Home "Zur Rettung selbst ich auserkoren, in Irrnis wild verloren" (Autorin: Bianca M. Gerlich)

ARDETH BAY - JUGEND (Teil 1)

Ardeth war vier Jahre alt, als sein Cousin Ismail ein halbes Jahr nach seiner Geburt dem 12. Stamm gezeigt wurde. Leslie, Nefrar und ihre beiden Kinder hatten die anstrengende Reise auf sich genommen, weil Ardjun es wünschte, dass Ismail allen Medjai gezeigt werden würde, so stolz war er auf den weiteren Stammhalter. Nefrars Eltern klopften ihrer Tochter zufrieden auf die Schulter, als sie ihnen ihren Sohn zeigte. Sie hatte ihre Pflicht erfüllt und den Bays einen möglichen Erben geboren.
Bevor das große Fest in zwei Tagen stattfinden sollte, zu dem Ardjun die Stammesanführer und ihre Familien eingeladen hatte, saß die Familie in Ardjuns großem Zelt zusammen. Da waren nicht nur seine engsten Familienmitglieder, also seine Söhne Leslie und Lyleth, seine beiden Schwiegertöchter Nefrar und Leyrah und seine drei Enkel, sondern auch Nefrars Eltern und Geschwister sowie Leyrahs Vater Arianda und ihr Bruder Namun und seine Verlobte. Man hatte seit langem beschlossen, dass ihre Hochzeit ebenfalls in zwei Tagen gefeiert werden würde, da die Stammesanführer vor Ort waren und die Setlatas die zweitvornehmste Familie der Medjai waren, Namuns Schwester zudem mit dem zukünftigen Anführer der Medjai verheiratet war. Ardjun war sehr zufrieden, als er seine nunmehr recht große Familie überblickte. Das hatte er nicht zu träumen gewagt. Freude erfüllte ihn, als er zu seinen drei Enkelkindern hinübersah, um die sich Ardeths Amme Nerys kümmerte, damit die Erwachsenen in aller Ruhe das Prozedere des übernächsten Tages besprechen konnten.

Nefrar war sehr stolz, als sie auf der Tribüne zusammen mit Leslie Ardjun ihren kleinen Sohn Ismail überreichte, der ihn damit anerkannte. Sie war aber auch sehr froh, als das Fest vorüber war, denn gleichsam wie Leslie fiel es ihr nicht leicht zu repräsentieren. Sie war zufrieden, wenn sie sich alle Namen der Anführer, ihrer Frauen und Kinder richtig gemerkt hatte und keinen Fauxpas in irgendeiner Weise beging. Leyrah stand ihr aber den ganzen Tag über helfend zur Seite.
„Ich danke dir, Leyrah“, sagte sie vollen Herzens zu ihrer Schwägerin, als sie am kommenden Morgen mit ihren Kindern vor Lyleths und Leyrahs Zelt, dem sogenannten Horus-Zelt, saßen, sich von dem Fest erholten und einfach nur den Kindern beim Spielen zusahen. „Ohne dich hätte ich den gestrigen Tag nicht überstanden.“
Leyrah lächelte sie an. „Das Leben in Kairo ist ein anderes als hier, nicht wahr?“
Nefrar nickte bestätigend.
„Bist du dort glücklich, Nefrar?“
„Ja, liebe Leyrah. Erst habe ich meine Eltern und Freunde sehr vermisst, aber ich habe neue Freunde gewonnen. Leslie wünscht, dass ich ihn oft zu irgendwelchen Anlässen begleite. Er hat versucht, mir Englisch beizubringen. Ein bisschen kann ich es schon. Stell dir vor, Leyrah, ich habe sogar ein westliches Kostüm gekauft, so eine Bluse mit einem langen Rock, damit ich zur Gesellschaft passe.“
Nefrar kicherte verschwörerisch und Leyrah bemerkte den Glanz in den Augen ihrer Schwägerin. Offensichtlich bekam ihr das Stadtleben gut.
„Leslie und ich gehen auch oft in die Bazare. Du kannst dir das gar nicht vorstellen: diese Farben, die Gerüche, diese Auswahl, diese vielen Menschen! Leyrah, wenn du mal wieder nach Kairo kommst, dann gehen wir zusammen dorthin.“
„Ja, gern, Nefrar.“ Und während Leyrah das sprach, dachte sie, dass es richtig gewesen war, Leslie und Nefrar in Kairo leben zu lassen.
Ismail, der neben ihnen im Schatten lag, während Ardeth sich mit der kleinen Tanith beschäftigte, fing auf einmal an zu brüllen, sodass Nefrar ihn auf den Arm nahm und sachte hin und her wog.
„Er hat wohl Hunger“, meinte sie und machte ihre Brust frei. Kaum sah die fast zweijährige Tanith das, kam sie auch zu ihrer Mutter, um an ihrer Brust zu nuckeln. Doch Nefrar stieß sie weg.
„Seit sie gesehen hat, wie ich Ismail stille, ist sie auf die törichte Idee gekommen, auch etwas abkriegen zu wollen. Dabei hatte ich sie so gut entwöhnt. Ich weiß nicht, was mit diesem Mädchen los ist. Das geht doch nicht!“, schimpfte Nefrar, während Tanith weinte. Leyrah breitete die Arme aus und wandte sich an das Mädchen.
„Komm, Tanith, komm in meine Arme, meine Kleine!“ Für einen Augenblick wurde Taniths Aufmerksamkeit durch ihre Tante gefesselt, aber diese war ihr mit ihren Tätowierungen im Gesicht unheimlich. Tanith wandte sich wieder ab und weinte noch mehr.
„Ach, ich werde mit diesem Kind nicht mehr fertig!“, murrte Nefrar, während sie Ismail über den Rücken streichelte. „Sie ist so eifersüchtig, seit Ismail geboren ist.“
Ardeth hielt Tanith eines seiner vielen Holzpferde hin. Es handelte sich um die sogenannten „Bay-Pferde“. Sobald einem Anführer ein Erbe geboren wurde, machte er sich eigenhändig daran, ihm ein Pferd zu schnitzen. Auf diese Art und Weise waren über 100 Pferde zusammengekommen, die von den Bays sorgsam in einer großen Truhe aufbewahrt wurden. Diese Pferde sollten nicht nur zum Spielen dienen, sondern auch zur Erinnerung an die Vorväter. Für ein Bay-Kind, egal ob Sohn oder Tochter, dienten diese Pferde auch als Gedächtnisstütze, wenn sie im Alter von drei Jahren ihre lange Genealogie lernen mussten. Ardeth hatte Tanith das hellbraune Pferd, das Lyleth ihm geschenkt hatte, gereicht. Sie griff nach dem Pferd, betastete das blanke Holz und ihr Weinen wurde schwächer. Als Ardeth ihr weitere Tiere anreichte und sie diese gemeinsam in einem Areal arrangierten, war Tanith so abgelenkt, dass sie alles Weinen vergas.
Leyrah sah zufrieden, wie die beiden Kinder miteinander spielten, und wandte sich wieder ihrer Schwägerin zu.
„Ich weiß, dass Lyleth und ich daran Schuld sind, dass du Tanith nicht lange genug stillen konntest.“
Nefrar wollte dazu etwas sagen, doch Leyrah ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Nefrar, du hast jetzt einen Sohn geboren und wir sind alle so froh darüber. Natürlich erwartet Ardjun weitere Söhne, aber du kannst dir jetzt wirklich Zeit lassen.“
„Ja, ich habe Leslie schon zu verstehen gegeben, dass er sich jetzt zurückhalten muss.“ Sie kicherte und stieß Leyrah von der Seite an. „Ich werde meinen Ismail so lange stillen wie es nur geht!“
Ismail nuckelte zufrieden an seiner Mutter Brust, während Ardeth und Tanith ein Stück weiter gezogen waren, um in aller Ruhe spielen zu können. Leyrah bemerkte, wie ihr Sohn ab und zu zu dem Zelt hinüberschaute, wo sein Freund Karun wohnte, mit dem er normalerweise spielte, aber er harrte tapfer bei seiner zwei Jahre jüngeren Cousine aus.
Mittags, als Nefrar sich mit ihren beiden Kindern in ihr ehemaliges Zelt, das aber noch frei stand und sonst als Gästezelt für hohe Gäste diente, zurückgezogen hatte, weil es zu heiß geworden war, sprach Leyrah ihren Sohn auf Tanith an.
„Hat das Spielen mit deiner Cousine Spaß gemacht?“
„Ja, Mama“. Ardeth nickte bestätigend, und Leyrah amüsierte sich insgeheim darüber. Sie wusste, dass er lieber mit seinen Freunden durch den Ort getollt wäre.
„Tanith hat dir leid getan, nicht wahr?“
Ardeth schaute zu Boden, dann erwiderte er leise: „Ja, Mama.“
Leyrah streichelte ihrem Sohn sanft über den Kopf. Er hatte die Fähigkeit zum Mitleiden, das war gut, befand sie und nickte zufrieden.
„Mama?“
„Ja, mein Sohn?“
„Darf ich heute Nachmittag mit Karun spielen?“
„Nein, Ardeth, das geht leider nicht.“ Leyrah tat die Antwort fast schon weh. Ihr Sohn hatte bereits mit vier Jahren Pflichten, die sie ihm abverlangen musste. „Du wirst heute Nachmittag mit Tureth, dem Sohn von Lord Fajum, mit Gatyreth, dem Sohn von Lord Meranmose und mit Per'Agun, dem Sohn von Lord Gharan spielen. Sie sind etwa in deinem Alter. Wenn du einmal erwachsen sein wirst, dann wirst du viel mit ihnen zu tun haben. Also vertrag dich gut mit ihnen heute Nachmittag. Du bist hier zu Hause, sie sind Gäste, also lasse ihnen in allem den Vortritt. Sie sollen sich hier wohl fühlen.“
„Ja, Mama.“
„Gut, dann gehen wir diese Sprösslinge mal durch, mein Sohn. Nehmen wir den Sohn von Lord Gharan. Was weißt du über ihn?“
„Seine Eltern sind Lord Haras und Lady Marasith Gharan, die eine Tochter aus dem Haus Kanarnya ist. Ihr erster Sohn, Per’Agun, ist ein halbes Jahr älter als ich. Er hat zwei ältere Schwestern, Sanchi, die 9 Jahre alt ist, und Fatma, die 7 Jahre alt ist.“ Ardeth holte tief Luft und sah seine Mutter fragend an, die keine Anstalten machte, ihn zu unterbrechen. „Möchtest du auch, dass ich die Familiengeschichte des Gharan-Clans aufsage?“
„Ja, Ardeth.“
Sie bemerkte, wie er leicht aufseufzte, aber dann die Genealogie aufsagte – jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, seit die Gharan-Familie die Anführer stellte. Dann und wann verbesserte sie ihn, aber Leyrah gab sich nicht eher zufrieden, bis ihr vierjähriger Sohn die Geschichte der Gharan-Familie erzählt hatte. Erschöpft sah er sie danach an, denn es war sehr heiß geworden und längst Zeit für den Mittagsschlaf.
„Mama?“, fragte er etwas schüchtern. „Wozu muss ich das eigentlich alles wissen?“
„Das habe ich dir schon einmal gesagt, mein Sohn, und ich möchte mich nicht wiederholen müssen“, erwiderte sie leicht tadelnd. Sie sah ihn ernst an und er wusste, dass sie darauf wartete, dass er seine Frage selbst beantworten würde.
„Weil ich alles über unser Volk wissen muss?“
Leyrah sagte daraufhin nichts, sondern sah ihn mit ernstem Blick an. Schnell korrigierte Ardeth sich und formulierte die Frage als Aussage.
„Ich muss alles über unser Volk wissen, weil ich eines Tages sein Anführer sein werde.“
„Siehst du, Ardeth, wieso fragst du mich, wenn du die Antwort schon kennst? Überdenke vorher deine Fragen!“
„Ja, Mama.“
„Und noch eins: Ein guter Anführer protzt nicht mit seinem Wissen. Und auch du wirst heute Nachmittag Per’Agun gegenüber keine Vorträge über seine Familiengeschichte machen, nur um dich in den Vordergrund zu spielen, klar?“
„Ja, Mama.“
„Nerys wird euch beaufsichtigen, und wenn ich höre, dass du unbescheiden warst, werde ich dich bestrafen lassen, verstanden?“
„Ja, Mama.“
„Ein guter Anführer ist bescheiden und gibt nicht mit seinem Wissen an, hörst du?“
„Jetzt wiederholst du dich, Mama.“
Leyrah wollte darauf eine Zurechtweisung erwidern, öffnete aber nur den Mund und sah ihn überrascht an. Ein Lächeln umspielte ihre Augen. Ihr Sohn hatte mehr verstanden als sie gedacht hatte.
„Jetzt geh ins Bett und halte deinen Mittagsschlaf! Ich werde dich in zwei Stunden wecken und dann gehen wir die Familiengeschichte der Meranmose und Fajum durch.“
„Ja, Mama.“
Brav trat Ardeth in das Horus-Zelt und Leyrah ahnte, dass er, bevor er einschlief, in Gedanken die Familiengeschichten daherbetete, um nachher keinen Fehler zu machen. Sie war eine strenge Lehrerin und Nerys ebenso.

Ardeth war fünf Jahre alt und hatte schon viel lernen müssen. Bislang hatte er die meiste Zeit im Horus-Zelt oder in dessen unmittelbarer Nähe verbracht, nur das Re-Zelt seines Großvaters betrat er nicht, da er gehörigen Respekt vor Ardjun hatte. Wenn Nerys ihm nicht die Familien- und Stammesgeschichte nahe legte, ihm das Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte, spielte er mit seinen Freunden und wagte sich manchmal sogar bis ins Anubis-Viertel, wo die Krieger ihre Ausbildung machten und unverheiratete Krieger wohnten. Hierhin wurden auch die Pferde und Kamele gebracht und Ardeth schaute sich gern diese Reittiere an. Einmal hatte er sich in ihren Stall geschlichen, war aber bald entdeckt und angeherrscht worden, dass er hier nichts verloren habe. Einer der Jungen, die gerade ihre Ausbildung begonnen hatten, wurde beauftragt, ihn zu seinem Heimatzelt zurückzubringen. Nerys war wütend auf ihn, weil es ihm untersagt war, das Anubis-Viertel zu betreten, und sie beschränkte sich nicht darauf, ihn zu tadeln. Ardeth wagte sich von nun an nicht mehr in das verbotene Viertel, sondern setzte sich zu Füßen der großen Tribüne, die seitlich vor dem großen Re-Zelt aufgestellt war, und sah zu, wie die Krieger und Versorgungstruppen auf der langen Passage in den Ort hineinritten, bevor sie sich zu ihrem Zielort begaben. Sein Vater hatte ihn dort schon ein paar Mal sitzen und sehnsüchtig zu den Pferden schauen sehen. Als er sich am Abend zu seiner Frau und Ardeth setzte, meinte er:
„Ich habe morgen meinen freien Tag. Magst du mit mir ein wenig ausreiten, mein Sohn?“
Ardeth sah ihn mit glühenden Augen an. Noch nie hatte sein Vater ihn mitgenommen! Einmal hatte er ihn kurz auf ein Pferd gesetzt, nur so zum Spaß, und er war damals mächtig stolz gewesen. Leyrah sah Lyleth ein bisschen ärgerlich an.
„Er ist noch zu jung dafür, Lyleth!“
„Um mit mir auf meinem Pferd ein bisschen auszureiten? Was soll denn passieren? Ich halte ihn doch fest.“
Ardeth wagte nicht dazwischenzureden, bis sich seine Eltern geeinigt hatten, doch sie konnten an seinen Augen sehen, wie sehr er sich darüber freute. Lyleth fuhr ihm über den Kopf.
„Wir reiten ganz früh los und nehmen uns Picknick mit.“
„Aber doch wohl nicht ohne Eskorte!“, wandte Leyrah ein.
„Wir bleiben im Medjai-Gebiet. Da benötigen wir doch keine Eskorte!“
Leyrah gingen die Argumente aus und schließlich stimmte sie zu, dass Vater und Sohn am nächsten Tag den Ausritt machten.
Ardeth konnte vor lauter Aufregung kaum schlafen. Am morgigen Tag würde er das erste Mal mit seinem Vater hinaus in die Wüste reiten. Wie das wohl sein würde? Und er würde seinen Vater einen Tag für sich ganz allein haben. Das war auch noch nie der Fall gewesen! Glücklich schlief er ein.

Als sie am Morgen losritten, war es noch dunkel. Doch Ardeth war viel zu aufgeregt, um noch müde zu sein. Er wollte alles ganz genau sehen. Schweigend ritten Vater und Sohn in den Sonnenaufgang. Bald spürte Ardeth die unendliche Weite um sich herum, freilich in der Ferne begrenzt durch Hügelketten. Aber all diese Farben! Diese Wärme, die das kalte dunkle Land bei aufgehender Sonne umfing! Keiner wagte zu sprechen. Lyleth drückte seinen Sohn fest an sich und Ardeth fühlte sich geliebt und geborgen.
Nach zwei Stunden hielten sie, versorgten das Pferd und frühstückten.
„Erst das Pferd, dann wir“, erklärte Lyleth, „denn wir sind von ihm abhängig.“ Zärtlich fuhr Ardeth dem braunen Pferd seines Vaters über den Hals.
„Danke fürs Tragen“, raunte er ihm zu, aber sein Vater hatte es gehört und wandte sich lächelnd ab, aber froh, dass sein Sohn dafür sensibilisiert war.
Ardeth hatte mächtig Hunger. Mit vollen Wangen fragte er seinen Vater, ob er bei seinen Ausritten mit den Kriegern auch so frühstücken würde, und so kam Lyleth nicht umhin, ihm von seinen täglichen Ritten zu erzählen. Gespannt lauschte Ardeth seinen Berichten.
„Ich wünschte, ich wäre schon groß und könnte mit dir mitreiten, Papa!“
„Eines Tages werden wir zusammen ausreiten.“
Ardeth sah ihn scharf an. „Wirklich?“
Lyleth nickte und streckte sich auf seiner Matte aus. Es tat gut, die Glieder zu strecken.
„Warum reitet dein Vater nicht mit dir aus, Papa?“
Lyleth setzte sich langsam wieder auf. „Er ist unser Anführer und hat keine Zeit dafür.“
„Siehst du, Papa, so wird das später sicherlich auch mit uns sein.“
„Nein, Ardeth, ich werde stolz sein, wenn du mich dann begleiten wirst. Als ich in deinem Alter war, habe ich mich mit meinem Großvater viel besser verstanden als mit meinem Vater und ich bin letztendlich auch bei ihm aufgewachsen. Würde er jetzt noch leben, würde er mit mir zur Wache reiten.“
„Hat Großvater Ardjun dich nicht lieb?“
„Doch, bestimmt, Ardeth, aber... die Lebensumstände haben ihn hart werden lassen.“
„Du, Papa, ich musste ziemlich viel über unsere Familie lernen...“
„Deine Mutter und Lady Nerys sind bestimmt strenge Erzieherinnen, hm?“
„Ja, sind sie. Aber was ich dich fragen wollte... Mama hat wenig von meiner Oma berichtet. Ich weiß über meine Urururoma mehr als über deine Mutter, Papa! Was ist mit ihr? Warum lebt sie in Amerika? Sie müsste doch eigentlich Lady Bay sein.“
„Ja, richtig, aber sie ist Irländerin und wohnt lieber im Grünen. Dein Onkel Leslie lebt doch auch lieber in Kairo, weil er woanders aufgewachsen ist. Das müssen wir schon akzeptieren.“
„Aber Amerika soll sehr weit weg sein, und ich würde sie gern mal kennenlernen.“
„Vielleicht besucht sie mal deinen Onkel in Kairo, dann fahren wir auch hin.“
„Ich kann mir eine Stadt gar nicht vorstellen, Papa. Wohnen die Menschen da wirklich in festen Häusern? Wie sieht das aus?“
„Oje, mir steht ein ganzer Tag Fragen bevor!“, scherzte Lyleth. „Ich werde dich bald mal mit nach Waset nehmen. Dann kannst du feste Häuser bewundern und noch viel mehr!“
„Wieder du und ich?“
„Ja, und natürlich eine Eskorte.“
Ardeth frohlockte innerlich. Sein Vater war dabei, ihm die große weite Welt zu zeigen. Er nahm ihn ernst und erklärte ihm alles, was er wollte. Ihm konnte er die Fragen stellen, die er sich zu Hause nicht traute zu stellen. Er lachte ihn nicht aus oder bestrafte ihn gar. Sie ritten weiter, ruhten unter Mittag unter einer Plane aus, die Lyleth aufgestellt hatte, Seite an Seite. Ardeth war selig. Das Leuchten in den Kinderaugen veranlassten Lyleth, von nun an öfter solche Ausritte mit seinem Sohn zu unternehmen. Bald schloss sich Leyrah ihnen an und sie erlebten wunderbare Tage. An diesen Tagen fühlten sich auch Leyrah und Lyleth wie befreit, und nicht selten erzählte Lyleth eine Geschichte auf Drängen von Ardeth, wenn sie abends vor dem Lagerfeuer zusammen saßen. Es waren wahre Geschichten, die mit den Medjai und den Bays zu tun hatten. Manchmal hatten sie mit einer Frage zu tun, die Ardeth seinem Vater im Laufe des Tages gestellt hatte. Einmal wollte er zum Beispiel wissen, warum sie so weit weg von allen anderen Menschen lebten, und Lyleth hatte ihm daraufhin abends die Geschichte von Winamun erzählt und wie die Medjai damals vor den Christen in die Wüste fliehen mussten. Ardeth fiel es dadurch leichter, Familiengeschichte zu lernen. Sein Vater übte auch, sobald es seine Zeit erlaubte, das Reiten mit ihm, damit er bald allein ein Pferd reiten konnte. Leyrah hatte zuerst ihre Zweifel, doch als sie sah, wie natürlich der Junge mit einem Pferd umgehen konnte, ließ sie die beiden gewähren. Lyleth hatte zwar nicht viel Zeit, aber die, die er entbehren konnte, gehörte seiner Familie. So erlebten Lyleth, Leyrah und Ardeth harmonische Jahre.

Als Ardeth 6 Jahre alt, durfte er das erste Mal mit in die Stadt. Sein Vater hatte etwas in Luxor zu erledigen und wollte seinem Sohn bei der Gelegenheit den Karnak-Tempel zeigen. Dieses Mal durfte Ardeth nicht sein eigenes kleines Pferd reiten, da er sonst den Trupp nur aufgehalten hätte. Also saß er vor seinem Vater und war glücklich, wenn er die Zügel halten durfte. Er empfand es als großes Abenteuer, als er nachts beim Lagerfeuer bei seinem Vater schlafen konnte. Lyleth hüllte ihn mit dicken Decken ein, damit er nicht fror.
Am nächsten Tag erreichten sie den Nil und setzten hinüber, um nach Luxor zu gelangen, das Lyleth gemäß seinem alten Namen Waset nannte. Als sie an Bord der Fähre standen, wies Lyleth auf den Fluss und meinte feierlich zu seinem Sohn:
„Das ist Hapi. Ihm verdanken alle Ägypter ihr Leben. Sei stets ehrfürchtig, mein Sohn!“
Ardeth nickte, und sein Vater wies auf einen Punkt auf der Westseite des Ufers, von der sie sich entfernten:
„Siehst du das Massiv dort drüben, mein Sohn?“
„Ja, Vater. Ist dort die Wohnstatt der Toten?“
„Ja, dort ist Westen, das Land, in das alle Toten gehen. Wir fahren nach Osten und wie du sehen kannst, pulsiert dort das Leben. Hier haben die Pharaonen ihren Göttern zu Ehren mächtige Tempel errichten lassen.“
Tief verschleiert ritten sie auf der Ostseite am Nil entlang und Ardeth bemerkte, dass sein Vater und die anderen Krieger die gesamte Zeit, in der sie in der Stadt weilten, ihr Gesicht nicht zeigten. Die Menschen begegneten ihnen mit Respekt und nicht selten schienen sie geradewegs vor den fünf Männern auszuweichen. Nach einer Weile hielten sie an und sprangen von den Pferden. Es waren wenige Schritte zum Uferrand, wo einige Schiffe vor Anker lagen und ein geschäftiges Treiben herrschten. Waren wurden verladen, Passagiere stiegen ein und aus, Käufer priesen ihre Waren an, Esel trugen Körbe mit verschiedenem Gemüse. Ardeth schauten aufgeregt all dem zu. Seine Aufmerksamkeit wurde auf eine hellhäutige, sehr dicke Frau zu seiner Rechten gelenkt, deren Kleid so weit ausladend war, dass sie damit den Boden fegte. Sie wedelte sich mit einem Fächer Luft zu. Ihr Gesicht war ziemlich rot und sie schwitzte.
Lyleth legte seinem Sohn die Hände auf die Schultern und drehte ihn so um, sodass er geradewegs auf die Tempelanlage von Luxor schauen konnte. Noch beim Drehen schaute Ardeth interessiert der dicken Frau hinterher, die inzwischen hinter ihnen vorübergegangen war. Er sah, wie eine einheimische Frau hinter ihr ging und ihr einen Sonnenschirm hielt. Als sein Vater sich räusperte, schaute er schnell in die Richtung, in die sein Vater ihn gerichtet hatte. Dort lag halb im Sand verschüttet ein Tempel. Einige Säulen ragte gut sichtbar heraus, ebenso einige Figuren.
„Die Zeit und die Wüste sorgten dafür, dass viele Tempel heute nicht mehr sichtbar sind und das ist gut so, denn so sind sie verborgen vor der Gier der Menschen. Dieser Tempel uns gegenüber wird aber eines Tages wieder vollständig ausgegraben sein, dessen bin ich mir sicher. Komm, mein Sohn!“
Lyleth führte Ardeth über die breite Straße. Auf der anderen Seite warteten die vier Krieger, die auch Lyleths Pferd hielten. Bei ihnen standen drei Männer, die nach Landestracht lange Kaftane trugen. Sie unterhielten sich rege miteinander.
„Schau, das ist der große Pharaoh Ramses II.!“ Lyleth wies auf die Kolossalstatue, die aus dem Sand ragte. „Schau dich hier um, aber entfern dich nicht zu weit! Ich werde mich mit diesen Männern dort unterhalten. Ich rufe dich, wenn wir gehen.“
Er gab seinem Sohn einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Während Lyleth sich zu den Männern gesellte, um etwas mit ihnen zu besprechen, ging Ardeth dicht an die Statue heran und bestaunte sie. An den Tempelwänden waren auch Zeichnungen, die er sich genau besah und so weit um die Außenmauern herumging, wie er nur kam. Sein Vater und die anderen waren schon ein ziemliches Stück entfernt, doch er konnte sie noch gut sehen, da sie ein Stück vor dem Tempel standen, sodass dieser sie nicht verdeckte, während Ardeth an der Außenmauer entlangspazierte. Auch an diesem Tempel herrschte hektisches Treiben. Pferde- und Eselskarren fuhren an ihm vorbei. Ardeth besah sich ganz genau die Häuser und staunte über den Steinweg zu seinen Füßen. Hier schien alles in Form gegossen zu sein, überdies roch es ganz anders als im Ort der Medjai. Ardeth sah, wie Frauen auf den Häusern ihre Wäsche zum Trocknen legten, wie Hunde im Schatten der Häuser lagen und wie ein Kunde mit einem Verkäufer lautstark um nachgemachte Figuren der Ramses-Statue feilschte. All das geschah gegenüber. Ein Stück weiter spielten drei Jungen mit einem Ball. Sie warfen ihn sich gegenseitig zu und waren dabei sehr laut. Ardeths Interesse war geweckt, er beobachtete sie eine Weile und kapierte, dass es darauf ankam, mit dem Ball einen bestimmten Punkt an der Hauswand zu treffen. Die Jungen trugen ziemlich schmutzige helle Galabijas und sahen eher ärmlich aus. Ardeth trat zu ihnen hin.
„Darf ich mitspielen?“, fragte er sie freundlich.
Die drei Jungen hörten sofort auf zu spielen und umzingelten ihn, während sie ihn von oben bis unten geringschätzig betrachteten. Sie waren etwas älter und größer als Ardeth.
„Iiiih!“, rief einer von ihnen. „Schaut mal, wen wir hier haben!“
„Oh, was für schöne Perlen! Wie ein Mädchen!“, spottete der zweite und wies mit dem Finger auf Ardeths Kette, die seine Tante für ihn angefertigt hatte und die ihn wie ein Amulett vor dem Bösen schützen sollte. Die anderen fielen in sein hämisches Gelächter ein. Ardeth sah sie irritiert an, er wusste nicht, was er sagen noch tun sollte.
„Uh, und wie der stinkt!“, rief der dritte und hielt sich die Hand vor die Nase. „Nach Ziege und Kamel! Iiiiih, ein Ziegenhirt! Ein Beduine!“
Der erste stieß Ardeth an, sodass er hinfiel.
„Verzieh dich, Beduinenbalg! Wir wollen mit dir nichts zu tun haben!“
Bevor die beiden anderen über ihn herfallen konnten, war Ardeth wieder aufgestanden. Doch derjenige, der ihn beschimpft hatte, zog ihm sein Tuch vom Kopf, sodass seine langen lockigen Haare über die Schulter fielen.
„Ha, ich sag’s ja, ein Mädchen!“
„Mach, dass du zurückkommst zu deinen Ziegen! Die warten sicher schon auf dich!“
Sie lachten höhnisch auf und machten obszöne Bewegungen. Ardeth blickte sie immer noch verständnislos an. Eine laute Stimme ließ sie alle sich in die Richtung umdrehen, wo Lyleth stand.
„Ardeth!“, rief er von der Stelle zu, wo er mit seinen Kriegern und den drei anderen Männern stand. Ardeth wusste, dass er zurückgehen sollte und hoffte, dass die drei Jungen ihn in Frieden gehen lassen würden. Doch die waren auf einmal ganz still geworden und starrten zu Lyleth und den anderen hinüber, die schon wieder im Gespräch vertieft waren. Dann blickten sie ebenso erschrocken Ardeth an. Der eine ließ Ardeths Tuch fallen und alle drei rannten ohne ein weiteres Wort zu verlieren davon. Ardeth sah ihnen ebenso verdattert hinterher, wie er das ganze Gehöhne über sich hatte ergehen lassen. Er hob sein Tuch auf, wickelte es schnell um seinen Kopf, klopfte den Staub aus seinem Gewand und kehrte zu seinem Vater zurück.
„Ah, da bist du ja!“, begrüßte er ihn, umfasste seine Schultern und sagte zu den drei Fremden: „Das ist mein Sohn Ardeth!“
Die drei verneigten sich und begrüßten ihn mit „Lord Bay“.
Erst danach sprach Lyleth weiter: „Ardeth, das sind unsere Agenten hier in Waset: Herr Fayed, Herr Hamuda und Herr Al-Fashir.“ Wieder verneigten sich die drei, als ihr Name von Lyleth genannt wurde. Ardeth erwiderte jeweils die Verneigung, indem er auch seinen Kopf neigte, aber er sagte nichts, zum einen, weil ihn seine Mutter gelehrt hatte, dass ein Kind in Anwesenheit erwachsener Männer nur gefragt sprechen dürfe, zum anderen war er auch noch sehr verwirrt durch das Ereignis mit den drei Jungen. „Wir werden heute Nacht im Haus von Herrn Hamuda übernachten. Morgen zeige ich dir den großen Tempel von Karnak.“
Mit diesen Worten hievte Lyleth seinen Sohn auf sein Pferd, auch die anderen stiegen auf und ritten zum Anwesen von Herrn Hamuda, der am Rande der Stadt wohnte.
Ardeth bestaunte das riesige Anwesen. Sie ritten durch zwei hohe Eingangsmauern in einen Hof. Dort saßen sie ab und ihre Pferde wurden von eifrigen Händen in Stallungen geführt und versorgt. Die fünf Medjai und Ardeth wurden von Herrn Hamuda in eine große Halle geleitet und bewirtet. Es war angenehm kühl. Ardeth sprach kein Wort, er besah sich die Halle ganz genau. Herr Hamuda grinste Lyleth an, der inzwischen seine Verschleierung abgenommen hatte, dann rief er seinen Sohn, der zwei Jahre älter als Ardeth war.
„Mohammed“, wies er ihn an. „Zeige dem jungen Lord Bay das Anwesen, danach könnt ihr, wenn ihr wollt, im Garten bleiben.“
Mohammed verneigte sich tief vor Ardeth, der sich ebenfalls verneigte und Mohammed brav folgte. Ardeth begeisterte sich für alles in diesem Haus, vor allem aber über das kleine Wasserbecken im Garten. Mohammed wahrte Distanz, indem er ihn die ganze Zeit förmlich mit Lord Bay ansprach und sich bemühte, Ardeth gegenüber sehr höflich zu sein.
„Mohammed, du brauchst mich nicht mit 'Lord' anzureden, ich bin doch noch ein Kind“, erklärte ihm Ardeth, dem die förmliche Anrede ungewohnt war. In seinem Stamm war es üblich, die adligen Kinder erst im Alter von 16 Jahren mit ihrem Titel anzureden.
„Aber wie soll ich Euch denn nennen?“
„Ich heiße Ardeth, und bitte sag auch 'du' zu mir, ja?“
„Ja, Ardeth“, erwiderte Mohammed, immer noch sehr untertänigst. Wer weiß, was ihm sein Vater vorher alles eingeschärft hatte.
„Sag mal, Mohammed, rieche ich nach Ziege und Kamel?“, erkundigte sich Ardeth, während sie am Beckenrand saßen.
Mohammed war etwas irritiert über diese Frage und wusste er nicht, was und ob er überhaupt antworten sollte.
„Ganz ehrlich, Mohammed!“, insistierte Ardeth.
„Nein, Ardeth, eher nach Pferd!“
Ardeth war zufrieden. Nicht, dass es ihm etwas ausgemacht hätte, nach Ziege oder Kamel zu riechen, aber so wusste er, dass die Jungen beim Tempel ihn einfach nur verhöhnen wollten.
„Die Leute in der Stadt mögen keine Beduinen, nicht wahr?“
„Ähm, die Leute hier halten Beduinen für rückständig. Außerdem glauben sie, dass die Beduinen unehrlich sind und sie beklauen würden.“
„Beklauen?“, fragte Ardeth entsetzt nach.
„Naja, die Menschen brauchen doch immer jemanden, dem sie die Schuld geben können. In Wirklichkeit beklauen die Stadthändler die Beduinen, weil sie sie regelrecht übers Ohr hauen. Die Beduinen haben nicht die Erfahrung in den Handelsdingen und ziehen oft den Kürzeren. Daher verhöhnen die Stadtmenschen sie als dumm. Sag mal, Ardeth, warum fragst du eigentlich danach?“
Ardeth hatte die ganze Zeit betreten zu Boden geschaut. Die noch am Vormittag beim Einritt in die Stadt so faszinierende Welt begann sich für ihn in einen dunklen Moloch an Vorurteilen zu wandeln. Ertappt sah er bei Mohammeds Frage auf.
„Ach, da bei dem Tempel heute waren drei Jungen, sie waren etwas älter als ich, und, na ja, sie beschimpften mich als... Beduinen.“
Jetzt konnte Mohammed auch die Fragen nach dem Kamel- und Ziegengeruch nachvollziehen.
„Das liegt an deinem besticktem Gewand, Ardeth.“ Mohammed wies auf die unzähligen bunten Muster, die auf dessen dunkles Gewand gestickt waren. „So etwas tragen die Jungen hier in der Stadt nicht, sondern eher einfache Kleidung. Daran haben sie erkannt, dass du nicht in der Stadt zu Hause bist. War dein Vater denn nicht in der Nähe?“
„Nein, er unterhielt sich mit deinem Vater und zwei anderen Männern ein Stück weiter entfernt. Aber... ja, das war merkwürdig... mein Vater rief mich, und sobald die Jungen ihn sahen, liefen sie angsterfüllt davon. Warum verachten sie Beduinen, aber fliehen dann vor ihnen?“
„Aber Ardeth, ihr... ihr seid doch gar keine Beduinen!“
„Nicht?“
Mohammed war ehrlich entsetzt über Ardeths Naivität. Der setzte prompt hinzu:
„Wir leben doch aber in der Wüste.“
„Ja, das stimmt, aber dein Stamm ist sesshaft. Wirkliche Beduinen ziehen umher.“
Ardeth überlegte. Nein, umgezogen waren sie noch nie.
„Wenn wir keine Beduinen sind, was sind wir denn dann?“
„Ähm“, Mohammed war etwas überfordert mit Ardeths kindlichem Wissensdrang. „Ihr seid Wüstenmenschen... Wüstenkrieger...“
„Ich dachte, Wüstenmenschen sind Beduinen...“
Ardeth war ratlos, Mohammed war es nicht minder und deshalb sehr froh, als ein Diener nach den beiden rief. Sie wurden zu Tisch gerufen. Ardeth ließ das Thema nicht mehr los. Durch die Stadt war er angeregt worden, über sich und andere Menschen nachzudenken. Bislang war für ihn alles eindimensional gewesen. Er getraute sich nicht, bei Tisch eine Frage zu stellen, aber als er mit seinem Vater später allein war, erzählte er ihm von seiner Begegnung mit den drei Jungen und von dem Gespräch mit Mohammed. Er stellte auch Lyleth die Fragen, was sie denn seien. Und der antwortete:
„Ägypter.“
„Papa!“
„Medjai.“
Ardeth sah ihn erwartungsvoll an, denn ganz zufrieden war er mit dieser Antwort nicht.
„Aber für alle anderen sind wir die Bedja und damit gehören wir einem Beduinenstamm an.“
„Aha, also doch!“ Ardeth war zufrieden, er hatte sich also in seinem Selbstverständnis nicht geirrt. Sein Vater musste schmunzeln, wurde dann aber sehr ernst und fügte hinzu:
„Beduine zu sein ist nichts, wofür man sich schämen muss. Im Gegenteil, Ardeth! Unsere Lebensart ist in vielen Dingen viel ehrlicher, vor allem aber ruhiger, wie du heute gemerkt haben wirst.“
„Warum ziehen wir denn dann nicht umher wie andere Beduinen auch?“
„Wir haben eine Aufgabe, die uns zum Bleiben zwingt. Schon seit sehr langer Zeit. Ich habe dir doch schon die Geschichte von Winamun erzählt. Erinnere dich daran! Wir waren Pharaos Leibwächter und bewachten die Stätten der Toten, und das machen wir auch noch heute.“
„Warum?“
„Damit niemand etwas den Gräbern entwendet, was nicht entwendet werden darf.“
„Warum darf es nicht entwendet werden?“
„Mit einigen Dingen kann man viel Böses anstellen. Ardeth, jetzt frag nicht weiter. Ich werde dir davon später mehr erzählen. Was aber wichtig ist: Du darfst anderen Menschen nichts davon erzählen! Sie dürfen nicht wissen, dass wir Medjai sind, dass wir Grabstätten bewachen und so weiter. Wenn du gefragt wirst, wer oder was du bist, dann bist du für alle, die nicht von unserem Volke stammen, ein Bedja-Beduine. Klar?“
Ardeth nickte und bestätigte: „Klar.“ Aber keine drei Sekunden später wollte er wissen, was ein Bedja-Beduine sei. Lyleth seufzte leicht, legte seine Stirn in Falten, aber gab dann bereitwillig seinem neugierigen Sohn Auskunft.
„Der Name Bedja leitet sich von dem Wort Medjai her, es ist sehr ähnlich, mein Sohn. Wir benutzen es als Namen seit vielen Hunderten an Jahren, um niemanden sagen zu müssen, dass wir die Nachfahren der Leibwächter der Pharaonen sind. Es gibt auch Bedja-Beduinen, die umherziehen und sich mit Menschen im Süden vereint haben. Es gibt viele Bedja-Stammesgemeinschaften. Wir gelten offiziell als eine davon. Da wir in der Wüste leben, ist es ein leichtes, uns als Beduinen wahrzunehmen, allerdings haben wir nicht viel mit ihnen zu tun oder gemeinsam.“
Fürs erste war Ardeth mit der Antwort zufrieden, wenn diese Antwort auch letztendlich noch mehr Fragen aufwarf. Lyleth wies ihn an, jetzt zu schlafen, da man am nächsten Morgen zeitig nach Karnak reiten wolle. Vor lauter Aufregung dauerte es eine Weile, bevor Ardeth einschlafen konnte.
Als er am nächsten Morgen geweckt wurde, war Ardeth sehr müde. Doch der Sonnenaufgang, den er allein mit seinem Vater in Karnak erlebte, entschädigte ihn für das frühe Aufstehen. Sie saßen auf einer Mauer und sahen, wie die Sonne sich langsam hinter dem Tempel erhob. Noch waren keine Menschen hier. Ein verschlafener Wächter hielt ehrfurchtsvoll Abstand, war ihm doch bewusst, dass ein wahrer Wächter der alten Pharaonen anwesend war. Lange war Lyleth still und Ardeth wagte auch kein Wort zu sagen. Dieser heilige Ort mit seinen imposanten Überresten überwältigte ihn. Sie saßen im ersten Vorhof. Als die Sonne schon gut zu sehen war, meinte Lyleth andächtig:
„Re grüßt seinen Tempel, den heiligen Bezirk des in Vergessenheit geratenen Amun.“
Er machte eine Armbewegung in Richtung Sonne, als wollte er den Gruß erwidern. Seine Augen glänzten und Ardeth wagte weiterhin kein Wort. Auch der Wächter, der sich immer noch in respektvoller Entfernung befand, wagte nicht, Lyleth direkt anzuschauen, sondern hielt den Kopf geneigt.
„Ich will dir, mein Sohn, von diesem Tempel erzählen, bevor die Menschen hierher kommen und seine Wunder bestaunen werden.“
So berichtete Lyleth über die verschiedenen Gottheiten, die hier Verehrung fanden, wies Ardeth per Hand die entsprechenden Nischen und kleinen Hallen, die ihnen geweiht waren. Die drei Tempel des Amun, der Mut und des Chon lagen ihnen direkt gegenüber. Er erzählte von den unzähligen Pharaonen, die hier jeder ein Teil zum Bau des Tempels beitrugen, pries Amenophis III., Sethos I. und Ramses II. Ob Lyleth von Göttern oder Pharaonen sprach, immer war Hochachtung in seiner Stimme zu vernehmen. Ardeth hörte seinem Vater aufmerksam zu, auch wenn ihm vieles schon durch seine Mutter bekannt war. Dann wies er auf eine große Statue.
„Dort gegenüber, ist das Ramses der Große?“
„Geh und finde es heraus, mein Sohn!“, wies ihn Lyleth an. „Aber gehe nicht weiter!“
Ardeth wollte gerade gehen, wandte sich aber verdutzt zu seinem Vater um. „Warum nicht?“
„Wir befinden uns hier in der großen Vorhalle, mein Sohn. Bis hierhin durften die Leibwächter des Pharaoh ihrem Herrn folgen, aber seine Schritte durch jene Tür dort lenken durfte er nur im Gefolge der Amun-Priester. Wir wollen als Nachfahren der Leibwächter diese Sitte achten und den Tempel, und sei er noch so verfallen, nicht entweihen.“
Ardeth nickte, er hatte verstanden. Langsam ging er zur Ramses-Statue und bestaunte sie. Sein Vater trat ihm zur Seite.
„Ja, es handelt sich um Ramses II“, meinte Ardeth. „Und die Frau zwischen seinen Beinen stellt Nefertari dar.“
Während Lyleth bejahte, merkte er, wie eine Gruppe von sieben Menschen den Tempel betrat. Es handelte sich um Franzosen, wie er an ihrer Sprache merkte. Sie hatten Werkzeug dabei. Traurig ließ er seinen Blick schweifen.
„Was machen sie hier mit den Schaufeln und Hacken?“, wollte Ardeth wissen.
„Sie graben. Sie suchen nach weiteren Statuen und anderen Dingen. Vieles davon bringen sie weg, entweder in ein Museum hier oder in ihre Heimat.“
„Warum tun sie es?“
„Weil sie diese Dinge interessant finden und andere Menschen sie bestaunen sollen.“
„Aber sie gehen weiter in den Tempel hinein als sie dürfen!“, protestierte Ardeth, als er die sieben Menschen in der großen Säulenhalle verschwinden sah.
„Für viele Menschen sind Orte wie dieser interessant, weil sie meinen, die Geschichte besser nachvollziehen zu können oder weil sie hoffen, Schätze zu finden. Wir können sie nicht daran hindern, hier zu graben. Diese Tempel liegen zu nahe am Nil, sie sind leicht zu entdecken und leider auch auszubeuten. Die Einheimischen, die hier leben, helfen ihnen oft dabei. Was sollten sie dagegen auch tun können? Aber, Ardeth, es gibt andere Orte, die weiter entfernt liegen, und wir versuchen, sie so lange wie möglich zu schützen.“
Ardeth warf den Franzosen einen langen neugierigen Blick hinterher. Die unzähligen hohen Säulen hätte er sich auch gern aus der Nähe angeschaut.
„Dennoch dürfen wir diese Orte nicht entweihen und einfach so in ihnen herumlaufen wie es diese Menschen tun.“
Ardeth senkte schnell den Blick. Sein Vater umfasste ihm sanft die Schultern und zog ihn mit sich nach draußen. Er erklärte ihm, dass sich hier einstmals ein Wasserbecken befunden hatte und zeigte ihm den Lauf der Kanäle.
„Sie werden noch viel finden, wenn sie hier graben“, meinte er mit Bedauern in der Stimme. Bald erreichten sie zu Pferd das Nilufer.
„Dort drüben, mein Sohn, liegen die Gräber der Pharaonen, die wir so lange bewacht haben. Doch vor Grabräubern waren sie wohl nie sicher. Vor fast hundert Jahren begannen dann die Europäer, sie systematisch auszugraben. Sie fanden die herrlichen Anlagen, aber keine Grabbeilagen. Wir haben uns von dort zurückgezogen und vermögen nurmehr aus der Ferne zu beobachten, was dort geschieht. Selten können wir Einhalt gebieten. Es ist traurig, dass sie vor kurzem auch die letzte Ruhestätte vieler Pharaonen gestört haben und ihre heiligen Mumien weggebracht haben. Wir haben wieder einmal versagt. Aber es gibt dort noch Grabstellen, die unversehrt sind. Wir hoffen, dass sie es für immer bleiben werden. Wir werden dafür tun, was in unserer Macht steht.“
Es klang wie eine Drohung, aber mit Bedacht ausgesprochen, wie es Lyleth zu eigen war. Und es war ein Vermächtnis an seinen Sohn.
„Schauen wir uns die Gräber an?“
„Nein, mein Sohn. Später, wenn du deine Ausbildung begonnen haben wirst, wirst du dort drüben eine Weile leben. Dann wirst du alles kennenlernen und ich werde dir erzählen, welche Gräber dort noch verborgen sind. So es dir möglich sein wird, wirst du als Medjai die Wohnstatt der Toten mit deinem Leben schützen – wie es deine Vorfahren getan haben.“
Lyleth wandte sein Pferd um und sie ritten zurück zum Haus. Noch am Abend setzten sie über den Nil und ritten heimwärts und Ardeth hatte eine Menge zu Hause seinen Freunden zu erzählen.

