltern und teilte ihnen seinen Entschluss mit. Am nächsten
Tag brachte Lyleth seinen Sohn ins Anubis-Lager und übergab
Ardeth seinem ersten Lehrer in der Zeit seiner Ausbildung.
Eine Ausbildung zum Krieger dauerte sechs Jahren und wurde mit
einer Art Initiationsritual abgeschlossen, bei dem der
jugendliche 16jährige die Tätowierungen erhielt. Diese sechs
Jahre waren in einen Zeitraum von dreimal zwei Jahren unterteilt
und wurden von dem Auszubildenden in einem bestimmten Areal im
Medjai-Ort verbracht, dem sogenannten Anubis-Viertel. Hier lebten
auch die unverheirateten Krieger. Auch wenn dieses militärische
Lager nicht eingezäunt war, mussten die 10- bis 14jährigen
Jungen im Gegensatz zu den älteren Jungen und erwachsenen
Krieger darum bitten, es verlassen zu dürfen. Aber alle zehn
Tage ruhte die Ausbildung und auch die Arbeit im Medjai-Ort, es
war ein freier Tag für alle, außer für wenige wie zum Beispiel
den Wachposten in der Wüste. Doch diese wechselten sich
regelmäßig ab und hatten dafür andere freie Tage. Ardeth
verbrachte seinen freien Tag mit seinen Eltern, und falls diese
keine Zeit hatten, mit Freunden. Häufig besuchte er auch seine
Ziegen, wenn diese auf der Weide waren. Doch seine Mutter sorgte
oft dafür, dass sie am freien Tag in dem kleinen Garten hinter
dem Horus-Zelt waren.
Die ersten beiden Jahre galten der Grundausbildung. Es gab eine
Unmenge an physischen Ertüchtigungen, Ausdauerübungen,
Meditationen, aber auch Reitunterricht. Wichtig war auch, dass
die Jungen Disziplin und Gehorsam lernten. Viele waren in ihrer
Kindheit von den weiblichen Mitgliedern der Familien
verhätschelt worden. Die 10- bis 12-Jährigen übernahmen die
meisten Dienste im Anubis-Lager, aber auch außerhalb. So mussten
sie zum Beispiel den Tierdung sammeln und zum Trocknen auslegen
und später dorthin bringen, wo er als Brennmaterial verwendet
wurde. Sie mussten Wasser holen, die Ställe sauber halten und
sich um die Pferde kümmern. Sie wurden den 14- bis 16jährigen
zugeteilt, die ihre Dienste in Anspruch nehmen durften. Sie
mussten auch lernen, Schmerzen und Strafen ohne Murren zu
ertragen. Für viele Jungen war es eine große Umstellung und
manch einer sehnte sich nach dem behaglichen Leben im Schutze
seiner Eltern und vor allem der Großeltern zurück. Da alle
männlichen Kinder des Ortes diese zwei Jahre Grundausbildung
durchliefen, bildete diese Gruppe den zahlenmäßig größten
Anteil der Auszubildenden im Anubis-Lager. Die Jungen teilten
sich zu zehnt ihre Schlafquartiere, große primitive Zelte, die
Schutz vor dem Wüstenwind bieten sollten. Jedes Zelt trug das
Zeichen der Ausbildungseinheit, in der Regel eine Hieroglyphe und
eine eigene Nummer. Die 10- bis 12Jährigen waren die
Enten. Ardeth wohnte zum Beispiel im Zelt Ente
12.
Die wenigen Mädchen, die die Ausbildung begannen, waren meistens
Töchter aus höher stehenden Familien, die auf Generationen von
Leibwächterinnen hinabblickten und so wenigstens eine Tochter in
den Kriegsdienst schickten. Kriegerinnen wurden als Begleitung
für hochrangige Damen benötigt wie auch zum Schutz bei Tempeln,
in denen Priesterinnen aktiv dienten, aber vor allem zum Schutz
des heimatlichen Ortes und der Weidegründe. Nur die Männer
übernahmen weit entfernte Wachposten. Sollte ein Großeinsatz
der Medjai-Krieger erfolgen, würden die Kriegerinnen die
Heimatorte verteidigen können. Ihre Tradition reichte ca. 1500
Jahre zurück, als es zu wenig Medjai gab und man aus der Not
heraus auch Frauen an der Waffe ausbildete. Die Mädchen, die mit
dieser Ausbildung begannen, standen in nichts den Jungen nach,
zumal sie auf jeden Fall die sechs Jahre blieben und vollwertige
Kriegerinnen und auch tätowiert wurden. So war auch eine nicht
tätowierte Lady Bay undenkbar, und Nefrars anfängliche Komplexe
rührten daher, weil sie keine Kriegerin war und sich nicht
würdig fühlte. Es gab Meisterinnen, die die Mädchen mit den
besonderen Kampffertigkeiten einer Frau bekannt machten, da es
bei Frauen mehr auf Schnelligkeit, List und Wendigkeit ankam als
auf Kraft. Ansonsten lebten sie mit den Jungen zusammen, bis auf
die Tatsache, dass ihre Nachtlager voneinander getrennt waren.
Kurz vor Beendigung der Grundausbildung wurden die Jungen
beschnitten. Dabei mussten sie beweisen, dass sie klaglos
Schmerzen aushalten konnten, denn die Beschneidung wurde ohne
Betäubung vorgenommen. So wurde der anschließende 12.
Geburtstag eines jeden Jungen zu einem großen Fest, zu dem viele
Verwandte kamen und den Zögling beschenkten. Die Mädchen wurden
nicht beschnitten, aber ihr Eintritt in die Pubertät wurde
ebenfalls gefeiert. Sie hatten ihren Lehrerinnen mitzuteilen,
wann sie das erste Mal ihre Monatsblutung hatten. Es gab dann ein
großes Fest, sodass viele Mädchen mit Freuden dem Tag entgegen
sahen, an dem sie endlich als Frau galten. Es wurde darauf
geachtet, dass die Mädchen sich nicht durch die Monatsblutungen
bei ihrem Dienst beeinträchtigen ließen.
Auch mussten am Ende dieser zwei Jahre alle jungen Krieger mit
verschiedenen Waffen einigermaßen sicher umgehen sowie reiten
können. Viele wurden daher an ihrem 12. Geburtstag mit einem
eigenen Pferd beschenkt, zumindest aber jene, die zur weiteren
Ausbildung im Anubis-Lager blieben. So erhielt auch Ardeth sein
erstes Pferd und war mächtig stolz. Er taufte es
Nachtwind, weil sein Fell schwarz wie die Nacht war.
Seine Ausbilder waren mit ihm zufrieden gewesen. Er hatte sich
sehr bemüht und auch in die Gemeinschaft eingepasst. Die Meister
hatten darauf geachtet, dass er bescheiden blieb und keine
Sonderrechte beanspruchte. Sie waren weise Männer, die wussten,
dass ein eingebildeter Lord Bay später nur Probleme bereiten
würde. Die Meister waren angetan von Ardeths Freundlichkeit und
Bescheidenheit. Oft tat er ihnen leid, weil er von seiner Mutter
her noch mit weiterem Lernmaterial zu den Fremdsprachen, zur
Geschichte und Kultur ferner Länder versorgt wurde. Einzig sein
Großvater Ardjun nahm von Ardeths Fortschritten keine Kenntnis.
Er schien den Jungen fast mit Verachtung strafen zu wollen, weil
er ihm an seinem 10. Geburtstag nicht gehorcht hatte. Lyleth tat
es leid, dass Ardeth kein Lob von seinem Großvater erhielt.
Einmal hatte er seinen Vater darauf angesprochen, und zwar sehr
vorsichtig, wie es nun einmal Lyleths ruhige Art war. Er
bemerkte, dass Ardjun doch wahrhaftig sehr stolz auf das Ansehen
seines Enkels sein könne. Doch Ardjun hatte nichts darauf
erwidert, sondern nur undeutlich etwas von Weichling
gemurmelt.
Es hatte keinen Zweck, Ardjun von etwas überzeugen zu wollen,
wovon er nicht überzeugt werden wollte, also gab Lyleth es auf.
Er musste sich darauf beschränken, Ardeth vor der Wut des
Großvaters fernzuhalten. Wenn Ardeth nach ihm fragte,
entschuldigte Lyleth ihn durch seine viele Arbeit, die er zu tun
hätte. Zum Glück fragte der Junge nicht oft, da sein Großvater
für ihn sowieso immer nur der unerreichbare oberste Anführer
der Medjai gewesen war wie für alle anderen auch. Er
hatte zum Glück noch seinen anderen Großvater, Arianda Setlata,
der sich sehr um Ardeth bemühte. So weilte Ardeth oft am
Lagerfeuer der Großfamilie Setlata. Arianda hatte zwei
Schwestern und einen Bruder. Die beiden Schwestern hatten den 12.
Stamm verlassen: eine war Kriegerin im Tempeldienst geworden, die
andere hatte den ersten Sohn namens Chufu des Anführers des 9.
Stammes geheiratet, der aber früh ums Leben gekommen war, sodass
die Nachfolge auf seinen Bruder Haras übergegangen war. Aus der
Ehe mit Chufu waren immerhin vier Kinder hervorgegangen. Die
ältere der beiden Mädchen war fast elf Jahre älter als Ardeth,
war eine ausgebildete Kriegerin und als eine Setlata-Tochter
Leibwächterin bei Lady Bay geworden. Auch sie weilte oft beim
Setlata-Clan, denn die Brüder Arianda und Wirianda waren ja ihre
Onkel. Arianda hatte außer Leyrah noch den Sohn Namdun, der
inzwischen auch dreifacher Vater war, ein viertes Kind war
unterwegs. Die drei Söhne Walgyn, Karim und Baranta waren noch
klein, keiner war in der Kriegerausbildung. Sie waren Ardeths
Cousins und würden später sicherlich seine Kommandanten werden.
Wirianda war der jüngste Onkel von Leyrah, er hatte fünf
Kinder, von denen das älteste, ein Sohn namens Kurianda, bereits
seit einem Jahr verheiratet war. Er war einer der Leibwächter
von Lyleth Bay. Auch seine beiden Zwillingsschwestern Nara und
Ninina waren bereits mit ihrer Kriegerinnenausbildung fertig.
Nara lebte im 9. Stamm und lernte dort den Dienst als jüngste
Leibwächterin der Lady Marasith Gharan quasi im Austausch
für ihre Cousine. Ninina lebte noch im 12. Stamm, aber Leyrah
hatte ihren Bruder gebeten, sie möglichst bald und gut zu
verheiraten. Ihr Bruder Hante war zwei Jahre älter als Ardeth,
und das letzte Kind von Wirianda war Farani, die ein halbes Jahr
jünger war, daher in der gleichen Ausbildungsgruppe wie Ardeth.
Die beiden hatten viel miteinander zu tun und vertrugen sich gut.
Arianda hörte seinen Enkeln Hante, Farani und Ardeth mit
Vergnügen zu, wenn sie vom Leben im Anubis-Lager berichteten. Es
waren harmonische Abende und Ardeth weilte gern hier.
Die Medjai-Gesellschaft bestand seit mehr als 1500 Jahren aus
zwölf Stämmen, die untereinander regen Austausch hielten,
einander halfen, aber auch ihre Eigenheiten gegenüber anderen
Stämmen bewahrten. Es war meistens den Kriegern vorbehalten,
andere Stämme zu besuchen oder in anderen Orten mit Migliedern
anderer Stämme zusammenzutreffen. Auch die Anführer und einige
Mitglieder des Hochadels besuchten andere Stämme regelmäßig,
schon allein aus heiratspolitischen Gründen, Frauen und Kinder
der normalen Bevölkerung jedoch weniger. Eine Ausnahme stellten
dabei die jährlich stattfindenden Wettbewerbe statt. Da die
Medjai sehr zurückhaltend lebten und ihre wichtige Aufgabe
bewusst im Verborgenen ausübten, beteiligten sie sich nicht an
volksübergreifenden Wettbewerben mit Pferden und Kamelen und
dergleichen. Doch untereinander veranstalteten sie solche
Wettbewerbe, dann wurd ausgefochten, wer der beste zu Pferd war,
wer am besten im Schwertkampf war, den Speer schleudern konnte
und so weiter. Jedes Jahr fand dieser Wettkampf in einem anderen
Stamm statt. Zuvor hatte jeder Stamm seine eigenen Mitglieder
antreten lassen, um die besten zum Stammes-Wettkampf zu schicken.
Schon die Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr nahmen daran
teil. Der Wettkampf war auch nach Altersstufen eingeteilt. Sahin,
Ardeths Kamerad, gelang es, den zweiten Platz beim
Geschicklichkeitsreiten zu erringen und somit zu den Wettkämpfen
zu reisen, die in diesem Jahr im 5. Stamm stattfinden sollten.
Darauf freuten sich alle Sieger sehr, denn der 5. Stamm war eine
der beiden Oasen, die die Medjai bewohnten, ein Paradiesgarten
inmitten der Wüste sozusagen. Da jeder Sieger sich drei seiner
Kameraden aussuchen sollte, die ihn begleiten durften, kamen
Ardeth und zwei weitere Freunde namens Garath und Jarom in den
Genuss, mit zum 5. Stamm zu reisen. Auch Familienmitglieder aus
Sahins Familie durften ihn begleiten. Alle waren sehr stolz auf
Sahin, und natürlich würden alle mitgereisten Athleten und
Stammesmitglieder des 12. Stammes den Jungen anfeuern, wenn er an
die Reihe käme. Sahin war sehr aufgeregt.
Wie immer wurde dieses Ereignis ein großes Fest. Der 5. Stamm
behergte Hunderte an Athleten und Mitgereisten aus den anderen
elf Stämmen. Lord und Lady Meranmose begrüßte alle aufs
Herzlichste. Sie schienen Ardeth sehr jung und doch war ihr
erster Sohn Gatyreth etwas älter als er selbst. Doch der
natürliche Umgang und die Freundlichkeit des Fürstenpaares
überraschte Ardeth doch sehr, der von zu Hause anderes gewohnt
gewesen war. Natürlich hatte ihn seine Mutter vorher ins Gebet
genommen, sich Lord und Lady Meranmose gegenüber zu benehmen. Er
verhielt sich den beiden gegenüber daher sehr eingeschüchtert,
als er die Grüße seines Großvaters und seiner Eltern
überbrachte. Gatyreth persönlich zeigte den drei jüngsten
Teilnehmern aus dem 12. Stamm und ihren Gästen die Quartiere.
Sie waren einfach, aber alle fanden es einfach herrlich in der
Oase. Ardeth erinnerte sich daran, dass Gatyreth ungefähr ein
Dreivierteljahr älter war als er und wunderte sich darüber,
dass er noch das beige Gewand trug. Er nahm sich ein Herz und
fragte:
Gatyreth, bist Du nicht schon 12?
Garyeth grinste. Fast. Übermogen habe ich
Geburtstag.
Alle, die zugehört hatten, schauten auf. Der Sohn der Meranmoses
wurde übermogen 12? Ein großes Ereignis! Er würde beschnitten
werden und in die zweite Ausbildungsphase wechseln.
Das gibt bestimmt eine große Feier!, kommentierte
Jarom vorfreudig.
Gatyreth verneinte. Meine Eltern möchten nicht, dass mein
Geburtstag im Vordergrund steht. Die Spiele finden doch statt.
Und in einer Woche, wenn alles vorbei ist und unsere Gäste
wieder abgereist sind, werden wir nur im engsten Familienkreis
feiern. Sie wollen kein Aufsehen machen.
Ardeth staunte. Er stellte sich vor, was sein Großvater
veranstaltet hätte, wenn er während des zu Hause stattfindenden
Wettbewerbs Geburtstag gehabt hätte.
Deine Eltern sind total nett, gab er ehrlich zu.
Sag mal, was ist eigentlich mit deinen Großeltern? Sie
leben doch noch... Er spielte auf die Position der
Stammesfürsten an, die Gatyreths Eltern innehatten.
Mein Großvater ist fast erblindet, daher kann er die
Aufgaben eines Anführers nicht mehr wahrnehmen. Und meine
Großmutter meinte, ein jüngeres Paar könnte für frischen Wind
sorgen. Sie möchten dich übrigens gern wiedersehen. Zuletzt
haben sie dich vor sechs Jahren gesehen, haben sie mir
erzählt.
Ardeth kam der Einladung gern nach und war auch von Gatyreths
Großeltern begeistert. Wie herzlich sie ihn in ihre Arme
schlossen! Wie sehr sie von seinem Vater schwärmten! Lange saß
er bei ihnen und erzählte ihnen vom 12. Stamm. Gatyreth war auch
anwesend und bediente seine Großeltern und Ardeth. Es dauerte
nicht lange und die beiden Jungen verglichen ihre Ausbildung
miteinander und erzählten sich die schönsten Anekdoten über
ihre Lehrer und das Anubis-Lager. Die Großeltern hörten
interessiert zu und lachten aus vollem Herzen mit, sie fühlten
sich an ihre Ausbildungszeit erinnert.
Siehst du, es hat sich nichts verändert!, meinte
Gatyreths Großvater zu seiner Frau und schlug sich vor Freude
die Hände auf die überkreuzten Beine.
Was soll sich denn jemals bei den Medjai verändern,
Kiru?, erwiderte sie und alle lachten.
Nach einer Stunde gesellten sich Gatyreths Eltern dazu. Doch
Ardeths anfängliche Befangenheit ihnen gegenüber wich bald,
denn sie benahmen sich genauso natürlich wie die Großeltern und
lachten und scherzten mit den beiden Jungen.
Ardeth, sprach ihn Lady Meranmose am Ende an,
jetzt wo du schon mal hier bist, möchtest du nicht noch
bleiben bis wir Gatyreths Geburtstag feiern? Das geschieht gleich
nach den Spielen.
Wirklich gern, Lady Meranmose! Doch ich muss erst unseren
Meister um Erlaubnis fragen.
Ardeth erhielt die Erlaubnis des Meisters. Zwei Krieger, die hier
im 5. Stamm Verwandte hatten und auch gern länger bleiben
wollten, sollten später mit ihm zurückreisen. Ardeth freute
sich sehr darüber.
Sie verbrachten wundervolle Tage im 5. Stamm. Lautstark feuerten
jede Stammesmitglieder ihre Athleten an. Sahin gewann in einem
Feld von 36 Jungen den 5. Platz und war sehr stolz. Etwas traurig
war er, dass er nicht mit Ardeth im 5. Stamm bleiben konnte, als
die Spiele vorbei waren, doch er verstand, dass nur Ardeth
eingeladen war. Ardeth und Gatyreth verabschiedeten die Karawane,
die Mitglieder der Nordstämme in ihre Heimat zurückbringen
sollte. Dann hatten sie frei, da am nächsten Tag Gatyreths
Beschneidung stattfinden sollte. Sie spielten Senet, beobachteten
die erwachsenen Krieger und planschten in einem der See. Gatyreth
staunte nicht schlecht, dass Ardeth schwimmen konnte und der
erzählte ihm viel von seinem wunderbaren Onkel Leslie. Als es
dunkel und damit kälter wurde, spazierten sie durch die Oase.
Ardeth blieb erstaunt stehen, als er mitten im Ort Wachen
erblickte, die auf irgendetwas aufzupassen schienen. Er fragte
Gatyreth danach, der ihm erklärte:
Die Oase ist ein Ort, der Reisende zum Verweilen einlädt.
Der Bereich vor uns ist für Durchreisende gedacht.
Ardeth unterbrach Gatyreth erstaunt: Es dürfen Fremde in
euren Stamm?
Ardeth wusste zumindest von den Nordstämmen, dass jeder Zutritt
zum eigentlichen Stammesgebiet Fremden streng verboten war und
Fremde, die dennoch aus bestimmten Gründen Zutritt wünschten,
eine Ausnahmegenehmigung des jeweiligen Stammesfürsten
bedurften, die aber nicht oft erteilt wurde. Die Medjai-Orte
unterlagen der Geheimhaltung.
Daher stehen diese Männer ja Wache. Kein Fremder darf hier
hinein. Dort drüben aber dürfen Fremde rasten. Das können wir
ihnen nicht verwehren.
Ardeth blickte neugierig in das von Gatyreth gewiesene Gebiet. Es
war nicht sehr groß, praktisch das letzte Stück der Oase.
Dürfen wir denn hinaus?
Ja, klar, denn auch das Gebiet gehört zum Stamm. Es wohnen
sogar Medjai dort, die dort Getreide, Obst und Gemüse
anbauen.
Ardeth wusste, dass unter anderem aus dieser und einer anderen
Oase die Medjai-Stämme mit Lebensmitteln versorgt wurden.
Aber die Krieger müssen sich jenseits dieser Grenze
verhüllen, fuhr Gatyreth fort und nickte freundlich den
Wachen zu, als sie sie passierten.
Ardeth besah sich die Zelte der hier lebenden Medjai. Es waren
allesamt Bauern, kein Erwachsener trug ein Kriegergewand oder war
tätowiert. Ein Stück weiter vorn erblickte er ein Lagerfeuer,
um das Menschen versammelt waren. Auch Tiere lagerten dort nahe
am Ufer des kleinen Sees. Gatyreth war seinem Blick gefolgt.
Dort drüben, das sind keine von uns.
Ardeth war viel zu neugierig, als jetzt umzukehren. Sie
schlenderten langsam an dem Biwak vorbei unter den
amüsierten Blicken des Mannes, der hier mit seiner Familie
lagerte. Auch sein 13jähriger Sohn warf den beiden Medjai-Jungen
neugierige Blicke zu.
Wollt ihr euch eine Weile zu uns setzen und mit uns Tee
trinken?, sprach er sie auf Arabisch an.
Eine Einladung zum Tee schlug man nicht aus und Ardeth kam sie
sehr gelegen. Er freute sich wirklich darüber und bejahte
sofort. Auch Gatyreth lächelte die Fremden an. Die Familie
bestand aus dem Mann, seiner Frau und vier Kindern, wovon der
13Jährige der älteste war. Die anderen drei waren Mädchen und
scharrten sich dicht um die Mutter. Der Mann reichte den beiden
Jungen Becher mit Tee. Sie bedankten sich und tranken.
Wo kommen Sie her?, wollte Ardeth wissen.
Aus dem Norden. Wir haben unsere älteste Tochter
verheiratet. In dem Stamm, aus dem auch meine Frau stammt.
Ardeth fragte neugierig nach: Ein Stamm? Beduinen?
Der Mann nickte und wies auf die Kamele, die vor ihrem Futter
saßen, wobei jeweils ein vorderes Bein so gebunden war, dass das
Kamel zum Knien bzw. Sitzen gezwungen war.
Schau, was für ein schöner Brautpreis!
