Home Ardeth I. - PROLOG

PROLOG
(ca. 8 Seiten, wenn ausgedruckt)

Acheh 1836.
Sandokan fühlte sich gar nicht wohl. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis das Schiff den Hafen von Acheh erreichen würde. Was würde ihn dort erwarten? So weit weg von daheim. Er liebte sein Zuhause: den Dschungel, den Fluss, die Menschen, die Tiere... Und nun sollte er in einen Ort kommen, auf eine Kampfschule gehen, wo er niemanden kannte, wo er völlig fremd war. Kampfschule! Auf diese Idee war sein Vater gekommen. Der große Maringganlapasentdhan, der den Beinamen "Tiger der Lüfte" trug und von der Bevölkerung des Kinabatangan sehr verehrt wurde, hatte ihn dazu verdonnert, nachdem sie beide in Sulu gewesen waren und ein Datu, ein adliger Ratgeber des Sultans, ein paar gewisse Bemerkungen über das Benehmen von Sandokan gemacht hatte. Man würde ihm anmerken, dass er aus der Wildnis stamme, dass er quasi mit Affen groß geworden sei, dass er keinerlei vernünftige Bildung habe, dass er nicht gut genug mit dem Schwert umgehen könne. Der Datu hatte seinem Vater sogleich empfohlen, ihn nach Acheh im fernen Sumatra zu schicken, zur Kampfschule. Der Ort sei wie prädestiniert. Ein seit Jahrhunderten bestehender Treffpunkt der islamisch-malaiischen Gelehrtenwelt, unbeeinflusst von westlichem Einfluß. Selbst die Inder und andere ferne Völker würden ihre Söhne und Geistlichen nach Acheh schicken, um sie dort den wahren Glauben und das Kämpfen lehren zu lassen. Auch der Sohn des Datu würde dorthin gesandt werden. Sandokan könne ihn doch gleich begleiten. Sein Vater war begeistert gewesen, Sandokan selbst weniger. Er wollte seine ihm lieb gewordene Heimat nicht verlassen. Doch sein Vater drängte, weil das Schiff mit dem Datu-Sohn bald aus Sulu ablegen würde. Also schloss man sich an. Maringganlapasentdhan begleitete seinen zwölfjährigen Sohn selbstredend nach Acheh...
Sumatra sah eigentlich gar nicht so fremd aus, fast so wie sein Zuhause. Sie waren an vielen breiten Flußmündungen vorbeigekommen, ansonsten dichter Dschungel und Mangroven. Auf der anderen Seite konnte man die Küste der Malaienhalbinsel erkennen. In Melaka hatte ihr Schiff, Perahu genannt, für eine Nacht Halt gemacht, um Proviant und Reisende aufzunehmen. Acheh war ebenfalls ein Durchgangshafen für Reisende nach West und Ost. So konnte Sandokan sich schnell selbst von der Internationalität Achehs überzeugen: Es wimmelte im Hafen nur so von Fremden. Viele Schiffe lagen vor Anker. Es herrschte ein geschäftiges Treiben, Boote wurden be- und entladen, Passagiere schifften sich ein... Sandokan war beeindruckt. Sulu war für ihn schon ein Erlebnis gewesen, aber Acheh überstieg all seine Vorstellungen. Wie gern wäre er noch länger hier im Hafen gewesen, hätte all den Menschen zugeschaut und auch gelauscht, denn sie sprachen hier Malaiisch, die Lingua Franca Südostasiens. Aber sein Vater drängte und man folgte dem Datu und seinem Sohn zur Kampfschule. Sandokan konnte den Sohn nicht ausstehen. Er war so eingebildet und kam sich stets als etwas Besseres vor. Bei jeder Gelegenheit gab dieser ihm zu verstehen, dass Sandokan ja nur aus der Provinz stamme, aus diesem hinterwäldlerischen Borneo.
Zum Glück für Sandokan war dieser Datu-Sohn zwei Jahre älter als er, so dass sie sicherlich nicht den gleichen Lehrmeister erhielten. Sie wurden auch getrennt untergebracht. Maringganlapasenthan legte seinem Sohn zum Abschied die Hände auf die Schultern und drückte ihn anerkennend.
"Ich weiß, dass du dein Bestes geben wirst! Du wirst deiner Familie Ehre machen. In zwei Jahren hole ich dich wieder ab, halte dich tapfer, mein Sohn!"