Ardeth empfand die Stadt als sehr aufregend, war aber froh, als sie wieder den 12. Stamm der Medjai erreicht hatten. Hier fühlte er sich geborgen. Selbst auf den entfernten Weidegründen der Ziegen fühlte er sich sicher. Er war oft mit anderen Kindern und halb-erwachsenen Mädchen dort und passte auf die Tiere auf. Jedes kannte er mit Namen. Er war sehr umsichtig und half, wo es nötig war. Die Erwachsenen hatten ihre Freude an seiner Offenherzigkeit und Hilfsbereitschaft, zugleich an seiner bescheidenen Art. Er kannte die meisten Kinder aus dem Ort und scheute sich nicht, bei ihnen zu Hause einzukehren und mit anzupacken. Er zog sich auch gern still zurück und galt manchen Leuten schon als Tagträumer. Darüber vergaß er zuweilen seine Pflichten, die ihm Lady Nerys aufgetragen hatte. Er hatte so viel zu lernen. Lady Nerys ließ ihm aber keine Nachlässigkeiten durchgehen und bestrafte ihn, wenn er wieder einmal seine Aufgaben nicht erledigt hatte. Sobald Leyrah das mitbekam, sah sie ihren Sohn tadelnd an.
„Wann wirst du endlich lernen, dass du ernsthaftig sein muss, mein Sohn?“
Lyleth war der Meinung, dass Ardeth solange wie möglich unbeschwert leben sollte, und wenn er mit seiner Frau allein war, versuchte er sie sanft darauf hinzuweisen.
„Er wird in drei Jahren zehn, dann beginnt der Ernst des Lebens. Solange sollten wir ihm eine fröhliche Kindheit gönnen. Meinst du nicht auch?“
Leyrah war ungehalten darüber. Natürlich gönnte sie ihrem Sohn eine unbeschwerte Kindheit! Aber sie fand, dass Ardeth manchmal ein wenig zu verträumt war.
„Hat er sich bei dir etwa beschwert?“, wollte sie wissen.
„Nein, das würde er nie tun. Das weißt du auch, Leyrah. Aber ich bin doch nicht blind. Ich habe die Striemen auf seinem Rücken gesehen und ihn gefragt.“
Leyrah sah Lyleth mit funkelnden Augen an. Doch er nahm ihr den Wind aus den Segeln.
„Beruhige dich, mein Stern! Er hat sich weder über dich noch über Lady Nerys beschwert. Er hat sich selbst die Schuld daran gegeben und meinte, er hätte die Schläge verdient, weil er die englischen Sätze nicht auswendig konnte, die Lady Nerys ihm am Morgen aufgetragen hatte. Und er hat mir versichert, er werde sich künftig mehr bemühen.“
Leyrah war zufrieden, doch Lyleth nicht. Selten wagte er etwas gegen seine Frau oder überhaupt gegen irgendjemanden zu sagen. Er war der Friede in Person. Aber sein Sohn tat ihm leid. So sprach er beherzt weiter:
„Leyrah, mein Stern, er ist doch erst sieben! Gewiss muss er seine Aufgaben erledigen, aber sein Fehlverhalten sollte nicht so schwer bestraft werden.“
„Mein lieber Lyleth, gewiss tut es auch mir leid, das kannst du mir glauben. Doch Ardeth muss verstehen, dass er seine Pflichten unbedingt und unverzüglich wahrzunehmen hat, mehr als jeder andere hier im Ort. Ihm droht nichts, wenn er gewissenhaft seinen Aufgaben nachkommt. Wenn er allerdings lieber auf der Weide mit den anderen herumtobt anstatt zu lernen, dann ist er selbst Schuld, wenn er bestraft wird. Der beste Lehrmeister ist immer noch der Stock, Lyleth.“
Lyleth atmete tief durch. Wie oft hatte er selbst in seiner Kindheit diesen alten ägyptischen Lehrsatz zu hören und fühlen bekommen!
„Dann lasst ihn doch nicht mehr auf die Weide gehen, bevor er nicht das gelernt hat, was ihr wollt. Und nicht alle ägyptischen Weisheiten sind gut gewesen!“
Leyrah sah ihren Mann irritiert an. Hatte sie ihn jemals so aufgeregt erlebt?
„Lyleth“, sprach sie ernst, „Ardeth ist nicht irgendein Junge. Er wird nach dir der Anführer der Medjai werden. Er muss sich in vielen Fremdsprachen fließend unterhalten können. In nur drei Jahren beginnt seine Kriegerausbildung, dann muss er Arabisch, Englisch und Französisch beherrschen. Lyleth, war dein Vater je zögerlich in deiner Kindheit? Und ist es dir nicht zugute gekommen, dass er ein strenger Vater war?“
Lyleth erinnerte sich gar nicht gern an die Methoden seines Vaters. Aber er hatte seinerzeit Schutz bei seinem Großvater gefunden, der das ärgste von ihm ferngehalten hatte.
„Ja, du hast Recht“, lenkte er ein. „Ich habe wirklich nicht gut Englisch und Französisch gelernt, es fällt mir schwer, in diesen Sprachen zu sprechen. Und ich bin froh, dass Leslie so gut die Sprache Kemets gelernt hat, weil wir...“
Lyleth war ins Stocken geraten. Leslie! Natürlich! Das war die Idee! Wieso war er nicht eher darauf gekommen? Ardeth liebte seinen Onkel geradezu abgöttisch und war jedes Mal aus dem Häuschen, wenn er sie im Süden besuchen kam, was selten genug der Fall war.
„Das ist es!“, rief er und Leyrah sah ihn überrascht an. „Leslie! Mein Bruder Leslie! Hör mal, Leyrah, wir schicken Ardeth für ein paar Monate nach Kairo zu Leslie. Englisch ist seine Muttersprache, er wird der perfekte Lehrer für Ardeth sein! Na, was sagst du?“
Leyrah war insgeheim etwas entsetzt. Kairo war so fern. So groß. So bedrohlich. Ihr Gesicht sprach Bände. Alles, was ihr aber einfiel, war: „Und Französisch?“
„Leslie spricht auch Französisch! Aber wir können ja noch einen Lehrer dafür engagieren.“
„Ich weiß nicht, Lyleth...“
„Du hast Recht, Leyrah, Ardeth wird diese Sprache mehr denn je benötigen. Er sollte sie vernünftig lernen. Oh, ich trenne mich auch ungern von unserem Sohn, aber weißt du was? Wir werden ihn gemeinsam aus Kairo abholen. Und ich habe noch eine Idee!“ Lyleth war gar nicht mehr zu bremsen. „Wir werden Leslie und seine Familie mit nach Süden nehmen und gemeinsam eine Urlaubsreise ans Rote Meer machen! Du weißt doch, wie sehr Leslie das Meer liebt! Das wird wunderschön werden!“
Leyrah hatte sich schon manchmal gefragt, ob Lyleth nicht als einfacher Familienvater viel besser aufgehoben wäre denn als Anführer der Medjai, der er nach seinem Vater werden würde.
„Ob Ardjun damit einverstanden sein wird?“, sinnierte sie und wusste nicht, ob sie sich wünschen sollte, dass er es nicht wäre.
Lyleth verzog in der Tat ein wenig sein Gesicht. Ardjun hatte er noch nicht auf seiner Rechnung gehabt.
„Ach was“, wischte er alle finsteren Gedanken fort, „ich rede mit ihm! Und danach rede ich gleich mit Ardeth! Er wird begeistert sein.“
„Auf jeden Fall wird Lady Nerys mit ihm reisen und seine Fortschritte kontrollieren. Und wenn er nicht lernt, wird sie ihn weiterhin bestrafen müssen.“
Leyrah traute ihrem Schwager nicht so richtig über den Weg, was Ernsthaftigkeit anbelangte. Sobald Leslie hier im Ort zu Besuch war, war Ardeth wie ausgewechselt und tobte stundenlang mit seinem Onkel herum, alles Pflichten vergessend. Am liebsten würde sie ihren Sohn begleiten, aber sie hatte viele Pflichten zu erledigen, da Ardjun nicht verheiratet war und Leyrah die Rolle der First Lady der Medjai ausfüllte.
„Ja, sie mag ihn begleiten, und natürlich ein Dutzend Leibwächter, wenn du es wünscht!“

Als Lyleth am folgenden Abend mit seinem Vater sprach, hatte Ardjun keine Einwände. Wie so oft, interessierte ihn seine eigene Familie nur am Rande. Er hatte aber selbst im Norden einiges zu erledigen und wollte Ardeth auf dem Hinweg begleiten. Das beruhigte Leyrah. Ardeth freute sich sehr, auch wenn darüber traurig war, seine Ziegen allein lassen zu müssen. Lady Nerys' Tochter Karishi und Farani, eine Verwandte mütterlichseits, versprachen, sich gut um sie zu kümmern, und er versprach, ihnen etwas Schönes aus der fernen Stadt mitzubringen. Seine Mutter ermahnte ihn eindringlich, den Erwachsenen Gehorsam zu leisten, alles zu tun, was seine Amme von ihm wünschte, bescheiden und höflich zu sein, sich nicht in den Vordergrund zu spielen und vor allem auf der Reise dem Großvater den nötigen Respekt zu zollen.
„Warum fallen eigentlich alle vor Großvater auf die Knie?“, erkundigte sich Ardeth, der selten genug mit seinem Großvater zu tun hatte und es immer befremdlich fand, wenn er selbst vor seinem Großvater knien musste. Andere Kinder knieten nicht vor ihrem Großvater, sondern ließen sich umarmen. Ardjun hatte Ardeth noch nie umarmt.
„Dein Großvater ist der Anführer aller Medjai, und solange kein Pharaoh da ist, vertritt er ihn. Daher zollen ihm alle Respekt.“
„Großvater vertritt den Pharaoh?“, fragte Ardeth ungläubig und mit großen Augen nach.
„Der Pharaoh hat einst für die Einhaltung der Maat gesorgt. Er hat uns Medjai damit beauftragt, für Gesetz, Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Wir haben stellvertretend für ihn gehandelt. Das tun wir noch immer, und der Anführer der Medjai muss dafür garantieren, dass es dabei bleibt. Die anderen Medjai verehren ihn daher anstelle des Pharaohs.“
Ardeth hatte das zwar immer noch nicht ganz verstanden, aber wollte nicht weiter nachfragen. Er hatte schon sehr oft zu hören bekommen, dass er einmal der Anführer der Medjai werden würde, aber er wollte eigentlich kein Pharaoh sein. Wenn er das aber jetzt seiner Mutter offenbaren würde, würde sie ihn vielleicht wieder bestrafen. Er nahm sich vor, später einmal mit seinem Vater darüber zu sprechen, denn er war ja genau so betroffen wie er selbst. Leyrah sah die Zweifel in Ardeths Gesicht. Ihr Sohn war für Ziegen, Pferde und Kamele zu begeistern, aber nicht für die spezielle Geschichte der Medjai, und das ärgerte Leyrah ein wenig. Daher sagte sie mit Nachdruck:
„Ardeth, du weißt, dass Pharaoh nichts anderes heißt als „Großes Haus“.“
Ardeth nickte.
„Das bedeutet, dass er aus einem großen Haus stammt, und damit ist nicht unbedingt der Palast gemeint, in dem er gelebt hat, sondern seine Familie, insbesondere seine göttliche Herkunft.“
„Du meinst die Geschichte, dass die Frau eines Pharaohs sich mit einem Gott vereint hat und den Thronerben gezeugt hat, ja?“
„Ja, genau, Ardeth.“
Ardeth sah sie intensiv fragend an und Leyrah ahnte, dass sein Gehirn darüber brütete, ob Lyleth oder ein Gott sein Vater sei. Zum Glück wagte er die Frage nicht zu stellen.
„Deine Familie ist mit den Pharaohnen verwandt, und du, Ardeth, stammst aus einem großen Haus. Deine Familie ist viele hundert Jahre alt, die älteste nachvollziehbare der Welt. Daher stehst du für die Einheit und das Bestehen der Medjai, und das solltest du nie vergessen. Handle danach! Lerne! Versäume nie deine Pflichten! Du hast die Pflicht, deinem Volk zu dienen.“
Ardeth nickte und senkte den Kopf, die Litanei seiner Mutter abwartetnd. Dann sprach er: „Ich verspreche dir, eifrig zu lernen.“
„Gut so, mein Sohn!“ Leyrah legte ihm eine Hand auf die Schulter und lächelte. „Zu deinem 8. Geburtstag holen wir dich ab, feiern mit deinem Onkel Weihnachten und reisen dann alle zum Roten Meer, um Urlaub zu machen.“
Ardeth hatte sie längst wieder angeschaut und lächelte glücklich. Leyrah liebte dieses Lächeln. Sie liebte ihren Sohn. Und genau wie er freute sie sich auf die gemeinsame Zeit. Sie wusste, er würde höflich, bescheiden und eifrig sein.
„Und ich verspreche dir, Ardeth, dass ich ein Auge auf deine Ziegen haben werde.“
Ardeth drückte seine Mutter herzlich. Sie fuhr ihm mit der Hand über seine dunkle Mähne.

Ungefähr acht Monate verbrachte Ardeth in Kairo. Die Zeit verging wie im Flug. Gewiss, er hatte viel zu lernen und Lady Nerys achtete streng darauf, aber sie hatte sich nicht zu beklagen, denn im Haushalt von Leslie wurde viel Englisch gesprochen. Ardeth lernte die Sprache sehr schnell. Mit Französisch plagte er sich mehr, bis Leslie einen Lehrer aus den akademischen Kreisen, in denen er verkehrte, gefunden hatte, der das Kind auch gleich ins Lateinische und Alt-Griechische einführte. Der Lehrer fand, dass Ardeth ein guter Schüler und für sein Alter schon sehr weit war. Er lobte ihn gegenüber Leslie sehr. Dieser war zwar tagsüber oft in der Bibliothek des vor wenigen Jahren neu errichteten Museums beschäftigt, empfing aber auch durchaus Gäste in seinem eher westlich eingerichteten Haushalt. Lady Nerys war sehr froh, dass Leslies Ehefrau aus dem 12. Stamm kam, so hatte sie jemanden zum Unterhalten. Sie war zwar im Gegensatz zu Nefrar eine Kriegerin, aber der Status von Leslies Frau war der einer Lady Bay, sodass sich beide im Umgang miteinander geehrt fühlten.
Wenn Leslie Zeit hatte – und er nahm sie sich oft in den acht Monaten – und es Lady Nerys erlaubte, unternahm er etwas mit seinem Neffen. Er liebte ihn wie einen Sohn und war begeistert von Ardeths Aufgewecktheit. Er zeigte ihm die Großstadt und auch die Umgebung. Dabei hatte Leslie nicht die Scheu, die Lyleth an den Tag legte, wenn es um alte Tempel und Artefakte ging. Er nahm Ardeth diese Dinge wissenschaftlich auseinander und Ardeth genoss es, das alles mit seinem Onkel zu entdecken. Wenn sie allein unterwegs waren, fühlten sie sich vollkommen frei. Mit Onkel Leslie konnte man die verrücktesten Dinge unternehmen. Ardeth blieb zwar immer höflich, aber fühlte sich ungehemmt. Zwischen Onkel und Neffen entstand ein inniges Vertrauensverhältnis. Sie wurden zu Komplizen, da Leslie Ardeth mit in die inneren Tempelanlagen nahm und ihn darum bat, davon nichts zu erzählen. Ardeth hielt sich daran, wohl wissend, dass seine Ausflüge mit seinem Onkel vorbei sein würden, wenn Lady Nerys davon erfuhr. Leslie nahm Ardeth auch mit ins Museum und ließ ihn sich dort selbst umschauen, während er sich in seinem Arbeitszimmer mit einigen Kollegen besprach. Nachdem vier Stunden vergangen waren, wunderte sich Leslie, wo Ardeth denn bliebe, und er ging ihn im Museum suchen. Er staunte nicht schlecht, als der kleine Ardeth einem britischen Ehepaar, das entzückt dem „kleinen Ägypter“ lauschte, den Saal mit Artefakten aus dem Mittleren Reich erläuterte. Im Garten von Leslies Villa gab es ein Wasserbecken, in dem Leslie jeden Tag seine Runden schwamm. Es hatte nicht lange gedauert, bis auch Ardeth jeden Tag darin planschte. Leslie brachte ihm das Schwimmen bei so wie er es seinem eigenen Sohn, der inzwischen vier Jahre alt war, beigebracht hatte. Ardeth achtete darauf, sich in der Villa auch seinem Cousin zu widmen, damit dieser nicht eifersüchtig auf Leslies Zuneigung Ardeth gegenüber wurde. Auch die sechsjährige Tanith war oft dabei. Leslie vergötterte seine Tochter. Je mehr Nefrar ihren Sohn vorzog, desto mehr meinte Leslie es bei seiner Tochter ausgleichen zu müssen. Tanith hielt sich viel an Ardeth und ließ sich alles von dem fernen 12. Stamm berichten. Wie schön es dort sein musste! Ihre Mutter sah die die Vertrautheit zwischen Ardeth und ihrer Tochter gar nicht gern.
Nefrar fühlte sich sehr wohl in Kairo, aber mit der Zeit war ihre anfängliche Begeisterung den Kreisen gegenüber, in denen Leslie verkehrte, ihrer Ablehnung gewichen. Nefrar hatte an Gewicht zugelegt und war auf dem besten Wege, eine Matrone zu werden. Sie verkehrte am liebsten mit den Damen der einheimischen Elite und war beeindruckt von Haushalten, in denen es streng islamisch zuging. So einen Haushalt wünschte auch sie sich, um bei ihren angeblichen Freundinnen mithalten zu können. Diese sprachen oft von der drohenden Verwestlichung ihrer Sitten und warfen Nefrar, die mit einem US-Amerikaner verheiratet war, vielsagende Blicke zu. Umso mehr wandelte Nefrar ihr Leben. Nur ganz in Schwarz verhüllt betrat sie die Straße und trug sogar Handschuhe. Leslie witzelte manchmal, dass er dann ja auch im Süden bei den Medjai hätte bleiben können. Doch Nefrar erwiderte eisig, das sei doch etwas anderes. Ihre Kinder nahm sie auch häufig mit, um mit Ismail anzugeben. Tanith, obwohl erst sechs Jahre jung, musste sich dann verhüllen wie ihre Mutter. Einmal hatte sich Lady Nerys überreden lassen, zu so einem Treffen zu folgen. Sie nahm sich etwas seltsam in ihrer schwarzen Kriegergewandung gegenüber den wallenden Matronen aus, die sich nur über Kinder, Küche und die rechte Pflichterfüllung einer islamischen Ehefrau ausließen. Daher blieb sie fortan solchen Treffen fern. Ihr vordem gutes Verhältnis zu Nefrar kühlte merklich ab und sie verkehrte lieber im Haus der Medjai, wo einige Krieger stationiert waren. Auch Leslie und Ardeth statteten dem Medjai-Anwesen so oft wie möglich ihren Besuch ab. Die Krieger freuten sich sehr über den Besuch Leslie und Ardeth und bezogen auch das Kind mit in ihre Gesprächen, ihre Spiele und auch ihre Aufgaben ein. Sie führten teilweise Gespräche wie zwischen Erwachsenen. Doch leider lag das Anwesen in Memphis und damit zu weit entfernt von Leslies Villa, als dass sie regelmäßig hinfahren konnten.
Ardeth durfte auch mit seiner Großmutter Claire telegraphieren, die sehr erfreut war, wie gut ihr Enkel Englisch beherrschte. Ardeth wollte nicht glauben, dass es in Maine in Strömen regnete. Beide baten sich gegenseitig sehr herzlich um einen Besuch. Ardeth fragte seinen Onkel Löcher in den Bauch, der ihm daraufhin viel von dem Leben in den USA und die unselige Geschichte von Claire und Ardjun erzählte.