Der Mann war sichtlich stolz, während seine Frau, die einen mit
Schmuck behängten Gesichtsschleier trug, der nur die Augen frei
ließ, das jüngste Kind in den Armen wiegte und nicht aufsah.
Ardeth, der bislang der Auffassung gewesen war, es gäbe nur die
Medjai in dieser Wüste, wollte genauer wissen, was es mit den
Beduinen auf sich hatte.
Sie sind auch Beduinen?
Der Mann grinste Ardeth an. Ja! Sieht man uns das etwa
nicht an?
Gatyreth war mit dem Umgang dieser Leute etwas vertrauter als
Ardeth, und bevor dieser den Mann mit weiteren Fragen belästigen
konnte oder eine peinliche gar stellte, erklärte Gatyreth seinem
Freund:
Diese Familie gehört zu den Bedja-Beduinen. Das kann man
an ihrer Kleidung sehen. Die Männer tragen eine Weste über der
Galabea. Dann wandte er sich an den Mann: Mein Freund
hier ist bei uns zu Besuch, er kennt keine Bedja-Beduinen.
Ardeth sah Gatyreth völlig verwirrt an. Sein Vater hatte ihm
doch vor vielen Jahren erzählt, dass sie selbst Bedja-Beduinen
seien. Er schaute von Gatyreth zu dem Mann und wieder zurück,
dann platzte es aus ihm heraus:
Aber Gaty, wir sind doch auch Bedja-Beduinen!
Gatyreth und der Mann sahen Ardeth an, der erste leicht entsetzt,
der zweite leicht verärgert. Sogar die Frau schaute auf. Ardeth
fühlte sich sofort etwas unwohl.
Das wüsste ich aber, dass ihr Bedja seid!, schien
der Mann halb zu schimpfen, und fast gleichzeitig stotterte
Gatyreth: Nein, Ardeth, du hast da etwas falsch verstanden,
glaub ich..., während der Mann inzwischen in seiner
Bedja-Sprache vor sich herschimpfte. Ardeth sah ihn irritiert an,
er verstand die Sprache, seine Mutter hatte sie ihn gelehrt. In
dergleichen Sprache rief er erstaunt: Aber ich verstehe Sie
doch! Und mein Vater hat mir erklärt, dass wir alle von dem
gleichen Volk abstammen! Und wir sprechen übrigens...
Weiter kam er nicht, da Gatyreth ihm mit dem Ellenbogen einen
Rippenschubser verpasste und ihm damit zu verstehen gab, dass er
lieber den Mund halten sollte.
Wir sollen vom gleichen Volk abstammen?, fragte der
Mann kopfschüttelnd nach. Nein, nein, ich kann mich nicht
an so eine Geschichte erinnern. Wir leben in der Nähe von Amada
schon seit einer Ewigkeit. Auch die Nachbarstämme meines Stammes
haben nichts mit euch gemein. Nach Süden hin, weit hinein in
andere Länder, gibt es noch andere Bedja, wurde mir erzählt,
und zur Küste hin beim Gebel Elba. Aber ihr hier, ihr seid
Söldner des Vize-Königs von Ägpyten, aber keine Bedja.
Der Mann war sichtlich stolz, ein Bedja zu sein. Es gefiel ihm
sichtlich nicht, mit den geheimnisvollen Kriegern, die
kontaktscheu waren und von denen gewiss nichts Gutes ausgehen
konnte, in einen Topf gesteckt zu werden.
Gatyreth kannte die Geschichte der Bedja genauer, da er näher am
Bedja-Gebiet wohnte als Ardeth. Ja, jetzt ist es so, aber
früher war es anders, erzählte er. In meinem Stamm
erzählt man sich, dass unsere Vorfahren vor vielen tausend
Jahren von weither über das Rote Meer gekommen waren. Sie
ließen sich in der östlichen Wüste nieder. Sie waren Nomaden,
hielten Herden und waren des Kampfes fähig.
Jetzt fiel auch Ardeth ein, was ihm sein Vater einst darüber
erzählt hatte.
Es ist so lange her, dass sich die heutigen Bedja nicht
mehr daran erinnern, belehrte Gatyreth den Mann, der ihm
staunend zuhörte, denn es gab viele Vorkommnisse und das
Volk der Bedja wurde gespalten: jene, welche Tiere hielten und
jene, welche kämpften. Die letzteren dienten den Ägyptern und
lebten lange Zeit in Waset und Abu, bis sie von dort vertrieben
worden sind. Jene sind unsere Vorfahren. Sie sind schließlich in
diese westliche Wüste gegangen. Die Vorfahren der Bedja sind die
Wüstenbewohner, die die Tiere gehütet haben.
Der Mann schaute Gatyreth ungläubig an.
So wurde es uns erzählt, fügte er entschuldigend
hinzu. Es gibt bei uns einen Stamm, der engere Kontakte zu
den Bedja hält.
Der Mann schüttelte mit dem Kopf. Das war ihm nicht bekannt.
Es ist ein Stamm im Süden, nahe Aswan, das einst Abu
hieß. Dieser Stamm lebte einst noch näher an dem heutigen Ort
Kalabscha.
Der Shimalo-Stamm!, entfuhr es Ardeth. Gemeint war
damit der dritte Stamm, der die Aufgabe hatte, die Stätten in
der Gegend, die sich früher Shimalo oder auch Talmis nannte, zu
bewachen. Der Begriff war auch dem Bedja bekannt.
Mir scheint, wir haben tatsächlich einige
Gemeinsamkeiten, gab er zu. Ich weiß davon nicht
viel. Ich ziehe mit meiner Familie und der meines Bruders umher
und wir haben unsere eigenen Sorgen. Aber jetzt haben wir die
Kamele, damit haben wir ausgesorgt. Das war ein gutes
Geschäft!
Gatyreth wollte endlich das unliebsame Thema beenden und ein
anderes beginnen, um abzulenken.
Wieviele dieser Kamele haben Sie als Brautpreis
erhalten?
Alle beide!, verkündete er stolz und fügte hinzu:
Meine Frau hat meinen Vater damals nur ein Kamel gekostet.
Er hat sie damals aus dem gleichen Stamm geholt, in den ich meine
Tochter verheiratet habe. Das war damals schon so ausgemacht
gewesen. Mein Vater war sehr klug gewesen.
In dem Moment kam Gatyreths drei Jahre jüngere Schwester Syukar
angelaufen. Sie war noch nicht in der Ausbildung und trug ein
dreiviertellanges einfaches Kleid. Die Haare flatterten um ihren
Kopf.
Hier seid ihr!, rief sie. Ich suche euch schon
die ganze Zeit. Dann wurde sie der Beduinen-Familie gewahr.
Oh, guten Tag!
Der Mann nickte, ein deutliches Missfallen lag in seinem Blick.
Mutter will, dass du kommst, um dich vorzubereiten.
Gatyreth verzog den Mund. An seine bevorstehende Beschneidung
erinnert zu werden, gefiel ihm gar nicht. Man bekam zwar
Geschenke, aber es tat auch weh.
Mein Freund wird morgen beschnitten!, verkündete
Ardeth dem verwunderten Mann.
Aber er ist doch bestimmt schon 12!, entfuhr es dem
Mann leicht entsetzt, und sein Sohn krähte mit überlegenem
Tonfall: Ich bin schon seit 5 Jahren beschnitten und ein
richtiger Mann!
Sein Vater nickte zufrieden.
Komm jetzt, drängte Syukar. Du weißt, dass
man Mutter nicht warten lässt.
Hast du keinen Vater mehr?, fragte ihn der Beduine.
Doch, erwiderte Gatyreth verwundert, während er
aufstand.
Der Mann schüttelte unbilligend mit dem Kopf. Syukar ergriff die
Hand ihres Bruders und zog ihn mit sich mit.
Vielen Dank für den Tee, verabschiedete sich Ardeth
und folgte den Geschwistern.
Syukar hetzte ihren Bruder, aber es dauerte fast zwanzig Minuten,
bis die drei im Laufschritt das Zelt der Meranmoses erreicht
hatten. Während Lady Meranmose im Zelt mit Gatyreth sprach,
setzte sich Ardeth zu dessen Vater, der vor dem Zelt auf seine
Familie wartete. Ardeth registrierte, dass auch dieses Mal kein
Leibwächter oder persönlicher Diener in der Nähe war. Lord
Meranmose saß hier ganz allein. Freundlich fragte der Lord, was
die beiden Jungen den ganzen Tag so gemacht hätten und Ardeth
berichtete mit aufrichtiger Begeisterung, denn das unbeschwerte
Leben in der schönen Oase im 5. Stamm gefiel ihm sehr. Lord
Meranmose musste schmunzeln, denn er wusste, dass es im 12. Stamm
strenger zuging und dass man dort ebenso wie im 1. und 2. Stamm
darauf achtete, dass die alten Zeremonialprotokolle eingehalten
worden. Die drei Stämme wetteiferten geradezu darum, die
pharaonischen Tradtionen aufrecht zu halten. Während aber der
Nordstamm das strenge Hofprotokoll durchexerzierte, legten die
beiden Südstämme vor allem auch Wert darauf, dass das
alltägliche Leben sich nach dem alt-ägyptischen Vorbild
orientierte. Natürlich waren diese Lebenskonzepte auch in den
anderen neun Stämmen präsent, doch nicht so bestimmend stark
wie bei den anderen drei. Ob es daran lag, dass die drei Stämme
in den unwirtlichsten Wüstengegenden leben mussten, weil sie
ganz bestimmte Aufgaben wahrzunehmen hatten? Lord Meranmose
ertappte sich dabei, gedanklich abzuschweifen, während Ardeth
schon von der Begegnung mit den Bedja erzählte. Er fragte
abschließend:
Lord Meranmose, könnt Ihr mit vielleicht sagen, ob die
Bedja und wir wirklich gemeinsame Vorfahren haben?
Lord Meranmose bestätigte dem Jungen die Geschichte, die zuvor
Gatyreth dem Beduinen vorgetragen hatte.
Sechs Jahrtausende sind vergangen, nachdem unsere Vorfahren
eingewandert sind. Sie haben sich zur gleichen Zeit im Niltal
niedergelassen wie andere Menschen, die später behaupteten, sie
seien die eigentlichen Ägypter. Sie sind ebenso wie unsere
Vorfahren vor der Versandung ihrer Gebiete geflohen. Aber es ist
sehr, sehr lange her, Ardeth, und die Bedja können sich nicht
mehr an all das erinnern. Seit wir als Eliteeinheit an den Hof
des Pharaoh gezogen sind, sind wir getrennte Wege gegangen.
Einige wenige Bedja gibt es, die über die Jahrhunderte mit uns
verbunden sind und uns auch geholfen haben. Es waren zumeist
jene, welche ganz in der Nähe der heiligen Orte unseres Volkes
gelebt haben.
Ja, Gaty erwähnte den dritten Stamm in dem
Zusammenhang.
Stimmt, Vorfahren von Mitgliedern des dritten Stammes haben
früher in Shimalo residiert und regiert. Sie haben tatsächlich
noch heute engen Kontakt zu den Bedja, die auch in dem Gebiet
lebten und auch noch heute unweit des dritten Stammes
umherziehen. Es gibt sogar einen regen Brauttausch zwischen dem
dritten Stamm und den Bedja, die von Sheik Muhammad Asli
angeführt werden.
Ein Anführer heißt bei den Bedja Sheik?
Ja, er ist sogar das Oberhaupt mehrerer Stämme. So wie
Dein Großvater, Ardeth. Allerdings ist es immer der
Stammesälteste und es gibt daneben auch noch den
Kriegshäuptling, den Akid, und den Kadi, der für die
Rechtssprechung zuständig ist. Bei uns ist ein Anführer dagegen
für alle Bereiche zuständig.
Also der Älteste wird automatisch ihr Anführer? Warum ist
es denn so anders als bei uns?
Innerhalb der vielen tausend Jahre sind andere Systeme
entstanden. Wir richten uns nach den Gesetzen Kemets. Sheik, Akid
und Kadi stammen dagegen aus dem islamischen Bereich.
Ach, und deshalb dürfen wohl auch die Frauen der Bedja
nicht reden?
Lord Meranmose sah Ardeth etwas irritiert an, er wusste nicht,
worauf er hinauswollte.
Naja, die Frau dieses Bedja sprach überhaupt nicht. Sie
schien sehr eingeschüchtert.
Ich glaube nicht, dass es bei allen Bedja so ist. Ich kenne
Stammesmitglieder, wo Frauen eine ganz eigene soziale Stellung
haben, ihnen gehört das Zelt, und wenn sie ein Tuch in einer
bestimmten Farbe davor hängen, darf der Ehemann nicht hinein.
Hm, auch bei uns gibt es Unterschiede. Unterschiede zwischen den
Stämmen und auch innerhalb eines Stammes... hm, denke mal an den
11. Stamm. Dort gibt es keine Kriegerinnen und Frauen haben dort
keine Stimme. Sie sind rechtlich das Eigentum des Mannes und er
kann mit seiner Frau und Töchtern verfügen, wie er
möchte.
Was bedeutet das, keine Stimme zu haben?
Es gibt im 11. Stamm keinen Rat der Frauen wie bei euch im
12., und wenn ein Mann stirbt, ist sein Sohn der Clan-Chef und
nicht die Witwe, also das älteste Familienmitglied, wie sonst.
Die meisten Rechte haben die Frauen in den Südstämmen. Man kann
sagen, sie haben die gleichen Rechte und Pflichten wie die
Männer dort. Naja, wie dem auch sei, auch bei uns im 5. Stamm
müssen sich Frauen den Männern unterordnen und bei euch ist das
doch auch nicht anders. Nur haben die Frauen bei uns Medjai
generell mehr Rechte als in den Städten, denn wir richten uns ja
nach den altehrwürdigen und gerechten Gesetzen Kemets. Ich
glaube, wenn wir Medjai nicht unsere gemeinsame Aufgabe hätten,
würden wir auch schon seit vielen Jahrhunderten in verschiedene
Gemeinschaften verfallen sein, so wie die Bedja. Da wir diese
Aufgabe haben, müssen wir hierbleiben und uns irgendwie
vertragen. Lord Meranmose lächelte leicht gequält, er
dachte an all die Differenzen, die unter den 12 Stämmen
herrschten. Ich weiß, dass deine Mutter daran arbeitet,
dass alle Medjai-Kinder mehr lernen müssen über ihre Geschichte
und ihre gemeinsamen Stärken und nicht nur die Kinder der höher
gestellten Kinder. Sie möchte das auch in den anderen Stämmen
durchsetzen. Das wäre sehr gut, wenn es ihr gelingen
würde.
Ardeth nickte. Ihm war bekannt, dass seine Mutter viel für die
allgemeine Bildung tat. Er selbst musste so viel lernen, dass es
ihm schon zuviel vorkam. Ardeth dachte dabei auch an die absolut
unangefochtene Stellung seiner Mutter nach. Jeder ging vor ihr
auf die Knie, niemand wagte, ihr zu widersprechen.
Warum wird meine Mutter denn so von allen Kriegern
gefürchtet, wo sie doch nur eine Frau ist?
Lord Meranmose wusste, dass seine Antwort mit Bedacht erfolgen
musste.
Deine Mutter ist Lady Bay. Da dein Großvater keine Frau
genommen hat, nimmt sie die Position der Ersten Dame ein, also so
etwas wie eine Königin aller Medjai. Daher wird sie so
verehrt.
Aber ein Lord Bay sollte doch mehr zu sagen haben als eine
Lady Bay, nicht wahr?
Äh...ja, Ardeth, an für sich schon.... Er wusste,
was Ardeth gleich sagen würde.
Meine Mutter hat aber mehr zu sagen als mein
Großvater!
Also, das sieht vielleicht so aus, weil deine Mutter sehr
aktiv ist und sich sehr für die Belange der Medjai einsetzt.
Aber tatsächlich kann dein Großvater deiner Mutter Befehle
erteilen und nicht umgekehrt.
Ardeth sah Lord Meranmose skeptisch an.
Und eines Tages wird mein Vater dann Lord Bay sein,
ja?
Ardeth, das ist er schon heute: Lord Bay. Aber eben Lord
Lyleth Bay. Und solange dein Großvater im Amt bleibt, muss er
ihm gehorchen.
Und muss mein Vater auch Lady Bay gehorchen?
Lord Meranmose wurde es etwas heikel mit dem fragenden Ardeth,
der hier und jetzt anscheinend die Familienverhältnisse klären
wollte.
Also, wie soll ich dir das erklären? Hm... eigentlich
schon, aber er ist ja auch ihr Mann, und daher ist sie ihm zu
Gehorsam verpflichtet. Trifft sie allerdings eine militärische
Entscheidung, muss er ihr gehorchen. Aber, glaube mir, Ardeth,
deine Eltern haben keine Probleme mit der Autoritätsverteilung
in ihrer Ehe.
Glaub ich auch nicht. Vati tut sowieso alles, was Mama
will.
Lord Meranmose wollte dazu lieber keinen Kommentar abgeben.
Ardeth durchzog noch ein Geistesblitz, ja, eins wollte er noch
wissen.
Mal angenommen, ich werde eines Tages Lord Bay, also der
Anführer. Muss meine Mutter dann mir gehorchen?
Ardeth..., knurrte Lord Meranmose amüsiert.
Frag das lieber nicht!
Ardeth wechselte nach seinem 12. Geburtstag innerhalb des
Anubis-Viertels in ein anderes Zelt, Binse 7. Jetzt
waren sie nur noch zu viert und sie wurden sehr schnell zu einem
eingeschworenen Haufen. Sie trugen jetzt grüne, gegürtete
Gewänder und fühlten sich schon richtig erwachsen. Sie mussten
ihre Reit- und Kampfkünste perfektionieren, das nahm nach wie
vor die meiste Zeit in Anspruch, doch da sie nun nicht mehr die
niederen Dienste versehen mussten, sondern sich nur noch um ihre
eigenen Pferde zu kümmern hatten, übernahmen sie schon mal in
Gruppen Wachdienste. Alle Jungen und Mädchen mussten nun auch
rudimentär Fremdsprachenkenntnisse erwerben, um sich in den
Städten, in denen Medjai stationiert waren, mit der Bevölkerung
und mit Fremden, die ja zahlreich in Ägypten in der Zeit
vertreten waren, verständigen zu können. Ardeth wurde dagegen
von seiner Mutter nach wie vor mit Lektüre versorgt, die er zu
lernen hatte. Die Jungen mussten auch lernen, Entbehrungen zu
ertragen. Auch die Lektion, Schmerzen zu ertragen, wurde
verschärft, da unter der Folter nichts von den Geheimnissen der
Medjai verraten werden durfte. Die mentalen Fähigkeiten wurden
ebenso intensiviert. Innerhalb dieser Ausbildungsphase erhielt
Ardeths junges Leben einen tiefen Einschnitt.
Die Sonne war bereits am Versinken und wie fast jeden Abend
versammelten sich Ardeth, Sahin, Garath und Jerom, die zusammen
Binse 7 bewohnten, um ein Lagerfeuer im
Anubis-Viertel, speisten und tranken anschließend ihren Tee. Es
gesellten sich oft andere hinzu. Ardeth erzählte die
Geschichten, die er von seinem Vater kannte. Dieses Mal war es
jedoch Farani Setlata, die eine Geschichte zum besten gab, doch
sie wurde jäh unterbrochen. Ein Krieger stürzte auf das
Lagerfeuer zu und rief:
Ardeth, komm schnell! Dein Vater!
Er war so aufgeregt, dass kein Zweifel daran bestand, dass Lyleth
etwas Schlimmes zugestoßen sein musste. Ardeth sprang auf die
Füße und folgte dem Krieger. Die anderen Jungen und Mädchen
standen auf und sahen sich fragend an. Sie wagten nicht, Ardeth
zu folgen.
Der Krieger führte Ardeth zu dem öffentlichen Platz vor der
Tribüne. Dort befand sich ein Wachtrupp, der gerade
zurückgekehrt war. Auf den Pferden befanden sich Leichen, und
einige Verwundete hatte man zu Boden gelegt. Ärzte begannen eine
Notversorgung, bis die Verwundeten vorsichtig auf Tragen in ihre
Zelte gebracht wurden. Auch Lyleth lag auf dem Boden. Neben ihm
knieten ein Arzt und Leyrah. Ardeth kniete sich neben dem Arzt
beim Kopf seines Vaters hin und bekam gerade noch mit, wie der
Arzt Leyrah anschaute und leicht mit dem Kopf schüttelte. Sein
Gesichtsausdruck sprach Bände: Eine Behandlung hatte keinen Sinn
mehr. Ardeth sah erschrocken seinem Vater ins Gesicht. Lyleth
schien bei Bewusstsein, doch hatte er die Augen geschlossen.
Leyrah hielt seine Hand und schluckte mehrmals.
Papa, flüsterte Ardeth bange.
Lyleth schlug langsam die Augen auf und blickte Ardeth geradewegs
ins Gesicht. Trotz seiner Schmerzen lächelte er ihn an. Ardeth
streichelte behutsam seine Wange. Leyrah benetzte seine Lippen
mit etwas Wasser. Dankbar nahm Lyleth die Gabe an. Er öffnete
die Lippen, um zu sprechen, was ihm aber außerordentlich schwer
fiel.
Sei... tapfer..., wisperte er Ardeth zu. Seine Augen
fielen wieder zu und er schien erneut Kraft zu sammeln, um noch
etwas sagen zu können.
Weder Ardeth noch Leyrah ermahnten ihn zur Ruhe oder trösteten
ihn, er würde wieder gesund werden, denn beide wussten, dass es
Lyleths letzte Momente waren. Ardeth hätte laut schreien
können, sein Vater möge nicht sterben, aber er riss sich
zusammen und schluckte seine Verzweiflung genau wie seine Mutter
herunter, um seinen Vater einen friedlichen Tod zu gewähren.
Inzwischen war auch Ardjun aufgetaucht. Er stand hinter Ardeth
und sah mit schreckensgeweiteten Augen auf seinen Sohn herab.
Ringsherum standen viele Menschen, die entsetzt die Szene
beobachteten. Man hörte das Weinen von Frauen, die den Tod von
ihren Männern, Vätern und Söhnen beklagten.
Nach einer Weile öffnete Lyleth wieder die Augen. Seine noch
freie Hand ergriff die von Ardeth, so dass er mit seiner Frau und
seinem Sohn verbunden war. Er drückte beider Hände fest und
hauchte: Ich liebe... euch...
Seine Augen schlossen sich, dieses Mal für immer. Auf seinem
Gesicht lag ein leichtes Lächeln, so als wäre Lyleth sehr
glücklich darüber gewesen, vor dem Sterben noch einmal Leyrah
und Ardeth gesehen und sich verabschiedet zu haben.