Sandokan nickte und konnte nichts hervorbringen. Nun sollte er hier also allein zurückbleiben. Er fühlte sich gar nicht wohl bei dem Gedanken, erst in zwei Jahren seinen geliebten Fluss, den Kinabatangan, wiederzusehen. Aber natürlich wollte er nicht seine Heimweh-Gedanken zeigen, also zog er ein ganz ernstes Gesicht, bemüht, seine wahren Gefühle zu verbergen. Sein Vater lächelte leicht, ein Zeichen, dass er seinen Sohn wohl verstanden hatte. Dann verließ er den Raum und ein junger Mann, der Sandokans Mentor sein würde, nahm sich seiner an und führte ihn in eines der Stelzenhäuser, die den jungen Schülern als Quartiere dienten.
"Du wirst dein Quartier mit einem anderen Schüler teilen", informierte er ihn, als er die Tür zu einem spartanisch eingerichteten Raum öffnete. Da standen zwei Gestelle, die Betten darstellen sollten, zwei Truhen, in denen man seine Kleidung und andere Dinge verstauen konnte. Ein niedriger Holztisch befand sich ebenfalls in dem Raum, davor lagen geflochtene Matten. Sandokan hatte den Raum schnell übersehen und sein Blick blieb an einer Stelle haften: Auf einer Matte saß im Schneidersitz ein Junge, der so alt schien wie Sandokan selbst. Wie aus einer tiefen Versunkenheit schaute er auf, was die Störung seiner Meditation hervorgerufen hatte und erblickte Sandokan. Meine Güte, was hatte dieser Junge für einen ernsten Blick! Sein gelocktes schwarzes Haar fiel ihm bis auf die Schultern, seine Kleidung war von der gleichen Farbe und sein Blick ebenso finster, wahrscheinlich, weil auch er lieber zu Hause sein würde, dachte Sandokan für sich. Dieser Junge erinnerte ihn an etwas...
"Das ist Sandokan aus Sulu", stellte der Betreuer ihn vor und schreckte damit die beiden Jungen aus ihren Gedanken auf. "Sandokan, das ist Ardeth aus Ägypten."
Weder kannte Sandokan Ägypten noch Ardeth Sulu.
"So, ich lasse euch mal allein. In einer Stunde komme ich und zeige dir alles, Sandokan." Und schon war er auch wieder draußen.
Sandokan blieb wie angenagelt auf der Stelle stehen und fixierte Ardeth, der selbst keinen Ton von sich gab. Sie starrten sich an, eine ganze Weile, bis ihnen klar wurde, dass sie in ihr eigenes Spiegelbild sahen - nicht nur das äußere, denn sie sahen sich verdammt ähnlich mit ihrem gebräunten Teint und der schwarzen Naturlockenpracht, ihrer ovalen Gesichtsform, den hohen Wangenknochen und den tief dunkelbraunen Augen. Nein, sie erkannten überdies ihr inneres Spiegelbild. Es bedurfte zur Wiederentdeckung ihres eigenen Ichs keine Worte. Ein mythischer und intensiver Moment. Das unsichtbare Band, das sie von nun an miteinander verband, würde ewig halten.

Zwei Jahre später. Die Land- und die Wasserratte, wie sich gegenseitig neckend betitelten, saßen auf der breiten Veranda ihres Wohnhauses und betrachteten den klaren Sternenhimmel.
"Du, Ardeth", begann Sandokan, der stets mehr zu sagen hatte als sein Freund, "du hast mir mal erzählt, dass der Sternenhimmel in deiner Heimat, in der Wüste, noch viel schöner, intensiver sein würde als hier. Das würde ich gern mal sehen!"
"Ich würde mich auch freuen, wenn du morgen mit uns kommen könntest", erwiderte Ardeth, "aber...", und seine Stimme klang traurig, "das geht ja leider nicht. Wann kommt denn dein Vater?"
"Noch in diesem Monat. Ich bin gespannt darauf, morgen deinen Vater kennenzulernen."
"Mein Vater wird mich leider nicht abholen können. Wahrscheinlich wird mich Meister Panakh Daniare abholen kommen."
"Dein alter Kampflehrer, von dem du mal erzählt hast?"
"Ja, er wird mich künftig weiter ausbilden und ist für mich, seinen Pegawan, also seinen Schüler, verantwortlich", meinte Ardeth.
"Noch mehr kämpfen lernen?", stieß Sandokan fast entsetzt hervor.
"Ja, auf jeden Fall, und noch ein paar andere Dinge."
"Was zum Beispiel?" Sandokan war eindeutig der neugierigere von beiden.
"Schmerzen zu ertragen. Die Grenzen seines eigenen Ichs zu überschreiten."
"Und wozu?"