Eines Tages standen seine Eltern vor der Tür. Ardeth mochte gar nicht glauben, dass seine Zeit in Kairo schon vorbei war, doch tatsächlich waren fast acht Monate vergangen. Sie feierten seinen achten Geburtstag und Lady Nerys lobte ihn, wie artig er doch die ganze Zeit gewesen sei und wie gut er gelernt hätte. Natürlich hörte Leyrah das sehr gern. Da Leslie in den USA aufgewachsen und christlich erzogen worden war, wollte man eine große Weihnachtsfeier geben. Leslie lud dazu einige westliche Akademiker ein und es wurde ein lustiger Abend. Sie feierten beinahe die ganze Nacht durch und mit verschlafenen Augen schauten einige Erwachsene am nächsten Morgen zu, wie ihre Kinder die Socken und die anderen Geschenke öffneten. Für Ardeth war diese Sitte ganz neu und er war sehr aufgeregt. Die Kinder der Gäste schliefen mit in seinem Zimmer und erzählten die schönsten Weihnachtsgeschichten. Sie badeten am nächsten Tag noch alle miteinander im Gartenteich. Ein Sohn eines US-amerikanischen Forschers fragte Ardeth nach den merkwürdigen Tätowierungen im Gesicht seiner Eltern, und Ardeth erklärte stolz, dass sie das würde als Bedja-Beduinen kennzeichnen würde. Er bekäme das in acht Jahren auch. Ismail warf Ardeth ein paar verängstigte Blicke zu und fragte: „Und ich?“
„Na du selbstverständlich auch, Ismail.“
„Aber seine Eltern haben doch gar keine Tätowierungen“, stellte eins der Kinder fest.
„Äh, nein, das liegt ja daran, dass mein Onkel in den USA aufgewachsen ist.“
„Ich will aber nicht gestochen werden“, jammerten da Ismail und Ardeth versuchte ihn zu trösten.
Ein paar Tage später brachen alle sieben Bays in Begleitung von zwei Dutzend Medjai nach Osten auf. Es sollte zum Suez-Kanal gehen, wo man ein großes Boot mieten wollte, um das Rote Meer gen Süden entlang zu segeln, um dann irgendwo in Höhe der Medjai-Gegend an Land zu gehen. Daher nahm man die Reittiere auch mit an Bord. Die Mannschaft sollte das Boot zurück nach Suez bringen, während die Medjai durch die Wüste nach Hause reiten wollten. Die Tage auf See und später am Meer wurden für alle wunderschön. Auch Nefrar legte ihre anfängliche Scheu ab. Hier war sie wirklich nur unter Medjai, und kein fundamentalistischer Zirkel konnte hier auf sie einwirken. Nur manchmal, wenn es ihr gar zu locker zuging, erhob sie Einwände und wurde tatsächlich von ihrer strengen Schwägerin unterstützt. Die beiden Frauen bestanden darauf, dass Tanith nicht mit Leslie, Lyleth und Ardeth loszog, was sie so gern getan hätte. Sie musste bei den Frauen und Lady Nerys bleiben und durfte auch nicht immer baden. Ardeth und Leslie versuchten Lyleth das Schwimmen beizubringen. Dem war das Meer nicht geheuer, besonders die großen Krebse. Sie hatten viel Spaß zusammen, und am Abend lauschten sie alle am Feuer Leslies Geschichten aus dem Abendland. Die beiden Brüder verstanden sich prima und tranken manchen Abend um die Wette.
„Ah, Leslie, komm uns doch öfter im Süden besuchen!“, bat ihn Lyleth häufig.
„Lyleth, glaub mir, in Kairo lebe ich frei und glücklich!“, erwiderte dann der Bruder und spielte auf die strenge Oberaufsicht ihres Vaters an, der niemals mit Leslies lockerem Lebenswandel einverstanden war. In Kairo verkehrte Leslie durchaus in westlichen Kreisen, er hatte dort viele Freunde und eine Arbeit, von der er immer geträumt hatte. Seine Kenntnisse und Verbindungen halfen den Medjai, das wusste auch Lyleth, von daher insistierte er nicht weiter. Er konnte sich Leslie auch nicht im Kriegergewand vorstellen. Leslie war der geborene Forscher, ein Akademiker, der mit Enthusiasmus tagelang in Bibliotheken zubringen konnte und abends mit seinen Kollegen bei mehreren Gläsern Gin gesellig beisammen saß. Dennoch bestand sein Vater darauf, dass die Familie mehrere Wochen im Jahr im 12. Stamm lebte, um sich nicht ganz ihrer Herkunft zu entziehen. Sobald Ismail zehn Jahre werden würde, sollte er seine Kriegerausbildung im 12. Stamm beginnen. Sollte Ardeth ausfallen, so würde Ismail Anführer der Stämme werden. Doch Ismail war erst vier, also hatte es damit noch ein wenig Zeit, was seine Mutter unbändig tröstete.
„Ach“, jammerte sie eines Abends ihrer Schwägerin vor, „wenn Ismail eines Tages zurück in die Wüste muss, werde ich ihm folgen. Ich kann meinen Sohn nicht allein lassen. Er ist das kostbarste, was ich habe!“
Leyrah war stets um Haltung bemüht und Gefühlsausbrüche jeder Art waren ihr unliebsam.
„Liebe Nefrar, es ist doch noch so lange hin. Er ist doch noch ein Kind.“
„Einer Mutter bricht es das Herz, wenn sie ihr Kind fortgeben muss.“
„Aber Nefrar, Kinder müssen die Chance erhalten, erwachsen zu werden, ohne im Schatten ihrer Mutter zu stehen.“
„Aus dir spricht die Kriegerin, Leyrah! Einer Mutter bedeuten ihre Kinder alles. Gewiss, sie muss ihrem Mann gehorsam sein, aber lieben wird sie ihre Kinder.“
Leyrah schüttelte etwas ungeduldig mit dem Kopf. Diese Reden von Nefrar nervten sie manchmal ganz schön, doch sie wollte ihre Schwägerin nicht vor den Kopf stoßen. Also schwieg sie höflich.
„Leyrah, ich muss dir etwas sagen.“
Sie machte eine dramatische Pause.
„Stell dir vor, Leyrah, ich bin schwanger!“
Alles hätte Leyrah erwartet, nur das nicht.
„Aber... aber das ist ja großartig!“
„So Allah will, werde ich in sieben Monaten einen weiteren Sohn zur Welt bringen!“
„Ich gratuliere von Herzen, liebe Nefrar!“
„Jetzt verstehst du sicherlich, warum ich vorhin mich darüber beklagte, dass mein Sohn fern von mir leben wird. Wie soll ich ihm folgen, wenn ich einen anderen Sohn versorgen muss?“
Zieht doch einfach alle dann nach Süden, dachte Leyrah, sagte es aber nicht, sondern stattdessen: „Weiß es Leslie denn schon?“
„Nein, nein, ich wollte es dir zuerst sagen, aber du hast Recht. Ich werde ihm gleich die glückliche Nachricht sagen. Komm nur mit, alle können es erfahren! Ich werde einen weiteren Sohn gebären!“
Natürlich freuten sich alle sehr, aber nur Leslie war es, der seine Frau korrigierte und statt „Sohn“ „Kind“ sagte. Und er sollte Recht behalten. Es wurde kein Sohn. Gut ein halbes Jahr später brachte Nefrar ein gesundes Mädchen in Kairo zur Welt. Sie nannten es Amira, doch weder sah sich Ardjun veranlasst, nach Kairo zu reisen, um seine neue Enkelin zu sehen, noch sah sich Nefrar veranlasst, ihre zweite Tochter im Süden vorzuführen.

Leslie, Nefrar und ihre drei Kinder sollten erst wieder zu Ardeths zehntem Geburtstag nach Süden reisen, denn dieser Geburtstag stellte innerhalb der Medjai-Gesellschaft etwas ganz Besonderes dar. Die Jungen und einige Mädchen begannen ihre Kriegerlaufbahn. Es wurden zwar nicht alle Jungen ausschließlich Krieger, viele ergriffen nach einer Grundausbildung den Beruf ihres Vaters, aber der zehnte Geburtstag war für alle so etwas wie der Beginn des Erwachsenenlebens. Man war nun für seine Taten verantwortlich. Zu diesem Anlass gab es ein großes Fest mit allen Verwandten. Ardjun hatte zu diesem wichtigen Anlass die Anführer der nördlichen Stämme mit ihren Familien eingeladen. Aus Ardeths Geburtstag wurde so ein halber Staatsakt. Und er wurde ein Fiasko.
Selten wurde bei den Medjai Fleisch gegessen, da es kostbar war, aber zu Festen wurde geschlachtet und alle freuten sich auf den Gaumenschmaus. Nun war es üblich, dass aus Anlass des 10. Geburtstagsfestes die Jungen das erste Mal aktiv an dem Schlachtvorgang beteiligt wurden. Sie sollten die Schlagader am Hals des Tieres nach Möglichkeit selbst durchtrennen oder zumindest beiwohnen. Auch die Mädchen, die Kriegerinnen werden wollten, sahen dem Schlachtvorgang zu. Ausgewählt wurden Tiere, die die Familie hütete. Nerys ließ eine von den Ziegen herbeiführen, die Ardeth bis vor wenigen Tagen noch gehütet hatte, und sie hatte unglücklicherweise Bagi, Ardeths Lieblingsziege, der er vor nicht mal zwei Jahren selbst auf die Welt geholfen hatte, ausgewählt.
„Führe sie dort hinten hin, Ardeth“, gab sie ihm auf, und Ardeth, arglos, tat wie geheißen. Er wunderte sich zwar etwas, aber er brachte es mit seinem Onkel Leslie in Verbindung, dem er ein paar Tage zuvor bei dessen Ankunft stolz seine fünf Ziegen gezeigt hatte. Leslie hatte Interesse gezeigt, also musste es irgendetwas mit ihm zu tun haben.
Der Platz, wo geschlachtet wurde, lag etwas abseits im Westen des Ortes und Ardeth war wie alle Kinder diesem unheimlichen Ort bislang fern geblieben. Als er nun dorthin trat, warteten dort sein Großvater und die sechs Anführer der nördlichen und mittleren Stämme, teilweise in Begleitung ihrer erwachsenen Söhne. Sie mussten allesamt lächeln, als der 10jährige mit seiner Ziege angetrottet kam. Ein paar Meter hinten ihm folgten seine Eltern, die ihren Sohn zum Erwachsenwerden begleiten sollten, ebenso Leslie und Lady Nerys, die mit dem heutigen Tag aus ihrer Erzieherin-Rolle entlassen wurde. Alle stellten sich im Kreis auf und die Ziege begann jämmerlich zu weinen. Ardeth streichelte, immer noch ahnungslos, seine Bagi. Ardjun reichte ihm das Schlachtemesser und erklärte ihm, was er tun müsse. Doch Ardeth sah ihn und das Messer in seiner Hand ungläubig an. Ardjun wies noch einmal an der Ziege auf die Stelle, die Ardeth möglich schnell durchstoßen sollte, aber Ardeth regte sich nicht, sondern starrte wie versteinert auf die Ziege. Leyrah und Lyleth sahen sich fragend an und Leyrah flüsterte ihrem Mann zu:
„Ich dachte, du hättest ihn darauf vorbereitet.“
Lyleth schüttelte mit dem Kopf. „Nein, ich dachte, du hättest es getan...“
„Nun mach schon, mein Junge, wir wollen doch nicht den ganzen Tag hier stehen. Die Frauen brauchen doch auch noch Zeit, um die Ziege zuzubereiten. Sie warten dahinten schon, nun mach schon“, forderte ihn Ardjun etwas unwirsch auf. „Es ist ja sein erstes Mal“, meinte er wie zur Entschuldigung zu den Stammesanführern, die in aller Ruhe abwarteten.
Ardeth wurde bewusst, dass er Bagi töten sollte, damit sie später von allen gegessen werden würde. Er legte seine freie Hand auf ihre Stirn, verharrte so eine Weile, bis Bagi zu jammern aufhörte. Lyleth schluckte trocken herunter. Er wusste, wie sehr die Tiere seinem Sohn am Herzen lagen. Ardeth schien sich von dem Tier zu verabschieden und sich gleichzeitig zu entschuldigen, dass er es gleich töten würde. Doch Ardeth tat nichts dergleichen. Mit seiner Linken griff er Bagis Strick, der ihr um den Hals gebunden war, und mit der Rechten warf er das Schlachtemesser zu Boden, sodass es im Sand stecken blieb. Er sah seinem Großvater ins Gesicht. Sein Entschluss stand fest.
„Nein, Großvater, ich kann die Ziege nicht töten. Ich werde es nicht tun, und wenn es auch bedeuten sollte, dass ich kein Krieger werden kann.“
Keiner wagte ein Wort. Ardjuns Gesicht verfärbte sich.
„Ardeth, du wirst diese Ziege jetzt töten!“, presste Ardjun zwischen den Zähnen hervor. Ardeth wurde Angst und Bange. Er hatte bislang wenig mit seinem Großvater zu tun gehabt, und wenn, dann trat jener nur als gestrenges Medjai-Oberhaupt auf und achtete darauf, dass sein Enkel ihn in der Öffentlichkeit mit Lord Bay ansprach. In der Rolle des Großvaters hatte sich Ardjun äußerst selten seinem Enkel genähert und ein Lächeln hatte er auch nie auf den Lippen. Ardeth hatte wie alle Furcht und großen Respekt vor ihm. Der Junge wusste, dass Ardjun den kleinsten Regelverstoß hart bestrafte. Aber jetzt durfte er nicht klein beigeben.
„Großvater, ich habe dieser Ziege geholfen, zur Welt zu kommen, sie gepflegt und gehegt. Ich kann sie nicht töten und dann meinen Geburtstag feiern.“
Ardjun erhob seine rechte Hand zum Schlag, aber Ardeth duckte sich nicht weg. Doch Leyrah kam dem Schlag zuvor, sie rief schnell dazwischen:
„Dann holen wir eben eine andere Ziege! Wir haben ja noch mehr!“
Ardjun ließ die Hand sinken, vielleicht war die Situation gerettet.
„So ein Unsinn! Ob diese Ziege oder eine andere...“, murmelte er, um sein Gesicht zu wahren. Doch Ardeth ließ sich nicht umstimmen.
„Nein, Mutter. Nicht diese, noch eine andere. Ich kann kein wehrloses Geschöpf töten.“
Einige Stammesanführer hatten ihren Blick auf Lyleth gerichtet, darauf wartend, dass er seinen Sohn zurechtwies, doch der blieb stumm, erinnerte sich an seinen eigenen 10. Geburtstag und wie ungern er das Ritual vollzogen hatte. Er bewunderte insgeheim Ardeth, wie er dort stand und seine Überzeugung gegen alle vertrat, und das waren immerhin sechs Stammesanführer und sein übermächtiger Großvater. In Ardeths Handlung schien auch kein Trotz zu liegen, sondern einfach nur innere Überzeugung. So prekär die Situation auch war, Lyleth lächelte leicht. Leyrah hingegen versuchte die Situation zu retten.
„Ardeth“, sprach sie ernst. „Du hast bislang gern Fleisch gegessen. Was meinst du, wo es herkommt? Es wächst nicht an den Bäumen! Andere haben Tiere geschlachtet, damit du Fleisch essen konntest. Jetzt ist es an dir, anderen diesen unliebsamen Dienst abzunehmen. Niemand schlachtet gern Tiere.“
Das waren vernünftige Worte, befanden alle, die ihre Wirkung gewiss nicht auf den unwissenden Knaben verfehlen würden. Doch Ardeth erwiderte seiner Mutter:
„Wenn niemand gern Tiere schlachtet, warum lassen wir es dann nicht? Wir müssen doch kein Fleisch essen!“
Ein Anführer, Lord Fajum vom elften und wohl reaktionärsten Stamm, kreuzte die Arme vor der Brust und schüttelte vor Unverständnis mit dem Kopf. Ardjun war es sichtlich unangenehm. Doch Leyrah versuchte abermals ihren Sohn zu überzeugen.
„Ardeth, wenn du keine Tiere schlachten kannst, hast du auch kein Recht darauf, Fleisch zu essen!“
Ardeth legte seine eine Hand auf Bagis Kopf und sprach mit klarer Stimme:
„Ich werde nie wieder Tierfleisch essen. Und niemals werde ich Hand an ein unschuldiges, wehrloses Geschöpf legen.“
Lyleth wusste, dass sein Sohn zu diesem Versprechen stehen würde. Er wünschte sich, er hätte vor 18 Jahren ebenso gehandelt. Doch Ardjun fühlte sich blamiert. Er schubste Ardeth gewaltsam beiseite, sodass dieser zu Boden fiel, ergriff das Seil der Ziege und hob das Messer auf.
„Schau nur zu, du ungehorsamer Bengel! Lerne, was Tradition in deinem Volk ist!“
Ardeth sprang auf und warf sich zwischen Bagi und Ardjun. Mit zitternder Stimme rief er:
„Wenn du Bagi tötest, werde ich fortgehen, Großvater!“
Ardjun stief Ardeth abermals beiseite, doch dieses Mal war es Lyleth, der ihn davon abhielt, die Ziege zu töten.
„Nein, Vater, bitte tut es nicht!“, mischte er sich erstmals ein und in seinen Augen lag intensives Flehen. Er wusste, dass sein Sohn seinen Worten Taten folgen lassen würde. „Das ist es nicht wert.“
Ihre Blicke trafen sich und Ardjun verstand Lyleths Botschaft. Doch wie stand er vor den anderen Anführern da? Er konnte doch nicht einem 10jährigen Jungen nachgeben! Langsam ließ er das Messer sinken. Wütend sah er zu Ardeth herab, der immer noch am Boden lag.
„Du kannst kein Blut sehen, du verwöhntes Balg, ja? Dann sollst du es fühlen! Ich hoffe, das wird dir eine Lehre sein und du wirst vernünftig werden.“
„Raschid!“, befahl Ardjun einen Leibwächter herbei, der sofort zu ihm trat.
„Peitschen Sie ihn, bis er endlich bereit ist, eine Ziege zu schlachten!“
Raschid sah ungläubig von Lord Bay zu dem kleinen Ardeth, der seinen Großvater entsetzt anstarrte.
„Tun Sie es!“, herrschte Ardjun den immer noch irritierten Medjai an.
Raschid trat zu Ardeth und zog ihn langsam hoch auf die Füße.
„Nein, Großvater, bitte nicht!“, flehte Ardeth.
Raschid zog ihn schnell mit sich, doch Ardeth drehte sich zu seinen Eltern um und sah sie hilfesuchend an. Er hatte furchtbare Angst. Leyrah war kreidebleich geworden und stand wie versteinert da. Leslie war so entsetzt, dass er nichts sagen konnte. Er schüttelte unentwegt fassungslos mit dem Kopf. Und Lyleth raunte seinem Vater zu:
„Er wird nicht bereit sein, ein Tier zu schlachten, Vater. Wollt Ihr ihn vor aller Augen zu Tode peitschen lassen?“
Leyrah verkrampfte bei diesen Worten ihre Hände im Kriegergewand. Nerys berührte sie sachte am Oberarm und spürte dabei, wie sehr sie zitterte.
Ardjun versuchte, sich selbst zu beruhigen. Die Gedanken schossen ihm nur so durcheinander durch den Kopf. Er hatte sich in seiner eigenen Autorität verrannt. Doch vor den anderen Anführern musste er Haltung bewahren. Er wandte sich schließlich an sie:
„Was fordert ihr, damit er seine Kriegerausbildung beginnen kann?“
Lyleth atmete auf, Ardjun war zum Einrenken bereit. Irritiert sahen sich einige Anführer an. Was sollten sie fordern? Aus einiger Entfernung hörte man das Klatschen der Peitsche. Leyrah zuckte bei jedem Schlag zusammen. Zwei Anführer flüsterten sich etwas zu. Die Schläge mehrten sich, noch immer antwortete niemand auf Ardjuns Frage. Doch Lord Wenchyn, der Anführer des 8. Stammes, bei dem Lyleth und Ardeth vor einem Jahr für ein paar Wochen zu Besuch gewesen waren und der seitdem eine hohe Meinung von dem Jungen hatte, blickte ärgerlich von einem zum anderen. Er konnte nicht länger dulden, was er hier erlebte. So trat er einen Schritt vor und wandte sich ernst an Ardjun.
„Lord Bay, ich bitte Euch mit allem Nachdruck, Eures Enkels Bestrafung abzubrechen!“
Ardjun funkelte Lord Wenchyn an, doch der fuhr mutig fort:
„Ich verabscheue es, mich in die Angelegenheiten anderer zu mischen, aber erstens habt Ihr gerade selbst darum gebeten, und zweitens geht uns dieser Junge alle etwas an. Daher kann ich nicht zulassen, dass Ihr ihn jetzt zu Tode peitschen lasst, denn so wie ich ihn vor einem Jahr kennengelernt habe, wird er standhalten. Und wenn er schwach werden sollte, was bei einem Kind seines Alters nur allzu verständlich wäre, das Ihr wie einen erwachsenen Mann bestrafen lasst, dann habt Ihr sein junges Herz gebrochen. Das sei uns allen fern! Denn dieser Junge besitzt einen aufrechten Charakter und einen starken Willen, dazu hat er ein geradezu bewundernswertes Mitgefühl anderen gegenüber, und wir sollten uns glücklich preisen können, wenn er eines Tages unser aller Anführer werden wird. Seid stolz auf Euren Enkel! Und macht dem dort endlich ein Ende!“ Er wies mit der Hand zu dem öffentlichen Platz, wo Ardeth ausgepeitscht wurde. Dort waren inzwischen viele Menschen zusammen gelaufen und sahen kopfschüttelnd, bestürzt und unmutsbezeugend zu.
Der Junge schrie inzwischen laut vor Schmerzen. Leslie hielt es nicht mehr aus. Wütend schrie er seinen Vater an, noch bevor der auf Lord Wenchyns Forderung antworten konnte:
„Hör sofort auf damit, Vater! Das ist ja barbarisch! Ein Kind auszupeitschen!“
„Halt den Mund!“, fuhr Ardjun seinen Sohn an, doch Leslie ertrug es nicht länger, dass man seinen Neffen so misshandelte.
„Schluss jetzt!“, rief er und rannte zu Ardeth hinüber, stellte sich zwischen ihn und Raschid, der sehr froh war, dass Leslie sich einmischte und ihm zustimmend zunickte, aber so, dass Ardjun es nicht sehen konnte.
„Lord Wenchyn hat Recht“, pflichtete nun Lord Rasid vom 6. Stamm bei. „Ihr wollt doch nicht Euren Enkel zu Tode schinden, weil er eine Ziege nicht töten kann?“
„Man muss doch nicht unbedingt ein Tier töten können, um seine Ausbildung zu beginnen“, murmelte ein anderer halblaut.
Der Anführer des 10. Stammes erhob seine Stimme: „Erlasst Eurem Enkel die harte Bestrafung und seht, wie er sich in Zukunft bewährt! Selten sah ich soviel Mut und Entschlossenheit in einem Kinde wie in Eurem Enkel! Wenn er richtig erzogen wird, dann wird er für unsere Aufgabe bis in den Tod gehen!“
Ein letztes Mal rang Ardjun mit sich, aber die anderen Anführer hatten ihm die Hand gereicht, die nötig gewesen war, um seine Entscheidung zu widerrufen.
„Haltet ein!“, gebot Ardjun endlich. „Ich erlasse die Strafe – mit Eurem Einvernehmen, Mylords!“
Die sechs anwesenden Lords nickten nur allzu schnell. Sie wollten gewiss nicht an einer weiteren Tragödie im Hause Bay Schuld sein. Raschid war erleichtert. Lyleth und Leyrah rannten zu ihrem Sohn und brachten ihn mit Leslies und Nerys Hilfe in ihr Horus-Zelt, wo Ardeth versorgt wurde. Bevor er in einen gnädigen Schlaf sank, wandte er sein Gesicht seinem Vater zu und flüsterte bange:
„Bagi?“
Lyleth lächelte: „Wartet darauf, dass du schnell wieder gesund wirst, um sich zu bedanken!“

Doch Ardeth wollte scheinbar nicht schnell gesund werden. Seinen äußerlichen Wunden heilten, aber seine innerlichen nicht. In wenigen Minuten war die Unschuld seiner Kinderzeit vorbei gewesen, er hatte sich der Willkür seines Großvaters ausgeliefert gesehen und auch seine Eltern, die sonst immer schützend zu ihm gestanden hatten, waren nicht eingeschritten. Während er ausgepeitscht wurde, war seine Verzweiflung übermächtig geworden. Es hatte ihn bleibend erschüttert und jedes Lachen war aus dem sonst so frohen Gesicht des Kindes verschwunden. Ardeth war lustlos geworden und sah sich nicht motiviert, seine Ausbildung endlich zu beginnen. Außerdem litt er darunter, in den Augen anderer für nicht würdig angesehen zu werden. Er träumte davon, die Tiere des Stammes zu hüten und fern von allem anderen bleiben zu dürfen. Doch seine Eltern sprachen nach wie vor davon, dass er schnell genesen müsse, dann könne er seine Ausbildung beginnen. Sein Großvater besuchte ihn überhaupt nicht, doch darüber war Ardeth eher froh. Leslie kam oft vorbei und versuchte Ardeth mit Scherzen aufzuheitern, doch er lächelte nur gekünstelt, um seinen Onkel nicht vor den Kopf zu stoßen. Lyleth ging Ardeths Wandel sehr zu Herzen. Manchmal saß er lange Zeit an seinem Bett und streichelte seinen Sohn sanft, der ihm abgewandt lag und sich nicht rühren mochte. Lyleth weinte stumm.
„Ich weiß, ich habe dir sehr weh getan“, flüsterte er einmal. „Es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen konnte, dass ich dir nicht geholfen habe... ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen... ach, Ardeth...“
Doch Ardeth rührte sich nicht. Nicht, dass er seinem Vater nicht verzeihen würde, nein, er war einfach zu verfangen in seiner Traurigkeit, als dass er die Traurigkeit anderer wahrnehmen konnte. Außerdem fühlte er sich nach wie vor seinem Großvater ausgeliefert und er wusste, dass es seinem Vater auch nicht anders erging, ja niemandem im Ort und in den anderen elf Stämmen. Man konnte nichts dagegen tun. Aber er wollte kein Krieger mehr werden, er wollte nicht Teil dieses Lebens werden. Er hatte auch den Schmerz in Raschids Augen gesehen, als dieser von Ardjun gezwungen wurde, ein Kind auszupeitschen.
„Vater“, erwiderte Ardeth leise und immer noch Lyleth abgewandt, „ich möchte kein Krieger werden. Ich möchte Ziegenhirt werden.“
Lyleth antwortete nicht, sondern fuhr seinem Sohn nur sanft über das Haar. Er glaubte, dass Ardeth sich für nicht würdig hielt und Minderwertigkeitskomplexe wegen der nicht geschlachteten Ziege hatte. Lyleth war ein guter Vater, er fühlte, dass er jetzt nicht insistieren sollte. Ardeth benötigte Zuspruch, keine weitere Kritik.
„Ich bin sehr stolz auf dich, mein Sohn!“, meinte er nach einer Weile bewegt. „Du hast etwas getan, was ich auch hätte tun sollen. Weißt du, ich habe damals die Ziege geschlachtet, aber ich konnte keinen Bissen herunter kriegen und ich habe heimlich geweint. Selbst mein Großvater, der sonst immer für mich Verständnis gehabt hatte, meinte damals, das gehört dazu und sei eine ehrenvolle Männersache. Du hast mir gezeigt, dass ich damals mit meinen Gefühlen richtig lag, und ich danke dir dafür, mein Sohn!“
Ardeth drehte sich langsam zu seinem Vater um. Wie sah er doch traurig aus, dachte Lyleth. Ardeth sagte kein Wort, sondern sah seinen Vater nur an. Lyleth streichelte seine tränennassen Wangen und musste selbst weinen, weil sein Sohn so hilflos und traurig schien. Er nahm ihn in die Arme und Ardeth ließ es geschehen.
„Werde wieder gesund, mein Sohn!“, flüsterte Lyleth und es klang wie ein Gebet.

Der Anblick seines Sohnes brachte Lyleth dazu, selbst wie eine Trauerweide herumzulaufen. Zum ersten Mal in seinem Leben war er sogar patzig gegenüber seinem Vater geworden, der das mit Verwunderung zur Kenntnis nahm. Die meisten Lords waren wieder abgereist, doch Lord Wenchyn war noch geblieben, ebenso Leslie und Nefrar. Auch Leslie war tief betrübt über den Zustand seines Neffen.
Lord Wenchyn war einer der ältesten Lords und hatte gut Ardjuns Vater gekannt. Er hatte dessen Kampf gegen die Grabplünderer noch gut im Gedächtnis. Im 19. Jahrhundert hatte sich viel für die Medjai geändert, da Ägypten Ziel einer neuen, zunächst sehr Schatzsuche- orientierten Altertumskunde geworden war. Die Ägyptologie war entstanden und trug auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Geist der Pioniere, die glaubten, durch große Funde zu Weltruhm zu erlangen. Lord Wenchyn sprach lange mit Lord Ardjun Bay darüber und ritt oft mit ihm auf Wache. Sie überlegten, wie sie der Situation Herr werden könnten. Da der 12. Stamm am nördlichsten lag, mahnte Lord Wenchyn dringlichst an, dass Ardjun besonders wachsein sein möge und seinen Nachfolger Ardeth auf die neue Zeit, die angebrochen war, vorbereiten solle.
Nach drei Wochen wollte auch Lord Wenchyn mit seiner Familie abreisen, doch er wollte vorher wenigstens Ardeth noch einmal sehen. Er hatte eine hohe Meinung von ihm und war sehr angetan von ihm seit dessen Besuch. Ardeth lag ihm am Herzen und er wunderte sich, dass er ihn nicht mehr zu sehen bekam. Also sprach er Lyleth an, der ihm gestand, dass Ardeth noch zu Bette lag und keinen rechten Lebenswillen mehr besaß.
„Er wünscht sich, Ziegenhirt zu werden“, erzählte Lyleth. „Ich weiß nicht, wie ich das meinem Vater erklären soll.“
„Darf ich mit Ardeth einmal sprechen?“, bat ihn daraufhin Lord Wenchyn. Und Lyleth bejahte.
Lord Wenchyn betrat bald darauf das Horus-Zelt und sagte laut: „Lord Bay?“
Ardeth lag, wie meistens, auf dem Bauch. Er sah nicht, wer in das Zelt gekommen war, und richtig auf die Stimme geachtet hatte er auch nicht, weil es ihm egal war. Also antwortete er:
„Ist nicht hier“, denn er glaubte, man wollte seinen Vater sprechen.
„Doch, er liegt ja vor mir!“, erwiderte Lord Wenchyn und brachte Ardeth dazu, dass er sich umdrehte.
„Lord Wenchyn!“, rief Ardeth irritiert. „Ihr seid noch da?“
„Na, glaubst du, ich reise heim, ohne mich vorher von dir zu verabschieden?“
„Ich... ich... konnte nicht aufstehen... daher... weiß ich nicht, was draußen vor sich geht...“
„Ja, wer so lange im Bett faulenzt wie du, der kriegt nichts mit.“
Lord Wenchyn trat an Ardeths Bett heran und riss die leichte Decke fort, die ihn halb bedeckt hatte.
„So, jetzt auf, Ardeth! Wir wollen ausreiten!“
„Ausreiten?“, fragte Ardeth ungläubig nach.
„Hörst du schlecht?“ Lord Wenchyn suchte nach einem passenden Gewand und fand das für Ardeth bestimmte Kleidungsstück, das er in den ersten beiden Jahren seiner Ausbildung tragen sollte. Er warf es dem Jungen zu und meinte:
„Los, beeil dich. Ich lass schon mal die Pferde holen!“
Damit verschwand er und ließ einen verdatterten Ardeth zurück.
Doch Ardeth erschien ein paar Minuten später in dem beigen Gewand, bestieg widerstandslos das Pferd und ritt mit Lord Wenchyn hinaus in die Wüste. Bald hatten sie einen hervorragenden Blick auf den Ort, und Lord Wenchyn ließ anhalten.
„So, du willst also Ziegenhirt werden“, begann er das Gespräch. „Nicht, dass ich was gegen Ziegenhirten hätte, aber du weißt schon, dass man von dir anderes erwartet, ja?“
Ardeth sah matt auf den Ort herab und wusste nicht so recht, was er antworten sollte.
„Ich... ich kann nicht töten, Lord Wenchyn“, stammelte er nach einer Weile.
„Ah ja“, kommentierte Lord Wenchyn. „Nun gut, stellen wir uns einmal vor, von da hinten ziehen Hunderte von feindlichen Kriegern herauf und überfallen euren Ort hier. Man will deine beiden Cousinen töten, unschuldige Kinder. Was würdest du tun? Zuschauen?“
„Nein, Lord Wenchyn...“.
„Müsstest du aber, wenn du kein Krieger werden willst.“
Ardeth senkte beschämt den Kopf.
„Ardeth, du weißt, dass es etwas anderes ist, einen Feind, der dich oder deine Leute bedroht, zu töten als eine Ziege, die ein wehrloses Geschöpf ist. Du weißt im Grunde deines Herzens sehr wohl, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat, denn sonst hättest du dich an deinem Geburtstag nicht so beharrlich geweigert, deine Ziege zu schlachten.“
Ardeth sah ihn fragend an.
„Glaubst du, dass die anderen nicht zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden können?“
Ardeth schüttelte verneinend den Kopf.
„Gut, es wäre auch dumm und vermessen zu denken, nur du könntest den Unterschied erkennen. Also, wenn die anderen diese Dinge so ziemlich genau so sehen wie du, dann brauchst du dich vor ihnen überhaupt nicht zu verstecken. Dann kannst du ja endlich selbstbewusst, wie ich dich ja eigentlich kennengelernt habe, deine Ausbildung beginnen.“
Ardeth wusste nicht, was er erwidern sollte. Lord Wenchyn hatte auch nicht erwartet, dass Ardeth sofort umzustimmen wäre. Aber er bemerkte, dass Ardeth ins Grübeln gekommen war und das war gut so. Er fuhr fort:
„Ardeth, du bist ein intelligenter Junge und ich weiß, dass du dich um andere sorgst. Daher wirst du jetzt alles ausblenden, was dich persönlich betrifft und bedrückt und nur an die anderen denken. Die werden dich später brauchen, aber dazu musst du diese Ausbildung machen. Glaube mir, ich weiß, dass du eine sehr schmerzhafte Erfahrung gemacht hast, aber wenn du jetzt daraus gestärkt hervorgehst, wenn es dir jetzt gelingt, diese Erfahrung zu überwinden und sogar Nutzen aus ihr zu ziehen, dann weiß ich, wirst du später alles meistern, was sich dir an Problemen in den Weg stellen wird. Und da wird einiges sein.“
„Aus ihr Nutzen ziehen? Welchen Nutzen denn?“, wollte Ardeth wissen.
„Dass du zu deinen Ansichten gestanden und die Konsequenzen auf dich genommen hast. Ardeth, du hast die Ziege nicht schlachten können, weil sie dir am Herzen lag und du nicht töten konntest, was du liebtest.“
Ardeth nickte.
„Ardeth, jeder, der ein bisschen Ehrgefühl und Gerechtigkeitsempfinden in sich hat, hat dich dafür bewundert. Ich will ehrlich sein, wir haben alle große Hoffnungen auf dich gesetzt, denn es kommen schwere Zeiten auf uns zu. Du willst uns doch jetzt nicht enttäuschen?“
Ardeth sah ihn lange an. Lord Wenchyn meinte es absolut ehrlich, dessen war er sich sicher. Sein trauriger Ausdruck aber wollte aber nicht weichen. Mehr und mehr wurde er sich der Bürde bewusst, die auf ihm lastete. Er getraute sich nicht, sich ihr zu stellen. Er zögerte.
„Ardeth“, redete ihm Lord Wenchyn ins Gewissen, „alle, die dich kennengelernt haben, reden nur gut über dich. Sie lieben dich geradezu. Deinem Großvater gegenüber zollen sie Respekt. Aber dich werden sie später alle liebend verehren und für dich durch das Feuer gehen. Jetzt sage mir nicht, sie hätten deine Liebe, dein Mitgefühl nicht verdient!“
Beschämt senkte Ardeth wieder den Blick und stammelte: „Doch, Lord Wenchyn...“
„Du wärest für deine Ziege in den Tod gegangen. Sag mir, Ardeth, würdest du für dein Volk weniger tun?“
„Nein, Lord Wenchyn...“
„Dann schau hinab auf diesen Ort da vor uns! Und dann sage mir, was du machen wirst!“
Ardeth hob langsam den Blick und sah auf den Medjai-Ort vor sich. Er hatte mittlerweile ein furchtbar schlechtes Gewissen.
„Ja, Lord Wenchyn. Ich werde... ein Krieger werden.“
„Und jetzt sagst du es noch einmal mit Stolz!“
Ardeth wiederholte die Worte mit lauter Stimme und sah mit festem Blick hinab.
„Und jetzt sagst du es noch einmal mit Freude!“ Etwas Verschmitztes lag in Lord Wenchyns Stimme.
Ardeth sah ihn an und musste übers ganze Gesicht grinsen. Lord Wenchyn atmete innerlich auf, er hatte es geschafft. Dieser Junge konnte wieder lachen.
„Ja, Lord Wenchyn“, wiederholte Ardeth zum zweiten Mal, fast unter Lachen, „ich werde ein Krieger werden!“
„Gut so! Ardeth, ich weiß, wie gut du jetzt schon reiten kannst! Los, wer zuerst da drüben bei der Wache ist!“
Sie preschten los und Ardeth ritt sich sozusagen von der Seele, was ihn die ganze Zeit bedrückt hatte. Noch am Abend trat er vor seine Eltern und teilte ihnen seinen Entschluss mit. Am nächsten Tag brachte Lyleth seinen Sohn ins Anubis-Lager und übergab Ardeth seinem ersten Lehrer in der Zeit seiner Ausbildung.