Leyrahs Lippen zitterten. Mit ihrer linken Hand fühlte sie
Lyleths Puls, dann brachte sie weinerlich hervor:
Lyleth...Lyleth...
Sie wiederholte es bald ein Dutzend Mal, bevor sie laut aufschrie
und anschließend über seiner Brust zusammenbrach. Ardeth hatte
die ganze Zeit stumm daneben gekniet. Die Tränen liefen
unaufhörlich über seine Wangen. Als Leyrah sich über den
Oberkörper ihres Mannes legte und bitterlich weinte, schmiegte
er sich an sie und weinte ebenfalls herzzerreißend. Niemand,
auch nicht Ardjun, störte die beiden in ihrer Trauer.
Mittlerweile waren über hundert Menschen hier zusammengelaufen.
Sie standen stumm dabei und weinten ebenfalls. Lyleth war ein
guter Mensch gewesen, sie hatten ihn alle wegen seiner
friedensstiftenden, ausgleichenden Art sehr verehrt. Die Menschen
lagen sich in den Armen. Es war so still geworden, als hielte das
Universum seinen Atem an. Lord Lyleth Bay, der vielgeliebte
Nachfolger ihres Anführers und Hoffnungsträger seines Volkes,
war tot. Was sollte nun werden?
Es dauerte sehr lange, bis Ardeth sich langsam erhob. Er bemerkte
seinen Großvater hinter sich, dessen Gesicht tränennass war.
Während andere sich in den Armen lagen, stand er ganz allein.
Ardeth überlegte nicht lange, er stand auf und umarmte seinen
Großvater, der ihn ganz fest in die Arme schloss. Sie
schluchzten tief, denn beide hatten einen großen Verlust
erlitten: der eine seinen Sohn, der andere seinen Vater. Leyrah
sah erstaunt zu den beiden hin. Sollte der Tod von Lyleth Ardjun
endlich mit seinem Enkel aussöhnen? Sie war skeptisch, denn es
konnte sein, dass es eine vorübergehende Laune von Ardjun war,
den der Tod seines Sohnes tief getroffen haben musste. Leyrah
erhob sich. Sie umarmte Arianda, der hinter sie getreten war, um
seine Tochter zu trösten. Er weinte hemmungslos, da ihm Lyleth
immer sehr am Herzen gelegen und er viele Abenteuer mit ihm
erlebt hatte.
Arianda hatte zudem seinen Enkel Kurianda Setlata verloren,
Lyleths Leibwächter, der sich im Kampf schützend vor seinen
Herrn gestellt hatte. Die Familie von Wirianda hatte sich um
seinen Leichnam versammelt und die Mutter von Kurianda, seine
junge Frau und seine Schwestern Ninina und Farani, die Ardeth
sofort hinterher gelaufen war, beklagten laut schreiend seinen
Tod. Namduns Frau und Nepheri Setlata hatten sich ihnen
angeschlossen.
Namdun stand neben seiner Schwester, um ihr beistehen zu können.
Ardjun trat zu seinem toten Sohn und hob ihn auf, trug ihn zu
einem Unterstand, wo die Toten stets aufgebahrt wurden, bis sie
zu den entsprechenden Familiengruften gebracht wurden. Viele
lagen in der Nähe, doch die Gruft der Familie Bay lag ziemlich
weit entfernt. Man würde Lyleth in eine Art Sarkophag legen, den
man in die Gruft stellen würde. Ardjun bettete seinen Sohn
liebevoll auf einer Bahre, daneben lagen bereits Kurianda und die
beiden anderen toten Krieger. Es herrschte tiefe Trauer im 12.
Stamm.
Noch am gleichen Abend wurden Boten zu den anderen elf Stämmen
und nach Luxor, Kairo, Alexandria und anderen Orten ausgesendet,
die den Tod von Lyleth Bay bekannt gaben. Leslie reiste mit
seiner Familie per Eisenbahn nach Süden, um an der Beisetzung
seines Bruders teilzunehmen. Die Anführer der elf Stämme eilten
mit ihren Familien herbei. Ardeth lebte solange im Horus-Zelt, um
seiner Mutter in dieser schweren Zeit beizustehen. Sein
Großvater Arianda war oft anwesend und sprach lange und gut
über Lyleth. Es war noch einmal sehr schmerzhaft, als Leslie im
12. Stamm eintraf. Jeder wusste, dass er als Zwillingsbruder eine
besondere Beziehung zu seinem Bruder gehabt hatte. Lange stand er
neben dem aufgebahrten und mit einer Kampfermischung
einbalsamierten Lyleth, dessen Wangen aber schon eingefallen
waren, und redete leise und unter Tränen zu ihm. Er hatte noch
in Kairo seine Mutter darüber informiert, dass ihr Sohn
verstorben sei und Claire weinte sehr. Sie hatte ihren Sohn
Lyleth gar nicht richtig kennenlernen dürfen.
Die meisten Menschen nahmen von Lyleth Bay Abschied, als sein
Leichnam, nun verschlossen in dem Sarkophag, fortgetragen wurde.
Lyleth trug sein Kriegergewand, seine beiden Schwerter und hatte
eine Papyrusrolle als Grabbeilage erhalten, die Ardeth
geschrieben hatte. Gemäß der Tradition standen dort Texte aus
dem Buch des Übergangs geschrieben. Leyrah hatte ihren Sohn
früh mit den schwierigen Texten konfrontiert, sie ihn später
sogar auswendig lernen lassen. Was kein Ägyptologe jemals
herausfinden würde, wusste Ardeth, nämlich um die reale
Bedeutung der zwölf Jenseits-Prüfungen. Während der Trauerzeit
hatte Ardeth die Texte noch einmal für seinen Vater
niedergeschrieben.
Den letzten Weg begleiten nur einige Krieger, nämlich Freunde
von Lyleth, die den Sarkophag langsam auf einem Schlitten hinter
sich herzogen. Kurianda Setlata war schon tags zuvor beigesetzt
worden, sodass die Familienmitglieder des großen Clans Setlata
nun Lyleth die letzte Ehre erweisen konnten. So reisten die
Familien Bay, Setlata und die Stammesanführer mit ihren Familien
am nächsten Tag zur Gruft, die ähnlich den Grabanlagen im Tal
der Könige in den Fels gehauen war und sich tief in die Erde
neigte. Hier lagen viele Mitglieder der Familie Bay, die Gruft
hatte schon oft nach links oder rechts erweitert werden müssen.
So war mit der Zeit ein wahres Labyrinth entstanden.
Lüftungsschächte waren verborgen angebracht worden. Der erste
Raum war stets frei geblieben und mit Texten des Buches des
Übergangs versehen worden.. Er bildete den Zugang zum Grab. Hier
versammelten sich zur Beisetzung nur die engsten Verwandten des
Verstorbenen, die dann den Sarkophag an den für ihn bestimmten
Ort brachten und den Gang dorthin wieder versiegelten. In diesem
ersten Raum waren auch die Namen aller Bays eingetragen, die hier
ihre letzte Ruhe gefunden hatten, und zwar in der Reihenfolge,
wie sie hier beigesetzt wurden. Der letzte Name, der hier in
Hieroglyphen geschrieben war, war Ardeth Bay, der
Großvater von Lyleth, den er so verehrt hatte, dass er seinen
Sohn nach ihm benannt hatte. Er war aber wie alle Namen nicht als
Kartusche geschrieben, denn diese waren den Pharaonen
vorbehalten. Die Bays sahen sich in deren Abwesenheit zwar als
ihre Stellvertreter, ausgehend von der Position, die
Kanzler Bay einstmals innegehabt hatte, aber so anmaßend, dass
sie pharaonische Insignien für sich beanspruchten, waren sie
nicht.
Die Anführer der anderen Stämme hatten sich inzwischen
berichten lassen, wie es zum gewaltsamen Tod von Lyleth gekommen
war. Sein Wachtrupp war etwas entfernt vom 12. Stamm von
Wegelagerern überfallen worden, die sich in der Überzahl sahen
und nur deshalb einen Überraschungsangriff gewagt hatten. Dabei
waren insgesamt vier Medjai getötet und fünf verletzt worden,
doch die Angreifer waren allesamt niedergemetzelt worden und
hatten Aasgeiern zum Fraß gedient. Lyleth hatte tiefe Wunden im
Brustbereich erlitten, die man gleich an Ort und Stelle versorgt
hatte, aber alle wussten, dass er ihnen erliegen würde. So hatte
sich Lyleth den ganzen Weg zurück zum Stamm mühselig am Leben
gehalten, um noch einmal Frau und Kind zu sehen. Kurianda war
indessen sogleich gestorben.
Die Anführer diskutierten auch über die Zukunft des 12.
Stammes. Einige hatten gehofft, dass der fast 50jährige Ardjun
bald an Lyleth übergeben hätte, doch nun war ihre Hoffnung
zerschlagen. Ardeth war noch viel zu jung, selbst nach seiner
Ausbildung würde er noch jahrelang Erfahrung sammeln müssen.
Die nur sehr langsam vorankommenden Krieger kamen nach einigen
Tagen vor der Gruft an und übergaben den Sarkophag den schon
anwesenden, weil schneller vorangekommenen Ardjun, Leslie und
Arianda, die ihn vor die Gruft zogen. Ein letztes Mal
versammelten sich hier alle Anwesenden, um Lyleth das letzte
Geleit zu geben, dann zogen die drei in den ersten Raum der Gruft
und es folgten nur Leyrah, Ardeth, Nefrar und ihre drei Kinder.
Alle trugen die weißen Trauergewänder. Ardeth, Ismail und
Leyrah hielten Fackeln. Die Kinder und Leslie, die noch nie zuvor
hier gewesen waren, bestaunten den Raum, über dessen gegenüber
liegenden versiegelten Tür ein großer kauernder Anubis-Schakal
angebracht war. Dort war der Eingang zu dem eigentlichen
Grabgewölbe. Ardjun stimmte nun eine Art Totengesang an und
zählte Lyleths gesamte Abstammung auf, angefangen bei dem
Kanzler Bay, der sich zwar ein Grab am Großen Ort, auch Tal der
Könige genannt, hatte anlegen lassen dürfen, dessen Leichnam
aber auch hier beigesetzt worden war, da er am Hof in Ungnade
gefallen und hingerichtet worden war. Es dauerte sehr lang,
niemand wagte zu sprechen und vielen standen abermals die Tränen
in den Augen. Dann brach er das Siegel und zog mit Hilfe von
Arianda und Leslie den Sarkophag auf einem Schlittengefährt in
den dunklen Gang. Während Nefrar mit ihren Kindern, die noch zu
jung waren, im ersten Raum wartete, folgten Ardeth und Leyrah und
erleuchteten den Weg. Sie bogen bald nach links ab, wo ein
weiterer Gang tief ins Gestein hinab führte. Es war stickig in
dem Gang und sie mussten sich beeilen, denn allzu lange durften
sie in diesem sauerstoffarmen Grab nicht weilen. In den Nischen
konnten sie im Schein der Fackeln Sarkophage sehen. Die Gänge
waren roh in den Felsen gehauen, aber da sie tief unter der Erde
lagen, wurden die Leichen gut konserviert. Dennoch roch es
merkwürdig, je mehr sie sich ihrem Ziel näherten. Sie mussten
sich ducken, da sie zu groß für den Gang waren. Die drei
Männer stellten den Sarkophag in eine freie Nische, gleich nach
jener, in der die Sarkophage von Ardjuns Eltern Ardeth und
Cheychera Bay und ein Kindersarg, in dem Ardjuns jung
verstorbener Bruder ruhte, standen. Die Sarkophage waren der
Länge nach in die Tiefe der Ausschachtung geschoben worden. Man
konnte die Namen auf der Stirnseite der beiden nebeneinander
stehenden Sarkophage gut lesen und Ardeth erkannte den Schriftzug
seines Urgroßvaters sofort, denn es war ja auch der seine. Er
berührte zärtlich mit seiner Hand den großen Sarkophag. Ardjun
hielt den Kopf geneigt. Eigentlich wäre es sein Platz gewesen,
auf dem nun der Leichnam seines Sohnes ruhte. Er warf einen Blick
auf den Sarkophag seines Vaters und hatte auf einmal ein
schlechtes Gewissen. Sein Vater hatte seinem Sohn die Liebe
schenken müssen, die er selbst ihm verweigert hat. Wie war er
hart geworden! Und nun drohte das gleiche gegenüber seinem Enkel
zu geschehen. Und am Sarkophag seines Sohnes und seines Vaters
schwor er sich, dass er das ändern würde. Als die Gruppe kehrt
machte, nahm er den schluchzenden Ardeth bei der Hand. Leyrah sah
Leslie vielsagend an, beide gingen hinter Ardjun und Ardeth.
Arianda bildete das Schlusslicht, das war auch besser so, denn er
weinte nach wie vor hemmungslos. Zwei ihm sehr lieb gewordene
Menschen hatte er hier schon begraben müssen: seinen Herrn und
Freund Ardeth und seinen Schwiegersohn Lyleth. Er dachte an die
ferne Zeit zurück, als er mit Ardeth und dessen Freund Sandokan
vor dem Re-Zelt saß und sie den spielenden Kinder zuschauten. Wo
war die Zeit geblieben?
Die Tür zum Zugang wurde von Ardjun versiegelt. Nun war es an
Ardeth, den Namen seines Vaters unter den seines Urgroßvaters zu
schreiben. Leyrah reichte ihm eine Art Pinselstift, mit dem
Hieroglyphen geschrieben wurden. Er tunkte ihn in der schwarzen
Tinte ein und schrieb Lyleth Bay an die Wand. Sie verließen die
Bay-Gruft. Draußen hielten alle eine Art Leichenschmaus, der
inzwischen vorbereitet worden war. Noch am gleichen Tag kehrten
alle in ihre Heimatorte zurück.
Leslie hatte beschlossen, mit seiner Familie bis zum 10.
Geburtstages seines Sohnes im 12. Stamm zu bleiben. Zum einen
wollte er seinem Vater, Leyrah und Ardeth Trost spenden, zum
anderen erhoffte er sich, dass seine Frau Nefrar ein wenig von
ihren fundamentalistischen Überzeugungen abrücken würde.
Zumindest blühte ihre älteste Tochter so richtig auf. Ardjun
bemerkte Leslie und Nefrar gegenüber, dass sie sich prächtig
für eine Kriegerinnenausbildung eignen würde, doch Nefrar
lehnte entsetzt ab, woraufhin sie Ardjun verständnislos
anschaute. Als Leslie davon später Tanith berichtete, war sie
sehr aufgeregt. Sie wusste, dass ihr Großvater hier mehr zu
sagen hatte als ihre Mutter, und ihre Verwandte Farani Setlata
hatte ihr von dieser Ausbildung vorgeschwärmt und war viel mit
ihr und Ardeth in der letzten Woche zusammen gesessen. Da Taniths
10. Geburtstag erst wenige Monate her war, kam man überein, sie
jetzt in die Ausbildung zu geben. Tanith war selig, allerdings
war sie den anderen Mädchen gegenüber im Nachteil. Sie hatte
ihre Kindheit nicht in der Wüste verbracht und konnte noch nicht
einmal auf einem Esel reiten. Doch die anderen Mädchen, die in
ihrer Altersgruppe waren, halfen ihr sehr und bald hatte Tanith
viele Freundinnen und berichtete ihrem Vater an ihren freien
Tagen mit Begeisterung von ihrer Ausbildung.
Ardeth trat nicht gleich seine Ausbildung wieder an. Er widmete
sich seiner Familie und weilte oft in Ardjuns Zelt, der ihm
Geschichten aus seiner Kindheit erzählte, über seine Eltern
berichtete, über die turbulente Zeit, in der der Gazur-Clan
aufbegehrte, und er sprach viel von Lyleth. Der Tod seines Sohnes
hatte ihn verändert. Er war weicher geworden und freute sich
jedes Mal, wenn Ardeth ihn besuchte. Das Verhältnis zwischen
Großvater und Enkel wurde herzlich, doch seine Pflichten
überließ Ardjun mehr und mehr seinen Kommandanten,
Stellvertretern und vor allem Ardeths Mutter. Nach den vielen
anstrengenden öffentlichen Trauerfeiern ergab sich auch Leyrah
ihrem Schmerz und verbrachte viel Tage im Dunkel ihres
Horus-Zeltes. Nun wurde ihr richtig bewusst, dass der Platz an
ihrer Seite für immer leer bleiben würde. Doch sie war eine
starke Frau, und als ihr Ardeth nach zehn Tagen erklärte, er
würde seine Ausbildung fortsetzen müssen, nahm auch sie ihre
Pflichten wieder auf. Sie bemerkte bald, dass die Menschen sich
gegenüber Ardeth anders benahmen. Sie gingen auf ehrfürchtige
Distanz, denn sie hatten sich ausgerechnet, dass es keine zehn
Jahre dauern würde, bis aus dem jungen Ardeth ihr Anführer Lord
Bay werden würde. Leyrah missfiel diese Ehrfürchtigkeit. Als
Ardeth wieder im Anubis-Quartier weilte, ließ sie Ardeths
Meister zu sich rufen und ermahnte sie, auf Ardeths Ausbildung
streng zu achten und ihm keinerlei Sonderrechte zu gewähren. Sie
sollten ihn wie alle anderen behandeln oder besser noch strenger
als andere, was sie Leyrah zusagten und auch gar nicht anders im
Sinne hatten.
Leyrah ließ Ardeth die wichtigsten Werke ihrer und fremder
Kulturen auswendig lernen und gewährte ihm kein Pardon, wenn er
seine Aufgaben nicht oder fehlerhaft erledigt hatte. Als er
einmal die Lehren des Ptahhotep nicht einwandfrei aufsagen
konnte, durfte er ihr Zelt so lange nicht verlassen, bis er alles
lückenlos aufsagen konnte, und dabei hatte er sich an dem Tag
mit seinem Onkel Leslie verabredet. Er verzog schmollend seinen
Mund, denn auch in ihm steckte zuweilen das jugendliche
Bedürfnis nach Freiheit. Doch seiner strengen Mutter war sein
Gesichtsausdruck nicht entgangen. Dabei hatte sie ihm doch immer
und immer wieder gelehrt, dass er ohne Widerworte gehorchen und
auch erdulden müsse. Ein guter Anführer konnte nur jemand
werden, der zunächst gehorchen gelernt hat. Sie war etwas
verärgert, und es schien ihr die Gelegenheit gekommen, ihren
Sohn zu testen.
Dir scheint also diese Bestrafung für dein Vergehen nicht
angebracht zu sein?, fragte sie ruhig und ohne drohenden
Ton in ihrer Stimme.
Er wusste, wenn er jetzt sagen würde, dass er eigentlich den Tag
anders verplant hatte oder auch nur irgend eine Unmutsbezeugung
von sich geben würde, dann würde sie ihn wie ein Kind bestrafen
und ihm mit ihrer Reitgerte den Hintern tüchtig versohlen. Also
senkte Ardeth nur resignierend den Kopf und erwiderte leise:
Nein, Mutter, und es ist ja auch keine Strafe, denn ich
hole ja nur das nach, was ich bislang versäumt habe.
Leyrah lächelte zufrieden. Doch mit fester Stimme erwiderte sie:
Dann sieh zu, dass du den Text ganz beherrscht, bis ich
heute Abend wiederkomme.
Sie verließ das Zelt und traf auf Leslie, der schon auf Ardeth
gewartet hatte. Leyrah informierte ihn darüber, dass Ardeth
heute nicht kommen könne, und Leslie sah mitleidig zum
Horus-Zelt hinüber. Er fand, dass Leyrah ziemlich häufig sehr
streng mit ihrem Sohn umsprang. Während Ismail bei
Familienzusammenkünften häufig darauf losplapperte und Nefrar
ihm stolz beipflichtete, durfte Ardeth noch nicht einmal den Mund
auftun. Wenn er es wagte, mit seinen 13 Jahren ungefragt zu
sprechen, dann konnte er sicher sein, dass seine Mutter dieses
Benehmen bestrafen würde. Tanith verhielt sich genauso, aber von
ihr war Leslie das ja sowieso gewohnt.
Nun war Leyrah als Lady Bay die oberste Instanz, was das
Einhalten der Sitten anbelangte. Strittige Fälle, die nicht von
den Rechtsvorstehern der Ortsviertel gelöst werden konnten,
landeten bei ihr. Sie achtete darauf, dass die alten und sehr
strengen Medjai-Gesetze, die darauf zielten, die Maat aufrecht zu
halten, eingehalten wurden. Männer und Frauen, die Ehebruch
begangen hatten, hatten das Recht auf einen Ehepartner und Kinder
verwirkt. Für schuldig befundene Frauen wurden am Rande des
Ortes in einem großen Zelt untergebracht, wo jeder Mann ihre
körperlichen Dienste ungestraft einfordern durfte. Sie waren der
Gnade der Ortsbewohner ausgeliefert, da sie von deren Almosen
lebten. Als der damals neunjährige Ardeth von seiner Mutter
erstmals davon gehört hatte, hatte er einen Korb voll
Lebensmittel gepackt und sie zu dem besagten Zelt gebracht. Die
ausgestoßenen vier Frauen, die dort vor sich hinvegetierten,
hatten sich hungrig darüber hergemacht, sodass Ardeth
beschlossenen hatte, sie regelmäßig zu versorgen. Doch als
Leyrah davon vernahm, untersagte sie es ihm, sich dort je wieder
blicken zu lassen. Ardeth lag aber das Los der Unglücklichen so
am Herzen, dass er anderweitige Hilfe organisierte.
Männer, die Ehebruch begangen hatten, wurden entmannt. Sie
mussten ihre Familien verlassen. Hatten sie die körperliche
Vereinigung einer Frau erzwungen, dann wurden sie getötet. Zum
Glück kamen Fälle wie Vergewaltigung und Ehebruch selten vor,
da es vor der ehelichen Vereinigung geduldet wurde, dass junge
Leute ihre Erfahrungen machten, sowohl die Jungen als auch die
Mädchen. Sollte sich eine Schwangerschaft ergeben, dann mussten
die beiden daran Beteiligten zwangsläufig heiraten. Manchmal
erzwangen sich junge Leute so den Segen ihrer Elternhäuser, die
noch am Aushandeln waren. Genealogische Gesichtspunkte spielten
in der Medjai-Gesellschaft nämlich eine sehr große Rolle.