"Um... um...", Ardeth kam ins Stottern, was selten der Fall war, wie Sandokan bei sich dachte.
"Um auf meine spätere Aufgabe vorbereitet zu sein." Er hoffte, dass Sandokan nicht gleich "Und die wäre?" weiterfragen würde.
"Und die wäre?"
Etwas genervt schaute Ardeth seinem Freund ins Gesicht. Er hatte gewusst, dass Sandokan nicht locker lassen würde.
"Wenn du mir schwörst, es niemandem weiterzuerzählen, dann werde ich es dir verraten!"
Ardeth sagte das mit sehr viel Ernst, also war es ihm ernst, stellte Sandokan fest, daher antworte er feierlich: "Ich schwöre!".
"Weißt du, Sandokan, ich darf das eigentlich noch nicht einmal selbst wissen, ich hätte das erst mit 16 bei meiner Initiation erfahren dürfen. Aber es gab viel Ärger mit meinem älteren Bruder Setna-Dureth, der praktisch Verrat an seinem eigenen Stamm geübt hat und meinen Vater stürzen wollte. Daher hat mein Vater mich auch hierher nach Acheh geschickt, damit ich außer Reichweite meines Bruders sein würde. Mein Vater befürchtete, dass auch ich ihm zum Opfer fallen könnte. Ich denke, mein Vater wird ihn inzwischen...", Ardeth zögerte einen Augenblick, bevor er sichtlich bewegt weitersprach, "...ausgeschaltet haben. Jedenfalls hatte Dureth, als er noch bei uns weilte, mir das Geheimnis verraten, bevor meine Zeit gekommen war, und auch das hat meinen Vater sehr verärgert. Er sah sich dann gezwungen, mir alles genauer zu erklären. Hörst du, Sandokan, du bist der einzige, dem ich das jetzt erzähle und du darfst es niemandem, wirklich niemandem weitererzählen! Da du mir das eben geschworen hast, berichte ich dir, was ich weiß. Also: Ich gehöre einer Geheimgesellschaft an, die sich vorgenommen hat, eine alte Stätte, nämlich die Stadt der Toten, zu bewachen, damit nicht dort jemand, dessen Name nicht genannt werden darf, wiedererweckt wird und die ganze Welt beherrschen kann."
Sandokan schaute seinen Freund sehr zweifelnd an und wollte ihn fragen, ob er ihn auf den Arm nehmen wolle, aber Ardeth immer noch total ernstes Antlitz ließ ihn diese Frage doch zurückhalten.
"Also, deine Aufgabe besteht darin zu bewachen?", hakte Sandokan vorsichtig nach.
"Richtig", konstatierte Ardeth ruhig.
"Wozu musst du dann so gut kämpfen können und Schmerzen aushalten können?"
"Um dem, der nicht genannt werden darf, nötigenfalls entgegentreten zu können."
Er meinte das also wirklich ernst.
"Was ist denn so schrecklich an dem, der nicht genannt werden darf?", Sandokan verzögerte die letzten Worte.
"Er ist das Böse."
"Dann wirst du ihn aber nie besiegen können." Sandokan war ebenso wie sein Freund ein wenig philosophisch angehaucht, der nun endlich einmal ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht zeigte.
"Du hast vermutlich recht, aber dennoch besteht meine Aufgabe darin, zu verhindern, dass das Böse überhaupt ins Leben zurückgerufen wird." Um das Thema zu beenden, fragte er: "Und was wirst du machen?"
Sandokan lag ein recht lockerer Spruch auf der Zunge, aber er verkniff ihn sich, weil er seinen Freund nicht am letzten Abend damit verärgern wollte, dass er ihn vielleicht nicht ernst nahm. Er nahm ihn ja eigentlich ernst, aber das klang alles so abstrakt und Sandokan wollte sich nicht vorstellen, wie es wohl sein würde, das ganze Leben lang etwas Merkwürdiges zu bewachen, das eigentlich schon längst tot war.
"Ich werde in die Fußstapfen meines Vaters treten und Herr des Kinabatangan werden."
"Der Fluss, an dem du aufgewachsen bist?"
"Ja, ein großer breiter Strom mit vielen Bewohnern! Ein herrliches Land!"
"Wenn ich könnte, würde ich mit dir kommen, Wasserratte!"
Sandokan grinste ihn an. "Ja, es ist wirklich wunderschön! He, Ardeth, wir können uns ja gegenseitig mal besuchen. Oder lässt das deine Aufgabe nicht zu?"