Eine Ausbildung zum Krieger dauerte sechs Jahren und wurde mit einer Art Initiationsritual abgeschlossen, bei dem der jugendliche 16jährige die Tätowierungen erhielt. Diese sechs Jahre waren in einen Zeitraum von dreimal zwei Jahren unterteilt und wurden von dem Auszubildenden in einem bestimmten Areal im Medjai-Ort verbracht, dem sogenannten Anubis-Viertel. Hier lebten auch die unverheirateten Krieger. Auch wenn dieses militärische Lager nicht eingezäunt war, mussten die 10- bis 14jährigen Jungen im Gegensatz zu den älteren Jungen und erwachsenen Krieger darum bitten, es verlassen zu dürfen. Aber alle zehn Tage ruhte die Ausbildung und auch die Arbeit im Medjai-Ort, es war ein freier Tag für alle, außer für wenige wie zum Beispiel den Wachposten in der Wüste. Doch diese wechselten sich regelmäßig ab und hatten dafür andere freie Tage. Ardeth verbrachte seinen freien Tag mit seinen Eltern, und falls diese keine Zeit hatten, mit Freunden. Häufig besuchte er auch seine Ziegen, wenn diese auf der Weide waren. Doch seine Mutter sorgte oft dafür, dass sie am freien Tag in dem kleinen Garten hinter dem Horus-Zelt waren.
Die ersten beiden Jahre galten der Grundausbildung. Es gab eine Unmenge an physischen Ertüchtigungen, Ausdauerübungen, Meditationen, aber auch Reitunterricht. Wichtig war auch, dass die Jungen Disziplin und Gehorsam lernten. Viele waren in ihrer Kindheit von den weiblichen Mitgliedern der Familien verhätschelt worden. Die 10- bis 12-Jährigen übernahmen die meisten Dienste im Anubis-Lager, aber auch außerhalb. So mussten sie zum Beispiel den Tierdung sammeln und zum Trocknen auslegen und später dorthin bringen, wo er als Brennmaterial verwendet wurde. Sie mussten Wasser holen, die Ställe sauber halten und sich um die Pferde kümmern. Sie wurden den 14- bis 16jährigen zugeteilt, die ihre Dienste in Anspruch nehmen durften. Sie mussten auch lernen, Schmerzen und Strafen ohne Murren zu ertragen. Für viele Jungen war es eine große Umstellung und manch einer sehnte sich nach dem behaglichen Leben im Schutze seiner Eltern und vor allem der Großeltern zurück. Da alle männlichen Kinder des Ortes diese zwei Jahre Grundausbildung durchliefen, bildete diese Gruppe den zahlenmäßig größten Anteil der Auszubildenden im Anubis-Lager. Die Jungen teilten sich zu zehnt ihre Schlafquartiere, große primitive Zelte, die Schutz vor dem Wüstenwind bieten sollten. Jedes Zelt trug das Zeichen der Ausbildungseinheit, in der Regel eine Hieroglyphe und eine eigene Nummer. Die 10- bis 12Jährigen waren die „Enten“. Ardeth wohnte zum Beispiel im Zelt „Ente 12“.
Die wenigen Mädchen, die die Ausbildung begannen, waren meistens Töchter aus höher stehenden Familien, die auf Generationen von Leibwächterinnen hinabblickten und so wenigstens eine Tochter in den Kriegsdienst schickten. Kriegerinnen wurden als Begleitung für hochrangige Damen benötigt wie auch zum Schutz bei Tempeln, in denen Priesterinnen aktiv dienten, aber vor allem zum Schutz des heimatlichen Ortes und der Weidegründe. Nur die Männer übernahmen weit entfernte Wachposten. Sollte ein Großeinsatz der Medjai-Krieger erfolgen, würden die Kriegerinnen die Heimatorte verteidigen können. Ihre Tradition reichte ca. 1500 Jahre zurück, als es zu wenig Medjai gab und man aus der Not heraus auch Frauen an der Waffe ausbildete. Die Mädchen, die mit dieser Ausbildung begannen, standen in nichts den Jungen nach, zumal sie auf jeden Fall die sechs Jahre blieben und vollwertige Kriegerinnen und auch tätowiert wurden. So war auch eine nicht tätowierte Lady Bay undenkbar, und Nefrars anfängliche Komplexe rührten daher, weil sie keine Kriegerin war und sich nicht würdig fühlte. Es gab Meisterinnen, die die Mädchen mit den besonderen Kampffertigkeiten einer Frau bekannt machten, da es bei Frauen mehr auf Schnelligkeit, List und Wendigkeit ankam als auf Kraft. Ansonsten lebten sie mit den Jungen zusammen, bis auf die Tatsache, dass ihre Nachtlager voneinander getrennt waren.
Kurz vor Beendigung der Grundausbildung wurden die Jungen beschnitten. Dabei mussten sie beweisen, dass sie klaglos Schmerzen aushalten konnten, denn die Beschneidung wurde ohne Betäubung vorgenommen. So wurde der anschließende 12. Geburtstag eines jeden Jungen zu einem großen Fest, zu dem viele Verwandte kamen und den Zögling beschenkten. Die Mädchen wurden nicht beschnitten, aber ihr Eintritt in die Pubertät wurde ebenfalls gefeiert. Sie hatten ihren Lehrerinnen mitzuteilen, wann sie das erste Mal ihre Monatsblutung hatten. Es gab dann ein großes Fest, sodass viele Mädchen mit Freuden dem Tag entgegen sahen, an dem sie endlich als Frau galten. Es wurde darauf geachtet, dass die Mädchen sich nicht durch die Monatsblutungen bei ihrem Dienst beeinträchtigen ließen.
Auch mussten am Ende dieser zwei Jahre alle jungen Krieger mit verschiedenen Waffen einigermaßen sicher umgehen sowie reiten können. Viele wurden daher an ihrem 12. Geburtstag mit einem eigenen Pferd beschenkt, zumindest aber jene, die zur weiteren Ausbildung im Anubis-Lager blieben. So erhielt auch Ardeth sein erstes Pferd und war mächtig stolz. Er taufte es „Nachtwind“, weil sein Fell schwarz wie die Nacht war. Seine Ausbilder waren mit ihm zufrieden gewesen. Er hatte sich sehr bemüht und auch in die Gemeinschaft eingepasst. Die Meister hatten darauf geachtet, dass er bescheiden blieb und keine Sonderrechte beanspruchte. Sie waren weise Männer, die wussten, dass ein eingebildeter Lord Bay später nur Probleme bereiten würde. Die Meister waren angetan von Ardeths Freundlichkeit und Bescheidenheit. Oft tat er ihnen leid, weil er von seiner Mutter her noch mit weiterem Lernmaterial zu den Fremdsprachen, zur Geschichte und Kultur ferner Länder versorgt wurde. Einzig sein Großvater Ardjun nahm von Ardeths Fortschritten keine Kenntnis. Er schien den Jungen fast mit Verachtung strafen zu wollen, weil er ihm an seinem 10. Geburtstag nicht gehorcht hatte. Lyleth tat es leid, dass Ardeth kein Lob von seinem Großvater erhielt. Einmal hatte er seinen Vater darauf angesprochen, und zwar sehr vorsichtig, wie es nun einmal Lyleths ruhige Art war. Er bemerkte, dass Ardjun doch wahrhaftig sehr stolz auf das Ansehen seines Enkels sein könne. Doch Ardjun hatte nichts darauf erwidert, sondern nur undeutlich etwas von „Weichling“ gemurmelt.
Es hatte keinen Zweck, Ardjun von etwas überzeugen zu wollen, wovon er nicht überzeugt werden wollte, also gab Lyleth es auf. Er musste sich darauf beschränken, Ardeth vor der Wut des Großvaters fernzuhalten. Wenn Ardeth nach ihm fragte, entschuldigte Lyleth ihn durch seine viele Arbeit, die er zu tun hätte. Zum Glück fragte der Junge nicht oft, da sein Großvater für ihn sowieso immer nur der unerreichbare oberste Anführer der Medjai gewesen war – wie für alle anderen auch. Er hatte zum Glück noch seinen anderen Großvater, Arianda Setlata, der sich sehr um Ardeth bemühte. So weilte Ardeth oft am Lagerfeuer der Großfamilie Setlata. Arianda hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Die beiden Schwestern hatten den 12. Stamm verlassen: eine war Kriegerin im Tempeldienst geworden, die andere hatte den ersten Sohn namens Chufu des Anführers des 9. Stammes geheiratet, der aber früh ums Leben gekommen war, sodass die Nachfolge auf seinen Bruder Haras übergegangen war. Aus der Ehe mit Chufu waren immerhin vier Kinder hervorgegangen. Die ältere der beiden Mädchen war fast elf Jahre älter als Ardeth, war eine ausgebildete Kriegerin und als eine Setlata-Tochter Leibwächterin bei Lady Bay geworden. Auch sie weilte oft beim Setlata-Clan, denn die Brüder Arianda und Wirianda waren ja ihre Onkel. Arianda hatte außer Leyrah noch den Sohn Namdun, der inzwischen auch dreifacher Vater war, ein viertes Kind war unterwegs. Die drei Söhne Walgyn, Karim und Baranta waren noch klein, keiner war in der Kriegerausbildung. Sie waren Ardeths Cousins und würden später sicherlich seine Kommandanten werden. Wirianda war der jüngste Onkel von Leyrah, er hatte fünf Kinder, von denen das älteste, ein Sohn namens Kurianda, bereits seit einem Jahr verheiratet war. Er war einer der Leibwächter von Lyleth Bay. Auch seine beiden Zwillingsschwestern Nara und Ninina waren bereits mit ihrer Kriegerinnenausbildung fertig. Nara lebte im 9. Stamm und lernte dort den Dienst als jüngste Leibwächterin der Lady Marasith Gharan – quasi im Austausch für ihre Cousine. Ninina lebte noch im 12. Stamm, aber Leyrah hatte ihren Bruder gebeten, sie möglichst bald und gut zu verheiraten. Ihr Bruder Hante war zwei Jahre älter als Ardeth, und das letzte Kind von Wirianda war Farani, die ein halbes Jahr jünger war, daher in der gleichen Ausbildungsgruppe wie Ardeth. Die beiden hatten viel miteinander zu tun und vertrugen sich gut. Arianda hörte seinen Enkeln Hante, Farani und Ardeth mit Vergnügen zu, wenn sie vom Leben im Anubis-Lager berichteten. Es waren harmonische Abende und Ardeth weilte gern hier.

Die Medjai-Gesellschaft bestand seit mehr als 1500 Jahren aus zwölf Stämmen, die untereinander regen Austausch hielten, einander halfen, aber auch ihre Eigenheiten gegenüber anderen Stämmen bewahrten. Es war meistens den Kriegern vorbehalten, andere Stämme zu besuchen oder in anderen Orten mit Migliedern anderer Stämme zusammenzutreffen. Auch die Anführer und einige Mitglieder des Hochadels besuchten andere Stämme regelmäßig, schon allein aus heiratspolitischen Gründen, Frauen und Kinder der normalen Bevölkerung jedoch weniger. Eine Ausnahme stellten dabei die jährlich stattfindenden Wettbewerbe statt. Da die Medjai sehr zurückhaltend lebten und ihre wichtige Aufgabe bewusst im Verborgenen ausübten, beteiligten sie sich nicht an volksübergreifenden Wettbewerben mit Pferden und Kamelen und dergleichen. Doch untereinander veranstalteten sie solche Wettbewerbe, dann wurd ausgefochten, wer der beste zu Pferd war, wer am besten im Schwertkampf war, den Speer schleudern konnte und so weiter. Jedes Jahr fand dieser Wettkampf in einem anderen Stamm statt. Zuvor hatte jeder Stamm seine eigenen Mitglieder antreten lassen, um die besten zum Stammes-Wettkampf zu schicken. Schon die Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr nahmen daran teil. Der Wettkampf war auch nach Altersstufen eingeteilt. Sahin, Ardeths Kamerad, gelang es, den zweiten Platz beim Geschicklichkeitsreiten zu erringen und somit zu den Wettkämpfen zu reisen, die in diesem Jahr im 5. Stamm stattfinden sollten. Darauf freuten sich alle Sieger sehr, denn der 5. Stamm war eine der beiden Oasen, die die Medjai bewohnten, ein Paradiesgarten inmitten der Wüste sozusagen. Da jeder Sieger sich drei seiner Kameraden aussuchen sollte, die ihn begleiten durften, kamen Ardeth und zwei weitere Freunde namens Garath und Jarom in den Genuss, mit zum 5. Stamm zu reisen. Auch Familienmitglieder aus Sahins Familie durften ihn begleiten. Alle waren sehr stolz auf Sahin, und natürlich würden alle mitgereisten Athleten und Stammesmitglieder des 12. Stammes den Jungen anfeuern, wenn er an die Reihe käme. Sahin war sehr aufgeregt.
Wie immer wurde dieses Ereignis ein großes Fest. Der 5. Stamm behergte Hunderte an Athleten und Mitgereisten aus den anderen elf Stämmen. Lord und Lady Meranmose begrüßte alle aufs Herzlichste. Sie schienen Ardeth sehr jung und doch war ihr erster Sohn Gatyreth etwas älter als er selbst. Doch der natürliche Umgang und die Freundlichkeit des Fürstenpaares überraschte Ardeth doch sehr, der von zu Hause anderes gewohnt gewesen war. Natürlich hatte ihn seine Mutter vorher ins Gebet genommen, sich Lord und Lady Meranmose gegenüber zu benehmen. Er verhielt sich den beiden gegenüber daher sehr eingeschüchtert, als er die Grüße seines Großvaters und seiner Eltern überbrachte. Gatyreth persönlich zeigte den drei jüngsten Teilnehmern aus dem 12. Stamm und ihren Gästen die Quartiere. Sie waren einfach, aber alle fanden es einfach herrlich in der Oase. Ardeth erinnerte sich daran, dass Gatyreth ungefähr ein Dreivierteljahr älter war als er und wunderte sich darüber, dass er noch das beige Gewand trug. Er nahm sich ein Herz und fragte:
„Gatyreth, bist Du nicht schon 12?“
Garyeth grinste. „Fast. Übermogen habe ich Geburtstag.“
Alle, die zugehört hatten, schauten auf. Der Sohn der Meranmoses wurde übermogen 12? Ein großes Ereignis! Er würde beschnitten werden und in die zweite Ausbildungsphase wechseln.
„Das gibt bestimmt eine große Feier!“, kommentierte Jarom vorfreudig.
Gatyreth verneinte. „Meine Eltern möchten nicht, dass mein Geburtstag im Vordergrund steht. Die Spiele finden doch statt. Und in einer Woche, wenn alles vorbei ist und unsere Gäste wieder abgereist sind, werden wir nur im engsten Familienkreis feiern. Sie wollen kein Aufsehen machen.“
Ardeth staunte. Er stellte sich vor, was sein Großvater veranstaltet hätte, wenn er während des zu Hause stattfindenden Wettbewerbs Geburtstag gehabt hätte.
„Deine Eltern sind total nett“, gab er ehrlich zu. „Sag mal, was ist eigentlich mit deinen Großeltern? Sie leben doch noch...“ Er spielte auf die Position der Stammesfürsten an, die Gatyreths Eltern innehatten.
„Mein Großvater ist fast erblindet, daher kann er die Aufgaben eines Anführers nicht mehr wahrnehmen. Und meine Großmutter meinte, ein jüngeres Paar könnte für frischen Wind sorgen. Sie möchten dich übrigens gern wiedersehen. Zuletzt haben sie dich vor sechs Jahren gesehen, haben sie mir erzählt.“
Ardeth kam der Einladung gern nach und war auch von Gatyreths Großeltern begeistert. Wie herzlich sie ihn in ihre Arme schlossen! Wie sehr sie von seinem Vater schwärmten! Lange saß er bei ihnen und erzählte ihnen vom 12. Stamm. Gatyreth war auch anwesend und bediente seine Großeltern und Ardeth. Es dauerte nicht lange und die beiden Jungen verglichen ihre Ausbildung miteinander und erzählten sich die schönsten Anekdoten über ihre Lehrer und das Anubis-Lager. Die Großeltern hörten interessiert zu und lachten aus vollem Herzen mit, sie fühlten sich an ihre Ausbildungszeit erinnert.
„Siehst du, es hat sich nichts verändert!“, meinte Gatyreths Großvater zu seiner Frau und schlug sich vor Freude die Hände auf die überkreuzten Beine.
„Was soll sich denn jemals bei den Medjai verändern, Kiru?“, erwiderte sie und alle lachten.
Nach einer Stunde gesellten sich Gatyreths Eltern dazu. Doch Ardeths anfängliche Befangenheit ihnen gegenüber wich bald, denn sie benahmen sich genauso natürlich wie die Großeltern und lachten und scherzten mit den beiden Jungen.
„Ardeth“, sprach ihn Lady Meranmose am Ende an, „jetzt wo du schon mal hier bist, möchtest du nicht noch bleiben bis wir Gatyreths Geburtstag feiern? Das geschieht gleich nach den Spielen.“
„Wirklich gern, Lady Meranmose! Doch ich muss erst unseren Meister um Erlaubnis fragen.“
Ardeth erhielt die Erlaubnis des Meisters. Zwei Krieger, die hier im 5. Stamm Verwandte hatten und auch gern länger bleiben wollten, sollten später mit ihm zurückreisen. Ardeth freute sich sehr darüber.
Sie verbrachten wundervolle Tage im 5. Stamm. Lautstark feuerten jede Stammesmitglieder ihre Athleten an. Sahin gewann in einem Feld von 36 Jungen den 5. Platz und war sehr stolz. Etwas traurig war er, dass er nicht mit Ardeth im 5. Stamm bleiben konnte, als die Spiele vorbei waren, doch er verstand, dass nur Ardeth eingeladen war. Ardeth und Gatyreth verabschiedeten die Karawane, die Mitglieder der Nordstämme in ihre Heimat zurückbringen sollte. Dann hatten sie frei, da am nächsten Tag Gatyreths Beschneidung stattfinden sollte. Sie spielten Senet, beobachteten die erwachsenen Krieger und planschten in einem der See. Gatyreth staunte nicht schlecht, dass Ardeth schwimmen konnte und der erzählte ihm viel von seinem wunderbaren Onkel Leslie. Als es dunkel und damit kälter wurde, spazierten sie durch die Oase. Ardeth blieb erstaunt stehen, als er mitten im Ort Wachen erblickte, die auf irgendetwas aufzupassen schienen. Er fragte Gatyreth danach, der ihm erklärte:
„Die Oase ist ein Ort, der Reisende zum Verweilen einlädt. Der Bereich vor uns ist für Durchreisende gedacht.“
Ardeth unterbrach Gatyreth erstaunt: „Es dürfen Fremde in euren Stamm?“
Ardeth wusste zumindest von den Nordstämmen, dass jeder Zutritt zum eigentlichen Stammesgebiet Fremden streng verboten war und Fremde, die dennoch aus bestimmten Gründen Zutritt wünschten, eine Ausnahmegenehmigung des jeweiligen Stammesfürsten bedurften, die aber nicht oft erteilt wurde. Die Medjai-Orte unterlagen der Geheimhaltung.
„Daher stehen diese Männer ja Wache. Kein Fremder darf hier hinein. Dort drüben aber dürfen Fremde rasten. Das können wir ihnen nicht verwehren.“
Ardeth blickte neugierig in das von Gatyreth gewiesene Gebiet. Es war nicht sehr groß, praktisch das letzte Stück der Oase.
„Dürfen wir denn hinaus?“
„Ja, klar, denn auch das Gebiet gehört zum Stamm. Es wohnen sogar Medjai dort, die dort Getreide, Obst und Gemüse anbauen.“
Ardeth wusste, dass unter anderem aus dieser und einer anderen Oase die Medjai-Stämme mit Lebensmitteln versorgt wurden.
„Aber die Krieger müssen sich jenseits dieser Grenze verhüllen“, fuhr Gatyreth fort und nickte freundlich den Wachen zu, als sie sie passierten.
Ardeth besah sich die Zelte der hier lebenden Medjai. Es waren allesamt Bauern, kein Erwachsener trug ein Kriegergewand oder war tätowiert. Ein Stück weiter vorn erblickte er ein Lagerfeuer, um das Menschen versammelt waren. Auch Tiere lagerten dort nahe am Ufer des kleinen Sees. Gatyreth war seinem Blick gefolgt.
„Dort drüben, das sind keine von uns.“
Ardeth war viel zu neugierig, als jetzt umzukehren. Sie schlenderten langsam an dem Biwak vorbei – unter den amüsierten Blicken des Mannes, der hier mit seiner Familie lagerte. Auch sein 13jähriger Sohn warf den beiden Medjai-Jungen neugierige Blicke zu.
„Wollt ihr euch eine Weile zu uns setzen und mit uns Tee trinken?“, sprach er sie auf Arabisch an.
Eine Einladung zum Tee schlug man nicht aus und Ardeth kam sie sehr gelegen. Er freute sich wirklich darüber und bejahte sofort. Auch Gatyreth lächelte die Fremden an. Die Familie bestand aus dem Mann, seiner Frau und vier Kindern, wovon der 13Jährige der älteste war. Die anderen drei waren Mädchen und scharrten sich dicht um die Mutter. Der Mann reichte den beiden Jungen Becher mit Tee. Sie bedankten sich und tranken.
„Wo kommen Sie her?“, wollte Ardeth wissen.
„Aus dem Norden. Wir haben unsere älteste Tochter verheiratet. In dem Stamm, aus dem auch meine Frau stammt.“
Ardeth fragte neugierig nach: „Ein Stamm? Beduinen?“
Der Mann nickte und wies auf die Kamele, die vor ihrem Futter saßen, wobei jeweils ein vorderes Bein so gebunden war, dass das Kamel zum Knien bzw. Sitzen gezwungen war.
„Schau, was für ein schöner Brautpreis!“
Der Mann war sichtlich stolz, während seine Frau, die einen mit Schmuck behängten Gesichtsschleier trug, der nur die Augen frei ließ, das jüngste Kind in den Armen wiegte und nicht aufsah. Ardeth, der bislang der Auffassung gewesen war, es gäbe nur die Medjai in dieser Wüste, wollte genauer wissen, was es mit den Beduinen auf sich hatte.
„Sie sind auch Beduinen?“
Der Mann grinste Ardeth an. „Ja! Sieht man uns das etwa nicht an?“
Gatyreth war mit dem Umgang dieser Leute etwas vertrauter als Ardeth, und bevor dieser den Mann mit weiteren Fragen belästigen konnte oder eine peinliche gar stellte, erklärte Gatyreth seinem Freund:
„Diese Familie gehört zu den Bedja-Beduinen. Das kann man an ihrer Kleidung sehen. Die Männer tragen eine Weste über der Galabea.“ Dann wandte er sich an den Mann: „Mein Freund hier ist bei uns zu Besuch, er kennt keine Bedja-Beduinen.“
Ardeth sah Gatyreth völlig verwirrt an. Sein Vater hatte ihm doch vor vielen Jahren erzählt, dass sie selbst Bedja-Beduinen seien. Er schaute von Gatyreth zu dem Mann und wieder zurück, dann platzte es aus ihm heraus:
„Aber Gaty, wir sind doch auch Bedja-Beduinen!“
Gatyreth und der Mann sahen Ardeth an, der erste leicht entsetzt, der zweite leicht verärgert. Sogar die Frau schaute auf. Ardeth fühlte sich sofort etwas unwohl.
„Das wüsste ich aber, dass ihr Bedja seid!“, schien der Mann halb zu schimpfen, und fast gleichzeitig stotterte Gatyreth: „Nein, Ardeth, du hast da etwas falsch verstanden, glaub ich...“, während der Mann inzwischen in seiner Bedja-Sprache vor sich herschimpfte. Ardeth sah ihn irritiert an, er verstand die Sprache, seine Mutter hatte sie ihn gelehrt. In dergleichen Sprache rief er erstaunt: „Aber ich verstehe Sie doch! Und mein Vater hat mir erklärt, dass wir alle von dem gleichen Volk abstammen! Und wir sprechen übrigens...“
Weiter kam er nicht, da Gatyreth ihm mit dem Ellenbogen einen Rippenschubser verpasste und ihm damit zu verstehen gab, dass er lieber den Mund halten sollte.
„Wir sollen vom gleichen Volk abstammen?“, fragte der Mann kopfschüttelnd nach. „Nein, nein, ich kann mich nicht an so eine Geschichte erinnern. Wir leben in der Nähe von Amada schon seit einer Ewigkeit. Auch die Nachbarstämme meines Stammes haben nichts mit euch gemein. Nach Süden hin, weit hinein in andere Länder, gibt es noch andere Bedja, wurde mir erzählt, und zur Küste hin beim Gebel Elba. Aber ihr hier, ihr seid Söldner des Vize-Königs von Ägpyten, aber keine Bedja.“
Der Mann war sichtlich stolz, ein Bedja zu sein. Es gefiel ihm sichtlich nicht, mit den geheimnisvollen Kriegern, die kontaktscheu waren und von denen gewiss nichts Gutes ausgehen konnte, in einen Topf gesteckt zu werden.
Gatyreth kannte die Geschichte der Bedja genauer, da er näher am Bedja-Gebiet wohnte als Ardeth. „Ja, jetzt ist es so, aber früher war es anders“, erzählte er. „In meinem Stamm erzählt man sich, dass unsere Vorfahren vor vielen tausend Jahren von weither über das Rote Meer gekommen waren. Sie ließen sich in der östlichen Wüste nieder. Sie waren Nomaden, hielten Herden und waren des Kampfes fähig.“
Jetzt fiel auch Ardeth ein, was ihm sein Vater einst darüber erzählt hatte.
„Es ist so lange her, dass sich die heutigen Bedja nicht mehr daran erinnern“, belehrte Gatyreth den Mann, der ihm staunend zuhörte, „denn es gab viele Vorkommnisse und das Volk der Bedja wurde gespalten: jene, welche Tiere hielten und jene, welche kämpften. Die letzteren dienten den Ägyptern und lebten lange Zeit in Waset und Abu, bis sie von dort vertrieben worden sind. Jene sind unsere Vorfahren. Sie sind schließlich in diese westliche Wüste gegangen. Die Vorfahren der Bedja sind die Wüstenbewohner, die die Tiere gehütet haben.“
Der Mann schaute Gatyreth ungläubig an.
„So wurde es uns erzählt“, fügte er entschuldigend hinzu. „Es gibt bei uns einen Stamm, der engere Kontakte zu den Bedja hält.“
Der Mann schüttelte mit dem Kopf. Das war ihm nicht bekannt.
„Es ist ein Stamm im Süden, nahe Aswan, das einst Abu hieß. Dieser Stamm lebte einst noch näher an dem heutigen Ort Kalabscha.“
„Der Shimalo-Stamm!“, entfuhr es Ardeth. Gemeint war damit der dritte Stamm, der die Aufgabe hatte, die Stätten in der Gegend, die sich früher Shimalo oder auch Talmis nannte, zu bewachen. Der Begriff war auch dem Bedja bekannt.
„Mir scheint, wir haben tatsächlich einige Gemeinsamkeiten“, gab er zu. „Ich weiß davon nicht viel. Ich ziehe mit meiner Familie und der meines Bruders umher und wir haben unsere eigenen Sorgen. Aber jetzt haben wir die Kamele, damit haben wir ausgesorgt. Das war ein gutes Geschäft!“
Gatyreth wollte endlich das unliebsame Thema beenden und ein anderes beginnen, um abzulenken.
„Wieviele dieser Kamele haben Sie als Brautpreis erhalten?“
„Alle beide!“, verkündete er stolz und fügte hinzu: „Meine Frau hat meinen Vater damals nur ein Kamel gekostet. Er hat sie damals aus dem gleichen Stamm geholt, in den ich meine Tochter verheiratet habe. Das war damals schon so ausgemacht gewesen. Mein Vater war sehr klug gewesen.“
In dem Moment kam Gatyreths drei Jahre jüngere Schwester Syukar angelaufen. Sie war noch nicht in der Ausbildung und trug ein dreiviertellanges einfaches Kleid. Die Haare flatterten um ihren Kopf.
„Hier seid ihr!“, rief sie. „Ich suche euch schon die ganze Zeit.“ Dann wurde sie der Beduinen-Familie gewahr. „Oh, guten Tag!“
Der Mann nickte, ein deutliches Missfallen lag in seinem Blick.
„Mutter will, dass du kommst, um dich vorzubereiten.“
Gatyreth verzog den Mund. An seine bevorstehende Beschneidung erinnert zu werden, gefiel ihm gar nicht. Man bekam zwar Geschenke, aber es tat auch weh.
„Mein Freund wird morgen beschnitten!“, verkündete Ardeth dem verwunderten Mann.
„Aber er ist doch bestimmt schon 12!“, entfuhr es dem Mann leicht entsetzt, und sein Sohn krähte mit überlegenem Tonfall: „Ich bin schon seit 5 Jahren beschnitten und ein richtiger Mann!“
Sein Vater nickte zufrieden.
„Komm jetzt“, drängte Syukar. „Du weißt, dass man Mutter nicht warten lässt.“
„Hast du keinen Vater mehr?“, fragte ihn der Beduine.
„Doch“, erwiderte Gatyreth verwundert, während er aufstand.
Der Mann schüttelte unbilligend mit dem Kopf. Syukar ergriff die Hand ihres Bruders und zog ihn mit sich mit.
„Vielen Dank für den Tee“, verabschiedete sich Ardeth und folgte den Geschwistern.
Syukar hetzte ihren Bruder, aber es dauerte fast zwanzig Minuten, bis die drei im Laufschritt das Zelt der Meranmoses erreicht hatten. Während Lady Meranmose im Zelt mit Gatyreth sprach, setzte sich Ardeth zu dessen Vater, der vor dem Zelt auf seine Familie wartete. Ardeth registrierte, dass auch dieses Mal kein Leibwächter oder persönlicher Diener in der Nähe war. Lord Meranmose saß hier ganz allein. Freundlich fragte der Lord, was die beiden Jungen den ganzen Tag so gemacht hätten und Ardeth berichtete mit aufrichtiger Begeisterung, denn das unbeschwerte Leben in der schönen Oase im 5. Stamm gefiel ihm sehr. Lord Meranmose musste schmunzeln, denn er wusste, dass es im 12. Stamm strenger zuging und dass man dort ebenso wie im 1. und 2. Stamm darauf achtete, dass die alten Zeremonialprotokolle eingehalten worden. Die drei Stämme wetteiferten geradezu darum, die pharaonischen Tradtionen aufrecht zu halten. Während aber der Nordstamm das strenge Hofprotokoll durchexerzierte, legten die beiden Südstämme vor allem auch Wert darauf, dass das alltägliche Leben sich nach dem alt-ägyptischen Vorbild orientierte. Natürlich waren diese Lebenskonzepte auch in den anderen neun Stämmen präsent, doch nicht so bestimmend stark wie bei den anderen drei. Ob es daran lag, dass die drei Stämme in den unwirtlichsten Wüstengegenden leben mussten, weil sie ganz bestimmte Aufgaben wahrzunehmen hatten? Lord Meranmose ertappte sich dabei, gedanklich abzuschweifen, während Ardeth schon von der Begegnung mit den Bedja erzählte. Er fragte abschließend:
„Lord Meranmose, könnt Ihr mit vielleicht sagen, ob die Bedja und wir wirklich gemeinsame Vorfahren haben?“
Lord Meranmose bestätigte dem Jungen die Geschichte, die zuvor Gatyreth dem Beduinen vorgetragen hatte.
„Sechs Jahrtausende sind vergangen, nachdem unsere Vorfahren eingewandert sind. Sie haben sich zur gleichen Zeit im Niltal niedergelassen wie andere Menschen, die später behaupteten, sie seien die eigentlichen Ägypter. Sie sind ebenso wie unsere Vorfahren vor der Versandung ihrer Gebiete geflohen. Aber es ist sehr, sehr lange her, Ardeth, und die Bedja können sich nicht mehr an all das erinnern. Seit wir als Eliteeinheit an den Hof des Pharaoh gezogen sind, sind wir getrennte Wege gegangen. Einige wenige Bedja gibt es, die über die Jahrhunderte mit uns verbunden sind und uns auch geholfen haben. Es waren zumeist jene, welche ganz in der Nähe der heiligen Orte unseres Volkes gelebt haben.“
„Ja, Gaty erwähnte den dritten Stamm in dem Zusammenhang.“
„Stimmt, Vorfahren von Mitgliedern des dritten Stammes haben früher in Shimalo residiert und regiert. Sie haben tatsächlich noch heute engen Kontakt zu den Bedja, die auch in dem Gebiet lebten und auch noch heute unweit des dritten Stammes umherziehen. Es gibt sogar einen regen Brauttausch zwischen dem dritten Stamm und den Bedja, die von Sheik Muhammad Asli angeführt werden.“
„Ein Anführer heißt bei den Bedja Sheik?“
„Ja, er ist sogar das Oberhaupt mehrerer Stämme. So wie Dein Großvater, Ardeth. Allerdings ist es immer der Stammesälteste und es gibt daneben auch noch den Kriegshäuptling, den Akid, und den Kadi, der für die Rechtssprechung zuständig ist. Bei uns ist ein Anführer dagegen für alle Bereiche zuständig.“
„Also der Älteste wird automatisch ihr Anführer? Warum ist es denn so anders als bei uns?“
„Innerhalb der vielen tausend Jahre sind andere Systeme entstanden. Wir richten uns nach den Gesetzen Kemets. Sheik, Akid und Kadi stammen dagegen aus dem islamischen Bereich.“
„Ach, und deshalb dürfen wohl auch die Frauen der Bedja nicht reden?“
Lord Meranmose sah Ardeth etwas irritiert an, er wusste nicht, worauf er hinauswollte.
„Naja, die Frau dieses Bedja sprach überhaupt nicht. Sie schien sehr eingeschüchtert.“
„Ich glaube nicht, dass es bei allen Bedja so ist. Ich kenne Stammesmitglieder, wo Frauen eine ganz eigene soziale Stellung haben, ihnen gehört das Zelt, und wenn sie ein Tuch in einer bestimmten Farbe davor hängen, darf der Ehemann nicht hinein. Hm, auch bei uns gibt es Unterschiede. Unterschiede zwischen den Stämmen und auch innerhalb eines Stammes... hm, denke mal an den 11. Stamm. Dort gibt es keine Kriegerinnen und Frauen haben dort keine Stimme. Sie sind rechtlich das Eigentum des Mannes und er kann mit seiner Frau und Töchtern verfügen, wie er möchte.“
„Was bedeutet das, keine Stimme zu haben?“
„Es gibt im 11. Stamm keinen Rat der Frauen wie bei euch im 12., und wenn ein Mann stirbt, ist sein Sohn der Clan-Chef und nicht die Witwe, also das älteste Familienmitglied, wie sonst. Die meisten Rechte haben die Frauen in den Südstämmen. Man kann sagen, sie haben die gleichen Rechte und Pflichten wie die Männer dort. Naja, wie dem auch sei, auch bei uns im 5. Stamm müssen sich Frauen den Männern unterordnen und bei euch ist das doch auch nicht anders. Nur haben die Frauen bei uns Medjai generell mehr Rechte als in den Städten, denn wir richten uns ja nach den altehrwürdigen und gerechten Gesetzen Kemets. Ich glaube, wenn wir Medjai nicht unsere gemeinsame Aufgabe hätten, würden wir auch schon seit vielen Jahrhunderten in verschiedene Gemeinschaften verfallen sein, so wie die Bedja. Da wir diese Aufgabe haben, müssen wir hierbleiben und uns irgendwie vertragen.“ Lord Meranmose lächelte leicht gequält, er dachte an all die Differenzen, die unter den 12 Stämmen herrschten. „Ich weiß, dass deine Mutter daran arbeitet, dass alle Medjai-Kinder mehr lernen müssen über ihre Geschichte und ihre gemeinsamen Stärken und nicht nur die Kinder der höher gestellten Kinder. Sie möchte das auch in den anderen Stämmen durchsetzen. Das wäre sehr gut, wenn es ihr gelingen würde.“
Ardeth nickte. Ihm war bekannt, dass seine Mutter viel für die allgemeine Bildung tat. Er selbst musste so viel lernen, dass es ihm schon zuviel vorkam. Ardeth dachte dabei auch an die absolut unangefochtene Stellung seiner Mutter nach. Jeder ging vor ihr auf die Knie, niemand wagte, ihr zu widersprechen.
„Warum wird meine Mutter denn so von allen Kriegern gefürchtet, wo sie doch nur eine Frau ist?“
Lord Meranmose wusste, dass seine Antwort mit Bedacht erfolgen musste.
„Deine Mutter ist Lady Bay. Da dein Großvater keine Frau genommen hat, nimmt sie die Position der Ersten Dame ein, also so etwas wie eine Königin aller Medjai. Daher wird sie so verehrt.“
„Aber ein Lord Bay sollte doch mehr zu sagen haben als eine Lady Bay, nicht wahr?“
„Äh...ja, Ardeth, an für sich schon...“. Er wusste, was Ardeth gleich sagen würde.
„Meine Mutter hat aber mehr zu sagen als mein Großvater!“
„Also, das sieht vielleicht so aus, weil deine Mutter sehr aktiv ist und sich sehr für die Belange der Medjai einsetzt. Aber tatsächlich kann dein Großvater deiner Mutter Befehle erteilen und nicht umgekehrt.“
Ardeth sah Lord Meranmose skeptisch an.
„Und eines Tages wird mein Vater dann Lord Bay sein, ja?“
„Ardeth, das ist er schon heute: Lord Bay. Aber eben Lord Lyleth Bay. Und solange dein Großvater im Amt bleibt, muss er ihm gehorchen.“
„Und muss mein Vater auch Lady Bay gehorchen?“
Lord Meranmose wurde es etwas heikel mit dem fragenden Ardeth, der hier und jetzt anscheinend die Familienverhältnisse klären wollte.
„Also, wie soll ich dir das erklären? Hm... eigentlich schon, aber er ist ja auch ihr Mann, und daher ist sie ihm zu Gehorsam verpflichtet. Trifft sie allerdings eine militärische Entscheidung, muss er ihr gehorchen. Aber, glaube mir, Ardeth, deine Eltern haben keine Probleme mit der Autoritätsverteilung in ihrer Ehe.“
„Glaub ich auch nicht. Vati tut sowieso alles, was Mama will.“
Lord Meranmose wollte dazu lieber keinen Kommentar abgeben.
Ardeth durchzog noch ein Geistesblitz, ja, eins wollte er noch wissen.
„Mal angenommen, ich werde eines Tages Lord Bay, also der Anführer. Muss meine Mutter dann mir gehorchen?“
„Ardeth...“, knurrte Lord Meranmose amüsiert. „Frag das lieber nicht!“

Ardeth wechselte nach seinem 12. Geburtstag innerhalb des Anubis-Viertels in ein anderes Zelt, „Binse 7“. Jetzt waren sie nur noch zu viert und sie wurden sehr schnell zu einem eingeschworenen Haufen. Sie trugen jetzt grüne, gegürtete Gewänder und fühlten sich schon richtig erwachsen. Sie mussten ihre Reit- und Kampfkünste perfektionieren, das nahm nach wie vor die meiste Zeit in Anspruch, doch da sie nun nicht mehr die niederen Dienste versehen mussten, sondern sich nur noch um ihre eigenen Pferde zu kümmern hatten, übernahmen sie schon mal in Gruppen Wachdienste. Alle Jungen und Mädchen mussten nun auch rudimentär Fremdsprachenkenntnisse erwerben, um sich in den Städten, in denen Medjai stationiert waren, mit der Bevölkerung und mit Fremden, die ja zahlreich in Ägypten in der Zeit vertreten waren, verständigen zu können. Ardeth wurde dagegen von seiner Mutter nach wie vor mit Lektüre versorgt, die er zu lernen hatte. Die Jungen mussten auch lernen, Entbehrungen zu ertragen. Auch die Lektion, Schmerzen zu ertragen, wurde verschärft, da unter der Folter nichts von den Geheimnissen der Medjai verraten werden durfte. Die mentalen Fähigkeiten wurden ebenso intensiviert. Innerhalb dieser Ausbildungsphase erhielt Ardeths junges Leben einen tiefen Einschnitt.