Adlige Familien schärften ihren Kindern daher ein, möglichst
keine sexuellen Vereinigungen vor der Ehe einzugehen, doch die
einzigen Jugendlichen, denen es von ihrem Elternhaus her strikt
untersagt war, vorehelichen Erfahrungen zu sammeln, waren die
Bay-Jungen. Ihre Genealogie musste rein bleiben, und keine Frau
durften behaupten, sie trüge das Kind eines Bays in sich, wenn
sie nicht mit einem Bay verheiratet war. Also hatte Leyrah ihrem
Sohn eingeimpft, er dürfe niemals vor der Ehe mit einem Mädchen
schlafen. Natürlich hatte sie ihn früh aufgeklärt, da es bei
den Medjai recht früh vorkam, dass Jungen und Mädchen sich
erkundeten und Zärtlichkeiten austauschten. Ardeth hatte keine
Probleme mit dem verhängten Verbot, er betrachtete die Mädchen
im Anubis-Viertel als Kameradinnen. Besonders mit Farani, der
Cousine seiner Mutter, und Karishi, der Tochter von Lady Nerys,
die quasi gemeinsam mit ihm ausgewachsen war, war er befreundet,
ließ sich manchmal auf ein Necken der beiden ein. Es hatte auch
nicht lange gedauert, bis Tanith ihre ersten Erfahrungen gemacht
hatte, aber da sie noch nicht ihre Tage bekommen hatte, konnte
nichts passieren. Ihre Freundinnen würden ihr schon erklären,
wie sie eine Schwangerschaft verhindern konnte. Tanith hütete
sich, ihrer Mutter von ihren neuen Erfahrungen zu berichten, doch
weihte sie ihren Vater ein, der wiederum Ardeth darüber
aushorchte, ob es hier in Ordnung sei. Er befürchtete schon, in
der strengen Medjai-Gesellschaft würde ein Mädchen unberührt
in eine Ehe gehen müssen, doch dann kam ihm selbst in den Sinn,
dass die alten Gesetze noch aus Pharaonen-Zeiten stammten und
nicht islamisch determiniert waren. Selbst Leslie lernte beinahe
jeden Tag dazu und ihm tat der Aufenthalt gut. Der Tag seiner
Abreise aber näherte sich, denn er hatte Nefrar versprochen, nur
so lange zu bleiben, bis Ismail seine Ausbildung begann. Nefrar
fühlte sich in ihrer alten Heimat nicht mehr wohl. Sie hatte in
Kairo im Kreise ihrer Freundinnen ein anderes ideologisches
Zuhause gefunden und belächelte diese Wüstenmenschen insgeheim.
Ihre Eltern und ihre alten Freundinnen bekamen keinen Zugang mehr
zu ihr. Sobald sie ihnen vorjammerte, wie wenig sie es
begrüßte, dass Tanith eine Kriegerin werden würde, desto
weniger Verständnis hatten ihre Zuhörer, da sich alle über das
standesgemäße Verhalten von Tanith freuten. Sie hatten nicht
mehr damit gerechnet und waren umso begeisterter, dass nun außer
Ardeth und Ismail auch noch ein weiteres Kind der Familie Bay
unter ihnen weilen würde. Das öffentliche Interesse an dieser
Familie war nach wie vor ungebrochen. Besonders über Ismail
wurde viel gesprochen. Der Junge gab sich geradeso hochnäsig wie
seine Mutter, darüber hinaus wirkte er sehr verweichlicht. Und
dieses Muttersöhnchen sollte eine Kriegsausbildung beginnen? Sie
hatten alle ihre Zweifel daran, dass Ismail seiner Familie Ehre
bereiten würde. Auch Leyrah nahm es mit Sorge zur Kenntnis,
nachdem sie nach ihrer Trauer wieder in ihr normales Leben
zurückgekehrt war. Nefrar und Ismail schienen unzerstrennlich,
und Leyrah hoffte, dass Ismail sich einfügen würde, sobald
Nefrar nach Kairo zurückkehren würde und er niemanden zum
Ausheulen mehr hatte. Leyrah hatte sich schon oft über Ismails
vorlaute Reden geärgert und auch Ardjun hatte dem Jungen zu
verstehen gegeben, dass er nur ungefragt reden dürfe. Doch die
einzige Autorität, die Ismail anerkannte, war seine Mutter.
Seinen Vater hatte er in Kairo stets ausgespielt. Hatte er von
ihm nicht seinen Willen bekommen, war er zu seiner Mutter
gerannt, die ihm jeden Wunsch erfüllte und ihn ohne
Gewissensbisse den beiden Töchtern vorzug. Er war ja
schließlich der Sohn und sie hatte auch die beiden Mädchen
angewiesen, dem Bruder zu gehorchen. Verlangte ihm nach einem
Gegenstand, mussten die Mädchen ihn holen, und taten sie es
nicht, wurden sie von ihrer Mutter geschlagen. Tanith aber hatte
mittlerweile ein ziemliches Selbstbewusstsein entwickelt. Sie war
schließlich auf dem Weg, eine Kriegerin zu werden; außerdem
wurde sie als kleine Lady Bay respektiert, was ihr,
die nie von ihrer Mutter viel Aufmerksamkeit erhalten hatte, sehr
schmeichelte. Ardeth und Farani hatten sie schon manches Mal
ermahnen müssen, nicht zu eingebildet zu werden. Tanith fand
ihren Weg, doch Ismail hörte nicht auf die nett gemeinten
Ratschläge oder auch Ermahnungen seiner Verwandten. Er rannte
jedes Mal zu seiner Mutter, die ihm dann sagte, er hätte recht
gehandelt und die anderen nicht. Leyrah hatte bislang nicht die
Zeit gefunden, mit Nefrar über ihren Sohn zu sprechen. Sie nahm
inzwischen vollständig den Platz einer Lady Bay ein, und bei
offiziellen Anlässen saß sie gleichberechtigt neben Ardjun auf
einer Thron, trug mittlerweile den goldenen Reif auf der Stirn
über ihren Hieroglyphen-Tätowierungen und kümmerte sich um
Dinge, die vorher ihrem Mann obliegt hatten, sei es die Auswahl
der Meister, den Ankauf von Tieren, die Versorgung mit Getreide,
die finanziellen Fragen des Stammes und vieles mehr. Sie beriet
Ardjun und legte ihm oft die erledigten Dinge zum letzten Segen
vor. Sie ging auch viel auf Reisen, um die Anführer der anderen
Stämme zu treffen und manchmal gönnte sie sich im Isis-Tempel
eine Ruhephase. Man konnte davon sprechen, dass Ardjun die Medjai
repräsentierte, während Leyrah regierte. Sie war die einzige
Person, die nicht vor Ardjun auf die Knie fallen musste und
geradezu perfekt in ihre Rolle hineingewachsen, so wie es der
greise Ardeth damals geahnt hatte, als sein Enkel Lyleth sie sich
zur Frau nahm. Alle hatten großen Respekt vor dieser Frau, ihrer
Königin, und sie gingen vor ihr ebenso ehrfürchtig auf die Knie
wie vor Ardjun. Seit dem Tod seines Vaters respektierte auch
Ardeth seine Mutter auf diese Weise. Sie war hinsichtlich seiner
Erziehung noch strenger geworden, da sie wusste, dass ihr Sohn
früher als üblich für seine Lebensaufgabe bereit sein musste.
Doch gerade nach dem Tod seines Vaters hätte sich Ardeth eine
Mutter, die für ihn da ist, gewünscht. Leslie und Arianda
hatten dagegen immer ein offenes Ohr für Ardeth und auch, wenn
er sich nie darüber beschwerte, baten sie ihn um Verständnis
für seine völlig überlastete Mutter.
Es war ein halbes Jahr vergangen seit Lyleths Tod und die Familie
Bay saß vor dem Zelt Ardjuns zusammen, wie sie es von Zeit zu
Zeit tat, um sich zu besprechen. Im trauten Familienkreis reichte
Leyrah den Tee weiter. An diesem Abend wollte man Ismails zehnten
Geburtstag besprechen. Da die anderen Stammesanführer gerade
erst vor einem halben Jahr sämtlich hier gewesen waren, wollte
man sie nicht schon wieder herbemühen, sondern nur die
benachbarten vom 10. und 11. Stamm einladen. Ardeth, wie immer zu
Stillschweigen verpflichtet, nahm sich vor, seinem Cousin später
zu sagen, dass er eine Ziege schlachten müsse. Ismail war sehr
aufgeregt und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Er unterbrach
Leyrah, gerade als diese dabei war, die möglichen Gäste
aufzuzählen.
Mama, darf ich auch Ahmed einladen? Bitte, Ahmed ist doch
mein bester Freund!
Leslie wollte gerade einwerfen, dass Ahmed nicht rechtzeitig aus
Kairo hier sein würde, doch Leyrah, die sich schon einmal an
diesem Abend über den Jungen geärgert und ermahnt hatte, kam
Leslie zuvor. Sie sagte zu Nepheri Gharan, ihrer Leibwächterin,
die hinter ihr saß:
Lady Gharan, begleiten Sie Ismail in sein Zelt und
verabreichen Sie ihm 20 Schläge mit der Gerte, damit er endlich
lernt, wie man sich zu benehmen hat!
Lady Gharan erhob sich sofort und ging die wenigen Schritte zu
Ismail, der seine Tante mit offenem Mund anstarrte. Doch Leyrah
hatte längst wieder ihre Liste zur Hand genommen und nahm keine
weitere Notiz von dem Jungen. Niemand in der Runde wagte an ihrer
Autorität zu rütteln, und Ardjun lächelte im Einverständnis
mit Leyrah. Lady Gharan stieß Ismail an, damit er sich erheben
würde, was er dann auch mehr als verwirrt tat. Sie packte ihn am
Handgelenk und zog ihn mit sich fort. Lady Nepheri Gharan war die
jüngste Tochter von Lord Chufu Gharan und Leyrahs Tante
Sanya-Tiana Setlata, die in den 9. Stamm geheiratet hatte. Sie
hatte selbst eine strenge Kriegerinnen-Ausbildung genossen,
weshalb Leyrah sie als Leibwächterin ausgesucht und in den 12.
Stamm geholt hatte. Nepheri gewährte kein Pardon.
Nefrar war kreidebleich geworden. Ihr geliebter Sohn sollte
geprügelt werden? Das konnte sie nicht zulassen! Sie sah Leslie
vorwurfsvoll an, doch der regte sich nicht. Und mit welcher
Unbeteiligkeit Leyrah fortfuhr! Auf einmal hörte man ein
Klatschen aus dem nahe stehenden Zelt, dem fast simultan ein
Aufschrei folgte. Nefrar fasste sich ans Herz. Es folgten weitere
Aufschreie und jedes Mal schloss Nefrar leidend die Augen. Sie
hielt es nicht mehr aus und erhob sich ruckartig, schrie Leyrah
an:
Das lasse ich nicht länger zu! Du wirst meinen Sohn nicht
llänger schlagen lassen!
Sie wollte davon rauschen, um ihrem Sohn zu Hilfe zu eilen.
Setz dich auf der Stelle wieder hin, Nefrar!, rief
ihr Leyrah in eisigem Ton zu, sodass diese sich irritiert
umdrehte und Leyrah anstarrte.
Leyrah funkelte ihre Schwägerin an. Sie sollte ihr eine Stütze
sein, ihr helfen, und zwar nicht nur in der Erziehung ihrer
Kinder. Auch Nefrar hatte die Pflicht, sich als Lady Bay in die
Medjai-Gesellschaft einzugeben. Stattdessen verhätschelte sie
ihren Sohn, verkroch sich in ihrem Zelt und versuchte andere
Frauen von ihren fundamentalistischen Ideen zu überzeugen. Sie
hatte sich über die allzu lockeren Sitten, die hier ihrer
Meinung nach herrschten, gegenüber anderen ausgelassen, und ihr
Unverständnis geäußert, was die Ausbildung ihrer ältesten
Tochter anbelangte. Leyrah war wirklich wütend auf ihre
Schwägerin.
Hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?,
fügte Leyrah hinzu, als Nefrar immer noch unschlüssig dastand.
Die Schreie von Ismail wurden lauter und weinender. Nefrar
blickte immer noch zögernd zum Zelt. Leslie sah eine Katastrophe
auf seine Frau zukommen, wenn sie jetzt nicht das tat, was Leyrah
ihr gerade unmissverständlich als Befehl erteilt hatte. Er
wusste, dass sie es nicht dulden konnte, wenn man ihr innerhalb
der Familie nicht gehorchte. Sie galt neben Ardjun nicht nur als
oberste Autorität aller zwölf Stämme, sondern auch von ihrer
Familie.
Nefrar!, rief er ihr mahnend zu.
Sie blickte ihn an und es lag Ärger und Verachtung in ihrem
Blick. Warum half er seinem Sohn nicht? Warum stand er Leyrah
bei? Schließlich setzte sie sich neben ihn, aber sagte den
ganzen Abend über kein Wort mehr. Nach einer Weile kam Nepheri
zurück und setzte sich still hinter ihre Herrin. Vom Zelt her
drang ein lautes wütendes Heulen und Ardeth und Tanith sahen
sich vielsagend an. Die Erwachsenen ignorierten Ismails Gejammer
und besprachen weiterhin seinen Geburtstag, tranken Tee und
befragten dann Ardeth und Tanith, wie ihre Ausbildung verlaufen
würde. Tanith hielt ihre kleine Schwester im Arm und berichtete
frohgemut, wie sehr ihr alles gefiel, und Leyrah nickte
wohlwollend. Ismail musste drei Stunden ausharren, bis die
Erwachsenen diesen geselligen Abend für beendet erklärten.
Ardjun verabschiedete seine Gäste und begab sich augenblicklich
in sein Re-Zelt, er war sehr müde. Nefrar eilte in ihr Zelt zu
ihrem Sohn, der bäuchlings und nackt auf seinem Bett lag und
bitterlich weinte. Leslie kam hinterher und riss Nefrar hoch, die
sich sofort bedauernd zu ihrem Sohn gekniet hatte.
Was soll das?, fauchte sie ihn an.
Ismail hat diese Strafe verdient! Jetzt muss er sie
ausbaden. Du wirst ihn nicht bemitleiden.
Ismail hörte verdattert auf zu heulen und wendete seinen Kopf
seinem Vater zu. Was war denn in ihn gefahren? Auch Nefrar war
Widerstand von Seiten Leslies nicht gewohnt.
Ja, soll ich ihn hier verbluten lassen? Du siehst doch, wie
ihn diese Hexe zugerichtet hat!
Lady Gharan ist eine ehrenwerte Kriegerin, erwiderte
Leslie mit unterdrückter Wut, wage nicht, so über sie zu
sprechen, sonst bitte ich sie, dich genauso und an der gleichen
Stelle zu bestrafen wie unseren frechen Sohn!
Nefrar sah ihn jetzt entsetzt an. So kannte sie ihren Leslie gar
nicht! Der wollte seinerseits erst gar keinen weiteren Disput mit
seiner Frau ausstehen.
Es reicht, Nefrar! Du hast uns heute sehr blamiert. Du
wirst dich morgen Früh sofort bei Leyrah für dein Verhalten
entschuldigen. Wie alle anderen Mitglieder deiner Familie wirst
du vor ihr auf die Knie gehen, sobald du sie siehst und ihre
Meinung respektieren. Und damit du noch ein bisschen Gelegenheit
bekommst, das zu üben, wirst du vorerst hier bleiben und nicht
nach Kairo zurückkehren.
Leslie!, gab sie eher leise und eingeschüchtert von
sich. Seltsamerweise kam kein Widerspruch. Das bestärkte Leslie
fortzufahren. Vielleicht war es mal ganz gut, mit der Faust auf
den Tisch zu hauen. Vielleicht hatte er das viel zu selten
gemacht. Sie hatte ja eigentlich immer signalisiert, dass sie
einen starken Mann haben und selbst eine schwache Frau sein
wollte. Eigentlich war er der falsche Lebenspartner für sie,
befand Leslie, doch dieses Mal musste er seiner Linie untreu
werden.
Ich werde Lady Gharan bitten, dein Verhalten zu
überprüfen, während ich in Kairo weile. Sollten mir Klagen zu
Ohren kommen, dass du dich ungebührlich Leyrah gegenüber
verhältst, dann mach dich auf was gefasst! Ich werde außerdem
Lady Nerys bitten, unsere Amira zu erziehen. Du wirst ihre
Erziehung nicht kritisieren, sondern den Aufgaben nachgehen, die
Leyrah dir bestimmt. Ich denke, sie kann nach Lyleths Tod jede
Hilfe aus ihrer Familie dringend gebrauchen! Hast du mich
verstanden?
Nefrar starrte Leslie an. Dieser fasste sie bei den Schultern:
Hast du mich verstanden? Antworte!
Ja, ich... ich mache, was du von mir willst!
Ismail glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Was war denn jetzt
los? Seit wann bestimmte sein Vater? Das konnte ja heiter werden!
Leslie warf ihm einen grimmigen Blick zu.
Und du bist für den Reste des Abends still, denn ich will
diese Nacht ungestört mit deiner Mutter genießen.
Ismail bekam ganz große Augen. Nefrar protestierte leicht:
Aber Leslie, nicht in einem Zelt mit dem Jungen!
Ismail, schlaf draußen!, befahl Leslie kurzum.
Nefrar starrte ihn wieder entsetzt an: Aber
Leslie..., und Ismail protestierte simultan: Ich kann
doch nicht aufstehen!
Ismail, mach, dass du hier raus kommst!, erhob Leslie
seine Stimme sehr drohend, und zu seiner Frau sagte er in
netterem Ton: Ich bin gleich bei dir!
Beide waren viel zu überrascht, als dass sie weiterhin dem etwas
entgegensetzten und führten sofort aus, was Leslie ihnen
aufgetragen hatte. Der holte ein Fässchen mit Salz, ging vors
Zelt, wo sich Ismail auf eine Matte gekauert hatte, drehte ihn
auf den Bauch und rieb das Salz in die Striemen auf seinem
Hinterteil. Ismail ächzte, aber wagte nicht, laut zu weinen.
Dann zog Leslie ihm eine Decke über den Körper, legte ihm eine
Hand auf den Kopf und raunte sehr liebevoll: Schlaf jetzt,
mein Sohn!
Leslie huschte ins Zelt und versuchte in dieser Nacht, den Herrn
und Gebieter herauszukehren, was Nefrar ungeheuer viel Spaß
bereitete, Leslie hatte daran allerdings weniger Gefallen. Am
nächsten Tag jedoch erntete er seine Früchte. Sie schnurrte ihn
wie ein Kätzchen an und erfüllte ihm jeden Wunsch, ja,
schimpfte sogar mit Ismail über sein ungebührliches Verhalten.
Leslie verstand die Welt nicht mehr...
Leslie kehrte also allein nach Kairo zurück. Leyrah war erst
skeptisch gewesen, inwieweit sie ihre Schwägerin mit einbeziehen
konnte, denn Leslie hatte seiner Schwägerin geraten, sie gut zu
beschäftigen. Sie übertrug Nefrar soziale Aufgaben und gab ihr
eine Beraterin zur Seite. Als Nefrar bemerkte, dass man ihr als
Lady Bay hohen Respekt entgegen brachte, erwiederte sie die
Zuneigung der Leute und gab sich redliche Mühe. Sie meinte auch,
ihren unfreiwilligen Aufenthalt in ihrer Heimat nutzen zu
können, indem sie den Menschen intensiver den wahren Glauben
vermittelte als diese es bislang gewohnt waren, und tatsächlich
gab es einige Frauen, die ihre Worte beherzigten. Leyrah
beobachtete diesen Einfluss ihrer Schwägerin mit einer gewissen
Unruhe. Bei offiziellen Anlässen saß Nefrar an Ardjuns anderer
Seite etwas versetzt zu dem Duo, das gab ihr viel Prestige. Je
länger sie bei den Medjai lebte, desto mehr kam es ihr in den
Sinn, dass das Schicksal sie genau an diesem Ort in ihrer hohen
Position haben wollte. Es musste gottgewollt sein. Sie sah sich
als eine von Allah berufene Verkünderin des Glaubens, die die
Aufgabe hatte, die Religion in diesem Volk zu festigen. Allzu lax
erschien ihr der Umgang mit den religiösen Pflichten des Islams.
Gewiss, einige der Frauen hatte sie bereits auf ihrer Seite. Sie
konnten ihren Kindern ihre Überzeugung vermitteln. Aber Nefrar
sah sich in der Nähe der Personen, die wirklich etwas zu sagen
hatten und bewegen konnten, und sie wollte das nutzen. Wenn sie
nicht nur ihren Sohn Ismail, sondern auch Ardeth davon
überzeugen könnte, dann würde das religiöse Leben hier einst
ganz anders werden. Und sie selbst wäre diejenige gewesen, die
Allahs Gebote auf den rechten Weg gebracht hätte. Nefrar gefiel
sich in der Rolle der Missionarin sehr. Sie ließ Ardeth an einem
seiner freien Tage zu sich rufen. Ardeth war darüber sehr
verwundert, doch eilte sofort zu seiner Tante. Sie gab sich sehr
liebenswürdig, erkundigte sich nach Ismail, wünschte sich von
Ardeth, dass er ein wachsames Auge auf seinen Cousin haben sollte
und fragte ihn so nebenbei, ob er denn auch immer schön beten
würde. Ardeth war ein sehr höfliches Kind und er log niemanden
gern an. Also verneinte er wahrheitsgemäß, worüber sich seine
Tante zutiefst betrübt zeigte. Sie machte ihm keinen direkten
Vorwurf, sondern wünschte sich einfach, dass er zukünftig
regelmäßig beten würde. Dazu schenkte sie ihm einen
selbstgewobenen Gebetsteppich. Auch trug sie ihm auf, den Koran
auswendig zu lernen. Er sollte mit den ersten beiden Suren
anfangen und ihr beide an seinem nächsten freien Tag aufsagen.
Ardeth war darum bemüht, es allen recht zu machen, also
versprach er ihr das Gewünschte.
Sehr zum Erstaunen seiner drei Zeltkameraden betete Ardeth nun
regelmäßig. Sahin sprach ihn darauf an und Ardeth erklärte ihm
wahrheitsgemäß, dass seine Tante ihm das so aufgetragen hätte,
und da er versprochen hätte, ihren Willen zu erfüllen, würde
er von nun an eben beten. Ardeth stattete auch seinem Cousin
einen Besuch ab und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam zu beten.
Ismail, der mittlerweile einigermaßen froh war, der in
religiöser Hinsicht strengen Aufsicht seiner Mutter entronnen zu
sein, murrte, aber kam Ardeths Wunsch nach, als er hörte, seine
Mutter wünsche sich das so. Ardeth bemühte sich auch, die
richtige Gebetszeit einzuhalten, was nicht immer sehr einfach
war, da im Anubis-Quartier darauf keine Rücksicht genommen
wurde.