Ardeth neigte traurig den Kopf. "Ich glaube nicht." Und nach einer Weile des Schweigens fügte er hinzu: "Auch ich werde meinem Vater nachfolgen, nehme ich an, und alle zwölf Stämme der Medjai anführen."
"Der Medjai?", Sandokan wurde wieder hellhörig. Diesen Namen hatte Ardeth auch noch nie genannt. Also, dieser Abend war ein wahrer Abend der Offenbarungen.
Ardeth war sichtlich ein wenig erschrocken über das, was er selbst gesagt hatte.
"Sandokan, es darf niemand wissen, dass wir Medjai sind."
Wenn ich mal wüsste, was Medjai überhaupt ist, dachte sich Sandokan, dann könnte ich es auch verraten, was ich natürlich selbstredend nicht tun würde, und er sah Ardeth ganz unschuldig an. Der deutete den Blick seines Freundes richtig und erklärte:
"Es gibt seit Tausenden von Jahren keine Medjai mehr."
"Aber du bist einer?"
"Ja, und es darf niemand wissen, dass es uns noch gibt."
"Jaja, das habe ich inzwischen auch schon begriffen. Aber was ist denn so besonders an euch?"
"Unsere Aufgabe..."
"Also, wenn ich je nach Ägypten kommen sollte, dann darf ich nicht sagen, dass du ein Medjai bist und die Aufgabe hast, eine Totenstadt zu bewachen, damit von dort nicht ein längst toter böser Irgendjemand entkommt und für Unheil sorgt. Richtig?"
Ardeth nickte stumm und ernst.
"Aber wieso darf das keiner wissen? Das ist doch etwas Gutes, die Welt vor dem Bösen zu bewahren."
"Es darf niemand wissen, dass in der Stadt der Toten der Unnennbare ruht. Stell dir mal vor, jemand käme auf die Idee, ihn zum Leben zu erwecken."
"Und was hat das eigentlich mit euch Medjai zu tun?"
"Wir haben früher schon diese Aufgabe wahrgenommen, und wenn heute jemand mitkriegt, dass wir Medjai noch immer existieren, dann könnte man von einem aufs andere schließen."
Moment... früher, das war vor Tausenden von Jahren. Sandokan überlegte kurz und gab dann fast entsetzt von sich: "Ihr macht das seit Tausenden von Jahren? Diesen Bösen bewachen?"
"Ja, richtig, das ist unsere Aufgabe."
Ardeth wirkte mal wieder so unerschütterlich. Punktum. So ist das, so bleibt das, so wird das immer sein. Und Sandokan hatte Schwierigkeiten, sich die Dimensionen dessen vorzustellen, was Ardeth ihm eben mitgeteilt hatte.
"Falls du die Pilgerreise nach Mekka machst, kannst du mich ja mal besuchen kommen. Unser Land liegt auch am Roten Meer."
Sandokan war sich ziemlich sicher, dass er diese Pilgerreise in die Heilige Stadt nie machen würde, dennoch ging er auf das Angebot seines Freundes ein.
"Ja, dann werde ich mir das mit dem Bewachen mal anschauen." Das sollte auflockernd wirken, aber Ardeth saß immer noch todernst da. Da fiel Sandokan wieder dieses Medjai-Problem ein. "Aber nach wem soll ich denn fragen, wenn ich weder erwähnen darf, wer du bist, noch was du tust?"
"Ich gehöre offiziell zum Beduinenstamm der Bedja in der Westlichen Wüste."
Sandokan versuchte, sich den neuen Schwall an Fremdwörtern in seinem Kopf zu notieren. Zwei Jahre lang hatte er mit Ardeth in einem Zimmer gewohnt, er war sein bester Freund geworden, das infernalische Duo der Kampfschule, aber in all diesen zwei Jahren hatte Ardeth nicht annähernd so viel über seine Heimat geredet wie am heutigen Abend - dem letzten Abend. Vielleicht war es gerade das, dachte sich Sandokan, die letzte Gelegenheit. Und auch die Furcht vor der Zukunft, die morgen näher für Ardeth lag denn je. Er war ja schon immer eine Spur ernster als Sandokan gewesen, der Ardeth' Introvertiertheit in Ausgelassenheit und sichtbare Lebensfreude umgewandelt hatte. Dafür hatte Ardeth es geschafft, Sandokans Übermütigkeit zu mäßigen und ernsthaftere Gedanken freizusetzen. Wahrscheinlich würden beider Väter sie nicht wiedererkennen. Aber heute Abend war Ardeth ernster denn je. So wagte Sandokan, eine sehr persönliche Frage an seinen Freund zu richten:
"Fürchtest du dich vor deiner Zukunft?"