Die Sonne war bereits am Versinken und wie fast jeden Abend versammelten sich Ardeth, Sahin, Garath und Jerom, die zusammen „Binse 7“ bewohnten, um ein Lagerfeuer im Anubis-Viertel, speisten und tranken anschließend ihren Tee. Es gesellten sich oft andere hinzu. Ardeth erzählte die Geschichten, die er von seinem Vater kannte. Dieses Mal war es jedoch Farani Setlata, die eine Geschichte zum besten gab, doch sie wurde jäh unterbrochen. Ein Krieger stürzte auf das Lagerfeuer zu und rief:
„Ardeth, komm schnell! Dein Vater!“
Er war so aufgeregt, dass kein Zweifel daran bestand, dass Lyleth etwas Schlimmes zugestoßen sein musste. Ardeth sprang auf die Füße und folgte dem Krieger. Die anderen Jungen und Mädchen standen auf und sahen sich fragend an. Sie wagten nicht, Ardeth zu folgen.
Der Krieger führte Ardeth zu dem öffentlichen Platz vor der Tribüne. Dort befand sich ein Wachtrupp, der gerade zurückgekehrt war. Auf den Pferden befanden sich Leichen, und einige Verwundete hatte man zu Boden gelegt. Ärzte begannen eine Notversorgung, bis die Verwundeten vorsichtig auf Tragen in ihre Zelte gebracht wurden. Auch Lyleth lag auf dem Boden. Neben ihm knieten ein Arzt und Leyrah. Ardeth kniete sich neben dem Arzt beim Kopf seines Vaters hin und bekam gerade noch mit, wie der Arzt Leyrah anschaute und leicht mit dem Kopf schüttelte. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände: Eine Behandlung hatte keinen Sinn mehr. Ardeth sah erschrocken seinem Vater ins Gesicht. Lyleth schien bei Bewusstsein, doch hatte er die Augen geschlossen. Leyrah hielt seine Hand und schluckte mehrmals.
„Papa“, flüsterte Ardeth bange.
Lyleth schlug langsam die Augen auf und blickte Ardeth geradewegs ins Gesicht. Trotz seiner Schmerzen lächelte er ihn an. Ardeth streichelte behutsam seine Wange. Leyrah benetzte seine Lippen mit etwas Wasser. Dankbar nahm Lyleth die Gabe an. Er öffnete die Lippen, um zu sprechen, was ihm aber außerordentlich schwer fiel.
„Sei... tapfer...“, wisperte er Ardeth zu. Seine Augen fielen wieder zu und er schien erneut Kraft zu sammeln, um noch etwas sagen zu können.
Weder Ardeth noch Leyrah ermahnten ihn zur Ruhe oder trösteten ihn, er würde wieder gesund werden, denn beide wussten, dass es Lyleths letzte Momente waren. Ardeth hätte laut schreien können, sein Vater möge nicht sterben, aber er riss sich zusammen und schluckte seine Verzweiflung genau wie seine Mutter herunter, um seinen Vater einen friedlichen Tod zu gewähren. Inzwischen war auch Ardjun aufgetaucht. Er stand hinter Ardeth und sah mit schreckensgeweiteten Augen auf seinen Sohn herab. Ringsherum standen viele Menschen, die entsetzt die Szene beobachteten. Man hörte das Weinen von Frauen, die den Tod von ihren Männern, Vätern und Söhnen beklagten.
Nach einer Weile öffnete Lyleth wieder die Augen. Seine noch freie Hand ergriff die von Ardeth, so dass er mit seiner Frau und seinem Sohn verbunden war. Er drückte beider Hände fest und hauchte: „Ich liebe... euch...“
Seine Augen schlossen sich, dieses Mal für immer. Auf seinem Gesicht lag ein leichtes Lächeln, so als wäre Lyleth sehr glücklich darüber gewesen, vor dem Sterben noch einmal Leyrah und Ardeth gesehen und sich verabschiedet zu haben.
Leyrahs Lippen zitterten. Mit ihrer linken Hand fühlte sie Lyleths Puls, dann brachte sie weinerlich hervor:
„Lyleth...Lyleth...“
Sie wiederholte es bald ein Dutzend Mal, bevor sie laut aufschrie und anschließend über seiner Brust zusammenbrach. Ardeth hatte die ganze Zeit stumm daneben gekniet. Die Tränen liefen unaufhörlich über seine Wangen. Als Leyrah sich über den Oberkörper ihres Mannes legte und bitterlich weinte, schmiegte er sich an sie und weinte ebenfalls herzzerreißend. Niemand, auch nicht Ardjun, störte die beiden in ihrer Trauer. Mittlerweile waren über hundert Menschen hier zusammengelaufen. Sie standen stumm dabei und weinten ebenfalls. Lyleth war ein guter Mensch gewesen, sie hatten ihn alle wegen seiner friedensstiftenden, ausgleichenden Art sehr verehrt. Die Menschen lagen sich in den Armen. Es war so still geworden, als hielte das Universum seinen Atem an. Lord Lyleth Bay, der vielgeliebte Nachfolger ihres Anführers und Hoffnungsträger seines Volkes, war tot. Was sollte nun werden?
Es dauerte sehr lange, bis Ardeth sich langsam erhob. Er bemerkte seinen Großvater hinter sich, dessen Gesicht tränennass war. Während andere sich in den Armen lagen, stand er ganz allein. Ardeth überlegte nicht lange, er stand auf und umarmte seinen Großvater, der ihn ganz fest in die Arme schloss. Sie schluchzten tief, denn beide hatten einen großen Verlust erlitten: der eine seinen Sohn, der andere seinen Vater. Leyrah sah erstaunt zu den beiden hin. Sollte der Tod von Lyleth Ardjun endlich mit seinem Enkel aussöhnen? Sie war skeptisch, denn es konnte sein, dass es eine vorübergehende Laune von Ardjun war, den der Tod seines Sohnes tief getroffen haben musste. Leyrah erhob sich. Sie umarmte Arianda, der hinter sie getreten war, um seine Tochter zu trösten. Er weinte hemmungslos, da ihm Lyleth immer sehr am Herzen gelegen und er viele Abenteuer mit ihm erlebt hatte.
Arianda hatte zudem seinen Enkel Kurianda Setlata verloren, Lyleths Leibwächter, der sich im Kampf schützend vor seinen Herrn gestellt hatte. Die Familie von Wirianda hatte sich um seinen Leichnam versammelt und die Mutter von Kurianda, seine junge Frau und seine Schwestern Ninina und Farani, die Ardeth sofort hinterher gelaufen war, beklagten laut schreiend seinen Tod. Namduns Frau und Nepheri Setlata hatten sich ihnen angeschlossen.
Namdun stand neben seiner Schwester, um ihr beistehen zu können. Ardjun trat zu seinem toten Sohn und hob ihn auf, trug ihn zu einem Unterstand, wo die Toten stets aufgebahrt wurden, bis sie zu den entsprechenden Familiengruften gebracht wurden. Viele lagen in der Nähe, doch die Gruft der Familie Bay lag ziemlich weit entfernt. Man würde Lyleth in eine Art Sarkophag legen, den man in die Gruft stellen würde. Ardjun bettete seinen Sohn liebevoll auf einer Bahre, daneben lagen bereits Kurianda und die beiden anderen toten Krieger. Es herrschte tiefe Trauer im 12. Stamm.
Noch am gleichen Abend wurden Boten zu den anderen elf Stämmen und nach Luxor, Kairo, Alexandria und anderen Orten ausgesendet, die den Tod von Lyleth Bay bekannt gaben. Leslie reiste mit seiner Familie per Eisenbahn nach Süden, um an der Beisetzung seines Bruders teilzunehmen. Die Anführer der elf Stämme eilten mit ihren Familien herbei. Ardeth lebte solange im Horus-Zelt, um seiner Mutter in dieser schweren Zeit beizustehen. Sein Großvater Arianda war oft anwesend und sprach lange und gut über Lyleth. Es war noch einmal sehr schmerzhaft, als Leslie im 12. Stamm eintraf. Jeder wusste, dass er als Zwillingsbruder eine besondere Beziehung zu seinem Bruder gehabt hatte. Lange stand er neben dem aufgebahrten und mit einer Kampfermischung einbalsamierten Lyleth, dessen Wangen aber schon eingefallen waren, und redete leise und unter Tränen zu ihm. Er hatte noch in Kairo seine Mutter darüber informiert, dass ihr Sohn verstorben sei und Claire weinte sehr. Sie hatte ihren Sohn Lyleth gar nicht richtig kennenlernen dürfen.
Die meisten Menschen nahmen von Lyleth Bay Abschied, als sein Leichnam, nun verschlossen in dem Sarkophag, fortgetragen wurde. Lyleth trug sein Kriegergewand, seine beiden Schwerter und hatte eine Papyrusrolle als Grabbeilage erhalten, die Ardeth geschrieben hatte. Gemäß der Tradition standen dort Texte aus dem Buch des Übergangs geschrieben. Leyrah hatte ihren Sohn früh mit den schwierigen Texten konfrontiert, sie ihn später sogar auswendig lernen lassen. Was kein Ägyptologe jemals herausfinden würde, wusste Ardeth, nämlich um die reale Bedeutung der zwölf Jenseits-Prüfungen. Während der Trauerzeit hatte Ardeth die Texte noch einmal für seinen Vater niedergeschrieben.
Den letzten Weg begleiten nur einige Krieger, nämlich Freunde von Lyleth, die den Sarkophag langsam auf einem Schlitten hinter sich herzogen. Kurianda Setlata war schon tags zuvor beigesetzt worden, sodass die Familienmitglieder des großen Clans Setlata nun Lyleth die letzte Ehre erweisen konnten. So reisten die Familien Bay, Setlata und die Stammesanführer mit ihren Familien am nächsten Tag zur Gruft, die ähnlich den Grabanlagen im Tal der Könige in den Fels gehauen war und sich tief in die Erde neigte. Hier lagen viele Mitglieder der Familie Bay, die Gruft hatte schon oft nach links oder rechts erweitert werden müssen. So war mit der Zeit ein wahres Labyrinth entstanden. Lüftungsschächte waren verborgen angebracht worden. Der erste Raum war stets frei geblieben und mit Texten des Buches des Übergangs versehen worden.. Er bildete den Zugang zum Grab. Hier versammelten sich zur Beisetzung nur die engsten Verwandten des Verstorbenen, die dann den Sarkophag an den für ihn bestimmten Ort brachten und den Gang dorthin wieder versiegelten. In diesem ersten Raum waren auch die Namen aller Bays eingetragen, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hatten, und zwar in der Reihenfolge, wie sie hier beigesetzt wurden. Der letzte Name, der hier in Hieroglyphen geschrieben war, war „Ardeth Bay“, der Großvater von Lyleth, den er so verehrt hatte, dass er seinen Sohn nach ihm benannt hatte. Er war aber wie alle Namen nicht als Kartusche geschrieben, denn diese waren den Pharaonen vorbehalten. Die Bays sahen sich in deren Abwesenheit zwar als ihre „Stellvertreter“, ausgehend von der Position, die Kanzler Bay einstmals innegehabt hatte, aber so anmaßend, dass sie pharaonische Insignien für sich beanspruchten, waren sie nicht.
Die Anführer der anderen Stämme hatten sich inzwischen berichten lassen, wie es zum gewaltsamen Tod von Lyleth gekommen war. Sein Wachtrupp war etwas entfernt vom 12. Stamm von Wegelagerern überfallen worden, die sich in der Überzahl sahen und nur deshalb einen Überraschungsangriff gewagt hatten. Dabei waren insgesamt vier Medjai getötet und fünf verletzt worden, doch die Angreifer waren allesamt niedergemetzelt worden und hatten Aasgeiern zum Fraß gedient. Lyleth hatte tiefe Wunden im Brustbereich erlitten, die man gleich an Ort und Stelle versorgt hatte, aber alle wussten, dass er ihnen erliegen würde. So hatte sich Lyleth den ganzen Weg zurück zum Stamm mühselig am Leben gehalten, um noch einmal Frau und Kind zu sehen. Kurianda war indessen sogleich gestorben.
Die Anführer diskutierten auch über die Zukunft des 12. Stammes. Einige hatten gehofft, dass der fast 50jährige Ardjun bald an Lyleth übergeben hätte, doch nun war ihre Hoffnung zerschlagen. Ardeth war noch viel zu jung, selbst nach seiner Ausbildung würde er noch jahrelang Erfahrung sammeln müssen.
Die nur sehr langsam vorankommenden Krieger kamen nach einigen Tagen vor der Gruft an und übergaben den Sarkophag den schon anwesenden, weil schneller vorangekommenen Ardjun, Leslie und Arianda, die ihn vor die Gruft zogen. Ein letztes Mal versammelten sich hier alle Anwesenden, um Lyleth das letzte Geleit zu geben, dann zogen die drei in den ersten Raum der Gruft und es folgten nur Leyrah, Ardeth, Nefrar und ihre drei Kinder. Alle trugen die weißen Trauergewänder. Ardeth, Ismail und Leyrah hielten Fackeln. Die Kinder und Leslie, die noch nie zuvor hier gewesen waren, bestaunten den Raum, über dessen gegenüber liegenden versiegelten Tür ein großer kauernder Anubis-Schakal angebracht war. Dort war der Eingang zu dem eigentlichen Grabgewölbe. Ardjun stimmte nun eine Art Totengesang an und zählte Lyleths gesamte Abstammung auf, angefangen bei dem Kanzler Bay, der sich zwar ein Grab am Großen Ort, auch Tal der Könige genannt, hatte anlegen lassen dürfen, dessen Leichnam aber auch hier beigesetzt worden war, da er am Hof in Ungnade gefallen und hingerichtet worden war. Es dauerte sehr lang, niemand wagte zu sprechen und vielen standen abermals die Tränen in den Augen. Dann brach er das Siegel und zog mit Hilfe von Arianda und Leslie den Sarkophag auf einem Schlittengefährt in den dunklen Gang. Während Nefrar mit ihren Kindern, die noch zu jung waren, im ersten Raum wartete, folgten Ardeth und Leyrah und erleuchteten den Weg. Sie bogen bald nach links ab, wo ein weiterer Gang tief ins Gestein hinab führte. Es war stickig in dem Gang und sie mussten sich beeilen, denn allzu lange durften sie in diesem sauerstoffarmen Grab nicht weilen. In den Nischen konnten sie im Schein der Fackeln Sarkophage sehen. Die Gänge waren roh in den Felsen gehauen, aber da sie tief unter der Erde lagen, wurden die Leichen gut konserviert. Dennoch roch es merkwürdig, je mehr sie sich ihrem Ziel näherten. Sie mussten sich ducken, da sie zu groß für den Gang waren. Die drei Männer stellten den Sarkophag in eine freie Nische, gleich nach jener, in der die Sarkophage von Ardjuns Eltern Ardeth und Cheychera Bay und ein Kindersarg, in dem Ardjuns jung verstorbener Bruder ruhte, standen. Die Sarkophage waren der Länge nach in die Tiefe der Ausschachtung geschoben worden. Man konnte die Namen auf der Stirnseite der beiden nebeneinander stehenden Sarkophage gut lesen und Ardeth erkannte den Schriftzug seines Urgroßvaters sofort, denn es war ja auch der seine. Er berührte zärtlich mit seiner Hand den großen Sarkophag. Ardjun hielt den Kopf geneigt. Eigentlich wäre es sein Platz gewesen, auf dem nun der Leichnam seines Sohnes ruhte. Er warf einen Blick auf den Sarkophag seines Vaters und hatte auf einmal ein schlechtes Gewissen. Sein Vater hatte seinem Sohn die Liebe schenken müssen, die er selbst ihm verweigert hat. Wie war er hart geworden! Und nun drohte das gleiche gegenüber seinem Enkel zu geschehen. Und am Sarkophag seines Sohnes und seines Vaters schwor er sich, dass er das ändern würde. Als die Gruppe kehrt machte, nahm er den schluchzenden Ardeth bei der Hand. Leyrah sah Leslie vielsagend an, beide gingen hinter Ardjun und Ardeth. Arianda bildete das Schlusslicht, das war auch besser so, denn er weinte nach wie vor hemmungslos. Zwei ihm sehr lieb gewordene Menschen hatte er hier schon begraben müssen: seinen Herrn und Freund Ardeth und seinen Schwiegersohn Lyleth. Er dachte an die ferne Zeit zurück, als er mit Ardeth und dessen Freund Sandokan vor dem Re-Zelt saß und sie den spielenden Kinder zuschauten. Wo war die Zeit geblieben?
Die Tür zum Zugang wurde von Ardjun versiegelt. Nun war es an Ardeth, den Namen seines Vaters unter den seines Urgroßvaters zu schreiben. Leyrah reichte ihm eine Art Pinselstift, mit dem Hieroglyphen geschrieben wurden. Er tunkte ihn in der schwarzen Tinte ein und schrieb Lyleth Bay an die Wand. Sie verließen die Bay-Gruft. Draußen hielten alle eine Art Leichenschmaus, der inzwischen vorbereitet worden war. Noch am gleichen Tag kehrten alle in ihre Heimatorte zurück.

Leslie hatte beschlossen, mit seiner Familie bis zum 10. Geburtstages seines Sohnes im 12. Stamm zu bleiben. Zum einen wollte er seinem Vater, Leyrah und Ardeth Trost spenden, zum anderen erhoffte er sich, dass seine Frau Nefrar ein wenig von ihren fundamentalistischen Überzeugungen abrücken würde. Zumindest blühte ihre älteste Tochter so richtig auf. Ardjun bemerkte Leslie und Nefrar gegenüber, dass sie sich prächtig für eine Kriegerinnenausbildung eignen würde, doch Nefrar lehnte entsetzt ab, woraufhin sie Ardjun verständnislos anschaute. Als Leslie davon später Tanith berichtete, war sie sehr aufgeregt. Sie wusste, dass ihr Großvater hier mehr zu sagen hatte als ihre Mutter, und ihre Verwandte Farani Setlata hatte ihr von dieser Ausbildung vorgeschwärmt und war viel mit ihr und Ardeth in der letzten Woche zusammen gesessen. Da Taniths 10. Geburtstag erst wenige Monate her war, kam man überein, sie jetzt in die Ausbildung zu geben. Tanith war selig, allerdings war sie den anderen Mädchen gegenüber im Nachteil. Sie hatte ihre Kindheit nicht in der Wüste verbracht und konnte noch nicht einmal auf einem Esel reiten. Doch die anderen Mädchen, die in ihrer Altersgruppe waren, halfen ihr sehr und bald hatte Tanith viele Freundinnen und berichtete ihrem Vater an ihren freien Tagen mit Begeisterung von ihrer Ausbildung.

Ardeth trat nicht gleich seine Ausbildung wieder an. Er widmete sich seiner Familie und weilte oft in Ardjuns Zelt, der ihm Geschichten aus seiner Kindheit erzählte, über seine Eltern berichtete, über die turbulente Zeit, in der der Gazur-Clan aufbegehrte, und er sprach viel von Lyleth. Der Tod seines Sohnes hatte ihn verändert. Er war weicher geworden und freute sich jedes Mal, wenn Ardeth ihn besuchte. Das Verhältnis zwischen Großvater und Enkel wurde herzlich, doch seine Pflichten überließ Ardjun mehr und mehr seinen Kommandanten, Stellvertretern und vor allem Ardeths Mutter. Nach den vielen anstrengenden öffentlichen Trauerfeiern ergab sich auch Leyrah ihrem Schmerz und verbrachte viel Tage im Dunkel ihres Horus-Zeltes. Nun wurde ihr richtig bewusst, dass der Platz an ihrer Seite für immer leer bleiben würde. Doch sie war eine starke Frau, und als ihr Ardeth nach zehn Tagen erklärte, er würde seine Ausbildung fortsetzen müssen, nahm auch sie ihre Pflichten wieder auf. Sie bemerkte bald, dass die Menschen sich gegenüber Ardeth anders benahmen. Sie gingen auf ehrfürchtige Distanz, denn sie hatten sich ausgerechnet, dass es keine zehn Jahre dauern würde, bis aus dem jungen Ardeth ihr Anführer Lord Bay werden würde. Leyrah missfiel diese Ehrfürchtigkeit. Als Ardeth wieder im Anubis-Quartier weilte, ließ sie Ardeths Meister zu sich rufen und ermahnte sie, auf Ardeths Ausbildung streng zu achten und ihm keinerlei Sonderrechte zu gewähren. Sie sollten ihn wie alle anderen behandeln oder besser noch strenger als andere, was sie Leyrah zusagten und auch gar nicht anders im Sinne hatten.
Leyrah ließ Ardeth die wichtigsten Werke ihrer und fremder Kulturen auswendig lernen und gewährte ihm kein Pardon, wenn er seine Aufgaben nicht oder fehlerhaft erledigt hatte. Als er einmal die Lehren des Ptahhotep nicht einwandfrei aufsagen konnte, durfte er ihr Zelt so lange nicht verlassen, bis er alles lückenlos aufsagen konnte, und dabei hatte er sich an dem Tag mit seinem Onkel Leslie verabredet. Er verzog schmollend seinen Mund, denn auch in ihm steckte zuweilen das jugendliche Bedürfnis nach Freiheit. Doch seiner strengen Mutter war sein Gesichtsausdruck nicht entgangen. Dabei hatte sie ihm doch immer und immer wieder gelehrt, dass er ohne Widerworte gehorchen und auch erdulden müsse. Ein guter Anführer konnte nur jemand werden, der zunächst gehorchen gelernt hat. Sie war etwas verärgert, und es schien ihr die Gelegenheit gekommen, ihren Sohn zu testen.
„Dir scheint also diese Bestrafung für dein Vergehen nicht angebracht zu sein?“, fragte sie ruhig und ohne drohenden Ton in ihrer Stimme.
Er wusste, wenn er jetzt sagen würde, dass er eigentlich den Tag anders verplant hatte oder auch nur irgend eine Unmutsbezeugung von sich geben würde, dann würde sie ihn wie ein Kind bestrafen und ihm mit ihrer Reitgerte den Hintern tüchtig versohlen. Also senkte Ardeth nur resignierend den Kopf und erwiderte leise:
„Nein, Mutter, und es ist ja auch keine Strafe, denn ich hole ja nur das nach, was ich bislang versäumt habe.“
Leyrah lächelte zufrieden. Doch mit fester Stimme erwiderte sie:
„Dann sieh zu, dass du den Text ganz beherrscht, bis ich heute Abend wiederkomme.“
Sie verließ das Zelt und traf auf Leslie, der schon auf Ardeth gewartet hatte. Leyrah informierte ihn darüber, dass Ardeth heute nicht kommen könne, und Leslie sah mitleidig zum Horus-Zelt hinüber. Er fand, dass Leyrah ziemlich häufig sehr streng mit ihrem Sohn umsprang. Während Ismail bei Familienzusammenkünften häufig darauf losplapperte und Nefrar ihm stolz beipflichtete, durfte Ardeth noch nicht einmal den Mund auftun. Wenn er es wagte, mit seinen 13 Jahren ungefragt zu sprechen, dann konnte er sicher sein, dass seine Mutter dieses Benehmen bestrafen würde. Tanith verhielt sich genauso, aber von ihr war Leslie das ja sowieso gewohnt.
Nun war Leyrah als Lady Bay die oberste Instanz, was das Einhalten der Sitten anbelangte. Strittige Fälle, die nicht von den Rechtsvorstehern der Ortsviertel gelöst werden konnten, landeten bei ihr. Sie achtete darauf, dass die alten und sehr strengen Medjai-Gesetze, die darauf zielten, die Maat aufrecht zu halten, eingehalten wurden. Männer und Frauen, die Ehebruch begangen hatten, hatten das Recht auf einen Ehepartner und Kinder verwirkt. Für schuldig befundene Frauen wurden am Rande des Ortes in einem großen Zelt untergebracht, wo jeder Mann ihre körperlichen Dienste ungestraft einfordern durfte. Sie waren der Gnade der Ortsbewohner ausgeliefert, da sie von deren Almosen lebten. Als der damals neunjährige Ardeth von seiner Mutter erstmals davon gehört hatte, hatte er einen Korb voll Lebensmittel gepackt und sie zu dem besagten Zelt gebracht. Die ausgestoßenen vier Frauen, die dort vor sich hinvegetierten, hatten sich hungrig darüber hergemacht, sodass Ardeth beschlossenen hatte, sie regelmäßig zu versorgen. Doch als Leyrah davon vernahm, untersagte sie es ihm, sich dort je wieder blicken zu lassen. Ardeth lag aber das Los der Unglücklichen so am Herzen, dass er anderweitige Hilfe organisierte.
Männer, die Ehebruch begangen hatten, wurden entmannt. Sie mussten ihre Familien verlassen. Hatten sie die körperliche Vereinigung einer Frau erzwungen, dann wurden sie getötet. Zum Glück kamen Fälle wie Vergewaltigung und Ehebruch selten vor, da es vor der ehelichen Vereinigung geduldet wurde, dass junge Leute ihre Erfahrungen machten, sowohl die Jungen als auch die Mädchen. Sollte sich eine Schwangerschaft ergeben, dann mussten die beiden daran Beteiligten zwangsläufig heiraten. Manchmal erzwangen sich junge Leute so den Segen ihrer Elternhäuser, die noch am Aushandeln waren. Genealogische Gesichtspunkte spielten in der Medjai-Gesellschaft nämlich eine sehr große Rolle. Adlige Familien schärften ihren Kindern daher ein, möglichst keine sexuellen Vereinigungen vor der Ehe einzugehen, doch die einzigen Jugendlichen, denen es von ihrem Elternhaus her strikt untersagt war, vorehelichen Erfahrungen zu sammeln, waren die Bay-Jungen. Ihre Genealogie musste rein bleiben, und keine Frau durften behaupten, sie trüge das Kind eines Bays in sich, wenn sie nicht mit einem Bay verheiratet war. Also hatte Leyrah ihrem Sohn eingeimpft, er dürfe niemals vor der Ehe mit einem Mädchen schlafen. Natürlich hatte sie ihn früh aufgeklärt, da es bei den Medjai recht früh vorkam, dass Jungen und Mädchen sich erkundeten und Zärtlichkeiten austauschten. Ardeth hatte keine Probleme mit dem verhängten Verbot, er betrachtete die Mädchen im Anubis-Viertel als Kameradinnen. Besonders mit Farani, der Cousine seiner Mutter, und Karishi, der Tochter von Lady Nerys, die quasi gemeinsam mit ihm ausgewachsen war, war er befreundet, ließ sich manchmal auf ein Necken der beiden ein. Es hatte auch nicht lange gedauert, bis Tanith ihre ersten Erfahrungen gemacht hatte, aber da sie noch nicht ihre Tage bekommen hatte, konnte nichts passieren. Ihre Freundinnen würden ihr schon erklären, wie sie eine Schwangerschaft verhindern konnte. Tanith hütete sich, ihrer Mutter von ihren neuen Erfahrungen zu berichten, doch weihte sie ihren Vater ein, der wiederum Ardeth darüber aushorchte, ob es hier in Ordnung sei. Er befürchtete schon, in der strengen Medjai-Gesellschaft würde ein Mädchen unberührt in eine Ehe gehen müssen, doch dann kam ihm selbst in den Sinn, dass die alten Gesetze noch aus Pharaonen-Zeiten stammten und nicht islamisch determiniert waren. Selbst Leslie lernte beinahe jeden Tag dazu und ihm tat der Aufenthalt gut. Der Tag seiner Abreise aber näherte sich, denn er hatte Nefrar versprochen, nur so lange zu bleiben, bis Ismail seine Ausbildung begann. Nefrar fühlte sich in ihrer alten Heimat nicht mehr wohl. Sie hatte in Kairo im Kreise ihrer Freundinnen ein anderes ideologisches Zuhause gefunden und belächelte diese Wüstenmenschen insgeheim. Ihre Eltern und ihre alten Freundinnen bekamen keinen Zugang mehr zu ihr. Sobald sie ihnen vorjammerte, wie wenig sie es begrüßte, dass Tanith eine Kriegerin werden würde, desto weniger Verständnis hatten ihre Zuhörer, da sich alle über das standesgemäße Verhalten von Tanith freuten. Sie hatten nicht mehr damit gerechnet und waren umso begeisterter, dass nun außer Ardeth und Ismail auch noch ein weiteres Kind der Familie Bay unter ihnen weilen würde. Das öffentliche Interesse an dieser Familie war nach wie vor ungebrochen. Besonders über Ismail wurde viel gesprochen. Der Junge gab sich geradeso hochnäsig wie seine Mutter, darüber hinaus wirkte er sehr verweichlicht. Und dieses Muttersöhnchen sollte eine Kriegsausbildung beginnen? Sie hatten alle ihre Zweifel daran, dass Ismail seiner Familie Ehre bereiten würde. Auch Leyrah nahm es mit Sorge zur Kenntnis, nachdem sie nach ihrer Trauer wieder in ihr normales Leben zurückgekehrt war. Nefrar und Ismail schienen unzerstrennlich, und Leyrah hoffte, dass Ismail sich einfügen würde, sobald Nefrar nach Kairo zurückkehren würde und er niemanden zum Ausheulen mehr hatte. Leyrah hatte sich schon oft über Ismails vorlaute Reden geärgert und auch Ardjun hatte dem Jungen zu verstehen gegeben, dass er nur ungefragt reden dürfe. Doch die einzige Autorität, die Ismail anerkannte, war seine Mutter. Seinen Vater hatte er in Kairo stets ausgespielt. Hatte er von ihm nicht seinen Willen bekommen, war er zu seiner Mutter gerannt, die ihm jeden Wunsch erfüllte und ihn ohne Gewissensbisse den beiden Töchtern vorzug. Er war ja schließlich der Sohn und sie hatte auch die beiden Mädchen angewiesen, dem Bruder zu gehorchen. Verlangte ihm nach einem Gegenstand, mussten die Mädchen ihn holen, und taten sie es nicht, wurden sie von ihrer Mutter geschlagen. Tanith aber hatte mittlerweile ein ziemliches Selbstbewusstsein entwickelt. Sie war schließlich auf dem Weg, eine Kriegerin zu werden; außerdem wurde sie als „kleine Lady Bay“ respektiert, was ihr, die nie von ihrer Mutter viel Aufmerksamkeit erhalten hatte, sehr schmeichelte. Ardeth und Farani hatten sie schon manches Mal ermahnen müssen, nicht zu eingebildet zu werden. Tanith fand ihren Weg, doch Ismail hörte nicht auf die nett gemeinten Ratschläge oder auch Ermahnungen seiner Verwandten. Er rannte jedes Mal zu seiner Mutter, die ihm dann sagte, er hätte recht gehandelt und die anderen nicht. Leyrah hatte bislang nicht die Zeit gefunden, mit Nefrar über ihren Sohn zu sprechen. Sie nahm inzwischen vollständig den Platz einer Lady Bay ein, und bei offiziellen Anlässen saß sie gleichberechtigt neben Ardjun auf einer Thron, trug mittlerweile den goldenen Reif auf der Stirn über ihren Hieroglyphen-Tätowierungen und kümmerte sich um Dinge, die vorher ihrem Mann obliegt hatten, sei es die Auswahl der Meister, den Ankauf von Tieren, die Versorgung mit Getreide, die finanziellen Fragen des Stammes und vieles mehr. Sie beriet Ardjun und legte ihm oft die erledigten Dinge zum letzten Segen vor. Sie ging auch viel auf Reisen, um die Anführer der anderen Stämme zu treffen und manchmal gönnte sie sich im Isis-Tempel eine Ruhephase. Man konnte davon sprechen, dass Ardjun die Medjai repräsentierte, während Leyrah regierte. Sie war die einzige Person, die nicht vor Ardjun auf die Knie fallen musste und geradezu perfekt in ihre Rolle hineingewachsen, so wie es der greise Ardeth damals geahnt hatte, als sein Enkel Lyleth sie sich zur Frau nahm. Alle hatten großen Respekt vor dieser Frau, ihrer Königin, und sie gingen vor ihr ebenso ehrfürchtig auf die Knie wie vor Ardjun. Seit dem Tod seines Vaters respektierte auch Ardeth seine Mutter auf diese Weise. Sie war hinsichtlich seiner Erziehung noch strenger geworden, da sie wusste, dass ihr Sohn früher als üblich für seine Lebensaufgabe bereit sein musste. Doch gerade nach dem Tod seines Vaters hätte sich Ardeth eine Mutter, die für ihn da ist, gewünscht. Leslie und Arianda hatten dagegen immer ein offenes Ohr für Ardeth und auch, wenn er sich nie darüber beschwerte, baten sie ihn um Verständnis für seine völlig überlastete Mutter.