Drei Tage später fand ein langes
Geschicklichkeitsreiten-Training statt, das sich über Stunden
hinzog, da ein langer Parcour aufgebaut war und jeder Schüler
ihn durchreiten musste, und zwar so lange, bis jeder halbwegs
fehlerfrei durchkam. Die Schüler, die noch nicht dran gewesen
waren, warteten am Rand auf ihren Einsatz, so auch Ardeth. Es war
die Zeit des Mittagsgebets und er zählte vor sich noch dreizehn
Mitschüler. So glaubte er, Zeit genug für das Gebet zu haben,
bis er an der Reihe war. Er entfernte sich unerlaubterweise, aber
niemand hielt ihn auf, weil man glaubte, er müsse kurz
austreten. Da es sehr heiß war, beeilte sich der Lehrer mit den
Schülern und ließ einiges durchgehen, was er an anderen Tagen
korrigieren wollte. Als er Ardeth aufrief, war dieser folglich
nicht zur Stelle. Der Lehrer nahm einen anderen Schüler dran,
aber unterbrach das Training, als er Ardeth auf die Gruppe
zukommen sah. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, als der Lehrer
ihn beim Namen rief und Ardeth schuldbewusst vor ihn hintrat.
Wo warst du so lange?, fuhr er ihn streng an.
Ich war...beten..., antwortete Ardeth sehr
zögerlich.
So! Beten! Der Lehrer schüttelte ungläubig mit dem
Kopf.
Ardeth glaubte sich rechtfertigen zu müssen.
Es war Gebetszeit und... Sein Lehrer unterbrach ihn
barsch:
Wenn später einmal dein Trupp von Wüstenräubern zur
Mittagszeit überfallen wird, was machst du dann? Kniest du dich
erst hin und betest?, herrschte er ihn an.
Nein, Meister..., gab Ardeth kleinlaut zu.
Da bin ich aber beruhigt!, kommentierte der Lehrer
ironisch. Ardeth, wann hat man dir gesagt, dass du immer
pünktlich hier sein sollst?
Äh... am Anfang... glaube ich.... Ardeth wurde
langsam sehr unwohl. Er hatte gehofft, dass man es nicht ahnden
würde, wenn er sich kurz zum Beten davonschleichen würde.
Wie schön, dass du dich erinnerst! Erinnerst du dich auch,
was mit jungen Schülern passiert, die das nicht befolgen?
Ardeth sah ihn irritiert und dann entsetzt an.
Gut, ich sehe, du erinnerst dich. Also bück dich und Hose
runter, damit ich dich so bestrafen kann, wie man eben
ungehorsame Kinder bestraft!
Ardeth sah ihn entsetzt an, doch der Lehrer meinte es ernst. Alle
anderen Schüler hielten die Luft an. Der Meister wies Ardeth
noch einmal mit einer Geste knapp und streng an, sich zu fügen,
und da Ardeth den drohenden Blick seines Lehrers sah, kam er der
Aufforderung unverzüglich nach. Sein Lehrer schlug ihn zwei
Dutzend Mal mit einer Gerte auf sein blankes Hinterteil, und die
Schande schmerzte mehr als das Schlagen. Als der Lehrer fertig
war, forderte er ihn ebenso streng wie zuvor auf:
Sieh zu, dass du künftig pünktlich bist! Und nun aufs
Pferd!
Ardeth vermied es, seinen Kameraden ins Gesicht zu schauen, als
er zu seinem Pferd ging, um den Parcour zu reiten. Sein Hintern
schmerzte beim Aufsitzen, doch er durfte es sich nicht anmerken
lassen. Er hatte sich für heute genug blamiert. Dennoch fühlte
er sich ungerecht behandelt. Er erinnerte sich an einen
ähnlichen Vorfall vor einigen Monaten, bei dem ein Kamerad mit
einer Ermahnung davongekommen war.
Zu allem Überfluss ließ ihn seine Mutter am nächsten Tag zu
sich rufen. Sie weilte wegen einer Waffeninspektion im
Anubis-Lager. Als Ardeth das Arsenal betrat, prüfte sie gerade
ein Schnellfeuergewehr. Er ging auf die Knie. Während sie die
Waffe zurück in die Kiste legte, forderte sie Ardeth auf sich zu
erheben und entließ den Waffenmeister, der sich sofort
entfernte.
Ardeth, sprach sie sogleich ernst, Meister
Durhan hat mir von dem gestrigen Vorfall berichtet. Ich bin nicht
sehr erfreut, vor allem nicht darüber, dass du hinterher deine
Unzufriedenheit darüber geäußert haben sollst.
Ardeth fühlte sich ertappt und war gleichzeitig verärgert, dass
seine Mutter anscheinend seine Freunde ausgefragt hatte.
Du hast dich auch hinterher nicht bei Meister Durhan für
die Bestrafung bedankt. Du weißt, dass keiner von den Meistern
gern solche Strafen durchführt.
Ardeth war in seiner gesamten Zeit im Anubis-Lager noch nie mit
Schlägen bestraft worden. Überhaupt waren derartige Strafen
eher selten, da sich die Lehrlinge sehr bemühten und die Meister
selten unzufrieden waren. Im Anubis-Lager herrschte ein gutes
Klima, geprägt von Kameradschaft und dem ehrlichen Bemühen, das
Beste aus sich herauszuholen. Seine Mutter hatte aber recht: Wenn
eine Erziehungsmaßnahme durchgeführt werden musste, hatten sich
die Schüler dafür hinterher zu bedanken.
Du hast scheinbar nicht eingesehen, dass du diese Strafe
verdient hattest.
Ardeth senkte den Blick und antworte: Ja, ich fand die
Strafe nicht gerecht.
Leyrah sah ihn ernst an: Und warum?
Weil ich härter bestraft werde als die anderen.
Leyrah atmete hörbar verärgert durch, dann sprach sie:
Ardeth, es geht hier nicht um die anderen, sondern nur um
dich. Du hast dich unerlaubt entfernt und bist zu spät gekommen.
Du hattest gehofft, deinen Meister gnädig zu stimmen, indem du
ihm deine Frömmigkeit ins Feld führtest. Du hättest gestern
mehr als eine Kinderstrafe verdient.
Ardeth sah sie trotzig an. Gerade, dass er eine Kinderbestrafung
vor all seinen Kameraden ertragen musste, hatte ihn gedemütigt.
Ardeth, du wirst bald 14 und kommst in die 3.
Ausbildungsphase. Du bist auf dem Weg erwachsen zu werden, und
vielleicht musst du eher Verantwortung übernehmen, als uns allen
lieb ist. Ich erwarte von dir ein vorbildhaftes Pflichterfüllen,
vor allem aber Ehrlichkeit und Gehorsam gegenüber deinen
Meistern.
Ja, Mama.
Leyrah legte ihre Hand auf den Griff ihrer Peitsche, eines der
Symbole pharaonischer Macht, die auch sie Kraft ihres Amtes trug,
und sah ihn funkelnd an: Wie bitte?
Ja, Lady Bay, korrigierte sich Ardeth, der die Geste
verstanden hatte.
Ich erwarte weiterhin keinerlei Kritik an Personen, die
über dir stehen und für deine Erziehung verantwortlich sind.
Sie alle haben deinen Dank und deine Ehrfurcht verdient.
Ja, Lady Bay.
Ardeth, es gibt ein altes ägyptisches Wort, danach heißt
es, dass der beste Lehrmeister der Stock ist. Ich habe deine
Lehrmeister nach dem frühen Tod deines Vaters angewiesen, mit
dem Stock an dir nicht zu sparen, denn du musst wahrscheinlich
früh in deine verantwortungsvolle Position hereinwachsen. Daher
vergleiche dich nicht mit anderen Auszubildenden. Du wirst sehr
bald Lord Bay werden, aber bevor du kommandieren wirst, musst du
das Gehorchen lernen.
Ja, Lady Bay.
Leyrah beließ es nicht dabei, Ardeth mit ihren Worten den Kopf
zu waschen. Er musste einen alten Text über das rechte Benehmen
von Schülern und das angemessene Bestrafen von Fehlverhalten
aufsagen, dreimal hintereinander, während sie mit strengem Blick
zusah, bis er jeweils den sehr langen Text aufgesagt hatte.
Diesen Text hatte er bereits als Sechsjähriger unter der
gestrengen Aufsicht von Lady Nerys lernen müssen und früher so
oft aufsagen müssen, dass er immer noch im Gedächtnis war. Nach
dem dritten Mal meinte sie: So wie damals, als du noch im
Horus-Zelt gewohnt und den Text jeden Morgen deiner Amme und
jeden Abend mir aufgesagt hast, wirst du fortan diesen Text jeden
Abend vorm Schlafengehen laut aufsagen, vor deinen Kameraden im
Zelt, damit du ihn immer beherzigen wirst. Du bist scheinbar noch
nicht so erwachsen, dass wir darauf verzichten können.
Ardeth hätte am liebsten protestiert, doch beschränkte er sich
auf ein Ja, Lady Bay. Er erinnerte sich, wie sein
Vater sich seinerzeit eingesetzt hatte, damit Ardeth nicht mehr
diesen langen Text jeden Abend aufsagen musste. Sein Vater hatte
oft die Strenge der mütterlichen Erziehung wettgemacht. Ardeth
vermisste ihn sehr, jetzt mehr denn je.
Deine Kameraden werden so auch davon profitieren und
lernen, dass man seine Vorgesetzten respektiert.
Ja, Lady Bay.
Gut. Du wirst nach unserem Gespräch zu deinem Meister
gehen und ihn um Wiederholung der gestrigen Bestrafung bitten und
dich nachher ordnungsgemäß und vor allen anderen bei ihm
bedanken, und du wirst dich vor allem nie mehr hinterher bei
irgendjemanden ausheulen. Selbst in deinen Augen
ungerechtfertigte Strafen wirst du klaglos erdulden. Wenn du
meinst, ein Fehlverhalten an den Tag gelegt zu haben, wirst du
selbst um Bestrafung bitten. Lerne, deine Taten selbst
einzuschätzen.
Ardeth hatte sie bei den ersten Sätzen erst auffahrend
angeschaut, dann aber brav den Blick gesenkt, er schluckte:
Ja, Lady Bay.
Danke stets Allah, dem Allmächtigen, dass du Lehrer hast,
die sich um deine Erziehung bemühen! Achja, bleibt noch zu
klären, was es auf einmal mit dem Beten auf sich hat. Seit wann
betest du regelmäßig und bestehst auf die richtige Zeit?
Ich habe viel mit Tante Nefrar geredet. Sie hat mir
gezeigt, wie wichtig es ist, regelmäßig zu beten, da wir Allah,
dem Allmächtigen, alles verdanken. Sie hat mir auch aufgetragen,
den Koran auswendig zu lernen.
Aha, Nefrar steckte dahinter. Leyrah überlegte eine Weile, bevor
sie erwiderte:
Lady Nefrar Bay hat einen guten Dienst an dir erwiesen. In
der Tat habe ich schon eine gewisse religiöse Regelmäßigkeit
an dir vermisst. Sie hat recht gehandelt, indem sie dir
beigebracht hat, vor Allah immer demütig zu sein. Ich werde zu
ihr gehen und mich bedanken. Morgen ist dein freier Tag. Du wirst
zum Morgengebet ins Zelt deines Großvaters kommen, ich werde
Tante Nefrar und ihre Kinder auch dahin einladen. Dein Großvater
wird vorbeten und du wirst uns hinterher aus dem Koran
zitieren.
Ja, Lady Bay.
Damit war Ardeth entlassen, ging abermals auf die Knie und
verließ das Waffenarsenal, um in aller Demut vor Meister Durhan
zu treten.
Leyrah ging tatsächlich zu Nefrar und bedankte sich bei ihr.
Nefrar war höchst erfreut, als ihre Schwägerin sogleich mit ihr
betete und ihr eröffnete, dass sie gern dabei sein möchte, wenn
Ardeth den Koran vortrug. Bislang hatte Nefrar sich nicht
getraut, ihre Schwägerin auf das gemeinsame Beten anzusprechen.
Nun war also auch das gelungen und Nefrar war sehr zufrieden mit
ihrem Missionierungserfolg. An jedem freien Tag saßen sie
beisammen, auch Arianda war oft anwesend, und beteten zu Allah,
und es war sogar möglich, es zur richtigen Zeit zu machen. Wenn
die Frauen allein mit Ardeth waren, saß er vor ihnen und betete
vor; waren Arianda oder sogar Ardjun anwesend, tat es der jeweils
älteste Mann. Nefrar stellte ihrem Sohn Ismail Ardeth als
leuchtendes Beispiel vor Augen, denn Ismail legte nicht
annähernd den gleichen Eifer an den Tag wie Ardeth.
Leyrah versuchte, so oft wie möglich an den freien Tagen mit
ihrem Sohn zusammen zu sein. Sie wollte auch prüfen, ob ihr Sohn
ebenso strenggläubig wie seine Tante wurde, doch zu ihrer
Erleichterung stellte sie fest, dass Ardeth mit dem Herzen dabei
war und sich weniger aus Formen machte, die anderen Menschen so
wichtig waren. Ardeth wirkte gottergeben. Was auch immer das
Schicksal für ihn vorgesehen hatte, er war willig bereit, es
anzunehmen. Leyrah war zufrieden mit der Entwicklung ihres
Sohnes. Es kamen auch keine weiteren Klagen mehr, und so oft sie
Meister Durhan befragte, er bestätigte, dass Ardeth bescheiden
und gehorsam war und es keinen Grund für Bestrafungen gab.
Ardeth konnte die Texte, die er lernen sollte, fehlerfrei
aufsgaen und war bemüht, all seinen Verpflichtungen
nachzukommen. Leyrah ließ auch Jerom befragen, der bestätigte,
dass Ardeth jeden Abend die Litanei laut aufsagte. Sie nahm sich
vor, ihren Sohn zu seinem 14. Geburtstag dieser für ihn etwas
peinlichen Verpflichtung zu entheben.
Dieser Geburtstag stand bald an. Ardeth hatte sich mit seinem
Freund Sahin darauf verständigt, dass sie in der letzten
Ausbildungsphase gemeinsam ein Zelt bewohnen wollten, doch Sahin
wurde zwei Monate vor Ardeth 14. Gemeinsam waren sie zum
Quartiermeister gegangen und hatten ihn darum gebeten, ein Zelt
bewohnen zu dürfen. Der Meister war derartige Sonderwünsche
gewohnt und versuchte es den Jungen zu ermöglichen, natürlich
auch Sahin und Ardeth. So bezog Sahin mit seinem 14. Geburtstag
schon mal allein das Zelt Biene 21, während Ardeth
noch warten musste. Er besuchte aber seinen Freund ab und zu, und
bei einem der Besuche betrat Ismail, der immer noch im ersten
Ausbildungsjahr war, das Zelt und brachte Sahins Stiefel zurück,
die er angeblich geputzt hatte, aber die noch ziemlich staubig
aussahen. Dennoch nahm Sahin die Stiefel mit einem knappen Dank
entgegen und entließ Ismail vom Dienst in seinem Zelt. Ardeth
wunderte sich sehr darüber, dass Ismail nicht von Sahin für die
dürftig geputzten Stiefel getadelt wurde. Er erinnerte sich
lebhaft an seine eigene Zeit, als er Dienst im Zelt der älteren
Jungen hatte.
Sollen das geputzte Stiefel sein?, fragte er Sahin
verwundert.
Sahin sah verlegen zu Boden. Offensichtlich war ihm die
Angelegenheit unangenehm. Ardeth bemerkte, dass hier etwas ganz
und gar nicht stimmte.
Was ist los, Sahin? Was soll das? Warum lässt du Ismail
das durchgehen?
Und weil Sahin noch immer nicht antwortete, hakte Ardeth nach:
Vielleicht, weil Ismail den Namen Bay trägt?
Tatsächlich nickte Sahin. Er schien mit sich zu ringen, ob er
Ardeth davon erzählen sollte, denn Ismail war dessen Cousin. Es
war ihm sichtlich peinlich.
Ardeth, es ist mir furchtbar unangenehm... aber vielleicht
solltest du es erfahren...
Ardeth schaute seinen Freund erwartungsvoll an.
Also... Ismail...er...er hat mir gesagt, er würde es mich
später fühlen lassen, wenn ich ihn jetzt
herumkommandiere.
Ardeth hatte sich zwar vorgenommen, Sahin nicht zu unterbrechen,
aber nun entfuhr ihm doch ein erstauntes: Was?!
Nicht nur mir hat er das gesagt. So ziemlich jedem hier.
Außer natürlich den Meistern. Er droht, dass er später als
Lord Bay die Macht haben würde, mit uns zu tun und lassen, was
er wolle. Die Jungen haben alle Angst vor ihm. Er weist uns alle
außerdem darauf hin, dass er nach dir der Anführer werden
würde, also, falls dir etwas passieren würde...
Er ist keine elf Jahre alt!, kam es Ardeth entsetzt
über die Lippen.
Ja, aber er ist schon ein richtiger Despot.
Warum lasst ihr euch das gefallen?
Ach, Ardeth. Er hat doch Recht. Wenn Ismail jemals unser
Anführer werden sollte, dann hat er doch wirklich
uneingeschränkte Macht.
Ardeth wurde still. Ihm war nicht wohl an den Gedanken an Ismails
Machenschaften. Er missbrauchte seine Position, und das schon im
ersten Jahr seines Aufenthaltes im Medjai-Ort. Irgend etwas
musste geschehen, damit Ismail auf den rechten Weg kam. So konnte
es nicht weitergehen. Sahin sah seinen Freund erwartungsvoll an.
Ardeth, kannst du nicht mal mit ihm reden?
Ardeth schüttelte mit dem Kopf. Nein, das wird nichts
bringen. Gut, er wird mir gegenüber vielleicht Besserung
geloben, aber er wird nicht wirklich davon überzeugt sein,
sondern nur so tun, und euch wird er weiterhin bedrohen. Er
würde wohl auch so weit gehen, euch zu verbieten, mir etwas zu
sagen. Außerdem wird er von seiner Mutter auch in Schutz
genommen. Mit meiner Tante brauche ich also auch gar nicht erst
zu reden. Nein, wir müssen eine andere Lösung finden.
Sahin und Ardeth sahen sich an und grübelten.
Ismail hat nicht kapiert, dass er von seinem Volk abhängig
ist, und Tante Nefrar hat bestimmt auch nie darüber mit ihm
gesprochen, meinte Ardeth und Sahin sah ihn mit großen
Augen an. Das müssen wir ihm klar machen. Ich weiß auch
schon wie.
Sahin verstand nicht, woraufhin Ardeth hinauswollte, daher
wartete er erst mal ab, was Ardeth vorschlagen würde.
Ismail muss spüren, dass er ohne seine Leuten ein Nichts
ist. Er braucht - eine Lektion, aber nicht von oben,
sondern... Er überlegte kurz. Die Jungen seiner
Altersgruppe müssen alle zusammenhalten und ihn so verprügeln,
dass ihm ein für allemal die Lust vergeht, sich an ihnen zu
vergreifen.
Aber Ardeth...
Sahin war sichtlich irritiert. Sein sonst so friedlicher Freund
schlug vor, den eigenen Cousin von allen verprügeln zu lassen.
Ardeth, keiner wird sich trauen, Hand an ihn zu
legen.
Du hast recht. Er soll niemanden erkennen können, sie
müssen sich vermummen. Ich werde mit den Jungen reden. In drei
Tagen ist Erntefest. Es wird bei all dem Lärm nicht auffallen,
wenn sie sich mit Ismail von den Lagerfeuern entfernen.
Ardeth, wenn das raus kommt, warnte Sahin, doch
Ardeth war nicht zu bremsen.
Pass auf, Sahin, wir machen es so: Du lässt gleich mal
Ismail zu dir rufen, und ich werde in der Zeit, wo du ihn hier
beschäftigen wirst, zu seinen Kameraden sprechen. Die müssten
jetzt alle in ihren Zelten sein, bis auf die, die Dienst tun,
aber das werden nicht so viele sein und die anderen können es
ihnen hinterher erzählen. Du musst Ismail ungefähr eine halbe
Stunde beschäftigen. Geht das?
Sahin nickte unsicher. Ardeths Plan schien ihm doch sehr gewagt.
Und du meinst, es gibt keinen anderen Weg?
Sahin, Ismail muss kapieren, dass er seinen Leuten
gegenüber verantwortlich ist. Er darf nicht seine Stellung
missbrauchen. Weißt du, mein Vater hat mir mal die Geschichte
meines Urgroßvaters erzählt. Er wurde mal vom Volk abgesetzt,
weil es große Unzufriedenheiten gab. Ich glaube, Ismail braucht
mal etwas auf die Nase, um wieder von seinem hohen Ross
herunterzukommen. Sonst droht uns später die Katastrophe, und
glaube mir, ich habe auch keine Lust auf einen eingebildeten
Cousin, der seine Macht hemmngslos missbraucht. Ihr müsst mir
jetzt helfen.
Sahin schüttelte beinahe ungläubig mit dem Kopf. Ardeth hatte
ihn schon oft verblüfft.
Also gut, Ardeth. Hoffentlich kannst du seine
verängstigten Kameraden überzeugen.Verlass jetzt besser das
Zelt, dann werde ich Ismail rufen und ihn die Stiefel noch einmal
richtig vor meinen Augen putzen lassen.
Während Sahin Ismail beschäftigte, versammelte Ardeth die neun
Zeltkameraden seines Cousins sowie einige andere Jungen aus der
Altersgruppe. Er erklärte ihnen seinen Plan. Zwar waren sie
verängstigt, aber als er sie geradezu anflehte, ihm zu helfen,
willigten sie ein.
Ich brauche euch. Jetzt. Ihr müsst mir helfen, meinen
Cousin auf den richtigen Weg zu bringen. Er muss wissen, dass er
sein Volk achten muss, dass er nichts ohne sein Volk ist. Er darf
euch nicht ungestraft weh tun. Ihr müsst ihm zeigen, dass er nur
Macht haben wird, weil ihr es zulasst. Bitte, macht mit!
Die Jungen mochten Ardeth, der in ihren Augen fast schon
erwachsen war, nichts abschlagen. Sie hatten vor ihm noch mehr
Angst als vor Ismail, aber an diesem Abend bemerkten sie, dass es
in Wirklichkeit Respekt war. In Zukunft würden sie sich trauen,
Ardeth auch mal anzusprechen, ihn um Rat zu fragen und ihn um
etwas zu bitten.
Drei Tage später war es soweit, und Sahin und Ardeth beobachten
aus der Ferne, wie zwei Dutzend 10jährige sich mit Ismail
entfernten. Sie sahen sich verschwörerisch an. In dem Moment
trat Ismails Schwester Tanith an die beiden Jungen heran,
freilich ohne zu bemerken, was mit ihrem Bruder in diesem Moment
geschehen sollte. Wahrscheinlich wäre es ihr ganz recht gewesen,
da Ismail auch sie gern herumkommandierte so wie er es ja all die
Jahre in Kairo gewohnt gewesen war. Doch Tanith war eine der
wenigen Personen, die ihrem Bruder eine derartige Behandlung
nicht durchgehen ließen.