Ardeth blickte ihn verwundert an, aber nickte leicht. "Ich... ich werde die Zeit hier sehr vermissen... und vor allem dich, mein Freund."
Sandokan senkte seinen Kopf. Ja, Ardeth hatte recht, die unbeschwerte Zeit war für sie beide vorbei. Sie würden sich wahrscheinlich nie wieder sehen und beide ihren Aufgaben nachgehen müssen, ohne die Gelegenheit zu erhalten sich zu besuchen. Der Kinabatangan und die Westliche Wüste lagen viel zu weit auseinander. Ab morgen würde ihre gemeinsame Zeit nur noch Erinnerung sein. Und ihre Freundschaft auch.
"Ardeth, ich werde immer dein Freund sein, und wenn du einst meine Hilfe brauchst, werde ich alles daran setzen, zu dir zu kommen und dir zu helfen."
"Ich danke dir", erwiderte Ardeth sichtlich bewegt. "Auch ich werde immer dein Freund sein und dir zu Hilfe eilen, wenn es nötig sein sollte."
Sie umarmten sich eine lange Zeit, wohlwissend, dass dieser die Freundschaft besiegelnde Moment der Zeitpunkt ihres inneren Abschiedes darstellte.

Am nächsten Nachmittag warteten Ardeth und Sandokan in der Empfangshalle auf Panakh Daniare, der inzwischen angekommen war und sich seit geraumer Zeit mit dem obersten Meister der Kampfschule unterhielt. Als der Medjai in Begleitung des Meisters in die Halle trat, erschien vieles an ihm Sandokan so sonderbar wie das, was sein Freund ihm am gestrigen Abend offenbart hatte. Ardeth hatte demütig das Haupt gesenkt, als sein Lehrer sich auf ihn zubewegte. Aber je näher er kam, desto mehr verhaftete Sandokans Blick auf dem Gesicht des Lehrers, das drei markante Tätowierungen trug: zwei spiegelverkehrte auf den Wangen und eine, aus einzelnen Zeichen oder sogar Buchstaben zu bestehen scheinende auf der Stirn. Er hätte jetzt zu gern gewusst, was das zu bedeuten hatte, aber wagte nicht, Ardeth danach zu fragen. Sandokan bemerkte weitere Tätowierungen auf den Handrücken des Lehrers und fragte sich, wo er wohl noch überall derartige Zeichen haben würde.
"Meister, darf ich Ihnen meinen Freund Sandokan vorstellen?", sprach Ardeth zu seinem Lehrer.
Während Sandokan seine rechte Hand zum Herzen führte und den Meister respektvoll begrüßte, was dieser erwiderte, erzählte Ardeth:
"Wir haben uns ein Zimmer in der Zeit hier geteilt. Er stammt von weit her, von einem Stammesanführer eines Flusses auf einer anderen großen Insel, Kalimantan oder auch Borneo genannt.."
Panakh Daniare musterte Sandokan aufmerksam und stellte die frappante Ähnlichkeit gegenüber seinem Schüler fest. Auch äußerlich hatten sich die beiden Freunde längst angeglichen und trugen ähnliche enganliegende, dreiviertellange Hosen mit jeweils einem losen Hemd darüber und einem Hüftsarong umgebunden. Beide waren barfuß, so wie es in diesem Land üblich war. Der Medjai trug dagegen seine traditionelle lange schwarze Gewandung und Stiefel, ein langer Säbel baumelte an seiner Seite. Gegenüber den beiden recht bunt angezogenen 14Jährigen wirkte er ernst und erhaben. Sandokan hatte ihn aufmerksam von oben bis unten angeschaut und konnte sich seinen Freund ganz gut genauso vorstellen. Der wirkte etwas unglücklich, da sein Lehrer ihn fast schon kritisch ansah.
"Nun folge mir, mein junger Pegawan, das Schiff wird bald ablegen. Nimm deine Sachen, verabschiede dich von deinem Meister hier und von deinem Freund." Er wandte sich ab und begab sich zur Tür. Sandokan fragte schnell: "Darf ich euch zum Hafen begleiten?" Ardeth lächelte ihn an. Panakh Daniare drehte sich würdevoll um und nickte kurz. Als er sich wieder abgewandt hatte, konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ein urkomisches Bild präsentierte sich in seinem Schüler und dessen Freund, dessen beider lange lockige schwarze Haare auf die bunten Hemden fielen. Wie sie da beide barfüßig standen, wirkten sie auf ihn wie Kinder. Sein Blick verfinsterte sich schnell, denn für Ardeth war die Zeit der unbeschwerten Kindheit längst vorbei. Er würde ihn an einiges erinnern müssen, hoffte aber, dass er spätestens auf dem Schiff selbst zu dieser Einsicht gelangen würde.