Es war ein halbes Jahr vergangen seit Lyleths Tod und die Familie Bay saß vor dem Zelt Ardjuns zusammen, wie sie es von Zeit zu Zeit tat, um sich zu besprechen. Im trauten Familienkreis reichte Leyrah den Tee weiter. An diesem Abend wollte man Ismails zehnten Geburtstag besprechen. Da die anderen Stammesanführer gerade erst vor einem halben Jahr sämtlich hier gewesen waren, wollte man sie nicht schon wieder herbemühen, sondern nur die benachbarten vom 10. und 11. Stamm einladen. Ardeth, wie immer zu Stillschweigen verpflichtet, nahm sich vor, seinem Cousin später zu sagen, dass er eine Ziege schlachten müsse. Ismail war sehr aufgeregt und genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. Er unterbrach Leyrah, gerade als diese dabei war, die möglichen Gäste aufzuzählen.
„Mama, darf ich auch Ahmed einladen? Bitte, Ahmed ist doch mein bester Freund!“
Leslie wollte gerade einwerfen, dass Ahmed nicht rechtzeitig aus Kairo hier sein würde, doch Leyrah, die sich schon einmal an diesem Abend über den Jungen geärgert und ermahnt hatte, kam Leslie zuvor. Sie sagte zu Nepheri Gharan, ihrer Leibwächterin, die hinter ihr saß:
„Lady Gharan, begleiten Sie Ismail in sein Zelt und verabreichen Sie ihm 20 Schläge mit der Gerte, damit er endlich lernt, wie man sich zu benehmen hat!“
Lady Gharan erhob sich sofort und ging die wenigen Schritte zu Ismail, der seine Tante mit offenem Mund anstarrte. Doch Leyrah hatte längst wieder ihre Liste zur Hand genommen und nahm keine weitere Notiz von dem Jungen. Niemand in der Runde wagte an ihrer Autorität zu rütteln, und Ardjun lächelte im Einverständnis mit Leyrah. Lady Gharan stieß Ismail an, damit er sich erheben würde, was er dann auch mehr als verwirrt tat. Sie packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich fort. Lady Nepheri Gharan war die jüngste Tochter von Lord Chufu Gharan und Leyrahs Tante Sanya-Tiana Setlata, die in den 9. Stamm geheiratet hatte. Sie hatte selbst eine strenge Kriegerinnen-Ausbildung genossen, weshalb Leyrah sie als Leibwächterin ausgesucht und in den 12. Stamm geholt hatte. Nepheri gewährte kein Pardon.
Nefrar war kreidebleich geworden. Ihr geliebter Sohn sollte geprügelt werden? Das konnte sie nicht zulassen! Sie sah Leslie vorwurfsvoll an, doch der regte sich nicht. Und mit welcher Unbeteiligkeit Leyrah fortfuhr! Auf einmal hörte man ein Klatschen aus dem nahe stehenden Zelt, dem fast simultan ein Aufschrei folgte. Nefrar fasste sich ans Herz. Es folgten weitere Aufschreie und jedes Mal schloss Nefrar leidend die Augen. Sie hielt es nicht mehr aus und erhob sich ruckartig, schrie Leyrah an:
„Das lasse ich nicht länger zu! Du wirst meinen Sohn nicht llänger schlagen lassen!“
Sie wollte davon rauschen, um ihrem Sohn zu Hilfe zu eilen.
„Setz dich auf der Stelle wieder hin, Nefrar!“, rief ihr Leyrah in eisigem Ton zu, sodass diese sich irritiert umdrehte und Leyrah anstarrte.
Leyrah funkelte ihre Schwägerin an. Sie sollte ihr eine Stütze sein, ihr helfen, und zwar nicht nur in der Erziehung ihrer Kinder. Auch Nefrar hatte die Pflicht, sich als Lady Bay in die Medjai-Gesellschaft einzugeben. Stattdessen verhätschelte sie ihren Sohn, verkroch sich in ihrem Zelt und versuchte andere Frauen von ihren fundamentalistischen Ideen zu überzeugen. Sie hatte sich über die allzu lockeren Sitten, die hier ihrer Meinung nach herrschten, gegenüber anderen ausgelassen, und ihr Unverständnis geäußert, was die Ausbildung ihrer ältesten Tochter anbelangte. Leyrah war wirklich wütend auf ihre Schwägerin.
„Hast du nicht gehört, was ich dir befohlen habe?“, fügte Leyrah hinzu, als Nefrar immer noch unschlüssig dastand. Die Schreie von Ismail wurden lauter und weinender. Nefrar blickte immer noch zögernd zum Zelt. Leslie sah eine Katastrophe auf seine Frau zukommen, wenn sie jetzt nicht das tat, was Leyrah ihr gerade unmissverständlich als Befehl erteilt hatte. Er wusste, dass sie es nicht dulden konnte, wenn man ihr innerhalb der Familie nicht gehorchte. Sie galt neben Ardjun nicht nur als oberste Autorität aller zwölf Stämme, sondern auch von ihrer Familie.
„Nefrar!“, rief er ihr mahnend zu.
Sie blickte ihn an und es lag Ärger und Verachtung in ihrem Blick. Warum half er seinem Sohn nicht? Warum stand er Leyrah bei? Schließlich setzte sie sich neben ihn, aber sagte den ganzen Abend über kein Wort mehr. Nach einer Weile kam Nepheri zurück und setzte sich still hinter ihre Herrin. Vom Zelt her drang ein lautes wütendes Heulen und Ardeth und Tanith sahen sich vielsagend an. Die Erwachsenen ignorierten Ismails Gejammer und besprachen weiterhin seinen Geburtstag, tranken Tee und befragten dann Ardeth und Tanith, wie ihre Ausbildung verlaufen würde. Tanith hielt ihre kleine Schwester im Arm und berichtete frohgemut, wie sehr ihr alles gefiel, und Leyrah nickte wohlwollend. Ismail musste drei Stunden ausharren, bis die Erwachsenen diesen geselligen Abend für beendet erklärten. Ardjun verabschiedete seine Gäste und begab sich augenblicklich in sein Re-Zelt, er war sehr müde. Nefrar eilte in ihr Zelt zu ihrem Sohn, der bäuchlings und nackt auf seinem Bett lag und bitterlich weinte. Leslie kam hinterher und riss Nefrar hoch, die sich sofort bedauernd zu ihrem Sohn gekniet hatte.
„Was soll das?“, fauchte sie ihn an.
„Ismail hat diese Strafe verdient! Jetzt muss er sie ausbaden. Du wirst ihn nicht bemitleiden.“
Ismail hörte verdattert auf zu heulen und wendete seinen Kopf seinem Vater zu. Was war denn in ihn gefahren? Auch Nefrar war Widerstand von Seiten Leslies nicht gewohnt.
„Ja, soll ich ihn hier verbluten lassen? Du siehst doch, wie ihn diese Hexe zugerichtet hat!“
„Lady Gharan ist eine ehrenwerte Kriegerin“, erwiderte Leslie mit unterdrückter Wut, „wage nicht, so über sie zu sprechen, sonst bitte ich sie, dich genauso und an der gleichen Stelle zu bestrafen wie unseren frechen Sohn!“
Nefrar sah ihn jetzt entsetzt an. So kannte sie ihren Leslie gar nicht! Der wollte seinerseits erst gar keinen weiteren Disput mit seiner Frau ausstehen.
„Es reicht, Nefrar! Du hast uns heute sehr blamiert. Du wirst dich morgen Früh sofort bei Leyrah für dein Verhalten entschuldigen. Wie alle anderen Mitglieder deiner Familie wirst du vor ihr auf die Knie gehen, sobald du sie siehst und ihre Meinung respektieren. Und damit du noch ein bisschen Gelegenheit bekommst, das zu üben, wirst du vorerst hier bleiben und nicht nach Kairo zurückkehren.“
„Leslie!“, gab sie eher leise und eingeschüchtert von sich. Seltsamerweise kam kein Widerspruch. Das bestärkte Leslie fortzufahren. Vielleicht war es mal ganz gut, mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Vielleicht hatte er das viel zu selten gemacht. Sie hatte ja eigentlich immer signalisiert, dass sie einen starken Mann haben und selbst eine schwache Frau sein wollte. Eigentlich war er der falsche Lebenspartner für sie, befand Leslie, doch dieses Mal musste er seiner Linie untreu werden.
„Ich werde Lady Gharan bitten, dein Verhalten zu überprüfen, während ich in Kairo weile. Sollten mir Klagen zu Ohren kommen, dass du dich ungebührlich Leyrah gegenüber verhältst, dann mach dich auf was gefasst! Ich werde außerdem Lady Nerys bitten, unsere Amira zu erziehen. Du wirst ihre Erziehung nicht kritisieren, sondern den Aufgaben nachgehen, die Leyrah dir bestimmt. Ich denke, sie kann nach Lyleths Tod jede Hilfe aus ihrer Familie dringend gebrauchen! Hast du mich verstanden?“
Nefrar starrte Leslie an. Dieser fasste sie bei den Schultern:
„Hast du mich verstanden? Antworte!“
„Ja, ich... ich mache, was du von mir willst!“
Ismail glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Was war denn jetzt los? Seit wann bestimmte sein Vater? Das konnte ja heiter werden! Leslie warf ihm einen grimmigen Blick zu.
„Und du bist für den Reste des Abends still, denn ich will diese Nacht ungestört mit deiner Mutter genießen.“
Ismail bekam ganz große Augen. Nefrar protestierte leicht:
„Aber Leslie, nicht in einem Zelt mit dem Jungen!“
„Ismail, schlaf draußen!“, befahl Leslie kurzum.
Nefrar starrte ihn wieder entsetzt an: „Aber Leslie...“, und Ismail protestierte simultan: „Ich kann doch nicht aufstehen!“
„Ismail, mach, dass du hier raus kommst!“, erhob Leslie seine Stimme sehr drohend, und zu seiner Frau sagte er in netterem Ton: „Ich bin gleich bei dir!“
Beide waren viel zu überrascht, als dass sie weiterhin dem etwas entgegensetzten und führten sofort aus, was Leslie ihnen aufgetragen hatte. Der holte ein Fässchen mit Salz, ging vors Zelt, wo sich Ismail auf eine Matte gekauert hatte, drehte ihn auf den Bauch und rieb das Salz in die Striemen auf seinem Hinterteil. Ismail ächzte, aber wagte nicht, laut zu weinen. Dann zog Leslie ihm eine Decke über den Körper, legte ihm eine Hand auf den Kopf und raunte sehr liebevoll: „Schlaf jetzt, mein Sohn!“
Leslie huschte ins Zelt und versuchte in dieser Nacht, den Herrn und Gebieter herauszukehren, was Nefrar ungeheuer viel Spaß bereitete, Leslie hatte daran allerdings weniger Gefallen. Am nächsten Tag jedoch erntete er seine Früchte. Sie schnurrte ihn wie ein Kätzchen an und erfüllte ihm jeden Wunsch, ja, schimpfte sogar mit Ismail über sein ungebührliches Verhalten. Leslie verstand die Welt nicht mehr...

Leslie kehrte also allein nach Kairo zurück. Leyrah war erst skeptisch gewesen, inwieweit sie ihre Schwägerin mit einbeziehen konnte, denn Leslie hatte seiner Schwägerin geraten, sie gut zu beschäftigen. Sie übertrug Nefrar soziale Aufgaben und gab ihr eine Beraterin zur Seite. Als Nefrar bemerkte, dass man ihr als Lady Bay hohen Respekt entgegen brachte, erwiederte sie die Zuneigung der Leute und gab sich redliche Mühe. Sie meinte auch, ihren unfreiwilligen Aufenthalt in ihrer Heimat nutzen zu können, indem sie den Menschen intensiver den wahren Glauben vermittelte als diese es bislang gewohnt waren, und tatsächlich gab es einige Frauen, die ihre Worte beherzigten. Leyrah beobachtete diesen Einfluss ihrer Schwägerin mit einer gewissen Unruhe. Bei offiziellen Anlässen saß Nefrar an Ardjuns anderer Seite etwas versetzt zu dem Duo, das gab ihr viel Prestige. Je länger sie bei den Medjai lebte, desto mehr kam es ihr in den Sinn, dass das Schicksal sie genau an diesem Ort in ihrer hohen Position haben wollte. Es musste gottgewollt sein. Sie sah sich als eine von Allah berufene Verkünderin des Glaubens, die die Aufgabe hatte, die Religion in diesem Volk zu festigen. Allzu lax erschien ihr der Umgang mit den religiösen Pflichten des Islams. Gewiss, einige der Frauen hatte sie bereits auf ihrer Seite. Sie konnten ihren Kindern ihre Überzeugung vermitteln. Aber Nefrar sah sich in der Nähe der Personen, die wirklich etwas zu sagen hatten und bewegen konnten, und sie wollte das nutzen. Wenn sie nicht nur ihren Sohn Ismail, sondern auch Ardeth davon überzeugen könnte, dann würde das religiöse Leben hier einst ganz anders werden. Und sie selbst wäre diejenige gewesen, die Allahs Gebote auf den rechten Weg gebracht hätte. Nefrar gefiel sich in der Rolle der Missionarin sehr. Sie ließ Ardeth an einem seiner freien Tage zu sich rufen. Ardeth war darüber sehr verwundert, doch eilte sofort zu seiner Tante. Sie gab sich sehr liebenswürdig, erkundigte sich nach Ismail, wünschte sich von Ardeth, dass er ein wachsames Auge auf seinen Cousin haben sollte und fragte ihn so nebenbei, ob er denn auch immer schön beten würde. Ardeth war ein sehr höfliches Kind und er log niemanden gern an. Also verneinte er wahrheitsgemäß, worüber sich seine Tante zutiefst betrübt zeigte. Sie machte ihm keinen direkten Vorwurf, sondern wünschte sich einfach, dass er zukünftig regelmäßig beten würde. Dazu schenkte sie ihm einen selbstgewobenen Gebetsteppich. Auch trug sie ihm auf, den Koran auswendig zu lernen. Er sollte mit den ersten beiden Suren anfangen und ihr beide an seinem nächsten freien Tag aufsagen. Ardeth war darum bemüht, es allen recht zu machen, also versprach er ihr das Gewünschte.
Sehr zum Erstaunen seiner drei Zeltkameraden betete Ardeth nun regelmäßig. Sahin sprach ihn darauf an und Ardeth erklärte ihm wahrheitsgemäß, dass seine Tante ihm das so aufgetragen hätte, und da er versprochen hätte, ihren Willen zu erfüllen, würde er von nun an eben beten. Ardeth stattete auch seinem Cousin einen Besuch ab und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam zu beten. Ismail, der mittlerweile einigermaßen froh war, der in religiöser Hinsicht strengen Aufsicht seiner Mutter entronnen zu sein, murrte, aber kam Ardeths Wunsch nach, als er hörte, seine Mutter wünsche sich das so. Ardeth bemühte sich auch, die richtige Gebetszeit einzuhalten, was nicht immer sehr einfach war, da im Anubis-Quartier darauf keine Rücksicht genommen wurde.
Drei Tage später fand ein langes Geschicklichkeitsreiten-Training statt, das sich über Stunden hinzog, da ein langer Parcour aufgebaut war und jeder Schüler ihn durchreiten musste, und zwar so lange, bis jeder halbwegs fehlerfrei durchkam. Die Schüler, die noch nicht dran gewesen waren, warteten am Rand auf ihren Einsatz, so auch Ardeth. Es war die Zeit des Mittagsgebets und er zählte vor sich noch dreizehn Mitschüler. So glaubte er, Zeit genug für das Gebet zu haben, bis er an der Reihe war. Er entfernte sich unerlaubterweise, aber niemand hielt ihn auf, weil man glaubte, er müsse kurz austreten. Da es sehr heiß war, beeilte sich der Lehrer mit den Schülern und ließ einiges durchgehen, was er an anderen Tagen korrigieren wollte. Als er Ardeth aufrief, war dieser folglich nicht zur Stelle. Der Lehrer nahm einen anderen Schüler dran, aber unterbrach das Training, als er Ardeth auf die Gruppe zukommen sah. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, als der Lehrer ihn beim Namen rief und Ardeth schuldbewusst vor ihn hintrat.
„Wo warst du so lange?“, fuhr er ihn streng an.
„Ich war...beten...“, antwortete Ardeth sehr zögerlich.
„So! Beten!“ Der Lehrer schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
Ardeth glaubte sich rechtfertigen zu müssen.
„Es war Gebetszeit und...“ Sein Lehrer unterbrach ihn barsch:
„Wenn später einmal dein Trupp von Wüstenräubern zur Mittagszeit überfallen wird, was machst du dann? Kniest du dich erst hin und betest?“, herrschte er ihn an.
„Nein, Meister...“, gab Ardeth kleinlaut zu.
„Da bin ich aber beruhigt!“, kommentierte der Lehrer ironisch. „Ardeth, wann hat man dir gesagt, dass du immer pünktlich hier sein sollst?“
„Äh... am Anfang... glaube ich....“ Ardeth wurde langsam sehr unwohl. Er hatte gehofft, dass man es nicht ahnden würde, wenn er sich kurz zum Beten davonschleichen würde.
„Wie schön, dass du dich erinnerst! Erinnerst du dich auch, was mit jungen Schülern passiert, die das nicht befolgen?“
Ardeth sah ihn irritiert und dann entsetzt an.
„Gut, ich sehe, du erinnerst dich. Also bück dich und Hose runter, damit ich dich so bestrafen kann, wie man eben ungehorsame Kinder bestraft!“
Ardeth sah ihn entsetzt an, doch der Lehrer meinte es ernst. Alle anderen Schüler hielten die Luft an. Der Meister wies Ardeth noch einmal mit einer Geste knapp und streng an, sich zu fügen, und da Ardeth den drohenden Blick seines Lehrers sah, kam er der Aufforderung unverzüglich nach. Sein Lehrer schlug ihn zwei Dutzend Mal mit einer Gerte auf sein blankes Hinterteil, und die Schande schmerzte mehr als das Schlagen. Als der Lehrer fertig war, forderte er ihn ebenso streng wie zuvor auf:
„Sieh zu, dass du künftig pünktlich bist! Und nun aufs Pferd!“
Ardeth vermied es, seinen Kameraden ins Gesicht zu schauen, als er zu seinem Pferd ging, um den Parcour zu reiten. Sein Hintern schmerzte beim Aufsitzen, doch er durfte es sich nicht anmerken lassen. Er hatte sich für heute genug blamiert. Dennoch fühlte er sich ungerecht behandelt. Er erinnerte sich an einen ähnlichen Vorfall vor einigen Monaten, bei dem ein Kamerad mit einer Ermahnung davongekommen war.
Zu allem Überfluss ließ ihn seine Mutter am nächsten Tag zu sich rufen. Sie weilte wegen einer Waffeninspektion im Anubis-Lager. Als Ardeth das Arsenal betrat, prüfte sie gerade ein Schnellfeuergewehr. Er ging auf die Knie. Während sie die Waffe zurück in die Kiste legte, forderte sie Ardeth auf sich zu erheben und entließ den Waffenmeister, der sich sofort entfernte.
„Ardeth“, sprach sie sogleich ernst, „Meister Durhan hat mir von dem gestrigen Vorfall berichtet. Ich bin nicht sehr erfreut, vor allem nicht darüber, dass du hinterher deine Unzufriedenheit darüber geäußert haben sollst.“
Ardeth fühlte sich ertappt und war gleichzeitig verärgert, dass seine Mutter anscheinend seine Freunde ausgefragt hatte.
„Du hast dich auch hinterher nicht bei Meister Durhan für die Bestrafung bedankt. Du weißt, dass keiner von den Meistern gern solche Strafen durchführt.“
Ardeth war in seiner gesamten Zeit im Anubis-Lager noch nie mit Schlägen bestraft worden. Überhaupt waren derartige Strafen eher selten, da sich die Lehrlinge sehr bemühten und die Meister selten unzufrieden waren. Im Anubis-Lager herrschte ein gutes Klima, geprägt von Kameradschaft und dem ehrlichen Bemühen, das Beste aus sich herauszuholen. Seine Mutter hatte aber recht: Wenn eine Erziehungsmaßnahme durchgeführt werden musste, hatten sich die Schüler dafür hinterher zu bedanken.
„Du hast scheinbar nicht eingesehen, dass du diese Strafe verdient hattest.“
Ardeth senkte den Blick und antworte: „Ja, ich fand die Strafe nicht gerecht.“
Leyrah sah ihn ernst an: „Und warum?“
„Weil ich härter bestraft werde als die anderen.“
Leyrah atmete hörbar verärgert durch, dann sprach sie: „Ardeth, es geht hier nicht um die anderen, sondern nur um dich. Du hast dich unerlaubt entfernt und bist zu spät gekommen. Du hattest gehofft, deinen Meister gnädig zu stimmen, indem du ihm deine Frömmigkeit ins Feld führtest. Du hättest gestern mehr als eine Kinderstrafe verdient.“
Ardeth sah sie trotzig an. Gerade, dass er eine Kinderbestrafung vor all seinen Kameraden ertragen musste, hatte ihn gedemütigt.
„Ardeth, du wirst bald 14 und kommst in die 3. Ausbildungsphase. Du bist auf dem Weg erwachsen zu werden, und vielleicht musst du eher Verantwortung übernehmen, als uns allen lieb ist. Ich erwarte von dir ein vorbildhaftes Pflichterfüllen, vor allem aber Ehrlichkeit und Gehorsam gegenüber deinen Meistern.“
„Ja, Mama.“
Leyrah legte ihre Hand auf den Griff ihrer Peitsche, eines der Symbole pharaonischer Macht, die auch sie Kraft ihres Amtes trug, und sah ihn funkelnd an: „Wie bitte?“
„Ja, Lady Bay“, korrigierte sich Ardeth, der die Geste verstanden hatte.
„Ich erwarte weiterhin keinerlei Kritik an Personen, die über dir stehen und für deine Erziehung verantwortlich sind. Sie alle haben deinen Dank und deine Ehrfurcht verdient.“
„Ja, Lady Bay.“
„Ardeth, es gibt ein altes ägyptisches Wort, danach heißt es, dass der beste Lehrmeister der Stock ist. Ich habe deine Lehrmeister nach dem frühen Tod deines Vaters angewiesen, mit dem Stock an dir nicht zu sparen, denn du musst wahrscheinlich früh in deine verantwortungsvolle Position hereinwachsen. Daher vergleiche dich nicht mit anderen Auszubildenden. Du wirst sehr bald Lord Bay werden, aber bevor du kommandieren wirst, musst du das Gehorchen lernen.“
„Ja, Lady Bay.“
Leyrah beließ es nicht dabei, Ardeth mit ihren Worten den Kopf zu waschen. Er musste einen alten Text über das rechte Benehmen von Schülern und das angemessene Bestrafen von Fehlverhalten aufsagen, dreimal hintereinander, während sie mit strengem Blick zusah, bis er jeweils den sehr langen Text aufgesagt hatte. Diesen Text hatte er bereits als Sechsjähriger unter der gestrengen Aufsicht von Lady Nerys lernen müssen und früher so oft aufsagen müssen, dass er immer noch im Gedächtnis war. Nach dem dritten Mal meinte sie: „So wie damals, als du noch im Horus-Zelt gewohnt und den Text jeden Morgen deiner Amme und jeden Abend mir aufgesagt hast, wirst du fortan diesen Text jeden Abend vorm Schlafengehen laut aufsagen, vor deinen Kameraden im Zelt, damit du ihn immer beherzigen wirst. Du bist scheinbar noch nicht so erwachsen, dass wir darauf verzichten können.“
Ardeth hätte am liebsten protestiert, doch beschränkte er sich auf ein „Ja, Lady Bay.“ Er erinnerte sich, wie sein Vater sich seinerzeit eingesetzt hatte, damit Ardeth nicht mehr diesen langen Text jeden Abend aufsagen musste. Sein Vater hatte oft die Strenge der mütterlichen Erziehung wettgemacht. Ardeth vermisste ihn sehr, jetzt mehr denn je.
„Deine Kameraden werden so auch davon profitieren und lernen, dass man seine Vorgesetzten respektiert.“
„Ja, Lady Bay.“
„Gut. Du wirst nach unserem Gespräch zu deinem Meister gehen und ihn um Wiederholung der gestrigen Bestrafung bitten und dich nachher ordnungsgemäß und vor allen anderen bei ihm bedanken, und du wirst dich vor allem nie mehr hinterher bei irgendjemanden ausheulen. Selbst in deinen Augen ungerechtfertigte Strafen wirst du klaglos erdulden. Wenn du meinst, ein Fehlverhalten an den Tag gelegt zu haben, wirst du selbst um Bestrafung bitten. Lerne, deine Taten selbst einzuschätzen.“
Ardeth hatte sie bei den ersten Sätzen erst auffahrend angeschaut, dann aber brav den Blick gesenkt, er schluckte: „Ja, Lady Bay.“
„Danke stets Allah, dem Allmächtigen, dass du Lehrer hast, die sich um deine Erziehung bemühen! Achja, bleibt noch zu klären, was es auf einmal mit dem Beten auf sich hat. Seit wann betest du regelmäßig und bestehst auf die richtige Zeit?“
„Ich habe viel mit Tante Nefrar geredet. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, regelmäßig zu beten, da wir Allah, dem Allmächtigen, alles verdanken. Sie hat mir auch aufgetragen, den Koran auswendig zu lernen.“
Aha, Nefrar steckte dahinter. Leyrah überlegte eine Weile, bevor sie erwiderte:
„Lady Nefrar Bay hat einen guten Dienst an dir erwiesen. In der Tat habe ich schon eine gewisse religiöse Regelmäßigkeit an dir vermisst. Sie hat recht gehandelt, indem sie dir beigebracht hat, vor Allah immer demütig zu sein. Ich werde zu ihr gehen und mich bedanken. Morgen ist dein freier Tag. Du wirst zum Morgengebet ins Zelt deines Großvaters kommen, ich werde Tante Nefrar und ihre Kinder auch dahin einladen. Dein Großvater wird vorbeten und du wirst uns hinterher aus dem Koran zitieren.“
„Ja, Lady Bay.“
Damit war Ardeth entlassen, ging abermals auf die Knie und verließ das Waffenarsenal, um in aller Demut vor Meister Durhan zu treten.

Leyrah ging tatsächlich zu Nefrar und bedankte sich bei ihr. Nefrar war höchst erfreut, als ihre Schwägerin sogleich mit ihr betete und ihr eröffnete, dass sie gern dabei sein möchte, wenn Ardeth den Koran vortrug. Bislang hatte Nefrar sich nicht getraut, ihre Schwägerin auf das gemeinsame Beten anzusprechen. Nun war also auch das gelungen und Nefrar war sehr zufrieden mit ihrem Missionierungserfolg. An jedem freien Tag saßen sie beisammen, auch Arianda war oft anwesend, und beteten zu Allah, und es war sogar möglich, es zur richtigen Zeit zu machen. Wenn die Frauen allein mit Ardeth waren, saß er vor ihnen und betete vor; waren Arianda oder sogar Ardjun anwesend, tat es der jeweils älteste Mann. Nefrar stellte ihrem Sohn Ismail Ardeth als leuchtendes Beispiel vor Augen, denn Ismail legte nicht annähernd den gleichen Eifer an den Tag wie Ardeth.
Leyrah versuchte, so oft wie möglich an den freien Tagen mit ihrem Sohn zusammen zu sein. Sie wollte auch prüfen, ob ihr Sohn ebenso strenggläubig wie seine Tante wurde, doch zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass Ardeth mit dem Herzen dabei war und sich weniger aus Formen machte, die anderen Menschen so wichtig waren. Ardeth wirkte gottergeben. Was auch immer das Schicksal für ihn vorgesehen hatte, er war willig bereit, es anzunehmen. Leyrah war zufrieden mit der Entwicklung ihres Sohnes. Es kamen auch keine weiteren Klagen mehr, und so oft sie Meister Durhan befragte, er bestätigte, dass Ardeth bescheiden und gehorsam war und es keinen Grund für Bestrafungen gab. Ardeth konnte die Texte, die er lernen sollte, fehlerfrei aufsgaen und war bemüht, all seinen Verpflichtungen nachzukommen. Leyrah ließ auch Jerom befragen, der bestätigte, dass Ardeth jeden Abend die Litanei laut aufsagte. Sie nahm sich vor, ihren Sohn zu seinem 14. Geburtstag dieser für ihn etwas peinlichen Verpflichtung zu entheben.

Dieser Geburtstag stand bald an. Ardeth hatte sich mit seinem Freund Sahin darauf verständigt, dass sie in der letzten Ausbildungsphase gemeinsam ein Zelt bewohnen wollten, doch Sahin wurde zwei Monate vor Ardeth 14. Gemeinsam waren sie zum Quartiermeister gegangen und hatten ihn darum gebeten, ein Zelt bewohnen zu dürfen. Der Meister war derartige Sonderwünsche gewohnt und versuchte es den Jungen zu ermöglichen, natürlich auch Sahin und Ardeth. So bezog Sahin mit seinem 14. Geburtstag schon mal allein das Zelt „Biene 21“, während Ardeth noch warten musste. Er besuchte aber seinen Freund ab und zu, und bei einem der Besuche betrat Ismail, der immer noch im ersten Ausbildungsjahr war, das Zelt und brachte Sahins Stiefel zurück, die er angeblich geputzt hatte, aber die noch ziemlich staubig aussahen. Dennoch nahm Sahin die Stiefel mit einem knappen Dank entgegen und entließ Ismail vom Dienst in seinem Zelt. Ardeth wunderte sich sehr darüber, dass Ismail nicht von Sahin für die dürftig geputzten Stiefel getadelt wurde. Er erinnerte sich lebhaft an seine eigene Zeit, als er Dienst im Zelt der älteren Jungen hatte.
„Sollen das geputzte Stiefel sein?“, fragte er Sahin verwundert.
Sahin sah verlegen zu Boden. Offensichtlich war ihm die Angelegenheit unangenehm. Ardeth bemerkte, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.
„Was ist los, Sahin? Was soll das? Warum lässt du Ismail das durchgehen?“
Und weil Sahin noch immer nicht antwortete, hakte Ardeth nach:
„Vielleicht, weil Ismail den Namen Bay trägt?“
Tatsächlich nickte Sahin. Er schien mit sich zu ringen, ob er Ardeth davon erzählen sollte, denn Ismail war dessen Cousin. Es war ihm sichtlich peinlich.
„Ardeth, es ist mir furchtbar unangenehm... aber vielleicht solltest du es erfahren...“
Ardeth schaute seinen Freund erwartungsvoll an.
„Also... Ismail...er...er hat mir gesagt, er würde es mich später fühlen lassen, wenn ich ihn jetzt herumkommandiere.“
Ardeth hatte sich zwar vorgenommen, Sahin nicht zu unterbrechen, aber nun entfuhr ihm doch ein erstauntes: „Was?!“
„Nicht nur mir hat er das gesagt. So ziemlich jedem hier. Außer natürlich den Meistern. Er droht, dass er später als Lord Bay die Macht haben würde, mit uns zu tun und lassen, was er wolle. Die Jungen haben alle Angst vor ihm. Er weist uns alle außerdem darauf hin, dass er nach dir der Anführer werden würde, also, falls dir etwas passieren würde...“
„Er ist keine elf Jahre alt!“, kam es Ardeth entsetzt über die Lippen.
„Ja, aber er ist schon ein richtiger Despot.“
„Warum lasst ihr euch das gefallen?“
„Ach, Ardeth. Er hat doch Recht. Wenn Ismail jemals unser Anführer werden sollte, dann hat er doch wirklich uneingeschränkte Macht.“
Ardeth wurde still. Ihm war nicht wohl an den Gedanken an Ismails Machenschaften. Er missbrauchte seine Position, und das schon im ersten Jahr seines Aufenthaltes im Medjai-Ort. Irgend etwas musste geschehen, damit Ismail auf den rechten Weg kam. So konnte es nicht weitergehen. Sahin sah seinen Freund erwartungsvoll an.
„Ardeth, kannst du nicht mal mit ihm reden?“
Ardeth schüttelte mit dem Kopf. „Nein, das wird nichts bringen. Gut, er wird mir gegenüber vielleicht Besserung geloben, aber er wird nicht wirklich davon überzeugt sein, sondern nur so tun, und euch wird er weiterhin bedrohen. Er würde wohl auch so weit gehen, euch zu verbieten, mir etwas zu sagen. Außerdem wird er von seiner Mutter auch in Schutz genommen. Mit meiner Tante brauche ich also auch gar nicht erst zu reden. Nein, wir müssen eine andere Lösung finden.“
Sahin und Ardeth sahen sich an und grübelten.
„Ismail hat nicht kapiert, dass er von seinem Volk abhängig ist, und Tante Nefrar hat bestimmt auch nie darüber mit ihm gesprochen“, meinte Ardeth und Sahin sah ihn mit großen Augen an. „Das müssen wir ihm klar machen. Ich weiß auch schon wie.“
Sahin verstand nicht, woraufhin Ardeth hinauswollte, daher wartete er erst mal ab, was Ardeth vorschlagen würde.
„Ismail muss spüren, dass er ohne seine Leuten ein Nichts ist. Er braucht - eine Lektion, aber nicht von oben, sondern...“ Er überlegte kurz. „Die Jungen seiner Altersgruppe müssen alle zusammenhalten und ihn so verprügeln, dass ihm ein für allemal die Lust vergeht, sich an ihnen zu vergreifen.“
„Aber Ardeth...“
Sahin war sichtlich irritiert. Sein sonst so friedlicher Freund schlug vor, den eigenen Cousin von allen verprügeln zu lassen.
„Ardeth, keiner wird sich trauen, Hand an ihn zu legen.“
„Du hast recht. Er soll niemanden erkennen können, sie müssen sich vermummen. Ich werde mit den Jungen reden. In drei Tagen ist Erntefest. Es wird bei all dem Lärm nicht auffallen, wenn sie sich mit Ismail von den Lagerfeuern entfernen.“
„Ardeth, wenn das raus kommt“, warnte Sahin, doch Ardeth war nicht zu bremsen.
„Pass auf, Sahin, wir machen es so: Du lässt gleich mal Ismail zu dir rufen, und ich werde in der Zeit, wo du ihn hier beschäftigen wirst, zu seinen Kameraden sprechen. Die müssten jetzt alle in ihren Zelten sein, bis auf die, die Dienst tun, aber das werden nicht so viele sein und die anderen können es ihnen hinterher erzählen. Du musst Ismail ungefähr eine halbe Stunde beschäftigen. Geht das?“
Sahin nickte unsicher. Ardeths Plan schien ihm doch sehr gewagt.
„Und du meinst, es gibt keinen anderen Weg?“
„Sahin, Ismail muss kapieren, dass er seinen Leuten gegenüber verantwortlich ist. Er darf nicht seine Stellung missbrauchen. Weißt du, mein Vater hat mir mal die Geschichte meines Urgroßvaters erzählt. Er wurde mal vom Volk abgesetzt, weil es große Unzufriedenheiten gab. Ich glaube, Ismail braucht mal etwas auf die Nase, um wieder von seinem hohen Ross herunterzukommen. Sonst droht uns später die Katastrophe, und glaube mir, ich habe auch keine Lust auf einen eingebildeten Cousin, der seine Macht hemmngslos missbraucht. Ihr müsst mir jetzt helfen.“
Sahin schüttelte beinahe ungläubig mit dem Kopf. Ardeth hatte ihn schon oft verblüfft.
„Also gut, Ardeth. Hoffentlich kannst du seine verängstigten Kameraden überzeugen.Verlass jetzt besser das Zelt, dann werde ich Ismail rufen und ihn die Stiefel noch einmal richtig vor meinen Augen putzen lassen.“

Während Sahin Ismail beschäftigte, versammelte Ardeth die neun Zeltkameraden seines Cousins sowie einige andere Jungen aus der Altersgruppe. Er erklärte ihnen seinen Plan. Zwar waren sie verängstigt, aber als er sie geradezu anflehte, ihm zu helfen, willigten sie ein.
„Ich brauche euch. Jetzt. Ihr müsst mir helfen, meinen Cousin auf den richtigen Weg zu bringen. Er muss wissen, dass er sein Volk achten muss, dass er nichts ohne sein Volk ist. Er darf euch nicht ungestraft weh tun. Ihr müsst ihm zeigen, dass er nur Macht haben wird, weil ihr es zulasst. Bitte, macht mit!“
Die Jungen mochten Ardeth, der in ihren Augen fast schon erwachsen war, nichts abschlagen. Sie hatten vor ihm noch mehr Angst als vor Ismail, aber an diesem Abend bemerkten sie, dass es in Wirklichkeit Respekt war. In Zukunft würden sie sich trauen, Ardeth auch mal anzusprechen, ihn um Rat zu fragen und ihn um etwas zu bitten.