Ardeth, sprach sie ihren Cousin an, deine
Mutter möchte, dass du zu uns ans Feuer kommst.
Zu dem Erntefest hatten sich viele Familien vor einem eigenen
großen Lagerfeuer versammelt. Sie teilten gemeinsam ihr reiches
Festmahl dort und wussten Geschichten zu berichten. Oft hatten
sich mehrere Familien zusammengetan. Es wurde überall erzählt
und gelacht. Auf den Plätzen des Ortes boten Mädchen und Jungen
Tänze dar. Mit der Zeit wurde die starre Trennung nach Familien
aufgehoben und man besuchte seine Freunde an anderen Lagerfeuern
oder ging einfach nur umher. Überall gab es etwas zu sehen, denn
der ganze Ort beging dieses Fest in ausgelassener Stimmung.
Reichlich wurde dem Wein zugesprochen. Die Frauen hatten dazu
ihre schönsten Gewänder angelegt, ihre Gesichter geschminkt und
Schmuck in ihre Haare gesteckt. Nur die Krieger boten den ewig
gleichen Anblick. Tanith und Ardeth trugen beide das grüne
Gewand der zweiten Ausbildungsphase und ihre Familie sah sie
schon von weitem kommen. Die Bays hatten den Clan der Setlatas zu
sich geladen und so hatten sich mehr als ein Dutzend Personen
dort eingefunden. Nur Ismail fehlte, doch außer seiner Mutter
vermisste ihn niemand. Man dachte sich, er würde mit seinen
Freunden umhertollen und sich später hier einfinden. Ardeth und
Tanith setzten sich nieder und ließen sich die große Platte
reichen, auf der gefülltes Fladenbrot aufgestapelt war. Sie
aßen mit großem Appetit. Als die Platte mit dem gegrillten
Fleisch gereicht wurde, gab sie Ardeth weiter, ohne etwas
anzurühren, und Tanith imitierte ihn, denn er war inzwischen ihr
großes Vorbild geworden.
Nun feiern wir ja bald wieder ein Familienfest,
meinte Leyrah und wandte sich an die Familie Setlata, und
ich würde mich freuen, euch zu Ardeths 14. Geburtstag hier
wieder begrüßen zu dürfen. Dieses Mal wollen wir es nur im
Kreis der Familie begehen, denn in zwei Jahren werden wir wohl
nicht um eine große Feier mit dem ganzen 12. Stamm
umhinkommen. Leyrah grinste Ardeth an. Seine Initiation
würde ein Anlass zu einer öffentlichen Festivität bieten. Er
verzog leicht das Gesicht, denn er würde wohl der einzige sein,
der dann davon nicht viel haben würde. Er würde sich nach den
Tätowierungen ausruhen müssen.
Die Setlatas nahmen die Einladung mit Dank an. Sie befragten
Tanith nach Ardeths Fortschritten und ob er denn würdig sei, in
die letzte Ausbildungsphase einzutreten, was Tanith eifrig
bejahte. Es wurde viel gelacht und gescherzt. Leyrah wandte sich
in diesem Gerede an ihren Sohn:
Mit wem wirst du eigentlich das Zelt demnächst
teilen?
Mit Sahin.
Mit wem?
Sahin. Mama, du kennst ihn! Er war doch schon ein paar Mal
hier.
Und weil Leyrah ihn immer noch fragend ansah, fügte er hinzu:
Sahin Geragan, der Sohn des Bierbrauers aus dem
Sobek-Viertel.
Leyrah sah ihn überrascht an und wiederholte fast tonlos:
Der Sohn des Bierbrauers.
Ja, er ist mein bester Freund.
Ich hatte gehofft, du würdest mit Jusua Kheralah zusammen
wohnen. Er wird auch bald 14 und stammt aus einer angesehenen
Familie.
Ardeth dachte mit Unbehagen an Jusua, der auf ihn ziemlich
eingebildet wirkte.
Ardeth, wir werden das ändern. Schau, ich möchte, dass du
Jusua besser kennenlernst. Du solltst dir in deiner letzten
Ausbildungsphase ja schließlich auch die Leute ausgucken, die
später deinen Heerseinheiten vorstehen werden. Oder gar deine
Vertrauten, die dich vertreten werden. Ich habe mich mit deinem
Meister unterhalten, wer alles in deinem Alter ist und dafür in
Frage kommen würde. Da sind einige gute Kandidaten, aber Jusua
wäre bestens als dein Vize geeignet.
Meinen Vertrauten werde ich vertrauen müssen, nicht
wahr?
Aber ja, Ardeth. Was soll diese merkwürdige Frage?
Naja, ich weiß nicht, ob ich Jusua vertrauen kann. Aber
ich könnte durchaus Sahin vertrauen.
Ardeth, Jusua stammt aus der besseren Familie!
Was hat das mit Vertrauen zu tun? Wichtig ist doch die
Person und nicht welche Herkunft sie hat.
Leyrah sah ihn mit rügendem Blick an.
Ohne deine Herkunft wärst du ein Nichts. Weil die Leute
dich wegen deiner Herkunft achten, wirst du einmal der Anführer
sein, vergiss das bitte nicht, mein Sohn. Du musst also
deinerseits auch darauf achten, welche Herkunft deine
Unteranführer haben, um bestimmten Familien Respekt zu zollen.
Wir werden...
Weiter kam Leyrah nicht, denn alle starrten auf einmal in eine
Richtung und stellten jedes Gespräch ein. Leyrah war die letzte,
der die Worte fehlten. Ihnen entgegen wankte ein blutender
Ismail. Seine Mutter stürtzte ihm entgegen, um den Fallenden
aufzufangen.
Bei Allah, was ist mit dir?, jammerte sie. Doch
Ismail konnte erst einmal nicht sprechen. Ardeth sah ihn bange
an. Er hatte nicht erwartet, dass Ismail sich bis zu seiner
Familie schleppen würde. Viel eher dachte er, würde er sich vor
Scham in sein Zelt zurückziehen und seine Familie nicht an
seiner Schande teilhaben wollen. Nun suchte Ismail also Schutz
bei seiner Mutter. Das konnte unangenehm werden.
Ardjun wandte sich deutlich verärgert an seinen Enkel:
Sprich, Ismail! Was ist vorgefallen?
Während Nefrar an Ismails wunden Stellen mit einem Tuch tupfte,
ächzte der Junge:
Sie haben mich verprügelt...
Mist, dachte Ardeth. Warum musste Ismail nur so eine Petze sein?
Wer?, fragte Ardjun kurz angebunden.
Ich weiß es nicht genau... sie...au, Mama!
Der Junge muss dringend versorgt werden!, brachte
Nefrar aufgeregt hervor.
Gleich, Nefrar, erwiderte Leyrah. Ismail,
antworte, damit die Übeltäter bestraft werden können!
Das war Motivation für Ismail genug. Ardeth wurde unruhig.
Es waren die Jungen aus meinem Jahrgang, krächzte
Ismail und jammerte, sobald seine Mutter ihn auch nur berührte.
Mein armer Junge, bedauerte sie ihn permanent.
Und wer hat sie angeführt? Einer muss doch angefangen
haben?, wollte Leyrah wissen, die Ismails Jahrgang auf
bestimmt 50 Jungen schätzte.
Ich weiß... aua!... es nicht... au, das tut weh, Mama!...
Sie waren... vermummt...
Vermummt?, wiederholte Leyrah ungläubig.
Ismail, was genau ist passiert?
Leyrah!, ermahnte sie Ismails unglückliche Mutter.
Kannst du das nicht später klären? Ismail bedarf dringend
ärztlicher Fürsorge!
Sowohl Leyrah als auch Ardjun fanden das ziemlich übertrieben.
Immerhin sollte Ismail ein Krieger werden. Es war aber müßig,
jetzt darüber mit Nefrar zu argumentieren.
Gleich, Nefrar, gleich. Ismail, sag, wer hat damit
angefangen? Und warum?
Dass Ismail an dem Vorfall schuldlos sein sollte, wollte nicht in
Leyrahs Kopf.
Alle, jammerte Ismail und Tränen rannen über seine
Wannen. Es waren Schamtränen, denn die Abfuhr durch die Jungen
hatte seinem Ego sehr zugesetzt. Sie kamen alle an und
schlugen auf mich ein! Gemeine Bande! Er verkroch sich an
der Brust seiner Mutter und schluchzte bitterlich. Leyrah gab es
auf. Ismails Geplärre ging ihr auf die Nerven.
So bring ihn in euer Zelt und lass ihn versorgen,
Nefrar!
Während Nefrar ihren Sohn lautstark bedauernd wegführte, erhob
sich Ardjun und erklärte:
Die Täter müssen bestraft werden! Niemand tut so etwas
meinem Enkel ungestraft an!
Ardeth hielt sich grübelnd die Hand vor den Mund. Was sollte er
jetzt tun? Er war ja der Urheber dieser Geschichte. Er konnte
doch nicht zulassen, dass alle Kameraden Ismails bestraft werden
würden.
Aber Ardjun, willst du den ganzen Jahrgang bestrafen
lassen?, fragte Leyrah mit leichtem Unglauben nach. Das war
ihrer Meinung nach zuviel des Guten.
Ja, beharrte Ardjun. Ismail ist immerhin ein
Lord Bay. Sie haben ihn zu achten.
Ja, aber nicht heute Abend beim Fest. Du willst den Leuten
doch nicht das Fest verderben. Wir werden schon noch ausmachen,
wer dahinter steckt. Sobald Ismail sich erholt hat... und ich
nehme an, auch Ismail ist nicht ganz schuldlos.
Ardeth atmete auf fürs erste. Doch er musste irgendetwas
unternehmen. Er konnte nicht zulassen, dass sein Großvater den
ganzen Jahrgang bestrafte und damit Ismail weiterhin gewährte,
sich aufzuführen wie er wollte. Später am Abend fand er endlich
die Gelegenheit mit seiner Mutter allein zu sprechen, als sie
sich einmal kurz entfernt hatte. Er eilte ihr hinterher und bat
sie um ein vertrauliches Gespräch. Als sie endlich allein hinter
einem abgelegenen Zelt waren, meinte er:
Ich war es.
Du warst was?
Ich habe die Jungen aus Ismails Jahrgang dazu
angestiftet!
Du? Leyrah sah ihn verärgert und verwundert zugleich
an.
Ja, Mama, gab Ardeth schuldbewusst zu. Ismail
hat alle getriezt. Sogar die größeren Jungen. Er lässt sich
bedienen und seine Aufgaben von anderen erledigen und
droht damit, sich später zu rächen, wenn sie ihm nicht jetzt
schon gehorchen.
Leyrah schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Das sah Ismail
allerdings ähnlich. Doch was hatte ihr Sohn damit zu schaffen?
Und hast du nicht mit ihm darüber gesprochen?
Ach, Mama. Es nützt doch nichts, wenn ich meine Autorität
herauskehre. Dann sagt er mir zu, er würde es ändern, aber in
Wirklichkeit traktiert er die anderen weiter und droht ihnen,
damit sie mir nichts zu verraten. Also habe ich seine Kameraden
angesprochen. Sieh mal, sie müssen ihm zeigen, dass sie von
seinen Allüren nichts halten. Wenn er bei ihnen damit nicht mehr
durchkommt, wird er sich vielleicht ändern. Ein einzelner traut
sich das aber nicht, also habe ich ihnen gesagt, sie sollen es
alle zusammen tun, sich aber vermummen.
Na großartig! Leyrah konnte die Aktion ihres Sohnes
sehr wohl nachvollziehen. Im Grunde genommen war das eigentlich
eine gute Lösung, fand sie. Ihr war Ismails Eingebildetheit
schon oft auf die Nerven gegangen. Auch ihr gegenüber benahm er
sich manchmal zickig, weil sie in seinen Augen ja nur eine Frau
war.
Ardeth, ich weiß nicht, ob ich deine Handlung gutheißen
soll. Es ist sicherlich nicht gut, wenn ein Bay so bloßgestellt
wird. Das ärgert deinen Großvater zu Recht. Aber ich toleriere
deine Taten. Nun musst du aber deinen Großvater besänftigen,
also auch ihm gegenüber alles zugeben und versuchen, Ismails
Kameraden vor Bestrafung zu retten, die du ja eigentlich verdient
hast. Das ist die Strafe, die ich dir für deine Anstiftung
erteile!
Ardeth wusste nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht.
Eigentlich hatte er gehofft, seine Mutter würde das für ihn
regeln. Aber sie hatte Recht. Er hatte diese Sache zu seiner
Angelegenheit gemacht, daher musste er auch zu Ardjun gehen und
nicht seine Mutter dorthin schicken. Er nickte.
Ja, Mama. Ich gehe gleich noch zu ihm.
Sie entließ ihn und sah ihm eine Weile hinterher. Dieser
jugendliche Lord Bay war kein bisschen eingebildet und hatte
ungewöhnliche Lösungen für Probleme im Kopf.
Ardjun war ebenso überrascht und verärgert, doch als Ardeth ihm
seine Beweggründe erläuterte, verstand er genauso wie Leyrah,
warum Ardeth so gehandelt hatte. Er entließ ihn, ohne ihn für
diese Tat zu bestrafen. Am nächsten Tag besprach er mit den
Leyrah den Fall. Irgendeine Reaktion mussten sie zeigen. Es ging
nicht, dass Ardeth die Massen mobilisierte, um jemanden
verprügeln zu lassen schon gar nicht seinen eigenen
Cousin. Zunächst wollten sie sich beide Ismail vornehmen, damit
dieser sich klar darüber werden würde, warum ihm so mitgespielt
worden ist. Doch von Ardeth wollten sie Ismail gegenüber nichts
erwähnen. Ardeth allerdings sollte nicht so davonkommen. Sie
ließen ihn gleich zu sich rufen. Zu beider Verwunderung und
Freude zeigte Ardeth keine Angst vor einer möglichen Bestrafung,
sondern stand aufrecht und willig, für seine Tat einzustehen,
vor ihnen. Ardjun erklärte ihm, dass es nicht in Ordnung sei,
die Jungen zu so einer Tat aufzurufen. Er hätte ihnen Unrecht
getan, denn sie hätten alle dafür bestraft werden können.
Außerdem wäre Ismail ein Lord Bay und Ardeth hätte dessen
Stand untergraben. Ardeth gab zerknirscht zu, sich der Reichweite
seiner Tat nicht im Klaren gewesen zu sein.
Du hast deinen Cousin erziehen wollen, das erkenne ich zwar
an, aber muss dir sagen, dass es dir nicht zusteht, so über ihn
zu richten. Du wirst aber einen anderen Weg finden, um deinen
Cousin auf den richtigen Weg zu führen. Ismail ist noch nicht
solange hier, du schon dein ganzes Leben. Du kannst ihm bestimmt
wunderbar begreiflich machen, wie es hier so zugeht.
Ardeth sah seinen Großvater verwundert an.
Du wirst, sprach dieser weiter, von nun an jede
freie Minute mit Ismail verbringen, um ihm ein Beispiel zu sein,
um ihm zu zeigen, welches der rechte Weg ist. Und du wirst nie
mehr seine Position untergraben, sondern Respekt vor ihm haben.
Ist das klar?
Ardeth nickte. Da standen ihm anstrengende Zeiten bevor.
Er wird dich künftig beim Beten begleiten. Ein bisschen
Demut kann Ismail nicht schaden.
Ardeth, wandte sich nun seine Mutter an ihn,
Ismail wird später eine wichtige Rolle spielen. Und es
liegt nun an dir, ihn dahin zu bringen, wo du ihn später haben
willst.
Wir werden Ismails Entwicklung im Auge behalten.
Achja, und die Jungen können natürlich auch nicht
ungeschoren davon kommen. Am nächsten freien Tag wird der ganze
Jahrgang die Pferdeställe gründlichst reinigen von oben
bis unten.
So, jetzt mach, dass du fort kommst, sonst versäumst du
noch was!
Während Ardeth sich vor ihnen verneigte, lächelten sich Ardjun
und Leyrah an. Ardeth verließ das Re-Zelt. Einerseits war es
nicht schön, die Freizeit von nun an mit diesem verwöhnten Kind
teilen zu müssen, andererseits hatten ihm sein Großvater und
seine Mutter aber gerade deutlich gemacht, dass er von nun an
wirklich Verantwortung übernehmen werden würde. Er nahm sich
vor, dass beste daraus zu machen.
Natürlich hatten Ardjun und Leyrah sehr streng mit Ismail
gesprochen. Sie hatten ihm unmissverständlich mitgeteilt, dass
er selbst an der Behandlung Schuld gewesen sei und sich unbedingt
gegenüber seinen Mitschülern besser verhalten müsste. Sie
würden nicht dulden, wenn er sich als Pascha aufspielen würde.
Zunächst müsse er Demut lernen. Ismail war überrascht, als er
vernahm, dass er das bei seinem gut drei Jahre älteren Cousin
lernen sollte und fragte auch ungeschickt und leicht aufbegehrend
nach:
Was? Von Ardeth?
Ja, von Ardeth, wiederholte Ardjun streng und ließ
den armen Ismail nicht aus den Augen. Ardeth wird einmal
dein Herr sein und du wirst vor ihm auf die Knie gehen müssen.
Besser, du lernst gleich, dass du ihm Gehorsam schuldest. Du
wirst dich in deiner freien Zeit bei ihm melden, auch dann, wenn
er mit seinen Pflichten beschäftigt ist. Dann wirst du still
abwarten, bis er sich dir zuwenden kann. Für dich gibt es in
Zukunft nur zwei Dinge: erstens deine Pflicht, zweitens alles zu
tun, was Ardeth von dir verlangt. Hast du mich verstanden?
Ismail sah seinen Großvater trotzig an und maulte:
Aber wann soll ich denn dann mit meinen Freunden
spielen?
Ardjun holte tief Luft und war kurz davor, Ismail bestrafen zu
lassen.
Doch Leyrah fragte den Jungen ironisch: Welche Freunde,
Ismail?, woraufhin er sie verunsichert ansah.
Ardeth gab sich große Mühe mit seinem Cousin. Er versuchte ihn
auf nette Weise davon zu überzeugen, dass er nicht so
eingebildet sein durfte. Wenn ihm zu Ohren kam, dass er wieder
einmal einem Jungen oder Mädchen gegenüber seine Position
ausgespielt hatte, sprach er ihn sogleich darauf an. Ismail
musste es jedes Mal wieder gutmachen, indem er dem entsprechenden
Mitschüler etwas Gutes tat, ihm oder ihr den Vortritt bei einer
sich bietenden Gelegenheit ließ und Ardeth dann davon
berichtete. Seit Ismail auch beim Beten dabei war, betete Ardeth
sehr ausdauernd und ließ Ismail auswendig gelernte Suren
aufsagen mit entsprechend erzieherischem Inhalt. Jetzt
profitierte er erstmals von seinen eigenen Anstrengungen. Ardeth
ließ sich von Ismail seine Sachen holen und bedankte sich
dafür. Er nahm den Dienst seines Cousins nicht als
selbstverständlich hin. Teilweise war Ismail sogar stolz darauf,
bei den Großen dabei sein zu dürfen. Er schämte sich auch
nicht mehr dafür, Arbeiten zu erledigen, die ihm früher als
unwürdig galten. Ardeth ließ ihn häufig derartige Arbeiten
erledigen und wies ihn auch an, bei den Leuten im Ort an den
freien Tagen zu helfen. Die Bewohner staunten sehr und Tanith und
Sahin sprachen Ardeth gegenüber ihr Erstaunen und ihre
Bewunderung aus. Ardeth selbst weilte mit Ismail häufig bei den
Tierherden und stattete nach wie vor seinen Ziegen regelmäßige
Besuche ab. Bagi kam ihm stets freudig entgegen.
Tatsächlich besserte sich Ismails Verhalten. Ardjun und Leyrah
waren sichtlich zufrieden, aber auch Nefrar, die nicht müde
wurde, darauf hinzuweisen, was für ein frommes Kind ihr Sohn
doch geworden sei. Leyrah allerdings sollte alsbald bewusst
werden, dass ihr Sohn tatsächlich seine Zukunft in die eigene
Hand nehmen wollte.
Kurz vor seinem 14. Geburtstag feierte Ardeth mit seinen beiden
verbliebenen Zeltkameraden Abschied, denn an diesem Abend sollte
ein neuer Jüngling dazukommen, um Sahins Platz einzunehmen. Zwei
Wochen später würde ein weiterer Schüler dazukommen, wenn auch
Ardeth das Zelt verlassen haben würde. Die drei saßen also
zusammen, knabberten an Süßigkeiten und erinnerten sich
gegenseitig an eine lustige Episode ihrer Zeit nach der anderen.
Inmitten dieses fröhlichen Miteinanders platzte ein
niedergeschlagen wirkender Sahin. Sofort verstummte das
Geplapper.
Sahin! Ist etwas passiert?
Sahin nickte bedrückt. Aus unserer gemeinsamen Zeit wird
nichts werden, Ardi. Heute ist Channan bei mir eingezogen.
Channan?
Sahin nickte. Ich glaube, er ist selbst nicht ganz
glücklich damit. Er erzählte mir, dass er eigentlich mit seinem
Kumpel Aldin zusammen ziehen wollte, aber der soll nun mit Piram
zusammen ziehen.
Piram ist doch Jusuas bester Freund?
Sahin nickte.
Also steckt meine Mutter dahinter. Sie will, dass ich mit
Jusua in ein Zelt komme. Komm, Sahin!
Sahin folgte Ardeth mit unguten Gefühlen. Zum Glück steuerte
der aber nur auf das Zelt des Quartiermeisters zu. Sahin hatte
schon befürchtet, Ardeth würde direkt zu seiner Mutter gehen
wollen. Der Quartiermeister saß vor seinem Zelt und sah die
beiden Jungen mit ernster Miene an. Auch er hatte den Wechsel
nicht gewollt und es war ihm sehr unangenehm, da er den beiden
Jungen ja bereits seine Zusage gegeben hatte. Doch Ardeth hatte
nicht vor, den Meister zu kompromittieren. Er wollte nur
Klarheit.
Meister, sprach er ihn ehrerbietig an und verneigte
dabei leicht seinen Kopf. Heute ist Channan bei Sahin
eingezogen. Verzeihen Sie, wenn ich Sie direkt danach frage, aber
ich glaube nicht an ein Versehen. War es meine Mutter, die darauf
bestanden hat, damit ich mit Jusua zusammen wohnen soll?