Am Hafen übergab Sandokan Ardeth dessen Sachen, die er für ihn getragen hatte, sie umarmten sich noch einmal und Ardeth folgte seinem Lehrer auf das Schiff. Noch waren die ägyptischen Matrosen damit beschäftigt, die letzten Dinge, die sie für die Reise benötigen würden, an Bord zu bringen. Meister Paniare hatte es eilig, er wollte noch am gleichen Tag zurücksegeln. Die Reise würde lange genug dauern. Sandokan bemerkte, dass sich auf dem Schiff noch weitere genau wie Panakh Daniare tätowierte und in Schwarz gekleidete Krieger befanden. Er wartete, bis das Schiff eine knappe Stunde später ablegte. An der Reling stand Ardeth und winkte ihm zu. Sandokan erwiderte den Abschiedsgruß so lange, bis er Ardeth nicht mehr ausmachen konnte. Das Schiff entschwand in Richtung West, der untergehenden Sonne entgegen, einem fremden Land entgegen. Aus Sandokans Augenwinkeln blitzten Tränen auf.


Singapur 1880.
Eine einheimische junge Frau ging gemäßigten Schrittes durch die nächtlichen Straßen, aufmerksam die Häuser links und rechts betrachtend, so als ob sie etwas suchen würde. Sie mochte 16 oder 17 Jahre alt sein, bekleidet mit einer Hose, einem losen Hemd und einem um die Hüften gebunden Sarong, der bis zu ihren Knien reichte, ihr langen schwarzen Haare waren zu einem losen Zopf zusammengebunden. In ihrem Gefolge waren zwei Männer, auch Einheimische und ähnlich gekleidet wie sie und ebenfalls bis unter die Zähne bewaffnet.
Als die junge Frau stoppte, fragte einer der Begleiter: "Rumah Tuan Clifford di sini?"
Sie nickte nur und betrat das Grundstück. Während sie an der Tür pochte, hielten sich die beiden Männer fern. Eine einheimische Bedienstete öffnete und musterte die Frau.
"Saya mahu bercakap kepada Cik Cathrine", verlangte die Frau, woraufhin die Bedienstete ins Haus trat, um die Tochter des Hauses zu holen. Die fremde Frau wartete geduldig vor der Tür. Auf einmal rannte ein anderes Mädchen durch den Flur und begrüßte die Angekommene stürmisch.
"Verci!", rief sie freudig. "Was machst du denn hier? Komm erst mal rein!"
Sie ließ ihrer Freundin keine Möglichkeit auf ihre Frage zu antworten, denn Cathrine sah in der Beleuchtung des Hauses, wie abgespannt und blass Verci aussah, fast verhärmt.
"Meine Güte, ist etwas passiert?"
"Ja...", stotterte Verci.
In dem Moment erschien auch schon der Vater von Cathrine, der von der Bediensteten verständigt worden war.
"Ja, Verci!", begrüßte er sie. "Was machst du denn hier? Alles in Ordnung, du Piratenbraut?"
Er liebte es, sie damit zu necken. Aber Verci war nicht zum Spaßen zumute, was auch er bald bemerkte, also bat er sie in die Wohnstube. Seine Frau gesellte sich dazu und ließ Tee und Gebäck auftragen. Nachdem sich alle daran bedient hatten, forderte der Vater Verci auf:
"So, nun berichte mal! Ich glaube nicht, dass du nur vorbei gekommen bist, um uns einfach mal so zu besuchen. Erstens ist Mompracem zu weit weg dafür, zweitens siehst du nicht nach einem fröhlichen Freundschaftsbesuch aus."
Verci nickte und erklärte kurz: "Mompracem ist überfallen und besiegt worden."
Entsetzt schaute sich die Familie Clifford an.
"Von wem?", wollte der Vater wissen.
"Von den Soldaten des Sultans von Brunei, aber es waren auch Briten dabei."
"Aber ... ihr seid doch friedlich....", wandte der Vater ein.
"Sie sagen, wir würden keine Autorität anerkennen. Der Tiger ist ihnen ein Dorn im Auge, sie haben Angst, dass er etwas gegen die britische Company unternehmen könnte, die sich seit zwei Jahren überall in Nord-Borneo mit dem Segen des Sultans von Brunei breit macht."
"Wann war der Überfall?", wollte die Mutter wissen.