Drei Tage später war es soweit, und Sahin und Ardeth beobachten aus der Ferne, wie zwei Dutzend 10jährige sich mit Ismail entfernten. Sie sahen sich verschwörerisch an. In dem Moment trat Ismails Schwester Tanith an die beiden Jungen heran, freilich ohne zu bemerken, was mit ihrem Bruder in diesem Moment geschehen sollte. Wahrscheinlich wäre es ihr ganz recht gewesen, da Ismail auch sie gern herumkommandierte so wie er es ja all die Jahre in Kairo gewohnt gewesen war. Doch Tanith war eine der wenigen Personen, die ihrem Bruder eine derartige Behandlung nicht durchgehen ließen.
„Ardeth“, sprach sie ihren Cousin an, „deine Mutter möchte, dass du zu uns ans Feuer kommst.“
Zu dem Erntefest hatten sich viele Familien vor einem eigenen großen Lagerfeuer versammelt. Sie teilten gemeinsam ihr reiches Festmahl dort und wussten Geschichten zu berichten. Oft hatten sich mehrere Familien zusammengetan. Es wurde überall erzählt und gelacht. Auf den Plätzen des Ortes boten Mädchen und Jungen Tänze dar. Mit der Zeit wurde die starre Trennung nach Familien aufgehoben und man besuchte seine Freunde an anderen Lagerfeuern oder ging einfach nur umher. Überall gab es etwas zu sehen, denn der ganze Ort beging dieses Fest in ausgelassener Stimmung. Reichlich wurde dem Wein zugesprochen. Die Frauen hatten dazu ihre schönsten Gewänder angelegt, ihre Gesichter geschminkt und Schmuck in ihre Haare gesteckt. Nur die Krieger boten den ewig gleichen Anblick. Tanith und Ardeth trugen beide das grüne Gewand der zweiten Ausbildungsphase und ihre Familie sah sie schon von weitem kommen. Die Bays hatten den Clan der Setlatas zu sich geladen und so hatten sich mehr als ein Dutzend Personen dort eingefunden. Nur Ismail fehlte, doch außer seiner Mutter vermisste ihn niemand. Man dachte sich, er würde mit seinen Freunden umhertollen und sich später hier einfinden. Ardeth und Tanith setzten sich nieder und ließen sich die große Platte reichen, auf der gefülltes Fladenbrot aufgestapelt war. Sie aßen mit großem Appetit. Als die Platte mit dem gegrillten Fleisch gereicht wurde, gab sie Ardeth weiter, ohne etwas anzurühren, und Tanith imitierte ihn, denn er war inzwischen ihr großes Vorbild geworden.
„Nun feiern wir ja bald wieder ein Familienfest“, meinte Leyrah und wandte sich an die Familie Setlata, „und ich würde mich freuen, euch zu Ardeths 14. Geburtstag hier wieder begrüßen zu dürfen. Dieses Mal wollen wir es nur im Kreis der Familie begehen, denn in zwei Jahren werden wir wohl nicht um eine große Feier mit dem ganzen 12. Stamm umhinkommen.“ Leyrah grinste Ardeth an. Seine Initiation würde ein Anlass zu einer öffentlichen Festivität bieten. Er verzog leicht das Gesicht, denn er würde wohl der einzige sein, der dann davon nicht viel haben würde. Er würde sich nach den Tätowierungen ausruhen müssen.
Die Setlatas nahmen die Einladung mit Dank an. Sie befragten Tanith nach Ardeths Fortschritten und ob er denn würdig sei, in die letzte Ausbildungsphase einzutreten, was Tanith eifrig bejahte. Es wurde viel gelacht und gescherzt. Leyrah wandte sich in diesem Gerede an ihren Sohn:
„Mit wem wirst du eigentlich das Zelt demnächst teilen?“
„Mit Sahin.“
„Mit wem?“
„Sahin. Mama, du kennst ihn! Er war doch schon ein paar Mal hier.“
Und weil Leyrah ihn immer noch fragend ansah, fügte er hinzu:
„Sahin Geragan, der Sohn des Bierbrauers aus dem Sobek-Viertel.“
Leyrah sah ihn überrascht an und wiederholte fast tonlos: „Der Sohn des Bierbrauers.“
„Ja, er ist mein bester Freund.“
„Ich hatte gehofft, du würdest mit Jusua Kheralah zusammen wohnen. Er wird auch bald 14 und stammt aus einer angesehenen Familie.“
Ardeth dachte mit Unbehagen an Jusua, der auf ihn ziemlich eingebildet wirkte.
„Ardeth, wir werden das ändern. Schau, ich möchte, dass du Jusua besser kennenlernst. Du solltst dir in deiner letzten Ausbildungsphase ja schließlich auch die Leute ausgucken, die später deinen Heerseinheiten vorstehen werden. Oder gar deine Vertrauten, die dich vertreten werden. Ich habe mich mit deinem Meister unterhalten, wer alles in deinem Alter ist und dafür in Frage kommen würde. Da sind einige gute Kandidaten, aber Jusua wäre bestens als dein Vize geeignet.“
„Meinen Vertrauten werde ich vertrauen müssen, nicht wahr?“
„Aber ja, Ardeth. Was soll diese merkwürdige Frage?“
„Naja, ich weiß nicht, ob ich Jusua vertrauen kann. Aber ich könnte durchaus Sahin vertrauen.“
„Ardeth, Jusua stammt aus der besseren Familie!“
„Was hat das mit Vertrauen zu tun? Wichtig ist doch die Person und nicht welche Herkunft sie hat.“
Leyrah sah ihn mit rügendem Blick an.
„Ohne deine Herkunft wärst du ein Nichts. Weil die Leute dich wegen deiner Herkunft achten, wirst du einmal der Anführer sein, vergiss das bitte nicht, mein Sohn. Du musst also deinerseits auch darauf achten, welche Herkunft deine Unteranführer haben, um bestimmten Familien Respekt zu zollen. Wir werden...“
Weiter kam Leyrah nicht, denn alle starrten auf einmal in eine Richtung und stellten jedes Gespräch ein. Leyrah war die letzte, der die Worte fehlten. Ihnen entgegen wankte ein blutender Ismail. Seine Mutter stürtzte ihm entgegen, um den Fallenden aufzufangen.
„Bei Allah, was ist mit dir?“, jammerte sie. Doch Ismail konnte erst einmal nicht sprechen. Ardeth sah ihn bange an. Er hatte nicht erwartet, dass Ismail sich bis zu seiner Familie schleppen würde. Viel eher dachte er, würde er sich vor Scham in sein Zelt zurückziehen und seine Familie nicht an seiner Schande teilhaben wollen. Nun suchte Ismail also Schutz bei seiner Mutter. Das konnte unangenehm werden.
Ardjun wandte sich deutlich verärgert an seinen Enkel:
„Sprich, Ismail! Was ist vorgefallen?“
Während Nefrar an Ismails wunden Stellen mit einem Tuch tupfte, ächzte der Junge:
„Sie haben mich verprügelt...“
Mist, dachte Ardeth. Warum musste Ismail nur so eine Petze sein?
„Wer?“, fragte Ardjun kurz angebunden.
„Ich weiß es nicht genau... sie...au, Mama!“
„Der Junge muss dringend versorgt werden!“, brachte Nefrar aufgeregt hervor.
„Gleich, Nefrar“, erwiderte Leyrah. „Ismail, antworte, damit die Übeltäter bestraft werden können!“
Das war Motivation für Ismail genug. Ardeth wurde unruhig.
„Es waren die Jungen aus meinem Jahrgang“, krächzte Ismail und jammerte, sobald seine Mutter ihn auch nur berührte.
„Mein armer Junge“, bedauerte sie ihn permanent.
„Und wer hat sie angeführt? Einer muss doch angefangen haben?“, wollte Leyrah wissen, die Ismails Jahrgang auf bestimmt 50 Jungen schätzte.
„Ich weiß... aua!... es nicht... au, das tut weh, Mama!... Sie waren... vermummt...“
„Vermummt?“, wiederholte Leyrah ungläubig. „Ismail, was genau ist passiert?“
„Leyrah!“, ermahnte sie Ismails unglückliche Mutter. „Kannst du das nicht später klären? Ismail bedarf dringend ärztlicher Fürsorge!“
Sowohl Leyrah als auch Ardjun fanden das ziemlich übertrieben. Immerhin sollte Ismail ein Krieger werden. Es war aber müßig, jetzt darüber mit Nefrar zu argumentieren.
„Gleich, Nefrar, gleich. Ismail, sag, wer hat damit angefangen? Und warum?“
Dass Ismail an dem Vorfall schuldlos sein sollte, wollte nicht in Leyrahs Kopf.
„Alle“, jammerte Ismail und Tränen rannen über seine Wannen. Es waren Schamtränen, denn die Abfuhr durch die Jungen hatte seinem Ego sehr zugesetzt. „Sie kamen alle an und schlugen auf mich ein! Gemeine Bande!“ Er verkroch sich an der Brust seiner Mutter und schluchzte bitterlich. Leyrah gab es auf. Ismails Geplärre ging ihr auf die Nerven.
„So bring ihn in euer Zelt und lass ihn versorgen, Nefrar!“
Während Nefrar ihren Sohn lautstark bedauernd wegführte, erhob sich Ardjun und erklärte:
„Die Täter müssen bestraft werden! Niemand tut so etwas meinem Enkel ungestraft an!“
Ardeth hielt sich grübelnd die Hand vor den Mund. Was sollte er jetzt tun? Er war ja der Urheber dieser Geschichte. Er konnte doch nicht zulassen, dass alle Kameraden Ismails bestraft werden würden.
„Aber Ardjun, willst du den ganzen Jahrgang bestrafen lassen?“, fragte Leyrah mit leichtem Unglauben nach. Das war ihrer Meinung nach zuviel des Guten.
„Ja“, beharrte Ardjun. „Ismail ist immerhin ein Lord Bay. Sie haben ihn zu achten.“
„Ja, aber nicht heute Abend beim Fest. Du willst den Leuten doch nicht das Fest verderben. Wir werden schon noch ausmachen, wer dahinter steckt. Sobald Ismail sich erholt hat... und ich nehme an, auch Ismail ist nicht ganz schuldlos.“
Ardeth atmete auf – fürs erste. Doch er musste irgendetwas unternehmen. Er konnte nicht zulassen, dass sein Großvater den ganzen Jahrgang bestrafte und damit Ismail weiterhin gewährte, sich aufzuführen wie er wollte. Später am Abend fand er endlich die Gelegenheit mit seiner Mutter allein zu sprechen, als sie sich einmal kurz entfernt hatte. Er eilte ihr hinterher und bat sie um ein vertrauliches Gespräch. Als sie endlich allein hinter einem abgelegenen Zelt waren, meinte er:
„Ich war es.“
„Du warst was?“
„Ich habe die Jungen aus Ismails Jahrgang dazu angestiftet!“
„Du?“ Leyrah sah ihn verärgert und verwundert zugleich an.
„Ja, Mama“, gab Ardeth schuldbewusst zu. „Ismail hat alle getriezt. Sogar die größeren Jungen. Er lässt sich bedienen und seine Aufgaben von anderen erledigen – und droht damit, sich später zu rächen, wenn sie ihm nicht jetzt schon gehorchen.“
Leyrah schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Das sah Ismail allerdings ähnlich. Doch was hatte ihr Sohn damit zu schaffen? „Und hast du nicht mit ihm darüber gesprochen?“
„Ach, Mama. Es nützt doch nichts, wenn ich meine Autorität herauskehre. Dann sagt er mir zu, er würde es ändern, aber in Wirklichkeit traktiert er die anderen weiter und droht ihnen, damit sie mir nichts zu verraten. Also habe ich seine Kameraden angesprochen. Sieh mal, sie müssen ihm zeigen, dass sie von seinen Allüren nichts halten. Wenn er bei ihnen damit nicht mehr durchkommt, wird er sich vielleicht ändern. Ein einzelner traut sich das aber nicht, also habe ich ihnen gesagt, sie sollen es alle zusammen tun, sich aber vermummen.“
„Na großartig!“ Leyrah konnte die Aktion ihres Sohnes sehr wohl nachvollziehen. Im Grunde genommen war das eigentlich eine gute Lösung, fand sie. Ihr war Ismails Eingebildetheit schon oft auf die Nerven gegangen. Auch ihr gegenüber benahm er sich manchmal zickig, weil sie in seinen Augen ja nur eine Frau war.
„Ardeth, ich weiß nicht, ob ich deine Handlung gutheißen soll. Es ist sicherlich nicht gut, wenn ein Bay so bloßgestellt wird. Das ärgert deinen Großvater zu Recht. Aber ich toleriere deine Taten. Nun musst du aber deinen Großvater besänftigen, also auch ihm gegenüber alles zugeben und versuchen, Ismails Kameraden vor Bestrafung zu retten, die du ja eigentlich verdient hast. Das ist die Strafe, die ich dir für deine Anstiftung erteile!“
Ardeth wusste nicht, ob er sich freuen sollte oder nicht. Eigentlich hatte er gehofft, seine Mutter würde das für ihn regeln. Aber sie hatte Recht. Er hatte diese Sache zu seiner Angelegenheit gemacht, daher musste er auch zu Ardjun gehen und nicht seine Mutter dorthin schicken. Er nickte.
„Ja, Mama. Ich gehe gleich noch zu ihm.“
Sie entließ ihn und sah ihm eine Weile hinterher. Dieser jugendliche Lord Bay war kein bisschen eingebildet und hatte ungewöhnliche Lösungen für Probleme im Kopf.

Ardjun war ebenso überrascht und verärgert, doch als Ardeth ihm seine Beweggründe erläuterte, verstand er genauso wie Leyrah, warum Ardeth so gehandelt hatte. Er entließ ihn, ohne ihn für diese Tat zu bestrafen. Am nächsten Tag besprach er mit den Leyrah den Fall. Irgendeine Reaktion mussten sie zeigen. Es ging nicht, dass Ardeth die Massen mobilisierte, um jemanden verprügeln zu lassen – schon gar nicht seinen eigenen Cousin. Zunächst wollten sie sich beide Ismail vornehmen, damit dieser sich klar darüber werden würde, warum ihm so mitgespielt worden ist. Doch von Ardeth wollten sie Ismail gegenüber nichts erwähnen. Ardeth allerdings sollte nicht so davonkommen. Sie ließen ihn gleich zu sich rufen. Zu beider Verwunderung und Freude zeigte Ardeth keine Angst vor einer möglichen Bestrafung, sondern stand aufrecht und willig, für seine Tat einzustehen, vor ihnen. Ardjun erklärte ihm, dass es nicht in Ordnung sei, die Jungen zu so einer Tat aufzurufen. Er hätte ihnen Unrecht getan, denn sie hätten alle dafür bestraft werden können. Außerdem wäre Ismail ein Lord Bay und Ardeth hätte dessen Stand untergraben. Ardeth gab zerknirscht zu, sich der Reichweite seiner Tat nicht im Klaren gewesen zu sein.
„Du hast deinen Cousin erziehen wollen, das erkenne ich zwar an, aber muss dir sagen, dass es dir nicht zusteht, so über ihn zu richten. Du wirst aber einen anderen Weg finden, um deinen Cousin auf den richtigen Weg zu führen. Ismail ist noch nicht solange hier, du schon dein ganzes Leben. Du kannst ihm bestimmt wunderbar begreiflich machen, wie es hier so zugeht.“
Ardeth sah seinen Großvater verwundert an.
„Du wirst“, sprach dieser weiter, „von nun an jede freie Minute mit Ismail verbringen, um ihm ein Beispiel zu sein, um ihm zu zeigen, welches der rechte Weg ist. Und du wirst nie mehr seine Position untergraben, sondern Respekt vor ihm haben. Ist das klar?“
Ardeth nickte. Da standen ihm anstrengende Zeiten bevor.
„Er wird dich künftig beim Beten begleiten. Ein bisschen Demut kann Ismail nicht schaden.“
„Ardeth“, wandte sich nun seine Mutter an ihn, „Ismail wird später eine wichtige Rolle spielen. Und es liegt nun an dir, ihn dahin zu bringen, wo du ihn später haben willst.“
„Wir werden Ismails Entwicklung im Auge behalten.“
„Achja, und die Jungen können natürlich auch nicht ungeschoren davon kommen. Am nächsten freien Tag wird der ganze Jahrgang die Pferdeställe gründlichst reinigen – von oben bis unten.“
„So, jetzt mach, dass du fort kommst, sonst versäumst du noch was!“
Während Ardeth sich vor ihnen verneigte, lächelten sich Ardjun und Leyrah an. Ardeth verließ das Re-Zelt. Einerseits war es nicht schön, die Freizeit von nun an mit diesem verwöhnten Kind teilen zu müssen, andererseits hatten ihm sein Großvater und seine Mutter aber gerade deutlich gemacht, dass er von nun an wirklich Verantwortung übernehmen werden würde. Er nahm sich vor, dass beste daraus zu machen.

Natürlich hatten Ardjun und Leyrah sehr streng mit Ismail gesprochen. Sie hatten ihm unmissverständlich mitgeteilt, dass er selbst an der Behandlung Schuld gewesen sei und sich unbedingt gegenüber seinen Mitschülern besser verhalten müsste. Sie würden nicht dulden, wenn er sich als Pascha aufspielen würde. Zunächst müsse er Demut lernen. Ismail war überrascht, als er vernahm, dass er das bei seinem gut drei Jahre älteren Cousin lernen sollte und fragte auch ungeschickt und leicht aufbegehrend nach:
„Was? Von Ardeth?“
„Ja, von Ardeth“, wiederholte Ardjun streng und ließ den armen Ismail nicht aus den Augen. „Ardeth wird einmal dein Herr sein und du wirst vor ihm auf die Knie gehen müssen. Besser, du lernst gleich, dass du ihm Gehorsam schuldest. Du wirst dich in deiner freien Zeit bei ihm melden, auch dann, wenn er mit seinen Pflichten beschäftigt ist. Dann wirst du still abwarten, bis er sich dir zuwenden kann. Für dich gibt es in Zukunft nur zwei Dinge: erstens deine Pflicht, zweitens alles zu tun, was Ardeth von dir verlangt. Hast du mich verstanden?“
Ismail sah seinen Großvater trotzig an und maulte:
„Aber wann soll ich denn dann mit meinen Freunden spielen?“
Ardjun holte tief Luft und war kurz davor, Ismail bestrafen zu lassen.
Doch Leyrah fragte den Jungen ironisch: „Welche Freunde, Ismail?“, woraufhin er sie verunsichert ansah.

Ardeth gab sich große Mühe mit seinem Cousin. Er versuchte ihn auf nette Weise davon zu überzeugen, dass er nicht so eingebildet sein durfte. Wenn ihm zu Ohren kam, dass er wieder einmal einem Jungen oder Mädchen gegenüber seine Position ausgespielt hatte, sprach er ihn sogleich darauf an. Ismail musste es jedes Mal wieder gutmachen, indem er dem entsprechenden Mitschüler etwas Gutes tat, ihm oder ihr den Vortritt bei einer sich bietenden Gelegenheit ließ und Ardeth dann davon berichtete. Seit Ismail auch beim Beten dabei war, betete Ardeth sehr ausdauernd und ließ Ismail auswendig gelernte Suren aufsagen – mit entsprechend erzieherischem Inhalt. Jetzt profitierte er erstmals von seinen eigenen Anstrengungen. Ardeth ließ sich von Ismail seine Sachen holen und bedankte sich dafür. Er nahm den Dienst seines Cousins nicht als selbstverständlich hin. Teilweise war Ismail sogar stolz darauf, bei den Großen dabei sein zu dürfen. Er schämte sich auch nicht mehr dafür, Arbeiten zu erledigen, die ihm früher als unwürdig galten. Ardeth ließ ihn häufig derartige Arbeiten erledigen und wies ihn auch an, bei den Leuten im Ort an den freien Tagen zu helfen. Die Bewohner staunten sehr und Tanith und Sahin sprachen Ardeth gegenüber ihr Erstaunen und ihre Bewunderung aus. Ardeth selbst weilte mit Ismail häufig bei den Tierherden und stattete nach wie vor seinen Ziegen regelmäßige Besuche ab. Bagi kam ihm stets freudig entgegen.
Tatsächlich besserte sich Ismails Verhalten. Ardjun und Leyrah waren sichtlich zufrieden, aber auch Nefrar, die nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, was für ein frommes Kind ihr Sohn doch geworden sei. Leyrah allerdings sollte alsbald bewusst werden, dass ihr Sohn tatsächlich seine Zukunft in die eigene Hand nehmen wollte.

Kurz vor seinem 14. Geburtstag feierte Ardeth mit seinen beiden verbliebenen Zeltkameraden Abschied, denn an diesem Abend sollte ein neuer Jüngling dazukommen, um Sahins Platz einzunehmen. Zwei Wochen später würde ein weiterer Schüler dazukommen, wenn auch Ardeth das Zelt verlassen haben würde. Die drei saßen also zusammen, knabberten an Süßigkeiten und erinnerten sich gegenseitig an eine lustige Episode ihrer Zeit nach der anderen. Inmitten dieses fröhlichen Miteinanders platzte ein niedergeschlagen wirkender Sahin. Sofort verstummte das Geplapper.
„Sahin! Ist etwas passiert?“
Sahin nickte bedrückt. „Aus unserer gemeinsamen Zeit wird nichts werden, Ardi. Heute ist Channan bei mir eingezogen. “
„Channan?“
Sahin nickte. „Ich glaube, er ist selbst nicht ganz glücklich damit. Er erzählte mir, dass er eigentlich mit seinem Kumpel Aldin zusammen ziehen wollte, aber der soll nun mit Piram zusammen ziehen.“
„Piram ist doch Jusuas bester Freund?“
Sahin nickte.
„Also steckt meine Mutter dahinter. Sie will, dass ich mit Jusua in ein Zelt komme. Komm, Sahin!“
Sahin folgte Ardeth mit unguten Gefühlen. Zum Glück steuerte der aber nur auf das Zelt des Quartiermeisters zu. Sahin hatte schon befürchtet, Ardeth würde direkt zu seiner Mutter gehen wollen. Der Quartiermeister saß vor seinem Zelt und sah die beiden Jungen mit ernster Miene an. Auch er hatte den Wechsel nicht gewollt und es war ihm sehr unangenehm, da er den beiden Jungen ja bereits seine Zusage gegeben hatte. Doch Ardeth hatte nicht vor, den Meister zu kompromittieren. Er wollte nur Klarheit.
„Meister“, sprach er ihn ehrerbietig an und verneigte dabei leicht seinen Kopf. „Heute ist Channan bei Sahin eingezogen. Verzeihen Sie, wenn ich Sie direkt danach frage, aber ich glaube nicht an ein Versehen. War es meine Mutter, die darauf bestanden hat, damit ich mit Jusua zusammen wohnen soll?“
Der Quartiermeister bestätigte, indem er mit dem Kopf nickte. „Es tut mir außerordentlich leid für euch zwei. Aber du hast Recht...“ Auf einmal verstummte er und sah an den beiden Jungen vorbei. Ardeth wusste, dass nur eine Person sich hinter ihnen befinden konnte: seine Mutter. Er drehte sich um und sah sie in zwanzig Metern Entfernung mit zwei Kommandanten reden. Sie hatte ihn noch nicht gesehen.
„Das trifft sich gut“, kommentierte er und wandte sich wieder dem Quartiermeister zu. „Vielen Dank für Ihr Bedauern und Ihr Bemühen, Meister.“ Ardeth neigte zum Abschied wiederum leicht den Kopf und wollte gerade zu seiner Mutter gehen, doch diese hatte ihn inzwischen gesehen und steuerte auf das Zelt des Quartiermeisters zu, der bereits demütig auf die Knie ging. Die beiden Jungen taten es ebenso. Sie winkte sie hoch und sprach dann mit fester Stimme:
„Mein Sohn, wie gut, dass ich dich hier treffe. Aber ich sehe schon, du bist informiert, sonst wärest du nicht hier bei Meister Meshin. Ist das Sahin?“
„Ja, Mutter, das ist Sahin Geragan.“
Sahin wagte nicht, Lady Bay ins Gesicht zu schauen, sondern hielt den Kopf stur gesenkt.
„Er ist mein bester Freund“, fuhr Ardeth fort, „und ich möchte Euch bitten, Euren Entschluss rückgängig zu machen.“
„So!“, erwiderte Leyrah und sah ihren Sohn streng an. „Ich habe dir neulich bereits erklärt, dass das nicht möglich ist. Also verschwende nicht unsere Zeit mit überflüssigen Diskussionen, Ardeth. Es bleibt dabei, du wirst mit Jusua Kheralah zusammen in einem Zelt wohnen. Was dich betrifft, Sahin, so kannst du dir auch jemanden anders aussuchen als Channan Khoruj. Aber du musst verstehen, dass Ardeth seine künftigen Kommandeure genau kennenlernen muss. Er muss wissen, auf wen er sich später einmal verlassen kann.“
Ardeth ließ Sahin keine Gelegenheit zu einer braven Antwort, zu der sich der Freund maximal hätte hinreißen lassen, sondern meinte:
„Ich hoffe, ich werde später einmal allen meinen Kriegern vertrauen können. Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre. Ihr möchtet aber, dass ich mit meinem späteren Stellvertreter das Zelt die nächsten zwei Jahre teile, um ihn besser kennen zu lernen, nicht wahr?“
Leyrah war es nicht angenehm, in aller Öffentlichkeit diese Dinge mit ihrem Sohn zu diskutieren. Gewiss, sie hatte sich bereits bestimmte Jungen aus entsprechenden Familien ausgesucht, die als Kommandeure in Frage kamen, aber es war unklug, das jetzt schon bekannt zu geben.
„Vorausgesetzt, er eignet sich dazu und du fasst Vetrauen zu ihm.“
„Ja, vorausgesetzt. Ich weiß aber schon heute, wem ich ganz besonders vertrauen kann, und das ist eben Sahin. Ich möchte, dass Sahin mein Vize werden wird.“
Sowohl Leyrah als auch Sahin sahen Ardeth entsetzt an. Der Meister blickte überrasscht zu Sahin. Leyrah brauchte eine ganze Weile, bevor sie die Worte wieder fand.
„Ardeth...“
„Nein, Lady Bay, das ist keine Laune. Ich möchte es so, und da ich später sowieso meine Kommandeure selbst aussuchen werde, kann ich jetzt schon kund tun, wovon ich im Innersten meines Herzens überzeugt bin. Sahin ist deshalb mein bester Freund, weil ich ihm am meisten vertrauen kann. Wer wäre besser geeignet? Daher bitte ich Euch, meinem Willen zu entsprechen und uns zusammen wohnen zu lassen.“
Der Meister war beeindruckt. Ardeth war dazu fähig, für seine Meinung einzutreten, soviel war klar. Auch Leyrah erkannte, dass Ardeth es ernst meinte. Wenn sie jetzt allzu streng sein würde, wäre es nicht gut, zumal Ardeh später wirklich seine Kommandeure frei bestimmen konnte. Es wurde Zeit, Ardeth als Erwachsenen zu behandeln.
„Also gut, du hast mich überzeugt, mein Sohn.“
Sahin und der Meister starrten nun Leyrah an. Lady Bay hatte nachgegeben! Der heutige Tag hielt eine Überraschung nach der nächsten bereit...
„Aber ich wünsche, dass du der Familie Kheralah deine Aufwartung machst und ihnen erklärst, dass voraussichtlich Sahin dein Vize werden wird und dass du ihnen versicherst, auch ihrem Sohn Jusua eine würdige Position zuzusichern. Du wirst zum Zeichen deiner Loyalität an den nächsten freien Tagen bei ihnen Dienst tun.“
„Ja, Lady Bay. Gern.“
„Meister Meshin, bitte veranlassen Sie, dass Ardeth und Sahin ein Zelt beziehen. Lassen Sie Jusua selbst wählen, mit wem er zusammen wohnen möchte.“
„Wie Ihr wünscht, Lady Bay.“ Der Quartiermeister war insgeheim sehr erleichtert darüber.
„Und du, Sahin, folgst mir jetzt!“, befahl Leyrah abschließend.
Sahin wurde ganz anders. All die Farbe entwich aus seinem Gesicht. Was hatte Lady Bay mit ihm nur vor? Ardeth dagegen ahnte, dass sie den Freund auf Herz und Nieren prüfen würde. Er berührte Sahin leicht an der Schulter und sprach ihm so Mut zu. Sahin nickte und folgte wie ein braver Hund Lady Bay, der lebenden Legende, die ihn eine Weile später vor ihrem Zelt ausführlich befragte. Sahin hatte hinterher das Gefühl, sie wusste über ihn besser Bescheid als er selbst.