Der Quartiermeister bestätigte, indem er mit dem Kopf nickte.
Es tut mir außerordentlich leid für euch zwei. Aber du
hast Recht... Auf einmal verstummte er und sah an den
beiden Jungen vorbei. Ardeth wusste, dass nur eine Person sich
hinter ihnen befinden konnte: seine Mutter. Er drehte sich um und
sah sie in zwanzig Metern Entfernung mit zwei Kommandanten reden.
Sie hatte ihn noch nicht gesehen.
Das trifft sich gut, kommentierte er und wandte sich
wieder dem Quartiermeister zu. Vielen Dank für Ihr
Bedauern und Ihr Bemühen, Meister. Ardeth neigte zum
Abschied wiederum leicht den Kopf und wollte gerade zu seiner
Mutter gehen, doch diese hatte ihn inzwischen gesehen und
steuerte auf das Zelt des Quartiermeisters zu, der bereits
demütig auf die Knie ging. Die beiden Jungen taten es ebenso.
Sie winkte sie hoch und sprach dann mit fester Stimme:
Mein Sohn, wie gut, dass ich dich hier treffe. Aber ich
sehe schon, du bist informiert, sonst wärest du nicht hier bei
Meister Meshin. Ist das Sahin?
Ja, Mutter, das ist Sahin Geragan.
Sahin wagte nicht, Lady Bay ins Gesicht zu schauen, sondern hielt
den Kopf stur gesenkt.
Er ist mein bester Freund, fuhr Ardeth fort,
und ich möchte Euch bitten, Euren Entschluss rückgängig
zu machen.
So!, erwiderte Leyrah und sah ihren Sohn streng an.
Ich habe dir neulich bereits erklärt, dass das nicht
möglich ist. Also verschwende nicht unsere Zeit mit
überflüssigen Diskussionen, Ardeth. Es bleibt dabei, du wirst
mit Jusua Kheralah zusammen in einem Zelt wohnen. Was dich
betrifft, Sahin, so kannst du dir auch jemanden anders aussuchen
als Channan Khoruj. Aber du musst verstehen, dass Ardeth seine
künftigen Kommandeure genau kennenlernen muss. Er muss wissen,
auf wen er sich später einmal verlassen kann.
Ardeth ließ Sahin keine Gelegenheit zu einer braven Antwort, zu
der sich der Freund maximal hätte hinreißen lassen, sondern
meinte:
Ich hoffe, ich werde später einmal allen meinen Kriegern
vertrauen können. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Ihr
möchtet aber, dass ich mit meinem späteren Stellvertreter das
Zelt die nächsten zwei Jahre teile, um ihn besser kennen zu
lernen, nicht wahr?
Leyrah war es nicht angenehm, in aller Öffentlichkeit diese
Dinge mit ihrem Sohn zu diskutieren. Gewiss, sie hatte sich
bereits bestimmte Jungen aus entsprechenden Familien ausgesucht,
die als Kommandeure in Frage kamen, aber es war unklug, das jetzt
schon bekannt zu geben.
Vorausgesetzt, er eignet sich dazu und du fasst Vetrauen zu
ihm.
Ja, vorausgesetzt. Ich weiß aber schon heute, wem ich ganz
besonders vertrauen kann, und das ist eben Sahin. Ich möchte,
dass Sahin mein Vize werden wird.
Sowohl Leyrah als auch Sahin sahen Ardeth entsetzt an. Der
Meister blickte überrasscht zu Sahin. Leyrah brauchte eine ganze
Weile, bevor sie die Worte wieder fand.
Ardeth...
Nein, Lady Bay, das ist keine Laune. Ich möchte es so, und
da ich später sowieso meine Kommandeure selbst aussuchen werde,
kann ich jetzt schon kund tun, wovon ich im Innersten meines
Herzens überzeugt bin. Sahin ist deshalb mein bester Freund,
weil ich ihm am meisten vertrauen kann. Wer wäre besser
geeignet? Daher bitte ich Euch, meinem Willen zu entsprechen und
uns zusammen wohnen zu lassen.
Der Meister war beeindruckt. Ardeth war dazu fähig, für seine
Meinung einzutreten, soviel war klar. Auch Leyrah erkannte, dass
Ardeth es ernst meinte. Wenn sie jetzt allzu streng sein würde,
wäre es nicht gut, zumal Ardeh später wirklich seine
Kommandeure frei bestimmen konnte. Es wurde Zeit, Ardeth als
Erwachsenen zu behandeln.
Also gut, du hast mich überzeugt, mein Sohn.
Sahin und der Meister starrten nun Leyrah an. Lady Bay hatte
nachgegeben! Der heutige Tag hielt eine Überraschung nach der
nächsten bereit...
Aber ich wünsche, dass du der Familie Kheralah deine
Aufwartung machst und ihnen erklärst, dass voraussichtlich Sahin
dein Vize werden wird und dass du ihnen versicherst, auch ihrem
Sohn Jusua eine würdige Position zuzusichern. Du wirst zum
Zeichen deiner Loyalität an den nächsten freien Tagen bei ihnen
Dienst tun.
Ja, Lady Bay. Gern.
Meister Meshin, bitte veranlassen Sie, dass Ardeth und
Sahin ein Zelt beziehen. Lassen Sie Jusua selbst wählen, mit wem
er zusammen wohnen möchte.
Wie Ihr wünscht, Lady Bay. Der Quartiermeister war
insgeheim sehr erleichtert darüber.
Und du, Sahin, folgst mir jetzt!, befahl Leyrah
abschließend.
Sahin wurde ganz anders. All die Farbe entwich aus seinem
Gesicht. Was hatte Lady Bay mit ihm nur vor? Ardeth dagegen
ahnte, dass sie den Freund auf Herz und Nieren prüfen würde. Er
berührte Sahin leicht an der Schulter und sprach ihm so Mut zu.
Sahin nickte und folgte wie ein braver Hund Lady Bay, der
lebenden Legende, die ihn eine Weile später vor ihrem Zelt
ausführlich befragte. Sahin hatte hinterher das Gefühl, sie
wusste über ihn besser Bescheid als er selbst.
Ardeth erhielt an seinem 14. Geburtstag die typische
Medjai-Waffe: das alt-ägyptische Schwert, sogar in doppelter
Ausführung. Er richtete es sich mit Sahin gemütlich im Zelt
ein. Die nächsten beiden Jahren wurden sehr anstrengend. Die
Jungen ritten jetzt bereits Wache, sie verfeinerten ihre
Kampfkünste und halfen auch dabei, die Jüngeren zu
unterrichten. Sie wurden von ihnen sehr respektiert. In diesen
zwei Jahren fanden auch gewisse Prüfungen statt. Die Jungen
wurden Schmerzen unterworfen, denen sie standhalten mussten. Sie
wurden ohne Wasser in der Wüste ausgesetzt und mussten den Weg
nach Hause allein finden. Freilich wachte insgeheim ein Trupp
über diese Jungen, aber selten war es vorgekommen, dass sie
eingreifen mussten. Die Jungen erreichten halb verdurstet, aber
froh, diese schwere Prüfung bestanden zu haben, ihr Zuhause.
Noch vor dem 15. Geburtstag wurden die jungen Krieger in
verschiedene Städte geschickt. Sie durften sich diese zumeist
aussuchen und lebten dann in den Medjai-Stationen in den
Städten. Sie sollten das Stadtleben kennenlernen. Es war unter
anderem eine Möglichkeit, dem Medjai-Leben zu entsagen, wenn
sich der Jugendliche für das Stadtleben entschied. Er schied
dann aus der Stammesgesellschaft aus. Selten kam dieser Fall vor,
doch wenn, dann hatte es in der Regel schon vorher Probleme bei
der Ausbildung gegeben, und der entsprechende Junge nahm dann die
Gelegenheit wahr, in den Städten zu bleiben. Manchmal war es
auch so, dass den Jugendlichen das Stadtleben einfach besser
gefiel und sie lieber dort ihrem Stamm dienen wollten. Sie wurden
dann häufig Agenten, die als nicht erkennbare Medjai Nachrichten
in Erfahrung bringen konnten. Auch sie wurden unter Eid genommen,
erhielten aber keine sichtbaren Tätowierungen. Meistens waren es
aber die Kinder aus solchen bereits in den Städten etablierten
Familien, die in die Fußstapfen ihrer Eltern traten. Sie waren
der Sache der Medjai treu ergeben, aber lebten fern von ihrem
Heimatstamm. Ihnen wurde ein großes Prestige zuteil, da man es
als Opfer ansah, nicht in der Gemeinschaft der Medjai leben zu
können.
Den meisten Jugendlichen gefiel es aber nicht in der Stadt, es
war ihnen zu eng, zu stickig, zu laut... Da Ardeth nach seiner
Initiation sowieso einige Zeit in Kairo verbringen würde, wurde
er statt in eine Stadt in den Isis-Tempel geschickt, wo alle
Stammesanführer-Kinder eine Zeit lang leben und dienen mussten.
Auch Kinder von anderen Medjai-Adligen kamen hierher, ebenso die
Mädchen, die sich für einen lebenslangen Tempel-Dienst
entschieden hatten. Ardeth würde die Stammesanführer-Kinder
später in Kairo wiedertreffen, wenn sie alle gemeinsam in einer
Bibliothek alte Texte studieren würden. Natürlich sollten sie
Freundschaften schließen und vielleicht auch ihren späteren
Ehepartner kennenlernen hier im Tempel und später in
Kairo war dazu die Gelegenheit. Ardeths Mutter begleitete ihn
höchstpersönlich zu dem Ort, an dem sie ihre Kindheit einstens
verbracht hatte. Sie erzählte ihm, wie sie in diesem Tempel ihre
Initiation erlebt hatte und dabei mit Lyleth beschlossen hatte zu
heiraten. Ihre Augen glühten dabei vor Freude. Die Oberste
Priesterin hieß Ardeth willkommen und sah ihren ehemaligen
Zögling Leyrah zufrieden an.
Das ist also der Sohn des Kindes des Südens!
Leyrah nickte und ihr wurde flau im Magen, denn der zweite Teil
der Prophezeiung lautete, dass dieser Sohn sich dem Unnennbaren
einst entgegenstellen werden müsse.
Ich weiß, du hast ihn streng und gut erzogen. Wir werden
auf ihn achten und in alles einweisen, meine Tochter!
Sie übergab Ardeth einer Tempeldienerin und zog sich mit Leyrah
zurück. Ardeth ahnte, dass sich beide jetzt in Erinnerungen an
alte Zeiten ergehen lassen würden. Seine Mutter reiste bald
wieder ab. Ardeth sollte zwei Monate bleiben. Die Dienerin, ein
junges Mädchen, vielleicht 14 Jahre alt, das später selbst
Tempelpriesterin werden wollte, führte ihn in den rechten
Flügel des Tempels. Die Räumlichkeiten wirkten wie in Fels
gehauen. Kein Sonnenlicht drang hier hinein, denn der Tempel war
größtenteils von Sand bedeckt. Doch auf einmal öffnete sich
eine Art Hof. Hier waren Palmen gepflanzt und ein Teich lag ganz
im Schatten.
Entkleide dich!, wies ihn das Mädchen an und nahm
von einem Stapel einen Schwamm. Ardeth zog sein blaues Gewand
aus, behielt aber seine Hose an. Das Mädchen hatte nichts
anderes erwartet. Die Jungen, die hier das erste Mal herkamen,
waren ale gleich.
Alles!, forderte sie ihn auf und Ardeth sah sie
irritiert an. Doch ihr Blick blieb fest, also folgte er ihrer
Anweisung, jedoch nicht ohne zu erröten.
Und jetzt bade! Sie reichte ihm den Schwamm.
Schrubb deine Haut damit gründlich ab. Niemand darf unrein
in den Tempel!
Während Ardeth etwas zögerlich ins Teichbecken stieg, packte
das Mädchen Ardeths Sachen in einen Korb und trug ihn fort.
Ardeth sah verdutzt hinterher. Nach einer Weile kehrte das
Mädchen zurück. Sie wirkte sehr geschäftig. Nun holte sie ein
Handtuch hervor, dann beobachtete sie kritisch Ardeth, ob er sich
auch gründlich genug reinigte. Doch der hatte es vorgezogen,
sich genüsslich an den Beckenrand zu lehnen und das kühle
Wasser nach dem langen Ritt zu genießen. Das hier war Luxus pur
und er wollte es auskosten. Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf
und ging zu Ardeth.
Reich mir den Schwamm!
Ardeth tat, was sie wünschte, und er wunderte sich sehr über
ihren selbstbewussten Befehlston. Sie stieß ihn etwas nach vorn
und begann, seinen Rücken mit kräftigem Reiben zu schrubben.
Das war nicht gerade angenehm. Ardeth hatte das Gefühl, sie
wolle seine Haut ganz abraspeln. Als sie endlich fertig war, gab
sie ihm den Schwamm zurück:
Und jetzt du! Aber alles!
Er nickte und begann, seine Arme abzureiben. Sie blieb hinter ihm
hocken und beobachtete sehr genau, was er tat. Wenn er ihrer
Meinung nach nicht kräftig genug rieb, ermahnte sie ihn
abermals. Ardeth bedauerte sehr, dass er das Bad nicht genießen
konnte. Er war ziemlich irritiert, dass sie ihn derart fixierte.
Als er ihr den Schwamm zurückreichte, schüttelte sie
missbilligend mit dem Kopf, legte den Schwamm beiseite und
drückte seinen Kopf herunter. Er war so überrascht, dass er sie
gewähren ließ. Als er prustend wieder auftauchte, massierte sie
ihm die Haare, nahm immer wieder Wasser mit einem Schöpfgefäß
und ließ es immer wieder über Ardeths Kopf laufen. Sie ging
dabei energisch und schnell vor.
Warum hast du auch so lange Haare!, schimpfte sie
vorwurfsvoll und zog fast wütend an der schwarzen Mähne.
Früher wurde allen der Kopf geschoren.
Früher vor 3000 Jahren?, fragte Ardeth
herausfordernd nach.
Sei nicht so frech! So, jetzt steig aus dem Wasser und
stell dich hier hin!
Ardeths versuchte, sein Geschlechtsteil mit seinen Händen zu
verbergen. Die Novizin nahm den Schwamm, tauchte ihn ein und
begann, seine Beine zu schrubben, die er ihrer Meinung nach nicht
richtig unter Wasser hatte reinigen können. Als sie an den
Innenflächen seiner Oberschenkel zu Werke ging und seine Hände
beiseite schob, wurde Ardeth puterrot und schaute verlegen
beiseite. Am liebsten wäre er weggerannt, aber sie war
unerbittlich und schimpfte abermals über seine Behaarung. Ardeth
ächzte, als sie auch den Rest so bearbeitete.
Niemand geht ungewaschen in den Tempel!, wiederholte
sie und rechtfertigte ihre Tat, da sie merkte, dass es dem Jungen
unangenehm war. Nächstens wasch dich selbst gründlicher,
dann muss ich das hier nicht machen. Sie klang nicht gerade
freundlich. Als sie endlich fertig war, reichte sie ihm ein
Handtuch.
Trockne dich ab, aber überall!
Dieses Mal kam Ardeth ihrer Aufforderung nach, befürchtete er
doch, sie würde das Werk wieder vollenden, wenn er ihrer Meinung
nach nicht gründlich genug war.
Wir halten uns hier nicht länger als nötig auf,
erklärte sie. Dieser Ort ist zum Waschen da und zu nichts
anderem! Du wirst hier jeden Morgen mit den anderen Jungen um 5
Uhr herkommen und dich gründlich waschen. Danach frühstückt
ihr in dem Raum, den ich dir gleich zeigen werden. Um 5.30 Uhr
beginnt der Tempeldienst. Hast du das verstanden?
Ardeth nickte benommen. Sie ließ ihm gar keine Zeit zum
Überdenken, sondern reichte ihm ein weiteres Tuch. Ardeth war
verwirrt. Er hatte sich doch wirklich gründlich abgetrocknet.
Ich glaube, ich bin ziemlich trocknen, meinte er
etwas verschüchtert.
Das ist ein Schurz. Lege ihn an!
Ardeth sah sie noch irritierter an als zuvor. Er sollte dieses
weiße Tuch, nicht viel größer als ein Badetuch, anziehen? Die
Novizin nahm ihm den Schurz kurzerhand aus der Hand und legte ihn
Ardeth um die Hüften.
So macht man das. Achja, du findest jeden Tag hier drüben
einen neuen Schurz. Und nun komm!
Ardeth sah halb entsetzt an sich herunter. Das war alles? Mehr
sollte er nicht tragen? Darunter zeichnete sich doch alles
überdeutlich ab. So wollte er wirklich nicht unter die Leute
treten. Das Mädchen war aber schon vorangeeilt und ließ ihm
keine Zeit.
So warte doch bitte!, rief er halb flehend.
Nein, komm jetzt! Ich habe keine Lust, dafür getadelt zu
werden, nur weil du trödelst.
Aber... Es hatte keinen Zweck, er musste ihr folgen,
wenn er mitkriegen wollte, wohin sie ihn führte. Sie zeigte ihm
nacheinander alle Räume, in denen er wohnen und arbeiten würde,
doch den Tempel an sich zeigte sie ihm nicht. Am Ende übergab
sie ihm seiner Lehrerin. Wie alle weiblichen Mitglieder des
Tempels trug sie ein weißes Trägerkleid, das von einem
schlichten Gürtel gehalten wurde.
Ardeths Lehrerin hieß Dang Siut und war vielleicht 25 Jahre alt.
Sie wirkte sehr ernst, aber im Gegensatz zu der jungen Novizin
lächelte sie hin und wieder. Es war ein wohlwollendes, fast
mütterliches Lächeln. Dang Siut hatte wie alle
Tempelpriesterinnen keine Kinder, aber sie liebte den Umgang mit
den Jugendlichen, die ihr anvertraut wurden. Sie stammte aus dem
1. Stamm, der für die Bewachung und Bewahrung dieses Tempels
zuständig war. Ardeth hatte großen Respekt vor ihr, aber fasste
auch Vertrauen, da sie ihm stets geduldig alles erklärte.
Zunächst erläuterte sie ihm, dass er sich an dem letzten aktiv
betriebenen Tempel befand, in dem noch der Isis gehuldigt wurde.
Man sei hier den alten Sitten und Gebräuchen verschrieben, und
daher kleideten sie sich alle so wie ihre Vorfahren es noch vor
2000 Jahren getan haben.
Es war für Ardeth zunächst ungewohnt, einen alt-ägyptischen
Schurz zu tragen. Der Aufenthalt im Tempel diente dazu, ein
Gefühl für diese alte Religion zu erhalten und sie im höchsten
Maße zu achten. Die Lehrerin erklärte ihm, dass die Menschen
sich von Zeit zu Zeit wandelten und neue Namen für die
allgegenwärtigen Götter oder dem allgegenwärtigen Gott oder
der allgegenwärtigen Macht zu finden. Ardeth sollte stets
tolerant sein und das Prinzip dahinter verstehen.
Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet,
erklärte ihm Dang Siut. Aber leider behaupten es die
Mitglieder verschiedener Gemeinschaften immer wieder. Das
Auslöschen von Göttern und Religionen ist eine ganz alte Sache.
Selbst Menschen haben die Namen ihrer Vorgänger ausgelöscht,
denn sie glaubten, mit der Unfähigkeit des Erinnerns an diese
würden sie ganz sterben. Warum tut man so etwas? Um das Alte
ganz ersterben zu lassen, um für Neues gänzlich bereit zu sein?
Ich weiß es nicht... Letztendlich geht es immer nur um
Weltanschauungen. Um die Wahrheit hinter allen Dingen weiß aber
niemand. Bevor dieses Land fast ganz islamisch wurde, waren weite
Teile christlich. Davor hatten römische und griechische Götter
ihre Verehrer. Aber ganz davor gab es jene Götter, die wir die
ägyptischen Götter nennen. Doch waren es keine Götter, Ardeth.
Es waren Besucher aus einer anderen Welt.
Ardeth schaute auf. Er hatte schon befürchtet, sich auf einen
längeren, vermutlich ziemlich langweiligen
religionsgeschichtlichen Vortrag gefasst zu machen, doch auf
einmal wurde es interessant.
Etwa aus dem Weltall?, fragte er ungläubig nach.
Ja, richtig. Sie hatten die Möglichkeit, die Erde mittels
großer fliegender Luftschiffe zu besuchen. Sie brachten heute
nicht mehr vorstellbare Geschwindigkeiten auf. Wenn wir auf das
Sternbild des Orion schauen, dann sehen wir das Tor, durch das
sie reisen mussten, um hierher zu gelangen: das Tor des Osiris.
Die Menschen nennen es auch Sirius. Nicht umsonst wird Osiris mit
dem Jenseits, mit der anderen Welt verbunden.
Ja, natürlich, dachte Ardeth. So erklärte sich die Bedeutung
des Hundssterns Sirius für die Ägypter und auch Osiris als der
Jenseitsgott. Das waren also keine Mythen, sondern es steckte
etwas sehr Reales dahinter. Dang Siut ließ Ardeth keine Zeit
für Reflexionen, sondern sprach weiter:
Sie brachten uns den Fortschritt, und viele ihrer
Errungenschaften, die sie den damaligen Menschen erklärt und
dagelassen hatten, können wir nicht verstehen. Sie waren zu weit
für die damaligen Menschen entwickelt. Die Menschen wären auf
immer auf ihrer damaligen Entwicklungsstufe geblieben, wenn die
Allbesucher nicht beschlossen hätten, uns dadurch zu helfen,
indem sie sich mit uns vermischten. Die Kinder der Götter und
Menschen nannten sich Halbgötter. Sie wurden sehr, sehr alt. Wir
sind ihre Kindeskinder und tragen nur noch ganz wenig sogenanntes
göttliches Blut in uns. In Wirklichkeit ist es ja kein
göttliches Blut und es wäre zurecht eine Blasphemie, das von
uns Menschen behaupten zu wollen. Nein, diese Wesen aus der
anderen Welt haben es geschafft, ihre Gene mit den unseren
kompatibel zu machen. Wir tragen sozusagen die Gene dieser
Außerirdischen in uns.
Warum sind sie nicht hier auf der Erde geblieben?
Angenommen, man würde dich in die großen Wälder nahe des
großen Sees, wo der Nil entspringt, bringen und du solltest dort
unter den Affen leben, um ihnen etwas von uns Menschen
beizubringen. Würdest du dort für immer bleiben wollen?
Äh...nein...
