Ardeth
II (Autorin: Bianca M. Gerlich)
EPILOG
Hamunaptra 1923.
Zur gleichen Zeit befand sich Ardeth mit neun Kriegern aus dem
12. Stamm auf Wache vor Hamunaptra. Sie hatten dort schon den
ganzen Tag auf dem hohen Felsen auf ihren Pferden gesessen und
dem Treiben in der ehemaligen Totenstadt zugeschaut. Es hatte ein
Kampf zwischen französischen Fremdenlegionären und
Tuareg-Reitern stattgefunden. Ardeth hatte keine Ahnung, warum
die einen gegen die anderen kämpften, und vor allem, warum sie
ihre Kämpfe so weit im Süden austrugen anstatt in Nordafrika.
Er hatte kopfschüttelnd der Auseinandersetzung zugeschaut. Wenn
die beiden Parteien wüssten, auf welchem Boden sie hier ihre
Streitigkeiten austrugen! Es schien ihm auch sinnlos, dass
Menschen sich immerfort bekämpfen mussten. Kämpften sie für
Gold, für Macht, für Land oder für Ehre? Er wusste es nicht
und es war ihm auch egal. Dieser Dinge waren unwichtig für ihn.
Seine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Kreatur dieses
fluchbeladenen Ortes ungestört und die Welt damit unbehelligt
blieb. Die wachhabenden Medjai hatten zur Kenntnis genommen, dass
sich die Tuareg, die die Söldner besiegt hatten, sehr schnell
zurückgezogen hatten, als es unnatürliche Sandverwehungen gab.
Immerhin ahnten diese, dass der ganze Ort verdammt war und
wollten lieber nichts mit ihm zu tun haben.
Die Kreatur bleibt unentdeckt, stellte Ardeth
beruhigt fest.
Einer der Söldner war aber dem Gemetzel entkommen. Er entfernte
sich schnell stolpernd von den Ruinen der Stadt der Toten. Zu
Fuß, ohne Reittier hatte er eigentlich keine Chance, dem Sterben
in der Wüste zu entgehen.
Und was wird aus ihm?, fragte ihn der weißbärtige
Krieger neben ihm.
Auf einmal blieb der Fremde stehen, drehte sich um und sah genau
zu den zehn unbeweglich und bedrohlich scheinenden Reitern hoch.
Sein fragender und unheilahnender Blick traf den von Ardeth, der
ebenfalls eine seltsame Beunruhigung verspürte. Beunruhigung und
zugleich Mitleid.
Sollen wir ihn töten?, hakte der Krieger nach, da
Ardeth nicht geantwortet hatte.
Die Gralsritterschaft. Kämpfer für das Gute in dieser Welt.
Ausgesandt, um das Böse zu bekämpfen. Krieger Gottes. Eine
geschlossene Gesellschaft. Mit eigenen Regeln. Ihren Traditionen
verhaftet. Starr. Bedingungslos loyal. Bis zum Tod. Passiv.
Abwartend. Das Böse nur erwehrend.
Nein, erwiderte Ardeth, die Wüste wird ihn
töten.
Durch Mitleid wissend, der reine Tor...
Der Krieger wunderte sich über Ardeths Antwort. Warum ließ er
den Fremden entkommen, der immerhin mitbekommen haben dürfte,
dass es in der Stadt der Toten etwas Unnatürliches gab? Doch
Ardeth wusste, warum er den Fremden gehen ließ. Er ahnte, dass
es dieser Mann war, der die Geschehnisse, die kommen mussten, in
Gang bringen würde, und dass er wiederkehren würde. Sein
Mitleid mit dem Schicksal des Fremden wandelte sich in dumpfe
Vorahnung. Ihm lief ein Schauder über den Rücken. Der Untote
würde erweckt werden. Das Schicksal würde seinen
vorherbestimmten Lauf nehmen. Es hatte ihn selbst auch zu den
Medjai zurückgeführt, damit er genau zu dieser Zeit an diesem
Ort sein würde. Ardeth fühlte es jetzt ganz deutlich: Es hatte
endlich begonnen, der Anfang vom ersehnten Ende... Erlösung
dem Erlöser.
(28.8.05)