Ardeth erhielt an seinem 14. Geburtstag die typische Medjai-Waffe: das alt-ägyptische Schwert, sogar in doppelter Ausführung. Er richtete es sich mit Sahin gemütlich im Zelt ein. Die nächsten beiden Jahren wurden sehr anstrengend. Die Jungen ritten jetzt bereits Wache, sie verfeinerten ihre Kampfkünste und halfen auch dabei, die Jüngeren zu unterrichten. Sie wurden von ihnen sehr respektiert. In diesen zwei Jahren fanden auch gewisse Prüfungen statt. Die Jungen wurden Schmerzen unterworfen, denen sie standhalten mussten. Sie wurden ohne Wasser in der Wüste ausgesetzt und mussten den Weg nach Hause allein finden. Freilich wachte insgeheim ein Trupp über diese Jungen, aber selten war es vorgekommen, dass sie eingreifen mussten. Die Jungen erreichten halb verdurstet, aber froh, diese schwere Prüfung bestanden zu haben, ihr Zuhause.
Noch vor dem 15. Geburtstag wurden die jungen Krieger in verschiedene Städte geschickt. Sie durften sich diese zumeist aussuchen und lebten dann in den Medjai-Stationen in den Städten. Sie sollten das Stadtleben kennenlernen. Es war unter anderem eine Möglichkeit, dem Medjai-Leben zu entsagen, wenn sich der Jugendliche für das Stadtleben entschied. Er schied dann aus der Stammesgesellschaft aus. Selten kam dieser Fall vor, doch wenn, dann hatte es in der Regel schon vorher Probleme bei der Ausbildung gegeben, und der entsprechende Junge nahm dann die Gelegenheit wahr, in den Städten zu bleiben. Manchmal war es auch so, dass den Jugendlichen das Stadtleben einfach besser gefiel und sie lieber dort ihrem Stamm dienen wollten. Sie wurden dann häufig Agenten, die als nicht erkennbare Medjai Nachrichten in Erfahrung bringen konnten. Auch sie wurden unter Eid genommen, erhielten aber keine sichtbaren Tätowierungen. Meistens waren es aber die Kinder aus solchen bereits in den Städten etablierten Familien, die in die Fußstapfen ihrer Eltern traten. Sie waren der Sache der Medjai treu ergeben, aber lebten fern von ihrem Heimatstamm. Ihnen wurde ein großes Prestige zuteil, da man es als Opfer ansah, nicht in der Gemeinschaft der Medjai leben zu können.
Den meisten Jugendlichen gefiel es aber nicht in der Stadt, es war ihnen zu eng, zu stickig, zu laut... Da Ardeth nach seiner Initiation sowieso einige Zeit in Kairo verbringen würde, wurde er statt in eine Stadt in den Isis-Tempel geschickt, wo alle Stammesanführer-Kinder eine Zeit lang leben und dienen mussten. Auch Kinder von anderen Medjai-Adligen kamen hierher, ebenso die Mädchen, die sich für einen lebenslangen Tempel-Dienst entschieden hatten. Ardeth würde die Stammesanführer-Kinder später in Kairo wiedertreffen, wenn sie alle gemeinsam in einer Bibliothek alte Texte studieren würden. Natürlich sollten sie Freundschaften schließen und vielleicht auch ihren späteren Ehepartner kennenlernen – hier im Tempel und später in Kairo war dazu die Gelegenheit. Ardeths Mutter begleitete ihn höchstpersönlich zu dem Ort, an dem sie ihre Kindheit einstens verbracht hatte. Sie erzählte ihm, wie sie in diesem Tempel ihre Initiation erlebt hatte und dabei mit Lyleth beschlossen hatte zu heiraten. Ihre Augen glühten dabei vor Freude. Die Oberste Priesterin hieß Ardeth willkommen und sah ihren ehemaligen Zögling Leyrah zufrieden an.
„Das ist also der Sohn des Kindes des Südens!“
Leyrah nickte und ihr wurde flau im Magen, denn der zweite Teil der Prophezeiung lautete, dass dieser Sohn sich dem Unnennbaren einst entgegenstellen werden müsse.
„Ich weiß, du hast ihn streng und gut erzogen. Wir werden auf ihn achten und in alles einweisen, meine Tochter!“
Sie übergab Ardeth einer Tempeldienerin und zog sich mit Leyrah zurück. Ardeth ahnte, dass sich beide jetzt in Erinnerungen an alte Zeiten ergehen lassen würden. Seine Mutter reiste bald wieder ab. Ardeth sollte zwei Monate bleiben. Die Dienerin, ein junges Mädchen, vielleicht 14 Jahre alt, das später selbst Tempelpriesterin werden wollte, führte ihn in den rechten Flügel des Tempels. Die Räumlichkeiten wirkten wie in Fels gehauen. Kein Sonnenlicht drang hier hinein, denn der Tempel war größtenteils von Sand bedeckt. Doch auf einmal öffnete sich eine Art Hof. Hier waren Palmen gepflanzt und ein Teich lag ganz im Schatten.
„Entkleide dich!“, wies ihn das Mädchen an und nahm von einem Stapel einen Schwamm. Ardeth zog sein blaues Gewand aus, behielt aber seine Hose an. Das Mädchen hatte nichts anderes erwartet. Die Jungen, die hier das erste Mal herkamen, waren ale gleich.
„Alles!“, forderte sie ihn auf und Ardeth sah sie irritiert an. Doch ihr Blick blieb fest, also folgte er ihrer Anweisung, jedoch nicht ohne zu erröten.
„Und jetzt bade!“ Sie reichte ihm den Schwamm. „Schrubb deine Haut damit gründlich ab. Niemand darf unrein in den Tempel!“
Während Ardeth etwas zögerlich ins Teichbecken stieg, packte das Mädchen Ardeths Sachen in einen Korb und trug ihn fort. Ardeth sah verdutzt hinterher. Nach einer Weile kehrte das Mädchen zurück. Sie wirkte sehr geschäftig. Nun holte sie ein Handtuch hervor, dann beobachtete sie kritisch Ardeth, ob er sich auch gründlich genug reinigte. Doch der hatte es vorgezogen, sich genüsslich an den Beckenrand zu lehnen und das kühle Wasser nach dem langen Ritt zu genießen. Das hier war Luxus pur und er wollte es auskosten. Das Mädchen schüttelte mit dem Kopf und ging zu Ardeth.
„Reich mir den Schwamm!“
Ardeth tat, was sie wünschte, und er wunderte sich sehr über ihren selbstbewussten Befehlston. Sie stieß ihn etwas nach vorn und begann, seinen Rücken mit kräftigem Reiben zu schrubben. Das war nicht gerade angenehm. Ardeth hatte das Gefühl, sie wolle seine Haut ganz abraspeln. Als sie endlich fertig war, gab sie ihm den Schwamm zurück:
„Und jetzt du! Aber alles!“
Er nickte und begann, seine Arme abzureiben. Sie blieb hinter ihm hocken und beobachtete sehr genau, was er tat. Wenn er ihrer Meinung nach nicht kräftig genug rieb, ermahnte sie ihn abermals. Ardeth bedauerte sehr, dass er das Bad nicht genießen konnte. Er war ziemlich irritiert, dass sie ihn derart fixierte. Als er ihr den Schwamm zurückreichte, schüttelte sie missbilligend mit dem Kopf, legte den Schwamm beiseite und drückte seinen Kopf herunter. Er war so überrascht, dass er sie gewähren ließ. Als er prustend wieder auftauchte, massierte sie ihm die Haare, nahm immer wieder Wasser mit einem Schöpfgefäß und ließ es immer wieder über Ardeths Kopf laufen. Sie ging dabei energisch und schnell vor.
„Warum hast du auch so lange Haare!“, schimpfte sie vorwurfsvoll und zog fast wütend an der schwarzen Mähne. „Früher wurde allen der Kopf geschoren.“
„Früher vor 3000 Jahren?“, fragte Ardeth herausfordernd nach.
„Sei nicht so frech! So, jetzt steig aus dem Wasser und stell dich hier hin!“
Ardeths versuchte, sein Geschlechtsteil mit seinen Händen zu verbergen. Die Novizin nahm den Schwamm, tauchte ihn ein und begann, seine Beine zu schrubben, die er ihrer Meinung nach nicht richtig unter Wasser hatte reinigen können. Als sie an den Innenflächen seiner Oberschenkel zu Werke ging und seine Hände beiseite schob, wurde Ardeth puterrot und schaute verlegen beiseite. Am liebsten wäre er weggerannt, aber sie war unerbittlich und schimpfte abermals über seine Behaarung. Ardeth ächzte, als sie auch den Rest so bearbeitete.
„Niemand geht ungewaschen in den Tempel!“, wiederholte sie und rechtfertigte ihre Tat, da sie merkte, dass es dem Jungen unangenehm war. „Nächstens wasch dich selbst gründlicher, dann muss ich das hier nicht machen.“ Sie klang nicht gerade freundlich. Als sie endlich fertig war, reichte sie ihm ein Handtuch.
„Trockne dich ab, aber überall!“
Dieses Mal kam Ardeth ihrer Aufforderung nach, befürchtete er doch, sie würde das Werk wieder vollenden, wenn er ihrer Meinung nach nicht gründlich genug war.
„Wir halten uns hier nicht länger als nötig auf“, erklärte sie. „Dieser Ort ist zum Waschen da und zu nichts anderem! Du wirst hier jeden Morgen mit den anderen Jungen um 5 Uhr herkommen und dich gründlich waschen. Danach frühstückt ihr in dem Raum, den ich dir gleich zeigen werden. Um 5.30 Uhr beginnt der Tempeldienst. Hast du das verstanden?“
Ardeth nickte benommen. Sie ließ ihm gar keine Zeit zum Überdenken, sondern reichte ihm ein weiteres Tuch. Ardeth war verwirrt. Er hatte sich doch wirklich gründlich abgetrocknet.
„Ich glaube, ich bin ziemlich trocknen“, meinte er etwas verschüchtert.
„Das ist ein Schurz. Lege ihn an!“
Ardeth sah sie noch irritierter an als zuvor. Er sollte dieses weiße Tuch, nicht viel größer als ein Badetuch, anziehen? Die Novizin nahm ihm den Schurz kurzerhand aus der Hand und legte ihn Ardeth um die Hüften.
„So macht man das. Achja, du findest jeden Tag hier drüben einen neuen Schurz. Und nun komm!“
Ardeth sah halb entsetzt an sich herunter. Das war alles? Mehr sollte er nicht tragen? Darunter zeichnete sich doch alles überdeutlich ab. So wollte er wirklich nicht unter die Leute treten. Das Mädchen war aber schon vorangeeilt und ließ ihm keine Zeit.
„So warte doch bitte!“, rief er halb flehend.
„Nein, komm jetzt! Ich habe keine Lust, dafür getadelt zu werden, nur weil du trödelst.“
„Aber...“ Es hatte keinen Zweck, er musste ihr folgen, wenn er mitkriegen wollte, wohin sie ihn führte. Sie zeigte ihm nacheinander alle Räume, in denen er wohnen und arbeiten würde, doch den Tempel an sich zeigte sie ihm nicht. Am Ende übergab sie ihm seiner Lehrerin. Wie alle weiblichen Mitglieder des Tempels trug sie ein weißes Trägerkleid, das von einem schlichten Gürtel gehalten wurde.
Ardeths Lehrerin hieß Dang Siut und war vielleicht 25 Jahre alt. Sie wirkte sehr ernst, aber im Gegensatz zu der jungen Novizin lächelte sie hin und wieder. Es war ein wohlwollendes, fast mütterliches Lächeln. Dang Siut hatte wie alle Tempelpriesterinnen keine Kinder, aber sie liebte den Umgang mit den Jugendlichen, die ihr anvertraut wurden. Sie stammte aus dem 1. Stamm, der für die Bewachung und Bewahrung dieses Tempels zuständig war. Ardeth hatte großen Respekt vor ihr, aber fasste auch Vertrauen, da sie ihm stets geduldig alles erklärte. Zunächst erläuterte sie ihm, dass er sich an dem letzten aktiv betriebenen Tempel befand, in dem noch der Isis gehuldigt wurde. Man sei hier den alten Sitten und Gebräuchen verschrieben, und daher kleideten sie sich alle so wie ihre Vorfahren es noch vor 2000 Jahren getan haben.
Es war für Ardeth zunächst ungewohnt, einen alt-ägyptischen Schurz zu tragen. Der Aufenthalt im Tempel diente dazu, ein Gefühl für diese alte Religion zu erhalten und sie im höchsten Maße zu achten. Die Lehrerin erklärte ihm, dass die Menschen sich von Zeit zu Zeit wandelten und neue Namen für die allgegenwärtigen Götter oder dem allgegenwärtigen Gott oder der allgegenwärtigen Macht zu finden. Ardeth sollte stets tolerant sein und das Prinzip dahinter verstehen.
„Niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet“, erklärte ihm Dang Siut. „Aber leider behaupten es die Mitglieder verschiedener Gemeinschaften immer wieder. Das Auslöschen von Göttern und Religionen ist eine ganz alte Sache. Selbst Menschen haben die Namen ihrer Vorgänger ausgelöscht, denn sie glaubten, mit der Unfähigkeit des Erinnerns an diese würden sie ganz sterben. Warum tut man so etwas? Um das Alte ganz ersterben zu lassen, um für Neues gänzlich bereit zu sein? Ich weiß es nicht... Letztendlich geht es immer nur um Weltanschauungen. Um die Wahrheit hinter allen Dingen weiß aber niemand. Bevor dieses Land fast ganz islamisch wurde, waren weite Teile christlich. Davor hatten römische und griechische Götter ihre Verehrer. Aber ganz davor gab es jene Götter, die wir die ägyptischen Götter nennen. Doch waren es keine Götter, Ardeth. Es waren Besucher aus einer anderen Welt.“
Ardeth schaute auf. Er hatte schon befürchtet, sich auf einen längeren, vermutlich ziemlich langweiligen religionsgeschichtlichen Vortrag gefasst zu machen, doch auf einmal wurde es interessant.
„Etwa aus dem Weltall?“, fragte er ungläubig nach.
„Ja, richtig. Sie hatten die Möglichkeit, die Erde mittels großer fliegender Luftschiffe zu besuchen. Sie brachten heute nicht mehr vorstellbare Geschwindigkeiten auf. Wenn wir auf das Sternbild des Orion schauen, dann sehen wir das Tor, durch das sie reisen mussten, um hierher zu gelangen: das Tor des Osiris. Die Menschen nennen es auch Sirius. Nicht umsonst wird Osiris mit dem Jenseits, mit der anderen Welt verbunden.“
Ja, natürlich, dachte Ardeth. So erklärte sich die Bedeutung des Hundssterns Sirius für die Ägypter und auch Osiris als der Jenseitsgott. Das waren also keine Mythen, sondern es steckte etwas sehr Reales dahinter. Dang Siut ließ Ardeth keine Zeit für Reflexionen, sondern sprach weiter:
„Sie brachten uns den Fortschritt, und viele ihrer Errungenschaften, die sie den damaligen Menschen erklärt und dagelassen hatten, können wir nicht verstehen. Sie waren zu weit für die damaligen Menschen entwickelt. Die Menschen wären auf immer auf ihrer damaligen Entwicklungsstufe geblieben, wenn die Allbesucher nicht beschlossen hätten, uns dadurch zu helfen, indem sie sich mit uns vermischten. Die Kinder der Götter und Menschen nannten sich Halbgötter. Sie wurden sehr, sehr alt. Wir sind ihre Kindeskinder und tragen nur noch ganz wenig sogenanntes göttliches Blut in uns. In Wirklichkeit ist es ja kein göttliches Blut und es wäre zurecht eine Blasphemie, das von uns Menschen behaupten zu wollen. Nein, diese Wesen aus der anderen Welt haben es geschafft, ihre Gene mit den unseren kompatibel zu machen. Wir tragen sozusagen die Gene dieser Außerirdischen in uns.“
„Warum sind sie nicht hier auf der Erde geblieben?“
„Angenommen, man würde dich in die großen Wälder nahe des großen Sees, wo der Nil entspringt, bringen und du solltest dort unter den Affen leben, um ihnen etwas von uns Menschen beizubringen. Würdest du dort für immer bleiben wollen?“
„Äh...nein...“
„Du würdest auf Dauer die Gesellschaft deines Volkes vermissen. Den Weltreisenden ging es ebenso. Einge hatten ein gutes Herz und wollten uns Menschen voranbringen. Vielleicht hatten sie auch eine bestimmte Absicht. Vielleicht wollten sie uns zu baldigen Handelspartnern machen oder als Alliierte gegen andere Weltallvölker gewinnen oder einfach nur experimentieren – wer weiß das schon? Aber auf Dauer wollten sie nicht hier bleiben. Zu unterlegen erschienen wir ihnen. Und dann gibt es noch die Berichte, dass es unter ihnen Streitereien gab, in dem es darum ging, wem welcher Bereich im Weltall zur Verwaltung zugesprochen wurde. Ob sie aufgrund dieses Streites die Erde aufgaben? Jedenfalls war Horus der letzte reinrassige Außerirdische, der hier auf Erden herrschte und nicht umsonst bezeichneten sich die Pharaonen als Horussöhne, denn genau wie ihr Vorbild Horus herrschten sie über Kemet.“
„Die Erde ist groß. Warum haben sich die Außerirdischen gerade diesen Teil ausgesucht? Hier gibt es doch nur Sand, Wind und ein paar Felsen.“
„Zu der Zeit, als jene Außerirdischen die Erde besuchten, war hier alles grün und blühend. Es ist nach unserer Erinnerung erst 10 000 Jahre her, dass sich hier die Wüste allmählich ausbreitete. Wären hier damals nicht Flussläufe und Seen gewesen, gäbe es jetzt auch keine Wasserstellen.“
„Und waren die Außerirdischen nur hier? Warum dann gerade hier?“
Die Lehrerin musste lächeln. Das Geheimwissen der Medjai war immer wieder ein spannendes Thema für die Jünglinge, die damit erstmals konfrontiert wurden.
„Nein, sie waren überall auf der Erde. Nur haben sie hier in besonderem Maße ihre Spuren hinterlassen. Denk nur an die Pyramiden! Und sie haben sich hier niedergelassen. Vielleicht waren die Menschen hier sehr bereit, auf sie zu hören. Die Außerirdischen haben hier auch eine Basis eingerichtet, von der aus sie ihre Luftschiffe gestartet haben. Ich denke, das spielte eine große Rolle.“
„Eine Basis?“
„Ja, von dort sind sie zum Tor des Osiris geflogen. Dort lagern noch heute die merkwürdigen Metalle, Erze und anderen Stoffe, die sie damals für den Antrieb benötigten.“
„Wo?“, wollte Ardeth mit großen Augen wissen.
„Sobald du heimgekehrt bist, wird man mit dir zu einigen Tempeln und verborgenen Orten reiten und dir alles zeigen. Dann wirst du auch diese Basis kennen lernen.“
Ardeth war sehr aufgeregt. Bislang war seine Welt überschaubar gewesen, er hatte sich als Angehöriger eines zurückgezogen lebenden Wüstenvolkes gewähnt, das von anderen Menschen wegen seiner Rückständigkeit belächelt wurde, aber jetzt wurde seine ganze Weltanschauung auf den Kopf gestellt.
„Wenn du in den Tempeln weilen wirst, die die Menschen in Verehrung an die Besucher aus dem All angelegt haben, und auch in jenen, die allen Menschen frei zugänglich sind, achte auf die Symbole, die die Menschen dort angebracht haben. Sie haben sich an vieles erinnert, an die vielen Geräte und Fortbewegungsmittel und es versucht, aufzuzeichnen. Leider ist die Erinnerung nie so perfekt wie das Original. Wir können uns nur so ungefähr ausmalen, was es hier auf der Erde einstmals vor mehr als 10 000 Jahren gegeben haben muss. Mittlerweile sind die Menschen aber dabei, sich an vieles zu erinnern. Sie sagen, sie erfinden es, aber es ist tief in ihren Genen verwurzeltes Wissen, auf das sie zurückgreifen. Sie erinnern sich nach und nach. Eines Tages werden sie durch das Tor des Osiris die andere Welt besuchen können und vielleicht ihre Verwandten treffen.“
Ardeth überlegte eine Weile, dann fragte er vorsichtig:
„Priesterin, wen verehrt man denn nun eigentlich in diesem Tempel, wenn Isis keine Göttin war?“
Dang Siut nickte bedächtig.
„Nein, Isis war keine Göttin in dem Sinne, wie sie die Ägypter darstellten. Du musst bedenken, die Menschen hatten damals gehörigen Respekt vor den viel mächtigeren Wesen aus dem Weltall. Ihnen kamen sie wie Götter vor. Also verehrten sie sie dementsprechend und diese Wesen blieben auch in der Erinnerung so erhalten. Kaum einer erinnerte sich daran, dass diese Wesen Außerirdische gewesen sind. Wir haben das Wissen durch die Priester bewahrt, die den Medjai aufgetragen haben, gewisse Orte wie die Basis zu schützen. Die Priester wurden allesamt vernichtet, die Bevölkerung erst zum Christentum, dann zum Islam bekehrt. Übrig geblieben sind nur die Medjai, die ein sehr rudimentäres Wissen von diesen Dingen haben. Zum Glück standen sie in der letzten Hochzeit von Kemet den Pharaonen sehr nah, ansonsten wäre das Wissen um die Außerirdischen verloren. Wir halten die Erinnerung an unsere Vergangenheit wach, indem wir diese Wesen hier verehren. Dieser Tempel war schon immer Isis geweiht, und es ist egal, ob sie als Göttin oder Außerirdische bezeichnet wird. Sie ist verehrungswürdig. Diese Wesen aus dem Weltall hatten unvorstellbare Fähigkeiten, auch auf mentaler Ebene. Vieles erscheint uns Unwissenden als Zauberei. Deine Mutter hat dir bestimmt schon von dem Buch des Übergangs berichtet.“
Ardeth nickte.
„Achja, du hast ja bestimmt den ganzen Text für deinen Vater abgeschrieben, als er zu Grabe getragen worden ist“, fuhr die Priesterin fort. „Du weißt, dass ein Verstorbener diese zwölf Stadien, die dort genannt werden, wirklich durchlaufen muss. Die Menschen haben das Wissen der Außerirdischen nach dem Hörensagen niedergeschrieben und nur soweit, wie sie es begreifen konnten. Die zwölf Stadien finden in anderen Welten statt.“
„Priesterin, wissen eigentlich alle Menschen von den Außerirdischen?“
„Nein, diese Wesen wurden ja als Götter verehrt. Dann kam ein Pharaoh auf die Idee, dass es Unsinn sei, viele Götter zu verehren. Er hat wahrscheinlich gewusst, was hinter den sogenannten Göttern steckt und wollte die Macht, die alle Wesen – auch die Außerirdischen –erschaffen hat, als Gott verehrt wissen. Er wusste nicht, wer oder was diese Macht ist und hat die Sonnenenergie als Symbol genommen. Seine Untertanen, allen voran den ehrgeizigen Priestern der damaligen Zeit, die um ihre Einnahmen und ihren Einfluss fürchteten, war das gar nicht recht. Es wurde nach seinem Tod wieder rückgängig gemacht. Aber wie gesagt, in den Menschen wurde durch die Gene der Außerirdischen die Erinnerung an eine einzige Quelle, eine göttliche Macht, eingepflanzt und sie haben dieser Erinnerung mittlerweile Ausdruck durch die monotheistischen Religionen verliehen. Du siehst, es liegt kein Widerspruch darin, wenn du gleichzeitig die alten ägyptischen Götter und Allah verehrst.“
Ardeth schaute sie mit leuchtenden Augen an. In der Tat hatte er schon Gewissensbisse wegen seines Besuchs in diesem Tempel gehabt.
„Ardeth, diese Wesen waren keine Engel, also keine Mittler zwischen einer göttlichen Macht und den Menschen. Sie sind nur sehr, sehr viel weiter entwickelt gewesen als wir. Wir verehren sie aber mehr als wir jeden König, jeden Herrscher verehren würden, und das wirst auch du in diesem Tempel tun.“
Ardeth nickte.
„Was ist mit den Geschichten, die ich über diese Götter erfahren habe? Stimmen die?“
„Als erstes musst du bedenken, wie lange das alles her ist und wie die Menschen es damals erlebt haben müssen und es dann weitergegeben haben. Ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Nicht umsonst waren diese Wesen für sie Götter. Es heißt, dass die Menschen zuvor auch nicht schreiben konnten.“
„Die heiligen Schriftzeichen!“, rief Ardeth erregt aus. „Sie wurden heilig genannt, weil die Götter – also diese Wesen sie uns gaben!“
„Ja, genau. Sie wurden immer wieder verändert. Bis die Menschen richtig schreiben konnten, waren viele Jahre verstrichen. Die Mythen über die Götter mögen stimmen, aber vor allem mag ein Körnchen Wahrheit in ihnen enthalten sein. Wir gehen davon aus, dass auch diese Wesen untereinander Streit hatten, es gab auch bei ihnen Eifersucht und Neid. Das manifestiert sich in der Geschichte von Seth. Wenn sie aber stritten, dann benutzten sie viel stärkere Waffen als alles, was uns bekannt ist, und auch Flüche, die wirksam wurden. Einige Sprüche sind erhalten geblieben und wurden in Büchern niedergelegt. Würde ein Mensch sie sprechen, würden sie ebenso funktionieren wie damals bei den Wesen. Wir müssen also gut auf diese Bücher aufpassen.“
„Wir haben diese Bücher?“ Ardeth bekam ganz große Augen.
„Einige. Leider nicht alle. Vor allem wissen auch wir nicht, wo es überall solche Bücher gab und noch gibt. Aber wir haben einen Vorteil: Für uns stellen diese Bücher keinen Aberglauben oder Unsinn dar. Wenn wir also von merkwürdigen Dingen erfahren, können wir unsere Leute hinschicken und dafür sorgen, dass das Artefakt in die richtigen Hände kommt, d. h. für andere Menschen unzugänglich gemacht wird. Ardeth, niemals darfst du einen Spruch aus verbotenen Büchern laut lesen! Niemals darfst du die Technologien, von denen du erfahren wirst, anwenden. Niemals!“
„Wenn aber dadurch Gutes bewirkt werden könnte, warum wenden wir es dann nicht an? Wir könnten den Menschen mit dem Wissen der Außerirdischen helfen!“
„Es ist viel zu gefährlich. Wer weiß schon, ob ein Spruch wirklich das bewirkt, was von ihm behauptet wird? Die Menschen werden sich eines Tages an alles erinnern, was diese Wesen ihnen beigebracht haben. Sie sind ja schon dabei. Aber wir, Ardeth, sind nur die Hüter, damit kein Unrecht mit den alten mächtigen Artefakten geschehen wird. Glaube mir, vieles wäre höchst fatal, würde man es zur Anwendung bringen. Wir könnten sogar die ganze Welt vernichten.“
„Und wenn eines Tages Leute kommen und uns diese Dinge wegnehmen wollen?“
„Dann werden wir sie bekämpfen müssen. Was glaubst du, warum so viele Krieger ausgebildet werden? Zum Aufpassen auf die Herden benötigt man keine 10000 Krieger! Und die Waffen werden konstant modernisiert. Es wird später deine Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass es dabei bleibt und es auch genügend Krieger geben wird.“
Ardeth erschauderte. Dass er der Anführer der Medjai werden würde, hat ihm seine Mutter sein Leben lang eingetrichtert. Bislang hatte sich diese Aufgabe aber einfacher antizipiert als sie nun – mit seinem neuen Wissen – werden würde. Sie hatte eine ganz andere Tragweite erhalten.
„Priesterin, erfahren eigentlich alle Medjai von dem, was Sie mir soeben berichtet haben oder nur die Söhne und Töchter der Anführer, die hier in dem Tempel weilen?“
„Alle teilen das gleiche Wissen, spätestens bei der Initiation. Wenn du deinen Eid ablegst, versprichst du auch, die Geheimnisse zu wahren und dein Leben für die Aufgabe der Medjai zu geben. Aber auch die Medjai, die unerkannt in allen Teilen der Welt leben, wissen hiervon. Alle, die ganzen Herzens Medjai bleiben möchten, erfahren es. Diejenigen, die einen anderen Weg wählen, erfahren nicht davon. Du weißt, dass deine Alterskameraden in den Städten weilen. Wenn sie sich für ein Leben dort entscheiden und nicht mehr zu ihrem Volk gehören wollen, dann dürfen sie gehen, aber sie werden nicht eingeweiht. Die Eingeweihten, die als Agenten arbeiten, tragen aber auch eine ägyptische Tätowierung, eine Pyramide mit einem Gottessymbol oberhalb der Hand, die sie gut verbergen können, wenn es nötig sein sollte.“
Ardeth nickte, denn diese Tatsache war ihm ja bekannt.
„Selbst in deinem Fall hat dein Lehrer entschieden, dass du hierher und, naja, fast alles erfahren darfst.“
„Fast alles?“
„Einiges wirst du bei deiner Initiation erfahren, mein lieber Schüler. So, und jetzt genug geredet! Komm, folge mir!“
Ardeth folgte Dang Siut in den Tempel, aber er war kaum bei der Sache. Zu viele neue und spannende Dinge hatte er erfahren und musste erst einmal alles verarbeiten. In der folgenden Zeit berichtete ihm Dang Siut von den Außerirdischen und die altbekannten Geschichten über die Götter erhielten einen neuen Sinn für Ardeth. Sie erschloss ihm Symbole und Sprüche, anhand denen er erkennen konnte, mit wem er es zu tun hatte. Dang Siut wusste von der Prophezeiung und sie war angewiesen worden, Ardeth sehr genau vorzubereiten. Sie brachte ihm andere Kulturen nahe, indem sie sie mit der ägyptischen in Einklang brachte. Ardeth war beeindruckt von der Lehre der Wiedergeburt, von den Pyramiden in Mexico und den unterirdischen Anlagen im pazifischen Ozean.
„Es ist alles in alter Zeit angelegt worden“, pflegte die Priesterin häufig zu sagen.

Es war eine spannende Zeit im Tempel, auch in anderer Hinsicht. Eines Abend kamen drei Mädchen zu Ardeth. Sie hießen ihm, ihnen zu folgen, um mit ihm allein sein zu können und stellten sich als Novizinnen der Göttin Hathor vor. Bald sah sich Ardeth unausweichlich als Mittelpunkt ihrer Liebesspiele, doch da sie wussten, wen sie vor sich hatten, klärten sie ihn darüber auf, dass keine von ihnen schwanger werden würde. Sie erklärten dem völlig verstörten 14Jährigen, er müsse doch wissen, wie er seine spätere Frau glücklich machen könnte und sie würden ihn nach und nach in die Künste einweihen. Zunächst war Ardeth ziemlich verkrampft und es war ihm unangenehm, sich in Anwesenheit der drei Mädchen gehen zu lassen, aber mit der Zeit – nach einigen Abenden – wurde auch er locker und genoss es sogar. Er lernte von den Mädchen und tauschte sich mit den Jungen, die auch im Tempel weilten, darüber aus, die ähnliche Erfahrungen wie er machten. Auch sie waren von ihren Elternhäusern zur Keuschheit verpflichtet worden. Keine führende Medjai-Familie wollte eine Zwangshochzeit wegen Schwangerschaft mit einem beliebigen Mädchen. Gerade, als es ihm am meisten Spaß machte, meinten die Mädchen, ihr Ziel erreicht zu haben und besuchten ihn fortan nicht mehr.
Ardeth bedauerte, als er den Tempel drei Monate später wieder verlassen musste. Hier war das Leben so ganz anders als in seinem Heimatort. Selbst das Tragen des Schurzes vermisste er, als er auf dem Pferd in Richtung 12. Stamm saß.

Im 16. Lebensjahr wurden ihm dann weitere Tempel gezeigt, viele verfallene und verborgene Stätten, zu denen niemand Zutritt hatte, nur die Medjai wussten von ihnen. Er lebte unter anderem zwei Monate in West-Theben, an dem „Großen Ort“, wie das Tal der Könige von den Medjai genannt wurde. Der Kommandant der in der Nähe stationierten Medjai ritt mit ihm an den Rand einer der Felsenvorsprünge, von denen man das gesamte Tal überblicken konnte.
„Hier haben unsere Vorfahren lange Zeit Dienst getan“, sprach er feierlich. „Sie waren die Heiligen Wächter der toten Könige, allesamt tapfere Krieger.“
Es herrschte eine Zeitlang Stille, in der beide auf das Treiben unter ihnen hinabschauten. Fremde Ausgräber waren dort mit Einheimischen zu Werke – immer auf der Suche nach neuen Funden. Auch Howard Carter weilte dort und studierte seine Karten.
„Warum greifen wir nicht ein?“, fragte Ardeth.
Der Kommandant seufzte. Man konnte ihm ansehen, dass er am liebsten eingriffen hätte.
„Wir haben uns schon lange vom Großen Ort zurückgezogen, denn wir haben andere Aufgaben, die wichtiger sind, wie du noch erfahren wirst. Doch das Plündern tut mir in der Seele weh, und wir sind hier zum Zuschauen verdammt.“
Ardeth wusste, dass es die unbefriedigende Aufgabe des 10. Stammes war, ein Auge auf die alten Grabanlagen im Westen von Theben zu werfen.
„Die Gräber sind schon lange vor der Zeit des Großen Pharaohs, Osiris sei ihm ewiglich gnädig, geplündert worden, und erst, als wir mit der Aufgabe der Bewachung betraut worden sind, konnte wir uns als würdig erweisen. Doch als die Grabanlagen hier aufgegeben worden, konnten wir nicht mehr genügend Wachen stellen, da wir als Leibwache unseren Königen folgen mussten. Es war eine Zeit zwischen Pflichterfüllung gegenüber dem amtierenden Pharaoh und gegenüber den toten Königen. Es war sehr schwierig.“
„Warum bewacht der 10. Stamm denn überhaupt noch die Stätte?“
„Nicht alle Gräber wurden entdeckt, mein junger Ardeth, und nicht alle unentdeckten Gräber sind harmlos. Ich werde dir in den folgenden Wochen von ihren Geheimnisse künden. Aber denke stets daran: Niemand außer uns kennt sie, auch nicht der Vize-König von Ägypten, und niemand darf je davon erfahren. Erst, wenn ein echter Pharaoh wieder herrschen wird, dann bist du als sein Statthalter dazu verpflichtet, ihm die Geheimnisse zu melden.“
Ardeth streifte in den kommenden Wochen mit dem Kommandanten durch die Grabanlagen und besichtigte auch das Grab, das Kanzler Bay für sich hatte anlegen lassen, welches später von einem Sohn von Ramses IX belegt worden war.
„Er hatte sich damals eingesetzt, dass der Große Ort besser bewacht werden würde. Er war – wie es der Tradition entsprach - der Oberste der Leibwache des Pharaohs. Als Medjai lag ihm daran, auch die Stätten der Toten niemals unbewacht zu lassen. So war es Klugheit und nicht Kühnheit, die ihn dazu bewogen hat, sich unter den Pharaonen, seinen Verwandten, ein Grab zu errichten. Verrat von höchster Stelle brachte den weisen Mann, deinen Vorfahren, zu Fall.“
Ardeth kannte die Geschichte seines berühmten Vorfahren sehr gut. Er war noch unter Pharaoh Siptah hingerichtet worden, obwohl er sich einst dafür eingesetzt hatte, dass Siptah, sein Neffe, der nächste Pharaoh geworden war. Kanzler Bays Schwester war eine Konkubine des Pharaohs Seti II gewesen. Dessen Witwe Tawosret jedoch wollte den Thron für sich und verunglimpfte den starken Mann hinter dem Thron ihres Stiefsohnes. Ein Jahr lang nach seiner Hinrichtung starb auch Siptah und Tawosret hatte ihr Ziel erreicht, jedoch bestimmten Anarchie, Tempel- und Grabplünderungen ihre Amtszeit.
„So hatten sich die Medjai empört von Tawosret abgekehrt“, fuhr der Kommandant fort. „Auch die Könige der folgenden Dynastie wollten später ihre Herrschaft nicht anerkennen.“
„Das Schicksal meines Vorfahren ist sicherlich schlimm für die Medjai gewesen, doch sie hätten sich nicht abwenden dürfen. Was auch immer Kanzler Bay angetan worden war, es war ihre Pflicht zu bleiben.“
Der Kommandant nickte, Ardeth rechtgebend. „Ja, Lord Ankhareth Bay, der Sohn der berühmten Kanzlers, und seine Medjai haben einen hohen Preis gezahlt. Viele der Gräber waren in der Zwischenzeit geplündert worden. Ihre hohe Stellung hatten sie überdies verloren.“
Ardeth wurde an diesen Tagen in Waset oft die Erinnerung an seinen Vater wach, da er mit ihm das erste Mal in Luxor gewesen war und dieser ihm den Großen Ort aus der Ferne gezeigt hatte.
Wie von Dang Siut versprochen wurde Ardeth auch die Basis der außerirdischen Wesen gezeigt und er streichelte liebevoll über die alten Steine. Sie erzählten ihm auch, wo noch welche Stätten mit welcher Bedeutung verborgen waren. Er wurde in die Geheimnisse eingeweiht, die ihm sehr bald das Gefühl vermittelten, Angehöriger eines außergewöhnlichen Volkes zu sein, dessen Aufgabe sehr ernst war. Aber immer wieder wurde ihm deutlich gemacht, dass er dieses Wissen für immer vor anderen verschweigen müsse, nie damit angeben oder sich gegenüber anderen Menschen überlegen oder erhaben fühlen dürfe. Sein Volk müsse, um die Aufgabe erfolgreich wahrnehmen zu können, zurückgezogen in der Wüste leben – im Dienste der ganzen Welt. Wenn er sich mit seinem 16. Geburtstag für das Medjai-Kriegerleben entscheiden würde, dürfe er niemals in der Welt der anderen Menschen leben. Er müsse entsagen. Ein Eid würde ihn daran binden. Die Zeichen, die ihm eintätowiert werden würden, würden ihn daran erinnern, dass seine Aufgabe ihm direkt von den Pharaonen aufgetragen worden wäre und dass er "Herr über das Ewige Leben" werden würde. Sie fanden Ardeth bereit zu dieser Aufgabe. Die Ausbilder waren überzeugt von dem jungen Mann, der seine Aufgabe ernst nahm und zugleich bescheiden war, aber trotzdem so viel Freude am Leben fand.

Bianca M. Gerlich
24. März 2008

Zur Fortsetzung hier anklicken