Du würdest auf Dauer die Gesellschaft deines Volkes
vermissen. Den Weltreisenden ging es ebenso. Einge hatten ein
gutes Herz und wollten uns Menschen voranbringen. Vielleicht
hatten sie auch eine bestimmte Absicht. Vielleicht wollten sie
uns zu baldigen Handelspartnern machen oder als Alliierte gegen
andere Weltallvölker gewinnen oder einfach nur experimentieren
wer weiß das schon? Aber auf Dauer wollten sie nicht hier
bleiben. Zu unterlegen erschienen wir ihnen. Und dann gibt es
noch die Berichte, dass es unter ihnen Streitereien gab, in dem
es darum ging, wem welcher Bereich im Weltall zur Verwaltung
zugesprochen wurde. Ob sie aufgrund dieses Streites die Erde
aufgaben? Jedenfalls war Horus der letzte reinrassige
Außerirdische, der hier auf Erden herrschte und nicht umsonst
bezeichneten sich die Pharaonen als Horussöhne, denn genau wie
ihr Vorbild Horus herrschten sie über Kemet.
Die Erde ist groß. Warum haben sich die Außerirdischen
gerade diesen Teil ausgesucht? Hier gibt es doch nur Sand, Wind
und ein paar Felsen.
Zu der Zeit, als jene Außerirdischen die Erde besuchten,
war hier alles grün und blühend. Es ist nach unserer Erinnerung
erst 10 000 Jahre her, dass sich hier die Wüste allmählich
ausbreitete. Wären hier damals nicht Flussläufe und Seen
gewesen, gäbe es jetzt auch keine Wasserstellen.
Und waren die Außerirdischen nur hier? Warum dann gerade
hier?
Die Lehrerin musste lächeln. Das Geheimwissen der Medjai war
immer wieder ein spannendes Thema für die Jünglinge, die damit
erstmals konfrontiert wurden.
Nein, sie waren überall auf der Erde. Nur haben sie hier
in besonderem Maße ihre Spuren hinterlassen. Denk nur an die
Pyramiden! Und sie haben sich hier niedergelassen. Vielleicht
waren die Menschen hier sehr bereit, auf sie zu hören. Die
Außerirdischen haben hier auch eine Basis eingerichtet, von der
aus sie ihre Luftschiffe gestartet haben. Ich denke, das spielte
eine große Rolle.
Eine Basis?
Ja, von dort sind sie zum Tor des Osiris geflogen. Dort
lagern noch heute die merkwürdigen Metalle, Erze und anderen
Stoffe, die sie damals für den Antrieb benötigten.
Wo?, wollte Ardeth mit großen Augen wissen.
Sobald du heimgekehrt bist, wird man mit dir zu einigen
Tempeln und verborgenen Orten reiten und dir alles zeigen. Dann
wirst du auch diese Basis kennen lernen.
Ardeth war sehr aufgeregt. Bislang war seine Welt überschaubar
gewesen, er hatte sich als Angehöriger eines zurückgezogen
lebenden Wüstenvolkes gewähnt, das von anderen Menschen wegen
seiner Rückständigkeit belächelt wurde, aber jetzt wurde seine
ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt.
Wenn du in den Tempeln weilen wirst, die die Menschen in
Verehrung an die Besucher aus dem All angelegt haben, und auch in
jenen, die allen Menschen frei zugänglich sind, achte auf die
Symbole, die die Menschen dort angebracht haben. Sie haben sich
an vieles erinnert, an die vielen Geräte und Fortbewegungsmittel
und es versucht, aufzuzeichnen. Leider ist die Erinnerung nie so
perfekt wie das Original. Wir können uns nur so ungefähr
ausmalen, was es hier auf der Erde einstmals vor mehr als 10 000
Jahren gegeben haben muss. Mittlerweile sind die Menschen aber
dabei, sich an vieles zu erinnern. Sie sagen, sie erfinden es,
aber es ist tief in ihren Genen verwurzeltes Wissen, auf das sie
zurückgreifen. Sie erinnern sich nach und nach. Eines Tages
werden sie durch das Tor des Osiris die andere Welt besuchen
können und vielleicht ihre Verwandten treffen.
Ardeth überlegte eine Weile, dann fragte er vorsichtig:
Priesterin, wen verehrt man denn nun eigentlich in diesem
Tempel, wenn Isis keine Göttin war?
Dang Siut nickte bedächtig.
Nein, Isis war keine Göttin in dem Sinne, wie sie die
Ägypter darstellten. Du musst bedenken, die Menschen hatten
damals gehörigen Respekt vor den viel mächtigeren Wesen aus dem
Weltall. Ihnen kamen sie wie Götter vor. Also verehrten sie sie
dementsprechend und diese Wesen blieben auch in der Erinnerung so
erhalten. Kaum einer erinnerte sich daran, dass diese Wesen
Außerirdische gewesen sind. Wir haben das Wissen durch die
Priester bewahrt, die den Medjai aufgetragen haben, gewisse Orte
wie die Basis zu schützen. Die Priester wurden allesamt
vernichtet, die Bevölkerung erst zum Christentum, dann zum Islam
bekehrt. Übrig geblieben sind nur die Medjai, die ein sehr
rudimentäres Wissen von diesen Dingen haben. Zum Glück standen
sie in der letzten Hochzeit von Kemet den Pharaonen sehr nah,
ansonsten wäre das Wissen um die Außerirdischen verloren. Wir
halten die Erinnerung an unsere Vergangenheit wach, indem wir
diese Wesen hier verehren. Dieser Tempel war schon immer Isis
geweiht, und es ist egal, ob sie als Göttin oder Außerirdische
bezeichnet wird. Sie ist verehrungswürdig. Diese Wesen aus dem
Weltall hatten unvorstellbare Fähigkeiten, auch auf mentaler
Ebene. Vieles erscheint uns Unwissenden als Zauberei. Deine
Mutter hat dir bestimmt schon von dem Buch des Übergangs
berichtet.
Ardeth nickte.
Achja, du hast ja bestimmt den ganzen Text für deinen
Vater abgeschrieben, als er zu Grabe getragen worden ist,
fuhr die Priesterin fort. Du weißt, dass ein Verstorbener
diese zwölf Stadien, die dort genannt werden, wirklich
durchlaufen muss. Die Menschen haben das Wissen der
Außerirdischen nach dem Hörensagen niedergeschrieben und nur
soweit, wie sie es begreifen konnten. Die zwölf Stadien finden
in anderen Welten statt.
Priesterin, wissen eigentlich alle Menschen von den
Außerirdischen?
Nein, diese Wesen wurden ja als Götter verehrt. Dann kam
ein Pharaoh auf die Idee, dass es Unsinn sei, viele Götter zu
verehren. Er hat wahrscheinlich gewusst, was hinter den
sogenannten Göttern steckt und wollte die Macht, die alle Wesen
auch die Außerirdischen erschaffen hat, als Gott
verehrt wissen. Er wusste nicht, wer oder was diese Macht ist und
hat die Sonnenenergie als Symbol genommen. Seine Untertanen,
allen voran den ehrgeizigen Priestern der damaligen Zeit, die um
ihre Einnahmen und ihren Einfluss fürchteten, war das gar nicht
recht. Es wurde nach seinem Tod wieder rückgängig gemacht. Aber
wie gesagt, in den Menschen wurde durch die Gene der
Außerirdischen die Erinnerung an eine einzige Quelle, eine
göttliche Macht, eingepflanzt und sie haben dieser Erinnerung
mittlerweile Ausdruck durch die monotheistischen Religionen
verliehen. Du siehst, es liegt kein Widerspruch darin, wenn du
gleichzeitig die alten ägyptischen Götter und Allah
verehrst.
Ardeth schaute sie mit leuchtenden Augen an. In der Tat hatte er
schon Gewissensbisse wegen seines Besuchs in diesem Tempel
gehabt.
Ardeth, diese Wesen waren keine Engel, also keine Mittler
zwischen einer göttlichen Macht und den Menschen. Sie sind nur
sehr, sehr viel weiter entwickelt gewesen als wir. Wir verehren
sie aber mehr als wir jeden König, jeden Herrscher verehren
würden, und das wirst auch du in diesem Tempel tun.
Ardeth nickte.
Was ist mit den Geschichten, die ich über diese Götter
erfahren habe? Stimmen die?
Als erstes musst du bedenken, wie lange das alles her ist
und wie die Menschen es damals erlebt haben müssen und es dann
weitergegeben haben. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Nicht
umsonst waren diese Wesen für sie Götter. Es heißt, dass die
Menschen zuvor auch nicht schreiben konnten.
Die heiligen Schriftzeichen!, rief Ardeth erregt aus.
Sie wurden heilig genannt, weil die Götter also
diese Wesen sie uns gaben!
Ja, genau. Sie wurden immer wieder verändert. Bis die
Menschen richtig schreiben konnten, waren viele Jahre
verstrichen. Die Mythen über die Götter mögen stimmen, aber
vor allem mag ein Körnchen Wahrheit in ihnen enthalten sein. Wir
gehen davon aus, dass auch diese Wesen untereinander Streit
hatten, es gab auch bei ihnen Eifersucht und Neid. Das
manifestiert sich in der Geschichte von Seth. Wenn sie aber
stritten, dann benutzten sie viel stärkere Waffen als alles, was
uns bekannt ist, und auch Flüche, die wirksam wurden. Einige
Sprüche sind erhalten geblieben und wurden in Büchern
niedergelegt. Würde ein Mensch sie sprechen, würden sie ebenso
funktionieren wie damals bei den Wesen. Wir müssen also gut auf
diese Bücher aufpassen.
Wir haben diese Bücher? Ardeth bekam ganz große
Augen.
Einige. Leider nicht alle. Vor allem wissen auch wir nicht,
wo es überall solche Bücher gab und noch gibt. Aber wir haben
einen Vorteil: Für uns stellen diese Bücher keinen Aberglauben
oder Unsinn dar. Wenn wir also von merkwürdigen Dingen erfahren,
können wir unsere Leute hinschicken und dafür sorgen, dass das
Artefakt in die richtigen Hände kommt, d. h. für andere
Menschen unzugänglich gemacht wird. Ardeth, niemals darfst du
einen Spruch aus verbotenen Büchern laut lesen! Niemals darfst
du die Technologien, von denen du erfahren wirst, anwenden.
Niemals!
Wenn aber dadurch Gutes bewirkt werden könnte, warum
wenden wir es dann nicht an? Wir könnten den Menschen mit dem
Wissen der Außerirdischen helfen!
Es ist viel zu gefährlich. Wer weiß schon, ob ein Spruch
wirklich das bewirkt, was von ihm behauptet wird? Die Menschen
werden sich eines Tages an alles erinnern, was diese Wesen ihnen
beigebracht haben. Sie sind ja schon dabei. Aber wir, Ardeth,
sind nur die Hüter, damit kein Unrecht mit den alten mächtigen
Artefakten geschehen wird. Glaube mir, vieles wäre höchst
fatal, würde man es zur Anwendung bringen. Wir könnten sogar
die ganze Welt vernichten.
Und wenn eines Tages Leute kommen und uns diese Dinge
wegnehmen wollen?
Dann werden wir sie bekämpfen müssen. Was glaubst du,
warum so viele Krieger ausgebildet werden? Zum Aufpassen auf die
Herden benötigt man keine 10000 Krieger! Und die Waffen werden
konstant modernisiert. Es wird später deine Aufgabe sein, dafür
zu sorgen, dass es dabei bleibt und es auch genügend Krieger
geben wird.
Ardeth erschauderte. Dass er der Anführer der Medjai werden
würde, hat ihm seine Mutter sein Leben lang eingetrichtert.
Bislang hatte sich diese Aufgabe aber einfacher antizipiert als
sie nun mit seinem neuen Wissen werden würde. Sie
hatte eine ganz andere Tragweite erhalten.
Priesterin, erfahren eigentlich alle Medjai von dem, was
Sie mir soeben berichtet haben oder nur die Söhne und Töchter
der Anführer, die hier in dem Tempel weilen?
Alle teilen das gleiche Wissen, spätestens bei der
Initiation. Wenn du deinen Eid ablegst, versprichst du auch, die
Geheimnisse zu wahren und dein Leben für die Aufgabe der Medjai
zu geben. Aber auch die Medjai, die unerkannt in allen Teilen der
Welt leben, wissen hiervon. Alle, die ganzen Herzens Medjai
bleiben möchten, erfahren es. Diejenigen, die einen anderen Weg
wählen, erfahren nicht davon. Du weißt, dass deine
Alterskameraden in den Städten weilen. Wenn sie sich für ein
Leben dort entscheiden und nicht mehr zu ihrem Volk gehören
wollen, dann dürfen sie gehen, aber sie werden nicht eingeweiht.
Die Eingeweihten, die als Agenten arbeiten, tragen aber auch eine
ägyptische Tätowierung, eine Pyramide mit einem Gottessymbol
oberhalb der Hand, die sie gut verbergen können, wenn es nötig
sein sollte.
Ardeth nickte, denn diese Tatsache war ihm ja bekannt.
Selbst in deinem Fall hat dein Lehrer entschieden, dass du
hierher und, naja, fast alles erfahren darfst.
Fast alles?
Einiges wirst du bei deiner Initiation erfahren, mein
lieber Schüler. So, und jetzt genug geredet! Komm, folge
mir!
Ardeth folgte Dang Siut in den Tempel, aber er war kaum bei der
Sache. Zu viele neue und spannende Dinge hatte er erfahren und
musste erst einmal alles verarbeiten. In der folgenden Zeit
berichtete ihm Dang Siut von den Außerirdischen und die
altbekannten Geschichten über die Götter erhielten einen neuen
Sinn für Ardeth. Sie erschloss ihm Symbole und Sprüche, anhand
denen er erkennen konnte, mit wem er es zu tun hatte. Dang Siut
wusste von der Prophezeiung und sie war angewiesen worden, Ardeth
sehr genau vorzubereiten. Sie brachte ihm andere Kulturen nahe,
indem sie sie mit der ägyptischen in Einklang brachte. Ardeth
war beeindruckt von der Lehre der Wiedergeburt, von den Pyramiden
in Mexico und den unterirdischen Anlagen im pazifischen Ozean.
Es ist alles in alter Zeit angelegt worden, pflegte
die Priesterin häufig zu sagen.
Es war eine spannende Zeit im Tempel, auch in anderer Hinsicht.
Eines Abend kamen drei Mädchen zu Ardeth. Sie hießen ihm, ihnen
zu folgen, um mit ihm allein sein zu können und stellten sich
als Novizinnen der Göttin Hathor vor. Bald sah sich Ardeth
unausweichlich als Mittelpunkt ihrer Liebesspiele, doch da sie
wussten, wen sie vor sich hatten, klärten sie ihn darüber auf,
dass keine von ihnen schwanger werden würde. Sie erklärten dem
völlig verstörten 14Jährigen, er müsse doch wissen, wie er
seine spätere Frau glücklich machen könnte und sie würden ihn
nach und nach in die Künste einweihen. Zunächst war Ardeth
ziemlich verkrampft und es war ihm unangenehm, sich in
Anwesenheit der drei Mädchen gehen zu lassen, aber mit der Zeit
nach einigen Abenden wurde auch er locker und
genoss es sogar. Er lernte von den Mädchen und tauschte sich mit
den Jungen, die auch im Tempel weilten, darüber aus, die
ähnliche Erfahrungen wie er machten. Auch sie waren von ihren
Elternhäusern zur Keuschheit verpflichtet worden. Keine
führende Medjai-Familie wollte eine Zwangshochzeit wegen
Schwangerschaft mit einem beliebigen Mädchen. Gerade, als es ihm
am meisten Spaß machte, meinten die Mädchen, ihr Ziel erreicht
zu haben und besuchten ihn fortan nicht mehr.
Ardeth bedauerte, als er den Tempel drei Monate später wieder
verlassen musste. Hier war das Leben so ganz anders als in seinem
Heimatort. Selbst das Tragen des Schurzes vermisste er, als er
auf dem Pferd in Richtung 12. Stamm saß.
Im 16. Lebensjahr wurden ihm dann weitere Tempel gezeigt, viele
verfallene und verborgene Stätten, zu denen niemand Zutritt
hatte, nur die Medjai wussten von ihnen. Er lebte unter anderem
zwei Monate in West-Theben, an dem Großen Ort, wie
das Tal der Könige von den Medjai genannt wurde. Der Kommandant
der in der Nähe stationierten Medjai ritt mit ihm an den Rand
einer der Felsenvorsprünge, von denen man das gesamte Tal
überblicken konnte.
Hier haben unsere Vorfahren lange Zeit Dienst getan,
sprach er feierlich. Sie waren die Heiligen Wächter der
toten Könige, allesamt tapfere Krieger.
Es herrschte eine Zeitlang Stille, in der beide auf das Treiben
unter ihnen hinabschauten. Fremde Ausgräber waren dort mit
Einheimischen zu Werke immer auf der Suche nach neuen
Funden. Auch Howard Carter weilte dort und studierte seine
Karten.
Warum greifen wir nicht ein?, fragte Ardeth.
Der Kommandant seufzte. Man konnte ihm ansehen, dass er am
liebsten eingriffen hätte.
Wir haben uns schon lange vom Großen Ort zurückgezogen,
denn wir haben andere Aufgaben, die wichtiger sind, wie du noch
erfahren wirst. Doch das Plündern tut mir in der Seele weh, und
wir sind hier zum Zuschauen verdammt.
Ardeth wusste, dass es die unbefriedigende Aufgabe des 10.
Stammes war, ein Auge auf die alten Grabanlagen im Westen von
Theben zu werfen.
Die Gräber sind schon lange vor der Zeit des Großen
Pharaohs, Osiris sei ihm ewiglich gnädig, geplündert worden,
und erst, als wir mit der Aufgabe der Bewachung betraut worden
sind, konnte wir uns als würdig erweisen. Doch als die
Grabanlagen hier aufgegeben worden, konnten wir nicht mehr
genügend Wachen stellen, da wir als Leibwache unseren Königen
folgen mussten. Es war eine Zeit zwischen Pflichterfüllung
gegenüber dem amtierenden Pharaoh und gegenüber den toten
Königen. Es war sehr schwierig.
Warum bewacht der 10. Stamm denn überhaupt noch die
Stätte?
Nicht alle Gräber wurden entdeckt, mein junger Ardeth, und
nicht alle unentdeckten Gräber sind harmlos. Ich werde dir in
den folgenden Wochen von ihren Geheimnisse künden. Aber denke
stets daran: Niemand außer uns kennt sie, auch nicht der
Vize-König von Ägypten, und niemand darf je davon erfahren.
Erst, wenn ein echter Pharaoh wieder herrschen wird, dann bist du
als sein Statthalter dazu verpflichtet, ihm die Geheimnisse zu
melden.
Ardeth streifte in den kommenden Wochen mit dem Kommandanten
durch die Grabanlagen und besichtigte auch das Grab, das Kanzler
Bay für sich hatte anlegen lassen, welches später von einem
Sohn von Ramses IX belegt worden war.
Er hatte sich damals eingesetzt, dass der Große Ort besser
bewacht werden würde. Er war wie es der Tradition
entsprach - der Oberste der Leibwache des Pharaohs. Als Medjai
lag ihm daran, auch die Stätten der Toten niemals unbewacht zu
lassen. So war es Klugheit und nicht Kühnheit, die ihn dazu
bewogen hat, sich unter den Pharaonen, seinen Verwandten, ein
Grab zu errichten. Verrat von höchster Stelle brachte den weisen
Mann, deinen Vorfahren, zu Fall.
Ardeth kannte die Geschichte seines berühmten Vorfahren sehr
gut. Er war noch unter Pharaoh Siptah hingerichtet worden, obwohl
er sich einst dafür eingesetzt hatte, dass Siptah, sein Neffe,
der nächste Pharaoh geworden war. Kanzler Bays Schwester war
eine Konkubine des Pharaohs Seti II gewesen. Dessen Witwe
Tawosret jedoch wollte den Thron für sich und verunglimpfte den
starken Mann hinter dem Thron ihres Stiefsohnes. Ein Jahr lang
nach seiner Hinrichtung starb auch Siptah und Tawosret hatte ihr
Ziel erreicht, jedoch bestimmten Anarchie, Tempel- und
Grabplünderungen ihre Amtszeit.
So hatten sich die Medjai empört von Tawosret
abgekehrt, fuhr der Kommandant fort. Auch die Könige
der folgenden Dynastie wollten später ihre Herrschaft nicht
anerkennen.
Das Schicksal meines Vorfahren ist sicherlich schlimm für
die Medjai gewesen, doch sie hätten sich nicht abwenden dürfen.
Was auch immer Kanzler Bay angetan worden war, es war ihre
Pflicht zu bleiben.
Der Kommandant nickte, Ardeth rechtgebend. Ja, Lord
Ankhareth Bay, der Sohn der berühmten Kanzlers, und seine Medjai
haben einen hohen Preis gezahlt. Viele der Gräber waren in der
Zwischenzeit geplündert worden. Ihre hohe Stellung hatten sie
überdies verloren.
Ardeth wurde an diesen Tagen in Waset oft die Erinnerung an
seinen Vater wach, da er mit ihm das erste Mal in Luxor gewesen
war und dieser ihm den Großen Ort aus der Ferne gezeigt hatte.
Wie von Dang Siut versprochen wurde Ardeth auch die Basis der
außerirdischen Wesen gezeigt und er streichelte liebevoll über
die alten Steine. Sie erzählten ihm auch, wo noch welche
Stätten mit welcher Bedeutung verborgen waren. Er wurde in die
Geheimnisse eingeweiht, die ihm sehr bald das Gefühl
vermittelten, Angehöriger eines außergewöhnlichen Volkes zu
sein, dessen Aufgabe sehr ernst war. Aber immer wieder wurde ihm
deutlich gemacht, dass er dieses Wissen für immer vor anderen
verschweigen müsse, nie damit angeben oder sich gegenüber
anderen Menschen überlegen oder erhaben fühlen dürfe. Sein
Volk müsse, um die Aufgabe erfolgreich wahrnehmen zu können,
zurückgezogen in der Wüste leben im Dienste der ganzen
Welt. Wenn er sich mit seinem 16. Geburtstag für das
Medjai-Kriegerleben entscheiden würde, dürfe er niemals in der
Welt der anderen Menschen leben. Er müsse entsagen. Ein Eid
würde ihn daran binden. Die Zeichen, die ihm eintätowiert werden
würden, würden ihn daran erinnern, dass seine Aufgabe ihm
direkt von den Pharaonen aufgetragen worden wäre und dass er
"Herr über das Ewige Leben" werden würde. Sie fanden
Ardeth bereit zu dieser Aufgabe. Die Ausbilder waren überzeugt
von dem jungen Mann, der seine Aufgabe ernst nahm und zugleich
bescheiden war, aber trotzdem so viel Freude am Leben fand.
Bianca M. Gerlich
24. März 2008
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