"Vor drei Monaten."
"Suchst du hier Unterschlupf, Verci?", erkundigte sich der Vater.
Vercis Blick wurde verzweifelt, sie neigte ihr Haupt, um aufkommende Tränen zu verbergen.
"Der Tiger ist verschwunden", brachte sie leise und gequält hervor.
"Haben die Engländer Sandokan gefangen?", fragte Cathrine, die bislang dem Gespräch mit wachsender Sorge gefolgt war.
"Ich glaube nicht, aber wir wissen es nicht genau", begann Verci nun ihre Erzählung über die vergangenen Ereignisse. "Ich bin dem Kampf entkommen, habe mich nach Gaya gerettet. Dort habe ich andere Junge Tiger getroffen, aber auch die wussten nichts über Sandokan. Wir haben ihn überall gesucht, haben in Sarawak und Brunei spionieren lassen, aber niemand wusste etwas über Sandokan. Er ist wie vom Erdboden verschluckt!"
"Das kann doch nicht sein!", meinte der Vater. "Sandokan, der Tiger von Malaysia, ist doch bekannt!" Er überlegte eine Weile und fügte dann hinzu: "Hm, aber wenn die Engländer ihn hätten, dann würden sie das längst verlautbar gemacht haben und ihn.. ähm... verurteilt."
"Auch hier in Singapur weiß niemand etwas", ergänzte Verci. "Aber wir können Mompracem nicht ohne Sandokan zurückerobern. Wozu auch? Wir müssen ihn finden!"
Verci klang immer verzweifelter. Cathrines Eltern schauten sich gegenseitig ratlos an. Wie sollten sie Verci helfen können? Cathrine ergriff schließlich das Wort:
"Und warum bist du zu uns gekommen? Sollen wir dir helfen, Sandokan zu finden?"
Verci schaute zu ihr auf. "Wir haben uns überlegt, wie und wo wir ihn finden könnten. Wir können ihn doch nicht einfach so seinem Schicksal überlassen, wo immer er auch ist. Also haben wir beschlossen, seine Freunde zu rufen, damit sie uns helfen. Sambigliong bleibt auf Gaya, denn dort würde sich Sandokan zuerst melden, wenn er könnte. Außerdem können die Jungen Tiger von dort gut mitbekommen, was die Briten in Tempasuk treiben und ob sie irgendetwas wegen Sandokan wissen. Dann haben wir unsere Leute in Nord-Borneo, Brunei, Sarawak, Labuan, Manila und Sulu. Giro-Batol begibt sich zur Stunde nach Indien und Assam, um Sandokans Freunde Yanez und Tremal-Naik herbeizurufen. Pisangu ist zum Kinabatangan aufgebrochen, um dort Sandokans Gefolgsleute zu mobilisieren. Ich bin auch auf dem Weg, nämlich nach..."
Sie brach ab und sah die anderen an, die sie sicherlich gleich für verrückt erklären würden.
"Ja?", fragte Cathrine erwartungsvoll.
"Nach Ägypten."
"Nach Ägypten?", brachten die Mutter und Cathrine verwundert hervor.
"Nach Ägypten? Wen kennt Sandokan denn dort?"
"Also, ehrlich gesagt, wir haben überlegt, wen er mal als seine Freunde erwähnt hat. Und eines Abends auf Mompracem, als wir alle zusammensaßen, berichtete er von einen Freund aus Ägypten namens Ardeth, mit dem er gemeinsam die Kampfschule in Acheh besucht hat. Das ist schon sehr lange her, aber er meinte damals, er sei in seiner Jugend sein bester Freund gewesen und sie hätten viel Spaß zusammen gehabt. Er würde ihn gern mal wiedersehen wollen, aber er lebe in einem so fernen Land, nämlich Ägypten, so daß er sehr daran zweifele, ihn jemals wiederzusehen. Er dachte trortzdem ernsthaft darüber nach, diesen Ardeth mit Yanez mal zu besuchen, nämlich von Indien aus."
"Aha", kommentierte der Vater. "Und du willst jetzt nach Ägypten reisen und jemanden namens Ardeth suchen?" Die Cliffords sahen Verci ungläubig an. "Weißt du, wie viele Menschen dort leben? Es wäre die berüchtigte Suche nach der Nadel im Heuhaufen."
Verci schaute ihn bangend an, so als ob sie ihn mit ihrem Blick bitten wollte, ihr nicht alle Hoffnungen zu nehmen.
"Ja", erwiderte sie. "Jemanden namens Ardeth, der mit Sandokan befreundet war."
"Mädchen, Mädchen", seufzte der Vater. "Was weißt du denn noch?"
"Der Tiger hat mal erwähnt, dass sie sich sehr ähnlich sahen. Und vom Tag des Abschieds hat er erzählt, nämlich dass sie sich versprochen haben, sich gegenseitig im Falle eines Notfalles helfen zu wollen. Ardeth' Lehrer soll ihn damals abgeholt haben. Dieser sei überall tätowiert gewesen, auch im Gesicht. Viel mehr weiß ich auch nicht."
"Na, das ist doch was!", rief Cathrine. "Ich habe noch nie jemanden gesehen, der im Gesicht tätowiert ist. Dann musst du nach dem Lehrer suchen."
"Sag mal, Verci, du sagtest Kampfschule? Das muss ja Ewigkeiten her sein. Der Lehrer von diesem Ardeth kann schon längst tot sein", gab der Vater zu bedenken.
Schweigen. Die Hoffnungslosigkeit dieses Vorhabens war allen vieren klar. Aber Verci gab die Hoffnung nicht auf. "Ich, ich muss nach Ägypten. Ich muss es einfach versuchen. Ich kann nicht so untätig dasitzen. Vielleicht finde ich ihn und er kommt mit mir nach Gaya. Sie haben es sich doch versprochen..."
Die Cliffords wussten, wie ergeben Verci ihrem Herrn, dem Tiger von Malaysia, war und schlechthin alles für ihn auf sich nehmen würde. Aber dieses Vorhaben schien zum Scheitern verurteilt zu sein.
"Ich bin nun hier", redete Verci weiter, "um Hilfe zu erbitten, nämlich bei einer Passage nach Ägypten. Wie muss ich da überhaupt reisen?"
Aha, dachte sich Mr Clifford, sie hat keine Ahnung, wo das Land überhaupt liegt.
"Du willst doch nicht allein dahin reisen, Verci!" warf Mrs Clifford besorgt ein.
"Zwei Junge Tiger warten draußen, sie werden mich begleiten."
"Soll ich sie nicht hereinrufen lassen?", meinte die Mutter, der klar war, dass mit "Junge Tiger" die Anhänger Sandokans gemeint waren.
"Nein, nein, das ist nicht nötig. Ich möchte auch bald aufbrechen..."
"Aber Verci!", empörte sich Cathrine, ihre Freundin. "Wir lassen dich doch nicht einfach so gehen! Vater, können wir ihr denn nicht helfen?"
"Ja, wir können drei Passagen nach Ägypten buchen", meinte er, aber schien noch intensiv in Überlegungen versunken.
"Ja, das ist es überhaupt!", rief Cathrine daraufhin stürmisch. "Ägypten!"
"Wie bitte, Cathrine?", musterte die Mutter sie, aber in den Augen des Vaters hatte es längst aufgeblitzt, er ahnte, was seine Tochter sagen wollte.
"Vater", fuhr Cathrine fort. "Die Archäologie ist doch dein Hobby! Schon immer wolltest du wieder einmal nach Ägypten, du hast so oft davon geredet. Nun haben wir einen Anlass! Können wir Verci nicht begleiten?"
"Aber Cathrine", warf die Mutter ein, doch kam nicht weiter, da Mr Clifford das Wort und die Gelegenheit schnell ergriff:
"Naja, eigentlich ist hier im Moment sowieso nichts los. Ich habe noch viel Urlaub übrig. Hm, du hast Recht, Cathrine, wir können Verci nicht allein ziehen lassen. Was sagst du, Anna?"
Bereits überstimmt von Tochter und Mann blieb ihr fast gar nichts anderes übrig als zuzustimmen. "Nun ja... meint ihr wirklich, dass das eine so gute Idee ist?"
Beide nickten. Der Vater fügte hinzu: "Ich würde gern ein paar Wochen Urlaub in Ägypten machen."
Verci strahlte wie eine Schneekönigin. Hatte sie doch fast die Hoffnungen aufgegeben, nach Ägypten zu kommen! Nun sollte sie sogar von lieben Freunden begleitet werden, die ihr sicherlich helfen konnten, nicht nur bei der Schiffspassage. Sie war glücklich, dass sie praktisch mit ihren englischen Freunden reisen konnte, da ihr das mehr Möglichkeiten eröffnete.
"Also abgemacht!", rief der Vater in vorfreudiger Erwartung. "Ich kläre das morgen im Geschäft und besorge sechs schnellstmögliche Passagen nach Ägypten!"

Bianca M. Gerlich
8. April 2002